Kitabı oxu: «Wo der Hund begraben liegt»

Şrift:

Pavel Kohout
Wo der Hund begraben liegt

Roman

Aud dem Tschechischen

von Joachim Bruss

Saga

 Gewidmet

 Den ersten signataren der Charta 77

 Herrn Walter Jaeggi,

 Ehemaliger botschafter der Schweiz in Prag

 In memoriam und

 Frau Dr. Annemarie Reynolds

 In der freundschaft mit den ersten

 Habe ich diese geschichte erlebt

 Die freundschaft des zweiten

 Half mir, sie zu überleben

 Die freundschaft der dritten

 Machte es mir leichter, sie zu schreiben

P. K.

0

1984, Lago Maggiore

Der Hund liegt zwanzig Schritte südlich von der Villentür begraben. Die Villa sieht in dem geräumigen Garten, der sich auf einem schiefen Felsen dem Flußtal zuneigt, wie der schlichte Aufbau eines Schiffes mit Schlagseite aus. Ein junger, heimischer Architekt hat hier im Jahre 1928 mit leichtem Beton und Glas seine Bewunderung für die gerade berühmt gewordene Bauhaus-Schule gelungen ausgedrückt. Es war ein gutes Jahr auch für mich: Im wenig entfernten Prag bin ich zur Welt gekommen.

Im Drahtzaun an der Kante des Hanges verfault eine hölzerne Pforte. Ein steiler Pfad, dem Fluchtweg aus einer Burg ähnlich, führte hier vom Garten zu der Wiese am Fluß. Man mußte dort unten nur einen Feldweg überqueren und war bei der geräumigen Badekabine, wo man auch übernachten konnte, berauscht vom nahen Wehr.

Die Idylle ging unter, als die Flut der Wochenendhaus-Bauten einsetzte, die den Menschen nach dem Panzer-August 1968 bei der Flucht ins Innere halfen und obendrein den gesellschaftlichen Rang markierten. Der Mann, ein kleiner Staatsfunktionär, der sich am Hang unterhalb von uns das erste Häuschen baute, nutzte Anfang der Siebziger seine plötzliche politische Macht zum ersten Test unserer Ohnmacht: Er hat den Pfad einfach seinem Grundstück einverleibt. Seitdem mußten wir zum Fluß über den weit gebogenen Hohlweg wandern.

Über der nutzlosen Pforte wuchert der Weißdorn. Lange Jahre schnitt die endlose Hecke Herr Kulhánek, ein Bauer aus dem nahe gelegenen Dorf Xaverov, der genauso alt war wie das Jahrhundert. Er hat diesen Garten für den Erbauer der Villa aus der Wildnis erschaffen und über Jahrzehnte erhalten. Alle Inhaber haben ihn dankbar übernommen. Nach wie vor schmückt die Pforte ein kunstvoll aus Weißdorn geschnittener romanischer Bogen. In dieser schönen toten Ecke entstand der Friedhof unserer Tiere.

Sollte hier in Zukunft einmal ein Nichteingeweihter graben, wird er eine Überraschung erleben. Neben einem Skelett, in dem auch ein Student der Tiermedizin die Gebeine eines jungen Dackels erkennen würde, wird er auf eine Urne stoßen, wie sie in tschechischen Krematorien nur für menschliche Überreste benutzt wird. Sie sind grundsätzlich mit einer Nummer versehen und streng registriert.

Diese ist nicht numeriert. Doch in der Registratur des Bestattungsdienstes der Hauptstadt Prag muß eine Kopie des Originals existieren, das vor mir liegt. Unter der Nummer 010263 ist einem gewissen Dr. Zima, wohnhaft Zelenečská 37, Prag 9, am 23.8.78 ein «amtliches Einäscherungsgefäß» ausgehändigt worden. Irgend jemand, höchstwahrscheinlich er selbst, hat dafür vierzehn Kronen bezahlt.

Die richtige Frage lautet also nicht: Wo liegt der Hund begraben?, sondern: Wer ist zwanzig Schritte südlich der Hallentür des Sommerhauses Nr. 177 in Sázava an der Sázava, etwa fünfzig Kilometer südöstlich von Prag, im Jahre meiner Geburt in dem berühmten Bauhaus-Stil erbaut und im Besitz des Ehepaares Kohout, begraben worden?

Die Geschichte dieses Mordes – ja, es war Mord! – gehört zu den erschütterndsten, die mir das Leben geliefert hat. Auch damals, als ich mitwirken mußte, war mir wiederholt zumute, als müßte ich jeden Moment erwachen. Der Mechanismus dieser Geschichte entglitt immer mehr auch der Kontrolle jener, die sie mit Ladung und Zeitzünder versehen hatten. Als es zur Explosion kam, starb ein Unschuldiger.

Ich habe mit diesem Zeugnis sieben Jahre gewartet, bis mein Entsetzen und meine Wut, die Gefühle des Betroffenen, nachließen und sich der Berichterstatter, der Erzähler, an die Schreibmaschine setzen konnte. Ich will die Geschichte ohne Phantasie schildern, mich auf die genaue Dokumentation stützen, die ich damals von Stunde zu Stunde in Wort, Bild und Ton angefertigt habe.

Ich habe vorgesorgt, daß diese Dokumentation, wie auch meine gesamte Korrespondenz mit den heimischen Ämtern und Gerichten, die an sich schon ein erschütterndes Bild jener siebziger Jahre bieten, aus meiner Heimat herausgeschafft werden konnte – notfalls bis ans Ende der Welt. Jetzt bedecken die Papiere in der Villa am Ufer des Lago Maggiore, die mir zu diesem Zweck eine gute Freundin geliehen hat, den Teppich der riesigen Wohnhalle.

Weil der ausführliche Bericht über die Ereignisse der Monate Juli, August und September 1978, den ich in Fortsetzungen dem Staatspräsidenten sandte, wie üblich durch die Hände der Staatssicherheit gehen mußte, hätte jede unbelegte Behauptung Strafverfolgung nach einer ganzen Reihe gefügiger Paragraphen nach sich gezogen. Daß dies nie geschehen ist, bezeugt die Wahrheit der Geschichte.

Die meisten Akteure behalten ihre wahren Namen. Weil sich jedoch viele der Übeltäter hinter Decknamen versteckten, haben all diejenigen ein um so größeres Recht darauf, die noch gefährdet werden könnten. So wird durch die Feigheit der einen und durch meine Pflicht, die anderen zu schützen, aus den Memoiren ein Roman.

Hinter der niedrigen Steinmauer reckt sich an diesem schwülen Sommernachmittag wie ein riesiges, faules Tier der Lago Maggiore. Vom Handlungsort jener absurden Komitragödie trennen mich drei mächtige Hindernisse: Der San Bernardino, der Arlberg und der Computer, der dafür sorgt, daß mir nicht irgendwo irgend jemand irrtümlich das Einreisevisum in die Heimat gibt.

Wie töricht! Es genügt, die Augen, ohnehin geblendet vom Glanz der Wasseroberfläche und des Papiers, zu schließen und die Fingerkuppen auf die glühenden Tasten der alten Schreibmaschine zu legen, die mir mein Vater vor vierundvierzig Jahren geschenkt hat, als mich, einem umgeschulten Linkshänder, Krämpfe am leserlichen Schreiben hinderten – und die Tessiner Kulisse reißt auf.

Ich betrete die tschechische Bühne der Handlung und finde dort jedes Wort, jede Geste jener Jahre wieder.

1

Sázava, Dienstag, 11.7.78 – 10.00

Die Sekunden vor einem Unglück haften im Gedächtnis wie das letzte Bild eines gerissenen Films; bis heute sehe ich die Augen meiner kleinen Töchter, die sich auf dem Rücksitz des Wagens mit meinem Sohn so zanken, daß ich mich vom Lenkrad abwenden muß, zwanzig Jahre lang sehe ich die drei lebendigen Gesichter, im kindlichen Streit von der künftigen Leidenschaft gezeichnet, während ich mir den schrecklichen Schatten der Lokomotive, die meinen Weg auf dem unbeschrankten Bahnübergang plötzlich versperrt, das Krachen des zerbeulten Blechs, das Zischen des spritzenden Wassers und das Schreien aller drei wie durch ein Wunder unverletzten Kinder jetzt eher ausmalen muß, als daß ich mich daran wirklich

erinnern kann; das Unglück, von dem uns jetzt nur sechzig Schritte trennen – über den Sandweg von den Birken vor unserem Haus, unter denen wir gerade zu Ende gefrühstückt haben, bis zum Briefkasten am Tor –, wird zunächst nach einem schlechten Witz riechen, sogar ein Geist wie der unsere, von den zehn Jahren dieses verrotteten Regimes abgehärtet, wird lange zögern, bevor er seine ungeheuerliche Wirklichkeit zuläßt, und sich lieber krampfhaft an die letzten Sekunden davor halten; es ist

zehn Uhr vormittags, ein alltäglicher Dienstag und doch dringen die Töne eines Flügelhorns von der Stadt bis hierhin, die meisten Schaustellerwagen haben schon gestern das zertrampelte Gelände der Prokop-Kirmes verlassen, die am Sonntag zur Mitternacht ihre heilige Seele aufgelassen hat; sie ziehen jetzt den Sázavafluß auf- oder abwärts zu anderen Kirchenpatronen Mittelböhmens, nur die Schießbuden, Schaukeln und Karussels sind es, die sie einmal im Jahr für zwei kurze Tage aus ihrer politischen Verbannung befreien; einer hat sich verspätet, vielleicht betrunken, vielleicht verliebt in eines der Lehrmädchen aus dem Glaswerk oder aus dem Kaufhaus Zář – Die Glut –, und jetzt schickt er ihr den letzten Gruß; du

trottest neben mir her wie immer, wenn einer deiner Leute zum Tor geht, ich verstehe weder deine Seele noch deine Sprache, wie deine Herrin sie zu verstehen scheint, ich schreibe dir auch nicht die Fähigkeit zu, in menschlichen Kategorien denken und fühlen zu können; doch gebe ich natürlich zu, daß du ein eigenes, verläßliches System der Wahrnehmung unserer gemeinsamen Welt hast, daß du auf deine Weise ihre Fragen begreifst und auch auf deine Weise

antwortest; ich kann mir vorstellen, daß es dich sehr unruhig macht, wenn sie oder ich oder sogar wir beide zum Tor gehen, dort ist auch die Garage, und jede unserer Bewegungen in diese Richtung kann eine wesentliche Veränderung zum Besseren bedeuten, aber auch zum Schlechteren, du fährst mit uns irgendwohin, wo erlesenere Gerüche dich erwarten als in diesem langweiligen Garten, oder – o Schreck – wir lassen dich bei Dritten in Pflege, ohne dir mitteilen zu können, wann – und ob überhaupt – du uns

wiedersiehst; eine so kleine Gefahr droht dir heute allerdings nicht, und von der großen haben wir bisher keine Ahnung, so gehe ich neben dir, reinen Gewissens und Gedankens, geläutert von gutem Schlaf, denke an gar nichts an diesem lauen Julimorgen, nach einem feierlich getragenen Frühstück unter den Birken, aus dem der Zauber

besserer Zeiten weht, bessere Zeiten, eine Illusion!, wo sind sie geblieben?, dieses Jahr ist nichts anderes als die Fortsetzung des vergangenen, in dem man mich zusammen mit deiner Herrin unwiderruflich von Bürgern zu Unbürgern degradiert hat; so wie verräterischen Offizieren die Epauletten heruntergerissen werden, so hat man uns die zivilen Rangabzeichen weggenommen – Personalausweis, Führerschein, Autozulassung, Telephonanschluß, Postzustellung und schließlich auch den Mietvertrag; dieser Garten ist eigentlich unser

Verbannungsort, ein Paradeort, gewiß!, denkt man zum Vergleich an die wahnwitzigen Ebenen Sibiriens, und gewissermaßen sind wir sogar aus freien Stücken hier, man hat uns anderes zugedacht, eine andere Wohnung ihrer Wahl, eine andere Heimat unserer Wahl; das Sommerhaus haben wir deshalb gewählt, weil es nicht in ihrem perversen Katalog stand, und so leben wir hier schon im zweiten Jahr mehr schlecht als recht vor uns hin und können uns nicht beschweren; wir wüßten auch nicht,

bei wem, dieses Jahr hat uns schon viel beschert, reichlich, es wollte nicht hinter den neun vorangegangenen zurückstehen, Verhöre, Geldstrafen, weitere Verbote von allem, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ich erhielt als Novum einen Schlag ins Genick, zum Glück vorerst nur mit der Faust, meine und deine Herrin, die schon im Vorjahr verwundet wurde, statt eines Pflasters die Erscheinung eines Machtfalters namens Marcel Malkus, doch das war im Frühling, seit einigen Wochen herrscht Ruhe, das Gras ist aufgeblüht, mühselig gemäht, getrocknet und dann verbrannt worden, zum Ungras degradiert, als niemand es von uns Verfemten für seine Kaninchen zu nehmen wagte, aber sei’s drum, der freundliche Sommer hat unsere liebe Zet sogar in die Stimmung gebracht, Kirmeskuchen zu backen, wie einst

im Frieden, es liegt in der Natur des Menschen, der nicht selbst angreift, sondern sich nur gegen die Versuche wehrt, seinen Geist vergewaltigen zu lassen, eine erkannte Wahrheit zu leugnen, die Würde in der Garderobe des Regimes abzulegen und sie mit einer Spitzeluniform oder einer Narrenkappe zu vertauschen, in der Natur unmilitanter Menschen liegt es, wenn nicht an die Anständigkeit, so doch an die Vernunft der Macht

zu glauben, also glauben auch wir, und diese unerwartete Pause in der Verfolgung wollen wir als eine kluge Geste der Obrigkeit verstehen, endlich als die Frucht der Erkenntnis, daß gerade das Öl ihrer Schikanen das Feuer unserer Verteidungsreaktionen anfacht, als einen Reifungsprozeß des Apparats, von dem man eher erwarten konnte, daß er vom Frühjahr an dem Höhepunkt des Sommers entgegenrasen würde; am 21. August werden zehn Jahre vergangen sein seit jener Nacht, als hier sechshunderttausend Armierte brüderlich einfielen, von jemandem eingeladen, der sich bis heute

nicht gemeldet hat; die Logik ihres verdorbenen Denkens sowie die Notwendigkeit ihrer Sekretariate und Dienststellen, die Jahr für Jahr aufwendigere Überwachungslust zu rechtfertigen, ließen uns eher eine weitere widerliche Runde unsinniger Belästigungen erwarten, die uns zwingen würde, unseren Protest noch lauter werden zu lassen, was sie zwingen würde, den Druck zu erhöhen, was uns zwingen würde, den Protest zu verstärken, was sie zwingen würde, was uns zwingen würde ... statt dessen also – wirklich, vielleicht? – ein Sommer im Zeichen

dieser Kadenz des wehmütigen Flügelhorns, des Brausens des nahen Wehrs, des Duftes der fett glänzenden Aprikosen an der Garagenmauer, des Summens der Fliegen und Wespen, ein altböhmischer Sommer mit dem weißen Tisch unter den Birken, auf dem sich wie bei einer astronomischen Turmuhr miteinander abwechseln werden: Frühstück, Schreibmaschine, Mittagessen, Schreibmaschine, Vesper, Schreibmaschine, Abendbrot ... ...undfünfzig, siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig, stop!, wir sind beim Tor angelangt, und du weißt schon, daß die bösen Garagengeister für dieses Mal gebannt sind, denn du wartest nicht einmal, ob ich dir gnädig öffne, sondern schlüpfst übermütig, ja geradezu schamlos vor meinen Augen durch den Holzzaun, den ich vor einer Woche so hervorragend und undurchdringlich repariert habe, du durchtriebener, mit allen Salben geriebener, mit allen Wassern gewaschener

Dackel, ich sehe, wie du die Segel deiner Ohren aufstellst, dich mit dem Paddel deines Schwanzes abstößt und mit einem einzigen gleitenden Sprung über die Einfahrt hinweg zwischen den Ähren landest, denen noch einiges fehlt, bis ihnen vom Staatsgut die Stunde der Mähdrescher schlägt; ich höre dein Kampfgebell, der Fistelstimme eines kreischenden Kindes ähnlich, und stelle mir den Mäusealarm vor, der jetzt über das riesige Feld bis zu den Mauern der Glaserei geschlagen wird; möge euch das Schicksal gnädig sein, ihr unbekannten Mäuse, und auch dir,

Edison, Edi genannt; mit diesem Frieden im Herzen, trügerisch wie die scheinbare Ruhe des Feldes, auf dem die Schlacht tobt, öffne ich den Briefkasten, ein seltsamer Brief liegt darin, seltsam schon deshalb, weil er uns überhaupt zugestellt wurde, seltsamer noch wegen seiner für Böhmen ungewöhnlichen Form: die Adresse ist mit einem fremdländisch dicken schwarzen Filzstift geschrieben, und ich ahne noch nicht einmal jetzt, daß

das Unglück gekommen ist.

Ein Hundeleben

2

Böhmen, 1961–1970

Die Titelrolle in diesem Trauerspiel gehört dir, mein Dackel, nicht aus einer Laune des Autors heraus, sondern dem Willen der bösen Götter gemäß, die dir die Schlüsselszene zugedacht haben. Die Geschichte, lang und bewegt und mit immer neuen Einschüben und Verwicklungen, hatte allerdings eine Reihe von Protagonisten. Unter anderem auch mich. Vor allem aber sie.

Sie hieß einst Jelena Mašínová und ging auf die Zwanzig zu. Sie wurde mir Anfang der sechziger Jahre von der Chefin der Theater- und Filmredaktion des Prager Orbis-Verlags geschickt, als ich einen langen Brief an den Präsidenten Novotný diktieren wollte, der eine vernichtende Kritik des Tschechoslowakischen Jugendverbandes enthielt: Ich gehörte damals zusammen mit einem gewissen Jan Zelenka und einem bestimmten Jiří Pelikán seinem Präsidium an; wer konnte wissen, daß er eines Tages italienischer Abgeordneter sein würde?

Die Schreibkraft wurde mir telephonisch als eine glückliche Kreuzung zwischen Geist und Grazie angekündigt. Dem umschwärmten Autor war sie kupplerisch für einen ganzen Tag überlassen worden. Es kam ein mageres Mädchen in einem Kleid von knallgrüner Farbe, der einzigen, die ich absolut nicht ertragen kann. Allerdings entgingen mir ihre auffallend schönen Beine und Finger nicht. Leider jedoch klopfte sie mit ihnen jedesmal vor Ungeduld, wenn sie darauf wartete, daß ich das richtige Wort fand.

Sie reizte mich auch dadurch, daß sie den meiner Meinung nach mannhaften Tonfall und Inhalt meines Briefes, der mich alsbald meine hohe Funktion kostete, auch nicht mit der leisesten Bewunderung quittierte. Ich zahlte den Frosch aus und schickte ihn schon am Mittag wieder zurück. In die Redaktion kam sie jedoch erst am nächsten Morgen. Ihren Geist bewies sie durch die richtige Vermutung, daß ich sie nicht verraten würde.

Im Jahre 1963 sah ich sie bei meiner Freundin wieder. Sie war bereits Redakteurin, hatte angefangen, die Filmakademie zu besuchen. In Jeans und mit Bubikopf sah sie wie ein Page aus. Meine damals vergötterte E. hatte wieder einmal eine dramatische Phase, diesmal unter Beteiligung eines modischen Psychiaters. Doch die Erinnerung an das Diktat nahm mir die Lust, ein Rendezvous anzubieten. Ich habe in meinem Leben, so absurd es klingen mag, aus Scham viele Partien aufgegeben, bevor ich den Eröffnungszug wagte.

Nachts traf ich sie dann in der «Viola» wieder, der berühmten Poesie-Weinstube, umgeben von Altersgenossen. Sie sprach mich von selbst an. Es dauerte recht lange, bis ich erkannte, daß sie, obwohl von allen umschwärmt, zu niemandem gehörte. Ich sprang über meinen Schatten und lud sie zu mir nach Hause ein. Beim ersten Mal blieb sie nur drei Tage. Mein Nachscheidungs-Appartement hatte vierzehn Quadratmeter. Als sie fortging, war es gemütlich wie eine Turnhalle.

In meinem Tagebuch eines Konterrevolutionärs, jener dreiundzwanzig Jahre dauernden Wanderung von Panzer zu Panzer, habe ich meinen schicksalhaften Lieben statt Namen Buchstaben in alphabetischer Reihenfolge gegeben, keineswegs, um sie darauf zu reduzieren, sondern im Gegenteil, um ihre Dominanz in den einzelnen Akten meines Lebens noch stärker hervortreten zu lassen. Das bis heute schlanke Mädchen war damals das fünfte Jahr mit mir zusammen und bekam seltsamerweise von Anfang an den Buchstaben Z. War das nun Ausdruck einer vorübergehenden Müdigkeit und Skepsis, dauerte unser beider Kampf um die Freiheit ohne den anderen noch so lange, sie blieb schließlich Zet und wird es auch hier bleiben.

Von ihr bekam ich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre deinen Vorgänger. Er kam mit einer Schleife und einer Visitenkarte unter dem Weihnachtsbaum hervorgekrochen: Adam von der Schwarzen Mühle. Daß sich mir von ihm so wenig eingeprägt hat, ist vielleicht die Folge dessen, daß wir damals noch getrennt wohnten und andererseits lange gemeinsame Arbeitsreisen in die zu jener Zeit sich mehr und mehr öffnende Welt unternahmen. Dabei haben wir Adam so häufig bei einer Pflegerin untergebracht, bis wir es nicht mehr wagten, ihn ihrer Liebe zu entreißen. Doch wozu die Ausflüchte: Wir waren einfach noch nicht reif für euch Dackel.

Mit Zet führte ich die entscheidenden Auseinandersetzungen meines Lebens über Gott, Kaiser und Menschen. Das schliff uns beide. Sie verriet mir, wie sehr sie beim Schreiben meines Briefes an Novotný über meine Naivität entsetzt war. Für ihre Begriffe konnte kein normaler Mensch hoffen, in den unermeßlichen Sumpf Bewegung bringen zu können. Als dann jedoch zu Allerseelen 1969 die Falle der Grenzen zuklappte, kehrte sie ohne Zögern mit mir in den Käfig zurück, und ihre steigende Teilnahme an einem ebenso ungleichen wie unerläßlichen Kampf setzte sie schließlich jener Bedrohung aus, die den Namen Marcel Malkus tragen sollte.

Unser freier Fall dauerte, trotz steter Beschleunigung, immerhin zehn Jahre. Auch eine absolute Macht, die sich auf die Bajonette einer Großmacht stützt, benötigt viel Zeit, ehe sie den ganzen Organismus eines Staates und einer Gesellschaft durchdrungen hat. Der Prager Frühling blühte nicht von den Krokussen bis zu den Zwetschgen des Jahres 1968, sondern fast dreizehn Jahre, seit jener denkwürdigen Nacht, in der auf einer geheimen Sitzung des xx. Parteitags der sowjetischen Kommunisten Nikita Chruschtschow die Flasche öffnete, aus der der Dschin herausschoß. Jetzt ist er wieder drinnen. Er drängt sich dort mit dem Geist von Helsinki.

Der hinterhältige Schlag der verbrüderten Verbündeten, der keineswegs im Interesse des bedrohten Sozialismus geführt worden war, sondern im Interesse der bedrohten Stalinisten, lähmte Millionen Menschen, die gerade in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit der schlechteren Vergangenheit abgerechnet hatten, häufig genug mit ihrer eigenen. Ein Volk, das aufrichtig versucht hat, anständig zu werden, kann man nicht in einem Tag, in einem Monat, ja nicht einmal in einem Jahr gänzlich demoralisieren.

Deshalb durfte ich noch fünfzehn Monate nach dem Einmarsch durch Europa reisen. Eine der Stützen des Prager Frühlings, die sich später schnell auf die Seite von Dr. Husák schlug, nutzte sogar meine Theaterreisen zu geheimen Kontakten mit Ota Šik in der Schweiz. Sie garantierte ihm die Fortsetzung seiner Wirtschaftsreformen, wenn er zurückkehren würde. Ich weiß bis heute nicht, ob das Angebot ein Luftschloß war oder eine Falle. Umgekehrt freilich lag der Sinn dieser löchrigen Grenze darin, so viele der populären Volkstribunen wie möglich von selbst in die Emigration zu treiben. Erst als dem Regime aufging, daß sie fast alle blieben, während der Exodus Fachkräfte wegschwemmte, wurde sie über Nacht dichtgemacht.

Am Vorabend von Allerseelen 1969 sollte ich nach Finnland fliegen, wo soeben mein Tagebuch erschienen war. Als ich vor unserem Hause, unter dem riesigen, handgetriebenen S, das von dem Erbauer, Erzbischof von Selm, auch die Fürsten von Schwarzenberg übernehmen konnten, das Taxi besteigen wollte, liefen vom anderen Ende des Hradschinplatzes, wo die oberste Paßbehörde im Toskana-Palais residierte, zwei wild gestikulierende Herren auf mich zu. Einen Moment dachte ich, sie wollten in die Stadt mitgenommen werden, und machte schon den Mund auf, um ihnen zu erklären, daß ich in die Gegenrichtung, zum Flughafen, unterwegs sei. Sie jedoch fragten mich so höflich, wie es ihre Atemnot erlaubte:

«Würden Sie so nett sein und uns Ihren Reisepaß zur Aufbewahrung aushändigen? Er wurde einstweilen für ungültig erklärt ...!»

Trotzdem war es noch im Februar 1970 möglich, daß die tschechischen Schriftsteller unter dem Vorsitz Jaroslav Seiferts das Angebot des neuen Regimes, für die bloße Loyalitätserklärung und die Billigung der «Bruderhilfe» des Warschauer Paktes in ihrer Verbandstätigkeit fortfahren und sich des materiellen Füllhorns – des Literaturfonds – weiter bedienen zu dürfen, in geheimen Wahlen fast einstimmig ablehnten. Den aufgelösten Verband mußten dann Graphomanen mit einigen Lyrikern neu gründen, deren Scham nicht ausreichte, der Angst oder der Versuchung entgegenzutreten.

Und noch im Juli 1970 wurde ein Prozeß gegen das Haupt der Dogmatiker im Parlament, Vilém Nový, geführt, der mich und drei andere Männer des erfrorenen Frühlings beschuldigte, dem Studenten Jan Palach die Existenz einer kalten Flamme eingeredet und so seine Selbstverbrennung verschuldet zu haben. Die höheren Justizbehörden konnten einen so brennenden Fall noch nicht auf Eis legen, doch schickten sie bereits eine gehorsame Richterin, die die Klage abwies, als einer der Mitkläger, der leicht lenkbare olympische Läufer Emil Zátopek, vor kurzem noch eifriger Reformkommunist, sich plötzlich zu der Mutterpartei bekannte und den Angeklagten um Verzeihung bat. Wer nicht mehr laufen kann, kann immer noch mitschwimmen.

Doch spätestens am 21. April war jedem, der nicht die Absicht hatte, nachzugeben, auch der Preis klar, die Luxussteuer, die auf jeden Versuch, in der Wahrheit zu leben, erhoben wurde. An diesem Abend strahlte Jan Zelenkas Fernsehen eine schaurige Premiere aus. Die Sendung Zeugnis von der Seine wurde angeblich vom moralischen Teil der tschechoslowakischen Emigration in Frankreich als Dokument des ekelhaften Treibens und Schacherns der geschlagenen Reformer geliefert. Allein diese Konstruktion war eine Fanfare aller zukünftigen, grenzenlosen Schamlosigkeiten. Präsentiert wurden heimlich aufgenommene und nach Bedarf manipulierte Aufnahmen von Privatgesprächen des Literaturwissenschaftlers Václav Černýs mit dem Schriftsteller Jan Procházka. Dieser geniale Drehbuchautor, dessen bester Film Das Ohr gerade verboten worden war, versuchte, der Massenlüge in einer Art entgegenzutreten, die eines Don Quichotte würdig gewesen wäre. Tag und Nacht tippte er sein Protestschreiben ab, das er Verwandten, Freunden, Kollegen, Schauspielern, Kellnern in seinen Restaurants, Verkäufern, seinem Schneider, seinem Zahnarzt und schließlich Dutzenden unbekannter Leute zusandte.

Einundvierzig Jahre alt, ein Kerl wie ein Baum, Bauer von Herkunft und Charakter, setzte er für seine Ehre buchstäblich seine ganze körperliche und seelische Kraft ein. Im April noch war er kerngesund, im Sommer wurde er das erste Mal operiert, im Herbst ein zweites und drittes Mal, im Winter folgte die vierte Operation.

Die Verhaftungen begannen. Kontakt mit den Gefangenen war nur Ehepartnern erlaubt. Trotz Abneigung gegen einen solchen Akt beschlossen Zet und ich zu heiraten. Was der Mensch der entarteten Macht nicht alles verdankt! Und als sich abzeichnete, daß es bloß bei meinen Kindern aus meiner ersten Ehe bleiben sollte, beschlossen wir, uns einen neuen Hund zuzulegen.

3

Böhmen, Winter 1970/71

Wir heirateten Silvester 1970 in Karlsbad. Zet hatte die Prozedur auf ihren Mädchennamen bestellt. Unmittelbar vor der Hochzeit demaskierte ein Anonymer aus Prag den glücklichen Bräutigam. Er warnte die Behörden, daß gewiß Dubček und Smrkovský als Trauzeugen erscheinen würden. Die Stadt hallte gerade von der Normalisierung à la Doktor Husák wider. Den örtlichen Propagandisten zufolge war hier im Jahre 1968 die Pest der Konterrevolution von den häufigen Besuchern Karlsbads eingeschleppt worden: dem Schriftsteller Procházka, dem Journalisten Kyncl und natürlich von mir, dem treuesten Gast.

Die Heiratsgenehmigung war bereits erteilt. So traf die Staatssicherheit zumindest strenge Vorkehrungen, wie wir aus dem damals noch undichten Apparat erfuhren. Stundenlang hat man den beiden Teufelszeugen auf allen Karlsbader Zufahrtsstraßen im Schneesturm aufgelauert, um wenigstens ihnen den Zutritt in die wieder brav werdende Stadt zu verwehren. Es endete wie bei Hašek, als in der Gastwirtschaft «Na Zavadilce» gestritten wurde, auf welche Art man den Hutmacher Vašák am besten hinauswerfen solle, wenn er wie immer beim Tanzabend Unruhe stiften würde.

«Und wissen Sie, was der Lump uns angetan hat?» endet Schwejk seinen Bericht. «Er ist nicht gekommen!»

Die Gesuchten hatten von unserem privaten Glück nicht die leiseste Ahnung. Auf unseren Hochzeitsphotos sind statt dessen in dem verschneiten Garten vor dem Standesamt schwarze Gestalten von unbekannten Photographen sichtbar. Es waren mehr Geheimpolizisten da als Hochzeitsgäste. Mit uns beiden zusammen waren es nur sieben, vier davon Schauspieler. Die hervorragende Komödiantin Jiřina Bohdalová wurde ein paar Tage darauf vom frischernannten Fernsehdirektor vorgeladen. Jan Zelenka, unlängst noch ein enger Freund, stellte sie vor die Wahl zwischen einer Freundschaft mit uns oder dem Bildschirm. Nach dem Verbot von Procházkas Film Das Ohr, in dem sie zum ersten Mal in ihrem Schauspielerleben, und das großartig, eine tragische Rolle gemeistert hatte, bedeutete dies für sie den Rückfall in die seichten Shows.

Es war die Visitenkarte der neuen Zeit. Der Zerfall einer Gemeinschaft, kurz zuvor noch von gemeinsamen Träumen getragen, ist keine tschechische Erfindung. Die Geschichte kann als ein Defilé tragischer Höhenflüge verstanden werden, bei denen steil aufsteigende Völker plötzlich die Schubkraft verlieren, oder aber sie werden abgeschossen und fallen in die Tiefe; die Moral an Bord bleibt das Leichentuch der Charakterfesten, die übrigen ringen im Freistil um Fallschirme.

Ab Montag, dem 1. Februar, hatte der Literaturfond verboten, im Schriftstellerklub Personen ohne Ausweis zu bedienen. Das Privileg, ein gutbürgerliches Mittagessen in angenehmer Atmosphäre und dazu preisgünstig zu verzehren, das viele seit Jahrzehnten nutzten, hatte die erste bizarre Selektion zur Folge. Deren Opfer erwartete zum Glück nichts Schrecklicheres, als daß sie mit dem ebenfalls beliebten Klosterrestaurant auf der gegenüberliegenden Seite der Národní, der Nationalstraße, vorliebnehmen mußten; in der Tat war es jedoch die erste Kostprobe sozialistischer Apartheid.

Gleich am Montag ging ich in den Klub. Auf der Treppe atmete ich tief durch, um meinen Auftritt nicht durch peinliche Nervosität zu verderben. Der Ober Jeníček entschuldigte sich verlegen, er dürfe mich nicht bedienen. Ich packte aus meiner Tasche Wurst und Brot aus, schnitt von beidem mit eigenem Taschenmesser etwas ab und bemühte mich, so normal zu schlucken, als wenn nichts wäre. Der Speiseraum begann sich zu füllen. Kollegen, die sich bereits durch gutes Benehmen den neuen Klubausweis gesichert hatten, grüßten mich erschrocken. Unter ihnen war kaum jemand, der nicht vor zwei Jahren die feierliche Solidaritätserklärung unterzeichnet hatte. Damals dachte man sogar an Todesstrafe. Jetzt, als es nur um Erbsensuppe ging, mieden die Kollegen mit verlegenem Gruß meinen Tisch, setzten sich woandershin und begannen intensive Gespräche, als wäre ihnen das Essen eine lästige Pflicht. Ich blieb allein.

Dennoch wiederholte ich den Auftritt noch einige Male, bis ich es schaffte, daß mein Puls schließlich nicht schneller ging und mein Herz nicht lauter schlug. Leute, die mich einen Showman zu nennen pflegen, ahnen nicht, daß ich mit einer Schüchternheit ausgestattet bin, gegen die ich bis heute mit größter Willensanstrengung angehen muß. Ich brachte es nicht zum Schauspieler, weil ich bei jedem öffentlichen Auftritt weithin sichtbar errötete. Dieses törichte Trotzspiel hat mich wahrscheinlich vor dem Syndrom des Gelben Sterns bewahrt. Ich habe mich daran gewöhnt, der Schamlosigkeit nicht auszuweichen, sondern ihr überlegen entgegenzutreten. Auch die Gourmets gewöhnten sich daran. Mit zunehmend stumpferem Gewissen genossen sie die leckeren Bissen und flüsterten sich zu, wie sehr ich an Würde und Niveau verlöre.

Am Samstag, dem 20. Februar, wollte ich wieder einmal in den Klub, um meine Gelassenheit zu trainieren, aber kurz vor Mittag rief Lenka Procházkova aus dem Krankenhaus «Na Bulovce» an. Als ich mit Zet dort ankam, konnten wir Jan Procházka zum letzten Mal sehen. In dem Zimmer, in dem er mir noch vor einer Woche nach der fünften Operation von seiner neuen Filmidee erzählt hatte, lag anstelle eines Riesen ein weißes Bündel zerschnittenen Fleisches. Seit der Sendung, die lief, als er noch gesund war, waren noch nicht einmal dreihundert Tage vergangen. Der Fernsehmord bot absurderweise den ersten kleinmütigen Intellektuellen, die sich den neuen Verhältnissen anpassen wollten, einen Vorwand: Laut äußerten sie jetzt ihre Empörung, nicht etwa gegen die Abhörer; sie kündigten den Abgehörten die geschworene Solidarität mit der Begründung, diese hätten sich in dem belauschten Privatgespräch, wenn sie von andren sprachen, einer vulgären Redeweise bedient.

Ich hatte zu dem Toten eine besondere Beziehung. Als sein Erstling von der Kritik verrissen wurde, schrieb ich meine einzige literarische Prophezeiung, nämlich daß aus diesem unbekannten Jugendfunktionär ein großer Autor erwachsen werde. Dennoch sind wir in besseren Zeiten nie echte Freunde geworden. Uns hat erst die Ähnlichkeit verbunden, wie wir auf die schlechten Zeiten reagierten. Wie ich lehnte er Arrangement und Emigration ab. «Wir gehören zu dem Schlamassel!» lautete seine Parole.

Nach Jahren begann ich, mit ihm zu den Spielen des ehrwürdigen Fußballvereins Slavia zu gehen, den ich einst in meiner Jugend so geliebt hatte. Er hatte ihm noch im vorletzten Jahr einen Außenstürmer gekauft. Der neue Vorstand gab ihm jetzt keine Ehrenkarten mehr, doch die Tribüne nahm nach wie vor den Hut ab vor dem Tribunen des toten Frühlings. Hunderte winkten ihm zu. «Sie verurteilten uns zur Tapferkeit, damit sie selbst feige sein können», bemerkte er trocken.

Außer seinen Frauen, er hatte samt Mutter und Ehefrau fünf davon zu Hause, liebte er die Menschen nicht sehr. Die Generationen der Bauern in ihm glaubten nur an Gott und an sich selbst. Mich hat er wohl erst in den allerletzten Wochen wirklich gern gehabt, als er, ohne sich zu verstellen, vor mir leiden konnte. Seine Schmerzen wollte er vor seinen Frauen verbergen. Daß er sterben mußte, haben wir ihm alle vereint verborgen.

Für die fünf Frauen, die im strengen und liebevollen mährischen Patriarchat erzogen waren, stürzte die Welt ein. Zusammen mit dem Kameramann Stanislav, einem weiteren Freund der Familie, haben wir das Begräbnis organisiert. Im Angesicht des Todes hört gewöhnlich das Geschwätz der Hausflure und die Gehässigkeit der Ämter auf. Doch Jan war der erste Tote des Prager Frühlings, und das Regime verstand sein Ableben als Provokation. Auf den bekannten Prager Friedhöfen gab es plötzlich kein Grab für ihn. Auf einem Vorstadtfriedhof wurde ihm dann so spät eins zugeteilt, daß die Todesanzeigen nicht rechtzeitig eintreffen konnten. Sämtliche Zeitungen lehnten es ab, eine zu bringen. In der Wohnung der Familie wurde zum ersten Mal das Telephon abgeschaltet.

Am Tage vor dem Begräbnis lag auf den Feldern am westlichen Stadtrand Prags – Košíře – leichter Schnee. Seine Kristalle reflektierten die Sonne wie Flitter. Als ich mit Stanislav ans Grab ging, um über den Verlauf des morgigen Tages nachzudenken, warf der Totengräber wie im Hamlet einen alten Schädel aus der frisch gegrabenen Grube. Um ihn herum standen vier Kapitäne, hohe Polizeioffiziere.

Wir stellten uns vor und sprachen die Vermutung aus, wir träfen uns hier wohl in derselben Sache. Sie verneinten das geradezu hysterisch. Trotzdem machten wir sie darauf aufmerksam, daß dieser Friedhof mit der Stadt nur durch einen schmalen Feldweg verbunden sei, auf dem es am nächsten Tag zu einem Zusammenbruch des Verkehrs kommen könnte, wenn der nicht dirigiert würde. Sie wehrten laut ab, dies sei nicht ihre Sache. Dann gingen einem von ihnen die Nerven durch: «Wäre ich gestorben, kein Schwein käme hierher! Der Herr Procházka muß natürlich auch nach dem Tod noch Extratouren machen!»

Am Morgen war uniformierte Assistenz angetreten. Aber der junge Schauspieler Hanzlík, für den Jan Procházka dessen bisher besten Rollen geschrieben hatte, kam nicht. Er sollte am Grab Harmloses aus Jans Kinderbuch lesen. Mein Stammregisseur aus dem «Theater auf den Weinbergen», Dudek, hatte ihn bei sich zu Hause eingeschlossen. An diesem Morgen sicherten sie sich beide ihre zukünftigen Fernsehserien, die böhmischen Carringtons und Ewings. Ich urteile nicht darüber. Solche und ähnliche Wechsel werden letztlich mit der unsterblichen Seele bezahlt, für die es keinen Ersatzreifen gibt. Auf jenem Friedhof lag die erste Kreuzung, an der unsere Schicksale auseinanderliefen.

Procházkas Begräbnis war würdig. Leise und erhaben. Als ich mich von Jan kurz verabschiedete, sah ich von dem Lehmhügel aus, auf dem ich stand, wohl alle, die den Sisyphus-Fels der Reform dieses Landes fast dreizehn Jahre bergauf gewälzt hatten, bevor sie, gemeinsam mit ihm, zurück in den Abgrund gestürzt wurden. Dubček schickte einen Brief. Es fehlte nur Doktor Husák, der an seiner Statt Polizisten schickte.

Hier stand auch der kranke Riese Josef Smrkovský, dessen Urne später auf einer Toilette im Zug gefunden werden sollte, der Philosoph Jan Patočka, bei dessen Beisetzung Motorräder brüllen sollten, und František Kriegl, der einzige tapfere Nein-Sager zu den Moskauer Protokollen von 1968, der schon ohne jegliche Zeremonie wie ein Verbrecher heimlich eingeäschert werden sollte. Hier wurden die Teilnehmer noch mit heimischen Amateurkameras gefilmt, mühsam getarnt auf Bäumen. In den folgenden Tagen wurden viele zum erstenmal ernstlich verwarnt. Für die einen hörte damit die Zeit der Widerborstigkeit auf, für die anderen begann sie erst richtig.

Zet und mir war traurig zumute. Immer mehr sehnten wir uns nach einem Hund.

4

Böhmen, Herbst-Winter 1971

Am Donnerstag, dem 21. Oktober, wurde, etwa drei Kilometer Luftlinie von uns entfernt, in der Wohnung eines gewissen Ingenieurs Novák ein halbes Dutzend nasser Mäuse geboren, die ihrer Blindheit wegen das Licht der Welt noch nicht erblickten. Bevor sie sehen konnten, zitterten sie noch ein paar Tage. Ihr dünnes Pfeifen hörte nur auf, wenn sie sich am Körper der ermatteten Mutter Pandora festsaugten.

In dieser Zeit überlegten Zet und ich ganz ernsthaft, ob wir uns einen Schäferhund anschaffen sollten, der uns bewachen, eine Bulldogge, die uns rühren, einen Foxterrier, der uns unterhalten, einen Labrador, der mit uns spielen sollte oder vielleicht einen Yorkshire, der selbst ständigen Schutz brauchte. Doch die geheimnisvollen Sterne leiteten unsere Wege zu dir, kleine Maus – zukünftiger großer Rauhhaardackel.

Den Tag deiner Geburt verbrachte ich wieder auf dem Friedhof. Für Jans Grab legten zum letzten Mal seine Schauspieler – schon heimlich – zusammen, bevor sie sich endgültig den neuen Prinzipalen unterordneten. Gratis entwarf den Stein keiner der Prager Künstler, deren Werke er ebenso gern zu kaufen pflegte wie Fußballstürmer, sondern ein Bildhauer vom Lande, der das als seine Bürgerpflicht ansah. Zu zweit stellten wir mühsam die schwere Marmor-Pieta auf, unmittelbar vor Allerheiligen. Eine alte Frau, die als erste unterhalb des Namens den Titel «Tschechischer Schriftsteller» las, seufzte selig:

«Hierhin werde ich zum Beten kommen!»

Wie selbstverständlich wurde ich zum Vormund der minderjährigen Töchter. Die Familie des verbotenen Autors hatte kein Geld. Meine Funktion trat ich in einer Sondermission an. Die letzten Drehbücher hatte Jan unter dem Namen der jeweiligen Filmregisseure geschrieben. Zusammen mit den hervorragenden Texten bot er ihnen als Kavalier die Hälfte seines Honorars an. Regisseur K. K. zahlte das Geld sofort aus. Dafür sagte er sich bald öffentlich von seinem mit Abstand besten Film los: Jetzt wollte er plötzlich Jans politische Irrtümer im Drehbuch übersehen haben. Erwachsene Männer fingen an, sich wie verführte Jungfrauen zu benehmen.

Regisseur Karel Steklý versuchte klarzumachen, daß er seinen letzten Film selbst geschrieben habe. Ich schaute diesen alten Mann mit dem Gefühl unaussprechlicher Scham an, als ich ihm Jans Originalmanuskript vorlegte, das ihn politisch wie moralisch vernichten konnte. Ein bißchen kam ich mir wie ein Erpresser vor, doch er nahm ohne Zögern zehntausend Devisen-Kronen aus der Schublade, fehlte nur noch, daß er wie ein diebischer Ober gesagt hätte:

«Versuchen kann man’s ja mal!»

Das Jahr verging im Zeichen wachsender Angriffe der Medien und Behörden. Kein Wunder, daß die Struktur der menschlichen Beziehungen erschüttert wurde. Der Deserteur bei Procházkas Begräbnis war die erste Schwalbe. Im Herbst schwirrten über Böhmen bereits Schwärme von Überläufern. Das Regime hatte sich bis zu den Wurzeln des Apparats und der Institutionen durchgefressen. Wer von dort her die Verfemten noch warnte, war schon ein Held. Wie meine Kinderliebe, als sie mir mit bebenden Händen die Liste Nr. 1 überreichte, eine geheime Aufstellung der Werke von zweihundertzwanzig tschechischen Autoren der Vergangenheit und Gegenwart, die aus den Buchhandlungen und Bibliotheken, also aus dem Gedächtnis verbannt werden sollten, Dilia, die staatliche Theater- und Literaturagentur, begann, alle ausländischen Verlage zu boykottieren, welche die Totgeschwiegenen weiter herausgaben. Es war völlig gleichgültig, was das den Staat kostete.

Einer der notorischen Alkoholiker, die jetzt massenweise in hohe Funktionen avancierten, ein gewisser Genosse Sedláček aus der Zentrale der normalisierten Partei, schwankte gern in der Weinstube «Viola» zu dem Tisch, an dem ich mich oft mit Havel traf.

«Wir haben euch aus den Lesebüchern gestrichen!» rezitierte er freudig mit schwerer Zunge.

Ach du schönes Böhmen, mein Böhmen, was kann man von dir auch verlangen, wenn dir in dreißig Jahren zweimal von treuen Verbündeten das Genick gebrochen wurde, einmal um den Frieden zu erhalten, das andere Mal, um den Sozialismus zu retten. Dem geht es nach dem Jahre 1968 ähnlich wie nach 1938 dem Frieden. Bis auf weiteres ist es aus mit ihm.

Das Regime hatte jetzt nicht mehr nur ein Häuflein unzuverlässiger Stützen, die sich am Zipfel des Uniformrocks des großen Bruders festhielten. Unter seiner Schutzherrschaft verwandelte sich das Land in eine große Verpflegungsanstalt, zu der – wie zum Schriftstellerklub – allein diejenigen zugelassen wurden, die bereut und sich gebessert hatten. Nur eifrige Reue konnte die gestrigen Verirrungen ungeschehen machen, denen hier in jenem verführerischen Frühling fast alle erlegen waren. Und sie alle beeilten sich, die eigenen Verfehlungen auf diejenigen abzuwälzen, die bisher töricht an dem Schwur der Solidarität festgehalten hatten.

So manche weiteren Repressionen hatten groteske Züge. So wurde ich auf die Militärverwaltung Prag 1 geladen. Zweck: Kontrolle des Wehrpasses. Ein gewisser Major Hanzal wollte meine Unterschrift, bevor er ihn mir zurückgab. Bieder scherzte er, doch gleichzeitig schwitzte er verdächtig an den Händen. Also schaute ich mir das Dokument vorher an. Anstelle eines Hauptmanns der Reserve war ich darin wieder nur einfacher Soldat.

Er lief vor mir in das Büro des Dienststellenkommandanten, Oberst Hruška, der schon aufstand und befahl:

«Habt acht!» Der Major nahm Grundstellung ein wie bei einer Parade, und sein Vorgesetzter stotterte einen Befehl des Verteidigungsministers herunter, wonach «der Dienstgrad demjenigen aberkannt werden kann, der im Widerspruch zu den moralischen und politischen Anforderungen handelt». Als er damit fertig war, schien es ihn geradezu zu jammern, daß er mir statt der fehlenden Schulterstücke nicht wenigstens den Kragen an meiner Jacke abreißen konnte.

Ich wollte die konkrete Anschuldigung wissen, und da verlor er die Beherrschung.

«Sie haben Stalin verraten!»

«Nein», sagte ich, «Stalin hat mich verraten.»

Da waren sie wieder, die zu allem Fähigen, Stalins altneues Aufgebot, seine Brut, aufgestellt zur nächsten Jagd. Ich legte den ungültigen Wehrpaß auf den Tisch und sagte, daß ich mit seiner Annahme in keinem Fall meine ungesetzliche und demütigende Degradierung anerkenne. Der Oberst schien einem Schlaganfall nahe und brüllte bis auf den Flur, er werde gegen mich eine Strafverfolgung einleiten lassen.

Das Wehrgesetz der Čssr verpflichtet jeden Bürger, seinen Wehrpaß zu Hause zu haben. Verlust wird streng bestraft. Mit der Rückgabe hatte der Gesetzgeber nicht gerechnet. Ich fand diese Lücke, als ich mir unverzüglich – wie von jetzt an immer wieder – in einer Art juristischer Selbstbedienung die betreffende Amtsliteratur besorgte. Ohne Nachweis, daß meine Wehrpaßangelegenheiten vorschriftsmäßig geregelt sind, konnte mir höchstens die Ausreise in das Ausland verweigert werden, doch diese Gefahr bestand für mich nicht, da mir der Reisepaß längst entzogen worden war.

Ich wartete nicht auf ihre Attacke, ich überfiel sie selbst. Meine Beschwerden regneten auf alle Instanzen herab, bis zum Minister und dem Präsidenten als Oberbefehlshaber. Sie titulierten mich als Soldat der Reserve, ich signierte als Reservehauptmann. Schließlich hörten sie auf zu schreiben. Auch die Zivilstaatsanwaltschaft gab auf. Die Pointe sollte erst in vier Jahren das Leben schreiben.

Auch die besten Freunde fragten mich verlegen, warum mir an diesem blöden Dienstrang so viel liege. Weil er meiner ist, sagte ich ihnen, einer meiner erdienten Bürgermale, und weil ich diese aufgeblähte Macht von Anfang an daran gewöhnen will, daß ich in dieser verlorenen Schlacht beabsichtige, zumindest meinen privaten Graben zu verteidigen und voll hinter jeder meiner Entscheidungen und meinem Wort zu stehen. Nach den trotzigen Mittagessen im Schriftstellerklub war dies mein zweiter wichtiger Schritt zu mir selbst in dieser sumpfigen Zeit.

Weihnachten nahte, und wir wollten wieder unter dem Weihnachtsbaum als Hauptgeschenk einen Hund finden. In Gedanken umrundeten Zet und ich den ganzen Hundeplaneten und gelangten abermals bei euch Dackeln an. Wie der Herr, so’s Gescherr, also auch der Köter. Uns lockte nach wie vor die eigensinnige Individualität und Treue, die Anspruch auf absolute Liebe erhebt. Irgendwer verwies uns an den Züchter Ingenieur Novák.

Zu der Zeit trugst du schon den stolzen Namen Edison Venor als Sohn der in der Zucht berühmten Pandora Venor, deren Großvater Dust 11. sogar dreimal Champion des Cacib war, dieses internationalen Hundeschönheitswettbewerbs, und väterlicherseits als Sohn des nicht weniger glorreichen Kasper von der Kettwigshöhe, des Nachkommen eines angesehenen Quartetts von Großeltern: Muck von der Dachsluft, Exe von der Hornchenbande, Batzel vom Falknerhaus und Daxi von der Forst-Brickwedde. Ein Hundeadel par excellence!

Der Glanz all dieser Titel fiel auch auf uns, als wir dich am 18. Dezember auf meinen alten, vom Vater ererbten Schreibtisch stellten. Sofort hast du auf die frische erste Seite meines Romans Die Henkerin gepinkelt, den ich dann neben dir dein ganzes Leben lang schreiben sollte. Als wir sie getrocknet hatten, kam der Photograph Štěpán, und wir stießen auf dich an. Nach der zweiten Flasche Sauvignon überkam uns die Lust, den Freunden in aller Welt zum neuen Jahr das in Böhmen traditionelle P. F. – pour féliciter – zu schicken, damit sie sehen konnten, wie wir den nationalen Polarwinter meisterten. Du paßtest glatt in den Trichter des uralten Grammophons, ein Geschenk des Moskauer Theaters «Sovremennik», als es seinen Autor noch lieben durfte.

Die Angewohnheit, jährlich eine photographische Nachricht über den Stand unseres gemeinsamen Lebens zu versenden, ist uns allen dreien geblieben. Daß sie zu den Stützpfeilern eines memoiromans werden sollten, wußten nicht einmal die Sterne.

5

Böhmen, Winter-Sommer 1972

Siebenmal schneller als der Mensch lebt angeblich der Hund, siebenmal intensiver war unsere Freude an dir. Noch führte uns dein zittriges Kriechen vom Tatort unweigerlich zu den Pfützen auf dem Teppich, noch durften wir dich schütteln und an der Nackenhaut anheben, von der du soviel Reserve hattest, daß zu zweimal hineingepaßt hättest, noch liebtest du Milch mit geschlagenem Eigelb, an der du ein Jahr später verachtungsvoll vorbeigehen wirst, von verwesenden Knochen angezogen, noch entdecktest du die Geheimnisse der Spiegel und Treppen, noch machtest du beim Pinkeln die Beine breit wie ein Hundefräulein, doch deine Gene meldeten schon die vielhundertjährige Erfahrung der Sippe.

Schon begannst du dich auf deiner Decke in konzentrischen Kreisen zum Schlaf zu legen, mit denen dein Urvater das Steppengras niedertrat. Schon bemühtest du dich, in unsere steinharten Holzpfosten mit den weichen Pfoten eine Höhle zu graben wie deine Urmutter, als sie in der Taiga der Frost überfiel. Schon zeigte sich deine Eigenwilligkeit und deine Empfindlichkeit für Beleidigungen, dein zwiespältiges Bedürfnis nach Freiheit und Abhängigkeit, was in deinen rätselhaften Vorfahren die unerbittlichen Kämpfe auf Leben und Tod hervorbrachten, die ihr bis heute in dunklen und unbekannten Labyrinthen der Erdlöcher mit schrecklichen Gegnern ohne die Hilfe der Herren führt.

Du wurdest plötzlich zur Attraktion unseres Heims. In der Rangordnung der Lebewesen stiegst du schnell zu den höchsten Säugetieren auf. Unsere Freunde, die nicht gedemütigte crème de la crème des tschechischen Geistes, nahmen dich unter sich auf, sie erkannten die sich entwickelnde Hundepersönlichkeit. An deinem ersten Silvester, als wir es nicht sahen, stellten sie dir die Gläser mit dem letzten Tropfen Sekt auf den Boden. Deine gierige Zunge leckte sie auf höchsten Glanz, dann hast du zwei Tage geschlafen und nie wieder Alkohol angerührt. Allein in dieser Hinsicht bliebst du ein eingeschworener Griesgram.

Du hast uns Licht gebracht in das Jahr, in dem endgültig das Dunkel ausbrach. Doktor Husák war möglicherweise im Jahre 1968, als er noch mit der Gloriole des Reformators Interviews in gutem Deutsch gab, aufrichtig überzeugt, daß die gepanzerte Normalisierung nicht das Ende der Reformen bedeute, sondern die konsequente Überwindung der blutigen fünfziger Jahre. Er selbst war um ein Haar dem Strick entgangen, an dem Rudolf Slánský gestorben war.

Beide gehörten zu jenen brillanten Intellektuellen, die, empört über die Unfähigkeit des Kapitalismus, die Welt von Kriegen und Armut zu befreien, und begeistert von der Ouvertüre des sowjetischen Versuchs, sich weltweit an die Stelle der Linken stellten. In den relativ aufgeklärten Verhältnissen der Vorkriegsrepublik mußten auch sie als Kommunisten die Regeln des demokratischen Spiels einhalten und wurden deshalb auch selbst respektiert. Die Repressionen hatten ihre gesetzlichen Grenzen, ließen sich leicht ertragen und bescherten den jungen Revolutionären das süße Gefühl des Märtyrertums.

Die sträfliche Naivität der westlichen Verbündeten, die unter dem Druck ihrer Pazifisten dem Nazi-Drachen mit dem Palmzweig entgegentraten und glaubten, ihn mit dem Bissen der Sudeten zu sättigen, entfesselte Krieg und Terror ohnegleichen. Die führenden tschechischen Kommunisten emigrierten entweder oder haben sich an der Seite der Demokraten an dem ungleichen Kampf gegen die Okkupanten beteiligt, der zumeist im Konzentrationslager oder auf dem Richtplatz endete. Die Masse der Mitglieder überlebte in der Masse der Bevölkerung für den üblichen Preis abgestufter Kollaboration.

Rudolf Slánský und seine Frau Josefa, bis heute «Špaček», der Spatz, genannt, verlebten die Kriegsjahre als Redakteure des Moskauer Rundfunksenders für die besetzte Tschechoslowakei. Sie zweifelten nicht daran, daß die Vorkriegsprozesse den Sowjetstaat vor der fünften Kolonne von Spionen und Verrätern gerettet hatten. Bald sollten sie darüber mehr wissen. Der Münchner Verrat und das allzulange Warten auf die zweite Front der Westalliierten bewirkten, daß nach dem Abzug der verbündeten Armeen aus der Tschechoslowakei in den ersten und letzten freien Wahlen die Linke gewann. Als die Kommunisten im Februar 1948 nach der unklugen Demission demokratischer Politiker die Macht gekonnt an sich rissen, war Rudolf Slánský bereits Generalsekretär der Partei, neben Gottwald der Mächtigste der Mächtigen. Wenn die Archive in Zukunft vielleicht einmal geöffnet werden, wird die Frage zu beantworten sein, in welchem Maße er selbst dazu verholfen hat, die hysterische Spionomanie zu entfesseln, mit deren Hilfe im frisch stalinisierten Mitteleuropa die innerparteilichen Machtkämpfe ausgetragen wurden. Sicher ist, daß er eines ihrer höchstgestellten Opfer wurde.

Am Vorabend des dritten Jahrestags der Machtübernahme war er zusammen mit seiner Frau, die zufälligerweise Geburtstag hatte, zu einem Staatsbankett geladen. Die führenden Genossen, die sie ihr Leben lang begleitet hatten, gratulierten ihr besonders herzlich. Von der Burg wurde das Paar in seiner Staatskarosse plötzlich von einem fremden Fahrer chauffiert. Die riesige Villa war ohne Strom – genau so, wie es später Jan Procházka in seinem Drehbuch Das Ohr beschreibt. In der dunklen Halle wurden sie von einem Zivilkommando überfallen. Als man die Frau mit der Pistole auf die Toilette drängte, bat sie: «Lassen Sie mich mit den Kindern sterben!»

Noch in der Wochenendhütte am Rande Prags, wo sie dann Rudolf junior und ihre kleine Tochter verschreckt fand, glaubte sie wochenlang, in den Händen imperialistischer Geheimdienste zu sein, welche die Regierung aller Werktätigen erpressen wollten. Die Wahrheit begriff sie erst, als sie mit den beiden Kindern in eine befestigte Herrschaftsvilla mitten im Herzen Böhmens überführt wurde. Der junge Rudi, der ein Vierteljahrhundert später in diesem Buch eine wichtige Rolle spielen wird, ging viele Monate nicht zur Schule. Niemand wagte ihn zu vermissen. Für ihn war sein Vater wie vom Erdboden verschluckt.

Ein Jahr später, im Sommer, vergaß irgendein pflichtvergessener Wächter, die Zeitung zu verbrennen, in die ein schlampiger Metzger die Fleischlieferung eingewickelt hatte. Aus den blutgetränkten Seiten erfuhren sie die blutige Wahrheit, daß der jüdische Judas Slánský schon vor Weihnachten erhängt worden war. Einige Zeit danach wurden sie in ein verfallenes Haus im Grenzgebiet gebracht und ihrem Schicksal überlassen. Sie fristeten ihr Leben mit Aushilfsarbeiten. Die Leute fürchteten sie oder gönnten ihnen ihr Schicksal. Dann starben Stalin und Gottwald, und das Eis taute. 1956, nach der Rede Chruschtschows, der das Geheimnis der manipulierten Prozesse lüftete, durfte Josefa Slánska mit ihren Kindern nach Prag zurückkehren. Sie bekamen eine kleine Wohnung, und Rudolf junior durfte Maschinenbau studieren. Damals habe ich sie das erste Mal besucht und kennengelernt.

Ich hatte den Geständnissen geglaubt, weil ich sie im Rundfunk aus dem Mund der Angeklagten gehört hatte. Damals ahnte ich nicht, daß es möglich ist, mit Amateuren elisabethanische Dramen bis hin zu echten Galgen zu inszenieren. Eduard Goldstücker, der berühmte Kafkaforscher, hat mir den Vorgang im Jahre 1967 erklärt: Die einen wurden mit der falschen Behauptung gebrochen, sie seien kläglich hereingefallen auf Spione, als Spitzengenossen aus dem Westen getarnt; in diesem Licht erschienen ihnen ihre ganz normalen Verbindungen und Tätigkeiten als Verrat. Die anderen gestanden, als sie das ununterbrochene Stehen ohne Schlaf zwischen den Verhören nicht mehr aushalten konnten, die unmöglichsten Verbrechen, um damit die politische Führung zur Wachsamkeit aufzurütteln; diese jedoch drehte ihnen um so erbarmungsloser einen Strick daraus und entfesselte neue Schauprozesse.

Trotzdem besuchte ich die mir persönlich unbekannte Familie, um mich zu entschuldigen. Keiner der Teilnehmer jenes letzten Burg-Abendmahls vor der Festnahme, der auch in der nachfolgenden Ära an der Macht blieb, hat das je in irgendeiner Form getan. Das macht den Unterschied zwischen Dichtern und Politikern aus. Darin wird mein zukünftiger Streit mit den Literaten des Westens bestehen, wenn sie wie Bernt Engelmann, als er an der Spitze des Verbandes deutscher Schriftsteller stand, beginnen, Politiker zu spielen und die Taktik der Moral vorziehen.

Die völlige Rehabilitierung und die Untersuchung des makabren Justiztheaters wurden durch die Invasion des Warschauer Pakts gestoppt und verhindert. Initiiert und provoziert haben die Bruderhilfe vom August 68 vor allem die Autoren und Regisseure des verbrecherischen Spiels, die die Gerechtigkeit fürchteten. Statt dessen durften sie jetzt der Tragödie Zweiten Teil anheizen; zu ihrem Leid und unserem Glück war der Galgen momentan unerwünscht.

Mein Mißtrauen gegenüber Doktor Husák drückt der letzte Eintrag im Tagebuch eines Konterrevolutionärs aus. Schon im April 1969 hat er als der neue Führer der Partei in seiner ersten Rede seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, daß es keinem Bürger schade, mindestens einmal das Gefängnis zu erleben. Überrascht jedoch haben mich die übriggebliebenen Reformpolitiker im Zentralkomitee der Kpč, die zu seinen Gunsten Alexander Dubček abgewählt haben. Freilich gehörten zu ihnen Husáks engste Freunde, die ihm vor zehn Jahren auf dem mühseligen Weg vom Kerker in das öffentliche Leben entscheidend geholfen haben. Sie behaupteten mir gegenüber, gerade deshalb könne er nicht zulassen, daß nach ihm noch andere jenen Rutsch in die Hölle erleiden müßten.

Politiker ohne die Kenntnis der Lehre Machiavellis ähneln Ingenieuren und Schriftstellern, die das Einmaleins und die Rechtschreibung nicht beherrschen. Schon im Herbst ließ Gustáv Husák seine gestrigen Verbündeten und Gönner aussperren, zuerst aus der Partei, dann aus dem öffentlichen Leben. Als sie, seinem nicht lange zurückliegenden Beispiel entsprechend, vor den Wahlen legale bürgerliche Aktivitäten zu entwickeln begannen, damit – wie er selbst von den Tribünen des Prager Frühlings zu sagen pflegte – «uns nie wieder jemand zu Schafsböcken machen kann», ließ er auf sie dieselben Hunde los, die einst beinahe ihn zerfleischt hätten. Er ließ sie einsperren.

Im Juni 1972 schrieb ich an die Generalstaatsanwaltschaft ein Gesuch, in dem ich höflich darum bat, die Strafsache gegen meinen kranken, lebenslangen Freund, den Journalisten Karel Kyncl, in Freiheit weiterzuführen. Ein gewisser Dr. jur. Prokop lehnte das strikt ab und verwies mich auf das baldige Gerichtsverfahren. Wie immer wurde es für Juli angesetzt, wenn Prag menschenleer ist und diejenigen, die dort geblieben sind, lieber zu den Moldaubädern als auf die Barrikaden gehen.

6

Böhmen, noch Sommer 1972

Eines Tages werde ich wissen: Wenn ihr Hunde euer Gelobtes Land hättet, es wäre Capri, wo ihr sogar in die Metzgerei dürft, doch auch in Österreich, wo mächtige Hygieniker herrschen, gibt es immer noch genügend Platz für euch. Wohl nur die stolze Konditorei Demel am Kohlmarkt kann es sich erlauben, euch vor ihr erhabenes Tor zu weisen; jeder andere Cafébesitzer und Hotelier würde als Hundehasser seinen Verdienst beweinen.

In der Tschechoslowakei ging es nach dem Krieg den Menschen miserabel, warum sollte es den Hunden besser gehen? Wenn der Mensch zum Menschen unmenschlich grausam sein darf, was kann dann Gottes Getier erwarten? Die fortschreitende Aufklärung der sechziger Jahre war ein Segen auch für euch. Eure Rechte wuchsen mit den Rechten eurer Herren. Dein Vorgänger Adam durfte schon wieder in die Konditorei des Karlsbader Grandhotels «Moskva-Pupp», und als er einmal ganz von Sinnen unser Tischchen samt Kaffee mit wildem Sprung mitnahm, entschuldigten sich die Ober eifrig, das habe sicher eine ihrer Kakerlaken verursacht.

Unter Doktor Husák wurden Herren und Hunde erneut hinter die Schwellen ihrer Wohnungen verwiesen. Das bedeutete, dich so zu erziehen, daß du eben dort viele Abende allein verbringen konntest, wann immer wir ausgingen, um die Reste der verschwundenen Welt zu suchen. Als wir dich zum ersten Mal allein zu Hause ließen, standen wir hinter der Tür und warteten, bis du aufhörtest zu bellen, falls man dein piepsendes Kläffen so nennen konnte. Als du nicht aufhörtest, kamen wir zurück und rügten dich, gingen fort, warteten und kehrten zurück, immer erschöpfter, während die Quelle des Alarms in deinem kleinen Körper unerschöpflich schien.

Als wir etwa zum zehnten Mal weggingen, vergaß Zet, das Licht auszumachen, und plötzlich warst du ganz still. Seit der Zeit ließen wir für dich immer eine Lampe brennen und verdächtigten dich, daß du in unserer Abwesenheit zu lesen pflegtest.

Am letzten Julitag gaben wir dich zum ersten Mal in Pflege. Der unweit wohnende, weltweit bekannte Philosoph Karel Kosík erhielt von Zet deine Decke, deine Schale, die Leine und das Fressen sowie eine schriftliche Anleitung, wie er mit dir umgehen sollte, wenn wir uns gegen unseren Willen länger aufhalten mußten: Immer, wenn das Regime jemanden aburteilte, nahm es dabei vor dem Gerichtsgebäude ein paar andere fest.

Der Luftangriff auf Prag und der Prager Aufstand von 1945 hatten mir schon mit sechzehn Jahren gezeigt, wieviel Gesichter der Tod hat. Den ersten Menschen in Fesseln sah ich dagegen erst jetzt, mit vierundvierzig. Es war Karel Kyncl. Als wir etwa vierzehn waren, meldeten wir uns beide für ein Rundfunkensemble, wo während des Kriegs die Finger des nazistischen Jugendkuratoriums nicht hinreichten. Er bestand die Prüfung in Rezitation, ich die im Durchhaltevermögen. Als ich beim Vorsprechen – vor Lampenfieber rot wie ein Krebs – durchfiel, klammerte ich mich derart verzweifelt an die Gruppe der Erfolgreichen, daß man es nicht über das Herz brachte, mich nach Hause zu schicken; aus Not begann ich, für das Ensemble zu dichten.

Nach dem Krieg bezauberten wir miteinander als «Die Zwei» mit unserem postpubertären Charme die Besucher der Internationalen Rundfunkausstellung Mevro. Er blieb beim Journalismus, mich zog das Theater an und uns beide die kommunistische Partei, wo wir jedoch nach und nach unsere Schwierigkeiten bekamen – wie so mancher Intellektuelle in so mancher Partei. Er wegen eines Pamphlets auf den führenden Parteibarden Vítězslav Nezval, ich wegen meines Stücks über dogmatische Kommunisten in der Armee, Septembernächte.

Das Leben trennte uns und führte uns immer wieder zusammen. Diesmal ging es ganz dramatisch zu. Als der Polizeikordon Zet und mich von dem kleinen Gerichtssaal wegdrängte, der mit pensionierten Polizeibeamten gefüllt war, damit der Anschein öffentlicher Verhandlung gewahrt blieb, gelang es mir, über die Hintertreppe wieder dorthin zu gelangen. Man führte mich erneut hinaus, doch plötzlich mußten wir warten, weil die Eskorte vorbeikam.

Der bleiche und magere Freund ging in Handschellen zwischen vier Uniformen. Sein Blick streifte mich nur, denn im Häuflein der Davongejagten drängten sich Arbeiter und Gründungsmitglieder der Partei, darunter seine alten Eltern, die zum Dank für lebenslange Treue jetzt nicht einmal dem Prozeß ihres Sohnes beiwohnen durften. Als ich Doktor Husák von der nächsten Post meinen Protest telegraphierte, wußte ich allerdings, daß es lediglich ein unwirksamer Aufschrei der Seele war.

Er ließ alle potentiellen Verbündeten einsperren und wurde so zum Gefangenen seiner Feinde. Dies geschah freiwillig, aus der Eitelkeit der Macht heraus, ohne daß er in den langen Jahren seiner Gesellschaft irgendeine neue Hoffnung bescherte. Die Tränen, die er vor den Fernsehkameras vergoß, wann immer er von seinen guten Absichten, vom Edelmut der Verbündeten und vom Undank gewisser Störenfriede predigte, rührten deshalb nur noch ihn selbst.

Den Zustand, in den er die Gesellschaft zurückversetzte, spiegelt morbid der tragische Vorfall wider, bei dem er seine Frau verlor. Die Nomenklatura hatte ihr nicht erlaubt, einen einfachen Bruch in einem der führenden slowakischen Bäder behandeln zu lassen, wo es von guten Ärzten nur so wimmelte. Ihr Hubschrauber wurde dann auf dem Weg nach Bratislava durch den Nebel in die Katastrophe navigiert. Der Sonderzug, mit dem der Präsident nachts zu ihr eilte, blieb mitten auf der Strecke vor dem roten Licht am Signalmast hoffnungslos stecken; das ausgesandte Kommando mußte über die Eisenbahnschwellen zur nächsten Station stolpern, wo es erfuhr, daß jeglicher Schienenverkehr auf hohen Befehl unterbrochen worden war, damit der Präsidentenzug freie Fahrt hatte.

In diesem Jahr der ersten neuen Prozesse war er vielleicht trotz allem noch darum bemüht, daß die Forellen der tschechischen Literatur mit europäischem Renommee nicht in den Netzen der Justiz hängenblieben. Aragons Aufkleber «Biafra des Geistes» und Bölls Aufdruck «Kulturfriedhof» hatten das geistige Europa noch einmal mobilisiert. Damals nämlich sprachen im Namen der deutschen Literatur noch Schriftsteller mit der politischen Erfahrung eines Lenz oder Grass und nicht schriftstellernde Möchtegernpolitiker, wie immer sie heißen mögen.

Den Angriff auf die einheimische Kultur erleichterte mehr und mehr die Desertion ihrer Verteidiger. Wie schon meine Erlebnisse im Schriftstellerklub gezeigt hatten, begriff die künstlerische Mittelschicht, daß sie die letzte Chance hatte, den neuen Zug zu erreichen, solange die Normalisierungsgarnitur, die schon das gesamte gesellschaftliche Leben beherrschte, dies zuließ. Als die kulturelle, politische und wirtschaftliche Elite es ablehnte, der militärischen Invasion und ihrer Begründung zuzustimmen, um nicht die Moral oder zumindest das Gesicht zu verlieren, wandte sich das Regime dem Souterrain zu. So kam das Goldene Zeitalter für all diejenigen, die vorher wenig Erfolg hatten – mangels Talents, Charakters oder einfach nur Glücks.

Für unerhörte Belohnungen – die Medien boten den Frontwechslern Aufschläge von über tausend Prozent – waren sie bereit, die Existenz aller aufgelösten Institutionen vorzutäuschen. Gegen die Rolle des Mohren, der gehen muß, wenn er seine Schuldigkeit getan hat, sicherten sie sich gleich von Anfang an mit einem Verteidigungssystem ab, das schon im zweiten Jahrzehnt funktioniert und die tatsächliche Ursache für das versumpfte Wasser geworden ist, über das die Welt staunt: Wer von den «Verirrten» mitmachen wollte, mußte öffentlich Buße tun. Es ist, als ob durch eine solche Kapitulation in den musischen Menschen alle Saiten rissen: Keiner von denen, die sich auf diese Weise «besserten», hat die zu allem fähigen Unfähigen bislang in irgendeiner Weise bedroht.

Auf die große Mehrheit von einigen hundert Literaten, die noch vor einem Jahr in geheimer Wahl den Widerstand gewählt hatten, begann neben dem Existenzdruck auch der Druck des luftleeren Raums zu wirken, in den ihre geistige Produktion plötzlich strömte. Ersatzstrukturen für diejenigen, die der Staat verbannt hat, gibt es östlich der Elbe nicht. Das Verbot ist lückenlos, das Veto gilt überall, auch ohne schwarze Listen. Es genügt, aufmerksam die Zeitungen zu lesen und die unter Beschuß Geratenen anzustreichen. Keiner, der sich ihnen nicht zugesellen will, wagt es, sie zu beschäftigen, zu veröffentlichen oder sonst in seinem Bereich zu belassen.

Ein paar Dutzend namhafter tschechischer Autoren belastete das Vakuum mehr als die Existenz. Bis jetzt hatten sie weder ihre finanziellen Reserven noch ihre Hoffnung verbraucht. Was ihnen fehlte, waren Leser und – Lektüre. Dies ist nur scheinbar paradox. Auch athletische Rekorde fallen im Wettkampf mit anderen. Aus innerer Not wurde im elektronischen Zeitalter der literarische Salon wiedereröffnet. Kaum etwas war so bezeichnend für Doktor Husáks Kulturpolitik, die einige geistige Bereiche um ein Jahrhundert zurückwarf, wie die Wiedergeburt dieser Institution aus vormedialen Zeiten. Erneut versuchte die tschechische Literatur so, das Netz der zerrissenen Zusammenhänge zu knüpfen.

Der Schriftsteller Ivan Klíma, unerwartet von einer führenden amerikanischen Universität in dieses neuzeitliche Ghetto zurückgekehrt, hatte dessen unvergleichbar brutalere Ausgabe als jüdisches Kind in Theresienstadt erlebt. Trotzdem entschied er sich, «zum Schlamassel zu gehören», und es war sein Verdienst, daß jeder erste Sonntag im Monat unseren freien Fall zu bremsen begann.

Während er pikante Fleischklößchen servierte, die er – selbst streng Diät haltend – mit der Phantasie eines tauben Komponisten würzte, wechselten sich in seinem Schreibsessel Autoren ab, die einst hunderttausendfache Auflagen hatten. Wie in ihren Anfängen mußten sie wieder mit nur einer Handvoll Zuhörer vorliebnehmen – noch dazu mit ihren größten Konkurrenten. Aber alle trösteten sich damit, daß es wohl in ganz Europa keinen erleseneren Zirkel von Lesern gab.

7

Böhmen, Herbst 1972

Die vorläufige Arbeitsbilanz des Jahres war katastrophal. Das Tagebuch, das ich schon dreißig Jahre unverändert führe, weist nur Protestbriefe an Zeitungsredaktionen und staatliche Institutionen auf. Denn ich erlag der optischen Täuschung, daß die bekannten Gesichter aus der jüngsten Vergangenheit dort zum großen Teil geblieben waren. Hinter ihnen arbeiteten jedoch schon Hirne, die sich «gebessert» hatten. Am schnellsten brachen die Radikalsten auf beiden Seiten zusammen. Der zum neuen Regime übergelaufene Läufer Zátopek sollte bald Verstärkung aus dem Team der ewigen Antikommunisten erhalten. So übernahm die Theaterrubrik im Parteiorgan Rudé Právo ein Graphomane und entlaufener katholischer Pfarrer.

Meist antwortete man mir zur eigenen Sicherheit überhaupt nicht. Auf die neuen Regierungsbeschlüsse zur Behandlung von Beschwerden der Bürger husteten sie alle. Das Regime Doktor Husáks hatte keine Anhänger, nur Zuhälter. Mit der Hoffnung des Prager Frühlings wurde auch die eigene begraben – auf lange Zeit, wenn nicht auf immer. Man war bereit, aus den neuen Verhältnissen Gewinn zu ziehen, nicht jedoch, mit ihrem Stempel in die Lesebücher zu geraten. Jedem war bewußt, daß es eine Zeit der Schande werden würde.

Über der eigenen verpulverten Energie zieht sich mein Herz trotzdem nicht zusammen. Denen, die sich nicht nur entschlossen, zu Hause zu bleiben, sondern auch dem Bösen zu widerstehen, blieben nur zwei Wege. Mir schienen konspirative politische Aktivitäten bloß unnütz ins Gefängnis zu führen, in dem man sich nur moralisch verhalten kann. Ich aber wollte moralisch handeln und gab deshalb zu Anfang einer internen, langwierigen, unspektakulären, dafür aber systematischen Verteidigung gegen jede Ungesetzmäßigkeit und Lüge den Vorzug. Wenn das zum Konflikt führen sollte, wollte ich mich ihm voll stellen.

Der größte Erfolg des Jahres warst einstweilen du, mein klitzekleiner Dackel. Die trostlose Zeit wurde von deiner Verspieltheit erhellt. Besonders dein stundenlanges, hartnäckig erfolgloses Bemühen, zwei Tennisbälle gleichzeitig in der Schnauze zu halten, stand in nichts dem Einüben einer Zirkusnummer nach. Dein erstes Lebensjahr feierten wir mit einer Wurst, doch leider auch damit, daß du ab jetzt täglich nur mehr eine Schale Kost bekamst. Das Rückgrat von euch Dackeln ist eine gebrechliche Brücke, mit sehr begrenzter Tragkraft. Mein Tagebuch legt auch Zeugnis ab von deinem unaufhaltbaren Fortschritt in persönlicher Sauberkeit. Schon hobst du elegant das Hinterbein. Du wuchsest zu einem kleinen Dackellord heran.

Damit du nicht so oft zu Hause allein bliebst, brachte Zet uns einen Neuling in die Familie. Sie fuhr einen Freund nach Roztoky bei Prag, der sich einen Wellensittich aus dem Großkäfig der Firma Zverex auswählen wollte. In einem angeblich ganz normalen Wohnzimmer schwirrten über einem Teppich von Vogelkot Wolken von Gefiederten hin und her. Als ich Zet fragte, warum sie so plötzlich einen gekauft habe, und warum gerade diesen, sagte sie, daß er ihr in diesem schrecklichen Lärm und Geflatter leid getan habe. Ich habe nicht weiter nachgeforscht.

Als der Familienzuwachs bei uns zum ersten Mal die Flügel ausbreitete, geschah es beinahe zum letzten Mal. Nichts auf der Welt ärgerte dich so wie Vögel. Vielleicht wegen eben jener Eigenschaft, derentwegen auch wir sie beneiden? Der Wellensittich blieb also zunächst die meiste Zeit im Käfig, bis wir dir die friedliche Koexistenz beigebracht hatten. Aber trotz unserer deutlichen «Pfuis» versuchtest du ganz starrsinnig immer wieder deine «Schnapps»! Ich lernte die Vorteile des Gitters schätzen. So ähnlich stellte sich offenbar auch Doktor Husák seine historische Aufgabe vor: durch dichten Draht seine Völker vor den Fangzähnen der bösen Welt zu bewahren.

Aus der furchtlosen Korrespondiererei riß mich Ivan Klímas freundliche Anfrage heraus, ob ich nicht am ersten Sonntag im Dezember bei ihm meine neuen Texte lesen wolle. Ich setzte mich an die Maschine und stellte fest, daß sich in mir beim Schreiben etwas quergelegt hatte. Die Konsequenz und Leichtigkeit, mit denen das Regime uns erfolgreich blockierte – politisch, künstlerisch und menschlich –, hatten mich offenbar tiefer getroffen, als ich dachte. Daß der Galgen verschwand, war ein Vorzug dieser Renaissance der fünfziger Jahre; diesmal waren die neuen Kommunikationsmittel das Verderben. Obwohl das absurd klingen mag, machten sie es möglich, die Gesellschaft in einem zuvor undenkbaren Tempo und Ausmaß zu «dekommunizieren».

Wiederum erwies sich jedoch, daß über Systeme der Macht und der Technik zuletzt das Leben siegt. Der von Natur optimistische und tatkräftige Ivan Klíma brach durch seine Initiative den bösen Zauber, der mich paralysierte. Die Reflexe eines Autors, der sein ganzes Leben lang auf die Anregungen der Zeit und der Welt reagiert hatte, begannen wieder zu funktionieren. Am Sonntag, dem 3. Dezember, las ich zu Fleischklößchen nicht nur den Einakter Pech unterm Dach – nach dem Krieg im dritten Stock, den ich in der Nacht des zweiten Jahrestags der Invasion aus der Ohnmacht heraus nonstop geschrieben hatte, das zweite aus der Trilogie der bürgerlichen Ministücke –, sondern sogar das endlich abgeschlossene erste Kapitel der Henkerin. In die Geschichte wird dieser Abend eingehen, weil sich sechs der Anwesenden nach der Lesung zu gemeinsamem Schreiben entschlossen.

Sie trafen sich am nächsten Morgen in der Wohnung eines alten Herrn wieder, der zur Kur war. Dort hatten die Wände bestimmt keine Ohren. Sie schrieben eine Petition an den Präsidenten der Republik, General Svoboda, der immer noch einiges Ansehen als Garant des Prager Frühlings genoß. Sie fühlten die Notwendigkeit, endlich das erdrückende Schweigen zu brechen, mit der Bitte um Amnestie oder zumindest Weihnachtsurlaub für politische Häftlinge.

Allein ist Schreiben schwer genug, zu sechst schier unmöglich. Trotzdem entstand ein guter, dichter Text, so zurückhaltend, daß nur noch die Orgelmusik fehlte. Am selben Tag begannen wir, immer zu zweit, die Schriftsteller zu besuchen, die im Herbst 1968 besagten Solidaritätseid unterschrieben hatten. Mit vielen von ihnen verband uns langjährige, feste Freundschaft. Als erste unterschrieben die preisgekrönten Literaturfürsten Jaroslav Seifert, Adolf Hoffmeister und Jarmila Glazarová. Als erster lehnte der Satirenkönig Jan Werich ab. Er gab Václav Havel seine Skepsis und Müdigkeit zu. Wir respektierten jede Entschuldigung, weil wir selbst auf die Risiken aufmerksam gemacht hatten.

«Einen solchen Text kann man unmöglich unterschreiben!» sagte der Dramatiker Oldřich Daněk, und über dreißig andere schlossen sich ihm an.

Am Donnerstag nachmittag, als sie einander die Unterschriftsbogen übergaben, nahm ein Kommando der Staatssicherheit Havel, Klíma, Kliment und Vaculík in einer Straße unter dem Strahovberg fest. Die Zeit der Solidarität war zu Ende, sie wurde von der Zeit der Denunzianten abgelöst. Es machte sich bezahlt, daß wir um zweifache Unterschrift gebeten und das zweite Original bei einer unauffälligen Freundin deponiert hatten. Jetzt konnten die zwei Übriggebliebenen – Karel Kosík und ich – das Dokument gemeinsam abholen und rasch im Büro des Präsidenten abgeben, mit der zusätzlichen Bitte um Freilassung des Sammler-Quartetts, bevor der unschuldige Text in der westlichen Presse erscheinen werde, mit der Frage, von wem in Prag die Post des Präsidenten eigentlich erledigt werde. Bei diesem Stand der Dinge schickten wir Kopien an die in Prag akkreditierten Presseleute.

Die vier Festgenommenen, die am schlimmsten von dem Schlachtertyp angebrüllt wurden, der sich Pokorný nannte, verzeichneten spät abends einen Bruch im Verhalten der Untersuchungsbeamten. Bisher wurde das Petitionsrecht grundsätzlich bestritten, auf einmal war nur noch von seinem Mißbrauch die Rede. Dann hat man sie, wenn auch ungern, einen nach dem anderen entlassen. Wir zwei Ungeschorenen saßen mit Zet in der Weinstube «Viola»: Sie lag gleich um die Ecke der Polizeistraße Bartolomějská. Allen Freigelassenen kam der Gedanke, sich auch dorthin zu begeben, um diese Teufelstaufe zu begießen. Ich glaube, an diesem Abend schlug die Stunde der lieben «Viola», die man bald als Nachtlokal zusperrte – paradoxerweise ihrer treuesten Gäste wegen.

An den folgenden Tagen begann das Regime zum ersten Mal mit vielen Autoren zu verhandeln, die es bisher genauso verachtungsvoll abgelehnt hatte wie die Autoren der Petition. Die im Schriftstellerverband herrschenden Mohren mußten sogar auf höchsten Befehl einige als Mitglieder aufnehmen. Statt einer Beichte genügte jetzt die Distanzierung von der Petition. Es lief auf dasselbe hinaus. Oldřich Daněk erklärte, er sei mißbraucht worden, denn er habe nicht gewußt, daß einer der Unterzeichner Havel sei. Milan Jariš, mit dem mich ein Vierteljahrhundert enge Freundschaft verband, apostrophierte mich in den Zeitungen mit «Sie» und beschuldigte mich der Täuschung; er habe nicht gewußt, daß der Text im kapitalistischen Ausland bekannt werden würde.

Peinlich war František Kožíks Widerruf, weil er sich immer als Demokrat alter Prägung gab, tragisch der von Jarmila Glazarová, die der Allzeitparteidichter Ivan Skála persönlich umgestimmt hatte. Beide waren sie einst Berichterstatter beim Slánský-Prozeß gewesen. Skálas Text endete damals: «Dem Hund einen hündischen Tod!» Jetzt nahm er der alten Romancière ihre neugewonnene Würde. Sie hat es nicht lange überlebt. Am traurigsten aber fand ich die denunzierende Kapitulation des Dichters Miroslav Holub, eines der kritischsten und begabtesten Nichtkommunisten unter den Schriftstellern. Gott weiß, was sie über ihn wußten, daß sie ihn so leicht und schändlich brechen konnten.

Ebenso wie Jan Procházkas abgehörte Telephongespräche wurde auch diese Petition von einer Gruppe schwankender Literaten zum fast hysterischen Arrangement mit der Macht genutzt. Nicht die Kerkermeister, die Unschuldige einsperrten, sondern uns beschuldigten sie, eine gesellschaftliche Konfrontation hervorgerufen zu haben. Aber weil es wohl Literatur ohne eine integre Persönlichkeit nicht gibt, hat keiner von ihnen seitdem ein nur halbwegs bedeutendes Werk geschrieben.

Jahre danach wird Milan Kundera in seinem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins die Motivation der Initiatoren gerade dieser Petition analysieren, um die Abstinenz seines Helden – und seine eigene – zu erklären. Sein Urteil lautet, die Verfasser der Petition wollten sich bloß profilieren, da man den Häftlingen sowieso nicht helfen konnte. Meines Erachtens beginnt hier die Kluft zwischen zwei Lebenskonzeptionen. Trotz aller Erfahrungen bin ich weiterhin dafür, in vergleichbaren Situationen mit allen Konsequenzen immer wieder alles zu versuchen, was in den Kräften und Möglichkeiten eines Menschen liegt. Will man schon ein Gnadengesuch für alte Freunde nicht riskieren, hält man eigentlich jegliche Art von Zusammenhalt für sinnlos, ja lächerlich.

8

Böhmen, Winter 1972

Während der Parteiapparat im Duett mit der Geheimpolizei den Widerstand der schwächeren Petitionisten brach und ihre Seelen kaufte und die geldgierigen Pistoleros der Medien auf die Abschußliste der freigestellten Schädlinge warteten, spielte sich kurz vor Weihnachten eines meiner bemerkenswertesten Treffen ab: Nur zweimal während der siebziger Jahre wurde ich von Moskau angesprochen.

An diesem Donnerstagabend ging ich zu einer Veranstaltung junger Poesie in die «Viola». Zet war verschnupft, auch mißtrauisch gegen jegliche junge Poesie, und so blieb sie gern mit dir zu Hause, mein haariger Rauherr. Am liebsten wäre ich ins Nationaltheater gegangen, wo die berühmteste sowjetische Bühnentruppe, das Moskauer akademische Künstlertheater Mchat, gastierte. Mit ihm war ich noch unlängst eng verbunden.

Zu Beginn der sechziger Jahre entschloß man sich zum ersten Mal in der Geschichte dieses Kulturtempels, ein tschechisches Gegenwartsstück zu spielen, meine Dritte Schwester. Der tschechoslowakische Kulturattaché und erfolglose slowakische Dichter Milan Lajčiak eröffnete der Anstalt jedoch, der Autor sei ein vielfach kritisierter Revisionist und die Aufführung daher weder im Interesse unserer Partei noch unseres Staates.

Kurz darauf teilte eine aufgeregte Telephonistin dem Sekretär für Ideologie im Zk der Kpč, Jiří Hendrych, mit, das Oberkommando der Verbündeten Armeen des Warschauer Pakts wolle ihn sprechen. Mit einer auch am Telefon angsterregend klingenden Generalstabsstimme fragte ihn Konteradmiral Golovko, ob in Prag Die dritte Schwester aufgeführt werde. Als der erstarrte Chefideologe bejahte, äußerte der Armeeführer die Hoffnung, daß sie dann wohl auch gereifte sowjetische Zuschauer nicht verderben werde. Er belehrte den Verblüfften, welche Ehre eine Mchat-Aufführung für die gesamte Tschechoslowakei darstelle und verlangte die Aufhebung der Verleumdung. Antonín Novotný, der blitzschnell kontaktierte Kpč-Generalsekretär, ordnete an, dem prominenten Fürsprecher umgehend zu entsprechen.

Die Nachricht von dieser Intervention hielt das Prager Parteisekretariat jahrelang in nervösem Respekt vor meinen Beziehungen zur Sowjetunion. Ich beließ es dabei, obwohl sich gleich nach der ersten Generalprobe in Moskau das auch für mich unheimliche Rätsel rasch geklärt hatte: Die hervorragende Hauptdarstellerin küßte mich in den Kulissen voll Freude über den sich anbahnenden Erfolg und stellte sich vor: Golovko. Ihr drohte eine Rolle zu entgehen, die für sie wie geschaffen war, und so hatte sie eben ihren einflußreichen Gatten eingeschaltet.

Nun spielte also das Mchat in Prag ein Stück, in dem auch Vladlen Davydov auftrat, ein alter Freund, der in der Dritten Schwester vierhundertmal agiert hatte, ehe Prag – ein ganzes Jahr nach der August-Invasion – endlich das Verbot durchsetzte. Im neuen Oberkommando des Warschauer Pakts hatte niemand mehr eine schauspielernde Ehefrau aufzuweisen, statt dessen bekleidete jetzt als neuer Mchat-Direktor Oleg Jefremov, ehemals Chef der berühmten Jungbühne «Sovremennik», den höchsten Rang im sowjetischen Theaterwesen. Das erste Mal nach 1968 kam er jetzt in meine Heimatstadt.

Ich wäre gern in eine Aufführung gegangen, wie ich auch nach der Okkupation weiter russischen Wodka getrunken habe, den in den Restaurants jene Patrioten aufs Parkett gossen, die dann als erste umgefallen sind. Ich bin gegen jeden hysterischen Boykott – die ihn am eifrigsten ausrufen, kriechen noch eifriger zu Kreuze. Eintrittskarten gab es jetzt nur für solche, die Reue gezeigt hatten und nicht hingingen, um zu sehen, sondern um gesehen zu werden, wie bei den Mai-Umzügen mit kontrollierter Präsenz. Meist konnten sie nicht einmal Russisch und schliefen reihenweise wie die Schwalben auf den Telephonleitungen.

Ich langweilte mich also in der «Viola» bei den jungen Poeten, die wieder ins Pubertäre zurückgedrängt wurden, und hoffte dabei, Havel oder Landovský würden auftauchen, damit das Leben wieder sinnvoll würde. In der Pause nickte mir vom Eingang her Jindra, der stadtbekannte Portier, zu:

«Pavel, die Russen kommen Sie holen!»

Doch sofort schwächte er die dramatische Mitteilung ab:

«Aber der Herr kommt mir irgendwie bekannt vor ...»

Kein Wunder. Es war der größere der beiden berühmten Moskauer Olegs, die in den sechziger Jahren sogar die im Erfolg schwimmenden tschechischen Jungfilmer mit dem grausam poetischen Film Leuchte, mein Stern, leuchte! über das Schicksal von Künstlern im Bürgerkrieg hingerissen hatten. Oleg Jefremov und Oleg Tabakov waren in jener Zeit als führende Köpfe des «Sovromennik» die Spitzenmänner des sowjetischen Theaters. Als sie Mitte der sechziger Jahre auf Tournee nach Prag kamen, brachten sie mir aus dem Flugzeug als Geschenk eben jenes Oma-Grammophon, aus dem du auf unserer ersten Neujahrskarte herausgekrochen kamst, mein damals frisch gebackener Dackel.

Nun stand der ältere Oleg in seiner ganzen Größe an der kleinen Garderobe der «Viola», neben ihm Zet und noch zwei andere, höchst verlegene Menschen. Mit denen war er zu uns gekommen, hatte Zet aus dem Bett geholt und nicht eher Ruhe gegeben, bis sie mich aufgetrieben hatten. Die beiden anderen waren ein Fahrer und eine Dolmetscherin des tschechischen Kulturministeriums, das schon seit vier Jahren so tat, als ob ich nicht mehr lebte. Er umarmte mich und sagte mit knarrendem Baß:

«Du weißt, daß ich die Panzer nicht geschickt habe. Wo können wir in Ruhe miteinander sprechen? Und etwas zu ...?»

Mit dem Zeigefinger klopfte er durstig an seine Kehle. Die staatliche Limousine brachte uns ins «Olympia», mein Schicksalslokal. Den Sessel am ersten Tisch neben der verglasten Küche hatte mir einst mein Vater vermacht. Dort haben wir alle großen Familienereignisse gefeiert: Geburten, Hochzeiten, Begräbnisse. Auch das seine. Die Kellner erschraken. Sie waren es nicht mehr gewöhnt, daß hier jemand mit mir Russisch sprach.

Ich bedauerte, daß ich Vladlen Davydov nicht sehen würde.

«Warum nicht?»

«Weil er sich sicher nicht traut.»

«Warum sollte er sich nicht trauen?»

«Weil er nicht Jefremov heißt!»

«Aber Jefremov wird es ihm befehlen!»

Herrisch schickte er die Dolmetscherin mit dem Fahrer ins Theater. Sie sollten Davydov herbringen, sobald er sich abgeschminkt habe. Ich stellte mir vor, was für einen Alarm die beiden schlagen würden.

«Cognac?» fragte ich überflüssigerweise.

«Einen doppelten!» sagte er, als er das Glas sah.

Wir tranken in russischer Art auf ex, und schon winkte er der Bedienung nach einem zweiten.

«Pavel, nimm dich zusammen!»

«Wieso?»

Wieder tranken wir aus.

«Du sollst aufhören!»

«Womit denn?»

«Stell dich nicht dumm, das weißt du doch!»

«Und du weißt ganz genau, um was es hier gegangen ist!»

«Das weiß ich!»

«Hier gab es keine Konterrevolution!»

«Das weiß ich!»

«Es war doch ein Versuch, den Sozialismus endlich bewohnbar zu machen, nachdem er gerade bei euch, Oleg, in einen totalitären Wahnsinn entartete, um dann, nach einem kurzen Tauwetter, im geist- und güterlosen Bürokratismus zu verkümmern!»

«Das alles weiß ich selbst und besser!»

Wir tranken aus. Zet schaute uns an, als ob wir wahnsinnig wären.

«Was willst du also von mir, Oleg?»

«Du sollst warten. Schreiben!»

«Über was denn?»

«Das ist gleichgültig, es gibt Tausende von Themen, in einem Jahr werde ich dich im Mchat spielen, wenn du nur aufhörst, dich wie ein beleidigter Junge zu benehmen!»

«Und wie stellst du dir das vor, über was genau soll ich schreiben?»

Wir tranken aus.

«Ach», winkte er mit der Hand, groß wie eine Schaufel, «über alles, nur nicht über sie. Gogol und Tschechow haben auch nicht über den Zaren geschrieben, und jeder hat sie verstanden!»

«Oleg, wir leben nicht in der Zeit eines müden Despotismus, verstehst du nicht, daß ich der Lüge beipflichten müßte?»

«Dann pflichte ihr eben bei, einstweilen! Sei nicht so hochmütig! Es sind Eismänner an der Macht, Pavel, wer nicht auf gut russisch zu überwintern weiß, der wird erfrieren! Du lebst in einer Gefahrenzone, die Metropole wird dich zunichte machen, hast du denn keine Angst?»

«Doch, die habe ich. Die größte Angst habe ich jedoch vor der eigenen Angst. Ich will mit meiner eigenen Seele in Frieden zu Ende leben!»

«Spucken soll man auf deine Seele!» dröhnte sein Baß durch das ganze Lokal.

Der bleiche Geschäftsführer trieb die Zwei-Mann-Kapelle, die gerade pausierte, auf das Podium zurück, einen lauten Csárdás zu spielen.

«Mein Gott, Oleg, es ist doch auch für euch, auch für dich wichtig! Unser Reformversuch war und bleibt der einzige Weg, den eines Tages ihr gehen könntet, willst du, daß die letzten, die hier noch offen zu ihm stehen, ihn leugnen? Ach, Freund, ich habe nicht erwartet, daß du mich ermuntern würdest, aber warum willst du mich unbedingt entmutigen??»

«Im Gegenteil! Ich will dir Mut einflößen, nicht den Märtyrer zu spielen, sondern dich demütig in den Dienst deines Volkes zu stellen, um wieder neue Schleichwege zu entdecken, für die ihr Tschechen weltberühmt geworden seid.»

«Wenn du den Schwejk meinst, so wurde er schon längst ein Alibi für alle, die sich mit jedem Unfug arrangieren. Sie glauben, ihre Zivilcourage mit ein paar Bierwitzchen erledigt zu haben, alles andere erklären sie zum Hazardspiel, das der Nation nur mehr schadet.»

«Ein Schwejk hat immerhin eine Chance, daß er als letzter lacht. Was kommen muß, kommt auch ohne dich, und wenn es bei uns passiert, seid ihr schon längst vergessen! Sei bescheiden, und in einem Jahr wirst du hier dein eigenes Theater haben wie ich, du wirst für dein Volk hundertmal mehr tun können als jetzt!»

Wir tranken aus. Die Vorstellung mußte schon lange zu Ende sein, doch Vladlen erschien noch immer nicht.

«Was kannst du im Theater für dein Volk tun, lieber Oleg, wenn nicht einmal deine Schauspieler auf dich hören dürfen, wenn du sie anhältst, einen alten Freund zu begrüßen?»

«Vladlen wird kommen!» donnerte er.

Der Ober zitterte schon. Ein Cognac folgte dem anderen. Er schüttete sie in seine Kehle, als wären es Münzen, die eine lebenswichtige Fernsprechverbindung im Gange halten sollten. Das ganze noble Lokal schaute schockiert und gebannt zu. Ich sprach selbstverständlich so leise, wie unter solchen Umständen überhaupt möglich.

«Oleg, ich habe schon ein tausendjähriges Reich überlebt, es dauerte ganze sechs Jahre; eures wird sicher wesentlich länger dauern, aber irgendwer wird auch diesmal überleben, solange wir es schaffen, daß diese Gesellschaft ihr historisches Gedächtnis nicht verliert!»

Der Fahrer kam herein.

«Genosse Davydov hat sich erkältet, er mußte ins Hotel ...»

Als stürbe er auf der Bühne nach einem heroischen Duell, schloß mein Gegenüber die Augen und sank langsam von seinem Stuhl auf den Teppich. Drei Kellner und der Fahrer trugen ihn die steile Treppe hinab wie die vier Hauptleute den toten Hamlet.

Ich kam auf die Art, die mich mein Vater mühsam gelehrt hatte, auf eigenen Beinen nach Hause, fiel erst hinter der Wohnungstür um und schlief dann zwölf Stunden wie ein Klotz. Eine Woche später begann eine vernichtende Pressekampagne gegen mich. Auf der Neujahrskarte sehen Zet und ich jedoch aus wie nach einem erfolgreichen Jahr. Du, mein unverzichtbarer Dackel, im Barett, das uns Peter Striebeck, mein Fernseh-August August, zu Weihnachten aus Hamburg geschickt hatte, ähnelst einem Hunde-Märtyrer.

Dir war beschieden, es in der Tat zu werden.

9

Böhmen, Vorfrühling 1973

Unser Kampf um das Leben des Wellensittichs war bisher nur insoweit erfolgreich, als er noch am Leben war. Deine Fangzähne jedoch, mein vogelfeindlicher Dackel, zerrten weiter am Gitter, und es schien, als würde er immer und ewig nur zu den Zeiten deines Gassigehens ausfliegen können. In solchen Situationen kommt die Phantasie zu Wort: Wir entschlossen uns, ihm das Sprechen beizubringen.

Einerseits versprachen wir uns Freude davon, zum anderen Nutzen: Vielleicht beginnst du ihn dann zu schätzen? Die Aktion, «Pygmalion» genannt, wurde hauptsächlich von mir betrieben. Wegen Ausdauer und Konsequenz – so Zet über sich selbst – würde man sie nie bestrafen können. Ich redete mit der mir angeborenen Beharrlichkeit auf ihn ein. Zwei Sätze, die die Barriere des Sprechens öffnen sollten, wiederholte ich hauptsächlich in toten Zeiten, etwa während ich eine Telephonnummer wählte und auf Anschluß wartete. Oft wunderte sich der Angerufene, wenn er zuallererst von mir den Kampfruf meines Theater-August hörte:

«Das ist prrrrima!»

Daß unser Telephon abgehört wird, haben wir immer für selbstverständlich gehalten. In der Tschechoslowakei dachte sich das jeder, doch nicht einmal Spitzentechnik kann einen lebendigen Auswerter ersetzen. In acht Stunden Arbeitszeit kann er höchstens acht Stunden Aufzeichnungen abhören: Für «hot hearing» sind also drei Tagesschichten erforderlich. Deshalb ist nur ein Bruchteil der Bevölkerung abhörbar, und davon nur der Bruchteil eines Bruchteils heiß.

Bis zum Ende dieses Februars konnte ich annehmen, nicht dazuzugehören. Ich war schon fast der letzte, den des Doktor Husáks Macht noch nicht der Polizei freigegeben hatte. Meine Premieren und Veröffentlichungen erreichten gerade jetzt einen Kulminationspunkt. Das Tagebuch eines Konterrevolutionärs und das Weissbuch in Sachen Adam Juráček erschienen in einem Dutzend Sprachen. Für das Tagebuch bot man aus Hollywood meinem Verleger 500000 Dollar und eine Starbesetzung an, womit leider die Bedingung verknüpft war, gegen das Drehbuch keine Einwände zu erheben. Die Gefahr, daß unter meinem Namen ein plumper Kalter-Krieg-Schinken entstehen könnte, überwog sowohl die Habgier als auch die Neugier, wie Zet von Mia Farrow und ich von Dustin Hoffman dargestellt werden würden. Den Roman Weiss-Buch über den armen Studienrat, der es allein Kraft seines Willens schaffte, auf der Zimmerdecke spazierenzugehen, was man ihm mit geballter Staatsgewalt erst dann aus dem Kopf schlug, als bereits die gesamte Menschheit auf der Decke spazierte, plante das Zdf als aufwendigen Fernsehfilm. Bei der Uraufführung in Düsseldorf erlebte der Arme Mörder vierzig Vorhänge. Anfang März meldete sich telephonisch ein Produzent vom Broadway.

Unmittelbar danach besuchte ich unsere Sprengelärztin, um mir von ihr etwas gegen Aphthen verschreiben zu lassen. Ich bin ein Kind der Wirtschaftskrise und Kriegsunterernährung, und ich litt schon immer unter allen möglichen Erscheinungsformen von Vitaminmangel. Sie verschrieb mir irgend etwas zum Gurgeln. Ich gurgelte und erfüllte dabei einen Teil meiner Tagespflichten. Zu denen gehörte seit vorigem Herbst auch die Aufsicht bei der Renovierung unseres kleinen Hauses in Sázava, wobei ich mich mit Zet abwechselte. Als ob wir geahnt hätten, daß diese leichte, bei Frost unbeheizbare Villa aus dünnem Beton und Glas einmal unser letzter Stützpunkt in Böhmen sein würde.

Am Donnerstag, dem 1. März, übernahm Zet den Außendienst. Ich durfte in unserer kleinen Stadtwohnung auf dem Hradschin bleiben, korrigierte die englische Fassung des August, lehrte den Gefiederten sprechen und machte beim Telephonieren mit meinem liebsten Freund Alexander einen unschuldigen Witz. Auf die Frage, wie es mir gehe, antwortete ich, sehr gut, wenn man meine Maul- und Klauenseuche nicht rechne; deshalb sei Zet heute an meiner Statt aufs Land gefahren, damit ich das Vieh nicht anstecke.

Gegen fünf Uhr nachmittags ging leicht die Türglocke. Zet, die alle Formen des Alarms haßt, vom unschuldigen Teekessel bis zum für sie unheimlichen Wecker, hatte schon vor vielen Jahren in Nürnberg für bescheidene Devisen ein zartklingendes Engelsläuten gekauft. Es war angenehm, doch verwirrend wie ein Irrlicht im Moor, genauso zärtlich würde es auch den Teufel ankündigen.

Das Guckloch benutzte ich erst nach meiner ersten Verhaftung, jetzt öffnete ich noch in bürgerlicher Unschuld die Tür und starrte auf drei Männer in weißen Kitteln. Der Älteste stellte sich mir als Dr. Drašar vor, Haupthygieniker der Hauptstadt. Er erklärte mir, er müsse mich aufgrund seiner gesetzlichen Vollmacht untersuchen lassen, ob ich nicht Infektionsträger sei.

Es war das fünfte Jahre nach der Invasion, das Regime log wieder, daß sich die Balken bogen, und ich glaubte ihnen kein Wort. Mir lief es kalt den Rücken hinunter: Die Männer schienen aus dem Irrenhaus in Bohnice zu kommen. Ich kämpfte um Zeit, bat um die Ausweise. Statt mich zu packen, wühlten sie verwirrt in den Taschen, an sich ein beruhigendes Zeichen. Einzig Dr. Drašar fand ein derart zweifelhaftes Dokument, daß er schon wieder fast vertrauenswürdig wirkte: einen Kantinenausweis des Krankenhauses «Na Bulovce».

Dann sprach er noch die Worte «Maul- und Klauenseuche» aus, und mir ging ein Licht auf. Noch keine fünf Stunden waren seit meinem telephonischen Scherz vergangen. Wer ihn alarmiert habe, wollte ich wissen. Er sagte, die Meldung sei aus der Gemeinde Sázava gekommen, wo man wahrscheinlich um die Viehbestände fürchte. Jedenfalls sei er amtlich befugt, mich mitzunehmen, und ich hätte sicherlich soviel Verantwortungsgefühl, um freiwillig mitzukommen. An Sachen brauche ich nichts, es ginge ja bloß um einen Test, ich käme umgehend zurück.

Die Lüge dieses Gesundheitssheriffs enthüllte ich erst im Käfig. Es war die wenig bekannte Infektionsstation des Großspitals, deren Gitter und Panzerglas besonders gefährliche Bazillenträger vom Leben isolieren sollten. Die mir zugedachte Ansteckungsgefahr genügte zur Isolation ersten Grades. Zu der abgeschlossenen Einheit, bestehend aus Schlafzimmer, Vorzimmer, Bad und Wc, gehörte auch eine Leibschwester, die gleichzeitig für strenge Diätverpflegung und Sauberhaltung sorgte. Nach jedem Besuch bei ihren Patienten mußte sie sich offenbar einer Desinfektion unterziehen – jedenfalls sah sie so aus. Zur Strafe lähmte sie mich sogleich mit der Nachricht, die kürzeste Beobachtungszeit dauere hier zwei Wochen.

Meine Sorge, wie ich aus diesem Glasbunker Verbindung mit Zet aufnehmen könnte, war dagegen nicht von langer Dauer. Nach zwei Stunden erschien sie. Der Hygieniker aus der Kreisstadt Kutná Hora kam mit dem Krankenwagen zu uns nach Sázava. Er hatte auch nach den Haustieren gefragt. Geistesgegenwärtig erklärte Zet dich zum Hund unseres Nachbarn, schaffte es auch noch, diesem zuzuflüstern, dich einstweilen bei sich unterzubringen. Sie fürchtete, du würdest ihre Tests kaum überstehen.

Zur Morgenvisite kam höchstpersönlich der große Häuptling, Hauptepidemologe der Čssr, Professor Kredba. Die Einleitung klang hoffnungsvoll: Die menschliche Form der Maul- und Klauenseuche, deren ich verdächtigt war, würde mir größeren Ruhm einbringen als mein ganzes Œuvre; es handele sich um eine rein theoretische Krankheit, die bislang noch kein einziges Mal registriert wurde. Der Schluß war deprimierend: Wir müßten trotzdem hier bleiben. Warum? Die strenge Spielregel: Jeder Verdacht mußte lückenlos durch negative Laborversuche ausgeschlossen werden. Und wer hatte diesen so fragwürdigen Verdacht ausgesprochen? Die Spur verlor sich im Dickicht der Hygieneämter. Unser Speichel wurde irgendwelchen entfernt grasenden Kühen eingeimpft, und wir waren verurteilt zu warten, was mit ihnen geschähe.

Ein Luxusgefängnis ist nicht weniger Gefängnis, es kann um so unerträglicher sein. Der Traum des Häftlings – die Internierung mit einem geliebten Wesen – verwandelt sich rasch in einen Alptraum. Ohne den Sauerstoff der Freiheit erstickt auch die innigste Beziehung. Prag unter dem Fenster glich einer Fata Morgana. Wir teilten das sterile Aquarium vierundzwanzig Stunden täglich, gesund wie Fische – meine Aphthen waren längst verschwunden –, und waren inzwischen auch schon informiert, daß der einzige tschechische Aussätzige hier jahrelang vegetieren mußte, bevor er in einem geheimen sowjetischen Leprosorium aufgenommen worden war.

Nach einer Woche sprach uns der zunehmend grantiger werdende Professor plötzlich gesund. Offenbar wollte er seinen guten Namen nicht länger aufs Spiel setzen. Während des Abschieds wurde er dringend ans Telephon gerufen. Er zog es vor, nicht mehr zurückzukehren. Das Gesundheitsministerium verbot nämlich ausdrücklich unsere Entlassung. Allmählich verloren wir Humor und Sprache. Wir hörten auf, Würfel zu spielen, Kreuzworträtsel zu lösen, Radio zu hören, fast auch zu lesen. Zum ersten Mal im Leben nahm ich Schlaftabletten.

In der neunten Nacht hatte ich aus lauter Verzweiflung eine Idee. Am Morgen erstattete ich Meldung: In Sázava sollte am Samstag der alljährliche große Ball stattfinden, und da ich dort in der kritischen Zeit bei den Umbauverhandlungen mit etlichen Stadtfunktionären persönlich zusammengetroffen war, hielte ich es für meine Pflicht, präventiv zu melden, daß diese ein Gesundheitsrisiko darstellten.

Der erste Assistent begriff das sofort und hetzte blitzschnell den Kreishygieniker auf. Dem blieb nichts anderes übrig, als der Gemeinde zu erklären, es sei ein Gebot der Stunde, öffentliche Veranstaltungen abzusetzen, solange unsere Untersuchung nicht beendet sei. Es geschah, wie gehofft.

Zusammen mit der Glaswerkbelegschaft lehnten sich auch die Frauen der Funktionäre auf, die schon ihre Kleider nähen und sich beim Friseur hatten anmelden lassen. Am Samstag früh bekamen wir eines unserer besten Zeugnisse ans Bett gebracht:

«Der Verdacht, das Ehepaar J. M. und P. K. sei an Maul- und Klauenseuche erkrankt, hat sich nicht erhärtet, was durch einen Versuch am Tier als bewiesen gilt.»

Wir aßen in dem einzigen, dafür jedoch luxuriösen Prager China-Restaurant zu Mittag die würzigsten Speisen, fuhren nach Sázava, um den tanzhungrigen Freunden die frohe Botschaft zu verkünden, und dann ging es gleich zu dem guten Nachbarn, Dr. Pilař, um dich abzuholen, mein verdatterter Dackel. Du warst über unser so langes Verschwinden äußerst beleidigt. Zet versuchte, dir die Entschuldigung einzukraulen. Ich konnte mich nicht richtig freuen. Mir kam der Gedanke, daß sich jemand unserer persönlich angenommen hatte, den auch Phantasie trieb. Mich bedrückte deren Abartigkeit.

10

Böhmen, Sommer 1973

Lange schien es, als würdest du im Kampf um das Revier siegen, auf das sich der Dackelgeist richtet wie der des Menschen auf die Sterne. Was dem Menschen das Paradies, ist dem Dackel das Bett. Wehe dem, der sich eures Zitterns erbarmt und euch ein Eckchen überläßt. Nie mehr wird er euch daraus vertreiben. Ich war unerbittlich, doch kaum verließ ich das Haus, wurde Zets liebenswürdiges Herz weich. In Sázava, wo wir nach der Renovierung den ganzen Sommer verbrachten, verlorst du selbst den Kampf, als du nach dem ersten Regen auf das denkwürdige Kanapée in der Halle sprangst. Das Menetekel der schlammigen Feldwege bewirkte, daß Zet mir in diesem Punkt schweren Herzens nachgab.

Unsere immer häufigeren Aufenthalte auf dem Lande bereicherte die immer enger werdende Freundschaft mit dem Nachbarn, Dr. Jiří Pilař. Nachdem im Februar 1945 eine verirrte alliierte Bombe, für Dresden bestimmt, sein Prager Haus mit seinen Eltern darin ausgelöscht hatte, beendete die kommunistische Machtübernahme drei Jahre später seine Anwaltskarriere. Aus dem Sommerhäuschen am Ende von Sázava wurde die letzte Zuflucht. Als sich Anfang der Siebziger gerade dort seine geliebte Frau in einer Anwandlung von Schwermut das Leben nahm, schien auch ihm seine weitere Existenz sinnlos zu sein.

Reges Treiben in unserem Haus, das früher neun Monate im Jahre leer stand, riß ihn aus der Lethargie. Er konnte wieder nützlich sein, als Kenner, Berater und Helfer. Unsere illustren Gäste, deren Bücher er von früher bewunderte, liebten seine Bildung und Noblesse, mit der er, im hohen Alter und allein, seine Schicksalschläge zu meistern wußte.

Bald bat er sich aus, daß unser Zoo, wann immer wir nur kurz weg mußten, bei ihm hausen durfte. Dich hat er geradezu vergöttert, weil du seine Beete vor den allesfressenden Wildkaninchen schütztest, mein Rauhhaarwaldgendarm.

Die Pioniere der Macht hatten schon im Frühjahr die wichtigste Brücke gesprengt, die mich noch mit der anderen Welt verband. Ihre zwei Pfeiler waren meine beiden Verleger.

Eric Spiess vom Bärenreiter-Verlag in Kassel war einer der ersten Deutschen, die nach dem Ende des Kalten Krieges gen Osten losfuhren, diesmal jedoch, um die zerrissenen Fäden der europäischen Kultur wieder zusammenzuknüpfen. Von Natur eher philosophisch als kaufmännisch veranlagt, empfand er selber Freude an dem tschechischen Theater mit dessen Mischung von Elementarem und Unmittelbarem, Poetischem und Politischem, Witzigem und trotzdem Todernstem. Mit den ersten Übersetzungen meiner Stücke hat er wie ein Handelsreisender fast alle westdeutschen Bühnen besucht, er wurde der Pate ihres Erfolgs. Mit der Zeit avancierte er vom bloßen Vertreter des Werks zum Vertreter der existenziellen Interessen, sowohl meiner als auch anderer tschechischen Bühnenautoren.

Ähnlich der Luzerner Schwabe Jürgen Braunschweiger. Sein jegliche Konjunktur überdauerndes Interesse am «Prager Frühling» hat mich dazu gebracht, mein erstes Prosawerk zu schreiben; den romanartigen Erinnerungen Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs folgten drei Romane. Im stillen Dienst einer persönlichen Freundschaft hat er mit der Zeit im Westen Werke von Vaculík, Kliment, Klíma, Gruša und Kriseová herausgebracht, mit immer größeren Schwierigkeiten, wie vor allem die deutschsprachige Welt immer mehr den gescheiterten Reformversuch verkannte oder verdrängte.

Seine zierliche Frau, Liz, von uns allen Lízinka genannt, spielte dabei die Rolle einer modernen Taube Noahs. Sie hat uns unermüdlich auf unserem im Packeis treibenden Schiff besucht und von den Verhältnissen der übrigen Welt berichtet, von der hohen Politik bis zu den Niederungen von Mode und Klatsch. Sie war es auch, die mir einmal eine geräumige lederne Jagdtasche schenkte; ich rätselte lange darüber, wozu ich sie wohl benützen sollte. Bei meiner allerersten Festnahme packte ich alle Utensilien hinein, und sie wurde zu meinem wichtigsten Accessoir.

Als man jetzt allen dreien zur gleichen Zeit die Einreisevisa verweigerte, begann für mich der wirkliche Belagerungszustand. Die Ungesetzlichkeiten hatten ein solches Maß angenommen, daß ich mich genötigt sah, sie dem neuen Kulturminister Klusák ausführlich darzulegen. Er war der Schwiegersohn des Staatspräsidenten Svoboda. Ihm hatte ich, im Jahre 1949 das gleiche Coupé des Zuges aus Moskau teilend, in Ostpolen geholfen, eine Reihe schwerer Kuriersäcke vom Breitspurbahnsteig auf den europäischen zu schleppen. Jetzt hustete er auf meine Last. Nach dreimaligem Mahnen schickte ich den Brief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dank ihrer Korrespondenten hatte sie damals in Prag einen guten Ruf.

Nach fünf Jahren gab ich auch ein erstes ausführliches Interview für das Österreichische Fernsehen. Das Team – Redakteur Stanzl, ein Kameramann und ein Tonmeister – flog aus Wien, München und Hamburg ein, traf sich im Hotel, kam im Leihwagen in unseren Garten, drehte und entfernte sich ebenso vorsichtig in alle drei Richtungen. Für diesen halbstündigen Monolog, der von vielen europäischen Sendern übernommen wurde, habe ich das merkwürdigste Honorar meines Lebens erhalten: Ein halbes Jahr lang schickte mir Werner Stanzl aus Wien wöchentlich eine große Sacher-Torte; dann bat ich ihn, die süße Inflation zu stoppen, weil weit und breit keiner das göttliche Zeug auch nur mehr sehen konnte.

Mit dem Schreiben kam ich nicht voran. Ausnahmsweise schriftstellerte in diesem Sommer Zet, der es sonst genügt, ihre eigenartigen Geschichten beim Wein zu erzählen. Aber sie wollte die Filmakademie abschließen, solange ihr Mädchenname noch seine Wirkung tat. Nach der reizend-listigen theoretischen Arbeit Das Tier als Held in Film und Fernsehen, die der Opponent widerstandslos genehmigte, weil er keine Literatur zu dem Thema entdecken konnte, mit der er Zets kühne Schlußfolgerungen hätte vergleichen können, schrieb sie das Drehbuch Die Einfälle der heiligen Klara. Der Schriftsteller František Kožík, durch den Widerruf seiner Petitionsunterschrift für den Staatsfilm gerettet, riß es ihr erfreut aus den Händen und retournierte es bald mit Schrecken, als ihm zugetragen wurde, wen die talentierte Szenaristin so selbstmörderisch geheiratet hatte. Dieser Vorfall soll sieben Jahre später ein erfolgreicher Akkord ihres ungewollten Exils werden, wenn das Zweite Deutsche Fernsehen das Werk realisieren wird.

Am 11. September, im Schatten der Ermordung Allendes in Chile, schossen die tschechischen Massenmedien eine besonders gefährliche Salve von Lügen ab. Dieselbe Petition für politische Häftlinge, die im Vorjahr die tschechische Literatur endgültig geteilt hatte, war angeblich von dem westdeutschen Journalisten Hans Peter Riese, der sogleich ausgewiesen wurde, bestellt und bei einem Zusammentreffen mit Havel, Klíma und mir am 7. November 1972 im Café «Viola» mitverfaßt worden. Weil nicht einmal die Bezeichnung des Lokals stimmte – die «Viola» war eine Weinstube – und von uns drei Verbrechern am besagten Tage nachweislich jeder woanders war, forderte ich stellvertretend für alle Verleumder den Chefredakteur des Parteiorgans Rudé Právo auf, die Behauptung richtigzustellen, und klagte dann gegen ihn.

Da versah sich die Macht mit einem Kronzeugen. Während seiner privaten Reise in die Slowakei überfiel die Staatssicherheit den Ostrauer Schriftsteller Ota Filip, der schon bald nach der Invasion mehrere Monate im Gefängnis verbracht hatte. Er kam hin und wieder in Klímas literarischen Salon, geschätzt wegen seines ersten Buches und gern gesehen wegen seiner Freundlichkeit. Weil er jedoch auch uneingeschränkt gesprächig war, und dazu in einer Bezirksstadt lebte, in der sich die lokalen Machthaber ganz zügellos auszutoben pflegten, sahen wir uns zu besonderer Rücksicht genötigt. So informierten wir ihn nicht einmal von der Petition, und so fehlte seine Unterschrift darauf.

Um so größer unsere Erschütterung, als das Fernsehen am 25. September unter dem Titel Verbrannte Flügel ein Gespräch Filips mit zwei Sicherheitsoffizieren brachte, in dem der erpreßte Kollege die Beschuldigung gegen Riese und das Treffen, das nie stattgefunden hatte, als angeblicher Teilnehmer bezeugte. Vaculík und ich baten Ota Filip danach brieflich um eine Erklärung. Anstelle seiner Antwort erschien bei uns beiden die Polizei.

Bei mir zum ersten Mal. Zwei Kerle wie Schränke bemühten sich gar nicht erst, mir irgendeine Vorladung zu zeigen, und mir genügten ihre Uniformen, um sie gar nicht erst danach zu fragen. Unterwegs im Wagen schwiegen sie hochmütig, wie auch später alle, die mich in den nächsten Jahren eskortieren sollten. Wahrscheinlich wird ihnen in ihren Bullenschulen beigebracht, sie würden dadurch den Delinquenten seelisch weichmachen. Auf mich wirkte das eigenartigerweise umgekehrt. Jedesmal wurde ich dabei aus allen schöpferischen Gedanken und menschlichen Gefühlen herausgerissen und konzentrierte mich ganz auf den Auftritt, der mich erwartete – fast wie ein Schauspieler, der ich wegen mangelnden Talents nicht werden durfte. Jetzt wollte ich mich selbst spielen, nach den erhabensten Vorstellungen, die ich von mir hatte.

Bei dieser ersten Fahrt stellte ich mir die grundsätzliche Frage: Wie soll ich mit ihnen reden? Mir war klar, daß ihre Firma kein Recht auf die Wahrheit hat, denn die bringt ihr nur neue Opfer aufs Tablett. Lügen oder Lavieren stieß bei mir also keineswegs auf moralische Hindernisse, sondern auf mein verhältnismäßig schwaches Gedächtnis, gegen das ich seit meiner Jugend mit Notizbüchern, bekritzelten Papierfetzen, Mnemotechnik und Knoten in Taschentüchern ankämpfe. Gegen das elektronische Gedächtnis der Macht war ich absolut chancenlos; so entschloß ich mich bei dieser Gelegenheit ein für allemal, überhaupt nichts zu sagen.

Die Stunde, die sie mich im trostlosen Warteraum schmoren ließen – ein anderer uralter Trick – genügte, mich darin zu bestärken. So trat ich schließlich vor den Mann, der als erster nach mir schicken ließ, ein gewöhnlicher Wachtmeister namens Vacek von der «normalen» Polizei, der mich amtlich verwarnte, der Bürger Ota Filip habe sich durch meinen und Vaculíks Brief erpreßt gefühlt, seine wahrheitsgetreuen Aussagen zu ändern; wir seien auf dem besten Wege, ihn in den Selbstmord zu treiben. Ich nannte das mit einem Satz eine weitere Frucht der Erpressung Filips und – durfte nach Hause gehen.

Der Tag der Prüfung sollte erst noch kommen. Doch schon bei dieser ersten Stellprobe sammelte ich instinktiv alle Erfahrungen, die mir die folgenden Jahre dienen sollten: schnell Jeans anziehen und warme Pullover aus dunkler Kaschmirwolle, mich mit Geld, Zigaretten und Lektüre versorgen und die Angst mit einem Schuß gesunder Wut überspielen.

Der Fall hatte eine Reihe von Pointen. Ota Filip traf ich erst nach Monaten. In meinem Auto, mit gelöschten Lichtern, in einer stillen Gasse am linken Moldauufer geparkt, erklärte er mir den Grund seiner Lüge. Es war erschütternd, wie es sich damit deckte, was mir die Opfer stalinistischer Prozesse erklärt hatten: Angeblich wollte er in seiner Not die Spürhunde mit einer Absurdität füttern, die nach Überprüfung nicht hätte irgendwie verwendet werden können. Den Fehler sah er leider allein darin, daß er in seinen Erfindungen zuwenig übertrieben hatte. Nein, sagte ich, nachdem ich ihm versichert hatte, daß ich ihm seiner Schwäche wegen nicht böse sei:

«Der Fehler liegt in deiner labilen Psyche. Geh fort, hier brechen sie dich bald total.»

Er sollte bald nach Deutschland auswandern. Auf mein Ersuchen hin schickte er mir dann aus München eine notariell beglaubigte Erklärung, seine Behauptungen seien ihm vor laufenden Kameras abgenötigt worden. Er legte einen sehr treuherzigen Brief bei, sein Versagen sei offenbar durch den Schock des erlittenen Überfalls verursacht worden und sicher auch durch die Furcht, wieder hinter Gitter zu geraten.

Die Macht, die schon lange ihre eigenen Gesetze und Unterschriften unter internationalen Abkommen mißachtete, benahm sich gleichzeitig geradezu komisch zimperlich in der Einhaltung von Formalitäten, die den Anschein der Gesetzesordnung aufrechterhalten sollten. Meine Berichtigungsklagen werden am 1. September 1976 verhandelt, um den Beschluß über die maximal dreijährige Frist bei der Erledigung von Zivilstreitigkeiten gerade noch vor dem Termin pedantisch einzuhalten.

Die einzigen Zuschauer werden dann Zet und Ludvík Vaculík sein. Der Rechtsanwalt des Beklagten wird mitteilen, sein Mandant sei nicht mehr Chefredakteur von Rudé Právo und unbekannt verzogen. Ich erfreute das Hohe Gericht mit dessen neuer Adresse: Miroslav Moc, Botschafter der Čssr in der Schweiz, Bern.

Auf Aufforderung meines Rechtsanwalts läßt die Richterin die Verlesung der Münchener Erklärung Ota Filips zu, wonach er sich alles unter Druck ausgedacht habe. Auf Aufforderung der Gegenseite wird dann eine uns bisher nicht bekannte schriftliche Aussage Ota Filips verlesen, deren man sich noch vor seiner Ausreise weitblickend gesichert hatte. In ihr beschwor er, alles aus freien Stücken, nur der Wahrheit zuliebe, ausgesagt zu haben, und dazu auch in Zukunft treu zu stehen, was immer dem entgegenwirken sollte.

«Ist das ein- und derselbe Herr Filip?» wird danach die Richterin fragen.

«Ja», antworten beide Rechtsanwälte unisonso.

«Also, dann muß ich das noch einmal durchsehen!» verkündet die gute Frau erleichtert und vertagt sofort, womit eine Frist beginnen wird, diesmal unbefristet.

Vom Gericht werde ich dann mit Vaculík, wie häufig zu dieser Zeit, schnurstracks in die Sauna auf der Slawischen Insel marschieren, um die schlechten Produkte von Körper und Geist auszuschwitzen. Die peinliche Gerichtsszene erwähnen wir mit keinem Wort mehr. In dem nächsten Jahrzehnt jedoch werde ich mich an sie immer wieder erinnern müssen, bei der Lektüre von Filips zahlreichen Artikeln in der westlichen Presse. Seine garantiert echten Enthüllungen aus der Exilszene und von zu Hause werden oft der gleichen Phantasie entspringen wie sein Auftritt in der Causa Petition.

Der Sommer 1973 endete damit, daß uns eines Nachts zu Hause eine heisere, fremde Stimme weckte.

«Jenko, rrraus aus den Federrrn! Pavle, rrran an die Arrrbeit! Das ist prrrima, prrrrima, prrrrrima!!»

Wir waren alle erschrocken, du wohl am meisten, mein sprachloser Dackel. Im Käfig plusterte sich unser Vogel. Heimlich hatte ihn auch Zet in die Kur genommen. Jetzt fand er die Sprache. Weil er eine ähnliche Stimme hatte wie der Schauspieler Taub, unser alter Freund, tauften wir ihn sofort Valtrr.

11

Böhmen, Herbst 1973

Das Sprachwunder veränderte die Verhältnisse in unserer Familie vollständig. Während deine vergeblichen Attacken gegen die Singvögel, deren dichtes Auffliegen dich schon immer verrückt machte, im allgemeinen andauerten, hatte unser Valtrr von der Nacht an, in der er zum ersten Male sprach, deinen mächtigen und andauernden Respekt erworben.

Die menschliche Sprache war für dich sicherlich Lautmalerei wie die deine für uns, nur aus ihrer Stärke und Farbe konntest du wohl entnehmen, was man von dir ungefähr wollte und wie deine Sache stand, ob wir freundlich schnurrten, unwirsch brummten oder böse bellten. Unsere Hände besiegelten den Stand der Beziehungen durch Streicheln, Kraulen oder Tätscheln. Der blaugelbe Vogel, der zwar in der Sprache der Herren redete, jedoch wie ein elektronischer Roboter, auf einem einzigen Ton, mußte dir wie ein besonders gefährliches Exemplar unserer Gattung vorkommen, vielleicht wie wiederum uns ein Geheimpolizist. Du konntest dir denken, er bespitzele dich während unserer Abwesenheit.

Die Birken vor dem Haus in Sázava waren über Nacht gelb meliert. Mit der Schreibmaschine mußte ich vom Rasen nach oben ziehen in mein kleines Zimmer mit dem blauen Teppich, der vom Fußboden über die Wände bis zur Decke reichte. Er wickelte mich in einen privaten Himmel ein, wie sich das so reizvoll die Architektin Helena ausgedacht hatte, eine Cousine Zets, die in den vergangenen Monaten mit ebenso einfachen wie fast bühnenwirksamen Einfällen unserem ehrwürdigen «Bauhaus» zu seinem fünfundvierzigsten Geburtstag ein zweites Leben einhauchte. Noch lieber schrieb ich in der Halle, wohin aus der Küche liebliche Düfte drangen. Dort war dein Hauptstandort, natürlich! Wenn jedoch ausnahmsweise Zet schriftstellerte und ich den Kochlöffel schwang, bliebst du auch bei ihr, mein ewig ungesättigter Dackel. Du wußtest, bei mir fällt nichts ab: Meine Sorgen um dein Rückgrat konnten keine Bettleraugen trösten.

Wir heizten schon den Kamin, den schönsten, den ich je irgendwo gesehen habe. Ihn hatte Helenas Mitschüler, der Architekt Pavel Bílek, entworfen und in diesem Frühjahr eigenhändig aufgebaut. Wer konnte ahnen, daß uns die beiden sieben Jahre später am Wiener Graben unser neues Heim samt neuem Kamin erbauen würden? Ach, die Refrains meines Lebens, sie nehmen kein Ende! Das Feuer loderte auf einem runden Bett inmitten der halbrunden Halle, unter einem riesigen weißen Betonzylinder, der so versteckt in der Decke verankert war, daß er in der Luft zu schweben schien; ein fast unsichtbares Stahlnetz hielt auch die wildeste Flamme sicher am Zügel. In einer derart passenden Umgebung beendete ich den Einakter Brand im Souterrain, in dem es um Brandstifter von Amts wegen geht. Bald sollten wir sie erleben.

Auf dem Höhepunkt seiner persönlichen Krise raffte sich der öffentlich vergewaltigte Ota Filip zu einer ehrenwerten Tat auf. Aus seiner Ostrauer Belagerung schmuggelte er einen Brief heraus, in dem er sich bei Ludvík Vaculík und mir entschuldigte. Er bestätigte darin ausdrücklich, daß gerade wir zwei für sein Versagen freundschaftliches Verständnis zeigten, während die Staatssicherheit ihn zu seinen Erfindungen gezwungen hatte. Für sie stellte der Brief, von dem sie hintenherum erfahren hatte, eine Gefahr dar: Ihre Obrigkeit konnte sie der Pfuscherei beschuldigen.

Zuerst nahmen sie Vaculík in die Mangel. Er und seine Frau wurden nachdrücklich aufgefordert, das Original – die Möglichkeit, originalgetreue Kopien anzufertigen, gab es damals in Prag nicht – freiwillig herauszurücken. Dann wurde deren Wohnung einer Hausdurchsuchung unterzogen, ebenso gründlich wie ergebnislos.

Am Sonntag, dem 7. Oktober, posierten wir unserem Freund Štěpán für unseren photographischen Neujahrsgruß 1974, frühzeitig und doch spät: Den Zustand unseres Lebens schien uns am ehesten steigendes Wasser zu versinnbildlichen, jedoch war der Fluß Sázava, in den wir zu diesem Zweck in Abendkleidung stiegen, schon verflucht kalt. Auf den Photos ist es an deiner verzweifelten Haltung zu sehen, mein schüttelfrostiger Dackel. Am Abend fuhren wir nach Prag und gleich zur «Goldenen Birne». Wir mußten uns dort zweifach wärmen.

Am Fluß, unterhalb des Abhangs, hundert Meter von uns entfernt, hatte rein zufällig mein älterer Cousin, mit dem ich von klein an aufgewachsen bin und den ich sehr mochte, sich ein Häuschen gebaut. Inzwischen war er Dozent der medizinischen Fakultät mit hervorragenden Arbeiten aus der Gastroenterologie. Er stand, ebenfalls Kommunist, jahrelang an der Spitze der Reformbemühungen in der Fakultät wie auch im Universitätskrankenhaus und war nach dem Einmarsch der Armeen logischerweise einer der ersten Kaltgestellten. An diesem Nachmittag teilte uns seine Frau und Mitarbeiterin mit, sie brächen die Beziehungen zu uns «vorläufig» ab. Daß sie sich zugunsten zukünftiger Patienten ihrer Urbindungen entledigten, konnte der Verstand verarbeiten, nicht jedoch das Herz. Es hat wehgetan und war nicht hinunterzuspülen.

Am Montag mittag, als man Vaculík nach einem weiteren Verhör mit dem Versprechen entlassen hatte, ihn bald wieder zu holen, hat er mich besucht. Auf vielen Zettelchen, die wir sofort in dem kleinen Hradschiner Kamin verbrannten – im Polizeireich sind Kamine nicht Luxus, sondern Dinge des täglichen Gebrauchs, mehr noch als Toiletten, weil sie nicht verstopfen –, hatten wir uns aufgeschrieben, wo wir den so sehr gesuchten Brief endgültig verstecken würden, den jetzt Martina, meine treue Freundin, provisorisch und ohne Kenntnis des Inhalts – das hat sie sich immer vorbehalten – verwahrte. Er hatte nicht nur den Wert der Wahrheit, sondern vielleicht sogar den eines Lebens: Er dokumentierte, daß Ota Filip niemals an Selbstmord gedacht hatte.

In unseren papierenen Dialog hinein läutete das Telephon. Jemand rief an, etwas brenne, dann war die Verbindung unterbrochen. Wegen meines flammigen Einakters hielt ich das für irgendeines Freundes dummen Witz. Erneutes Klingeln. Ich erkannte die Stimme unserer Nachbarin aus Sázava: Unser Haus brannte.

Als ich mit Zet am Garten vorfuhr, in dem es von Feuerwehrleuten und Polizisten nur so wimmelte, war schon alles vorbei. Das Sommerheim hatte uns die alte Mutter der Nachbarin gerettet, die aus Gewohnheit überprüfte, ob wir ordentlich abgeschlossen hatten. Sie verbrannte sich die Hand an der Klinke, die Tür war schon durchgeglüht. Das Feuer, das den Teppich im Korridor und im Treppenhaus bereits zerstört hatte, hatte sich noch nicht durch die Schwellen der Zimmer, der Küche und der Halle durchgefressen. Die Nachbarin selbst konnte es noch vor dem Eintreffen der Feuerwehr mit einer nassen Decke ersticken und so das Haus auch vor Wasser retten.

Anwesend waren eigenartigerweise nicht nur Kriminalbeamte aus der Kreisstadt, sondern auch die Prager. Sie präsentierten uns ihre Hypothese, das Feuer sei durch veraltete Elektroinstallationen entstanden, gingen aber schnell darüber hinweg, als der Techniker unseren Einwand bestätigte: Bei der kürzlich erfolgten Renovierung waren die ursprünglichen Leitungen durch brandneue, in den Mauern verlegte ersetzt worden. Prompt wechselten sie zur Theorie des Landstreichers über: Er sei durch das Fenster in die Speisekammer eingedrungen, wo er eine Flasche Wein umgestoßen habe; da er durch die starke Tür nicht weiter gekommen sei, habe er von außen das Fenster zum Korridor geöffnet und anscheinend aus Rache unbekanntes Zündmaterial hineingeworfen.

Auf unsere laienhafte Frage, warum denn keine Abdrücke genommen oder Hunde eingesetzt wurden, antworteten sie, die Retter hätten alle Spuren zerstört. Ohne Kommentar ließen sie meinen Hinweis auf eine wirklich rätselhafte Erscheinung: Die Scherben eines großen, frisch verglasten Theaterplakats aus Luzern, wo unlängst So eine Liebe bei den Musikfestwochen aufgeführt worden war, lagen nicht dort, wohin sie infolge des Brandes hätten hinfallen müssen, sondern mehr als einen Meter weiter entfernt an einer anderen Wand, an der vorher nichts gehangen hatte.

Von diesem Augenblick an haben die Spezialisten uns nicht mehr gehört und gebraucht. Die «Schwarze Chronik» der Tageszeitung Práce brachte am nächsten Tag folgende Nachricht: «Wegen einer Flasche Wein brach ein unbekannter Dieb in ein Haus an der Sázava ein. Um seine Spuren zu verwischen, legte er an der Haustür einen Brand.» Die Polizei bestritt, der Redaktion eine solche Nachricht gegeben zu haben. Die Redaktion bestätigte mir einfältig, sie von der Polizei erhalten zu haben.

Auf meine sofortige Beschwerde, unser begründeter Verdacht eines völlig anderen Motivs und Verlaufs der Tat sei überhaupt nicht in Betracht gezogen worden, antwortete am 21. November der Leiter der Inspektion des Innenministeriums der Čssr, Unterschrift wie immer unleserlich:

«Im Vorgehen der Polizeibehörde kann ich keine Mängel erkennen. Im Gegenteil hat Ihre mangelnde Bereitschaft, die notwendigen grundlegenden Informationen zu gewähren, die definitive Klärung des Falls behindert.»

Ich schrieb dem Innenminister einen sechsseitigen Brief mit einer ganzen Reihe von Informationen über die ungesetzlichen Handlungen seiner Geheimpolizei. Ich schrieb ihn im Bewußtsein, für jede Ungenauigkeit nach etwa sechs Paragraphen verklagt werden zu können. Ich wies ihn auch auf die verdächtigen Zusammenhänge zwischen dem Versuch, Vaculík und mich für das Schicksal Ota Filips verantwortlich zu machen, dem hysterischen Suchen des Briefs und dem Brand hin. Albern, sicher, aber bei wem soll man sich wirksam über die Mafia beschweren, wenn nicht beim Paten? Nur meine eigene Hypothese habe ich nicht angeführt, sie war mit Sicherheit strafbar: Ihr zufolge wurde unser allsonntägliches Verlassen des Hauses zu einer heimlichen nächtlichen Durchsuchung genutzt. Das verglaste Plakat wurde abgenommen, weil es an einer Stelle hing, wo man eine Nische und auch ein Versteck vermuten konnte. Dabei wurde es aus Versehen unreparierbar zerschlagen. Damit der illegale Besuch nicht aufflog, vertuschten sie ihn, wie es ihnen ihre kriminelle Phantasie eingab.

Eine Antwort des Ministers ist nie eingetroffen. Die Bezirksabteilung der Polizei in Sázava unterbrach schon am 9. Dezember die Strafverfolgung, weil es «nicht gelungen war, Tatsachen festzustellen, die ein Strafverfahren gegen eine bestimmte Person begründen würden». Eine überraschende Ergänzung sollte das Leben dieser feurigen Geschichte erst im Sommer 1978 hinzufügen.

Unerwartet schnell hat die üblicherweise so pingelige Staatliche Versicherung reagiert. Sie zahlte ohne Nachforschungen den vollen Schadensersatz, auch für so fragwürdige Positionen wie «orientalischer Gebetsteppich», den mein Vater aus dem Ersten Weltkrieg mitbrachte und dem ich den Wert des Unersetzlichen beimaß.

Der wohl schönste Kommentar zu dem Brand war Vaculíks Eintragung in das Gästebuch anläßlich der Wiedereröffnung nach erfolgter Reparatur: «Ich war dabei, als P. K. erfuhr, daß sein Haus brennt. Er hat sich wie ein Mann benommen, der genügend Häuser besitzt.»

12

Böhmen, noch Herbst 1973

Am Dienstag, dem 30. Oktober, war ich mit Valtrr allein zu Hause. Zet beaufsichtigte in Sázava die Schadensbehebungen. Du warst mit ihr, gerade wundersam von einer geheimnisvollen Krankheit geheilt, mein endlos erfinderischer Dackel.

Vor vierzehn Tagen, als Zet Geburtstag feierte, war dir beim mitternächtlichen Weggang der zarte Philosoph Kosík auf die Pfote getreten. Du heultest auf und eiltest humpelnd zu Zet, die dich natürlich auf den Schoß nahm, um dein Leiden zu mildern. Am Morgen krochst du auf drei Füßen aus dem Korb. Was blieb Zet übrig, als dich wieder zu liebkosen? Nach einer Woche glaubten wir die traurige Gewißheit zu haben, du seist zum Krüppel geworden. Der schuldige Philosoph behauptete zwar, er habe dich in unserem Hradschin-Park fröhlich springen sehen, doch wer glaubt schon einem, der auf Dackeln herumtritt? Wir fuhren zum Tierarzt. Ein Wartezimmer, in dem auf den Schößen ihrer Herrchen und Frauchen Katzen, Hunde und Vögel zittern, ist ein doppelt trauriger Ort. Betrachten und befühlen brachte nichts. Der Arzt ließ sich schließlich den Vorfall genau schildern.

«Ach so», sagte er dann, «das hätte ich mir denken können. Wenn Sie einmal anfangen, einen Dackel zu bedauern, wird er sein ganzes Leben hinken. Achten Sie nicht darauf, und er wird sofort gesund, sobald es ihm nichts bringt!» Und so geschah’s.

Unser geflügelter Intelligenzler sprang im Käfig umher, wiederholte fleißig die Vokabel und kam sich hörbar herrlich vor.

«Valtrrr, Valtrrrchen, Valtrrrlein! Das ist prrrima! Prrrrima!»

Trotz eines Verbots fuhr ich mit dem Schreiben der zweiten Version des Filmdrehbuchs Grausame Kaninchen fort. Thema war der heimliche Versuch zweier befreundeter Mediziner, mit Hilfe in das Gehirn implantierter Elektroden Schmerzen zu stillen; unvorhergesehenermaßen gelingt es ihnen, tödliche Aggressionen zu wecken, was statt Strafe das Interesse der Militärs zur Folge hat. Die erste Fassung hatte Zet noch während der Studienzeit geschrieben, dann setzte sie die Arbeit nicht fort, nachdem man sie zur Strafe dafür, daß sie so illoyal geheiratet hatte, aus den Reihen der genehmigten Autoren verbannte. Es wurde zur Familientradition, daß der eine die Stoffe beendete, wenn dem anderen die Lust oder Phantasie ausging. Auch eine einheitliche Abgeltungsgebühr lebte sich ein: eine Flasche Sekt, später Champagner.

Das einzig wirklich wirksame Schreibverbot haben nicht die Behörden ausgesprochen, sondern ein Chirurg: Ich hatte mir noch vor dem Brand in Sázava beim Ausheben eines Drängrabens zur neuen Mistgrube eine akute Sehnenentzündung zugezogen. Die Photographiererei im Fluß gab mir den Rest. Der Chirurg kannte mich und gipste mir deshalb den rechten Arm bis zum Ellbogen ein. Dabei bewegte ich jedoch heimlich die Finger, um den Rand des Panzers bis zum Mittelgelenk zu verrücken. So konnte ich weiter die Schreibmaschine bedienen.

Die stark vergeßliche Zet kehrte jedesmal mindestens einmal zurück, wenn sie das Haus verlassen hatte, deshalb konnte nur sie es sein, als es wieder klingelte. Im Schloß steckte der Schlüssel, damit ich vor ihr in einem solchen Fall die medizinisch unzulässige Schreibmaschine schnell verstecken konnte. Ich tat es.

«Was ist es denn heute?» wollte ich schon durch die Tür wissen, «Geld, Papiere, Leine oder Schlüssel?»

Draußen standen zwei Männer, über deren Beruf kein Zweifel bestehen konnte. Sie hatten eine Art besonderen Firmenzeichens, ich weiß bis heute nicht, ob dies eine angeborene oder aber professionelle Deformation war. Sie mochten sich verkleiden wie sie wollten, es verband sie alle eine fischartige Kälte und Glätte. Die Grundsätze, denen sie als Söldner dienten, waren zu veränderlich, als daß sie Charakter hätten entstehen lassen können.

Also zum ersten Mal wirklich sie! Als bisher unbescholtener und wohlerzogener Bürger entsprach ich ihrer im ganzen höflichen Einladung, ihnen zu einem kleinen Gespräch auf die Dienststelle zu folgen. Die entsprechenden Paragraphen kannte ich und wußte sehr wohl, daß sie mir eine Vorladung hätten zeigen müssen, doch ich wollte die lang erwartete erste Begegnung auf ihrem Spielplatz endlich hinter mir haben.

Sie stellten sich mir als Martinovský und Sluníčko – also «Sönnchen» – vor. Von dem ersten hatte mir schon Vaculík erzählt, er war per Zufall auf seinen echten Namen Matura gestoßen. Ich brachte die beiden jedenfalls dazu, mir ihre roten Dienstausweise zu zeigen. In ihnen standen nur Zahlen, die sie damals noch als genügende Tarnung betrachteten, bis sie feststellten, daß manche Delinquenten imstande waren, sie für die Zukunft zu memorieren.

Hinter der «Goldenen Birne» bog der Wagen nicht nach links, sondern nach rechts ab. Diese Bewegung des Lenkrads bedeutete für mich die angenehme Abkehr vom Untersuchungsgefängnis Ruzyně zu den bloßen Ermittlungsräumen in der Bartolomějská-Straße. Auf dem Wege verharrten sie in ihrem magischen Schweigen und boten mir so die schon einmal getestete Möglichkeit an, mich innerlich zu sammeln. Wie vor einer Probe wiederholte ich mir die Grundsätze meiner erdachten Strategie. Nach kurzer Zeit konnte ich sie in dem berühmten Kachelgebäude ausprobieren.

«Das haben Sie vom Schreiben?» gaben sie sich menschlich, meinen Gips betrachtend.

«Nein, ich habe gegraben.»

«Sie arbeiten auch mal?» fuhren sie auf ihre Weise fort.

Ich bat sie höflich, zur Sache zu kommen.

«Sie werden uns beichten müssen, wo, wann und wem sie das Interview gegeben haben, das am 25. September vom Österreichischen Fernsehen ausgestrahlt worden ist.»

Mein Gesprächspartner, der Redakteur Werner Stanzl, hatte die Sendung persönlich moderiert; in der Kulisse eines sommerlichen Gartens erschien Zet, fast ein Indiz dafür, daß wohl in Sázava gefilmt worden war. Den Inhalt kannten sie auch: meine Ablehnung des filipschen Märchens, der deutsche Journalist Riese sei unser böser Ohrenbläser gewesen; meine Verteidigung unserer Petition; mein Protest gegen die fortschreitende Restriktion meiner Bürgerrechte. Nichts davon konnte also Gegenstand eines dringenden Interesses sein, das meine erste Festnahme erklärte. Was dann? Vielleicht nur die amtliche Überprüfung meiner Nerven und Reaktionen? Meiner Belastbarkeit?

«Ich möchte eine Grundsatzerklärung abgeben», sagte ich, erfolgreich bestrebt, daß meine Hände nicht zitterten, was mir der Gips an der Rechten leichter machte, «ein für alle Mal. Wenn ich Ihr Recht anerkenne, mir derartige und ähnliche Fragen zu stellen, gleicht es einem Geständnis, daß ich mich strafbarer Handlungen schuldig fühle. Deshalb werde ich weder jetzt noch später auf solche Fragen antworten.»

Nur selten erlebte ich, daß eine so kurze Erklärung ein so langes Echo haben kann. Sie überboten sich in Drohungen, welche Folgen ein Beharren auf dieser Erklärung für mich haben würde. Dann kam der Augenblick, den der Dramatiker in mir als entscheidend begriff.

«Solange Sie nicht antworten», verkündete mir Matura fast feierlich, «müssen Sie hierbleiben!»

«Ach», sagte ich gähnend, «damit habe ich natürlich gerechnet.»

Daß Gähnen bei mir nicht Ausdruck von Langeweile, sondern von äußerster Erregung ist, die mir wie Glut den Sauerstoff verbrennt, wußten bisweilen nur diejenigen, die mir ganz nahe standen. Der Gegner war davon immer sehr irritiert.

«Wir haben viel Zeit, mehr als Sie!» prophezeite das Sönnchen.

«Für Sie, meine Herren», sagte ich höflich, «bin ich dann wohl gezwungen, sie mir zu nehmen.»

«Vorsicht! Wir sind hier nicht im Theater!»

«Das beruhigt mich. Dort brauche ich manch anderes, hier nur Geduld, und von der hab’ ich so viel, daß ich noch etwas abgeben kann. Ich muß Sie nur darauf aufmerksam machen, daß Mittag ist. Wenn Sie mich hierbehalten wollen, besorgen Sie mir doch bitte sofort das Antibiotikum, das ich gerade einnehme, Sie haben mir ein kurzes Gespräch versprochen.»

«Übertreiben Sie es nicht, Herr Havel!» warnte mich Matura.

«Ich heiße Pavel. Mit Vornamen.»

«Na und ...?»

«Sie haben mich Havel genannt.»

«Sie sind», sagte er aufrichtig empört, «einer wie der andere!»

Irgend jemand steckte den Kopf zur Tür herein, als wolle er auf dem Pawlatschenhof den neuesten Prager Klatsch mitteilen: Der Palast Lucerna auf dem Wenzelsplatz habe gebrannt. Seltsam, ihn hatte ausgerechnet Havels Großvater vor dem Krieg gebaut. Meine Vernehmer schien das zu interessieren wie ein unerwartetes Sportergebnis.

«Was sagen Sie dazu?» fragte mich Herr Sluníčko.

«Ich bin froh, daß ich hier bin.»

«Wieso ...?» wollten sie beide wissen.

«Weil ich ein Alibi habe.»

Um halb eins schrieben sie verdrossen in ihr Protokoll, daß ich es ablehne, auf irgendeine ihrer Fragen zu antworten, und daß ich mit allen entsprechenden Konsequenzen rechnen müsse. Sie gaben es mir zur Unterschrift. Die erfolgreiche Verteidigung beflügelte mich.

«Sie müssen mir noch eine zweite Grundsatzerklärung erlauben. Um meinem Widerstand, mich von Ihrem Amt kriminalisieren zu lassen, sichtbaren Ausdruck zu verleihen, werde ich hier niemals ein Protokoll unterschreiben.»

Sie wüteten eine weitere Stunde, suchten nach einem Paragraphen, doch eine solche Selbstverständlichkeit hatte der Gesetzgeber nirgendwo erwähnt. Sie entdeckten dabei erst jetzt, worauf mich die theoretische Vorarbeit gebracht hatte. Ich dachte an den Bruder von Josefa Slánská, der das ganze Martyrium der fünfziger Jahre ohne eine einzige Unterschrift absolviert hatte. Es hat ihm höchstwahrscheinlich das Leben gerettet, sie hängten lieber jene auf, die geständig waren. Er unterschrieb viele Jahre später, nach seiner Rehabilitierung, nicht einmal den Empfang von Zivilkleidung. Drei Tage versuchten sie ihn zu überreden. Dann warfen sie ihn einfach samt der Kleider hinaus in die Freiheit.

So jetzt auch mich, in dem Glauben gefestigt, daß man sie nicht fürchten muß, solange man bereit ist, gegebenenfalls einige Zeit bei ihnen auf Besuch zu bleiben, falls man ihre unwiderstehliche Einladung nicht mehr abschlagen kann.

13

Böhmen, Winter 1973

Am Sonntag, dem 3. Dezember, las ich bei Ivan Klíma den Brand im Souterrain vor, den ich dank seiner Herausforderung endlich zu Ende geschrieben hatte. Am nächsten Mittag rief mich der Prager Korrespondent des Ersten Deutschen Fernsehens, Rosenbauer, an. Er schnitt gerade eine Fernsehdokumentation über den Altstädter Ring, mit der er am nächsten Morgen nach Deutschland fliegen mußte, zum Vertonen und Mischen. Er bat mich um einen Kommentar. Ich bat ihn, mir den Film in der Redaktion auf dem Schneidetisch vorzuführen. Er versprach, mich am Abend zu Hause abzuholen. Ich versprach, den Text über Nacht zu schreiben.

«Schönerrr Valterrrr!» lobte sich im Zimmer der Wellensittich, wie ihm das dreimal in der Woche seine älteste Bewunderin, Frau Máří, beim Saubermachen fasziniert wiederholte. Ich lag neben dem Käfig auf unserem einhundertfünf Zentimeter breiten grand-lit, dem letzten Gruß aus den Zeiten, in denen ich mein Solo-Leben verteidigte, und suchte auf der wie in allen meinen bisherigen Wohnungen blauen Decke den Grundriß einer Bühnenadaption von Kafkas Amerika, die ich damals gerade gemeinsam mit Klíma machen wollte.

Zets schmalgliedrige Finger kneteten nebenan in der Küche barbarisch Hackfleisch mit Brötchen, in Milch getunkt, du saßst bei ihr, mein verfressener Dackel, und schautest aus wie das ärmste Gottesgeschöpf, das bald vor Hunger krepieren wird. Als es läutete, eine Stunde eher als es sollte, fingst du wütend an, an meiner Statt zu bellen. Königin der Laster ist für mich seit jeher die Unpünktlichkeit. Verdrossen ging ich dem unerzogenen Fernsehmacher öffnen.

In der Tür stand ein Mann, der wie die Sonne in Kinderbüchern lächelte. Es war Herr Sluníčko, der mich schon im Oktober abgeführt hatte, diesmal begleitet von einem schmalen Jüngling mit postpubertärem Pickelgesicht. Eine neue Schicht Geheimer, die man soeben anlernte, versprach den weiteren Verfall der Zunft: Ihre Unbegabtheit für alles, was mit geistiger Anstrengung verbunden war, glichen die Lehrlinge durch Arroganz aus. Dieser gab sich grimmig, auch als mich sein Postenführer fast heiter bat, ihnen trotz fortgeschrittener Zeit in einer unaufschiebbaren Angelegenheit zu folgen. Zum Abendessen würde ich mich garantiert nicht allzusehr verspäten.

Natürlich waren sie wegen meines Telephongesprächs mit Rosenbauer hier, das sie offenbar gleich zweimal auf den Tisch bekommen haben müssen, von seinen wie auch von meinen Abhörern. Wer weiß, was sie hinter den Worten Altstädter Ring witterten. Ich wollte jedoch vermeiden, daß ein westlicher Journalist in diesen Auftritt geriet. Noch immer bemühte ich mich, die Konflikte zu löschen, die sie anzündeten. Wie die anderen verfemten Autoren bot ich den verständigeren Kräften am Steuer des Staates, falls es sie gab, immer wieder die Gelegenheit an, dieses Abgleiten in die Vergangenheit aufzuhalten. Auch diesmal ging ich artig mit, ohne eine Einladung vom Amt gesehen zu haben.

Bei dem schweigsamen Ritual im Auto dopte ich mich psychisch zum dritten Mal. Zu der Gewißheit, daß meine Taktik richtig, wirksam und beherrschbar war, trat jetzt Neugierde hinzu, die professionelle Neugier eines Schriftstellers auf eine Situation, die er sich freiwillig nie wählen würde; wenn er aber schon wie durch Jauche hindurchwaten mußte, dann wollte er von diesem Muß ohne Genuß wenigstens Nutzen haben. Seit dieser Nacht ermöglichte mir diese meine Einstellung, auch in so dramatischen Szenen, wie es im Januar 1977 die Entführung von Zet und ein Jahr später dein Sommer, der Sommer des Hundes, sein werden, aus der erniedrigenden Rolle des Machtlosen in die des Beobachters überzuwechseln. Ich war allen Dienern der ausgerenkten Macht gerade in der Gewißheit überlegen, daß ich einmal über sie zu schreiben wissen würde wie über exotisches Getier, das ich aus der Nähe hatte studieren dürfen.

Schon zum zweiten Mal schluckten mich die langen Gänge des Kachelgebäudes in der Bartolomějská-Straße, doch es geschah das erstemal nachts, und zum ersten Mal lernte ich auch die Korridore kennen, die sie sich wie Termiten in die Nebengebäude fraßen. Sie schwiegen noch, als wir in den Raum traten, in dem unter dem Porträt des Staatsoberhaupts eine schreiend froschgrüne Couch stand. In ihrer Häßlichkeit war sie geradezu vorherbestimmt, daß sich auf ihr Polizeiköpfe ausruhten und Polizeiglieder ihre Liebesspiele trieben. In fünf Jahren wird mich genau in diesem Zimmer der brüllende Herr Pokorný fragen, wie lange ich seine Hilfe nötig hätte.

Ein Stuhl wurde mir nicht angeboten; weil sie aber standen, blieb ich auch stehen. Es war für mich kein Geheimnis, daß ein Verhör meistens in zwei Räumen vor sich geht: In dem einen findet es statt, im anderen wird es mitgehört und ausgewertet. Die Häufigkeit des Wechsels der beiden oder mehrerer Vernehmungsbeamten ist für den Kenner ein Barometer, wie oft sie sich den Rat der Vorgesetzten holen müssen. Jetzt also hörten sie, oder sahen sie sogar, wie wir eingetreten waren. Nach einer Pause, die den Auftritt von Protagonisten einleitet, öffnete sich erneut die Tür. Fast wie der König der Schöpfung, sicher aber als Spitzendarsteller, trat ein Mann im Abendanzug und mit dem Gesicht eines Filmliebhabers ein. Er gab mir die Hand und stellte sich vor.

«Profek.»

Wenn das ein Deckname war, dann alle Achtung für den Mann, der «Prošek» ausgewählt hatte, obwohl er stark lispelte. Aber vielleicht fürchtete man sich, es ihm zu sagen? Ich gehöre nicht zu denen, die über Bucklige lachen, doch nach diesem halbstündigen sich Aufblasen der allmächtigen Macht von meiner Haustür bis hierher gönnte ich ihm diese abgesunkene Schwankpointe. Er trug die Formel von der Zeugenvernehmung vor, die aus seinem Mund fast komisch klang, und forderte mich auf, Informationen über Personen namens Rudi Majer, Bitr und Kristián Šmid zu geben.

Daß er, wenn auch deformiert, zweifellos nach dem Präsidenten der Stadt Luzern, Hans Rudolf Meyer, nach dem Verleger des toten Jan Procházka, Georg Bitter, und offenbar auch nach dem längst ausgewiesenen Journalisten Christian Schmidt-Häuer fragte, allesamt Personen, die diese dramatische Festnahme keineswegs verursacht haben konnten, bestätigte mir, daß die Aktion nur einen Doppelsinn haben konnte: mich am Treffen mit Rosenbauer zu hindern und meine Blockade vom letzten Verhör mit der Drohung zu durchbrechen, daß ich die Nacht, wenn nicht gleich mehrere, hier verbringen müßte.

Ich konzentrierte mich auf die Hauptaufgabe: sie davon zu überzeugen, daß ich es mit meinen Grundsätzen auch weiterhin ernst meinte. Wenn sie nicht den Befehl hatten, mich in jedem Fall einzusperren, war das eine Chance, meinen Punktevorsprung zu erhöhen. Und wenn sie ihn hatten – erst recht: es bliebe mir in der Not das gute Gefühl, daß sie meinen Körper einsperrten, nicht aber meine Seele. Also blieb ich schweigsam.

Entschließt sich jemand, weil ihm nichts anderes übrig bleibt, einen Streit mit der Übermacht aufzunehmen, muß er vorher abschätzen, wie er sich in ähnlichen Situationen verhalten wird. Wer ahnt, daß er mit den Nerven auch den Mut verliert, eine prinzipielle Haltung eines augenblicklichen Vorteils halber nicht aufzugeben, der soll gleich Zurückhaltung üben oder aber die Emigration wählen. Obwohl von Natur Epikureer, wurde ich hier zum Asketen. Weil sie sehr wohl wußten, daß ich rauche, habe ich mir bei ihnen nie eine angesteckt. Auch nach Stunden nahm ich von ihnen nichts anderes als Wasser aus der Wasserleitung, das nicht ihnen gehörte. Ich fand in mir auch den alten Knabentrotz wieder, der stundenlang mit der Angst auch den Hunger und andere Bedürfnisse abblockt.

Gegen Mitternacht verließen die beiden Kapos gemeinsam den Raum, wohl um sich zu informieren, was weiter geschehen solle. Als ich Feuchtwangers Roman Die Geschwister Oppenheim aus der Jagdtasche zog, brüllte mich der picklige Eleve plötzlich an, ich solle das Lesen lassen.

«Junger Mann», sagte ich, ohne aufzublicken zu ihm, absichtlich mein Alter übertreibend, «studieren Sie die Vorschriften und benehmen Sie sich anständig, ich bin nicht festgenommen.»

Wieder erfien der föne Profek und zog seinen Trumpf: solange ich nicht anworte, würde ich nicht nach Hause gehen. So hatten die Vorgesetzten entschieden. Die Reihe war an mir. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.

«In dem Falle teilen Sie mir gleich eine Zelle zu. Sie haben mich vor dem Abendessen geholt. Es ist Mitternacht, ich glaube, ich habe zumindest das Recht auf etwas Schlaf.»

«Fie find hier nicht im Hotel!» Er verlor die Nerven, als er sagte: «Wann Fie flafen werden, entfeide ich!»

«Aber erst, wenn Sie mich rechtmäßig verhaften», sagte ich, stand auf, ging zu der sattgrünen Couch, legte mich darauf und schloß die Augen.

Ich hörte, wie er fast irre aus dem Raum lief. Die Tür knallte zu. Der Eleve war offenbar geblieben, doch er blieb mausestill. Mein Herz hämmerte vor Aufregung, versteht sich. Ich zwang mich dazu, langsam und tief zu atmen, damit meine Schultern sich nicht bewegten. Ich versuchte daran zu denken, wie schön ich mit Klíma Kafkas rätselhaften Roman adaptieren würde. Das Bewußtsein, daß dies höchstwahrscheinlich das Schlüsselmoment meiner bisherigen Konfrontation mit der Macht war, wich dem belustigten Staunen, daß es im Genre Hašeks verlief. Mit diesen Gedanken bin ich dort tatsächlich ganz fest eingeschlafen.

Prošek weckte mich, als er die beiden Fensterflügel öffnete. In den Raum drang der Frost herein. Ich war sofort bei der Sache.

«Soll ich selbst hinausspringen, oder wollen Sie mir helfen?»

Verstört versuchte er, mir zu erklären, daß er nur lüften wolle. Meiner Erklärung, ich werde ihm kein Protokoll unterschreiben, setzte er keinen Widerstand mehr entgegen. Um halb ein Uhr nachts schubsten sie mich auf die leere, dunkle Straße. Als ich, ganz verfroren, endlich ein Taxi bekam, fuhr der Wagen hinter mir her, der mich hergebracht hatte. Bauerntölpel eben. Zu Hause stellte ich fest, daß sie mich freigelassen hatten, kurz nachdem der unermüdlich wartende Ard-Rosenbauer mit Zet eine Flasche Müller-Thurgau geleert und endlich gegangen war, um sich den fehlenden Kommentar selbst zu dichten.

Ich ging dich noch Gassi führen, mein straßenlüsterner Dackel, um das vibrierende Gehirn auf normale Touren zu bringen, bei denen ich nochmals einzuschlafen vermochte. Vor dem Toskana-Palais fingst du ganz gegen deine Gewohnheit an zu knurren und zu bellen. Hinter der Säule stand, blöde grinsend, der finnige Eleve.

«Ist das ein Niveau!» sagte ich angewidert auch in deinem Namen, und ging mit dir zu Bett.

Wir haben ihn nicht gebissen, obwohl er es verdiente. Der Advent hatte begonnen.

14

Böhmen, Winter 1973/74

Das Wasser, das uns beim Photographieren der Neujahrskarte erst bis zum Gürtel reichte, stieg nun bis zum Halse. Wieder warnte mich meine einstige Kinderliebe. Sie lud mich in der Nacht zu sich in die Wohnung; ihr Mann war wegen eines Wirtschaftsdelikts im Gefängnis. Zet durfte mit. In der Küche, die man wie das wc hierzulande zu den abhörsicheren Orten zählt, saß vor zugezogenen Rouleaus ein hoher Ministerialbeamter, zitternd vor Angst. Seine Anständigkeit jedoch war stärker: Er zog zwei geheime Verfügungen aus der Aktentasche und zeigte sie uns.

Endlich hatte ich sie in der Hand, die zwei berüchtigten Dokumente, die das Regime des Doktor Husák der Übertretung internationaler Abkommen überführten, von seinem Staat mitsigniert. Deshalb durften diese beiden Erlasse nur die Leiter von Ministerialabteilungen und Banken kennen. Bisher nannte man sie unter Eingeweihten einfach «Lex Kohout», jetzt hatten sie plötzlich Nummern: die Anordnung des Finanzministeriums Nr. 0266/72, durch die den verbotenen Schriftstellern die allgemeine Devisenbegünstigung entzogen wurde, und der strenggeheime Regierungsbeschluß 20/1973, ergänzt von einem Intimat des Kultusministers 6266/73-Sm 4, demzufolge allein diese Autoren an den Kulturfonds anstelle von zwei Prozent der Auslandshonorare, wie üblich, sage und schreibe vierzig Prozent abführen sollten. Alles in allem bedeutete das eine exklusive, deshalb gesetzwidrige Besteuerung von über neunzig Prozent – beginnend bereits mit der ersten verdienten Krone. Apartheid total.

Unsere letzte Einkommensquelle floß nun in die Kassen derer, die uns verboten hatten, und wir wußten bis jetzt nicht, wie diesem Würgegriff zu entkommen war. Abgehörte Telephone, gelesene Briefe führten überdies zur Sperrung der Einreisevisa auch für die paar Intendanten, Regisseure und Schauspieler, die bis dahin dem Netz entschlüpft waren, weil sie uns unangemeldet besuchten. Jetzt wurden sie beschattet und bei der Ausreise so schikaniert, daß den meisten für ein zweites Mal die Lust verging, uns zu besuchen.

Besonders hatte sich die Staatspolizei den Dramaturgen aus Oldenburg vorgenommen. Er war gekommen, um mir vom Erfolg des Armen Mörders zu berichten, doch vor allem, um die ehrliche Befürchtung auszusprechen, daß wir, die Dissidenten – von ihm hörte ich zum ersten Mal dieses abschätzig klingende Wort –, mit dem Bade unserer Kritik an Übergriffen und Mißständen auch das ersehnte Kind des Sozialismus ausschütten könnten. Ihre Art Sozialismus lernte er kurz darauf kennen, als er bei der Heimreise festgenommen und drei Tage lang ausgequetscht wurde, was er denn von mir gewollt hatte. Das paßte nicht zu des Mannes ungetrübten Vorstellungen, und so hat er nach dem Muster anderer gefährlicher Träumer das Unrecht vor der Welt verschwiegen.

Hin und wieder führten sich die geheimen Aufseher recht plump auf. Nach Neujahr rief mich aus dem Hotel «Europa» ein deutscher Tourist an, er warte dort mit der Übersetzung meiner beiden Einakter Brand im Souterrain und Pech unterm Dach, die schon zweimal mit der Post nicht angekommen waren und Mitte Februar in Ingolstadt uraufgeführt werden sollten. Während ich mich anzog, rief fünf Minuten später ein selbsternannter «Freund» des Touristen in tristem Deutsch an, ich solle erst eine Stunde später kommen. Offenbar waren die Abhörer außerstande, die vereinbarte Übergabe zeitgerecht zu verhindern. Ich fuhr sofort los und war rechtzeitig zur Stelle.

Anfang Februar erreichte die Konfrontation zwischen der Sowjetmacht und Alexander Solschenizyn ihren Höhepunkt. Sein Archipel Gulag hatte Alt- und Neustalinisten in Hysterie versetzt. Unser beider Schicksale hatten sich zum ersten Mal am 27. Juni 1967 berührt, als ich auf dem IV. Kongreß der tschechoslowakischen Schriftsteller öffentlich seinen leidenschaftlichen Protest gegen die Zensur verlas. Fast bukolisch erscheint jene Zeit, als ich dafür nur eine Rüge mit Verwarnung kassierte, die noch dazu ein halbes Jahr später mit Entschuldigung rückgängig gemacht wurde. Die Welt verfolgte jetzt die neueste Entwicklung des Falles wie einen sportlichen Wettkampf. Uns drohte er zum Präzedenzfall zu werden. Die tschechischen Stalinisten waren, seitdem sie die Sühne für ihre Schuld an den politischen Mordprozessen der fünfziger Jahre befürchten mußten, stalinistischer als Stalin.

Am Dienstag, dem 12. Februar, wurde Solschenizyn festgenommen. Nachmittags bei Ivan Klíma unterbrachen wir die Arbeit an Amerika, um ausländische Nachrichten zu hören. Der strenge Winter löste Gedanken an Sibirien aus, man fürchtete, er werde dorthin verbannt. Er war nur ein paar Stunden verschollen, und die ganze Welt rief sos. In zehn Jahren wird der Friedensnobelpreisträger Sacharov samt seiner Frau für lange Monate spurlos verschwinden, und Stille wird sein über allen Wassern.

Am nächsten Morgen donnerten die westlichen Sender, der Schriftsteller sei gegen seinen Willen per Luft in die Bundesrepublik geschickt worden. Als es hieß, man habe ihm beim Überfliegen der sowjetischen Grenze die Fesseln abgenommen, dachte ich mir, das sei höchstwahrscheinlich erst über dem tschechischen Cheb, früher auch Eger, geschehen. Das Imperium langte jetzt sichtbar dorthin, wo es schon 1945 unauffällig angelangt war. Die Nachricht, die die naiven oder bezahlten Getriebehebel der Sowjetpropaganda im Westen als eine humane Tat non plus ultra präsentierten, erinnerte bitter an die sowjetische Schulanekdote, warum Genosse Lenin als Humanist anzusehen sei:

Am Ufer der Wolga schreitend, vertieft in revolutionäre Gedanken, reagiert er auf den ehrerbietigen Gruß eines jungen Fischers, indem er ohne aufzublicken und ohne ein Wort weitergeht. Worin zeigte sich Lenins Humanismus, fragt die Lehrerin und antwortet stolz: Er hätte ihn auch erschießen lassen können.

Wenn ich selbst heute manche Ansichten Solschenizyns nicht teile, den ich damals als Bürger bewunderte und den ich als Schriftsteller immer hochschätzen werde, so bin ich doch nicht bereit, diese brutale, auf den Kopf gestellte Piraterie zu vergessen, mit der man einen fünfzigjährigen Russen, der Europa nur einmal und nur für kurze Zeit als Soldat betreten hatte, wie einen Postsack in eine völlig unbekannte Welt expedierte. Die teuflische Idee ging auf. Es ist in manchen westlichen Kreisen längst zur Gewohnheit geworden, die Sympathie den Spediteuren zu zollen.

Am Donnerstag darauf öffnete ich wieder einmal vertrauensselig zwei Männern, die mich aufforderten, ihnen für nur kurze Zeit zu folgen. Wieder hatten sie keine Vorladung und weigerten sich sogar, ihre Ausweise zu zeigen. Es hatte sich wohl in ihrer Firma herumgesprochen, daß auch ich ein Zahlengedächtnis habe, das zu einer später unerwünschten Identifizierung beitragen könnte. Es war dies einer jener Augenblicke meines Lebens, in denen mich mein Instinkt so schnell, klar und deutlich über meine Lage aufklärt, daß ich mich ihm blind anvertrauen kann.

«Ist es kalt draußen?» fragte ich.

«Ja», sagten sie, offenbar erfreut, daß alles so glattging, «nehmen Sie lieber einen Wintermantel.»

Ich nickte, und ehe sie sich versahen, schlug ich ihnen die Tür vor der Nase zu. Weil es so glattging, hatten sie nicht den Fuß drin.

«Also richten Sie Ihren Vorgesetzten aus», rief ich durch die schwere Sperre, «daß ich lieber zu Hause abwarte, bis es wieder wärmer wird. Oder bis sie mir jemanden schicken, der endlich einmal mit einer gesetzlich vorgeschriebenen Vorladung anrückt.»

Nach dem schönen Prošek zwei andere, die die Nerven verloren. Sie fingen an, Sturm zu läuten und gegen die Tür zu schlagen und zu treten; sie hörten erst auf, als sich ein Stockwerk tiefer die Türen öffneten. Zum ersten Mal schienen sie entdeckt zu haben, daß in diesem tschechischen Haus neben neun eingeborenen Familien die Schweizer Botschaft residierte. Die erfolglosen Jäger rannten an den verblüfften Diplomaten vorbei wie aufgescheuchte Wilderer. Aus dem Fenster sah ich sie verwirrt in die nahe Telephonzelle eilen. Wann immer sie in Schwierigkeiten steckten, ging gar kein Schrecken von ihnen aus; sie wirkten fast wie Menschen.

Ich rief augenblicklich die Inspektion des Innenministers an und bat um Entsendung eines Kontrollorgans, das meine Beschwerden über das wiederholt ungesetzliche Verhalten der Operative entgegennähme. Es gelang mir noch, rasch meine Verleger in Luzern und Kassel zu informieren; als ich dann anfing, die Prager Freunde anzurufen, wurde zum erstenmal mein Telephon abgeschaltet.

Es kam Verstärkung, irgend so ein halbgarer Gary Cooper – wo nehmen sie nur die Typen her? Er beschränkte sich auf ausgiebiges Engelläuten, dann landete auch er für Minuten in der öffentlichen Telephonzelle. Kurz darauf traf ein schwarzer Tatra 603 ein, doch ein Inspektor war das nicht. Die Staatskarosse Abj 0134 übernahm die Funktion eines Wohnwagens, in dem sich, Tag und Nacht, alle sechs Stunden je drei Wächter ablösten. Zu uns kam keiner mehr herauf. Offensichtlich eine Belagerung, damit der Vogel nicht entfliehen konnte, bevor entschieden war, was weiter mit ihm geschehen sollte.

Unser Vögelchen lernte inzwischen, sich auf meinen Kopf zu setzen. Ich ertrage es nicht, wenn mir irgend jemand auch nur zärtlich die Haare berührt, also mußte ich ihn immer wieder verscheuchen. Während Solschenizyn unter Heinrich Bölls Fittichen Pressekonferenzen veranstaltete und sein weiteres Leben plante, dramatisierte ich weiter meine Hälfte von Amerika. Dich, mein naturversessener Dackel, führte zur Sicherheit Frau Máří aus, unser guter Geist, die jetzt jeden Morgen heldenmütig mit frischen Hörnchen kam wie Cyranos Roxane zu den bei Arras eingeschlossenen Kadetten. Ich wollte nicht riskieren, daß man mir Zet als Geisel entführte. An deine Fangzähne wagten sie sich nicht heran.

Am Freitagabend feierten wir mit den treuesten Freunden, die sich nicht scheuten, uns zu besuchen, die Uraufführung meiner Einakter in Deutschland. Dabei hörten wir aus dem Radio diverse Kommentare, die darüber spekulierten, wann ich wohl Solschenizyn folgen würde.

Am nächsten Dienstag klingelte bei uns ein seriös aussehender Mann meines Alters, der schon ins Guckloch hinein artig einen Ausweis der Inspektion des Innenministers zeigte. Dem öffnete ich. Er fragte, ob wir drinnen bei uns reden könnten, draußen sei es so kalt. Ich bat ihn einzutreten. Als wir an den Fenstern zum Hof vorbeikamen, segelte in leichtem Schnee gerade der Wachwagen auf und davon. Zart schellte das soeben angeschlossene Telephon.

15

Böhmen, Frühling 1974

Viel später haben mir einst befreundete Informanten, noch immer im Innern des Parteiapparats vergraben, wo sie wie nützliche Mikroben überlebten, bestätigt, daß mir die rechtzeitig zugeschlagene Tür mit größter Wahrscheinlichkeit den Aufenthalt im geliebten Böhmen verlängert hat.

Die Falken im Politbüro hatten anscheinend in der Tat vorgeschlagen, das Beispiel Solschenizyn für eine ähnliche Maßnahme auszunutzen, die auch bei uns den ersehnten Präzedenzfall schaffen würde. Richtig war ihre Kalkulation zweifellos darin, daß die Welt dies nach dem großen Pressemahl bei des Nobelpreisträgers Ausbürgerung als kleines Dessert geschluckt hätte.

Laut übermittelter Nachrichten scheiterte der Vorschlag an zwei Argumenten, die die Rausschmeißer nicht vom Tisch wischen konnten: Im Unterschied zur Sowjetunion, die an die Tradition der Alleinherrschaft anknüpfte, kannte die Čssr im Register ihrer gesetzlichen Strafen keine Verbannung, und die heimische Wiederholung des sowjetischen Einfalls innerhalb weniger Stunden drohte zusätzlich die so sehr proklamierte Selbständigkeit der tschechoslowakischen Führung unglaubwürdig zu machen.

Wie dem auch gewesen sein mag: Mit dem Besuch des Inspektors – der mit unverwechselbar russischem Akzent sprach, so daß ich auf einen der vielen Tschechen aus Sowjetisch-Wolhynien tippte, die Ende des Zweiten Weltkriegs als Soldaten General Svobodas in die alte Heimat zurückkehrten, um ohne Aufsehen die beginnende Russifizierung einzuleiten – endete zwar die Blockade unserer Wohnung, doch mehr geschah nicht. Die Beschwerden, die ich ihm in einer knappen Stunde übersichtlich gegliedert vortrug, hat er sich ordentlich in ein Notizheft aufgezeichnet und ging, um nie mehr wiederzukehren oder sich noch einmal zu melden.

Statt dessen erfuhren Zet und ich, jeder aus seinem Freundeskreis, von einer neuen Aktion, deren Gefährlichkeit ihrer Unsichtbarkeit entsprach. Offenbar war eine ganze Arbeitsgruppe der Staatspolizei darauf angesetzt, das gesamte Vorfeld unseres Lebens zu durchgraben und zu durchwühlen.

Diesmal beschäftigten sie sich nicht mit Familienangehörigen oder jenen Kollegen, die ohnehin mein Schicksal teilten. Sinn des breit angelegten, ebenso gründlichen wie aufwendigen Unternehmes war es, uns beide mit einem Schnitt von allen zu trennen, die uns immerzu das unerwünschte Gefühl gaben, zur nationalen Gemeinschaft zu gehören.

Zet und ich wurden als zyklothyme Typen geboren, von extrovertiertem Charakter, grundsätzlich dem Leben zugeneigt. Menschen betrachteten wir als Wesen, die zu uns die gleiche unvoreingenommene Beziehung hatten wie wir zu ihnen. Unser Mißtrauen in konkreten Fällen entstand erst, als es sich nicht mehr vermeiden ließ.

Das war wohl der Grund, weshalb wir immer mehr Bekannte hatten als üblich und vielleicht auch gesund war. Was mich betrifft, so habe ich damit wahrscheinlich unbewußt das Manko des Einzelkindes auszugleichen versucht, dessen Einsamkeit durch fast alle bekannten Kinderkrankheiten verlängert und vertieft worden war. Gewiß, es gab Unterschiede in der Intensität der Beziehungen und vor allem in dem Maß untereinander ausgetauschter Informationen, mit denen wir jetzt aus guten Gründen nicht allzu verschwenderisch umgingen. Aber jeder, der es wollte, konnte unsere aufrichtige Sympathie erleben.

Die schweren Zeiten haben dies aufgewertet. Gute Beziehungen zu einem weiten Kreis von Menschen, gepflegt noch in den Jahren, als wir allgemein geachtet waren, wurden nun, «nach der Saison», lebenspendend. Von geheimen Tips aus den normalisierten Institutionen über die blitzschnell reparierte Wasserpumpe bis zu heimlich gelieferter Mangelware halfen uns unsere Bekannten vor allem psychisch.

Das ging bis zum Grotesken. Wir waren amtlich geächtete Volksfeinde, lebten aufgrund der finanziellen Blockade häufig von der Hand in den Mund, doch mußten wir manchmal zum gewöhnlichen Braten sündhaft teure und nur schwer erhältliche Beefsteaks verwenden, weil man uns aus Achtung nur das Allerbeste unter der Theke verkaufen wollte. Ich war verzweifelt, als ich bei der Renovierung des Hauses in Sázava eine doppelt so gute und natürlich doppelt so teure Küche geliefert bekam. Dann staunte ich wieder, als sie uns bei der Abrechnung als «beschädigt» zum Preis der ursprünglich bestellten berechnet wurde.

Am meisten jedoch stärkte es uns, daß uns von den «normalen» Menschen, etwa meinen ehemaligen Theaterkollegen oder aber von Zets Mitschülern, die weiter ihren Beruf ausüben durften, nur ein paar öffentlich abgeschrieben hatten. Zu ihnen gehörten seltsamerweise ausgerechnet einige, denen ich in meinen frühen Stücken Hauptrollen auf den Leib geschrieben habe.

Unsere Biographien waren dabei im Grunde identisch. Wie Blinde, die sehend geworden sind, versuchten wir Ende der Fünfziger gemeinsam mit Hunderttausenden, eine Reform des in der Čssr praktizierten Sozialismus einzuleiten, damit sich in ihm leben ließe, zumal wir darüber hinaus erkannt hatten, daß die Kremlherren in ihrer Hemisphäre niemals etwas anderes zulassen würden. Mitte der Sechziger entstand ein Klima, das beinahe mit den Verhältnissen im Westen vergleichbar war: Die Abstriche an persönlicher Freiheit wurden durch die schöpferischen Möglichkeiten ausgeglichen, aus denen die tschechischen und slowakischen Kulturwunder jener Jahre entstanden.

Öffentliche Kritik ertrug man, und deswegen kam sie in Mode. Die Repressionen waren minimal, die Intellektuellen hielt man immer noch für die enfants terribles der sich erneuernden Partei. Der August 68 änderte alles von Grund auf. Die freie Meinung forderte den Preis der Existenz. Welch ein Wunder, daß Alter und Ermüdung menschlichen Materials ihre Wirkung zeigten. Wir wußten zwischen denen zu unterscheiden, die den Mut hatten, das zuzugeben, und denen, die sich für ihr Versagen eine Philosophie suchten. Einer nach dem anderen erklärten sie, verführt und betrogen worden zu sein, von wem wohl? Aber natürlich, von uns! Ein paar Jahre später werde ich mich ihrer oft erinnern, wenn ich mit den enthusiastischen Linken des Westens zusammentreffe, unseren natürlichen Verbündeten, die sich jedoch nur allzugern von uns lossagen, weil sie unsere Erfahrungen für Verleumdung halten. Ich werde mir vorzustellen versuchen, wie es mit jedem von ihnen in jener Mühle zugehen würde, welche die Hirne und Herzen einer jeden Revolution immer als erste zu zermahlen pflegt.

Gerade diese Enttäuschungen machten jene wieder wett, die sich für eine Konfrontation mit dem Regime nicht stark genug fühlten, aber nicht bereit waren, sich ihm zu verkaufen. Nach jedem Eimer Dreck, den Presse und Fernsehen auf uns schleuderten, erwärmten uns ihr aufmunterndes Lächeln und die Hände, die sie uns reichten, aufs neue. Jetzt also wurde ein Schlag gegen sie alle geführt. Es war nicht schwer, sie ausfindig zu machen, denn sie riefen uns an, schrieben uns, besuchten uns, viele ganz unbekümmert und oft auffällig, als ob sie eine Korrektur des Schicksals herbeisehnten, das sie zu den Unanständigen stellte. Bis wir selbst ihnen zu mehr Vorsicht rieten, ohne sie abzuweisen natürlich! Es wäre ebenso absurd gewesen, uns freiwillig in jener Art von Ghetto zu isolieren, in das man uns seit fünf Jahren hatte verfrachten wollen, wie jene zu beleidigen, die gerade durch Kontakte mit uns der Selbstbeflekkung zu entkommen suchten.

Als wir das feststellten, als die Mutigsten unter ihnen uns trotz strengster Verbote berichteten, wie man sie in den Personalabteilungen der Betriebe ohne Umschweife zwang, zwischen Freundschaft und Arbeit zu wählen – wie vor vier Jahren Zets Trauzeugin, die Schauspielerin Bohdalová –, da waren wir entsetzt, als lähmte ihre Ohnmacht auch uns.

Einige wählten die Arbeit – und führten die Freundschaft heimlich weiter; einige lehnten sich auf, Freundschaft sei eine rein private Angelegenheit, und seltsamerweise ließ man sie meist in Ruhe. Um so deprimierender war, daß gerade in dieser Runde so viele bisher prinzipientreue Leute zusammenbrachen, die früher zumeist kritisch auch gegenüber kritischen Kommunisten waren, denen sie vorwarfen, sich zu spät aufgerafft zu haben. Als könne ein jahrelang strapazierter Organismus die Vorstellung weiterer Runden des Ringens nicht ertragen, warfen sie jetzt das Handtuch.

Zets beste Freundin ließ sie nun ein genau gleiches «Vorläufig-nichtmehr» wissen, für das sie noch im Herbst meinen Cousin, den Arzt, schärfstens verurteilt hatte. Martina, meine gute mährische Seele, dachte sich in ihrer Not einen weiblich-hysterischen Grund für einen Abbruch der Beziehungen aus, die sie aber bald wieder im geheimen weiterpflegte. Einige unserer Handwerker hinterließen in Panik ihr Werkzeug und sogar ihre Forderungen bei uns. Daneben Grotesken aller Art: So brüllte unser Prager Metzger seine Mahner an, er sei kein Wahrsager, sie sollten ihm ein Plakat mit unseren Photos und der Aufschrift Gesucht! über den Hauklotz hängen.

Wir wagten keinen zu verurteilen. Wir wagten niemanden zu beeinflussen. Und schon gar nicht mehr, jemanden zu besuchen oder anzurufen, der nicht ausdrücklich darum bat. Es ging uns entsprechend miserabel. Als Schriftsteller begriffen und fühlten wir während dieses einen Monats im Schnellkurs, wie ein normaler Mensch zu einem Juden wird. Auch du, mein Dackel, solltest es spüren!

16

Böhmen, noch Frühling 1974

Einer der Briefe, die nach der Februarbelagerung ankamen – bisher lasen die Stasibrieföffner sie nur früher als ich; daß man ausschließlich schlechte Nachrichten durchlassen kann, werden sie erst nach der Charta 77 entdecken –, sollte dieses ganze Jahr kennzeichnen. Der Schauspieler und Intendant Friedrich Schütter, einer der vielen westlichen Künstler, die die historische Bedeutung des Prager Frühlings begriffen hatten, und einer der wenigen, die mit ihm weiter solidarisch geblieben sind, bot uns ein zweijähriges Engagement an seinem Ernst-Deutsch-Theater an, mir als Autor und Regisseur, Zet als Dramaturgin und Regieassistentin: Gemeinsam hatten wir bei ihm in Hamburg schon im Frühling 1969 mein Stück So eine Liebe inszeniert.

Dieses gutgemeinte Angebot ähnelte trotzdem der Einladung an einen Schimpansen im Zoo, für einige Zeit seine Verwandten in Freiheit zu besuchen. Mir hatte man den Paß bereits vor viereinhalb Jahren abgenommen, Zet im vorigen Jahr, als sie versuchte, in Bulgarien Urlaub zu machen. Auf die Frage «Warum?» antwortete ein fescher Jüngling in Uniform, der ihr mit dem grünen Büchlein zugleich die große weite Welt wegnahm, witzig:

«Sie haben schlecht geheiratet.»

«Wenn ich mich scheiden lasse», wollte sie wissen, «bekomme ich ihn dann zurück?»

«Versuchen Sie’s!» riet er vielversprechend.

Kopfschmerzen verursachte mir eine Einschreibekuvertsendung von der Zeit, darin der offene Brief, den Günter Grass am 15. März an mich gerichtet hatte. Den neuen Dialog über die Grenzen, den ich gleich nach der Okkupation vergeblich fortsetzen wollte, eröffnete er in Unkenntnis der Lage leider zur denkbar unpassendsten Zeit. Das Wasser in unserem Fluß reichte uns jetzt bildhaft bis zur Nase.

Schon die Namen der Teilnehmer des Colloquiums von Biévres bei Paris über die Tschechoslowakei und den Sozialismus – mit den emigrierten Protagonisten des «Prager Frühlings» Pelikán, Goldstücker und Hejzlar – wirkten hier wie ein riesiges rotes Tuch, um so mehr die Thesen, zu denen ich mich äußern sollte:

«Wer den demokratischen Sozialismus will, kann nicht mit Kommunisten zusammenarbeiten ...» Oder: «Wer für den demokratischen Sozialismus ist, den muß die Unterdrückung der Menschenrechte durch den Sowjetkommunismus mehr schmerzen als der faschistische Terror.»

Ausweichend zu antworten, kam nicht in Frage, direkt zu antworten, bedeutete zu diesem Zeitpunkt die totale Konfrontation mit der hysterisch aufgebrachten Macht. Der Frühling zog uns hinaus an die Sázava. Nächtelang bemühte ich mich in der Halle um einen Text, der mich zwischen Scylla und Charybdis hindurchlotsen könnte. Die Konzepte legte ich im Kamin ab, um sie jederzeit mit einem einzigen Streichholz in Asche verwandeln zu können. Tagsüber kehrte ich altes Laub zusammen und grub den Kompost um, wie immer, wenn ich mich für den schwachen Zustand meines Geistes strafen wollte.

Ich achtete darauf, daß du mir nicht unter den Spaten gerietest, mein allgegenwärtiger Dackel, und dachte über das eigenartige Vermächtnis meiner Mutter nach, jene Sicht der Welt nämlich, in der ich bereits im stinkenden Mist die süßsauren Gurken rieche, in welche Zet den Humus in unserem kleinen Treibhaus wundersam verwandeln wird; wäre ich dagegen imstande gewesen, bereits in den Gurken den Mist zu riechen, ich hätte meine naiven frühen Oden nie geschrieben. Wer und wo wäre ich dann heute? Du fingst an zu knurren und zu bellen. Ungebetene Gäste.

Wie immer zwei: beide Muskelprotze, brachten einen einzigen federleichten Umschlag. Mit dieser Vorladung wurde ich endlich zum ersten Mal in zwar gesetzwidrig kurzer Frist, zumindest aber in der vorgeschriebenen Form, ins Hauptgebäude des Innenministeriums in Prag-Letná geladen. Eigenartig, daß mich dieses gesetzliche Ritual mehr beunruhigte als die vorangegangenen «wilden» Festnahmen. Ich hielt es sogar für notwendig, eine Art Botschaft zu schreiben und sie sicher zu hinterlegen für den Fall, daß ich nicht bald zurückkehren würde. Es erinnerte stark an ein Testament.

«Ich bin kein Verbrecher, sondern Sozialist, wegen Kritik an der Diskreditierung des Sozialismus verfolgt, der sich gegen willkürliche Repressionen wehrt. Ich habe nicht die Illusion, daß mir jemand helfen wird, dennoch stehe ich zu meinen Ansichten, freiwillig und daher ohne Bedenken. Ich mache nur darauf aufmerksam, daß die Gewalt, die gegen mich ausgeübt wird, ein Spiegelbild der Gewalt ist, die man gegen die ganze Gesellschaft ausübt.»

Wir fuhren sofort nach Prag, ich ordnete meine Dinge, bereitete für den Morgen meine Bereitschaftstasche von Lízinka vor, und dann aßen wir feierlich zu Abend, diesmal «Beim Mäzen» unter dem Bogengang des Kleinstätterrings die sagenhafte orientalische Musaka. Große Abschiedsessen in guten Lokalen gönnten wir uns vorwiegend in kritischen Situationen. Witzig war, von einem Diplomaten zu hören, die Gerüchte über unsere Verfolgung seien stark übertrieben: Er sehe uns ständig erlesen essen und trinken.

Am Morgen brachte mich Zet zur Festung des Innenministeriums, auch die weiß gekachelt. Der beabsichtigte Effekt der Sauberkeit von Operationssälen erinnerte seit den Prozessen der fünfziger Jahre an die Sauberkeit von Schlachthöfen und Hinrichtungsstätten. Wie es in Zets Familie auch nach dem Abfall von der praktizierten Religion Tradition geblieben war, machte sie mir ein Kreuz auf die Stirn und fuhr nach Hause. Für sie hatte das große Warten begonnen. Eine Weile ließ man auch mich im Wartezimmer schmoren, das schon etwas von einer feschen Zelle an sich hatte.

Ein schneidiger Dreißiger trat ein, stellte sich als Daněk vor und marschierte mit mir in das große Arbeitszimmer eines dunkelgrau gekleideten Mannes ungefähr meines Jahrgangs. Derselbe nannte sich Doktor Černý, Daněk sprach ihn als «Genosse Vorgesetzter» an. Vor ihm auf dem Tisch lag neben den aufgeschlagenen Seiten der Zeit der Brief von Grass in tschechischer Übersetzung.

«Wollen Sie Kaffee?» fragte Doktor Černý.

«Nein, danke.»

«Möchten Sie rauchen?»

«Nein, danke.»

«Aber Sie sind doch Raucher?»

«Nicht hier.»

«Warum die Askese?»

«Hier schmeckt es mir nicht.»

Neben meiner Entschlossenheit, von ihren Geschenken, Liebenswürdigkeiten und Erlaubnissen unabhängig zu bleiben, war ich mir immer sicherer geworden, daß gerade automatische Gewohnheiten wie Rauchen und Trinken, denen man unkontrolliert nachhängt, den Professionellen mehr über den Zustand des befragten Objekts verraten, über seine Nervosität oder Widerstandskraft, als Worte.

«Wie Sie wollen!» tat er das ab und fing plötzlich, ohne jeglichen Übergang, zu schreien an. Wie ein Gymnasialdirektor, der einem schuldigen Sextaner seinen Ausschluß begründet, rasselte er mit einer Stimme, die auch hinter der gepolsterten Tür zu hören sein mußte, meine angeblichen Straftaten gegen den Staat wie auch meine angeblichen Verstöße gegen den Moral- und den Ehrenkodex herunter.

Auf den Kopf gestellt defilierten an mir Straftaten vorbei, deren sich in Wirklichkeit das Regime während der letzten fünf Jahre mir gegenüber schuldig gemacht hatte, und tatsächliche Verstöße gegen Moral und Ehre, die sich regimetreue Ideologen und Publizisten mir gegenüber herausgenommen hatten. Die Autorenschaft der in Grassens Brief zitierten Erklärungen aus Biévres über Zusammenhänge zwischen der sowjetischen Okkupation der Tschechoslowakei und dem faschistischen Militärputsch in Chile wurde mir zugeschrieben und als Straftat der Unterminierung des gesamten sozialistischen Lagers qualifiziert.

Getreu meinem bereits erprobten Grundsatz, mich so rasch wie möglich aus ihrer hypnotischen Macht herauszureißen, konnte ich schon sehr bald die Absurdität dieses Auftritts genießen. Doktor Černý oder wie er wirklich hieß, der Leiter irgendeiner politischen, operativen oder der Teufel mag wissen, welcher geheimen Abteilung, erwies sich in diesem Moment als Autodidakt meines Fachs «Dramatisches Schaffen»: Er komponierte auf einen Schlag eine Hommage à Ionesco und Beckett, so abstrus, daß es nachgerade bewundernswert war.

«Und was würden Ihre nächsten Freunde dazu sagen?» schrie er, als er den politischen Katalog abgeschlossen hatte, «wenn sie noch dazu erführen, wie Sie der Reihe nach mit ihren Ehefrauen ins Bett hupfen?»

«Und was würden sie sagen», ergänzte unerwartet der bisher schweigsame Daněk, als wolle er den Ausführungen seines Chefs die Krone aufsetzen, «wenn sie erführen, daß Sie einmal unser geheimer V-Mann waren?»

In diesem Augenblick stand ich auf, nahm meine Jagdtasche mit Lektüre, Äpfeln und Utensilien, und schritt zu der Tür.

«Ich bin mit Ihnen noch nicht zu Ende!» brüllte Doktor Černý, doch fehlte ihm schon die rechte Glut.

«Aber ich mit Ihnen», sagte ich, «entweder nehmen Sie diese Ungeheuerlichkeit augenblicklich zurück, oder Sie hören nie mehr auch nur ein Wort von mir!»

17

Prag, immer noch Frühling 1974

Der absurden Komödie Zweiter Teil übertraf die großen Meister. Obwohl seit meinem deutlichen Entweder-Oder schon gut zehn Minuten vergangen waren, obwohl wir alle drei nach wie vor standen, gelang es Doktor Černý und seinem Daněk beinahe mit Erfolg vorzutäuschen, es sei überhaupt nichts passiert. Ununterbrochen redeten sie, fielen einer dem anderen ins Wort, so daß die Szene den Eindruck erweckte, hier fände wirklich ein Gespräch statt.

Inhalt und Ton hatten sich dabei total verändert. Aus dem Wasserfall von Wörtern waren Beleidigungen aller Art verschwunden, die Höhe der Stimmen war auf das Niveau der Geräuschkulisse eines Kaffeehauses abgesunken, plötzlich klangen sie beinahe menschlich, so daß des Häuptlings angenehme Baritonfärbung zum Ausdruck kam. Sie führten eine intensive Diskussion über das aktuelle Gebot unserer gemeinsamen Heimat, die Traumata der letzten Jahre zu überwinden und auch diejenigen mit einzuspannen, die immer noch nicht an die Aufrichtigkeit und guten Absichten der neuen Führung glaubten.

Die Besonderheit der Situation, daß ich schon minutenlang unbeweglich auf die glänzende Oberfläche des Konferenztisches starrte, zwang die beiden, einander rhetorische Fragen zu stellen und sie sogleich selbst zu beantworten. Das beabsichtigte Genre des bedrohlichen politischen Dramas sank so auf die Ebene einer Boulevardkomödie herab. Als ob zwei Angestellte eines Freudenhauses sich gegenseitig den Katechismus abfragten.

Wer es nicht aushielt, war Doktor Černý. Als ob er gerade jetzt erst mein Schweigen bemerkte, fragte er plötzlich:

«Fehlt Ihnen was?»

Ich reagierte nicht.

«Na, na ...!» wunderte er sich fast gekränkt, «Sie wollen nicht mehr mit uns sprechen, oder?»

Ich zuckte mit keinem Lid.

«Wenn ich eine andere Meinung habe, dann fürchte ich mich nicht, sie offenzulegen!» Er stellte sich selbst als Musterbeispiel eines Bürgers hin.

Vergeblich.

«Also was ist denn das nun für ein Benehmen?» empörte sich mein Altersgenosse, während der junge Mann recht intelligent begriff, es sei für ihn von Vorteil, jetzt den Mund zu halten.

Der Dramatiker in mir erkannte, daß jetzt eine Replik folgen mußte, wenn nicht die Wirkung ausbleiben sollte, die er die ganze Zeit so mühsam vorbereitet hatte.

«Wenn von Benehmen die Rede ist, darf ich Sie an meine Forderung erinnern, daß Ihr Mitarbeiter hier sich bei mir entschuldigt und seine erfundene Behauptung zurücknimmt.»

Der Jüngere nahm das sofort auf.

«Wollen Sie etwa behaupten, niemals mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet zu haben?»

«Ich will behaupten, niemals Ihr Konfident gewesen zu sein. Als Leiter eines jugendlichen Gesang- und Tanzensembles mußte ich häufig mit Ihren Organen verhandeln, damit die Kaderflecken gereinigt wurden, derentwegen manche Mitglieder nicht ins Ausland durften. Für etliche habe ich persönlich gebürgt!»

«Na sehen Sie!» triumphierte er.

«Von jedem dieser Kontakte habe ich trotz Verbots immer wieder die gesamte Ensembleleitung detailliert informiert. Deshalb fordere ich Sie noch einmal auf, zu widerrufen, daß ich je im Leben für Sie, und noch dazu geheim, gearbeitet hätte!»

«Das hab’ ich nie behauptet!» Daněk machte einen Rückzieher.

«Ich dachte, heute würde sich hier endlich einmal jemand Vernünftiger seriös mit meinen Beschwerden auseinandersetzen. Ihr freier Stil, Herr Daněk, hat mich überzeugt, daß ich mich wiederum geirrt habe. Sie haben mir vielleicht vorgeführt, wie Sie andere meiner Kollegen gebrochen haben, aber an mir werden Sie das nicht noch einmal versuchen. Es ist mir nicht egal, ob ich heute oder in fünf Jahren von hier nach Hause zurückkehre, doch lieber bleibe ich hier, als mir so was bieten zu lassen. In Ihrem Stil werde ich keinesfalls weitermachen, und meine nächste Beschwerde richtet sich gegen Sie.»

Absichtlich redete ich auf den Jüngeren ein. Solange sein Chef sich nicht entschloß, mich hierzubehalten, konnte er den Rückwärtsgang einlegen, ohne das Gesicht zu verlieren. Ich war erleichtert, als er das nutzte.

«Aber, aber!» sprach er schmeichelnd, als wäre er mein und nicht sein Verbündeter, «das ist doch nur ein Mißverständnis. Wir sind wirklich dazu da, mit Ihnen übereinzukommen, schließlich sprechen wir die ganze Zeit von nichts anderem. Schauen Sie», fuhr er fort, «ich bin eben von Natur aus ein bißchen tempramentvoll und der Genosse hier ist einfach jung, aber Sie sind auch alles andere als eine Mimose, seien Sie doch nicht so zimperlich! Wenn es uns um jemanden von den Künstlern geht, die wegen des unseligen Jahres achtundsechzig in die Bredouille kamen, dann vor allem um Sie!»

Ich bewunderte seine Fähigkeit, sich einzureden, er habe jahrelang darunter gelitten.

«Sie selbst», sagte er mit äußerst besorgter Miene, bot mir wieder meinen Stuhl an, und wir alle setzten uns wieder, «Sie selbst weisen unsere Behörden und die ganze Welt immer darauf hin, was für Schwachköpfe in den neuen Schriftstellerverband aufgenommen wurden. Wer aber soll denn für unser Volk schreiben, wenn auch Sie das ablehnen?»

«Sie würden bestimmt bessere Serien schreiben als dieser Dietl!» fiel Daněk ein und meinte damit den König der tschechischen Fernsehserien, der in seiner Person einen Konsalik, einen Simmel und einen Computer vereinte – und es fertigbrachte, jedes propagandistische Thema fast glaubwürdig auf den Bildschirm zu lügen. Mir fiel auf, daß Daněk selbst sich den Namen jenes Dramatikers auslieh, der so plötzlich seine Unterschrift auf der Petition für die Verhafteten widerrufen hatte. War es ein Zufall oder trug er vielleicht dessen Skalp am Gürtel?

«Wem soll denn Ihre Haltung nützen?» fragte Doktor Černý besorgt, «für wen tun Sie das? Für Ihre Freunde? Sie haben unlängst bei einem Verhör von sich behauptet, Freunde wären für Sie die Heimat. Also hier sind sie! Sie haben sich beschwert, daß wir mit einigen geredet haben, doch Sie werden uns dankbar sein, wenn Sie das da gelesen haben. Lerne deine Heimat kennen!»

Als sei ein Stichwort gefallen, öffnete Daněk den Stahlschrank und baute einen Stapel Ordner vor mir auf, so gewaltig, daß die obersten schon wieder herunterrutschten. Wie Muster ohne Wert lagen gleich zwei Protokolle von Zeugenverhören vor mir. Das eine war von Zdenka, der ehemalig kompromißlosen Freundin meiner Zet unterschrieben, das andere von meiner treuen Freundin Martina. Ich mußte nicht den Kopf bewegen, um die ersten Zeilen lesen zu können.

«Von P. K. hatte ich schon vor Jahren den Eindruck, daß er ein Konjunkturritter ist ... tut mir aufrichtig leid, daß ich mit ihm trotzdem ...»

Ich schob das von mir weg.

«Das war vergebliche Mühe, meine Herren. Ich werde niemals lesen, was Sie von meinen Freunden und Bekannten mit Drohungen erpreßt haben. Das käme mir so vor, als ob ich bei einer Vergewaltigung als Voyeur assistierte.»

Daněk wollte aus der Haut fahren, doch Doktor Černý schnitt ihm das Wort ab. Er bemühte sich krampfhaft, nicht unfreundlich zu sprechen.

«Sie machen allerdings einen neuen Fehler, doch das ist Ihre Sache. Mir geht es um etwas Wesentlicheres. Wenn das Klima hier im Moment für Sie so unfreundlich ist, wie Sie sich immerzu beschweren, warum gehen Sie nicht für einige Zeit und arbeiten draußen? Angebote haben Sie doch?»

Ich schaute ihn an.

«Ich meine – im Ausland.»

Ich schaute ihn weiterhin unverwandt an.

«Sie wollen vielleicht sagen, Sie hätten keinen Paß? In dem Fall müßte ich Sie fragen: Haben Sie schon einen neuen beantragt? Na sehen Sie!»

In diesem Augenblick dachte ich an zweierlei Dinge: an die Stummfilm-Groteske vom Besprengten Sprenger, deren Variante ich ihm gerade zu bescheren gedachte, und an ein Stück, das ich eines Tages über diesen Frühlings-Nachmittag schreiben würde.

Wenn mir das im Jahre 1981 in Wien endlich gelingen wird, werde ich den Einakter Morast nennen und Václav Havel widmen, der dann gerade in der Mitte seiner vierjährigen Gefängnisstrafe angelangt sein wird.

18

Böhmen, Sommer 1974

Die unerwartet großzügige Offerte, die klang, als ob StB nicht Staatssicherheits-, sondern Staatsreisebüro bedeute, zog der Magier Dr. Černý allerdings nicht aus dem leeren Zylinder. Die Illusionisten dieser Firma beherrschten geläufig sensationellere Tricks als das bloße Lesen verschlossener Briefe. Das Angebot des Ernst-Deutsch-Theaters konnte ihm nicht unbekannt sein, doch das allein erklärte nicht den Looping, nach dem mir anstelle des Abschusses ein Aussichtsflug winkte.

Gemeinsam mit Zet reiste ich rasch zu den engsten Freunden. Sorgfältiger als in den fünfziger Jahren machte ich jetzt von jedem Treffen mit den Geheimen kurze Aufzeichnungen, und noch backfrisch lieferte ich sie vor allem jenen, mit denen mich seit der Petition ein gemeinsames Los verband. Wobei uns für die Beurteilung unserer Situation auch kleine Nuancen im Benehmen des mächtigen Amtes oft wichtiger waren als die abgehandelten Themen.

Wir alle wußten inzwischen, daß man uns selten festnahm, weil man etwas über und gegen uns wußte, sondern viel eher, um erst einmal überhaupt etwas herauszukriegen, vielleicht nur durch unsere Reaktion auf Randthemen. Vor allem interessierte sie dabei der Zustand unserer Finanzen und Arbeiten, Körper und Seelen. Während sie uns dank der Stärke ihrer Technik und der Schwäche unserer Mitmenschen Tag und Nacht wie auf dem Röntgenschirm vor sich hatten, bot mir gerade die direkte Konfrontation mit ihnen die einzige Möglichkeit, irgendetwas über sie zu erfahren.

In dem neuesten Bericht beschrieb ich die Zusammenkunft mit der Präzision eines Reporters und der Distanz eines Dramatikers. Einige sahen darin nur ein neues Stasi-Theater. Doch herrschte der Eindruck vor, daß die dringend etwas brauchten, wofür sie sogar bereit waren, den Käfig ein wenig zu öffnen. Kein Jahr später sollte uns dann der Säugling namens «Geist von Helsinki» überraschen. Die Sowjetunion brauchte anscheinend diese unreife Frucht ihrer plötzlichen Liaison mit dem Westen zu irgendetwas Wichtigem, und die Polizisten zwischen Elbe und Stillem Ozean, die für das richtige Klima zu sorgen hatten, gerieten in Schweiß, als sie aus ihrem Fundus Schafspelze hervorholten und über ihre Wolfspelze zogen.

Von diesem sich anbahnenden Prozeß hatte ich allerdings keine Ahnung, doch entging mir nicht, daß die Konfrontation zeitweilig auf Eis gelegt wurde. Die Vorstellung, einige Monate wieder sinnvoll leben und schreiben zu können, ohne ständig belästigt zu werden, brachte mich auf den Gedanken, die Einladung aus Hamburg anzunehmen. Mit dem plötzlich unbehindert angereisten Friedrich Schütter vereinbarten wir unter sechs Augen, daß es uns dabei mehr als um das Engagement um eine Verschnaufpause ging, die man uns für die ganze Zeit der Reisevorbereitungen gönnen müsse. Für mich ging es zusätzlich um den Test, wie weit das Regime seine plötzliche Liberalität ernst meinte, oder ob es uns nur eine Falle zu stellen versuchte.

Gegen ihren allmächtigen Apparat, der mit seiner Wahrheit schon zehn Jahre vor Orwells 1984 dessen Dichtung in fast allem übertraf, besaßen wir nur so nebelhafte Vorteile wie ein gutes Gewissen, das Bewußtsein der erkannten Wahrheit, eine allgemeine, wenn auch verborgen geäußerte Sympathie der Mitbürger und die Freundschaft der offenbar besten Männer und Frauen, die dieses Land gerade hatte. Unsere einzige, wirklich wirksame Waffe war Phantasie.

Sie, die einem Schriftsteller in normaleren Zeiten überwiegend zur schöpferischen Arbeit dient, hatte schon viel früher den Nichtkommunisten unter uns geholfen, wenn sie sich gegen das Regime hatten durchsetzen wollen. Insbesondere Václav Havel hatte im Ringen mit den Zensoren und Ideologen der Partei und des Staates eine ganze Palette feiner Mittel angewandt, die den innerparteilichen Kampf der Reformkommunisten ergänzten.

So begegneten sich Mitte der sechziger Jahre zahlreiche seiner und meiner Initiativen, und so wurde ich eine Art Stammunterzeichner all seiner Petitionen zur Lockerung der strammen Kulturpolitik. Dieser Prozeß fand Anfang 1968 in unserer parallelen «Beförderung» in vergleichbare Funktionen seinen Höhepunkt, als er zum Vorsitzenden des Kreises der unabhängigen Schriftsteller gewählt und ich zum Vorsitzenden der kommunistischen Literaten Prags erkoren wurde.

Und so fanden gegen Ende der sechziger Jahre, als uns die Schikanen und Repressionen in gleichem Maße trafen, auch unsere Lebenswege zusammen. Havels ehemaliger Vorteil, Sprecher der nichtkommunistischen Mehrheit zu sein, wandte sich paradoxerweise nun gegen ihn, da ihn mehr Verbündete verließen als mich, der ich zur kommunistischen Minderheit gehörte. Ich glaube, daß gerade damals auch kritische Demokraten vom Schlage Havels eine bedeutsame menschliche und politische Entdeckung machten:

Die Qualität einer Persönlichkeit wird nicht so sehr von ihrem politischen Programm bestimmt, sondern von der Fähigkeit, Werte des Lebens und der Gesellschaft zu verteidigen.

Während sich der Würgegriff der neuen Eiszeit immer enger schloß, lernte ich Václav Havel gleich zweimal zu schätzen: Als einen Mitstreiter, auf den ich mich verlassen konnte wie auf mich selbst, und als einen Mann, auf den das unpassende Wort «bezaubernd» paßte.

Er schien in die zynisch verlogene Husák-Ära direkt aus der Renaissance gekommen zu sein. Seine Freude am Leben war unschlagbar, seine Gastfreundlichkeit umwerfend. Trotz seiner brillanten Intelligenz und seines kämpferischen Geistes bewahrte er sich eine Art primärer Unschuld. Sie verführte ihn oft zu falschen Erwartungen; aber auch Menschen gegenüber, die ihn verraten haben, verhielt er sich nachsichtig, immer zur Versöhnung bereit.

Die Diener der Macht haben seine stille Anständigkeit lange Zeit fälschlich für einen Ausdruck der Schwäche gehalten, bis sie begriffen, daß sich an seiner prinzipiellen Haltung gar nichts änderte, die ihn mit vielen anderen immer fester verband.

Die einzigartige Erscheinung, daß führende tschechische Schriftsteller in den schweren siebziger Jahren treue Freunde wurden und es bis heute geblieben sind, ist nicht ganz mit dem Effekt der belagerten Festung zu erklären. Das Ergebnis war nicht nur die erfolgreiche Verteidigung des Rechts auf eigene Meinung, sondern auch ein Feuerwerk von Intellekt und Gefühl: Es brachte neben vielen bemerkenswerten künstlerischen Werken auch Hunderte von Feststunden mit sich, die zu Feiern der Freundschaft wurden.

Allmählich bildeten sich zwei Stützpunkte heraus: Havels Refugium in dem kleinen Walddorf Hrádeček, ganzjährig bewohnbar, und unser Prager Zuhause, erweitert um das Sommerdomizil an der Sázava. Die kleine Hradschiner Wohnung, zur Zeit noch Hauptort unseres Lebens, wurde zum Schauplatz kurzer, aber um so fröhlicherer Feste, vor allem anläßlich der entfernten Buch- oder Theaterpremieren, nach denen uns die unsichtbare Welt von weitem anrief und über deren Verlauf berichtete. Die 54 Quadratmeter Wohnfläche beherbergten einmal anläßlich Zets Dreiunddreißigstem die Rekordzahl von dreiunddreißig Besuchern; schlafen konnte bei uns nur einer von ihnen, der vom Lande kam; den betteten wir in der Küche.

In Sázava konnten bis zu zehn Freunde übernachten, sie kamen meistens übers Wochenende. Zu unseren Freuden gehörte es auch, mit der Lokalbahn nach Český Šternberk zu fahren und von der stolzen Burg durch die Wälder zurückzuwandern. Jahr für Jahr kamen immer mehr Hindernisse von unverarbeiteten, nach Stürmen abgebrochenen Ästen und Zweigen hinzu, die mangels Arbeitskräften zum Verfaulen verurteilt waren. Immer gewann, wer dich in diesem Dschungel an der Leine führte, mein unermüdlicher Dackel, du hast Wild gewittert und gezogen wie ein Ochse.

Havels einfühlsam umgebautes Bauernhaus bei Trutnow, nur einen Steinwurf von der Ruine einer kleinen Festung entfernt, auf der unser Vorfahr Jan Amos Comenius jahrelang vergeblich gewartet hatte, bis die Habsburger Böhmen verließen, bevor er selbst es mußte, diese Residenz schien aus Gummi zu sein. Zu Ostern oder zu Silvester, aber auch ohne jeglichen Anlaß und meistens auch ohne Einladung, fanden sich dort zwanzig, dreißig Gäste ein, und trotzdem erwischte jeder irgendwo ein Stück Dach über dem schlafenden Haupt. Nach langen, lebhaften Nächten schlenderten sie den ganzen Vormittag in die Küche, um sich ihr Frühstück selbst zu richten, wo Olga, die Herrin des Hauses, in fremde Schicksale vertieft ein Buch nach dem anderen zu einer Zigarette nach der anderen verschlang und der allmählich erwachende Gastgeber mit schlafwandlerischen Bewegungen den Braten für den Abend spickte.

«Es geht uns aber gut!», pflegte Zet, wenn aufs neue die Gläser gefüllt wurden, ihren berühmten Toast zu verkünden.

«Was würde der Genosse Husák dazu sagen?» pflegten wir zu fragen, wenn in der Küche im Schleier der Düfte Havels Schnitzel à la Berry, Zets Pfarrerkoteletts oder meine Linsen mit Reis gleichzeitig mit dem Abendstern aufgingen.

Wir waren zufrieden, daß wir der unwirklichen Übermacht nicht als ein Häufchen Verzweifelter gegenüberstanden, sondern als eine Gruppe freier Menschen, die es sogar auch in dieser Situation fertigbrachte, wahrhaft glücklich zu sein. Mit der Lust, die uns unsere neuen Texte und neuen Treffen brachten, unterzogen wir uns auch neuen Prüfungen der Standhaftigkeit, welche die unbekannten Köche der Macht für uns zubereiteten und die uns ihre pickeligen Pikkolos und obskuren Ober servierten. Immer wieder halfen uns Phantasie und gegenseitige Information.

Auch jetzt erläuterte ich meinen Freunden der Reihe nach, warum ich beide Angebote, das Schütters und das des Dr. Černý, annehmen wollte. Ich wollte mit größter Vorsicht ausprobieren, ob sich unser aller Isolierung zumindest für einige Zeit durchbrechen ließe, ohne daß der Versuch in erzwungene Emigration mündete, und vor allem, ob dies «ohne Verlust der Blume» möglich wäre, wie wir mit dem Slogan eines damals laufenden Fernsehwettbewerbs die Schwindsucht des Charakters umschrieben.

Der Gönner in Hamburg wußte, daß ich bei Gefahr den Countdown sofort abbrechen würde. Das teilte ich auch Dr. Černý offen mit und beantragte auf üblichem Behördenwege für Zet und mich die Neuausstellung der uns entzogenen Reisedokumente. Die Stasis verschwanden aus unserem Leben wie Mitternachtsgeister, und ich schrieb in Ruhe für die internationalen Musikfestwochen in Luzern das Drama Roulette nach L. N. Andrejevs Erzählung Dunkelheit. Diese düstere Geschichte eines enttäuschten Revolutionärs und einer enttäuschten Dirne, die am liebsten ihre Schicksale vertauschen würden, beschäftigte mich in Verbindung mit dem Aufflammen des individuellen politischen Terrors in Westeuropa.

Sechs Wochen später bekamen wir nach sechs Jahren die zu dieser Zeit begehrtesten tschechischen Bücher wieder: Pässe.

Am Mittwoch, dem 10. Juli, flogen wir erst einmal nach Budapest.

19

Ungarn und Böhmen, noch Sommer 1974

Oh, Staatsgrenze, magischer Kreis, der du uns jahrelang eingeschlossen hast und viele ihr ganzes Leben lang einschließt wie eine Gefängnismauer, für die einzige Sünde, nicht zur rechten Zeit, nicht am richtigen Ort geboren zu sein! Oh, grenzenloser Westen, allein der erzwungene Aufenthalt auf der immergleichen Heimaterde würde viele deiner Kraftmeier in brave Buben verwandeln, damit sie zur Belohnung für gutes Betragen die Nase wenigstens in benachbarte Auen stecken dürfen!

Wie alle seine Inhaber berechtigte uns der neue Paß zum visumfreien Besuch des sozialistischen Balkan, mit Ausnahme des rebellischen Jugoslawien. Weil mir die Militärverwaltung aufgrund der geförderten Hamburg-Reise, über die sie offenbar instruiert war, auch die bislang verweigerte Bestätigung gab, mein Wehrpaß sei ordnungsgemäß bei ihr aufgehoben – meinen Rang führten sie in dem Schriftstück lieber nicht an –, entschlossen wir uns, diesen Zauber auszukosten, wie es uns gefiel.

Es gefiel uns, nach Budapest zu fliegen, wo ich zuletzt im Jahre 1958 mit meinem bemerkenswerten Vater war, zur Premiere von So eine Liebe, im riesigen Vig Szinhaz. In der Stadt klafften damals noch Wunden aus dem Herbst 1956; die in den Seelen waren noch tiefer. Bei der Reservierung der Flugtickets verschwieg ich den Vornamen, beim Abflug von Käfig zu Käfig wurde nicht groß kontrolliert, und am Abend des 10. Juli schauten wir von der Terrasse des altmodischen Hotels Gellert, das uns so sehr an das geliebte Karlsbader «Pupp» erinnerte, bei Zigeunermusik auf die Donau. Es war uns gelungen, und ohne «Verlust der Blume».

Die Stadt war wie ausgewechselt – fröhlich und freundlich. An den Wunden litten diesmal wir. Mein Theaterverleger, Eric Spiess aus Kassel, und mein Buchverleger, Jürgen Braunschweiger aus Luzern, kamen erst angeflogen, nachdem wir uns aus Budapest gemeldet hatten. Vorher wollten sie es nicht glauben. An drei Mittagen und drei Abenden aßen wir uns bei «Matyas Pince» durch die ganze Speisekarte, dazwischen erzählten wir den beiden auf der Terrasse bei kaltem Harslevelü all die unwahrscheinlichen Geschichten aus der Zeit, als sie keine Visa mehr zu uns bekommen hatten.

Wir regelten unsere und unserer Prager Freunde literarische Angelegenheiten, zur Sicherheit gleich für fünf Jahre. Als wir beim Rückflug in wolkenlosem Blau aus der Vogelperspektive zuerst Sázava und dann den Hradschin-Platz sahen, war unser Bedürfnis nach der Welt für lange Zeit gestillt. Dieser kleine Ausflug sollte meine allerwichtigste Reise bleiben. Er übertönte im Gedächtnis auch die lang vergangenen drei Monate China, und auch das spätere Amerika wird ihn nicht überschatten. Es war – auch in dieser bescheidenen Ausgabe – die Neuentdeckung der verschollenen Welt.

Wir landeten in Ruzyně – nicht weit entfernt vom gleichnamigen Gefängnis – am Nachmittag des 14. Juli und standen um halb sechs abends auf dem Rasen des Buquoy-Palasts, wieder einmal mit Drinks zu Ehren des Bastille-Sturms, unter den Freunden, die sich mit uns freuten. Die Kenntnis von unserer Ungarnreise verbreitete sich unter den Gästen des alljährlichen Festes, zu dem die Französische Botschaft nach wie vor alle einlud, die sie auch früher bewirtet hatte, immer noch heldenhaft die Proteste der neuen Machthaber ertragend, die uns nicht in die Augen sehen wollten. Diese Aufseher unserer Bastille, insbesondere die Vertreter der neuen Künstlerverbände, waren nach dieser Nachricht der Ohnmacht nahe. Wir konnten uns ausrechnen, daß sie sich von ihr bald erholen würden, doch auch solche Minierfolge luden uns für lange Zeit mit Energie auf.

Bei der Redaktion der Zeit entschuldigte ich mich, ich würde auf den Brief von Grass antworten, sobald es möglich sei. Ihn selbst informierte ich auf Umwegen darüber, daß unsere Konfrontation mit der Macht einen kritischen Punkt erreicht hatte und wir uns derzeit bemühten, ein wenig Zeit zum Atemholen zu gewinnen. Die versuchten wir allesamt optimal zu nutzen.

Ich schrieb das Stück Gott in Frankreich nach Romain Rollands Roman Meister Breugnon. Mein Leben lang habe ich hauptsächlich für mich geschrieben. Nach der grausamen Ballade Andrejevs brauchte ich das Thema des Kampfes eines Burgunder Weinbauern mit dem Krieg, den Krankheiten, der Liebe und dem Tod geradezu physisch; es gab mir Hoffnung, daß auch ich meine Kriege heil überstehen werde.

Das Stück sollte auch ein Geburtstagsgeschenk für meinen alten Freund, den Schauspieler Valter Taub, sein. Er war fast der letzte der legendären Prager deutschen Juden, erzogen in drei Kulturen. Nach dem Krieg kehrte er aus der Emigration zurück, begann tschechisch zu spielen, und ich habe für ihn einige Hauptrollen geschrieben, vor allem die des Herrn im Talar in So eine Liebe. Nach 68 durfte man über seine hervorragenden Leistungen nicht mehr in der Presse berichten. Aus diesem Bann befreite ihn erst Willy Brandt, sein Freund aus dem Exil, als er ihn als Bundeskanzler bei seinem Staatsbesuch auf die Prager Burg einlud und an seinem Tisch sitzen ließ. Schau an, auch ein Spitzenpolitiker kann sich wie ein Mann von Ehre betragen!

Unser Valtrrchen konnte inzwischen schon fünfunddreißig Worte, der Karikaturist Liďák lehrte ihn innerhalb weniger Tage an der Sázava den besonders papageienhaften Satz:

«Mám rrrád ministrrra vnitrrra!» – Hab den Ministerrr fürrr Innerrres gerrrn!

Der Laut, von dem der Vogel so freudetrunken Gebrauch machte, quälte dagegen Václav Havel. Das brachte uns auf die Idee, gemeinsam eine Groteske zu schreiben, genannt Rr, über einen Logopäden, der seinen verzweifelten Patienten von diesem Sprachfehler heilt. Da die Post unsere Briefe immer noch beförderte und der Inhalt des Einakters recht unschuldig war, verfaßten wir den Text auf dem Korrespondenzwege, so wie man auch Schach spielt. Den Freunden führten wir das Opus in Hrádeček persönlich vor. Den Wissenschaftler spielte Havel, und das Rätsel seiner plötzlich fehlerlosen Aussprache mußten wir dem staunenden Publikum nachträglich verraten: Im ganzen langen Text seiner Rolle waren wir ohne ein einziges «r» ausgekommen.

Der Sommer gehörte einfach allen Freuden des Lebens, von der Arbeit bis zu Zet, Valtrr und dir natürlich, mein eifersüchtiger Dackel! Er verdient es, daß für uns und alle zukünftigen Gourmets die drei erfolgreichsten Rezepte festgehalten werden:

Pfarrerkoteletts (Zet): In die gefettete, mit geriebenem Hartkäse ausgelegte Pfanne werden vorgebratene Schweinekoteletts gelegt, darauf Zwiebelringe, wieder Reibkäse und Butterflocken; alles mit einem Viertelliter Weißwein übergießen und im Backofen zu einer dicken Sauce backen, etwa 20 Minuten. Als Beilage rohe Kartoffeln, in nicht zu dünne Scheiben geschnitten und auf beiden Seiten gefettet; kommen gleichzeitig mit den Koteletts auf ein Blech in den Backofen; einmal wenden.

Schnitzel à la Berry (Havel): Kurz angebratene Kalb- oder Schweinefleischscheiben werden in eine Bratpfanne gelegt. In einer zweiten Pfanne werden geschnittener Schinken, Champignons und geschmorte Zwiebel mit Mehl bestreut, mit kalter Milch übergossen und gegart. Alles zusammen 20 Minuten lang backen und mit kalter süßer Sahne und Bratkartoffeln oder Kartoffelauflauf servieren.

Linsen mit Reis (ich): In zwei Töpfen werden Reis und nicht eingeweichte Linsen gesondert etwa 25 Minuten in 2½ Teilen Wasser gekocht, bis sie weich sind, auf einem Teller nebeneinander angerichtet und kräftig bestreut mit gerösteten Zwiebeln samt Schmalz und Grieben – es gibt nie genug davon! Zu dem Ostrauer Essen der armen Ureltern fügten meine besser situierten Eltern Spiegeleier hinzu, der Enkel-Dramatiker dann «kanadische Rose», wie in Böhmen eine angeschnittene und gebratene Speckwurst heißt, mit süßsauren Gurken garniert und mit süßem Senf bestrichen.

Hinter all diesen Vergnügungen aber tickte der Wecker des Dr. Černý unablässig weiter. Vorgeladen, um den Stand der Vorbereitungen zu erläutern, handelte ich mir eine Rüge des ungeduldigen Daněk ein.

«Was erlauben Sie sich! Wir geben Ihnen einen Paß, und Sie machen damit Ausflüge!»

«Wenn ich nach Hamburg reisen soll, ohne daß ich nach Budapest fahren darf, dann ist das die Fortsetzung der Diskriminierung, und wir können alles abblasen!» konterte ich.

Dr. Černý beeilte sich, mir recht zu geben. Er tat alles, damit ich den ursprünglichen Antrittstermin zum 1. August einhielt. Das alarmierte mich natürlich. Von Budapest aus hatte ich mit dem Theater telefonisch vereinbart, ich werde mich erst bis zum 1. Januar 1975 entscheiden: Ich wollte dem Zeitdruck entgehen und hatte gut daran getan. Unmittelbar vor dem ursprünglichen Termin, dem 1. August dieses Jahres, spielte sich etwas Seltsames ab.

Der Redakteur Peter Grubbe vom Hamburger stern, der mich im Februar besucht hatte, um mit mir für die Serie Dichter suchen ihre Paradiese eine Reportage über Südböhmen zu vereinbaren, veröffentlichte plötzlich unter dem emphatischen Titel Ich kenne alle Schleichwege ein Gespräch mit mir. Ich prahlte darin wie ein vollkommener Idiot, wie ich im Falle einer Ausbürgerung heimlich über die Grenze zurückkehren würde.

Seit dem Jahre 1963, als ich anfing, für westeuropäische Medien Interviews zu geben, hielt ich mich an ein strenges Gebot: Es darf nicht ein einziges Wort gedruckt erscheinen, dem ich nicht zugestimmt habe. Diese Fälschung war umso unerhörter, als ich Grubbe ein politisches Interview ausdrücklich verweigert hatte.

Seines war von der Art, daß es zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft gereicht hätte und außerdem dazu, mich zu blamieren, wäre ich schon, wie anfangs geplant, im Westen gewesen. Doch ich saß vorausschauend in Prag und teilte dem stern wie auch Dr. Černý mit, daß ich mich von hier nicht wegrühren würde, solange dieser Vorfall nicht aufgeklärt wäre.

Ich konnte mir gut vorstellen, wie sowohl hier wie dort jemandem der Kopf gewaschen wurde. Wir vier – Menschen wie Tiere – genossen weiterhin den gnadenvollen Sommer.

20

Böhmen, immer noch Sommer 1974

Ich blättere in dem Teil der Geschichte, der schon aufgezeichnet ist. Wieviel wertvoller Platz für zweifelhafte Gestalten, die nicht einen schmutzigen Heller wert sind! Wie wenig Platz für dich, Edeldackel!

Darsteller der Titelrolle – und bisher nur in Episoden aufgetreten, nur gemeine Handlungen einrahmend, die bloß Böses, Dummes und Unfruchtbares erzeugten. Doch wie aus unserer unerschütterlichen Lust zu leben neben den Blumen des Bösen menschliche Freuden und Werke der Kunst entstanden, so ging auch ohne Rücksicht auf die Normalisierung, auf die Große Oktoberrevolution, ja sogar die Große Französische Revolution und alle Großen und Größten Revolutionen davor, der Flug der Vögel, das Summen der Bienen und auch dein Dackelleben weiter, einzig und unwiederholbar.

Du hattest schon drei Neujahrsgrüße mitgestaltet, und gleich der erste, auf dem du aus dem alten russischen Grammophontrichter in unser Schicksal krochst, begründete deine Berühmtheit und eine Tradition. Als wir uns jetzt den Kopf zu zerbrechen begannen, was für ein aussagekräftiges Bild wir für den pour-féliciter-Gruß 1975 kreieren könnten, fiel uns ein, daß du in jenem Jahr die Volljährigkeit erreichen würdest: Im Oktober solltest du nach dem bekannten Koeffizienten einundzwanzig Menschenjahre alt werden. Uns überfiel Verantwortung.

Auch Hunde legen schon im zarten Alter Rechenschaft über ihren Charakter ab. Du hattest einen ungewohnt harmonischen, warst Spieler und Wilderer zugleich, Charmeur und dickköpfiger Einsiedler – dies als genetische Saat der Überlebenskämpfe, die dein Stamm, in den anglosächsischen Urwäldern gemischt, jahrhundertelang für sich und uns, seine Herren, bestreiten muß! Soweit ich weiß, warst du der einzige Hund, der je bei dem unzugänglichen Philosophen Kosík übernachten durfte, und auch der einzige, den die nervöse Malerin Jiřina zu sich einzuladen pflegte, die Frau Alexanders, des mir liebsten Schriftstellerkollegen. Fachleute bemerkten, daß sich hier eine bedeutende Hundepersönlichkeit abzeichnete und nahmen es uns sehr übel, daß wir uns bisher nicht darum gekümmert hatten, wie du anerkannte Nachkommen zeugen könntest.

Doch in der Ära des Doktor Husák genügte nicht einmal für einen Hund Talent vom Herrgott:

«Die Kaderbeurteilung schreibt sich jeder selbst!» schwor der Erste Normalisator in den Antrittstagen. Ihm gelang es nicht nur – nach dem mittelalterlichen Jesuitenzensor Koniáš –, die tschechische Nationalkultur am gründlichsten zu zerstören, sondern auch dies, daß sich während seiner Regierung nicht einmal ein Rassehund standesgemäß vermehren durfte. Die Genehmigung zum Decken konnte nur der Zuchtverein erteilen; weil der aber dem Verband für zivile Zusammenarbeit mit der Armee angegliedert wurde, einer Teilorganisation der Nationalen Front, genehmigte er keinem der erklärten politischen Feinde die Mitgliedschaft.

Dein Glück war es, daß sich ein gewisser Ing. Čech aus der südböhmischen Stadt Písek auf den ersten Blick in dich verliebte, mit der letzten Leidenschaft eines Mannes, der den größten Teil seiner fünfundsiebzig Jahre Pferden und Hunden gewidmet hatte. Dieser vitale Rübezahl fand eine tschechische Lösung: Er hat dich einfach zum Schein von mir gekauft und dich unter seinem politisch unbescholtenen Namen in ein paar Monaten zu einem Dackel-Akademiker erzogen.

«Hochverehrte Frau», schrieb er in einem Brief vom 18. April 1974 altmodisch an Zet, wie vor hundert Jahren die Pädagogen des dortigen hochberühmten Gymnasiums den Müttern ihrer Pfleglinge, «ich hatte hundertprozentig recht! Er ist flink auf der Spur und im Blick, meldet wie der Teufel und verfolgt blitzschnell, fast schon zu ausdauernd!» Später dachten wir oft gerade an dieses Lob, wenn wir stundenlang auf deine Rückkehr von deinen Vagabundagen warteten.

«Die gestrige Prüfung ‹auf den Kater›», teilte der Hundepädagoge zu unserem Entsetzen in seinem Brief vom 23. April mit, «ist hervorragend ausgegangen, beinah hätte er ihn im Käfig am Arsch gepackt und denselben zerrissen!». Am 5. Mai hast du in Budweis die Frühjahrsprüfung bestanden und 182 von 184 möglichen Punkten bekommen. «Ein Hund mit ausgezeichneten Eigenschaften, ausgezeichnet erzogen und geführt», bemerkten die Richter. Am 15. Juni hast du in Prachatice die Prüfung «aus Fuchs und Dachs» schon mit der vollen Punktzahl von 68 abgelegt: «Er fährt scharf in den Bau, meldet ausdauernd, nach dem Entfernen des Schubers drückt er den Schädling in den dritten Kessel und bedrängt ihn dicht auf, bis zum Ablauf der Zeit», lautete schwarz auf weiß das Urteil der Schiedsrichter. Wir wußten nicht, was genau damit gemeint war, doch lasen wir Respekt heraus.

Bei den Herbstprüfungen in Dynín am 25. August hast du souverän bei den kleinen Rassen gesiegt, mit der Erreichung des Maximums von 220 Punkten. «Ich erinnere mich in meiner ganzen Praxis nicht daran», schrieb am Tag darauf Ing. Čech mit gerührtem Stolz, «daß ein Dackel je eine derart hohe Wertung erreicht hätte. Wie er vom Ufer stahlhart nach einer Ente springt und ihr unter der Oberfläche nachstößt, das muß man gesehen haben! Mit enormer Präzision verfolgt er die Hasenspur, die Spur des Herrn mit der Bestnote 4, ein Unikat eben!»

«Und wie viele Käufer sich melden, selbstverständlich mich eingeschlossen!» unterstrich dein Als-ob-Besitzer und fügte eilig hinzu, «ich weiß, er ist nicht zu verkaufen! Als Edi an den Tisch der Schiedsrichter herantrat, nahm der Beifall kein Ende. Das ist, meine Herrschaften, ein Arbeiter!»

Als wir dich endgültig aus Písek abholten – wir feierten das im dortigen Grandhotel mit deinen Pflegeeltern fast wie eine Promotion –, hast du gleich am ersten Abend in Sázava einen Fasan verjagt, der in unserer Hecke wohnte. Er rettete im wahrsten Sinne des Wortes das nackte Leben, ließ dort, der Arme, den größten Teil des Gefieders, wie er sich durch die Zweige weg von deinen Fletschzähnen drängte. Am nächsten Tag fiel Zet in Ohnmacht, als du uns drei tote Hasenjunge auf die Schwelle legtest. Es dauerte lange, bis sie in ihrem sonst so klugen Kopf damit zurechtkam, daß du eben doch ein Dackel bist und bleibst.

Mir, obwohl ein harter Mann, kam das nicht fröhlicher vor, doch sah ich darin mit ein wenig Phantasie dein Bemühen, uns zu beweisen, daß wir das Schulgeld für dich nicht vergeblich hinausgeworfen hatten. In tiefster Seele zitterten wir trotzdem beide, Zet und ich, wie es wohl am 6. Oktober bei der alljährlichen Nationalen Musterung ausgehen würde. Dabei wurden äußerst streng Hunde für die Zucht ausgewählt, eine Prüfung ähnlich der Approbation. Bis zu dieser Zeit warst du bei uns eigentlich in Ferien, du gehörtest auf dem Papier und sicher auch mit einem Stück deiner Seele immer noch deinem Pygmalion aus Písek.

Am Dienstag, dem 20. August, kam im Rahmen des andauernden Zaubererfestivals des vielmächtigen Dr. Černý der stern-Redakteur Nick Barkow nach Sázava. Er erhielt ein Visum, und niemand belästigte ihn, obwohl er mir seinen Besuch telephonisch und telegraphisch angekündigt hatte. Er übermittelte mir die offizielle Entschuldigung des stellvertretenden Chefredakteurs Schuller samt Versprechen, der stern werde mein Dementi, das ich ihm gleich übergab, in vollem Wortlaut veröffentlichen.

Seinen Kollegen Peter Grubbe bagatellisierte er als einen unbedeutenden Mitarbeiter, aus dessen Unseriosität praktische Konsequenzen gezogen würden. Ich werde mich an diese leeren Worte im Jahre 1979 erinnern, wenn Grubbe sich zum zweiten Mal in meinem Leben einschreibt, diesmal in noch viel gefährlicherer Weise.

Meine Berichtigung erschien in der nächsten Nummer. Ein paar Minuten, nachdem ich einmal mehr auf dem Hradschin angekommen war, kam ein Anruf vom Dr. Černý. Eine erstaunliche Intuition! Er wollte wissen, wann ich denn nun führe.

«Sobald meine Frau zurückkommt», antwortete ich.

«Und wo ist sie ...?» fragte er, tatsächlich begriffsstutzig.

«Noch ist sie nirgendwo, sie wird erst. Ich gedenke, sie nach Österreich, nach Deutschland und in die Schweiz zu schicken, damit sie sich umschaut, was für Überraschungen mich dort noch erwarten könnten. Wenn alles in Ordnung ist, werden wir beide Anfang Januar starten.»

Erstaunte Stille im Hörer.

«Hallo», sagte ich, «ich hoffe, daß keine Einwände gegen ihre Reise bestehen?»

«Dafür ist allein die Paßbehörde zuständig», verwahrte er sich angewidert.

«Bei der ist sie auch gerade heute vorstellig geworden», beruhigte ich ihn. «Sie hat dabei Sie als Zeuge dafür angeführt, daß der Antrag begründet ist.»

21

Europa und Böhmen, Herbst 1974

Anfang September sah Zet die österreichische Premiere meines Stücks Armer Mörder in Wien. Mitte Oktober sah sie sich mehrere leere Wohnungen in Hamburg an, bis es ihr mit unserem sprichwörtlichen Wohnungsglück gelang, die richtige in der malerischen Milchstraße an der Alster zu finden, von wo man mit dem Boot ins Theater fahren konnte; sie sollte unser sein, wenn wir sie bis zum 31. Dezember mieteten. Und Hundehalten war erlaubt! Ende September meldete sich Zet schon aus Luzern, wo sie über die Einzelheiten der Uraufführung von Roulette für den nächsten Sommer verhandelte. Es war wie ein Traum aus einem anderen Jahrhundert.

Auch zu Hause lebten wir inzwischen wie in guten alten Zeiten, wir wurden so gut wie nicht festgenommen, fast jeder der Verbotenen holte zweiten Atem und schrieb mit voller Kraft. Der literarische Salon hatte ausgedient, weil er akustisch nur kleine Ausschnitte der neuen Arbeiten vermitteln konnte, unter denen sich umfangreiche Romane von Hrabal, Klíma, Šotola, Kliment und Gruša befanden. In dem Bedürfnis, das alles in Ruhe selber lesen zu können, fertigte sich einer der verfemten Autoren mit der Erlaubnis anderer von einigen Manuskripten Schreibmaschinenabschriften an.

Um die Kosten zu senken und weil es eine Sünde gewesen wäre, es nicht zu tun, bot er den nächsten Schriftsteller-Freunden Durchschläge an; eine ordentliche Schreibmaschine schaffte bis zu sechzehn. Die ersten «Ausgaben» zeichnete er auf einem selbstgemalten Neujahrsgruß hinter Schloß und Riegel. Die Edice Petlice, also Edition Schloß und Riegel, war geboren, höchstwahrscheinlich Europas bedeutendste verlegerische Tat der siebziger Jahre.

Ohne Redaktion und Administration, ohne feste Adresse und Distribution, ohne moderne Technik, selbstverständlich auch ohne Autorenhonorar begann eine seltsame Einrichtung zu funktionieren, die bald zum alternativen Großverlag avancierte. Dieser paßte in eine Aktentasche, unter deren Gewicht ihr Besitzer mehr und mehr stöhnte, der Vater und Sklave all dessen, Ludvík Vaculík.

Ein stattlicher Fünfziger mit dicker Brille und einem mächtigen Schnauzer, Walachenjunge aus Mähren, Lehrling in Baťas Schuhfabrik, Kommunist der ersten Stunde, Student, Erzieher, Redakteur im Rundfunk und endlich in Literární Noviny, der berühmten Wochenzeitung, die im Jahre 1968 auch dank seiner Beiträge eine Auflage von über 300000 erreichte, kam er gleich mit zwei Paukenschlägen in die zukünftigen Lesebücher: im Jahre 1966 mit dem autobiographischen Roman Das Beil über den tödlichen Schock, der den ideellen Altkommunisten durch die blutige Realisierung ihres Traumes in Form der Terrorprozesse versetzt wurde, und ein Jahr später mit der Rede auf dem IV. Schriftstellerkongreß, der den Prager Frühling mit eingeleitet hat. Der endete eigentlich mit dem Manifest der 2000 Worte, das wiederum Vaculík im Namen einer Gruppe von Wissenschaftlern formuliert hatte.

Der skrupellose Moralist, der aufhörte, taktische Gesichtspunkte in der Politik, Literatur und auch in der Liebe anzuerkennen, koste es, was es wolle, schrieb sich zum großen Stilisten empor. Seien es Zeitreportagen, sei es der zweite Roman Meerschweinchen, seien es die späteren kurzen Feuilletons, die er ein Jahrzehnt lang mit der Regelmäßigkeit des Vollmonds schreiben wird, sie alle gehören zu den eindringlichsten, geistvollsten und sprachlich ausgefeiltesten Texten, die in der tschechischen Sprache je geschrieben worden sind.

Dieser bemerkenswerte Mann, ständig von eigenen persönlichen, bürgerlichen und schöpferischen Stürmen hin- und hergeschleudert, im Nu gesellig und wieder verschlossen, konzentriert und zerstreut, bezaubernd und widerwärtig, liebenswürdig und rauh, kompakt und gespalten wie nur wenige große Persönlichkeiten, denen ich begegnet bin, wurde für Jahre freiwillig und ohne Bezahlung zum öffentlichen Dienstboten der tschechischen Literatur.

Diener seiner ebenso verbotenen Kollegen, deren neue Werke er abschreiben, zuerst nur broschieren, später dann – damit auch ihr Äußeres der Bedeutung entspreche – binden und schließlich sogar mit Originalillustrationen der besten verbotenen Graphiker schmücken ließ, doch ebenso auch Diener des ständig wachsenden Abnehmerkreises, dem er neue Bände in seiner schweren Tasche bis in die Wohnung zustellte und bei denen er meist lange die Schulden eintrieb: den Beitrag für Papier, Farbbänder, Kohlepapier, das Abtippen und das Binden.

Dank seiner furchtlosen Unermüdlichkeit wuchs der Akt geistiger Selbstverteidigung einer kleinen Gruppe zu einer nationalen Institution heran. Er versetzte der Macht einen Schock im kulturellen Bereich, von dem sie sich eigentlich nie erholt hat: Sie fand nicht einmal einen Paragraphen dagegen. Weil es nicht um Pamphlete ging, sondern nachweislich um Kunstwerke, von denen so manches bald darauf im Ausland erschien, weil alles von Hand und nicht mechanisch vervielfältigt war und vor allem, weil jedes Exemplar die Unterschrift des Autors trug, die ihm den Rechtsstatus eines Manuskripts garantierte, kam es dazu, daß die Bände der Edice Petlice bei Hausdurchsuchungen zwar häufig beschlagnahmt, aber dann auch oft zurückgegeben wurden.

Das Regime durfte keine weiteren Berge von Porzellan zertrampeln, wenn es sich gleichzeitig um einen neuen Eintritt in den europäischen Salon bemühte, was der Große Bruder gerade zu brauchen schien. Noch immer war die Kulturwelt bereit, eher Solschenizyn und Böll zu glauben als Hermlin und Engelmann. Das beeinflußte weiterhin sowohl das Denken der Entspannungspolitiker wie auch die öffentliche Meinung Europas.

Die Straflosigkeit der Edition war höchstwahrscheinlich von der gleichen Zauberküche garantiert, die für Zet und mich frische Reisepässe gebacken hatte. Die Zeit sollte bald verraten, daß sich die slowakotschechischen Falken, ob sie wollten oder nicht, an der allöstlichen Brautwerbung beteiligen mußten, mit der man den Westen soeben an den Verhandlungstisch der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa lockte. Von ihr versprach sich die Breschnew-Gruppe, daß sie die militärisch-politische Teilung des gefährlichen Kontinents zumindest für jene sprichwörtlich ewigen Zeiten gesetzlich verankern würde.

Von den vorhergehenden Tauwetterperioden sollte sich diese sicherheitshalber darin konsequent unterscheiden, daß sie keine riskante Erwärmung bewirken, sondern nur ein weiteres Fallen des Quecksilbers verhindern wollte. Die Edition Schloß und Riegel war deshalb nicht im geringsten ein Sproß gesellschaftlicher Bewegung, eine Frühlingsschwalbe, wie es etwa die Filme der tschechischen neuen Welle Anfang der sechziger Jahre waren. Sie war und bleibt ausschließlich Kind ihrer Väter, der tschechischen Schriftsteller der siebziger Jahre, die sich weder als Bürger noch als Künstler entmündigen ließen. Und vor allem Kind ihres Pflegevaters Ludvík Vaculík.

Als Mitte des vorigen Jahrhunderts die tschechische Sprache und Literatur dank der nie totgeschwiegenen Kralitzer Bibel der böhmischen Protestanten nach zweihundert Jahren Germanisierung von den Toten auferstand, verlegte der legendäre Kramerius sechs Dutzend Bücher, die er allerdings auf Gutenbergs praktischer Maschine druckte. Aus der tschechischen Geschichte ragt er bis heute wie ein Denkmal heraus.

Vaculík mit seinen maschinenschriftlichen Auflagen von sechzehn bis zweiunddreißig Exemplaren – ein- oder zweimal von Hand getippt – verbrannte unvergleichlich viel mehr Energie unter unvergleichbar schlechteren Bedingungen: Im Unterschied zum geschätzten Unternehmer Kramerius war er ein Geächteter. Weit über zweihundert Neuerscheinungen von Prosa und Poesie, die er so herausgegeben hat, werden ihm einen Platz in der tschechischen Kulturgeschichte auch dann noch sichern, wenn das Wort «husák», das «Gänserich» bedeutet, wieder nur ein Begriff aus der Naturkunde sein wird.

In der ungleichen Konkurrenz ließ der Ein-Mann-Verlag Vaculík, was die Qualität der veröffentlichten Arbeiten anlangt, alle Verlage des Regimes weit hinter sich. Eigenhändig holte er die tschechische Literatur aus dem Grab, indem er ihre Kontinuität wiederherstellte und den verbotenen Autoren das Gefühl des Publiziertseins wiedergab. Er war es, der als erster das Leben auf den Kulturfriedhof zurückbrachte und den schwierigen und langwierigen Prozeß seiner Auflösung in Gang gesetzt hat.

In jenem Herbst pflegten wir uns beide mit der uns angeborenen Pünktlichkeit mindestens einmal in der Woche an der öffentlichen Sauna vor dem Nationaltheater zu treffen, um dann drinnen eine Stunde lang miteinander, jeder über etwas anderes zu schweigen, oder zuzuhören, wie sich die Mitschwitzer über Versammlungen unterhielten, über Auslandsreisen und andere Erlebnisse aus einer für uns fremden Welt. Nackt und schnurrbärtig blieben wir unerkannt.

Im Schwimmbecken, klein wie ein Spucknapf, in die träge dahinfließende Moldau eingetaucht, teilten wir uns dann knapp und leise mit, was das weitreichende Ohr des Regimes nicht hören sollte. Dort antwortete Vaculík mir einmal auf die Frage, wie es ihm gehe, mit dem Satz, den ich selbst weiterhin dankbar anwenden werde, weil er die ganze Einsamkeit von Verfemten ausdrückt:

«Ich kann mich nicht beschweren. Ich wüßte nicht, bei wem.»

Im Jahre 1980 wurde er von führenden deutschen Schriftstellern für den angesehenen Preis des deutschen Buchhandels vorgeschlagen, der ihm, neben anderem, eine wichtige Immunität hätte verleihen können. Statt seiner bekam ihn der Geiger Yehudi Menuhin, dessen Schreibbemühungen sich niemals mit Vaculiks Geigenspiel vergleichen lassen. Vaculík spielt auch ziemlich gut Geige.

Vielleicht wird es mal in der Zukunft für einen schönen deutschen Musikpreis reichen?

22

Böhmen, noch Herbst 1974

Der Geist von Helsinki steckte noch in der Flasche, er sah ärmlich wie ein Embryo aus, doch war er schon ganz lebenslustig.

Die Schnepfen verließen Böhmen, Zet kam zurück. Die Paß- und Zollbeamten auf dem Flughafen Ruzyně überschlugen sich in Nichtbeachtung. Seit dem Frühlingstag, an dem mich Dr. Černý aus dem Kompost herausziehen ließ, hatte ich keinen Polizisten mehr gesehen, und meine Freunde allesamt ebensowenig. Es schien, daß der mit Wundermacht ausgestattete Mann uns wie eine besorgte Hausfrau jedes Steinchen, über das Zet und ich hätten stolpern und wodurch wir uns dann alles noch einmal hätten überlegen können, aus dem Weg räumte.

Er war sich, glaube ich, sehr wohl klar darüber, daß ich in dieser Zeit auch das geringste Symptom mit einer starken kollektiven Lupe untersuchte, um rechtzeitig herausfinden zu können, ob die Möglichkeit einer befristeten Reise wirklich Kennzeichen einer Wende zum Besseren oder nur eine List war. Und bestimmt war er sich meiner Solidarität mit den Freunden bewußt, die, wenn ich sie jetzt bezeugen müßte, das zarte Gewebe seiner Mühen unwiederbringlich zerreißen würde.

In der Unberechenbarkeit byzantinischer Regime, die am stärksten die Bürger bedrückt, welche in ihr Räderwerk geraten sind, liegt paradoxerweise auch die größte Hoffnung auf Befreiung. Zum Tauwetter, wie es seit dem Krieg fast alle, allgemein «östlich» genannten Gesellschaften erlebt haben – Polen sogar einige Male! –, genügt eine unerwartete tektonische Störung in der herrschenden Gruppe.

Um das System zu erhalten, sind dann die Regime oft zu weitreichenden Konzessionen bereit. Bei glücklicher Konstellation von Personen und Sternen, wie sie hier zuletzt Anfang der sechziger Jahre bestand, kann sich für längere Zeit eine atembare Atmosphäre herausbilden. Bedingung ist, eine solche Chance rechtzeitig zu erkennen, keine wesentlichen Fehler in der Einschätzung von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu machen, sich nicht auf den Fliegenfänger der listigen Macht zu setzen, aber auch den Schwan der Hoffnung nicht zu verpassen, der so schnell nicht wiederkommt. So verstand ich auch meine Reise nach Hamburg.

Doch ob es nun eine List war oder der Versuch des vorausschauenderen Teils der Machtgruppe in der sowjetischen Metropole wie auch der Unsrigen, das Odium politischen Ganoventums loszuwerden, das ihnen die Schlägertrupps unter ihnen angeklebt hatten: In diesem Sommer liefen die Interessen der zum Schweigen Gebrachten und der zum Schweigen Bringenden anscheinend parallel. Uns tat die Pause gut.

Das intensive Spiel auf den Tasten der Schreibmaschine konnte ich durch inständiges Üben auf den Saiten der Gitarre ergänzen. Ich erfüllte mir damit einen Kindertraum und konnte Zet bald ein Lied zum Beginn ihrer Christi-Jahre, womit in Böhmen das dreiunddreißigste Lebensjahr bezeichnet wird, komponieren. Eine fehlerhafte Sicherung in meiner Psyche, die oft Körperkraft mit Willensstärke verwechselt, brachte mir eine neue Sehnenentzündung im Handgelenk ein und verhinderte meine Konzertkarriere. Schade, ich wäre vielleicht – wie der Geiger Menuhin – dem Preis des deutschen Buchhandels nähergekommen.

Der einzige, der seine Chance restlos nutzte, warst du, mein begabter Dackel. Am Morgen des 6. Oktober schlug deine ruhmreiche Stunde. Die Ehefrau des Ing. Čech, dessen altes Herz so erregt war, daß sie ihn lieber zu Hause ließ, übernahm dich von uns, das letzte Mal, um dich offiziell zu dem entscheidenden Akt, der gefürchteten Musterung auf der Nationalen Zuchtschau, zu begleiten.

Sie fand unweit des Krankenhauses in Krč statt, wo wir nach den ersten drei Operationen mit sinkender Hoffnung den sterbenden Freund Jan Procházka besucht hatten, unter dem Wald bei Lhotka, der bald zum Teil einer neuen Prager Siedlung weichen sollte. Wir ahnten nicht, daß gerade dieser abgelegene Hügel dreißig Monate nach unserer Vertreibung vom Hradschin wie der Zauberberg versuchen würde, uns für immer an sich zu ziehen.

Heute jedoch bebte die Wiese vom erregten Gebell vieler deiner Stammesgenossen. Glatthaar-, Rauhhaar- und Langhaardackel, Jungen und Mädchen, mit zarter Haut wie Saffian und mit zerkraustem Schafsfell, von semmelbeige und pfeffergrau über kaffeebraun bis kohlrabenschwarz, Deutschdackel mit latschigen Pfoten, die aus der Brust zu wachsen schienen, verfeinerte Nachkommen der k. u. k. Dackeldynastien und auch hohe böhmische Dackelwalachen, das alles da capo al fine in Zwergenausgaben, ihr zerrtet ja, bäumtet euch an den Leinen der nicht weniger erregten Besitzer und Führer.

Weder die rauhen Berufsförster noch die hohen militärischen und polizeilichen Ränge, die Paradeuniformen angelegt hatten, um so die Autorität ihrer Lieblinge zu verstärken, weder die Zivilpotentaten, welche akademische Titel, politische Funktionen oder sogar das allmächtige Szepter des Leiters eines Geschäfts mit Mangelware in die Waagschale werfen konnten, noch gar die abgebrühten politischen Unpersonen wie Zet und ich konnten das Beben der Glieder und der Seele verbergen, als ihr jetzt vereinzelt einer minuziösen Untersuchung unterzogen wurdet, vor der Personalfragebogen, gerichtliche Verhöre und militärische Schwanzparaden geradezu verblaßten.

Einige Männer, deren Inneres sich während der Jahre ihres Schiedsrichterns bei Hundewettbewerben und Ausstellungen, von Klagen und Händeringen erfolgloser Besitzer begleitet, gepanzert hatte wie einst das Herz der Inquisitoren, leierten über jeden von euch eine Litanei herunter, ähnlich dem Start-Check eines Jumbojets.

Schon bei der lauten Aufzählung der jeweiligen Eltern, Großeltern und Urgroßeltern sahen wir, wie sich die Nüstern der Richter lobend oder ablehnend blähten. Sie ähnelten Vorkostern, denen Namen und Jahrgänge der Reben präsentiert werden. Wie wir angenommen hatten, rief dein Stammbaum Aufmerksamkeit hervor, die der Name des Führers noch verstärkte. Ein Dackel, der das Vertrauen von Ing. Čech höchstpersönlich gewonnen hatte, schien hier den Respekt eines vom Herzog von Edinburgh gesattelten Rosses zu genießen.

Sie begannen, aus den amtlichen Zeugnissen die Noten deiner Prüfungen vorzulesen und nickten anerkennend bei den Anmerkungen der Kommissare «laut auf der Spur» oder «apportiert aus dem Wasser». Dann kam der große Augenblick der Wahrheit, vor dem sogar die Förster und ebenso die Offiziere des Staates und der Partei zitterten, denn wie bei Menschen gilt auch bei Hunden: Nobody is perfect! Sie hoben dich auf den Tisch, um deine Fehler zu entdecken.

Einen Fehler, obwohl verborgen, hattest auch du, ruhmvoller Edi! Und wir wußten davon und warteten, ob er entdeckt werden würde. Du wurdest gewogen und gemessen, betastet und gewendet, dein Blick geprüft und dein Schwanz, oder besser deine Rute, wie wir Züchter eigentlich nach Jägerart sagen sollten, taktloserweise hat man sogar deine Männlichkeit streng geprüft!

«Dünnes Unterhaar ...», verkündete einer der Auguren, wobei er dein Fell zwischen den Fingern drehte, und uns blieb das Herz stehen, bevor er hinzufügte – «aber samt Deckhaar in der Norm.» Dann stellten sie dich auf den Boden und ließen dich im Kreis gehen. Und gerade das war der riskante Moment, das Hazardspiel um die zukünftige Spielbank voller Welpen. Aber schon war es auch vorbei. Der Hauptschiedsrichter leitete aus den Bewegungen der übrigen Köpfe ein übereinstimmendes Urteil ab, das er jetzt zu Protokoll verkündete.

«Edison Venor, Besitzer Ing. Čech, E. R., Zhd.»

Dieser einzigartige Ausspruch, vom neidischen Klatschen der Konkurrenz begleitet, bedeutete, übersetzt in Menschensprache, daß du die höchste Klassifikation, «Elite-Rekord», zugestanden bekommen hattest und das Prädikat «Zuchthund der Tschechischen Sozialistischen Republik».

Du warst nun der dritte Akademiker in unserer Familie, und der einzige summa cum laude. Und auf der ganzen Welt wußten nur vier Eingeweihte, daß du zu häufig erregt den Schwanz hebst, was ein erstklassiger Dackel keineswegs darf. Vor der Kommission allerdings zeigte sich, daß auch du das wußtest. Du hast deine Schau mit der Gelassenheit eines Vollprofi-Rüden abgezogen.

Frau Čechová wehrte den Ansturm der ersten kaufwilligen Interessenten ab, notierte sich aber die ersten Bewerber um deinen Samen und Stamm. Aus dem Klosterrestaurant beendeten wir telephonisch die Qualen des in Písek wartenden Ing. Čech. Beim Kaffee wurde in deinen Rassehundausweis die neue Besitzerin eingetragen: Jelena Mašínová.

Da sie bei der Heirat ihren Mädchennamen behielt, wurde die strenge Hundepolizei des Staatsverbandes für die Zusammenarbeit mit der Armee getäuscht: Zet fiel nicht auf, ihre Mitgliedschaft hat man nicht abgelehnt. Dein Liebesleben war nun erlaubt und vom gesamten sozialistischen Lager garantiert.

Bis auf Widerruf.

23

Böhmen, Winter 1974

Die Freunde fingen an, sich zu interessieren, ob es auch dieses Jahr die traditionelle Neujahrskarte geben werde. Sie fragten besorgt, ob wir sie aus Prag oder aus Hamburg schicken würden. Der Antrittstermin in der Freien und Hansestadt näherte sich, und meine unerfüllbaren Forderungen wurden in der Tat eine nach der anderen erfüllt. Nach der Militärverwaltung überwand sich auch die Staatsagentur «Pragokoncert». Sie teilte uns mit, sie habe zwar nicht die Absicht, uns zu vertreten, doch erhebe man gegen unsere Tätigkeit im Ausland keine Einwände. Damit verzichtete sie auf ihr Monopol und sogar auf dreißig Prozent Provision, wenn wir nur fahren würden.

Ich war dazu entschlossen, falls wir bis Freitag, den 20. Dezember, nicht auf einen einzigen Beweis stießen, daß uns die Gegner unserer Rückkehr eine erkennbare Falle gestellt hatten. Ich sehnte mich nicht danach, mich monatelang wie ein Bergsteiger an der Eigernordwand zu sichern, um mir dann an einer übersehenen Bananenschale den Hals zu brechen. Das Datum hatten wir so gewählt, damit wir uns ein Weihnachten in Ungewißheit ersparten.

Der Geruch der Theaterbühne, den ich schon fünf unendliche Jahre entbehrte, lockte mich genauso wie dich der Gestank einer verschimmelten Wurst, mein feinfühliger Dackel, die du uns am vorletzten Sonntag von irgendwoher vorwurfsvoll vor die Tür geschleppt hast, als Zet dir aus Schlankheitsgründen einen Fasttag verordnet hatte; trotzig schlucktest du sie vor unseren Augen. Ich sehnte mich nach der Möglichkeit, meine Stücke leben zu sehen, doch zugleich weckte mich in den Nächten die Angst, daß ich dafür, wenn es schiefging, die Bühne meines Lebens für immer verlöre.

Diesen Geisteszustand drückte auch das Motiv des Neujahrsphotos aus, das wir schon Anfang Dezember aufgenommen hatten. Als wir dich, «Elite-Rekord», zum letzten Mal aus Písek abgeholt hatten, stießen wir auf einen Wegweiser mit der Kilometerangabe, die der Zahl des kommenden Jahres entsprach. Der erste Photoversuch, an dem auch unserrr Grrroßmeisterrr des rrr, Valtrr, teilnahm, gelang dem Freund Štěpán nicht. Unmittelbar vor dem zweiten begann es zu frieren, was uns zwang, nur den leeren Käfig mitzunehmen.

Auf dem Rückweg entschlossen wir uns, auf den Erfolg der Aktion im «Junior-Klub» anzustoßen, der am Nachthimmel Prags die von politischen Schädlingen desinfizierte «Viola» abgelöst hatte. Er interessierte mich schon deshalb, weil er im Hotel des wieder normalisierten Jugendverbandes lag, und zwar in demselben Raum, in dem ich Anfang der sechziger Jahre wegen meiner Kritik an seiner Tätigkeit vom Präsidium abgewählt worden war. Vor allem aber, weil er zum Treffpunkt tschechischer Popsänger wurde, die einstmals, als man es duldete, Ultraantikommunisten waren, danach, als man das gerade trug, Hurra-Patrioten, seit der «Normalisierung» jedoch nur noch brave Buben, die sich nach einer opportunen Tournee in die Sowjetunion drängelten und sich auf Befehl der Fernsehkommandatur sogar die lange Haarpracht stutzen ließen. Zu ihrer Rechtfertigung verbreiteten sie die Legende, ohne ihre seichten Sing-Songs wäre das Volk endgültig verstummt.

Sie und die Sternenbündel junger Journalisten ohne Furcht und Tadel, Janoušek, Tvrzník, Šmíd und wie sie alle hießen, waren vor einigen Jahren vehement mit berechtigter Kritik an der vorhergehenden Generation angetreten. Mich fragten sie immer wieder, wie ich meine frühen Oden hatte ernst meinen können, und waren nicht bereit, mir zu glauben, daß es sich um ein intellektuelles Versagen gehandelt habe, das jedoch nie ins Moralische entgleiste; die Buße habe ich soeben das sechste Jahr bezahlt.

Sie alle zusammen dagegen sangen und schrieben jetzt für schweres Geld gegen ihre einst so brennende Überzeugung, dachten sich eine Philosophie aus, daß ein Streit unter Kommunisten sie nichts angeht, und betranken sich, damit sie das selbst glauben konnten. Der «Junior-Klub» war ihr allabendlicher Stützpunkt. Der Untergang anderer Lokale zog hin und wieder auch die Geächteten hierher, die eigenartigerweise gern gesehen waren, vielleicht als Touristenattraktion. Der bizarren Menge, von der goldenen Nachtigall Karel Gott auf der Licht- und dem derzeit in einer Brauerei schuftenden Václav Havel auf der Schattenseite flankiert, zwischen denen Devisenwechsler, Polizeiagenten, Photomodelle, Zuhälter und vor allem Neugierige aller Art sich drängelten, präsidierte donnernd der Schauspieler Pavel Landovský, damals noch als Godfather, überzeugt, daß er sich alles erlauben konnte.

«Ich lade euch morgen in den ‹Revisor› ein», sagte er uns an diesem Tag befehlshaberisch, «es spielt ihn wieder der Oleg!»

Oleg Tabakow, der jüngere meiner beiden russischen Olegs und nach dem Weggang von Jefremov zum Thalia-Tempel Mchat jetzt selbst der Chef des berühmten Moskauer Theaters «Sovremennik», hatte bereits vor sechs Jahren im Prager Schauspielclub Gleiches gespielt. In jener Zeit, in der die heutigen «Junior»-Jungs ihre Progressivität durch Ablehnung alles Russischen genauso vehement demonstrierten, wie sie jetzt kollaborierten, war dieses russische Solo inmitten einer jungen tschechischen Truppe ein riskantes Unternehmen. Daß es so vollendet gelang, war das Verdienst des ganzen Ensembles, doch vor allem zweier gottbegnadeter Schauspieler – Tabakow als Chlestakov und Landovský als Hauptmann.

Jetzt, als auch Böhmen durch das Verdienst eigener Hauptleute wiederum periphere Provinz des russischen Reiches geworden war, wiederholte sich der Triumph auf andere Art und Weise: Die Groteske war diesmal von grausamer Wirklichkeit durchtränkt. Sie wurde zur Hommage für den unsterblichen Genius der Kunst, der weder so zerstörbare Völker wie das tschechische noch so alles- und selbstzerstörerische wie das russische geistig verkümmern läßt. Ein Sternabend des Theaters.

Der berühmte sowjetische Künstler lockte die erste Garnitur der Kulturbeamten des Regimes zu der Premiere. Landovský setzte seine Freunde neben sie. Zum ersten Mal trafen hier außerhalb diplomatischen Bodens diejenigen, deren Schicksale die sowjetischen Panzer überrollt hatten, mit denen zusammen, die diese Panzer gerufen oder zumindest willkommen geheißen hatten.

In dem winzigen Kellerfoyer des Theaters «Činoherní klub» konnte man sich nirgendwo verstecken, und wenn man sich durch die engen Reihen der Sessel drängte, war es nicht möglich, auszuweichen. Nicht einmal wegtreten konnte man: Die Staatsmannschaft durfte dem sowjetischen Gast nicht den Rücken zeigen. Daß sie ihn uns jetzt nicht einmal technisch zukehren konnte, deprimierte sie zutiefst.

Wer der Macht täglich ins Auge schauen mußte, hatte damit keine Probleme. Schon während meiner Selbstverpflegungs-Mittagessen im Schriftstellerklub erlernte ich einen Blick, den ich «Krawattenblick» nannte. Jan Pilař, der Direktor des Schriftstellerverbands-Verlags, war es, dessen Schamlosigkeit mich zum erstenmal zwang, mit einem auf den Knoten seiner Krawatte geheftetem Blick an ihm vorbeizugehen. Die starren und doch nicht sehenden Augen nötigen unliebsame Bekannte zu bemerkenswert komischen Reaktionen, einem unvollendeten Niesen ähnlich.

Es war, als ob ein umkämpfter Schützengraben durch den Zuschauerraum liefe. Die einen fesselte sowohl das mitreißende Spiel als auch die reizvolle Situation, die anderen schluckten vor Wut und vor augenblicklicher Ohnmacht. Sie zeugte vom schlechten Gewissen und von der Angst, die Renegaten auch in Epochen bedrückt, welche sich als tausendjährig betrachten.

Als sich Tabakow abgeschminkt hatte und ins Foyer kam, wählte er Zet für die erste Umarmung aus. Dann zog er uns beide in den schummrigen Zuschauerraum und ließ sich unsere Geschichten erzählen, während die Funktionäre des neuen Theaterverbandes am Buffet immer wütender warteten. Seine frische Präsidentin, Jiřina Švorcová, die einst in meinem Erstling Das gute Lied den verfrühten Höhepunkt ihrer Karriere gefeiert hatte, rächte sich jetzt an allen Kollegen, die sie wegen ihres nachlassenden Talents und ihrer zunehmenden Einfältigkeit in den Schatten stellten. Ihre Hauptrivalin Vlasta Chramostová hatte sie ganz persönlich auf dem Gewissen, andere Konkurrentinnen aus meinem alten «Weinberger-Theater» rettete nur bedingungslose Kapitulation.

Sie verließ diese erniedrigende Premieren-Party türenknallend, um dann nach einer Weile doch zurückzukehren und zu versuchen, sich den illustren Gast zu erkämpfen. Sie kam im Zuschauerraum auf uns zumarschiert, vor Erregung grüßte sie mich sogar zuerst. Mit der gekränkten Stimme des Ewigen Mohren, dem schon wieder Unrecht geschieht, fragte sie Tabakow, wann er Zeit für sie habe.

«Morgen, Irinka!» sagte er lieb und wandte sich wieder uns zu; sie ging fast weinend, während die Direktion zitterte, das Ensemble sich in die Fäustchen lachte und Landovský strahlte.

Am nächsten Tag ging Tabakow mit uns ins Klosterrestaurant essen, beteuerte uns sein Vertrauen und seine Freundschaft und versprach, obwohl von mir gewarnt, zum Zentralkomitee seiner Partei zu gehen, um dort offen über die Schweinereien zu berichten, die hier im Namen und auf Kosten seines Vaterlands geschahen. Er lud uns auch zu seiner Abschiedsfeier nach der letzten Vorstellung ein: Einmal im Leben aß Zet Kaviar mit dem Suppenlöffel. Weder das eine noch das andere werde ich ihm je vergessen. Und wer weiß, ob ihm nicht auch seine Heimat einmal dankbar sein wird, daß er zu den ersten Mutigen gehörte, die ihren schlechten Ruf zu verbessern suchten? Auf den Abgang der Eismänner sollten die Sowjetunion und die Welt noch ganze zehn Jahre warten ...

Als er abreiste, hinterließ er in uns ein Gefühl, für das er sogar den Beifall Dr. Černýs verdient hätte: daß die Welt fast in Ordnung und nichts zu fürchten sei, so daß wir auch unbesorgt nach Hamburg reisen könnten.

24

Böhmen, noch Winter 1974

Der Strom guter Nachrichten hielt an. Dr. Černý besuchte uns nach höflicher Voranmeldung persönlich, um uns mitzuteilen, daß die Paßbehörde jetzt ebenfalls unserer Forderung entsprochen habe: Wir sollten dreimal im Jahr zurückkehren dürfen, damit Zet ihre Eltern und ich meine Kinder sehen konnte. Dir, mein sexbesessener Dackel, öffnete allein das Impfzeugnis alle Grenzen, und mit deinem stolzen Zuchttitel konntest du dich durch bloßes Decken am leichtesten von uns dreien ernähren. Mit Sicherheit am angenehmsten.

In der Erwartung eines Besuchs des großen Magiers ließ ich mir eine einmalige Übertretung gegen bürgerliche Ehrenhaftigkeit zuschulden kommen: Ich versteckte ein leistungsfähiges Tonbandgerät im Kamin und nahm das Gespräch zur Sicherheit auf. Wenn dann später Dr. Černý wie andere vor und nach ihm plötzlich spurlos verschwinden würde, blieb ein hörbarer Beweis, daß ich nicht mit einem Phantom gesprochen hatte.

Vier Jahre später wird diese Aufzeichnung der zweistündigen Lügereien eines hohen Staatsbeamten ein einzigartiges Zeitdokument darstellen. Und doch: Obwohl es nur um einige Dutzend Meter Tonband ging, verglichen mit den Hunderten von Kilometern, auf denen sie mich heimlich konserviert haben, fühlte ich schon damals Verlegenheit, die mich nie wieder verließ. Ein weiterer Beweis, daß man sich überlegen sollte, ob Kinderstube und Tugenden wirklich das Beste sind, seine Nachkommen für diese Art von Welt auszurüsten.

Von meinen Forderungen warteten nur noch zwei darauf, erfüllt zu werden: das Einreisevisum für meinen Kasseler Verleger Eric Spiess und eine Änderung in der sturen Haltung der tschechoslowakischen Theater- und Literaturagentur Dilia. Obwohl sie sich als die einzige gesetzliche Vertreterin des gesamten heimischen Schaffens verstand, hatte sie es nach dem Verbot meiner Stücke in der Čssr zusätzlich abgelehnt, ihre Aufführung zumindest im Ausland zu legalisieren.

Eine Woche vor Weihnachten erhielt mein Bühnenverleger nach drei Jahren wieder ein Visum und reiste sofort nach Prag, um den Entscheidungstermin nicht zu verpassen – Freitag, den 20. Dezember. Zwischen uns und der Großen Reise stand fast nichts mehr, und wir zitterten vor unserem eigenen Mut. Denn jetzt konnten wir nur mehr fahren oder aber sang- und klanglos zugeben, daß wir den Risiken nicht gewachsen waren. Dann aber hielt die Falle, die man uns doch gestellt hatte, den Druck nicht mehr aus und krachte zusammen.

Die Vorwarnung kam wieder einmal aus Moskau. Oleg Tabakow hatte gleich nach seiner Rückkehr sein Versprechen gehalten und war zur ideologischen Abteilung der Partei gegangen, um seinen Bericht vorzutragen. Dort erwartete ihn schon die Retourkutsche, er habe durch seine öffentlichen Affären mit Revisionisten in Prag in unerhörter Weise alle tschechischen Patrioten und Kommunisten brüskiert. Das brachte ihm eine Rüge und ein längeres Verbot von Auslandsreisen ein. Die Patriotin Jiřina Švorcová hatte ihn persönlich angezeigt. Wer sie noch immer auslachte, fing über Nacht an, sie zu fürchten. Auch für Landovský hatte die Stunde geschlagen. Bald danach wurde er gefeuert und nirgendwo mehr engagiert.

Daß auf diese durchschnittliche Provinz-Tante in der Metropole mehr gehört wurde als auf einen ihrer besten und beliebtesten Künstler, glich einem Schlechtwetterleuchten in der Ferne. Unmittelbar darauf donnerte es auch schon in Prag. Unerwartet glatt verlor ich den Gerichtsstreit mit der Staatsbank, die angefangen hatte, meine Honorare im Sinne der geheimen und daher gesetzwidrigen Anweisung des Finanzministeriums fast auf Null zu rupfen.

Ich hatte auch früher alle meine Gerichtsstreitigkeiten schon immer im voraus verloren. Ich führte sie weniger, um mir den Rechtsweg zu der Fata Morgana späterer Rehabilitationen offenzuhalten, als vielmehr aus Neugier und Dickköpfigkeit, ähnlich dem Streit um meine Hauptmannssterne. Mit den armen Rechtsvertretern schloß ich ein unübliches Abkommen: Wenn ich irgendeinmal doch gewinnen sollte, würden sie es sein, die eine gute Flasche spendierten.

Sonst sollte ich es tun, und ich tat es immer, weil wir nie gewannen. Ich verbeugte mich vor dem Mut, daß sie es überhaupt wagten, mich zu vertreten: Sie riskierten ihren Ruf und die Lizenz. Neu war, daß sich der Richter diesmal nicht einmal mehr um den Anschein einer juristischen Konstruktion bemühte. Obwohl ich ihm Dank des wagemutigen Informanten die geheimen, diskriminierenden Dokumente in Abschrift und samt Amtsnummern auf den Tisch legen konnte, kodifizierte er mit seinem schnellen Urteil hemmungslos die Existenz einer Gruppe Rechtloser. Nach langer Zeit verschlug es mir wieder den Atem.

«Ich bin als Bürger hergekommen», sagte ich ihm nach der Verkündung, «und gehe als Neger weg.»

«Das ist eine Beleidigung des Gerichts!» schrie er hinter mir her, «ich werde daraus Konsequenzen ziehen!»

Wahrscheinlich hat ihm das jemand ausgeredet, denn die Lockversuche gingen ungestört weiter. Als ich es schon nicht mehr erwartete, wurde das ausgeklügelte Spiel von der Dilia verdorben. Nachdem Eric Spiess am 19. Dezember angekommen war, warteten wir stundenlang am Telephon, daß uns die Agenturleitung den Termin für ein Zusammentreffen nannte. Am Tag darauf, unserem Stichtag, wurde mir nach meinem dritten Anruf kurz und bündig mitgeteilt, sie wüßten nicht, worüber sie mit uns verhandeln sollten.

Streng juristisch bedeutete das: Wenn ich in Hamburg im Sinne des Vertrags mit dem Ernst-Deutsch-Theater mein erstes Stück inszenierte, könnte die Staatsagentur eine Anzeige erstatten, ich hätte damit gegen ihr Monopol verstoßen und somit auch gegen das Devisengesetz. Das würde eine Reihe von Maßnahmen erlauben, von der Aberkennung der Staatsbürgerschaft bis zur Verurteilung und der Beschlagnahme des Eigentums.

Das ständige Aufschieben, Verhandeln, Warten, die fast übergeschnappte Vorsicht – alles hatte sich also ausgezahlt. Wir erwischten sie buchstäblich eine Minute vor zwölf. Ich führte das knappe Schlüsselgespräch aus der schimmeligen und stinkenden Telephonkabine im Flur des Klosterrestaurants. Jahrzehntelang schon hatte ich von hier Unwichtiges und Erhabenes gefragt, besprochen und verabredet: wie wessen Zeugnis war, was wem welcher Arzt gesagt hatte, wo ich wen wann treffen könne, was ich wofür bekomme, wann ich zu wem kommen solle, wenn jemand anderer gerade nicht dort war, und wie lange ich bleiben dürfe, bevor er wieder zurückkomme, damit er mich dort nicht erwische.

Mir schien dieses kurze Gespräch zu den wichtigsten meines Lebens zu gehören. Ich zündete mir eine Zigarette an und rauchte gierig, bis mir in der engen Zelle die Augen zu tränen anfingen. Sie tränten dann auch die ganze Weihnachtszeit über: Noch vor Neujahr sollte ich denn auch meine allererste Dioptrie erhalten. Jetzt wischte ich die roten Augen mit dem Taschentuch ab, kehrte in den Speisesaal zurück, wo Zet und mein Verleger warteten, und sagte nur:

«Abgeblasen.»

«Tut es dir so leid?» fragte Zet überrascht, als sie meine Augen sah.

Ich weinte weiter und lachte dabei. Es war verrückt, mir entrann die Welt, das Theater ins Unerreichbare, und doch kehrten Ruhe und Gelassenheit in meine Seele zurück. Gerade hatte ich erkannt, warum so viele Leute die bloße Vorstellung der Emigration schreckt: Man gewöhnt sich auch im Schatten des Galgens, weil man ihn kennt und die Sprache der Henker versteht.

Ich rief sofort die Nummer an, die mir Dr. Černý einmal gegeben hatte, falls ich ihn dringend brauchen sollte. Ich war froh, daß er sich nicht selbst meldete und hinterließ ihm bei irgendeinem Diensthabenden die Nachricht, die Dilia habe meine Reise schlicht unmöglich gemacht. Dann fuhren wir an die Sázava. Den Kamin anheizen, eine besonders gute Flasche öffnen. Die gestorbene Chance bedauern. Und den Verbleib im vertrauten Käfig feiern.

Daß Dr. Černý unverzüglich aufzutreiben war und schon am Samstag die Dilia zu der dringenden Bitte um ein sonntägliches Zusammentreffen gedrängt hatte, zeugte von einem Erdbeben höheren Grades. Im Parkhotel erschienen am Sonntag vormittag sogar zwei Vertreter der schuldbewußten Agentur und benahmen sich kulant wie zu Zeiten, als ich ihr Paradepferd war, das sie stolz auf Rennen in ganz Europa begleiteten.

Um nicht vielleicht doch in Versuchung zu geraten, hatte ich meine definitive Absage Friedrich Schütter nach Hamburg noch am Freitag mitgeteilt. Er gab sie sogleich an die Presse weiter. Jetzt blieb ich dabei: ein Mann – ein Wort.

Und so blieb von der ganzen Reise, an die wir acht Monate Energie verschwendeten, um acht Monate Ruhe zu gewinnen, nur das Neujahrsphoto übrig, auf dem Zet herausfordernd nach dem Wegweiser gen Westen blickt, während ich beharrlich ins Landesinnere zeige, was sich diesmal als weitblickender erwies.

25

Böhmen, Winter 1974/75

Es kam das neue Jahr, und mit ihm der alte Dreck. Friedrich Schütter hatte statt meiner einen anderen Regisseur engagiert. Die Reise war vergessen, die Schonzeit zu Ende. Die Bemühungen der staatlichen Agentur erloschen so plötzlich, wie sie aufgeflammt waren. Der verschmähte Dr. Černý schwieg. Für uns begannen die alltäglichen Probleme. Für zweifelhafte Abwechslung sorgten ab und zu nichtalltägliche Variationen, die zumindest die stumpfsinnigen Belästigungen um frische Farben und Töne bereicherten.

Antipoden zu all denen, die trotz polizeilichen Verbots und Überwachung versuchten, uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen, waren die menschlichen Ratten. Aus scheinbaren Wohltätern, die verbotene Übersetzer, Dramatiker und Drehbuchautoren unter ihrem eigenen Namen publizieren ließen – zu dieser Zeit war es ein beliebtes Spiel zu raten, wer der wirkliche Autor dessen war, womit sich Zelenkas Fernsehen in seiner Not schmückte –, wurden immer deutlicher moderne Sklavenhändler, die sich außer dem ungeteilten Ruhm auch mehr und mehr vom Honorar ihrer Schützlinge aneigneten.

Wieder einmal bescherte mir mein komödiantisches Schicksal die kurioseste Geschichte, als sollte ich dafür sorgen, daß ihr Protagonist nicht in Vergessenheit geriet. Seinetwegen ging ich am 6. Januar zu meinem Rechtsanwalt in der Hybernská-Gasse, um dort nach Jahren den einst erfolglosen Dramatiker und jetzt erfolgreichen Dramaturgen des Slowakischen Fernsehens in Bratislava wiederzusehen, Rudo Kazík.

Zum ersten Mal kreuzten sich unsere Wege im Jahre 1957, kurz nachdem ich für das Prager «Weinberger-Theater», dessen Hausautor ich war, Davnym Davno, ein Stück in Versen von dem sowjetischen Autor Gladkov, gründlich überarbeitet hatte; den Urtitel könnte man am ehesten mit dem märchenhaften «Es war einmal» übersetzen. Den Umfang der Bearbeitung, die sogar eine Genre-Änderung zur Folge hatte, sollte mein neuer Titel Eine ewig junge Geschichte sichtbar machen. Die weiblichen Hauptrollen spielten die damals noch hübsche und vielversprechende Jiřina Švorcová und die damals wie heute schöne und hervorragende Vlasta Chramostová.

Kurz darauf führte die «Neue Bühne» in Bratislava in angeblich eigener Übersetzung und Bearbeitung des slowakischen Kollegen Rudo Kazík das gleiche Stück auf. Weil dessen Schöpfung auch Eine ewig junge Geschichte hieß, interessierte mich das. Der slowakische Text, den mir die gleiche Dilia damals sehr bereitwillig besorgte, überraschte mich noch mehr.

Übereinstimmend hatten wir, Kazík und ich, dieselben zwei von acht Offizieren gestrichen, damit die übrigen an Profil gewannen, übereinstimmend ließen wir von fünf adligen Cousinen bloß drei übrig, und übereinstimmend gaben wir ihnen die neuen Namen Lili, Mimi und Sissi. Das Feuerwerk der Wunder fand seinen Höhepunkt darin, daß wir übereinstimmend das Stück um dieselben tausend Verse gekürzt und etwa dreihundert neue hinzugeschrieben hatten, ebenfalls die gleichen. Beide Texte bezeugten die Existenz von Zwillingsautoren, von denen bloß einer, mein Astralzwilling Kazík, in slowakischer Sprache schuf und das Pech hatte, sein Werk einige Monate nach mir verfaßt zu haben.

Die Dilia verwarf die Metaphysik und gebrauchte sofort das Wort Plagiat. Kazík reagierte blitzschnell wie ein Croupier, der versucht hat, einen fremden Gewinn einzustecken. Er rechtfertigte sich, es sei zu einem abstrusen Mißverständnis gekommen, die Programme wurden entsprechend verändert, das Honorar gerecht im Verhältnis 70:30 aufgeteilt, wie bei Übersetzungen aus dem Tschechischen ins Slowakische üblich, und das alles wurde vom Winde verweht ... bis zum

1. Januar des vergangenen Jahres, als ich das tschechische Fernsehen einschaltete und wiederum mein Werk slowakisch sah in einer funkelnagelneuen Inszenierung – selbstverständlich als das von Kazík! In seiner olympischen Unfähigkeit hatte er sich nicht einmal die Mühe gegeben nachzuprüfen, ob ich, wie mein langjähriges Schweigen zu beweisen schien, auch wirklich emigriert war.

Das ganze Schuld- und Sühne-Spiel von einst hätte sich also wiederholen sollen, doch es wiederholte sich nicht, denn inzwischen war aus mir ein Geächteter geworden und aus Kazík ein führender slowakischer Künstler, wie aus so manchen anderen unbegabten Betrügern, die jetzt im Sold von Doktor Husák schufen. Doch auch ein Betrüger mußte darauf achten, daß eine allzugroße Unverschämtheit seinen Neidern nicht als Knüppel diente.

Als die Dilia diese sauer gewordene Milch ihrer slowakischen Schwester, genannt Lita, servierte, sorgte diese ebenso prompt wie vor Jahren dafür, daß mir siebzig Prozent von Kazíks Honorar überwiesen wurden. Postwendend forderte ich nunmehr das Slowakische Fernsehen auf, auch die Angaben in seiner Programmzeitung zu berichtigen. Was zuviel ist, ist zuviel, und der Täter machte sich eilig nach Prag auf, um die Sache als Kavalier aus der Welt zu schaffen.

«Servus, Pavol!» begrüßte er mich stürmisch auf Slowakisch, als wären wir alte Freunde, «wie geht es dir?» Ein schlechter Autor wie er hatte sich eine entsprechend schlechte Ausrede zurechtgelegt: er wollte mir, behauptete er, auf diese Weise zu einem Honorar verhelfen, doch hatte er, leider, meine Adresse nicht auftreiben können, er versprach mir, wenn ich seine exponierte Stellung nicht bedrohte, mir in ähnlicher Weise auch künftig zu helfen. Dann zog er sechs Fünhundertkronenscheine aus der Tasche. Bevor er anfing, sie mir vielleicht wie einst Schweinebarone den Zigeunerprimassen auf die Stirn zu kleben, beauftragte ich meinen Anwalt, ihn zu verklagen.

Damals war auch mein schwer geprüfter Rechtsvertreter fest überzeugt, er würde die erste Flasche für seinen Sieg bezahlen können: Schließlich war die Schuld schon durch die amtliche Überweisung des Honorars zugegeben worden! Doch habe wieder ich die gute Flasche spendiert, und es tat mir nicht leid, weil ich jetzt mein Archiv um eines der morbidesten Urteile bereichern konnte. Dr. Alexander Vietor vom Bezirksgericht in Bratislava weist darin alle meine Ansprüche mit folgender einzigartigen Begründung ab:

«Das Bezirksgericht ist der Ansicht, daß die Autorenschaft des Klägers» – also meine – «bezüglich des benannten Werks nicht bewiesen ist, denn der Zeuge Kazík bestreitet diesen Umstand und behauptet, es gehe nur um sein Werk. Das Bezirksgericht ist der Rechtsauffassung, daß in dem vorliegenden Fall die Frage der Autorenschaft nicht erstrangig ist. Es ist nämlich nicht möglich, das Urheberrecht so weit auszulegen, daß auf dessen Grundlage die beklagte Seite» – das Slowakische Fernsehen – «die Pflicht hätte, nachzuforschen, wer der wirkliche Autor eines Werkes ist, wenn sie mit einer Person einen Vertrag abgeschlossen hat, die erklärt, Autor des Werks zu sein. Sofern der Kläger der Meinung ist, Rudo Kazík habe sich zu Unrecht als Autor des Werkes ausgegeben, muß er sein Recht gegenüber Rudo Kazík geltend machen.»

Danach habe ich mich auch gerichtet und dem Beispiel des seligen Jan Procházka folgend, mehrere Mal auf der Schreibmaschine den gleichen Text mit je fünf Durchschlägen getippt, die ich dann an diverse Einzelpersonen und Institutionen verschickte. Ich habe ausführlich alle Peripetien des alten und neuen Diebstahls beschrieben und den Urteilsspruch des Gerichts hinzugefügt, der wem auch immer das Recht einräumte, was auch immer zu stehlen. Die letzten Worte meines offenen Briefs habe ich mir bei Rostands Cyrano geliehen:

«Aus diesem Urteil leite ich ab, daß ich nach einer Art juristischen Selbstbedienung greifen soll, was ich hiermit tue: Ich mache bekannt, daß Rudo Kazík, Dramaturg des Slowakischen Fernsehens in Bratislava, ein Dieb, Lügner, Bestecher und Lump ist.»

Daß gegen dieses mein Urteil niemals, weder von Kazík noch irgendeiner Institution, Berufung eingelegt worden ist, zwingt mich zu behaupten: Es hat Rechtskraft erlangt.

Kurz nach der Begegnung mit Kazík fuhren wir nach Sázava, um den winterlichen Zustand des Hauses, des Gartens und der Natur zu überprüfen. Vor der Heimfahrt gingen wir spazieren. Auf dem Pulverschnee hatte sich eine dünne Eishaut gebildet. Gleich am Waldrand oberhalb des Hügels Skřivánek ranntest du auf und davon, mein stadtmüder Dackel, als ob man dich aus einer Schleuder geschossen hätte. Als es nach einer Stunde zu dämmern begann, bekamen wir Angst. Wir irrten und pfiffen schon hoffnungslos im Wald umher, als wir den ersten blutigen Tropfen sahen.

Weil du dir die Läufe an der Eisschicht aufgerieben hattest, hast du zum Glück rote Zeichen hinterlassen, an denen entlang wir jetzt stolpernd die Dunkelheit überholen wollten. Dann wären wir beinah über dich gefallen. Still wie ein Mäuschen hast du deine linke Pfote betrachtet, eingeschlossen in einer rostigen Zange. Als Zet sich niederbeugte, schnappte aus dem Schnee eine andere Wildererfalle um ihren Knöchel.

Ich geriet ins Schwitzen, bevor ich euch beide da herausbekam, zum Glück nur mit blauen Flecken und Schrammen. Dein Schutzengel hatte über dir und ihr seine sicherlich rauhhaarigen Flügel ausgebreitet, wie er es noch einige Male tun wird, bis wir uns an den schönen Gedanken gewöhnen, du seist ein Dackel-Achilles. Wo aber wird er am 10. Oktober 1978 morgens sein ...?

Pulsuz fraqment bitdi.

15,12 ₼
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730 səh. 1 illustrasiya
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9788711461457
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