Kitabı oxu: «Semiramis. Ein Märchen für Könige»

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Paul Althof
Semiramis
Ein Märchen für Könige

Saga

Tafel I.
Der Tempel der sieben Leuchten.

Die Sonne schlummerte auf den Mauern des Tempels so regungslos, wie Schlangen mittags schlafen. Babel schwieg unter einem flimmernden Dunstschleier, und leise klang die Ferne. Es war das Lied, das die Ströme, die Weizenfelder und die Palmengärten sangen, das Lied des Erdenfrühlings.

Belnadin hörte es nicht auf seiner Höhe, denn er betete.

Der Tempelturm ruhte auf sieben heiligen Stufen. Die erste war blau und nannte sich das Haus der Liebesgöttin Istar. Die zweite war schwarz und hiess das Haus Nindars oder das Haus des Todes. Die dritte, von gelber Farbe, war das Heiligtum des Sonnengottes Samas. Die vierte, von leuchtendem Weiss, hatten sie dem Mondgotte Sin geweiht. Die fünfte war das rote Haus des Kriegsgottes Nergal, die grüne und sechste beherrschte Nebo, der göttliche Bote, der die Menschen in das Land ohne Heimkehr führt. Auf der siebenten und höchsten Stufe strahlte das goldene Haus des Bel, in welchem sich der Jüngling Belnadin dem Dienste der Gottheit opferte.

Die Priester hatten ihn heraufgeleitet unter Beschwörungsworten und magischen Segenssprüchen. Sie hatten ihn mit einem kostbaren weissen Gewande bekleidet, ihm einen goldenen Brustschild angelegt, seine Stirn mit einem goldenen Reifen und die Arme mit Spangen geschmückt. Dann waren sie in ihre Wohnungen hinabgestiegen, und er war allein geblieben mit Gott.

In Belnadins grossen Augen wohnte die Andacht, auf seinen stummen Lippen sass der Wille, doch in seinem jungen Körper war die Kraft und die Wildheit des Panthers, die er mit der Macht seines Geistes zügelte.

Belnadin war stolz, darum wollte er den Göttern dienen, nicht den Menschen. Von woher er kam, wussten sie nicht. Er besass keinen Garten, kein Haus, kein Feld. Ein Adler, der ihn mit mächtigen Flügelschlägen umkreiste, war sein einziger Genosse.

Ein seltsam starkes Gefühl zog ihn zu Bel, dem Herrn des Himmels, dem König der Götter. In Stunden der Sammlung war ihm zuweilen eine Offenbarung geworden, die er keinem menschlichen Wesen, auch den Priestern nicht, verraten hatte: das Wissen, mit Bel vereinigt zu sein in unermesslicher Höhe und Klarheit.

Hier oben hatte er das Glück von neuem gefunden, das ihn über alles Geringe, Sterbliche und Erreichbare hinaustrug. Wie ein Weckruf hatte ihn hier die Frage getroffen: bin ich ein Teil Gottes oder wohnt Gott in mir?

Der Himmel rötete sich über der syrischen Wüste, und aus den Tiefen der Stadt krochen die Schatten zu den sieben heiligen Häusern empor. Nur Bels goldener Saal leuchtete noch über Babylon.

Ein Priester der Istar trat vor den Jüngling mit ehrerbietig übereinander gelegten Händen und sprach: „Patisi, es möge dir gefallen, deinen Fuss in das Haus der weissen Taube zu setzen. Unsere Königin, die Königin der vier Weltgegenden, die aus dem ruhmvollen Kampfe gegen die Meder heimgekehrt ist, hat von deiner Weisheit vernommen und lässt dich rufen.“

Belnadin schüttelte das Haupt: „Istarpriester, sage der Königin von Sumir und Akkad, der Priester Bels dürfe diese Nacht das Heiligtum Bels nicht verlassen.“

Doch nach einer Weile kehrte der Abgesandte zurück und hatte vier Sklaven und einen Tragstuhl mitgebracht.

„Patisi, die Königin der Königinnen weilt unten am Fusse des Turmes, am Altar der Göttin Istar und wünscht dein Angesicht zu sehen. Möge es dir gefallen, dich hinabtragen zu lassen.“

„Istarpriester, ich will beim Brandopfer die Gunst Bels herabbeschwören auf das Haupt der Königin von Babylon, doch sie wird mich nicht von Angesicht sehen. Und dir verbiete ich, meine Stille zu stören mit deinen Worten und deiner Gegenwart.“

Bekümmert schlich der Istarpriester von hinnen. Belnadin aber zündete das Opferfeuer an und warf wohlriechendes Harz in die Räucherschalen. Sorgfältig verschloss er dann den Eingang, und vor die goldene Statue Bels tretend, erhob er die Arme und sprach:

„Ich rufe dich, Geist des Himmels, Geist der Geister!

Ich beschwöre dich, grosser Gott Inlil!

Empfange das Opfer, das ich darbiete:

Weihrauch, Adlerleber und das Herz des Wüstenlöwen.

Und gib dafür Ruhm, Mut und göttliche Kraft ...

Der Königin von ...“

Er verstummte. Neben dem Abbild des Gottes stand eine Frau. Sie war durch das geheime Tor eingetreten, das nur die Belpriester kannten.

Langsam, wie im Kampfe gegen eine unabwendbare Macht, sank er nieder und berührte den Boden mit seiner Stirne. Und zum ersten Male klang eine weibliche Stimme klar und voll durch das Heiligtum Bels: „Ich wollte den sehen, der Semiramis den Gruss verweigert.“

Wo hatte er diese Stimme schon vernommen? In einem fernen Lande oder in einem fernen Leben?

„Du bittest nicht um Gnade,“ fuhr sie fort. „Ich kann dich töten lassen ...“ Belnadin erhob das Antlitz zu ihr „... oder dich mit Verbannung strafen. Du bittest nicht um Erbarmen?“

„Ich kann nicht bitten,“ entgegnete der Jüngling.

„Das weisse Gewand der Patist sollst du nicht mehr tragen. Den goldenen Saal Bels sollst du nicht mehr betreten. Auf das Meer sei verbannt. Ea, im Ozean, sei deine Zuflucht. Damkina, die Göttin der Wassertiefe rufe zu Hilfe. Ich kann Ströme aus dem Strombett ableiten und ihnen befehlen, dort zu fliessen, wo sie dem Lande nützen. Ich kann deinen Trotz ablenken und kehren wider die Feinde Babylons. Auf einem Floss wirst du stromabwärts fahren. In Bit-Imki wirst du meine Schiffe bereit finden, gegen das Küstenvolk Elams auszuziehen. Warum schüttelst du das Haupt, Belnadin? Du siehst nicht aus, wie einer, der vor Gefahren zurückbebt. Warum zernagst du deine Lippen, Belnadin? Du siehst nicht aus, wie einer, der sich der müssigen Verzweiflung hingibt. Rede zu mir.“

„Herrin, du wirst mich nicht zwingen, den Eid zu brechen.“

„Mein königlicher Wille löst jeden Eid auf.“

Da erhob sich der Jüngling, seine Augen funkelten.

„Du hassest mich?“ fragte sie ernst.

Er schwieg.

„Ich will dich wie einen Gefangenen vor meiner Sänfte einherführen lassen.“

Zwölf Sklaven hoben den elfenbeinernen Stuhl mit dem goldenen Schirmdach auf ihre Schultern und trugen die Königin den sanft abfallenden Zinnenweg hinab, der an den heiligen Häusern vorbeiführte. Vor den Toren warteten Priester und Andächtige, um sich bei dem Herannahen der Königin zu Boden zu werfen. Sie schwebte über den Häuptern der Menge hin, schlank, aufrecht, sich leise im Sessel wiegend. Ein weisses Hemd, mit goldenen Tauben durchwoben, floss an ihr nieder. Darüber trug sie das blaue sumerische Tuch, das quer über die Brust gelegt, auf dem Rücken gekreuzt und über die Schultern nach vorne geschlagen war, so dass die beiden Enden mit den Goldfransen bis auf ihre Füsse reichten. Ihren Schmuck bildete der dunkelblaue Stein Samdû, welcher der Istar heilig ist.

Voran schritten die Palastgarden und in ihrer Mitte Belnadin. Seine Brauen waren finster, sein Haupt erhoben.

Hinter der königlichen Sänfte gingen Dienerinnen und bewaffnete Männer. Ganz am Ende kauerte in einem Tragsessel der uralte Leibsklave Zabu. Er blickte aus seinem runzeligen Affengesicht verbissen in die Menge, klopfte mit seinem Stabe auf die Köpfe der Nächststehenden, dass sie zurückwichen und spornte zuweilen seine Träger zu einem humpelnden Laufschritt an, bis er an die Spitze des Zuges gelangte, um dort mit wohlgezielten Flüchen Viehtreiber und Karrenführer in die Nebengassen zu jagen.

Aus dem Menschengewimmel empor und von den Dächern der Häuser nieder klangen die Grüsse des Volkes an die Königin:

„Istar schütze dich! Samas lasse dich ewig leben! Rammân gebe dir Sieg und Ruhm!“ So erreichte der Zug den königlichen Palast am Euphratufer.

Belnadins Zorn war dahin. Eine tiefe Schwermut lähmte seine Gedanken. Er liess sich teilnahmslos in ein hohes Gemach führen, das nach dem Euphrat gelegen war.

Sklaven brachten ihm das Fleisch eines jungen Lammes, Brot, Honig, Früchte und Wein. Er liess Speise und Trank unberührt und starrte auf den Strom hinaus. Dort rüsteten sie ein Floss, und weiter gegen Borsippa lagen noch viele andere fahrbereit, die alle Bit-Imki zum Ziele hatten.

Die Sklaven bereiteten ihm ein Lager, stellten eine brennende Lampe zu Häupten desselben auf und brachten Gewänder und Waffen für den kommenden Tag.

Als es tiefe Nacht war, legte Belnadin seine weisse priesterliche Kleidung ab und tauchte in das Bad. Köstlich kühles Wasser, das zu- und abströmte, erfüllte das rote Steinbecken, und ihm war es, als spüle die Flut den Staub des Tages auch von seiner Seele.

Dann sass er lange und schaute zum gestirnten Himmel auf. Sein scharfes Auge fand den Stern Bels, er stand im Erdzeichen der Istar.

Von den Gärten der Königin her kamen Harfenlaute. Also wachte sie noch. Vielleicht in den Armen eines Mannes. Belnadin wusste, dass Semiramis ihre Liebe allnächtlich an einen anderen verschenkte, und dass der Erwählte einer Nacht am nächsten Morgen der Istar geopfert wurde.

Als die Harfentöne verstummten, warf sich Belnadin auf sein Lager und versuchte zu schlafen. Im Halbtraume sah er Semiramis. Ihr blaues Tuch war die Nacht, und als goldene Fäden glänzten die Sterne darin. Ihr Gesicht neigte sich über das seinige, und ihr schöner, sehnsüchtiger Mund fragte: „Warum hassest du mich, Belnadin?“

Tafel II.
Der Strom.

Seit Tagesanbruch war auf dem Euphrat Lärm und Getriebe. Die Rufe der Flossführer, die Schläge auf die Schultern der Rudersklaven, das Verladen der Krieger und Waffen, das Scheuen und Stampfen der pferde und Maultiere erfüllten die Luft mit einer spannenden Unruhe. Belnadin fühlte dieselbe wie etwas Fremdes, das von ihm Besitz nahm. Den Weihegruss an die aufgehende Sonne sprach er, ohne dem Sinn der Worte bewusst zu folgen. Unfreiwillig aus seiner Bahn gerissen, fand er noch kein festes Ziel für seine Gedanken. Unfreiwillig? Das war gestern. Lag denn nur eine Nacht zwischen gestern und heute? Woher kam diese fast freudige Ungeduld? Seine ruhende Kraft verlangte nach Kämpfen, seine furchtlose Jugend sehnte sich nach Gefahren.

Als er das grob gewebte Kleid des Kriegers auf dem blossen Leib fühlte, wusste er, dass es keine Rückkehr gab zu den einsamen Höhen des Priestertums.

Er wurde vor Allabana, den Oberfeldherrn, geführt. Mit ihm noch viele, die ihm fortan Genossen sein sollten. Sehnige Jünglinge, mit kalten, lauernden Augen, stiernackige Männer, Kriegsgefangene, deren schwere, langsame Schritte widerwillig dem Anruf gehorchten, geduckte Sklaven, die Fanghunden glichen, Stumpfsinnige, Abenteuerlustige und Hoffnungslose.

An Allabanas Seite sass ein hochschulteriger, feister Jüngling, faft noch Knabe, der königlichen Schmuck trug. Mit einer langen Stachelpeitsche klatschte er denjenigen ins Gesicht, die ihm nicht gefielen. Zweimal hatte er nach Belnadin gezielt, zweimal hatte er, von dessen Blick getroffen, den Arm sinken lassen.

„Ninyas, der Sohn der Semiramis.“

Belnadin hörte es murmeln. Es verursachte ihm Qual, zu erfahren, dass dieses missgebildete Geschöpf ein Sohn der Königin sei.

Da erscholl die harte Stimme des Feldherrn: „Wo ist der Priester Inlils, der sich Belnadin nennt? Er soll vortreten.“

„Ich bin es,“ sprach der Jüngling.

„Woher stammst du? Bis nun hast du es verschwiegen. Ich nehme keinen in das Heer auf, der nicht seine Abkunft nennt.“

„Ich komme aus Niffer.“

„Beugt man sich dort nicht vor dem Feldherrn?“

„Ich hoffe, Seite an Seite mit dir zu kämpfen, Allabana.“

„Vielleicht irrst du. Zwar hat die Königin befohlen, dass du auf dem Floss Allabanas fahren mögest, doch ich werde dir einen Platz unter den Rudersklaven zuweisen.“

Das Antlitz Belnadins zuckte nicht. Er ging mit den Sklaven. Sein Platz war der dritte steuerbords. Als er das schwere Ruder in Händen hielt, das er nun tagelang führen sollte, war er plötzlich versucht, der Königin seine Zurücksetzung, die ihrem Willen nicht entsprungen war, zu klagen. Doch im nächsten Augenblick schämte er sich dieser Schwäche.

Mit einem goldenen Mantel angetan, stand Semiramis auf der obersten Stufe der Treppe, die vom königlichen Palast zum Euphrat hinabführte, und glich mehr einem weithinleuchtenden Götterbilde, als einem lebendigen Weibe.

Belnadin sah sie heute mit einem seltsamen Gefühl von Bewunderung und Schmerz. Er sah sie mit einem Blick, der jeder Bewegung ihres Hauptes, jeder Falte ihrer Kleidung folgte. Aber die Königin sah ihn nicht. Sie vermutete ihn nicht unter den Sklaven.

Das Floss setzte sich in Bewegung. Belnadin schaute noch immer empor. Ihre Augen schienen etwas zu suchen. Er umspannte fest das Ruder und biss die Zähne zusammen. Die Fahrt ging rasch stromabwärts. Auf der Stadtmauer standen weinende Frauen und spielende Kinder, die den Fortziehenden Grüsse nachsandten. Durch hochragende Tore, die mit den Bildwerken von Drachen und heiligen Stieren geschmückt waren, zogen Prozessionen, und aus den Opferhäusern stieg Rauch zum Himmel auf.

Als die ungeheure Stadt mit ihren Tempeltürmen im Morgennebel verschwunden war, breiteten sich zu beiden Seiten des Stromes üppige Saatenfelder aus und Wiesen, auf denen die Hochflut noch Tümpel zurückgelassen hatte, und deren Frühlingsblumenfülle in der Buntheit des Regenbogens leuchtete. Wohlgepflegte Rinder- und Schafherden grasten auf umfriedeten Weideplätzen. Vor einsamen Hütten sassen Fischer und flochten Körbe. Aus dem Uferröhricht flatterten Wildenten und Kraniche auf. Dann ging die Fahrt an reichen Fruchtgärten vorüber, die mit Dattelpalmen, Walnuss- und rotblühenden Granatbäumen bepflanzt waren, an freundlichen Geländen, wo der Weinstock grünte und sich zu Lauben rankte.

Die ganze weite Ebene strotzte von Kraft. Es war das Land, in welchem der unbestellte Acker geahndet wurde und das unfruchtbare Weib als verächtlich galt. Das Land unerschöpflichen Lebens, das Land der Liebesgöttin Istar.

Mehrere Doppelstunden weit von Babel mündete ein Kanal in den Euphrat und brachte fremdes Leben mit. Brot- und Fischverkäufer in runden, schwimmenden Weidenkörben priesen ihre Ware und drängten sich an die kriegerischen Fahrzeuge heran. Es gelang ihnen bald, ihren Vorrat abzusetzen, denn die Sklaven erhielten ihre Nahrung bloss des Abends und diejenigen, die einen Sparpfennig hatten, kauften sich eine karge Mahlzeit. Auch Belnadin litt Hunger und warf dem Händler ein Silberstück zu, das einzige, welches er besass. Es fiel ins Wasser. Der Händler zog die angebotenen Früchte zurück und die Fahrt ging weiter.

Der Vordermann, ein junger, brauner Sklave, reichte Belnadin ein Brot über die Schulter.

„Ich danke dir,“ sagte Belnadin, „ich kann bis zum Abend warten.“

„Aber mir würde das Brot bitter schmecken, wenn ich dich hungern sähe, Herr.“

„Warum nennst du mich Herr!“

„Weil dir kein Sklavenmal eingebrannt ist, und du vornehm aussiehst. Ich heisse Suggagu und bin der Sohn eines Freien und einer Sklavin. Meine Mutter ist Lamazani, die Dienerin der Semiramis. So iss doch, Herr!“

„Wir wollen teilen, Suggagu und Freunde sein. Wie alt bist du?“

„Ich bin geboren im Todesjahre des Königs Ninos, im ersten Jahre der Alleinherrschaft unserer Königin.“

„Du bist jung und schon so stark.“

„Ich bin die schwere Arbeit gewohnt, aber deine Hände bluten schon. Es ist nicht gerecht, dass du Sklavenarbeit verrichtest. Musst du denn für eine Schuld büssen?“

Ich wollte den Göttern gleich sein, darum muss ich das Brot des Sklaven essen, dachte Belnadin, aber er schwieg.

„Vergib,“ sagte Suggagu verlegen, „wenn ich eine vorwitzige Frage getan habe.“

„Ich will dir antworten. Ich hatte das Leben am unrichtigen Ende angefangen, das muss ich sühnen.“

„Ich verstehe dich nicht.“

„Gib acht: kann ein Baum blühen, bevor er Wurzeln schlägt? Kann er Früchte tragen, bevor er Zweige ausbreitet?“

„Jetzt erfasse ich’s. Du willst sagen: kann ein Mensch glücklich sein, bevor er gelitten hat?“

„Du bist klug,“ sprach Belnadin betroffen.

„Ich lerne von dir und möchte gern mehr lernen.“

„Was könnte ich dich lehren?“

„Das zu sehen, was hinter den Dingen steht.“

„Meinst du, ich könne das?“

„Deine Augen, Herr, sehen mehr als Menschenaugen. Fast schaudert mich vor dir.“

„Sage das nicht, Suggagu,“ flüsterte Belnadin heftig, „ich bin ein Mensch und muss ein Mensch sein, wie die anderen.“

„Aber du hast wohl ein hohes Ziel. Jeder von uns hat eines. Ich will frei werden. Kein Sklave mehr sein. Einen Garten und ein Feld will ich haben, Kühe, Esel, Ziegen und Zicklein. Du hast andere Wünsche.“

Belnadin lächelte: „Du bist klug, Suggagu, klüger als ich, der seine Wünsche nicht kennt.“

„So weisst du nicht, was Sehnsucht ist?“

„Sehnsucht ist ein kleiner, singender Vogel, der im Aether vorauseilt, und wir schwerfälligen Flösser folgen ihm mühselig nach.“

Da wies Suggagu hastig auf das Zelt des Feldherrn. Allabana war herausgetreten und hielt Musterung. Er stand dort, bleich, ernst und hager, seine grossen, traurigen Augen fielen auf Belnadin.

„Belpriester, kannst du Zeichen deuten, aus einer Schale mit Oel, oder die Zukunft aus einem Kristall lesen?“

„Ich habe die Künste der Barûpriester nie geübt.“

„Keine Ausflüchte. Sie sagen, du sähest Künftiges. Siehst du mich einziehen in Eridu, der Stadt Eas?“

„Sende mich als Kundschafter voraus nach Bit-Imki, dann werde ich dir sagen, ob du Eridu erreichen kannst.“

„Das ist wahrhaftig eine geringe Weisheit,“ sagte Allabana und ging vorüber.

Er gab den Befehl, in einer teichartigen Biegung des Flusses zu nächtigen, wo die Strömung sanfter wurde.

Die Zugtiere wurden ans Land gebracht, grosse Feuer am Ufer angezündet und Fische gebraten.

Fern von den anderen sass Belnadin unter einer Weide und wusch seine wunden Hände. Eine wohlige Müdigkeit war in seinen Gliedern. Wieder war es Suggagu, der ihm Nahrung brachte. Dann schleppte der junge Sklave Pfähle herbei und spannte Linnen darüber.

„Ich möchte dir dienen, Herr, auch wenn ich frei werde,“ sagte er. „Was befiehlst du weiter?“

„Nichts, Suggagu. Oder doch etwas. Du sprachst von deiner Mutter Lamazani, die im Palaste wohnt. Setze dich zu mir und erzähle mir von der Königin Semiramis.“

Pulsuz fraqment bitdi.

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