Kitabı oxu: «Spaziergänge ins Jenseits»

Şrift:

Paul Rosenhayn

Spaziergänge ins Jenseits

Saga

Spaziergänge ins Jenseits

Copyright © 1925, 2017 Paul Rosenhayn Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711592618

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

I

Die Dinge, von denen ich hier sprechen will, gehören einem Gebiet an, das heiss umstritten ist. Ich will gestehen, dass ich selbst zu den Streitenden gehöre. Und zwar wie ich hinzufügen will: zu denen auf der andern Seite. Zu den Verneinern. Dies vorausgeschickt, bitte ich um Gehör und gleichzeitig, ich möchte sagen, um einen gewissen Kredit. Eben weil ich mich eingehend, zweifelnd, forschend und voller Skepsis mit den seltsamen Erlebnissen beschäftigt habe, die rechts und links von mir einwandfreien Leuten widerfahren sind, eben darum, auf diesem Wege, sind mir Geschehnisse untergekommen — oder doch in meiner nächsten Nähe vor sich gegangen — die mit einem einfachen „Unsinn“ nicht abzutun sind.

Die Aufsätze, die hier folgen, sollen einige der prominentesten und unerklärlichsten Erlebnisse auf diesem Gebiete wiedergeben.

Meine Rolle — ich wiederhole es — ist eine lediglich berichtende. Die Dinge, die ich mitteilen werde, lassen sich, wie ich glaube, verstandesmässig, also mit den uns bekannten Gesetzen der Physik, nicht erklären. Ebensowenig aber würde ich behaupten, dass aus diesem Grunde übernatürliche Deutungen, die also etwa auf dem Gebiete des Geisterglaubens liegen würden, sich zwangsläufig ergäben.

Es möge vielmehr dem Leser überlassen bleiben, sich eine Meinung zu bilden — ein Urteil, eine Deutung zu finden. Das Thema ist ein so ungeheuer grosses, ein so bis zu den letzten Quellen der Menschheitsgeschichte reichendes, dass sich vielleicht eines Tages Perspektiven ergeben, die zu dritten, vierten und fünften Lösungsmöglichkeiten führen. Denn, dies möge nur angedeutet sein, auch die Begriffe natürlich und übernatürlich, physisch und metaphysisch sind letzten Endes dem Alltagsbedarf der Menschheit entnommen; sie sind verkleinernd statt umfassend. Und es wäre sehr wohl denkbar, dass die Schablone des Handwerkers für die Ansprüche der lebendigen Welt nicht reicht.

Ein mir befreundeter Berliner Fabrikant, Herr E., den Neugier und Neigung in okkultistische Kreise geführt haben, wohnte lange Zeit in einem westlichen Berliner Vorort. Er war oberflächlich bekannt mit einem Ehepaar, das die Nachbarvilla bewohnte. Der Mann starb; seine Witwe ging auf Reisen, und erst nach Jahren sah Herr E. sie wieder. Sie hatte sich inzwischen, die Länge der Zeit liess das als selbstverständlich erscheinen, über den Verlust des Gatten einigermassen getröstet. Die Rede kam auf okkulte Dinge. Es stellte sich heraus, dass die Dame allem Übersinnlichen völlig ablehnend gegenüberstand. Auch Herr E. erklärte, dass er durchaus Skeptiker sei; lediglich aus dem menschlich begreiflichen Interesse für das Unerklärliche beschäftige er sich hin und wieder mit metaphysischen Dingen — immer bestrebt, sie auf bekannte Gesetze zurückzuführen und ihnen den Nimbus des Geheimnisvollen zu entziehen.

Die Dame antwortete mit ablehnendem Lächeln. Sie habe indessen eine Freundin, die sich für derartige Dinge interessiere. Und schliesslich wurde verabredet, dass Herr E. die Dame in ihrer Villa in Begleitung eines Mediums einmal besuchen werde. Das Nähere sollte telephonisch vereinbart werden, damit auch die Freundin der zu besuchenden Dame eingeladen werden könne. Die Dame selbst war, wie erwähnt, betont ungläubig. Ja, sie stand okkulten Fragen offenbar mit einer gewissen Feindseligkeit gegenüber.

Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis der beabsichtigte Besuch zustande kam.

Frau J. — eben jene Dame, die Herr E. in das Haus seiner Nachbarin einführte — hatte mehrfach überraschende Proben medialer Veranlagung gegeben. Einige davon sollen in späteren Aufsätzen folgen. Auf der Fahrt nach dem Villenvorort sagte sie ganz plötzlich:

„Was ist das für eine Dame, die dort draussen zu Besuch ist?“

(Herr E. hatte ihr von dem Dabeisein jener zweiten Dame nichts gesagt.)

Herr E. erwiderte, dass er die Dame nicht kenne und nie gesehen habe. „Nun,“ sagte Frau J., „sie hat braunes Haar, ein wenig angegraut. Sie trägt ein graues Kleid. Was sind das für Menschen, die in ihrem Hause ein- und ausgehen? Es sind auffallend viele; und ich glaube, es sind auffallend junge Leute.“

Herr E. konnte wiederum nur erwidern, dass er keine Ahnung habe. „Sehen Sie sie denn vor sich?“

„Gewiss“, antwortete Frau J. „Und ich sehe auch den Raum, in dem sie sitzt. Es ist ein sehr grosses Speisezimmer mit zwölf Lederstühlen. Sie sitzt in einer Ecke, in der ein Tisch und zwei Sessel stehen. Über ihr hängt eine Blumenampel.“

Hier konnte Herr E. zu seiner Befriedigung einen Irrtum feststellen: das Speisezimmer besass keine solche Ecke, wie die Dame sie beschrieb, und auch von einer Blumenampel konnte keine Rede sein.

Bei ihrem Eintreten in das Haus präsentierte ihnen die Gastgeberin ihre Besucherin: eine Dame mit braunem Haar, das leicht angegraut war; sie trug ein graues Kleid.

„Wissen Sie, dass mir Frau J. schon von Ihnen erzählt hat?“ sagte Herr E. „Sie hat mir sowohl Ihr Haar als auch Ihr Kleid beschrieben. Aber im übrigen hat sie sich geirrt,“ wandte er sich an die Besitzerin des Hauses, „sie spricht von einer Ecke in Ihrem Speisezimmer mit Sesseln und Blumen. Ich kenne doch das Zimmer und weiss, dass es dort ganz anders ...“

Die Gastgeberin schüttelte den Kopf und stiess die Tür zum Speisezimmer auf. „Wir haben das Arrangement geändert“, sagte sie, auf die Ecke deutend.

Die Ecke sah genau so aus, wie Frau J. sie unterwegs beschrieben hatte: zwei Sessel, ein Tisch, eine Blumenampel.

„Frau J. behauptet übrigens, in Ihrem Hause gingen auffallend viel junge Leute ein und aus, gnädige Frau.“

Die Dame lächelte erstaunt. „Allerdings. Ich habe eine Musikschule.“

Während man den Tee nahm, benutzte Frau J. einen günstigen Moment, um Herrn E. zuzuflüstern: „Was ist in diesem Hause vorgegangen?“

Herr E. zuckte die Achseln. „Warum?“

„Ich fühle, dass jemand hinter mir steht.“

Die Gastgeberin wurde aufmerksam und mischte sich ins Gespräch.

„Ich höre, dass jemand unausgesetzt ‚Anka’ ruft.“

Die Worte hatten eine seltsame Wirkung. Die Dame des Hauses wurde blass. „Anka ... mein Gott ... so nannte mich mein Mann. Ich heisse in Wirklichkeit Elisabeth.“

Frau J. nickte. „Und sagen Sie mir, was ist das ...“

„Was haben Sie nur?“

„Nein. Nichts.“

Man drang in sie, und sie sagte endlich mit einem scheuen Blick auf die Hausfrau: „Was ist das für ein weisser grosser Kragen, den Ihr Herr Gemahl getragen hat?“

Die Wirtin starrte sie fassungslos an. Aber sie gab keine Antwort.

Nach einiger Zeit äusserte Frau J. den Wunsch, die anderen Räume der Villa zu sehen. Herr E. blieb aus irgendeinem gleichgültigen Grunde unten im Vibliothekzimmer.

Es mochten zehn Minuten vergangen sein, als er plötzlich einen lauten Aufschrei hörte. Er stürzte hinaus. Ein zweiter Schrei kam durch das Haus. Dann sah er Frau J. mit allen Zeichen des Entsetzens die Treppe herunterkommen und unten fassungslos zusammenbrechen. Man brachte sie mit ziemlicher Mühe wieder zu sich.

„Wie konnten Sie mich in dieses Haus führen?“ keuchte sie. „Ich habe ihn gesehen. Dort oben in dem kleinen Zimmer sitzt er, mit einem weissen Taschentuch erdrosselt!“

Dabei machte sie würgende und krampfhafte Bewegungen mit dem Hals. „Mein Gott! Wie das schmerzl! Und dieser entsetzliche Gasgeruch ...!“

Die Herrin des Hauses stierte wortlos vor sich hin — alles war auf den Schrei zusammengelaufen.

An ihrer Stelle nahm ihre Freundin das Wort. „Ja — sie sagt die Wahrheit. Er hat sich erdrosselt und gleichzeitig den Gashahn geöffnet. Aber niemand ausser uns beiden und dem Arzt hat es je erfahren.“

II

Das Erlebnis, das ich hier beschreibe, ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Es betrifft Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und deren Namen weitesten Kreisen bekannt sind. Der ungewöhnliche Vorfall ist ferner besonders gelagert durch den Umstand, dass er das erste Erlebnis eines Hellsehers bildet, dessen Name inzwischen weit über Deutschlands Grenzen bekannt geworden ist, ja dass er das eigentliche auslösende Moment darstellt, das jenen Hellseher auf seine „mediale Begabung“ aufmerksam gemacht hat. Ob das hier geschilderte Erlebnis eine rationalistische Deutung zulässt, oder ob es auf anderem als okkultem Wege nicht erklärbar ist — diese Frage zu beantworten möchte ich dem Leser überlassen. Ich folge hier minutiös den Aufzeichnungen des Mediums und enthalte mich nicht nur jedes schmückenden Beiworts, sondern vor allem jeden Kommentars.

In der Nacht vom 25. auf den 26. November des Jahres 1915 lag ein verwundeter deutscher Soldat in einem Münchener Sanatorium. Das Haus, eine Villa in vornehmer Gegend, war für Lazarettzwecke zur Verfügung gestellt worden; es war mithin in Wahrheit ein Privathaus, das vorübergehend seine Bestimmung gewechselt hatte. Ich erwähne dies mit Absicht zweimal, weil es von einer gewissen Bedeutung ist.

Der Soldat, der schon fast völlig hergestellt und jedenfalls gänzlich fieberfrei war, lag wachend im Bett; von irgendwoher aus der Nacht schlug es ein Uhr. Er drehte sich gelangweilt und ein wenig verdriesslich im Bett herum, als er plötzlich von der Tür zur Rechten — dem Bett gegenüber — ein leises Geräusch vernahm. Wahrscheinlich, so sagte er sich, die Trockentäfelung: die Faserrichtung passt vermutlich nicht zu dem Rahmen, der sie umgibt. Trotz dieser naheliegenden Deutung vermag er nicht seine Aufmerksamkeit von jener Tür abzuwenden. Er weiss genau, dass solche Nachtgeräusche nichts Seltenes sind: das Material zieht sich unter der Einwirkung der Kälte zusammen.

Plötzlich sieht er zu seinem Erstaunen, dass sich im Rahmen der Tür (die Tür war geschlossen und verschlossen) ein schwacher Lichtschein zeigt. Während er seine Augen auf die befremdliche Erscheinung richtet, sucht er vergeblich nach einer Erklärung. Dass es nicht der Schein der Lampe ist, ist ihm ohne weiteres klar. Die Helle ist eine viel schwächere und eine völlig andere: ein phosphoreszierender, grünlicher Schimmer.

Während er sich den Kopf zerbricht, tritt durch die geschlossene Tür eine Gestalt.

Man wird hier den Einwand erheben können, dass dies alles ein Traum gewesen sei. Obwohl mein Gewährsmann diese Version als ausgeschlossen bezeichnet, will ich mit der Möglichkeit rechnen, dass er in der Tat geträumt hat. Bloss, leider, wird dadurch das Rätsel nicht kleiner. Warum, das wird man ohne weiteres erkennen, wenn man diesen kleinen Artikel bis zu Ende verfolgt hat.

Die Erscheinung — mein Gewährsmann nennt sie das Phantom — tritt auf das Bett zu. Er streckt den rechten Arm aus, eine dem Soldaten geläufige Abwehrgeste — und ruft:

„Halt!“

Zu seiner eigenen Überraschung bleibt die Erscheinung stehen und blickt ihm unverwandt ins Gesicht. Er hat Musse, sie eingehend zu betrachten. Es ist ein älterer Mann von mittelgrosser Figur, ein wenig korpulent. Das Gesicht ist rund und ziemlich gross, die Stirn gewölbt. Plötzlich zieht sie sich kraus; es entstehen unregelmässige Falten. Die Nase ist mittelgross, das Kinn länglich abgerundet. Der Mund ist eher klein als gross, die Wangen sind rund, die Lippen voll. Spärliches blondes Haar hängt ihm um die Stirn; der Schnurrbart ist klein und gestutzt. Auffällig sind die spärlichen, wenig ausdrucksvollen Augenbrauen. Die hellen Augen sind nicht sehr tiefliegend. Er trägt einen Klemmer, der lose zu sitzen scheint. Seine Schritte sind kurz und schnell. Die Hände sind mittelgross und fleischig, der Daumen klein. Die Erscheinung trägt einen Jackettanzug, in der Hand einen weichen Filzhut. Der Mann mag 48 bis 51 Jahre alt sein.

Der im Bett Liegende hatte sich, fast ohne es zu wollen, jede dieser Einzelheiten eingeprägt. Denn er fühlte, wie ihm das Blut durch den Körper zu jagen begann, und in der gesteigerten Intensität seiner Gehirnfunktionen mochte er mehr ahnen als begreifen, dass jede Einzelheit von Wichtigkeit sein konnte.

Der Blick, mit dem ihn die Erscheinung unverwandt anstarrte, wurde ihm schliesslich unerträglich, und er entschloss sich, den fremden Mann, der durch die verschlossene Tür hindurch eingetreten war, anzureden:

„Wer sind Sie?“

Der andere schweigt.

„Wo kommen Sie her?“

Die Erscheinung schüttelt den Kopf.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Die Erscheinung öffnet den Mund. Die Stimme klingt hohl, so als ob sie aus weiter Ferne käme: „Wo kommen Sie her?“

„Ich soll hier gesund werden“, antwortet der Soldat. „Deshalb liege ich im Bett und versuche zu schlafen.“

Die Erscheinung schüttelt den Kopf. „Sie haben hier nichts zu suchen. Sie sind nicht mein Sohn.“

„Das ist schon richtig. Aber man hat mich hier placiert, und Sie haben kein Recht, mich hinauszuweisen.“

Das Phantom sieht ihn an und versucht, sich dem Bett zu nähern; wie der Patient zu seinem Erstaunen bemerkt, gelingt es ihm nicht. Dadurch ermutigt, sagt er:

„Sehen Sie wohl: Sie können es nicht.“

Während der Patient die Erscheinung wieder, mehr neugierig als furchtsam, mustert, erinnert er sich, ihr bereits einmal begegnet zu sein. Am Tage seiner Einlieferung am Freitag, dem 19. November, mittags um 12 Uhr, hat er diesen Mann durchs Zimmer gehen sehen.

Ein Gedanke kommt ihm. „Ist dies Ihr Haus? fragt er.

„Ja“, antwortet jener. „Aber alles ist anders. Ich finde mich nicht mehr zurecht.“

Der Patient hat ein würgendes Gefühl im Hals, während sich ihm die folgende Frage auf die Lippen drängt. Aber er vermag nicht sie zu unterdrücken. So nimmt er allen Mut zusammen und fragt:

„Wissen Sie, dass Sie tot sind?“

Die Erscheinung antwortet:

„Nein.“

Eine Pause entsteht, während sich in ihm das Gefühl der Furcht verstärkt. Endlich fragt der Soldat:

„Was kann ich für Sie tun? Wollen Sie wiederkommen und mehr von mir hören?“

Der andere blickt ihn an und nickt leise und traurig:

„Es hat keinen Zweck. Mir kann niemand helfen.“

„Warum“, fragt der Patient, „sind Sie denn heute gekommen? Wollten Sie nur das Haus besuchen, oder haben Sie mich persönlich aufgesucht?“

Zu seiner Überraschung antwortet der andere:

„Ich suche Sie.“

„Und warum?“ fragt der Soldat atemlos.

„Ich finde keinen Menschen ausser Ihnen hier im Hause, der mich versteht.“

„Wie haben Sie mich denn gefunden? Das Zimmer ist doch dunkel.“

Der andere schüttelt den Kopf. „Hier ist Licht.“

(Hierzu muss bemerkt werden, dass von Spiritisten behauptet wird, Medien strahlten ein Licht aus, das „Phantome“ anziehe.)

„Nein“, sagte der Soldat abermals. „Hier ist es dunkel.“

„Dann weiss ich es nicht“, sagte der andere. Darauf wendet sich die Erscheinung ohne Gruss um. Sie legt die Hand auf den Türdrücker, lässt darauf den Arm sinken und geht durch das Holz der Tür hindurch aus dem Zimmer.

Jetzt macht der Soldat eine neue Entdeckung: um den Kopf und die Schultern des Verschwindenden hängen Seetang und Meeresalgen; Wasser scheint von ihm niederzutriefen.

Der Soldat springt aus dem Bett, reisst die Tür auf und blickt dem Dahinschreitenden nach. Er kann eben sehen, dass das Phantom in derselben Weise — durch die geschlossene Tür hindurch — ein zweites Zimmer durchschreitet.

Am andern Morgen fragt der revidierende Arzt nach dem Befinden des Patienten; er scheint ihm unausgeschlafen. Der Soldat, der sich jetzt, im nüchternen Licht des Tages ein wenig geniert, kann sich dennoch nicht enthalten, das Erlebnis zu berichten. Der Arzt lächelt zunächst; dann, als er zur Beschreibung der Erscheinung kommt, wird er stutzig. Schwestern erscheinen; sie lassen sich, sichtlich nachdenklich und verwirrt, das Erlebnis ebenfalls berichten. Darauf kündigt man ihm den Besuch des Chefarztes an. Der Patient wird unruhig; er fürchtet eine Art von psychiatrischer Prüfung, denn er selbst muss sich jetzt bei nüchterner Überlegung sagen, dass diese ganze Geschichte sehr stark nach den Phantastereien eines Irrsinnigen aussieht.

Der Chefarzt erscheint. Aber er ist die Aufmerksamkeit in Person, und zum Schluss bittet er den Patienten, ihm die genaue Beschreibung des Mannes, der ihm in dieser Nacht erschienen ist, schriftlich zu geben.

Und nun ergibt sich folgendes: ein paar Tage später kommt der Antwortbrief der Besitzerin dieses Hauses. Sie erklärt, dass sie aus der Beschreibung des Erschienenen unzweideutig und ohne jede Irrtumsmöglichkeit ihren verstorbenen Mann erkenne, den Besitzer dieses Hauses ...

III

Die hier folgenden kleinen Erlebnisse haben sich nicht wie die andern an dieser Stelle geschilderten in meiner unmittelbaren Nachbarschaft zugetragen. Sie sind aber gleichwohl völlig verbürgt, und auch die Personen, denen sie widerfahren sind, sind so einwandfrei, dass ich nicht anstehen möchte, mich für die Tatsächlichkeit der Vorgänge einzusetzen.

Ein englischer Gesandter, den ich hier Lord L. nennen will, wachte eines Nachts von einem Geräusch auf, das aus dem Garten des Gesandtschaftshotels zu kommen schien. Er stand auf und trat ans Fenster. Helles Mondlicht lag über den Bosketten; aber niemand war zu sehen. Er glaubte schon, sich verhört zu haben, als er plötzlich Schritte vernahm. Und nun erkannte er einen Mann, der den Kiesweg entlang auf das Haus zugeschritten kam. Einen Mann, der eine Last auf dem Rücken trug.

Das Mondlicht fiel dem Fremden ins Gesicht, so dass der Gesandte seine Züge deutlich erkennen konnte. Es war ein junger Mann mit einem fahlen, ziemlich eingefallenen Gesicht. Rötliches Haar lugte unter der Schirmmütze hervor; das Auffallendste an ihm waren seine grossen, sehr breiten Hände, mit denen er den Gegenstand auf dem Rücken umklammert hielt. Über dem linken Auge hatte er eine Narbe.

Lord L. glaubte einen Moment an ein Liebesabenteuer des Dienstpersonals. Eben hatte der Mann sich dem Hause so weit genähert, dass der Gesandte den Gegenstand erkennen konnte, den jener auf dem Rücken trug. Zu seinem Erstaunen war es ein Sarg.

Lord L. beugte sich zum Fenster hinaus und rief den Betreffenden an; jener blickte flüchtig hinauf, ging aber dann, als ob nichts geschehen wäre, ins Haus.

Der Gesandte überlegte einen Augenblick, ob er den merkwürdigen Besucher hinaufrufen solle; dann aber verschob er diese Absicht bis auf den nächsten Morgen.

Am andern Morgen erhielt er zu seinem Erstaunen die Auskunft, dass kein Besuch in dieser Nacht das Haus betreten habe. Auch sei kein Todesfall vorgekommen, und von einem Sargtransport könne füglich nicht die Rede sein.

Der Gesandte musste wohl oder übel an eine Traumerscheinung glauben. Allmählich vergass er das Erlebnis. Später wurde er versetzt, und zwar nach Paris.

Hier in Paris wohnte er einer diplomatischen Festlichkeit bei, die in einem grossen Hotel stattfand. Es war an einem Dienstag abend, kurz nach 12 Uhr, als er an der Seite einer Dame zum Fahrstuhl ging, um in die erste Etage zu fahren. Die Lifttür öffnete sich; der Fahrstuhlführer liess die Dame zuerst eintreten und blickte erwartungsvoll dem Gesandten entgegen, als dieser einen Blick in sein Gesicht warf und zurückfuhr ...

Er erkannte in dem Fahrstuhlführer den Mann, der in jener Mondscheinnacht vor vielen Jahren, einen Sarg auf dem Rücken, ins Gesandtschaftshotel gegangen war: das rote Haar, die Narbe, die grossen, fleischigen Hände.

Wie alle Engländer abergläubischen Regungen nicht unzugänglich, trat er zurück und bat auch die Dame, nicht einzusteigen. Aber schon setzte sich der Lift in Bewegung.

Lord L. ging zur Treppe, als plötzlich ein furchtbarer Aufschrei aus dem Innern des Fahrstuhlschachtes kam, dem ein donnerähnliches Krachen folgte. Alles lief zum Lift. Man riss die Türen auf. Das Seil des Fahrstuhles war gerissen. Beide Insassen waren tot.

Die Tochter des deutschen Botschafters Fürst von Radolin, die Gräfin Moy, verbürgt sich für das nachfolgende Erlebnis, das der Oberhofmeisterin der Grossfürstin Wladimir (geborene Herzogin von Mecklenburg), einer Frau v. Peters, in Cannes widerfahren ist:

Frau v. Peters wohnte mit der Grossfürstin in einem alten Hause, das dem Herzog von Orléans gehörte. Die Grossfürstin wohnte im ersten Stock, neben ihrem Zimmer lag das Schlafzimmer ihrer kleinen Tochter Helene, die später übrigens Prinzessin von Griechenland wurde. In einem grossen Raum zur Rechten, der unbenutzt war, standen schwere Möbel aufgespeichert; eine Tür verband dieses Zimmer mit den Appartements der Grossfürstin. Die Tür war verschlossen.

Frau v. Peters, die mit dem Gefolge das Parterre bewohnte, wurde eines Tages von der Grossfürstin über den merkwürdigen Lärm zur Rede gestellt, der Nacht für Nacht durch das Haus ging. Die Oberhofmeisterin verwahrte sich gegen die Vermutung, dass sie etwa die Anstifterin oder die Dulderin dieser Geräusche sei. Um der Sache auf den Grund zu gehen, benutzte die Oberhofmeisterin eine kleine Reise der Grossfürstin, für einige Tage in den ersten Stock zu ziehen. Die kleine Prinzessin wurde in ihrem Schlafzimmer von der Nurse bewacht.

Eines abends nun, in der Zeit zwischen 10 und 12 Uhr, erwachte Frau v. Peters von einem heftigen Geräusch. Es klang genau so, als ob nebenan in dem unbenutzten Zimmer die Möbel gerückt würden. Sie öffnete die Tür — Alles war still. Befremdet legte sie sich wieder schlafen — der Lärm setzte von neuem ein. Diesmal noch stärker; aber er schien jetzt von der anderen Seite zu kommen. Frau v. Peters legte die Hand auf die Klinke der Tür, die zum Kinderzimmer führte; die Tür war verschlossen. Die Oberhofmeisterin, von einem seltsamen Gefühl beunruhigt, beugte sich nieder, um durchs Schlüsselloch zu spähen. Da bemerkte sie, dass aus dem Zimmer der Prinzessin gelblicher Lichtschein kam: so als ob nebenan mehrere Kerzen brannten. Sie schloss auf und betrat das Kinderzimmer. Ihr erster Blick fiel auf die Nurse, eine junge Engländerin. Sie sass mit weit aufgerissenen Augen in einem Sessel und starrte mit dem Ausdruck des Entsetzens der Oberhofmeisterin entgegen.

„Was ist das für ein Geräusch, Miss Gray?“

Die Engländerin stammelte: „Wenn Sie sehen wollen, was es ist, so löschen Sie Ihre Kerze aus.“ Frau v. Peters blickte der Erregten ins Gesicht; sie sah, dass ihre Zähne vor Entsetzen aufeinanderschlugen.

„Haben Sie diesen Lärm schon mehrfach erlebt?“

„Jede Nacht“, sagte die Engländerin. „Jede Nacht wiederholt er sich. Ich werde wahnsinnig in diesem Hause. Bitte löschen Sie das Licht.“

Die Oberhofmeisterin tat es. Und zu ihrem Entsetzen erblickte sie einen gespenstischen Zug von mittelalterlich gekleideten Gestalten in Zwergengrösse. Sie trugen Fackeln in den Händen und bewegten sich feierlich und ernsthaft um das Bett des Kindes, das übrigens ruhig schlief. Die Erscheinungen waren so deutlich, dass Frau v. Peters die Gesichtszüge der einzelnen genau unterscheiden konnte. Und, seltsam, die beiden ersten Gestalten waren geköpft. Gleichwohl machte die Prozession den Eindruck eines Hochzeitszuges. Frau v. Peters zündete die Kerze wieder an; der Spuk verschwand augenblicklich. Sie löschte sie abermals; der Zug war wieder da.

Man weckte die Hausbesorgerin. Die erklärte, allen Bewohnern des Schlosses sei dieser Spuk seit Jahren bekannt. Man forschte nach der Geschichte dieses Hauses und erfuhr, dass vor langer Zeit hier ein Herzog von Orléans überfallen und getötet und das Brautpaar enthauptet worden sei.

Die Gräfin Moy vermochte diese merkwürdige Geschichte, obwohl sie Frau v. Peters als eine wahrheitsliebende Dame kannte, dennoch nicht zu glauben. Sie wandte sich darum eines Tages direkt an die Grossfürstin. Zu ihrer Überraschung bestätigte diese jedes Wort ihrer Oberhofmeisterin: auch sie hatte den Spuk gesehen und den Lärm gehört. Ebenso wurde er ihr von einem Mitglied des Hauses Orléans bestätigt.

Vor etwa einem halben Jahre erschien bei einem Pfarrer in einer schottischen Kleinstadt eine Dame. Herr Y. sei krank und sehne sich nach geistlichem Zuspruch. Sie habe ihren Wagen draussen stehen; der Pfarrer würde ein gutes Werk tun, wenn er sofort mitkäme. Er kam der Bitte nach. Die Dame kutschierte ihn an die Peripherie der Stadt und bat ihn, in jenes Häuschen zu gehen. Der Name des Herrn Y. stand an der Gartentür.

Ein Herr kam dem Pfarrer entgegen und fragte nach seinem Begehr.

„Herr Y. verlangt nach mir. Bitte führen Sie mich an sein Krankenbett.“

Der Herr schüttelte den Kopf: „Aber ich selbst bin Herr Y.; ich fühle mich wohl und munter.“

Der Parrer zuckte verständnislos die Achseln.

„Wer hat Sie denn hierher geschickt, Reverend?“

„Eine Dame. Warten Sie einmal, sie muss mit dem Wagen draussen halten.“

Die beiden gingen ans Fenster. Weder Wagen noch Dame waren zu sehen.

Nun waren beide Männer überzeugt, einem üblen Scherz zum Opfer gefallen zu sein. Der Pfarrer entschuldigte sich und ging heim.

Am nächsten Morgen wurde er von dem Mädchen des Herrn Y. aus dem Schlaf geklingelt. Die Schluchzende berichtete in stammelnder Eile, ihr Herr sei in dieser Nacht am Schlag verschieden.

Durch diese merkwürdige Prophezeiung — denn eine solche lag zweifellos vor — beunruhigt, fuhr der Pfarrer mit dem Mädchen in die Wohnung des Verstorbenen. Sein erster Blick fiel auf ein Bild, das über dem Bett des Toten hing. Zu seiner Überraschung erkannte er die Dame, die ihn gestern mit ihrem Wagen abgeholt hatte.

„Wer ist diese Frau?“ erkundigte er sich. Und das Mädchen antwortete: „Das ist die Frau des Herrn Y. Sie ist vor drei Jahren gestorben.“

Am 24. Oktober 1850 schrieb Justinus Kerner an A. Schurz, Lenaus Schwager und Biographen:

„Wie locker und leicht beweglich Lenaus Nervengeist war — was bei dem Somnambulen zum zweiten Gesicht, zum Sichselbstsehen, zum Aussichheraustreten Veranlassung gibt und was auch bei Goethe und vorzüglich bei Lord Byron der Fall war —, beweist folgendes Erlebnis:

Wir sassen einmal nach dem Nachtisch, er, ich und meine Gattin, als er auf einmal im Gespräch verstummte, und als wir auf ihn blickten, sass er starr und leichenblass auf seinem Stuhl; im Zimmer nebenan aber, in dem sich kein Mensch befand, fingen Messer und Tassen, die dort auf Tischen standen, auf einmal klingende Töne zu geben an, als würde von jemand an sie geschlagen. Wir riefen: „Niembsch, was ist das?“ Da fuhr er plötzlich zusammen und erwachte wie aus magnetischem Schlaf, und als wir ihm von jenen Tönen im anderen Zimmer während seiner Erstarrung erzählten, sagte er: „Das ist mir schon öfter begegnet; meine Seele ist dann wie ausser mir.“

Hofrat Reinbeck (Stuttgart) behauptete fest, Niembsch sei einmal im Gange seines Hauses auf ihn zugekommen, zu einer Zeit, da er sich gar nicht in Stuttgart befunden habe.

Der preussische General Karl Friedrich v. Steinmetz verlor im Jahre 1854 in Magdeburg seine einzige erwachsene Tochter durch den Tod. Sie war das letzte seiner Kinder, und seine Erschütterung war so furchtbar, dass sich visionäre Zustände bei ihm einstellten. Seine Angehörigen wurden durch seine Erzählungen ausserordentlich beunruhigt — mussten aber zu ihrer eigenen Verwunderung konstatieren, dass der General mit klarer ruhiger Stimme und sichtlich ohne jede Aufregung von seinen Visionen sprach und sie in allen ihren Einzelheiten erzählte, so wie man wohl ein wirkliches Erlebnis berichtet. Bis zum Tode seiner Tochter hatte er, ein robuster Kriegsmann, sich niemals mit übersinnlichen Dingen beschäftigt; das Thema hatte ihn überhaupt nicht interessiert. Er begann nunmehr, sich Lektüre zu verschaffen, die sich mit spiritistischen Erscheinungen befasste. Und er war aufs höchste erstaunt darüber, dass die in diesen Schriften geschilderten Gesichte völlig übereinstimmten mit seinen eigenen Visionen. Der General hatte diese Erscheinungen auch während der Feldzüge (1866 und 1870/71). Allerdings wurden die Visionen allmählich ein wenig schwächer. Der General hat Tag für Tag den Besuch seiner verstorbenen Tochter erhalten; er erzählt, dass er, wenn sie die Wange an ihn geschmiegt habe, die Wärme ihres Körpers gespürt habe. Dann erschien sie eines Tages in Begleitung zweier Geschwister, die vor ihr gestorben waren, die von schemenhaften Gestalten geführt wurden. Der General hat sowohl Theodor Fontane als auch dem Schriftsteller A. E. Brachvogel diese Besuche in allen Details geschildert und dem letzteren eines Tages erzählt: seine Besuche aus dem Jenseits hätten ihm heute die Mitteilung gemacht, seine Schwägerin, die als Gast bei ihm wohnte, werde sterben. Die Voraussetzung ist pünktlich eingetroffen.

Der General, der pünktlich auf seine dienstlichen Pflichten eingestellt war, ein harter, nüchterner, allen Phantastereien abholder Soldat, hat die Erscheinungen ohne jede Sentimentalität, aber auch ohne jedes Sensationsbedürfnis als etwas völlig Reales weiter erzählt und in seinem Bericht hinzugefügt: dass es so sei, darauf gäbe er sein Ehrenwort; auf eine Erklärung müsse er verzichten.

Von einem Erlebnis seltsamer Art, das Ernst Moritz Arndt hatte, erzählt Georg v. Bunsen:

Bunsen hatte Arndt an einem Winternachmittag des Jahres 1856 in vergilbten Papieren kramend angetroffen. Auf die neugierige Frage seines Besuches erklärte Arndt, er bereite auf Wunsch seines Verlegers eine Auslese aus seinen alten Gedichten vor. Er müsse in manchen alten Winkeln suchen, die Arbeit werde voraussichtlich mehrere Jahre dauern. Bunsen sah den alten Herrn, der im 87. Lebensjahre stand, mit erstauntem Lächeln an.

„Sie wundern sich vielleicht, dass ich so freigebig auf mehrere Jahre hinaus disponiere.“

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