Kitabı oxu: «Ende der großen Ferien»

Şrift:

Pavel Kohout
Ende der Großen Ferien

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Georg Birno

Saga

Dieser erdachte Roman erzählt über Schicksale von zufällig zusammengescharten Menschen, die zur Sonnenwende 1983 ihrem Vaterland den Rücken kehren und sich in die freie Welt absetzen.

Ein bestimmtes Datum wurde gewählt, weil sich Fluchtbedingungen ständig verändern; weder die Zeit und die Schauplätze noch die Nationalitäten sollten jedoch darüber hinwegtäuschen, daß die Emigration weltweit ein Jahrhundertproblem darstellt, das in wechselnden Kulissen und Kostümen ähnliche Sorgen und oft auch Tragödien mit sich bringt.

Ich widme dieses Buch meinen Lieben und Freunden im ungewollten Exil, das von einem neuen Aufbruch der Demokratie in der Tschechoslowakei beendet worden ist, und insbesondere, als Dank für ihre entscheidende Mitwirkung, Jelena Kohout und Albrecht Knaus.

20. Juli 1990

P.K.

I
Anfang der grossen ferien
Der Tag davor

Montag, den 20. Juni 1983

1. Der Schauspieler

Von jedem ausgefallenen Haar

Nahm Abschied er

Als wär’s ein Freund

Auf Nimmersehn verreisend...

Diese Strophe aus einem plumpen Gedicht, das er gestern als sein letztes «Opus» in der Heimat fürs Radio aufgezeichnet hatte, schien sich ihm unauslöschlich eingeprägt zu haben. Obwohl er dagegen ankämpfte, wiederholte er es am Steuer wohl alle fünf Minuten aufs neue. Höchstens gelang es ihm, den Rhythmus zu zersetzen, die Worte aber drängten wieder und wieder auf seine Zunge.

Jeder seiner Psychiaterfreunde, von denen er als eine scheinbar starke Persönlichkeit in all den Jahren eine ganze Sammlung angelegt hatte, als sie sich an seinem Ruhm aufzurichten und nach einem Halt für ihre eigene Verwirrung suchten, hätte ihm gewiß verraten, was er bereits wußte: Der blöde Satz sprach sein Zentralproblem aus.

Milan Čech – nomen est omen – noch immer ständiges Mitglied des Nationaltheaters in Prag und ein Fixstern aller großen Serien des tschechischen Fernsehens, verließ nun doch für immer das verrückte Land, in dem er durch einen unglücklichen Zufall geboren wurde, um den Sternenhimmel des normaleren Teils der Welt zu stürmen.

Von einem einzigen unerläßlichen Stopp abgesehen, saß er bereits in der sechsten Stunde am Volant. Obwohl er vor Erregung nachts kaum geschlafen hatte und sich Dora als Chauffeur seinem ewigen Dazwischenreden zum Trotz völlig sicher war, gab er seit Prag das Steuer nicht ab, als läge gerade darin der Erfolg des Unternehmens. Jetzt wurde ihm langsam klar, die Sache zu weit getrieben zu haben. Seine letzte, wahrscheinlich überflüssige Absicherung war dieser Umweg über Komarom. Er wollte damit selbst dem wachsamsten Auge des Staates beweisen, daß er in der Tat über Südjugoslawien nach Bulgarien wollte. Als Dora einwandte, dies sei übertriebene Vorsicht, die ihnen nichts als hundert Kilometer schlechte Straße einbrächte, fuhr er sie an, wie er es gewöhnlich tat, wenn er seine eigenen Zweifel zum Verstummen bringen wollte.

Die Spannung zwischen den Eltern bewirkte, daß Petřík, im allgemeinen nur der Stumme dahinten, sich jetzt noch dazu unnatürlich versteifte, was seltsamerweise den Schauspieler noch zorniger machte: Er verspürte darin eine Verbocktheit, wie sie der Entfremdung vorauszugehen pflegt, doch er wußte sich keinen Rat. So schwieg auch er. Ab Bratislava herrschte Ruhe im Auto, und irgendwann mußte Dora eingeschlafen sein; sie reagierte selbst dann nicht, als man in das Gebiet etlicher riesiger Wasserbaustellen einfuhr, in denen sich ein wahres Labyrinth von Umleitungen auftat.

Der Stolz verbot ihm, sie zu wecken, um ihr unglaubliches Orientierungstalent zu Hilfe zu rufen, und so verirrte er sich bald hoffnungslos. Mit jedem Kilometer wuchs seine Verbitterung. Doras Teilnahmslosigkeit wie auch die Stumpfheit seines Sohnes, er will mit mir seit unserer Abfahrt überhaupt nichts zu tun haben! riefen in ihm ein zunehmendes Gefühl der Verlassenheit und des Unrechts hervor. Ich tu’s doch nur für sie! sagte er sich und erinnerte sich an seine Devise, mit der er seine ledigen Jahre verbracht hatte: Ich muß mir täglich nur einen Liter Wein und eine Semmel verdienen, zu einem Bett lädt mich schon jemand ein.

In diesem Winkel der Großen Schütt, offenbar zur Überflutung freigegeben, schien keine Menschenseele mehr zu hausen, er fuhr durch eine Mondlandschaft, in der nur immer neue Umleitungen zwischen Betondämmen eine monströse Zivilisation bezeugten. Endlich kapitulierte er, hielt an, ließ die Fensterscheibe herunter und versuchte sich zu orientieren. In den helleren Wolken hinter ihm erahnte er den Westen. Voller Bitterkeit entschloß er sich, zu wenden und weitere sechs Stunden an dieser Richtung festzuhalten. Er stellte sich vor, wie er die beiden Mitreisenden nach Mitternacht vor ihrer Prager Wohnung weckt und sagt, wie er es in einem dummen Schwank gesprochen hat.

«Mit euch gelangt man höchstens dorthin, wo man losmarschiert ist...»

In diesem Augenblick hörte er ihre Stimme.

«Na, endlich!»

Noch bevor er es schaffte, sich aufzuspielen, sah auch er vor sich, was sie, kaum aus dem Schlaf erwacht, bereits erblickt hatte: eine fast unleserliche Tafel, auf der durch den Schmutz die Inschrift Staatsgrenze 2 KM schimmerte.

Der Übergang, der zu ihrem Tor in die neue Welt werden sollte, diente hier vorwiegend dem kleinen Grenzverkehr. Jene berüchtigten technischen Einrichtungen, die die Grenze gegen die Welt der Kapitalisten schützen und deren drohende Dominanten die mammutartigen Hochsitze für Scharfschützen bildeten, lohnten hier nicht. Hier konnte man nur aus einem Käfig in den anderen flüchten, und das Lebensniveau, beiderseits tief abgesunken, ließ selbst die einst blühende Schmuggelei verdorren.

Der Offizier der Grenzwache, der ihre Reisepapiere zur Kontrolle mitnahm, machte jedoch die gleiche aufmüpfige Miene wie seine Kollegen bei den großen Passierstellen. Doch als sich der Fahrer absichtlich aus dem Fenster des Škodas hinauslehnte und der Mann das vom Böhmerwald bis zu den Tatrabergen bekannte Fernsehgesicht erkannte, verwandelte er sich rasch, bezaubert vom Flimmer eines unerreichbaren Lebens, in einen Heimatburschen ostslowakischer Kartoffelfelder, der er auch immer geblieben war.

«Sind Sie nicht...» fragte er, beinahe liebenswert naiv, er konnte sich davon doch von Amts wegen überzeugen aus den Papieren, die er in der Hand hielt, «nicht der...?»

«Sieht so aus», half der Fahrer wie gewohnt nach und grinste ihn an, für sich hinzufügend: Bolschewist du blöder!

Der junge Mann, den über das Mittelmaß nur die Uniform hinaushob, glaubte, eine Erscheinung vor sich zu haben.

«Du lieber Gott, Sie waren doch gerade im Fernsehn, es ist keine halbe Stunde her!»

Der Schauspieler dachte nach, was es sein könnte. Halb sieben! Was für Kinder?

«Als was kam ich?»

«Was meinen Sie?»

«Was ich darin spielte.»

«Den Prinzen doch...»

«Ach so!»

«Aber wie kommt es denn, daß Sie hier sind...» erst jetzt hat er im Paß den Namen nachgeblättert und fast feierlich ausgesprochen «Herr Čech?»

Der Schauspieler war es natürlich aus diesem verdammten Land gewohnt, sich mit jedem Idioten unterhalten zu müssen.

«Ach, das haben wir bereits im April gedreht», erklärte er geduldig, obwohl in ihm schon alles kochte, «und weil ich ab heute keine Proben mehr habe und nicht mehr spielen muß, springt für mich eine Woche Ferien mehr heraus!»

Er hat das mit jenem verschwörerischen Grinsen begleitet, mit dem die Tschechen und Slowaken jedem stolz erzählen, wie sie das nun mal wieder geschafft haben, das Regime reinzulegen, das eben ohne diese kollektive Schlitzohrigkeit längst vor die Hunde gegangen wäre.

Der Grenzverteidiger quittierte dies mit der üblichen Mischung von Neid und Bewunderung.

«Na ja, ihr Künstler, ihr wißt es schon zu richten! Und der Bub, der schwänzt halt die Schule, was?»

Er beugte sich zum Fahrer runter, als wollte er nur besser auf das stille Kind blicken, auf dem Hintersitz unter dem Gepäck fast vergraben; es war jedoch klar, daß er vor allem verstohlen die schöne Dora anschaute. Dem Schauspieler schlug aus seinem Mund Sauerkrautgeruch des Abendessens entgegen. Er erinnerte ihn an seine eigene endlose, wenn auch ziemlich fesche Wehrpflicht und an den ganzen Berg von militärischen und danach auch zivilen Schindereien, die er soeben hinter sich lassen wollte. Was geht dich das an, du Hanswurst, dachte er wütend.

«Er hat eine ärztliche Bescheinigung», sagte er und zwinkerte ihm zu. Auch diese Biedermannsart war einer der Tricks, zu denen in diesen Regionen Menschen, vor welchen sich in der übrigen Welt der Plebs beugte, greifen mußten, um sich der grenzenlosen Frechheit von Funktionären, Waffenträgern aller Sorten und, wenn man ordentliche Ware haben wollte, sogar von Obst- und Fleischhändlern zu erwehren. Nein, weg von hier, nichts wie weg!

Auch dieser Lakai des Regimes hat angebissen und schaute nicht so aus, als wollte er diesen Reisenden seine Macht zum Beispiel dadurch beweisen, daß er sie bis zum letzten Schräubchen und Slip durchsuchen läßt, um dann mit Siegesgeschrei die paar unchristlich hochbezahlten Devisen ans Licht zu holen. Im Gegenteil: Überraschenderweise zog er aus seiner grünen Bluse eine abgegriffene Brieftasche und aus ihr das Photo eines massigen Wesens weiblichen Geschlechts: Üppige Farben verliehen ihr das Aussehen einer Schlampe.

«Das ist die Resi», vermeldete er stolz, «meine Verlobte!»

«Aha...» sagte der Schauspieler und half sich mit einem Jux aus der Peinlichkeit, «möchten Sie sie mir geben? Für gewöhnlich erlaubt das die Gattin nicht, aber Sie können’s per Befehl schenken, stimmt doch?»

Der Waffenträger brauchte einen Augenblick, um das zu verarbeiten.

«Du lieber Gott, das nicht, ich hab’ nur dieses! Aber Sie könnten für sie darauf unterschreiben, ja?»

«Warum nicht», stimmte der Schauspieler zu, ließ aber noch nicht lokker, «nur erkläre ich hiermit, daß ich für Sie keine Alimente zahle, das haben nämlich mit mir schon drei andere probiert.»

«Na klar... Sie haben ja auch kein richtiges Paradiesleben, wie man glaubt...» plötzlich schien er ganz froh, in der eigenen Haut zu stecken, als er jetzt dem Schauspieler seinen Kugelschreiber gab, «ich werd’ Sie inzwischen abfertigen.»

Er verschwand in der Einheitsbaracke, und sie waren wieder allein. Einen knappen Kilometer vor ihnen schaute über die Maisfelder der ungarische Zoll herüber, ebenso menschenleer.

«O Himmel!» stöhnte der Schauspieler, als stünde er auf der Bühne, «gib, daß dies mein letztes Autogramm ist – in diesem beschissenen Land!»

«Petřík schläft nicht», sagte Dora.

«Um so besser! Kinder sollen hören, was ihnen die Eltern vermachen.»

«Für so was ist er vielleicht doch noch zu klein.»

«Und bleibt bis in den Tod blöd, wenn du mit ihm wie mit einem Mädel umgehst. Mir hat mein Vater vielleicht als erstes Wort gesagt, der Bolschewik wär’ eine Hure, und trotzdem habe ich fünfunddreißig Jahre gebraucht, um das Loch aus dem Käfig hier zu finden!»

Abergläubisch klopfte er sich schnell auf den Kopf und fügte hinzu.

«Mein Sohn muß es besser haben!»

«Dreh wenigstens das Fenster rauf...»

«Sei nicht ewig so ängstlich, er ist es ja auch schon! Hier gibt es doch keinen weit und breit.»

Dann ließ er das Reden und widmete sich dem Photo. Schrieb und grinste.

«Worüber lachst du so?»

Er führte es ihr vor. Für resi, die heissgeliebte, dass sie unsere verrückten stunden nie vergisst, malte er in seiner üblichen Versalschrift, Für immer ihr milan čech.

«Du bist verrückt geworden!»

«Der merkt nichts mehr. Er wird die ganze Bande hierherschleppen, um sich wichtig zu machen!»

Wie war ihr seine Angeberei zuwider, doch bald mußte sie seine Menschenkenntnis erneut bewundern: Wie aufs Stichwort marschierte aus der Baracke eine ganze Riege Uniformen an. Ihr Betreuer natürlich vorneweg.

«Hier, Milan», brüllte er, gab ihm beide Pässe und nahm das Photo an sich, «mach’s gut und bring uns ’ne Flasche bulgarischen Mastika, wenn du zurückkommst, wir übersehen dafür eure neuen Pelze! Abfahren!»

Er drückte bereits die Schalttaste der elektrischen Schranke, um die neue Bekanntschaft mit niemandem teilen zu müssen und dabei ihre Wackeligkeit zu verraten.

Der Schauspieler ließ den Motor an und trat das Gaspedal, als bräche er zu einer Rallye auf. Kaum hunder Meter weiter, nachdem er die Säule mit dem Hoheitszeichen der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik hinter sich gelassen hatte, bremste er heftig und lehnte sich aus dem Fenster.

«Ich hab’ deinen Kuli geklaut, Blödmann!» schrie er nach hinten.

«Waas...?» rief der Kerl, winkte sogar zum Abschied und joggte strebsam Richtung Ungarn.

Der Schauspieler wartete, bis der Offizier auf Hörweite herankam, und dann, ehe er das Gaspedal durchtrat, schrie er seinen letzten Gruß in die Heimat.

«Leckt mich!»

2. Der Korporal

Er schaute zu, wie die blendende orangefarbene Sonnenscheibe schnell hinter den Wall des Mischwalds auf dem Nachbarhügel sinkt, doch anstatt des Gefühls eines stillen Behagens, das diesen Augenblick früher begleitet hatte, stellte sich wieder der dumpfe Magenschmerz ein. Um ihn loszuwerden, atmete er die feuchte Vorabendluft tief ein, die nach frischem Heu roch, und ließ dabei im Fernglas die ihm liebsten Details im Blickwinkel des Wachturms herankommen: Buschgruppen, die niedrige Remise, verwilderte Birnbäume auf Rainen, die ihm als lebendige Denkmäler längst vergangener Zeiten vorkamen. Er, ein leidenschaftlicher Großstädter, der gern sagte, sein Moos sei der Asphalt und Schornsteine seien ihm die liebsten Bäume, begann ziemlich bald, diesen verlassenen Winkel Südmährens zu mögen, bis er ihm plötzlich ans Herz gewachsen war, um so überraschender, als es hier um eine vergewaltigte Landschaft ging, ihrer Natur beraubt, bevölkert höchstens von Halberwachsenen in Uniform, die eine schon seit langem sinnlos gewordene Aufgabe erfüllten: im Herzen Europas, das feierlich Verträge über gemeinsame Sicherheit und Zusammenarbeit unterschrieb, künstlich die Zeit der zerrissenen Wege und abgebrochenen Brücken zu verlängern. Obwohl er schon früher so gefühlt hatte, und er verheimlichte das kaum, galt er allgemein als ein guter Soldat, und er war es auch. Sein Charakter lehnte alle zu simplen Ansichten ab, sei es für oder gegen. Seit der Kindheit wollte er alles in der Welt selbst entdecken, wenn es ging persönlich, und zwang sich bis dahin, immer den möglichst objektiven Standpunkt zu vertreten. Darum war er auch zu einer Staatsmacht loyal, auf die er nach der Ausbildung den Eid geleistet hatte, obwohl die meisten ihrer Vertreter ihn abstießen. Armeen hat man auch auf der anderen Seite, warum sollten deren Politiker und Generäle besser sein. Übrigens, zum Militär hierzulande mußte man pflichtgemäß, und er hat sich diesen Elitedienst beim Grenzschutz nicht mit krummen Tricks erkauft. Er war, versteht sich, im Jugendverband, wollte sich in den legalen politischen Strukturen engagieren, weil ihm all die diversen Chartas wie Heimatvereine aus den Zeiten der nationalen Wiedergeburt erschienen waren, niemals aber nahm er sich ein Blatt vor den Mund, offensichtlich ein Grund dafür, warum er es zwei Jahre nacheinander nicht zur Hochschule für Ökonomie gebracht hat. Er ist keinen der üblichen Schleichwege gegangen, nie hat er die Miesepeter vom Stadtkomitee, die ihn wahrscheinlich auf dem Gewissen hatten, um etwas angebettelt, obwohl sie gewiß darauf gewartet haben. Er wich selbst vor Eltern und Brüdern nicht zurück, die er ehrlich mochte, als sie ihn davon zu überzeugen versuchten, daß Starrköpfigkeit zu gewissen Zeiten nur eine Art von Dummheit ist, und ein vernünftiger Kompromiß hat noch niemanden um seine Ehre gebracht. Für so was, sagte er, bliebe ihm Zeit genug, ebenso wie für Mädchen, die anscheinend nur das eine wollen. Gelassen ließ er sich einberufen, und in der Armee stellte man bald fest, wen man da vor sich hatte. Nicht einmal dort ließ er sich jedoch etwas einfallen, was er nicht unbedingt mußte; das war auch der Grund, warum man ihn, den hochgewachsenen, starken, wendigen und außerdem auch hübschen Jungen, den städtischen Jugendmeister in Karate, nicht mehr zum Offizier drängte, man freute sich, einen so tüchtigen Mann ganze zwei Jahre am Grenzzaun zu haben. Jetzt wurde er schon Unteroffizier, hatte einen Spezialkurs für Nahkampf absolviert; seinen dritten Hochschulantrag hat die Armee vorbehaltlos empfohlen, und so genoß er die letzten Wochen des Lebens in der freien Natur, die er für sich entdeckte und die ihm während der Zeit hier so vertraut wurde. «Ein Paradies fürs Auge...» fing er an, die tschechische Hymne zu verstehen, die ihm lieber war als die eigene slowakische, in der es nur so blitzte und donnerte.

Doch dann schlug auch hier ein Blitz ein.

Nach achtzehn Monaten, in denen hier nur die Hufe des Hochwilds den glattgeeggten Ackerboden des Sicherheitsstreifens stempelten, hat es in der ersten Mainacht gerade im Abschnitt seiner Kompanie einen Fluchtversuch gegeben. «Der Störer» hat wirklich Alarm ausgelöst, und die hochgedrillte Militärmaschinerie war ihm im Handumdrehen auf der Spur, griff nach seinem Nacken. Dann machte der Jüngling die letzte Dummheit seines kurzen Lebens. Statt sich zu ergeben und sich die drei Jahre aufbrummen zu lassen, die bei guter Führung halbiert werden konnten, stand er auf, gewiß durch den Schrei seiner Jäger verblödet, das Hundegebell und die leckenden Zungen der Scheinwerfer, und ist direkt auf die österreichische Grenze zugerannt. Nicht einmal so wäre er ihnen entwischt, es hat ihn überdies der Stacheldrahtzaun erwartet, und vielleicht wäre er schließlich vor dem Fluß zurückgeschreckt, noch immer angeschwollen nach dem Sturzregen im April. Zum Unglück jedoch kreuzte gerade Oberleutnant Scherg seinen Weg. Sein Name war auch seine Visitenkarte, unterschiedslos hetzte er hier alle, als versuchte er seinen ewigen Frauenfrust, sie konnten seinen beißenden Schweiß nur schwerlich ertragen! mit Kraftmeierei auszugleichen, die ihm das Gefühl, ein Mannsbild zu sein, wieder verschaffte. Er lief einem Rekruten nach, der soeben aus dem Ausbildungskamp angekommen war, ohne die geringste Ahnung, wie es hier in Wirklichkeit zugeht, und brüllte ihm ins Ohr wie von Sinnen.

«Schieß, Himmelherrgott, schieß!»

Da zischten bereits die Leuchtraketen ringsumher hoch, und der Nachthimmel blühte mit weißen, grünen, blauen und orangen Girlanden auf, sie markierten Schießsektoren. Der Rekrut hat nachtwandlerisch reagieren müssen, denn gleich darauf hat Scherg losgelegt.

«Los, Feuer, Kruzitürken, sonst kommst du vor den Kadi!»

So pumpte er ihn von hinten mit Blei voll, schoß auf fünfzig Meter das Magazin explosiver Geschosse leer, wonach man dann den armen Teufel zum Kübelwagen in der Plane tragen mußte und die Reste erst bei Tagesanbruch einsammeln konnte. Er hat genug für zehn abbekommen. Während der Untersuchung hat sich Scherg feige verteidigt, er habe nur zum Warnschuß kommandiert, der Grünschnabel hätte das doch wissen müssen, und falls er bei der Schulung gepennt haben sollte, sei das doch sein Problem! Natürlich hat den Leutnant keiner gefragt, warum er denn nicht selbst geschossen hat, er hielt doch seinen Neun-Kaliber in der Hand! Aber es sollte noch schlimmer kommen. Als der Schütze, die Hose voller Angst, zum Regiment gebracht wurde, hat jeder fest damit gerechnet, der Mann kriegt wenigstens zwei Wochen Bau, statt dessen hat ihnen abends der Kommandantvertreter einen Helden eingeliefert, den die Bonzen, bevor sie ihn mit Bier vollaufen ließen, für den Mord mit einem Lobvermerk und einer Woche Urlaub belohnten. Er trat ihn an, sobald er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, und der Korporal hatte bereits zehn andere im Visier, die ebenso dringend nach Hause zu ihrer Alten mußten und sich nun im klaren waren, wie das am schnellsten zu deichseln sei. Sie waren jetzt fähig, ganz ohne Warnung selbst auf Heidelbeeren- und Pilzsammler loszuballern, die sich ab und zu bis in die äußere Schutzzone verirrten. Scherg, den man, weil er sich von dem Malheur so distanzierte, bei dem Lobspenden ausgelassen hatte, wollte nun das Versäumte nachholen und gab in der Offizierskantine, wenn er sich wieder einmal besoffen hatte, diverse Schreiereien von sich, es habe sich damals um eine geheime Richtlinie gehandelt, die er kannte, und deswegen habe er das Kommando gegeben.

Das schlimmste daran war, daß ihm der Korporal glaubte.

Erst dann befiel ihn die Angst, und die meldete sich immer wieder mit chronischen Magenschmerzen. Die Landschaft, an der er Gefallen fand, vor allem ihrer weichen Arglosigkeit wegen, begann ihm wie eine Falle vorzukommen, auch ihm, ihrem Beschützer, gestellt. Er hörte nicht auf, darüber nachzudenken, wie er sich selbst in einer solchen Lage verhielte. Natürlich hätte er zuerst in die Luft geschossen, dessen war er sich sicher, aber was wäre, wenn der Angsthase weiterliefe? Ihn nicht zu treffen, mit Absicht? Auf die Entfernung und mit der tollen Knarre? Wer sollte ihm hier auf den Leim gehen? Scherg wäre jedenfalls der Letzte. Auf die Beine zielen – leicht gesagt, doch es klappt nur im Schießstand, im Terrain reicht es, wenn einer der beiden stolpert. So hätte er ihn wahrscheinlich weniger durchlöchert, doch sicher mit dem gleichen Ergebnis. Die zweite Möglichkeit bot nur der Divisionsankläger an, und der Korporal bezweifelte nicht, daß er von Scherg während der Ermittlungen in die Pfanne gehauen würde, der hat hier doch seine unbeugsame Starrköpfigkeit am schlechtesten vertragen. Und obendrein hätten die niederschmetternden Kaderbegutachtungen ihn total fertiggemacht, von den Bratislaver Jugendverbandsonkeln freudig ausgestellt. Alles in allem würde dabei dasselbe herausspringen, was auch der Trottel für versuchte Republikflucht bekommen haben könnte, wäre er nicht in Panik geraten. Auch wenn der Korporal ein Gottloser war, die Eltern, gläubige Kommunisten, haben alle Söhne für die Partei erzogen, da fehlte nur er noch als Benjamin! hat er seit jener Nacht im stillen wiederholt gesagt: Mein Gott, verkünde wenigstens deinen flüchtenden Christen, sie sollten diese Kompanie meiden, solange ich bei ihr mir die Beine in den Bauch stehen muß, sonst wüßte ich ehrlich nicht, was ich anfangen würde... In diese trüben Gedanken fiel das Gerassel des Feldtelefons ein. Er verließ das Fernrohr, durch das er ohnehin seit langem nichts mehr wahrnahm, und griff nach dem Hörer.

«Die Wolke hier, ich höre.»

«Die Sonne. He, paß auf, bald kriegst den Sheriff! Ende!»

Der Kamerad in der Kompaniezentrale schaffte es nur knapp abzuklingeln, da sah der Korporal bereits den Geländewagen, wie er mit dichtem Staubschleier hinter sich aus dem Wald auf ihn zuraste. Der Hauptmann fuhr selbst und winkte ihm zu, er solle oben bleiben. Als er bremste, blieb er am Steuer sitzen und sprach ihn an, während sich die Staubschleppe langsam legte.

«Tono, das Staatsgut möchte morgen die Wiese vor dem Felsen drüben runternehmen, die haben wieder neue Leute gekriegt, überprüfte, heißt es, doch ich will keine neue Scheiße haben. Du hast das Kommando, hol dir noch einen dazu, und kannst den ganzen Tag in der Sonne fünfzehn machen!»

Dem Korporal schien, man hätte ihm in den Magen getreten. Ein totaler Blödsinn fiel ihm ein: Und was, wenn man mir keinen Christen schickt, sondern einen Heiden, den der Himmel nicht warnt? Jesus, was dann?

15,67 ₼
Yaş həddi:
0+
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1110 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711461389
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