Kitabı oxu: «Glauben ist menschlich»
Peter Kliemann
Glauben ist menschlich
Dr. theol. Peter Kliemann war bis zu seinem Ruhestand Professor am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasium) in Tübingen. Er ist Autor zahlreicher Lehrwerke und Fachpublikationen.
Peter Kliemann
Glauben ist menschlich
Argumente für die Torheit vom gekreuzigten Gott
Calwer Verlag Stuttgart
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://www.dnb.de abrufbar.
Das Werk folgt der reformierten Rechtschreibung. Ausnahmen bilden Texte, bei denen künstlerische, philologische und lizenzrechtliche Gründe einer Änderung entgegenstehen.
eBook (epub): ISBN 978-3-7668-4538-2
ISBN 978-3-7668-4520-7
19., völlig neu überarbeitete Auflage 2020
© 1989 by Calwer Verlag GmbH Bücher und Medien, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags.
Satz und Herstellung: Karin Class, Calwer Verlag
Umschlaggestaltung: Karin Sauerbier, Stuttgart
Umschlagmotiv: Gerhard Gellinger, Nürnberg
eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
Internet: www.calwer.com
E-Mail: info@calwer.com
Inhalt
Vorwort
Kapitel I: Was soll das alles?
Erste Überlegungen zur Frage nach dem Sinn des Lebens
Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt man nicht jeden Tag / Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott / Um den Sinn des Lebens muss man streiten / Gott = Liebe?
Kapitel II: Gott? Gibt es den überhaupt?
Der neuzeitliche Atheismus als Herausforderung für den christlichen Glauben
»Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!« / Drei Argumente gegen Gott / Kann man die Existenz Gottes beweisen? / Ludwig Feuerbach: Gott – eine Projektion des Menschen / Rückfragen an Feuerbach / Karl Marx: Religion als Opium des Volkes / Rückfragen an Marx / Friedrich Nietzsche: Gott ist tot! / Nietzsche für Christen? / Noch einmal: Kann man die Existenz Gottes beweisen? / Albert Camus: Das Leben als Sisyphosarbeit / Von welchem Gott ist eigentlich die Rede?
Kapitel III: Fängt der Glaube da an, wo das Wissen aufhört?
Zum Verhältnis von Glauben, Theologie und Naturwissenschaften
Der Glaube an Gott und die Naturwissenschaften – ein unüberwindlicher Gegensatz? / 7 Tage oder 18 Milliarden Jahre? Wie entstand die Welt? / Wie Naturwissenschaftler arbeiten / Glaube und Theologie / Wie gläubig müssen Theologen sein? / Theologie – eine Wissenschaft? / Die historisch-kritische Methode / Theologie als Hermeneutik / Die Bibel: Gottes Wort oder Menschenwort? / Vom Nebeneinander zum Miteinander von Naturwissenschaft und Theologie: Gemeinsame Schritte ethischer Urteilsfindung
Kapitel IV: Sind alle Götter gleich?
Gottesglaube im Alten Testament
Warum Christen das Alte Testament lesen / »Jahwe« – ein Name als Programm / Die Zehn Gebote – ein Dokument der Befreiung / »Auge um Auge, Zahn um Zahn«? / Jahwe oder Baal? / Prophetischer Protest: z.B. Amos aus Thekoa / »Macht euch die Erde untertan!« / Exkurs: Gottes Ebenbild und die moderne Biotechnologie / Das Tun-Ergehens-Prinzip: »Wer eine Grube macht, der wird hineinfallen …« / Krise und Eschatologisierung des Tun-Ergehens-Prinzips / Wendezeit?
Kapitel V: Ein Hingerichteter als Retter der Welt?
Jesus von Nazareth, der Christus
Zur Quellenlage / Historisch gesicherte Fakten / »Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch« / Müssen Christen an Wunder glauben? / Jesu Hinrichtung / Können Tote auferstehen? / Ehrentitel: Christus – Sohn Gottes – »von einer Jungfrau geboren« / Historischer Jesus – verkündigter Christus / Jesus aus nichtchristlicher Sicht I: z.B. Schalom Ben-Chorin / Jesus aus nicht-christlicher Sicht II: Wie sehen Muslime Jesus von Nazareth? / Zuspruch und Anspruch: Die Bergpredigt
Kapitel VI: Gott ist Liebe
Der christliche Glaube in einem Satz
Sex – Eros – Agape / Liebe überschreitet Grenzen / Agape zwischen »schon« und »noch nicht« / Kämpferische Liebe / Gott der Liebe – Gott des Gerichts / Trinitarische Liebe / Von der Theorie zur Praxis
Kapitel VII: Wie böse ist der Mensch?
Freiheit – Verantwortung – Sünde – Schuld: Das christliche Bild vom Menschen
Ein Bild vom Menschen hat jeder / Thomas Hobbes: Der Mensch ist von Natur aus böse / Wie friedlich ist der Frieden? Thomas Hobbes in der Kritik / Jean-Jacques Rousseau: Der Mensch ist von Natur aus gut / So gut ist der Mensch nicht! Jean-Jacques Rousseau in der Kritik / »… denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf« (1. Mose 8,21) / Wie die Sünde in die Welt kam (1. Mose 2–11) / Denkmodell Heilsgeschichte: Der Mensch als Entwurf seiner selbst / Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen / Schlüsselbegriffe christlicher Anthropologie: Freiheit – Verantwortung – Sünde – Schuld / Zum Beispiel: Christsein in der Leistungsgesellschaft / Zum Beispiel: Christsein in Partnerschaft und Ehe / Zum Beispiel: Christsein in unverschuldetem Leid und Unrecht
Kapitel VIII: Politik – ein schmutziges Geschäft?
Zum Verhältnis von Kirche, Staat und Politik
Von den ersten christlichen Gemeinden zur Kirche / »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist …« / Typen des Verhältnisses von Kirche und Staat / Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit … / Widerstand gegen die Obrigkeit? / Das »Landesherrliche Kirchenregiment« / Evangelische Kirche unter dem Hakenkreuz / Kirche und Staat in der Bundesrepublik Deutschland / Religionsunterricht als »ordentliches Lehrfach«? / Bewusste Wahrnehmung des Öffentlichkeitsauftrags der Kirche: Die Denkschriften der EKD / Zum Beispiel: Die Ostdenkschrift von 1965 / Gratwanderung: Evangelische Kirche in der DDR / Zukunft der Kirche – Kirche der Zukunft?
Kapitel IX: Was geht uns das an?
Zur sozialen Verantwortung der Christinnen und Christen
Was wir allzugern verdrängen / Auf der Seite der Armen und Entrechteten / Zum Beispiel: Die »Soziale Frage« des 19. Jahrhunderts / Kirchliches Versagen / Johann Hinrich Wichern / Karl Marx/ Friedrich Engels: Das Manifest der Kommunistischen Partei / Wie die Soziale Frage des 19. Jahrhunderts »gelöst« wurde / Lehren aus der Geschichte / Konsequenzen für die Gegenwart / Sonntag – ein Tag wie jeder andere?
Kapitel X: Gibt es eine christliche Ethik?
Handeln ist menschlich: Ethik, Ethos und Moral
Begriffliche Annäherungen: Moral ≠ Ethik / Alles determiniert? Alles relativ? / Der Ansatz des Utilitarismus: Was nützt das? / Immanuel Kant: Das moralische Gesetz in mir / Aristoteles: Ethik als Lebenskunst / Diskursethik: Lasst uns darüber reden / Gibt es eine spezifisch christliche Ethik?
Kapitel XI: Wie spät ist es?
Anmerkungen zu Zeit und Zukunft aus christlicher Sicht
Was ist Zeit? / Die Entdeckung der Zukunft: Zyklische und lineare Vorstellungen von Zeit / Apokalypse jetzt? Die Offenbarung des Johannes / Persönlich gefragt: Was kommt nach meinem Tod? / Chronos und Kairos
Kapitel XII: Soll jeder nach seiner Fasson selig werden?
Zum Dialog mit Andersdenkenden und Anhängern anderer Religionen
Wie hältst du’s mit der Mission? / Mission muss sein – aber in welcher Form? / Absolutheitsanspruch und Toleranz / Entwicklungshilfe contra Mission? / Synkretismus als Chance und Gefahr / Quintessenz
Anmerkungen
Stichwortverzeichnis
Vorwort
Wir unterscheiden in unserem Sprachgebrauch manchmal zwischen »gläubigen« und »ungläubigen« Menschen, so, als gäbe es Menschen, die an gar nichts glauben. Doch gibt es das wirklich? Glaubt nicht jeder Mensch tagein, tagaus an etwas oder jemanden? Glaube ich, wenn ich mit meinem Auto über eine Brücke fahre, nicht fest daran, dass die Brücke nicht unter mir zusammenbricht? Glaube ich, wenn ich einem Freund ein Geheimnis anvertraue, nicht fest daran, dass er es nicht weitererzählt? Glauben Schülerinnen und Schüler, die sich um gute Noten bemühen, nicht daran, dass diese Noten ihnen einmal bessere Ausbildungs- und Berufschancen eröffnen werden?
Insofern gilt zweifellos: Glauben ist menschlich. Oder wie Jörg Zink und Rainer Röhricht es in einem gemeinsam verfassten Gedicht formuliert haben:1
Es geht nicht ohne Glauben
Jeder Mensch glaubt irgend etwas,
auch wenn er meint, er glaube nichts.
Er kann nicht von dem leben,
was er sehen und beweisen kann.
Niemand kann einen Menschen lieben,
wenn er nicht glauben will,
denn der andere kann nicht ständig beweisen,
dass er es ernst meint.
Niemand kann einem anderen vertrauen,
wenn er nicht glauben will,
denn der andere kann ihm nicht beweisen,
dass er Vertrauen verdient.
Niemand kann etwas planen oder tun,
wenn er nicht glauben will,
denn er kann nicht wissen,
was die Zukunft bringt.
»Glauben« kann sich in unserer Sprache aber nicht nur auf einzelne Dinge, Personen oder Sachverhalte beziehen, sondern auch auf das Ganze des Lebens und das Ganze der Wirklichkeit. In diesem Sinn bekennen Christinnen und Christen, dass sie an Jesus Christus glauben. Der gekreuzigte Gott ist für sie Ursprung, Mitte und Ziel allen Lebens und aller Wirklichkeit. Andere Menschen vertrauen auf eine andere Sicht der Welt. Sie glauben zum Beispiel an die Kräfte des Marktes, an den Unterhaltungswert des Lebens, an Marx, an Freud, an den Zufall, an das Gesetz des Stärkeren oder einfach an sich selbst. Auch Paulus, der christliche Missionar des ersten Jahrhunderts, hatte wohl schon eine ähnlich plurale Situation vor Augen, wenn er in seinem ersten Brief an die Gemeinde der Hafenstadt Korinth schrieb, für andere Menschen sei »das Wort vom Kreuz« »ein Ärgernis« oder »eine Torheit«, für Christinnen und Christen jedoch »Gottes Weisheit« und »eine Gotteskraft« (vgl. 1. Kor 1,18–25).2
Im vorliegenden Buch soll nun versucht werden, den christlichen Glauben zu durchdenken, und zwar so, dass deutlich wird, was er mit anderen Arten des Glaubens gemeinsam hat und was ihn von anderem Glauben unterscheidet.
Dabei kann man sich sicher darüber streiten, wie wichtig es ist, den christlichen Glauben ausgerechnet zu denken. Ist es nicht viel wichtiger, dass wir an Jesus Christus glauben, und das mit ganzem Herzen und nicht so sehr mit dem Kopf? Und sollten wir unseren Glauben nicht viel mehr leben als lange über ihn nachzudenken? Wie immer man die Gewichte setzt: Dass der christliche Glaube auch gedacht und mit vernünftigen Argumenten begründet sein will, ist schon für das Neue Testament keine Frage. Im 1. Petrusbrief heißt es ganz unmissverständlich: »Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist!« (1. Petr 3,15) So war es schon in neutestamentlichen Zeiten unerlässlich, vielen Mitmenschen überhaupt erst einmal zu erklären, worum es im christlichen Glauben inhaltlich geht. Und bereits damals kamen Christen um das Durchdenken ihres Glaubens auch schon deshalb nicht herum, weil sie untereinander keineswegs immer einig waren, wie der gemeinsame christliche Glaube denn nun konkret in Lebenspraxis umgesetzt werden sollte.
An der Notwendigkeit, den christlichen Glauben auch zu denken, hat sich bis heute kaum etwas verändert. In einem Zeitalter zunehmender Säkularisierung und Differenzierung des gesellschaftlichen Lebens ist sie nach 2000 Jahren Christentumsgeschichte eher noch dringlicher geworden.
Nun ist an theologischen Büchern sicherlich kein Mangel. Kaum ein Teilaspekt des christlichen Glaubens ist nicht gründlich untersucht worden, und auch an meditativen und erbaulichen Veröffentlichungen, an mehrbändigen Dogmatiken und detaillierten Nachschlagewerken ist die Auswahl groß. Was weitgehend fehlt, sind jedoch relativ knappe, aber doch umfassende, allgemein verständliche und doch begrifflich möglichst klare Gesamtdarstellungen für die »gebildete Laiin« und den »gebildeten Laien«.3 Dies wurde mir als Oberstufenlehrer an einem Gymnasium in Baden-Württemberg deutlich, und so entstanden die vorliegenden »Argumente«, die zunächst einmal für den internen Gebrauch gedacht waren und für mich selbst und meine Schülerinnen und Schüler eine thesenartige Zusammenfassung des Abiturstoffes im Fach Evangelische Religion bieten wollten.4 In überarbeiteter Form wenden sie sich jetzt nicht nur an Schüler und Lehrer5 der gymnasialen Oberstufe, sondern auch an interessierte Gemeindemitglieder, an Kolleginnen und Kollegen in anderen Schultypen, in der Erwachsenenbildung und in der Gemeindearbeit, an Studienanfänger sowie an all diejenigen, die sich nicht oder nicht mehr Christen nennen, die sich aber dennoch mit den Inhalten des christlichen Glaubens kritisch auseinandersetzen wollen.
Bemerkung zur 10. Auflage
Als ich »Glauben ist menschlich« schrieb, war in keiner Weise abzusehen, dass diese Publikation einmal so viele Auflagen erreichen würde. Da die allgemeine Resonanz auf mein Buch immer noch sehr positiv ist, habe ich auch für die 10. Auflage keinen Anlass für eine grundsätzliche Neufassung gesehen. Manche ungeschickte oder unklare Formulierung habe ich jedoch korrigiert, den einen oder anderen Abschnitt habe ich ergänzt und vor allem auch die Lektürehinweise im Anmerkungsteil auf den neuesten Stand gebracht. Ich wünsche dem Buch, das sich nun auch nach den Regeln der reformierten Rechtschreibung präsentiert, weiterhin viele zufriedene Leserinnen und Leser und bin für Anregungen und Verbesserungsvorschläge stets dankbar.
Für die geduldige, freundliche und äußerst kompetente Hilfe beim Durcharbeiten der Korrekturfahnen bin ich Friedemann Weitz aus Leutkirch im Allgäu sehr verbunden.
| Tübingen, im Februar 2001 | Peter Kliemann |
Bemerkung zur 19., völlig neu bearbeiteten Auflage
Seit der letzten Überarbeitung dieses Buches sind wiederum fast zwei Jahrzehnte vergangen, und die Nachfrage ist überraschenderweise ungebrochen. Immer wieder erreichen mich bis heute auch sehr persönliche Briefe und Mails, die zeigen, dass »Glauben ist menschlich« keineswegs nur für Schul- und Prüfungszwecke gelesen wird.
Dieses außergewöhnliche Interesse war für mich Anlass und Verpflichtung, mein »Jugendwerk« noch einmal gründlich zu überarbeiten. Der offensichtlich erfolgreiche Stil sollte dabei erhalten bleiben, aber ich habe manches auf den neuesten Stand gebracht und auch noch zwei neue Kapitel (Kapitel X: Gibt es eine christliche Ethik? und Kapitel XI: Wie spät ist es?) hinzugefügt.
Was mir aus dem Abstand der Jahre und nach vielen Reisen im europäischen und außereuropäischen Ausland auffällt, ist, wie stark »Glauben ist menschlich« aus der Perspektive des deutschen Luthertums geschrieben ist. Unterschiede zur römisch-katholischen Kirche werden nur am Rande thematisiert, von Calvin, Zwingli, den orthodoxen Kirchen, von Freikirchen und den sehr erfolgreichen Pfingstkirchen ist nicht die Rede. Auch Überlegungen zu den nicht-christlichen Religionen musste ich in eine andere Publikation auslagern. Ich habe es nach reiflichem Nachdenken bei dieser perspektivischen Zuspitzung belassen. Alles andere hätte den Rahmen und Umfang des handlichen Büchleins gesprengt. Anregungen und Verbesserungsvorschläge sind auch in Zukunft sehr willkommen. Und der letzte Satz der Bemerkung von 2001 gilt auch im Jahr 2020: Für die geduldige, freundliche und äußerst kompetente Hilfe beim Durcharbeiten der Korrekturfahnen bin ich Friedemann Weitz aus Leutkirch im Allgäu sehr verbunden!
| Tübingen, im April 2020 | Peter Kliemann |
Kapitel I
Was soll das alles?
Erste Überlegungen zur Frage nach dem Sinn des Lebens
Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt man nicht jeden Tag
■ Auch Menschen, die sich nicht als besonders religiös bezeichnen würden, für die Gott vielleicht gar kein Thema mehr ist, fragen gelegentlich nach dem »Sinn des Lebens«. Wer sich auf diese Frage ernsthaft einlässt, wird schnell merken, dass sie nur die Überschrift für eine Fülle von weiteren, zum Teil eher theoretischen, zum Teil aber auch sehr existentiellen Fragen ist, die traditionellerweise im Rahmen von Religion und Theologie formuliert und reflektiert wurden:
Warum bin ich überhaupt auf der Welt? Gibt es einen Ursprung und ein Ziel allen Lebens? Oder ist letztlich alles Zufall? Welchen Unterschied macht dies für meine konkrete Lebensgestaltung? Wie hängt mein Leben mit dem Leben der anderen zusammen? Ist es egal, ob ich so oder anders lebe? Gibt es Kriterien für Gut und Böse? Gibt es überhaupt so etwas wie »den Sinn des Lebens«? Kann ich für mich und andere befriedigend leben, wenn ich davon ausgehe, dass das Leben gar keinen Sinn hat? Was ist ein erfülltes, geglücktes Leben, was ein missglücktes? Wie gehe ich mit Leid, Unrecht und Schicksalsschlägen um? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ändert die Antwort auf diese Frage etwas an dem Leben vor dem Tod?
Man könnte also, ohne Andersdenkende und Andersgläubige vereinnahmen zu wollen, sagen, dass es sich bei der Sinnfrage – der Frage nach dem Woher, Wohin und Wozu des Lebens – um eine neuzeitliche säkularisierte Fassung der Gottesfrage handelt.6
■ Dass der Mensch überhaupt nach dem Sinn seines Lebens fragt, unterscheidet ihn aus der Sicht heutiger Verhaltensforschung vom Tier.7 Während Tiere in ihrem Verhalten weitgehend durch ihre Instinkte geleitet werden, sind diese Instinkte beim Menschen verkümmert. Der Mensch ist ein »Mängelwesen«, das einerseits die einmalige Freiheit hat, andererseits aber auch dazu gezwungen ist, sich zu entscheiden, wie es sein Leben gestalten will. Da die Möglichkeiten hierzu zwar nicht für jeden Einzelnen, aber doch für die Gattung Mensch nahezu unbegrenzt sind, sind auch die Lebensentwürfe und Lebensmodelle der Menschen je nach historischen, gesellschaftlichen und biographischen Gegebenheiten sehr unterschiedlich und vielfältig.
■ Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt man nicht jeden Tag. Wir können lange Zeit sehr gut von einem vorläufigen Ziel, von einem Termin und Projekt zum anderen leben, ohne uns über tiefgründige Fragen philosophischer oder theologischer Art überhaupt Gedanken zu machen. Es wäre schlimm, wenn es anders wäre. Denn wenn sich einem die Frage nach dem Sinn des Lebens aufdrängt, dann ist dies in der Regel ein Signal dafür, dass die bewährten Wahrnehmungs- und Handlungsmuster des Alltags durcheinandergeraten sind, dass nicht mehr klar ist, warum und wie man eigentlich leben soll. Wer plötzlich schwer krank wird, wer einen Freund oder Verwandten verliert, wer in der Schule oder im Beruf versagt, wer arbeitslos ist, wer ein behindertes Kind zur Welt bringt, wessen Beziehung in die Brüche geht, der fragt nach dem Sinn des Lebens, und zwar nicht selten recht verzweifelt.
Weil kein Mensch gegen solche Situationen gefeit ist und weil Verzweiflung ein schlechter Ratgeber ist, ist es gut, die Frage nach dem Sinn des Lebens auch schon einmal dann zu stellen und zu durchdenken, wenn man nicht unter einem akuten Sinndefizit leidet.
Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott
■ Auch wer nicht ständig über den Sinn des Lebens nachdenkt, unterstellt nichtsdestoweniger immer schon einen bestimmten Sinn. Martin Luther hat dies in seinem Großen Katechismus von 1529 in der Auslegung zum 1. Gebot so formuliert:
»Was heißt ›einen Gott haben‹ bzw. was ist ›Gott‹? Antwort: Ein ›Gott‹ heißt etwas, von dem man alles Gute erhoffen und zu dem man in allen Nöten seine Zuflucht nehmen soll. ›Einen Gott haben‹ heißt also nichts anderes, als ihm von Herzen vertrauen und glauben; in diesem Sinn habe ich schon oft gesagt, dass allein das Vertrauen und Glauben des Herzens einem etwas sowohl zu Gott als zu einem Abgott macht. Ist der Glaube und das Vertrauen recht, so ist auch dein Gott der rechte Gott, und umgekehrt, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zusammen, Glaube und Gott. Das nun, sage ich, woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässest, das ist eigentlich dein Gott.«8
Luther fasst an dieser Stelle die Begriffe »Glauben« und »Gott« sehr weit. Man kann sich kaum einen Menschen vorstellen, der in diesem Sinn nicht an etwas glaubt, der sein Herz nicht an etwas hängt, der nicht irgendwo einen bewussten oder unbewussten Orientierungspunkt hat, für den nicht irgendetwas oder irgendjemand im Leben das Wichtigste ist. Auch ein Atheist glaubt nach Luthers Verwendung des Begriffs also an etwas, auch wenn er es vielleicht gar nicht benennen kann und will.
Wenn das, »woran du dein Herz hängst …, eigentlich dein Gott« ist, dann ist damit allerdings noch nicht ausgemacht, um was für einen Gott es sich handelt, ob er wirklich den Namen Gott verdient oder nur ein Scheingott (»Abgott«) ist und ob er »in allen Nöten« auch wirklich hält, was man sich von ihm verspricht.
■ Wir hängen unsere Herzen, meist ohne uns dessen richtig bewusst zu sein, an Geld, Beruf, Karriere, Eigenheim, Hobbies, Ehepartner, Freunde, Kinder, Schönheit, Unterhaltung, Kleidung, soziales Ansehen und anderes, das nützlich und erstrebenswert sein mag, bei dem sich in schwierigen Lebenssituationen aber sehr schnell zeigt, dass wir falschen Gottheiten und Abgöttern gedient haben, die keineswegs »in allen Nöten« eine »Zuflucht« bieten (vgl. dazu auch schon das Gleichnis vom reichen Kornbauern, Lk 12,16–21). Was alles den Sinn des Lebens nicht garantiert, lässt sich also bei einiger Selbstkritik relativ leicht erkennen, wesentlich schwieriger ist es hingegen, zu diesem Thema etwas Positives zu formulieren.
Um den Sinn des Lebens muss man streiten
■ In früheren Jahrhunderten bot in unserem Kulturkreis die biblisch-christliche Tradition ein in Einzelheiten zwar immer auch heftig umstrittenes, insgesamt aber doch allgemein akzeptiertes Erklärungsmodell für die verschiedenen Fragen und Situationen des alltäglichen Lebens, aber auch für die Bewältigung von individuellen, familiären und gesamtgesellschaftlichen Krisen. Dieses Erklärungsmodell ist heute vielen Menschen nicht mehr oder nur ungenügend bekannt, und schon gar nicht mehr von allen als selbstverständlicher Bezugs- und Orientierungsrahmen akzeptiert. Das biblisch-christliche Erklärungsmodell ist fraglich geworden; an seine Stelle ist jedoch bisher kein gleichwertiger Ersatz getreten, so dass ein weltanschauliches Vakuum entstanden ist, das sowohl im Leben des Einzelnen als auch im politischen Leben in einer oft nur notdürftig durch Geschäftigkeit und Krisenmanagement überdeckten Orientierungslosigkeit zum Ausdruck kommt.
In einer Gesellschaft, die sich nur langsam wandelte, war die Anzahl der möglichen Lebensmodelle noch überschaubar. In unserer sich mit rasantem Tempo, aber ohne klar erkennbare Zielrichtung verändernden Gesellschaft übersteigt die Vielfalt von z.T. nur sehr kurzlebigen, oft auch von den Massenmedien, der Werbung und der Unterhaltungsindustrie gezielt ins Spiel gebrachten Lebensentwürfen nicht selten die Wahrnehmungs- und Strukturierungsfähigkeit des Einzelnen.
■ Das entstandene weltanschauliche Vakuum versuchen u.a. verschiedene wissenschaftliche Disziplinen, vor allem die Sozialwissenschaften, zu füllen, indem sie immer wieder Modelle geglückten Lebens entwerfen. Dabei kann allerdings nicht übersehen werden, dass es kaum möglich ist, die gewachsene und im Alltag auch einfacher Menschen fest verankerte Tradition von Religionen einfach durch das nüchterne und notwendigerweise distanziert-kritische Kalkül wissenschaftlicher Forschung zu ersetzen.
Immerhin kann man aus sozialwissenschaftlichen Untersuchungen z.B. lernen,
– dass es für menschliches Leben wichtig ist, dass die Kommunikation mit anderen Menschen gelingt (was natürlich genauer zu definieren wäre!);
– dass es für menschliches Leben wichtig ist, dass der Mensch sich realisierbare Aufgaben stellt, dass er sich für etwas engagiert;
– dass es für menschliches Leben wichtig ist, dass der Mensch sich mit der Endlichkeit seines Lebens, mit seinen Schwächen, mit dem Tod und der Möglichkeit von Schicksalsschlägen auseinandersetzt;
– dass die Erfahrung von Sinn nicht durch bloße Reflexion herstellbar ist, sondern vor allem auch durch emotionale und unbewusste Faktoren mitbestimmt wird;
– dass das, was der eine als sinnvolles Leben empfindet, für den anderen noch lange nicht sinnvoll sein muss;
– dass einem Menschen, der am Sinn des Lebens zweifelt, menschliche Zuwendung mehr nützt als alle Theorien über den Sinn des Lebens.
■ Weil der Mensch – heute mehr denn je – den Sinn seines Lebens erst suchen muss, kann kein einzelner Mensch oder keine Menschengruppe sich anmaßen, den Sinn des Lebens für alle Menschen in allen Situationen zu kennen. Jeder kann nur artikulieren und versuchen, anderen plausibel zu machen, worin er aufgrund seiner Erfahrungen und seines Wissens den Sinn des Lebens sieht. Wer sich damit nicht zufrieden geben und Eindeutigkeit um jeden Preis erzielen will, läuft Gefahr, anderen Menschen physisch oder psychisch Gewalt anzutun, ihre Andersartigkeit und Vielfalt zu unterdrücken und diktatorischen oder inquisitorischen Verhältnissen den Weg zu bereiten.
Ist bei der Behandlung der Sinnfrage also grundsätzlich Toleranz und Offenheit für die Lebensäußerungen anderer Menschen angezeigt, so darf diese Haltung jedoch nicht mit Beliebigkeit und Gleichgültigkeit verwechselt werden. Weil meine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens in ihren Auswirkungen meine Mitmenschen konkret berührt und weil ihre Antworten auch auf mich unter Umständen unangenehme Folgen haben, können wir uns nicht damit zufrieden geben, dass eben jeder sein Leben so leben soll, wie er gerade Lust hat. Müsste insbesondere in unserer heutigen Welt, die in ihrer Gesamtheit von ökologischen, militärischen, ernährungspolitischen und medizinischen Katastrophen unvorstellbaren Ausmaßes bedroht ist, nicht jeder Mensch bestrebt sein, seine vorläufige Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens mit den Antwortversuchen anderer Menschen zu konfrontieren und mit ihnen gemeinsam um den richtigen Weg zu einem lebenswerteren Leben zu streiten?
Die folgenden Bemühungen, die Sinnfrage aus christlicher Sicht zu beantworten, verstehen sich als ein Beitrag zu solch einem Dialog.
Gott = Liebe?
■ Sollte ich in einem Satz zusammenfassen, worin für mich als Christ der Sinn des Lebens liegt, so würde ich in Anlehnung an den 1. Johannesbrief sagen: In der Liebe. In der Liebe, die Gott uns schenkt und die wir Menschen weitergeben sollen. Solch eine Behauptung ist natürlich erklärungsbedürftig, denn es gibt nicht viele Wörter in der deutschen Sprache, die vieldeutiger und missverständlicher sind als die Begriffe »Gott« und »Liebe«. Man könnte die folgenden Arbeitsthesen deshalb als eine ausführliche, in vielerlei Variationen durchbuchstabierte Paraphrase des neutestamentlichen Satzes »Gott ist Liebe« (1. Joh 4,8.16) ansehen.9
■ Wer die These »Gott ist Liebe« aufstellt, muss sich am Anfang des 21. Jahrhunderts zunächst einmal bewusstmachen, dass viele Zeitgenossen die Existenz Gottes überhaupt bestreiten oder doch zumindest anzweifeln. Im nächsten Kapitel wird es deshalb darum gehen, zu erklären, was eigentlich für oder gegen die Existenz eines göttlichen Wesens spricht.
Kapitel II
Gott? Gibt es den überhaupt?
Der neuzeitliche Atheismus als Herausforderung für den christlichen Glauben
»Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!«
Zur Geschichte des Begriffs »Atheismus«
Der Begriff »Atheismus« (von griech. átheos = »ohne Gott«, »gottleugnend«) hat eine lange Geschichte. Als »Atheisten« wurden in der griechisch sprechenden Antike z.B. diejenigen bezeichnet, die sich weigerten, die offiziellen Gottheiten des Staatskultes anzubeten; das heißt, auch die ersten Christen waren nach dieser Definition »Atheisten«. Atheismus im heutigen Sinn, d.h. als grundsätzliche Leugnung der Existenz eines göttlichen Wesens, ist jedoch ein relativ neues Phänomen. Es wurde schon immer, zum Teil auch mit Waffengewalt, darum gestritten, wie Gott beschaffen sei und was genau sein Wille sei; dass es aber vielleicht gar keinen Gott gibt, das ist ein Gedanke, der im Zeitalter der europäischen Aufklärung, also dem 17./18. Jahrhundert, Boden gewinnt und erst im 19. und 20. Jahrhundert auch breitere Bevölkerungsschichten erfasst.
Der Atheismus der Bundesbürger neigt zur Sprachlosigkeit.
Liest man neuere religionssoziologische Untersuchungen zum religiösen Bewusstsein der Bundesbürger, dann gewinnt man den Eindruck, dass wir es zur Zeit vor allem mit einem schleichenden, versteckten Siegeszug des Atheismus zu tun haben. Wer sich ausdrücklich zum Atheismus bekennt, riskiert, seine Position, seine Lebensperspektiven und Werte, das, »woran er sein Herz hängt«, erläutern und begründen zu müssen. Er ist insofern für Christen ein sehr interessanter und anregender Gesprächspartner. Viel häufiger als dieser Überzeugungsatheismus ist heute jedoch ein stillschweigender, sprachloser Atheismus, für den die Gottesfrage anscheinend überhaupt kein Thema mehr ist, der sich nicht einmal mehr die Mühe macht, Gott auch nur abzulehnen.
Die versteckte Gottesfrage
Wohlstandsatheismus?
»Brüder und Schwestern, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist […] Und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.« Gal 6,1
Will man die Lebensfragen, die über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg in religiösen Kategorien formuliert wurden, nicht mit einem Schlag für gänzlich erledigt und beantwortet betrachten, dann wäre zu überlegen, ob sie heute in einem anderen Rahmen artikuliert werden (in der Politik? in Talkshows? in therapeutischen Gruppen? in der Popmusik? in der Kulturszene? in den sozialen Medien?) oder ob sie nicht nur aus Hilflosigkeit und Bequemlichkeit verdrängt und beiseitegeschoben werden. Im letzteren Fall hätten wir es mit einem unkritischen und unreflektierten Materialismus zu tun, getreu dem schon in der Bibel zitierten, in einer Wohlstandsgesellschaft ganz neuen Ausmaßes aber hochaktuellen Motto »Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!« (1. Kor 15,32; Jes 22,13). Sollte dem so sein, dann wäre dies, zumindest für Christen, allerdings kein Grund, unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern ihre Flucht vor Fragen, die ihnen zu komplex und schwierig erscheinen, lediglich zum Vorwurf zu machen, sondern vor allem auch ein Anlass, sie zur Artikulation und Reflexion ihrer vergessenen und verdrängten Lebensfragen zu ermutigen und mit ihnen gemeinsam nach lohnenden Lebenszielen zu suchen, die ein Überschreiten von bloßen Konsumentenrollen möglich machen.
Drei Argumente gegen Gott
Da, wo Atheismus sich artikuliert, erreicht er nur selten das philosophische Niveau von Feuerbach, Marx oder Nietzsche, auf die gleich noch einzugehen sein wird. Auch wer die Gedankengänge dieser Philosophen nicht kennt, kann in der Regel drei Gründe anführen, die nach weit verbreiteter Ansicht den Glauben an Gott unmöglich machen:
1. Argument: Naturwissenschaft und Gottesglaube sind unvereinbar.
Ein Missverständnis?
→ Glauben, Theologie und Naturwissenschaften
• Ein erstes Argument lautet, die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften ließen sich mit einem Gottesglauben, der ja weitgehend auf märchen- und mythenhaften Annahmen beruhe, nicht vereinbaren. Gottesglaube sei vielleicht in früheren Zeiten ein angemessener Erklärungsversuch der Wirklichkeit gewesen, zu Beginn des dritten Jahrtausends sei er jedoch endgültig überholt. – Diese These beruht weitgehend auf Missverständnissen, die im nächsten Kapitel bei einer Untersuchung des Verhältnisses von Glauben, Theologie und Naturwissenschaft ausgeräumt werden sollen.
2. Argument: Der Gottesglaube hat in seiner bisherigen Geschichte wenig Positives bewirkt.
Kirche = Gott?
• Ein zweites Argument verweist auf die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, die im Namen der Religion und speziell auch des Christentums bereits angerichtet wurden (Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen, Religionskriege, Verquickung von Mission und Kolonialismus, Verteufelung von Sexualität, Segnung von Kanonen, Bündnisse zwischen Thron und Altar, Missbrauch von Minderjährigen und Vertuschung der Skandale – um nur einiges zu nennen), und zieht daraus den Schluss, dass Gottesglauben bisher wenig Positives hervorgebracht habe. – Diese Kritik am bisherigen Verlauf der Kirchengeschichte ist sehr ernst zu nehmen (auch wenn die Geschichte des Christentums dabei oft allzu einseitig und polemisch dargestellt wird!), andererseits kann ein Versagen der Institution Kirche und ihrer Mitglieder aber niemals die Möglichkeit der Existenz Gottes widerlegen. Was die kritische Analyse der Kirchengeschichte belegt, ist doch nur, dass die Institution Kirche und ihre Mitglieder sehr oft das Evangelium von Jesus Christus, auf das sie sich beriefen, entstellt, in sein Gegenteil verkehrt und missbraucht haben. Daraus kann man die Notwendigkeit einer radikalen Kirchenkritik ableiten, die – ähnlich wie bei der notwendigen Kritik an Institutionen wie Schule, Staat oder Familie – aber nicht unbedingt die völlige Abschaffung von Kirche und Christentum beinhalten muss, sondern eben genauso auch ihre Reform und Erneuerung zum Ziel haben könnte.
3. Argument: Wie kann Gott das zulassen?
• Ein drittes, gewichtiges Argument entsteht aus dem Protest gegen die Fülle menschlichen Leidens, das wir sowohl in unserer näheren Umgebung als auch weltweit beobachten können. Behinderte Menschen und verhungernde Kinder, Naturkatastrophen, unverschuldete Krankheiten, soziale Ungerechtigkeiten, Kriege, Folter oder gar unvorstellbare Gräuel wie die von Auschwitz führen zu der Frage, die man in der Sprache der Theologen als Theodizeefrage (Theodizee, von griech. theós = »Gott« und díkē = »Gerechtigkeit«, wörtlich: »Rechtfertigung Gottes«) bezeichnet und die im Alltag meist in der Formulierung »Wie kann Gott das zulassen?« ihren Ausdruck findet. Diese Frage, die Georg Büchner in seinem Drama »Dantons Tod« den »Fels des Atheismus« genannt hat,10 stellt für den Gottesglauben einen nicht zu unterschätzenden Prüfstein dar.
Keine vorschnellen Antworten!
»Die Frage ›Wo war Gott in Auschwitz?‹, an der sich die verschiedensten Denker versucht haben, geht nach meiner Ansicht über menschliche Kräfte. Es mag der Mühe wert gewesen sein, die klügsten, tiefsten, persönlichsten Antworten auf diese Frage zu versuchen. Ich fühle mich dieser Frage nicht gewachsen. Es bleibt uns nur auf Auschwitz zu antworten. Und eine solche Anwort kann – so möchte ich sagen – letztlich nicht gedacht, sondern nur getan werden.« Yehoshua Amir11
Vorschnelle Antworten wie die, dass Gott die Menschen vielleicht nur auf die Probe stellen wolle oder dass die Leiden der Menschen vielleicht die Buße für begangene Untaten und Verfehlungen seien, sind aus zwei Gründen unangebracht:
– Zum einen maßen sie sich an, Gottes Pläne und Absichten zu kennen, seinen Willen berechnen zu können, was zumindest dem biblischen Gottesbild widerspricht und schon den Freunden Hiobs Tadel eingebracht hat (vgl. Hiob 42,7ff.).
– Zum anderen nützen Theorien über die Ursachen des Leids dem, der leidet, sehr wenig. Sie laufen Gefahr, zynisch und herzlos zu sein.
Sinnvoller ist es hingegen, sich zu überlegen, wie man mit dem Leid, das ja auch nach der Abschaffung des Gottesglaubens nicht aus der Welt geschafft wäre, umgehen könnte, die Frage »Wie kann Gott das zulassen?« also in die Frage »Wie kann ich mit dem Leid auf eine produktive und würdige Art und Weise umgehen?« umzuformulieren. Ob es der biblische Gottesglauben wirklich ermöglicht, mit Leiden produktiver und würdiger umzugehen als z.B. der Atheismus, kann jeder Mensch nur für sich selbst prüfen. Leiden ist jedenfalls sowohl im Alten Testament (vgl. neben dem Buch Hiob die Auseinandersetzung mit dem Leid in den Klagepsalmen!) als auch für die neutestamentliche Botschaft vom unschuldig am Kreuz hingerichteten Gottessohn nicht nur ein beliebiges Thema unter vielen.12
»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Ps 22,2; Mk 15,34
Kann man die Existenz Gottes beweisen?
Wer sich über die Existenz oder Nicht-Existenz eines göttlichen Wesens Gedanken macht, kommt sehr schnell zu der Frage, ob man die Existenz Gottes denn beweisen könne.13 In der Geschichte der christlichen Theologie, vor allem auch in der Scholastik des Mittelalters, wurden in diesem Zusammenhang sogenannte »Gottesbeweise« formuliert:
Fünf »Gottesbeweise«
• Der kosmologische Gottesbeweis (von griech. kósmos = »Schmuck, Ordnung, Weltall«) schließt aus der Tatsache, dass es in der Welt Bewegung gibt und dass jedes Bewegte seinerseits von einem Anderen bewegt wird, auf die Notwendigkeit eines ersten Bewegers – »quod omnes dicunt Deum« (»und eben dies nennen alle ›Gott‹«, so die berühmte Standardformel des Thomas von Aquin, 1225–1274, am Ende seiner Beweisgänge). Eine Variante des kosmologischen Gottesbeweises geht davon aus, dass alles in der Welt eine Ursache hat, es eine endlose Kette von Ursachen aber nicht geben könne. Also müsse es eine erste Ursache geben – quod omnes dicunt Deum.
»HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.« Ps 104,24
• Der teleologische Gottesbeweis (von griech. télos = »Ziel, Endzweck«) geht von der Ordnung, Zweckmäßigkeit und Zielstrebigkeit der Welt und vor allem auch der Natur aus. Aus dem Staunen über die kleinen und großen »Wunder der Natur« schließt dieser Gottesbeweis auf die Notwendigkeit eines Weltordners oder Weltschöpfers.
• Der ethnologische Gottesbeweis (von griech. éthnos = »Volk«) schließt aus der Beobachtung, dass alle Völker und Kulturen – weitgehend unabhängig voneinander – Vorstellungen von göttlichen Wesen entwickelt haben, dass dann an dieser Vorstellung doch etwas dran sein müsse.
• Der ontologische Gottesbeweis (von griech. on = »seiend«, »seinsmäßig«, »dem Sein nach«) geht auf den mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury (1033–1109) zurück. Anselm definiert Gott als »etwas, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann.« Wäre dieser »Gott« nur ein Produkt meiner Gedankenwelt, dann könnte ich mir jedoch noch etwas Größeres denken. Wer »Gott« also so wie Anselm definiert, kann gar nicht anders, als auch seine Existenz mitzudenken.
• Der moralische Gottesbeweis schließlich, der mit dem Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) in Verbindung gebracht wird, lautet: Gäbe es keinen Gott, dann gäbe es für uns Menschen letztlich auch keinen notwendigen Grund, uns moralisch und sittlich zu verhalten.
»Gegenbeweise«
Nun lassen sich zu jedem dieser sogenannten »Beweise« leicht »Gegenbeweise« führen: Warum muss es denn eigentlich einen ersten Beweger oder eine erste Ursache geben? Ist die Welt wirklich so wohlgeordnet und bewundernswert und nicht oft auch sehr grausam und unbarmherzig? Kann es sich bei den Gottesvorstellungen der Völker nicht um bloße Projektionen, um naive, heute überholte Deutungen der Wirklichkeit handeln? Darf man von etwas Gedachtem tatsächlich auf seine Existenz schließen? Muss ein Atheist, nur weil er nicht an Gott glaubt, mit Notwendigkeit ein unmoralischer und unsittlicher Mensch sein?
»Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!« Joh 20,29
Gott lässt sich nicht beweisen!
Noch schwerwiegender sind aber theologische Einwände grundsätzlicher Art: Können Menschen mit ihrem endlichen Verstand ein unendliches, alles umfassendes und allem zugrunde liegendes Wesen überhaupt beweisen? Hieße Gott »beweisen« nicht auch immer, sich Gott verfügbar und kalkulierbar machen? Und liefe das nicht zumindest dem biblischen Gottesglauben völlig zuwider? Heutige Theologen lehnen die sogenannten Gottesbeweise aus diesen Gründen in aller Regel ab. Trotzdem handelt es sich bei diesen Argumentationen nicht einfach um Unsinn. Diese »Beweise« können uns – von alltäglichen, z.T. kindlichen Erfahrungen ausgehend – anregen und dazu bringen, über »Gott und die Welt«, über Ursprung, Sinn und Ziel unseres Lebens nachzudenken. Wer sich auf die Gedankengänge der Gottesbeweise einlässt und versucht, sie zu widerlegen, hat schon begonnen, Philosophie und Theologie zu betreiben. Er hat die Scheuklappen eines gedankenlosen Materialismus abgelegt.
Ludwig Feuerbach: Gott – eine Projektion des Menschen
Als Begründer des modernen, philosophisch durchdachten Atheismus gilt der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804–1872). Etwas spöttisch hat man ihn, der zunächst selbst Theologie studiert hatte, auch den »Kirchenvater des modernen Atheismus« genannt.
Gott ist ein Wunschgebilde menschlicher Sehnsüchte und Hoffnungen.
Feuerbach vertritt in seinem Hauptwerk »Das Wesen des Christentums« von 1841 die These, Gott sei eine bloße Projektion des Menschen, ein Wunschgebilde seiner eigenen Hoffnungen und Sehnsüchte. Weil der Mensch es nicht aushält, unvollkommen und endlich zu sein, erfindet er sich ein vollkommenes und allmächtiges Wesen; weil er selbst nicht sterben will, erfindet er die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele; weil er die Ungerechtigkeit auf Erden nicht erträgt, kommt er auf den Gedanken einer himmlischen Gerechtigkeit. In Umkehrung eines Satzes aus dem ersten Kapitel der Bibel kommt Feuerbach zu dem Schluss: »Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.« Problematisch an diesen Projektionsvorgängen ist für Feuerbach, dass der Mensch durch sie von sich selbst entfremdet wird, dass er sich innerlich entzweit, zwiespältig wird. Religion ist die Negation des Menschen, weil sie den Menschen dazu verleitet, seine Energien an ein illusionäres Konstrukt zu verlieren, anstatt sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und die Welt nach seinen Bedürfnissen zu gestalten.
»Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn …« 1. Mose 1,27
→ Gottebenbildlichkeit
Aus »Candidaten des Jenseits« sollen »Studenten des Diesseits« werden.
Die Konsequenzen, die Feuerbach aus seinen Überlegungen ziehen muss, liegen auf der Hand. Die Vorstellungen von Gott und einer jenseitigen Welt müssen überwunden werden. Damit kommt es aber zur Negation der Negation des Menschen. Die Einheit des Menschen mit sich selbst wird wiederhergestellt. Auf diese Weise wird Theologie (Lehre von Gott) zu Anthropologie (Lehre vom Menschen), Religion wird durch Politik, das Warten auf ein besseres Jenseits durch das Engagement für ein besseres Diesseits ersetzt. Feuerbach will, wie er es selbst formuliert, die Menschen »aus Gottesfreunden zu Menschenfreunden, aus Gläubigen zu Denkern, aus Betern zu Arbeitern, aus Candidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits«14 machen.
Rückfragen an Feuerbach
»Da riss alles Volk sich die goldenen Ohrringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron. Und er nahm sie von ihren Händen und formte das Gold und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben!« 2. Mose 32,3f.
Wer sich nun kritisch mit Feuerbachs Projektionstheorie auseinandersetzt, wird zunächst zugestehen müssen, dass Religion in der Tat mit Projektionen zu tun hat. Menschen machen sich Vorstellungen und Bilder von den Göttern, die sie verehren, und in diesen Vorstellungen und Bildern kommen biographisch, kulturell und gesellschaftlich bedingte Bedürfnisse und Sehnsüchte zum Ausdruck. Dass dem so ist, wird durch die Religionsgeschichte vielfältig belegt und durch die Erkenntnisse der modernen Psychologie, insbesondere die Untersuchungen Sigmund Freuds (1856–1939), auch weitgehend plausibel erklärt. Die Frage ist nur, ob Religion deshalb nichts anderes als, ob sie nur Projektion sein muss. Schon sehr bald wurde Feuerbach von seinen Kritikern entgegengehalten, ob denn Brot eine Projektion des Hungers sein müsse, nur weil es dem menschlichen Wunsch nach Sättigung entspricht. Aus der richtigen Einsicht, die Gottesbilder der Menschen enthielten Projektionen, lässt sich in der Tat kein logischer Schluss auf die Nicht-Existenz eines göttlichen Wesens ziehen. Ein Wesen, das menschlichen Wunschvorstellungen entspricht, kann sehr wohl auch existieren.
Muss Brot eine Projektion des Hungers sein?
Projiziert Feuerbach selbst?
Feuerbach geht bei seiner Argumentation also selbst von unbewiesenen und auch nicht beweisbaren Annahmen aus. Wenn er das Bild eines mündigeren, tatkräftigeren Menschen der Zukunft malt, projiziert er außerdem selbst; er »hängt sein Herz an« einen Fortschrittsglauben, der im 19. Jahrhundert auf viele Menschen faszinierend wirken musste, dessen negative Auswirkungen heute aber niemand mehr übersehen kann.
Die Bibel kennt das Problem der Projektion.
→ Hebräischer Gottesname
Speziell von der christlichen Religion her wäre vor allem darauf hinzuweisen, dass schon im Alten Testament immer wieder betont wird, dass der Gott Israels der ganz Andere, der nicht Verfügbare und Kalkulierbare sei (vgl. z.B. 2. Mose 3,14), von dem der Mensch sich kein Bild machen dürfe (2. Mose 20,4). Das Alte Testament rechnet selbst mit Projektionen und unterstreicht in den verschiedenen Phasen der Geschichte Israels immer wieder, dass der Gott, um den es geht, alle menschlichen Vorstellungen übersteigt und sprengt (vgl. dazu insbesondere auch die Religionskritik der Propheten).
Dass der biblische Gott sich nicht den menschlichen Vorstellungen fügt, zeigt sich dann auch im Neuen Testament, wenn der von den Menschen sehnsüchtig erwartete Messias als Obdachlosenkind im Stall geboren und als politischer Aufrührer am Kreuz unschuldig hingerichtet wird. Dass ein solches Gottesbild – zumindest auf den ersten Blick – nicht gerade menschlichen Wünschen und Sehnsüchten entspricht, sieht schon Paulus; er schreibt, der gekreuzigte Christus sei für den gesunden Menschenverstand der Menschen eigentlich »ein Ärgernis« und »eine Torheit« (1. Kor 1,18ff.).
Feuerbach hat dem christlichen Glauben einen Dienst erwiesen.
Zugespitzt könnte man behaupten, dass Feuerbach dem christlichen Glauben geradezu einen Dienst erwiesen hat. Er hat die Bilder und Vorstellungen, die sich auch Christen immer wieder von ihrem Gott machen, als solche entlarvt und somit Raum geschaffen für den Gott, der sich von seinem Selbstverständnis her nicht in menschliche Muster und Kategorien zwängen lassen will.
Menschen brauchen Bilder.
»Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.« 1. Kor 13,12
Dabei wäre es unbarmherzig und unrealistisch, von den Menschen zu verlangen, sie sollten sich gar keine Bilder und Vorstellungen von Gott machen. Ein Gottesglaube ohne Bilder und Vorstellungen, wie er von Bilderstürmern immer wieder einmal gefordert wurde, wäre etwas sehr Theoretisches, Abstraktes und Blutleeres, zu erreichen nur um den Preis der Unterdrückung und Leugnung von Phantasien und Emotionen. Auch die Bibel, die ja alles andere will als einen abstrakten Glauben, verwendet deshalb Bilder, wenn sie von Gott spricht (vgl. z.B. Ps 23; Jes 66,13; 5. Mose 32,4.11; im Neuen Testament die Gleichnisse Jesu). Entscheidend ist, dass wir uns unserer Projektionen bewusst werden, dass wir sie uns eingestehen und dass wir immer wieder bereit sind, sie zu modifizieren und gegebenenfalls hinter uns zu lassen.
Karl Marx: Religion als Opium des Volkes
Von der Interpretation zur Veränderung der Welt
→ Karl Marx
Karl Marx (1818–1883) nahm die religionskritischen Gedanken Feuerbachs auf und führte sie weiter. Er warf Feuerbach wie auch allen anderen Philosophen vor, sie hätten die Welt nur verschieden interpretiert, während es doch darauf ankäme, sie zu verändern. Deshalb interessiert Marx auch weniger die philosophische Auseinandersetzung mit der Gottesfrage – die hält er durch Feuerbachs Arbeiten im Wesentlichen für erfolgreich abgeschlossen –, sondern vielmehr die Analyse und Kritik derjenigen gesellschaftlichen Bedingungen, die Menschen überhaupt dazu bringen, sich in eine religiöse Phantasiewelt zu flüchten. Marx begründet seine Religionskritik also weniger durch philosophische als durch historische, soziologische und ökonomische Überlegungen, auf die im Einzelnen noch in einem späteren Kapitel zurückzukommen sein wird: »Der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.«15
Religion als »Überbau« der Produktionsverhältnisse
Religion ist für Marx etwas aus der materiellen Not Geborenes, das Produkt ungerechter und unmenschlicher gesellschaftlicher Lebensbedingungen. Sie gehört wie Kunst, Bildung, Wissenschaft oder Philosophie zum ideologischen »Überbau« einer nach dem Prinzip wirtschaftlicher Ausbeutung funktionierenden »Basis« der »Produktionsverhältnisse« und ist somit nichts anderes als deren Spiegelbild: »Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, […] ihre Logik in populärer Form […], ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund.«16 Wenn Marx in diesem Zusammenhang Religion als »Opium des Volkes«17 bezeichnet, meint er damit zweierlei: Einerseits hat Religion eine einschläfernde, opiatische Wirkung auf die unterdrückten Volksmassen. Indem sie ihnen – ähnlich wie die Opiumpfeife dem chinesischen Kuli – ein paradiesisches Jenseits vorgaukelt, sie Demut, Gehorsam und Tugendhaftigkeit lehrt, lenkt sie von der notwendigen revolutionären Veränderung der bestehenden Gesellschaft ab. Insofern kommt sie der herrschenden Klasse sehr gelegen, zumal ihre Vertreter durch gelegentliche Almosen auch noch das Gefühl haben können, besonders wohltätig und gottgefällig zu leben. Andererseits ist Religion als Opium nach Marx jedoch auch eine Lebensäußerung »des (!) Volkes«, eine »Protestation gegen das … Elend …, der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt ,… der Geist geistloser Zustände«18 und somit auch Ausdruck eines – allerdings unzulänglichen – Widerstands gegen die bestehenden Verhältnisse.
Religion ist Droge und Protestation zugleich.
Religion stirbt in der klassenlosen Gesellschaft von selbst ab.
Marx zieht anders als Lenin (1870–1924), der vom »Opium für (!) das Volk«19 spricht und somit den Protestcharakter von Religion nicht mehr sieht, deshalb auch nicht den Schluss, man müsse Religion besonders nachdrücklich bekämpfen oder gar mit Gewalt ausrotten. Da Religion für ihn nur ein Symptom gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entfremdung ist, muss man in allererster Linie die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entfremdung aufheben. Dann, in der klassenlosen Gesellschaft, einem in jeder Hinsicht paradiesischen Zustand auf Erden, wird Religion, weil sie überflüssig geworden ist, von selbst verschwinden. Um allerdings eine solche Revolution möglich zu machen und in Gang zu bringen, muss auch die Verschleierungsfunktion der Religion, ihr ideologischer Charakter, immer wieder entlarvt und der Blick der Menschen auf das wahre und unbeschönigte Elend der gesellschaftlichen Verhältnisse gelenkt werden. Religionskritik will also »die imaginären Blumen an der Kette« zerpflücken, »nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch …«20
Rückfragen an Marx
Christliche Religion kann »Opium des Volks« sein.
→ Soziale Frage des 19. Jh.
Marx ist in jedem Fall zuzugestehen, dass sein Vorwurf der Verschleierung und Stabilisierung der ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse im Hinblick auf das Christentum des 19. Jahrhunderts weitgehend seine Berechtigung hatte. Ein selbstkritisches Christentum ist Marx insofern auch zu Dank verpflichtet. Wie noch zu zeigen sein wird, stand insbesondere die offizielle evangelische Kirche in Deutschland damals in einem unglücklichen Bündnis von Thron und Altar weitgehend wirklich auf der Seite der Reaktion und der Unterdrückung. Und auch heute dient Religion und auch christliche Religion in vielen Ländern der Welt den Herrschenden zweifellos immer noch als Opiat zur Einschläferung und Ruhigstellung der ausgebeuteten und unterjochten Untertanen.
Christliche Religion muss aber nicht »Opium des Volks« sein.
Nun wäre es allerdings falsch, derartige Phänomene mit Religion oder Christentum schlechthin gleichzusetzen. Dafür, dass Religion auch nicht-opiatische, revolutionäre Züge haben kann, gibt es ebenso viele Beispiele. Genannt seien für das Christentum des 20. Jahrhunderts hier etwa nur Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Camilo Torres, Ernesto Cardenal, Dom Helder Camara, Abbé Pierre oder Bischof Tutu. Dass radikales Eintreten für mehr soziale Gerechtigkeit, die Beseitigung von Armut und Elend und menschliche Gesellschaftsformen dabei dem Kern des biblischen Gottesglaubens mehr entsprechen als eine den Status quo religiös überhöhende und stabilisierende Frömmigkeit, wird im Folgenden hoffentlich noch deutlich werden.
»Darum, weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt. Denn ich kenne eure Frevel, die so viel sind, […] wie ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt.« Am 5,11f.
Kritisch ist zu Marx’ Religionskritik weiter anzumerken, dass an ihn, soweit er sich mit seiner Argumentation auf Feuerbachs Projektionstheorie stützt, genau dieselben Anfragen zu richten sind wie an Feuerbach. Aber auch die Punkte, in denen Marx über Feuerbach hinausgeht, provozieren eine Fülle von Fragen, deren Berechtigung zunehmend auch von marxistischen Philosophen wie z.B. Milan Machoveč, Ernst Bloch oder Roger Garaudy gesehen wurde:
Wann kommt die klassenlose Gesellschaft?
– Besteht angesichts der tatsächlichen politischen Entwicklungen im Sozialismus, insbesondere auch seit dem Zusammenbruch des Ostblocks am Ende der 80er Jahre, überhaupt noch eine realistische Hoffnung, dass die klassenlose Gesellschaft jemals erreicht werden kann?
Ist der Marxismus eine Ersatzreligion?
– Spricht nicht vielmehr vieles dafür, dass der Gedanke der klassenlosen Gesellschaft selbst Ausdruck einer quasi-religiösen Utopie ist? Gab und gibt es in kommunistisch ausgerichteten Staaaten nicht auch sonst zahlreiche Anzeichen dafür, dass es sich beim Marxismus um eine säkularisierte Ersatzreligion handeln könnte? (Vgl. z.B. die kultische Verehrung von Revolutionshelden mit der Verehrung von Heiligen, Militärparaden mit Prozessionen, die Pflege von antikapitalistischen Feindbildern mit religiösen Einteilungen in Gut und Böse, die marxistische Geschichtsphilosophie mit apokalyptischen Endzeitvorstellungen.)
Wären in der klassenlosen Gesellschaft alle Lebensprobleme gelöst?
– Selbst wenn es, aller politischen Wahrscheinlichkeit zum Trotz, tatsächlich einmal eine klassenlose Gesellschaft ohne materielle Nöte geben sollte, wären damit die Frage nach dem Sinn des Lebens, menschliche Probleme wie Schuld, Krankheit und Tod erledigt? Verkürzt zumindest der klassische Marxismus die Wirklichkeit nicht allzu sehr auf soziale und wirtschaftliche Dimensionen?
Friedrich Nietzsche: Gott ist tot!
Das Leben hat keinen Sinn.
Einen Atheismus ganz anderer Art vertritt Friedrich Nietzsche (1844–1900). Nietzsche geht davon aus, dass die Welt und das Leben ohne jeglichen Sinn sind. Er ist also Nihilist (lateinisch nihil = »nichts«) und kann deshalb auch dem humanistischen Fortschrittsglauben von Feuerbach und Marx nicht zustimmen. Jeder Versuch, der sinnlosen Welt einen Sinn zu unterlegen, ist für ihn nur ein Zeichen von Schwäche und Unaufrichtigkeit. Sein Ziel ist die schonungslose Destruktion aller weltanschaulichen und moralischen Werte und demzufolge auch die Destruktion aller Religion.
Sinngebung ist Schwäche.
Das Christentum ist eine lebensfeindliche Sklavenreligion.
Speziell dem Christentum wirft Nietzsche, selbst ein Pfarrerssohn, vor, es sei eine »Verschwörung … gegen das Leben selbst«21, eine lebensfeindliche Sklavenreligion, erkennbar schon an der geschmacklosen Kernidee eines gekreuzigten Gottessohns. Der christliche Gott sei ein Despot, der schwache, hässliche und rückgratlose Kreaturen wolle, die sich freiwillig seiner auf Feigheit und Heuchelei beruhenden Moral der Nächstenliebe unterwerfen.
Die frohe Botschaft vom Tod Gottes
Insofern ist es für Nietzsche ein Akt der Befreiung und der Redlichkeit, wenn er in seinen Schriften die ungeheuerliche Einsicht verkünden kann: »Gott ist tot!«22
Das Schwache muss überwunden werden. Der »Übermensch« soll entstehen.
Einer – falsch verstandenen – christlichen Ethik der Nächstenliebe stellt Nietzsche die Forderung nach Härte und Stärke entgegen. Er lehrt einen »Übermenschen«, der sich selbst an die Stelle Gottes setzt und sich »jenseits von Gut und Böse«23 einer ungebrochenen, rauschhaften Lebensfreude und einem schöpferischen »Willen zur Macht«24 hingibt.
Nietzsche ist kein systematischer Denker.
Nietzsche erweist sich bei all diesen oft ziemlich polemisch und aggressiv gehaltenen Ausführungen eher als Seher und Prophet, weniger als systematischer Denker. Man darf bei ihm deshalb ebensowenig nach konkreten Handlungsvorschlägen für die Organisation einer neuen Gesellschaft von »Übermenschen« suchen wie nach stringent zu Ende gedachten Gedankengängen. Nietzsche beschränkt sich auf programmatische, aphorismenhafte Thesen, die weitgehend eher als visionäre Dichtung denn als Philosophie im traditionellen Sinn gelesen sein wollen.
Nietzsche schreibt als unmittelbar Betroffener.
Gegen die Oberflächlichkeit und Leidenschaftslosigkeit des bürgerlichen Denkens
Auffällig an Nietzsches Schriften ist, dass er über den von ihm proklamierten Tod Gottes selbst zutiefst betroffen und erschüttert zu sein scheint. Er spricht vom Tode Gottes und dem damit für ihn verbundenen Zusammenbruch aller Werte und Wahrheiten nicht ruhig und distanziert, sondern in höchster Erregung. Er klagt seine bürgerliche Umgebung, und zwar insbesondere »unsere Herren Naturforscher und Physiologen«25, wütend an, sich die Konsequenzen der weltanschaulichen Krise gar nicht richtig bewusst zu machen: »… ihnen fehlt die Leidenschaft in diesen Dingen, das Leiden an ihnen.«26 Nietzsche kann und will nicht Gott leugnen und zugleich so weiterleben, als sei nur ein frommer Gedanke aus Kindertagen gestorben. Wenn Gott tot ist, dann fallen für ihn auch alle anderen Werte und Ordnungen, alle humanistischen Ideale, jede Zielgerichtetheit und Logik, jede Ethik, jede Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Wahr und Falsch.
Nietzsche für Christen? 27
Nietzsche deckt scharfsinnig und schonungslos auf, was viele bis heute nicht wahrhaben wollen: eine tiefgreifende und nach wie vor unbewältigte Krise der bürgerlichen Kultur.
An dieser Stelle muss auch eine theologische Würdigung Nietzsches ansetzen. Nietzsche ist der Philosoph einer weltanschaulichen und kulturellen Krise, deren Tragweite bis heute noch oft verkannt wird. Durch die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts wurde die Selbstverständlichkeit christlicher Denktradition in Frage gestellt und durch die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts die Selbstverständlichkeit jahrhundertealter Arbeits-, Familien- und Wohnstrukturen. Diese Aufhebung gewachsener Strukturen führte zu einer allgemeinen weltanschaulichen Orientierungskrise, die sich auf alle Bereiche der Gesellschaft erstreckt und bis heute nicht bewältigt ist. Nietzsche geißelt und verhöhnt nun erbarmungslos all diejenigen – Christen und Nichtchristen –, die diese Krise nicht wahrhaben wollen. Er unterstellt ihnen, an überkommenen Werten und Normen nur deshalb festzuhalten, weil sie sich dem Chaos der Sinnlosigkeit nicht auszusetzen wagen. Dass Nietzsche hier weitgehend richtig diagnostiziert, wird jeder bestätigen, der sich – z.B. im Zusammenhang mit der Literatur und Kunst des sogenannten »fin de siècle« – etwas genauer mit dem bürgerlichen Lebensstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts beschäftigt. Vieles war im Wilhelminischen Deutschland Heuchelei und doppelte Moral, vieles nur Fassade, wie man sich z.B. anschaulich an der Architektur von Wohnhäusern aus dieser Zeit klarmachen kann: vorne eine repräsentative Ansicht mit wohl ausgestatteten Bürgerwohnungen, dahinter zwei, drei oder mehr dunkle Hinterhöfe, vorgesehen für das proletarische Elend der Gesellschaft.
»Denn sie gieren alle, Klein und Groß, nach unrechtem Gewinn, und Propheten und Priester gehen alle mit Lüge um und heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: ›Friede! Friede!‹ und ist doch nicht Friede.« Jer 6,13f.
Sind wir nicht alle Nietzscheaner?
Christen, die Lebensfeindlichkeit und Weltflucht predigen, können sich mit dieser Botschaft nicht auf Jesus von Nazareth berufen.
Festzuhalten wäre außerdem, dass Nietzsche, aller vordergründigen Empörung über ihn zum Trotz, der Philosoph ist, nach dessen Programm große Teile der Bevölkerung heute faktisch leben. Der von Nietzsche gepredigte, von ihm selbst aber gar nicht praktizierte Egoismus, der rücksichtslose Kampf um das Recht des Stärkeren, die oft nur notdürftig kaschierte Ellenbogengesellschaft ist für viele Mitbürgerinnen und Mitbürger heute ein in die Praxis umgesetztes Lebensmodell, meist allerdings nicht ganz so lustvoll und schöpferisch ausgelebt wie von Nietzsche beschrieben. Auch für das von Nietzsche kritisierte christliche Duckmäusertum, religiös legitimierte Verklemmtheit und Doppelmoral gibt es bis heute zahlreiche Belege. Dass sich hinter angeblicher christlicher Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit oft mit persönlichen Schwächen verknüpfte Motive verbergen, kann ebenfalls nicht einfach geleugnet werden. Ob allerdings der Vorwurf zutrifft, der christliche Gottesglaube sei von seinem Kern her schlechthin eine Religion der Schwächlinge und von seinem Ziel her glücks- und lebensfeindlich, ist mehr als fraglich. Es mag hier der Hinweis genügen, dass der Gründer der christlichen Religion, Jesus von Nazareth, anders als z.B. die Mönche von Qumran, kein Asket war (vgl. z.B. Mk 2,18ff.; Mt 11,19), dass er das Gottesreich, von dem er sprach, hier auf Erden schon Wirklichkeit werden ließ (vgl. Mt 11,4f.) und dass auch sein Kreuzestod nicht zwangsläufig als Zeichen von Schwäche gesehen werden muss.
»Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!« Gal 5,1
Nietzsches Hass gegen das Schwache ist mit dem biblischen Gottesglauben unvereinbar.
→ Auf der Seite der Armen und Entrechteten
Bei allem Verständnis für Nietzsches Kultur- und Religionskritik wird sich christlicher Glaube aber vor allem an einem Punkt ganz klar von Nietzsche abgrenzen müssen: Die bei Nietzsche gedanklich zumindest angelegte und von drittklassigen Epigonen z.B. im sogenannten Dritten Reich in Massenmord umgesetzte Vernichtung der Schwachen und Wehrlosen wird sich niemals und in keinem Zusammenhang mit dem Glauben an den Gott vereinbaren lassen, von dem es heißt: »Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen« (Jes 42,3). Der Gott der Bibel zeigt sich in allen Schichten der Bibel immer wieder als ein Anwalt der Schwachen, Hilflosen und Entrechteten, und er erwartet ebendiese Haltung auch von denen, die an ihn glauben. Der christliche Glaube geht deshalb auch davon aus, dass hilfreiche Zuwendung zum Nächsten nicht geheuchelt sein und auch nicht auf Kosten der Selbstentfaltung des Einzelnen gehen muss. Denn es heißt in der Bibel nicht »Du sollst deinen Nächsten lieben statt dich selbst!« sondern »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« (Mk 12,31 par; 3. Mose 19,18).
Noch einmal: Kann man die Existenz Gottes beweisen?
Fazit: a) Feuerbach, Marx und Nietzsche haben das Christentum auf Fehlentwicklungen aufmerksam gemacht.
Versucht man, aus dieser Auseinandersetzung mit ausgewählten Positionen des neuzeitlichen Atheismus ein Fazit zu ziehen, dann wäre zunächst festzustellen, dass das Christentum durch die Kritik von Feuerbach, Marx und Nietzsche auf Schwächen und Fehlentwicklungen aufmerksam gemacht wurde, die sonst wahrscheinlich noch lange unausgesprochen und unkorrigiert geblieben wären. Man könnte also sagen, dass die genannten Philosophen, aber natürlich auch andere, dem Christentum in geradezu prophetischer Art und Weise behilflich waren. Sie haben die christlichen Kirchen und die christliche Theologie mit Nachdruck an den Kern ihres Glaubens erinnert.
Der christliche Glaube ist ihnen deshalb zu Dank verpflichtet.
b) Die Existenz Gottes ist nicht beweisbar, sie ist aber auch nicht widerlegbar.
Darüber hinaus sollte aber deutlich geworden sein, dass man mit logischen Argumenten die Existenz Gottes ebensowenig beweisen wie widerlegen kann. Beides, die Existenz wie die Nicht-Existenz Gottes, ist logisch möglich, und es kann nur um die Frage gehen, auf welche Sicht der Wirklichkeit sich der Einzelne in seinem Leben aus welchen Gründen praktisch einlassen, d.h. wiederum, woran er »sein Herz hängen« will.
Das, was für oder gegen den Gottesglauben bzw. den Atheismus spricht, lässt sich in vernünftiger Diksussion gegeneinander abwägen, und man kann auch anhand von Biografien und Lebensbildern einigermaßen plausibel machen, wie der Gottesglaube oder der Atheismus sich im konkreten Lebensvollzug des Einzelnen und der Gemeinschaft auswirken können. Die Entscheidung für oder gegen Gott oder auch die Entscheidung, das Thema zu verdrängen oder sich bewusst nicht zu entscheiden, muss jedoch jeder für sich selbst treffen.
Die Bibel will, dass der Mensch sich entscheidet.
Dass der Mensch sich entscheiden soll und dass seine Entscheidung nicht bedeutungslos ist, ist dabei allerdings ein zentrales Anliegen der biblischen Tradition. Der Weg zum rechten Glauben kann in der Bibel sehr lang und kompliziert sein (vgl. z.B. die Biografie des Mose); er kann mit Verweigerung und Auflehnung gegenüber Gott verbunden sein (vgl. z.B. Jona oder Hiob); er enthält oft auch ein Element der Unsicherheit und des Zweifels (vgl. z.B. Mk 9,24; Joh 20,24ff.) – aber schließlich muss der Mensch sich doch entscheiden, und zwar nicht nur halbherzig, sondern ohne Wenn und Aber (vgl. dazu Lk 9,57–62). Die Offenbarung des Johannes drückt es in ihrem Sendschreiben an die kleinasiatische Gemeinde Laodizea sehr drastisch aus: »Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde« (Offb 3,15f.).
»Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.« Mt 6,24
Albert Camus: Das Leben als Sisyphosarbeit
Dass in diesem Zusammenhang die Entscheidung gegen den Gottesglauben nicht verächtlich und abwertend dargestellt werden darf, ist nicht nur von der christlichen Nächstenliebe, sondern auch von der Sache her geboten. Als Beispiel hierfür mag der französische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Albert Camus (1913–1960) dienen.28
Camus vergleicht die menschliche Existenz mit dem Schicksal der griechischen Sagengestalt Sisyphos: Das Leben ist absurd.
»Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe.« Ps 90,10
Camus vergleicht in seinem Buch »Der Mythos von Sisyphos« die menschliche Existenz mit dem Schicksal der gleichnamigen griechischen Sagengestalt. Sisyphos, der die Götter durch sein rebellisches und ungehorsames Verhalten verärgert hat, ist dazu verdammt, in der Unterwelt einen Felsblock zum Gipfel eines Berges zu rollen. Immer, wenn er kurz vor dem Ziel ist, entgleitet ihm der Fels und rollt zurück in die Tiefe. Diesem aussichtslosen Vorgang entspricht nach Ansicht Camus’ die Absurdität des menschlichen Lebens. Es gibt für ihn – wie schon für Nietzsche – keinen Sinn im Leben, und es wäre auch unwürdig und feige, sich dies aus Angst vor den Konsequenzen nicht einzugestehen. Camus bezeichnet Sisyphos als einen beneidenswerten Menschen, und zwar deshalb, weil er sein Schicksal – insbesondere auf dem Rückweg zum Fuß des Berges – durchschaut und sich im vollen Bewusstsein der Absurdität der Situation, voller Trotz und voller Würde, wieder an die Arbeit macht: »Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.«29 Anders als Nietzsche sieht Camus die Auflehnung gegen die Sinnlosigkeit des Daseins auch nicht als einen Kampf der Starken gegen die Schwachen, sondern er betont in seinen Romanen angesichts des gemeinsamen Schicksals der Absurdität immer wieder die Werte der Solidarität und der Nächstenliebe. Oft ähneln Camus’ Gedankengänge dabei sehr stark Aussagen des christlichen Glaubens, doch Camus will bewusst ohne die Hypothese eines göttlichen Wesens auskommen, weil er will, dass der »Mensch in der Revolte«30 die volle und ungebrochene Verantwortung für sein Handeln übernimmt.
Der Mensch kann die Absurdität des Lebens erkennen und dagegen revoltieren. Das gibt seinem Leben Würde.
Die Revolte des Menschen trägt Züge der Solidarität und Nächstenliebe.
Das Beispiel Camus zeigt, dass auch Menschen, die nicht an Gott glauben, »gute« Menschen sein können.
Das Beispiel Camus zeigt also sehr gut, dass eine Leugnung Gottes und selbst die Annahme einer völligen Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz nicht notwendig in Unmenschlichkeit, Unmoral und Barbarei enden müssen. Man kann die Wirklichkeit offensichtlich als absurd erleben und sich dennoch – oder vielleicht sogar deshalb – für Menschenwürde und Solidarität einsetzen. Diese Haltung verdient Respekt.
Rückfrage: Woher nimmt der Mensch die Kraft, um gegen die Absurdität des Lebens anzukämpfen?
»Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.« 2. Kor 12,9
Allerdings wird der Christ auch fragen dürfen, woher der Mensch eigentlich die Kraft nimmt, sich gegen die Sinnlosigkeit des Lebens aufzulehnen, den Stein immer wieder zum Gipfel zu rollen, warum er eigentlich Solidarität und Nächstenliebe üben soll. Der christliche Glaube gibt hier Antworten, und er wird dem perspektivenlosen Bild vom immer wieder zurückrollenden Stein auch eine geschichtliche, zielgerichtete Sicht der Wirklichkeit entgegenhalten. Ob diese Sicht oder die Sicht Camus’ die richtige ist, lässt sich jedoch mit Vernunftgründen nicht entscheiden und beweisen.
Von welchem Gott ist eigentlich die Rede?
Der Begriff »Gott« ist nicht sehr aussagekräftig. Man muss sagen, von welchem Gott man spricht.
Wichtig ist bei der Diskussion der Gottesfrage schließlich, dass man sich immer wieder vor Augen hält, dass der Begriff »Gott« solange nicht sehr aussagekräftig ist, als man ihn nicht inhaltlich präzisiert, solange man also nicht sagt, von welchem Gott man redet. Sätze wie »Alle Menschen haben doch denselben Gott« gehen nur dem leicht von den Lippen, der sich nicht näher mit der großen Vielfalt der Religionen beschäftigt hat. Fernöstliche Vorstellungen von einem allen Erscheinungen zugrundeliegenden, unpersönlichen und unveränderlichen göttlichen Seinsgrund lassen sich z.B. nur schwer vereinbaren mit der jüdisch-christlichen Vorstellung eines persönlichen, sich in einer linear verlaufenden Geschichte offenbarenden Gottes. Jahwe ist nicht Baal oder Marduk, und der dreieinige Gott ist auch nicht Allah. In den folgenden Kapiteln werden deshalb die Konturen des spezifisch biblischen Gottesglaubens genauer zu umreißen sein. Vorher soll jedoch noch in einem eigenen Kapitel auf das Verhältnis von Glauben, Theologie und Naturwissenschaft eingegangen werden.
Kapitel III
Fängt der Glaube da an, wo das Wissen aufhört?
Zum Verhältnis von Glauben, Theologie und Naturwissenschaften
Der Glaube an Gott und die Naturwissenschaften – ein unüberwindlicher Gegensatz?
Viele Zeitgenossen sehen immer noch einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Gottesglauben und Naturwissenschaften. Wie ein Blick auf die Wissenschaftsgeschichte zeigt, beruht diese Annahme auf einem tragischen Missverständnis historischen Ausmaßes und ist deshalb nach Ansicht zahlreicher führender Naturwissenschaftler heute auch überholt:31
Der scheinbare Gegensatz von Gottesglaube und Naturwissenschaft hat seinen Ursprung im 16. und 17. Jahrhundert: Dreht sich die Sonne um die Erde oder umgekehrt?
Entstanden ist der scheinbare Gegensatz zwischen Gottesglauben und Naturwissenschaft im 16. und 17. Jahrhundert, als die katholische Kirche meinte, die astronomischen Forschungen von Männern wie Kopernikus (1473–1543), Giordano Bruno (1548–1600) und Galileo Galilei (1564–1642) als Ketzerei zurückweisen zu müssen – ein absurder Vorgang nicht zuletzt deshalb, weil sich die genannten Wissenschaftler selbst als gläubige Christen verstanden. Der Vatikan sah in der These, die Erde sei nicht der Mittelpunkt des Planetensystems und das ganze Planetensystem vermutlich nur eines von unzählig vielen, nicht nur einen naturwissenschaftlichen Umbruch von ungeheurer Tragweite, sondern vor allem auch einen Angriff auf die Bibel, die kirchliche Lehrautorität und das von Gott gegebene Gesellschaftssystem. Wenn die Erde nicht mehr der Mittelpunkt des Weltalls war, wenn Gott nicht mehr jenseits der Fixsternsphären thronte, dann lag es allzu nahe, auch im Bereich der Kirche und der Gesellschaft die bisher als göttlich angesehenen Ordnungen und Werte in Zweifel zu ziehen und nach vernünftigen Begründungen zu verlangen. Hierbei ist zu bedenken, dass diese Befürchtungen der römischen Kurie angesichts der einschneidenden Veränderungen, die die Reformation Luthers, Zwinglis und Calvins mit sich gebracht hatte, nicht völlig aus der Luft gegriffen waren. Nicht zufällig konnte Kopernikus in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch unwidersprochen behaupten, was wenig später, als die Gegenreformation sich voll entfaltet hatte, Giordano Bruno auf den Scheiterhaufen und Galilei vor die Inquisitionsbehörden brachte.
»Damals redete Josua mit dem HERRN […], und er sprach in Gegenwart Israels: Sonne, steh still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne still, und der Mond blieb stehen […]« Jos 10,12f
Auch der Protestantismus weigerte sich lange Zeit, Erkenntnisse wissenschaftlicher Forschung zu akzeptieren. Der Gottesglaube geriet in den Verdacht der Wissenschaftsfeindlichkeit.
Doch auch der Protestantismus zeigte sich nicht immer für neue Gedanken offen. Insbesondere im Zeitalter der Aufklärung, als man anfing, die Bibel wie jedes andere Buch auf ihre historischen Entstehungsbedingungen hin zu untersuchen, betrachteten viele evangelische Theologen und Kirchenbeamte solche Fragestellungen als tabu und gerieten somit auf dem Gebiet der neu entstehenden Geisteswissenschaften in den Verdacht der Rückständigkeit. Der Fortschrittsoptimismus, die Entdeckerfreude und der Erfindergeist des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelten sich in der Folge konsequenterweise in Opposition zu Theologie und Kirche, und bis heute existiert das kurzschlüssige Vorurteil, Glaube und Religion stünden prinzipiell im Widerspruch zu den Methoden freier und unvoreingenommener Wissenschaft.
Heute ergibt sich eine völlig neue Gesprächssituation:
Dass es sich hierbei um ein Vorurteil handelt, wird jedoch heute gerade auch von naturwissenschaftlicher Seite immer deutlicher erkannt:
Der Glaube an die Allmacht der Wissenschaft gerät ins Wanken. Insbesondere die ethischen Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung werden deutlich.
»Wer sich auf seinen Verstand verlässt, ist ein Tor; wer aber in der Weisheit wandelt, wird entrinnen.« Spr 28,26
• Zum einen wurde der Glaube an Gott von zahlreichen Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts nur allzu offensichtlich durch einen anderen Glauben, nämlich den Glauben an den Fortschritt und die Erforschbarkeit der Welt ersetzt. Alles galt als erforschbar. Die Phänomene der Wirklichkeit, die man sich nicht erklären konnte, könne man sich eben noch nicht erklären. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Mensch, endlich von den Fesseln des Aberglaubens befreit, alle Probleme dieser Welt in den Griff bekommen würde. Diese Art von Scientismus (Wissenschaftsgläubigkeit), wie er in extremer Weise z.B. von dem Darwinschüler Ernst Haeckel (1834–1919) vertreten wurde, ist angesichts von Hiroshima und Nagasaki, angesichts von Umweltkatastrophen, unheilbaren Krankheiten oder den mit der modernen Genetik verbundenen Gefahren heute zumindest fragwürdig geworden. Naturwissenschaft kann vieles leisten. Sie kann die Zusammenhänge der Welt erklären und Erfindungen machen, über die wir nur staunen können. Doch ethische Probleme, die Frage, wie und mit welchem Ziel die Forschungsergebnisse und Erfindungen genutzt werden sollen, oder die Frage, ob es vielleicht Bereiche gibt, in denen der Mensch nicht einfach weiterforschen sollte, kann die Naturwissenschaft aus sich selbst heraus nicht beantworten. Versucht sie es dennoch, wird sie selbst zu einer unreflektierten Pseudoreligion, die dazu verurteilt ist, alle Umwege und Irrwege der bisherigen Religionsgeschichte noch einmal zu gehen, und zwar mit all den schwer kalkulierbaren Risiken, die der naturwissenschaftliche Fortschritt heute in sich birgt.
Die Untersuchungen der Atomphysiker Niels Bohr und Werner Heisenberg stellen das herkömmliche Wirklichkeitsverständnis grundsätzlich in Frage.
• Zum anderen führten aber vor knapp 100 Jahren die Untersuchungen der Atomphysiker Niels Bohr (1885–1962) und Werner Heisenberg (1901–1976) zu einer erkenntnistheoretischen Grundlagenkrise der modernen Naturwissenschaften. Bohr entdeckte bei der physikalischen Untersuchung des Lichts, dass Licht je nach Versuchsbedingungen einmal als Strom von Teilchen, dann aber wieder als elektromagnetische Welle erscheint. Diese beiden Ergebnisse sind nach den Grundsätzen der klassischen Physik nicht miteinander vereinbar, und doch kann man das Phänomen des Lichts nur unter Zuhilfenahme beider Sichtweisen physikalisch angemessen erklären. Bohr bezeichnete diese Erscheinung von einander widersprechenden, sich aber ergänzenden Beobachtungen als »Komplementarität«. Heisenberg ist der Entdecker der sogenannten »Unschärferelation«, die besagt, dass sich Ort und Geschwindigkeit eines Elementarteilchens nie gleichzeitig genau bestimmen lassen. Misst man den Ort eines Elektrons, dann ändert sich unter Einwirkung der Messinstrumente bereits die Geschwindigkeit, und umgekehrt.
»Auch den Heiligen des Herrn ist es nicht gegeben, all die Wunder zu erzählen, die der Herr, der Allmächtige, geschaffen hat, damit das All durch seine Herrlichkeit Bestand hat. […] Wie wunderbar sind alle seine Werke, obwohl man kaum einen Funken davon erkennen kann!« Sir 42,17.22(23)
Was aus diesen Untersuchungen Bohrs und Heisenbergs deutlich wird, ist, dass es für die moderne Naturwissenschaft nicht mehr möglich ist, wie im 19. Jahrhundert naiv von der Wirklichkeit und den sie unveränderlich bestimmenden Naturgesetzen zu sprechen. Die Wirklichkeit »an sich« gibt es nicht, immer nur Wirklichkeit, die ein erkennendes Subjekt unter einer bestimmten Fragestellung beschreibt. Das Subjekt gestaltet also durch seine Perspektive, sein Erkenntnisinteresse, seine Beschreibungssprache und die Anordnung der Versuchsbedingungen die Wirklichkeit mit. Wirklichkeit erscheint nicht mehr als eine subjektunabhängige, streng kausal strukturierte und somit genau berechenbare Welt von Objekten, sondern eher als ein Wechselspiel von Subjekt und Objekt, das zwar – ähnlich wie beim Schachspiel – nach bestimmten feststehenden Regeln verläuft, grundsätzlich aber nahezu unendlich viele Spielzüge gestattet und deshalb auch im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen nicht eindeutig prognostizierbar ist.
Es gibt mehr als einen Zugang zur Wirklichkeit.
»Habt ihr Augen und seht nicht und habt Ohren und hört nicht?« Mk 8,18
Wenn jedoch schon unter Naturwissenschaftlern nicht mehr naiv von der Wirklichkeit gesprochen werden kann, dann lässt es sich auch leichter akzeptieren, dass die naturwissenschaftliche Beschreibung der Wirklichkeit nur einen möglichen Zugang zur Wirklichkeit darstellt. Ich kann eine Blume biologisch als Stoffwechselsystem beschreiben, ich kann sie aber auch malen oder ein Gedicht über sie schreiben, sie als Futtermittel für Tiere betrachten oder: sie zum Anlass nehmen, über den Sinn des menschlichen Lebens oder die Frage nach Gott nachzudenken. Es ist nicht ausgemacht, welcher Zugang der »richtigere« ist, und die Blume wird auch stets »mehr« sein als die jeweilige Sichtweise, aus der heraus ich mich ihr gerade zuwende. Im Folgenden wird also näher zu bestimmen sein, welchen Zugang zur Wirklichkeit die Naturwissenschaften und welchen Zugang zur Wirklichkeit Glauben und Theologie wählen und was die jeweilige Fragestellung unter welchen Bedingungen leisten kann.
»Die Ros’ ist ohn’ warum, sie blühet, weil sie blühet, / sie acht’ nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.« Angelus Silesius (1624–1677)
Mythos und Logos
»Im Anfang war das Wort (lógos), und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. […] Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns […]« Joh 1,1.14
Die Erkenntnis, dass es unterschiedliche, sich deshalb aber nicht ausschließende Zugangsarten zur Wirklichkeit gibt, hat in der abendländischen Philosophiegeschichte eine lange Tradition. Seit der Antike wird immer wieder zwischen »Mythos« und »Logos« unterschieden. Beide Begriffe meinen im Griechischen zunächst »Rede, Wort«. Darüber, was die beiden Arten, von der Welt zu reden, unterscheidet und wie ihr Verhältnis zueinander genau zu bestimmen ist, wird unter Philosophen und Theologen bis heute gestritten.32 Sehr allgemein lässt sich sagen, dass »Logos« sich auf die rationale, vernünftige, begrifflich klar definierte Weise der Verarbeitung von Wirklichkeit bezieht, »Mythos« hingegen den eher erzählerischen, oft von Bildern und Symbolen geprägten Zugang zur Wirklichkeit meint. Dass der Mythos dabei nicht einfach durch den Logos »entmythologisiert« werden kann, dass der Logos nicht einfach »wahrer« ist als der Mythos, weiß jeder, der sich einmal intensiver auf Literatur und Kunst eingelassen hat, der sich vergeblich bemühte, seine Emotionen unter die Kontrolle der Vernunft zu bekommen oder der im Schlaf die Faszination und auch die Schrecken von Traumbildern erfahren hat.
7 Tage oder 18 Milliarden Jahre? Wie entstand die Welt?
Steht der biblische Schöpfungsglaube im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen?
Wie wichtig es ist, sich der jeweiligen Fragestellung und ihrer Grenzen bewusst zu sein, belegt die insbesondere in den USA diskutierte Scheinalternative von biblischem Schöpfungsglauben und naturwissenschaftlichen Weltenstehungs- und Evolutionstheorien. Heutige Naturwissenschaftler halten es aufgrund der zu beobachtenden kontinuierlichen Ausdehnung unseres Weltalls für wahrscheinlich, dass dieses vor etwa 18 Milliarden Jahren durch den sogenannten »Urknall«, d.h. eine gewaltige Gasexplosion, entstanden sein könnte. Die ersten einfachen Lebewesen wie Amöben oder Pantoffeltierchen sind nach Ansicht von Biologen vermutlich vor rund drei Milliarden Jahren aufgetreten. Menschenaffen und Menschen gibt es hingegen erst seit einigen Millionen Jahren. So vorsichtig derartige Theorien von Naturwissenschaftlern heute auch formuliert werden mögen – stehen sie nicht in jedem Fall in einem völligen Widerspruch zu der Behauptung der Bibel, die Welt sei von Gott in nur sieben Tagen geschaffen worden, der Mann sei von Gott aus Erde geformt, die Frau später aus der Rippe des Mannes gebildet worden?
Schon das Alte Testament kennt zwei Schöpfungstexte, die in nicht unwesentlichen Punkten voneinander abweichen.
Wer so fragt, verkennt völlig die Aussageabsicht der biblischen Texte.33 Bei genauerer Betrachtung zeigt sich nämlich, dass wir es eigentlich gar nicht mit nur einem biblischen Schöpfungstext, sondern mit deren zwei zu tun haben. Zu unterscheiden ist der priesterschriftliche Schöpfungstext, der Gott immer als »Elohim« (in der deutschen Übersetzung: »Gott«) bezeichnet (1. Mose 1,1–2,4a), und der sogenannte jahwistische Schöpfungstext (1. Mose 2,4b–25), in dem stets der Gottesname »Jahwe« (in der deutschen Übersetzung: »der HERR«) benutzt wird.34 Diese zwei Texte weichen in nicht unwesentlichen Punkten voneinander ab. Um nur einige Beispiele zu nennen:
Während im ersten Text der Mensch nach den Tieren erschaffen wird, ist die Reihenfolge im zweiten umgekehrt. Während im ersten Text Mann und Frau gleichzeitig erschaffen werden, wird die Frau im zweiten Text erst nach und aus dem Mann erschaffen. Während Gott im ersten Text allein durch sein Wort ohne Inanspruchnahme irgendeines Materials schafft, formt er im zweiten den Mann aus Erde. Während der erste Text von sieben Schöpfungstagen ausgeht, kennt der zweite diese Einteilung nicht.
Die biblischen Schöpfungstexte wollen keine naturwissenschaftlichen Theorien über die Entstehung der Welt und der Lebewesen bieten.
Hätten diese beiden Texte den Anspruch, eine naturwissenschaftliche Theorie über die Entstehung der Welt und der Lebewesen zu bieten, so könnte man sich nur wundern, warum der Redaktor des 1. Mosebuches, der die beiden Texte vermutlich um 400 v. Chr. so aufeinander folgen lässt, wie sie uns heute vorliegen, nicht versucht hat, wenigstens die offensichtlichsten Spannungen und Widersprüche auszugleichen (von noch ganz anderen biblischen Vorstellungen über die Entstehung der Welt, etwa vom auch sonst im Alten Orient oft berichteten Kampf Gottes mit einem Meeresdrachen, ganz zu schweigen: vgl. z.B. Ps 74,13f.; Ps 89,10f.; Jes 51,9; Hiob 40,25ff.). Offensichtlich ist die Absicht der Texte jedoch eine ganz andere.
Der priesterschriftliche Schöpfungsbericht ist im babylonischen Exil entstanden und will den israelitischen Glauben von der babylonischen Mardukreligion abgrenzen.
• Der priesterschriftliche Schöpfungstext ist nach Ansicht der heutigen Bibelforschung in der Mitte des 6. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung im babylonischen Exil von israelitischen Priestern verfasst worden. Weil die von Nebukadnezar nach Babylon deportierte Oberschicht in Gefahr war, vom Gott ihrer Väter abzufallen und die scheinbar erfolgreicheren babylonischen Götter anzubeten, versuchen die Verfasser zum einen, die babylonischen Gottheiten polemisch abzuwerten: Während die Gestirne in Babylon als Götter verehrt werden, werden sie im priesterschriftlichen Text als bloße »Lichter« oder »Beleuchtungskörper« bezeichnet, die der Gott Israels geschaffen hat. Auch die Tiere, die in Babylon z.T. kultische Verehrung genossen, sind alle nur Geschöpfe des israelitischen Gottes und dem Menschen untertan. Während der babylonische Hauptgott Marduk die Feste des Himmels, die die Urwasser zurückhält, aus dem Leib der Göttin Tiamat geschaffen haben soll, erschafft der Gott Israels ohne fremde Hilfe ganz allein durch sein Wort, ohne Zuhilfenahme irgendeines Materials.
Es soll den deportierten Israeliten gezeigt werden, dass ihr Gott kein Versager und kein Gott des Chaos ist.
Nicht wie die Welt entstanden ist, ist den Priestern wichtig, sondern dass es der Gott Israels war, der sie geschaffen hat und heute noch erhält.
Zum anderen ist es den Priestern aber wichtig, den zweifelnden Israeliten zu zeigen, dass ihr Gott wider allen Augenschein kein Versager und kein Gott des Chaos ist, sondern ein mächtiger Gott, der sorgfältig, behutsam und planvoll vorgeht. Sie schreiben ihren Text deshalb nach einem ganz bestimmten, nur leicht variierten Schema (»Und Gott sprach … Und es geschah so … Und Gott sah, dass es gut war … Da ward aus Abend und Morgen …«), vergleichbar den Strophen und Refrains unserer Kirchenlieder. Angesichts dieser hymnenartigen Struktur ist es irreführend, 1. Mose 1 als Schöpfungsbericht zu bezeichnen oder den Text gar als Protokoll der Weltentstehung zu verstehen. Die Krone der Schöpfung ist für die Verfasser der siebente Tag der Woche, der im babylonischen Exil eine große Bedeutung gewann, weil man nach dem Verlust des Jerusalemer Tempels vor allem auch an der Einhaltung bzw. Nicht-Einhaltung des Sabbats sehen konnte, ob jemand noch zum alten Gott Israels hielt oder nicht. Insgesamt liegt dem Text also daran zu betonen, dass der Gott Israels und kein anderer Gott die Welt geschaffen hat und auch jetzt noch erhält und dass die Israeliten deshalb keinen Grund haben, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs untreu zu werden. Das Wie der Weltentstehung steht für die Verfasser gar nicht zur Diskussion, wird vielmehr aus der allgemein bekannten, als selbstverständlich vorausgesetzten Vorstellungswelt des damaligen Alten Orients entlehnt (vgl. z.B. die Vorstellung, man müsse über die Erde eine unsichtbare Feste [lateinisch: firmamentum] spannen, um die Urwasser des Himmels zurückzuhalten).
Auch dem »jahwistischen« Schöpfungstext liegt nichts an naturwissenschaftlichen Fragestellungen.
→ Der Sündenfall
• Der sogenannte jahwistische Schöpfungstext ist älter als der priesterschriftliche und vermutlich im davidisch-salomonischen Großreich um 950 v. Chr. entstanden. Er weist den für den »Jahwisten« auch in anderen Kapiteln der Mosebücher typischen anschaulich-plastischen Erzählstil auf und legt den Akzent seiner Erzählung, die in den folgenden Kapiteln des 1. Mosebuches noch fortgesetzt wird, auf anthropologische Fragen. Dem oder den Verfassern ist wichtig, dass der Mensch von Gott als soziales Wesen geschaffen ist (1. Mose 2,18), das die Freiheit hat, sich auch gegen Gott zu entscheiden, und das aufgrund des Sündenfalls dazu verdammt ist, unter Mühsal und Arbeit sein täglich Brot zu verdienen (1. Mose 3). Auch hier ist die Aussageintention alles andere als eine naturwissenschaftliche, und nichts wäre unsinniger, als etwa das spannende Erzählmotiv von der Schaffung der Frau aus der Rippe des Mannes gegen die Erkenntnisse moderner Evolutionstheorien auszuspielen.
Auch solche Fragen kann man stellen …
Man darf die Kontroverse Schöpfungsglauben – Naturwissenschaften also getrost beiseite legen und sich bei der Auseinandersetzung mit den ersten Kapiteln des Alten Testaments vielleicht eher Fragen stellen wie die folgenden35:
Kann ich in einer Welt, die mir oft genauso chaotisch und wirr erscheint wie den Israeliten im babylonischen Exil, auch darauf vertrauen, dass hinter aller Wirklichkeit die ordnende Hand eines Gottes steht und dass dieser Gott der ist, mit dem es auch schon Abraham und Mose zu tun hatten? Oder im Hinblick auf die »jahwistische« Schöpfungserzählung: Welches Bild vom Menschen habe ich eigentlich? Ist mein Mitmensch für mich ein Mitgeschöpf Gottes, »Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch« (1. Mose 2,23), oder sehe ich in ihm nur den Konkurrenten, der mich in einer Welt voller Mühsal und Arbeit nur immer wieder daran hindert, mich selbst zu entfalten? Oder: Können psychologische und biologische Theorien den Ursprung des Bösen und der Aggression in der Welt für mich wirklich besser und befriedigender erklären als der »Jahwist« mit seiner Geschichte vom Sündenfall?
Naturwissenschaftliche Forschung und biblischer Gottesglaube schließen sich nicht gegenseitig aus.
Die Vorstellung und Theorien darüber, wie die Welt und der Mensch entstanden sind, haben sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende oft geändert, und auch die uns heute geläufigen naturwissenschaftlichen Erklärungsmodelle werden vermutlich irgendwann modifiziert oder sogar ganz neu formuliert werden müssen. Welche Antworten die Naturwissenschaften aber auch immer geben werden, sie berühren die Antwort auf die Frage, ob die Welt und der Mensch in den Händen eines Gottes liegen oder nur ein Produkt des Zufalls sind, im Grunde nicht.
Wie Naturwissenschaftler arbeiten
Was ist der Gegenstand naturwissenschaftlichen Forschens?
Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung sind Erscheinungen, die gemessen werden können, die kausal erklärbar, wiederholbar und vorhersagbar sind und die deshalb auch unter bestimmten Versuchsbedingungen grundsätzlich von jedermann jederzeit überprüft werden können.
Methodische Schritte:
Methodisch geht die moderne Naturwissenschaft bei der Erforschung ihres Gegenstandes folgendermaßen vor:
– Datensammlung
– Zunächst werden durch gezielte Beobachtungen, Experimente oder Tests Daten gesammelt (also z.B. dass ein Objekt mit dem Gewicht 1 kg zu einem bestimmten Zeitpunkt unter bestimmten Bedingungen in 0,3 Sekunden senkrecht zu Boden gefallen ist …).
– Hypothesenbildung/Induktion
– Um den Zusammenhang zwischen diesen Daten (also z.B. zwischen dem Gewicht und der Fallgeschwindigkeit des Objekts) zu klären, formuliert der Naturwissenschaftler nun eine Hypothese, d.h. eine begründete Vermutung (also z.B., dass das Gewicht der Objekte sich umgekehrt proportional zur Fallzeit verhält – so die Ansicht des Aristoteles). Diesen Schluss vom Einzelfall auf eine allgemeine Gesetzmäßigkeit bezeichnet man als Induktion.
– Überprüfung der Hypothese/Deduktion
– Die Hypothese wird nun in einer großen, aber begrenzten Anzahl von Versuchen überprüft. Diese Anwendung einer allgemeinen Behauptung auf Einzelfälle nennt man Deduktion.
– Falsifikation
– Erweist sich die zu überprüfende Hypothese auch nur in einem Fall als falsch (sogenannte Falsifikation; also z.B., wenn zwei Körper trotz gleichen Gewichts in ein und demselben Medium unterschiedlich schnell fallen – so die Beobachtung Galileo Galileis), dann muss die Hypothese zurückgenommen, modifiziert oder auch eine ganz neue Hypothese aufgestellt werden (so z.B. die Hypothese des Galilei, dass alle Körper unabhängig von ihrem Gewicht im Vakuum gleich schnell fallen). Die Hypothese muss dann ihrerseits auf dem Wege der Deduktion wieder experimentell überprüft werden.
– Verifikation
– Erweist sich die zu überprüfende Hypothese hingegen immer wieder als richtig (sogenannte Verifikation), dann kann sie in den Status eines Naturgesetzes erhoben werden, wobei es sich natürlich schon oft genug gezeigt hat, dass auch vermeintliche Naturgesetze noch einmal modifiziert werden mussten.
Was wir der naturwissenschaftlichen Forschung verdanken
Dieses Verfahren der modernen Naturwissenschaft hat sich mit seinem kritischen, für neue Erfahrungen offenen Grundansatz als äußerst erfolgreich erwiesen. Ihm verdanken wir vom Kühlschrank bis zum Laptop alle technischen Errungenschaften unserer Industriegesellschaft, und es liegt für uns im Nachhinein auf der Hand, warum die dogmatische, d.h. auf unhinterfragbaren Setzungen beruhende Haltung der katholischen Kirche sich auf Dauer gegen den empirischen, d.h. auf Experimenten und nachprüfbaren Erfahrungen beruhenden Ansatz eines Galilei nicht behaupten konnte.
Grenzen naturwissenschaftlichen Forschens:
Dennoch ist der naturwissenschaftliche Zugang zur Wirklichkeit nur einer von mehreren Zugängen, und dieser Zugang hat auch seine nicht zu übersehenden Grenzen:
– Naturwissenschaftliche Forschung sagt nichts über die Beziehung des Wissenschaftlers zu seinem Gegenstand aus.
– So sagen naturwissenschaftliche Sätze nichts über die Beziehung des Wissenschaftlers zu seinem Gegenstand aus, also z.B., aus welchen biografischen Gründen sich Galilei mit den Fallgesetzen beschäftigte, welche Gefühle die Versuche bei ihm auslösten, welche Folgen seine Forschungen für sein weiteres Leben hatten.
– Naturwissenschaftliche Forschung kann ethische und politische Fragen nicht beantworten.
– Naturwissenschaftliche Erkenntnisse helfen auch bei ethischen und politischen Fragestellungen, die sich aus den Ergebnissen naturwissenschaftlicher Forschung ergeben, nicht weiter: Dürfen und sollen Atomkraftwerke gebaut werden? Ist es erlaubt, biologische und chemische Kampfstoffe herzustellen? Dürfen und sollen Experimente mit menschlichen Genen angestellt werden?
– Naturwissenschaftliche Forschung kann nichts aussagen über Sachverhalte, die einmalig und nicht wiederholbar sind.
– Naturwissenschaftliche Erkenntnisse versagen außerdem bei der Erklärung von Sachverhalten, die einmalig und nicht wiederholbar sind: Der Tod meiner Mutter, der Streit mit meinem Chef, das Herzklopfen beim Lesen eines spannenden Romans, die Hassliebe zu meinem Bruder, meine Freude über den Sonnenaufgang im Hochgebirge – all das ereignet sich natürlich unter Umständen in vergleichbarer Weise in vielen Menschenleben, unterliegt deshalb auch bestimmten, vielleicht sogar statistisch erfassbaren Gesetzmäßigkeiten, letztlich handelt es sich aber doch um jeweils einzigartige menschliche Erfahrungen, die in ihrer Erlebnisqualität nicht messbar sind und auch nicht von jedermann jederzeit überprüft werden können.
– Naturwissenschaftliche Forschung hilft bei Sinn- und Lebensfragen nicht weiter.
– Welchen Sinn mein Leben eigentlich hat, warum ich ehrlich und hilfsbereit sein soll, ob ich heiraten soll, warum gerade mein Kind behindert zur Welt gekommen ist, warum ich hässlich bin, wie ich mit meiner Arbeitslosigkeit fertigwerde, wie ich mit meinem Sprachfehler leben kann – all das sind Probleme und Fragen, die Menschen schlaflose Nächte bereiten können, bei denen der naturwissenschaftliche Zugang zur Wirklichkeit uns jedoch keine Hilfe bietet.
Glaube und Theologie
glauben an = vertrauen auf, sich verlassen auf
→ Woran du dein Herz hängst
Glauben ist eine Lebenshaltung.
Als Nächstes wären nun Gegenstand, methodisches Vorgehen und Grenzen theologischer Erforschung der Wirklichkeit zu bestimmen. Dabei ist es zunächst wichtig, sich den Unterschied von Glauben und Theologie zu verdeutlichen: »Glauben« bedeutet sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen in erster Linie »glauben an« und damit soviel wie »vertrauen auf«, »sich verlassen auf«, »sich mit ganzem Herzen einlassen auf«, »bauen auf«. Diese Art von Glauben, die der Hebräerbrief eine »feste Zuversicht« (Hebr 11,1) nennt, richtet sich in der Bibel auf Gott bzw. auf Jesus von Nazareth (vgl. z.B. 1. Mose 15,1–6; Jes 7,1–9; Mt 8,5–13; Joh 11,25; Joh 20,24–29), kann sich aber – wie schon im Zusammenhang mit Luthers Erklärung zum ersten Gebot erkennbar wurde – auch auf ganz andere Götter und Abgötter richten. Glauben in diesem Sinn meint eine bestimmte Haltung zum Leben und zur Welt, ist in gewisser Weise das Grundmuster, nach dem ein Mensch sein Leben gestaltet. Man kann deshalb diese Art von »Glauben« auch nicht als Gegensatz zum Begriff »Wissen« sehen, sondern allenfalls einen Glauben (z.B. den an Jesus Christus) mit einem anderen (z.B. dem an den Fortschritt, an die Vernunft, an die klassenlose Gesellschaft, an den Zufall, an die Weisheit der Natur) vergleichen.
glauben an / glauben, dass
Nicht verwechselt werden darf der Ausdruck »glauben an« mit dem Ausdruck »glauben, dass«, bei dem »glauben« so viel heißt wie »meinen, dass«, »vermuten, dass«, »nicht sicher wissen, ob«. Das Wort »glauben« ist in der deutschen Sprache doppeldeutig und oft irreführend, zumal aus dem »glauben an jemand oder etwas« oft auch ein »glauben, dass« folgen kann: Der Hauptmann von Kapernaum z.B. glaubt, dass sein Knecht wieder gesund werden wird, weil er an Jesus Christus glaubt, also ihm vertraut, sich auf ihn einlässt. Wer an Jesus Christus glaubt, glaubt auch, dass er wirklich auferstanden ist und dass der Gedanke der Auferstehung nicht nur eine menschliche Projektion ist. Es liegt aber zum Beispiel eine Verwechslung der beiden Verwendungsweisen von »glauben« vor, wenn jemand folgert: »Wenn du an den Gott der Bibel glaubst, musst du eigentlich doch auch glauben, dass Gott die Welt in sieben Tagen geschaffen hat.« Wenn sich jemand verpflichtet fühlt zu glauben, dass der Gott der Bibel die Welt in sieben Tagen geschaffen hat, dann glaubt er an die Behauptung, die Bibel sei eine Sammlung von historischen Tatsachenberichten, aber er glaubt deshalb noch keineswegs unbedingt an den Gott, an den die Verfasser der priesterschriftlichen Schöpfungserzählung geglaubt haben.36
Christlicher Glaube enthält immer schon ein Moment der Erklärung, Begründung und Weitergabe des Glaubens.
»Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.« 1. Kor 12,4–6
Obwohl Glauben als eine Lebenshaltung nicht zwangsläufig sprachlich artikuliert und anderen mitgeteilt werden muss, fordert das Neue Testament doch unüberhörbar, »allezeit (!) bereit« zu sein, »zur Verantwortung vor jedermann (!), der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist« (1. Petr 3,15). Christlicher Glaube enthält also im Unterschied zu vielen anderen Formen des Glaubens immer auch schon ein Moment der Erklärung, der Begründung und Weitergabe des Glaubens. Diese Weitergabe des Glaubens kann heute wie früher in vielfältiger Form erfolgen: durch Predigten, durch diakonisches Handeln, durch geistliche Musik und Kirchenlieder, durch persönliche Gespräche, durch Unterricht, durch theologische Bücher, durch Gemälde und Skulpturen, durch Fernseh- und Rundfunksendungen, durch das Internet, durch Podiumsdiskussionen, durch Vorträge, durch Straßen- und Zeltmission … Die Vielfalt der Verkündigungsformen und -themen signalisiert dabei zum einen, dass christlicher Glaube sich an vielerlei Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen wendet, ist insofern also etwas sehr Positives. Andererseits kam und kommt es aber nicht selten auch zum Streit über die rechte Art und den rechten Inhalt christlicher Verkündigung, z.B. zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Lutheranern und Reformierten, zwischen Pietisten und politisch engagierten Christen, zwischen Christen in Lateinamerika, Asien und Afrika und Christen in Mitteleuropa. Um diesen Streit im Interesse der eigentlichen und ursprünglichen Aussageintention des Evangeliums sachgerecht austragen zu können, bedarf es der christlichen Theologie als einer systematischen und methodisch kontrollierten Reflexion des christlichen Glaubens. Theologie vergleicht unsere heutigen Gedanken und Vorstellungen von Gott sorgfältig und systematisch mit den in der Bibel dokumentierten Gedanken und Vorstellungen von Gott und ist somit eine Art wissenschaftliches Korrektiv für Glauben und Verkündigung, mit dem verhindert werden soll, dass wir unsere menschlichen Vorstellungen und Gedanken von Gott mit Gott selbst verwechseln.
Theologie ist die systematische und methodisch kontrollierte Reflexion des Glaubens.
»Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt.« 1. Joh 4,1
Christliche Theologie ist die wissenschaftliche Reflexion des christlichen Glaubens und verhält sich deshalb zum Glauben ähnlich wie die Politikwissenschaft zur Politik oder die Musikwissenschaft zur Musik. Daraus ergibt sich unter anderem, dass man keineswegs Theologe sein muss, um gläubiger Christ sein zu können.
Wie gläubig müssen Theologen sein?
Ob umgekehrt ein Theologe auch ein gläubiger Christ sein muss, ist eine Frage, die mit dem Unterschied zwischen Theologie und vergleichender Religionswissenschaft zusammenhängt. Beide Universitätsdisziplinen beschäftigen sich mit derselben Thematik: mit der Interpretation religiöser Schriften, mit der Entstehung und Entwicklung von Religionen, mit der Geschichte philosophischen und theologischen Gedankenguts, mit der Geschichte der Institution Kirche, mit Fragen der Religionspsychologie und Religionssoziologie, mit der Frage nach dem Stellenwert von Religion und Kirche in unserer heutigen Welt. Doch Religionswissenschaft und Theologie gehen an denselben Gegenstand in unterschiedlicher Weise heran: Während Religionswissenschaftler versuchen, ihren Gegenstand möglichst »objektiv« und »neutral« zu beschreiben, machen Theologen inhaltliche Vorgaben und sind parteiisch. Christliche Theologinnen und Theologen gehen davon aus, dass Jesus Christus Ursprung, Mitte und Ziel aller Wirklichkeit ist, und sie beschreiben ihren Gegenstand folglich auch aus dieser Perspektive. In diesem Sinn wird der christliche Theologe in der Tat ein gläubiger Christ sein müssen, was natürlich – wie bei jedem anderen Christen auch – gelegentliche Zweifel und Glaubenskrisen keineswegs ausschließt.
Theologie unterscheidet sich von der Religionswissenschaft durch ihre Parteilichkeit.
Theologie unterscheidet sich von der Religionswissenschaft durch die Bindung an eine konkrete Glaubenspraxis.
Sie will nicht nur analysieren, sondern mitgestalten.
Ein weiterer Unterschied zwischen Theologie und Religionswissenschaft besteht darin, dass Theologie auf eine konkrete Glaubenspraxis und die Institution Kirche bezogen ist und ein erklärtes Interesse hat, diese Glaubenspraxis und die Institution Kirche nicht nur aus einer unbeteiligten Distanz heraus zu analysieren, sondern sie im Sinne des Evangeliums mitzugestalten, zu kritisieren und zu verbessern. Der Bezug zwischen der Institution Kirche und der wissenschaftlichen Theologie kann dabei sehr unterschiedlich aussehen: In der römisch-katholischen Kirche kommt es z.B. nach wie vor nicht selten vor, dass kritische und unbequeme Theologen von der Kirchenleitung zur Ordnung gerufen werden, in den Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland hingegen wird heute auf die nahezu uneingeschränkte Freiheit theologischer Forschung großer Wert gelegt.
Erkenntnis und Interesse sind nicht voneinander zu trennen. Objektivität und Neutralität gibt es nicht.
Macht man sich diese zwei Unterschiede zwischen Theologie und vergleichender Religionswissenschaft klar, dann ist der Studienanfänger nicht selten geneigt, der Religionswissenschaft wegen ihres Anspruchs auf Objektivität und Neutralität mehr Sympathie entgegenzubringen. Diesem verständlichen Wunsch nach intellektueller Ungebundenheit und Unbefangenheit muss man als Ergebnis der neueren wissenschaftstheoretischen Diskussion allerdings entgegenhalten, dass es objektive und neutrale Wissenschaft gar nicht gibt. Jeder Wissenschaftler, vor allem auch der sogenannte Geisteswissenschaftler, beschreibt seinen Untersuchungsgegenstand aus einer bestimmten Perspektive und einem bestimmten Erkenntnisinteresse heraus. Wissenschaftliche Erkenntnis und subjektives Interesse gehören untrennbar zusammen. Man kann sich dies z.B. gut veranschaulichen, wenn man vergleicht, wie Goethes »Faust« oder Schillers »Don Carlos« von einem Germanisten des 19. Jahrhunderts, von einem DDR-Germanisten und einem heutigen Germanisten ganz unterschiedlich interpretiert wurden.
Wie kritisch reflektiere ich meine eigenen Forschungsinteressen?
Wenn es jedoch »Objektivität« und »Neutralität« gar nicht gibt, dann liegt der große Vorteil der Theologie gegenüber der Religionswissenschaft darin, dass sie ständig gezwungen ist, den eigenen Standpunkt, die eigenen Vorgaben und die eigene Perspektive offenzulegen, zu benennen und zu reflektieren. Welche Interessen sich hinter der Fassade angeblicher Objektivität und Neutralität verbergen, ist hingegen oft nur mit Mühe auszumachen und zu durchschauen.
Theologie – eine Wissenschaft?
Ist Theologie aber überhaupt eine Wissenschaft? Wenn man Wissenschaftlichkeit wie in den Naturwissenschaften durch Messbarkeit, Wiederholbarkeit, Vorhersagbarkeit und ähnliche Kriterien zu bestimmen versucht, dann sicher nicht; denn weder der biblische Gott noch die religiösen Erfahrungen von Menschen lassen sich messen, experimentell wiederholen oder mit Exaktheit voraussagen. Doch wenn man die genannten Kriterien anlegt, dann wären auch alle anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie z.B. die Literaturwissenschaft, die Philosophie oder die Geschichtswissenschaft kaum als Wissenschaft zu bezeichnen. Man wird für die Geisteswissenschaften also andere Kriterien von Wissenschaftlichkeit ansetzen müssen, und das ist auch legitim, denn dass das, was man als Wissenschaft bezeichnet, keineswegs ein für allemal festgelegt ist, zeigt die Wissenschaftsgeschichte ebenso wie z.B. ein Vergleich des Wissenschaftsverständnisses westlicher Wirtschaftswissenschaftler mit dem, was bis vor einiger Zeit in den sozialistischen Staaten als Wirtschaftswissenschaft bezeichnet wurde.
Theologie ist keine Naturwissenschaft, sondern eine Geisteswissenschaft. Sie kann deshalb auch nicht nach den Kriterien naturwissenschaftlicher Forschung beurteilt werden.
Fragt man nach dem Forschungsgegenstand der Theologie, so kann man zunächst einmal von der etymologischen Herkunft des Begriffs ausgehen. Das Wort »Theologie« stammt aus dem Griechischen, setzt sich aus den Begriffen théos (»Gott«) und lógos (»Vernunft«, »Verstand«, »Wort«, »Begriff«) zusammen und bedeutet »reflektierte Rede/Lehre von Gott«. Da zumindest der biblische Gott sich jedoch aufgrund seiner Unverfügbarkeit und Nichtabbildbarkeit dem unmittelbaren Zugriff menschlicher Beschreibungen und Definitionen entzieht, wird man präzisieren müssen: Theologie ist reflektierte Rede/ Lehre von Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben, und zwar in der Absicht, die Erfahrungen vergangener Zeiten auf unsere heutigen Erfahrungen und Lebensprobleme zu beziehen.
Theologie ist reflektierte Rede von Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben und machen.
Betrachtet man Gott als alles umfassende, allem zugrunde liegende und »alles bestimmende Wirklichkeit«37, dann könnte man weiter sagen, Theologie – und ähnliches gilt für die Philosophie – untersuche menschliche Erfahrungen im Hinblick auf die Möglichkeit einer alles umfassenden, allem zugrunde liegenden und »alles bestimmenden Wirklichkeit«. Dass diese auf das Ganze der Wirklichkeit zielende Fragestellung ganz anders ist als die eines Naturwissenschaftlers, dem u.a. daran gelegen sein muss, seinen Untersuchungsgegenstand möglichst genau einzugrenzen und zu definieren, liegt auf der Hand.
Theologie fragt nach dem Ganzen der Wirklichkeit.
Theologie ist in folgendem Sinn Wissenschaft:
Ganz allgemein und den Unterschied von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften übergreifend, ließe sich Wissenschaft als systematische und methodisch reflektierte Erforschung der Wirklichkeit bezeichnen. Dann könnte man christliche Theologie u.a. aus folgenden Gründen als Wissenschaft ansehen:
– Sie bemüht sich, den Inhalt des Glaubens gegenüber jedermann mit vernünftigen Argumenten zu erläutern.
• Christliche Theologie bemüht sich gemäß 1. Petr 3,15 jedermann gegenüber, also auch dem, der nicht Christ ist, den Inhalt des christlichen Glaubens zu erläutern und auf alle Fragen und Einwände gewissenhaft einzugehen.
– Sie bemüht sich, argumentative und logische Widersprüche zu vermeiden.
• Christliche Theologie versucht dabei, für jede und jeden einsichtig und nachvollziehbar zu argumentieren, also argumentative und logische Widersprüche zu vermeiden. Hierbei ist allerdings anzumerken, dass diese Widersprüche nicht mit in der Sache des christlichen Glaubens begründeten Paradoxien (also z.B., dass der allmächtige Gott am Kreuz hingerichtet wird oder dass Jesus Gott und Mensch zugleich ist …) verwechselt werden dürfen.
– Sie legt ihre Voraussetzungen und Methoden offen.
• Christliche Theologie legt ihre eigenen Voraussetzungen und Methoden offen und lässt ihre Arbeit jederzeit von jeder und jedem auf die Beachtung und Einhaltung dieser Voraussetzungen und Methoden hin überprüfen.
Die historisch-kritische Methode
Wenn christliche Theologie von »Gott« spricht, meint sie den Gott, von dem in der Bibel die Rede ist. Ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Teil theologischer Arbeit besteht deshalb in einer sachgerechten Auslegung der biblischen Schriften.38
Die historisch-kritische Methode fragt nach der ursprünglichen Aussageabsicht eines Textes.
Nun kann man die Bibel sehr unterschiedlich lesen. Man kann sie – ungeachtet des historischen Abstands, der zwischen ihrer Abfassung und unserer heutigen Zeit liegt – ganz unmittelbar und meditativ auf sich wirken lassen, und es ist immer wieder verblüffend, wie bereichernd gerade diese Art der Lektüre sein kann. Theologie als Wissenschaft wird sich mit einem solch intuitiven und unreflektierten Verfahren nicht begnügen können. Sie hat im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte deshalb ein methodisches Instrumentarium entwickelt, das man als historisch-kritische Methode bezeichnet und das zum Ziel hat, die Entstehung und die ursprüngliche Aussageabsicht der biblischen Texte zu erklären. Historisch-kritische Bibelforschung untersucht die Bibel zunächst einmal nicht anders als jedes andere alte Buch (also z.B. Platons Schriften, den Koran, die Upanishaden), und sie erhebt deshalb den Anspruch, dass ihr Vorgehen auch von nicht-christlichen Geisteswissenschaftlern Schritt für Schritt, Argument für Argument überprüft und nachvollzogen werden kann.
Untermethoden der historisch-kritischen Methode:
Im Einzelnen bedient sich historisch-kritische Bibelforschung dabei einer Reihe von Untermethoden, von denen hier zumindest die wichtigsten kurz skizziert werden sollen.39
– Die Textkritik fragt nach dem ursprünglichen Wortlaut eines Textes.
• Da uns – wie bei den meisten Schriften der Antike – von keinem einzigen biblischen Buch das Original erhalten geblieben ist, ist es zunächst Aufgabe der Textkritik, aus den zahlreichen vorhandenen Abschriften den wahrscheinlichsten Urtext zu rekonstruieren. Insgesamt enthält die Bibel viele tausend Textvarianten, von denen sich die meisten jedoch relativ leicht und eindeutig als Abschreibfehler oder bewusste Korrekturen erklären lassen. In einer kleineren Zahl von etwa 3000 Fällen ist und bleibt der ursprüngliche Wortlaut umstritten, wobei in wissenschaftlichen Bibelausgaben die möglichen Varianten jeweils in einem Apparat von Fußnoten vermerkt sind. Als Beispiel für ein textkritisches Problem, das auch Leserinnen und Leser ohne Hebräisch- oder Griechischkenntnisse nachvollziehen können, sei der Schluss des Markusevangeliums angeführt, der in vielen deutschen Bibelübersetzungen kleingedruckt oder in Klammern gesetzt ist. Das Problem, das sich hinter dieser Kennzeichnung verbirgt, liegt darin, dass Mk 16,9–20 in alten und sonst zuverlässigen Handschriften nicht enthalten ist. Entweder hat also ein späterer Abschreiber des Markusevangeliums diesen Schluss, in dem es um die Erscheinungen des auferstandenen Christus geht, hinzugefügt, vielleicht um das Markusevangelium nicht allzu deprimierend und unversöhnlich enden zu lassen, oder aber Mk 16,9–20 gehörte zum ursprünglichen Markusevangelium, ist dann aber, vielleicht, weil die Enden einer Schriftrolle besonders anfällig waren, verloren gegangen.
– Die Literarkritik fragt nach den Quellen, aus denen ein Text zusammengesetzt ist.
→ priesterschriftlicher und „jahwistischer“ Schöpfungstext
• Die Literarkritik untersucht den Text eines biblischen Buches anhand von Gliederungssignalen, Wiederholungen, Einschüben, Unebenheiten, inhaltlichen Spannungen u.Ä. auf die ihm zugrunde liegenden Quellen, betreibt also Quellenscheidung. Dies ist notwendig, weil die biblischen Schriften in der Regel nicht aus einem Guss am Schreibtisch nur eines Menschen entstanden sind, sondern meist auf kleineren mündlich oder schriftlich überlieferten Teilquellen unterschiedlicher Herkunft aufbauen. Ein Beispiel für literarkritisches Arbeiten ist die schon besprochene Unterscheidung von priesterschriftlicher und »jahwistischer« Schöpfungserzählung im 1. Mosebuch, ein anderes wäre z.B. die Frage, aus welchen zunächst selbständigen Einzelbausteinen (Gleichnissen, Wundergeschichten, Streitgesprächen, Jesusworten) die synoptischen Evangelien zusammengesetzt sind.
→ Jesus von Nazareth - Quellenlage
– Die Formkritik fragt nach der Gattung eines Textes.
• Die Formkritik betrachtet biblische Texte unter dem Gesichtspunkt der Textsorte. So ist es z.B. wichtig zu erkennen, dass es sich bei 1. Mose 1,1–2,4a nicht um eine naturwissenschaftliche Theorie der Weltentstehung, sondern um einen hymnenartigen Bekenntnistext handelt. Ein anderes Beispiel: Wer die Geschichte von Isaaks (möglicher) Opferung durch seinen Vater Abraham (1. Mose 22,1–19) als eine Sage liest, die die Ablösung des damals weit verbreiteten Kindsopfers (vgl. 2. Kön 3,27; 3. Mose 18,21) durch ein Tieropfer erklären will,40 wird den Text anders verstehen als jemand, der den Text als Kapitel einer Biografie Abrahams und damit als Beispiel für ein besonders sadistisches Gottesbild liest.
– Die religionsgeschichtliche Methode vergleicht biblische Texte mit Texten aus anderen Religionen des Alten Orients.
• Die religionsgeschichtliche Methode sieht die biblischen Texte im Zusammenhang mit den Nachbarreligionen Israels. So ist es zu einem sachgerechten Verständnis von 1. Mose 1,1–2,4a unerlässlich, sich die polemische Abgrenzung zur babylonischen Religion vor Augen zu führen.
– Die redaktionsgeschichtliche Methode fragt nach der Konzeption des Redaktors, der die einzelnen Quellen eines Textes zusammengefügt hat.
• Die redaktionsgeschichtliche Methode beschäftigt sich im Unterschied zur Literarkritik nicht mit Quellenscheidung, sondern sozusagen mit »Quellenfügung«. Sie fragt nach der Konzeption des Redaktors, also etwa des Evangelisten Matthäus, der – vergleichbar der Arbeit eines Zeitungsredakteurs – aus vielen kleinen Einzeltexten durch Auswahl, Anordnung, Kürzungen, Einschübe, Überleitungen, Zusammenfassungen u.Ä. das uns heute vorliegende Matthäusevangelium zusammengestellt hat. Wie typisch die »Handschrift« eines solchen Redaktors sein kann, lässt sich z.B. gut daran ablesen, dass Matthäus im Unterschied zu Markus und Lukas fast nie vom »Reich Gottes«, sondern fast immer vom »Himmelreich« spricht. Beide Begriffe beziehen sich auf dasselbe, Matthäus ist jedoch Judenchrist und will deshalb – wie damals im Judentum üblich – aus Ehrfurcht den Gottesnamen vermeiden.
Theologie als Hermeneutik
»Was bringt mir das eigentlich, wenn man die Bibeltexte so in ihre Einzelteile zerhackt? Das bringt mir doch nichts für mein Leben.« Kerstin, 17 Jahre
Bliebe Theologie bei der historisch-kritischen Analyse der biblischen Schriften stehen, käme sie über die bloße Beschreibung von historischen Sachverhalten nicht hinaus. Sie wäre – vielleicht ähnlich wie die Ägyptologie oder Assyriologie – eine interessante Forschungsdisziplin für einige Spezialisten, hätte aber nur sehr wenig Relevanz für die Gestaltung unserer heutigen Lebenswelt.
Hermeneutik = Lehre vom Verstehen von Texten
Von einem wirklichen Verstehen der biblischen, aber auch anderer Texte lässt sich jedoch erst dann sprechen, wenn wir versuchen, die Aussagen dieser Texte auf uns selbst zu beziehen und den Anspruch der Texte auch als Herausforderung für unser eigenes Leben zu sehen. Die theoretische Reflexion dieses Verstehensprozesses bezeichnet man als Hermeneutik (Lehre vom Verstehen; Auslegekunst; von griech. hermēneúein = »auslegen«, »erklären«).
Verstehen ist ein offener, nie ganz abgeschlossener Prozess.
Jeder Leser geht mit einem bestimmten Vorverständnis an einen Text heran.
Typisch für den Vorgang des Verstehens ist zunächst, dass Verstehen ein offener, nie ganz abgeschlossener Prozess ist. Ich kann noch so viel Zeit und Mühe auf die Interpretation eines Textes verwenden, er wird nie endgültig interpretiert sein, sondern wird einem anderen Interpreten oder auch mir selbst zu einem anderen Zeitpunkt in einem völlig anderen Licht erscheinen. In der Hermeneutik verwendet man in diesem Zusammenhang die Begriffe »Vorverständnis« und »Horizontverschmelzung«. Ich, der ich im Horizont einer reichen Industriegesellschaft am Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus lebe, gehe mit einem ganz bestimmten Vorverständnis, das u.a. auch durch meinen persönlichen biographischen Hintergrund geprägt ist, an einen Text heran, der in einem ganz anderen Lebenshorizont, z.B. zur Zeit Jesu in einer Agrargesellschaft, entstanden ist, und nehme ihn natürlich auch nur unter dem Blickwinkel dieses Vorverständnisses wahr.
Leserhorizont und Texthorizont müssen »verschmelzen«. Dadurch wird der Leserhorizont verändert.
Meine ich, die Aussage des alten Textes verstanden zu haben, »sagt er mir etwas«, dann kommt es zu einer »Verschmelzung« von Leserhorizont und Texthorizont. Durch diese Auseinandersetzung mit dem alten Text verändern sich aber das Vorverständnis und der Horizont des Lesers – sei es auf dramatische Art wie bei Luthers Studium des Römerbriefs, sei es fast unmerklich –, und wenn der Leser den Text nun noch einmal liest, dann liest er ihn nicht mehr so wie beim ersten Mal, und es kommt somit zu einer neuen Horizontverschmelzung, die wiederum das Vorverständnis und den Lebenshorizont des Lesers verändert. Es handelt sich beim Verstehen also – ganz anders als bei der naturwissenschaftlichen Erkenntnis – um einen zirkulären Vorgang, der aber durchaus produktiv ist und keineswegs den Charakter eines Teufelskreises haben muss. Man spricht deshalb auch von »hermeneutischen Zirkeln«, denen das Verstehen unterliegt. So besteht z.B. eine Wechselbeziehung zwischen dem Teil und dem Ganzen eines Textes. Ich kann die Bedeutung eines Bibelverses einerseits erst dann verstehen, wenn ich den Textzusammenhang, in dem der Vers steht, verstanden habe (weshalb es auch den Regeln der Hermeneutik widerspricht, einzelne Bibelstellen, aus ihrem Zusammenhang gerissen, als Argumente zu benutzen!), andererseits kann ich den Text als Ganzes doch auch nur dann begreifen, wenn ich jeden einzelnen Satz des Textes verstanden habe.
Hermeneutische Zirkel sind notwendige Zirkel.
»Erst jetzt, wo ich mich fürs mündliche Abi mit dem ganzen Stoff intensiver beschäftigt habe, verstehe ich, was das alles soll …« Annette, 19 Jahre
→ „jahwistischer“ Schöpfungstext
Ein weiterer hermeneutischer Zirkel zeigt sich darin, dass ich einen biblischen Text (z.B. 1. Mose 1,1–2,4a) oft erst dann richtig verstehen kann, wenn ich mich in die Zeit, in der er entstanden ist (also das babylonische Exil) hineinversetzen kann. Andererseits
Die Bibel: Gottes Wort oder Menschenwort?41
Vier Arten des Bibelverständnisses:
Eine Frage des Vorverständnisses im hermeneutischen Sinn ist es auch, welchen Stellenwert und welche Bedeutung man der Bibel überhaupt beimessen will. Um dieses Thema, um das nicht selten höchst emotional unter der Alternative »Gottes Wort oder Menschenwort?« gestritten wird, sachlich diskutieren zu können, empfiehlt es sich, zwischen vier verschiedenen Arten des Bibelverständnisses zu unterscheiden:
– Die Bibel ist eine Sammlung von alten Schriften, die uns heute nichts mehr zu sagen hat.
• Man kann, erstens, die Bibel ähnlich wie Texte aus dem alten Ägypten als eine Sammlung von alten Schriften betrachten, deren Vorstellungswelt von den Fragen und Problemen unserer Zeit so weit entfernt ist, dass sie uns heute kaum mehr etwas zu sagen haben.
– Die Bibel ist untrennbar mit unserer Kultur- und Geistesgeschichte verbunden. Es lohnt sich deshalb, sich auch heute noch mit ihr zu beschäftigen.
• Man kann, zweitens, – vermutlich mit wesentlich besseren Argumenten – die Bibel als eine Sammlung von alten Schriften betrachten, von der kultur- und geistesgeschichtlich solch intensive und nachhaltige Impulse ausgegangen sind und die so viele interessante Gedanken enthält, dass es sich zumindest für einen gebildeten Mitteleuropäer auch heute noch lohnt, sich mit ihr, vielleicht ähnlich wie mit den Schriften griechischer Philosophen, zu beschäftigen.
Während für diese beiden Arten des Bibelverständnisses die biblischen Texte recht eindeutig »Menschenwort« sind, gehen Christinnen und Christen davon aus, dass die Bibel mehr für sie ist als andere Schriften des Altertums. Christinnen und Christen betrachten die Bibel als ein Dokument von Glaubenserfahrungen, das auch für heutige Menschen noch unaufgebbare und einmalige Wahrheit enthält und für die Gestaltung des christlichen Glaubenslebens unerlässlich ist. Sie bezeichnen es deshalb auch als »Heilige Schrift« oder »Gottes Wort«. Was dies im Einzelnen bedeutet, ist nun allerdings sehr umstritten:
– Die Bibel ist »Gottes Wort« an uns, und zwar in einem ganz unmittelbaren und wörtlichen Sinn. Als »Gottes Wort« ist sie unfehlbar.
»Was ich an den Pietisten toll finde, ist, dass sie ihren Glauben ganz ernst nehmen und auch versuchen, im Alltag danach zu handeln …« Matthias, 20 Jahre
• Eine besonders im Pietismus beheimatete Lesart der Bibel möchte diese in dem Sinn als »Gottes Wort« verstanden wissen, dass aus jedem Satz, aus jedem Kapitel der Bibel ganz unmittelbar und ungebrochen Gott zu uns spricht. Zwar wird nur selten davon ausgegangen, dass Gott selbst die biblischen Bücher verfasst hat, aber es wird doch – und zwar ohne dass man das letztlich begründen könnte – behauptet, die Menschen, die die biblischen Schriften verfasst haben, seien von Gott »inspiriert« gewesen, und es könnten ihnen deshalb auch keine Fehler, Irrtümer, Ungereimtheiten oder gar Widersprüche unterlaufen sein. Wer die Bibel so liest, neigt dazu, historisch-kritischer Bibelforschung sehr skeptisch gegenüberzustehen und in ihr eher eine Bedrohung als eine Bereicherung des Glaubenslebens zu sehen. Die Problematik eines solchen, »fundamentalistisch« genannten Bibelverständnisses,42 das durch seine existentielle Ernsthaftigkeit, sein persönliches Engagement und seine große Konsequenz oft sehr beeindruckend sein kann, liegt darin, dass man viele Aussagen der Bibel nur mit Mühe unmittelbar auf unsere heutige Gegenwart übertragen kann. Welcher Christ möchte heute noch die Speisegesetze des Alten Testaments (vgl. 5. Mose 14,3–21) zum Maßstab seiner Ernährung machen? Wer wollte Spr 13,24 (»Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.«) ernsthaft zum Grundsatz christlicher Erziehung erheben? Welche Christin kann im Zeitalter der Gleichberechtigung 1. Kor 14,33f. (»Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen […]«) einfach so hinnehmen?
»Manchmal habe ich den Eindruck, jeder liest in die Bibel hinein, was er gerade braucht …« Sonja, 18 Jahre
Nicht, dass der biblische Glaube nicht auch Zumutungen und Ansprüche enthielte – nur, wäre es gerade um der Sache des christlichen Glaubens willen dann nicht wichtig, zwischen dem wirklichen Kern des christlichen Glaubens, der heute genauso Gültigkeit hat wie vor 2000 Jahren, und seiner zeit- und kulturbedingten Ausprägung und Einkleidung zu unterscheiden? Tatsächlich versuchen auch die allerwenigsten, die die Forderung erheben, die Bibel müsse »wörtlich« ausgelegt werden, diese Forderung auch tatsächlich in Lebenspraxis umzusetzen – von ein paar extremen, sektiererischen Gruppierungen abgesehen. Die meisten Fundamentalisten werden zugestehen, die angeführten Bibelstellen seien so doch nicht gemeint und man müsse sie im übertragenen Sinne verstehen. Genau dann interpretiert man jedoch die Bibel bereits von seinem persönlichen Vorverständnis aus, und es erscheint dann – will man nicht ganz persönliche, nicht hinterfragbare Erleuchtungen für sich in Anspruch nehmen – geradezu notwendig, die Kriterien dieser Interpretation nicht der subjektiven Willkür zu überlassen, sondern sie vom kritischen Maßstab wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden überprüfen zu lassen. Natürlich hat auch der historisch-kritische Theologe sein Vorverständnis, mit dem er an die Texte herangeht, und sein Vorverständnis beeinflusst auch zweifellos seine Untersuchungsergebnisse. Im Unterschied zu einer naiv-unhistorischen Deutung der Bibel erhebt er aber den Anspruch, dass seine Argumentationen auch von anderen Menschen anderen Vorverständnisses Schritt für Schritt nachgeprüft und rational nachvollzogen werden können müssen. Historisch-kritische Bibelforschung setzt auf die Kraft des besseren Arguments und wird ihre Untersuchungsergebnisse deshalb gegebenenfalls auch immer wieder revidieren.
»Also, dass der Gott die Frau aus der Rippe vom Mann gemacht hat, das kann mir keiner erzählen …« Lothar, 11 Jahre
Wer an die Bibel aber mit den Augen des Historikers herangeht, wird nicht umhinkönnen, in den biblischen Schriften aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Abfassungssituationen und Aussageintentionen auch inhaltliche Spannungen und Widersprüche zu erkennen, in »Gottes Wort« also »Menschenwort« wahrzunehmen. Auf die inhaltlichen Unterschiede zwischen priesterschriftlichem und »jahwistischem« Schöpfungstext wurde schon hingewiesen.
→ „jahwistischer“ Schöpfungstext
Ein anderes, auch von fundamentalistischer Seite wohl kaum zu bestreitendes Dilemma wäre z.B., wie Mose als angeblicher Verfasser der fünf Mosebücher im 5. Mosebuch, Kapitel 34 eigentlich über seinen eigenen Tod berichten kann. (Die historische Erklärung besteht einfach darin, dass Mose nicht der Verfasser der Mosebücher ist und dass die Überschriften dieser Texte erst aus nachexilischer Zeit stammen.) Im Neuen Testament wäre etwa ein Vergleich der sehr widersprüchlichen Angaben über die Entdeckung des leeren Grabes Jesu ein lohnendes Beispiel, an dem man sich klarmachen kann, dass die Evangelien etwas anderes sein wollen als historische Tatsachenprotokolle.
→ Auferstehung Jesu
– Die Bibel ist von fehlbaren Menschen geschrieben, die ihre Erfahrungen mit Gott weitergeben wollten. Diese Erfahrungen können auch die unseren werden. Dann wird für den, der glaubt, Menschenwort zu »Gottes Wort«.
»Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid […], geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln der Herzen […] Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.« 2. Kor 3,3.6
• Eine vierte Art der Bibellektüre, die auch der Verfasser dieses Buches für die richtige hält, sieht die Bibel deshalb als ein Buch, das von fehlbaren Menschen geschrieben wurde, das all die Widersprüche und inhaltlichen Spannungen enthält, die von Menschen verfasste Schriften nun einmal enthalten, und das deshalb auch vorbehaltlos historisch-kritisch analysiert werden darf. Weiter geht diese Art der Bibellektüre allerdings davon aus – und das ist eine bewusste Setzung des Glaubens –, dass die Erfahrungen, die die Verfasser der biblischen Schriften mit ihrem Gott gemacht haben, auch unsere Erfahrungen sein können und dass der Gott, von dessen Wirken die Verfasser der Bibel überzeugt waren, auch heute noch wirkt und auch in unserem Leben wirksam werden will. Die Bibel als »Menschenwort« kann so für den, der glaubt, lebensverändernd und lebensentscheidend und auf diese Weise »Gottes Wort« werden.
Zugespitzt formuliert: Christinnen und Christen wollen und sollen an den Gott glauben, der sich in Jesus von Nazareth offenbart hat, nicht aber an eine Sammlung von heiligen Schriften und erst recht nicht an eine bestimmte, angeblich allein selig machende Auslegung dieser Schriften.
Vom Nebeneinander zum Miteinander von Naturwissenschaft und Theologie: Gemeinsame Schritte ethischer Urteilsfindung
»Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer. Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht.« 1. Kor 12,20f..
Naturwissenschaftler und Theologen haben eine gemeinsame Verantwortung und müssen deshalb zusammenarbeiten.
Nachdem deutlich geworden ist, dass es sich bei Naturwissenschaft und Theologie um ganz unterschiedliche Forschungsdisziplinen mit ganz unterschiedlichen Zugriffen zur Wirklichkeit handelt, wäre am Ende dieses Kapitels nun noch abschließend zu überlegen, ob und wie Naturwissenschaft und Theologie sich in ihrer Arbeit auf sinnvolle und unser aller Lebensqualität verbessernde Art und Weise ergänzen können. Denn wissenschaftliche Forschung – naturwissenschaftliche wie geisteswissenschaftliche – darf niemals zum Selbstzweck werden, sondern muss stets den Interessen der Menschen dienen – das ist eine Einsicht, die angesichts von Umweltkatastrophen, vergifteten Nahrungsmitteln und den Möglichkeiten moderner Gentechnik heute wohl kaum mehr jemand bestreitet. Eine Zusammenarbeit von Naturwissenschaft und Theologie (bzw. auch Philosophie und Ethik) ist vor allem überall dort geboten, wo im Zusammenhang mit naturwissenschaftlichen Forschungen und Entdeckungen ethisch zu verantwortende Entscheidungen anstehen: in der Genetik, bei der friedlichen und militärischen Nutzung von Atomenergie, bei Tierversuchen, in Fragen des Umweltschutzes, beim Problem des Schwangerschaftsabbruchs, auf dem Gebiet der Intensivmedizin, beim Thema Aids, bei Fragen des Datenschutzes und des Umgangs mit dem Internet, bei Chancen und Gefahren der sogenannten Künstlichen Intelligenz … Sollen ethische Urteile nicht unbedacht und willkürlich oder aufgrund von bloßen Machtinteressen gefällt werden, ist es nützlich, verschiedene Schritte ethischer Urteilsfindung zu unterscheiden.43
Schritte ethischer Urteilsfindung:
– Problembestimmung
• In einem ersten Schritt, der sowohl bei individuellen als auch bei kollektiven Entscheidungsprozessen oft vernachlässigt wird, ist zunächst einmal präzise zu bestimmen, um welches Problem es eigentlich gehen soll. Geschieht dies nicht, kann es passieren, dass man ständig von einem Thema zum anderen springt, verschiedene Problemstellungen vermischt oder auch nach kurzer Zeit schon gar nicht mehr weiß, welche Frage man eigentlich klären wollte. Außerdem ist zu bedenken, dass die Formulierung eines Problems oft schon ganz bestimmte Vorentscheidungen im Hinblick auf seine Lösung impliziert. So ist es z.B. ein Unterschied, ob ich formuliere: »Soll Schwangerschaftsabbruch gesetzlich erlaubt sein?«, oder ob ich sage: »Ich bin schwanger und bin unsicher, ob ich eine gute Mutter sein werde. Was kann und soll ich tun?«
– Situationsanalyse
• In einem zweiten Schritt, der Situationsanalyse, sollten dann alle verfügbaren und in irgendeiner Weise relevanten Sachinformationen, die das zur Diskussion stehende Problem betreffen könnten, zusammengetragen, sachgerecht zueinander in Beziehung gesetzt und ausgewertet werden. Stellt man sich eine Expertenkomission vor, die über die Frage berät, ob Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt sein soll oder nicht, so wäre hier vor allem die Kompetenz von Naturwissenschaftlern, aber z.B. auch von Juristen und Politikern gefragt. Der Theologe wird in dieser Phase der ethischen Urteilsbildung sozusagen als Vertreter der gebildeten Laien vor allem zuhören, um allgemeinverständliche Erklärungen bitten und Rückfragen formulieren.
– Sichtung von Handlungsalternativen
• In einem dritten Schritt wären im Hinblick auf das anstehende Problem sodann alle denkbaren Handlungsalternativen zu sichten, und zwar ohne sofort zu bewerten. Oft wird diese Phase der ethischen Urteilsfindung allzu schnell übersprungen, was zur Folge hat, dass mögliche und vielleicht sinnvolle Handlungsmöglichkeiten vorschnell als »unrealistisch«, »undurchführbar«, »unverantwortlich« u.Ä. abqualifiziert werden. So wäre z.B. vor 30 Jahren in einer Diskussion über Energiefragen dem Vorschlag, größere Forschungsmittel für die Konstruktion sich selbst steuernder Kraftfahrzeuge bereitzustellen, vermutlich überhaupt kein Gehör geschenkt worden.
– Normenprüfung »Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: ›Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft‹ (5. Mose 6,4.5). Das andre ist dies: ›Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‹ (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.« Mk 12,28–31
• In der nächsten Phase der ethischen Urteilsfindung, der Normenprüfung, muss es nun darum gehen, welche Maßstäbe, Normen und Werte wir eigentlich an das zur Entscheidung stehende Problem anlegen wollen. Dies wäre in einer Expertenkomission nun sicher die Stunde der Theologen und Philosophen, wobei es allerdings sehr kurzschlüssig wäre zu meinen, Naturwissenschaftler könnten Fragen der Moral und der Ethik einfach an dafür zuständige Fachleute delegieren. Sicherlich werden Naturwissenschaftler in Fragen der Begründung von Normen und Werten zunächst einmal beim Geisteswissenschaftler lernen können – ebenso wie der Geisteswissenschaftler in Fragen der Sach- und Situationsanalyse von Naturwissenschaftlern –, entscheiden und ihre Entscheidung verantworten müssen letztlich aber alle an der Entscheidungsfindung Beteiligten. Theologen und Philosophen können sich nicht in den Elfenbeinturm abstrakter theologisch-philosophischer Gedankenakrobatik zurückziehen, und Naturwissenschaftler können sich in Fragen der Ethik nicht einfach für nicht zuständig erklären.
Welche Werte, Normen und Maßstäbe gelten sollen, ist in unserer pluralistischen Demokratie umstrittener denn je. Soll bei der Frage, ob der Arzt einem Todkranken sogenannte »Sterbehilfe« leisten darf, das fünfte Gebot gelten oder der Grundsatz der Vermeidung von unnötigen Schmerzen oder der Eid des Hippokrates oder das Recht des Einzelnen, über sein Leben selbst zu bestimmen? Oder kann nicht z.B. auch die Kostenfrage (blockiert der Kranke nicht unnötig Bettenkapazitäten?) ein Kriterium sein? Ist der Zustand, in dem sich der Kranke befindet, noch als »Leben« zu bezeichnen? Was ist eigentlich »Leben« – biologisch, philosophisch, theologisch? Soll »Leben« um jeden Preis erhalten und verlängert werden? Wenn nicht, wer ist dann befugt, aufgrund welcher Kriterien zu entscheiden? Diese und viele andere Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Aber eine Gesellschaft, die ethische Entscheidungen nicht dem Zufall oder den Gesetzen der Technokratie überlassen will, wird sich an diesem Punkt nicht einfach durch Verdrängung oder Delegation an Experten aus der Verantworung stehlen dürfen.
– Entscheidung
Entscheidungen erweisen sich im Nachhinein immer wieder als falsch. Sie müssen deshalb möglichst »reversibel« bleiben.
• Hat sich eine Gruppe von Entscheidungsträgern, die sich je nach Umständen und Gegebenheiten sehr unterschiedlich zusammensetzen kann, auf eine gemeinsame ethische Grundlage verständigt (womit mehr gemeint ist als ein formelhaftes Zitieren einiger Formulierungen aus dem Grundgesetz!), dann müssen so oder so Entscheidungen getroffen werden. Da Menschen fehlbar sind und die Folgen von Entscheidungen immer nur bis zu einem gewissen Grad prognostizierbar sind, lässt sich nie ausschließen, dass trotz aller Bemühungen und trotz guten Willens auch Entscheidungen getroffen werden, die sich möglicherweise später als falsch und verhängnisvoll erweisen und die die Entscheidungsträger im Nachhinein bereuen. Ein ganz zentraler Gesichtspunkt im Hinblick auf eine Ethik naturwissenschaftlicher Forschung ist deshalb, dass Entscheidungen »reversibel«, d.h. umkehrbar und revidierbar sein müssen, falls sich im Laufe der Zeit nämlich Erkenntnisse einstellen, die zum Zeitpunkt der Entscheidung noch niemand vorhersehen und mitbedenken konnte. Genetische Eingriffe in das menschliche Erbgut z.B. sind beim jetzigen Stand der Genetik nicht umkehrbar und werden zumindest von den großen Kirchen schon aus diesem Grund grundsätzlich abgelehnt.
Ethische Urteilsfindung ist ein hermeneutischer Prozess.
→ Hermeneutik
Anzumerken bleibt schließlich noch, dass es sich beim Prozess ethischer Urteilsbildung wie beim Verstehen um einen hermeneutischen Prozess handelt. Dieser Prozess ist – wie alle hermeneutischen Prozesse – zirkulär, nie endgültig abschließbar und von Interessen geleitet. Wer über Werte und Normen nachgedacht hat oder wer gar die Folgen seiner Entscheidung sieht, wird auch das Problem schon wieder anders definieren und bei der Situationsanalyse, da sich inzwischen ja auch die Situation geändert hat, andere und neue Faktoren miteinbeziehen. Und wer an ein Problem mit dem Vorverständnis herangeht, dass er und alle Kreaturen Geschöpfe eines Gottes sind, wird das Problem anders angehen als jemand, der die Welt und das Leben insgesamt nur als einen Reflex physikalischer und biochemischer Vorgänge wahrnimmt, oder als jemand, dessen oberste Maxime es ist, dass seine Partei unbedingt die nächste Landtags- oder Bundestagswahl gewinnen muss.
Kapitel IV
Sind alle Götter gleich?
Gottesglaube im Alten Testament
Warum Christen das Alte Testament lesen
Man kann das Neue Testament nur richtig verstehen, wenn man auch das Alte Testament kennt.
»Er sprach aber zu ihnen: […] Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden […]« Lk 24,44f.
Was in der christlichen Religion mit dem Begriff »Gott« gemeint ist, zeigt sich, so könnte man meinen, im Neuen Testament. Denn in ihm ist von Jesus Christus die Rede, und in Jesus Christus, von dem sich ja der Name des Christentums ableitet, hat der christliche Gott gezeigt, wer er ist. Nun ist es aber unmöglich, das Neue Testament sachgerecht zu verstehen, wenn man es nicht auf dem Hintergrund des alttestamentlichen Gottesglaubens liest. Zentrale Begriffe des Neuen Testaments wie »Messias«, »Reich Gottes«, »Gericht« oder »Auferstehung« sagen uns wenig, wenn wir uns nicht klarmachen, was Juden zur Zeit Jesu mit diesen Begriffen verbunden haben und wie diese Begriffe in der Geschichte der alttestamentlichen Überlieferungen verankert sind. Es war deshalb sicherlich eine weise Entscheidung der Kirche der ersten Jahrhunderte, auch das Alte Testament in den Kanon der christlichen Bibel aufzunehmen.
Im Folgenden sollen der Inhalt einiger zentraler Texte des Alten Testaments knapp erläutert und insbesondere auch einige Verbindungslinien zwischen alttestamentlichem und neutestamentlichem Gottesglauben aufgezeigt werden.44
»Jahwe« – ein Name als Programm
Der Gott Israels hat viele Namen. Der Name »Jahwe« ist jedoch nur ihm vorbehalten.
Wichtige Aspekte des alttestamentlichen Glaubens lassen sich bereits an dem besonderen Namen, den der Gott Israels trägt, festmachen. Der Gott Israels trägt neben Namen, die auch für andere altorientalische Gottheiten verwendet wurden (z.B. Elohim oder El), den nur ihm vorbehaltenen Eigennamen »Jahwe« (Aussprache: Jachwäh; in der Lutherbibel übersetzt mit: »der HERR«; aufgrund falscher Vokalisation im Mittelalter verballhornt zu »Jehova«), der in seiner Kurzform auch in vielen anderen hebräischen Eigennamen enthalten ist (z.B. Jesa-ja = Hilfe Jahwes; Jeremi-ja = Jahwe ist erhaben; Jo-hannes = Jahwe ist gnädig).
Der Name »Jahwe« hängt etymologisch mit dem Wortstamm des hebräischen Verbs »sein«/»werden« zusammen und wird deshalb in 2. Mose 3,14 sprachwissenschaftlich korrekt aufgelöst als »Ich bin, der ich bin« bzw. – wahrscheinlich noch besser futurisch übersetzt – als »Ich werde sein, der ich sein werde« oder auch als »Ich werde bei euch sein als der, als der ich bei euch sein werde«. Diese Selbstvorstellung Jahwes gegenüber Mose, der in 2. Mose 3 von Jahwe aus dem brennenden Dornbusch heraus dazu berufen wird, das Volk Israel in seinem Namen aus der ägyptischen Knechtschaft herauszuführen, impliziert eine ganze Theologie:
Der »Ich bin, der ich bin« ist unverfügbar.
→ Bilderverbot im Alten Testament
• Als der »Ich bin, der ich bin« bzw. der »Ich werde sein, der ich sein werde« lässt sich Jahwe nicht auf einen bestimmten Inhalt, auf bestimmte Eigenschaften, auf ein bestimmtes Bild von ihm festlegen. Wer er ist bzw. sein wird, bestimmt nur er selbst. Insofern handelt es sich bei 2. Mose 3,14 um eine Entsprechung zum schon erwähnten Bilderverbot des Alten Testaments (2. Mose 20,4) und damit auch um eine klare Abgrenzung gegenüber der im Alten Orient weit verbreiteten Identifizierung von Gottheiten und Götterbild (vgl. dazu z.B. 2. Mose 32 die Erzählung vom sogenannten Goldenen Kalb, 1. Kön 12,26–33 oder Hos 8,4–6) sowie gegenüber allen Versuchen, Jahwe durch Magie oder Zauberei verfügbar und berechenbar zu machen (vgl. dazu z.B. 2. Mose 22,17; 3. Mose 19,26; 3. Mose 20,27; 5. Mose 18,9–12). Um die Unverfügbarkeit und Heiligkeit Jahwes zu unterstreichen und jeden Ansatz zur Namensmagie (Rumpelstilzchenmotiv: Die Kenntnis des Namens gibt Macht über die betreffende Person!) von vornherein auszuschließen, sprachen und sprechen Juden in späteren Zeiten und bis zum heutigen Tag den Jahwenamen auch gar nicht mehr aus, sondern lasen und lesen stattdessen überall da, wo im Alten Testament »Jahwe« steht, konsequent adonai (hebr. = »Herr«).
»Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!« Jes 6,3
Der »Ich werde sein, der ich sein werde« ist ein Gott der Geschichte.
→ Zeit und Zukunft aus christlicher Sicht
»Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.« Offb 1,8
• Als der »Ich werde sein, der ich sein werde« erweist sich Jahwe außerdem als ein Gott der Geschichte, der Bewegung und der Dynamik, als ein Gott, der die Denkdimension der Zukunft eröffnet. Jahwe ist ein Nomadengott, ein Gott, der an keinen festen Wohnsitz gebunden ist, der schon von Abraham verlangt: »Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will!« (1. Mose 12,1) und von dessen Anhängern es noch im Hebräerbrief heißen wird: »… wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir« (Hebr 13,14). Die Bedeutung dieses Aspekts lässt sich nur ermessen, wenn man sich vor Augen führt, dass die Nachbarreligionen Israels – ähnlich wie heute noch die Anhänger von sogenannten Naturrreligionen – zyklisch dachten und dass die Götter für sie Garanten der bestehenden und grundsätzlich unveränderlichen Weltordnung waren. Der Gedanke, dass man die Wirklichkeit geschichtlich sehen kann, als einen linearen, nicht umkehrbaren Prozess mit einem Anfang und einem Ende, entsteht erst mit der Jahwereligion und leitet eine kulturgeschichtliche Wende ein, die in ihrer Tragweite gar nicht überbewertet werden kann. Erst in einer geschichtlich gedachten Welt gibt es Sinn, sich zu überlegen, ob man die Welt vielleicht verändern könnte, ob man sie so oder so gestalten soll. Erst jetzt, als die Fesseln mythischer Ängste und Abhängigkeiten gesprengt sind, ist der folgenschwere Satz »Macht Euch die Erde untertan!« (1. Mose 1,28) überhaupt formulierbar. Erst jetzt können Begriffe wie »Fortschritt«, »Revolution« oder »Mission«, ohne die die Geschichte des Abendlandes und der Welt insgesamt anders verlaufen wäre, überhaupt gedacht werden.
→ „Macht euch die Erde untertan!“
→ zyklische oder lineare Vorstellungen von Zeit
Der »Ich werde bei euch sein als der, als der ich bei euch sein werde« ist ein Gott des Zuspruchs und der Verheißung.
»Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun?« Ps 118,6
• Drittens enthält der Jahwename in der Bedeutung »Ich werde bei euch sein als der, als der ich bei euch sein werde« aber eine Verheißung, ein Moment des Zuspruchs und des Trosts, das zeigt, dass dieser Gott es gut meint mit seinem Volk und dass er ihm beistehen wird, und zwar ganz kategorisch, egal, was kommen wird – in den Auseinandersetzungen mit dem ägyptischen Pharao ebenso wie in all den anderen Krisen und Leiden, die diesem Volk noch bevorstehen. Schon hier, in 2. Mose 3,14, ist der biblische Gottesglaube also »Evangelium«, frohe Botschaft, zu einer Zeit, als dieses griechische Wort noch gar nicht existiert und von einem Mann namens Jesus aus Nazareth noch niemand etwas weiß.
Die Zehn Gebote – ein Dokument der Befreiung
Die uns geläufige Fassung der 10 Gebote steht so nicht im Alten Testament.
Der wahrscheinlich bekannteste und zugleich unbekannteste Text des Alten Testaments sind die sogenannten »10 Gebote«, in der theologischen Fachsprache auch »Dekalog« (von griech. déka = »zehn« und lógoi = »Worte«) genannt.45 Wer diese 10 Gebote, die Mose auf Jahwes Geheiß in Steintafeln eingraviert haben soll, einmal in 2. Mose 20 nachliest, wird zunächst mit einiger Verblüffung feststellen, dass der dort abgedruckte Text von der z.B. aus dem Konfirmandenunterricht geläufigen Fassung nicht unerheblich abweicht und noch nicht einmal die uns vertraute Nummerierung aufweist. Wer dann auch noch 2. Mose 20 mit 5. Mose 5,6ff. vergleicht, wird außerdem bemerken, dass der Wortlaut des Dekalogs auch schon in alttestamentlichen Zeiten unterschiedlich weitergegeben und der jeweiligen Situation entsprechend »interpretiert« wurde.
An der uns geläufigen Katechismusfassung des Dekalogs ist nun allerdings weder die Tatsache besonders problematisch, dass der umständlichere Text des Alten Testaments auf leichter zu merkende Kernsätze reduziert wurde, noch sollte man sich allzu lange daran aufhalten, dass Luther und die römisch-katholische Kirche anders zählen als die jüdische Tradition und die reformierten Kirchen. (Erstere fassen das Fremdgötter- und Bilderverbot in einem Gebot zusammen, machen aber dafür aus dem Gebot der Begehrlichkeit zwei Gebote!) Viel gravierender ist es, dass in unseren Katechismen die Einleitung zum Dekalog verstümmelt wurde. Der Dekalog beginnt in 2. Mose 20,2 nämlich nicht mit den Worten »Ich bin der HERR, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir«, sondern mit dem Satz »Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe«. In 2. Mose 20,2 (und nur leicht im Wortlaut variiert in 5. Mose 5,6) steht am Anfang des Dekalogs die Mut machende Erinnerung daran, dass Jahwe ein befreiender, ein aus der Knechtschaft herausführender Gott ist, während die Katechismusfassung oft als mahnender Auftakt zu einer moralisierenden, einschüchternden Lesart des Dekalogs gelesen und interpretiert wurde.
Nicht um moralisierende Einschüchterung, sondern um Befreiung geht es.
Der biblische Dekalog wurde als Urkunde des Bundes, den der Befreiergott Jahwe mit seinem Volk Israel geschlossen hat, vermutlich regelmäßig im Gottesdienst oder bei Festen verlesen.
Im Aufbau lassen sich die 10 Gebote gut mit altorientalischen Bundesurkunden vergleichen.
»Ihr seid meine Zeugen, spricht der HERR, und mein Knecht, den ich erwählt habe, damit ihr wisst und mir glaubt und erkennt, dass ich’s bin. Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein. Ich, ich bin der HERR, und außer mir ist kein Heiland.« Jes 43,10f.
Dabei ist es bemerkenswert und insbesondere auch für das Verständnis des Begriffs »Bund« (= lat. testamentum) sehr erhellend, dass die Bundesurkunde des Dekalogs ähnlich aufgebaut ist wie uns überlieferte zeitgenössische Bundesurkunden zwischen einem Großkönig und seinen Vasallen. Hethitische Urkunden aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. enthalten:
a) die Selbstvorstellung des Großkönigs – vergleichbar 2. Mose 20,2a;
b) den geschichtlichen Anlass des Bündnisses – vergleichbar 2. Mose 20,2b;
c) eine Grundsatzerklärung – vergleichbar der sogenannten »ersten Tafel« des Dekalogs (2. Mose 20,3–7), in der das grundsätzliche Verhältnis zwischen Jahwe und seinem Volk definiert wird;
d) Einzelbestimmungen – vergleichbar der sogenannten »zweiten Tafel« des Dekalogs (2. Mose 20,8–17), in der uns auch aus anderen Kulturkreisen bekannte, dem gesunden Menschenverstand weitgehend unmittelbar einleuchtende Grundsätze des menschlichen Zusammenlebens festgehalten werden.
Zwei wichtige theologische Einsichten:
→ „Jahwe“
Theologisch lassen sich an dieser Analogie vor allem zwei wichtige Beobachtungen machen:
• Zum einen zeigt sich, dass Jahwe dem Volk Israel unendlich überlegen ist, dass der Bund ein freier Entschluss seines Willens ist und es sich nicht etwa um einen Bund zwischen zwei auch nur annähernd ebenbürtigen Partnern handelt. Dem entspricht der Absolutheitsanspruch Jahwes (2. Mose 20,3).
→ „Jahwe“
Dem entspricht das Bilderverbot (2. Mose 20,4). Und dem entspricht auch das Verbot, den Namen Jahwes zu missbrauchen (2. Mose 20,7), das ursprünglich vermutlich insbesondere die Abwehr von Namensmagie, also des Versuchs, sich Jahwe durch magische Verwendung seines Namens gefügig zu machen, zum Ziel hatte.
– Die rechte Moral ergibt sich aus dem rechten Gottesglauben – und nicht umgekehrt.
• Zum andern aber wird sehr deutlich, dass die »Gebote«, die das menschliche Zusammenleben regeln und die in ihren Aussagen auch nichts spezifisch Biblisches enthalten, sozusagen nur die Ausführungsbestimmungen der theologischen Grundsatzerklärung der »ersten Tafel« sind. Theologisch gesehen stehen nicht die Verbote des Stehlens, Mordens oder Ehebrechens im Vordergrund, sondern die Aufforderung, an den Befreiergott Jahwe »sein Herz zu hängen« und sich ihm bedingungslos anzuvertrauen, die Welt und alle Wirklichkeit also ausschließlich als die Welt und Wirklichkeit dieses Nomadengottes zu sehen. Wenn aber dieses Wirklichkeits- und Gottesverständnis stimmt, ergibt sich das rechte Verhalten zum Mitmenschen und zur Gemeinschaft von selbst. Man hat deshalb auch zu Recht darauf hingewiesen, dass man den Dekalog weniger als mit dem erhobenen Zeigefinger vorgetragene »Gebote« oder »Gesetze«, sondern vielmehr als »Verheißungen« oder »Freiheiten« sehen sollte: Wo Jahwe regiert, wird der Mensch nicht, wie z.B. in der ägyptischen Knechtschaft, nur als Arbeitstier gesehen; er hat – damals eine kulturgeschichtliche Revolution – Anrecht auf einen Sabbat. Wo Jahwe regiert, müssen alte Menschen nicht fürchten, nur weil sie nicht mehr arbeiten können, alleingelassen und unversorgt zu bleiben – das ist der Sinn des ursprünglich ja nicht an Kinder oder Konfirmanden, sondern an Erwachsene gerichteten »4. Gebots«, bei dem es sich also eher um eine sozial- und familienpolitische Forderung als um eine pädagogische Ermahnung handelt. Wo Jahwe regiert, steht das Leben des Einzelnen, seine Ehe, seine Familie, sein Eigentum unter göttlichem Schutz. Wer sich daran vergreift, stellt sich gegen Jahwe, den mächtigen Gott, der selbst die militärische Großmacht der Ägypter geschlagen hat – das ist wiederum das Evangelium, das auch dieser Text des Alten Testaments bereits enthält.
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.
»Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.« Mt 7,16–18
Auch so kann man die 10 Gebote lesen …
»Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unsrem Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen […]« Ps 85,10f
»Auge um Auge, Zahn um Zahn«?
»Alttestamentarische Gesetzesstrenge«?
Gelegentlich sprechen wir auch heute noch in unserer Umgangssprache von »alttestamentarischer Gesetzesstrenge« und spielen dabei auf alttestamentliche Gesetzesformulierungen an, die uns aus heutiger Sicht in ihrer Härte barbarisch erscheinen: »Wer Vater oder Mutter schlägt, der soll des Todes sterben« (2. Mose 21,15). »Wenn jemand dabei ergriffen wird, dass er bei einer Frau schläft, die einen Ehemann hat, so sollen sie beide sterben, der Mann und die Frau, bei der er geschlafen hat […]« (5. Mose 22,22). »Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Beule um Beule« (2. Mose 21,23ff.).
Im Vergleich zu seinen altorientalischen Nachbarn hat Israel eine ausgesprochen humane Gesetzgebung.
Nun sieht man diese kasuistische Gesetzgebung (kasuistisch = auf den Einzelfall bezogen; im Unterschied zu den »apodiktischen«, d.h. unbedingten, ohne Wenn und Aber geltenden Geboten des Dekalogs) allerdings in einem andern Licht, wenn man sie mit der Rechtsprechung der damaligen Nachbarvölker Israels vergleicht. Es zeigt sich dann nämlich, dass das von Jahwe aus der ägyptischen Gefangenschaft befreite Volk Israel seine ihm geschenkte Freiheit in eine für damalige Verhältnisse sehr freiheitliche und menschenfreundliche Gesetzgebung umsetzt: So fehlen im Alten Testament bis auf eine einzige Ausnahme (5. Mose 25,11f.) verstümmelnde Strafen, die im Alten Orient sonst gang und gäbe waren. In Ägypten etwa wurde Tempeldiebstahl oder Ausrauben eines Grabes mit dem Abschneiden der Nase geahndet; und aus Assyrien kennen wir einen Gesetzestext, der für unsere Augen vergleichsweise geringe Verfehlungen mit äußerst grausamen und entehrenden Strafen belegt:
»Eine Dirne darf sich nicht verhüllen, ihr Kopf bleibt entblößt. Wer eine verhüllte Dirne erblickt, soll sie festnehmen … Ihren Schmuck darf man nicht nehmen, aber derjenige, der sie festgenommen hat, bekommt ihre Kleidung. Man soll ihr fünfzig Stockschläge versetzen und Asphalt auf ihren Kopf gießen. Wenn dagegen ein Bürger eine verhüllte Dirne erblickt und sie gehen lässt […], so soll man diesem Bürger fünfzig Stockschläge versetzen. Sein Anzeiger bekommt seine Kleidung. Seine Ohren soll man durchbohren, mit einer Schnur zusammenziehen und auf seinem Hinterkopf zusammenbinden. Einen vollen Monat soll er für den König Fronarbeit leisten.«46
Gesetze aus einer längst vergangenen Zeit?
»Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.« Mt 18,21f.
Andererseits finden sich im Alten Testament jedoch Gesetze, die selbst uns heute noch ausgesprochen aktuell und fortschrittlich vorkommen mögen: So sollen die Israeliten die »Fremdlinge« – heute würde man vielleicht sagen: »Migranten« oder »Asylanten«
– »nicht bedrücken und bedrängen; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen« (2. Mose 22,20). Das sogenannte »Sabbatjahr« hat sowohl einen ökologischen als auch einen sozialen Sinn: »Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln. Aber im siebenten Jahr sollst du es ruhen und brach liegen lassen, dass die Armen unter deinem Volk davon essen; und was übrig bleibt, mag das Wild auf dem Felde fressen. Ebenso sollst du es halten mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen« (2. Mose 23,10f.). Eine Freistellung vom Wehrdienst aus persönlichen Gründen (5. Mose 20,5–8) gibt es in Israel ebenso wie einen Tierschutz (5. Mose 22,6f.) oder einen Pfändungsschutz (5. Mose 24,10–13). Und auch das sprichwörtlich gewordene »Auge um Auge, Zahn um Zahn« ist eigentlich ein humanitärer Fortschritt, wenn man bedenkt, dass es im Zusammenhang mit Blutrachevorstellungen eine Überbestrafung vermeiden will und im Alten Testament – im Unterschied zum sonstigen Alten Orient
– auch nicht unbedingt wörtlich gemeint ist, sondern nur eine allgemeine Bemessensgrundlage bieten soll (vgl. 2. Mose 21,30!). Macht man sich diese lebensfördernde und lebensbewahrende Gesamtintention des alttestamentlichen Gesetzes bewusst, dann kann es auch nicht mehr verwundern, dass Jesus in der Bergpredigt sagt: »Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.« (Mt 5,17).
Jahwe oder Baal?
Einer der zentralen Texte des Alten Testaments ist nach Ansicht heutiger Exegeten das sogenannte »kleine geschichtliche Credo« (lat. = »ich glaube«; Glaubensbekenntnis) in 5. Mose 26,5–9. Dieser Bekenntnistext, der seinen »Sitz im Leben« im Rahmen eines Erntedankfestes hatte (vgl. 5. Mose 26,1–4), rekapituliert, wie Jahwe Israel aus der ägyptischen Knechtschaft befreit und in das »Land, in dem Milch und Honig fließt«, geführt hat.
Mit dem »kleinen geschichtlichen Credo« (5. Mose 26,5–9) grenzt sich Israel von der Baalsreligion ab.
»Da trat Elia zu allem Volk und sprach: Wie lange hinkt ihr auf beiden Seiten? Ist der HERR Gott, so wandelt ihm nach, ist’s aber Baal, so wandelt ihm nach.« 1. Kön 18,21
Dass das kleine geschichtliche Credo im Zusammenhang mit einem Erntedankfest vorgetragen wurde, ist nun kein Zufall, sondern hat damit zu tun, dass Israel sich sowohl zur Zeit seiner Einwanderung nach Kanaan als auch später (vgl. 1. Kön 16,31–33; 1. Kön 18; Jer 7,9) immer wieder von der kanaanäischen Baalsreligion abgrenzen musste. Baal war im Unterschied zu Jahwe ein Vegetationsgott, von dem man glaubte, er bringe den Regen und damit die Fruchtbarkeit des Landes, und den man – ähnlich wie heute noch in manchen Stammesreligionen üblich – durch Opfer und Rituale gnädig zu stimmen versuchte. Ein uns auf Tontafeln überlieferter Mythos aus dem 14./13. Jahrhundert v. Chr. erzählt, wie Baal in der Trockenzeit vom Gott der Unterwelt und des Todes, Mot, gefangen und getötet wird, bis die Göttin Anat, unterstützt von den Opfern der Menschen, zu Beginn der Regenzeit wiederum Mot tötet, Baal wiederbelebt und ihn aus der Unterwelt befreit.
Derartige Mythen haben in ihrer Naivität etwas Bestechendes, zumal der Kreislauf der Jahreszeiten ihre Richtigkeit Jahr für Jahr zu bestätigen scheint. Für Kleinviehnomaden, die aus der Wüste kamen und von der Fruchtbarkeit, dem Ackerbau, den Städten und Tempeln der Kanaanäer beeindruckt sein mussten, war deshalb die Versuchung groß, Baal gegenüber Jahwe den Vorzug zu geben. Das Erntedankfest war nun aber sicher genau der Zeitpunkt, an dem diese Gefahr angesichts der scheinbaren Erfolge Baals am größten war, weshalb es naheliegend sein musste, gerade an diesem Fest dem zyklischen Wirklichkeitsverständnis des Baalglaubens die Erinnerung an die geschichtlichen Taten Jahwes gegenüberzustellen.
Unterschiede zwischen Jahwe und Baal
Doch Jahwe unterschied sich von Baal nicht nur in diesem Punkt:
– Von Baal sind uns bildliche Darstellungen und Statuen erhalten, für Jahwe gilt das absolute Bilderverbot.
»Diese Tiere aber sollt ihr nicht essen: […] das Schwein. Es hat zwar durchgespaltene Klauen, käut aber nicht wieder, darum soll es euch unrein sein. Ihr Fleisch sollt ihr nicht essen, und ihr Aas sollt ihr nicht anrühren.« 5. Mose 14,7–8
– Baal gehörte zu einer ganzen Familie von Göttern, war also eine polytheistische Gottheit (Polytheismus = Vielgötterglaube; von griech. polý = »viel« und theós = »Gott«) – für Jahwe gilt der bedingungslose Monotheismus (vgl. 2. Mose 20,3) (Monotheismus = Eingottglaube; von griech. mónos = »allein, einzig« und theós = »Gott«).
– Baal war an eine bestimmte Religion, an die bäuerliche Lebenswelt Kanaans, gebunden – Jahwe hingegen ist ein Nomadengott, der in Ägypten genauso wirkt wie in der Wüste, in Kanaan oder später auch im babylonischen Exil oder irgendwo anders auf der Welt.
– Baal konnte man durch Magie und Opfer beeinflussen – Jahwe ist »der, der er sein wird«, und verbietet deshalb auch strengstens jegliche Form von Zauberei und Magie.
– Das Wildschwein war ein dem Baal heiliges Tier – in der Jahwereligion wird es für »unrein« erklärt und sein Genuss verboten.
→ „Jahwe“
Prophetischer Protest: z.B. Amos aus Thekoa
Eine große und besonders bemerkenswerte Gruppe an Schriften bilden im Alten Testament die prophetischen Bücher.47
Die meisten Propheten des Alten Testaments waren keine Schriftsteller.
• Um das Phänomen des Prophetentums in Israel richtig einzuschätzen, muss man sich zunächst vor Augen führen, dass die meisten Propheten ihre Worte – und zwar eher im Umfang einiger Bibelverse als ganzer Kapitel – in ganz konkrete Situationen hineingesprochen (vgl. z.B. 2. Sam 12,1–15) und sie nicht selbst aufgeschrieben haben. Von den älteren Propheten wie Nathan oder Elia gibt es deshalb auch gar keine eigenen Bücher. Bei den uns vorliegenden Prophetenbüchern handelt es sich um Sammlungen und Zusammenstellungen von Prophetenworten, die auf Schüler oder Hörer der jeweiligen Propheten zurückgehen. Es kann insofern auch nicht verwundern, dass sie sich – ähnlich wie z.B. Lyrik – nur mit großer Mühe fortlaufend lesen lassen.
Die Propheten des Alten Testaments waren Boten Jahwes. Sie sprachen für Jahwe vor dem Volk Israel.
• Zweitens ist es wichtig zu erwähnen, dass »Propheten« im Alten Testament zunächst einmal nichts anderes sein wollen als Boten Jahwes. Wörtlich meint das griechische Wort »Pro-phet« so viel wie »einer, der für einen anderen (nämlich Jahwe) spricht« und gleichzeitig auch »einer, der vor anderen (nämlich dem Volk Israel) spricht«. Es handelt sich also keinesfalls, wie es unser heutiger Sprachgebrauch oft nahelegt (»Bin ich denn ein Prophet?«), um Hellseher, Wahrsager oder Zukunftsdeuter (obwohl auch diese Aspekte natürlich gelegentlich mitschwingen mögen!), sondern um Menschen, die Botschaften verschiedensten Inhalts zu überbringen haben. Typisch für die prophetische Rede ist der sogenannte Botenspruch (»So spricht Jahwe …«, »Spruch Jahwes …«, mit dem in einem Zeitalter ohne technische Nachrichtenübermittlung auch weltliche Boten ihre Rede einzuleiten und zu legitimieren pflegten (also z.B. mit »So spricht der König: …« oder »Worte des Königs …«).
Die Propheten des Alten Testaments kritisierten auch die Könige schonungslos.
• Drittens aber ist es interessant, sich zu vergegenwärtigen, dass das Auftreten von Propheten in Israel aufs engste mit der ja von Anfang an umstrittenen Institution des Königtums (vgl. dazu 1. Sam 8) verknüpft war, und zwar so, dass die Propheten den Verantwortlichen im Staat Jahwes Willen mitgeteilt und in Erinnerung gerufen haben. Die zumindest für damalige Zeiten ganz ungewöhnliche Härte und Deutlichkeit, mit der die Propheten dabei die Herrschenden kritisierten (vgl. z.B. 2. Sam 12,1–15 oder 1. Kön 21,17–24), erklärt sich daraus, dass die großen Propheten des Alten Testaments nicht beamtete Priester oder Hofpropheten waren (das gab es auch: vgl. z.B. die in 1. Kön 18,19 erwähnten »450 Propheten Baals, […] die vom Tisch Isebels essen«), sondern Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund, die sich eines Tages ganz plötzlich berufen fühlten, im Namen Jahwes zu sprechen.
Amos aus Thekoa tritt im 8. Jahrhundert v. Chr. im Nordreich auf: Er entlarvt die Schattenseiten der damaligen Wohlstandsgesellschaft.
Als Beispiel sei Amos, ein Viehhirt und Feigenzüchter aus Thekoa bei Jerusalem (vgl. Am 1,1; 7,14), genannt, der im 8. Jahrhundert v. Chr. im benachbarten Nordreich Israel als Prophet auftrat.48 Das Nordreich befand sich unter der Regierung Jerobeams II. (787–747 v. Chr.), also einige Jahrzehnte vor seiner Zerstörung durch die Assyrer (722 v. Chr.), in einem Zustand relativer außenpolitischer Stabilität und erfreute sich eines beträchtlichen wirtschaftlichen Wohlstands. Von prunkvollen Häusern (vgl. Am 3,15; 5,11; 6,8) und ausschweifendem Leben (vgl. Am 6,1–6) ist die Rede. Dieser Wohlstand war allerdings – wie auch heute noch so oft – nicht gerecht verteilt, sondern zeichnete sich dadurch aus, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer wurden (vgl. z.B. Am 2,7; 4,1; 8,4).
»Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.« Mt 19,23f.
In diese Situation hinein spricht Amos eine drastische Sprache: Er beschimpft die Frauen der Reichen als »fette Kühe« (Am 4,1), wirft der Oberschicht rücksichtslose Ausbeutung, Korruption und Rechtsbeugung (vgl. z.B. Am 5,7.12; 5,12), Kornwucher (vgl. Am 8,4–6) und Schlemmerei vor und kündigt als Strafe das Gericht Jahwes an (vgl. insbesondere die großen Schreckensvisionen in den Kapiteln 7–9!). Amos macht mit seiner Botschaft auch nicht vor dem Staatsheiligtum in Bethel halt und wird schließlich vom königlichen Hofpriester Amazja außer Landes gewiesen (vgl. Am 7,10–13).
Sozialkritik und Theologie des Amos gehören untrennbar zusammen.
»Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.« Mt 7,21
Nun würde man Amos allerdings völlig missverstehen, sähe man in ihm nur und vor allem den Sozialkritiker und Bürgerschreck. Der Ansatz dieses Propheten ist theologisch, und die sozialen Missstände und Ungerechtigkeiten sind für ihn Symptome einer gestörten Beziehung zu Jahwe. »Suchet mich, so werdet ihr leben« (Am 5,4) heißt deshalb auch der einzige Ausweg, den Amos im Namen Jahwes zu zeigen vermag. Neben der Sozialkritik steht bei Amos die Kritik an der religiösen Heuchelei Israels, über die auch aufwendige Gottesdienste und Kultfeiern nicht hinwegtäuschen können: »Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen […] und an euren Speisopfern habe ich keinen Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!« (Am 5,21–23) Ein Gottesdienst, der sich nicht auch im Alltag und im sozialen Leben der Gemeinschaft auswirkt, gefällt Jahwe nicht. Seine Forderung lautet: »Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.« (Am
5,24)
Auch wenn seine Worte revolutionär klingen: Amos war ein konservativer Prophet.
Amos ist kein Neuerer oder Sozialrevolutionär, sondern im Grunde ein eher konservativer Prophet. Er will nichts anderes, als dass Israel sich seiner Verantwortung als von Jahwe erwähltes Volk wieder bewusst wird und dass es die Traditionen des alten Jahwerechts ernst nimmt. Wer die Anklagen des Amos mit der kasuistischen Gesetzgebung der Mosebücher vergleicht, wird deshalb bis in den Wortlaut hinein Entsprechungen finden.
»Macht euch die Erde untertan!«
Noch einmal 1. Mose 1
Auf den im babylonischen Exil (587–538 v. Chr.) abgefassten priesterschriftlichen Schöpfungstext (1. Mose 1,1–2,4a) wurde bereits im letzten Kapitel eingegangen. Besonders hervorgehoben werden soll in einer Reihe zentraler Texte des Alten Testaments allerdings noch einmal 1. Mose 1,26ff., wo es heißt, Gott habe den Menschen »zu seinem Bilde« erschaffen und ihm den Auftrag erteilt, »sich die Erde untertan zu machen«. Beide Formulierungen sind einerseits theologisch und geistesgeschichtlich von größter Bedeutung, können andererseits aber ohne entsprechendes Hintergrundwissen auch völlig falsch aufgefasst werden.49
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