Kitabı oxu: «Wo der Hund begraben liegt»

Şrift:

Pavel Kohout
Wo der Hund begraben liegt

Roman

Aud dem Tschechischen

von Joachim Bruss

Saga

 Gewidmet

 Den ersten signataren der Charta 77

 Herrn Walter Jaeggi,

 Ehemaliger botschafter der Schweiz in Prag

 In memoriam und

 Frau Dr. Annemarie Reynolds

 In der freundschaft mit den ersten

 Habe ich diese geschichte erlebt

 Die freundschaft des zweiten

 Half mir, sie zu überleben

 Die freundschaft der dritten

 Machte es mir leichter, sie zu schreiben

P. K.

0

1984, Lago Maggiore

Der Hund liegt zwanzig Schritte südlich von der Villentür begraben. Die Villa sieht in dem geräumigen Garten, der sich auf einem schiefen Felsen dem Flußtal zuneigt, wie der schlichte Aufbau eines Schiffes mit Schlagseite aus. Ein junger, heimischer Architekt hat hier im Jahre 1928 mit leichtem Beton und Glas seine Bewunderung für die gerade berühmt gewordene Bauhaus-Schule gelungen ausgedrückt. Es war ein gutes Jahr auch für mich: Im wenig entfernten Prag bin ich zur Welt gekommen.

Im Drahtzaun an der Kante des Hanges verfault eine hölzerne Pforte. Ein steiler Pfad, dem Fluchtweg aus einer Burg ähnlich, führte hier vom Garten zu der Wiese am Fluß. Man mußte dort unten nur einen Feldweg überqueren und war bei der geräumigen Badekabine, wo man auch übernachten konnte, berauscht vom nahen Wehr.

Die Idylle ging unter, als die Flut der Wochenendhaus-Bauten einsetzte, die den Menschen nach dem Panzer-August 1968 bei der Flucht ins Innere halfen und obendrein den gesellschaftlichen Rang markierten. Der Mann, ein kleiner Staatsfunktionär, der sich am Hang unterhalb von uns das erste Häuschen baute, nutzte Anfang der Siebziger seine plötzliche politische Macht zum ersten Test unserer Ohnmacht: Er hat den Pfad einfach seinem Grundstück einverleibt. Seitdem mußten wir zum Fluß über den weit gebogenen Hohlweg wandern.

Über der nutzlosen Pforte wuchert der Weißdorn. Lange Jahre schnitt die endlose Hecke Herr Kulhánek, ein Bauer aus dem nahe gelegenen Dorf Xaverov, der genauso alt war wie das Jahrhundert. Er hat diesen Garten für den Erbauer der Villa aus der Wildnis erschaffen und über Jahrzehnte erhalten. Alle Inhaber haben ihn dankbar übernommen. Nach wie vor schmückt die Pforte ein kunstvoll aus Weißdorn geschnittener romanischer Bogen. In dieser schönen toten Ecke entstand der Friedhof unserer Tiere.

Sollte hier in Zukunft einmal ein Nichteingeweihter graben, wird er eine Überraschung erleben. Neben einem Skelett, in dem auch ein Student der Tiermedizin die Gebeine eines jungen Dackels erkennen würde, wird er auf eine Urne stoßen, wie sie in tschechischen Krematorien nur für menschliche Überreste benutzt wird. Sie sind grundsätzlich mit einer Nummer versehen und streng registriert.

Diese ist nicht numeriert. Doch in der Registratur des Bestattungsdienstes der Hauptstadt Prag muß eine Kopie des Originals existieren, das vor mir liegt. Unter der Nummer 010263 ist einem gewissen Dr. Zima, wohnhaft Zelenečská 37, Prag 9, am 23.8.78 ein «amtliches Einäscherungsgefäß» ausgehändigt worden. Irgend jemand, höchstwahrscheinlich er selbst, hat dafür vierzehn Kronen bezahlt.

Die richtige Frage lautet also nicht: Wo liegt der Hund begraben?, sondern: Wer ist zwanzig Schritte südlich der Hallentür des Sommerhauses Nr. 177 in Sázava an der Sázava, etwa fünfzig Kilometer südöstlich von Prag, im Jahre meiner Geburt in dem berühmten Bauhaus-Stil erbaut und im Besitz des Ehepaares Kohout, begraben worden?

Die Geschichte dieses Mordes – ja, es war Mord! – gehört zu den erschütterndsten, die mir das Leben geliefert hat. Auch damals, als ich mitwirken mußte, war mir wiederholt zumute, als müßte ich jeden Moment erwachen. Der Mechanismus dieser Geschichte entglitt immer mehr auch der Kontrolle jener, die sie mit Ladung und Zeitzünder versehen hatten. Als es zur Explosion kam, starb ein Unschuldiger.

Ich habe mit diesem Zeugnis sieben Jahre gewartet, bis mein Entsetzen und meine Wut, die Gefühle des Betroffenen, nachließen und sich der Berichterstatter, der Erzähler, an die Schreibmaschine setzen konnte. Ich will die Geschichte ohne Phantasie schildern, mich auf die genaue Dokumentation stützen, die ich damals von Stunde zu Stunde in Wort, Bild und Ton angefertigt habe.

Ich habe vorgesorgt, daß diese Dokumentation, wie auch meine gesamte Korrespondenz mit den heimischen Ämtern und Gerichten, die an sich schon ein erschütterndes Bild jener siebziger Jahre bieten, aus meiner Heimat herausgeschafft werden konnte – notfalls bis ans Ende der Welt. Jetzt bedecken die Papiere in der Villa am Ufer des Lago Maggiore, die mir zu diesem Zweck eine gute Freundin geliehen hat, den Teppich der riesigen Wohnhalle.

Weil der ausführliche Bericht über die Ereignisse der Monate Juli, August und September 1978, den ich in Fortsetzungen dem Staatspräsidenten sandte, wie üblich durch die Hände der Staatssicherheit gehen mußte, hätte jede unbelegte Behauptung Strafverfolgung nach einer ganzen Reihe gefügiger Paragraphen nach sich gezogen. Daß dies nie geschehen ist, bezeugt die Wahrheit der Geschichte.

Die meisten Akteure behalten ihre wahren Namen. Weil sich jedoch viele der Übeltäter hinter Decknamen versteckten, haben all diejenigen ein um so größeres Recht darauf, die noch gefährdet werden könnten. So wird durch die Feigheit der einen und durch meine Pflicht, die anderen zu schützen, aus den Memoiren ein Roman.

Hinter der niedrigen Steinmauer reckt sich an diesem schwülen Sommernachmittag wie ein riesiges, faules Tier der Lago Maggiore. Vom Handlungsort jener absurden Komitragödie trennen mich drei mächtige Hindernisse: Der San Bernardino, der Arlberg und der Computer, der dafür sorgt, daß mir nicht irgendwo irgend jemand irrtümlich das Einreisevisum in die Heimat gibt.

Wie töricht! Es genügt, die Augen, ohnehin geblendet vom Glanz der Wasseroberfläche und des Papiers, zu schließen und die Fingerkuppen auf die glühenden Tasten der alten Schreibmaschine zu legen, die mir mein Vater vor vierundvierzig Jahren geschenkt hat, als mich, einem umgeschulten Linkshänder, Krämpfe am leserlichen Schreiben hinderten – und die Tessiner Kulisse reißt auf.

Ich betrete die tschechische Bühne der Handlung und finde dort jedes Wort, jede Geste jener Jahre wieder.

1

Sázava, Dienstag, 11.7.78 – 10.00

Die Sekunden vor einem Unglück haften im Gedächtnis wie das letzte Bild eines gerissenen Films; bis heute sehe ich die Augen meiner kleinen Töchter, die sich auf dem Rücksitz des Wagens mit meinem Sohn so zanken, daß ich mich vom Lenkrad abwenden muß, zwanzig Jahre lang sehe ich die drei lebendigen Gesichter, im kindlichen Streit von der künftigen Leidenschaft gezeichnet, während ich mir den schrecklichen Schatten der Lokomotive, die meinen Weg auf dem unbeschrankten Bahnübergang plötzlich versperrt, das Krachen des zerbeulten Blechs, das Zischen des spritzenden Wassers und das Schreien aller drei wie durch ein Wunder unverletzten Kinder jetzt eher ausmalen muß, als daß ich mich daran wirklich

erinnern kann; das Unglück, von dem uns jetzt nur sechzig Schritte trennen – über den Sandweg von den Birken vor unserem Haus, unter denen wir gerade zu Ende gefrühstückt haben, bis zum Briefkasten am Tor –, wird zunächst nach einem schlechten Witz riechen, sogar ein Geist wie der unsere, von den zehn Jahren dieses verrotteten Regimes abgehärtet, wird lange zögern, bevor er seine ungeheuerliche Wirklichkeit zuläßt, und sich lieber krampfhaft an die letzten Sekunden davor halten; es ist

zehn Uhr vormittags, ein alltäglicher Dienstag und doch dringen die Töne eines Flügelhorns von der Stadt bis hierhin, die meisten Schaustellerwagen haben schon gestern das zertrampelte Gelände der Prokop-Kirmes verlassen, die am Sonntag zur Mitternacht ihre heilige Seele aufgelassen hat; sie ziehen jetzt den Sázavafluß auf- oder abwärts zu anderen Kirchenpatronen Mittelböhmens, nur die Schießbuden, Schaukeln und Karussels sind es, die sie einmal im Jahr für zwei kurze Tage aus ihrer politischen Verbannung befreien; einer hat sich verspätet, vielleicht betrunken, vielleicht verliebt in eines der Lehrmädchen aus dem Glaswerk oder aus dem Kaufhaus Zář – Die Glut –, und jetzt schickt er ihr den letzten Gruß; du

trottest neben mir her wie immer, wenn einer deiner Leute zum Tor geht, ich verstehe weder deine Seele noch deine Sprache, wie deine Herrin sie zu verstehen scheint, ich schreibe dir auch nicht die Fähigkeit zu, in menschlichen Kategorien denken und fühlen zu können; doch gebe ich natürlich zu, daß du ein eigenes, verläßliches System der Wahrnehmung unserer gemeinsamen Welt hast, daß du auf deine Weise ihre Fragen begreifst und auch auf deine Weise

antwortest; ich kann mir vorstellen, daß es dich sehr unruhig macht, wenn sie oder ich oder sogar wir beide zum Tor gehen, dort ist auch die Garage, und jede unserer Bewegungen in diese Richtung kann eine wesentliche Veränderung zum Besseren bedeuten, aber auch zum Schlechteren, du fährst mit uns irgendwohin, wo erlesenere Gerüche dich erwarten als in diesem langweiligen Garten, oder – o Schreck – wir lassen dich bei Dritten in Pflege, ohne dir mitteilen zu können, wann – und ob überhaupt – du uns

wiedersiehst; eine so kleine Gefahr droht dir heute allerdings nicht, und von der großen haben wir bisher keine Ahnung, so gehe ich neben dir, reinen Gewissens und Gedankens, geläutert von gutem Schlaf, denke an gar nichts an diesem lauen Julimorgen, nach einem feierlich getragenen Frühstück unter den Birken, aus dem der Zauber

besserer Zeiten weht, bessere Zeiten, eine Illusion!, wo sind sie geblieben?, dieses Jahr ist nichts anderes als die Fortsetzung des vergangenen, in dem man mich zusammen mit deiner Herrin unwiderruflich von Bürgern zu Unbürgern degradiert hat; so wie verräterischen Offizieren die Epauletten heruntergerissen werden, so hat man uns die zivilen Rangabzeichen weggenommen – Personalausweis, Führerschein, Autozulassung, Telephonanschluß, Postzustellung und schließlich auch den Mietvertrag; dieser Garten ist eigentlich unser

Verbannungsort, ein Paradeort, gewiß!, denkt man zum Vergleich an die wahnwitzigen Ebenen Sibiriens, und gewissermaßen sind wir sogar aus freien Stücken hier, man hat uns anderes zugedacht, eine andere Wohnung ihrer Wahl, eine andere Heimat unserer Wahl; das Sommerhaus haben wir deshalb gewählt, weil es nicht in ihrem perversen Katalog stand, und so leben wir hier schon im zweiten Jahr mehr schlecht als recht vor uns hin und können uns nicht beschweren; wir wüßten auch nicht,

bei wem, dieses Jahr hat uns schon viel beschert, reichlich, es wollte nicht hinter den neun vorangegangenen zurückstehen, Verhöre, Geldstrafen, weitere Verbote von allem, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ich erhielt als Novum einen Schlag ins Genick, zum Glück vorerst nur mit der Faust, meine und deine Herrin, die schon im Vorjahr verwundet wurde, statt eines Pflasters die Erscheinung eines Machtfalters namens Marcel Malkus, doch das war im Frühling, seit einigen Wochen herrscht Ruhe, das Gras ist aufgeblüht, mühselig gemäht, getrocknet und dann verbrannt worden, zum Ungras degradiert, als niemand es von uns Verfemten für seine Kaninchen zu nehmen wagte, aber sei’s drum, der freundliche Sommer hat unsere liebe Zet sogar in die Stimmung gebracht, Kirmeskuchen zu backen, wie einst

im Frieden, es liegt in der Natur des Menschen, der nicht selbst angreift, sondern sich nur gegen die Versuche wehrt, seinen Geist vergewaltigen zu lassen, eine erkannte Wahrheit zu leugnen, die Würde in der Garderobe des Regimes abzulegen und sie mit einer Spitzeluniform oder einer Narrenkappe zu vertauschen, in der Natur unmilitanter Menschen liegt es, wenn nicht an die Anständigkeit, so doch an die Vernunft der Macht

zu glauben, also glauben auch wir, und diese unerwartete Pause in der Verfolgung wollen wir als eine kluge Geste der Obrigkeit verstehen, endlich als die Frucht der Erkenntnis, daß gerade das Öl ihrer Schikanen das Feuer unserer Verteidungsreaktionen anfacht, als einen Reifungsprozeß des Apparats, von dem man eher erwarten konnte, daß er vom Frühjahr an dem Höhepunkt des Sommers entgegenrasen würde; am 21. August werden zehn Jahre vergangen sein seit jener Nacht, als hier sechshunderttausend Armierte brüderlich einfielen, von jemandem eingeladen, der sich bis heute

nicht gemeldet hat; die Logik ihres verdorbenen Denkens sowie die Notwendigkeit ihrer Sekretariate und Dienststellen, die Jahr für Jahr aufwendigere Überwachungslust zu rechtfertigen, ließen uns eher eine weitere widerliche Runde unsinniger Belästigungen erwarten, die uns zwingen würde, unseren Protest noch lauter werden zu lassen, was sie zwingen würde, den Druck zu erhöhen, was uns zwingen würde, den Protest zu verstärken, was sie zwingen würde, was uns zwingen würde ... statt dessen also – wirklich, vielleicht? – ein Sommer im Zeichen

dieser Kadenz des wehmütigen Flügelhorns, des Brausens des nahen Wehrs, des Duftes der fett glänzenden Aprikosen an der Garagenmauer, des Summens der Fliegen und Wespen, ein altböhmischer Sommer mit dem weißen Tisch unter den Birken, auf dem sich wie bei einer astronomischen Turmuhr miteinander abwechseln werden: Frühstück, Schreibmaschine, Mittagessen, Schreibmaschine, Vesper, Schreibmaschine, Abendbrot ... ...undfünfzig, siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig, stop!, wir sind beim Tor angelangt, und du weißt schon, daß die bösen Garagengeister für dieses Mal gebannt sind, denn du wartest nicht einmal, ob ich dir gnädig öffne, sondern schlüpfst übermütig, ja geradezu schamlos vor meinen Augen durch den Holzzaun, den ich vor einer Woche so hervorragend und undurchdringlich repariert habe, du durchtriebener, mit allen Salben geriebener, mit allen Wassern gewaschener

Dackel, ich sehe, wie du die Segel deiner Ohren aufstellst, dich mit dem Paddel deines Schwanzes abstößt und mit einem einzigen gleitenden Sprung über die Einfahrt hinweg zwischen den Ähren landest, denen noch einiges fehlt, bis ihnen vom Staatsgut die Stunde der Mähdrescher schlägt; ich höre dein Kampfgebell, der Fistelstimme eines kreischenden Kindes ähnlich, und stelle mir den Mäusealarm vor, der jetzt über das riesige Feld bis zu den Mauern der Glaserei geschlagen wird; möge euch das Schicksal gnädig sein, ihr unbekannten Mäuse, und auch dir,

Edison, Edi genannt; mit diesem Frieden im Herzen, trügerisch wie die scheinbare Ruhe des Feldes, auf dem die Schlacht tobt, öffne ich den Briefkasten, ein seltsamer Brief liegt darin, seltsam schon deshalb, weil er uns überhaupt zugestellt wurde, seltsamer noch wegen seiner für Böhmen ungewöhnlichen Form: die Adresse ist mit einem fremdländisch dicken schwarzen Filzstift geschrieben, und ich ahne noch nicht einmal jetzt, daß

das Unglück gekommen ist.

Ein Hundeleben

2

Böhmen, 1961–1970

Die Titelrolle in diesem Trauerspiel gehört dir, mein Dackel, nicht aus einer Laune des Autors heraus, sondern dem Willen der bösen Götter gemäß, die dir die Schlüsselszene zugedacht haben. Die Geschichte, lang und bewegt und mit immer neuen Einschüben und Verwicklungen, hatte allerdings eine Reihe von Protagonisten. Unter anderem auch mich. Vor allem aber sie.

Sie hieß einst Jelena Mašínová und ging auf die Zwanzig zu. Sie wurde mir Anfang der sechziger Jahre von der Chefin der Theater- und Filmredaktion des Prager Orbis-Verlags geschickt, als ich einen langen Brief an den Präsidenten Novotný diktieren wollte, der eine vernichtende Kritik des Tschechoslowakischen Jugendverbandes enthielt: Ich gehörte damals zusammen mit einem gewissen Jan Zelenka und einem bestimmten Jiří Pelikán seinem Präsidium an; wer konnte wissen, daß er eines Tages italienischer Abgeordneter sein würde?

Die Schreibkraft wurde mir telephonisch als eine glückliche Kreuzung zwischen Geist und Grazie angekündigt. Dem umschwärmten Autor war sie kupplerisch für einen ganzen Tag überlassen worden. Es kam ein mageres Mädchen in einem Kleid von knallgrüner Farbe, der einzigen, die ich absolut nicht ertragen kann. Allerdings entgingen mir ihre auffallend schönen Beine und Finger nicht. Leider jedoch klopfte sie mit ihnen jedesmal vor Ungeduld, wenn sie darauf wartete, daß ich das richtige Wort fand.

Sie reizte mich auch dadurch, daß sie den meiner Meinung nach mannhaften Tonfall und Inhalt meines Briefes, der mich alsbald meine hohe Funktion kostete, auch nicht mit der leisesten Bewunderung quittierte. Ich zahlte den Frosch aus und schickte ihn schon am Mittag wieder zurück. In die Redaktion kam sie jedoch erst am nächsten Morgen. Ihren Geist bewies sie durch die richtige Vermutung, daß ich sie nicht verraten würde.

Im Jahre 1963 sah ich sie bei meiner Freundin wieder. Sie war bereits Redakteurin, hatte angefangen, die Filmakademie zu besuchen. In Jeans und mit Bubikopf sah sie wie ein Page aus. Meine damals vergötterte E. hatte wieder einmal eine dramatische Phase, diesmal unter Beteiligung eines modischen Psychiaters. Doch die Erinnerung an das Diktat nahm mir die Lust, ein Rendezvous anzubieten. Ich habe in meinem Leben, so absurd es klingen mag, aus Scham viele Partien aufgegeben, bevor ich den Eröffnungszug wagte.

Nachts traf ich sie dann in der «Viola» wieder, der berühmten Poesie-Weinstube, umgeben von Altersgenossen. Sie sprach mich von selbst an. Es dauerte recht lange, bis ich erkannte, daß sie, obwohl von allen umschwärmt, zu niemandem gehörte. Ich sprang über meinen Schatten und lud sie zu mir nach Hause ein. Beim ersten Mal blieb sie nur drei Tage. Mein Nachscheidungs-Appartement hatte vierzehn Quadratmeter. Als sie fortging, war es gemütlich wie eine Turnhalle.

In meinem Tagebuch eines Konterrevolutionärs, jener dreiundzwanzig Jahre dauernden Wanderung von Panzer zu Panzer, habe ich meinen schicksalhaften Lieben statt Namen Buchstaben in alphabetischer Reihenfolge gegeben, keineswegs, um sie darauf zu reduzieren, sondern im Gegenteil, um ihre Dominanz in den einzelnen Akten meines Lebens noch stärker hervortreten zu lassen. Das bis heute schlanke Mädchen war damals das fünfte Jahr mit mir zusammen und bekam seltsamerweise von Anfang an den Buchstaben Z. War das nun Ausdruck einer vorübergehenden Müdigkeit und Skepsis, dauerte unser beider Kampf um die Freiheit ohne den anderen noch so lange, sie blieb schließlich Zet und wird es auch hier bleiben.

Von ihr bekam ich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre deinen Vorgänger. Er kam mit einer Schleife und einer Visitenkarte unter dem Weihnachtsbaum hervorgekrochen: Adam von der Schwarzen Mühle. Daß sich mir von ihm so wenig eingeprägt hat, ist vielleicht die Folge dessen, daß wir damals noch getrennt wohnten und andererseits lange gemeinsame Arbeitsreisen in die zu jener Zeit sich mehr und mehr öffnende Welt unternahmen. Dabei haben wir Adam so häufig bei einer Pflegerin untergebracht, bis wir es nicht mehr wagten, ihn ihrer Liebe zu entreißen. Doch wozu die Ausflüchte: Wir waren einfach noch nicht reif für euch Dackel.

Mit Zet führte ich die entscheidenden Auseinandersetzungen meines Lebens über Gott, Kaiser und Menschen. Das schliff uns beide. Sie verriet mir, wie sehr sie beim Schreiben meines Briefes an Novotný über meine Naivität entsetzt war. Für ihre Begriffe konnte kein normaler Mensch hoffen, in den unermeßlichen Sumpf Bewegung bringen zu können. Als dann jedoch zu Allerseelen 1969 die Falle der Grenzen zuklappte, kehrte sie ohne Zögern mit mir in den Käfig zurück, und ihre steigende Teilnahme an einem ebenso ungleichen wie unerläßlichen Kampf setzte sie schließlich jener Bedrohung aus, die den Namen Marcel Malkus tragen sollte.

Unser freier Fall dauerte, trotz steter Beschleunigung, immerhin zehn Jahre. Auch eine absolute Macht, die sich auf die Bajonette einer Großmacht stützt, benötigt viel Zeit, ehe sie den ganzen Organismus eines Staates und einer Gesellschaft durchdrungen hat. Der Prager Frühling blühte nicht von den Krokussen bis zu den Zwetschgen des Jahres 1968, sondern fast dreizehn Jahre, seit jener denkwürdigen Nacht, in der auf einer geheimen Sitzung des xx. Parteitags der sowjetischen Kommunisten Nikita Chruschtschow die Flasche öffnete, aus der der Dschin herausschoß. Jetzt ist er wieder drinnen. Er drängt sich dort mit dem Geist von Helsinki.

Der hinterhältige Schlag der verbrüderten Verbündeten, der keineswegs im Interesse des bedrohten Sozialismus geführt worden war, sondern im Interesse der bedrohten Stalinisten, lähmte Millionen Menschen, die gerade in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit der schlechteren Vergangenheit abgerechnet hatten, häufig genug mit ihrer eigenen. Ein Volk, das aufrichtig versucht hat, anständig zu werden, kann man nicht in einem Tag, in einem Monat, ja nicht einmal in einem Jahr gänzlich demoralisieren.

Deshalb durfte ich noch fünfzehn Monate nach dem Einmarsch durch Europa reisen. Eine der Stützen des Prager Frühlings, die sich später schnell auf die Seite von Dr. Husák schlug, nutzte sogar meine Theaterreisen zu geheimen Kontakten mit Ota Šik in der Schweiz. Sie garantierte ihm die Fortsetzung seiner Wirtschaftsreformen, wenn er zurückkehren würde. Ich weiß bis heute nicht, ob das Angebot ein Luftschloß war oder eine Falle. Umgekehrt freilich lag der Sinn dieser löchrigen Grenze darin, so viele der populären Volkstribunen wie möglich von selbst in die Emigration zu treiben. Erst als dem Regime aufging, daß sie fast alle blieben, während der Exodus Fachkräfte wegschwemmte, wurde sie über Nacht dichtgemacht.

Am Vorabend von Allerseelen 1969 sollte ich nach Finnland fliegen, wo soeben mein Tagebuch erschienen war. Als ich vor unserem Hause, unter dem riesigen, handgetriebenen S, das von dem Erbauer, Erzbischof von Selm, auch die Fürsten von Schwarzenberg übernehmen konnten, das Taxi besteigen wollte, liefen vom anderen Ende des Hradschinplatzes, wo die oberste Paßbehörde im Toskana-Palais residierte, zwei wild gestikulierende Herren auf mich zu. Einen Moment dachte ich, sie wollten in die Stadt mitgenommen werden, und machte schon den Mund auf, um ihnen zu erklären, daß ich in die Gegenrichtung, zum Flughafen, unterwegs sei. Sie jedoch fragten mich so höflich, wie es ihre Atemnot erlaubte:

«Würden Sie so nett sein und uns Ihren Reisepaß zur Aufbewahrung aushändigen? Er wurde einstweilen für ungültig erklärt ...!»

Trotzdem war es noch im Februar 1970 möglich, daß die tschechischen Schriftsteller unter dem Vorsitz Jaroslav Seiferts das Angebot des neuen Regimes, für die bloße Loyalitätserklärung und die Billigung der «Bruderhilfe» des Warschauer Paktes in ihrer Verbandstätigkeit fortfahren und sich des materiellen Füllhorns – des Literaturfonds – weiter bedienen zu dürfen, in geheimen Wahlen fast einstimmig ablehnten. Den aufgelösten Verband mußten dann Graphomanen mit einigen Lyrikern neu gründen, deren Scham nicht ausreichte, der Angst oder der Versuchung entgegenzutreten.

Und noch im Juli 1970 wurde ein Prozeß gegen das Haupt der Dogmatiker im Parlament, Vilém Nový, geführt, der mich und drei andere Männer des erfrorenen Frühlings beschuldigte, dem Studenten Jan Palach die Existenz einer kalten Flamme eingeredet und so seine Selbstverbrennung verschuldet zu haben. Die höheren Justizbehörden konnten einen so brennenden Fall noch nicht auf Eis legen, doch schickten sie bereits eine gehorsame Richterin, die die Klage abwies, als einer der Mitkläger, der leicht lenkbare olympische Läufer Emil Zátopek, vor kurzem noch eifriger Reformkommunist, sich plötzlich zu der Mutterpartei bekannte und den Angeklagten um Verzeihung bat. Wer nicht mehr laufen kann, kann immer noch mitschwimmen.

Doch spätestens am 21. April war jedem, der nicht die Absicht hatte, nachzugeben, auch der Preis klar, die Luxussteuer, die auf jeden Versuch, in der Wahrheit zu leben, erhoben wurde. An diesem Abend strahlte Jan Zelenkas Fernsehen eine schaurige Premiere aus. Die Sendung Zeugnis von der Seine wurde angeblich vom moralischen Teil der tschechoslowakischen Emigration in Frankreich als Dokument des ekelhaften Treibens und Schacherns der geschlagenen Reformer geliefert. Allein diese Konstruktion war eine Fanfare aller zukünftigen, grenzenlosen Schamlosigkeiten. Präsentiert wurden heimlich aufgenommene und nach Bedarf manipulierte Aufnahmen von Privatgesprächen des Literaturwissenschaftlers Václav Černýs mit dem Schriftsteller Jan Procházka. Dieser geniale Drehbuchautor, dessen bester Film Das Ohr gerade verboten worden war, versuchte, der Massenlüge in einer Art entgegenzutreten, die eines Don Quichotte würdig gewesen wäre. Tag und Nacht tippte er sein Protestschreiben ab, das er Verwandten, Freunden, Kollegen, Schauspielern, Kellnern in seinen Restaurants, Verkäufern, seinem Schneider, seinem Zahnarzt und schließlich Dutzenden unbekannter Leute zusandte.

Einundvierzig Jahre alt, ein Kerl wie ein Baum, Bauer von Herkunft und Charakter, setzte er für seine Ehre buchstäblich seine ganze körperliche und seelische Kraft ein. Im April noch war er kerngesund, im Sommer wurde er das erste Mal operiert, im Herbst ein zweites und drittes Mal, im Winter folgte die vierte Operation.

Die Verhaftungen begannen. Kontakt mit den Gefangenen war nur Ehepartnern erlaubt. Trotz Abneigung gegen einen solchen Akt beschlossen Zet und ich zu heiraten. Was der Mensch der entarteten Macht nicht alles verdankt! Und als sich abzeichnete, daß es bloß bei meinen Kindern aus meiner ersten Ehe bleiben sollte, beschlossen wir, uns einen neuen Hund zuzulegen.

15,84 ₼
Yaş həddi:
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730 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711461457
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Bookwire
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