Kitabı oxu: «Vergrabenes Gut»
Paul Keller
Vergrabenes Gut
Erzählung
Saga
Vergrabenes Gut
© 1932 Paul Keller
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711517536
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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In meinem schlesischen Heimatdorf ist ein Hügel, welcher der Windmühlenberg heißt. Auf den Ehrentitel „Berg“ hat er ja wohl nicht viel Anspruch, denn er ist eben so hoch, daß man von ihm, wenn man sich auf die Zehen stellt, über unseren Dorfkirchturm hinweggucken kann. Und der ist nur 20 Meter hoch.
Aber es liegt sich gut auf dem Windmühlenberge, wenn die alte Mühle ihre großen, klapperdürren Gespensterarme hebt und dreht, ein bißchen stöhnt und ächzt wie eine alte Frau, die für ihre Kinder Brot schafft — fleißig, ehrlich und treu. Und es ist eine goldene Aussicht da oben, eine viel schönere als von manchem berühmten Berg. Genau nach den vier Himmelsrichtungen hin liegen wunderschöne Bergkuppen des Schlesierlandes: im Osten der alte Zobten, ein Riesendreieck; er steht da wie ein Winkelmaß, das der große Weltenbauherr, als er Schlesien schuf, in Gedanken stehen gelassen hat; — im Süden die einsamen Wälder des Eulengebirges, der Hochwald und der Sattelwald, die in blauer Romantik über dem rauchenden Industriegebiet von Waldenburg stehen, und im Norden die Striegauer Berge, von wo aus der Alte Fritz die Hohenfriedberger Schlacht schlug.
Mitten drin in solchem Wald- und Bergland liegt der Windmühlenberg meiner Heimat. Er ist der Rigi meiner Jugend; auf ihm hatte ich schon als Kind meine Aussichten und auch meine Blicke in ferne Zeiten. Am öftesten sann ich dem Alten Fritz nach. Hohenfriedeberg, wo sich der Zweite Schlesische Krieg entschied, kann man deutlich sehen, die alte vielumstrittene Bolkostadt Schweidnitz liegt in greifbarer Nähe, jenseits des einsamen Bergwirtshauses liegt Burkersdorf, wo der Siebenjährige Krieg zu Ende ging. Und dicht vor den Augen ist ein Dorf mit roten Dächern und einem weißen Kirchturm, ein Nestchen mit kaum ein paar hundert Bewohnern, das aber doch einen geschichtlichen Namen hat — Bunzelwitz. Dort war für Friedrich von Freußen die Zeit der größten Not. Verschanzt lag er in dem Unglücksjahr 1759 im Lager von Bunzelwitz mit einer jämmerlichen Armee von kaum noch einigen tausend Mann in Lehm und Schnee; auf dem Pfaffenberg, der auch deutlich sichtbar ist, waren oft nur Patrouillen von fünf bis zehn Mann. Und hinter dieser Spinnwebenlinie lag das Königszelt und nur ein paar Meilen dahinter Breslau, nach dem die Feinde strebten. In meinem Heimatdorf waren damals die Russen. Sie suchten den „Durchbruch“ nach Breslau und wagten und fanden ihn nicht, weil der schlaue Fuchs von Bunzelwitz sie ständig mit seinem hin- und herhuschenden Häuflein täuschte.
An der Größe und am Grausen heutiger Kriege gemessen, erscheint uns der Siebenjährige Krieg freilich als eine romantische Spielerei, aber es ging auch damals um Leben und Tod, um Sein und Nichtsein! Es brannten auch damals die Dörfer und auch damals mußten Menschen flüchten oder wurden grausam gemartert.
*
Weiter droben in den Bergen liegt in einem schönen Walddorf der Zeiskenhof. Er ist der größte Bauernhof im ganzen Umkreise, hat an die vierhundert Morgen Acker-, Wald- und Wiesenland und ein schönes Wohnhaus mit alten gewölbten Räumen, die für die Ewigkeit gebaut sind. Die Zeiskenbauern saßen viel länger auf ihrem Besitz als die Preußen in Schlesien. Eine Gedenktafel meldet, daß Karl V. einmal bei den Zeisken gerastet habe. Freilich ist das jetzige Haus nicht dasselbe wie die Kaiserherberge aus der Reformationszeit; aber die ehrwürdige Tradition verklärte den Namen Zeiske, und er war hochgeachtet durch viele Jahrhunderte. Die Zeiske waren immer tüchtige, solide Wirte, und so blieb ihr Reichtum bestehen. Da kam der Teufel und säte Unkraut unter den Weizen. Ich war schon auf der Welt, freilich damals noch ein kleiner Junge, da hatte eines Tages der damalige Zeiskenbauer den Zeiskenhof bis auf den letzten Ziegel verlumpt. Ein guter Freund hatte ihm von Habe und Ehre verholfen, ihn fleißig zu Trunk, Spiel und aller Liederlichkeit angehalten, ihm Geld auf Geld geliehen und eines Tages die Falle zugeklappt. Der Zeiskenhof war sein, und der Zeiskenbauer schnürte sich mit einem Strick alle ferneren Seufzer des irdischen Daseins selber ab. Der neue Zeiskenbauer ging mit dem ruinierten Freunde zu Grabe, schüttelte mitleidig den Kopf, als ob ihm solch ein Ende unbegreiflich sei, und schenkte dem einzigen Sohne des Zeiskenbauern, dem sechzehnjährigen Wilhelm Zeiske, zehn Taler, damit er in die Welt gehe und sich nach etwas Passendem umsehe.
Ob nun dieser Wilhelm Zeiske auf seiner Wanderung bald etwas Passendes fand oder ob es nicht vielmehr etwas sehr Unpassendes war, kurz und gut — er fand mich.
Ich lag gerade auf dem Windmühlenberge auf dem Bauch im Grase und vertrieb mir die Zeit auf mancherlei Weise. Erstens erwog ich, warum der russische General, der damals auf dem Windmühlenberg stand, denn nicht gesehen habe, daß die ganze Linie auf dem Pfaffenberg drüben links von Bunzelwitz nur mit ein paar lumpigen Herumbummlern besetzt war, die er mit ein paarmal in die Hände klatschen verjagen konnte. Ich kam zu dem Schluß, der Russe müsse eine schlechte Brille gehabt haben oder immerfort besoffen gewesen sein. Als mich diese historischen Erwägungen zu sehr anstrengten, beschloß ich, den ganzen Abhang des Windmühlberges hinab Purzelbäume zu schlagen und auf diese „kullige“ Weise nach Hause zurückzukehren. Aber auf der Mitte des Weges fand ich die Sache zu kindisch, drehte um und unterhielt mich wieder mit Friedrich dem Großen. Hat auch manchen schweren Fehler gemacht, der Alte Fritz! Das stand in meinem Realienbuch. Schade, wenn der Friedrich damals mein Realienbuch gehabt hätte, das ich ihm ja gern geborgt hätte, da wäre alles viel glatter gegangen. Aber damals hatten sie noch keine Realienbücher. Daran lag es, daß manches schief ging.
Zuletzt versank ich in Schwermut. Rundum auf den Feldern arbeiteten Dorfleute. Mein Großvater arbeitete drüben jenseits des Dorfes, meine Eltern gingen im Gebirge ihren Geschäften nach. Nur ich hatte nichts zu tun. Das hatte zwei Gründe: erstens arbeitete ich nicht gern, und zweitens war mein Großvater, der mich erzog, damit einverstanden. Also lag ich auf dem Windmühlenberg und fühlte mich grenzenlos einsam. Ewig mit dem Alten Fritz plaudern kann man ja auch nicht; nach einer Weile fängt man an, sich zu langweilen.
In solcher Stimmung traf mich Wilhelm Zeiske, der mit 10 Talern in der Tasche auf der Reise in die Welt war, um etwas Passendes zu suchen. Er war ein hübscher, kräftiger Bursche von 16 Jahren. Obwohl er bedeutend älter und viel stärker war als ich, merkte ich ihm eine Verlegenheit an, als er mich ansprach, und er nahm sogar die Mütze ab, als er mich grüßte. Solche Ehrung war mir bisher im Leben noch nie widerfahren; ich errötete vor Stolz und wünschte nur, der Alte Fritz hätte das alles sehen können. Wilhelm fragte nach dem Namen des Dorfes und dann, ob ich der Sohn des Müllers sei. Ich sagte: nein, der Sohn des Müllers hätte keine Zeit, hier an einem so schönen Arbeitstage müßig auf dem Mühlberge herumzuliegen.
Pulsuz fraqment bitdi.