Kitabı oxu: «Neues Altes»

Şrift:

Peter Altenberg

Neues Altes


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066112691

Inhaltsverzeichnis

WIDMUNGEN IN MEINE BÜCHER

WESEN DER FREUNDSCHAFT

WAS IST EIN DICHTER?

BEKENNTNIS

ENTWICKLUNG

SANKT-MARTINS-INSEL

KONZERT

BUCHBESPRECHUNG

IDEALE

EIN BRIEF

VARIÉTÉ

DIE ABGELEHNTE EINLADUNG

HYPOKRISIE

STRANDBAD »GÄNSEHÄUFEL«

RÜCKKEHR VOM LANDE

KRANKENLAGER

HUNDE

H. N.

HELGA

DAS TELEPHON

DIE LÜGE

PLAUDEREI

LEBENSBILD

LEBENSBILDER AUS DER TIERWELT

BRIEF AN MITZI VON DER »LAMINGSON-TRUPPE«, DÄNIN.

APHORISMEN

TEXTE AUF ANSICHTSKARTEN

Rokoko

Schneesturm

Wald im Winter

Weg im Winter

HEILMITTEL

DER NEBENMENSCH

SCHUTZ

BRANGÄNE

DER AFFE PETER

UNGEZIEFER

MUTTER UND TOCHTER

DER DICHTER

HYSTERIE

WEIHNACHTEN

DER TAG DES REICHTUMS

SO SOLLTE ES IMMER SEIN

INSCHRIFT auf der Photographie eines Mädchens aus gutem Bürgerhause

TOPE

BEKANNTSCHAFT

EIFERSUCHT

GOETHE

DIE PFLEGESCHWESTER ROSA SCHWEDA

GESCHWISTER

DER BESUCH

SOMMERABEND IN GMUNDEN

ÄSTHETEN

ERINNERUNG

VÖSLAU

EIN BRIEF

DER FORTSCHRITT

ÜBER LEBENSENERGIEN

STRANDBAD

WESEN DER RELIGION

WIE SIE ES GLAUBEN WOLLEN, SO IST ES!

»PRODROMOS«

RESTAURANT PRODROMOS

DER BRAND

RÜCKSICHT

MYOSA

IM STADTPARK

EHEBRUCH

HAMSUN-MENSCHEN

MEMOIREN

WIDMUNG AN ANNA KONRAD

DER TOD

EINE GANZ WAHRHAFTIGE BEZIEHUNG

IM VOLKSGARTEN

ANSPRÜCHE EINER ROMANTIKERIN

LEBENSWEG

DIENSTE

WIE ICH GESUNDET BIN

GOTTESGNADENTUM

AN EINEN UNMODERNEN ARZT

ZYNISMUS

NACHTCAFÉ

DIE NERVEN

BRITISCHE TÄNZERINNEN

DER TRATTNERHOF

ARTISTISCHE RUNDSCHAU, WIEN

PARFÜM

ÜBERS SCHREIBEN

ANGSTSCHREI

JULI-SONNTAG

DER JAGDHERR

EPISODE

JOSEF KAINZ

BETTLERFRECHHEIT

VON MEINEM KRANKENLAGER AUS

KRANKHEIT

AN EINE ELFJÄHRIGE (†)

KRANKENBESUCH

NOTIZ

RÜCKKEHR VOM LANDE

NICHTS NEUES

DAS DORF

GERICHTSVERHANDLUNG IN WIEN

SEMMERING, ENDE SEPTEMBER 1911

PETER ALTENBERG ALS SAMMLER

YVETTE GUILBERT

KRANKENPFLEGE

HERBST AM SEMMERING

HERBSTANFANG

EINE BEGEBENHEIT

BESCHÄFTIGUNG

BESUCH IM EINSAMEN PARK

TANZ

PETER ALTENBERG Von Hans Franck (Hamburg)

Werke von Peter Altenberg

WIDMUNGEN IN MEINE BÜCHER

Inhaltsverzeichnis

Fräulein H. M., immer und ewig werden die Dichter an dem fast absichtlichen »Unverständnis« geliebter, vergötterter Frauen zugrunde geh’n — — —. Du allein brachtest mir die volle Sicherheit, daß mein sonst so oft mißverstandenes Dasein von dir erkannt wurde, in Weisheit und in Milde, wie von Gott selbst — — —! Heißt man das Liebe?! Gleichviel. Es ist die »Erlösung«, die eben keine andere bringen kann!

An Frau D. M., in unzerstörbarer Freundschaft.

Freundschaft, du immer und ewig mißbrauchtes, geschändetes Wort! Du bist »Erkenntniskraft des Gehirnes«, gemildert durch »des Herzens Wohlwollen«!

An Maria Maraviglia, spanische Tänzerin.

Leben, flüchtigstes, zerrinnendstes, kann ich dich nicht festhalten?! Ja! Durch Erinnerung, Melancholie und Ergebung ins Schicksal — — —.

Frau M. B. in Aachen.

Aus Fernen kam ein begeisterter Gruß — — —. Wie selig war ich — — — zwischen Aachen und Wien ist genügend Raum für die Enttäuschungslosigkeit zusammengehöriger Seelen geschaffen — — —!

An die Gemahlin des Herrn J. S.

Wie eine Aristokratin sehen Sie aus des 18. Jahrhunderts — — —. Augen voll ernster Ruhe und Noblesse, und dennoch wieder Augen der Sphinx und der Rheinnixen! Die Nase wie von urältesten Adelsgeschlechtern herstammend, sanft gebogen und dennoch stumpf abbrechend. Adlernase und Stumpfnase zugleich! So aus einer Zeit von vergangener Würde und Größe. Man sitzt neben Ihnen, betrachtet Sie, spricht ehrfurchtsvoll, wie mit keiner anderen. Man ist unter einem unerklärlichen Banne. Wie wenn man vorgestellt würde der »Kaiserin Marie Antoinette«. Man möchte zu Ihnen sagen: »Votre Altesse Royale — — —«. Aber man muß über die kleinen Ereignisse des Tages sprechen — — —. Und dabei blickst du wie eine traurige Fürstin — — —!

Für P. H., die »Romantikerin«.

Sie erwünschen es sich, daß ich Ihnen von meiner einsamen Landpartie im Vorfrühling Blätter ins Haus sende, in die enge Gasse der Vorstadt?! Nun, ich befestigte alles einzeln vorsichtig an silbernen Drähten, zarte, gelbgrüne Blättchen. Wie gleicht Ihr Herz doch der Vorfrühlingslandschaft — — —! Man bedauert direkt, daß es bald zu greifbarer Blüte und Frucht ausreifen werde im Sonnenbrande des Lebens!

Für Gertrude Barrison, Tänzerin.

Kalt und hart scheinbar sind Sie im Leben, das alle zu leben, alle zu erleiden, alle zu ertragen haben! Aber hinter diesem »gewaltsamen Sein« schlummert den ewigen Schlaf, besiegt und längst abgestorben, die »vergrämte Idealistin«! Geschreckt von der Heimtücke des Daseins, traut sie sich nie mehr zum Vorschein — — —. Und nur des Dichters Auge blickt noch in Welten, über die der Sargschleier, alles verbergend, liegt — — —.

An Miß Bessie.

Ich hatte dich irrsinnig lieb und vergeblich — — — man hat immer nur irrsinnig lieb, wenn es vergeblich ist!

An Frau E. R.

Eine Welt von zärtlichster Zärtlichkeit mußte in mir ersterben, auf dein Geheiß! Auf deinen strengen unerbittlichen Wunsch! In späteren Tagen warst du sanftmütig und gütig zu mir; in späteren Tagen! Aber den »süßen Wahnsinn« hast du mir gemordet, wolltest durchaus meiner Seele endlose Welten auf ein erfaßbares Maß zurückführen; vergeblich! Stört euch »unser Wahnsinn«, so enttäuscht euch schließlich noch mehr die »normale Liebe« der anderen! Sind wir auch »übertrieben« in unserer Verehrung, sind die anderen allzu nüchtern in ihrer gesunden Gerechtigkeit!

An Else Wiesenthal.

Immer und überall im Leben vermißt man »Hoheit und Würde« und »edle Kindlichkeiten« zugleich! Aber in Ihrem Tanzen findet man es. Deshalb ist man so beglückt und erlöst und erleichtert. Was man an seiner geliebtesten Geliebten schmerzlich-melancholisch vermißt, findet man, erstaunt, gerührt, bei Ihnen! Unerbittlich und starr wird immer naturgemäß sogleich die Seele des Mannes, falls ein wertvolleres Bild vor seine Seele tritt! Ehebruch, Treuebruch, was seid ihr für nichtssagende Namen! Das »Zulänglichere« löscht einfach stets das »Unzulängliche« aus! Soll man weiter verehren, was der Verehrung nicht mehr wert ist?! Gehet von hinnen, Schwerfällige, wenn die »idealere Tänzerin« naht! Die »Gleitende« besiegt die »Schleichende«!

WESEN DER FREUNDSCHAFT

Inhaltsverzeichnis

Ich kenne nur zwei Menschen, die mir freundschaftlich gesinnt sind, mein Bruder und A. R. Sie verstehen alles, was ich denke, empfinde, sage, geben allen Dingen die wohlwollendste Auslegung. Sie sind ganz ohne »Fallen-stellen-wollen«. Sie vernehmen nur das Wertvolle, überhören eventuelle Mißtöne, ohne zu zucken. Sie schöpfen vom geliebten Menschen den Rahm ab, beklagen sich nicht über die wässerige Milch, die darunter liegt, sondern erfassen es als ein Naturgesetz, daß der Rahm nicht bis zuunterst reichen kann — — —. Sie erläutern uns nach unseren in uns verborgen liegenden Idealen, nicht nach unseren allen augenfälligen alltäglichen Schwächen! Sie lauern auf unsere seltenen Höhepunkte, beachten nicht unsere Verkommenheiten. Sie sind noble Ausleger, Ausdeuter unseres wirklichen Wesens. Sie begreifen unsere Schwächen, sie achten unsere Stärke! Sie sind mit uns, wie man mit edelrassigen Kanarienvögeln, Papageien, Staren, Hunden, Affen ist. Man achtet ihre Eigenart, fordert von ihnen nichts Unmögliches. Man hält sich an ihre »besonderen« exzeptionellen Eigenschaften. Diese wohlwollend-sentimentale Art von Nervengutmütigkeit heißt: Freundschaft. Jede andere ist tief verlogen. Diese edle »ewige Gutmütigkeit« ist von Gottes Gnaden! Man hat sie zumeist erst mit Verstorbenen. Da kommt man erst zur Besinnung über besondere Werte, dringt tiefer ein in das Wesen desjenigen, dessen Lebendigsein uns nicht mehr stört. So lange er lebte, beging er die störende Ungeschicklichkeit, ein anderer zu sein an Denken und Empfinden als wir selbst!

WAS IST EIN DICHTER?

Inhaltsverzeichnis

Er sah am »Gänsehäufel« ein fremdes junges Mädchen, ganz lang und schlank, goldbraune wehende Haare, lange, schmale Hände und Füße, ein ockergelbes seidenes Trikot an dem mulattenbraunen Leibe.

Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.

Er sah in einer japanischen Akrobatentruppe ein fünfjähriges Mäderl, gelber Teint, Stumpfnäschen, schwarze Haare wie eine Perücke. Lebendig gewordenes Kinderspielzeug!

Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.

Er las von einer wunderschönen Preisfechterin in Venedig, aus reicher, geachteter Familie, die ohne Grund, neunzehnjährig, sich aus ihrem Zimmer, drei Stockwerke hoch, aufs Pflaster stürzte und starb.

Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.

Er hatte neben sich eine, ganz, ganz neben sich, hart neben sich, bei Tag und bei Nacht.

Die konnte er aber vergessen, vergessen, vergessen!

BEKENNTNIS

Inhaltsverzeichnis

Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts!

Mein Aug’, mein Ohr, mein Denken und mein Träumen

gehörten vielleicht eher den dunklen Mädchen von den

Sundainseln, romantischen Gebilden fremder Welten,

die ihre stillen Wege gehn nahe dem Urwald — — —.

Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts!

Wie Märtyrerinnen warst du aus der Vorzeit,

oder wie Krankenpflegerinnen fremder Menschen,

wie sie heut’ noch sind in Krankenhäusern und in

Klöstern — — —.

Belohnung war dein eigenes Gefühl in dir!

Im Geben nahmst du tausendfach zurück,

was du gespendet. Und davon lebtest du!

Nun bist du in dem Dienste deiner heiligen Seele

krank geworden — — —

der magische Schein der Selbstaufopferung verlischt — — —

du kannst nicht mehr grenzenlos ergeben sein!

Und weinend siehst du nun zum ersten Male deines

Lebens Not — — —.

Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts!

Und dennoch traure ich verzweifelt am Sarge deiner

armen Seele — — —. Denn, glaube mir, sie starb!

ENTWICKLUNG

Inhaltsverzeichnis

Es gibt zwei Arten von Genies. Die, die eine neue naturgemäße Sache entdecken, und die, die es gläubig erfassen und verwerten. Der Glaube an die Genialität des anderen ist die nächstfolgende Genialität. Glaube an neue Erkenntnisse ist bisher unterschätzt worden. Es ist ein zweiter Grad von Genialität. Die anderen sind Skeptiker, also ungenial. Dann gibt es noch die Mitläufer mit den Schwindlern und Hochstaplern. Das sind die ganz Ungenialen, die einem ebenso Ungenialen wie sie selbst sind, feige Kärrnerdienste leisten. Sie leben von der Hoffnung, man werde sie ernst nehmen, weil sie einem nicht ernst zu Nehmenden ernstlich Gefolgschaft leisten! Aber in Gottes Buche ist alles verzeichnet, und dieser riesigen unerbittlichen Buchführung über Reelles und Unreelles unterliegt schließlich alles! Alles wird aufgedeckt, die reellen und die gefälschten Ziffern, und man sollte eben deshalb schicksalsergeben sein. Entwicklungskonjunkturen ausnützen ist jedoch eine der feigsten Gemeinheiten. Wenn man für die »Frauenseele« zum Beispiel kämpft, muß man zeit seines langen schrecklichen Lebens in jeder Beziehung daran auch elend verblutet sein. Die jungen Gänseriche haben aber noch einfach ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, ohne psychologische Mätzchen das Ihrige wie eh und je zu leisten. Der Entdecker leidet, und der Gläubige an ihn leidet. Aber der geschickte Ausnützer von Konjunkturen macht dabei seinen Rebbach.

Dasselbe findet in der Kunst statt. Gottes Pläne sind niemandem heilig, sondern man erstrebt es einfach, seiner eigenen verfehlten Organisation zum Durchbruche zu verhelfen! Freaks sind noch lange keine Genies, obzwar Genies oft Freaks waren. Sie waren es eben doch nur scheinbar. Denn hinter ihnen thronte Gott und die Natur, wenn auch ein wenig in allzu grotesken Formen. Es gibt Räusche, in denen man Symphonien dichtet; und es gibt Räusche, in denen man sich erbricht. Beides sind Räusche, Ekstasen, übertriebene Zustände. Aber Rausch und Rausch sind nicht gleich; und nicht jeder torkelnde Betrunkene schreibt dann in seinem einsamen Zimmer Schubert-Lieder!

SANKT-MARTINS-INSEL

Inhaltsverzeichnis

Als der Arzt ihr mitteilte, daß sie vor den dunklen Toren der Tuberkulose stehe, sagte sie: »Na, na, dös tun mer net, mit achtzehn Jahren?!«

Und sie eilte nach Gravosa, und lag auf der Sankt-Martins-Insel mutterseelenallein, mit ihren Proviantvorräten, von sieben morgens bis sieben abends, und breitete splitternackt die Arme aus, um die Heilkraft der Natur zu empfangen.

Sie ließ sich mit Mentholfranzbranntwein täglich zweimal eine halbe Stunde lang einreiben und nahm einen halben Liter Kakao mit sechs eingesprudelten rohen Eidottern. Ferner Bouillons mit eingesprudelten rohen Eidottern und Seefischfilets in großen Mengen.

Als sie gesund wurde, kam der Ehrgeiz und die Lebenslust über sie, und sie fand ein Engagement in einem ganz kleinen Theater. Ihre erste Rolle war die französische Gräfin Laborde-Vallais. Sie wußte durchaus nichts damit anzufangen, aber ein junger Herr schickte ihr in die Garderobe seine Visitenkarte.

Sie hatte sich mutig dem Tode entzogen, und bemerkte nun bald, daß das Leben es nicht wert sei, sich so sehr darum bemüht zu haben. Sie war dieser Gefahr »Tod« entronnen — nun kam diese größere Gefahr »Leben«! Dem konnte man nicht mit Sonnenbädern, Kakao, gesprudelten Eidottern, Mentholfranzbranntwein entrinnen!

Später lernte sie zufällig den Dichter kennen. Sie verstand nicht, worin das bestehe, ein Dichter zu sein. Man schreibt Bücher, und man ist ein Dichter. Aber was stellt es vor, und wozu ist es?!?

Aber eines Tages sagte er zu ihr: »Wie war es auf der Sankt-Martins-Insel?!? Sie lagen da, gottergeben, und erwarteten von Wiese, Wald und Sonne Ihre Heilung — — —.«

Und jemand sagte zu ihr: »Hören Sie mir schon auf mit Ihrer faden Sankt-Martins-Insel! Jetzt sind wir Gott sei Dank hier!«

Da blickte sie hilfeflehend zu dem Dichter, und sie fand einen hilfsbereiten Blick — — —.

Da wußte sie, was ein Dichter sei und wozu er da sei — — —.

KONZERT

Inhaltsverzeichnis

Du kamst aus dem Konzert, erfüllt von Liedern und den Liedertexten, die von Dichtern waren wie Stefan George, Richard Dehmel, Jacobsen, dem verstorbenen Dänen, der Musik in Worten machte.

Du warst schön und prächtig, gelb und gold war dein Gewand, und deine geliebten Augen blickten noch in Fernen, aus denen sie eben kamen. Ein Zwerg, ein Wurm, ein gekrümmtes armseliges Reptil erschien ich dir, ans Irdische dich feig gemahnend, die du aus hehren Fernen kamst, und meiner Liebe allzu gewohnte Seufzer verhallten in den Tönen deiner neuen Musikwelten.

Ich starb dahin vor Eifersucht auf das Konzert, und auf alles, was drum herum und dran hängt an Ablenkungen selbstverständlicher Art einer fanatisch geliebten Seele —. Ich starb dahin.

Du aber blicktest, gelb und goldig war dein romantisches Gewand, in Fernen, aus denen du soeben kamst, gleichsam von einer langen, langen, langen Reise —. Wo warst du, Frau?!?

Da senkte ich den Blick, der zuerst böse starrte, und ich ergab mich in das Schicksal — — —.

Du sagtest schlicht: »Es war sehr schön; man hat sehr viel gelernt; man blickte jedenfalls in Welten, die bisher verschlossen waren —.«

Da saß ich denn da und getraute mich nicht mehr, deine geliebten Hände zu berühren wie eh und je —.

Und du sagtest: »Was haben Sie?!?« Und ich sagte: »Nichts — — —.«

BUCHBESPRECHUNG

Inhaltsverzeichnis

Er hatte zu ihr gesagt: »Nun habe ich dich, über allen Kitsch der Künstler hinaus, den Kunstwerken der Natur und des Lebens selbst allmählich näher gebracht, habe dich mühselig gelehrt, die Romantik des Daseins aus erster Hand zu genießen! Nun gebe ich dir einen allerbesten, spannendsten, aufregendsten, ergreifendsten, lehrreichsten Roman zu lesen: »Der Volkskrieg in Tirol 1809« von Oberleutnant Rudolf Bartsch.«

Und sie las es in einigen Stunden einer schlaflosen Nacht. Alle Menschen darin standen ihr nahe, und sie zitterte um eines jeden Schicksal! Erzherzog Johann, die Offiziere, die Diplomaten, die Bauernführer wurden ihr zu vertrauten Freunden. Sie begann das Getriebe der Welt zu erkennen und Freunde und Feinde in gleicher Weise zu verstehen! Sie sah die Schlachten zwischen Intelligenz und Herz im Menschen, zwischen Vorurteil und Urteil, zwischen Fernsicht und Nahsicht!

Sie gewann eine tiefe, tiefe Liebe zu Peter Mayr und Andreas Hofer, zu den reinsten der Reinen, den eigentlichen Idealisten in dem Buche.

Sie weinte bitterlich und stundenlang über ihre edle Art. Sie schrieb sich folgende Stelle auf ein Pergamentblatt heraus und ließ es einrahmen unter dem Titel: »So sind alle, die für die Kommenden von Wert sind!«

Diese Stelle lautete: Der geniale Hormayr verscherzte sich das Zutrauen vieler, namentlich der Bauern. Als er nach dem Bankrott der österreichischen Invasion aus dem Lande floh, schob so recht das ganze Volk von Tirol den gegen Hormayr einfältigen, aber sittenreinen Sandwirt an die höchste Stelle — ohne dessen Zutun.

Schob: dieses Wort bezeichnet viel in Hofers Wesen und Laufbahn! Der bedächtige Sandwirt war keine aggressive, ideenwälzende Natur wie Haspinger, kein genial tollkühner Unfried wie Speckbacher. Viele seiner Führer hatten weit größere Begabung als der bloß mit einem schlichten, gesunden Hausverstand ohne weiten Blick ausgerüstete Hofer. Gedrängt, unwiderstehlich gedrängt wurde Hofer zu allem, was er tat. Eine äußere, aber geheime Macht, deren Walten er wohl ahnte, der er nie zu widerstehen suchte und die er verehrte, trieb ihn: der Volksgeist von Tirol!

Diese Macht erhob ihn hoch — er blieb demütig und schlicht; diese Macht entriß ihm all seine Entschlüsse. Durch sie gedrängt, siegte er bei Sterzing, am Isel und bei Leonhard. Durch sie gehalten, vermochte er nicht zu fliehen, als die Besten des Landes das sinkende Schiff verließen — und geschoben, ja ganz verwirrt von dem Einfluß der Verzweifeltsten des ganzen Landes, brach er im Spätherbst 1809 zum erstenmal in seinem Leben das Wort, verleugnete seine Unterwerfung, erhob von neuem den Ruf zum Aufruhr, und erst als sein Körperliches gefangen und dem Tode geweiht war, da befreite sich seine Seele, eine tiefe Erkenntnis seines ganzen Lebenslaufes durchzuckte ihn, und da wuchs er ins Übermenschliche. Dieser weichherzige Mann, der so leicht die gutmütigen Augen voll Wasser bekam, nahm trockenen Auges Abschied von einer Welt, die sich schlechter erwiesen hatte als er.

Daß man Hofer so oft verkannt und in ihm den Führer und Kommandanten des Aufstandes gesehen hatte! Er war weniger und doch mehr. Er war seinem Volke, was dem Soldaten seine Fahne ist: Das Panier von Tirol!

Selbst unbeweglich, aber von den Kühnsten und Besten getragen, allen voran. Unbefleckt, rein, verehrenswürdig, ja wahrhaft geheiligt! Von der Religion geweiht, vom Paten Johann mit einem Wahlspruch belebt, vom Kaiser ausgezeichnet und geschmückt. In der höchsten Not entfaltet, als alle Kommandanten versagten, siegt diese menschliche vorausgetragene Fahne Andreas Hofer, dann sinkt sie — — und mit ihr das Land Tirol. Er war eben der einfache, Mensch gewordene Idealismus, der embryonal in tausend Herzen, in tausend Gehirnen, in tausend Willenskräften verborgen lag!

Die edle Leserin machte die Hinrichtung Andreas Hofers mit, aber sie konnte nicht, wie er von sich selbst es sagte, sagen: »So leicht kommt mir sein Sterben an, daß mir die Augen davon nicht naß werden — — —.«

Sie aß wenig, sie sprach wenig durch viele Tage. Nur dem Freunde, der ihr diesen »Roman des wirklichen Lebens« anempfohlen hatte, blickte sie dankbarst in die Augen. Da sagte er denn zu ihr: »Dieser Oberleutnant Rudolf Bartsch ist vielleicht ein größerer Dichter als viele protokollierte Firmen dieser Branche. Denn er hat die in den Archiven des Lebens begrabene Poesie und Romantik der Menschheit zu lebendigem wirkendem Leben gebracht durch sein einfaches tiefes Buch!« Und die Dame reihte es ein in ihrer kleinen Bibliothek neben ihre Götter: Hamsun, Strindberg, Maeterlinck, Ibsen, diese Vermehrer des Bestandes der allgemeinen menschlichen Seele!

3,92 ₼
Yaş həddi:
18+
Litresdə buraxılış tarixi:
10 oktyabr 2024
Həcm:
140 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
4064066112691
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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