Kitabı oxu: «26. April 1986: Tschernobyl»

Zeitpunkte der Geschichte
Peter Bilhöfer
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Umschlagbild: Ein Symbol der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: Das Riesenrad im Pripjater Vergnügungspark, das eigentlich am 1. Mai 1986 seinen Betrieb aufnehmen sollte (Wikimedia Commons, Justin Stahlman, CC BY 2.0).
1. Auflage 2021
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© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-034347-4
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Prolog: Fünf Sätze, die die Welt verändern
3 1 Ein Reaktor, ein Sicherheitstest und die Folgen
4 Der RBMK soll die Energieprobleme lösen
5 Ein Prestigeprojekt für die Ukraine
6 Auf dem Weg zum größten Atomkraftwerk der Welt
7 Der Sicherheitstest vom 26. April 1986
8 Maßnahmen zur Bewältigung der Katastrophe
9 Das Unglück im Spannungsfeld zwischen Glasnost und Kaltem Krieg
10 Das Nachspiel im Moskauer Politbüro
11 Die Folgen für die Umwelt
12 2 »Eine Gefährdung der Bevölkerung in der Bundesrepublik ist absolut auszuschließen«
13 Der Bundesinnenminister will die Öffentlichkeit beruhigen
14 Verunsicherung und Verwirrung nach den ersten Regenschauern
15 Folgen für Landwirtschaft und Konsumverhalten
16 Wohin mit der verstrahlten Milch?
17 Der Streit um Zuständigkeiten und Grenzwerte
18 Meinungshoheit und Meinungsfreiheit
19 Der Protest erfasst weite Kreise der Bevölkerung
20 Die Reaktionen in Parlamenten, Parteien und Verbänden
21 Die Bundesregierung ergreift die Initiative
22 Walter Wallmann als Krisenmanager – und Hoffnungsträger der Bundesregierung
23 3 »Stabilisierung auf einem niedrigen Niveau« – die DDR und der Atomunfall von Tschernobyl
24 Unklare Nachrichtenlage und schwierige Kommunikation mit Moskau
25 Nach dem Fallout: Honecker empfiehlt den Salat zu waschen
26 Ein ungewohntes Warenangebot
27 Trotz Strahlenbelastung soll der Alltag weitergehen
28 Das Erwachen der Anti-Atombewegung in der DDR
29 Eine ernüchternde Bestandsaufnahme
30 4 Epilog: Tschernobâle, 1. November 1986
31 Erst Großbrand, dann Fischsterben
32 Der Umweltkatastrophe folgt ein Kommunikationsdesaster
33 Protest und Erinnerung
34 Unfall oder Anschlag?
35 1986 – ein Epochenjahr: Diskussionen bis in die Gegenwart und eine ferne Zukunft
36 Ansätze zu einer historischen Einordnung
37 1986 – die Wahrnehmung von Hochtechnologien änderte sich
38 Anmerkungen
39 Abkürzungsverzeichnis
40 Anhang
41 Quellen- und Literaturverzeichnis
42 Abbildungsnachweis
Einleitung
Der Gedanke zu diesem Buch entstand im Laufe mehrerer Semester an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Wenn in Lehrveranstaltungen das Thema Tschernobyl angesprochen wurde, zeigten die Reaktionen, dass über drei Jahrzehnte nach den Ereignissen nicht nur viele unbeantwortete Fragen weiterhin Diskussionsstoff boten, sondern sich auch neue Fragen stellten. Bei der historischen Einordnung des Geschehens fiel zudem die scheinbare Anhäufung technik- und umwelthistorischer Ereignisse im Jahre 1986, wie u. a. die Explosion der US-Raumfähre »Challenger« oder der Großbrand von Schweizerhalle, auf. Obwohl es sich dabei eher um eine zufällige Aneinanderreihung verschiedener Vorfälle mit unterschiedlichen Ursachen innerhalb eines Jahres handelte, können deren Wahrnehmung und Folgen aus historischer Perspektive durchaus als Ganzes betrachtet werden.
Wie ungebrochen das Interesse an Ursache, Verlauf und Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist, zeigt nicht nur das Echo auf die beiden in den letzten Monaten erschienenen Monographien von Sergej Plokhy Chernobyl- History of a tragedy und Adam Higginbotham Midnight in Chernobyl sondern vor allem der Erfolg der fünfteiligen HBO-Serie Chernobyl. Trotz einiger genrebedingten Überzeichnungen und historischer Abweichungen erhielt »Chernobyl« hervorragenden Kritiken, ja wird je – nach Sichtweise – sogar als »beste Serie der Welt« bezeichnet.1
So zahlreich die Publikationen zu den eigentlichen Vorgängen in Tschernobyl sind, so überschaubar ist die Literatur zu den Folgen und Reaktionen in der Bundesrepublik Deutschland sowie der Deutschen Demokratischen Republik.2 Lediglich von der Historikerin Melanie Arndt liegt bisher eine gelungene Gesamtdarstellung zu den Geschehnissen in beiden deutschen Staaten aus dem Jahre 2011 vor. In Ihrer 2019 vorgelegten Habilitation Tschernobylkinder. Die transnationale Geschichte einer nuklearen Katastrophe beschäftigt sich Arndt zudem mit der enormen internationalen und sozialen Tragweite der Folgen des Reaktorunglücks.
Franz-Josef Brüggemeier bleibt in seinem 1998 erschienenen Buch Tschernobyl, 26. April 1986. Die ökologische Herausforderung thematisch hinter den Erwartungen des Titels zurück, gibt aber zumindest eine für den damaligen Kenntnisstand beachtliche Einschätzung der historischen Dimensionen des Reaktorunglücks. Zu den Ereignissen in der Bundesrepublik lieferte der ehemalige Staatssekretär Paul Laufs eine gute Zusammenfassung mit Kenntnissen aus erster Hand. Neben vielen Kurzreportagen zumeist von ARD-Regionalsendern ist es vor allem die ZDF-info-Dokumentation Tschernobyl ’86: Deutschland und der GAU, die sich mit den Folgen von Tschernobyl in beiden deutschen Staaten befasst.3
Völlig anders gelagert als in der Bundesrepublik verlief hingegen der politische Diskurs in der Deutschen Demokratischen Republik, was sich auch in einer recht unterschiedlichen Quellenlage niederschlug. Hier leistete die Gießener Historikerin Dorothée de Nève 1995 regelrechte »Pionierarbeit«, die inzwischen durch die Publikationen von Sebastian Stude eine angemessene Fortsetzung findet. Mit der Aufsatzsammlung Tschernobyl und die DDR: Fakten und Verschleierungen – Auswirkungen bis heute? existiert eine angemessene Abhandlung für die Ereignisse auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, zu der es in dieser Art kein westdeutsches Gegenstück gibt. Neben der Darstellung des Medizinphysikers und Bürgerrechtlers Sebastian Pflugbeil verdient dabei vor allem der Beitrag des Hygienemediziners Bernd Thriene über die Folgen von Tschernobyl im Bezirk Magdeburg Erwähnung. Ähnliche Studien über eine deutsche Region liegen in der Geschichtswissenschaft nicht vor, Thomas Schattners 172 Seiten umfassende Dokumentation Die Folgen von Tschernobyl 1986 im Schwalm-Eder-Kreis ist nach wenigen einleitenden Worten lediglich ein Pressespiegel damaliger Zeitungsartikel. Überhaupt ist das Thema »Tschernobyl« aus regional- und landesgeschichtlicher Sicht ein zu größten Teilen noch unbearbeitetes Gebiet.
So kann und will auch dieses Buch keinen abschließenden und vollständigen Überblick zu den Ereignissen in beiden deutschen Staaten geben, sondern Schlaglichter auf die wichtigsten Geschehnisse in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem 26. April 1986 werfen und diese miteinander in Beziehung setzen. Dazu erwies es sich als sinnvoll, auch auf die Entstehungsgeschichte des Unglücksreaktors, des Kraftwerks und der dazugehörigen Siedlung Pripjat sowie den Ablauf des eigentlichen Unfallhergangs näher einzugehen, zumal sich im Zeitalter von Verschwörungstheorien und Meinungsblasen hartnäckig Gerüchte und falsche Legenden über die Ereignisse halten. Ähnliches gilt für die Brandnacht von Schweizerhalle, deren Ursache bis heute ebenfalls Gegenstand wilder Spekulationen ist.
Zehn Infoboxen mit Schlagworten zu den jeweiligen Kapiteln ergänzen den Text und führen über das Thema hinausgehende Aspekte aus. Namen prominenter Politiker und Städte der ehemaligen Sowjetunion werden in der auch in den zeitgenössischen Quellen und Texten geläufigen deutschen Schreibweise wiedergegeben, ebenso wird die infolge des Zerfalls der Sowjetunion einsetzende sprachliche und inhaltliche Umbenennung nur dort thematisiert, wo es für die Einordnung in den historischen Kontext von Relevanz ist.
Frau Prof. Dr. Sabine Liebig und Frau Dr. Brigitte Übel sei für die Aufnahme des Buches in die Reihe Zeitpunkte der Geschichte ebenso gedankt, wie dem Kreis von Personen, die mich zu diesem Buch anregten und die mir mit ihren vielen Fragen genügend Stoff, aber auch neue Sichtweisen bei der Niederschrift boten.
Prolog: Fünf Sätze, die die Welt verändern
Es gibt nur wenige historische Ereignisse, die eine derartige große geographische und zeitliche Reichweite besitzen, wie das Reaktorunglück von Tschernobyl. Viele Menschen können sich noch sehr genau an den Moment erinnern, als sie die erste Nachricht von einer »Havarie« in der Sowjetunion vernahmen. Buchstäblich über Nacht wurde der Name einer ukrainischen Kleinstadt zum Inbegriff für die Schrecken des Atomzeitalters. Die Permanenz des Themas u. a. durch die Folgen für Mensch und Natur sowie die immer noch ungelöste Frage der abschließenden Sicherung des Unglücksortes sorgen dafür, dass das Kapitel Tschernobyl nach über drei Jahrzehnten alles andere als abgeschlossen ist.
Während die Menschen in einer global vernetzten Welt dramatische Ereignisse wie die Explosion in den ersten beiden Reaktoren im Dai-ichi-Kraftwerk von Fukushima 2011 oder die Anschläge vom 11. September 2001 nahezu zeitgleich an den Fernsehgeräten und im Internet mitverfolgen konnten, verlief das Bekanntwerden der Nachrichten über das Atomunglück von Tschernobyl im Jahre 1986 in völlig anderen Bahnen.
Das für den Titel des Buches angesetzte Datum 26. April 1986 ist im Grunde als ein symbolisches Datum für die deutsche Geschichte anzusehen – genauer gesagt: Nach mitteleuropäischer Zeit ereignete sich das Unglück in Tschernobyl am späten Freitagabend, dem 25. April um 23:23 Uhr.1
Durch die noch nicht vorhandene digitale Vernetzung und im Denken des Kalten Kriegs vergingen fast drei Tage, bis die sowjetischen Stellen die folgenschweren Ereignisse in ihrem Vorzeigekraftwerk nicht länger geheim halten konnten. Erst als skandinavische Messstationen erhöhte Strahlenwerte meldeten und in mehreren Atomanlagen in Nord- und Mitteleuropa die Detektoren Alarm schlugen, sah sich Moskau am 28. April dazu veranlasst, um 21:02 Uhr Ortszeit eine knappe, fünf Sätze umfassende Stellungnahme herauszugeben:
»Im Atomkraftwerk Tschernobyl hat sich ein Unglücksfall ereignet.
Ein Reaktor wurde beschädigt.
Maßnahmen zur Beseitigung der Unfallfolgen werden ergriffen.
Den Geschädigten wird Hilfe geleistet.
Eine Regierungskommission ist gebildet worden.«2
Trotz des sehr vagen Inhalts – ein erstes, »bearbeitetes« Bild vom Unfallort zeigte das sowjetische Fernsehen erst am 30. April – platzte die Meldung wie eine Bombe in die Nachrichtenlandschaft und verdrängte alle anderen Themen innerhalb weniger Stunden von der Tagesordnung.
Die Wirkung dieser ersten Verlautbarung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS am Montagabend, dem 28. April 1986 war umso stärker, da sie in der Bundesrepublik in eine recht ereignisarme Zeit zwischen dem einen Monat zurückliegenden Osterfest und den 1. Mai fiel: Während auf internationaler Ebene die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Libyen nach dem Bombenanschlag auf die Westberliner Diskothek »La Belle« und der folgenden Vergeltungsaktion der amerikanischen Luftwaffe gegen Tripolis und Bengasi zunahmen, debattierte das politische Bonn über Botschaft, Konzept und künstlerische Ausgestaltung einer in der Bundeshauptstadt geplanten zentralen Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Bundeskanzler Helmut Kohl (1930–2017) trat währenddessen seine Asienreise an, die ihn über Indien und Thailand zum Weltwirtschaftsgipfel nach Tokio führen sollte, wo Gespräche über Haushaltsdefizite, Zinssenkung, den Dollarkurs und Terrorismusbekämpfung auf der Tagesordnung standen.3
Das Wetter an diesem letzten Aprilwochenende schien sich geradezu der Nachrichtensituation anzupassen. In den meisten Gebieten Deutschlands wollte nach einem langen Winter der Frühling nicht richtig Einzug halten, der Himmel war zumeist bei Temperaturen um die 13 Grad grau und bewölkt. Viele hofften auf eine Wetterbesserung zum 1. Mai und blieben am Wochenende zu Hause.
So waren für die meisten Bundesbürger die »Highlights« des Wochenendes vom 26. und 27. April die Übertragung der Finalrunde der 51. Eishockey-Weltmeisterschaft in Moskau sowie der letzte Spieltag der Fußballbundesliga. Unfreiwillig komisch wirkt im Nachhinein auch das übrige Fernsehprogramm. Katastrophen ohne Ende betitelte die »Saarbrücker Zeitung« vom 25. April die Programmvorschau auf das Wochenende, an dem die Zuschauer u. a. die Filme Erdbeben (USA 1974) und Verschollen im Bermuda-Dreieck (USA 1976) erwartete.
Nach ersten Meldungen am 26. April beherrschte die Geheimdienstaffäre um das »Celler Loch« am Montag, den 28. April, die Schlagzeilen und versprach noch weitere Enthüllungen: Angeblich sollte der niedersächsische Verfassungsschutz im Juli 1978 ohne Wissen der damaligen Bundesregierung einen Bombenanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Celle inszeniert haben, um so einen V-Mann in die »Rote Armee Fraktion« einzuschleusen.
Dies war auch der Stand der Dinge bei Beginn der »Tagesschau« in der ARD um 20:00 Uhr. Erst im Laufe der Nachrichtensendung erreichten Mitteilungen aus Moskau die Redaktion. Gegen Ende verlas Nachrichtensprecher Werner Veigel (1928–1995) einen Textauszug aus der TASS-Meldung und ergänzte ihn mit den Worten »Es wird aber nicht gesagt, wann sich das Unglück ereignet hat oder wodurch es verursacht wurde.« Der Ortsname Tschernobyl fiel in dieser Tagesschau noch nicht, stattdessen war von »einem Kernkraftwerk in der Nähe von Kiew« die Rede. Während sich die folgenden Nachrichtensendungen auf die veränderte Informationslage einstellten, fragten sich die meisten Journalisten nach dem Erhalt des genauen Wortlautes der TASS-Meldung, wo dieses »Tschernobyl« genau lag und wie die korrekte Aussprache lautete. Die falsche Betonung auf der letzten Silbe (»Tschernobühl«) hält sich bis heute in der deutschen Sprache.4
Auch die späteren Nachrichtensendungen glichen eher dem Deutungsversuch eines Orakels. So sprach Ruprecht Eser (*1943) zu Beginn des »heute-journals« um 21:45 Uhr von einer »sensationellen Nachricht aus Moskau«. Das Wort »sensationell« in diesem eher unerfreulichen Zusammenhang bezog sich freilich darauf, dass die Sowjetunion überhaupt einen Unfall und Schäden zugab. Über den Reaktortyp konnte der zugeschaltete Experte Karl-Heinz Lindackers (1932–2011) zwar keine genaueren Angaben machen. Doch die sehr hohen Strahlenwerte in Skandinavien erlaubten es dem Experten, ein relativ genaues Bild über das Ausmaß des Schadens geben zu können. Der Rest war – gezwungenermaßen – reine Spekulation.5 Ein ähnliches Bild ergab sich um 22:30 Uhr mit der Ausstrahlung der »Tagesthemen« in der ARD. Auch hier rätselte die Moderatorin Ulrike Wolf (*1944) noch über die möglichen Gründe des Unglücks während eine im Hintergrund gezeigte Landkarte mit der Ausbreitung der Strahlenwolke schon ziemlich genau den Ort des Unglückskraftwerks als Ausgangspunkt identifizierte.
Der nächste Tag zeigte eine völlig andere Nachrichtenlage. Während viele Tageszeitungen vom Zeitpunkt der Nachricht überrumpelt überhaupt nicht berichteten – die »taz« spekulierte fälschlicherweise sogar über einen möglichen Unfall im schwedischen AKW Forsmark – warteten die Fernsehnachrichten mit ersten Archivbildern und Hintergrundinformationen zum Kernkraftwerk Tschernobyl auf. Fortan war Tschernobyl das alles beherrschende Thema. Alle anderen Ereignisse, wie die sich anbahnende Affäre um das »Celler Loch«, die Spannungen mit Libyen oder der Tokioter Weltwirtschaftsgipfel waren nur noch Makulatur.
1 Ein Reaktor, ein Sicherheitstest und die Folgen
Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalny (RBMK) bedeutet in der deutschen Übersetzung »Röhrenreaktor mit großer Leistung«. Schon sein »Urahn«, der erste zur zivilen Nutzungen 1954 in Obninsk erbaute Kernreaktor AM-1 verfügte über Druckröhren als zentrales Bauelement. Entgegen den westlichen Gegenstücken befinden sich der Brennstoff und das Kühlmittel dabei nicht in einem großen Behälter, sondern sind einzeln in zahlreichen druckfesten Röhren untergebracht, die parallel in einem Graphitblock sitzen. Dieses maßgeblich auf den Maschinenbauingenieur Nikolai Dollezhal (1899–2000) zurückgehende Design folgte dem Grundgedanken, dass im Falle eines Lecks nicht der gesamte Behälter, sondern nur die betroffene Druckröhre ohne größeren Aufwand ausgetauscht werden musste. Im Laufe der 1950er-Jahre entstanden in der Sowjetunion mehrere Prototypen dieser Art zu unterschiedlichen militärischen und zivilen Zwecken.1
Wie bei anderen Großprojekten der sowjetischen Schwerindustrie wollte man sich auch bei der friedlichen Nutzung der Atomkraft weder verzetteln noch mit einem einzigen Modell in eine entwicklungstechnische Sackgasse geraten. Daher beschlossen die verantwortlichen Stellen 1965, sich auf zwei Grundtypen zur atomaren Energiegewinnung zu konzentrieren:2 Dies war einerseits der – gleich den USA – aus einem nuklearen U-Bootantrieb entwickelte Druckwasserreaktor VVER (Vodo Vodjarnoj Energetitscheskij Reaktor oder Wassergekühlter Wasser-Energiereaktor) sowie zum anderen der Druckröhren-Siedewasserreaktor, der spätere RBMK.3 Letzterer sollte die Erkenntnisse mehrerer ziviler und militärischer Forschungsreaktoren vereinen. Doch die seit 1964 unter der Bezeichnung »Projekt B-190« von der Leningrader Maschinenfabrik »Bolschewik« verfolgten Entwürfe zum RBMK stießen im zuständigen Ministerium für den Mittleren Maschinenbau (Sredmash) auf Bedenken, sodass mit den weiteren Planungen wiederum Nikolai Dollezhal und sein Moskauer Institut für Wissenschaftliche Erforschung und Design von Energietechnologien (NIKIET) betraut wurden. Diese überarbeiteten bis 1967 das Konzept dahingehend, dass aus der Erfahrung der bisherigen Testanlagen ein zuverlässiger und wirtschaftlicher Reaktor für eine elektrische Leistung von 1 000 MW entstand. Das Ergebnis war ein sieben Meter hoher, im Durchschnitt zwölf Meter breiter mit knapp 1 600 Druckröhren und etwa 200 Regelstäben versehener Reaktor, dem seine Konstrukteure die Bezeichnung RBMK-1 000 gaben.4
Maßgebend für die Funktionsweise eines Kernreaktors sind Moderator, Brennstoff und Kühlmittel. Dabei nutzt man die beim Kernspaltungsprozess freiwerdende Wärme, um Wasser in Dampf umzuwandeln, der wiederum Turbinen mit einem Generator antreibt. Um einen nuklearen Spaltprozess aufrecht erhalten zu können, ist es notwendig, die aus dem Brennstoff entweichenden Neutronen auf eine optimale Reaktionsgeschwindigkeit zu verlangsamen, was mittels des sogenannten »Moderators« geschieht. Dies kann je nach Reaktortyp u. a. leichtes oder schweres Wasser, Beryllium oder Graphit sein. Letzteres nutzte man auch beim RBKM in Form eines gewaltigen Graphitblocks, in dem die 1 800 senkrecht verlaufenden Kanäle entweder die mit Brennstoff befüllten Druckröhren oder die zur Steuerung der Aktivität notwendigen Reglerstäbe aufnehmen. Die bereits erwähnten Druckröhren werden durch Ventile und mechanische Vorrichtungen in den Kanälen arretiert und zu einem Kreislauf zusammengeschaltet, sodass das Kühlwasser von unten die Druckröhren durchströmt, dort die von den Brennelementen abgegebene Wärme aufnimmt und am oberen Ende der Druckröhren durch eine Dampfleitung zu den stromerzeugenden Turbinen geführt wird. Anschließend kondensiert der Dampf durch einen Kühlkreislauf und wird mittels Pumpen wieder von unten in den Reaktorkern eingespeist, wo sich der Prozess wiederholt.
Obschon eine grobe Beschreibung des Funktionsprinzips den komplizierten Aufbau des RBMK erkennen lässt, bot dieser Reaktortyp in den Augen seiner Erbauer zahlreiche Vorteile: Zum Zeitpunkt der Konzeption des RBMK-1 000 konnten die verantwortlichen Wissenschaftler und Ingenieure auf zwei Jahrzehnte Erfahrungen mit graphitmoderierten

Abb. 1: Funktionsweise eines RBMK-Reaktors (vereinfachte Skizze).
Meilern und dem Einsatz von Druckröhren zur Dampferzeugung zurückgreifen, wobei sie schon früh feststellten, dass diese eine höhere Energieausbeute als bei den meisten westlichen Siedewasserreaktoren erzielen konnten. Die dafür entwickelten Druckröhren minderten nicht nur das Risiko eines Ausfalls bei einer Leckage, sondern konnten im Falle eines Defektes oder zum Erneuern der Brennelemente einzeln ausgewechselt werden, ohne dass der Reaktor dafür komplett heruntergefahren werden musste. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil war, dass das als Brennstoff eingesetzte Uran dank des Graphitmoderators nur schwach angereichert werden musste (1,8–2 %), was erhebliche Auswirkungen auf die Kosten bei der Herstellung der Brennelemente hatte. Der Hauptvorteil lag indes in der modularen Bauweise. War der RBMK-1 000 in vielen Teilen eine vergrößerte Variante kleiner Vorgängeranlagen, so sahen die Erbauer die Möglichkeit einer linearen Weiterentwicklung zu immer leistungsfähigeren Reaktoren, wie dem späteren RBMK-1 500, indem sie den Reaktorkern vergrößerten und die Zahl der Druckröhren erhöhten.5 Dabei waren kaum neu zu entwerfende Teile notwendig. Darüber hinaus waren die Einzelteile des RBMK-1 000 nicht nur schon in Vorgängermodellen erprobt, sondern auch vergleichsweise einfach konzipiert, sodass sie ohne größere Spezialkenntnisse von zahlreichen Betrieben hergestellt werden konnten, bevor man sie vor Ort zusammenbaute. Diese logistischen Vorteile, die langjährige Erfahrung mit einzelnen standardisierten Elementen und die Druckröhrentechnik verleiteten die Verantwortlichen darüber hinaus zu der Auffassung, dass im Gegensatz zu vielen anderen Reaktortypen der RBMK auf eine kostspielige Schutzhülle aus Stahl oder Beton verzichten konnte.6
Ungeachtet dieser Vorteile besaß der RBMK auch eine Reihe von Schwachpunkten: Konnte man die Probleme mit undichten Druckröhren durch konstruktive Verbesserungen merklich reduzieren, so bereitete den Erbauern vor allem der hohe Ausstoß an radioaktiven Spaltgasen einiges Kopfzerbrechen, weshalb Dollezhal den RBMK nicht in dicht besiedelten Gebieten einsetzen wollte.7 Im Betrieb selbst führten insbesondere die beim Hoch- und Herunterfahren des Reaktors entstehenden Xenongasblasen zur Störungen beim Kernspaltungsprozess und falschen Messdaten, zumal der Reaktor im niedrigen Leistungsspektrum sehr zur Instabilität neigte. Ein weiterer, unerwünschter Nebeneffekt der Konstruktion war das Verhalten bei zu starker Dampfentwicklung. Während in anderen Reaktortypen Wasser zugleich als Moderator und Kühlmittel eingesetzt wird, dass bei einer Leckage oder bei zu starker Dampfentwicklung dazu führt, dass die Kettenreaktion zwischen den Brennelementen abnimmt (»negativer Dampfblasenkoeffizient«), steigt in diesem Fall beim RBMK die Leistung zuweilen sprunghaft an (»positiver Dampfblasenkoeffizient«). Zugleich besitzt Graphit auch die Eigenschaft, sich bei hohen Temperaturen mit Sauerstoff zu entzünden, was Experten spätestens durch den Brand in der Atomanlage von Windscale 1957 drastisch vor Augen geführt worden war. Die Erbauer packten daher den ganzen RBMK-Reaktor in eine mit einer 1,8 Meter dicken Sandschicht versehenen Betonwanne und umgaben den Graphitblock mit einer Schutzgashülle aus Helium und Wasserstoff. Als weiteren Schutz gegen die Luft und des Personals vor zu hoher Strahlung schloss ein über 3 000 Tonnen schwerer Schutzschild die Anlage nach oben ab, über jeder Druckröhre lag zudem ein Betonelement.8
Graphit stellte innerhalb der RBMK-Technologie noch aus anderer Sicht ein Problem dar. Um ein leichteres Gleiten innerhalb der Mechanik zu gewährleisten, besaßen die über 200 Regelstäbe am unteren Ende eine Graphitspitze. Schon 1975 fiel dem Personal des Atomkraftwerks in Leningrad auf, dass bei einem gleichzeitigen und schnellen Einfahren dieser Regelstäbe die Leistung des Reaktors für einen Moment schlagartig wieder zunahm. Die gleichen Erfahrungen machte 1983 die Bedienmannschaft im litauischen Ignalina. Diese offensichtlich auf einen schweren Konstruktionsfehler hinweisenden Vorfälle hatten aber für die technische Auslegung aller anderen Anlagen keine Konsequenzen und unterlagen der Geheimhaltung.9
Wichtig ist darüber hinaus zu wissen, dass im Betrieb des RBMK waffenfähiges Plutonium anfällt, was immer wieder zu Spekulationen in Presse, Politik und Wissenschaft über den »verdeckten« Nutzen der zivilen Atomkraftwerke in der ehemaligen Sowjetunion führte.10 Abgesehen davon, dass ein Großteil des für militärische Zwecke benötigten atomaren Sprengstoffs in speziell dafür konzipierten Meilern zumeist jenseits des Urals in hermetisch abgeriegelten Städten hergestellt wurde (und wird), mag dies einer der Gründe gewesen sein, weshalb dieser Reaktortyp nicht ins Ausland geliefert wurde.11 Daneben dürften die relativ komplizierte Steuerung des RBMK und seine hohen Emissionsraten die Verantwortlichen in Moskau dazu bewogen haben, für den Export den Druckwasserreaktoren vom Typ VVER den Vorzug zu geben.
Der RBMK soll die Energieprobleme lösen
Doch innerhalb der Sowjetunion zeigte sich ein genau entgegengesetztes Bild: Der Bau von Druckwasserreaktoren setzte sehr anspruchsvolle Schweißarbeiten sowie die Verarbeitung von Qualitätsstahl voraus. Da letzterer Mangelware war und nur wenige einheimische Betriebe eine solche Fertigung leisten konnten, stieß die Sowjetwirtschaft dabei rasch an ihre Grenzen. Verschärfend wirkte sich zudem die Entscheidung aus, den VVER zum Export freizugeben, was zwangsläufig zu Engpässen in der Versorgung von einheimischen Kraftwerken mit diesem Reaktortyp führte. Ein weiterer Nachteil war die begrenzte Leistungsfähigkeit der ersten Generation von Druckwasserreaktoren. Die angenommene Höchstleistung eines VVER entsprach dabei der Mindestleistung eines viel kostengünstigeren RBMK.12 Ein weiteres Argument gegen den VVER lieferte der Three-Miles-Island-Unfall von Harrisburg 1979, wo die Panne in einem Druckwasserreaktor zur Teilkernschmelze führte. In der danach auch in der sowjetischen Atomindustrie geführten Sicherheitsdebatte sprachen sich einige Fachleute dafür aus, dass für diesen Reaktortyp eine zusätzliche, kostspielige Betonhülle notwendig sei. Der oberste Kernphysiker der Sowjetunion, Anatoli Aleksandrow (1903–1994), wurde hingegen nicht müde, die Sicherheit der eigenen Anlagen, insbesondere des RBMK zu betonen.13 Dabei vertrat Aleksandrow die Ansicht, dass bei gleichbleibendem Energiebedarf der Menschheit die fossilen Brennstoffvorräte spätestens in den kommenden 50 Jahren zu Ende gehen und in der Folge Kriege unter den Industrienationen um die letzten Ressourcen ausbrechen würden.14 Der Ausweg aus diesem Horrorszenario sei der massive Ausbau der Kernenergie als Ersatz fossiler Brennstoffe. Diese gerade nach der Ölkrise von 1973 weltweit verbreitete Haltung hatte auch für die Wirtschafts- und Energiepolitik der Sowjetunion weitreichende Folgen. In den Fünfjahresplänen der 1970er- und 1980er-Jahre war jeweils eine Verdoppelung der Kapazitäten in der Kernenergie vorgesehen. Aleksandrow forderte den forcierten Ausbau der Atomkraft, sodass bis 1990 der Anteil an der Energieerzeugung bei mindestens 30 % liegen sollte. Diese Marke wurde zum unumstößlichen Richtwert für alle Entscheidungen der sowjetischen Energiepolitik von Breschnew bis Gorbatschow.15
Da sich auch die einst als »Reaktoren der zweiten Generation« geplanten »Schnellen Brüter« nach über zwei Jahrzehnten immer noch im Entwicklungsstadium befanden, kam dem RBMK zu Beginn der 1980er-Jahre eine immer bedeutendere Rolle in der sowjetischen Energiewirtschaft zu.16
Schon im November 1966 hatte der Ministerrat der UdSSR den Bau großer, mit mehreren RBMK-Reaktoren bestückter Energiekomplexe geplant, bei denen jeder Block mit einer Leistung von 1 000 MW die bisherigen Kraftwerke mit ihren Druckwasserreaktoren geradezu in den Schatten stellen sollte.17
Diese Großkraftwerke in der Nähe industrieller Ballungszentren sollten das Dilemma lösen, dass die Sowjetunion zwar über genug Öl-, Gas- und Kohlevorkommen verfügte, dieser aber zumeist weit entfernt jenseits des Urals lagen.18
Nach Vorbild des 1973 bei Leningrad in Betrieb genommenen Atomkraftwerks entstanden drei weitere große Energiekomplexe für die Regionen Kursk, Smolensk und Kiew. Alle vier Kraftwerke waren durch die Logistik, Kühlung und dazugehörige Siedlung darauf ausgelegt, modular in Baustufen vergrößert zu werden, um die Kapazität im Laufe der nächsten Jahrzehnte zu vervielfachen.19
Ein Prestigeprojekt für die Ukraine
Der Bau des Großkraftwerks für den Raum Kiew geschah vor allem auf Betreiben der ukrainischen KP-Führung. 1965 war diese beim Politbüro in Moskau mit der Bitte um drei Atomkraftwerke für ihre Sowjetrepublik vorstellig geworden, erhielt jedoch vorerst nur für eine Anlage die Zusage. Noch im gleichen Jahr begab sich eine Kommission auf die Suche nach einem geeigneten Standort. Nach einem Jahr fiel die Wahl auf eine Gegend beim 1 000-Seelen-Dorf Kopatschi unweit des Flusses Pripjat. Das bisher »Zentralukrainisches Atomkraftwerk« genannte Projekt erhielt Anfang 1967 seinen endgültigen Namen nach dem sechs Kilometer südlich von Kopatschi liegenden Verwaltungszentrum: Tschernobylskaya atomnaya elektrostantsiya – auf Deutsch: »Atomkraftwerk Tschernobyl«.20
Das 1193 erstmals erwähnte Tschernobyl war über Jahrhunderte von den umliegenden Sümpfen und Wäldern geprägt.21 1795 gelangte das Gebiet unter russische Herrschaft und später an die Sowjetunion. Kulturelle Bedeutung errang der Ort durch die noch zuvor unter polnischer Herrschaft geförderten jüdischen Einwanderungen. Mit dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion fand dieses jüdische Leben Mitte November 1941 ein gewaltsames Ende. Kaum zwei Jahre später wurde der Kleinstadt ihre strategische Lage mit Brücke, Hafen und Bahnlinie zum Verhängnis, als im Rahmen einer Offensive der Roten Armee der Ort fast vollständig zerstört wurde. Ende der 1960er-Jahre zählte Tschernobyl rund 12 500 Einwohner, die zumeist vom Fischfang, Gemüseanbau oder der Waldwirtschaft lebten.22
Über die Bedeutung des Ortsnamens liegen verschiedene Interpretationen vor. Zumeist mit der Pflanzengattung der Artemisia in Verbindung gebracht, wird Tschernobyl entweder mit »Beifuß« oder »Wermut« übersetzt. Letzteres führte zu einer seit 1986 andauernden heftigen Debatte um eine mögliche biblische Prophezeiung um den die Gewässer verseuchenden »Stern Wermut« in Kapitel 8.10–11 der Offenbarung. Christlich-konservative Kreise, darunter auch der damalige US-Präsident Ronald Reagan (1911–2004), interpretierten den Namen als Strafgericht für die »gottlose Sowjetunion« – freilich erst nach den Ereignissen vom April 1986.23
Doch es waren nicht diese finsteren Prophezeiungen, die dafür sorgten, dass die zum Kraftwerk Tschernobyl gehörige Siedlung nicht hier, sondern 20 Kilometer weiter nordwestlich erbaut wurde. Vielmehr lag Tschernobyl zu weit weg vom zukünftigen Kraftwerksgelände.
Der Anfang 1970 gegründete Ort für das zukünftige Werkspersonal entstand am Reißbrett und erhielt 1972 seinen Namen nach dem weiter westlich fließenden Fluss Prjpjat.24 Die Lage dieser Siedlung wurde bestimmt durch die dort verlaufenden Fernstraßen und Bahnlinien sowie die Nähe zu der nur 3,5 Kilometer südwestlich liegenden Großbaustelle des zukünftigen Atomkraftwerkwerks. Wie bei anderen sowjetischen Stadtgründungen dieser Zeit beherrschten großzügig ausgebaute Straßen und überwiegend sechs- bis zehnstöckige Wohnblöcke in Plattenbauweise das Stadtbild. Umgeben von Grünanlagen und einem administrativen Zentrum in der Stadtmitte legten die Planer Pripjat bis 1975 für etwa 12 000 Einwohner aus. Staat und Partei warben in der ganzen Sowjetunion für das Projekt. Das Resultat war, dass die zukünftige Bevölkerung nicht nur aus allen Teilen der Sowjetunion stammte, sondern zumeist auch recht jung war – der Altersdurchschnitt lag bei etwa 26 Jahren.25 Die meisten Arbeiter, die die Siedlung Prjpjat und das Atomkraftwerk Tschernobyl erbauten, blieben anschließend. In den 1980er-Jahren besaß die Stadt einen für sowjetische Verhältnisse relativ hohen Lebensstand, der zahlreiche weitere Menschen anzog. Bis 1985 stieg die Einwohnerzahl auf fast 48 000, Planungen für eine Erweiterung waren im vollen Gange. Mit seinen 150 Wohnblöcken, Sportstadien, Schwimmbädern, zahlreichen Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie mehreren Kaufhäusern und Supermärkten präsentierte sich Pripjat als sozialistische Musterstadt, die zeigen sollte, wozu das Sowjetsystem – dank der Atomkraft – fähig war.26

Abb. 2: Blick über Pripjat auf das Kernkraftwerk Tschernobyl Mitte Mai 1986.
Den umfangreichen Aushub- und Planierungsarbeiten folgte am 15. August 1972 die symbolische Grundsteinlegung des Kraftwerks. Nach Leningrader Vorbild waren Design, Funktionsweise und vorgesehene Leistung der Atomkraftwerke Kursk und Tschernobyl im Grunde gleich. Nur beim etwas später errichteten Atomkraftwerk in Smolensk passte man die Konstruktion den neuesten Erkenntnissen an. Allen vier Kraftwerken, Leningrad, Kursk, Tschernobyl und Smolensk war die geplante elektrische Leistung von 2 000 MW in einer ersten sowie von weiteren 2 000 MW in einer zweiten Baustufe gleich, wobei immer zwei Reaktoren paarweise eine Baustufe ergaben.
Block 1 und 2 von Tschernobyl errichtete man zwischen dem südöstlichen Stadtrand von Pripjat und dem Fluss auf einem etwa 45 Hektar umfassenden Gelände. Im Zentrum stand die 400 Meter lange und fast 50 Meter breite Turbinenhalle, an deren Nordseite die beiden Reaktorgebäude angrenzten. Nördlich davon befanden sich neben dem Kamin mehrere Hilfsgebäude. Verwaltung, Kantine und Fuhrpark waren östlich davon angeordnet, im Süden lagen die Umspannstationen sowie der Kühlteich zur Wasserentnahme.27
Westlich davon entstanden ab 1976 die Reaktorblöcke 3 und 4. Obgleich sich die Anordnung dieser neuen Einheiten äußerlich von Block 1 und 2 unterschied, entsprachen sie im Grundprinzip der ersten Ausbaustufe. Beim Vergleich mit westlichen Atomkraftwerken fällt das Fehlen großer Kühltürme auf. Begünstigt durch die jahrzehntelangen Erfahrungen im Bau von Kanälen und Wasserkraftwerken entschieden sich die sowjetischen Ingenieure dafür, die Reaktoren mittels eines künstlich angelegten Stausees über Kanäle mit Kühlwasser zu versorgen. Mit jeder Ausbaustufe vergrößerte man das Wasserbassin bis auf 22 Quadratkilometer. Als dies für die dritte Ausbaustufe nicht mehr ausreichte, sah man für die Blöcke 5 und 6 zwei Kühltürme vor.28
Obwohl die Daten und Bauzeiten der einzelnen Reaktorblöcke in Leningrad, Smolensk, Kursk und Tschernobyl kaum größere Abweichungen voneinander aufzeigen, berichtet der überwiegende Teil der Literatur zur Baugeschichte von Tschernobyl von Verzögerungen und Problemen bei der Fertigstellung der einzelnen Sektionen. Immer wieder beschwerte sich die Kiewer KP-Spitze in Moskau über ausbleibende Materiallieferungen.29 So vergingen die Jahre 1975 und 1976, ohne dass Block 1 ans Netz gehen konnte, während im 420 Kilometer entfernt gelegenen Kursk der erste Reaktor seinen Betrieb aufnahm. Rechtzeitig zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution 1977 produzierte Tschernobyl Strom. Block 2 folgte im Spätjahr 1978, die Blöcke 3 und 4 1981 bzw. 1983. Doch bei allen vier Sektionen konnten die Fristen von Bau und Inbetriebnahme zu keinem Zeitpunkt eingehalten werden, zwischen Planung und Stromerzeugung jedes Reaktors vergingen durchschnittlich sechs Jahre und neun Monate.30 Neben Lieferengpässen, Materialmängeln und schlecht durchgeführten Arbeiten zeigt ein genauerer Blick auf die Eckdaten von Bau und Betrieb, dass die von Kraftwerksleitung und Partei vorgegebenen Planziele fernab jeglicher Realität lagen. Symptomatisch dafür war die Bemerkung des Kiewer Parteisekretärs anlässlich eines Besuches in Pripjat, warum man nicht zwölf oder gar 20 Reaktoren dort bauen könne. Unbenommen dieser Schwierigkeiten verlieh die KPdSU als besondere Anerkennung im April 1980 dem Atomkraftwerk Tschernobyl den Namenszusatz »V.I. Lenin« zum 110. Geburtstag des Revolutionsführers.31
Auf dem Weg zum größten Atomkraftwerk der Welt
Mit der Planung der Blöcke 5 und 6 war Tschernobyl auf dem Weg, in der Leistungsbilanz sowjetischer Kernkraftwerke die Führung zu übernehmen. Doch die Qualitäts- und Liefermängel rissen nicht ab: »Die Probleme des ersten Reaktorblocks sind auf den zweiten, vom zweiten auf den dritten, und so weiter übergegangen. Daher haben sie sich vermehrt und sind von einer enormen Zahl von offengebliebenen Entscheidungen überwuchert worden.«32 Diese Worte waren im März 1986 in einem ausführlichen Artikel in der »Tribuna Energetika«, dem Organ der Arbeiter des Kernkraftwerks Tschernobyl sowie eine Woche später in der Kiewer Wochenzeitung »Literaturnaja Ukraina« zu lesen. Der Text, der sowohl den neuen Wind von Gorbatschows »Glasnost«-Politik atmete als auch im Nachhinein geradezu wie ein Menetekel auf die kommenden Ereignisse wirkte, war ein Zeichen der Unzufriedenheit mit den Zuständen auf der Baustelle des Kraftwerks. Der Reporterin Ljubow Kowalewska (*1953) gelang es, Einsicht in die Bauakten zu erhalten. Das Ergebnis war eine erschreckende Bestandsaufnahme der Zustände, für die u. a. eine ineffiziente Arbeitsorganisation und schlechte Materialqualität verantwortlich waren. Stellt Kowalewskas Bericht in der Tschernobyl-Historiographie heutzutage ein Dokument ersten Ranges dar, so verfehlte er im März 1986 seine Wirkung. Weder die darin angesprochenen Zulieferer noch die Verantwortlichen bei Staat und Partei nahmen die Kritik ernst.33
Der Direktor des angesprochenen Kraftwerks war in dieser Hinsicht in keiner beneidenswerten Situation. Ende 1935 in Taschkent geboren, hatte sich Viktor Brjuchanow beim Aufbau des Sloviansker Kohlekraftwerks 1966 hervorgetan und war den Parteioberen in Kiew aufgefallen, die dem erst 34-jährigen Turbinenexperten 1970 die Leitung über den Bau des Tschernobyler Kraftwerks sowie der dazu gehörigen Werkssiedlung übertrugen. In dieser Position musste Brjuchanow nun den schwierigen Spagat zwischen dem Wunsch der Partei nach Erfolgsmeldungen, den Erwartungen der Arbeiter nach Prämien sowie den Forderungen der Volkswirtschaft nach der Deckung des steigenden Strombedarfs meistern.34
Dieser Druck nahm im Februar 1986 zu, als Brjuchanow mit der ukrainischen Delegation am XXVII. Parteitag der KPdSU in Moskau teilnahm. Die Rede des seit einem knappen Jahr amtierenden Generalsekretärs Michail Gorbatschow (*1931) ist vor allem wegen der beiden Schlagworte »Glasnost« und »Perestrojka« in Erinnerung geblieben. Doch eine genauere Betrachtung zeigt, dass es bei der Festlegung der wirtschaftlichen Leitlinien im 12. Fünfjahresplan nicht bei einer Aufzählung der Defizite der vergangenen Jahre blieb. Gorbatschow wollte den radikalen Umbau der Wirtschaft auf verschiedenen Ebenen. Dabei stellte die »grundlegende Rekonstruktion des Energiekomplexes« einen Grundpfeiler der zukünftigen Entwicklung dar. Dazu sollte der Anteil der Kernkraft an der Energieversorgung innerhalb von fünf Jahren um das Zweieinhalbfache steigen.35 Noch konkreter wurde eine Woche später der russische Ministerpräsident Nikolai Ryshkow (*1929) in seiner Grundsatzrede zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung: Auch er forderte weitere Verbesserungen im Brennstoff- und Energiekomplex. Dabei sparte Ryshkow nicht mit Kritik: So beklagte er die schleppende Fertigstellung und Inbetriebnahme von Kernreaktoren, weshalb immer wieder fossile Energieträger einspringen mussten.36
Diese Kritik richtete sich unmissverständlich auch an die Verantwortlichen in Tschernobyl. Schon im Vorfeld des Parteitages war der sowjetische Energieminister Anatoli Majorez (1929–2016) am Pripjat erschienen und hatte auf eine Erhöhung des Arbeitstempos gedrängt. Entgegen der vor Ort angetroffenen Probleme verkündete Majorez wenige Wochen später, dass sich die Bauzeit der Atomkraftwerke zukünftig von sieben Jahren auf fünf Jahre reduzieren würde. Für Block 5 in Tschernobyl bedeutete dies eine Verkürzung der Baufrist um 12 Monate, also bis Ende 1986!37 Das Resultat dieser Politik war ein immenser Zeitdruck, der wiederum mehr oder minder auf Kosten der Qualität ging.
Dabei konnte sich die offizielle Statistik von Tschernobyl durchaus sehen lassen. Die im Jahre 1985 dort produzierte Strommenge entsprach dem Strombedarf der gesamten Tschechoslowakei. Spätestens mit der Inbetriebnahme von Block 6 im Jahre 1988 sollte Tschernobyl in die Annalen eingehen – als das größte Atomkraftwerk der Welt. War Block 5 im Frühjahr 1986 zu 80 % fertig, so gab es schon Überlegungen für einen möglichen Ausbau auf dem östlichen Pripjatufer für die Blöcke 7 bis 10.38 Als »Arbeitspferde« sollten weiterhin die bewährten RBMK-Reaktoren dienen, die während des Betriebes immer wieder Verbesserungen und Nachrüstungen erfuhren – u. a auch um die Sicherheitsstandards zu erhöhen.
Der Sicherheitstest vom 26. April 1986
Knapp zehn Jahre zuvor hatte der Vater des Reaktors, Niklai Dollezhal, empfohlen, die Kraft der rotierenden Turbinen im Auslauf zu nutzen, um im Falle eines völligen Stromausfalls die etwa 40 Sekunden bis zum Start der Dieselnotstromaggregate überbrücken zu können. Damit sollte die ununterbrochene Kühlung des Reaktors gewährleistet und eine mögliche Kernschmelze durch Überhitzung verhindert werden.39 Obgleich alle Beteiligten ein solches Ereignis als sehr unwahrscheinlich einstuften, erarbeitete das dafür zuständige Institut in Moskau bis 1982 Richtlinien für die Durchführung eines solchen Tests. Ungeachtet der recht ungenauen Anweisungen führte man in Tschernobyl den Test gleich nach Erhalt der Vorschrift an Reaktorblock 3 durch. Der Test schlug prompt fehl. Als Ursache stellte sich eine Unstimmigkeit bei den Spannungsreglern der Generatoren heraus. 1984 und 1985 scheiterten zwei weitere Versuche am wenige Monate zuvor ans Netz gegangenen Reaktorblock 4. Es zeigte sich, dass die automatischen Schutz- und Überwachungsprogramme das vorgesehene Prozedere unterbanden.40 Nach einigen Konfigurationen in der Kontrollsteuerung sollte im April 1986 die geplante Revision von Reaktorblock 4 genutzt werden, um den Test endlich in einem vierten Anlauf erfolgreich abschließen zu können. Darum hatte vor allem der Hersteller der Spannungsregler, DonTechEnergo, gebeten, um endlich die Wirksamkeit der neuen Apparatur beweisen zu können.41 Daher ordnete die Kraftwerksleitung den Testlauf für den 25. April 1986 an, um pünktlich zum 1. Mai die Erfolgsmeldung nach Moskau schicken zu können. Für den Fall eines erneuten Fehlschlags, sollte unmittelbar danach ein weiterer Versuch folgen.42
Verheerenderweise waren alle Beteiligten lediglich auf die elektrotechnischen Probleme der Anlage fixiert. Da von den Verantwortlichen niemand auf den Gedanken kam, dass die Versuchsanordnung Auswirkungen auf den kerntechnischen Betrieb des Reaktors haben könnte, waren weder Fachleute aus diesem Bereich noch spezielle Sicherheitsmaßnahmen für den eigentlichen Reaktorbetrieb vorgesehen.43
Die Unregelmäßigkeiten begannen, als knapp 14 Stunden nach Einleitung der Testvorbereitungen am Nachmittag des 25. Aprils 1986 das Herabfahren des Reaktors wegen einer erhöhten Stromnachfrage aus der Region Kiew gestoppt und der Test auf die frühen Morgenstunden des nächsten Tages verschoben werden musste, wofür nun eine andere nicht mit dem Test vertraute Mannschaft zuständig war. Ab 23:00 Uhr sollte der Reaktor auf die für den Test vorgesehene thermische Leistung von 20–30 % (700 MW) heruntergefahren werden. Zur Verwunderung des Personals fiel dieser Wert bis 00:30 Uhr auf 1 % (30 MW).44
In dieser Situation wechselte um Mitternacht die Bedienmannschaft. An die Stelle des bisherigen Schichtleiters Jurij Tregub trat der knapp 33-jährige Aleksandr Akimow (1953–1986). Wegen der bestehenden Leistungsprobleme blieb Tregub mit einigen Mitarbeitern der Vorschicht noch im Schaltraum, wo sich auch Vertreter des DonTechEnergo-Betriebs eingefunden hatten, um die Arbeitsweise der neuen Spannungsregler zu überprüfen. Geleitet wurde diese Schicht im Grunde vom stellvertretenden Chefingenieur des Kraftwerks, dem 55-jährigen Anatoli Djatlow (1931–1995), dessen praktische Erfahrungen indes auf dem Gebiet kleiner, kompakter Druckwasserreaktoren lagen, wie sie z. B. bei Schiffen und U-Booten eingesetzt wurden. Doch bei allen Entscheidungen in dieser Nacht hatte er als stellvertretende Chefingenieur das letzte Wort.45
Obwohl seit einem Unfall im Atomkraftwerk Leningrad 1975 immer mindestens 30 Reglerstäbe im Reaktorkern bleiben mussten, wies Djatlow die Operateure an, dem Leistungsabfall durch das Herausziehen dieser entgegenzuarbeiten. Je nach Zeitpunkt und Darstellung der Ereignisse schwankte die Zahl der noch im Reaktorkern verbliebenen Reglerstäbe zwischen 26 und sechs.46
Die vermeintliche Stabilisierung des Reaktors um 01:00 Uhr bei 200 MW schien diese Maßnahme zu rechtfertigen. Angesichts des offenbar nicht normalen Verhaltens des Reaktors und der für den Test viel zu niedrigen Ausgangsleistung sprach sich der zuständige Operateur Akimow für einen Abbruch des Vorhabens und das Herunterfahren des Reaktors aus, wurde aber kurz nach 01:00 Uhr von Djatlow überstimmt und angewiesen, die Testvorbereitungen fortzusetzen.47 Diese Entscheidung machte aus dem Sicherheitstest ein Experiment mit ungewissem Ausgang.
Wich man damit schon erheblich von den Vorgaben ab, so setzte die Mannschaft das vorgeschriebene Prozedere in einer Art bedienungstechnischer Geisterfahrt blindlings fort. Überwachungs- und Notprogramme, die den Testablauf möglicherweise hätten stören können, wurden einfach abgeschaltet. Um die Kühlung des Reaktorkerns unmittelbar nach dem Test zu sichern, startete man um 01:03 Uhr und 01:07 Uhr zusätzlich zu den sechs Umwälzpumpen die beiden Reserveumwälzpumpen. Da aber die Reaktorleistung weit unter den erforderlichen 700 MW lag, drohte der Reaktor durch das viele Wasser zu »unterkühlen« und sich automatisch abzuschalten. Um dies zu verhindern, überbrückte Akimow das vorgesehene Meldesystem um 01:19 Uhr, weitere Reglerstäbe wurden bis 01:23:10 Uhr herausgefahren, die Kühlwasserzufuhr hingegen innerhalb von nur 30 Sekunden schlagartig auf 23 % reduziert.48
Von der ganzen Prozedur schon völlig instabil, versetzte die Bedienmannschaft den Reaktor so innerhalb weniger Minuten von einem Kältebad in einen Zustand, der ihn weit über die zulässige Höchstleistung führen sollte.
In dieser Situation begann um 01:23:04 Uhr der eigentliche Test mit der Schließung der Dampfzufuhr zu Turbine 8, die durch das anschließende Auslaufen noch genug Strom erzeugen sollte, um die Zeit bis zum Anspringen der Notstromaggregate zu überbrücken. Etwa 36 Sekunden nach Beginn des Tests machte sich eine Leistungsexkursion auf den Anzeigen bemerkbar. Um 01:23:40 Uhr löste Akimow per Knopfdruck den Havarieschutz aus – das automatische Leistungsreglersystem hatte schon 20 Sekunden zuvor begonnen, die Reglerstäbe in den Reaktor mittels Servoantrieb langsam einzufahren.49
Etwa acht Sekunden nach dieser Maßnahme überschritt die Leistung des Reaktors den ausgelegten Spitzenwert um ein Vielfaches. Die Personen im Schaltraum vernahmen laute Knarr- oder Ächzgeräusche, wie sie entstehen, wenn Stahl nachgibt. Es kam zu einer ersten, wohl durch den hohen Dampfdruck verursachten Explosion.50 Drei Sekunden später folgte eine zweite, weitaus heftigere Explosion, die – neben dem eigentlichen Atommeiler – die Reaktorhalle und zwei angrenzende Gebäude sowie Teile der äußeren Anlage des benachbarten Reaktors 3 beschädigte. Es brachen 30 Brände aus, im Umfeld von mehreren hundert Metern war alles von brennenden, glühenden und radioaktiven Trümmern übersät.51
Von Augenzeugen wie eine vulkanische Eruption beschrieben, ist diese zweite, heftigere Explosion wohl am ehesten mit einer chemischen Gasexplosion zu erklären. Spätere Untersuchungen ergaben, dass sich durch die gewaltige Hitze bei der Kernschmelze das Wasser an den Metallen und dem Graphit in explosives Knallgas aufspaltete. Danach genügte ein Funke, um dies zu zünden. Bittere Ironie der Ereignisse: Laut dem Ingenieur von DonTechEnergo bestand der neue Spannungsregler den Test nur wenige Sekunden vor der Katastrophe mit Bravour.52
Infobox 1: Transportschaden – Schiffbruch – Atomunfall: Havarie
Nach der arabischen Wortherkunft bezeichnet »awārīyya« einen durch Meerwasser verursachten Schaden, ist also gleichzusetzen mit der Beschädigung von Handelsgütern an Bord oder im Hafen. Aus Italien gelangte der Ausdruck im 18. Jahrhundert in den deutschen Sprachraum, wo er zuerst als »Haferei« die verschiedenen Unkosten im maritimen Bereich, von der Lotsengebühr über den Zoll bis zum Schiffbruch, zusammenfasste. Während der Begriff im bundesdeutschen Wortschatz fast nur auf die Seefahrt beschränkt ist, erhielt er in anderen Ländern mit Einsetzen der Industrialisierung neue Bedeutungen. In der Schweiz benannte man schon vor 1900 – wohl von Dampfschiffen ausgehend – Schäden am Antrieb der Eisenbahn als »Havarie«, in Österreich bürgerte sich das Wort als ein Synonym für einen Verkehrsunfall ein.53 Die Bedeutung des russischen »avarija« beschreibt seit Mitte des 20. Jahrhunderts alle Arten von Unfällen oder Pannen bei Verkehrsmitteln und in der Technik, vor allem bei großtechnischen Anlagen. Über die Sowjetunion fand der Terminus in die Sprache der DDR Eingang, wo er maßgeblich im chemischen sowie im nuklearen Bereich ungefähr der Definition des im Westen genutzten Fachausdruckes »Störfall« entsprach.54
Einen weltweiten Bekanntheitsgrad erlangte der Begriff in Zusammenhang mit den ersten sowjetischen Meldungen über das Reaktorunglück von Tschernobyl. Von der Presse oft als Schlagwort für Tschernobyl benutzt, sahen viele im Westen (fälschlicherweise) in der Wortwahl »Havarie« eine bewusste Verharmlosung durch die sowjetischen Behörden. Trotz oder gerade wegen dieser ambivalenten Bedeutung erreichte der Begriff bei der Wahl zum »Wort des Jahres 1986« Platz 2 – gleich nach »Tschernobyl«55.
Ebenso alt wie die Diskussion um den genauen Ablauf des Unglücks sind die Spekulationen um die eigentliche Ursache. Aus den beiden Unfallberichten von 1986 und 1992 sowie den Aussagen der beteiligten Personen lassen sich fünf Hauptgründe ermitteln, deren Zusammenspiel in den frühen Morgenstunden des 26. Aprils 1986 zum Unglück führten: Zuerst sorgte die beim geplanten Herunterfahren auftretende »Xenonvergiftung« für ein instabiles Verhalten des Reaktors. Diesem versuchten die Operateure, durch das vorschriftswidrige Herausziehen zu vieler Reglerstäbe zu begegnen. Unmittelbar mit diesem Verhalten zusammenhängend ist die unvorsichtige Art, mit der die Operateure den ohnehin instabilen Reaktor innerhalb kürzester Zeit in verschiedene, extreme Energiezustände versetzten, ohne die Folgen (Nachwärme) und die teils verzögerte Meldungen durch die Anzeigegeräte zu bedenken. Als vierter verhängnisvoller Punkt ist die undurchdachte Vorgehensweise während des eigentlichen Sicherheitstests zu nennen. Das Abschalten der Dampfzufuhr zu den Turbinen sollte einen möglichen Bruch der Dampfleitung simulieren. Doch das vorgeschriebene Prozedere ließ die Frage offen, wohin in der Simulation der überschüssige Dampf entweichen solle.56 Folglich drückte das Absperren der Zufuhr zu den Turbinen den Dampf zurück in den instabilen und überhitzten Reaktor und verdrängte das dort noch verbliebene Kühlwasser, was zugleich zu einer weiteren Steigerung der nuklearen Kettenreaktion führte. Vom zeitlichen Ablauf her dürfte dieser »positive Dampfkoeffizient« das Schicksal des Reaktors besiegelt haben.
Oft als alleinige oder Hauptursache benannt, gilt zudem die Ausführung der Reglerstäbe mit Graphitspitzen als nicht zu unterschätzender Faktor. Eigentlich als Gleithilfe bei der Unterbrechung der Kettenreaktion vorgesehen, bewirkte das Graphit durch seine kernphysikalischen Eigenschaften als »unfreiwilliger« Moderator genau das Gegenteil. Im übertragenden Sinne wurde die Notbremse so zum Gaspedal.57 Inwiefern dieser Konstruktionsfehler Anteil an der eigentlichen Reaktorzerstörung hatte, ist nicht ganz sicher. Der Journalist Adam Higginbotham schildert den Ablauf dahingehend, dass die Betätigung der Schnellabschaltung um 01:23:40 Uhr Teil des geplanten Tests gewesen war und die zur Katastrophe führende Leistungsexkursion erst beim Einfahren der Reglerstäbe entstanden sei. Bei dieser teilweise vom Unfallbericht von 1986 abweichenden Darstellung stützt sich Higginbotham maßgeblich auf die Aussagen der überlebenden Zeitzeugen aus 30 Jahren nach den Ereignissen geführten Interviews.58
Im November 2017 bereicherte eine neue These die Diskussion um den Unfallhergang. Bei der Untersuchung von im April 1986 genommenen Luftproben aus der 375 km nördlich von Moskau gelegenen Stadt Tscherepowez fand der schwedische Nuklearforensiker und Atomtestexperte Lars Erik de Geer (*1945) Spuren eines Xenonisotops, dass eigentlich nur bei der Zündung von Kernwaffen entsteht. Auch wenn ein solches Ereignis in Tschernobyl nicht stattfand, so hält es de Geer für wahrscheinlich, dass der ersten Wasserdampfexplosion kleine Nuklearexplosionen im Reaktorinneren vorangegangen sein könnten. Berichte von Personen, die sich in der Unglücksnacht am Kühlsee aufhielten und im Zusammenhang mit der Explosion von einem blauen Blitz berichteten, stützen diese Annahme.59

Abb. 3: Der zerstörte Reaktor 4 drei Wochen nach der Explosion.
Maßnahmen zur Bewältigung der Katastrophe
Schon etwa vier Minuten nach den Explosionen erreichte der erste Löschzug der Werksfeuerwehr den Unglücksort. Angesichts der offenbaren Schäden hatte dieser noch während der Fahrt die höchste Alarmstufe ausgerufen, sodass kurz danach die Feuerwehren aus der ganzen Umgebung ausrückten.60 Die Löscharbeiten konzentrierten sich vor allem auf die Brände des Daches von Block 3. In der Dunkelheit konnte niemand das ganze Ausmaß des Schadens überblicken.
Das gleiche galt für die Personen im Schaltraum von Block 4. Auch hier war man der Überzeugung, dass ein Hilfsaggregat explodiert sei oder sich eine chemische Verpuffung ereignet habe. Noch eine ganze Weile versuchte Akimow, Kühlwasser in den Reaktor zu leiten und die Steuerstäbe einzufahren.61 Weder die Operateure noch die Feuerwehrmänner waren sich in den ersten Stunden nach dem Unglück bewusst, dass der halbzerstörte Reaktor tödliche Strahlungsdosen abgab. Zu allem Unglück drangen mehrere Mitarbeiter und Rettungskräfte auf der Suche nach möglichen Opfern teils sogar bis auf wenige Meter an den Platz vor, wo einst Reaktor 4 stand. Zwischen 02:00 und 03:00 Uhr stellten sich bei den ersten Personen Symptome der Strahlenkrankheit ein.62 Im Laufe der Morgenstunden befanden sich 132 Feuerwehrleute und Kraftwerksmitarbeiter im Klinikum von Pripjat.63 Mit Ausnahme des Reaktorkerns waren die Brände bis 06:35 Uhr gelöscht.64
Telefonisch in seiner Pripjater Wohnung über die Ereignisse informiert, eilte Kraftwerksdirektor Brjuchanow sofort zum Unglücksblock 4, wo er um 2:30 eintraf. Akimow berichtete ihm von einem möglichen Strahlenunfall, versicherte aber, dass der Reaktor noch intakt sei. Von seinem Büro aus benachrichtigte Brjuchanow seine Vorgesetzten in Moskau sowie die zuständigen Stellen in Kiew und Pripjat. In der irrigen Annahme, dass der Reaktor nicht betroffen sei, sprach er dabei nur von einem Feuer.65
Diese Meinung vertrat Brjuchanow auch noch am späten Vormittag des 26. April in der Konferenz des Parteikomitees in Pripjat, weshalb er eine Evakuierung des Ortes nicht für notwendig hielt. So lief dort alles weiter seinen gewohnten Gang. Die Einwohner der Stadt tätigten an diesem Samstag ihre Einkäufe, Angestellte des Atomkraftwerks gingen zu ihrer Schicht, wunderten sich aber vor Ort über die hohe Präsenz von Sicherheitsorganen und die offensichtlichen Zerstörungen im Bereich von Block 4.66
Dabei hätte es Brjuchanow besser wissen müssen. Schon um 02:15 Uhr hatte der Leiter des Zivilschutzes auf dem Werksgelände alarmierende Strahlenwerte festgestellt, von denen aber weder Brjuchanow noch der Parteileiter des Kraftwerks etwas wissen wollten.67
Inzwischen war das politische Moskau tätig geworden. Etwa eine halbe Stunde nach Brjuchanows Meldung wurden mehrere Vertreter aus Regierung und Partei, darunter auch Ministerpräsident Nikolai Ryshkow, benachrichtigt, um 05:00 Uhr erhielt Generalsekretär Michail Gorbatschow einen Anruf.68 Umgehend berief dieser die Mitglieder des Politbüros zu einer Krisensitzung ein. Wie in anderen Fällen sollte eine unter Ryshkows Führung stehende Operative Gruppe von Moskau aus mit Fachleuten die zu ergreifenden Maßnahmen beschließen. Verantwortlich für die Umsetzung vor Ort und den Nachrichtenfluss nach Moskau war eine eigens dafür eingesetzte Regierungskommission. Mit dem gerade in Westsibirien verweilenden stellvertretenden Ministerpräsidenten Boris Schtscherbina (1919–1990) sollte ein ausgewiesener Energieexperte diese Kommission vor Ort leiten. Schtscherbina machte sich sogleich mit einem Regierungsflieger auf den Weg in die Ukraine.69 Obwohl Puchner wohl nicht zu Unrecht vermutet, dass Feuerwehr und Sicherheitsorgane anhand möglicher Luftproben schon anderslautende Meldungen nach Kiew und Moskau weitergegeben hatten, war der offizielle Kenntnisstand bei Staatsspitze und verantwortlichen Behörden am Mittag des 26. Aprils 1986: Explosion, Brände, Strahlenaustritt, aber der Reaktor ist intakt. Die meisten gingen von einer Dampfexplosion eines Hilfsaggregats aus.70
Ein Erkundungsflug mit einem Hubschrauber am späten Nachmittag des 26. Aprils änderte die Lage schlagartig. Die an Bord befindlichen Experten stellten fest, dass der Reaktor zerstört war und dass das tonnenschwere obere Schutzschild glutrot auf einem qualmenden Schutthaufen lag. Die ganze Szenerie war mit Teilen aus dem Reaktorinneren übersät.71 Gegen Abend verschärfte sich die Situation, als Flammen aus der Reaktorruine schlugen und Messgeräte einen dramatischen Anstieg der Radioaktivität vermeldeten. Ein erneuter Überflug bestätigte die Befürchtung: Die nukleare Kettenreaktion nahm nach dem Abschalten der völlig erschöpften Wasserpumpen zu, das obere Schutzschild glühte inzwischen hellgelb auf, was auf steigende Temperaturen hinwies. Knapp 22 Stunden nach dem Unglück fing der Graphit im Überrest des Reaktors an zu brennen. Spätestens jetzt wurde aus dem schweren Nuklearunfall eine atomare Umweltkatastrophe mit weitreichenden Folgen.72
Während die ersten Einwohner von Pripjat mit Privatfahrzeugen die Stadt verließen, fasste die im Rathaus tagende Regierungskommission unter dem inzwischen eingetroffenen Boris Schtscherbina am Abend des 26. Aprils 1986 vier Beschlüsse, die den Fortgang der Sicherungsarbeiten in den nächsten Monaten bestimmen sollten: Neben der Abschaltung aller Reaktoren war eine Evakuierung von Pripjat unumgänglich. Daneben galt es den Brandherd zu löschen und die Unfallstelle durch bauliche Maßnahmen hermetisch von der Außenwelt abzuschotten.73
War Reaktor 3 schon wenige Stunden nach dem Unglück abgeschaltet worden, so fuhr man die Reaktoren 1 und 2 in der nächsten Nacht herunter. Die Evakuierung Pripjats begann am 27. April um 14:00 Uhr. Dazu orderte man eigens aus Kiew 1 216 Busse und 300 Lastkraftwagen. Ab 12:00 Uhr erfuhren die Einwohner durch Radio und Lautsprecherdurchsagen von der Räumung, die aber nur wenige Tage anhalten sollte. Bis 17:00 Uhr war die Aktion abgeschlossen. Wegen der starken radioaktiven Verseuchung dehnten die Behörden das Evakuierungsgebiet auf eine Zone von 30 Kilometer aus. Am 5. Mai 1986 mussten deswegen auch die Einwohner der umliegenden Dörfer sowie der Stadt Tschernobyl ihre Wohnungen verlassen.74
Bei der Bekämpfung des Reaktorbrandes stellten sich zwei grundsätzliche Fragen: Wie soll man den stark verstrahlten Brandherd löschen und welche Löschmittel sind anzuwenden? Da die bisher eingesetzten Pumpen völlig erschöpft waren und das Wasser drohte, die restlichen Abschnitte des Kraftwerks zu überfluten, entschloss sich die Kommission, die weitere Brandbekämpfung aus der Luft mittels Helikopter vorzunehmen. Zugleich bat man in Moskau beim Kurtschatow-Institut um Ratschläge, um den Brand mit »unüblichen Methoden« bekämpfen zu können.75
Die Löschmittel hatten drei Aufgaben zu erfüllen: Sand, Lehm und Dolomit sollten das Feuer im Reaktor ersticken, mit Borcarbid hoffte man die nukleare Kettenreaktion unterbrechen zu können und Blei sollte die Unfallstelle gegen die Außenwelt versiegeln. Noch vor der Evakuierung von Pripjat begannen am Morgen des 27. Aprils die ersten Hubschraubeinsätze. Bis zum 2. Mai warfen etwa 30 Kampf- und Transporthubschrauber die benötigten 5 000 Tonnen Löschmittel ab.76 Diese von den sowjetischen Medien gefeierte Aktion hatte ihre Schattenseiten. Nicht nur, dass die vielen Überflüge, Starts und Landungen für eine starke Aufwirbelung des radioaktiv kontaminierten Staubes sorgten, die Statik der Reaktorruine drohte Anfang Mai unter dem Gewicht der abgeworfenen Materialien nachzugeben. Überdies erstickte man mit den Löschmitteln zwar den offenen Graphitbrand, da die abgeworfenen Materialien aber zugleich eine Wärmeabfuhr verhinderten, nahmen Temperatur und Kettenreaktion an der Unfallstelle am 1. Mai wieder zu.77
Es gelang schließlich flüssigen Stickstoff in den havarierten Reaktor zu leiten, was bis zum 6. Mai zu einer erheblichen Reduktion der Aktivität führte.78 Unterdessen drohte sich eine heiße Masse aus geschmolzenen Brennelementen am Reaktorboden ins Erdreich und damit zum Grundwasser durchzubrennen. Es bestand das Risiko einer weiteren, weitaus heftigeren Explosion sowie einer Verseuchung größerer Gebiete in einer nicht absehbaren Dimension. Daher gruben ab Ende Mai hunderte von Bergleuten in vier Wochen einen 130 Meter langen Tunnel unterhalb der Unglücksstelle, der anschließend mit Beton verfüllt wurde, um ein Durchschmelzen des Reaktorkerns in den Grundwasserbereich zu verhindern.79
Vor dem baulichen Einschluss der Unglücksstelle galt es, die bei der Explosion aus der Reaktorhalle geschleuderten Bruchstücke aus Graphit, Brennelementen und Maschinenteilen zu entfernen. Insbesondere die auf dem Dachbereich herumliegenden Trümmer stellten durch ihre hohe Strahlungsintensität eine ernsthafte Behinderung für die weiteren Aufräumarbeiten dar. Der Versuch, diese Arbeit mittels ferngesteuerter Roboter u. a. aus Deutschland und Japan zu erledigen, zeigte nur begrenzten Erfolg. Die Hightech-Maschinen verhedderten sich im Schuttgewirr oder blieben in der noch immer heißen Teerpappe auf dem Dach stecken. Daneben setzte die hohe Strahlungsintensität die empfindliche Elektronik rasch außer Gefecht.80 Wo die Maschinen versagten, mussten Menschen diese Tätigkeiten verrichten. 600 000–800 000 Personen waren von Mai bis November 1986 direkt an der Unglücksstelle sowie in der näheren Umgebung mit der Beseitigung der Folgen der Havarie beschäftigt. Diese »Liquidatoren« setzten sich aus Zivilisten sowie Offiziersschülern und Reservisten aus den verschiedenen Waffengattungen zusammen.81
Wegen des Mangels an Geigerzählern, Dosimetern und Atemschutzmasken für die bevorstehende Arbeit improvisierte man vor Ort: Wie schon bei den Unglücken auf sowjetischen Atom-U-Booten griff man auf die vorhandenen Anzüge zur chemischen Kriegsführung, Gummihandschuhe und Gasmasken zurück. Dazu schützte eine 20 kg schwere Bleischürze den Körper vom Hals bis zum Unterleib, viele Liquidatoren ergänzten ihre Kluft durch selbst angebrachte Bleistücke. Je nach Aufgabe und Ort war die Zeit des Einsatzes von einer halben Stunde über einige Minuten bis unter 50 Sekunden beschränkt. Nach Schätzungen nahmen sie in der kurzen Zeit von wenigen Minuten durchschnittlich das Dreißigfache der Jahresdosis an natürlicher Strahlung auf. Entgegen den Planungen dauerten diese Arbeiten an der unmittelbaren Unfallstelle bis Ende November 1986 an.82 Die genaue Zahl der als Liquidatoren tätigen Personen ist ebenso unbekannt, wie der Anteil der durch diese Arbeit Erkrankten oder Verstorbenen.83
Diese Aufräum- und Dekontaminierungsarbeiten waren unumgänglich für den vierten und letzten Schritt zur Bewältigung des Reaktorunglücks: die Versiegelung der Unfallstelle gegen die Außenwelt. Mitte Mai nahm eine eigens dafür einberufene Baukommission ihre Arbeit auf.
Ziel war es, eine Schutzhülle, die schon bald den inoffiziellen Namen »Sarkophag« erhielt, innerhalb kürzester Zeit zu errichten. Die Bedingungen vor Ort sowie die angeschlagene Statik des Gebäudes erzwangen unkonventionelle Lösungen für das ohnehin schon gigantische Bauvorhaben. Daher entschied man sich für eine Konstruktion aus Stahlbeton, bei der die einzelnen Stahlelemente vorgefertigt und dann vor Ort miteinander verschweißt wurden. Das entstandene Stahlskelett wurde mit Beton aufgefüllt, die Außenwände erhielten als zusätzliche Stabilität riesige Strebepfeiler.84
Das Bauvorhaben überschritt Können und Kapazitäten der sowjetischen Industrie. Von Spezialgeräten aus dem Westen unterstützt, verschlang der »Sarkophag« über 600 000 t Beton und mehr als 7 000 t Stahl.85 Am Ende der Arbeiten hisste ein »Freiwilligentrupp« am 1. Oktober 1986 – wohl in Analogie zum Sieg im Mai 1945 – die rote Flagge am Ablaufkamin des Atomkraftwerks, 5 400 Liquidatoren erhielten als Zeichen des Danks einen eigens geschaffenen Orden.86 Eigentlich für 20 bis 30 Jahre ausgelegt, zeigten sich schon 1991 erste Risse an dem Mammutbauwerk, womit die Diskussion um den Bau einer neuen Schutzhülle begann.87
Das Unglück im Spannungsfeld zwischen Glasnost und Kaltem Krieg
So martialisch die Rhetorik in der Sowjetpresse über die Bezwingung des »unsichtbaren Feindes« berichtete, so hilflos waren die anfänglichen Reaktionen im Moskauer Kreml.88 »Wenn wir die Öffentlichkeit informieren, sollten wir sagen, dass das Kraftwerk gerade renoviert wurde, damit kein schlechtes Licht auf unsere Ausrüstung geworfen wird«, schlug Michail Gorbatschow zu Beginn der ersten Sitzung der Operativen Gruppe des Politbüros am 29. April 1986 vor. Da der durch Satellitenbilder belegte Unfall durch die in Skandinavien gemessenen Werte schon internationale Dimensionen erreicht hatte, blieb den Verantwortlichen nichts anderes übrig, als genauere Informationen herauszugeben. Dabei erfuhren jedoch nicht alle Adressaten das Gleiche. Gemäß dem Blockdenken schlug Ministerpräsident Ryshkow vor, eine Mitteilung für das Inland, eine für die sozialistischen Bruderstaaten und eine Variante für den Westen zu verfassen.89 Sowohl Gorbatschow als auch Ryshkow haben im Nachhinein ihr Handeln in den damaligen Wochen und Tagen immer wieder verteidigt.
Nach dem Bekanntwerden der ersten TASS-Meldung überschlugen sich die ausländischen Westliche Medien mit tatsächlichen aber vor allem vermeintlichen Schreckensnachrichten: Nuke Nightmare und Atom Horror waren die Aufmacher, das britische Boulevardblatt »The Sun« zierte seine Schlagzeile 2000 Dead Riddle am 30. April 1986 mit einem Atompilz und dem Untertitel Disaster in Russia.90 Wildeste Spekulationen über »Todeswolken« und eine Massenpanik in Kiew machten die Runde. So meldete die englische Presse unter Berufung auf »westliche Geheimdienstkreise« am 4. und 5. Mai 1986 den Tod von fünf Atomexperten bei einem Hubschrauberabsturz, der jedoch später nie eine Bestätigung fand.91 Als die Moskauer Regierung die Leiter der Regierungskommission sowohl aus gesundheitlichen Gründen als auch wegen der immensen Arbeitsbelastung in einem Rotationsverfahren auswechselte, verbreiteten westliche Zeitungen prompt Gerüchte um eine »Ablösung« des stellvertretenden Ministerpräsidenten, angeblich »ohne Angabe von Gründen«.92
Über den Ursprung der Anfang Mai kolportierten Zahl von 2 000 Todesopfern gibt es verschiedene Erklärungen. Nach dem Historiker Serhii Plokhy entstammte diese Information einem Telefongespräch, dass der Moskauer United Press International-Korrespondent am 29. April 1986 mit einer Einwohnerin von Kiew geführt hatte. Doch diese sprach von 80 Toten und 2 000 Personen, die sich zur Untersuchung oder Behandlung in Krankenhäuser begeben hatten. Als eine weitere Quelle findet sich ein vom niederländischen Amateurfunker Annis Kofman abgehörtes Funkgespräch angeblich von einem Bauarbeiter des Tschernobyler Kraftwerksgeländes mit einem Amateurfunker in Japan. Dabei soll eine Person auf Englisch »mit starkem russischem Akzent« von 2 000 Toten und einer Kernschmelze in einem zweiten Reaktor berichtet haben. Ob diese Kommunikation so stattfand oder möglicherweise Dritte Gerüchte verbreiten wollten, um Moskau zu genaueren Informationen zu zwingen, ist bis heute nicht geklärt. Auf Grundlage von Satellitenbildern verbreiteten jedoch auch die USA die Nachricht von einem zweiten havarierten Reaktor, nahmen diese aber wenig später als fehlerhaft zurück.93
Die sowjetische Seite reagierte in den Reflexen des Kalten Krieges äußerst gereizt. Schon nach der ersten kurzen Nachricht über das Reaktorunglück schickte die staatliche Nachrichtenagentur TASS am Abend des 28. April einen längeren Text mit einer Liste von 2 300 Störfällen in westlichen Atomanlagen über den Ticker. Sowjetische Presseorgane, wie die »Prawda«, überschlugen sich die nächsten Tage mit Berichten über Unfälle bei Atomtests in Nevada und Harrisburg, der »amerikanischen Fabrik« in Bhopal sowie verunglückten Raketen.94 Symptomatisch für das vergiftete Klima war die Antwort des sowjetischen Botschaftssekretärs in Washington, Vitali Tschurkin (1952–2017), auf die Frage nach den Ursachen des Reaktorunglücks: »Können Sie mir mit Sicherheit sagen, warum ›Challenger‹ explodiert ist?«95
Gorbatschow beendete diese verbale Schlammschlacht, indem er alle Botschafter über das Wochenende vom 24. bis 25. Mai 1986 nach Moskau beorderte, um neue Richtlinien zu erteilen. Dabei forderte er von den Diplomaten mehr »taktische Flexibilität« und kritisierte das »grob ungeschickte« Agieren, das er auf eine jahrzehntelange Verkrustung in der Außenpolitik zurückführte.96
Doch seine Regierung war an dem schlechten Bild, das die Sowjetunion im Mai 1986 abgab, nicht ganz unschuldig. Stellten die nur allmählich durchsickernden Informationen auch für die Regierung in Moskau ein ernsthaftes Problem dar, so tat die jahrzehntelang betriebene Geheimniskrämerei gegenüber Medien und Bevölkerung ein Übriges: Berichte mit brisantem Inhalt blieben unter Verschluss, Bilder vom Unglücksort wurden retuschiert, das Ausmaß der Katastrophe beharrlich heruntergespielt. So erklärte der stellvertretende sowjetische Gesundheitsminister Oleg Schtschepin (1932–2019) zur Strahlenbelastung Ende Mai lapidar, dass »20 Zigaretten am Tag der Gesundheit mehr schaden, als der ständige Aufenthalt in der 30 Kilometer-Zone um Tschernobyl.«97
Nach einer langen Phase des Schweigens wandte sich Gorbatschow am 14. Mai 1986 an die Öffentlichkeit. In einer 20-minütigen Fernsehansprache wies er die Kritik an der zögerlichen Informationspolitik zurück. Den USA und deren engsten Verbündeten, darunter besonders der Bundesrepublik Deutschland, warf er vor, das Reaktorunglück in der Ukraine zum Anlass genommen zu haben, den Ost-West-Dialog zu blockieren. Doch Tschernobyl sei ein »weiteres Alarmsignal dafür, dass die nukleare Epoche ein neues politisches Denken erfordere.« Dazu schlug Gorbatschow ein Vier-Punkte-Programm zur Vertiefung der internationalen Zusammenarbeit bei Kernkraftwerksproblemen vor. Zugleich verband er die Gefahren der zivilen und der militärischen Kernenergie und nahm das Unglück zum Anlass, seine Forderung nach der Abschaffung aller Nuklearwaffen zu wiederholen, wozu die Sowjets ihr Atomtestmoratorium bis zum 6. August 1986, dem 41. Jahrestag der Zerstörung Hiroshimas, verlängerten.98
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