Kitabı oxu: «Schaum-Welt-Komfort»
Paul-Heinz Schwan
Schaum-Welt-Komfort
Begleittext zu Peter Sloterdijk Sphären Band III: Schäume Frankfurt a.M. Suhrkamp 2004
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Inhaltsverzeichnis
Titel
poetische nachmittage mit sloterdijk
Ein Brief an die Leser
poetische notiz
Notiz
poetischer p r o l o g - schaumgeborenheit
schäume in der zeit des wissens
PROLOG Schaumgeborenheit
Schaum ist also„Luft an unerwarteter Stelle“
Schaumdeutung
Fruchtbare Schäume – Mythologisches Zwischenspiel
Naturschäume, Aphrosphären
Humanschäume
Die Schäume in der Zeit des Wissens
Revolution, Rotatation, Invasion
Wenn Implizites explizit wird: Phänomenologie
Ungeheures erscheint
Wir sind nie revolutionär gewesen
poetische einleitung luftbeben
air / condition
weltseele in agonie -
zwischenbetrachtung:
programm
Einleitung Luftbeben
1. Der Gaskrieg – oder: Das atmoterroristische Muster
2. Zunehmende Explizitheit
3 Air / Condition
4 Weltseele in Agonie
Zwischenbetrachtung:
5 Programm
poetisch übergang
ÜBERGANG Nicht Vertrag, nicht Gewächs
poetisch kapitel 1 insulierungen
a) absolute inseln
b) atmosphärische inseln
c anthropogene inseln
1. chirotop - drei effekte
2 das phonotop - sein in hörweite
3 das uterotop – wir-höhlen weltbrutkästen
4 das thermotop – der verwöhnungsraum
5 das erototop – eifersuchtsfelder stufen des begehrens
6 das ergotop – anstrengungsgemeinschaften kämpfende reiche
7 das alethotop – die wissensrepubliken
8 das thanatotop – die provinz des göttlichen
9 das nomotop – eine verfassungslehre
Resümee
KAPITEL I Insulierungen
A Absolute Inseln
B Atmosphärische Inseln
C Anthropogene Inseln
1 Chirotop – Die zuhandene Welt
2 Das Phonotop - Sein in Hörweite
3 Das Uterotop – Wir-Höhlen, Weltbrutkästen
4 Das Thermotop – Der Verwöhnungsraum
5 Das Erototop – Eifersucht, Stufen des Begehrens
6 Das Ergotop – Anstrengung kämpfende Reiche
7 Das Alethotop – Die Wissensrepubliken
8 Das Thanatotop – Die Provinz des Göttlichen
9 Das Nomotop – Eine Verfassungslehre
Resümee
poetisch kapitel 2 indoors architekturen des schaums
a1 aufgehalten-sein; halte-stelle und speicher
a2 empfänger gewöhnungsanlagen
a3 einbettung und immersion
a4 wohnen als immunsystem
a5 die wohnmaschine oder: das mobilisierte raumselbst
a6 adressen-management endverbrauch-standort klima-regelung
b zellenbau egosphären selbstcontainer
b1 zelle und weltblase
b2 selbstpaarungen im habitat
C foam city
c1 nationalversammlung
c2 die kollektoren:
c3 diskrete synoden: zur theorie der kongresse
c4 foam city – über urbane raumvielheiten
Kapitel 2 Indoors Architekturen des Schaums
A Worin wir leben, weben und sind
1 Das Aufgehalten-Sein; Halte-Stelle und Speicher
2 Empfänger, Gewöhnungsanlagen
3 Einbettung und Immersion
4 Wohnen als Immunsystem
5 Die Wohnmaschine oder: Das mobilisierte Raumselbst
6 Adressen-Management -Standort, Klima-Regelung
B Zellenbau, Egosphären, Selbstcontainer
1 Zelle und Weltblase
2 Selbstpaarungen im Habitat
C Foam City Makro-Interieurs
1 Nationalversammlung
2 Die Kollektoren: Stadien
3 Diskrete Synoden: Zur Theorie der Kongresse
4 Foam City – Über urbane Raumvielheiten
poetisch kapitel 3 auftrieb und verwöhnung
1. jenseits der not
2 die mängelwesen-fiktion
3 leichtsinn und langeweile
4 your private sky – die erleichterung denken
5 erste levitation – zur naturgeschichte des auftriebs
6 katastrophe der neolithischen mütter
7 verwöhnung im symbolischen – weltalter der himmlischen schätze
8 immanentes begehren, faustroman demokratisierung des luxus
9 das empire – oder: das komforttreibhaus;
10 windrose des luxus
Kapitel 3 Auftrieb und Verwöhnung
1. Jenseits der Not
2 Die Mängelwesen-Fiktion
3 Leichtsinn und Langeweile
4 Your private sky – Die Erleichterung denken
5 Erste Levitation – Zur Naturgeschichte des Auftriebs
6 Katastrophe der neolithischen Mütter
7 Verwöhnung im Symbolischen – Das Weltalter der himmlischen Schätze
8 Immanentes Begehren, Faustroman und Demokratisierung des Luxus
9 Das Empire – oder: Das Komforttreibhaus;
10 Windrose des Luxus
R Ü C K B L I C K
Impressum neobooks
poetische nachmittage mit sloterdijk
provenzalische
sommersonnenwendeworte
brennen trockene glieder
aus assoziationsketten
vertikalspannungen
flattern im zeitenwind
horizontale brisen
verwüsten das land
treiben schaumkronen
auf jedermannshäupter
auf allen bühnen
jedermannsworte
gültig für sekunden
unerbittliches leben
stimmt nachsichtig
schaut in
selbstbergung
wird ergriffen ergreifend
ergreifbares umschlingen
herbergsschlingen
nutzen auftriebswollen
unruhig ergreifbarer herzen
verdampfen alles
stehende ständige
vernebelte geburtlichkeit
schaut entsetzt
ins volleleere
mein volatiles ich
mein konsum
mein fortschritt
mein wachstum
mein atemloses reich
rückschau
produziert salzsäulen
vorschau läßt
gletscher weinen
jetztzeit ist grillzeitarbeit
heißeworte im freigehege
Ein Brief an die Leser
Sehr geehrte Appartmentbewohner, liebe Stadionbesucher.
Als Mitspieler in einer erstmaligen (einmaligen?) Aufführung in den Appartments und Stadien der Neuzeit heiße ich sie im dritten Band meiner Begleittexte zu unserem Sphären-Autor herzlich Willkommen.
Wenn Sie, wie Sloterdijk es beabsichtigte, den dritten Band auch eigenständig lesen möchten, darf ich ihnen einen kurzen Hinweis auf mein Vorgehen mit auf den Leseweg geben. Vor Ihnen liegt eine Leselupe die ich für Sie als Begleittext verfasst habe. Ich selber las die drei Bände als nicht-studierter-Philosoph.
Der Ansatz des Autors fasziniert mich, weil es der erste umfassende Versuch ist, eine Philosophie als Lebensweltgeschichte aus der Geburtlichkeit des Menschen heraus zu entwickeln. Was eigentlich liegt näher, als so vorzugehen? Alle anderen philosophischen Versuche sind „Luftschlösser“, weil sie den Menschen nicht näher definieren, sondern etwas um ihn herum konstruieren, ohne nach seiner Wesens-typischen Dynamik zu fragen und diese in den Mittelpunkt der Welterklärung zu stellen. Insofern heißt es in den poetieschen nachmittagen: „provenzalische sommersonnenwendeworte brennen trockene glieder aus assoziationsketten“.
Hier entfielen oder korrigierten sich bei mir einige vertraute Denktypen.
Für meine Wege zu den Bänden nutze ich zwei Wanderpfade:
1. für jedes Kapitel eine Aussicht über wesentliche Aussagen als Langtext
2. für jedes Kapitel eine poetische Stichwortsammlung
Insofern haben Sie jeweils nur den halben Seitenumfang zu bewältigen, wenn Sie sich für eine entscheiden.
Diese Zweiteilung habe ich gewählt, weil sie meinen Weg die drei Bände zu lesen wiedergeben. Ich las Sloterdijk auf einer Ebene „sachlich“, um ihn wie andere Autoren „zu verstehen“. Da ich ihn als philosophischer Autodidakt las, reichte das nicht, um viele Passagen wirklich zu verstehen. Aber immer, wenn ich das Buch beiseite legte, ließ es mir keine Ruhe sein Denken zu ergründen, oder besser: Mein Denken ließ mir keine Ruhe. Es wollte dem Sinn nach-reisen, „verstehen“.
Dieses Nachdenken führte zu einem eher poetischen Wort-Wolken-Spiel. Man sieht tausend Wolken aber noch keine schlüssige Wetterlage, keinen Trend dieses Wolkenbildes. Ich spürte, wie ich nach und nach den Zusammenhang besser verstand, aber mir die angemessenen Worte für eine Wiedergabe fehlten, oder besser die angemessenen zwar durch den Kopf zogen, sie aber noch keine Sätze bilden konnten, kein versammeltes Bild schufen.
So biete ich Ihnen beide Varianten an, falls es Ihnen auch so ergehen sollte. Die meisten Aussagen sind im Original oder so Werkgetreu wie möglich wiedergegeben. Die Kapitel entsprechen der Gliederung im Original. Deshalb finden sie keine Fußnoten oder Seitenangaben.
Mit freundlichen Grüßen
PH Schwan
poetische notiz
noch einmal neunhundert seiten
der letzte band im großen wurf
liegt nun vor uns
die ersten zwei?
anläufe, warmlaufen
vorlaufen ins große ganze
stärken den rücken
für lange wege
der dritte
der abschließende pol
läßt offene fragen für weiteres
anders klarer frischer aufblitzen
ist auch alleine lesbar
im ersten
große erzählungen über
sphären-wesen die sich über
orte entwicklung schützendes sprache zeichen
kreieren
ihr zusammensein empfindlich lernfähig
sellenräumlich moralisch sympatie verständnis
alles zeigt:
wir-immunität ist tiefer als ich-immunität
doch nähe löst auch primäragression aus
das allen wiederfahrende grundereigniss
die klausur in der mutter
für jeden neuen raumdesigner
der nun ein leben im außen
gemeinsam
mit dem inneren geheimnis
dem seismograf für abweichungen
von diesem idealen raum
führen muss
im idealfall behütet ergänzt
von „reichen“ müttern vätern und einigen mehr
das flüstert ihm gestaltungszwang
-drang -wunsch -wille -kraft -macht ein
alles seine wesensmerkmale
basis permanenter unruhe sorgen- und hoffnungsdelirien
zusammenleben entwickelt
sich in solch gefüllten sphären
das ist das natürliche am m e n s c h e n
dem empfänger-überträger von gespür und stimmung
von ich-hier nach du-dort
die passung ein schwankendes schiff
einander erreichbar u n d einander transzendent
von da an eine erzählung über die
expansion des seelischen
in imperialen und kognitiven weltbesetzungen:
familien hütten dörfer städte imperium universum
die psyche will teilhabe
am finden des unzerstörbaren
kognitiv und architektonisch
deshalb:
wer jedes einzelne leben verneint
und private immuninteressen ignoriert
wird „abgelöst“
wer infinität über immunität stellt
zerschmilzt im leben-will-leben-strahl
so globalisiert die welt dreifach:
metaphysisch
terristrisch
telekommunikativ
das „leben“ entfaltet sich so
multifokal: ein gott sprachlos – viele bewerben sich
multiperspektivisch: augen gehen nicht nur zum himmel
heterarchisch: kein oben ohne unten – jeder will könig sein
auf
simultanen bühnen
in
vernetzten werkstätten
sie tun immer eins:
bringen den raum hervor
eine raumrepublik
immer bedroht bereichert
verlust an form gewinne an beweglichkeit
ausgediente übertreibung folgen schwärme von
diskreten aufschwüngen
»auf die schiffe, ihr philosophen!«
Notiz
Zur Einstimmung eine Kurzfassung für „nur Band III-Leser“. Sloterdijk möchte in diesem dritten Band der Erwartung nachkommen, dass dieser ohne Vorkenntnisse aus den ersten Bänden zu lesen sei. Sein gesamtes Vorhaben der drei Bände sei auch am besten von seinem abschließenden Pol her zu überblicken.
Band I –Blasen- ist die große Basis-Erzählung zur ersten Sphäre in der für uns alle, alles beginnt, eine geschützte Innen-Brüter-Sphäre, sorgsam abgeschottet und sie doch spürend, die schon lange vor mir wogenden-tobenden Außen-Sphären. Und doch entwickelt sich im Innen ein Lauscher an der Wand, in dem Drängendes wächst -ein Zug ins Außen-. Hin zu einem In-der-Welt-sein, d. h. einem Leben im Außen, das Innenwelten trägt.
Sphäre ist "der" Grundbegriff, der sich über die drei Bände in topologische (Lage, Ort), anthropologische (menschliche Entwicklung), immunologische (umfassend: mich/uns „schützend“) und semiologische (Sprache, Zeichen) Bedeutungsaspekte verzweigt.
Das nahe Zusammen-Sein von Menschen mit Menschen stiftet ein bisher zu wenig beachtetes Interieur, eine Mikrosphäre. Ein empfindlich und lernfähiges, ein seelen- räumliches –wenn man will moralisches-Immunsystem in dem die Wir-Immunität gegenüber der Ich-Immunität das tiefere Phänomen verkörpert.
Das "Wir-Gefühl" –minimal die Zwei- ist die Basis, das tiefere Gefühl, gegenüber der Eins des "Individualismus", weil wir schon in den neun Monaten nicht alleine sind. Ein AUCH -das werdende Kind- umhegt-versorgt von einem MIT -der Plazenta-, unser erstes direktes "Gegenüber", bilden „zu zweit“ die erste und "ideale" Sphäre. Meine stille, fast vergessene, lebenslange Sphären-Blaupause. Vielleicht ist sie es, wenn man sagt, oder wenn ich glaube: Ich sei von allen guten Geistern verlassen.
„Nichts ist im Großen was nicht im Kleinen angelegt ist.“
Eine wie Sloterdijk selber sagt: spekulative Philosophie zu der eine „neue“ Sprachsensibilität gehört, deren Evidenz aber seit langem Formen annimmt. Schon Sokrates lehrte Mäeutik -Hebammenkunst-, längst vergessene Traditionen begruben die Plazenta im Garten unter einem Lebensbaum und in unseren Tagen war es Alfred A. Tomatis, der die wiedererkennbare Mutterstimme „vom ersten Tag an“ zu einer verbreiteten Therapieform entwickelte. Außerdem Hannah Arendt über die Geburtlichkeit, Ludwig Janus „Das Seelenleben des Ungeborenen“ oder Tatiana Shchyttsova „Jenseits der Unbezüglichkeit Geborensein“ um nur einige zu nennen.
Auch Hermann Schmitz mit seiner Neuen Phänomenologie.
Damit verbunden sind seine Ausführungen über das sphärenbedürftige, diese aber (mit)erzeugende, (mit) gestaltende und von Sphären (mit)geformte Wesen, das wir zu schnell, kaum hinterfragt, als Mensch voraussetzen. Selbst unräumliche Verhältnisse wie Sympathie und Verstehen lassen sich in quasi räumliche Verhältnisse übersetzen. Gleichzeitig macht die notwendige, unumgehbare Nähe mit anderen, anfällig für die Auslösung von Primäragressionen.
„Das Bekannte ist selten das Erkannte“. (Hegel) Deshalb wagt er sich mit assoziativem Sprachwerkzeug, tastend, erahnend, mit neuen und frischen Worten an das allen Menschen wiederfahrende Grundereignis – der Werdensklausur in der Mutter- heran. Jede Geburt bringt einen neuen Raumdesigner aus art-typischen Gründen hervor, ist eine Chance zu einem Weltaufgang.
Das nahe Zusammen-Sein von Menschen mit Menschen stiftet ein bisher zu wenig beachtetes Interieur, eine Mikrosphäre. Ein empfindlich und lernfähiges, ein seelen-räumliches –wenn man will moralisches-Immunsystem in dem die Wir-Immunität gegenüber der Ich-Immunität das tiefere Phänomen verkörpert.
Aus dem „Grundstudium von Innen“ kommend wird ein jeder in den Praxisschock gestellt. Ein geburtliches Wesen, dass von nun an ein Leben im Außen mit einem –nur ihm gehörenden- inneren Geheimnis über den idealen Raum führen muss. Im Idealfall gut behütet, ergänzt und inspiriert von „reichen“ Müttern, Vätern und hoffentlich einigen Begleitern mehr. Bald wird es als „reiche Daseinsfürsorge“ im „reichen Sozialstaat“ eine zeitragende Rolle spielen. Gott darf uns verlassen, nur der „Sozialstaat“ nicht. Der antwortet auch konkret.
Die tätowierte Feinfühligkeit, der innere Seismograf für die Abweichungen neuer Räume vom ersten wird im Außen sein Urbegleiter bleiben. Manches mal stört die Fliege an der Wand, oder der Partner, oder der Nachbar, oder die Regierung, gar die ganze komplizierte Welt. Erwachsenwerden bedeutet von nun an, auch in Anders-Räumen klar zu kommen, ein gutes Leben zu führen. Wenn nicht, „platzen“ Blasen.
Das tut es von Beginn an nicht im „freien“ auch nicht natürlich instinktiv mit der Natur. Schon gar nicht alleine, sondern eigenwillig Ergänzungsbedürftig, mit der bleibenden Erinnerung an seinen inneren Begleiter und der ersten traumhaften Sphäre mit ihm.
Das wird ihn wach und unruhig halten und ihm Gestaltungsdrang, -wunsch, -wille, -kraft, -macht als ein typisches Wesensmerkmal "einflüstern". Sie bilden die Basis seiner permanenten Unruhe, Sorge und Hoffnungsdelirien.
Das Zusammenleben von Menschen in einer Welt/ auf einer Erde, entwickelt sich in Sphären. Das ist das Natürliche am Menschen.
Der Mensch ist folglich ein Sphärenwesen. Er überträgt sein Gespür der prä- und perinatalen innen -sphäre, auf alle folgenden postnatalen außen-sphären: Familie, Freunde, Sippe, Dorf, Schule, Beruf, Stadt, Welt. Sie bleibt ihm -Vor-bewußt- der tägliche Begleiter, weil er nicht anders kann, als im ständigen Soll-Ist-Abgleich von innen- und außensphäre seinen Standort in der Welt der Vielfalt zu verorten.
Aus der Differenz entsteht sein inneres, schwankendes Gefühl der Passung und sein Entschluss, diese zu akzeptieren, zu verändern oder am Missverhältniss zu kranken.
Die Größe der Differenz schwankt mit den Komponenten der Sphäre und deren jeweiligem individuellen Bedeutungskranz. Die wesentlichen Komponenten sind:
- topologische (Lage, örtlich, Struktur),
- anthropologische (menschliche Entwicklung),
- immunologische (im weitesten Sinne „schützend“) und
- semiologische (Sprache, Zeichen).
In jedem Fall ist er ein Lebewesen, dass auf Nähe und Teilhabe angelegt ist, auch wenn es entgegen aller Freundschaft, Liebe, Verstehen, Konsens, gelegentlich die Primäragrressionen freisetzt. Sie sind füreinander erreichbar und doch einander transzendent.
Band I ist eine Tauchfahrt in den Abgrund der ontologischen Nervosität für Mitseiende, Andere und Äußere.
Band II beschreibt die Konsequenzen aus dieser Einsicht in die ekstatisch-surreale Natur des erlebten und bewohnten Raums. Eine Erzählung über die Expansion des Seelischen im Zug von imperialen und kognitiven Weltbesetzungen: von der familiären Grundsituation in der Hütte über das Dorf, die Stadt zum Imperium ins finite Universum bis es sich im unbewohnbaren grenzenlosen Raum verliert.
Immer der Frage nachgehend, wie die Psyche Teilhabe am Unzerstörbaren zu finden meint oder -der bergungssuchenden- suggeriert wird: kognitiv und architektonisch.
Wie der anonyme plazentale Genius und der Fötus das erste Paar bilden, so Gott und Seele, wahlweise Kosmos und Einzelintellekt, das letzte.
Die klassische Metaphysik zerbricht daran, dass sie die Sache des Lebens verteidigen will -das naturgemäß nur in der Endlichkeit eines individuierten Immunsystems aufgehoben ist- aber jedes einzelne Leben verneint und private Immuninteressen ignoriert.
Die klassische Metaphysik musste an ihrer inneren Unmöglichkeit, an ihrem eigenen Widerspruch scheitern. Im Widerstreit zwischen Infinität und Immunität wurde und wird auch heute der Urstreit des Denkens, das philosophisch sein möchte, manifest.
Der Band II schließt mit der Erzählung über die dreifache Globalisierung: die erste, die Metaphysische beginnend mit dem „Einen-Schönen-Kugeldenken“, der zweiten, der terrestrischen mit der Welteroberung durch „Weltumsegelung“ in der das Geld –besser der Kredit- an Bord von Schiffen geht und mit Mehrwert rückzahlbar zurückkommt und der dritten, der telekommunikativen, der Weltdurchdringung durch elektronische Simultaneität vom heimischen Sofa aus. Letztere brächte die Menschheit nach Marshall McLuhan in eine supertribalistische „psychische Gemeinschaft“.
Der Band III legt eine Theorie des gegenwärtigen Zeitalters vor unter dem Gesichtspunkt, dass das „Leben“ sich multifokal, multiperspektivisch und heterarchisch entfaltet.
Multifokal: der eine Gott ist sprachlos geworden und viele Stimmen bemühen sich um die Nachfolge;
Multiperspektivisch: die Augen gehen weniger zum Himmel, sondern blicken -oft genug entleert- aus und in alle Richtungen;
Heterarchisch: „Oben“ und „Unten“ haben ihr Amt niedergelegt, nun will jeder „König“ sein.
Nun artikuliert sich das Leben auf ineinander verschachtelten simultanen Bühnen, es produziert und verzehrt sich in vernetzten Werkstätten. Doch was das entscheidende ist: Es bringt den Raum, indem es ist und der in ihm ist, jeweils erst hervor.
Unter der Metapher des Schaums umschreibt Sloterdijk das als eine Republik der Räume.
Weder bei den traditionellen Religionen noch bei den Metaphysikern war die Sache des Lebens- des unschlüssigen Lebens- nicht wirklich in guten Händen. Sie verordneten immer nur das Placebo der Hingabe an eine himmlische Verfassung.
Die alteuropäische Denk- und Lebensform Philosophie ist unleugbar erschöpft. Was folgt: Biosophie? Atmosphärentheorie? Immun- und Kommunsysteme? Theorie der Örter? der Situationen? der Immersionen? der Netzwerke? eine globale Wissensgesellschaft? eine neue Weltreligion?
Noch gibt es keine eindeutigen Favoriten. Aber wo man noch den Verlust an Form beklagt, stellen sich doch Gewinne an Beweglichkeit ein.
poetischer p r o l o g - schaumgeborenheit
luft an unerwarteter stelle
schäume träume
für ernste nur nichtigkeiten
gerieten in verruf gegen solides
nur schaumverächter
galten als ernste verfechter von
bestehendem vererbbarem
bauten auf felsen
wollten selber einer sein
wurden stein
schaum
ist das etwa luft an nicht
erwarteten stellen
das solide lachte in fäuste
wenn schaum zusammenfiel
doch auch materie
die fruchtbare matrone
site by site mit logos
läuft illusionen in die arme
noch fehlt schäumen die substanz-achtung
bis -ja genau- hegel
mehrdeutigkeiten auf die bühne half
ein mittler zwischen geist und stoff
binäre idioten traten beiseite
nun wandeln sich weltbilder
freudsche träume un-bewußtes
werden königswege
mit couchlagen für tics private einfälle
alte rechnungen wurden beglichen
nietzsche husserl chaostheorie
surreales atmossphärisches
errang theoriewürde
mathematische unschärfe
zufälliges formloses
erhielt anschluss an theorie-wirklichkeiten
der ernst wurde neu verteilt
lange schatten -materie substanz-
blieben aber im schaumdenken
wurde das zerbrechliste herzstück des wirklichen
zeugungsmächtiger zukunftsträchtiger schaum
entzöge der substanz die grundlage
dann würde das verächtlich gemachte
das scheinbar frivole
anteil am realen
gewinnen
schwebendes hohles fragiles unwiederholbares
- wesentlicher schaum?
in mythen-schäume werden göttinen geboren
potenz für westliche schaum form
geburtskraft zu schönem reizvollem vollendetem
im indischen mythos
gebiert schaum ozeane
ist nektar der unsterblichkeit
unter alchemistischen zügen:
luft in milch macht butter-substanz
ägypter nutzen speichelschaum
atum gebar kreaturen
kein befehl - nur schaum
das ermutigt nach menschen
aus luftigem schwebendem inspirierten
zu fragen
schaum die matrix der humanen tatsachen
bald formuliert j.a.f. plateu die gesetze der schäume
vielkammernsysteme zellen wände ordnung im scheinbaren chaos
120grad -vier ecken oberflächenspannung
mit farbenlehre fürs kinderzimmer
schäume werden prozesse
im innern sprünge umschichtungen reformatierungen
deren unruhe hat eine richtung:
stabilität
keine zelle im schaum kann platzen
ohne alles ins nichts zu nehmen
tragische geometrie ko-isolierte räume
mit binnenspannung ohne mittelpunktzelle
das 21. jhrdt ? century of the foam
entstehung des lebens spontane schaumbildung lebendige zellen
halboffene systeme selbst-umweltsensitive reaktionsräume
das geheimnis des lebens ein sphärengeheimnis
raum unterwegs zum selbst das gegen äußeres position
einnehmen kann eigensinn an unerwarteter stelle
führt der geheimnisvolle weg schon beim primitivsten leben
nach innen
humanschäume?
nach gott nach könige jetzt schaum?
die moderne ein humanschaum
die versammlung der zahllosen
kosmischen „seifenblasen“
kein monokosmos der metaphysik
unter einem alles-logos beisammen
keine philosophische über-seifenblase
sondern
semi-opaker Schaum aus weltbildenden raumkonstruktionen
sphärische nachbarschaften in selbstergänzenden „zellen“
aus dyadischen (zweier)
pluripolaren (mehrpoligen) resonanzen
im daraus gespannten sinn-raum
doch in seinen eigenen nur von ihm erlebbaren
animationen assoziationen
orte dieses typs
formen das aufeinander-hin-existieren
der nahe vereinigten
das eigentliche agens (gestaltende) der raumbildung
die klimatisierung des ko-existentiellen innenraums
durch reziproke (wechselseitige)
extraversion (aufeinander hin)
der simbioten (beteiligten)
die wie ein herd vor dem herd das gemeinsame interieur temperieren
hier wird zweimal gekocht:
in der gemeinsamen stimmung und auf dem feuer
im schaum das prinzip ko-isolation:
benachbart und unerreichbar
verbunden und entrückt
eine reziproke isolation
trennungen und immunisierungen
„gesellschaften“
unruhige asymmetrische assoziationen
räume-vielheiten prozeß-vielheiten
deren zellen:
weder wirklich vereint noch wirklich getrennt
wie im intra-systemischen einzel-gehirn
assoziationen sekündlich-minütlich
stündlich täglich purzelbäume schlagen
so im größeren und großen
familien gruppen gesellschaft
die im schaumigen verbund
lokaler und globaler assoziationsblasen
aufgehen und platzen
schaumzellen“gesellschaft“
ein trübes medium mit leitfähigkeit für informationen
durchlässigkeit für stoffe
ausgießungen unmittelbarer wahrheiten
werden nicht weitergeleitet
umfassende übersichten nicht zur verfügung
nachrichten selektiv übertragbar
ausgänge ins ganze gibt es nicht
super-visionen auf die eine welt
unmöglich – und recht verstanden auch nicht wünschbar
jede lage im schaum eine verschränkung von umsicht und blindheit
jedes in-der-welt-sein eine lichtung im undurchdringlichen
schäume in der zeit des wissens
zarte dinge werden spät objekt
auffälligkeit reifen wenn sie verloren sind
verloren durch selbstverständlichkeit
luft gedankenlos atmen
in stimmungen leben
atmosphären nutzen
sie alle bleiben lange stumm
hintergrundausstattung
die sorge die brüchigkeit verwüstung schickt sie
in theorie in respekt in kulturwissenschaft
jetzt lernt er vorauszusetzen
das nichts vorausgesetzt werden kann
jetzt wird vieles künstlich
der weg in die naivität wächst zu
der neue weg anatomenroute revolution rotation
schnitte invasion penetrationen in die gute alte lethe
explizitmachen nicht nur diskurs
keine lyrik und doch phänomenologische lyrik
inteligenz gründet wissenshaushalte
dringt ins verborgene
würdigen logisch
befeuern beschwören epistemische zeitgeister
unbeleuchtetes wird grell
verborgenes tritt aus dem schatten
die gute nachricht
es gbt kein außen ohne inneres
kein fremdes das nicht ein unseres würde
aber wehe wenn explizitwerden
eigensinniges andersartiges nie mitgemeintes
nie erwartetes nie zu assimilisierendes
ins denken eindringt
das subjekt im neuen nicht „zu sich“ käme?
fremdbleibendes ungeheures
das wissens kaum genießbar macht?
etwas nicht mehr „von selbst“ ins auge fällt
nur forschung messungen maschinen künstliche sensoren
sichtbarkeit beförderten
zellkerne atompilze rötgenaufnahmen
computertomographien galaktische photographien
alles keine natur der ersten tage
sie sind es nicht!
gräben trennen es von menschlichen umblicken
in vertraute umstände
woher all das
aus dem unbewußten dem schlaf dem unwissen der verborgenheit
oder aus irgendeinem noch-nicht
unser gehirn unser genom unser immunsysteme
stehen auf epedemischen bühnen
die „modernen“ außer atem gehalten gebracht
das 20.jhrdt. zahlt den preis für verfremdung
keine epoche zeigt eine solche expertise
in der kunst vitale existenzprämissen zu vernichten
die kehrseite macht sie sichbar:
die erhaltungsbedingungen kultureller Räume
technisch künstlich gestaltbar alles muss verhandelt werden
jeder kann und keiner will ein wörtchen mitreden
es gab kein revolution:
oben und unten tauschten nicht die Plätze
nichts wurde vom kopf auf die füße gestellt
nirgendwo wurden die letzten die ersten
nichts wurde umgewältzt nichts im kreis gedreht
nicht revolution eher routine in explikation
werden ist auch katastrophe
unser zeitalter walzt zustände aus
das monströse ins alltägliche
tasten bahnen leichten zugriff auf bisher unmögliches
das zeitalter sagt den seinen:
ohnmacht gibt es nicht
was du nicht kannst kannst du lernen
PROLOG Schaumgeborenheit
Schäume sind Träume: hier wurden zwei Arten von Nichtigkeit gleichgesetzt. Eine Unterwanderung des Soliden durch das Unhaltbare. So haben nicht nur die Akademiker in Platons Nachfolge gedacht. Ein populärer Biedersinn machte Front gegen Schaumiges, Leichtes, Allzu-leichtes.
Zwischen der klassischen Metaphysik alles habe im runden Welt-Kosmos seinen festen Platz und dem volksontologischen Alltag, in dem streng darüber gewacht wird, das alle ihren Platz einhalten, herrschte über tiefe Differenzen hinweg von alters her ein Einvernehmen, das man den ernsten Charakter an seiner Schaumverachtung erkenne. Alles um den Schaum herum war Verrat am festen, seriösen, bestehenden, vererbbarem. Am Schaum konnte kein Strick halten und wer auf Gott vertraut der hatte nicht auf flüchtigen Sand gebaut. Das konnte man nur auf Felsen, wenn man selber einer war.
Schaum, eine reale Gegebenheit, jedoch ein berührungsscheues Gebilde, das sich beim leisesten Zugriff aufgibt und zerplatzt. Durch Zuschlag von Luft verliert ein Flüssiges, ein Festes seine Dichte; was eigenständig, homogen, solide schien, verwandelt sich in aufgelockerte Strukturen. Er deutet an, dass unter ungeklärten Umständen das Dichte, Kontinuierliche, Massive einer Invasion durch das Hohle erläge.
Schaum ist also„Luft an unerwarteter Stelle“
Doch die Rache des Soliden lässt nicht lange auf sich warten. Sobald die mischende Agitation zu Stehen kommt, fällt die Schaumherrlichkeit schnell in sich zusammen.
Des Nachts geben die Menschen den Phantomen Kredit, in der Dämmerung den Utopien; doch kommt die Wachwelt und die Morgensonne, „zerfließt's wie eitel Schaum“. (Heinrich Heine)
Auch die Materie, die fruchtbare Matrone, die an der Seite des Logos ein ehrbares Leben führt, durchleidet eine hysterische Krise und wirft sich der erstbesten Illusion in die Arme. Enttäuschung ist also garantiert, wo Schaum aufquillt. Den Schäumen fehlt alles, was mit den achtunggebietenden Sphären des Dauerhaft-Gültigen in Verbindung gebracht werden durfte.
Heraklits Mahnung dem Gemeinsamen zu folgen, wurde ein Weltalter lang als Aufforderung wahrgenommen, sich fernzuhalten vom Nächtlichen und Nur-Privaten, dem Traumhaften und Schaumhaften, diesen Agenten des Un-Gemeinsamen, Unöffentlichen, Unweltlichen.
Und doch: mit Hegel kam eine neue Mehrwertigkeit in den Blick. Ist er, der Schaum, das Lufthaltige, nun der Dritte, der die binäre (zweiseitige) Idiotie überwinden konnte? Ein Mittleres zwischen Geist und Stoff? Etwas zwischen den Extremen?
Schaumdeutung
Im Weltbildwandel des 19. und 20. Jahrhunderts -der sogenannten „Moderne“- konnten Träume und Schäume nicht auf ihren hinteren Plätzen bleiben. Das gehört zur intimen Signatur dieser neuen Zeit.
Die Wiener Psychoanalyse entdeckte die Träume als Königsweg zum Unbewussten. Eine Subversion des Ernst-Systems und des Schwergewichtigen. Ein Vorgang von Kultur-umstürzender Tragweite. Nun werden kaum bemerkte Zeichen lesbar, die privatesten Einfälle, Tics, Ausschläge und Fehlleistungen in subversive Bedeutungsvermutungen gestellt. Das Unbedeutende konnte mit dem Bedeutenden alte Rechnungen begleichen. Jetzt sind Träume keine Schäume mehr.
In seinem Gefolge gelang eine umfassende Theorie der Moderne: von den Intentionen eines nichtverfälschten Nietzsche; den Entfaltungen der Husserlschen Impulses; vom Perspektivismus des 19'wie von der Chaostheorie des 20'Jhdt; von der Promotion des Surrealen wie von der Erhebung des Atmosphärischen zur Theoriewürde; von der Mathematisierung des Unscharfen, den gekerbten Strukturen, den unregelmäßigen Mengen; der Revolte des Unauffälligen und den unscheinbaren Indizien die Trendzeichen des Weltlaufes zeigen wie die Entdeckung des Unbestimmten und damit des Nicht-Nichts, das Beinahe-Nichts, das Zufällige und das Formlose Anschluss an die theoriefähigen Wirklichkeiten gefunden haben.
Insgesamt wurde somit der Ernst zwar neu verteilt. Dennoch liegt auf den modernen Theorien und den Theorien der Moderne der lange Schatten des (Materie-) Substanzdenkens, das dem "zufällig auftretenden" -dem Akzidentiellen- so wenig Geschmack abgewinnt.
Sowie Ernst Bloch dem Tagtraum seine Würde als utopische Potenz und wirklichkeit-setzende Projektmacht verlieh, so müsste sich die Schaumdeutung als politische Ontologie der animierten Binnen-Räume konstituieren. In ihr würde das Zerbrechlichste als das Herzstück des Wirklichen begriffen. Wenn der Nachweis gelänge, dass das Schaumartige das Zukunftsträchtige sein kann, zeugungsmächtig ist, wäre dem substanzialistischen Vorurteil die Grundlage entzogen. Eben dies wird im Band III unternommen.
Das weltalterlang Verächtlich-Gemachte, das scheinbar Frivole, das nur auf seine Implosion hin Existierende gewänne seinen Anteil an der Definition des Realen zurück. Man begreift dann: Das Schwebende ist Grundgebendes der besonderen Art; das Hohle eine Erfülltheit eigenen Rechts; das Fragile als Ort und Modus des Wirklichen zu bedenken; das Unwiederholbare gegenüber dem Seriellen das höhere Phänomen. Aber: ein „wesentlicher Schaum“? geht denn das?
Fruchtbare Schäume – Mythologisches Zwischenspiel
Sobald man vor die Epoche volksontologisch und substanzmetaphysisch motivierter Schaumverachtung zurückgeht, zeigt sich die Relevanz der Figur des „fruchtbaren Schaums“.
Hesiod hat um 700 vor Christus, in der Erzählung von der Schaumgeburt der Göttin Aphrodite, die Liaison von Schaumgeburt und generativer Potenz für die westliche Überlieferung unvergesslich gemacht. Dem Dichter gelingt das Denkbild eines Schaums, dem nicht nur Formkraft zukommt, sondern auch Geburtsfähigkeit und generative Wirksamkeit zu Schönem, Reizvollem, Vollendetem.
Auch im altindischen Mythos vom Beschluss der himmlischen den Ozean durch Verquirlung zum Schäumen zu bringen, um daraus den Nektar der Unsterblichkeit zu gewinnen. In den indischen Erzählungen wird deutlich, dass sie eine Handlung präsentieren der unter alchemistischen Zügen ein unverkennbarer Produktions -charakter zukommt: aus der Erzeugung aus Schaum tritt die Erzeugung von Schaum hervor. Die Analogie zur Butterzubereitung drängt sich hier auf – zumal in einer Kultur die Gussspenden aus Butter ins Opferfeuer zur Götterehrung einbrachte.
Das Lufteinschlagen in die Substanz dient der Ausfällung des Substanziellen aus der Substanz. In dieser ersten Theorie wird man den magischen Zugriff auf das Wesen des Wesens wagen, um die Macht aus der Macht herauszufiltern.
Auch der ägyptische Schöpfungsmythos kannte das Bild eines kosmischen Speichelschaums. Der Mund des Gottes Atum wird als erster Regungsherd oder Urgefäß bezeichnet in dem Feuchtigkeit und Luft erzeugt und ineinander verschränkt wurden, bis beides den Mund verließ, um alle weiteren Kreaturen hervorzubringen.
Nicht erste Unterscheidungen und „Es-werde-Befehle“ kamen aus dem Göttermund, sondern eine schaumige, bimaterielle prima materia.
Immerhin bereiten solche Ansätze von ferne her einen Begriff von Aphrogenie vor, der ermutigt, nicht nur nach Göttererzeugung zu fragen, sondern auch nach einer Mensch-entstehung aus Luftigem, Schwebendem, Gemischtem, Inspirierten. Es bleibt im folgenden zu zeigen, dass Schaum -in einem zu konsolidierendem Sinne des Wortes- die Matrix der humanen Tatsache insgesamt bildet. Wir sind der Stoff, aus dem die Schäume gemacht sind.
Naturschäume, Aphrosphären
Im physikalischen Kontext versteht man unter Schäume Vielkammersysteme von Gaseinschlüssen in feste und flüssige Materialien, deren Zellen durch filmartige Wände voneinander getrennt sind. Der belgische Physiker Joseph Antoine Ferdinand Plateau formulierte wichtige bis heute anerkannte Gesetze für die Geometrie der Schäume die ein Minimum an Ordnung in das scheinbare Chaos schaumartiger Blasenansammlungen trugen.
Die Ecken werden durch drei exakte Filmwände gebildet; je zwei davon bilden einen Winkel von 120 Grad; genau vier Ecken konvergieren in einem Punkt. Die Existenz von Seifenhäuten beruht auf eine Oberflächenspannung des Wassers die schon von da Vinci festgehalten wurde. Der Brite Ch.Vernun Boys stellte die optischen Eigenschaften von nassen und trockenen Schäumen in einer Farbenlehre dar. Dadurch zogen die Wunder des Regenbogens in viktorianische Kinderzimmer.
Im 20. Jhdt trat die Zeit in die Analyse des Schaums ein. Wir lernten, dass Schäume Prozesse sind und dass im Inneren des Vielzellenchaos unaufhörliche Sprünge, Umschichtungen und Reformatierungen geschehen. Diese Unruhe hat eine Richtung – sie führt zu höherer Stabilität und Inklusivität. In diesem aktiven Fachwerk aus labil-stabilen großen Polyedern kann potenziell keine einzige Zelle mehr platzen, ohne das Gesamtgebilde mit ins Nichts zu nehmen.
In dieser tragischen Geometrie ist zwischen den übriggebliebenen ko-isolierten Räumen eine so hohes Maß an Binnenspannung oder Tensigrität erreicht, das ihr gemeinsames Existenzrisiko durch eine Kofragilitätsformel ausgedrückt werden kann. In diesen Schäumen gibt es keine Mittelpunktzelle. In den Raumtheorien der Physik und für Prozesse von galaktischem, ja kosmischem Ausmaß hat das Vielkammern-System und die Schaum-Metapher Karriere gemacht.
Das 21. Jhdt kündigt sich als das century of the foam, als Jahrhundert des Schaums an. Das Thema kommt in immer mehr Wissenschaften zum tragen, aber keine billigt der morphologischen Potenz des Schaums eine größere Rolle zu als die Zell-Biologie. Für sie ist die Entstehung des Lebens aktuell eine „spontane Schaumbildung“. Nach ihr bildeten sich in der Frühzeit der noch unbelebten Erde blasenförmige Hohlräume und sorgten für eine Trennung von Innen und Außen. Sonnenenergie, die durch die Tröpfchen floß führte zu den Gebilden, die lebendige Zellen wurden.
Sie bilden nach der Sprechweise der systemischen Biologie „halboffene Systeme“, die selbst- und umweltsensitive Reaktionsräume prozessieren. Das Geheimnis des Lebens ist mit dem Raum-, dem Sphärengeheimnis eng verbunden. Die Geschichte des Organischen beginnt als Verdichtung und Verkapselung: Unter kugelförmigen Membranen sammelt sich das Mehr, das Leben heißen wird. Der Raum ist unterwegs zum Selbst, das gegen Äußeres Position einnehmen kann. Eigensinn an unerwarteter Stelle.
Sollte schon beim primitivsten Leben der geheimnisvolle Weg nach innen führen?
Humanschäume
Diese Seite des Schaumes beginnt für Sloterdijk mit dem Eintritt in anthropologische und kulturtheoretische Kontexte. Damit ist im Wesentlichen der Zeitabschnitt gemeint, in dem sich das alteuropäische Weltbild der einen Kugel, des einen Gottes, einem von ihm gewollten weltlichen Herrscher mit dem einen für alle und jeden „zugewiesenen“ unverrückbaren Platz abnutzt und aus vielerlei Entwicklungen in ein neues Zeitalter übergeht das man nun „die Moderne“ nennen wird und an dessen Ufern wir heute nach über 500 Jahren stehen. Bald schon spricht man nicht mehr vom Kosmos, vom König-Reich und einer gottgewollten Ordnung, sondern vom Staat, den Bürgern, den „Gesellschaften“.
Die Versammlung der zahllosen (eigen-) (endo)kosmischen „Seifenblasen“ (s. die Einstiegsgeschichte in Band I) ist also nicht mehr als der Monokosmos der Metaphysik zu denken, in dem die Fülle des Seienden unter einem allgemeinsamen Logos zusammengerufen wurden.
An die Stelle der philosophischen Über-Seifenblase, der All-Monade der Einen-Welt, dem zentrischen Delirium, tritt eine polykosmische Agglomeration, eine Versammlung von Versammlern als semi-opaker Schaum aus weltbildenden Raumkonstruktionen.
Also Systeme oder Aggregate von sphärischen Nachbarschaften, in denen jede einzelne „Zelle“ einen selbstergänzenden Kontext bildet, einen intimen, von dyadischen und pluripolaren Resonanzen gespannten Sinn-Raum oder einen „Haushalt“, der in seiner jeweiligen eigenen, nur von ihm und in ihm selbst erlebbaren Animationen schwingt.
Wo sich Orte dieses Typs formen, ist das Aufeinander-hin-Existieren der nahe Vereinigten jeweils als das eigentliche Agens (gestaltende) der Raumbildung wirksam; die Klimatisierung des koexistentiellen Innenraums erfolgt durch die reziproke (wechselseitige) Extraversion (aufeinander hin) der Symbioten (Beteiligten), die wie ein Herd vor dem Herd (es wird zweimal gekocht: in der gemeinsamen Stimmung und auf dem Feuer) das gemeinsame Interieur temperieren.
Im Schaum gilt das Prinzip der Ko-Isolation, nach dem ein und dieselbe Trennwand jeweils zwei oder mehr Sphären als Grenze dient und im menschlichen Feld ebenso eine reziproke Isolation, Trennungen und Immunisierungen bewirkt. Gerade hier gehört es zu den Besonderheiten, dass die Vielfach-Ko-Isolation der Blasenhaushalte in ihren multiplen Nachbarschaften ebenso gut als Abschließung wie als Weltoffenheit beschrieben werden kann: benachbart und unerreichbar, verbunden und entrückt.
„Gesellschaften“ sind nur als unruhige und asymmetrische Assoziationen aus Räume-Vielheiten und Prozess-Vielheiten verstehbar, deren Zellen weder wirklich vereint noch wirklich getrennt sein können.
Wie im intra-systemischen einzel-Gehirn die Assoziationen sekündlich-minütlich, stündlich, täglich ihre Purzelbäume schlagen, so im Größeren und Großen -Familien, Gruppen, Gesellschaften die in ihrem schaumigen Verbund zum Aufgehen und Platzen der lokalen und globalen Assoziationsblasen führt.
Nur solange „Gesellschaften“ sich als genetisch oder theologisch substanzielle Nationalvölker hypnotisieren, betrachten sie sich als Monosphäre: leben sie in verzauberten Räumen mit imaginärer Immunität und mit magischer Erwählungs-gemeinsamkeit. Der Anfang von Wissen liegt dann in der Entscheidung, diesen Zauberkreis zu verlassen. Denn wer über „Gesellschaft“ reden will, muss diesen Zauberkreis, diese Wir-Benommenheit, verlassen um zu „sehen“ das Völker flüssiger, hybrider, undichter, promiskuitiver verfasst sind, als ihr homogener Name suggeriert.
Sloterdijk versteht unter Gesellschaften: Aggregate aus Mikrosphären (Paare, Haushalte, Betriebe, Verbände) die wie einzelne Blasen in einem Schaumberg aneinander grenzen und sich über- und untereinander schichten, ohne füreinander wirklich erreichbar noch voneinander effektiv trennbar zu sein. Sie haben keine Türen, vielleicht nur Blindfenster die auf einer Außenszene gemalt sind. Die Blasen im Schaum sind selbstbezüglich verfasste Mikrokontinente. Scheinbare Gemeinsamkeiten sind gemeinsame Nachahmungswellen und analoge Medienausstattungen. Zwischen ihnen herrscht -hinter „Masken“- Isolation, denn
-„wahre“- Kommunikation würde Kollision bedeuten.
Ihre Abstimmung geschieht nicht im direkten Austausch zwischen den Zellen, sondern durch die mimetische Infiltration von ähnlichen Mustern, Erregungen, infektiösen Waren und Symbolen in jede einzelne Zelle.
Die Zelle besteht aber nicht aus einem abstrakten Individuum, sondern in einer dyadischen –in jedem stecken zwei (s. Band I) – oder multipolaren Struktur. Ihre Monaden (Einzeller) sind Dyaden (mindestens zwei) oder komplexere Seelen-räumliche, gemeindliche und mannschaftliche Gebilde. Die Schaumzellen- “gesellschaft“ ist ein trübes Medium, das eine gewisse Leitfähigkeit für Informationen und Durchlässigkeit für Stoffe besitzt. Ausgießungen unmittelbarer Wahrheiten werden von ihm nicht weitergeleitet.
Umfassende Übersichten stehen nicht zur Verfügung. Nachrichten sind selektiv übertragbar, Ausgänge ins Ganze gibt es nicht. Super-Visionen auf die Eine Welt unmöglich – und recht verstanden auch nicht wünschbar. Jede Lage im Schaum schafft eine Verschränkung von Umsicht und Blindheit. Jedes In-der-Welt-sein eröffnet eine Lichtung im Undurchdringlichen.
Die Wendung zur pluralistischen Ontologie wird vorbedacht von der modernen Biologie und Metabiologie.
„Jedes Lebewesen besitzt eine Spezialbühne, die genauso real ist wie die Spezialbühne des Menschen“…(Jakob von Uexküll)…eine polykosmische Agglomeration, eine Versammlung von Versammlern als semi-opaker Schaum aus weltbildenden Raumkonstruktionen.
„Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen“ hieß eine 1888 erschienene Gedichtsammlung von Edwin Bormann.
Die Schäume in der Zeit des Wissens
Die zarten Dinge werden spät Objekt. Das ist es, was sie mit den zahlreichen Selbstverständlichkeiten gemeinsam haben, die erst zur Auffälligkeit reifen, wenn sie verloren sind, und verloren sind sie in der Regel von dem Augenblick an, in dem sie in Vergleiche gezogen werden durch die sie ihre Gegebenheiten einbüßen:
die Luft die wir gedankenlos atmen, die von Stimmungen gesättigten Situationen, in denen wir unbewusst existieren, die offenkundigen Atmosphären in denen wir leben, weben und sind sie alle stellen Spätankömmlinge im thematischen Raum dar, weil sie eine stumme Hintergrundausstattung im thematischen Raum bilden und bildeten.
Bisher als diskrete Vorleistungen des Seins hingenommen, mussten sie Gegenstände der Sorge geworden sein, bevor sie zu solchen der Theorie gerieten.
Sie mussten als fragil, verlierbar und zerstörbar erlebt werden, ehe sie zu bearbeitbaren Aufgabenfeldern avancierten. Der Hintergrund bricht sein Schweigen erst, wenn Prozesse im Vordergründigen seine Tragkraft überfordern.
Wie weit musste es kommen, das Resonanzphänomene und interpsychische Verschränkungen in Beseelungsräumen zur Sprache gebracht werden konnte? Wieviel Verwüstung hingenommen werden, bis die konstitutiven Bedeutung von hinreichend guten Paarbeziehungen und Familienverhältnissen mit Respekt beschrieben werden konnten?
Alles sehr Explizite wird dämonisch.
Wehe dem, der Wüsten birgt: jetzt muss künstlich nachgebaut werden was früher als natürliche Ressource gegeben schien. Nun wird der Bedarf für Kulturwissenschaft für die Arbeit in Kulturtreibhäusern manifest.
Um absolut zeitgenössisch zu sein, müssen wir voraussetzen, dass kaum noch etwas vorauszusetzen ist. Den Selbstverständlichkeiten wurde der Garaus gemacht. Sie werden zur sozialpolitischer Dauersorge. Wo „Lebenswelt“ war muss Klimatechnik werden.
Revolution, Rotatation, Invasion
Die Dämonie des Expliziten wächst in dem Maße, wie die Moderne den Fortschritt im Bewusstsein der Künstlichkeit vollzieht. Wenn Hintergründiges, bisher Unerwähntes zur Vorlage gebracht und ausgewalzt werden, dann zeugen diese Vorgänge von der radikal veränderten Stellung der Wissenden zu den jetzt gewussten Gegenständen, die früher anders oder nicht gewusst wurden.
Was in diesem Zusammenhang „Revolution“ bedeutet, kann mit einem Blick auf die Durchbrüche und Freilegungen der Anatomen hinsichtlich des menschlichen Körpers erfasst werden. Dem herkömmlichen Dunkel der Eigenleiblichkeit werden nun die Organkarten und Bau-Zeichnungen der inneren Maschinenwelt gegenübergestellt. Ich muss jetzt auf anatomische Karten schauen um ihre Botschaft annehmen: Das bist du!
Und von nun an kann nichts mehr zurück in die Naivität des Daseins vor dem Operieren-Können. Neuzeit ist Anatomenzeit, Zeit der Schnitte, der Invasionen, der Penetrationen, der Implantationen in den dunklen Kontinent, die ehemalige Lethe. Das E x p l i z i t m a c h e n ist kein reiner Diskurs.
In der „Neuzeit“ operieren Subjekt sich selbst mit Karten über das eigene die ihnen Angriffspunkte des Selbst-Eingriffs vorzeichnen. Ein unvermeidlich unvollkommenes doch stets erweiterbares Durchgreifenkönnen in den eigenen somatischen und psychosomatischen Innengrund.
Wenn Implizites explizit wird: Phänomenologie
Der Haushalt des Wissens gerät durch unaufhörliche Invasionen der Intelligenz ins Verborgene in Bewegung: d. h. für die Tradition: das den Menschen die Ankunft der Gegenstände nicht auf einmal enthüllt werden sollten. Das Explizite knüpft am Impliziten an, wird eine Geschichte, eine Erzählung, vom Druck ausführlicher Erwähnung und Entwicklung entlastet, nicht schon im nächsten Augenblick abrufbar,
nicht vom Diskursregime mobilisiert.
Wo sie anspruchsvoll wird, trägt sie einen Namen: Phänomenologie: Gegenstände treten in Erscheinung und machen sich bereit für die logische Würdigung. Der Zeitpfeil des Denkens strebt auf höhere Explizitheit zu, mobilisiert die Argumente, der epistemische Zeitgeist hat zum Einsatz gerufen. Die wahre Geschichte des Wissens hat die Form des Phänomen-Werdens von vormals Nichterschienenem – des Übergangs vom Unbeleuchtetem in Beleuchtendes oder von Schattengegebenheiten in Vordergrund-Thematik. Reales Wissen: So nennen wir die Diskurse, die die lange Nacht der Implikationen durchlebt haben und sich im Tag des Thematisch – Ausgebreiteten tummeln.
Der Glaube des alteuropäischen Wissenszuwachses stützte sich auf die Unterstellung, dass das spätere Wissen nichts anderes ausbreitet als das, was in den frühen Implikationen mitgegeben war. Phänomenologen verbreiteten die gute Nachricht, es gäbe kein Außen, dem nicht ein Inneres entspräche, kein Fremdes das nicht durch Aneignung ins Unsere eingearbeitet werden könnte. Noch im 15. Jhdt dachte Nikolaus von Kusanus an die Symmetrie von „Gott in einem Punkt“ bis zu „Gott als Entfaltung der All-Kugel“ und seinem menschlichen Mit-Denken-Können auf dieser großen Analogie.
Wo der Optimismus in der alten Zeit den Ton angab, war man von der Verträglichkeit des neuen Wissens mit dem alten, erprobten, bewährtem überzeugt. Wie aber, wenn sich zeigen ließe, das mit dem Explizitwerden des Impliziten zuweilen etwas völlig eigensinniges, Fremdes, Andersartiges, etwas nie Mitgemeintes, nie Erwartetes und nie zu Assimilisierendes ins Denken eindringt? Wenn nicht mehr zutrifft, das das Subjekt im Neuen „zu sich“ käme? Ein bis zuletzt Fremdbleibendes, Äußeres, Ungeheures in die Ordnung des Wissens eindringt?
Ungeheures erscheint
Der Haushalt des Wissens gerät durch unaufhörliche Invasionen der Intelligenz ins Verborgene in Bewegung: d. h. für die Moderne: alles Explizit machen, mitgerissen vom Strom der vom Hintergrund in den Vordergrund fließt, heißt Forschung. In dieser Zeit sah sich die Phänomenologie als Rettungsdienst für die Phänomene in einer Zeit, in der die Erscheinungen nicht von selbst auffällig werden.
Nun fällt etwas nicht mehr „von selbst“ ins Auge, sondern wird durch Forschung, invasive Explikationen; Messungen, Maschinen, künstliche Sensoren, zur Sichtbarkeit befördert. Jetzt werden die Sachverhalten zum Erscheinen genötigt: wie etwa die anatomischen Tatsachen die seit dem 16. Jhdt kein Humanismus mehr in das runde Bild vom lesenden Menschen zu integrieren vermochte oder Mikroskope und Teleskope – zwei Höllenmaschinen fürs Auge- die die Vergrößerung –neben der Kartografie- als Erstschlagskapazität der Explikation ermöglichte, durch welche die bisher unsichtbare Welt unter Bildzwang gesetzt wird.
Noch bleibt eine Zeitlang die Suggestion intakt, das Wissen könne die Welt bewohnen wie der Bürger seine Villa. Aber all diese Neusichtbarkeiten: der aufgeschnittene menschliche und tierische Körper, Zellkerne, Atompilze, Innenansichten von Maschinen, Röntgenaufnahmen, Computertomografien, galaktische Fotografien…treten in die menschliche Wahrnehmung ein, als ob sie nur eine Fortsetzung der Unverhülltheit der ersten Tagesnatur wären: Sie sind es nicht!
Sie sind durch einen ontologischen Graben getrennt von der naturwüchsigen, umsichtig-duldsamen Erkenntnisbereitschaft menschlicher Umblicke in mehr oder weniger vertrauten Umständen. All das ist nicht –zumindest nicht für den ursprünglichen- menschlichen Wahrnehmungsapparat bestimmt.
Für dessen „Woher“ findet die Moderne unterschiedliche Erklärungen: aus dem Unbewussten oder der Latenz (dem „Schlaf“); aus dem Unwissen; aus der Verborgenheit in den Innenseiten des Faltenwurfs der Erscheinungen; oder aus irgendeiner anderen Fassung des kognitiven Noch-Nicht.
Infolge dieser Invasion sind das menschliche Gehirn, das menschliche Genom und die menschlichen Immunsysteme so theatralisch auf die epidemische (verbreitete) Bühne gestellt worden, das ihre Bildungs- und Sensationsmöglichkeit die „Modernen“ ständig in Atem hält. Diese Themen weichen so erheblich von dem ab was die idealistische Philosophie Selbstreflexion genannt hat so das die Vorstellung absurd wäre, diese Vorgänge seien Ausfluss menschlicher Bestimmungen.
Die neuen Besitztümer können nie in unser Eigentum übergehen, weil uns für alle Zeiten nichts fremder ist als die „eigene“ explizit gemachte Biomechanik.
Aber, jedes Vordergründigwerden von lange Latentem hat immer seinen Preis.
Denn das Streben nach Erkenntnis liegt ja seit Aristoteles offensichtlich in der Natur des Menschen.
Man mag dem 20.Jhdt. alles Üble nachsagen –nur nicht, dass es den Preis für solche Verfremdungen nicht gezahlt hätte. Keine andere Epoche kann eine so weit getrieben Expertise vorweisen in der Kunst, die Existenz von ihren vitalen Prämissen her zu vernichten.
Auf der Kehrseite werden die konstruktiven Erhaltungsbedingungen kultureller Räume sichtbar: technisch, künstlich, gestaltbar. Alles muss ausgehandelt werden, jeder und keiner will aber ein Wörtchen mitreden.
Wir sind nie revolutionär gewesen
Vor und nach 1917 tauschten oben und unten nicht die Plätze, nichts was auf dem Kopf stand wurde auf die Füße gestellt, nirgendwo wurden die Letzten die Ersten, nichts wurde umgewälzt nichts im Kreis gedreht. Vieles hat sich getan was aber eher für Paul Valerys These klingt: Die Franzosen - und eo ipso die Modernen hätten aus der Revolution eine Routine gemacht. Der wahre und wirkliche Grundbegriff der Moderne lautet nicht Revolution, sondern Explikation. Das ist für unsere Zeit der wahre Name des Werdens –dem man die herkömmlichen Modi des Werdens durch Drift, durch Nachahmung, durch Katastrophe und kreative Rekombination nachordnen oder zur Seite stellen kann.
Das gegenwärtige Zeitalter wälzt die Dinge, die Zustände, die Themen nicht um:
Es walzt sie aus. Es übersetzt das Monströse ins Alltägliche. Es erfindet Verfahren, um Unerhörtes ins Register des Realen einzubauen; es schafft die Tasten, die den Benutzern leichten Zugriff auf bisher Unmögliches erlauben. Es sagt den Seinen: Ohnmacht gibt es nicht; was du nicht kannst, kannst du lernen. Zu Recht heißt es das technische Zeitalter.
In den folgenden Kapiteln werden einige Kapitel aus der Katastrophengeschichte des 20. Jhdt repetiert um zu zeigen, durch welche Kämpfe und welche Traumata der menschliche Aufenthalt in atembaren Milieus zu einem Gegenstand expliziter Kultivierung hat werden müssen. Alle Wert-,Tugend-, Diskursethiken müssen hohl bleiben, solange sie nicht in die Klimaethik übersetzt sind. Ist der Terror der Vater der Wissenschaft von den Kulturen?
poetische einleitung luftbeben
gaskrieg oder: atmoterroristische muster
das 20. jahrdt brachte die praxis des terrorismus
das konzept des produktdesigns den umweltgedanken
daneben inkommensurable leistungen in den künsten
terrorismus stellte die interaktion
zwischen feinden auf neue grundlagen
produktdesign schleuste
den funktionalismus in die wahrnehmung
kunst brachte lebensaspekte und erkenntnisphänomene
in nicht bekannte nachbarschaften
alle drei beschleunigten die explikation
es begann am 22. April 1915 um 18.00 Uhr
chlorgase als kampfmittel der deutschen west-armee
gegen französisch-kanadische infanteriestellungen
nicht auf den körper des feindes sondern
auf dessen Umwelt zu zielen ist terror im zeitgemäßen sinn
Shakespeare „Ihr nehmt mir mein Leben,
wenn ihr mir die Mittel nehmt, wodurch ich lebe“
„moderne“ mittel
ökonomische ökologische psychosoziale
grund-bedingungen menschlicher existenz
nun vom feind her den entzug der lebensbedingungen
betreiben
der „neue“ terrorist versteht seine opfer besser
als sie sich selber
tauche opfer in unlebbares milieu
chemie gas zielt auf atmung
zentralnervöse regulierungen
temperatur tödliche strahlung
die entwicklung führte in forschung über
militärklimata giftwolkenkunde
d i e wissenschaft des 20. jhdt.
„blaukreuz“ durchdrang masken
„gelbkreuz“ beschädigte den organismus
erblindungen katastrophale nervöse dysfunktionen
atemnot höchste verzweiflung
wer das atmen nicht unterlässt
wirkt am eigenen tod mit
gaskrieg zwingt zu atmotechnischen
innovationen
klimabildende faktoren
in menschlichen aufenthaltsräumen
gerieten unter explikationsdruck
humanismus und terrorismus wurden aneinander gekettet
terrorismus verschmilzt person und sache
wird gewalt gegen menschen-umgebende sachen
ohne die personen nicht personen bleiben können
feindschaft: der wille zur auslöschung des gegners
terrorist ist wer sich die lebensbasis
des gegners erarbeitet und für die tat verwertet
nach 1918 gerieten bettwanzen singschnaken mehlmotte
kleiderlaus die landwirtschaft die reinraumschaffung
in mühlen schiffen kasernen lazaretten
schulen getreide- und saatgutspeicher
ins visier der chemiker
dem 1924 entwickelten und patentierten zyklon b
fehlte die wahrnehmungs-komponente
1939 starten gaskammerdemonstrationen
hitlers „endlösung der judenfrage“ kam mündlich kommunizierte
auf die tagesordnung ausgewählter ss-verbände
mit auftrag und eigeninitiative traten Hitlers treueste helfer
zum amoklauf der pflichterfüllung an
amok und routine das betriebsmerkmal von ausschwitz
wie dummheit auch das böse autohypnotisch
atemmanipulation wird kultursache
zunächst in den destruktivsten dimension
designerischen zugriff auf abgrenzbares mikroklimata
tod von menschen für menschen entworfen lege artis hergestellt
luftbeben
das primäre existenzmedium ist angetastet
der naivität überführt ab jetzt förmliche klimasorge
„mensch“ zum atmosphärendesign verdammt
reichweitenexplosion globalisiert kriege luft-waffe
bombadiert flächen legt teppiche unscharf wie gas
exakt genug für tödliche moralische zivilmassendestruktion
krieg offenbart seelisch vernichtbares
kernphysikalisches radioaktive materie
atompilze unsichtbare wellen
strahlenterror steigert unsteigerbar gedachtes
„rekordmarken“ der simultanauslöschungen
„hiroshimamasken“ starrten auf restewelt
die im lichtsturm entzogen
seins-zumutung am dunkelsten grenzwert.
niebemerktes niegewußtes in die manifestation gezwungen
philosphische lichtungen
soziologisches leben weben sein
machtlos naiv
immer kann nun etwas in der luft liegen
„mensch“ mißtraue den wahrnehmungen
willst du in toxischen welten überleben
paranoid sein wird erziehung
bioterror ist machbar herr nachbar
heimat keine gabe des seins
doch heimatdesign heimattechnik
heimatjuristen heimatpolitik
der „krieg“ wo ist er geblieben
er geht anders weiter
klimatisch radiophysikalisch neurophysiologisch
wetterherrschaft 2025
air / condition
surrealismus gehorcht dem imperativ:
modern besetzen will symbolische
dimensionen einnehmen
sein Ziel
schöpferische prozesse explizit machen
ihre quellgebiete technisch aufzuschließen
bewußte existenz
kontexttauchen in multi-mileu-gesellschaften
lieben „taucherausrüstungen“
soziale raumkapseln physisch-mentaler-immunität
sicherungen gegen systemische risiken technischer atmosphären
der technische zugang zum anderen Element ist alleine noch offen
phobischen zirkel:
angstüberwindung durch angsterzeugende technik
doch angst liefert auch schub für den fortgang vergeblicher prozesses
vornehmer:
sie fordert grundlagenforschung innovation in permanenz
die ästhetische moderne ein verfahren der gewaltanwendung
weder gegen personen noch sachen sondern
gegen ungeklärte kulturverhältnisse
ein prozeß der kein zurück zum bisher implizit
voraussetzbaren erlaubt
denn indoors-situationen benötigen zwingend
unterstützende „luftversorgungssystem“
atembare Luft wo auch immer:
physikalisch metaphorisch
atmen-notwendigkeit soweit die lunge reicht
in kulturellen motivations- und sorgenräumen
homo sapiens: zögling der luft
kulturwissenschaften des 20.jhrdt
von der beatmung sinn-abhängiger lebewesen
durch informierende und imperative milieus
technisch-naturwissenschaftlich-militärisch-juristisch-
architektonisch-bildnerische aspekte genießen
schwer einholbare vorsprünge vor kulturtheoretische begriffsbildung
am weitesten ausgearbeitet und alltagsrelevante
der wettebericht die „klimatologische lagebesprechung“
großkommunen werden dorfartige nachbarschaften
„das“ für die jahreszeit nicht das passende wetter ist
massen verwandeln sich zwischen heiligabend
und epiphanias zu wetterdissidenten
wetter läßt sich in rein naturwissenschaftlicher
haltung darstellen ohne rückgriff auf eine
transzendente intelligenz
der gott neuzeitlicher europäer ist klima-inaktiv
meterologie im bündnis mit progressiver subjektivierung
des wetters:
klimatische gegebenheiten beziehen sich immer mehr
auf die bevölkerungen denen das wetter in bezug auf ihre projekte
nicht gleichgültig ist
neuzeitliche menschen sind wetterklienten und wettermitverursacher
erlauben sich jetzt einzelurteile wo frühere stummer ergebenheit war
europäische kulturen - klimamächte -
im wetter begegnet man eigenen aktivitäten
als atmosphärendesigner und klimawärter
bitte nicht verwechseln mit heideggers „hüter des seins“
hier begegnet man der spur
eines zivilisatorischen projekts:
des erleichterten zugangs zu fossilen brennstoffen
den objektiven stützen der frivolität
ohne sie keine globale konsumgesellschaft
keinen automobilismus keinen weltmarkt für fleisch und mode
es gilt auch ohne natürlich-primären treibhauseffekt
eiswüste und leben:
nebeneffekt klimatischer verwöhnung
die verwöhnten leichtsinnig genug
ihre verwöhnung aufs spiel zu setzen
setzten auf risiko:
anthropogene übererwärmung
oder
zwischeneiszeit
vom 18. – 20. jhrdt die „entdeckung des offenkundigen“
ein zweiter griff nach popularisierung vormals
herrschaftlich-luxeriösen-frivolen
und aromatechnischen modifikation der atmosphäre
der übergang ins offensive air design
die verspätete einsicht:
menschliches In-der-welt-sein ist immer ohne ausnahme
in-der-iuft-sein
die gestaltung von atemumgebungen dehnt innenarchitektur auf
unmerkliche lebensmilieu des gas- und aroma-envierement aus
konsum und ereignisgesellschaft wird in treibhaus-passagen erfunden
wohnsucht sagt Benjamin
der unwiederstehliche trieb in beliebigen umgebungen „ein gehäuse zu prägen“
das „überzeitliche“ bedürfnis der uterus-simulation
das 20. Jhrd. großbauten un-wohnlich wohnlich
von häuslichkeit freigesprochen
Canetti lobt an Broch:
das vermögen jeden menschen ökologisch aufzufassen:
jede person eine singuläre existenz in eigener atemluft
von unverkennbarer klimahülle umgeben
in einen persönlichen „atemhaushalt“ eingegliedert
die vielfalt unserer welt zum guten teil auch aus der
vielfalt unserer atemräume
entfremdungsmotiv der moderne:
die atmosphärische getrenntheit einschluß in eigene „atemhaushalte“
schwererreichbarkeit durch die
andergestimmten andersumhüllten andersklimatisierten
zerspaltenheit der sozialen welt
in füreinander unzugänglichen eigensinn-zonen
ist das moralische analogon zur mikroklimatischen
„zersplitterung der atmosphären“
die ihrerseits einer zersplitterung der „wertewelt“ entspricht
Canetti erkennt in Broch:
den prophetischen warner
von einer menschheits-gefährdung ohne beispiel
im metaphorisch-physikalischen sinn
vom atmosphärischen her droht:
der wehrlosigkeit des atems
luft: die letzte allmende
sie kommt allen zu
auch der ärmste darf von ihr nehmen
dieses letzte uns allen gemeinsam
soll uns alle gemeinsam vergiften
der atmoterrorismus des ersten weltkrieg
habe sich nach innen gewendet
aus der gemeinsam geatmeten luft
dem äther des kollektiven
wird künftig die wahnverfallende gemeinschaft
den giftkrieg gegen sich selber führen ...soweit Broch
dämmerzustände
trendbefolger bewegen sich unter trance
toxische kommunion hält zusammen
identität durch gemeinsame bedrohtheit in der luft
totalitäre zirkuläre kommunikation
sie ist erfüllt von siegesträumen
gekränkter massen
rauschhaften emperie-fernen selbsterhöhungen
das verlangen nach erniedrigung ihrer gegner folgt wie ein schatten
leben im medienstaat
aufenthalt in von erlebnisgiften animierten gaspalast
die einzelnen: „schlafwandler“ im „sozialen tagtraum“ ihrer organisation
wie ferngesteuert zu bewegen sammeln sich unter parolen
und fahnen wie miteigentümer an luftschlössern
Brochs prophylaxe der mitgerissenheit:
lebbare rationalität eines „offenen systems“
alias demokratie oder gewaltenteilung der paniken und hysterien:
eine besiegung des siegs
und den siegestaumel ersetzen durch siegestrauer
weltseele in agonie -
das auftauchen des immunsystems
feldzug der moderne gegen natur luft atmosphäre kultur
kunst und leben
uralte „gegebenheiten“ offengelegt
in alten „lebenswelten“
einstürzende altbauten:
umwelt: verletzbar
kultur: parodierbar
erste natur: prothesierbar
gesellschaften: sehend und blind
menschen zum unausweichlichen aufenthalt in lauter
technisch machbaren gemachtheiten gelockt-gedrängt
wachsendes mißtrauen bleibt in suspektem getaucht
quasi-religiöses sichanlehnen ans umgebende primäre
eine verführung zur selbstgefährdung
naivität wird auffälig anstößig
pasteur und koch drängen menschliche existenz
zur symbiose mit unsichtbaren
prävention und abwehr dringen ins repertoire
gegen präzise aufgestellte mikrobische konkurrenten
atembare luft nicht mehr unschuldig
zeichen selbst wie besudelt kompromitiert
semantischen umwelten intellektuell unatembare zonen
immunsysteme werden thema
ganzheit integrität
bisher
produkt der umstände
wird
eigenleistung des organismus
durch abgrenzung eigene relevanzkreise ausgewählter dinge
nach-metaphysische ?
oder
anders-metaphysische zivilisation ?
ethik-umstellung
von
phantasmatisch-universal-friedlich-koexistenz
auf
antagonistisch-interessenwahrung-endliche einheiten
mißtrauenslernen verfärbt den sinn von rationalität
lehrjahre der nicht-hingabe
apriori-informationen werden kanpp
explizite setzung zeitgemäß
optionen ersetzen selbstveständlichkeiten
identität als prothese im unsicheren gelände
einzig „gesundheit“ unentäußerbar
nun „meine“ wankelmütige sicherheit
identität-durch-gesundheit fragil-fragwürdig
jene fein eingestellte labile struktur
biochemisch seit 100 Jahren das „immunsysteme“
biosystemische integrität profunde unwahscheinlichkeit
im körper okkulte kämpfe zwischen erreger und „antikörper“
die verantwortlichen des gesundheitsstatus
unser somatische selbst ein belagertes terrain verteidigt
von körpereigenen grenztruppen
mit wechselndem erfolg: so formuliert es die medizinische falkenfraktion
die taubenfraktion beschreibt das selbst und das fremde
als ineinander verschränkt allzu primitive abgrenzungsstrategien
sind eher kontraproduktiv zu gründliche erfolge
mutieren zu krankheitsgründen eigenen typs
die gefährlich tendenz des eigenen
sich im kampf gegen das andere zu tode zu siegen
jetzt meldet sich der mentale immunstatus:
die aufgeklärte gesellschaft weiß jetzt nicht nur was sie weiß
sonder braucht eine meinung wie sie damit leben will
es zeigt sich den modernen:
fortschritt im wissenkönnen bringt nicht automatisch Immunvorteile
wissen ist nicht einfachhin macht
dem wissenden wird klar was er am nichtwissen hatte
glauben - etwa
ein haltungswechsel
von schwächendem wissen zu stärkendem nichtwissen
in verbindung mit einer wohltuenden illusion
geborgenheit in naivität
der alarm-gesellschaft läuten die glocken 24/7
auf dauer kann bewußtsein nur ein oder zwei alarme bearbeiten
dann kommt die funktionale naivität
nicht alles kann bedacht werden was bedacht werden müsste
potentielles alarmwissen erlaubt sekundäre sorglosigkeit
eine formale stütze.
nietzsche stieß auf ein mentalen abwehrsystems:
dem operativen unbewußten
„ Die Kraft des Geistes, Fremdes sich anzueigenen,
offenbart sich in einem starken Hang,
das Neue dem Alten anzuähnlichen,
das Manigfaltige zu vereinfachen,
das gänzlich Widersprechende
zu übersehen und wegzustossen...
Diesem selben Willen
dient ein plötzlich herausbrechender Entschluss
zur Unwissenheit, zur willkürlichn Abschließung,
ein Zumachen seiner Fenster,
ein inneres Nein-Sagen
zu diesem oder jenem Dinge,
ein Nicht-heran-kommen-lassen,
eine Art Vertheidigungs-Zustand
gegen vieles Wissbare, eine Zufriedenheit
mit dem Dunkel,mit dem abschließenden Horizont,
ein Ja-sagen und Gutheissen der Unwissenheit...“
(Jenseits von Gut und Böse)
wo liebe zur weisheit war soll einsicht in die abstoßenden
nicht-integrierbaren eigenschaften zahlreicher
wahrer vorstellungen werden
in aufklärung müssen autoimmunitären paradoxien
des wissens mitgewußt werden ebenso die kosten
für idealistische aufschwünge
selbstwiderspruch und selbstschädigung gehören
zu den prämissen des erkenntnisfortschritts
der hinreichend vor sich gewarnte
gegen eigene bedürfnisse abgehärtete
erkennende
der den einflüsterungen
bornierter vitalvernunft widersteht
zwischenbetrachtung:
licht-zwang vorstoß zur artikulierten welt
making the immune systems explicit
das 20 jhrdt.eine baustelle
voller sicherheitsarrangements der existenz
förmlich gesicherte institutionen
disziplinen und routinen
für deren bewältigung rhetorische formeln:
technik segen und fluch
technikfurcht und technikhoffnung
nutzen und nachteil der entzauberten welt
unruhe und geborgenheit
gewalt gegen reales und mentales
kapitalismus heißt offene grenzen für zuzug von mechanischen
naturgeschichtlichen wissenschaftlichen einwanderern
aus unerfundenheit in erfundenheit
aus unentdecktheit in entdecktheit
zivilisation
lauter nicht-menschliche einquartierungen von
innovationen – elektrizität mikroben kunststoffe etc.-
jede invasion verstellt die gemeinsame welt
der antrieb: sozialer fortschritt
imitative wellen greifen auf lebenswelten über
nachahmungswellen schaffen kollektivverhältnisse
auch für aggresive mitbewohner
im „haus des seins“ ist platz auch für sie
die gesamte ökologie der europäischen zivilisation
durcheinandergeworfen
verändert form und richtung der
ereignisströme und handlungsroutinen
unterschiede die einen wirklichen
unterschied machen
nicht ontologie vom seienden als bestand
sondern ontologie als ereignisse
wo waren die expliziten dinge bevor sie offensichtlich wurden
die Menschen selbst – bisher ausgesetzt in die „natur“
nun bis in intimste dispositionen „zöglinge der luft“
geschöpfe von treibhauseffekte
mit neuen bewohnern
technische objekte
animalische symbionten
alle vollwertige mitglieder
forschung als systematisches wegarbeiten
von unenthültem
heimliche hauptereignisse des 20. jhrdts:
instrumentalisierte kernkraft
aufgedeckte immunsysteme
entschlüsselte gnom und
offengelegte gehirn
die zivilisation ist mit dem monströsen konfrontiert
Elias Canetti in seinen Aufzeichnungen:
„ Daß uns all die Zeit nicht glühend heiß war, von den Möglichkeiten, die wir nicht ahnten, welch ein Segen.
...Das Kleinste hat gesiegt...Der Weg zur Atombombe ist ein philosophischer...
(Elias Canetti: Die Provinz des Menschen, 1976)
Ende des Exkurses
wo also waren die immunsysteme vor ihrer „entdeckung“?
bio-systemischen immunität wirft einen langen schatten:
menschlich relevante integritätsvorstellungen eine fülle von „vorschlägen“
wie kämpfe um verletzte ganzheiten ordnungszustände
konzeptuell operativ rituell in form zu bringen sind
nicht grund- und bodenherrrschaften
müssen gesichert werden müssen
sondern animations- und kraftgemeinschaften
die sich offenbar aus einem kernbereich
einer verletzbaren peripherie zusammensetzen
vormetaphysische weltauslegung
ein guerilla-ontologisches konzept
welt als angriff und verteidigung
wirklichkeit ein patchwork aus mikrodramen
in den kriegslisten der kraftherde
das unformulierte konzept immunität
eingefaltet ins aufmerken
auf die kampfestüchtigkeit einer kraft
zelebrierte in zauberwett-bewerben sängerkriegen
metaphysische weltbilder
verlagern immunsystemvorgänge
vor zweieinhalbtausend jahren
aus den kombattanten kraftherden
in das erlebte innen das als psyche neu beschrieben wird
„seele“ umschreibt den motivwandel
bei der auslegung der inneren verteidigungs- und behauptungskräfte
jetzt werden die immanenten formkonstanten
die seelen im grenzkrieg mit nebenseelen
und nichtseelischem stärken
psyche
der folgenreichste vorschlag
für die latenzform -verborgenheit- von immunität
metaphysisch eine umstellung von abwehrkraft
auf formbewahrung
folglich heißt das erste attribut von seele „unsterblich“
auch „unverformbar“ „korrosionsbeständig“
eine innere stabilitätsprämie für homo metaphysikus
gegen existenzrisiken seines weltzustandes
das also ist d i e immunleistung der psychischen form:
unsterblichkeit
sie verhilft individuen zur überlegenheit über
bindungs-schauplätze
wahrheit (aletheia) ist immunitas
= höchstes gut
wahrheiten entdecken
unangreifbarkeit des lebens erfassen
wahrheit bleibt wahr
wissende werden anteilnehmer
an ihre transzendente stabilität
nur ein gott kann wissen wie rettung (immunisierung)
aller dinge (in der Welt) zu denken wäre
optimistisch die annahme
dass es ein solch übergreifendes gebe
die umstellung von
verteidigungskraft auf formsicherheit
schaft den archetypus des weisen und gerechten
der dank seelischer formerfüllung
ins immunitäre optimum gelangt
immunität
soziale unangegriffenheit
unbeflecktheit durch verbrechen
ein Weltalter lang ausgesprochen
der weise erfreut sich waffenlosen seinkönnen
aus reiner übereinstimmung
mit den formmitgiften der seele
integrität meint jetzt formerfüllung
römisches recht gewährte ein leben
im schutz der förmlichkeiten
eines entfalteten prozesswesens
radikalstes erstrebt weltseele
geistigen verteidigung und abwehr von
sinn- und formverlusten auf höchster stufe
der vollkommen runde weltkörper wird durch
weltseele überboten
von der es heißt sie die weltkörpermitte
durchdringe das all umkleide den weltkörper
folglich nicht seele im körper sondern körper in seele
platons weltseele das perfekte immunsystem
es absorbiert selbigkeit und andersheit ohne rest
was ihr „begegnet“ ist in gewisser weise vorgewußt
ihre immunleistung:
jeder information jeder invasion
jedem trauma voraus zu sein
weil sie von außen nichts erleiden kann
was in sie eindringen wollte
-von welchem außen kommend?-
ist bereist in ihr enthalten
sie benötigt kein lernen nur erinnerung
das geheimnis der metaphysik:
gleichsetzung der formen
mit der essenz des lebens
das empirirche leben
unter den schutz eines höheren lebens
in wahrheit jedoch dem toten
oder geistigen unterordnete
genauer dem was nicht sterben kann
weil es nie gelebt hat
dem reich der zahlen,
der proportionen, der ideen,
der reinen formen
der tödlichen simplifikationen?
das metaphysisch codierte konzept seele
das erste umfassende antibiotikum und analgetikum.
seine stärke die populärsten
wie die subtilsten interpretationen
zuzulassen
der trost der philosophie
die immunwirkungen solcher
formbetrachtungen
die einzelnen
aufgefordert ihren eigensinn zu opfern
sich dem walten eines gesamtplans
zu unterwerfen
sie will die einzelnen nicht langlebig sondern leichsterbig machen
das konzept wirbt für die aufhebung des kleinen im großen
mit sinn- und wärme-versprechen
erst der tiefe einschnitt des ersten weltkriegs bewirkt vollendet
die katastrophe des neu-europäisch
rezipierten weltseelegedankens
die europäische neuzeit
eine über-innovierte und deregulierte zivilisation
in der die kulturen des weltseeleglaubens
und progressive mechanistik
als ständige gegenseitige irritationen
in antagonistischen verschränkungen
ineinander existieren
die entdeckung der immunsysteme
ihre eingemeindung in die ökologie
des wissens der modernen „gesellschaft“
setzen die ablösung des klassischen holismus
durch eine organismus-und-umwelt-betrachtung
voraus
in der neuen denkform ließen sich
metaphysischen hingabezumutungen
poetische umarmungsbereitschaft
gegenüber dem all als angelegenheiten
privater stimmungen beiseite stellen
die wiener psychoanalyse übernahm ihre rolle
in diesem übergang von weltseele
zur selbstabgrenzung des einzelnen
mit der verdrängung des traumas und
den abwehmechanismen
war sie zu einem semi-immunologischen
standpunkt vorgestoßen
seit die immunstrukturen sich hinreichend entfalten
stehen mittel bereit die moderne „gesellschaften“
als vielheiten von immunraum-Produktionen zu beschreiben
- oder als schäume-
wir wollten, als bürger neuzeitlicher vernunftkulturen
noch Seelen sein und haben uns als benutzer
von Immunsystemen expliziert;
wir wollten an den unverwundbarkeitsgarantien
der form aller formen teilhaben und haben
uns als nervensystem bloßgestellt;
wir wollten uns im ganzen verankern und
haben uns in die vielheiten der systeme
mit ihren spezifischen umwelten zerstreut
wie wäre zu denken
wenn wir den rettbaren rest
des vormals metaphysisch
codierten verlangens nach
offenheit, kommunikation und
all-zusammenhang sichern wollen?
programm
was vor uns liegt
die menschlichen eigenraum-vielheiten
als form-prozesse zu kennzeichnen
bei denen abwehr und erfindung ineinander übergehen
gewissermaßen als sprechende schäume
als über sich hinaus träumende immunsysteme
menschliche haushalte als zellen im sozialen schaum
machen von defensiven vorrichtungen
und vielfältigen expansionsmechanismen
regen gebrauch:
von der einrichung eines wohnbehälters
knüpfung eines sozialen verkehrsnetzes
benutzerdefinierte weltbild-dichtung:
immunität mit offensiven zügen
selbstverteidigung durch kreativität
menschliche dauerarbeiten
an den eigenen lebenssphären
erzeugen die vielheiten aus blasen oder haushalten
deren staplungseffekt wir schaum nennen
durch diesen begriff von immunstrukturen wird die brücke
zwischen körpereigenen abwehrmechanismen
zum endo(binnen)atmosphärisch geschützten raums
dann zu kulturen als selbstklimatisierenden
und potentiell sebstvergiftenden lebensform-einheiten
begehbar
schaum eine metapher für theorieauffällige vielheiten
benachbart ineinandergeschoben übereinander-getürmen
lebensräumliche immunitätsimprovisationen:
moderner individualismus
das starke merkmal individualistischer lebensformen:
raumbildungen inmitten eines weltzustandes
versuchen zu müssen
der seiner extremen bewegtheit wegen
zur ständigen überforderung
angeborener wie erworbener immunstrukturen führt
nie zuvor war die aufrechterhaltung
der selbstaffirmation von so vielen zusatzleistungen
über das defensive niveau hinaus abhängig
deshalb der sinn von kreativität:
sorget nicht um die kreativität des nächsten tages
genug daß jeder tag seinen eigenen aufschwung habe
schaum erfaßt das alles im bild
nicht die gedrängte zerbrechliche nachbarschaft
auch die notwendige schließung jeder zelle in sich selbst
obwohl sie nur als benutzer gemeinsamer trenninstallationen existieren können nachbarschaft und getrenntheit -ko-isolation- ein sachverhalt ohne den groß“gesellschaften“ unverständlich bleiben
schäumen kehrt eigenvolumen
der kommunizierenden einheiten hervor
die relative eigengesetzlichkeit von sinnproduktionen
und ihre abkoppelung von sozialen funktionen
ohne das auseinanderfallen von gesellschaftsstruktur
und semantik keine freiheitserfahrungen
die funktion des dysfunktionalen:
spielraum fürs individuelle zu eröffnen
nachahmung ist eine fernzeugung (Gabriel Tarde)
„nachbarn“ heißen jetzt die anwender analoger immunisierungsstrategien
gleicher kreativitätsmuster verwandter überlebenskünste
das ergibt eine betriebswirtschaftslehre für zivilisationstreibhäuser:
eine atmosphärenethik
das gute gilt als das atembare; sie dürfte auch seifenblasenethik heißen
ihr merkmal:
das zerbrechliste als ausgangspunkt der verantwortung
rechnet personen und kulturen die atmosphärische wirkungungen
ihres handelns zu;
hebt die klimaproduktion als zivilisatorischen kernprozess hervor
Einleitung Luftbeben
Was hat uns das 20. Jhdt neben seinen inkommensurablen Leistungen in den Künsten eingebracht?
1. Die Praxis des Terrorismus
2. Das Konzept des Produktdesigns
3. Den Umweltgedanken
Durch das erste wurde die Interaktion zwischen Feinden auf postmilitärische Grundlagen gestellt;
durch das zweite gelang dem Funktionalismus der Wiederanschluss an die Wahrnehmungswelt;
durch das dritte wurden Lebens- und Erkenntnisphänomene in einer bisher nicht bekannten Tiefe aneinandergeknüpft.
Alle drei zusammen markieren die Beschleunigung der Explikation – der aufgedeckten Einbeziehung von Latenzen oder Hintergrundgegebenheiten in manifeste Operationen.
1. Der Gaskrieg – oder: Das atmoterroristische Muster
Wann und womit hat es begonnen? Exakt am 22. April 1915 um 18.00 Uhr mit dem ersten Großeinsatz von Chlorgasen als Kampfmittel der deutschen West-Armee gegen französisch-kanadische Infanteriestellungen.
Es wird das Zeitalter dessen entscheidender Gedanke darin bestand, nicht mehr auf den Körper eines Feindes, sondern auf dessen Umwelt zu zielen. Dies ist der Grundgedanke des Terrors im expliziteren und zeitgemäßeren Sinn. Shakespeare lässt Shylock im Kaufmann von Venedig sagen: „Ihr nehmt mir mein Leben wenn ihr mir die Mittel nehmt, wodurch ich lebe.“
Unter den Mitteln sind neben den ökonomischen heute auch die ökologischen und psychosozialen Bedingungen menschlicher Existenz in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit gerückt: von der Umwelt des Feindes her den Entzug seiner Lebensvoraussetzungen zu betreiben. Dieser „neue“, umwelttheoretisch modernisierte Terror unterscheidet sich von allen anderen Varianten (Bomben -anschlägen, Diktatorenterror, Desperardoterror) darin, dass der „neue“ Terrorist seine Opfer besser versteht, als sie sich selber verstehen.
Man liquidiert seinen Gegner, indem man ihn hinreichend lange in ein unlebbares Milieu taucht.
Hieraus entsteht der chemische Krieg, der Gaskrieg als Angriff auf die umwelt-abhängigen Vitalfunktionen des Feindes, namentlich Atmung, zentralnervöse Regulierungen und lebbare Temperatur- und Strahlungsverhältnisse durch Attentate auf die umweltlichen Lebensvoraussetzungen des Feindes. Auch wenn „gestandene“ Soldaten darin eine entwürdigende Degeneration der Kriegsführung sahen. Die konnten nun im klassischen Sinne keine „Treffer“ mehr verbuchen, weil das Ziel die „Atmosphäre“ -hier die Luftumgebung- des Feindes wurde. Es entsteht die „hinreichende Genauigkeit“, d. h. Nahe genug am Feind.
Im Gefolge der ersten Erfahrungen mit dieser Art Kriegsführung schoss eine Militärklimatologie aus dem Boden. Bei den ersten Versuchen verflüchtigte sich z. B. das verwendete tödliche Gemisch zu schnell. Giftwolkenkunde ist die erste Wissenschaft mit der das 20. Jhdt. seine Identitätsurkunde übergibt.
Die blitzartige Entwicklung von Militär-Atemschutzgeräte verriet die Anpassung der Truppen an die Lage. Ebenso liegt hier ein erster Schritt zum Prinzip Klimaanlage.
Darauf hin entwickelten deutsche Chemiker das Gas „Blaukreuz“ das die Masken durchdrang. Gleichzeitig führten deutsche Truppen ein Kampfgas „Gelbkreuz“ ein, das bereits in geringen Mengen und bei Hautkontakt oder Berührungen mit Schleimhäuten und Atemwegen schwere Beschädigungen des Organismus –Erblindungen, katastrophale nervöse Dysfunktionen- hervorrief. Zu den bekannteren Opfern gehörte Adolf Hitler.
Im Gaskrieg werden tiefste Schichten der biologischen Kondition von Menschen in die Attacke auf sie einbezogen: Die unaufhebbare Gewohnheit wird so gegen den Atmenden gekehrt, dass diese zu unfreiwilligen Komplizen ihrer Zerstörung werden. Es löst im Angegriffenen die Verzweiflung aus, durch das Nichtunterlassenkönnen der Atmung zur Mitwirkung bei der Auslöschung des eigenen Lebens gezwungen zu sein.
Mit dem Phänomen Gaskrieg wird eine neue Explikationsebene für klimatische und atmosphärische Prämissen menschlicher Existenz erreicht: Die Immersion der Lebenden in einem atembaren Milieu zur förmlichen Ausarbeitung gebracht. Auch ist das Prinzip Design miteinbezogen, weil der Gaskrieg zu atmotechnischer Innovationen zwingt.
Im Gefolge zog eine schwarze Meteorologie herauf, die sich mit den „Niederschlägen“ ganz besonderer Art befasste.
Entscheidend war, dass die Technik mittels Gasterrorismus in den Horizont eines Designs für das Ungegenständliche durchbrach –wodurch Latenzthemen wie physikalische Luftqualität, künstliche Atmosphärenzustände und sonstige klimabildende Faktoren in menschlichen Aufenthaltsräumen unter Explikationsdruck gerieten.
Durch die progressive Explikation sind Humanismus und Terrorismus aneinander gekettet.
Der Terrorismus hebt die Unterscheidung von Person und Sache auf. Er ist Gewalt gegen jene menschen- umgebenden Sachen, ohne welche die Personen nicht mehr Personen bleiben können.
Der Feind wird als ein Objekt in der Umwelt expliziert, dessen Entfernung einer Überlebensbedingung das System gleichkommt. Die Technik bringt das Wesen der Feindschaft militärisch auf den Punkt: Sie ist nichts anderes als der Wille zur Auslöschung des Gegners.
Terrorist ist, wer sich seinen Explikationsvorsprung hinsichtlich der impliziten Lebensvoraussetzungen des Gegners erarbeitet und für die Tat verwertet.
Das im Ersten Weltkrieg erworbene kampfklimatologische Verfahrenswissen nahm naturgemäß spätestens vom November 1918 an den Umweg über dessen „friedliche“ Nutzung.
Jetzt gerieten die Bettwanzen, die gemeine Singschnake, die Mehlmotte, die Kleiderlaus und die Förderung der Landwirtschaft durch Schädlingsbekämpfungs- mittel und die Reinraumschaffung in Mühlen, Schiffen, Kasernen, Lazaretten, Schulen, Getreide- und Saatgutspeicher ins Visier der Berliner Chemiker.
Die Nichtwahrnehmbarkeit der Gase wurde durch Beimischungen von wahrnehmungs- wirksamen Gasen behoben und unter dem Namen Zyklon A auf den Markt gebracht. Auch dies war insofern ein „Designergas“ weil es zur Wiedereinführung von nicht wahrnehmbaren oder abgeblendeten Produktfunktionen in die Benutzerwahrnehmung.
Philosophisch: Eine Re-phänomalisierung des Nichterscheinenden.
Dem 1924 von einer Hamburger Firma entwickelten und patentierten Zyklon B fehlte dann diese Wahrnehmungs-komponente.
Einer der beiden Firmengründer war von 1915-1920 im Berliner Institut beschäftigt und belegt die Kontinuität der neuen Entwesungspraktiken jenseits von Krieg und Frieden. Nach Kriegsbeginn 1939 hielt die Firma Desinfektionslehrgänge für Wehrmachtsangehörige und Zivilisten ab. Bei diesen spielte auch Gaskammerdemonstrationen eine Rolle.
Der US-amerikanische Staat Nevada nahm am 8. Februar 1924 eine erste „zivile“ Gaskammer zur Durchführung von vorgeblich human-effizienten Hinrichtungen in Betrieb mit Vorbildwirkung auf elf weitere US-Staaten. Die Hersteller konnten auf die Schwankungen der Anwendungsmoral jeweils flexibel reagieren.
Im Konzept der Gas-Exekution zeigt sich, dass nicht alleine der Krieg als Explizitmacher der Dinge wirkt; derselbe Effekt folgt ebenso häufig aus dem umweglosen Humanismus, der seit Mitte des 19 Jhdt. die amerikanische Spontanphilosophie ausmacht und in ihrer akademischen Version zu Pragmatismus wird. In ihrem Willen, das Wirksame mit dem Schmerzlosen zu verbinden, ließ sich diese Denkweise nicht beirren durch Exekutionsprotokolle, die von beispiellosen Qualen mancher Gaskammer-Delinquenten sprechen.
Als Heidegger 1927 in Sein und Zeit mit ontologischer Umständlichkeit von einem Existenzzug des Seins-zum-Tode sprach, hatten amerikanische JVA-Beamte und Exekutionsärzte schon einen Apparat in Betrieb genommen, der das Atmen-zum-Tode zu einem ontisch kontrollierten Verfahren machte.
Der Schauplatz für die Gaskammerideen auf der deutschen Seite war von SS-Intelligenz und Beratern der deutschen Schädlingsbekämpfungsindustrie besetzt und vom Mandat aus der Berliner Reichskanzlei, mit der die Freiheit der Wahl auch „ungewöhnlicher Mittel“ in dieser Frage gewiss sein durfte.
Mit Hitlers Beschluss zur „Endlösung der Judenfrage“ kam der Befehl durch mündlich kommunizierte Geheimbefehle auf die Tagesordnung ausgewählter SS-Verbände. Mit diesem Auftrag ausgestattet, die ihrer Eigeninitiative weiten Spielraum ließ, traten Hitlers treueste Helfer zum Amoklauf der Pflichterfüllung an.
Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die äußerste exterministische Zuspitzung deutscher „Judenpolitik“ nach 1941 durch die Ungeziefermetaphorik vermittelt war, die seit den frühen zwanziger Jahren eine konstitutiver Bestandteil der von Hitler geprägten NS-Partei-Rhetorik gebildet hatte und von 1933 an zu einer gleichsam offiziellen Sprachregelung in der gleichgeschalteten Öffentlichkeit aufstieg. Den Vorsprechern gelang es, ihre idiosynkratische Form des exzessiven Antisemitismus als eine spezifische deutsche Ausprägung vorgeblicher Hygiene, wenn nicht zu popularisieren, so doch auf breiter Basis duldbar oder nachahmbar zu machen.
Im Kern war das die agierte Metapher „Schädlingsbekämpfung“ in Kombination mit „Sonderbehandlung“. Letztere meint die umweglose Applikation von Verfahren der Insektentilgung auf menschliche Populationen. Im extremen Pragmatismus der Exekutoren gingen das psychische Agieren einer Metapher und das dienstlich gleichmütige Durchführen von Maßnahmen nahezu ohne Reibung ineinander über.
Die Holocaustforschung hat zu Recht in der Fusion von Amok und Routine das Betriebsmerkmal von Auschwitz erkannt. 1941 wurden Juden als alleiniger „Seuchenträger“ bezeichnet. Goebbels spricht in seinen Tagebüchern von „Juden als Läuse der zivilisierten Menschheit“. Hier zeigt sich, dass Goebbels wie ein Agitator mit sich selbst wie vor einer Menge sprach.
Wie die Dummheit ist auch das Böse autohypnotisch.
2. Zunehmende Explizitheit
Mit diesen beiden atmoterroristischen Prozeduren dem Gaskrieg 14/18 und dem genozidischen Gas-Exterminismus von 41/45 treten die Umrisse einer Sonderklimatologie hervor. Atemmanipulation wird zur Kultursache –wenn auch zunächst in der destruktivsten Dimension.
Sie trägt von Anfang an Züge des designerischen Zugriffs durch ein exakt abgrenzbares Mikroklimata des Todes von Menschen für Menschen entworfen und lege artis hergestellt.
Bis dahin war das durchschnittliche In-der-Welt-sein ein tiefgewisses und selbstverständliches In-der-Luft sein, genauer Im-Atembaren-Sein und unhinterfragbar sicher, allenfalls im poetischen, physikalischen oder medizinischen Kontexten problematisiert und beachtet.
Das 21. Jhdt wird -soviel ist absehbar- in neue Ausdrücklichkeiten vorstoßen.
Luftbeben: Mit dem Explizitwerden der Luft-Klima und Atmosphärenverhältnisse wird das Ur-Vorteil der Existierenden zu Gunsten des primären Existenzmediums angetastet und der Naivität überführt.
Ab jetzt sind sie zur förmlichen Klimasorge und zum Atmosphärendesign verdammt.
Bevor diese Aufgabe sich stabilisieren konnte, waren weitere Explikationen des Atmoterrorismus zurückzulegen. Dabei ist von einem zentralen Phänomen der Luftwaffe philosophisch zu reden deren Name ja die Zuständigkeit für Eingriffe in atmosphärische Tatsachen bekundet. Militärflugzeuge wie später Raketenartillerie heben die immunisierende Wirkung der räumlichen Entfernung zwischen Armeegruppen auf. Sie erzwingen Zugang zu Objekten die auf dem Boden kaum oder nur unter hohen Opfern erreichbar wären.
Ohne diese Reichweitenexplosion durch Luftwaffen bleibt die Globalisierung des Krieges mittels teledestruktiver Systeme unerklärlich. Sie sind einer schwarzen Meteorologie zuzurechnen: menschengemachten Sonderniederschlägen zur Erschließung des Luftraumes für atmoterroristische und para-artilleristische Aufgaben. Insbesondere die einseitigen und unerwiderbaren Luftschläge, präzise oder als Flächenbombardierung – als Unschärfe in Analogie zur Gaskrieg-Unschärfe-: nah genug ist operativ so gut wie exakt.
Die Metapher vom Bombenteppich kam in aller Munde. Bebaute und bewohnte Flächen wurden mit tödlicher Auslegeware bedeckt. Aber nicht nur das physische Vernichten und Töten, sondern auch die moralische Erschlagung der betroffenen Zivilbevölkerung ist die dezidierte Absicht der Angreifer. Es gibt nicht nur der körperlichen Tod, sondern auch den seelischen der dann die physische Abwehrkraft dezimiert.
Der Krieg -nicht nur der- offenbart die unsichtbare Psyche oder Seele. Siegen heißt physiche und psyche Vernichtung. Eine Ökologisierung der Kriegsführung. Der Kollateralschaden erweist sich nicht selten als der Hauptzweck.
Der Krieg wird zur Vernichtung eines geschlossenen Raumes, als Lebenswelt im umfassenden Sinne. Will er gründlich sein, deckt er die expliziten Grundlagen „allen Lebens“ ab: Luft, Biologie, Wasser, verbrannter, vergifteter, verminter Boden, Nachschub, Nachwuchs – bis hin zum Feuersturm der auf das Prinzip der Eliminierung eines geschlossenen Vernichtungsraums zielte.
Aber als alles was durch die beiden Weltkriege an „Überraschungen“ – Implizites das Explizit gemacht und zur Kriegsführung eingesetzt wurde- aufgedeckt schienen,
erwies sich mit den folgenden Überraschungen als überbietbar.
Die Explikation der Atmosphäre durch den Terror macht bei der Umwandlung von „Lebenswelten“ in Gas- und Feuerkammern nicht halt. Dazu war eine noch weitere Ausfaltung dessen, was die Welt in ihrer physikalischen und biosphärischen Latenz zusammenhält vonnöten. Hier sprechen wir nun von der kernphysikalischen Explikation der radioaktiven Materie und ihrer populären Demonstration durch Atompilze. Das zog eine „revolutionäre“ Neu-Orientierung des „Umwelt“-Bewusstsein in Richtung auf das unsichtbare Wellen- und Strahlenmilieu nach sich.
Angesichts dessen ist mit dem Rekurs auf die klassische Lichtung, in der wir „leben, weben und sind“, ob man sie theologisch oder phänomenologisch lese, nichts mehr zu erreichen. (Heideggers Lichtung und Max Webers „leben, weben, sind“)
Der (nach)phänomenologische Kommentar zu den Atompilzen über der Wüste von Nevada und den beiden japanischen Städten lautet: „making radioactivitiy explicit“.
Dadurch wurde nicht nur eine neue „Rekordmarke“ der Simultanauslöschungen von Menschen erreicht, sondern auch über die thermoterroristische Dimension hinaus der Übergang in die strahlenterroristische eröffnet.
Menschliche Existenz ist kontinuierlich in eine komplexe Wellen und Strahlen-atmosphäre eingebettet, von denen allenfalls indirekte Wirkungen jedoch keine unmittelbare Wahrnehmung Zeugnis geben können.
Dass hinter den thermischen und kinetischen Primäreffekten eine tödliche Dosis Radioaktivität freigesetzt wurde, riss in den Zeugen und Verletzten eine völlig neue Latenz-Dimension auf. Altverborgenes, Unbekanntes, Unbewusstes, Niegwußtes, Niebemerktes, Nichtbemerkbares wurde mit einem Mal in die Manifestationsebene gezwungen; als ob ein unsichtbares Feuer sichtbare Brandwunden bewirkte.
In den Gesichtern spiegelte sich eine neue Gestalt der Apathie wider: Die „Hiroshimamasken“ starrten in die Reste einer Welt, die dem Menschen im Lichtsturm entzogen worden war.
Als verstrahlte Wüste wurde sie zurückgegeben. Die Gesichter kommentieren die Seins-Zumutung an ihrem dunkelsten Grenzwert. Die Nichtwahrnehmbarkeit der Strahlenwaffen wird zu einem wesentlichen Teil der Waffenwirkung selbst.
Jetzt wird klar das etwas in der Luft liegen kann, von der die heiter atmenden, naiv kontextsensiblen Weltkinder der vornukelaren Ära, die altmenschlichen Zöglinge der Luft, nichts zu bemerken vermochten.
In Zukunft hat man seine eigenen Wahrnehmung zu misstrauen, um in toxischen Umwelten zu überleben. Die Denk und Erlebnisweise der Paranoiden wird zu einem Teil der allgemeinen Erziehung –„Only the paranoid Survive.“
In der neu definierten Latenz operieren auch Bioterroristen. Sie nehmen die Dimension des unwahrnehmbar Kleinen in ihr Angriffskalkül auf und bedrohen die Umwelt des Feindes mit unsichtbaren Angreifern.
Im Gegensatz zu Heideggers „Heimatlosigkeit“ als existenzielles Kennwort des Menschen im Ge-stell-Zeitalter, -im modernen Zeitalter der Technik-, das auch eine Ausbürgerung der Menschen aus der natürlichen Lufthülle in klimatisierte Räume oder den Exodus aus allen möglichen Nischen der Geborgenheit in der Latenz gelesen werden konnte steht Sloterdijks andere Überzeugung: dass auch die Gegend und Heimathafen Verhältnisse im Zeitalter der Hintegrundexplikation, wo sie lokal noch gelingen, nicht einfach als Gabe des Seins hingenommen werden können, sondern von einem hohen Aufwand an formalem Design, technischer Herstellung, juristischer Betreuung und politischer Gestaltung abhängen.
Die folgenden Ausführungen beschreiben einen historischen Bogen zunehmender
Ausdrücklichkeit bei der Problematisierung des menschlichen Aufenthalts in Gas- und Strahlenmilieus. Damit ist allerdings nicht die Unterstellung verbunden, die Geschichte der Atmosphärenexplikation sei mit dem Ablauf des kalten Krieges zu einem Ende gelangt.
Die Einbeziehung von bislang unentfalteten klimatischen, radiophysikalischen und neurophysiologischen Hintergunddimensionen menschlicher Existenz in militärische Projekte der Weltmacht, bedeutet die Schwelle der neunziger Jahre eher ein Neubeginn.
Am 17. Juni 1996 präsentierten sieben Offiziere des Department of Defense ein genehmigtes Papier das die Umrisse einer zukünftigen Ionosphärenkriegsführung: „Wetter als Kampfkraftmultiplikator: Wetterherrschaft im Jahre 2025“ abstecken sollte.
Der alltägliche Aufenthalt in der Latenz wird zunehmend unruhig.
Zwei Arten von Schläfer treten dabei in Erscheinung:
Sie macht die einen zu Mitarbeitern an der Explikation der Hintergrundbedingungen
von Natur und Kultur, -zu Agenten eines strukturellen Terrors gegen diese- während die anderen zu inneren Aborigines, Regionalisten und freiwilligen Kuratoren der eigenen Unzeitgemäßheit verwandelt –in tatsachenfreie Reservate den Vorteil pflegen, an Weltbildern und symbolischen Immunverhältnissen des Latenzzeitalters festhalten zu dürfen.
3 Air / Condition
Unter den Offensiven der Moderne hat besonders der Surrealismus die Einsicht zugespitzt, dass das Hauptinteresse der Gegenwart der Explikation der Kultur gelten muss. Der Surrealismus gehorcht dabei dem Imperativ, im Modernisierungsfeldzug die symbolischen Dimensionen zu besetzen. Sein Ziel: schöpferische Prozesse explizit zu machen und ihre Quellgebiete technisch aufzuschließen. Auch er bediente sich dabei des Begriffs der „Revolution“. Was er erreichte war aber keine Umwälzung, sondern ausschließlich eine Umverteilung der symbolischen Hegemonie.
Am Beispiel Surrealismus zeigt sich, wie sie Teil der explizitivistischen Bewegung der Moderne war, weil er sich unmissverständlich als latenzbrechendes und hintergrundauflösendes Verfahren vorstellte. Damit wurde er immer wieder zum Bürgerschreck das aber seine Lektionen immer wieder schnell lernte. Am Beispiel einer bekannten und nicht gelungenen surrealistischen Offensive durch Salvador Dali –sein Auftritt im Taucheranzug- illustriert, dass bewusste Existenz als ein explizites Kontexttauchen gelebt werden muss. Wer sich in der Multi-Mileu-Gesellschaft aus dem eigenen Lager herauswagt, hat sich seiner „Taucherausrüstung“, das heißt seines physischen wie mentalen Immunsystems beziehungsweise seiner sozialen Raumkapsel, gewiss zu sein.
Der fast Unfall – bei seinem Auftritt im Taucheranzug hatte man die Luftzufuhr vergessen- legt auch die systemischen Risiken der technischen Atmosphärenexplikation und der technischen Erzwingung des Zugangs zum anderen Element offen. Die Moderne als Hintergundexplikation bleibt in einem phobischen Zirkel gefangen: indem sie Angstüberwindung durch angsterzeugende Technik anstrebt, muss sie ihr Ziel immer erneut verfehlen.
Die Angst liefert den anhaltenden Schub für den Fortgang des vergeblichen Prozesses; ihre Dringlichkeit rechtfertigt auf jeder Stufe der Modernisierung den Einsatz von weiterer latenzbrechender und hintergrundkontrollierender Gewalt –oder nach den herrschenden Sprachregelungen: Sie fordert Grundlagenforschung und Innovation in Permanenz. Die ästhetische Moderne ist ein Verfahren der Gewaltanwendung weder gegen Personen noch Sachen, sondern gegen ungeklärte Kulturverhältnisse.
War für Dali nach der Tauchanzugpanne eine Rückkehr in die gemeinsame Luftatmosphären möglich, so ist diese Lösung für die zivilisatorische Lage unbrauchbar, weil der Prozess der Atmosphärenexplikation kein zurück zum bisher implizit Voraussetzbaren erlaubt: Menschen die sich momentan oder habituell in ausgeprägten indoors-Situationen aufhalten, müssen an ein unterstützendes „Luftversorgungssystem“ angeschlossen werden.
Die fortgeschrittene Atmosphärenexplikation erzwingt eine durchgehaltene Aufmerksamkeit auf die Atembarkeit der Luft –zunächst im physikalischen Sinne, dann auch zunehmend im Hinblick auf die metaphorischen Dimensionen des Atmens in kulturellen Motivations- und Sorgenräumen.
Nach Ablauf des 20 Jhdt. gewinnt die Lehre von homo sapiens als Zögling der Luft
pragmatische Konturen. Es geht um die Kulturwissenschaften als Wissenschaft von der Beatmung sinn-abhängiger Lebewesen durch informierende und imperative Milieus. Die technisch-naturwissenschaftlich-militärisch-juristisch-architektonisch-bildnerischen Aspekte haben dabei einen nur schwer einholbaren Vorsprung vor der kulturtheoretischen Begriffsbildung erreicht. Die am weitesten ausgearbeitet und alltagsrelevante Expertise dabei ist der Wetterbericht, die „klimatologische Lagebesprechung“.
Moderne Großkommunen verwandeln sich in dorfartige Nachbarschaften, in denen man sich darüber austauscht, dass „das“ für die Jahreszeit nicht das passende Wetter ist. Massen verwandeln sich dann zwischen Heiligabend und Epiphanias zu Wetterdissidenten. Wetter ist halt das, das sich ausschließlich selber macht und was unaufhörlich von einem gegeben Zustand in den nächsten prozessiert. Diverse Klima Faktoren die unter dem Einfluss der Sonneneinstrahlung ein äußerst komplexes Muster des Energieaustausches ergeben.
Sie lassen sich ohne Bezug auf eine anfänglich planende oder nachträglich eingreifende Intelligenz in rein naturwissenschaftlicher Haltung darstellen. Eine adäquate Analyse erweist sich als so komplex, dass sie einen neuen Typus von Physik erzwingt, die imstande ist, mit unvorhersagbaren Strömungen und Turbulenzen umzugehen –ohne Rückgriff auf eine transzendente Intelligenz.
Sie steht in der Tradition des abendländischen Rationalismus der von Beginn der Neuzeit an jeden möglichen Gott beurlaubt. Der Gott der neuzeitlichen Europäer ist klimainaktiv.
Die moderne Meteorologie steht aber im Bündnis mit einer progressiven Subjektivierung des Wetters:
Die klimatischen Gegebenheiten beziehen sich immer mehr auf die Bevölkerungen denen das Wetter in Bezug auf ihre Projekte nicht gleichgültig ist; weil das objektive Klima zunehmend als Effekt der Industriegesellschaftlichen Lebensform beschrieben wird. Neuzeitliche Menschen sind Wetterklienten und Wettermitverursacher. Sie erlauben sich Urteile über Sachverhalte in die sich frühere nur in stummer Ergebenheit fügen durften.
Europäische Kulturen sind selber Klimamächte geworden. Die Menschen begegnen seither im Wetter den atmosphärischen Auswürfen ihrer eigenen industriell-chemotechnischen, militärischen, lokomotorischen und touristischen Tätigkeiten. Eine Meinung über das Klima zu haben bereitet den Wandel der Grundhaltung vor, sich vom „Herren“ und „Besitzer“ der Natur zu Atmosphärendesigner und Klimawärtern umzubilden –man sollte sie nicht mit Heideggers „Hüter des Seins“ verwechseln.
Hier begegnet man nun dem anthropogenen Treibhauseffekt als die Klimaspur eines zivilisatorischen Projekts, das auf den erleichterten Zugang zu großen Mengen fossiler Brennstoffen dank Kohlebergbau und Ölförderung beruht. Beide sind die objektive Stütze der Frivolität, ohne die es keine globale Konsumgesellschaft, keinen Automobilismus, keinen Weltmarkt für Fleisch und Mode gäbe.
Zunächst gilt, dass ohne den natürlichen, primären Treibhauseffekt die Erde eine ausgedehnte Eiswüste wäre. Dieser entsteht, weil Wasserdampf und Treibhausgase in der Erdatmosphäre die Rückstrahlung der von der Sonne aufgenommenen kurzwelligen Energie in Form von langwelligen Infrarotstrahlungen behindern. Hierdurch konnte eine mit Leben kompatible Erwärmung auf plus 15Grad entstehen.
Leben ist ein Nebeneffekt klimatischer Verwöhnung. Die Signatur des Fossilenergie-Zeitalters zeigt sich darin, dass die Verwöhnten leichtsinnig genug wurden, ihre Verwöhnung aufs Spiel zu setzen, indem sie das Risiko einer anthropogenen Übererwärmung - oder evtl. das einer Zwischeneiszeit- eingehen.
Zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert kam es zu jener design- gestützten „Entdeckung des Offenkundigen“ durch welche Menschen im Explikationszeitalter motiviert wurden zu einem zweiten Griff nach dem was auf der Hand lag: die Popularisierung des vormals herrschaftlichen-luxeriösen-frivolen bis hin zur aromatechnischen Modifikation der Atmosphäre, mit der sich der Übergang ins offensive Air Design vollzieht und damit eine Antwort auf die verspätete Einsicht, dass menschliches In-der-Welt-Sein sich immer und ohne Ausnahme als Modifikation von In-der-Luft-Sein darstellt.
Sobald die Luftabhängigkeit der Menschen in prinzipieller Tonart artikuliert wird, drängt sich auch eine entsprechende Emanzipation auf. Sie fordert und erlangt die aktive Gestaltung des Elements. Das Air Design tritt der Luft in der Haltung praktischer Stärke „gegenüber“. Sie schlägt gewissermaßen die Fortsetzung des privaten Parfumgebrauchs mit öffentlichen Mitteln vor, sie dient dem Zweck die Luft-Passanten durch geruchsinduzierte angenehme Situationszumutungen an den Ort zu binden und eine erhöhte Produktbejahung und Kaufbereitschaft bei ihnen hervorzulocken.
Die Gestaltung von Atemumgebungen dehnt das Prinzip Innenarchitektur auf das sonst unmerkliche Lebensmilieu, das Gas- und Aroma-Envierement, aus.
Vergessen wir nicht, dass die heutige sogenannte Konsum- und Ereignisgesellschaft im Treibhaus erfunden wurde – in jener Glasüberdachten Passsagen des frühen 19. Jhdt., eine frühe Stufe der urbanistischen Atmosphärenexplikation, eine Ausstülpung der „Wohnsüchtigen“ Disposition.
Wohnsucht sagt Walter Benjamin, ist der unwiderstehliche Trieb, in beliebigen Umgebungen „ein Gehäuse zu prägen“. Schon bei Benjamin ist das „überzeitliche“ Bedürfnis der Uterus-Simulation mit den symbolischen Formen einer konkreten historischen Situation zusammen gedacht worden.
Das 20. Jhdt. zeigt in seinen Großbauten, wieweit solche Gebäude über die Bedürfnisse der Suche nach einem wohnlichen Interieur hinausgetrieben wurden.
Sie werden von der Aufgabe entbunden, Häuslichkeit vorzutäuschen. Das Passagenwerk müsste heute Air-Condition-Werk heißen.
1936, in einer Festrede von Elias Canetti auf Hermann Brochs 50. Geburtstag, sprach Canetti über das Verhältnis zwischen dem Autor und seiner Epoche. Dabei definierte er den Aufenthalt des Künstlers als einen Atem-Zusammenhang, als eines Eintauchens in die atmosphärischen Zustände der Gegenwart.
Canetti lobt an Broch das Vermögen, jeden Menschen gleichsam ökologisch aufzufassen: Er erkenne an jeder Person eine singuläre Existenz in ihrer eigenen Atemluft, von einer unverkennbaren Klimahülle umgeben, in einen persönlichen ‚Atemhaushalt‘ eingegliedert, …“das die Vielfalt unserer Welt zum guten Teil auch aus der Vielfalt unserer Atemräume besteht.“
Dadurch wird das Entfremdungsmotiv in der Moderne auf veränderte Grundlagen gestellt: Es ist die atmosphärische Getrenntheit der Menschen, die für ihren Einschluss in jeweils eigene „Atemhaushalte“ sorgt; ihre Schwererreichbarkeit durch die Andergestimmten, Andersumhüllten, Andersklimatisierten. Die Zerspaltenheit der sozialen Welt in füreinander unzugänglichen Eigensinn-Zonen ist das moralische Analogon zur mikroklimatischen „Zersplitterung der Atmosphären“ die ihrerseits einer Zersplitterung der „Wertewelt“ entspricht.
Canetti erkennt in Broch den prophetischen Warner von einer Menschheits-Gefährdung ohne Beispiel, die im metaphorischen wie im physikalischen Sinn vom Atmosphärischen her droht: der Wehrlosigkeit des Atems.
Die Luft sei die letzte Allmende. Sie kommt allen zu, auch der Ärmste darf von ihr nehmen. Und dieses Letzte, das uns allen gemeinsam war, soll uns alle gemeinsam vergiften. Der Atomterrorismus im Ersten Weltkrieg habe sich nach innen gewendet.
Aus der gemeinsam geatmeten Luft, aus dem Äther des Kollektiven, wird künftig die wahnverfallende Gemeinschaft den Giftkrieg gegen sich selber führen.
Wie? das sollte eine Theorie der „Dämmerzustände“ klären – ein fragmentarisch gebliebener Teil in Brochs massenpsychologischen Hypothesen.
Dämmerzustände sind solche, in denen Menschen sich als Trendbefolger unter der Trance des Normalen bewegen. Durch toxische Kommunion werden sie zusammengehalten, eine Identität durch gemeinsame Bedrohtheit. Was in der Luft liegt, wird durch totalitäre zirkuläre Kommunikation in sie gelegt: Sie ist erfüllt von Siegesträumen gekränkter Massen und ihren rauschhaften, empirie-fernen Selbsterhöhungen, denen das Verlangen nach der Erniedrigung ihrer Gegner wie ein Schatten folgt.
Das Leben im Medienstaat gleicht dem Aufenthalt in einem von Erlebnisgiften animierten Gaspalast.
An diesem Ansatz arbeitet Broch seit 1939 während des ganzen Jahrzehnts.
Träger und Agens von Wahnbildungen in modernen Kollektiven sind seit den zwanziger Jahren des abgelaufenen Jhdt. Dauerkommunikation durch Presse und Rundfunk: Enthemmungsmedien in denen Phrasen wahr werden. Sie bilden das informatorische Analogon zur chemischen Kriegsführung. Broch erfasst den Parallelismus zwischen Gaskrieg und der Erzeugung von Massenwahnzuständen als dem Versuch die Bevölkerung in eine zu ihrer Selbstzerstörung hinreichende, durch Verlangen nach „Superbefriedigung“ überladene ekstatische Atmosphäre einzutauchen.
Die Einzelnen: sie sind „Schlafwandler“, die sich im „sozialen Tagtraum“ ihrer Organisation wie ferngesteuert zu bewegen. Sie sammeln sich unter Parolen und Fahnen wie Miteigentümer an Luftschlössern. Broch geht es um die Prophylaxe der Mitgerissenheit, in ihrem therapeutischen Teil mit der Zurückführung der Ergriffenen in die lebbare Rationalität eines ‚offenen Systems‘ – alias Demokratie oder Gewaltenteilung der Paniken und Hysterien: einer Besiegung des Siegs“; den Siegestaumel durch Siegestrauer zu ersetzen.
Pulsuz fraqment bitdi.