Kitabı oxu: «Das große Schach-Allerlei»

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Satz und Gestaltung: DIE WERKSTATT Medien-Produktion GmbH, Göttingen

ISBN 978-3-7307-0268-0

InhaltVorwortGwyddbwyll oder Schach in anderen SprachenDüpiertAnderssen gegen Kieseritzky, 1851Entwickle die Bauern!Entwickle dich einseitig!Die Gesengte Sau oder Tierische EröffnungenDas ZweispringerspielPoetische EröffnungenDie vielen Seelen des SchachspielsDie dritte RochadeDie polnische RochadeDie Ohne-RochadeDie schwedische RochadeHamppe gegen Meitner, 1872HumorlosWeltmeisterlichesIm KaffeehausDas größte Schachturnier der Welt…Das erste Schachturnier.Aus der Geschichte lernenHeute und gesternDas TripleKopie oder Original?Nach klassischem VorbildDas HotelSteinitz gegen von Bardeleben, 1895SelbstbewusstKurzwarenEntzaubertGeblendetWiderlegtVerhextVerpasst!Verpatzt!Verrückt!Planlos, harmlos und arglosEin Tusch dem Unsinn!Die spannendste PartieÜbertölpeltDame oder König?Das SpringerproblemIch mache Fehler, also bin ichAuf der Bank der SpötterDavongekommen!Lang, länger, am längstenMit Geduld und SpuckeRotlevi gegen Rubinstein, 1907Marke EigenbauDas GeburtstagsgeschenkAlles ist spielbarSämisch gegen Nimzowitsch, 1923Schach ist die „Musik der Gedanken“Zwischen Konzert- und TurniersaalSchwarzweiß statt schwarzbraunSelbstaussage Robert GernhardtMeisterliche AmateureGroßes von KleinenDer Fernschach-PfarrerNicht alles nachmachen!Drei Türme604 auf einen StreichAmateur schlägt MeisterGlücksberg gegen Najdorf, 1930Bäumchen wechsle dichPolitiker beim königlichen SpielSchach mit linksDa war Castro fidelEin Dorf spielt SchachNicht ganz reellOh weh!Au weia!Das TelegrammAu Backe!Wie man Schäfer und andere Narren matt setztDamianos MattDas Matt der DilaramDas Araber-MattLucenas MattDer eiserne Käfig TamerlansDas Matt des LégalMorphys MattAnastasias MattRétis MattBodens MattN.N. – Canal, 1934Der Surrealist als RealistBildschöne ProblemeBlinde SeherSchlecht beratenSchwach besiegt StarkDas Lehrgeld zahlte sich ausTurm mehr? Remis!Dame mehr? Remis!Ungleiche Läufer? Kein Remis!Nicht zu früh!Eingestellt0:0Im BockshornUmgedrehtUm drei!SiegesserienUnverdrossenRemis — aber wie?Remis mit RadauSundin gegen Andersson, 1964/65Schach dem Mörder!Bond am Brett?Schach als OperLebendiges SchachDas größte OpferSelbstmord aus VersehenGlückspilz wird PechvogelDie dümmsten Züge der WeltOha!Oje!Eujeujeujeu!KaffeehausschachShredder gegen Rybka, 2006Maus schlägt DameMensch und MaschineMensch oder Maschine?Herr und Knecht zugleichÜberlistet!Gut vorbereitetGut nachbereitetWeltraum gegen Erde2001: eine SchachodysseePaul Schabacker / Hardy Siedler: Schach im Weltall (1994)Am grünen Brett erdachtKonrad Bayer, 1856Falsch, richtig falsch: Schlechter gegen Perlis, 1909Falsch, richtig falsch: Gibaud gegen Lazard, 1920/1924Falsch, richtig falsch: Aljechin gegen Tenner, 1911Falsch, richtig falsch: Aljechin gegen Grigorjew, 1915DamenwahlStudiere Studien!Alexej Troitzki, 1879KnalleffekteAnderssen gegen Dufresne, 1852Nichtrauchen ist schädlichKönnen Frauen Schach spielen?Schachtisch statt SchreibtischNabokov machte ProblemeDie göttliche Ca’issaEinstein am BrettFleißig gegen Schlechter, 1893Zu viel Ernst bei zu viel SpaßIn fugam vacuiLasker gegen Capablanca, 1914Sich selbst geschlagenIm RückwärtsgangDas große Lalula Christian Morgenstern„Der König ist eine starke Figur“Ihre Majestät auf ReisenEine JahrhundertpartieÜbersehenVergessenÜberlistetGlück gehabtLast Exit PattDer GeistesblitzDas verpatzte PattMehr Glück als Verstand…Nimzowitsch gegen Tarrasch, 1914Nimzoid!Von bleibendem WertBogoljubow gegen Aljechin, 1922„Spielen Sie Schach?“VerpenntDie Kunst der kleinen OpferOh nein!Die RetourkutscheNicolas Rossolimo gegen Iwan Romanenko, 1948„Schach ist ziemlich wie Tennis“Kein Ringen um den besten ZugRekord im RasenschachBagirow gegen Gufeld, 1973Orgien auf dem SchachbrettFata MorganaDas kurze OpferKasparow gegen Topalow, 1999Vater gegen SohnSchach mal andersSchach ohne SchachWei gegen Batista, 2015Welt ist ein Schachbrett Omar ChajjamStatistikenNachweiseLiteraturverzeichnisPersonenindexÜber den Autor

Vorwort


„Unter allen bekannten Spielen giebt es kaum eines, das so verbreitet, so geachtet und so geistreich zugleich wäre als das Schach“, schrieb im Jahr 1854 ein gewisser P. Andressen in seinem Buch Der kleine Schachspieler, oder: gründliche Darstellung aller Regeln dieses Spiels. Über 150 Jahre später ist an diesem Urteil nichts zu berichtigen, im Gegenteil: Inzwischen ist das königliche Spiel weltweit populär. Schätzungsweise über 500 Millionen Menschen spielen es zumindest gelegentlich und erfreuen sich an der einzigartigen Mischung aus ästhetischem Genuss, intellektuellem Reiz und Nervenkitzel, die dem Schach eigen ist.

Groß und Klein, Prominente ebenso wie Otto Normalverbraucher, Lieschen Müller nicht anders als Künstler und Wissenschaftler zieht es zu König, Dame und Bauer. Obwohl tausend Jahre alt, ist das Schach ewig jung und für Laien wie Meister ein immer neuer „Probierstein des Gehirns“ (um mit Goethe zu reden), schier unerschöpflich in seinen Möglichkeiten und von keinem anderen Brettspiel an Tiefgründigkeit und Vielseitigkeit zu übertreffen. Ja, Schach kann sogar als Symbol des menschlichen Lebens gedeutet, als Spiegel der Gesellschaft und Politik verstanden, als Sinnbild der Welt gedacht werden. Doch vor allem ist es eine Welt für sich!

Es ist eine Welt der atemberaubenden Kombinationen und haarsträubenden Fehler, der Geniestreiche und Blamagen, eine Welt der eiskalten Logik und der blauen Wunder, in der Geschichten erzählt werden von Rettung in letzter Sekunde und vom Scheitern kurz vor dem Ziel, Geschichten vom Lohn langer Arbeit und vom Unglück des Tüchtigen, von kleinen Helden auch und großen Sonderlingen. Lehrreiches und Albernes, Denkwürdiges und Bizarres bunt nebeneinander, durcheinander und in eins verwoben soll dieses Allerlei präsentieren.

In diesem Sinne: Allen Lesern viel Spaß bei der schönen Zeitverschwendung, die auf den Namen Schach hört!

ERKLÄRUNG DER ABKÜRZUNGEN UND ZEICHEN


KKönig
DDame
TTurm
LLäufer
SSpringer
BBauer (Bei der Notation von Bauernzügen wird das Kürzel weggelassen. 1. e4 heißt also: Der Bauer zieht im ersten Zug nach e4.)
a – hdie senkrechten Linien des Schachbretts (von links nach rechts, von Weiß aus gesehen)
1 – 8die waagerechten Reihen (angefangen bei der Grundreihe von Weiß)
–zieht nach (Bei der Kurznotation entfällt dieses Zeichen, weil allein das Feld angegeben wird, auf das ein Stein zieht; statt z.B. Sg1–f3 wird also nur Sf3 geschrieben. Können zwei gleiche Figuren auf dasselbe Feld ziehen, so gibt man Linie oder Reihe des Herkunftsfeldes an: Sind z.B. sowohl Tf1–f5 als auch Tc5–f5 möglich, so schreibt man je nachdem T1f5 oder Tcf5.)
xschlägt
e.p.en passant (im Vorübergehen)
+Schach
#matt
0-0kurze Rochade
0-0-0lange Rochade
!guter Zug
!!sehr guter Zug
?schwacher Zug
??grober Fehler
!?interessanter Zug
?!fragwürdiger Zug
FIDEFédération Internationale des Échecs (Weltschachbund)
N.N.Unbekannter Spieler (lat. „nomen nescio“: „Ich weiß den Namen nicht.“)

Gwyddbwyll oderSchach in anderen Sprachen

Ahedres (Tagalog), Ajedrez (Spanisch), Catur (Indonesisch), 체스 (Cheseu, Koreanisch), Chess (Englisch), チェス oder 西洋将棋 (Chesu oder Seiyō shōgi, Japanisch), Dara (Haussa), Échecs (Französisch), Escacs (Katalanisch), Ficheall (Gälisch), 國際象棋 (Guójì xiàngqí, Chinesisch), Gwyddbwyll (Walisisch), Lusus latrunculorum oder Scacchi (Lateinisch), Male (Estnisch), Šachmatai (Litauisch), Šachy (Tschechisch), Ŝah (Kroatisch), Şahmat (Aserbaidschanisch), Şah (Rumänisch), Sakk (Ungarisch), Ŝako (Esperanto), Satranç (Türkisch), Scacchi (Italienisch), Schaaken (oder Schaakspel, Niederländisch), (Schach, Serbisch), (Schachi, Ukrainisch), (Schachmat, Hebräisch), (Schachmat, Bulgarisch), (Schachmaty, Russisch), Schack (Schwedisch), (Schatrandsch, Persisch), Shah (Albanisch), Shakki (Finnisch), (Śataramja, Hindi), (Shatranj, Arabisch), Sjakk (Norwegisch), Skaak (Afrikaans), Skak (Dänisch), Skák (Isländisch), (Skáki, Griechisch), Szachy (Polnisch), (Tschatrak, Armenisch), (Tschadraki, Georgisch), Xadrez (Portugiesisch), Xake (Baskisch).

Düpiert

Eine Pleite besonderer Art erlebte der slowenische Großmeister Milan Vidmar, als er sich – es war in den 1920er Jahren – in einem Kaffeehaus in seiner Heimatstadt Ljubljana zum Zeitunglesen niedergesetzt hatte. Am Nebentisch war eine Schachpartie im Gang, doch ein Blick genügte ihm, um festzustellen, dass es sich um zwei Patzer handelte. Enttäuscht wandte er sich wieder seiner Lektüre zu, als plötzlich einer der beiden aufstand und sich verabschiedete. Der andere blickte sich um, und weil er Vidmars Interesse bemerkt hatte, fragte er ihn, ob er Schach spiele. Vidmar gab zu, mit dem Brettspiel einigermaßen vertraut zu sein. Großmütig räumte ihm sein Partner die weißen Steine ein. Vidmar beschloss, sich über den Schwachmaten lustig zu machen: Er eröffnete mit 1. e4 e5 2. Ke2 Sf6 3. Kd3 Sc6, und nach dem vollends tollkühnen 4. Kc4 provozierte Vidmar seinen Gegner zusätzlich, indem er auf den ungedeckten e-Bauern hinwies und verlautbarte, jetzt Gambit spielen zu wollen. „Die Antwort war verblüffend“, schreibt Vidmar in seinem Erinnerungsbuch Goldene Schachzeiten: „Mit einer energischen mähenden Bewegung seiner Rechten rasierte mein Gegner das Schachbrett, so dass die Figuren fast wegflogen, und erklärte mit schlecht zurückgehaltener Wut: ‚Mit einem solchen Stümper spiele ich nicht!‘“


Die Natur hat uns das Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinauswirken können noch wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, deren Wert, Bewegung und Vermögen nach und nach bekannt werden; nun ist es an uns, Züge zu tun, von denen wir uns Gewinn versprechen. Dies versucht nun ein jeder auf seine Weise und lässt sich nicht gern einreden.

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), deutscher Schriftsteller

UNSTERBLICHES

Anderssen gegen Kieseritzky, 1851

Das erste Turnier der modernen Schachgeschichte fand 1851 in London statt und sah den Breslauer Schulprofessor Adolf Anderssen als Überraschungssieger. Fortan durfte er als bester Spieler der Welt gelten. Besonders in Erinnerung geblieben ist seine Glanzpartie gegen Lionel Kieseritzky. Dabei wurde sie gar nicht in jener ersten Runde des im K.-o.-System ausgetragenen Turniers gespielt, in der Anderssen ebendiesen Kontrahenten mit 2:0 nach Gewinnpartien (bei einem Remis) aus dem Wettbewerb warf; es war eine der vielen freien Partien, die die in London versammelten Meister nebenher austrugen. Es heißt, Kieseritzky habe die Mehrzahl dieser Spiele gegen Anderssen, in denen es um nichts ging, gewonnen. Doch dieses eine verlor er mit Pauken und Trompeten. Anderssen, der die weißen Steine führte, opferte erst einen Bauern, dann einen Läufer, danach die beiden Türme und schließlich die Dame und krönte dieses Crescendo mit einem triumphalen Matt:

1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Lc4 Dh4+ 4. Kf1 b5 5. Lxb5 Sf6 6. Sf3 Dh6 7. d3 Sh5 8. Sh4 Dg5 9. Sf5 c6 10. g4 Sf6 11. Tg1! cxb5 12. h4 Dg6 13. h5 Dg5 14. Df3 Sg8 15. Lxf4 Df6 16. Sc3 Lc5 17. Sd5 Dxb2 18. Ld6 Lxg1 19. e5!! Dxa1+ 20. Ke2 Sa6 21. Sxg7+ Kd8 22. Df6+! Sxf6 23. Le7#.

„Diese Partie braucht keine Kommentare“, urteilte Ende des 19. Jahrhunderts der russische Weltmeisterkandidat Michail Tschigorin, selber ein brillanter Angriffsspieler, über diese Opfer-Symphonie. „Jeder, der sie aufmerksam studiert, wird bemerken, mit welcher Folgerichtigkeit, Harmonie und Gründlichkeit Anderssen den Angriff von Anfang bis Ende durchgeführt hat.“

Entwickle die Bauern!

In der Eröffnung schnellstmöglich die Figuren zu entwickeln, lautet ein klassisches Prinzip. Dass es anders geht, demonstrierte der US-amerikanische Altmeister Frank Marshall in einer 1940 in New York gespielten Partie gegen einen gewissen Hyman Rogosin: 1. e4 c5 2. b4 cxb4 3. a3 Sc6 4. axb4 Sf6? 5. b5 Sd4 6. c3 Se6 7. e5 Sd5 8. c4 Sdf4 9. g3 Sg6 10. f4 Sxgf4 Der Springer ist ohnehin verloren. 11. gxf4 Sxf4 12. d4 Sg6 13. h4 e6 14. h5 Lb4+ 15. Ld2 Nach 14 Bauernzügen der erste Zug einer Figur! 15. … Lxd2+ 15. Sxd2 Se7 17. Se4 Sf5 18. h6! Endlich wieder ein Bauernzug. 18. … g6 19. Sf6+ Kf8 20. Sf3 d6 21. Sg5 dxe5 22. dxe5 Dxd1+ 23. Txd1 Ke7 24. Th3 b6 25. Lg2 Tb8 26. Sgxh7 aufgegeben.

Entwickle dich einseitig!

Erst wenn die Figurenentwicklung abgeschlossen ist, soll man einen Angriff einleiten. Aber wie alle Theorie wird dieser Grundsatz gelegentlich von der Praxis korrigiert. So in der folgenden Partie, in der Weiß auf die Entwicklung seiner Königsseite pfeift und allein mit den Figuren der Damenseite eine erfolgreiche Attacke reitet. Blackburne – N. N. (Manchester 1894): 1. e4 e5 2. Sc3 Sc6 3. f4 exf4 4. d4 d5 5. Lxf4 dxe4 6. d5 Df6 7. Dd2 Sce7 8. d6 Sg6 9. Sd5 Dxb2 10. Sxc7+ Kd8 11. Td1 Tb8 12. d7!! Lb4 13. Se6+! fxe6 14. Lc7+! Kxc7 15. d8D+ Kc6 16. D8d6+ Lxd6 17. Dxd6#.

Die Gesengte Sau oderTierische Eröffnungen

Drachenvariante: Diese Variante der sizilianischen Eröffnung (1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 g6) verdankt ihren Namen dem Kiewer Schachmeister und Hobbyastronomen Fjodor Dus-Chotimirski, dem die Ähnlichkeit der Bauernstellung d6-e7-f7-g6-h7 mit dem Sternbild des Drachen aufgefallen war. Als Drachen bezeichnet man auch den für diese Eröffnung typischen fianchettierten Königsläufer, der in seiner Höhle auf g7 lauert.

Eidechsenangriff: Zu ihm kommt es, wenn Weiß nach 1. Sc3 d5 2. e4 d4 3. Sce2 e5 den Hebel f2–f4 mit den Zügen d2–d3, g2–g3 und Lf1–g2 vorbereitet.

Elefantengambit: Dieses wird im Mittelgambit im Nachzug (1. e4 e5 2. Sf3 d5 3. exd5) durch 3. … Ld6 charakterisiert.

Gebratene-Leber-Angriff: Name im Zweispringerspiel (1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Sf6) für das nach 4. Sg5 d5 5. exd5 Sxd5 mögliche Springeropfer 6. Sxf7!?. Robert „Bobby“ Fischer verwendet den Namen, englisch: „Fried Liver Attack“, in seinem Buch Meine 60 denkwürdigen Partien im Kommentar seiner Partie gegen Arthur Bisguier (New York 1963).

Geier: Die vom deutschen FIDE-Meister und Theoretiker Stefan Bücker erfundene Eröffnung 1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 Se4.

Gesengte-Sau-Verteidigung: So nennt der englische Internationale Meister William Hartston in seinem Buch Wie man beim Schach bescheißt (deutsche Ausgabe 1986) die Flankeneröffnung 1. … b6 in Verbindung mit Lc8–b7 und d7–d6.

Habichd: Die Zugfolge 1. d4 Sf6 2. Sf3 c5 3. d5 c4, von Stefan Bücker 1986 ausgetüftelt. Der von ihm vorgeschlagene Name ist eine Verkürzung von „Hab ich dich“, doch wird der Eröffnungsname auch „Habicht“ geschrieben und ins Englische mit „Hawk“ übersetzt.

Hippopotamus: Bezeichnung für den schwarzen Aufbau mit den Bauern auf b6, d6, e6 und g6, den Läufern auf b7 und g7 sowie den Springern auf d7 und e7. In der 16. Partie des WM-Kampfes 1966 zwischen Tigran Petrosjan und Boris Spasski wurde er auf höchster Ebene erprobt: 1. d4 g6 2. e4 Lg7 3. Sf3 d6 4. Le2 e6 5. c3 Sd7 6. 0-0 Se7 7. Sbd2 b6 8. a4 a6 9. Te1 Lb7. Die Partie endete im 49. Zug remis.

Igel: Ebenfalls nicht Name einer speziellen Zugfolge, sondern Bezeichnung für einen Stellungstyp. Der schwarze c-Bauer wird gegen den weißen d-Bauern getauscht, während alle anderen schwarzen Steine nicht über die sechste Reihe hinausrücken; zentral ist der schwarze e-Bauer auf e6. Auf der Gegenseite sind die auf c4 und e4 postierten Bauern typisch. Meist wird der schwarze Damenläufer nach b7 entwickelt und der Damenspringer nach d7. Ein Beispiel ist der Partieanfang 1. c4 c5 2. Sf3 Sf6 3. g3 b6 4. Lg2 Lb7 5. 0-0 e6 6. Sc3 Le7 7. d4 cxd4 8. Dxd4 d6 9. Tfd1 a6 10. Lg5 Sbd7. Wahrscheinlich war es William Hartston, der in den 1970er Jahren diesen Stellungstyp „Hedgehog“ (deutsch: „Igel“) nannte.

Ochsenfroschgambit: Das Bauernopfer 1. d4 Sf6 2. g4. Es kam 1950 (nach anderen Quellen erst 1967) in einem sowjetischen Vereinsmatch zwischen David Bronstein und Wladimir Simagin aufs Brett. Es folgte 2. … d5 3. g5 Se4 4. f3 Sd6 5. e4!? dxe4 6. fxe4 e5! 7. dxe5 Dxd1+ 8. Kxd1 Sxe4, und die beiden gut befreundeten Spieler einigten sich auf Remis. Aufgrund dieser Partie spricht man auch von „Bronstein-Gambit“. Der Ursprung der Bezeichung „Ochsenfroschgambit“ (englisch „Bullfrog Gambit“) ist unbekannt.

Orang-Utan: Als die Teilnehmer des New Yorker Turniers 1924 an einem spielfreien Tag den Zoo besuchten, erinnerten Savielly Tartakower die hurtig im Geäst turnenden Affen an den behände das Brett hinaufkletternden b-Bauern in der damals hypermodernen Eröffnung 1. b2–b4.

Tiger: Das Königsfianchetto in Verbindung mit dem Zug a7–a6, zum Beispiel: 1. e4 g6 2. d4 Lg7 3. Sc3 d6 4. Le3 a6. Seit 2005 propagiert der schwedische Großmeister Tiger Hillarp Persson diese auf nahezu alle weißen Eröffnungszüge mögliche Spielweise, die er praktischerweise auf seinen Namen getauft hat: Tiger’s Modern heißt sein damals erschienenes Buch.

Das Zweispringerspiel

Weltmeister Emanuel Lasker hielt einen Vortrag über Schacheröffnungen und wurde von einem jungen Zuhörer um einen Tipp für das Zweispringerspiel gebeten. Lasker zeigte ihm ein paar Varianten und fragte, ob ihm das weiterhelfe. Der Zuhörer schüttelte den Kopf: „Sie meinen ein ganz anderes Zweispringerspiel“, seufzte er. „Meister Walbrodt spielt ab und zu gegen mich. Immer gibt er mir zwei Springer vor, und dagegen komme ich einfach nicht an!“

Poetische Eröffnungen

Weil die Bauern aus der Anfangsstellung nur ein Feld vorrücken durften und die Figuren bis auf den Turm kurzschrittig waren, entwickelte sich im mittelalterlichen Schach das Kampfgeschehen langsam. Um die Zeit abzukürzen, bis die Partie in Fahrt kam, benutzten die arabischen Meister daher vorgegebene Ausgangsstellungen, in denen schon bis zu 20 Züge geschehen waren. Wie die Eröffnungen im modernen Schach hatten diese Tabiyen (Einzahl: Tabiya), von denen es etwa zwei Dutzend gab, Namen, darunter romantische und bildhafte, beispielsweise „Die mit Flügeln Versehene“, „Der Reichgeschmückte“, „Der Weise“, „Das Schwert“, „Der reißende Strom“.

WUSSTEN SIE SCHON …

dass die mittelalterlichen islamischen Theologen das Schachspiel widerwillig duldeten, aber schließlich als gottgefällig erklären mussten, weil es in den eroberten Regionen von Indien bis Nordafrika äußerst beliebt war? Allerdings sorgten sie dafür, dass das Bilderverbot eingehalten wurde und die Schachsteine mehr abstrakte Formen annahmen. Abgewandelt sind sie bis heute in Gebrauch.

WAS NUN?

In der Schachliteratur gilt der Grundsatz: Gute Leser sollen auch gute Löser sein! Darum werden Ihnen auch in diesem Buch kleine Aufgaben gestellt.

Soll Schwarz in nachstehender Stellung sein Glück mit 1. … Dg3 versuchen oder kann er es auf andere Weise erzwingen?

Gata Kamsky – Peter Svidler (Chanty Mansijsk 2011)

Lösung:

Schwarz brauchte kein Glück, sondern bewies großes Können: Mit 1. … Te2!! knallte er den Zug des Turniers aufs Brett. Der Hintergedanke des auf den ersten Blick sinnlosen Turmopfers: Nach 2. Dxe2 Dg3! (jetzt erst!) kann Weiß nicht mehr mit 3. Sc6 die Diagonale sperren, was nach sofort 1. … Dg3 der Fall gewesen wäre. Weiß musste 2. Dc3 ziehen und gab nach 2. … Txf2 3. Sc6 Txf1+ auf.

WUSSTEN SIE SCHON …

dass die Regel, der zufolge Bauern, die die letzte Reihe erreichen, in eine Figur umgewandelt werden, erst im 16. Jahrhundert aufgestellt wurde?

dass dieser Bauer in Spanien ausschließlich in eine Dame, in Frankreich und Deutschland nur in eine bereits geschlagene Figur umgewandelt werden konnte? War noch keine Figur aus dem Spiel genommen, musste der Bauer so lange auf der Grundreihe warten.

dass ein Spieler auf die Umwandlung verzichten und den Bauern stehen lassen konnte?

dass die heutigen Bauernumwandlungsregeln erst seit dem Londoner Turnier von 1851 gelten?

dass heutzutage in über 99,9 Prozent der Fälle der Bauer in eine Dame umgewandelt wird?

Die vielen Seelen des Schachspiels

Die Bauern sind die Seele des Schachspiels.

François-André Danican Philidor (1726–1795), französischer Komponist und Schachmeister

Schöne Kombinationen sind die Seele des Schachspiels.

Fred Reinfeld (1910–1964): The Joys of Chess, New York 1961

Die Kombination ist die Seele des Schachspiels.

Schachweltmeister Alexander Aljechin (1892–1946) zugeschrieben; wahrscheinlich stammt der Satz aber von den ungarischen Schachgrößen Géza Maróczy (1870–1951) oder Rudolf Charousek (1873–1900).

Strategie und Taktik sind die Seele des Schachspiels.

Christian Wolbert, Heilbronner Schachspieler

Das Tempo ist die Seele des Schachspiels.

Siegbert Tarrasch (1862–1934), deutscher Schachgroßmeister

Der Gegenangriff ist die Seele des Schachspiels.

Joseph Blackburne (1841–1924), englischer Schachgroßmeister

Der Abtausch ist die Seele des Schachspiels.

Georg Kieninger (1902–1975), deutscher Internationaler Meister

Der Fehler ist die Seele des Schachspiels.

Pertti Saariluoma (finnischer Kognitionswissenschaftler): Chess Players’ Thinking, London 1995

Die dritte Rochade

1972 veröffentlichte der Holländer Tim Krabbé dieses Schachproblem:


Matt in drei Zügen

Scheinbar ist die Aufgabe unlösbar. Zwar wird Schwarz nach 1. e7! sowohl im Fall von 1. … Kxf3 2. e8T! d4 3. 0-0 als auch bei 1. … gxf3 2. e8T! Kd3 3. 0-0-0 matt, aber nach 1. … Kd3/Kxf3 2. e8T! Kc2/Kg2 geht es nicht weiter. So scheint es! Doch weil die offiziellen Regeln des Weltschachbundes lediglich besagten, dass König und Turm vor der Rochade nicht gezogen haben dürfen, kann der König mit dem soeben auf e8 entstandenen Turm rochieren: 3. 0-0-0-0#!!

1971 hatten der Franzose Jean-Luc Seret und Krabbés Landsmann Max Pam die Ungenauigkeit im Regelwerk publik gemacht. Die FIDE fügte daraufhin in die amtlichen Spielregeln die Formulierung ein, König und Turm müssten „in the first rank“ stehen.

Wäre Deutsch die Amtssprache der Fédération Internationale des Échecs gewesen, hätte es die Lücke nicht gegeben und folglich auch Krabbés Drei-Rochaden-Problem nicht. Auf Deutsch lautete der fragliche Passus über die Ausführung der Rochade nämlich: „Der König verläßt sein ursprüngliches Feld, um auf derselben Reihe [Hervorhebung durch den Verf.] eines der beiden nächsten Felder gleicher Farbe zu besetzen; sodann geht der Turm, zu dem sich der König hinbewegt hat, über den König hinweg auf dasjenige Feld, das dieser soeben überschritten hat.“ Klingt bürokratisch und lässt an Genauigkeit nichts zu wünschen übrig: Es heißt „Reihe“, womit die „Linie“ ausgeschlossen ist.

Die polnische Rochade

Am 18. Februar 1956, zum „Schachfasching“, veröffentlichte Hans Klüver in seiner Schachecke in der Welt dieses Problem von Karl Arthur Leonid Kubbel, das erstmals 1910 in der Deutschen Schachzeitung abgedruckt war:


Matt in fünf Zügen

Klüver berichtet, man habe das Problem in einem Schachklub gezeigt, ohne dass jemand es habe lösen können. Immer wieder wurde Ta4–a1 versucht, doch man kam nicht weiter – bis ein Witzbold eingriff, König und Ta1 nahm und vertikal rochierte (nota bene: lange vor Krabbé!). „Alles lachte“, fährt Klüver 1956 fort, „keiner aber merkte, dass damit die Lösung eigentlich schon verraten war“ – nämlich: „1. Ta1 Ka8 Da jetzt, auch in der Faschingszeit, die Rochade nicht geht, rochiert Weiß polnisch 2. Ka4 Ka7 3. Ka3 Ka6 4. Ka2 Ka5 5. Kb1#.“

Die Ohne-Rochade

Eine interessante Frage warf vor über 150 Jahren ein Leser des britischen Chess Player Chronicle auf: „Jemand gab mir einen Turm vor und wollte dann nach der Seite rochieren, von der er den Turm entfernt hatte – ist das erlaubt?“

Die Zeitschrift bejahte das, obwohl es absurd erscheine.

Die schwedische Rochade

In einer Partie der schwedischen Jugendmeisterschaft 1980 war es zu folgender Stellung gekommen, in der Weiß angesichts dreier hängender Figuren auf Verlust stand:


Während der Weißspieler grübelte, schlenderte der Nachziehende durch den Turniersaal. Plötzlich hatte der Weiße einen Gedankenblitz: 1. 0-0-0! Und siehe da: Nach 1. … Dxc4 2. Dd8+ Kf7 3. hxg6+ hxg6 4. Txh8 Lxh8 5. Dxh8 Sxe3 6. Df6+ Kg8 7. Td8+ war es Schwarz, der aufgeben musste. Erst als beide Spieler die Partie analysierten, erkannten sie, was geschehen war – zu spät: Ein unmöglicher Zug bleibt gespielt, wenn man ihn erst nach dem Ende bemerkt. Am Partieausgang war nicht mehr zu rütteln.

UNSTERBLICHES

Hamppe gegen Meitner, 1872

Dass Remispartien langweilig sind, ist ein Vorurteil. Wie geistreich, ungewöhnlich und aufregend, kurzum: sensationell eine sein kann, illustrierten die Österreicher Carl Hamppe (Weiß) und Philipp Meitner, als sie 1872 in Wien die „Unsterbliche Remispartie“ produzierten: 1. e4 e5 2. Sc3 Lc5 3. Sa4?! Lxf2+ 4. Kxf2 Dh4+ 5. Ke3 Df4+ 6. Kd3 d5 7. Kc3 Dxe4 8. Kb3 Sa6 9. a3 Dxa4+! 10. Kxa4 Sc5+ 11. Kb4 a5+ 12. Kxc5 Se7! 13. Lb5+ Kd8 14. Lc6! b6+! 15. Kb5 Sxc6 16. Kxc6 Lb7+! 17. Kb5 La6+ 18. Kc6 Lb7+ und ewiges Schach!

Humorlos

Keinen Spaß verstand der Mann, gegen den der englische Meister Joseph Blackburne sich zu einer freien Partie bereit erklärt hatte. Der Amateur, dem Blackburne den Anzug überlassen hatte, begann mit 1. h3. „Oha“, ächzte Blackburne in gespieltem Entsetzen, „da muss ich aufgeben!“ „In Ordnung“, versetzte sein Gegner und war nicht davon abzubringen, dass er die Partie gewonnen habe.

WAS NUN?

Das schwarze Orchester steht zum finalen Einsatz bereit. Wird es einen Triumphmarsch spielen? Oder muss es ein Klagelied anstimmen, weil Tc8 und Ld5 angegriffen sind?


Bent Larsen – Ljubomir Ljubojevic (Mailand 1975)

Lösung:

Mit 1. … Dh4!! ließ Schwarz die triumphale Schlussfanfare ertönen. 2. Dxe5 Und nun der Paukenschlag: 2. … Df2!! Alle schwarzen Figuren hängen, aber das Matt ist unabwendbar. Falls 3. Txg1, so 3. … Dxg2+! 4. Txg2 Tc1+ und Matt im nächsten Zug. Weiß gab auf.

Weltmeisterliches

Zwischen 1917 und 1924 blieb José Raúl Capablanca acht Jahre ungeschlagen, darunter im WM-Wettkampf gegen Emanuel Lasker 1921. Allerdings gab es damals erheblich weniger große Turniere als heute.

Von 83 Weltmeisterschaftspartien von 1927 bis 1944 verlor die tschechisch-britische Titelträgerin Vera Menchik-Stevenson nur eine einzige, 1930 gegen die Hamburgerin Wally Henschel, die übrigens von Beruf Sängerin und Gesangslehrerin war.

Am längsten Weltmeister war Emanuel Lasker: von 1894 bis 1921 exakt 26 Jahre, elf Monate und zwei Tage. Allerdings konnte sich seinerzeit der Titelträger seinen Herausforderer selber aussuchen und Jahre bis zu einem Match verstreichen lassen. Außerdem kam während des Ersten Weltkriegs der internationale Turnierbetrieb zum Erliegen: Von 1911 bis 1920 stellte sich Lasker keinem Titelaspiranten.

Wilhelm Steinitz war mit 49 Jahren der älteste Spieler, der Weltmeister wurde. Allerdings galt er schon lange vor seinem Wettkampfsieg 1886 über Johannes Zukertort als bester Spieler der Welt, und zwar, seit er 1866 Adolf Anderssen mit 8:6 geschlagen hatte.

Garri Kasparow war mit 22 Jahren der Jüngste, der den Weltmeisterthron bestieg. Ruslan Ponomarjow war zwar ein Jahr jünger, als er 2002 FIDE-Weltmeister wurde. Nur gab es damals zwei Verbände, die Profivereinigung PCA (Professional Chess Association) und den Weltschachbund, und demzufolge zwei Titelträger – wobei derjenige der PCA als der wirkliche Weltmeister galt.

Noch jünger war die Chinesin Hou Yifan, als sie 2011 im türkischen Antakya erstmals Weltmeisterin wurde: 16! Zuvor war die Georgierin Maja Tschiburdanidse die Jüngste gewesen: Sie hatte 1978 mit 17 Jahren ihrer Landsfrau Nona Gaprindaschwili die Krone entrissen.

Hou Yifan hält auch den Rekord als jüngste Großmeisterin: Sie schaffte es 2008 mit 14 Jahren, sechs Monaten und zwei Tagen.

Den Rekord als jüngster Großmeister hält seit 2002 Sergej Karjakin: Er war damals genau zwölf Jahre und sieben Monate alt.

Im Kaffeehaus

Wilhelm Steinitz, der erste offizielle Schachweltmeister, lebte lange Zeit in London und pflegte, weil er bitterarm war, in einem Lokal um Geld zu spielen. Regelmäßig forderte ihn ein Geschäftsmann heraus, der ebenso regelmäßig verlor. Jemand riet Steinitz, den Mann auch mal gewinnen zu lassen, weil der sonst die Lust verlieren und die Geldquelle versiegen könnte. Bei der nächsten Partie stellte Steinitz seine Dame auf ein ungedecktes Feld. Nach mehreren Zügen bemerkte es sein Gegner endlich und schlug das gute Stück. Steinitz strich sofort die Segel und stellte schon die Figuren für die nächste Partie auf – indes, sein Gegner schnellte in die Höhe, schrie: „Ich habe den Weltmeister besiegt!“, rannte aus dem Kaffeehaus und ward nie mehr gesehen.

Das größte Schachturnier der Welt …

dürfte das seit 1958 ausgetragene Hamburger Alsteruferturnier sein, bei dem Schüler des rechten Alsterufers gegen Schüler des linken Alsterufers antreten. Am 24. Februar 1988 nahmen 3.616 Spieler aus 161 Schulen teil, was bis heute Weltrekord ist. Die Kinder hatten einen guten Grund, dabei mitzumachen: Sie bekamen schulfrei, um den Rekord zu ermöglichen.

Noch erheblich mehr Spieler versammelten sich am 22. Oktober 2006 auf dem Zocalo-Platz in Mexiko-Stadt, um Schach zu spielen: 13.466! Allerdings spielten sie kein Turnier, sondern freie Partien, und Großmeister, unter ihnen Ex-Weltmeister Anatoli Karpow, gaben Reihenspiele.

Das erste Schachturnier …

fand 1467 in Heidelberg statt. Die dortige Gesellschaft des „Schachzabel-spiels“ lud die Nördlinger Schachspieler zu einem Wettstreit ein, der am 21. September beginnen sollte. Den Gästen wurde freies Geleit und kostenlose Unterkunft einschließlich Verpflegung zugesichert. Jeder Spieler hatte einen Obolus von einem Gulden zu entrichten, den Siegern winkten Geld- und Ehrenpreise. Die Namen der Teilnehmer sind ebenso wenig überliefert wie die Partien.

Zehn Jahre später wurde in Nürnberg im Rahmen eines Volksfestes ein weiteres Schachturnier veranstaltet, über das nichts Näheres bekannt ist.

Bereits geschlagene Figuren während der Schach-WM

Aus der Geschichte lernen

Es gibt eine arabische Mattaufgabe (eine sogenannte Mansube) aus dem 9. Jahrhundert, die vermutlich der Schachmeister al-Adli, der stärkste Spieler jener Zeit, komponiert hatte. Auch im europäischen Mittelalter wurde sie öfter zitiert. In einem Schachbuch, das der König von Léon und Kastilien, Alfons der Weise (1221–1284), in Auftrag gegeben hatte, wird sie in der nebenstehenden Form wiedergegeben:


Mansube des al-Adli

Schwarz ist am Zug und setzt elegant mit 1. … Sa4+! 2. Txa4 Txb3+! 3. Kxb3 Td3 matt.

Jörgensen – Sörensen

Über 650 Jahre später – mithin 1.100 Jahre nach al-Adli – stand in der Partie Jörgensen – Sörensen (Stockholm 1945) Weiß mit seinem hoffnungslos abgetriebenen König scheinbar unrettbar vor dem Matt. Doch matt gesetzt wurde nicht er, sondern sein Gegner, denn es geschah:

1. Sh5+! Txh5 2. Txg6+! Kxg6 3. Te6#!

Heute und gestern

Fast wäre der aus Weißrussland stammende israelische Großmeister Boris Gelfand Weltmeister geworden. 2012 spielte er gegen Titelverteidiger Viswanathan Anand und lag nach sieben Partien in Führung. Doch in der achten tappte er mit Schwarz im 14. Zug in eine Falle: 1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. f3 c5 4. d5 d6 5. e4 Lg7 6. Se2 0-0 7. Sec3 Sh5 8. Lg5 Lf6 9. Lxf6 exf6 10. Dd2 f5 11. exf5 Lxf5 12. g4 Te8+ 13. Kd1 Lxb1 14. Txb1 Df6? 15. gxh5! Dxf3+ 16. Kc2 Dxh1 17. Df2 Gelfand gab auf: Ein bisschen früh, aber seine Dame hätte er nur mit 17. … Sc6 18. dxc6 Dxc6 retten können, und nach 19. Ld3 nebst 20. Tf1 gäbe es keine realistische Chance auf Rettung. Anand glich mit diesem Sieg aus, und auch im Wettkampf hatte er schließlich das bessere Ende für sich.

Putzig ist ein früher Vorläufer dieses Damenfangs in der Ecke, eine von Gioachino Greco in seinem Buch von 1619 mitgeteilte Partie: 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Sf3 g5 4. Lc4 g4 5. Se5 Dh4+ 6. Kf1 Sh6 7. d4 d6 8. Sd3 f3 9. g3 Dh3+? 10. Ke1 Dg2? 11. Sf2! und aus die Maus: Gegen die Drohung Lf1 steht Schwarz keine Ausrede zur Verfügung.

Das Triple

Man sollte meinen, dass es in Anbetracht von 500 Jahren moderner Schachgeschichte und der Millionen Schachpartien, die in Datenbanken gespeichert sind, unzählige Dubletten gibt. Doch die Zahl der möglichen Züge ist unermesslich: Weiß hat im Anzug 20 Möglichkeiten, mit der Antwort von Schwarz, der ebenfalls unter 20 Alternativen auswählen kann, sind bereits 400 verschiedene Stellungen erreichbar. Wenn beide Parteien den zweiten Zug ausgeführt haben, können 71.852 verschiedene Positionen auf dem Brett stehen. So geht es exponentiell weiter, bis die Zahl 169.518.829.100.544.000.000.000.000.000 erreicht ist – nach dem zehnten Zug! Zwar erfassen solche Bandwurmzahlen alle möglichen Züge und auch die schlechtesten und sinnlosesten, aber der Rest an brauchbaren ist offenbar groß genug, um Wiederholungen ganzer Partien äußerst rar zu machen.

Einige wenige Fälle gab es immerhin. Beispielsweise gelang 1933 einem deutschen Vereinsspieler namens Mentges mit Weiß eine Glanzpartie – und musste sich doch sagen lassen, dass alles schon dagewesen war und er unwissentlich die im Jahr 1900 ausgetragene Begegnung Frank Marshall – Amos Burn nachgespielt hatte (s. S. 129).

Noch Erstaunlicheres trug sich 1970 zu: ein Drilling! Zuerst war es die Partie Boris Katalymow – Woronin im Halbfinale zur sowjetischen Staatsmeisterschaft, in der Weiß schon in der Eröffnung verunglückte: Nach 1. c4 e5 2. Sc3 Sc6 3. Sf3 f5 4. d4 e4 5. Lg5 Sf6 6. d5 exf3 7. dxc6 fxg2 8. cxd7+? wurde er von 8. … Sxd7! überrascht und musste wegen Figurenverlusts die Segel streichen. Kurze Zeit später, beim Turnier in Dubna 1970, fiel Juri Rasuwajew gegen Wiktor Kupreitschik auf dieselbe Weise herein, und damit nicht genug, ging im Finale der UdSSR-Meisterschaft Wladimir Doroschkewitsch gegen Wolodymyr Tukmakow genauso baden.

Kopie oder Original?

Viele Partien ähneln sich, doch dass eine Partie genau so ein zweites Mal gespielt wird, ist – wie eben gesehen – selten geschehen. Auch Kombinationen gleichen sich, doch dass ausgerechnet eine der originellsten und schönsten sich wiederholt hat, ist merkwürdig. In der Partie Martín Ortueta – José Sanz, gespielt 1933 in Madrid, soll sich die nachstehende Stellung (Folgeseite oben) ergeben haben, in der Schwarz den Zug 31. … Txb2!! vom Stapel ließ.

Es folgte 32. Sxb2 c3 33. Txb6 Falls 33. Sd3, so c4+ 34. Txb6 cxd3! bzw. 34. Kf1 cxd3 35. Ke1 c2 36. Kd2 Le3+!. Mit dem Textzug hoffte Weiß die Kombination zu widerlegen, weil auf 33. … axb6 4. Sd3 folgt. 33. … c4!! 34. Tb4 Um 34. … c2 mit 35. Txc4 zu parieren. 34. … a5!! 35. Sxc4 oder 35. Sd3 cxd3 bzw. 35. Sa4 axb4. 35. … c2, und Weiß kapitulierte.


So weit, so wunderbar. Aber 1931, zwei Jahre zuvor, war dieselbe Kombination in einer Partie Tylkowski – Antoni Wojciechowski aufs Brett gekommen, mit dem unbedeutenden Unterschied, dass die weißen Königsflügelbauern auf f4, g2 und g3 standen und die schwarzen auf g7 und h6; der Be6 fehlte. Die polnische, in der Stadtmeisterschaft von Posen gespielte Partie (in der die Stellung schon im 30. Zug erreicht wurde) ging nach 34. Sxc4 c2 leider mit 35. Sxa5 c1D+ 36. Kh2 Dc5 37. Tb2 Dxa5 38. g4 De1 39. g3 h5 40. gxh5 Dh6 prosaisch weiter, endete erst im 55. Zug und hat insofern einen Schönheitsfleck. Ist sie das Original und die spanische Fassung eine Kopie, eine Fälschung?

Dass unklar ist, ob die spanische Partie bei der kastilischen Meisterschaft gespielt wurde (so die Überlieferung) oder nur eine Trainingspartie war (so Ortuetas spätere Aussage), kann diesen Verdacht nicht entkräften, umso weniger, als der spanische Schachschriftsteller Pablo Muran 1994 in einem Nachruf auf den kurz zuvor im Alter von 92 Jahren gestorbenen Ortueta einen Fake für das Wahrscheinlichste hielt. Merkwürdig bleibt, dass von beiden Partien die vollständige Notation erhalten ist.

Nach klassischem Vorbild

Was es mit den eben gezeigten Partien Ortueta – Sanz und Tylkowski – Wojciechowski auf sich hat, wird wohl niemals ergründet werden können. Der brillanten Kombination tut das keinen Abbruch. Ihr Prinzip ist es, dem weißen Turm unter Aufbietung aller Kräfte den Weg zum schwarzen Freibauern zu verlegen. In der nebenstehenden Partie Liviu-Dieter Nisipeanu – Fabiano Caruana (Dortmund 2015) gelang Schwarz eine Kombination, die an diesen Klassiker erinnert:


Mit 27. … a5! offerierte Schwarz die Qualität. Weiß griff mit 28. Sd4 zu und sah nach 28. … axb4! 29. Sxc6 b3! 30. Txc7 Sd6!! den Turm vor verriegelter Tür stehen. Der Bauer b3 war nicht mehr aufzuhalten. Weiß gab auf. „Das war mein Ortueta – Sanz“, sagte der stolze Sieger.

Das Hotel

Als Louis Paulsen 1870 am internationalen Turnier in Baden-Baden teilnahm, gefiel ihm sein Hotel nicht, weshalb er sich auf die Suche nach einem anderen Domizil machte. Endlich fand er etwas Passendes und rief einen Dienstmann herbei, der seinen Koffer holen sollte. Zu seinem Erstaunen zog der Mann nicht los, sondern ging einfach die Treppe hinauf – Paulsen hatte sich im selben Haus wie zuvor einlogiert, nur im Erdgeschoss statt im ersten Stock!

UNSTERBLICHES

Steinitz gegen von Bardeleben, 1895

Seit einem Jahr war Wilhelm Steinitz seinen Weltmeistertitel los. Doch dass er mit 59 Lenzen keineswegs zum alten Eisen gehörte, bewies er im Turnier zu Hastings. In der Partie gegen Curt von Bardeleben attackierte Steinitz mit jugendlicher Frische und zauberte eine geniale Kombination aufs Brett. Die Partie wurde mit dem Schönheitspreis ausgezeichnet und gilt als „Steinitz’ Unsterbliche“. Der Exweltmeister hatte Weiß:

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. c3 Sf6 5. d4 exd4 6. cxd4 Lb4+ 7. Sc3 d5 8. exd5 Sxd5 9. 0-0 Le6 10. Lg5 Le7 11. Lxd5 Lxd5 12. Sxd5 Dxd5 13. Lxe7 Sxe7 14. Te1 f6 15. De2 Dd7 16. Tac1 c6 17. d5! cxd5 18. Sd4 Kf7 19. Se6 Thc8 20. Dg4 g6 21. Sg5+! Ke8 22. Txe7+! Kf8 Auf Kxe7 käme 23. Te1+. Jetzt aber hängen alle weißen Figuren, und es droht sogar Txc1 nebst Matt. Hat sich Steinitz verrechnet? 23. Tf7+! Im Gegenteil! 23. … Kg8 24. Tg7+!! Der Turm schwebt über der siebten Reihe, ohne dass Schwarz ihn anfassen darf! 24. … Kh8 25. Txh7+ Hier stand von Bardeleben auf und verließ erschüttert den Turniersaal. Den Kiebitzen führte Steinitz den Gewinnweg vor: 25. … Kg8 26. Tg7+ Kh8 27. Dh4+! Kxg7 28. Dh7+ Kf8 29. Dh8+ Ke7 30. Dg7+ Ke8 31. Dg8+ Ke7 32. Df7+ Kd8 33. Df8+ De8 34. Sf7+ Kd7 35. Dd6#.

Selbstbewusst

Steinitz wurde vor einem Turnier gefragt, wie er seine Chancen sehe. Seine Antwort: „Ich werde das Turnier gewinnen.“ – „Warum?“ – „Weil jeder gegen Steinitz spielen muss, nur ich nicht!“

Kurzwaren

Die meisten Partien dauern um die 40 Züge, Kurzpartien haben maximal deren 25, besser 20 und weniger, Kürzestpartien höchstens zehn. Dass auch mit so wenigen Zügen brillant kombiniert werden kann, illustriert z.B. die Begegnung Russakow – Werlinski (Moskau 1947): 1. e4 e5 2. c3 Sc6 3. d4 Sf6 4. Lg5 h6 5. Lh4 g5 6. Lg3 exd4 7. e5 dxc3 8. exf6? cxb2 9. De2+ Und Weiß gewinnt? 9. … De7!! Nein, Weiß verliert: 10. fxe7 Lg7! aufgegeben.

Es geht sogar in weniger als zehn, zum Beispiel in neun. So wenige Züge brauchte der sowjetische Großmeister David Bronstein 1950 bei einer Simultanvorstellung: 1. e4 e5 2. d4 exd4 3. Dxd4 Sc6 4. Da4 Sf6 5. Sc3 d5 6. Lg5 dxe4 7. Sxe4 De7? 8. 0-0-0! Dxe4? 9. Td8+! und aus.

Neun Züge sind selbstverständlich längst nicht die Untergrenze. In nur acht Zügen wurde der Belgier Arthur Dunkelblum 1914 in Wien vom österreichisch-tschechischen Meister Richard Réti (Weiß) demontiert: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Sc3 Lc5 4. Sxe5 Sxe5 5. d4 Lxd4 6. Dxd4 Df6? 7. Sb5! Kd8 8. Dc5! und Vorhang!

Und gleich wieder Vorhang auf zum nächsten Akt im selben AchtzügerDrama, in dem ein Damenopfer den dramatischen Höhepunkt bildet. Jacques Mieses – Johannes Oehquist (Nürnberg 1895): 1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 3. Sc3 Dd8 4. d4 Sc6 5. Sf3 Lg4? 6. d5 Se5? 7. Sxe5! Lxd1 8. Lb5+ Schwarz gab auf, weil er nach 8. … c6 9. dxc6 entscheidend Material verliert. Selbst der Trick 9. … Le2!? fruchtet nicht: Nach 10. c7+! Lxb5 11. cxd8D+ und 12. Sxb5 verbleibt Weiß mit einer Mehrfigur.

Sogar nur sieben Züge dauerte die 1930 gespielte Fernpartie M. Warren – Jan Selman, in der kein Damenopfer, sondern ein Damengewinn zu bestaunen ist: 1. d4 Sf6 2. c4 e5 3. dxe5 Se4 4. a3 d6 5. exd6 Lxd6 6. g3? Sxf2! 7. Kxf2 Lxg3+! und Schluss. Das in einer Fernpartie, in der die Spieler ausreichend Zeit haben, um eine Stellung zu studieren!

Können solche geistreich herausgespielten Siebenzüger noch ästhetisch befriedigen, so ist der typische Sechszüger kein Produkt des Geistes, sondern der Geistesabwesenheit. Nichtsdestoweniger ist er in der Turnierpraxis öfter vorgekommen und selbst auf internationaler Ebene gesehen worden, siehe die Partie Paul Keres – Edward Arlamowski (Szczawno Zdrój 1950): 1. e4 c6 2. d4 d5 3. Sc3 dxe4 4. Sxe4 Sd7 5. De2 Sgf6?? 6. Sd6#.

Mit Schwarz geht es sogar einen Zug schneller: In der Fernpartie (!) Ellinger – Durrant aus dem Jahr 1944 gelang Schwarz das spiegelbildliche Matt schon im fünften Zug: 1. e4 c5 2. Se2 Sf6 3. e5 Sd5 4. c4 Sb4 5. Sbc3?? Sd3#.

Nicht ganz so plump – genau genommen wurde in den vorstehenden beiden Partien kurz und schmerzhaft der König eingestellt – verlief die fünfzügige Partie Ivan Nemet – Milorad Knežević (Jugoslawien 1972): 1. g4 d5 2. g5 e5 3. c4 dxc4 4. Sa3 Lxa3 5. bxa3?? Nur 5. Da4+ verhinderte den sofortigen Zusammenbruch. 5. … Dd4! Angesichts von 6. Tb1 De4 mit Turmverlust streckte Weiß die Waffen. Wer originell spielt, muss eben umsichtig agieren – nur allzu schnell geht es sonst schief.

Dass es noch kürzer als in fünf Zügen aus sein kann, weiß jeder Anfänger, sobald er das Schäfermatt 1. e4 e5 2. Lc4 Lc5 3. Dh5 Sf6?? 4. Dxf7# kennengelernt hat. Doch es geht auch anders, zum Beispiel so wie in der Partie Reinle – Neureiter (Murau 1922): 1. e4 e5 2. Sc3 g6 3. Sd5 Se7?? 4. Sf6# War es hier Schwarz, der im Tiefschlaf Hilfestellung leistete, so war es in N. Tchinenoff – R. Maillard (Paris 1925) der Weißspieler: 1. e4 e5 2. f4 Lc5 3. fxe5?? Dh4+ 4. Ke2? Dxe4#.

Das sind dumme Fehler, die zum Matt führen. Doch selbst in vier Zügen sind kleine Kombinationen möglich, wie in der Partie Halics – Lanz (Wien 1932), in der Schwarz mit einem Trick eine Figur einkassierte: 1. d4 Sf6 2. Sf3 c5 3. Lf4 cxd4 4. Sxd4?? e5!, und Weiß gab in Anbetracht von 5. Lxe5 Da5+ auf.

Matt in vier – das ist öfter passiert. Dass man sogar binnen drei Zügen matt sein kann, musste Weiß in der Partie Lindemann – Echtermeyer (Kiel 1893) erfahren: Nach 1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 wollte Lindemann 3. Sc3 ziehen, erwischte aber versehentlich den Damenläufer. Da der nicht ziehen konnte, lag ein irregulärer Zug vor, weshalb Schwarz zur Strafe den damaligen Regeln gemäß auf einem Königszug beharrte. Weiß musste 3. Ke2 ziehen und wurde mit 3. … De4 matt gesetzt.

Auch dieses Unglück soll sich nicht nur einmal ereignet haben. Hans Klüver berichtet in seinem 1963 erschienenen Buch Faschingsschach der Welt von einem „vor Jahrzehnten“ ausgetragenen „schottischen National-turnier“, in dem Weiß 3. Sc3 ziehen wollte, aber den Springer versehentlich nach b3 stellte und daraufhin einen Strafzug mit dem König machen musste: 3. Ke2 De4#.

Als Anekdote zur Partie Lindemann – Echtermeyer wird überliefert, Weiß habe vor seinem dritten Zug einen Kaffee bestellen wollen und, weil der Kellner nicht kam, mit dem König dreimal kräftig aufs Brett geklopft, woraufhin der Kontrahent auf einem Königszug bestanden habe. Kein Fingerfehler lag hingegen in der Partie Patrik Lyrberg – Ralf Åkesson (Stockholm 1997) vor, in der es Weiß gelang, seine Dame schnellstmöglich herzugeben: 1. d4 Sf6 2. Dd3 d5 3. Dxh7?? Txh7 und Vorhang. Ob Weiß glaubte, Räuberschach zu spielen?

Noch schneller hinter sich bringt man eine Partie, wenn man sich in zwei Zügen matt setzen lässt, und zwar mit 1. f3 (1. f4 erfüllt denselben Zweck) e5 2. g4?? Dh4# – das „sogenannte Narrenmatt“, das jedem Adepten „zu einer sehr nützlichen und darum weisen Übung dienen (soll)“, wie im 19. Jahrhundert K. J. S. Portius in seinem Katechismus der Schachspielkunst schrieb. Man darf annehmen, dass es hin und wieder auch realisiert wurde, doch aufgezeichnet und bekannt gemacht wurde bislang keine Partie mit genau diesem Zweizugmatt.

Anders verhält es sich mit noch kürzeren Partien.

Nur einen Halbzug lang war die Partie, mit der Bobby Fischer in der letzten Runde des Interzonenturniers in Palma de Mallorca 1970 einen Sieg einfuhr: Er spielte 1. c4 und hatte gewonnen, weil der Argentinier Óscar Panno nicht erschien. Fischer hatte durchgesetzt, dass die Partie erst um 19 Uhr begonnen wurde, weil er nur nach Ende des Sabbats, also am Samstag nach Sonnenuntergang, zu spielen bereit war. Mit diesem Privileg war Panno nicht einverstanden gewesen.

Keine Lust hatte auch der mehrfache georgische Meister Archil Ebralidse: Bei einer Landesmeisterschaft (es muss in den späten 1930er oder den 1940er Jahren gewesen sein) stellte er bereits nach dem ersten Zug seines Gegners, 1. e4, die Uhr ab und verduftete mit den Worten: „Heute mag ich das Gesicht meines Gegners einfach nicht sehen!“

Die allerkürzesten Partien aber sind solche, die gar nicht gespielt wurden. Dazu gehören vor allem jene, die der Weißspieler verlor, ohne einen einzigen Zug gemacht zu haben, weil er nicht rechtzeitig zu Partiebeginn anwesend war (das ist die heutige, umstrittene Regel), mehr als eine Stunde zu spät kam (so die alte Regel) oder überhaupt nicht erschien. Berühmt ist die zweite Partie im WM-Kampf 1972 zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski, die der US-Amerikaner kampflos abgab, weil er nicht antrat.

Gewinn bzw. Verlust ist bei einem Nullzüger aber nicht zwingend, schließlich ist die Grundstellung remis. Dieser Einsicht folgend, einigten sich die englischen Jungmeister Tony Miles und Stewart Reuben bei einem Turnier 1975 auf Remis, bevor sie einen Zug gemacht hatten: eine Nullpartie, die beiden einen halben Punkt einbrachte!


Vor das Endspiel haben die Götter das Mittelspiel gesetzt.

Siegbert Tarrasch (1862–1934), deutscher Schachgroßmeister

Entzaubert

Im New Yorker Turnier 1876 wurde erstmals ein Preis für die schönste Partie vergeben. Der glückliche Gewinner war der englische Meister Henry Bird, der für seine Gewinnpartie gegen den US-Amerikaner James Mason den vom Veranstalter M. Lieders gestifteten goldenen Pokal erhielt. Bird hatte Weiß und in der Tat Glück, was aber erst viel später zutage kam: 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. exd5 exd5 5.Sf3 Ld6 6. Ld3 0-0 7. 0-0 h6 8. Te1 Sc6 9. Sb5 Lb4 10. c3 La5 11. Sa3 Lg4 12. Sc2 Dd7 13. b4 Lb6 14. h3 Lh5 15. Se3 Tfe8 16. b5 Se7 17. g4 Lg6 18. Se5 Dc8 19. a4 c6 20. bxc6 bxc6 21. La3 Se4 22. Dc2 Sg5 23. Lxe7 Txe7 24. Lxg6 fxg6 25. Dxg6 Sxh3+ 26. Kh2 Sf4 27. Df5 Se6 28. Sg2 Dc7 So weit, so mehr oder weniger unspektakulär. Doch nun beginnt der Tanz.

29. a5 Einige Zeitgenossen versahen den Zug mit zwei Rufzeichen. Das ruhige 29. Df3 Tf8 30. Dg3 wäre freilich stärker gewesen. 29. … Lxa5? Schwarz glaubt dem Gegner aufs Wort, doch 29. … Lxd4! 30. cxd4 Sxd4 31. Df4 Txe5! hätte dem Weißen den Boden unter den Füßen weggezogen! 30. Txa5! Tf8! Hieb und Parade! 31. Ta6! Weiß opfert nolens volens die Dame – ob Berechnung oder bloßes Spiel auf Chance, wird niemand mehr ergründen. 31. … Txf5 32. gxf5 Sd8 33. Sf4 Dc8 34. S4g6 Te8 34. … Dxa6!? kam infrage, obwohl Weiß nach 35. Sxe7+ Kh7 36. S5g6 c5! mindestens Dauerschach mit Sg6-f8-g6+ geben kann. 35. Sxc6? Das hätte ins Auge gehen können. Richtig war 35. Txa7 Db8 36. Tea1! 35. … Dc7+? Zum zweiten Mal verpasst Schwarz den Gewinn, der diesmal zu erzielen war mit 35. … Sxc6! 36. Txe8+ Dxe8 37. Txc6 und jetzt nicht 37. … Dxc6?? 38. Se7+, sondern 37. … a5!, weil der Bauer nach 38. Tc8 Dxc8 39. Se7+ Kh7! 40. Sxc6 a4 zur Dame geht. 36. Sce5 Dxc3 37. Te3 Dd2 38. Kg2 Dxd4 39. f6!gxf6 40. Txf6 Se6 41. Tg3! Sg5 42. Sg4 Kg7 43. Sf4! De4+ 44. Kh2 Sh7 45. Sh5+ Kh8 46. Txh6 Dc2 47. Shf6 Te7 48. Kg2! d4 49. Se5 Dc8 50. Sg6+ aufgegeben.

Ende gut, alles gut! Aber noch kurz vor Schluss war es Schwarz, wie man fast 100 Jahre später herausfand, der hätte gewinnen können: Nach 42. … Se4 43. Sxh6+ Kg7 44. Sf5+ Kxf6 45. Sxd4 Sxg3 wäre es mit Weiß aus gewesen. So vergänglich ist Schönheit!

Geblendet

Als „Partie des Jahres“ ausgezeichnet wurde die Begegnung zwischen Exweltmeister Wassili Smyslow (Weiß) und Wladimir Liberson, die 1968 in der sowjetischen Mannschaftsmeisterschaft in Riga gespielt wurde. Nachdem sich die Partie zunächst in ruhigem positionellen Fahrwasser befindet, gerät sie unversehens in einen Kombinationssturm, als sich Schwarz zu einem geistreichen Befreiungsschlag entschließt und vom Exweltmeister noch geistreicher, ja genial ausgekontert wird. Beide Kontrahenten liefern sich mit rechnerischen Höchstleistungen einen mitreißenden Kampf:

1. c4 e5 2. Sc3 Sc6 3. g3 g6 4. Lg2 Lg7 5. Tb1 d6 6. b4 a6 7. e3 f5 8. Sge2 Sf6 9. d3 0-0 10. 0-0 Ld7 11. a4 Tb8 12. b5 axb5 13. axb5 Se7 14. La3 Le6 15. Db3 b6 16. d4 e4 17. d5 Lf7 18. Sd4 Dd7 19. Lb2 g5 20. Sce2 Kh8 21. Ta1 Sg6 22. f4 exf3 23. Txf3 Se7 24. Sc6 Tbe8 25. Sed4 Schwarz droht nach 26. Taf1 den f-Bauern einzubüßen. Zeit also, das Ruder herumzureißen! 25. … Sfxd5! 26. cxd5 Lxd5 Schwarz hat Verwicklungen heraufbeschworen, die für ihn günstig scheinen. Doch auf Smyslows Gegenschlag war er nicht vorbereitet!


27. Sxf5!! Ein prachtvolles Damenopfer. Nimmt Schwarz es mit 27. … Lxb3 an, so gewinnt Weiß dafür Turm und zwei Leichtfiguren mittels 28. Lxg7+ Kg8 29. Scxe7+ Txe7 30. Lxf8 Kxf8 31. Ta8+! Kf7 32. Sd4+ Kg7 33. Sxb3. 27. … Txf5 Die Alternativen sind schlechter: Auf 27. … Sxf5 folgt 28. Dxd5 Lxb2 29. Taf1 Le5 30. e4, auf 27. … Dxf5 28. Txf5 Lxb3 29. Txf8+ Txf8 30. Lxg7+ Kxg7 31. Sxe7 mit Figurengewinn. 28. Lxg7+ Kg8! Auch Schwarz zeigt sich auf der Höhe des Geschehens: Nach 28. … Kxg7? 29. Dc3+ Kg8 30. Txf5 Dxf5 31. Tf1 De6 32. Tf6 Dd7 33. Sxe7+ gewönne Weiß. Jetzt hingegen rechnet Schwarz auf Vorteil nach 29. Dc3 Lxf3 mit einer Qualität mehr im Gepäck. Sollte die weiße Kombination bloß Budenzauber sein? Die Antwort: Nein! 28. Txf5!! Lxb3 Diesmal muss Schwarz zugreifen. 30. Txg5 Sg6 31. Lh6 Weiß ist materiell im Hintertreffen, doch die Drohung h2–h4–h5 ist unparierbar. 31. … De6 32. h4! Dxe3+ 33. Kh2 Dc3 34. Tf1 Lc4 35. Tf2 De1 36. Tgf5! Lxb5 Falls 36. … Le2, so 37. Se7+! Kh8 38. Tf7 Sxe7 39. Txa7 und gewinnt. 37. Ld2! Db1 38. Ld5+ Kh8 Oder 38. … Kg7 39. Tf7+ Kh8 40. Lc3+ Se5 41. Sxe5 dxe5 42. Txc7. 39. Lc3+ Se5 40. Sxe5 dxe5 41. Txe5 aufgegeben.

Eine großartige Partie, von beiden bravourös gespielt! Oder? Nun ja … 36. Tgf5? war ein schwerer Fehler, aus dem Schwarz mit 36. … Le6 Nutzen hätte ziehen können; richtig wäre 36. Tf4 gewesen, aber auch danach steht Weiß nur etwas besser. Das brillante Opferspiel war also eher Blendwerk – mit dem prosaischen 27. Dc2! hätte Weiß sich einen klaren Vorteil sichern können.

Widerlegt

Alle Kombinationen sind inkorrekt, soll ein großer Spieler gesagt haben; womöglich war es der Meister des genialen Opfers, Michail Tal, der in einem Anfall von Sarkasmus diesen Satz prägte. Der Satz ist selbstverständlich falsch. Indes … immer mal wieder wird eine für ihre Schönheit gefeierte Kombination nach vielen Jahren entzaubert.


Beispielsweise erhielt der junge Josef Krejcik, der spätere Problemund Studienkomponist, im Wiener Turnier von 1906 den Schönheitspreis, als er gegen Adolf Schwarz den hübschen Zug 1. Lc8 abschoss und seinen Gegner nach 1. … Dxc8 2. Da7+ Kb5 3. Db6+ Kc4 4. Db4+ Kd5 5. Se7+ wegen Damenverlusts zur Aufgabe veranlasste. Erst 50 Jahre später wurde Krejcik gewahr, dass sein Gegner, statt aufzugeben, besser daran getan hätte, zu gewinnen, und zwar mit 5. … Ke4! 6. Sxc8 f3+ 7. Kf2 Lh4+ 8. Kg1 f2+ 9. Kh2 f1D 10. Sd6+ Ke5 11. Sf7+ Kf5 12. Sd6+ Kg6 13. Db7 De2+ 14. Kg1 De1+ und Matt im nächsten Zug. (Krejcik hätte mit 1. Dxb7+ Kxb7 2. Sxd4 korrekt gewinnen und sich im vierten Zug mit Sa5+ Kd5 5. Dd6+ noch ins ewige Schach retten können.)

Verhext

Apropos Michail Tal. Die Kombination, mit der er den ungarischen Großmeister István Bilek im Moskauer Turnier 1967 besiegte, wurde als schönste des Turniers ausgezeichnet. Die Partie, in der der Exweltmeister Schwarz hatte, nahm folgenden Verlauf: 1. Sf3 Sf6 2. g3 b5 3. Lg2 Lb7 4. 0-0 e6 5. d3 d5 6. Sbd2 Le7 7. e4 0-0 8. De2 c5 9. Te1 Sc6 10. c3 a5 11. exd5 exd5 12. d4 Db6 13. dxc5 Lxc5 14. Sb3 Tfe8 15. Dc2 d4 16. Df5 Txe1+ 17. Sxe1 Te8 18. Sf3 Ld6 19. Lg5 Se4 20. Te1, und jetzt begann Tal zu hexen: 20. … Se7 21. Lxe7 g6 22. Dh3 dxc3 23. Txe4 cxb2 24. Te1 Txe7 25. Tb1 a4 26. Sbd4 Lxf3 27. Sxf3 Te2 28. Tf1 Txf2 29. Dc8+ Kg7 30. Dc3+ f6 aufgegeben. Hätte Bilek sich nicht verhexen lassen, hätte er, statt zu verlieren, mit dem naheliegenden Damenopfer 21. Txe4! Sxf5 22. Txe8+ Lf8 23. Se5 gewonnen!

Verpasst!

An Großmeister Lothar Schmid erinnert man sich heute vor allem dann, wenn an das schachlich aufregende und politisch brisante Match zwischen Weltmeister Boris Spasski aus der Sowjetunion und seinem exzentrischen Herausforderer Bobby Fischer aus den USA in Reykjavik 1972 erinnert wird, das der Deutsche als Schiedsrichter mit diplomatischem Geschick erfolgreich über die Bühne brachte. In den Hintergrund gerückt ist, dass Schmid in den 1950er und 1960er Jahren in Westdeutschland die Nummer zwei hinter Wolfgang Unzicker war und im Weltschach eine größere Rolle hätte spielen können, wenn er sein Geld als Berufsschachspieler und nicht lieber als Verleger des Bamberger Karl-May-Verlags verdient hätte.

Zwar konnte er als Amateur am Schachbrett eine Reihe großer Erfolge feiern und hätte sich sogar für immer ins Gedächtnis der Schachwelt einschreiben können – doch just diese einmalige Gelegenheit verpasste er! In der Partie Lothar Schmid – Rudolf Muth (Bamberg 1950) zog er nach 1. c4 e5 2. Sc3 Sf6 3. Sf3 Sc6 4. e4 Lc5 5. Sxe5 Sxe5 6. d4 Ld6 7. c5! Lxc5 8. dxe5 Sg8 9. Dg4 Kf8 10. Dg3 d6 11. Lg5 De8 12. exd6 Lxd6 13. Lf4 Lb4 14. 0-0-0 Lxc3 15. Dxc3 Le6 16. Le2 Se7 17. Td2 f6 18. Thd1 Da4 19. Lh5 Sc6 prosaisch 20. Lxc7 und gewann nach 20. … Dxe4 21. b3 Df5 22. g4 De4 23. f3 Weil nach 23. … Db4 24. Ld6+ die Dame futsch ist, gab Schwarz auf.


Dabei hätte Schmid in der Diagrammstellung eine Zwickmühle aufbauen können! Und zwar mittels 20. Td7! Lxd7 (20. … Dxa2 21. Lh6 wäre banal) 21. Txd7 Dxa2 und jetzt 22. Dxf6+!! gxf6 23. Lh6+ Kg8 24. Tg7+ Kf8 25. Txc7+ Kg8 26. Tg7+ Kf8 27. Txb7+ Kg8 28. Tg7+ Kf8 29. Txa7+ Kg8 30. Lf7+! Diesen Zug hatte Lothar Schmid in der Vorausberechnung übersehen und deshalb auf die Kombination verzichtet. Nach 30. … Dxf7 31. Txa8+ De8 32. Txe8+ gewönne Weiß den Turm h8.

Nun ja, auch damit schrieb sich Schmid ins Gedächtnis der Schachwelt ein …

Verpatzt!

Niemand ist vollkommen, nicht einmal der Schachspieler. Ungenauigkeiten, Fehler und verpasste Gelegenheiten pflastern seinen Weg.

Mit 1. Sf6! stellte Kretschmar die Weichen auf Sieg – und wurde von 1. … Te1! auf dem falschen Fuß erwischt. Plötzlich drohte ihm 2. … Lg1+ 3. Kh1 Lf2+ 4. Kh2 Lg3+. Also wollte er auf Nummer sicher gehen mit 2. h4? – und war nach 2. … Th1+! 3. Kxh1 Db1+ 4. Kh2 Dg1+ 5. Kh3 Dh1 unversehens matt. Hätte er kühlen Kopf bewahrt, hätte er vielleicht das sensationelle 2. Dc5!! gefunden und gewonnen.


Kretschmar – Laue (Erfurt 1951)

Verrückt!

Zugegeben: Viele Schachpartien sind langweilig. Einige sind interessant. Wenige sind aufregend. Und Partien, die man vor Staunen mit offenem Mund verfolgt, sind selten.

Auch die Partie Viktor Komliakov – Liviu-Dieter Nisipeanu (Bukarest 1995) schien lange Zeit nichts wirklich Besonderes zu sein. Doch als Schwarz 1. … Ta2! zog, war das der Auftakt zu einem verrückten Finale. 2. Ld2 Lf1! Falls jetzt 3. Dxf1, so Txd2! 3. Sf5! Tg2 Warum einfach, wenn’s kompliziert geht! 3. … Lg2+ 4. Kg1 Lxf3+ 5. Sg3 Lxd1 hätte forciert gewonnen. Zum Glück für den Nachspielenden wähnt Schwarz, noch Besseres gefunden zu haben.


Aber der Turmzug ist mitnichten der Keulenschlag, der Weiß zur sofortigen Aufgabe zwingt! 4. Lf4!! Taxf2? Und schon findet Schwarz was Schlechteres! 4. … Txh2+ 5. Lxh2 Txf2 6. Td7+ Kg6 7. Tg7+ Kf6 8. Tf7+ Kxe6 9. Te7+ Kf6 ergäbe Gewinnstellung. 5. Td7+ Tg7!!? Was für ein Zug! Aber nur so kann Schwarz noch auf Sieg spielen: 5. … Kg8 6. Td8+ Kh7 7. Td7+ Kg8 8. Td8+ ist bloß Remis; und 5. … Kg6? endet sogar im Orkus: 6. Tg7+ Kf6 7. Tf7+ Kxe6 8. Te7+ Kf6 9. Le5+ Kg6 10. Tg7#. 6. Txg7+ Kh8 Nun brennt es bei Weiß lichterloh: Es drohen sowohl 7. … Lg2+ 8. Kg1 Tf1# als auch 7. … Dxf3+ 8. Kg1 Tg2+.

Doch Weiß hat eine Überraschung vorbereitet! 7. Le5! Plötzlich ist es Schwarz, dem das Licht ausgeblasen zu werden droht: Weiß plant 8. Tf7+ Kg8 9. Sh6 matt, zugleich deckt er den wunden Punkt g2 mittels eines Abzugsschachs seines Tg7. 7. … Txh2+? Das liegt auf der Hand – und verliert. Mit 7. … Dxf3+ 8. Kg1 Dxe4 9. Tg5+ Kh7 10. Tg7+ Kh8 11. Tg5+ Kh7 12. Tg7+ und Dauerschach konnte und musste Schwarz im Remishafen anlanden. 8. Kg1 Th1+ 9. Kf2 Th2+ 10. Tg2+! – und weil nach 11. Txh2 auch seine Dame futsch ist, gab Schwarz auf.

Planlos, harmlos und arglos

Einen schlechten Plan zu haben, ist besser, als gar keinen zu haben. Im ersten Fall kann man den Gegner durchaus aufs Kreuz legen, im zweiten aber ist man ihm ausgeliefert wie der (namentlich nicht bekannte) Schwarzspieler in der folgenden Partie.

Albert Whiting Fox – N. N. (Antwerpen 1901): 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. 0-0 Sxe4 5. Te1 Sd6 6. Sxe5 Le7 7. Lf1 0-0 8. d4 Sf5 9. c3 d5 10. Dd3 Te8 11. f4 Sd6 12. Te3 Sa5 13. Sd2 Sf5 14. Th3 Sh4 Dieses Rumgehopse kommt nur Weiß entgegen. 15. g4 Sg6 16. Th5 Sc6 Das harmlose Spiel seines Gegners veranlasst Weiß, ihm einen Köder anzubieten (links):


17. Sdc4! dxc4? Arglos schlägt Schwarz zu und fällt einer prächtigen Kombination zum Opfer. 17. … Lf8 war geboten. 18. Dxg6!! hxg6 19. Sxg6! fxg6 20. Lxc4+ aufgegeben, denn das Matt steht bevor.


Ein vernünftiger Plan macht uns alle zu Helden, das Fehlen eines Planes zu kleinlichen Stümpern.

Emanuel Lasker (1868–1941), deutscher Schachweltmeister

WAS NUN?

Weiß steht besser, doch wie kommt er an den gegnerischen König heran?


Jacques Mieses – James Mason (Monte Carlo 1901)

Lösung:

1. De1!! „Ein problemartiges, höchst pikantes Manöver”, lobt sich Mieses selbst in seinem Buch der Schachmeisterpartien. Dritter Teil von 1906. Weiß droht vorderhand 2. De7. 1. … Dg4 2. Td1 Tbe8 3. Dh1! Das war die verborgene Absicht. Die Dame pirscht sich über h2 an den König. 3. … Kd8 4. Dh2 bxc5 5. Dd6! De6 6. Dxc5 Lc8 7. Lxc8! Dxc8 Falls Kxe8, so 8. Tb1. 8. Txf6 Te6 9. Tf7 Ke8 10. Dxa7 Tf8 11. Tb7 aufgegeben. Die Partie erhielt den ersten Schönheitspreis.

Ein Tusch dem Unsinn!

Sensationell und rätselhaft war es, was sich 2014 bei einem internationalen Open in Bilbao ereignete. In der vierten Runde saßen sich Sergio Cacho Reigadas und Alexander Morosewitsch gegenüber und spielten eine Partie, wie sie die Welt kaum jemals gesehen hatte. Dies waren die Züge, die im Internet live mitgeteilt wurden: 1. d4 Sf6 2. Lf4 g6 3. e3 Lg7 4. Sf3 d6 5. Le2 0-0 6. 0-0 Sfd7 7. h3 b6 8. a4 a5 9. Sbd2 Lb7 10. c3 e6 11. Lh2 De7 12. Sc4 f5 13. Sfd2 So weit ist alles stinknormal. Doch jetzt dreht Schwarz durch! 13. … Lf3! 14. Lxf3 g5! 15. e4! Nur so! 15. Lxa8 wäre zu banal. 15. … f4 16. De2 c5 17. dxc5 bxc5 18. Dd3 h5 19. Sb3 Df6 20. Tad1 Df7 21. De2 d5 22. Kh1! h4 23. Lg1 Sf6 24. Lh5! Das geht erst jetzt, nachdem Schwarz den Springer nach f6 gezogen hat. 24. … Sxh5 25. Dc2 Dg6 26. De2 Lf6 27. exd5 Nanu? Weiß nimmt den Bauern, der den Springer bedroht? 27. … Kg7 28. Dxe6 Df7 29. De8! Le7 30. Tde1 Lf6 31. Te2 g4 32. hxg4 Le7 33. Tc2 Ld8 34. Td1 remis. Schade! Man hätte gern gesehen, wie die Partie weitergegangen wäre.

In Wahrheit verlief die Partie ganz anders und endete nach 22 belanglosen Zügen mit der Punketeilung. Irgendetwas muss ab dem 12. Zug bei der Übermittlung schiefgegangen sein. Die echte Partie verlief so: 1. d4 Sf6 2. Lf4 g6 3. e3 Lg7 4. Sf3 d6 5. Le2 0-0 6. 0-0 Sbd7 7. h3 b6 8. a4 a5 9. Sbd2 Lb7 10. c3 e6 11. Lh2 De7 12. Sc4 Se4 13. Sfd2 Sxd2 14. Sxd2 f5 15. Lf3 Lxf3 16. Dxf3 g5 17. e4 f4 18. De2 e5 19. Dd3 h5 20. f3 Df6 21. Sb3 Tac8 22. Db5 remis.

Nach dieser Partie würde allerdings kein Hahn krähen. Ein Tusch dem Unsinn und dem unbekannten Webmaster!

Die spannendste Partie

Als der Hamburger Schachmeister Paul Krüger Anfang der 1920er Jahre an einem kleinen auswärtigen Turnier teilnahm, wurde er vom Reporter der Lokalzeitung interviewt. Weil der Mann aber keinen blassen Dunst vom Schach hatte, beschloss Krüger, ihm einen Bären aufzubinden, so dass am nächsten Tag in dem Blatt zu lesen war: „Die spannendste Partie der gestrigen Runde lieferte der Hamburger Paul Krüger. Sein Gegner hatte den Anzug und eröffnete diesmal mit den schwarzen Steinen. Krüger erwiderte mit der gefürchteten Königstigervariante des Damenspiels, und es gelang ihm, frühzeitig seinen König nach vorn zu bringen. In einer Serie kraftvoller Züge griff der weiße König die schwarze Dame an, jagte sie über das Brett und lockte sie schließlich in eine tödliche Falle.“

Übertölpelt

Von einem Witzbold namens Baratz soll das folgende Problem stammen, der damit im legendären Pariser Schach-„Café de la Régence“ einen ebenso enthusiastischen wie dummen Anhänger des königlichen Spiels hopsnahm. Die Forderung lautet: Weiß setzt in zwei Zügen matt!


Natürlich fand der Schwachspieler die Lösung nicht. Baratz führte sie ihm schließlich vor: 1. Th8!! Nun folgt auf 1. … Ke8 2. Ke6#, auf 1. … Kd8 2. Kd6# und auf 1. … Kf8 2. Kf6# „Prachtvoll, wirklich prachtvoll“, soll der Genasführte gemurmelt haben.

Dame oder König?

Dame und König beim hastigen Aufstellen der Figuren zu vertauschen – das kommt vor. Manchmal passiert das sogar während der Partie … Zu einem solchen grotesken Versehen kam es auf der Londoner Schacholympiade 1927 in der Partie zwischen Luis Argentino Palau (Argentinien) und Sadi Kalabar (Jugoslawien): Nach 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 Lb4+ 4. Ld2 verwechselte Schwarz Dame und König, zog 4. … Ke7 und schlug auf 5. Lxb4+ mit dem König wieder: 5. … Kxb4 Als Palau jetzt seinen Gegner auf den Irrtum hinwies, gab Kalabar entgeistert auf. Großmeister Richard Réti, der gekiebitzt hatte, rügte Palau: Er hätte sich nichts anmerken und mit 6. Db3+ Ka5 7. Db5 matt setzen sollen!

Das Springerproblem

Emanuel Lasker wurde in einem Kaffeehaus von einem fremden Mann erkannt und zu einer Partie aufgefordert. Nach den Zügen 1. e4 e5 geriet der Mann sehr lange ins Grübeln. Endlich fragte ihn Lasker: „Sie überlegen wohl, ob Sie gegen mich das Königsgambit wagen wollen?“ „Nein, ich überlege, wie diese verdammten Springer noch mal ziehen!“

Ich mache Fehler, also bin ich

Eine schillernde Gestalt war Großmeister Savielly (Xaver) Tartakower. 1887 als Sohn einer deutsch-österreichischen Mutter und eines polnischen Vaters im russischen Rostow am Don geboren, studierte er Jura in Genf, promovierte in Wien, übersiedelte nach dem Ersten Weltkrieg nach Paris, wo er die französische Staatsbürgerschaft annahm, und vertrat auf den Schacholympiaden die Farben Polens. Während der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg kämpfte er in der Résistance.

In vielen Sprachen zu Hause, verfasste Tartakower Gedichte auf Russisch, Deutsch und Französisch, gab eine Anthologie der modernen deutschen Poesie heraus und schrieb für rund 30 Schachzeitschriften. Vor allem in den 1920er Jahren feierte er große internationale Erfolge; noch 1955, ein Jahr vor seinem Tod, gewann er ein Turnier in Paris. Er prägte mit seinem 1925 erschienenen Buch über Die hypermoderne Schachpartie den Namen für die junge Stilrichtung, die die Schachneuerer um Richard Réti und Aaron Nimzowitsch entwickelt hatten, gab der Eröffnung 1. b2–b4 den Namen „Orang-Utan“, weil der Bauer das Brett hinaufklettert wie der Affe den Baum, und erfand beim Turnier in Barcelona 1929 auf ausdrücklichen Wunsch der Veranstalter eine neue, den Namen der Provinz tragende Eröffnung, indem er 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. g3 spielte, womit „Katalanisch“ geboren war. Honoriert wurde diese Kreation mit 150 Peseten. Vielleicht setzte Tartakower sie alsbald am Roulettetisch ein, denn das Glücksspiel war seine zweite Leidenschaft: Bei Turnieren gewonnene Geldpreise verjubelte er oft im Spielkasino.

Privat war der Jude Tartakower, dessen Eltern bei einem Pogrom ermordet worden waren, als er zwölf Jahre alt war, von tiefem Pessimismus erfüllt und ein Einzelgänger. Ein Individualist war er auch am Brett und als Schachschriftsteller: Er hielt nichts von Schablonen, spielte eigenwillig und kombinationsreich und fand für seine Partiekommentare unorthodoxe Formulierungen. Viele dieser „Tartakowerismen“ wurden zu geflügelten Worten, zum Beispiel:

„Der Taktiker muss wissen, was er zu tun hat, wenn es etwas zu tun gibt; der Stratege muss wissen, was er zu tun hat, wenn es nichts zu tun gibt.“

„Die Drohung ist stärker als ihre Ausführung.“

„Die Fehler sind da, sie brauchen nur gemacht zu werden.“

„Es ist immer besser, die Steine des Gegners zu opfern.“

„Ich mache Fehler, also bin ich.“

„Nur ein wirklich starker Spieler weiß, wie schwach er spielt.“

„Der vorletzte Fehler gewinnt.“

„Jeder Schachspieler sollte ein Hobby haben.“

Auf der Bank der Spötter

Der englische Meister Frederick Yates war dafür berüchtigt, dass er selbst in Verluststellung hartnäckig weiterspielte. Auch als er in einem Turnier 1927 gegen Großmeister Savielly Tartakower die Dame gegen einen Turm eingebüßt hatte, steckte er nicht auf. Endlich riss Tartakower der Geduldsfaden! Er beschloss, sich einen Jux zu machen, und spielte in der Diagrammstellung nicht einfach 1. … Dd3+ oder 1. … axb3, sondern … tolldreist 1. … Dxb4, um nach 2. axb4 axb3 3. Kb2 Kc4 4. Ka3 b2! nebst 5. Kxb2 Kxb4 elegant zu gewinnen. Doch Yates konterte kaltblütig 5. Ka2! – woraufhin Tartakower der Belämmerte war: Entweder nimmt nach 5 … Kxb4 6. Kxb2 der weiße König die Opposition ein, oder Weiß ist nach 5. … Kc3 6. Kb1 Kb3 patt. Tartakower musste ins Remis einwilligen und hatte sich selbst zum Gespött gemacht!



Pakete gibt man auf, keine Partien.

Paul Keres (1916–1975), estnisch-sowjetischer Großmeister

Davongekommen!

„Nichts ist schwerer, als eine gewonnene Partie auch zu gewinnen.“ An dieses vom rumänischen Schachmeister Adolf Albin geprägte Bonmot durfte sich der mit Schwarz spielende Großmeister Gata Kamsky aus den USA erinnert fühlen, als er 2009 beim Grand-Prix-Turnier im armenischen Jermuk nach schier unendlichem Ringen seinen Gegner Wassyl Iwantschuk schließlich im 113. Zug am Boden hatte:

1. Sf3 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 d5 4. cxd5 Sxd5 5. Db3 Sb6 6. d4 Lg7 7. Lf4 Le6 8. Da3 Sc6 9. e3 a5 10. Le2 Sb4 11. 0-0 c6 12. Sg5 Ld5 13. Tfc1 h6 14. Sge4 Sc4 15. Sxd5 Sxa3 16. Sc7+ Kf8 17. bxa3 Sd5 18. Sxd5 cxd5 19. Sc5 b6 20. Lc7 De8 21. Lxb6 Kg8 22. Tab1 e5 23. dxe5 Dxe5 24. Lf3 Kh7 25. Td1 De7 26. Lxd5 Tab8 27. Sa4 Dxa3 28. Lb3 Thc8 29. Lxa5 Ta8 30. Sb6 Dxa5 31. Sxa8 Txa8 32. Lxf7 Df5 33. Lb3 Tf8 34. Tf1 h5 35. Tbd1 Le5 36. Td5 De4 37. h3 Kh6 38. Tfd1 g5 39. T5d2 Lb8 40. Tc2 g4 41. hxg4 hxg4 42. g3 Df3 43. Td5 Tf6 44. Kh2 Ld6 45. Tcd2 Lb4 46. Ld1 De4 47. T5d4 Db1 48. Tc2 La5 49. Kg2 Lb6 50. Td3 Db5 51. Tcd2 Db4 52. Kg1 La5 53. Tc2 Db5 54. Td4 Lb6 55. Tdc4 Db1 56. Tc1 Dxa2 57. T1c2 Da5 58. Tc6 Txc6 59. Txc6+ Kg5 60. Te6 Lc7 61. Le2 Da2 62. Te7 Lxg3 63. Tg7+ Kf6 64. Txg4 Le5 65. Lf3 Db1+ 66. Kg2 Dh7 67. Kf1 Dh3+ 68. Ke2 Ke7 69. Te4 Df5 70. Kf1 Kd6 71. Kg2 Dh7 72. Tc4 Dh2+ 73. Kf1 Dh3+ 74. Ke2 Dh7 75. Tc6+ Kd7 76. Tc5 Db1 77. Td5+ Ke6 78. Td3 Kf5 79. Td5 Ke6 80. Tc5 Ld6 81. Td5 Da1 82. Le4 Da6+ 83. Td3 Lb4 84. Kf3 Da1 85. Kg2 Le1 86. Kf1 Lc3+ 87. Kg2 Db2 88. Td1 Ke5 89. Kf3 Ld2 90. Tb1 Da2 91. Tb5+ Kd6 92. Tb6+ Kc5 93. Tc6+ Kb5 94. Tc2 Df7+ 95. Kg2 Lc3 96. Tc1 Dg7+ 97. Kf3 Df6+ 98. Kg2 Dg5+ 99. Kf1 Kc4 100. Lf3 Df5 101. Kg2 Dg5+ 102. Kf1 Kd3 103. Le2+ Kd2 104. Td1+ Kc2 105. Td7 Dh6 106. Ld3+ Kc1 107. Th7 De6 108. Le2 Kd2 109. Th4 Df5 110. Lc4 Lf6 111. Tf4 Dh3+ 112. Kg1 Le5, und nach 113. Lf1 Dh7 (s. Diagramm) stand Iwantschuk vor der Alternative Turmverlust oder Matt. Sollte er aufgeben?


Nein! Iwantschuk zog 114. Td4+ und machte Remis, weil 50 Züge lang kein Bauer gezogen oder ein Stein geschlagen worden war!

Lang, länger, am längsten

Viel Zeit brauchte Viktor Kortschnoi 1971 in der vierten Partie seines Viertelfinalmatchs im Kandidatenturnier gegen Efim Geller, um auf dessen im 20. Zug gebrachte Neuerung zu reagieren. „An seiner Antwort überlegte der Leningrader 95 (!) Minuten, wohl ein Weltrekord“, hieß es in der Deutschen Schachzeitung. Das war allerdings ein Irrtum, weil der Dresdner Wolfgang Uhlmann vier Jahre zuvor noch länger gebraucht hatte, beim Großmeisterturnier in Moskau 1967. Michail Tal berichtet: „In irgendeiner Partie dachte der Großmeister aus der DDR so lange nach, dass mein Kollege Gipslis, der nach Beendigung seiner Begegnung in den ‚Barbier von Sevilla‘ ging und ob der Aufführung enttäuscht nach dem ersten Akt wieder im Turniersaal auftauchte, zu seiner Verwunderung feststellte, dass Wolfgang immer noch über denselben Zug nachdachte. Er grübelte eine Stunde und vierzig Minuten! Ich hätte es für einen dummen Scherz gehalten, wenn mir in diesem Moment jemand gesagt hätte, dass Uhlmann diesen Rekord in unserer folgenden Partie brechen würde. Doch genau dies trat ein: Uhlmann dachte eine Stunde und fünfzig Minuten an einem einzigen Zug nach!!“

Inzwischen steht der Weltrekord bei 140 Minuten: So lange brauchte Francisco Torres 1980 in Vigo (Spanien) gegen Luis Santos für seinen siebten (!) Zug.

Noch mehr Zeit konnten sich Spieler nehmen, als es weder Schachuhren noch Bedenkzeitregelungen gab. Beim (inoffiziellen) Weltmeisterschaftskampf zwischen Louis-Charles Mahé de La Bourdonnais und Alexander McDonell im Jahr 1834 kam es vor, dass beide Spieler grübelnd am Brett einschliefen. Den inoffiziellen Weltrekord stellte 25 Jahre später der in die USA ausgewanderte deutsche Schachmeister Louis Paulsen auf: In einer Partie gegen Paul Morphy brütete er elf Stunden über einen Zug.

Die längste je gespielte Turnierpartie kam 1989 bei einem Turnier in Belgrad zwischen Ivan Nikolić und Goran Arsovic zustande und dauerte 269 Züge, wofür 20 Stunden und 15 Minuten draufgingen. Ergebnis der Mühen: Remis. Sogar 300 Züge in nur 15 Stunden geschahen in der Partie Thomas Ristoja – Jan-Michael Nykopp bei der Offenen Finnischen Meisterschaft 1971. (Die zum Beweis notwendigen Züge sind jedoch nicht überliefert.)

Die längste gewonnene Partie dauerte 193 Züge und wurde zwischen Yedael Stepak und Yaakov Mashian in der israelischen Meisterschaft 1980 in Tel Aviv gespielt. Weiß gewann nach über 24 Stunden Spielzeit.

Die längste Seeschlange unter Spielern der Weltspitze fabrizierten Alexej Schirow und Magnus Carlsen 2010 in Bilbao: Bis zum Remisschluss brauchten sie 174 Züge. Nur wenig kürzer war 2015, ebenfalls in Bilbao, die Partie zwischen dem Chinesen Ding Liren und dem Niederländer Anish Giri. Sie dauerte 172 Züge und endete nach großem Kampf ebenfalls remis. Beide Kämpen wurden vom Publikum mit donnerndem Applaus verabschiedet und mussten auf Bahren hinausgetragen werden.

Theoretisch kann eine Schachpartie 5.949 Züge dauern. Ohne die 50-Züge-Regel (der zufolge eine Partie remis ist, wenn so lange kein Bauer gezogen oder ein Stein geschlagen wurde) könnte sie endlos währen.


Anstatt mit Buddy auszugehen, blieb ich zu Hause und spielte eine Partie Schach mit meinem Bruder, der, wie immer, gewann. Ich bin nie eine gute Schachspielerin gewesen: Ich konnte das stumme Warten nicht leiden.

Margaret Atwood (*1939): „Hurrikan Hazel“, in: Der Salzgarten (1994).

Mit Geduld und Spucke

Dass ein Weltmeister in Sachen Strategie und Taktik Herausragendes leisten muss, versteht sich. Der seit 2014 amtierende Magnus Carlsen macht keine Ausnahme. Was ihn außerdem auszeichnet, ist sein vielseitiges Eröffnungsrepertoire und zugleich die Fähigkeit, schnell die ausgetretenen Pfade der Theorie zu verlassen; was ihn zusätzlich charakterisiert, sind sein unbeugsamer Siegeswille und seine grenzenlose Geduld. Selbst in scheinbar toten Stellungen lässt er nicht locker. Das musste der aserbaidschanische Großmeister Teimour Radjabov im März 2013 beim Kandidatenturner in London leidvoll erfahren. Carlsen musste mit Schwarz unbedingt gewinnen, um die Chance auf den Turniersieg zu wahren und Weltmeister Anand herausfordern zu können:

1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Dc2 d6 5. Sf3 Sbd7 6. g3 0-0 7. Lg2 e5 8. 0-0 c6 9. Td1 Te8 10. dxe5 dxe5 11. a3 Lxc3 12. Dxc3 De7 13. b4 Sb6 14. Le3 Sg4 15. Sd2 f5 16. h3 Sxe3 17. Dxe3 e4 18. Tac1 Le6 19. Dc3 Tad8 20. Lf1 c5 21. bxc5 Sa4 22. Db4 Sxc5 23. Sb3 Txd1 24. Txd1 Sa6 25. Dxe7 Txe7 26. e3 Kf7 27. Le2 b6 28. Td8 Sc5 29. Sd4 Kf6 30. Kf1 Td7 31. Tf8+ Lf7 32. Ke1 g6 33. h4 h6 34. Tc8 Le6 35. Tf8+ Tf7 36. Th8 Tc7 37. Sb5 Td7 38. Sd4 h5 39. Tf8+ Lf7 40. Tc8 Ke5 41. Ta8 a6 42. Tc8 Td6 43. Sc6+ Kf6 44. Sd4 Le6 45. Tf8+ Ke7 46. Ta8 Td7 47. Tb8 Tb7 48. Txb7+ Sxb7 49. Kd2 Kd6 50. Kc3 Lf7 51. Sb3 Ke5 52. Lf1 a5 53. Le2 Le6 54. Lf1 Ld7 55. Le2 La4 56. Sd4 Sc5 57. Kb2 Le8 58. Kc3 Lf7 59. Sc6+ Kd6 60. Sd4 Sd7 61. Sb5+ Kc5 62. Sd4 Se5 63. Sb3+ Kc6 64. a4? Diese Schwächung erweist sich als verhängnisvoll. 64. … Kd7 65. Sd4 Kd6 66. Sb5+ Kc5 67. Sd4 Le8 68. Sb3+ Kd6 69. c5+ Kc7 70. Kd4 Sc6+ 71. Kc3 Se7 72. cxb6+ Kxb6 73. Sd2 Lxa4 74. Sc4+ Ka6 75. Sa3+ Kb7 76. Sc4 Ka6 77. Sa3+ Ka7 78. Kd4 Sc6+ 79. Kc5 Se5 80. Sc4 Sd3+ 81. Kd4 Sc1 82. Lf1 Lb5 83. Sxa5 Lxf1 84. Sc6+ Kb6 85. Se7 Sd3 86. Sxg6 Kc7 87. Se7 Lh3 88. Sd5+ Kd6 89. Sf6 Lg4, und Weiß gab auf. Das war harte Arbeit.

Ähnlich schuften musste Carlsen ein halbes Jahr später, beim Sinquefield Cup 2013 in St. Louis, gegen Lewon Aronjan. Carlsen hatte Weiß und stand lange Zeit eher schlechter. Dann ging Aronjan allmählich die Puste aus. 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. 0-0 Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 0-0 8. a4 b4 9. d4 d6 10. dxe5 dxe5 11. Dxd8 Txd8 12. Sbd2 h6 13. a5 Lc5 14. Lc4 Sg4 15. Te2 Le6 16. Lxe6 fxe6 17. h3 Sf6 18. Te1 Tab8 19. Sc4 Tb5 20. b3 Ld4 21. Lb2 Tc5 22. Ta2 Lxb2 23. Txb2 Se8 24. Ta2 Sd6 25. Sfd2 Sb7 26. Sf3 Kf7 27. Kf1 Kf6 28. Ta4 Sbxa5 29. Se3 h5 30. Tea1 Td4 31. Se1 Ke7 32. f3 Td2 33. Td1 Td6 34. Tda1 Kd7 35. Sd1 Td2 36. Sf2 Kc8 37. Sfd3 Tb5 38. h4 Kb7 39. T1a2 Ka7 40. Kg1 Kb6 41. Kf1 g6 42. Kg1 Kb7 43. Kf1 Kc8 44. Sf2 Td8? Befremdlicher Rückzug. 45. Sed3 Kb7 46. Ke2 Kb6 47. Ke3 Kb7 48. Sd1 Kc8 49. S1b2 Td6 50. Ta1 Kd8 51. Sc4 Sxc4+ 52. bxc4 Tb8 53. c5 Td7 54. Txa6 b3 55. Txc6 bxc2 56. Se1 Ke7 57. Sxc2 Tb3+ 58. Ke2 Tb2 59. Tc1 Ta2 60. Ke3 Kf7 61. f4 Kf6 62. fxe5+ Kxe5 63. Se1 Ta3+ 64. Kf2 Td2+ 65. Kf1 Td7 66. Sf3+ Kf4 67. Txe6 g5 68. hxg5 Kg3 69. Tf6 Ta2 70. Se5, und Schwarz gab auf. Das ist selbst beim Nachspielen anstrengend.

Zwei Monate später fand im indischen Chennai der Weltmeisterschaftskampf zwischen Carlsen und Viswanathan Anand statt. Nach vier Remisen hatte Carlsen in der fünften Partie seinen Kontrahenten in 58 Zügen niedergerungen, und in der sechsten ging er als Nachziehender mit Schwarz über eine noch ein wenig längere Distanz, bis sein Gegner endlich müde wurde: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. d3 Lc5 5. c3 0-0 6. 0-0 Te8 7. Te1 a6 8. La4 b5 9. Lb3 d6 10. Lg5 Le6 11. Sbd2 h6 12. Lh4 Lxb3 13. axb3 Sb8 14. h3 Sbd7 15. Sh2 De7 16. Sdf1 Lb6 17. Se3 De6 18. b4 a5 19. bxa5 Lxa5 20. Shg4 Lb6 21. Lxf6 Sxf6 22. Sxf6+ Dxf6 23. Dg4 Lxe3 24. fxe3 De7 25. Tf1 c5 26. Kh2 c4 27. d4 Txa1 28. Txa1 Db7 29. Td1 Dc6 30. Df5 exd4 31. Txd4 Te5 32. Df3 Dc7 33. Kh1 De7 34. Dg4 Kh7 35. Df4 g6 36. Kh2 Kg7 37. Df3 Te6 38. Dg3 Txe4 39. Dxd6 Txe3 40. Dxe7 Txe7 41. Td5 Tb7 42. Td6 f6 43. h4 Kf7 44. h5 gxh5 45. Td5 Kg6 46. Kg3 Tb6 47. Tc5 f5 48. Kh4 Te6 49. Txb5 Te4+ 50. Kh3 Kg5 51. Tb8 h4 52. Tg8+ Kh5 53. Tf8 Tf4 54. Tc8 Tg4 55. Tf8 Tg3+ 56. Kh2 Kg5 57. Tg8+ Kf4 58. Tc8 Ke3 59. Txc4 f4 60. Ta4?! Auf der Hand liegt 60. b4. 60. … h3 61. gxh3 Tg6 62. c4? Mit 62. Ta7 könnte sich Anand wahrscheinlich halten. Aber es wäre bereits knapp. 62. … f3 63. Ta3+ Ke2 64. b4 f2 65. Ta2+ Kf3 66. Ta3+ Kf4 67. Ta8 Tg1, und Anand gab auf. Bereits nach zehn Partien war Carlsen, der auch die achte Partie gewann (und keine verlor), neuer Champion.


Das Leben ist zu kurz für das Schachspiel.

Henry James Byron (1835–1884), englischer Schachmeister und Dramatiker

UNSTERBLICHES

Rotlevi gegen Rubinstein, 1907

Erst mit 14 Jahren hatte der Talmudstudent Akiba Rubinstein aus Stawiski, im damals zu Russland gehörenden Teil Polens, das Schachspiel erlernt. Schon zwei, drei Jahre später hatte er Meisterstärke erlangt, wurde statt Rabbiner Berufsspieler und stieg Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Anwärter auf die Weltmeisterschaft auf. 1907 gelang ihm in Łódź mit Schwarz gegen Gersz (Georg) Rotlevi eine kombinatorische Glanzleistung. Die Partie fand als „Rubinsteins Unsterbliche“ ihren Platz in der Schachliteratur:

1. d4 d5 2. Sf3 e6 3. e3 c5 4. c4 Sc6 5. Sc3 Sf6 6. dxc5 Lxc5 7. a3 a6 8. b4 Ld6 9. Lb2 0-0 10. Dd2 De7 11. Ld3 dxc4 12. Lxc4 b5 13. Ld3 Td8 14. De2 Lb7 15. 0-0 Se5 16. Sxe5 Lxe5 17. f4 Lc7 18. e4 Tac8 19. e5? Lb6+ 20. Kh1 Sg4! 21. Le4 Dh4! 22. g3 Txc3!! 23. gxh4 Td2!! 24. Dxd2 Lxe4+ 25. Dg2 Th3!, und angesichts des unabwendbaren Matts auf h2 gab Weiß auf.

WAS NUN?

Schwarz hat bereits zwei Figuren ins Geschäft gesteckt und Weiß in eine unbehagliche Lage gebracht. Doch wie soll Schwarz den Sack zubinden? Kann er es überhaupt?


Koskinen – Kasman (Helsinki 1967)

Lösung:

Schwarz konnte den Sack zubinden: 1. … Dxb4+! 2. Lxb4 Td2!! Auf fünferlei Weise kann der Turm geschlagen werden, und weil sowohl 3. … Sc2 matt als auch 3. … axb4 matt drohen, muss Weiß zugreifen. Er entschloss sich zu: 3. Dxd2 Sc2+! 4. Dxc2 axb4#.

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Litresdə buraxılış tarixi:
12 dekabr 2025
Həcm:
300 səh. 135 illustrasiyalar
ISBN:
9783730702680
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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