Kitabı oxu: «Sie brauchen uns jetzt»

Şrift:


Dr. Paul Plener:

Sie brauchen uns jetzt

Aufgezeichnet von:

Dr. Silvia Jelincic

Alle Rechte vorbehalten

© 2021 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover und Gestaltung: Isabella Starowicz

ISBN gedruckte Ausgabe 978-3-99001-523-0

ISBN E-Book 978-3-99001-524-7

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

INHALT

Der Zustand der Jugend

Die übersehene Generation

Was wir tun können

Die Rolle der Politik

DER ZUSTAND DER JUGEND

»Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.« Dieses aus der Antike überlieferte Zitat, das vermutlich fälschlicherweise Sokrates beziehungsweise Platon in den Mund gelegt wurde, zeigt, dass sich schon seit Jahrhunderten die jeweils aktuelle Jugend aus Erwachsenensicht stets in beklagenswertem Zustand befindet. Sie wird immer fauler und kaputter, glauben auch heute vor allem die Babyboomer, also jene Menschen, die zwischen 1945 und 1964 zur Welt kamen und die gerade an der Reihe sind, Teenagern besonders kritisch gegenüberzustehen. Doch wer sich im dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends nach Christus mit der »Jugend von heute« befasst, dem drängt sich rasch ein weiterer Schluss auf: Sie wird psychisch immer instabiler. Psychische Erkrankungen breiten sich demnach unter jungen Menschen geradezu pandemisch aus und als Ursachen dafür gelten meist Smartphones, Soziale Medien, Broken Homes, steigender Leistungsdruck an den Schulen oder ein loser Umgang mit Alkohol und Drogen. Aber stimmt das so? Wie stand es um die psychische Gesundheit der »Jugend von heute« vor Ausbruch von COVID-19 und der damit verbundenen Lockdowns wirklich? Wohin ging die Entwicklung und was bedeutet »psychische Erkrankung« bei Kindern und Jugendlichen überhaupt?

Wir lesen, hören und sehen regelmäßig Berichte über steigende Zahlen an Depressionen, Essstörungen, Selbstverletzungen, Burnouts oder Persönlichkeitsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Die Meldungen sind so häufig und so eindringlich, dass sich viele ältere Menschen bereits fragen, wem sie diese Welt zur weiteren Verwaltung und zur Lösung ihrer Probleme eines Tages eigentlich anvertrauen sollen.

Studien scheinen die Jahrtausende alten Vorbehalte der jeweils Alten gegenüber der jeweiligen »Jugend von heute« objektiv abzusichern und besonders bitter scheint zu sein, dass diese Jugend nicht nur verwahrlost, unmoralisch und leistungsfeindlich ist, sondern medizinisch diagnostiziert gestört. Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden demnach an psychischen Erkrankungen und brauchen Psychiater, Psychotherapeuten oder Psychologen, um mit ihrem Leben noch irgendwie klarzukommen. Früher war es viel besser, glauben vor allem die Babyboomer, deren jüngste Vertreter allmählich das Rentenalter erreichen.

Als einer der Beweise für diese These gilt, dass die Nachfrage nach psychiatrischer Behandlung für Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahren explodiert ist. Was tatsächlich stimmt, so viel sei vorausgeschickt. Dieses Faktum hält jeder Überprüfung stand. Die zuständigen Fachabteilungen der Krankenhäuser platzen aus allen Nähten und Kinder- und Jugendpsychiater sind überall dringend gesucht. Bloß lassen sich daraus leicht die falschen Schlüsse ziehen.

Junges Fach

Bei der näheren Betrachtung dieses Phänomens ist es wichtig zu wissen, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die sich mit der Vorbeugung, Diagnostik und Behandlung von psychischen, psychosomatischen und neurologischen Störungen in der Kindheit und Adoleszenz befasst, in vielen Ländern ein noch relativ junges Fach ist. Psychiatrische Betreuung für diese Altersgruppe gab es auch schon früher, als Spezialfach mit eigenen Fachärzten existiert sie aber zum Beispiel in Österreich erst seit 2009.

Der Bereich ist also noch im Aufbau. Notwendige Infrastruktur, von Ambulanzen in Krankenhäusern bis zu niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern, kann nur langsam entstehen und lange fehlte es an politischem Willen, ihren Ausbau voranzutreiben. In den vergangenen Jahren kam etwas Dynamik in diesen Diskurs, doch vor allem die Ausbildung des benötigten Fachpersonals zieht sich hin.

In Deutschland ist deshalb der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie eine der meistgesuchten Fachrichtungen am Stellenmarkt. Österreich steht sich bei der Ausbildung auch noch selbst im Weg. Ein normaler Facharzt darf hier jeweils nur einen einzigen Assistenzarzt ausbilden, selbst Abteilungsleiter dürfen nur vier ausbilden. Deshalb waren in Österreich mit Stand Frühjahr 2021 nur knapp hundert Assistenzärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ausbildung. Mehr Plätze gibt es einfach nicht. Altersbedingte Ausfälle lassen sich damit ausgleichen, mehr geht nicht. Wenn dann auch noch Stellen für niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater entstehen, kannibalisiert sich das System selbst. Denn wer kommt dafür infrage? Nur die Fachärzte aus den Krankenhäusern, die dann dort zusätzlich fehlen.

Jedes fünfte Kind

Die Gesundheitssysteme Österreichs und Deutschlands sind also mit der Nachfrage nach kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung tatsächlich überfordert. Aber was sagt das über die Entwicklung der psychischen Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen aus? Geht es der »Jugend von heute« psychisch wirklich schlechter als den Jugendlichen von einst? Ist sie psychisch instabiler, weniger resilient, belasteter oder weniger gut in der Lage, Belastungen zu meistern? Ist sie von den Belastungen durch die Welt, in der sie lebt, einfach überfordert, in einem Ausmaß, das tatsächlich längst pandemisch ist?

In Österreich gibt es bisher nur eine aktuelle, epidemiologisch saubere Studie zu diesem Thema, die sogenannte MHAT-Studie, publiziert 2017. Sie besagt, dass etwa 22 Prozent der Schülerinnen und Schüler zumindest einmal an einer psychischen Erkrankung leiden. Das ist ein dramatischer Befund. Er bedeutet, dass mindestens jedes fünfte Kind beziehungsweise jeder fünfte Jugendliche in einem Klassenzimmer so stark betroffen ist, dass eine Behandlung notwendig wäre.

Wobei zu klären ist, was »psychische Erkrankung« überhaupt bedeutet: Genau wie eine körperliche Erkrankung bringt sie eine Funktionsbeeinträchtigung mit sich. Erkrankte Kinder oder Jugendliche können zum Beispiel aufgrund von Angststörungen oder Depressionen das Haus nicht mehr verlassen. Liegt keine Funktionsbeeinträchtigung vor, handelt es sich auch nicht um eine Erkrankung.

Wir sprechen also bei psychischen Erkrankungen nicht von kleinen Leiden wie psychischem Unwohlsein etwa durch vorübergehende Gefühle wie Bedrückung oder Wut oder vom Rebellieren, sondern von tiefergehenden Zustandsbildern, die sich zumeist der einfachen willkürlichen Kontrolle der Betroffenen entziehen. Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass man sich eben »nur zusammenreißen« müsste. Wäre es so einfach, würde wohl niemand an einer Depression leiden.

Bedeutet diese hohe Fallzahl an psychischen Erkrankungen, dass die Jugend in Österreich, dem Land, in dem Sigmund Freud die Psychotherapie erfand, besonders stark von diesem Phänomen und allen seinen Ursachen betroffen ist? Sind die österreichischen Kinder und Jugendlichen besonders »gestört«? Was zeigt der Vergleich mit Deutschland?

Die Werte in Deutschland entsprechen den österreichischen. Auch in Deutschland sind etwa zwanzig Prozent der Schüler während ihrer Schullaufbahn zumindest einmal von einer psychischen Krankheit betroffen. Und aus diesem grenzübergreifenden Vergleich lässt sich dank des umfangreicheren vorliegenden Datenmaterials noch ein weiterer äußerst interessanter Schluss ziehen.

Waagrechter Verlauf

In Deutschland reichen die Zahlen fünfzig Jahre zurück in die Vergangenheit. Deutschland misst die psychische Gesundheit seiner Jugend in verschiedenen Studien also bereits seit den 1970er-Jahren und kennt deshalb auch deren historische Entwicklung. Und wie verlief diese Entwicklung?

So alarmierend es auch sein mag, dass etwa ein Fünftel der Schüler mindestens einmal psychisch erkranken, so lässt sich doch sagen: Der Jugend von heute geht es in diesem Punkt genauso gut oder schlecht wie den Jugendlichen von früher. Das dürfte nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf Österreich und die meisten anderen mitteleuropäischen Länder zutreffen.

In den vergangenen fünfzig Jahren zeigten sich jedenfalls entgegen der verbreiteten Meinung keine nennenswerten Abweichungen von den aktuellen Fallzahlen. Die Prävalenz, also die Rate der zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Zeitraum an einer bestimmten psychischen Krankheit erkrankten Kinder und Jugendlichen nahm in den vergangenen fünfzig Jahren weder zu noch ab.

Wir wissen also ganz unabhängig von Bauchgefühlen dank standardisierter, in der Allgemeinbevölkerung angewandter Messverfahren, dass der psychische Gesundheitszustand unserer Kinder und Jugendlichen seit fünf Jahrzehnten unverändert ist. Schon immer, auch als die Babyboomer noch die Schulbank drückten, waren in einer Klasse mit zwanzig Schülern mindestens vier mindestens einmal psychisch krank.

Wieso können dann die stationären, ambulanten und niedergelassenen Bereiche der Kinder- und Jugendpsychiatrie gar nicht schnell genug wachsen, um mit der steigenden Nachfrage mitzuhalten?

Geänderte Nachfrage

Das hat zwei Gründe. Erstens generiert das System von sich aus Nachfrage. Gibt es etwas nicht, kommt niemand auf die Idee, es zu nutzen. Ist es einmal da, wird es auch genutzt. Was gut ist. Denn das Leben sehr vieler Kinder und Jugendlicher, auch ihr späteres Leben als Erwachsene, kann sich so verbessern.

Der zweite Grund für die steigende Nachfrage nach Behandlungen ist die seit einigen Jahren laufende Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen und entsprechender Behandlungen. Es wird allmählich genauso normal, sich bei Depressionen oder Essstörungen Hilfe zu holen wie bei Bauchschmerzen oder einem Beinbruch, und auch das ist gut.

Während Familien mit Migrationshintergrund vor allem der ersten Generation noch selten in unsere Abteilung kommen, tun sich autochthone Mitteleuropäer beziehungsweise Familien mit Migrationshintergrund der zweiten oder dritten Generation damit inzwischen sehr viel leichter. Die Nachfrage nach kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungen steigt also auch, weil die Hemmschwelle im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten sinkt.

Früher haftete der Kinder- und Jugendpsychiatrie ein Hauch von dunklen Gemäuern mit Zwangsjacken und Eisengittern an. Es ist tatsächlich gar nicht so lange her, dass psychisch kranke Menschen von der Gesellschaft ausgegrenzt waren, in einer Art Gefängnis landeten und als unheilbar galten. Dementsprechend konnten Sätze wie »Hol dir Hilfe« noch vor einigen Jahren nicht als freundlicher Hinweis, sondern als Beleidigung gemeint sein.

Doch inzwischen zeigt die moderne Psychiatrie insgesamt, wie sie ist und was sie kann. Allein die Möglichkeit, in einem freundlichen, modernen Umfeld mit gut ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten Probleme besprechen und Strategien entwickeln zu können, ist für viele betroffene Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien ein Segen. Hier können Eltern dann auch die für sie wichtigste Frage stellen: Wird mein Kind wieder gesund?

Behandelbare Krankheiten

Etwa die Hälfte der psychischen Erkrankungen, die über eine Lebensspanne hinweg auftreten, zeigen sich bis zum 14. Lebensjahr zum ersten Mal, 75 Prozent bis zum 25. Lebensjahr. Denn die ersten 14 beziehungsweise die ersten 25 Jahre im Leben eines Menschen sind der Zeitraum, in dem viele Umbauvorgänge im Gehirn gleichzeitig ablaufen. Vorgänge, die auch destabilisierend wirken und dadurch psychische Erkrankungen zum Vorschein bringen können. Auch deshalb ist Kinder- und Jugendpsychiatrie so wichtig.

Eine in diesem Alter behandelte Krankheit kommt im besten Fall gar nicht oder wenn, dann mit besser kontrollierbarem Verlauf wieder. Einschneidende, ungeplante und überraschende traumatische Erlebnisse können allerdings immer etwas wieder aufflammen lassen, was eigentlich schon geheilt und erloschen war.

Wie gut die Chancen auf Heilung stehen, hängt von der Art der Erkrankung, vom Kind selbst und den Familien ab, und davon, wie gut die individuelle Therapie anspricht. Wichtig ist außerdem genau wie bei körperlichen Erkrankungen die Früherkennung.

Beispiel Essstörungen: Etwa ein Drittel der Kinder, die daran leiden, steigt ohne weitere Probleme ins Erwachsenenalter ein. Ein Drittel hat immer wieder Rückfälle und bei einem Drittel bewegen sich die Patienten an der Grenze zu einer psychischen Erkrankung und haben immer wieder Probleme mit ihrem Essverhalten, können aber ohne grobe Einschränkungen leben.

Das für Betroffene oft stark limitierende Tourette-Syndrom etwa, das in der Symptomatik meistens zwischen dem 12. und dem 13. Lebensjahr auftritt, ist meist gut therapierbar und kann sich mit fortschreitendem Alter auch von selbst bessern. Bei Depressionen sehen wir einen Verlauf, der häufig mehrere Episoden aufweist. Etwa sechzig Prozent der depressiv erkrankten Kinder und Jugendlichen erleben als Erwachsene zumindest eine zweite Erkrankung dieser Art.

Doch selbst dann kommt es ihnen zugute, wenn sie als Kinder oder Jugendliche in Behandlung waren. Das versetzt sie später in die Lage, Frühwarnzeichen zu erkennen, darauf zu reagieren und schneller wieder zu genesen. Sie bewältigen die Situation häufig besser als depressive Erwachsene ohne Behandlung im Kindes- und Jugendalter, da sie ihre Symptome besser erkennen und unter Kontrolle bringen können.

Bei Angststörung begegnen wir häufig dem Phänomen, dass Erwachsene, die als Kinder oder Jugendliche an einer manifesten Erkrankung litten, auch in ihrem weiteren Leben eher ängstliche Charakterzüge beibehalten. Dennoch ist die Prognose, nicht mehr an einer funktionell beeinträchtigenden Angststörung zu erkranken, gut, wenn Betroffene die Mechanismen bei einer Therapie einmal erkennen und den Umgang mit Ängsten erlernen.

Eine Verlaufsprognose der Schizophrenie wiederum ist beim ersten Auftreten häufig schwierig. Manche Kinder und Jugendliche erleben einen einzigen Schub. Andere erleben mehrere Schübe hintereinander, ehe die Symptomatik beendet ist. Bei wieder anderen zeigt die Erkrankung sägezahnartige Verläufe: Schub, Pause, Schub, Pause und so weiter.

Im Bereich der ADHS lässt sich beobachten, dass das Phänomen der motorischen Hyperaktivität mit der Zeit einer vor allem innerlich wahrgenommenen Gespanntheit weicht.

Daneben gibt es kinder- und jugendpsychiatrische Erkrankungen aus dem Bereich der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, wie etwa die Erkrankungen aus dem Bereich des Autismus-Spektrums, in denen es durch Therapie und vielfach auch Training immerhin zu einer Besserung der Symptomatik (etwa in der Emotionserkennung) kommen kann.

Phänomen Labeling

Für viele Eltern geht der Verdacht auf eine psychische Erkrankung eines Kindes trotz der modernen Kinder- und Jugendpsychiatrie noch immer mit einer Sorge einher, die den Ruf dieser Erkrankungen betrifft: mit der Sorge vor dem sogenannten Labeling. Denn psychische Erkrankungen sind gemeinhin noch immer schwerer einordenbar als eine Blinddarmentzündung oder ein Meniskuseinriss und die wenigsten Menschen wissen so genau, was eine konkrete Diagnose eigentlich bedeutet. Was wir nicht verstehen, macht uns Angst. Ein ganz normaler Prozess.

Eltern fürchten nun, dass ihre erkrankten Kinder so eine Diagnose als Label wahrnehmen könnten, das ähnlich wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirkt. Die Kinder könnten glauben, dass sie anders sind. Sie könnten ihre Selbstwahrnehmung verändern. Sie könnten sich von nun an als »kranke« Person erleben und es gerade deshalb auch bleiben. Wie können wir solchen Bedenken begegnen?

Zunächst ist zu sagen, dass Diagnosen immer das Leben verändern können. Das gilt auch für körperliche Erkrankungen wie Asthma oder Diabetes. Dennoch sind Diagnosen immer ein Fortschritt. Denn in Wirklichkeit sind sie weder irgendeine Art von Stempel noch belastend oder auf andere Weise negativ. Eine Diagnose ist schlicht der erste Schritt zur Therapie. Und eine Therapie ist genau, was Patienten mit welcher Erkrankung und welchen Alters auch immer brauchen.

Manchmal dauert es auch, bis die richtige Diagnose vorliegt, denn Blutbefunde oder andere Messwerte, die eine Diagnose zweifelsfrei sichern, sind in der Psychiatrie kaum vorhanden. Eltern sollten sie also nicht als Niederlage oder Enttäuschung sehen, sondern als Durchbruch. Als Grund zur Freude und als Anlass zur realistischen Hoffnung auf Besserung.

Es kommt dabei nur darauf an, einfühlsam mit den Kindern und Jugendlichen umzugehen und ihnen zu helfen, ihre Diagnose richtig einzuordnen. Es geht um Offenheit, Ehrlichkeit und Authentizität. Sie müssen verstehen, dass eine psychische Krankheit eine wie jede andere auch ist, und dass es wie bei jeder anderen auch Möglichkeiten der Behandlung und Heilung gibt. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen müssen erleben, dass sie wegen so einer Erkrankung weder »komisch« noch »anders« als andere sind, sondern dass sie einfach Hilfe brauchen, und dass diese Hilfe zur Verfügung steht.

Fazit

Die gewachsene Nachfrage nach kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungen liegt jedenfalls weder an explodierenden Fallzahlen noch daran, dass wir als Wohlstandsgesellschaft zunehmend verweichlichen, von Generation zu Generation immer unfähiger werden, mit unseren Problemen selbst fertigzuwerden oder uns in Hypochonder verwandeln, sobald es um unsere Kinder geht. Wir sehen in der gesamten Psychiatrie und speziell in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vielmehr einen Trend zur Normalisierung. Heute ist es zum Glück immer selbstverständlicher, sich Hilfe zu holen, und wenn letzte Schatten wie die Angst vor dem Labeling verschwinden, werden es noch mehr Menschen tun.

Wir müssen uns deshalb bemühen, auch psychische Krankheiten, die vielen Menschen immer noch Angst machen, von ihrem Stigma zu befreien. Wer würde mit einer Blinddarmentzündung oder einem gebrochenen Bein auch nur eine Sekunde zögern, damit zum Arzt zu gehen? Genauso selbstverständlich sollte es sein, sich Hilfe zu holen, wenn psychische Belastungen zu groß werden oder bei Kindern und Jugendlichen Phänomene wie Handyspielsucht, Essstörungen oder Selbstverletzungen auftreten.

Steigende Unsicherheit

Es gibt bei der schon jetzt steigenden Nachfrage allerdings noch einen interessanten Aspekt, den unter anderem die 16. sogenannte Shell-Studie dokumentierte. Diese Studie untersucht regelmäßig, wie die Generation der 12- bis 25-Jährigen in Deutschland aufwächst, welche Rolle Familie und Freunde, Schule und Beruf sowie Digitalisierung und Freizeit spielen und wie junge Menschen zu Politik, Gesellschaft und Religion stehen.

Es zeigte sich, dass die Verunsicherung von Eltern bei der Kindererziehung wächst. Mütter und Väter haben nicht mehr die Gewissheit früherer Generationen darüber, was richtig und was falsch ist, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten sollen, welche Freiräume sie ihnen lassen und welche Grenzen sie ziehen sollen, oder wie viel Aufmerksamkeit sie brauchen. Auch das kann die Nachfrage nach kompetenter Beratung und Betreuung erhöhen.

Das heißt nicht, dass Eltern inkompetenter werden. Überhaupt sehe ich auch diese Verunsicherung positiv. Denn der Verlust von Gewissheit und das Hinterfragen von Methoden und Entscheidungen geht meist mit einem Paradigmenwechsel und einer Entwicklung zum Besseren einher.

Denken wir an die »g‘sunde Watschn«. Jahrelang war es für Eltern ganz normal, ihre Kinder auf diese Weise zu züchtigen. Bis die aufkommende Diskussion über häusliche Gewalt zeigte, dass auch kleine körperliche Misshandlungen der kindlichen Entwicklung schaden und Schatten über ein ganzes Leben werfen können. Das haben unzählige Studien zu diesem Thema gestützt.

Eltern verstanden zum Beispiel, dass Kinder, die Gewalt als Ausdrucksmittel wahrnehmen, sie irgendwann selbst anwenden, und das, sobald ihre Körpermasse dafür ausreicht, durchaus auch gegen ihre Eltern. Die Notwendigkeit dieser Abkehr von Gewalt in der Erziehung begleiteten auch gesetzliche Maßnahmen. Gewalt gegen Kinder ist in Österreich seit dreißig Jahren und in Deutschland seit etwas mehr als zwanzig Jahren strafbar.

Aber wenn nicht über die »g‘sunde Watschn«, wie können wir dann Autorität ausüben? Das fragten sich viele Eltern. Sie landeten zum Beispiel bei etwas, das zurecht als grundlegende Voraussetzung dafür gilt und mit dem sich viele nun zum ersten Mal befassen mussten: bei der Authentizität. Sie erzeugt Autorität. Doch dann ging es weiter. Denn wie ist man als Vater oder Mutter authentisch? Indem man Dinge offen und ehrlich ausspricht zum Beispiel, aber das mussten Eltern, die oft selbst noch anders erzogen wurden, erst lernen.

Der »Jugend von heute« geht es anders

Wenn die Fallzahlen bei psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen seit fünf Jahrzehnten etwa gleich geblieben sind, was ist dann mit den Sozialen Medien, dem digitalen Mobbing, den pornografischen Inhalten, denen Kinder viel zu früh ausgesetzt werden, dem steigenden Leistungsdruck an den Schulen und den zerfallenden familiären Strukturen? Sind das alles nur mediale Mythen, geboren aus der Sorge von Eltern, Lehrern und der Bildungspolitik um die jungen Generationen? Stimmt das so alles gar nicht?

Im Detail betrachtet bedeuten stabile Fallzahlen bei psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen nicht, dass sie sich in den vergangenen Jahrzehnten genau gleich gefühlt haben. Es gibt Verschiebungen innerhalb der Ursachen und in der Folge auch zwischen den Krankheitsbildern. Einige Ursachen gewinnen, andere verlieren an Bedeutung. Bei einigen Erkrankungen steigen die Fallzahlen, bei anderen sinken sie. Krankheitsbilder verschwinden und neue kommen hinzu.

Grundsätzlich gibt es einige Risikofaktoren für psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, die sich verschieden auswirken, jedoch abseits von Einflüssen der Genetik oder des Konsums von abhängig machenden Substanzen eine wesentliche Rolle spielen können.

Das Aufwachsen in sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen, oder anders ausgedrückt: Armut macht krank. Das gilt sowohl für das Erwachsenenalter als auch für die Entwicklungsphase. Warum ist das so?

Einer der Hauptgründe dafür liegt nahe: Ärmere Menschen haben weniger Zugang zu Hilfsangeboten. Die Angebote des Gesundheitssystems gehen ja über ambulante und stationäre Behandlungen in psychiatrischen Abteilungen hinaus. Auch Psychotherapie und Psychologie leisten wesentliche Beiträge, die aber teilweise aus eigener Tasche zu bezahlen sind. Viele Eltern wollen oder können sich das nicht leisten.

Außerdem spielt das Aufwachsen in einem bildungsfernen Haushalt eine Rolle, wobei es hier auch Überschneidungen mit dem Thema Armut geben kann. Es ist evident, dass Menschen, die weniger Aufklärung über die modernen Hilfsangebote haben, weniger oft darauf zugreifen. Auch wenn Länder wie Deutschland und Österreich seit längerem Bildung vom Einkommen zu entkoppeln versuchen, besteht diese Diskrepanz nach wie vor. Wer aus ärmeren Verhältnissen aufsteigen und zum Beispiel einfach nur studieren möchte, hat nach wie vor mit Hürden zu kämpfen, die sich Menschen aus bildungsnahen Milieus gar nicht vorstellen können.

Hier greift dann vieles ineinander. Sind die Eltern arm und unter Druck, weil sie nicht wissen, wie sie die nächste Miete zahlen sollen, oder sind sie vielleicht selbst psychisch krank oder süchtig, prägt das ihre Kinder. Es ist ein scheinbar endloser Kreislauf. Solche Eltern sind am Abend oft entnervt, müssen mitunter noch einem zweiten oder dritten Job nachgehen und es fehlt ihnen die Zeit, etwa mit ihren Kindern Hausübungen zu machen. Im Umkehrschluss heißt das: Wohlstand macht nicht »kaputt«, er kann vielmehr eine Ressource sein, die Zugang zu Hilfssystemen ermöglicht.

Sexueller Missbrauch, körperliche und psychische Misshandlung. Trotz der Sensibilisierung für dieses Thema und der inzwischen hinlänglich bekannten schweren psychischen Folgen von Gewalt sind die Zahlen nach wie vor hoch. Wie viele Kinder und Jugendliche betroffen sind, dokumentiert laufend die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Sexueller Missbrauch: Mädchen 13,4 Prozent, Jungen 5,7 Prozent

Körperliche Misshandlung: 22,9 Prozent

Emotionale Misshandlung: 29,1 Prozent

Wir wissen mittlerweile, dass Gewalt gegen Kinder nicht nur das Risiko für spätere psychische Erkrankungen erhöht. Es führt auch zu einem gesteigerten Risiko für körperliche Erkrankungen wie etwa chronische Lungen- oder Gefäßerkrankungen. Es ist noch nicht ganz geklärt, wie diese Zusammenhänge im Körper entstehen. Vermutet wird, dass Gewalterleben in der Kindheit zentrale Prozesse in unserem stressverarbeitenden System und auch im Bereich von Entzündungsvorgängen verstellt.

Mangelnde Zuwendung. Auch wer seine Kinder weitgehend ignoriert und ihnen ein emotionales Gegenüber vorenthält, riskiert ihre psychische Erkrankung. Denn wir alle, und ganz besonders Kinder und Jugendliche, brauchen so ein Gegenüber, um Selbstwirksamkeit zu erleben. Wie reagiert eine andere Person auf mein Verhalten? Wie geht es mir damit? Diese Lernprozesse sind essentiell.

Kinder und Jugendliche können die Dinge, die diese Welt und das Leben in ihr mit sich bringen, wenn sie jung sind noch nicht einordnen und sind dabei von Rückmeldungen anderer abhängig. Nur so können sie die Welt und sich selbst verstehen lernen. Soziale Isolation und Ausgrenzung sind für uns Menschen bedrohlich. Keinen Ansprechpartner zu haben, niemanden, der sich um einen kümmert, keine erwachsenen Bezugspersonen, um Erfahrungen einzuordnen und Grenzen wahrzunehmen und um erklärt zu bekommen, was richtig und was falsch ist, das belastet und destabilisiert nicht nur. Damit fehlt auch Geborgenheit, die aber nicht unbedingt die Eltern vermitteln müssen. Wenn es Tanten und Onkeln, Großeltern oder andere Bezugspersonen tun, ist das auch gut. Zum gesunden Heranwachsen brauchen wir mindestens eine stabile Bezugsperson.

Der Sinn der blutigen Nase

Neben diesen Hauptursachen für psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen gibt es Effekte von Erziehungsformen, die Eltern teils im besten Glauben anwenden, die aber dennoch eine negative Dynamik auslösen können. Dazu gehört etwa die als »Helikopter-Erziehung« bekannt gewordene Überfürsorge. Sie hat bei weitem nicht so dramatische Auswirkungen wie das Gegenteil, die Vernachlässigung, doch weil sie ein relativ neues und viel diskutiertes Phänomen ist, hier einige Worte dazu.

Kinder und Jugendliche müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, und dazu gehören auch schlechte. Sie müssen sich nicht nur sprichwörtlich, sondern ganz real ab und zu eine blutige Nase holen. Die Rolle der Eltern ist es dabei, den sicheren Hafen zu bilden.

Kinder und Jugendliche müssen sich sicher sein können, dass ihre Eltern für sie da sind, egal welchen Unsinn sie anstellen. Ein gewisser Explorationsspielraum, um die Welt auf eigene Faust zu erkunden und zu erfahren, ist in Kombination mit diesem Gefühl des sicheren Hafens schon einmal ein guter Anfang für ein Leben.

Dieser Explorationsfreiraum ist in den vergangenen Jahren geschwunden. Das ist empirisch belegt. Eltern behüten ihre Kinder immer mehr. Es liegt zum einen daran, dass Städte durch den motorisierten Individualverkehr gefährlicher geworden sind. Es liegt aber auch an dem zunehmenden Gefühl vieler Menschen, die Welt sei ein böser Ort.

Mir gibt das oft zu denken, denn so böse ist unsere Welt gar nicht. Der Verkehr mag eine Gefahrenquelle sein, doch das war er immer. In den 1970er-Jahren zum Beispiel waren wir alle ohne Gurte unterwegs und es gab noch keine Helmpflicht. Im Schnitt starben damals bei uns in Österreich jährlich 2.443 Menschen bei Verkehrsunfällen. 1998 waren es erstmals weniger als tausend und 2019 trotz wesentlich höherem Verkehrsaufkommen nur noch 410.

Es ist zudem empirisch gut untermauert, dass das Maß an Aggression, die Menschen aufeinander ausüben, nachlässt. Was sich übrigens auch im Vergleich der jüngeren Generationen mit älteren wiederspiegelt. Ob das mit der Digitalisierung zusammenhängt oder ob wir uns einfach in diese Richtung selektieren, ist noch unklar. Tatsache ist, dass die Gewalt weltweit weniger wird.

Es gibt zwar noch immer Kriege und noch immer zu viel Gewalt, aber in den meisten Ländern hat sich die Chance, eines gewaltsamen Todes zu sterben, über die vergangenen hundert Jahre deutlich verringert. Auch ein Blick auf die kriminalpolizeilichen Statistiken zeigt, dass wir sicher sind wie schon lange nicht mehr.

Wir vermuten trotzdem überall das Böse und haben deshalb das Bedürfnis, noch besser auf unsere Kinder aufzupassen. Vielleicht auch deshalb, weil wir immer weniger Kinder haben und sie dafür umso besser schützen wollen.

Ich nehme es niemanden übel, wenn er zur Helikoptermutter oder zum Helikoptervater wird, allerdings tut das den Kindern und Jugendlichen nicht gut. Sie können dann vielleicht harte, aber wichtige Lebenserfahrungen nicht machen. Was auch ihrer psychischen Gesundheit abträglich ist, denn die erfordert ein Aufwachsen durchaus auch mit Widerständen.

Die Erfahrungen zum Beispiel, sich überwinden oder sich nach einer Niederlage wieder aufraffen zu müssen, sind wichtig. Denn auch Scheitern beziehungsweise der Umgang damit will gelernt sein. In Watte gepackten Kindern, in deren Leben es weder begrenzte Risiken noch Hürden und Herausforderungen gibt, fehlt etwas. Wer wie ein Helikopter über seinen Kindern schwebt, riskiert, dass sie sich schwertun, zu lösungsorientierten und starken Persönlichkeiten heranzuwachsen.

Gesunde Erziehung bedeutet also, Grenzen zu ziehen, die Kinder und Jugendliche zum Beispiel vor falschem Umgang und Drogenkonsum schützen. Innerhalb dieser Grenzen sollten sie sich aber frei bewegen können.

Weitere Erziehungsirrtümer mit Folgen

Niemand ist als Vater oder Mutter perfekt. Auch als Kinder- und Jugendpsychiater weiß ich bei meinen Kindern nicht immer, was richtig und was falsch ist und mache Fehler. Jedes Kind für sich ist einzigartig, das macht es auch so schwer, abgesehen von einigen allgemeinen Grundsätzen, Tipps zu geben, die immer passen. Erziehungsmethoden und -tricks drängen sich überall auf. Was davon können wir als gesichert annehmen? Und womit schaden wir der psychischen Gesundheit unserer Kinder? Hier noch zwei Beispiele für Erziehungsformen, die wie die Überbehütung gut gemeint sein, aber trotzdem eine negative Dynamik auslösen können: Leistungsdruck und Kritik.

Leistungsdruck. Eltern, die zu sehr auf schulische Erfolge drängen, können damit unwissentlich Schaden anrichten. Denn irgendwann kann der Druck auf Kinder und Jugendliche so hoch werden, dass sie psychisch erkranken. Dies wie gesagt auch, wenn die Eltern nur wollen, dass es ihre Kinder einmal besser haben als sie selbst.

Kinder in dieser Situation glauben schnell einmal, dass ihre Eltern sie nur mögen, wenn sie die entsprechende Leistung erbringen. Das kann im Umkehrschluss für sie heißen, dass sie die elterliche Zuneigung bei schlechter Leistung vielleicht verlieren. Leistung wird dann zum Ziel, das ich unbedingt erreichen muss. Alles andere, auch alles was Spaß macht, ordnen sie unter. Das kann zur völligen Erschöpfung bis hin zur Depression führen.

Wir erkennen dieses Muster auch häufig bei Essstörungen. Kinder und Jugendliche übertragen dann den Anspruch auf Perfektion auf ihren Körper. Leistung kann für solche Kinder dann auch darin bestehen, Kontrolle über ihre Nahrung und ihr Gewicht zu erlangen.

Kritik. Kritik kann demotivieren, wenn sie nicht konstruktiv ist. Natürlich müssen Eltern auch Dinge ansprechen, die schwierig oder nicht optimal sind, sie müssen es aber immer so tun, dass die Kinder sehen, was sie verändern können. Eltern müssen auch pauschale Verurteilungen der Kinder vermeiden. Ein Satz wie »Du kannst nichts« kann das Selbstbild eines Kinder vermindern, wenn sie ihn oft genug wiederholen. Er wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

In diesem Zusammenhang ist auch die häufige Verbreitung von mangelndem Lob anzusprechen. Viele Eltern fürchten, ihre Kinder mit zu viel Lob zu verweichlichen. Das sind hartnäckige Überbleibsel der Erziehungsmethoden der 1930er-Jahre. Nach wie vor gibt eine Generation sie an die nächste weiter.

Dabei steht fest: Lob ist eine Ressource, von der wir nicht genug bekommen können. Und niemand wird zum Weichei, nur weil er gelobt wird. Eltern sollten also lernen, bedenkenlos zu loben. Sie sollten lernen, ihren Kindern zu sagen, wie toll sie sind.

Wichtig ist dabei, dass das Lob echt ist. Die Kinder müssen tatsächlich etwas gut oder richtig gemacht haben. Sie durchschauen es, wenn sie für schlechte Leistungen gelobt werden. Das entwertet das Lob. Womit wir wieder bei der Bedeutung von Authentizität sind.

Eltern dürfen aber auch loben, wenn die Kleinen aus dem Kindergarten eine Zeichnung heimbringen, die nicht unbedingt ein Picasso ist. Schließlich geht es nicht um die Leistung an sich, sondern um die Möglichkeiten des Kindes und darum, wie sehr es sie nutzt.

Eltern brauchen also zunächst die Bereitschaft, auch kleine Erfolge wahrzunehmen und zu benennen. Dazu müssen sie die Erwachsenenperspektive verlassen und sich überlegen, welche Anstrengungen die jeweilige Tätigkeit für das Kind bedeutet hat. Wir sind um vieles schneller und effizienter wenn es darum geht, ein Zimmer zusammenzuräumen, eine Seite zu lesen oder die Schuhe zu binden. Das ist aber nicht die Messlatte. Für ein Kind bedeutet das alles oft viel mehr Anstrengung, und dann ist Lob auch gerechtfertigt.

Die Rolle des Internets und der Sozialen Medien

Welche Rolle spielen das Internet und die Sozialen Medien nun wirklich bei der psychischen Gesundheit beziehungsweise der Entstehung psychischer Krankheiten?

Wir als letzte Generation, die noch nicht mit dem Internet aufgewachsen ist und die noch jede digitale Innovation mühsam in unser Leben integrieren muss, werden nie so ganz verstehen, was Internet und Soziale Medien für Kinder und Jugendliche bedeuten. Aus Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie fallen mir dazu zunächst aber einige recht positive Punkte ein.

So ist erwiesen, dass psychiatrische, psychotherapeutische und psychologische Betreuung und Behändlungen online im Bereich der Therapie von Depression und Angst sehr gute Effekte haben. Sie funktionieren in etwa gleich gut wie ein Therapie in persönlicher Begegnung. Online-Therapien haben sogar den Vorteil, dass sie niedrigschwelliger sind. Viele Kinder und Jugendliche mit psychiatrischen Erkrankungen finden diesen Zugang zur Hilfe attraktiv. Schließlich ist es leichter, auf einen Button zu klicken, als sich auf den Weg zu machen und in einer Ambulanz oder einer Praxis vorbeizuschauen.

Kritisch ist dabei anzumerken, dass bei Online-Angeboten auch die Ausfallsraten deutlich höher sind. Das ist immer die Schattenseite der Niedrigschwelligkeit. Wenn es leicht ist, mit etwas anzufangen, ist es auch leicht, wieder damit aufzuhören. Es fehlt die Verbindlichkeit, die ein persönlicher Kontakt oft bietet.

Die Digitalisierung hat auch andere positive Seiten. So gelten Computerspiele eher als negative Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit und die »Gaming Disorder«, um die es gleich noch ausführlicher gehen wird, häuft sich als Diagnose für krankhafte Online-Spielsucht bei Kindern und Jugendlichen. Andererseits können Computerspiele als sogenannte »serious games« auch genau andersherum wirken, wie das Computerspiel Sparx bewies.

Sparx wurde dazu programmiert, um Jugendlichen mit Depressionen zu helfen und erwies sich in Studien als genauso wirksam wie eine Gesprächstherapie. Das Fantasy-Rollenspiel um die Wiederbeschaffung von magischen Kristallen ist allerdings aus Sicht von Jugendlichen heute sicher grafisch nicht mehr ganz taufrisch. Es kam im Herbst 2013 auf den Markt.

Auch das Smartphone, das bei der Entwicklung von Kindern eine problematische Rolle spielen kann, könnte sich für die Kinder- und Jugendpsychiatrie noch als hilfreich erweisen. Dies aufgrund der Datenfülle, über die es verfügt, und über die wir uns kaum Gedanken machen.

Über Gesichtserkennung, Stimmanalyse und die Analyse von Pulsfrequenz, Schlafqualität, Körpertemperatur, der bei Postings und Nachrichten verwendeten Worte, der Anzahl der täglich gegangenen Schritte oder der Art der täglich zurückgelegten Wege und aufgesuchten Orte kann sich ein Handy ein sehr genaues Bild vom Zustand eines Menschen machen. Es erfasst dabei Bereiche, die Psychiatern, Psychotherapeuten oder Psychologen bei persönlichen Gesprächen oft verschlossen bleiben.

Erste Ansätze, wie sich das Handy in der Psychiatrie einsetzen lässt, zeigen sich bereits bei der Suchtbehandlung. Mittels Geotracking kann es erkennen, welche Wege ein Patient gerade zurücklegt und ob er dabei auf einen Ort, etwa auf ein Lokal oder einen Supermarkt stoßen wird, wo er sich gewöhnlich mit Alkohol versorgt. »Bist du sicher, dass du dorthin gehen willst?«, fragt das Handy dann über eine eigens dafür konzipierte App.

Auch im Bereich der Suizidprävention untersuchen Wissenschaftler eine Kombination verschiedener Datenquellen durch Smartphone-Algorithmen. Die Kombination aus Bewegungsverhalten, Änderungen der Schlafqualität und den geposteten Inhalten können Aufschluss darüber liefern, ob sich eine Krise zuspitzt.

Als fixer Bestandteil ihrer Lebenswelt haben zwangsläufig auch Instagram, WhatsApp, TikTok und Co. Einfluss auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, und dieser Einfluss ist nicht immer positiv. Wir haben im Rahmen der COVID-19-Pandemie zuletzt etwa eine Zunahme bei Essstörungen gesehen, wobei die Sozialen Medien eine Rolle spielten.

Kinder und Jugendliche haben sich schon immer an Medien orientiert, das ist nicht neu. Früher war es zum Beispiel die legendäre Zeitschrift Bravo und das Fernsehen, jetzt sind es eben die Sozialen Medien. Neu ist aber etwa die Interaktivität dieser Medien und die Möglichkeit der Kinder und Jugendlichen, sich selbst einzubringen, zum Beispiel über sogenannte Challenges.

Sie posten dann Fotos oder Videos von sich, auf denen sie bestimmte Ziele zu erreichen versuchen. Zum Beispiel, dass ein Blatt Papier, das sie liegend auf ihre Hüftschaufeln legen, den Bauch nicht berührt. Oder dass ihre Oberschenkel, wenn sie aufrecht stehen, nicht zusammenlaufen, sondern ein »O«, den sogenannten Thigh-Gap, bilden. Hier kann eine Dynamik entstehen, die vor allem Mädchen im Teenager-Alter dazu veranlasst, immer weniger zu essen und immer mehr Sport zu betreiben. Auch über die Gaming-Disorder und die »Challenge«-Problematik im Vorfeld von Essstörungen hinaus können Soziale Medien bei der Entstehung psychischer Erkrankungen und Phänomene mitwirken. Das hat sich zum Beispiel auf Instagram im Zusammenhang mit Selbstverletzungen gezeigt. User posteten auf der Plattform vielfach Fotos von Selbstverletzungen. Die meisten Likes und Kommentare bekamen diejenigen Bilder, bei denen die Verletzungen besonders schwer ausfielen.

Instagram änderte das Vorgehen, als eine junge Britin, die in solchen Gruppen aktiv gewesen war, an ihren Selbstverletzungen starb und der Guardian, eine britische Tageszeitung, das Thema aufgriff. Bilder von Selbstverletzungen gibt es seither auf Instagram nicht mehr, wobei sich diese auf anderen Plattformen weiter finden lassen.

Was können wir mit Sicherheit über den Einfluss Sozialer Medien bei der Entstehung psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sagen?

Wir alle, Psychiater, Psychotherapeuten, Psychologen, Wirkungsforscher, Soziologen und Medien- und Kommunikationswissenschaftler befinden uns hier noch in einem Raum der Spekulation. Denn Studien, die auf Instagram, TikTok und Co. aktive Kinder und Jugendliche mit solchen vergleichen, die ohne Soziale Medien aufwachsen, gibt es noch nicht.

Nur solche Studien würden eindeutige Rückschlüsse zulassen. Deshalb wissen wir auch nicht, wie viel von dem, was wir derzeit über die Sozialen Medien und ihre Wirkung auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu wissen glauben, tatsächlich stimmt.

Es gibt nur Hinweise. Laut aktuellen Daten aus Großbritannien scheint es so zu sein, dass es vor allem bei Mädchen einen Zusammenhang zwischen Social Media-Konsum und einer steigenden Depressivität gibt. Ich bin da dennoch skeptisch, vor allem weil die Depressivität, zumindest bis zu den pandemiebedingten Lockdowns, in vielen anderen Ländern nicht merklich gestiegen zu sein scheint, obgleich auch hier Jugendliche Social-Media-Inhalte konsumieren. Zudem erwiesen sich die Sozialen Medien während der Lockdowns andersherum zumindest als schwacher Ersatz für die so wichtigen sozialen Kontakte der Kinder und Jugendlichen untereinander.

Ich gehe jedenfalls auf Basis der mir vorliegenden Studien und meiner eigenen ärztlichen Beobachtungen eher davon aus, dass die von Sozialen Medien ausgehende Gefahr zumeist höher eingeschätzt wird, als sie ist. Ich glaube, wir befinden uns gerade in einer Umbruchphase, in der wir als Elterngeneration uns noch nicht vorstellen können, wie ein guter Umgang mit diesen Medien gelingen kann.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich das soziale Miteinander verändert. Jugendliche werden dabei immer besser im Umgang mit den Sozialen Medien. Damit meine ich nicht, dass sie schneller tippen und bessere Selfies machen, sondern dass sie sich bewusster mit diesen Medien und ihren Wirkungen auseinandersetzen.

Sie erleben tatsächlich viel Druck durch sie, im Sinne von »fear of missing out«, also im Sinne einer ständigen Angst, etwas zu verpassen und dem Zwang, dranbleiben zu müssen, um nicht ausgeschlossen zu werden. Da gibt es einige negative Tendenzen.

Gleichzeitig lernen sie dazu und entziehen sich diesem Zwang zunehmend und ganz bewusst. Sie schaffen das sogar um einiges besser als wir Erwachsenen. Die Jugendlichen haben inzwischen einen weitaus reiferen Umgang mit den Sozialen Medien erlernt, als wir oder als die Jugendlichen vor zehn Jahren.

Ich glaube, wir Erwachsene tun uns auch schwer mit der Vorstellung, die exzessive Nutzung der Sozialen Medien könnte spurlos an unseren Kindern vorbeigehen. In unseren Köpfen ist ein Heranwachsen ohne Soziale Medien und ohne Internet fixiert. So haben wir es erlebt, weshalb uns alles andere seltsam und sogar gefährlich vorkommt.

Dabei müssten wir es besser wissen. In meiner Kindheit und Jugend war noch der Fernseher das große Ding. Nur ja nicht zu viele Stunden vor der Röhre verbringen, sonst werden die Augen viereckig, hieß es damals. Auch diese Ängste vor dem damals noch relativ neuen Medium waren letztlich unbegründet.

Wenn ich Vorträge zum Thema Internet und Soziale Medien halte, kommt am Ende immer die Frage nach der Bildschirmzeit, die wir Kindern und Jugendlichen mit gutem Gewissen zugestehen können. Es wäre ja tatsächlich schön, wenn sie sich eindeutig quantifizieren ließe: Ein Stunde am Tag, oder vielleicht auch zwei oder drei, und alles ist gut. Ganz so einfach ist es nur leider nicht.

Vor einigen Jahren suchten die großen amerikanischen pädiatrischen und psychiatrischen Gesellschaften noch pauschale Antworten auf diese Frage. Mittlerweile setzte sich auch bei ihnen die Erkenntnis durch, dass es keine standardisierte Empfehlung geben kann. Auch ich denke, dass die Bildschirmzeit individuell zu bewerten und festzulegen ist.

Schafft es ein Kind, den schulischen Anforderungen gerecht zu werden, reale Kontakte zu pflegen und außerschulische Hobbies aufrecht zu erhalten? Dann rate ich von einer Eingrenzung der Bildschirmzeit ab.

Manche Jugendliche sind schon einmal sechs Stunden am Stück online. Wenn sie dennoch ihre Hausübungen machen und wenn sie am nächsten Tag nur eine Stunde spielen, weil sie lieber ihre Freunde treffen oder einem Hobby nachgehen, geht das meiner Meinung nach in Ordnung.

Spielen sie aber jeden Tag sechs Stunden, vereinsamen sie dabei am Handy oder am Tablet, vernachlässigen sie sportliche Aktivitäten oder Hobbies und lassen ihre schulischen Leistungen merklich nach, kann eine Begrenzung der Bildschirmzeit sehr wohl Sinn machen.

Besonders bei Kindergartenkindern ist Vorsicht geboten. Sie entwickeln sich besonders stark und brauchen besonders viel zwischenmenschlichen Kontakt. Sie müssen basale Fertigkeiten erwerben, wobei ihnen der Bildschirm nicht hilft. Weshalb er für sie nicht zum Menschenersatz und Babysitter werden darf. Für Kindergartenkinder sind Tablets oder gar Handys eine schlechte Idee.

Das gilt im Übrigen auch für die Eltern von Kindergartenkindern. Häufig sehe ich auf Spielplätzen, dass Kinder ihren Eltern zeigen wollen, was sie gemacht haben, dabei aber merken, dass ihre Mutter oder ihr Vater gerade mit dem Smartphone beschäftigt ist. Das Kind merkt also, dass das Telefon für die Eltern in diesem Moment interessanter ist als es selbst. Es sollte dann nicht verwundern, dass Kinder das Smartphone als etwas sehr Wichtiges wahrnehmen und sie ihm eine entsprechende Wertigkeit einräumen. Kinder lernen am Modell.

Ab dem Volksschulalter ist kontrollierte Bildschirmzeit in Ordnung, solange ein Kind keine der genannten Auffälligkeiten zeigt. Das gilt nicht für Smartphones, die Kindern erst jenseits des Volksschulalters zugänglich sein sollten. Der Umgang mit Smartphones erfordert Kompetenzen, die Volksschulkinder häufig noch nicht erworben haben. Eine nicht begleitete Nutzung des Internets sollte in dieser Altersgruppe unterbleiben.

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