Kitabı oxu: «Grundfragen der Sprachwissenschaft»

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Peter Schlobinski
Grundfragen der Sprachwissenschaft
Eine Einführung in die Welt der Sprache(n)
Vandenhoeck & Ruprecht
Dr. Peter Schlobinski ist Professor für Germanistische Linguistik am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover.
2011 erhielt er den renommierten Konrad-Duden-Preis. Gemeinsam mit Jens Runkehl und Torsten Siever hat er 1998 das Projekt sprache@web ins Leben gerufen, von dem das Medienlinguistik-Portal mediensprache.net betrieben wird.
Mit 38 Abbildungen und 19 Tabellen
Umschlagbild: Hülle der Voyager Golden Record
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Satz: Ruhrstadt Medien AG, Castrop-Rauxel
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Ulm
UTB-Band-Nr. 4125
ISBN: 978-3-8463-4125-4
Für Tido, Leni und Joschi
Inhalt
Vorwort
Konventionen, Symbole und Abkürzungen
Was ist Sprachwissenschaft?
1. Was ist/macht eigentlich ein Sprachwissenschaftler?
2. Was ist die Aufgabe der Sprachwissenschaft?
3. Haben sich die alten Griechen bereits mit Sprache beschäftigt?
4. Wer ist der berühmteste Sprachwissenschaftler und was ist sein Programm?
5. Theorie und Empirie in der Sprachwissenschaft
6. Wie gehen Sprachwissenschaftler vor?
7. Wer war die erste Professorin für Sprachwissenschaft in Deutschland?
8. Wer schrieb die erste Grammatik?
Sprache und Sprachen
9. Wie viele Sprachen gibt es auf der Welt?
10. Welche sprachlichen Grundtypen gibt es?
11. Welche ist die schwierigste Sprache der Welt?
12. Hat nur der Mensch Sprache?
13. Über den Ursprung der Sprache
14. Wie haben sich die Sprachen entwickelt?
15. Sprachen und Sprachfamilien
16. Was haben Sprachen gemeinsam?
17. Ist Gebärdensprache eine Sprache?
18. Was sind Plansprachen?
Sprache, Kommunikation, Handeln
19. Was sind sprachliche Zeichen?
20. Was ist Information?
21. Wie hängen Sprache und Kommunikation zusammen?
22. Wie könnten wir mit Außerirdischen kommunizieren?
23. Wie wir durch Sprache handeln
24. Wie ›5‹ als Aufforderungshandlung funktioniert
25. Warum Wünsche nicht wahr werden
26. Wie wir argumentieren
27. Rahmenbrüche
28. Die Bedeutung der nonverbalen Kommunikation
Sprache, Bedeuten, Verstehen
29. Was soll es bedeuten?
30. Was versteht man unter Verstehen?
31. Wat hier jelacht wird, dit lach ick
32. Inwieweit Zahlen irrational sind
33. Wie man den Bomber der Nation lesen kann
34. Wann Eigentum nicht in Besitz ist
35. Wenn rechts da ist, wo der Daumen links ist
36. Ist das Hopi eine zeitlose Sprache?
37. Ist in der Sprache alles relativ?
38. Was versteht man unter Sprachlenkung?
Bausteine der Sprache
39. Was ist ein Sprachlaut?
40. Was ist eine Tonsprache?
41. Wie man von Frankfurt zu Furankufuruto kommt
42. Was ist ein Wort?
43. Was ist ein Morphem?
44. Die Für-die Analyse-von-Wortbildungsmöglichkeitenerst-Kap.-43-lesen-Aufforderung
45. Wie bestimmt man Wortarten?
46. Was ist ein Satz?
47. Was ist eine Phrase?
48. Was sind Klammerstrukturen?
49. Hat das Chinesische keine Grammatik?
Wörter und Wörterbücher
50. Was ist das längste Wort?
51. Warum heißt der Donnerstag Donnerstag und nicht Regenstag?
52. Nomen (non) est omen
53. Was sind Kopf- und Schwanzwörter?
54. Was ist ein Fremdwort?
55. Zerstören Anglizismen die deutsche Sprache?
56. Inwiefern groken, twittern und davondopplern Neuwörter sind
57. Phraseologismen: klipp und klar?
58. Wortfelder – was schlenzen, lupfen und köpfen gemeinsam haben und was sie unterscheidet
59. Was steht in einem etymologischen Wörterbuch?
60. Was findet man in einem Synonym- und Antonymwörterbuch?
61. Wo der Cafetier einen kleinen Schwarzen verkauft
Wandel von Sprachen
62. Ist Englisch die Sprache der Zukunft?
63. Gefährdete Sprachen und Sprachentod
64. Sterben Dialekte aus?
65. Historische Stufen des Deutschen
66. Sprachvariation und Sprachwandel
67. Bedeutungswandel
68. Lautwandel
69. Vom Wort zur Grammatik
70. Sprachkontakt – Kreolsprachen
Biologische Grundlagen der Sprache
71. Broca- und Wernicke-Region
72. Welche Auswirkungen haben Hirnschädigungen auf die Sprache?
73. Wie Sprachwissenschaftler die Sprachverarbeitung im Gehirn beobachten
74. Gibt es ein Sprachgen?
75. Wie hängen Sprache und Intelligenz zusammen?
Spracherwerb
76. Ab wann können Kinder sprechen?
77. Ist Sprachfähigkeit angeboren?
78. Zweitspracherwerb
79. Was ist Früh-Bilingualismus?
80. Wie erlernen wir eine Fremdsprache?
Sprache, Gesellschaft, Kultur
81. Sprache und Macht
82. Sprechen Männer und Frauen die gleiche Sprache?
83. Spricht die Jugend eine andere Sprache?
84. Kiezdeutsch
85. Dialekte
86. Sprachliche Höflichkeit
87. Was uns Sprichwörter sagen
88. Sprachkritik
Sprache und Medien
89. Wer hat die Schrift erfunden?
90. Die Entstehung der Alphabetschrift
91. Ist die chinesische Schrift eine Art Bildschrift?
92. Schreiben wir so, wie wir sprechen?
93. Wie hat der Buchdruck die Sprache verändert?
94. .-- .. . / ..-. ..- -. -.- - .. --- -. .…-. - / - . .-.. . --. .-. .- ..-. .….--..
95. Comicsprache
96. Sprache und Bild
97. Gibt es eine Internetsprache :-/
98. Tweets, SMSen und Co – in der Kürze liegt die Würze
Anwendungen
99. Ist menschliche Sprache berechenbar? Das Leibniz-Programm
100. Können Computer Sprache verstehen?
101. »Les programmes de traduction sont parfaits?«
102. Forensische Linguistik
103. Klinische Linguistik
104. Linguistik in der Schule
Statt eines Nachworts
Anmerkungen
Register mit Glossar
Literaturverzeichnis
Vorwort
Das vorliegende Buch führt in Grundfragen der Sprachwissenschaft und das Thema Sprache und Sprachen ein. Sprache interessiert viele – diese Erfahrung mache ich im Alltag immer wieder. Dennoch hat die Sprachwissenschaft einen schlechten Ruf. Zu kompliziert und formal, Grammatik: furchtbar, so viel zu lernen – das sind nur einige Urteile, die wesentlich durch den schulischen Sprach- und Grammatikunterricht geformt sind. Dabei gibt es so viel zu entdecken in der Welt der Sprache(n). Allerdings: Wenn man sich in einer unbekannten Welt bewegt, dann braucht man einen Kompass, um sich orientieren zu können. Die Sprachwissenschaft stellt nicht nur einen Kompass, sondern auch Landkarten und Routenplaner, Höhenmesser und Tiefenbohrer, Fernrohre und Mikroskope, Busch- und Seziermesser zur Verfügung.
Die vorliegende Reise in die Welt der Sprache ist natürlich durch meine Arbeit als professioneller Reiseführer geprägt, und ich zeige Ihnen die Plätze, die ich selbst in den letzten Jahrzehnten besucht habe. Aber auch Orte von Freunden und Kollegen, die ganz wesentlich zur Vermessung der sprachlichen Welt beigetragen haben. Und ich habe über 200 Studienanfänger befragt, welche Reiseziele sie besonders interessieren, und habe ihre Wünsche berücksichtigt.
Wenn jemand eine Reise tut, dann … Dann ist es bequem, im Zug zu sitzen, aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft zu genießen. Fernsehen live. Etwas ganz Anderes ist es, zu Fuß einen Dreitausender zu erklimmen oder sich im Amazonasgebiet durch das Dickicht zu schlagen. So ist es auch beim Durchqueren von Sprachlandschaften. Manche Orte erreicht man leicht, andere Wege sind schwierig und man muss einige Mühen auf sich nehmen. Aber am Ende wird man immer durch neue Erfahrungen und Erkenntnisse belohnt.
Die kleine Reise folgt einer inneren Logik und die Reiseroute ist gut begründet. Dennoch können einzelne Reiseziele und Orte ohne Kenntnis der anderen besucht werden. Gelegentlich jedoch ist es hilfreich, erst einen Ort aufzusuchen und anschließend einen anderen, Hinweisschilder (s. Kap. X) helfen hier weiter. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei Ihrer Entdeckungsreise durch die Welt der Sprache. Und für einen längeren Aufenthalt in unbekannten Sprachregionen empfehle ich Ihnen, den Rucksack mit Handwerkszeug Deskriptive Linguistik. Grundlagen und Methoden (Dürr/Schlobinski 2006) mitzunehmen.
Zunächst jedoch noch einige vorbereitende Hinweise, bevor Sie mit der Lektüre beginnen. Wenn Ihnen Fachbegriffe nicht bekannt sind, dann hilft das Register weiter, in dem wichtige Begriffe erklärt und Verweise auf die relevanten Stellen im Buch gegeben sind. Der Schwierigkeitsgrad der einzelnen Kapitel ist unterschiedlich. Manche Teilbereiche sind theoretisch anspruchsvoller, andere erscheinen wegen der Beispiele aus uns fremden Sprachen schwierig. Als Hilfe für die Analyse von Sprachbeispielen werden diese mit einer Glossierung versehen. Ein Sprachbeispiel mit sog. Interlinearglossierung besteht in der Regel aus drei Zeilen:
| Italienisch | Englisch | Chinesisch | Nahuatl |
| cant-er-ó | car-s | yī zhāng zh | ni-mits-miktia |
| sing-FutI-1s | Auto-p | ein KL Papier | Subj.1s-dO.2s-töten |
| ich werde singen | Autos | ein Stück Papier | ich töte dich |
In dem Beleg aus dem Chinesischen steht das Beispiel in standardisierter Alphabetschrift (Pīnyīn), in der dritten Zeile kursiv die Übersetzung. Bei Sprachen ohne Schriftsystem steht das Beispiel in Lautschrift. In der zweiten Zeile, der eigentlichen Glossierung, werden die Wortstämme bzw. Grundwörter auf Deutsch gegeben und abgekürzt Kategorien und grammatische Funktionen. Im italienischen Beispiel steht FutI für ›Futur I‹ und 1s für ›1. Person Singular‹, im englischen steht p für ›Plural‹ und im chinesischen steht KL für ›Klassifikator‹. In dem Beispiel aus dem Nahuatl, einer in Mexiko von ca. eineinhalb Millionen Menschen gesprochenen Sprache, steht Subj.1s für ›Subjekt, 1. Person Singular‹ und do.2s für ›direktes Objekt, 2. Person Singular‹. Die Glossierung ist möglichst einfach gehalten und auf die relevanten Punkte beschränkt, sie hilft bei einer dem Leser unbekannten Sprache, die Strukturen in den Belegen zu erkennen. Die für die Glossierung gewählten Abkürzungen und Konventionen finden sich im nachfolgenden Abkürzungsverzeichnis.
Im Buch sind zahlreiche Arbeiten verarbeitet, auf die nicht im Einzelnen verwiesen wird. Das Literaturverzeichnis gibt die zugrunde liegende Literatur wieder. Die für einzelne Kapitel wichtige Literatur wird im Literaturverzeichnis durch spitze Klammer < > angegeben. Wenn Sie also zu den in den einzelnen Kapiteln behandelten Themen grundlegende Literatur suchen, dann können Sie diese einfach über den Klammer-Index erschließen.
Es ist immer eine schwierige Aufgabe, einerseits möglichst fachlich genau, andererseits verständlich und einfach zu schreiben. Schwierige und komplexe Sachverhalte können nicht immer auf ein einfaches Niveau heruntergebrochen werden, ohne völlig trivialisiert zu werden. So habe ich den Spagat zwischen fachlicher Angemessenheit und Allgemeinverständlichkeit versucht in der Hoffnung, dass viele Studienanfänger das Buch mit Gewinn lesen und die Fachkollegen mir nicht gram sind.
Für Verbesserungsvorschläge und kritische Hinweise möchte ich mich bei Dr. Ulrike Gießmann-Bindewald, Dr. Olaf Krause, Alexa Mathias, Dr. Gernot Mathias und Dr. Katerina Stathi herzlich bedanken. Mein besonderer Dank für viele anregende Gespräche über linguistische und nicht-linguistische Fragen und Probleme gilt meinem Freund und Kollegen Prof. Dr. Michael Dürr. Und last, not least: Im Text verwende ich grundsätzlich das generische Maskulinum (s. hierzu Kap. 82).
Konventionen, Symbole und Abkürzungen
| * | ungrammatisch; z.B. *Buch das auf liegt Tisch dem. |
| * | rekonstruierte Protoform; z.B. idg.*psќé ›fragen‹ |
| → | wird realisiert als; z.B. d → t ›d wird ausgesprochen als t‹ (so in Fahrrad) |
| ← | leitet sich ab von; z.B. Auto ← Automobil |
| [ ] | Laut, z.B. [f] wie in für oder [v] wie in Wald |
| / / | Phoneme, ›Laute mit bedeutungsunterscheidender Funktion‹, z.B. /h/ (/ha s/ vs. /ma s/) |
| < > | Grapheme |
| 1, 2, 3 | 1., 2., 3. Person [ich, du, er/sie/es] |
| Akk | Akkusativ [ihn] |
| ART | Artikel [der, ein] |
| Dat | Dativ [ihm] |
| dO | direktes Objekt [Er schreibt ein Buch.] |
| exkl | exklusiv [wir beide vs. wir alle] |
| Fut | Futur [sie wird schreiben] |
| Ind | Indikativ [ich komme vs. ich käme] |
| KL | Klassifikator [ein Stück Brot] |
| N | Nomen [Michael, Schrank] |
| NP | Nominalphrase [der alte Turm] |
| neutr | Neutrum [das Buch] |
| Nom | Nominativ [er] |
| Obj/O | Objekt |
| p | Plural [Häuser vs. Haus] |
| P | Präposition [auf] |
| PART | Partikel [halt, ja, so] |
| Perf | Perfektiv [›abgeschlossene Handlung‹] |
| PP | Präpositionalphrase [auf dem Tisch] |
| Prät | Präteritum [ich sagte] |
| s | Singular [Haus vs. Häuser] |
| Subj | Subjekt [Er sieht ihn.] |
| Temp | Tempus |
| TOP | Topik(partikel) |
Sprachen
| ahd. | althochdeutsch |
| altgr. | altgriechisch |
| chin. | chinesisch |
| dt. | deutsch |
| engl. | englisch |
| frz. | französisch |
| gr. | griechisch |
| idg. | indogermanisch |
| ital. | italienisch |
| jap. | japanisch |
| lat. | lateinisch |
| mhd. | mittelhochdeutsch |
| mlat. | mittellateinisch |
| nd. | niederdeutsch |
| ndl. | niederländisch |
| nhd. | neuhochdeutsch |
| omd. | ostmitteldeutsch |
| poln. | polnisch |
| port. | portugiesisch |
| span. | spanisch |
| ung. | ungarisch |
| ugs. | umgangssprachlich |
Was ist Sprachwissenschaft?
1 Was ist/macht eigentlich ein Sprachwissenschaftler?
Führte man eine Umfrage durch und stellte die Frage ›Was ist ein Sprachwissenschaftler?‹, dann wäre wohl die häufigste Antwort: Ein Sprachwissenschaftler ist jemand, der viele Sprachen spricht. Dabei können die meisten Sprachwissenschaftler nicht mehr Sprachen als viele andere Akademiker auch, und die meisten Spitzenschachspieler sind ihnen in der Sprachenkompetenz wohl überlegen wie der in Reggio Emilia geborene Enrico Paoli (1908–2005). Der italienische Ehrengroßmeister war ›paoliglott‹ und sprach neben seiner Muttersprache weitere neun Sprachen, er kann allerdings nicht mit dem Dolmetscher und Chinesischexperten Emil Krebs (1867–1930) konkurrieren, der 68 Sprachen beherrschte. Viele Schachspieler wären vielleicht auch gute Sprachwissenschaftler geworden, sie sind aber nun mal Schachspieler und keine Sprachwissenschaftler. (Das Schachspiel ist ein bei Sprachwissenschaftlern beliebtes Spiel, auf das immer wieder metaphorisch zurückgegriffen wird.)
Was also macht ein Sprachwissenschaftler, wenn er keine beeindruckende Anzahl von Sprachen spricht? Er untersucht einzelne Sprachen und Sprachvarianten bzw. das, was menschliche Sprache überhaupt ausmacht. Die originäre Aufgabe eines Sprachwissenschaftlers ist es, Wesen und Erscheinungsformen von Sprache zu beschreiben und zu erklären. Womit er sich auch immer im Einzelnen beschäftigt, es sind fünf grundlegende und etablierte Teilgebiete, die sein Arbeitsgebiet und das Fach Sprachwissenschaft strukturieren. Zum Ersten ist es die Phonetik/Phonologie (gr. phōn
›Stimme, Klang, Laut, Ton‹), die sich mit der Art der Sprachlaute, ihren physikalischen Eigenschaften (Phonetik) bzw. mit ihrer Funktion in den einzelnen Sprachen (Phonologie) beschäftigt. Die Morphologie (gr. morphé ›Gestalt‹, ›Form‹) beschäftigt sich mit Wörtern und ihren bedeutungstragenden Bausteinen und deren Funktionen. Die Flexion (Beugung) von Wörtern spielt hier eine große Rolle. In der Syntax (gr. syntaksis ›Zusammenstellung, Anordnung‹) setzt man sich mit der Art und Weise auseinander, wie Wörter zu größeren strukturellen Einheiten (Wortgruppen, Sätzen) zusammengefügt werden und welche Funktionen einzelne Teile des Satzes haben. In der Semantik geht es um die Bedeutung von Wörtern und das Zusammenwirken von Bedeutungen in komplexen Einheiten (Sätzen). Die Pragmatik (gr. pragma ›Handlung‹) schließlich beschäftigt sich mit Handlungs- und Situationsbezügen sprachlicher Äußerungen.
2 Was ist die Aufgabe der Sprachwissenschaft?
Eine kleine sprachwissenschaftliche Übung vorab – und bitte nicht erschrecken, es wird gleich wieder einfacher! Das Wort Sprachwissenschaft setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen, es ist ein Kompositum mit dem Grundwort Wissenschaft und dem Wortstamm Sprach-. Da der erste, linke Teil den zweiten, rechten Teil in seiner Bedeutung determiniert, liegt ein so genanntes Determinativkompositum vor. Der Kern dieses Determinativkompositums, Wissenschaft, ist selbst ein Wort, das aus dem Bestandteil Wissen und der Endung -schaft besteht. Das Teil -schaft wird an das Substantiv Wissen angehängt und bildet mit diesem zusammen ein so genanntes Derivativum. -schaft tritt gebunden auf und bildet – zusammen in erster Linie mit einem Substantiv – ein neues Substantiv; von der Herkunft gehört es zu schaffen, ahd. scaffan, dazu scaf ›Art und Weise‹. Dem Wortbildungsprozess liegt folgendes Schema zugrunde: [X-y → Z], im Fachchinesisch formuliert: An das Grundmorphem X wird das Suffix y adjungiert, beide zusammen bilden das Derivativum Z. Diese Art des Prozesses der Wortbildung wird als Derivation bezeichnet, im Unterschied zur Komposition. Das Bestimmungswort Sprach- tritt ebenfalls nur gebunden auf, ist aber, anders als -schaft, wortfähig: Sprache. Da nur der Wortstamm als Determinationsbasis genommen werden kann, wissen wir nicht, ob Sprachwissenschaft die Wissenschaft von der Sprache oder von den Sprachen ist. Es trifft beides zu.
Die Sprachwissenschaft ist eine Art ›Zweifronten-Wissenschaft‹, wie es der berühmte Sprachwissenschaftler Roman Jakobson (1896–1982) einmal formuliert hat, die sich mit der Sprache an und für sich und ihren Erscheinungsformen beschäftigt. Damit ist gemeint, dass als zentraler Gegenstand der Sprachwissenschaft die Sprache als spezifisch menschliches Phänomen gesehen wird, das quer über alle Einzelsprachen hinweg ganz bestimmte Eigenschaften hat, welche es zu beschreiben und erklären gilt. Der Zugang zu diesem Phänomen wird über die Untersuchung von Einzelsprachen ermöglicht, wobei es darum geht herauszufinden, welche Eigenschaften Einzelsprachen aufweisen und nach welchen Gesetzmäßigkeiten sie zueinander in Beziehung stehen.
Stellt der Physiker seine Fragen an die Natur, der Wirtschaftswissenschaftler an die wirtschaftlichen Verhältnisse, so der Sprachwissenschaftler an die sprachliche Wirklichkeit. Beispielsweise fragt er, ob alle Sprachen der Welt nach einem vergleichbaren Muster geformt sind, ob sie sich alle aus einer Ursprache entwickelt haben und, wenn ja, warum es dann heute so viele Sprachen gibt. »Die ersten tastenden versuche einer sprachwissenschaft setzten ein«, so beginnt der dänische Sprachwissenschaftler Otto Jespersen (1860–1943) sein Buch Die Sprache. Ihre Natur, Entwicklung und Entstehung, »als der menschliche geist sich zum ersten mal problemen wie den folgenden zuwandte: Wie kommt es, daß man nicht überall dieselbe sprache spricht? Wie entstanden die ersten wörter? Welche beziehung besteht zwischen einem gegenstand und seiner bezeichnung? Warum heißt die und die person oder die und die sache so und nicht anders?« (Jespersen 2003: 1).
Der entscheidende Schritt bei der sprachwissenschaftlichen Tätigkeit, der die Lücke zwischen Frage und deren Beantwortung schließt, ist der der wissenschaftlichen Methode. Erst wenn Wissen aus systematischer Beobachtung, Schlussfolgerungen aus dem Beobachteten, Begründung und Überprüfung durch neue Beobachtungen/Experimente gewonnen wird, ist es wissenschaftlich gewonnenes Wissen. Beobachten, systematisieren, ein Modell bzw. eine Theorie entwickeln, die das Beobachtete erklärt, sowie das Überprüfen derselben sind elementare Schritte aller wissenschaftlichen Tätigkeit, die Fragen an die Wirklichkeit stellt. Die wissenschaftliche Methode stellt sicher, dass im Hinblick auf die Erkenntnisse ein hoher Geltungsgrad erreicht werden kann.
3 Haben sich die alten Griechen bereits mit Sprache beschäftigt?
Die Sprachwissenschaft ist eine Wissenschaft mit einer langen und großen Tradition. Zu den ›Sieben Freien Künsten‹ (septem artes liberales), einem Kanon von Studienfächern, der in der Antike entstanden ist, gehört das Trivium. Wir würden heute dazu Grundstudium sagen. Zum Trivium gehörten: 1. Grammatik, 2. Rhetorik (Rede- und Stilkunde) sowie 3. Logik. Drei Bereiche, die in der heutigen Sprachwissenschaft gelehrt werden: 1. der wichtige Bereich Grammatik mit dem Schwerpunkt Syntax, 2. Pragmatik (Rhetorik und Diskursanalyse) und 3. Semantik mit Logik als Basis.
Grammatik als ein eigener linguistischer Forschungsgegenstand ist in der abendländischen Kultur relativ spät entstanden und wird heute auf das 1. Jahrhundert v. Chr. datiert. Allerdings wurden bereits zuvor linguistische Probleme der Lautlehre, der Semantik und der Satzteile im Rahmen philosophischer, rhetorischer und insbesondere philologischer Fragen erörtert. Hier sind zunächst Platon (Kratylos und Sophista) und Aristoteles (Peri Hermeneias) zu nennen. Platon (428/27–348/47 v. Chr.) führt als Basiskonstituenten für Aussagen/Sätze eine Nomen-Verb-Unterscheidung ein, Aristoteles (384–322 v. Chr.) erweitert dies um eine funktionale Komponente, indem er zunächst Wortklassen einführt und dann ihre funktionalen Rollen beschreibt. Dabei wird dem Onoma, dem Nomen im Nominativ/Subjekt (gegenüber den anderen Nomina mit Kasus) eine zentrale Rolle zugewiesen, denn es bildet zusammen mit dem Verb/Prädikat (Rhema) einen Aussagesatz, der nach dem Kriterium wahr/falsch beurteilt werden kann. Obwohl Platon und Aristoteles Grundkonzepte wie Nomen und Verb, Satz und Wort sowie Flexion einführen, wird der Durchbruch für eine antike Grammatiktheorie und -schreibung den Logik-Analysen der Stoiker (3. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben, insbesondere den Arbeiten von Chrysippius. Es liegen jedoch keine direkten Zeugnisse vor, sondern das heutige Wissen stammt aus späteren Quellen, insbesondere dem Überblick des Diogenes Laertius (3./4. Jh. n. Chr.). Eine erste Synopse der Spracherkenntnisse der griechischen Philosophen gab Dionysios Thrax (2. Jh. v. Chr.) in seiner Technē grammatikē (grammatische Wissenschaft), der ersten griechischen Grammatik. Einen Meilenstein in der Grammatikmodellierung stellen die Analysen von Apollonius Dyscolus (2. Jh. n. Chr.) dar, der an die Logik und Begriffsbildung der Stoiker und an philologische Methoden anknüpft und der als erster syntaktische Fragen als eigenständiges Forschungsobjekt thematisiert hat: »Das grösste Verdienst des Appollonios, seine schöpferische Tat, ist die ›Syntax‹« (Steinthal 1891, Bd. 2: 339).
Die Redekunst (altgr. rhētorik
), gerade auch im Sinne des Aufbaus einer Argumentation (s. Kap. 26), spielt in der Antike eine wichtige Rolle. Eine erste systematische Darstellung entwickelt Aristoteles in seiner Rhetorik, bei der es um die Fähigkeit geht, »bei jeder Sache das möglicherweise Überzeugende (pithanon) zu betrachten« (Aristoteles, Rhetorik I 2, 1355b26f., nach Rapp 2002). Zur Überzeugungstrategie gehören sprachlich-stilistische Mittel ebenso wie der logische Aufbau von Argumenten. Grundsätzlich wichtig im Hinblick auf die Urteilslehre ist aber Aristoteles‹ Schrift De Interpretatione. Dort unterscheidet er Satzarten ohne Wahrheitswert (Fragesatz, Wunschsatz) von solchen mit Wahrheitswert (Aussagesatz). Und in Bezug auf das sprachliche Zeichen unterscheidet er vier Ebenen: 1. Lautebene, 2. Schriftebene, 3. den innerseelischen Bereich (Psyche/Kognition) und 4. die außersprachliche Realität (Objekte).
Seit Platon und Aristoteles werden Fragen zur Sprache und zur Sprachphilosophie mehr oder weniger intensiv und systematisch diskutiert. Doch erst seit dem 19. Jahrhundert und im Zusammenhang mit der vergleichenden Sprachwissenschaft ist die Sprachwissenschaft eine autonome Wissenschaft, heute mit vielen Subdisziplinen (Sozio-, Psycholinguistik, Sprachtypologie, Computerlinguistik, Dialektologie, Klinische Linguistik usw.).
4 Wer ist der berühmteste Sprachwissenschaftler und was ist sein Programm?
Wenn es um Superlative geht, kann man sich immer streiten. Dennoch: Der bedeutendste und einflussreichste Sprachwissenschaftler der Gegenwart ist Noam Chomsky, der zu den weltweit meistzitierten Wissenschaftlern zählt. Dies nicht nur wegen seiner sprachwissenschaftlichen und sprachphilosophischen Arbeiten, sondern auch wegen seiner zahlreichen politischen und medienkritischen Schriften. Er gilt als kritischer Intellektueller, dessen Meinungen weltweit gefragt sind, die New York Times Book Review nannte ihn den wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart.
Noam Chomsky wurde am 7. Dezember 1928 in Philadelphia (Pennsylvania) geboren. Die Erstsprache seiner Eltern war Jiddisch, im Elternhaus wurde aber nur Englisch gesprochen. Nach der Graduierung an der Central High School of Philadelphia begann Chomsky 1945 Linguistik und Philosophie an der University of Pennsylvania zu studieren. Er wurde Schüler von Zellig Harris (1909–1992), bei dem er 1951 sein linguistisches Studium mit einer morphologischen Untersuchung zum Neuhebräischen abschloss. Titel der Arbeit: The Morphophonemics of Modern Hebrew. 1955 erhielt er seinen PhD in Linguistik an der University of Pennsylvania und arbeitete dann ab 1955 am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Parallel zu seinem Studium engagierte sich Chomsky in linken Bewegungen und studierte Schriften zum Anarchismus (Rudolf Rocker), demokratischen Sozialismus (George Orwell) und Marxismus (Karl Liebknecht, Karl Korsch und Rosa Luxemburg).

Abb.1: Noam Chomsky
Chomsky ist der Gründungsvater der so genannten ›Generativen Linguistik‹ und speziell der ›Generativen Grammatik‹. Der Paradigmenwechsel von der strukturalistischen Sprachwissenschaft zur generativen wird durch ein schmales Bändchen mit dem Titel Syntactic Strutures (Chomsky 1957) eingeleitet.
Was ist das wissenschaftliche Verdienst Chomskys? Was versteht man unter Generativismus und speziell unter generativer Grammatik? Es sind zunächst zwei Grundannahmen, die für die generative Grammatik konstitutiv sind. Zum einen werden den sprachlichen Strukturen Ableitungsmechanismen zugrunde gelegt, die über Regeln, die sich als Algorithmen fassen lassen, definiert werden können. Ziel ist es, in einer Menge von Sätzen grammatische Strukturen von umgrammatischen zu scheiden:
»From now on I will consider a language to be a set of (finite or infinite) sentences, each finite in length and constructed out of a finite set of elements. […] The fundamental aim in the linguistic analysis of a language L is to separate the grammatical sequences which are the sentences of L from the ungrammatical sequences which are not sentences of L and to study the structure of the grammatical sequences. The grammar of L will thus be a device that generates all of the grammatical sequences of L and none of the ungrammatical ones« (Chomsky 1957: 13).
Von jetzt an werde ich unter einer Sprache S eine (endliche oder unendliche) Menge von Sätzen verstehen, jeder endlich in seiner Länge und konstruiert aus einer endlichen Menge von Elementen. […] Das grundsätzliche Ziel bei der Analyse einer Sprache S ist es, die grammatischen Folgen, die Sätze von S sind, von den ungrammatischen Folgen, die nicht Sätze von S sind, zu unterscheiden und ihre Strukturen zu analysieren. Die Grammatik von S wird deshalb eine Anweisung sein, die die grammatischen Folgen von S generiert/erzeugt und keine der ungrammatischen.
Zum Zweiten führt Chomsky die grundlegende Unterscheidung in Kompetenz und Performanz ein. Sprachkompetenz ist »die Kenntnis des Sprecher-Hörers von seiner Sprache« (Chomsky 1978: 14), Sprachverwendung, sprachliche Performanz »der aktuelle Gebrauch von Sprache in konkreten Situationen« (ebd.). Damit ist die sog. mentalistische Sprachauffassung begründet, da eine Sprachtheorie um »die Aufdeckung einer mentalen Realität, die dem aktuellen Verhalten zugrunde liegt, bemüht ist« (ebd.). Mentalistische Linguistik ist also theoretische Linguistik, »die Daten aus der Sprachverwendung […] benutzt, um die Sprach-Kompetenz zu bestimmen, wobei Letztere als der primäre Untersuchungsgegenstand zu bestimmen ist« (ebd., S. 241). Mit dem Kompetenzbegriff bezieht sich Chomsky sprachphilosophisch auf Ideen des Begründers der vergleichenden Sprachforschung Wilhelm von Humboldt (1867–1835). Für von Humboldt ist »Sprache […] das bildende Organ des Denkens« (1973: 45) und »nichts anderes, als das Komplement des Denkens […]« ( ebd., S. 8). Indem Sprache und Denken komplementär aufeinander bezogen werden, bilden Sprachen das Fundament für die Geistestätigkeit. Der Begriff der ›Energeia‹ im Kontrast zum ›Ergon‹ reflektiert diesen Zusammenhang: »Die Sprache ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia). […] Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens zu machen« (ebd., S. 36).
Wilhelm von Humboldt (*22.6.1767 in Potsdam, †8.4.1835 in Tegel)
Mit seinem Bruder Alexander von Privatlehrern erzogen, studierte Wilhelm von Humboldt in Frankfurt (Oder) und Göttingen neben Jura auch klassische Philologie. Er war im preußischen Staatsdienst tätig, bis er sich 1819 aus seinen Ämtern zurückzog. Neben diplomatischen Missionen hatte er von 1809 bis 1811 als Sektionsleiter für Kultus im Innenministerium entscheidenden Anteil an Bildungsreformen, die die Hochschulen in Deutschland bis in die Gegenwart geprägt haben. Bei einer Reise nach Spanien 1799 weckte die Begegnung mit dem Baskischen sein Interesse an der Unterschiedlichkeit der Sprachen. Er trug eine für die damalige Zeit einzigartige Vielzahl von Quellen zu den Sprachen der Welt zusammen und entfaltete seit 1820 auf dieser Grundlage einen sprachphilosophisch fundierten Entwurf zu einer vergleichenden Sprachforschung, der aber auf die sich an den indogermanischen Sprachen orientierende historisch-vergleichende Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts kaum Einfluss hatte. Sein sprachphilosophisches Denken wirkt dennoch bis in die Gegenwart fort.
Humboldts erklärtes Ziel ist es, die »Sprachfähigkeit des Menschengeschlechts auszumessen« (1973: 14). Die Suche nach Abhängigkeiten zwischen grammatischen Phänomenen und auch die Frage nach der Wechselbeziehung zwischen Sprache und Denken spielten dabei eine Rolle – Projekte, die die heutige Sprachtypologie und ebenso die Erforschung der kognitiven Grundlagen sprachlicher Relativität und deren kulturelle Implikationen vorwegnahmen.
Rezipiert wurde Humboldt meist als Sprachphilosoph, obwohl die zitierten Schriften primär Einleitungen oder als Akademie-Vorlesungen gehaltene Vorstudien zu umfassenden Einzeldarstellungen von Sprachen sind. Berühmt ist vor allem die Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschen betitelte Einleitung zu dem Werk Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java (1836–39), wogegen die meisten kleinen Studien zu etlichen Sprachen heute weniger bekannt sind.
Die generative Grammatik knüpft also zunächst an formalisierte, mathematische Modelle an, erweitert diese aber um eine mentalistische Fundierung, indem sprachliche Kenntnissysteme als der originäre Untersuchungsgegenstand der Linguistik definiert werden. Es sind zwei Argumente, die Chomsky immer wieder für sein Mentalismus-Programm anführt:
1. Das Argument der Kreativität: Wie ist es möglich zu erklären, dass der Mensch immer wieder neue Sätze produziert, dass mit endlichen Mitteln unendliche Realisierungen erzeugt werden können? Dies ist bekannt als ›Humboldts Problem‹. Chomsky löst dieses wie folgt: Sprache ist ein generatives Verfahren zum Ausdruck von Gedanken. Generativ heißt, dass es Regeln gibt, die korrekte Sätze erzeugen, insbesondere auch rekursive Regeln, also Regeln des Typs, in dem dasselbe Symbol sowohl links als auch rechts vom Pfeil auftritt (A → B + A). So werden z.B. Wörter wie Ur-Urgroßvater oder Sätze wie Torsten weiß, dass Chomsky behauptet, dass alle Sprachen Rekursion aufweisen gebildet.
2. Das Argument der defizienten Erfahrung im Erstspracherwerb: Wie kann ein Kind Sätze produzieren, die es noch nie zuvor gehört hat? Der Spracherwerb kann nicht aus dem Dateninput begründet werden. Deshalb verfügt das Kind »über eine angeborene Theorie potentieller struktureller Beschreibungen« (Chomsky 1978: 49), es kommt mit bestimmten angeborenen grammatischen Prinzipien auf die Welt. Das Problem, das hier formuliert wird, ist bekannt als ›Platons Problem‹1. Chomsky wendet sich vehement gegen das Tabula-Rasa-Argument der Behavioristen und hier insbesondere gegen den amerikanischen Psychologen Burrhus Frederic Skinner (1904–1990), nach dem der Spracherwerb allein über den Dateninput und Sprache über die beobachtbaren Veränderungen in konkreten sprachlichen Situationen zu begründen sei. Bereits der Philosoph und Namensgeber meiner Universität Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) hatte argumentiert: Die »Tabula Rasa […] ist meines Erachtens nur eine Fiktion, die die Natur nicht zulässt« (Leibniz 2000: 99). Und: »Hinsichtlich des Satzes ›das Viereck ist kein Kreis‹ kann man aber sagen, er sei eingeboren, denn bei seiner Betrachtung vollzieht man eine Subsumption oder Anwendung des Prinzips des Widerspruchs auf das, was der Verstand selbst bereit stellt, sobald man sich zu Bewußtsein bringt, daß diese eingeborenen Ideen unverträgliche Begriffe in sich schließen« (Leibniz 2000: 37). Denn schließlich – so widerspricht Leibniz John Lockes (1632–1704) empiristischer Position: ›Es ist nichts im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war, ausgenommen der Verstand selbst‹ (»Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu, excipe: nisi ipse intellectus«, Leibniz 2000: 103).
Chomskys Programm der Sprachwissenschaft und seine Sprachtheorie haben zum Gegenstand das Verhältnis von Sprache und Kognition, von Sprache und Spracherwerb, Mechanismen der Spracherzeugung. Chomsky versteht Linguistik (zunächst) »als den Teil der Psychologie, der sich auf einen spezifischen kognitiven Bereich und ein spezifisches geistiges Vermögen konzentriert, nämlich auf das Sprachvermögen« (Chomsky 1981a: 11–12). Chomskys Programm wird in der sog. Universalgrammatik (UG) ausgeweitet und biologisch fundiert (s. auch Kap. 74).
5 Theorie und Empirie in der Sprachwissenschaft
Theorie und Empirie werden nicht nur in der Sprachwissenschaft als komplementäre Gegensätze begriffen. Komplementär insofern, als es keine Theorie ohne Bezug auf sprachliche Daten und keine Empirie ohne theoretische Vorannahmen gibt (bzw. geben sollte); gegensätzlich insofern, als die Forschungsgegenstände und -richtungen sehr unterschiedlich sind. Während es in den Naturwissenschaften jedoch selbstverständlich ist, dass Theoretiker und Empiriker in einem permanenten Austauschprozess stehen und dass eine Theorie einer experimentellen Prüfung standzuhalten hat, ist dies in den Sprachwissenschaften keineswegs so. Für viele Theoretiker ist das ›Stochern‹ in sprachlichen Daten relativ nutzlos und nur insofern wichtig, als die Empiriker einige, möglichst in die Theorie passende Belege bringen. Für viele Empiriker sind die Theoretiker intellektuelle Spinner, deren Phantastereien mit der sprachlichen Realität nichts mehr zu tun haben. Ein schönes, weil anschauliches Beispiel für Letzteres sind die Ausführungen des ›Dschungellinguisten‹ Daniel Everett, der bei den Pirahã-Indianern am Amazonas Feldforschung betrieben und darüber ein lesenswertes Buch geschrieben hat, in dem auch auf über einhundert Seiten auf die Sprache der Pirahã (sprich: Pidahan) eingegangen wird. In diesem Zusammenhang wendet er sich gegen Chomskys generative Grammatik (s. Kap. 4), dessen »Theorie in Wirklichkeit über die Pirahã-Sprache wenig Erhellendes beizutragen hat« (Everett 2010: 291). Anstelle eines »geradezu religiösen und ein wenig mystischen Dualismus, der den Arbeiten von Descartes und nach manchen Lesarten auch der Theorie von Chomsky zugrunde liegt, möchte ich eine konkrete Sichtweise auf die Sprache vorschlagen. […] Man sollte sich bemühen, Sprache in einer Situation zu verstehen, die dem ursprünglichen kulturellen Zusammenhang so nahe wie möglich kommt. Wenn ich damit auf der richtigen Spur bin, kann man linguistische Feldforschung nicht getrennt vom kulturellen Zusammenhang betreiben« (ebd. S. 358).
Everett wirft dem ›Schreibtischlinguisten‹ Chomsky u.a. vor, dass sein Grundansatz der Universalgrammatik (UG) im Hinblick auf den seiner Meinung nach notwendigen Zusammenhang von Sprache und Kultur fehl gehe, dass nichts Interessantes und Wissenswertes über Sprache erfahren werden könne. Hier ist ein Konflikt aktualisiert, der eine lange Tradition hat und der mit den Gegensatzpaaren Theorie – Empirie, wissenschaftlicher Realismus – Phänomenalismus, Rationalismus – Empirismus umrissen ist. Grundlegend ist eine unterschiedliche Auffassung zu den Aufgaben der Sprachwissenschaft und im Hinblick auf den Gegenstandsbereich. Rückt Chomsky das Sprachwissen, die Fähigkeit zu sprechen, in den Vordergrund, so Everett die sprachlichen Ausdrücke im kulturellen Kontext. Welchem Ansatz man folgt, ist in der Tat eine Glaubensfrage, aber: Everett macht es sich zu leicht, wenn er die Karte der Empirie zieht und glaubt, damit einen Trumpf gegen die Theorie ausspielen zu können.
In seinen Untersuchungen stellte Everett fest, dass es in der Sprache der Pirahã keine Rekursivität gibt. Rekursivität bezeichnet die Eigenschaft, mit einem endlichen Inventar an Grundelementen und Regeln unendlich viele Strukturen erzeugen können. Mit einer rekursiven Regel können Sätze mit unendlich vielen eingebetteten Sätzen erzeugt werden, z. B. Torsten denkt, dass Chomsky meint, dass Decartes ein großer Philosoph war. Da nun rekursive Strukturen in der Pirahã-Sprache nicht vorkommen, Rekursivität aber von Chomsky selbst als ein zentraler Baustein menschlicher Sprachfähigkeit und seiner Universalgrammatik (UG) gesehen wird (s. auch Kap. 4), sei die Theorie falsch. Nun zeigen Nevins et al. (2007), dass auch in der Pirahã-Sprache Rekursivität vorkommt, was Everett wiederum bestreitet (mich allerdings überzeugen die Argumente von Nevins et al.). Wir wollen aber annehmen, dass Everett Recht hat und es tatsächlich keine rekursiven Strukturen in der Sprache der Pirahã gibt. Was bedeutet dies für Chomskys Theorie, die eine wohldefinierte und komplexe Grammatiktheorie darstellt? Wir können argumentieren, dass die Theorie (T) falsifiziert ist und somit durch eine andere, neue Theorie (T’) zu ersetzen ist. Nun zeigt sich in allen anderen Sprachen, dass diese über rekursive Strukturen verfügen. Von T’ werden wir erwarten, dass sie die empirischen Erfolge von T ebenso umfasst wie das neue empirische Faktum. Im Hinblick auf Rekursivität muss T’ auf T reduzierbar sein und zusätzlich das Phänomen der Nicht-Rekursivität umfassen. Everett schlägt nun folgendes Erklärungsprinzip vor: »Eine Erklärung dafür, warum es im Pirahã keine eingebetteten Sätze gibt, bietet das umfassende Prinzip des unmittelbaren Erlebens (immediacy of experience principle, IEP)« (Everett 2010: 345). Kurz und vereinfach gesagt: Einbettung, Rekursivität tritt wegen der konkreten Lebensumstände und der damit verbundenen unmittelbaren Erfahrung der Pirahã nicht auf, ist nicht notwendig. Nehmen wir auch hier an, Everett hat Recht, dass IEP gilt (was ich in der Form und grundsätzlich bezweifle). Dieses Prinzip ›erklärte‹ dann zwar Nicht-Rekursivität in der Pirahã-Sprache, sagt aber nichts aus über Rekursivität in anderen Sprachen. Eine Theorie, die der UG überlegen wäre, folgt daraus überhaupt nicht. Eher würde man eine zweite Strategie verfolgen: Wenn die UG sich in so vielen Fällen bewährt, dann stellt sich die Frage, warum in dem einen nicht. Man könnte eine Ausnahmeregel formulieren, so könnte das IEP andere Prinzipien außer Kraft setzen. Die modifizierte Theorie T’ umfasste dann die Fälle von Rekursivität und den Fall von Nicht-Rekursivität. T wäre dann in T’ enthalten, wobei durch T’ alte und neue empirische Befunde erklärt werden könnten.
Das ›Prinzip des unmittelbaren Erlebens‹ (IEP) leuchtet intuitiv ein, dennoch hatte ich gesagt, dass ich es in dieser Form bezweifle. Das, was ich stark bezweifle, hängt mit dem Begriff ›Erklärung‹ zusammen. Everett argumentiert, das IEP sei die Ursache für Nicht-Rekursivität, und er führt dies an weiteren Beispielen aus. Das zugrunde liegende Argumentationsschema setzt stillschweigend voraus, dass es normalerweise Sprachen mit Rekursivität gibt und dass das Pirahã von der Norm abweicht und für dieses Abweichen eine Begründung zu finden sei. Dies ist ein uns im Alltag vertrautes Denkschema: Solange der Computer läuft, fragen wir nicht nach der Ursache, warum er läuft, treten aber Fehlfunktionen auf, dann fragen wir uns, was passiert ist, warum der Computer nicht mehr funktionsfähig ist. Aber können wir eine Ursache eindeutig festlegen? Ist es plausibel, im Hinblick auf das komplexe Phänomen Sprache einen Grund (IEP) für ein Phänomen (Nicht-Rekursivität) festzulegen? Nein, zu behaupten, das IEP erkläre Nicht-Rekursivität, ist eine sehr einfache und reduktionistische Sicht auf die (sprachliche) Welt. Lebensumstände, Kultur haben sicherlich einen Einfluss auf sprachliche Strukturen, aber sie wirken nicht monokausal, sondern sind in sehr komplexen Zusammenhängen zu sehen.
6 Wie gehen Sprachwissenschaftler vor?
Die Sprachwissenschaft ist eine Erfahrungswissenschaft. »An konkreten Sprechereignissen macht der Sprachforscher seine grundlegenden Beobachtungen und fixiert ihr Ergebnis in Erstsätzen der Wissenschaft«, so hat es Karl Bühler (1982: 15) treffend formuliert. Doch wie beobachten wir den Untersuchungsgegenstand ›Sprache‹?
Als kompetente Sprachteilnehmer können wir auf unsere eigene Sprachkompetenz zurückgreifen, man nennt dies die Methode der Introspektion. Und mit dieser Methode kann man eine Menge an interessanten Sprachdaten gewinnen und sie beurteilen. Es gibt aber auch Probleme mit dieser Methode. Sie ist natürlich völlig ungeeignet, wenn man Sprachdaten einer unbekannten Sprache erheben will. Wie schwierig in diesem Fall das Gewinnen von Sprachdaten sein kann, zeigen Untersuchungen zu Indianersprachen oder Aboriginee-Sprachen in Australien. In Australien mit seinen zahlreichen Ureinwohnersprachen ist es zunächst vonseiten des Staates nicht erlaubt, in die Gebiete der Ureinwohner einzudringen. Doch auch mit Erlaubnis ist der Zugang zu fremden Kulturen schwierig, wenn mit der Außenperspektive des Fremden in die Kulturen eingedrungen wird. Welche Schwierigkeiten sich bei der Feldforschung ergeben können, findet sich anekdotisch in einem äußerst lesenswerten Buch von Robert M. W. Dixon, der zahlreiche Arbeiten zum Dyirbal, einer nordostaustralischen Sprache, verfasst hat. Auf der Suche nach Informanten zum Dyirbal berichtet Dixon folgende Geschichte:
Then the old military gentleman cupped his hands to his mouth, put them three inches from Tommy’s ear, and bellowed, »He wants your language.«
»Oh, yes», said Tommy, »that good language. Jirrbal. They speak him all way back to Ravenshoe. All way down to Tully that language.«
»Would you mind if I asked you some?« I enquired.
»Do you know any language?« my translator shouted.
»No more«, replied Tommy, »my brother, he’s the one knows all that language. He know all words for animal, and bird. They never learn me all that. My brother the one all right.«
»Where could I find your brother then?« brought no response.
Again, Tommy’s neighbour come to my aid, whipping out each word like a cannon shot.
»Where. Is. Your. Brother?«
»Oh, my brother«, said Tommy – appearing surprised that we didn’t already know – »He dead. He died ten years ago.« (Dixon 1984: 47–48)
Zum Glück stellen sich solche Probleme kaum, wenn wir das Deutsche untersuchen. Können wir uns aber auf unsere Kompetenz bzgl. unserer eigenen Sprache immer verlassen? Weiß der Linguist bei seiner Muttersprache, was ein grammatisch korrekter Satz ist und was nicht? In einer Anmerkung berichtet Wolfgang Schindler, dass der von ihm diskutierte Hörbeleg dann hat er wirklich das Ziel verfehlt halt – im Gegensatz zu dann hat er halt wirklich das Ziel verfehlt – auf einer Fachtagung von einem bekannten Kollegen mit der Bemerkung kommentiert wurde, »dass manche Leute eben auch mal falsch sprächen« (Schindler 1995: 55, Anm. 2). Schindler bemerkt hierzu: »Der Leser möge beurteilen, ob hier ein Verstoß gegen eine Syntaxregel wie ›Platziere Abtönungspartikeln nur im Mittelfeld‹ vorliegt oder ob gesprochensprachlich bestimmte Abtönungspartikeln ohne Regelverstoß ›nachgeliefert‹ werden können« (ebd.). Hinter der nicht selten vorkommenden Einschätzung, dass das, was von der (welcher?) Norm abweicht, Performanz-, Sprechfehler seien, verbirgt sich ein doppelter Kompetenzbegriff. Zum einen werden ein idealisierter Sprecher und eine idealisierte Sprache zugrunde gelegt, das Reale und Empirische über die Performanz als »Abfalleimer« (Ballmer 1976: 27) der ›idealen Sprache‹ gegenübergestellt, zum anderen wird der kompetente Wissenschaftler dem Alltagssprecher und sprachwissenschaftlichen Laien qua Profession übergeordnet.
Um sicherzustellen, dass die Sprache in ihrer Breite und hinsichtlich bestimmter Phänomene erfasst werden kann, gibt es verschiedene Techniken der Sprachdatenerhebung (Interviews, Tests, teilnehmende Beobachtung usw.), mit denen Sprachkorpora für die Analyse aufgebaut werden können. In den letzten zehn Jahren hat die so genannte Korpuslinguistik, bei der Sprachkorpora systematisch analysiert werden, eine immer stärkere Bedeutung erfahren. Entscheidend ist, dass neben der Kompetenz des Sprachwissenschaftlers und seiner Expertise die Kenntnisse des Sprechers und sein Sprachgebrauch über die Sprachdatenerhebung in die Analyse einfließen und somit die Qualität der Analyse erhöhen.
Es gibt in der Sprachwissenschaft spezielle Erhebungstechniken und eine (und nur eine) davon ist die rasche und anonyme Datenerhebung, die aus zweierlei Gründen von William Labov (1966) in seiner berühmten Kaufhausstudie entwickelt wurde: 1. um möglichst natürliche Sprachdaten zu erheben und 2. um in kürzester Zeit eine große Anzahl von Daten zu gewinnen. Labov hält rasche und anonyme Beobachtungen »für die wichtigste Methode in einem linguistischen Forschungsprogramm, das die von gewöhnlichen Leuten bei ihren alltäglichen Verrichtungen benutzte Sprache zu ihrem wichtigsten Gegenstand macht« (Labov 1980: 48).
William Labov (*4.12.1927 in Rutherford, New Jersey)
William Labov, 1927 in Rutherford geboren, studierte in Harvard und arbeitete zunächst als Chemiker, bevor er sich der Linguistik zuwandte. Seine MA-Arbeit aus dem Jahre 1963, in der er sich mit dem Dialektwandel auf Martha’s Vineyard beschäftigte, wurde ebenso berühmt wie seine Dissertation (1963) zum Englischen in New York City. Er lehrte zunächst an der Columbia University (1964–1970) und anschließend an der University of Pennsylvania.
Verfolgt Labov in seinen ersten Arbeiten dialektologische Fragestellungen, folgt zwischen 1965 und 1968 ein großes Projekt zum Black Englisch, in dem auch pragmatische Aspekte des Sprachgebrauchs verfolgt werden. Die moderne Soziolinguistik und die sog. Variationslinguistik sind wesentlich durch die Arbeiten von Labov geprägt. Immer geht es ihm um sprachliche Variation und Alltagssprache, um Sprache im sozialen Kontext. »In den letzten Jahren hat sich eine linguistische Forschungsrichtung entwickelt«, so beginnt Labov seinen Aufsatz Das Studium der Sprache im sozialen Kontext, »die sich auf den Sprachgebrauch innerhalb der Sprachgemeinschaft konzentriert, wobei das Ziel eine Sprachtheorie ist, die es vermag, diese Gegebenheiten zu erklären. Diese Forschungsrichtung hat man zuweilen als ›Soziolinguistik‹ bezeichnet, obgleich das ein etwas irreführender Gebrauch eines merkwürdig redundanten Begriffs ist. Sprache ist eine Form sozialen Verhaltens« (Labov 1972: 123). Und: »Dieser Aufsatz wird das Studium der Sprachstruktur und Sprachentwicklung innerhalb des sozialen Kontextes der Sprachgemeinschaft behandeln. […] Wenn nicht die Notwendigkeit bestünde, diese Untersuchung gegen das Studium der Sprache außerhalb des sozialen Kontextes abzusetzen, würde ich es vorziehen zu sagen, daß es sich bei ihr ganz einfach um Sprachwissenschaft handelt« (ebd., S. 124).
Bei Labovs Untersuchung ging es um eine phonologische Fragestellung zum New Yorker Englisch im Rahmen der soziolinguistischen Erforschung der sprachlichen Verhältnisse in New York. Es ging ihm speziell um das Vorhandensein oder Fehlen von [r] in postvokalischer Position (car, four) und präkonsonantisch (fourth, card) und darum, wie die verschiedenen r-Aussprachen hinsichtlich sozialer und stilistischer Faktoren, aber auch nach phonetischen Faktoren (Was folgt dem r?) variieren. Seine Ausgangshypothese lautete, dass wenn zwei beliebige Untergruppen von New Yorker Sprechern auf einer Skala der sozialen Schichtung hierarchisch angeordnet sind, sie dann durch den unterschiedlichen Gebrauch des r in derselben Reihenfolge angeordnet sind. Um die sozialen Faktoren zu bestimmen, wählte Labov in einer ersten Pilotstudie drei unterschiedliche Kaufhäuser als Erhebungsorte aus, die in ihrem Rang und Status deutlich divergieren: ein Kaufhaus an der Fifth Avenue mit hohem Prestige (Saks), ein nach Preis und Prestige in der Mitte gelegenes (Macy’s) und ein billiges Kaufhaus (Klein), nicht weit von der Lower East Side. Labov trat nun an Angestellte in der Rolle eines Kunden heran und fragte sie nach einer Abteilung im vierten Stock. Die Antwort erfolgte in einem informellen Stil. Labov fragte anschließend noch einmal nach und erhielt gewöhnlich eine zweite, emphatische Äußerung ›Fourth floor!‹ (formeller Stil). Daraufhin notierte er die sprachlichen Realisierungen, verschiedene Daten zur Person und erfasste so folgende Merkmale: Kaufhaus, Stockwerk innerhalb des Kaufhauses, Geschlecht, Alter (geschätzt in Intervallen von fünf Jahren), Tätigkeit (Verkäufer, Kassierer etc.), Hautfarbe, Akzent. Neben den so ermittelten unabhängigen, außersprachlichen Variablen erhielt Labov den Gebrauch des [r] in vier verschiedenen Positionen: präkonsonantisch, auslautend, informell (zwanglos gesprochen), formell (emphatisch gesprochen). In kürzester Zeit ›interviewte‹ Labov auf diese Weise 264 Personen. Anschließend wurden die Sprachdaten statistisch ausgewertet, es wurde geprüft, ob und inwieweit der r-Gebrauch mit außersprachlichen Faktoren korreliert ist (Kap. 68).
Wie gut die Methode funktioniert, habe ich selbst von Schülern einer 10. Klasse eines Berliner Gymnasiums erfahren können. In einem kleinen Projekt sollten die Schüler das Berlinische untersuchen: Lautstand, Wortschatz, Grammatik. Auf die Frage, wie wir schnell authentische Sprachproben erhalten können, kam eine Gruppe von Schülern auf eine trickreiche Idee, die sie dann auch in die Tat umsetzte. Mit einem kleinen Aufnahmegerät bewaffnet stellten sie sich an Berliner U-Bahnhöfe und fragten Passanten: ›Die BVG plant die Fahrpreise demnächst zu verdoppeln, wie sehen Sie das?‹ Empörte Berliner sagten lautstark in ihrer natürlichen Umgangssprache ihre Meinung. An einem Nachmittag konnten die Schüler zahlreiche Sprachproben erheben, die sie anschließend teilweise verschrifteten und auswerteten.
7 Wer war die erste Professorin für Sprachwissenschaft in Deutschland?
Die Philologin und Sprachwissenschaftlerin Agathe Lasch war die erste Germanistikprofessorin in Deutschland. In seiner Rede vom 1. April 2004 zur Benennung eines Platzes in Berlin-Halensee nach Agathe Lasch sagte der damalige Berliner Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler: »Die meisten werden fragen: Wer war Agathe Lasch? Und ich hoffe, dass diese Platzbenennung dazu anregt, sich mit dieser Frau zu beschäftigen, denn sie hat uns auch heute noch viel zu sagen, und ihr Schicksal steht für den Teil unserer Geschichte, der nicht in Vergessenheit geraten darf.2«
Am 4. Juli 1879 in Berlin als drittes von fünf Geschwistern einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, wuchs sie in Berlin auf und legte 1906 am Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg ihr Abitur ab, nachdem sie zuvor das Lehrerinnenseminar besucht und mehrere Jahre an höheren Mädchen- und Fortbildungsschulen unterrichtet hatte. Sie studierte anschließend in Halle und Heidelberg Germanistik und promovierte 1909 bei Wilhelm Braune (1850–1926) mit der Arbeit Geschichte der Schriftsprache in Berlin bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, die 1910 als Buch erschien. Danach lehrte und forschte sie mehrere Jahre in den USA und erhielt einen Ruf als Associate Professor an die Frauenuniversität Bryn Mawr in Pennsylvania. Dort entstand auch ihre Mittelniederdeutsche Grammatik (1914). Im Herbst 1917 kehrte sie nach Deutschland zurück und habilitierte sich 1919 an der im selben Jahr neu gegründeten Hamburgischen Universität. Am 29. Juni wurde sie dort zum Professor ernannt, 1926 zur Außerordentlichen Professorin für niederdeutsche Philologie berufen. 1928 erschienen die ersten Teile des Mittelniederdeutschen Handwörterbuchs und die bis heute unübertroffene Arbeit zum Berliner Dialekt: Berlinisch. Eine berlinische Sprachgeschichte. Dort heißt es im Vorwort: »Meiner Vaterstadt Berlin haben meine ersten wissenschaftlichen Arbeiten gegolten. Es ist mir eine besondere Freude, daß ich jetzt, auch fern von Berlin, meiner Geburtsstadt meinen Dank und meine Anhänglichkeit beweisen darf« (Lasch 1928: IX). Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde sie am 30. Juni 1934 aus ihrem Amt entlassen, sie erhielt schließlich Publikationsverbot und wurde am 15. August 1942 nach Riga deportiert und vermutlich auf dem Weg dorthin ermordet.

Abb. 2: Agathe Lasch
8 Wer schrieb die erste Grammatik?
Die älteste erhaltene Grammatik verfasste der indische Grammatiker Pā
ini
der vermutlich im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. lebte. Er schrieb ein Regelwerk zum Sanskrit, einer historischen indoiranischen Sprache, in erster Linie eine Liturgiesprache im Hinduismus. Der Hauptteil von Pā
inis Werk ist das acht Kapitel umfassende A
ādhyāyī, in dem Lautregeln, Verbwurzeln und -basen behandelt werden, ebenso komplexe Verbindungen, Wort- und Formenbildungen. Der bekannte Sprachwissenschaftler Leonard Bloomfield (1887–1949) charakterisierte Pā
inis Arbeit als »one of the greatest monuments of human intelligence« (Bloomfield 1933: 11).
Pā
inis Grammatik wurde von dem Indologen Otto Nicolaus von Böhtlingk (1815–1904) zwischen 1839 und 1840 herausgegeben und hatte für die Indogermanistik und Allgemeine und Vergleichende Sprachforschung eine große Bedeutung. Für die moderne Linguistik hat Pā
ini nur noch historischen Wert, aber einzelne Begriffe aus seiner Sanskrit-Grammatik sind heute Fachbegriffe.
Sandhi (
sa
dhi ›Zusammengesetztes‹) bezeichnet einen lautlichen Änderungsprozess, wenn zwei Wörter (Morpheme) aufeinandertreffen. Dem Wort Sandhi selbst liegt ein solcher Prozess zugrunde, es ist zusammengesetzt aus sám (zusammen) + dhi (setzt) → sandhi; der Labiallaut m gleicht sich dem d an, indem der Artikulationsort von d (alveodental) auf m übertragen wird und so aus m der Laut n wird. Ein anderes Phänomen ist das des Tonsandhi, dem man beim Chinesischlernen rasch begegnet. Das Chinesische ist eine Tonsprache (s. Kap. 40). Das Wort n
(
) ›du‹ wird im Fall-Steig-Ton ausgesprochen wie auch das Wort h
o (
) ›gut‹. Nun gibt es eine Regel, die besagt, dass wenn zwei aufeinanderfolgende Silben im Fall-Steig-Ton gesprochen werden, die erste im Steig-Ton gesprochen wird. N
h
o ›guten Tag‹ wird also ní h
o gesprochen, die Folgesilbe beeinflusst die vorangehende Silbe hinsichtlich des Tones. Allerdings wird dies in der Alphabetschrift Pinyin normalerweise nicht angezeigt.

Abb. 3: Sanskrit-Handschrift aus dem 9. Kapitel des 2. Buches Śrīmad-Bhāgavata-Purāņa
Sprache und Sprachen
9 Wie viele Sprachen gibt es auf der Welt?
Die meistgenannte Zahl ist ca. 6500. Eine genaue Festlegung ist allerdings kaum möglich, da zum einen nicht alle Sprachen erfasst sind (z.B. im Amazonasgebiet) und zum anderen sich die Frage stellt, was eine Sprache und was eine Sprachvariante ist. Ist das Schweizerdeutsche eine eigene Sprache oder eine Variante des Deutschen?
Die für Sprachwissenschaftler wichtigste Quelle ist die nunmehr in 16. Auflage vorliegende Ethnologue-Enzyklopädie (Lewis 2009). Dort sind 6909 Sprachen aufgelistet, 473 der Sprachen gelten als stark bedroht. Das Chinesische (Mandarin) ist die Sprache mit den meisten Muttersprachlern, das Deutsche steht an 10. Stelle (vgl. Tab. 1).
| Sprache | Anzahl Muttersprachler |
| 1. Chinesisch | 1.213.000.000 |
| 2. Spanisch | 329.000.000 |
| 3. Englisch | 328.000.000 |
| 4. Arabisch | 221.000.000 |
| 5. Hindi | 182.000.000 |
| 6. Bengali | 181.000.000 |
| 7. Portugiesisch | 178.000.000 |
| 8. Russisch | 144.000.000 |
| 9. Japanisch | 122.000.000 |
| 10. Deutsch | 90.300.000 |
Tab. 1: Verteilung der Sprachen nach Muttersprachlern (nach Lewis 2009)
Die meisten Sprachen gibt es in Papua-Neuguinea (890), an zweiter Stelle steht Indonesien mit 790 Sprachen, an dritter Nigeria mit 514 Sprachen, es folgt Indien mit 445 Sprachen. Da die meisten Sprachen von weniger als 5000 Menschen gesprochen werden, geht man davon aus, dass ein Großteil der Sprachen aussterben wird und in 100 Jahren vielleicht nur noch 600 Sprachen existieren. Gründe hierfür liegen in Nationalisierungs- und Globalisierungsprozessen. In Deutschland gelten 13 Sprachen als gefährdet, darunter das Sorbische und Saterfriesische. In der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen von 1992 haben sich die europäischen Staaten verpflichtet, ihre Regional- und Minderheitensprachen zu wahren und zu fördern.
10 Welche sprachlichen Grundtypen gibt es?
Seit Wilhelm von Humboldt (1767–1835) und August Wilhelm von Schlegel (1767–1845) gibt es den Versuch, die Sprachen der Welt in Grundtypen einzuteilen. Die entscheidenden Kriterien, nach denen Sprachen grundlegend klassifiziert wurden, sind der Formenreichtum, der Reichtum an Strukturen und die Art und Weise, wie diese Strukturen aufgebaut werden. In neueren Arbeiten ist dies insbesondere von Josef Greenberg (1915–2001) verfeinert worden (s. auch Kap. 16), an dieser Stelle soll es allein um die sprachlichen Grundraster gehen.
Eine erste Unterscheidung ist die in analytische bzw. isolierende Sprachen und synthetische Sprachen. Eine isolierende Sprache weist keine oder geringe Formenbildung auf. Der Prototyp einer isolierenden Sprache ist das klassische Chinesisch, wie Beispiel (1) von Sīm
Qiān (145 v. Chr.–90 v. Chr.) zeigt. Auch das moderne Chinesisch ist weitgehend isolierend (2).
| (1) | L o | rén | ér | tí |
| alt | Mensch | Kind | wein | |
| Die alten Menschen weinten wie Kinder. | ||||
| (2) | Tā sòng | tā yī | běn | shū |
er schenk er ein KL Buch [tā = ›er‹] | ||||
| Er schenkt ihm ein Buch. | ||||
Die Wörter treten im Satz ›isoliert‹ auf, d.h. es gibt – anders als im Deutschen – keine Endungen, die Kasus, Numerus, Tempus oder Aktiv/Passiv anzeigen (vgl. 3).
| (3) | Er | schenk-t-e | ihm | ein | Buch |
| er.Nom | schenk-Prät-3s | er.Dat | ein.Akk | Buch.Akk |
Sprachen wie das Deutsche nennt man flektierende (›beugende‹, von lat. flectere ›beugen, biegen‹) Sprachen. Sie verändern sich in Abhängigkeit von Parametern wie Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) beim Substantiv und z.B. nach Tempus und Numerus beim Verb. Es tritt eine Reihe von Endungen auf, die grammatische Informationen tragen, wobei meistens keine Eins-zu-eins-Beziehung von Form und Funktion besteht. Ein Buch in (3) hat den Akkusativ, da die Wortgruppe als direktes Objekt auftritt, aber in dem Satz Ein Buch ist etwas Großartiges hat die gleiche Wortgruppe den Nominativ, denn sie nimmt die Funktion des Subjekts im Satz ein. Nominativ und Akkusativ sind hier also nicht zu unterscheiden, es liegt Formengleichheit vor (Fachterminus: Synkretismus). Zu den flektierenden Sprachen gehören u.a. die germanischen, romanischen und slawischen Sprachen.
Sprachen, bei denen eine eindeutige Beziehung zwischen Form und Funktion der Endungen vorliegt, nennt man agglutinierende Sprachen (lat. agglutinare, ›zusammenkleben‹). Sie gehören wie die flektierenden Sprachen zu den synthetischen Sprachen. Das Türkische ist eine typische agglutinierende Sprache (s. Tab. 2). Die besitzanzeigenden Endungen haben nach Person und Numerus eine eindeutige Form, das -i in evi (›sein/ihr Haus‹) kodiert die Information 3. Person Singular Possessivum, das -m in evim ›1. Person Singular Possessivum‹; das -i zwischen ev und -m ist ein Bindevokal, der die Aussprache erleichtert und die einfache Silbenstruktur des Türkischen aufrechterhält (zur Silbenstruktur s. Kap. 41). Im Türkischen gibt uns die Endung -lar die Information Plural, wir können nun bilden: okul (Schule) + lar + i-m → okullarim ›meine Schulen‹.
| Singular | Plural | |
| 1. Person | ev-i-m | ev-i-miz |
| 2. Person | ev-i-n | ev-i-niz |
| 3. Person | ev-i | ev-leri |
Tab. 2: Possessivendungen im Türkischen ( ev = Haus)
Zum vierten Sprachbautyp gehören die polysynthetischen Sprachen. Sie sind den flektierenden ähnlich, aber es werden noch mehr Endungen (genauer: Affixe, s. Kap. 43) gebunden, die häufig weiter verschmelzen. Die einzelnen Wörter sind extrem komplex und dicht gepackt. Sätze haben die Tendenz, aus wenigen komplexen Wörtern zu bestehen. Die Indianersprachen der Nordwestküste Amerikas, wie das Nuu-chah-nulth (4,5), sind typische polysynthetische Sprachen. (In der obersten Zeile ist die gesprochene Form gegeben, die in der zweiten Zeile nach Bedeutungsbausteinen aufgelöst ist.)
| (4) | qa ši a ma | atuš i |
qa -ši -‘a -ma | a tuš- i | |
| tot-Perf-Temp-Ind | Hirsch-ART | |
| Der Hirsch starb. | ||
| (5) | iči a ma | qwayaċi k i |
i-či -’a -ma-ah | qwayaċi k- i | |
| schieß-Perf-Temp-Ind-1s | Wolf-ART | |
| Ich schoss (auf) den Wolf. |
Polysynthetische Sprachen haben eine Tendenz zur Inkorporation (s. 6). Damit ist gemeint, dass freie Wörter in ein anderes Wort integriert werden, insbesondere Substantive in das Verb. Im Deutschen tritt dieses Phänomen auch auf, z.B. wird aus der Verbindung die Ehe brechen das Verb ehebrechen. Das Bella Coola, das an der Pazifikküste Kanadas in British Columbia noch von etwa hundert älteren Personen gesprochen wird, ist eine polysynthetische Sprache, die zudem stark inkorporierende Züge aufweist. So können Körperteilbezeichnungen als Endungen in das Verb integriert werden (6):
(6) kma-ank-u
ik-ak-
-tx
schmerzen-Seite-Rücken-Hand/Arm-ich/mein-ART
Die Seite meines Handrückens schmerzt.
Sprachen, die stark inkorporieren, heißen inkorporierende Sprachen. Die unterschiedlichen Grundtypen treten praktisch nie in ›reiner‹ Form auf. Es handelt sich um eine Grobklassifizierung mit prototypischen Eigenschaften. Dennoch bilden sie ein ganz gutes Raster, und wenn man sich jeweils eine typische Sprache aus diesen Grundtypen genauer angesehen hat, dann kann einen im Hinblick auf linguistische Strukturen kaum noch eine Sprache überraschen.
11 Welche ist die schwierigste Sprache der Welt?
Wenn man unter ›schwierig‹ versteht, dass etwas viel Kraft, Mühe, große Anstrengung erfordert, und wenn man Mark Twains Ausführungen in seinem Reisebericht Die schreckliche deutsche Sprache folgt, dann ist das Deutsche die am schwersten zu erlernende Sprache. Denn: »Nach meiner Erfahrung braucht man zum Erlernen des Englischen 30 Stunden, des Französischen 30 Tage, des Deutschen 30 Jahre. Entweder reformiere man also diese Sprache, oder man lege sie zu den toten Sprachen, denn nur die Toten haben heutzutage noch Zeit genug, sie zu erlernen« (Twain o.A.: 161).
Ob eine Sprache schwer oder leicht zu erlernen ist, hängt von ihrer Komplexität ab und von den Ausgangsvoraussetzungen. Für jemanden, der Latein gelernt hat, ist es leichter, eine romanische Sprache zu lernen, als für jemanden, der es nicht gelernt hat. Ein Muttersprachler des Dänischen wird das auf dem Dänischen basierende Bokmål, eine der beiden Standardsprachen Norwegens, leichter erlernen als ein Muttersprachler des Tibetischen. Von daher kann man nicht bestimmen, welche die schwierigste Sprache der Welt ist. Aber als Faustregel kann man festhalten: Je stärker eine zu erlernende Sprache von den muttersprachlichen Strukturen abweicht, desto schwieriger ist es, sie zu erlernen.
Es gibt noch einen zweiten Aspekt, der zu berücksichtigen ist: die Komplexität. Eine Sprache, die statt vier Kasus wie das Deutsche (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) 15 Kasus hat wie das Finnische, ist im Hinblick auf diese Kategorie komplexer, und höhere Komplexität erfordert in der Regel eine erhöhte Lernanstrengung. Allerdings gibt es nicht die komplexeste Sprache, da immer nur einzelne Teilstrukturen komplexer oder weniger komplex sind. Also auch von daher gibt es nicht die schwierigste Sprache der Welt – vielleicht mit einer Ausnahme: das Ithkuil.
Das Ithkuil ist eine von dem Amerikaner John Quijada konstruierte Sprache (s. auch Kap. 18), die linguistisch so komplex ist, dass sie schwer zu erlernen ist. Das Ithkuil verfügt über 65 Konsonanten, 17 Vokale, 13 Diphthonge (wie au) und 7 Töne. Es gibt 81 Kasus, 200 konsonantische Suffixkategorien mit neun Graden, sodass 1800 unterschiedliche Suffixkategorien gebildet werden können. Das Basislexikon besteht aus 16200 Stämmen, die aus 900 Wurzeln abgeleitet sind (1). Im Schriftsystem ist lautliche und morphologische Information kodiert, die Schreibrichtung ist wie bei alten griechischen Inschriften bustrophedonal (von gr. bous ›Ochse‹ und strephein ›wenden‹ = wie der Ochse pflügt), d.h. sie geht von links nach rechts und von rechts nach links. So weit nur einige Punkte.
(1) Ai’tilafxup embuliëqtuqh.
DYN-CTX/ASR/PPS-RCP-‘sprech-NRM/PRX/N/ASO/CST-SIM1/9-IFLSTA-‘land’-IND-NRM/DEL/M/CSL/UNI-MET1/6-INL1/9-IFL
Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
[wörtlich: Jede Person im Land sprach die Sprache in gleicher Art zueinander.]
Der feinen Differenzierung und Detaillierung sowie dem logischen Aufbau des Ithkuil liegt die Idee zugrunde, eine Sprache zu konstruieren, die möglichst eindeutig ist und in der Vagheit so weit als möglich ausgeschlossen werden kann: »Natural human languages are notorious for their semantic ambiguity, polysemy (multiple meanings for a given word), semantic vagueness, inexactitude, illogic, redundancy, and overall arbitrariness. Theoretically, it should be possible to design the language to minimize these various characteristics in favor of greater semantic precision, exactitude, and specification of a speaker’s cognitive intent« (Quijada 2011: Introduction5). Das Ithkuil ist eine formalisierte Sprache auf der Folie linguistischer Prinzipien natürlicher Sprachen. Ob es überhaupt möglich ist, eine ›exakte‹ Sprache zu konstruieren, ist ein Problem, das eine lange Tradition hat (s. hierzu Kap. 99).

Abb. 4: Ornamentalschrift des Ithkuil4
12 Hat nur der Mensch Sprache?
In dem Science-Fiction-Roman Sternenflut von David Brin werden Delfine genetisch manipuliert (»geliftet«), um in Koexistenz mit den Menschen spezifische Aufgaben übernehmen zu können. Die Delfine beherrschen drei Sprachen: das Primal, die Ursprache der Delfine, eine einfache Sprache, die die Spezies untereinander und in bestimmten Situationen (Gefahr: Hilferufe) ›spricht‹. Das Trinär ist eine Haiku-artige Sprache, deren Symbolhaftigkeit sich einer sachlichen Logik entzieht und die primär in der Kommunikation mit den Menschen angewandt wird, mit entsprechenden Interpretationsproblemen. Das Anglische als die Englisch-Variante der zukünftigen Menschen ist die dritte Sprache, die von den Delfinen allerdings nur rudimentär ›gesprochen‹ wird.
So weit die Fiktion. Doch auch wenn sich die Spezies der Delfine vom Menschen und an Land lebenden Säugetieren stark unterscheidet und folglich die Kommunikationsformen abweichen – Delfine und andere Walarten verfügen über keinen Gesichtsausdruck und mimische Gesten –, so zeigen Untersuchungen (Lilly 1969), dass Delfine über hochfrequente Signale Informationen austauschen und durch ihre Körpersprache Gemütsverfassungen mitteilen. Delfine haben multimodale Imitationsfähigkeiten. Die akustischen Signale, die vom Menschen als Pfeif-, Grunz- und Quietschlaute wahrgenommen werden, dienen zur Koordinierung der Jagd, der Kommunikation beim Paarungsverhalten, zur Abwehr von Feinden etc. Jeder Delfin verfügt über einen Idiolekt und Delfingruppen entwickeln eigene Dialekte. Und Delfine sind wie Schimpansen in der Lage, eine Zeichensprache zu lernen. Bei Experimenten konnte bewiesen werden, dass Delfine bis zu 60 Einzelzeichen erlernen, die sie zu drei Zeichenverbindungen kombinieren können. Ein Delfin ist in der Lage, die Einzelzeichen ›Ball‹, ›Reifen‹, ›holen‹ in der Zeichenfolge ›Ball – holen – Reifen‹ als Befehl ›Hole den Ball und bringe ihn zum Reifen‹ und die Zeichenfolge ›Reifen – holen – Ball‹ als ›Hole den Reifen und bringe ihm zum Ball‹ zu interpretieren. Offensichtlich werden die Zeichensequenzen als eine Handlungsanweisung des Typs ›Bewege das Objekt X zum Zielpunkt Y‹ verstanden. In einer jüngsten Studie konnte bei einem Weißwal erstmals das Nachahmen menschlicher Stimmen nachgewiesen werden. Die um Oktaven tiefer liegenden menschlichen Lautstrukturen erzeugte der Wal »by varying his nasal tract pressure and making concurrent muscular adjustments of the vibrating phonic lips while over-inflating vestibular sacs« (Ridgway et al. 2012: R861).
Neben den Walen sind Schimpansen kleine Sprachkünstler, die nicht nur durch die Fähigkeit des Nüsseknackens und Termitenangelns beeindrucken, sondern vermutlich gerade wegen des Gebrauchs von Werkzeugen auch Sprachfähigkeiten entwickelt haben. Motorisch sind Schimpansen nicht in der Lage zu sprechen, da die Anatomie des Kehlkopfs, der Zunge und des Gaumens nicht zur Artikulation der Sprache geeignet sind. Wie aber Untersuchungen seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts beweisen, sind Schimpansen kognitiv in der Lage, sprachlich, wenn auch nicht lautsprachlich zu kommunizieren. Berühmt ist die Schimpansin Washoe, die in der ›American sign language (ASL)‹ unterrichtet wurde. Washoe erlernte innerhalb von vier Jahren 132 ASL-Zeichen und konnte diese in neue Kontexte sinnvoll einsetzen.
Eine zweite Berühmtheit ist Sarah, die 130 Wortsymbole unterscheiden und diese auf einer Magnettafel zu sinnvollen Einheiten zusammensetzen konnte. Die Psychologen, die Sarah trainiert hatten, stellen fest: »Verglichen mit einem zweijährigen Kind kann Sarah sich in der Sprachfähigkeit durchaus behaupten« (Premack/Premack 1972: 430). Ein wesentlicher Einwand gegen Schlussfolgerungen dieser Art war jedoch die Tatsache, dass die Schimpansen in Experimenten und über Belohnungssysteme die Sprache antrainiert bekommen hatten, sie waren konditioniert. Dies wäre mit keinem natürlichen Spracherwerb wie bei Kindern vergleichbar. Und diese berechtigte Kritik relativiert die Ergebnisse in der Tat. Doch dann erscheint Anfang der 80er Jahre Kanzi auf der Bildfläche der Primatenforschung.
Kanzi, Sohn eines sprachtrainierten Bonoboweibchens namens Matata, kam im Alter von sechs Monaten mit graphischen Symbolen, Gesten und gesprochener Sprache in Kontakt. Anders als in den Vorgängerstudien wurde er jedoch nicht konditioniert, sondern es blieb bei Angeboten und Ermunterungen. Das Ergebnis war überraschend. Kanzi erwarb die Kompetenz, Einwort- und Mehrwortsätze zu produzieren, und ein Vergleich mit den rezeptiven sprachlichen Fähigkeiten eines zweijährigen Mädchens ergab Ähnlichkeiten (Savage-Rumbaugh et al. 1993). Savage-Rumbaugh, die Primatologin, die mit Kanzi arbeitete, zog daraus die Schlussfolgerung, dass wir unsere Sichtweise auf das »Lebewesen Affe revidieren müssen. Wenn Affen Sprache auf die gleiche Art wie Menschen – das heißt ohne besonderen Unterricht – erwerben können, dann bedeutete das, daß der Mensch keine einzigartige Form von Intelligenz besitzt, die sich grundlegend von der aller Tiere unterscheidet. Vielleicht war es für den Homo sapiens ein besonderes Geschehen, daß er sprachähnliche Laute hervorbringen oder Werkzeuge herstellen konnte, aber das bedeutet nicht, daß er die Dinge auf einer ganz anderen Ebene verstand als die übrigen Lebewesen« (Savage-Rumbaugh/Lewin 1995: 159).
Trotz Kanzis Sprachfähigkeiten besteht zwischen diesen und der menschlichen Sprachfähigkeit nicht nur ein gradueller, sondern ein qualitativer, kategorialer Unterschied. Aber dennoch: Das sprachliche Potenzial bei Affen lässt den Schluss zu, dass subhumane Primaten über protosprachliche Fähigkeiten verfügen. Diese können als ein wichtiger Aspekt der Sprachevolution und als Ausgangspunkt der Phylogenese der menschlichen Sprache gesehen werden.
13 Über den Ursprung der Sprache
Dass Sprache ihren Ursprung nicht vom Menschen habe, dies nachzuweisen war der Versuch des deutschen Pfarrers Johannes Peter Süßmilch (1707-1767) in seiner 1766 publizierten Schrift Versuch eines Beweises, daß die erste Sprache ihren Ursprung nicht vom Menschen, sondern allein vom Schöpfer erhalten habe, in der academischen Versammlung vorgelesen und zum Druck übergeben. Ausgangspunkt seiner Argumentation bildet die Überlegung, dass die Sprache so vollkommen sei, dass nur der Schöpfer dieses Wunderwerk habe vollbringen können. Mit und seit der natur- und sprachwissenschaftlichen Betrachtung von Sprache wird nicht Gott als Schöpfer, sondern die Evolution als zentraler Entwicklungsfaktor von Sprachfähigkeit gesehen. In einer modernen Fassung lautet die evolutionstheoretische Hypothese wie folgt: »Social communication has been around for as long as animals have interacted and reproduced sexually. Vocal communication has been around at least as long as frogs have croaked out their mating calls in the night air. Linguistic communication was an afterthought, so to speak, a very recent and very idiosyncratic deviation from an ancient and well-established mode of communicating« (Deacon 1997: 52). Sprachentwicklung wird als ein Adaptions- und Selektionsprozess begriffen: »Instead of approximating an imaginary ideal of communicative power and efficiency, or following formulae derived from an alleged set of innate mental principles, language structures may simply reflect the selection pressures that have shaped their reproduction« (ebd. S. 111).
Es sind besondere Entwicklungsschritte, die in Zusammenhang mit der Sprachentwicklung, der Phylogenese von Sprache gesehen werden:
1. Die Vergrößerung des Gehirns auf 700 bis 1300 Kubikzentimeter beim Homo erectus gegenüber dem Homo habilis. Eine Hypothese lautet, dass die Sprachentwicklung die Ursache für das Gehirnwachstum sei, eine andere, dass das Gehirnwachstum Sprachentwicklung bedingt (vgl. Kap. 74), eine dritte, dass Gehirnwachstum und Sprachentwicklung interdependent verliefen.
2. Der Nachweis des motorischen Sprachzentrums (Broca-Zentrum) durch Endocraniumabdruck eines Homo-erectus-(Sinanthropus-)Schädels (Zhoukoudian).
3. Die Veränderung des Stimmtrakts, nämlich eines tief liegenden Kehlkopfs. Der Stimmtrakt des Steinheim-Menschen (vor 300 000 Jahren), so zeigt die Rekonstruktion, ist unserem heutigen sehr ähnlich. Damit sind gegenüber anderen Primaten alle Voraussetzungen für artikulierte Sprache gegeben.
4. Die Rückbildung der Kiefermuskulatur hat dazu beigetragen, dass »die für das Sprechen erforderlichen Bewegungen des Unterkiefers im Laufe der Evolution immer besser kontrolliert werden konnten« (Carroll 2008: 262).
5. Die Schimpansenforschung zeigt, dass auch andere Primaten über Sprachfähigkeit verfügen (s.u. und Kap. 12). Dieser Punkt ist besonders interessant, da in der Primatenforschung die Schnittstelle von menschlicher und nicht-menschlicher Sprachfähigkeit besonders gut untersucht werden kann und zahlreiche Ergebnisse aus empirischen Studien vorliegen.
Johann Gottfried von Herder (*25.8.1744 in Mohrungen, †18.12.1803 in Weimar)
Herder hat als Philosoph, Dichter und Übersetzer zusammen mit Goethe, Schiller und Wieland das ›Viergestirn‹ der Weimarer Klassik bildend, die deutsche Klassik und Romantik wesentlich beeinflusst, und er hat die deutsche Sprach- und Geschichtswissenschaft mit begründet.
Neben seinem Frühwerk Fragmente über die neuere deutsche Literatur (1766/67) und der 1773 herausgegebenen Sammlung programmatischer Schriften unter dem Titel Von deutscher Art und Kunst, die für die deutsche Literatur von großer Bedeutung waren, ist es seine Abhandlung Über den Ursprung der Sprache (1772), die für die Sprachwissenschaft paradigmenbildend war. Gegen Süßmilchs Position, die Sprache sei von Gott gegeben (s. Text), vertritt Herder die Meinung, dass »Gott durchaus für die Menschen keine Sprache erfunden [hat], sondern diese haben immer noch mit Würkung eigner Kräfte, nur unter höherer Veranstaltung, sich ihre Sprache finden müssen« (Herder 1772: 63). Vielmehr finde sich der Ursprung der Sprachen in den »wilden Tönen freier Organe« (ebd. S. 18), wie sie auch bei Tieren zu finden sind.
Was aber unterscheidet die menschliche Sprache von der tierischen Lautgebung? »Der Mensch, in den Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Besonnenheit (Reflexion) zum erstenmal frei würkend, hat Sprache erfunden« (ebd. S. 52). Und: « − die Sprache ist erfunden! Eben so natürlich und dem Menschen nothwendig erfunden, als der Mensch ein Mensch war« (ebd. S. 56).
Der Anthropologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, vertritt die These, dass erste Formen menschlicher Kommunikation in Zeigegesten und in der Nachahmung liegen und dass Gesten von Affen »are the original font from which the richness and complexities of human communication and language have flowed« (Tomasello 2008: 55). Der symbolischen Kommunikation geht die gestische, deiktische Kommunikation voraus, und sie kann rückgebunden werden auf nichtmenschliche, gestische Kommunikation der höheren Primaten. Es gibt zwei grundsätzliche Typen von Affengesten: Intentionalitätsgesten, z.B. Arm-Heben, um das Spiel zu initiieren, und Aufmerksamkeitsgesten. Der kommunikative Akt von Affengesten ist der folgende: »check the attention of other > walk around as necessary > gesture > monitor the reaction of other > repeat or use another gesture« (ebd. S. 33). Während Intentionalitätsgesten eine soziale Intention ausdrücken im Sinne von ›Gestengeber (G) will, dass der Rezipient (R) die durch die Geste ritualisierte Bedeutung tut‹, drücken Aufmerksamkeitsgesten aus, dass G will, dass R etwas sieht, und dies hat möglicherweise die Bedeutung, dass G R etwas tun lassen will. Über die gestische Kommunikation hinaus, die auch für die menschliche Kommunikation basal ist – der Leser achte einmal darauf, wie oft er mit dem Finger auf etwas zeigt, um bestimmte Intentionen auszudrücken, z.B. beim Einkauf –, sind Affen in der Lage, mit Menschen symbolisch zu kommunizieren. Die Forschungen von Susan Savage-Rumbaugh zu Zwergschimpansen (Bonobos) zeigen (s. Kap. 12), dass diese einen Wortschatz von 150 Wörtern erwerben können und Wörter in Form von Bildsymbolen zu Zwei- und Dreiwortsätzen kombinieren können, und sie sind dabei kreativ. Bonobos also haben die Fähigkeit, einfache sprachliche Systeme zu lernen, sie entwickeln aber diese nicht spontan. Was unterscheidet qualitativ die Sprachfähigkeit des Menschen von anderen Primaten und anderen Tieren (Delfinen, Papageien)? Was sprachliche Kommunikation einzigartig macht, ist nach Tomasello die Fähigkeit der kooperativen Kommunikation, der Wir-Intentionalität. Sowohl Sprecher als auch Hörer wissen, dass sie die gleiche Konvention in der gleichen Art und Weise gebrauchen, sie (glauben zu) verfügen über ein gemeinsam geteiltes Wissen: A weiß, dass B weiß, dass A weiß, dass X. Wenn A B auffordert, Y zu tun, dann glaubt er zu wissen, dass B weiß, dass A weiß, was die Aufforderung umfasst. Und in Bezug auf das sprachliche Zeichensystem (s. hierzu Kap. 19) ist entscheidend der Übergang zur symbolischen Kommunikation, zur Kommunikation mit arbiträren Zeichen.
Für Tomasello ist Sprache entstanden im Prozess der Soziogenese, im Prozess der ›kumulativen kulturellen Evolution‹. Hier gibt es zwei Grundformen, wodurch in sozialen Interaktionen etwas Neues entstehen kann. Die erste umschreibt Tomasello mit dem Begriff ›Wagenhebereffekt‹. Eine Innovation, sei es bei der Werkzeugherstellung bzw. dem Gebrauch von Werkzeugen oder der symbolischen Kommunikation, wird an spätere Benutzer weitergegeben, und die soziale Tradierung verhindert (stützend wie ein Wagenheber), dass die Benutzer hinter die neue Praxis zurückfallen. Die Innovation kann durch einen Einzelnen oder, und dies wäre die zweite Art der Soziogenese, durch die Zusammenarbeit von zwei oder mehreren Individuen entstehen. Konstruieren wir ein Szenario, in dem beide Formen der Zusammenarbeit gemeinsam auftreten. Nehmen wir an, eine Gruppe von Hominiden gebrauchte eine Zeigegeste kombiniert mit der Lautgeste ko, um vor einer größeren Raubkatze zu warnen. Aufgrund des Stadiums der Werkzeugherstellung waren sie zunächst nicht in der Lage, sich gegen Löwen zu verteidigen oder gar sie zu jagen. Eines Tages kommt ein Individuum auf die Idee, einen Steinabschlag und einen Stock zu einem Speer zu kombinieren, um Tiere zu jagen, nachdem es vergeblich versucht hatte, eine Schlange zu erlegen. Es stellt also den Speer her und zeigt den anderen Gruppenmitgliedern, wie seine neue Erfindung funktioniert. Die anderen imitieren sein Handeln, so dass sich eine kulturelle Praxis des (zunächst) Kleintierjagens per Speer entwickelt, die auch von den Jüngeren gelernt und später an ihre Kinder weitergegeben wird. Über einen gewissen Zeitraum wird der Speer verbessert, so dass auch größere Tiere gejagt werden können, um den Stamm ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Auf der Suche nach Wild hört eine Gruppe von Jägern einen Löwen, von dem sie glauben, dass er derjenige sein muss, der bereits zwei ihrer Stammesmitglieder getötet hat. Die Jäger, die gelernt haben, ihre Jagdhandlungen zu koordinieren, flüstern ko und schauen in die Richtung, wo sie den Löwen vermuten. Durch Handzeichen koordinieren sie ihr gemeinsames Handeln, pirschen sich an und erlegen den Löwen. Sie ziehen dem Löwen das Fell ab und nehmen es mit zurück zu dem Platz, wo der Stamm lagert. Die Jäger legen das Löwenfell auf den Boden, tanzen im Kreis um das Fell herum, stoßen immer wieder mit den Speeren in Richtung des Löwenfells und rufen ko, ko.
Mit dieser – zugegebenermaßen klischeeartigen und konstruierten – Darstellung soll verdeutlicht werden, wie sich im Sinne von Tomasello der Vorgang kumulativer kultureller Evolution denken lässt:
1. Das oben bezeichnete Individuum (I) löst ein Problem, indem es den Nutzen zweier Artefakte (Steinabschlag, Stock) zu einem neuen Gebrauch und Nutzen kombiniert. Dabei muss sich I deren Gebrauch und Nutzen vorstellen und im Hinblick auf die gegenwärtige Problemlösung modifizieren. Die Erfindung wird durch Imitationslernen weitergegeben und durch soziale Praxis (Jagen) tradiert. Nachdem diese etabliert ist, wird das Artefakt verbessert für eine modifizierte soziale Praxis (Jagen von Großtieren).
2. Das Artefakt wird für eine weitere Problemsituation genutzt, nämlich nicht mehr allein für das Erjagen von Tieren zur Nahrungsbeschaffung, sondern um sich eines gefährlichen Tieres zu erwehren. Hierbei wird die soziale Praxis durch ein gemeinsames Handeln in der Gruppe modifiziert. Das gemeinsame Handeln erfolgt auch
3. auf der Ebene der sprachlichen Kommunikation. Im Ursprung war das Lautzeichen ›ko‹ eine vokalische Geste, ein indexikalisches Zeichen (s. Kap. 19) für von Raubkatzen ausgehende Gefahr. In der Jagdsituation findet eine leichte Modifikation statt: Durch ko wird der Löwe thematisiert und durch die Blickgeste lokalisiert. In der rituellen Verarbeitung schließlich wird zwischen dem Löwenfell (partonym für Löwe) und ko eine Verbindung hergestellt. In dem fiktiven Szenario entsteht eine Verbindung zwischen einem Inhalt (Löwe) und einer Lautform (ko). Anders formuliert: Es entsteht symbolische Kommunikation.
Dass neue Formen des kulturellen Lernens und der Soziogenese möglich wurden, die kulturelle Artefakte und Verhaltensweisen hervorbrachten, in denen sich Veränderungen über eine historische Zeitspanne akkumulieren konnten, dies sieht Tomasello in folgendem zentralen Faktor: »Der moderne Mensch entwickelte die Fähigkeit, sich mit seinen Artgenossen zu identifizieren, was dazu führte, daß er sie als intentionale geistbegabte Wesen wie sich selbst auffaßte« (Tomasello 2006: 22). Die in der fiktiven Geschichte dargestellten Lernprozesse setzen eine Form sozialer Kognition voraus, nämlich dass die Mitglieder der Stammesgemeinschaft »nicht nur vom anderen, sondern auch durch den anderen lernen können« (ebd., S. 17). Sprachliche Symbole seien nun besonders geeignete symbolische Artefakte, um Kategorisierungen und Perspektiven auf die Welt vor- bzw. einzunehmen.
Für Tomasello ist entscheidend die kulturelle Weitergabe, die kulturelle und nicht die biologische Vererbung: Sprache ist eine aus sozio-kommunikativen Handlungen entwickelte symbolisch verkörperte soziale Institution. Anders als Chomsky (s. auch Kap. 4) geht er nicht von angeborenen Prinzipien der Sprache, ›verborgenen Prinzipien und Parametern‹ und kognitiven Modulen aus, sondern von allgemeinen kognitiven Fähigkeiten. Das Inventar von Symbolen und Konstruktionen einer Sprache »gründet in universalen Strukturen menschlicher Kognition, menschlicher Kommunikation und den Mechanismen des Stimm- und Hörapparates. Die Eigenarten einzelner Sprachen rühren von Unterschieden zwischen den Völkern der Erde her und beziehen sich auf Dinge, über die zu sprechen sie für wichtig halten, und auf das, was sie hinsichtlich dieser Dinge als nützliche Informationen ansehen« (ebd., S. 60). Indem Tomasello die verschiedenen Sprachen auf Völkerunterschiede und die sprachliche Variation auf grundlegende kognitive Fähigkeiten zurückführt, ist die Annahme einer Protosprache logisch konsequent (s. hierzu Kap. 14). Deren Ursprung sieht er bei den frühesten modernen Menschen, »die ihren Ursprung vor etwa 200 000 Jahren in Afrika hatten [und] die als Erste symbolisch zu kommunizieren begannen, indem sie möglicherweise einfache symbolische Formen verwendeten, die analog zu denen sind, die von Kindern verwendet werden« (ebd., S. 63).
Kooperative Kommunikation und in Folge symbolische Kommunikation ist also das Resultat von Anpassungsprozessen an veränderte soziale Handlungsmuster. Sprache hat sich ausgebildet als Mittel der sozialen Kommunikation auf der Folie spezifischer kognitiver Fähigkeiten.
14 Wie haben sich Sprachen entwickelt?
Heute gibt es ungefähr 6500 Sprachen auf der Welt (vgl. Kap. 9). Zudem gibt es zahlreiche Regio- und Dialekte. Nun mag man (gelegentlich) darüber streiten, ob eine Sprache B eine eigene Sprache oder eine Variante der Sprache A sei, z.B. beim Saterfriesischen, das gelegentlich als niederländischer Dialekt klassifiziert wird. Tatsache ist, dass die sprachliche Vielfalt heute sehr hoch ist, und es stellt sich die Frage, wie sich diese Vielfalt entwickelt hat und sich erklärt. Im Hinblick auf die Sprachenevolution gibt es zwei grundsätzliche Ansätze, den Ansatz der Monogenese und den der Polygenese. Favorisiert wird das monogenetische Modell, nach dem unsere Sprachen Folgen der Migration des Homo sapiens sapiens aus Afrika sind. Dies ist die sog. Out-of-Africa-II-Hypothese. Für dieses Modell sprechen auch Forschungsergebnisse aus der Genetik, speziell vergleichende mtDNA-Analysen (Krings et al. 1997, Fagan 2012: 92 ff.).
Der Homo sapiens hatte vor ungefähr 170 000 Jahren seinen Ursprung im südlichen Afrika, die Wanderung des modernen Homo sapiens von Nordostafrika nach Norden begann vor etwa 110 000 Jahren. Von Nordafrika aus und über die Arabische Halbinsel breitete sich der Homo sapiens in die ganze Welt aus. In der Levante (östlicher Mittelmeerraum) wurden älteste Relikte vom modernen Menschen auf etwa 80 000 Jahre datiert, in Asien sind die frühesten Funde ca. 40 000 Jahre alt. In Europa tritt der sog. Cro-Magnon-Mensch vor ungefähr 40 000 Jahren auf, vor ca. 30 000 Jahren lebte Homo sapiens in Australien. Über die Behringstraße drang der moderne Mensch schließlich auch nach Amerika vor. Auf der einen Seite haben wir also ein kleines Populationssubstrat der afrikanischen Völker und Sprachen, andererseits Migrationspopulationen und -sprachen.
Nun ist die Lage hinsichtlich früher Sprachstadien insofern schwierig, als wir nur über schriftsprachliche Quellen verfügen und somit über Daten für einen Zeitraum von ca. 5000 Jahren. Um ältere Stadien oder gar Protosprachen zu rekonstruieren, muss man über Sprachvergleichung und Rekonstruktion versuchen, ältere Sprachstufen zu extrapolieren. In diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse von Cavalli-Sforza et al. (1998) interessant und von grundsätzlicher Bedeutung: Danach sind genetische und sprachliche Verwandtschaft der Weltbevölkerung korreliert, ein Zusammenhang, der im Detail allerdings nicht klar nachzuweisen ist. Wir wollen an dieser Stelle nur einen Aspekt und Gedanken weiterverfolgen: Wenn die Völker Südafrikas den Ausgangspunkt der weltweiten Wanderungsbewegungen bilden, dann ist es plausibel und interessant, sich die Sprachen ihrer Nachkommen anzusehen. Unter den Völkern Südafrikas sind die Khoisan besonders interessant, da sie über ein breites Siedlungsgebiet verteilt lebten und stammesgeschichtlich zu den ältesten Völkern zählen. In den Khoisan-Sprachen finden sich zahlreiche Schnalzlaute, die in anderen Sprachen nicht oder nur rudimentär auftreten (s. Kap. 39). Eine Hypothese lautet nun, dass die Schnalzlaute in den Khoisan-Sprachen Relikte einer alten Sprachform sind, ja, Relikte einer Protosprache, die in den Migrationssprachen dann aufgegeben wurden.
Wenn wir von der Monogenese der sprachlichen Entwicklung ausgehen, dann stellt sich die Frage, warum es so viele unterschiedliche Sprachen gibt. Warum so unterschiedliche grammatische Strukturen und nicht nur einen Bauplan für alle Sprachen? Warum unterschiedliche Lautstrukturen, warum unterschiedliche Benennungsstrategien? Das Stichwort lautet Sprachvariation und Sprachwandel, und der Schlüssel zur Beantwortung der Fragen liegt wiederum in der Evolution und in Adaptions- und Selektionsprozessen. Mit veränderten Umweltbedingungen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Existenzbedingungen ändern sich kommunikative Notwendigkeiten. Sprache als ein Werkzeug, wie es Karl Bühler gesehen hat (s. Kap. 21), stellt für unterschiedliche Aufgaben unterschiedliche konkrete Werkzeuge zur Verfügung. Sprachliche Differenzierung und Variation ist Resultat sich ändernder und veränderter Umweltbedingungen. Die Anpassungsprozesse haben für die Sprecher einen wie auch immer motivierten kommunikativen Mehrwert. Stellen wir uns vor, dass in einer kleinen Sprachgemeinschaft von Jägern und Sammlern bestimmte Laute bei der gemeinsamen Jagd eine bestimmte Funktion haben, z.B. um leise und sprachlich maskiert zu interagieren. Wenn Sprecher dieser Sprachgemeinschaft nun sesshaft werden und Viehzucht betreiben, sind diese spezifischen Laute funktional nicht mehr notwendig und können (müssen aber nicht) aufgegeben werden. Stellen wir uns weiter vor, dass die Sprechergruppe S auf eine andere Sprechergruppe S’ trifft, die ähnlich spricht, aber die spezifischen ›Jagdlaute‹ nicht im Lautrepertoire hat. Im Zusammenleben beider Sprechergruppen und wegen der funktionalen Überflüssigkeit der Laute gibt die Sprechergruppe S in der neuen, vereinheitlichten Sprachgemeinschaft nun (möglicherweise) die Laute auf. Nehmen wir weiter an, dies wäre so. Der Wegfall der Laute führt sprachsystematisch zu Lücken, die nun in einer bestimmten Art und Weise mit lautlichem Material gefüllt werden, z.B. wenn die Laute vor einem Vokal stehen und eine Silbe bilden und bei Wegfall der Silbenanfangsrand durch einen spezifischen Laut aus dem eigenen Lautsystem besetzt wird. Fassen wir unser fiktives Beispiel zusammen und konkretisieren es:
1. Im System der Sprechergruppe S gibt es die ›Jagdlaute‹ /k/, /kh/, /g/, die am Silbenanfang stehen, z.B. /ka/, /ko/, /kha/, /khe/, /ga/.
2. Aufgrund äußerer Bedingungen werden diese Laute aufgegeben.
3. Die phonologische Lücke wird ersetzt durch /q/, also /qa/, /qe/, /qo/.
Nehmen wir nun weiter an, Sprechergruppe S’ hat ebenfalls den Laut /q/ im Sprachsystem und der Silbenanfang wird ebenfalls konsonantisch (durch die Plosive k, t, p) besetzt, allein vor den Lauten /e/ und /i/ nicht, dort besteht eine Lücke. Sprecher von S’ übernehmen nun den Ersetzungsprozess von S, allerdings nur vor den Lauten /e/ und /i/. Oder anders formuliert: Am Silbenanfang und vor den Vokalen /e/ und /i/ wird der Konsonant /q/ inseriert. Da wir angenommen haben, dass die Lücke silbeninitial nur vor /e/ und /i/ besteht, lässt sich die Ersetzungsregel vereinfachen: Am Silbenanfang wird die Lücke durch /q/ ersetzt.
Aus dem zugegebenermaßen stark konstruierten Beispiel lässt sich ableiten, dass zwei Aspekte für Veränderungsprozesse eine Rolle spielen: 1. sprachexterne Faktoren und 2. sprachinterne Faktoren. Wir müssen also sprachliche Veränderungen in Beziehung zur Umwelt sehen (Sprachsystem – Umweltsysteme) und auch reflexive Veränderungen im Sprachsystem selbst. Wir werden auf diese Punkte in Kap. 66 genauer eingehen und an Beispielen verdeutlichen.
15 Sprachen und Sprachfamilien
Werfen wir einen Blick auf die heutigen Sprachen der Welt, so stellen wir fest, dass diese so unterschiedlich sind, dass ein Sprecher der Sprache A (z.B. Deutsch) einen Sprecher der Sprache B (z.B. Chinesisch) nicht verstehen kann, partiell aber einen der Sprache C (z.B. Niederländisch). Die Unterschiede bestehen im Lexikon und im Sprachbau. Prüfen wir in einem deutsch-englischen und deutsch-niederländischen Wörterbuch den Eintrag ›Buch‹ so finden wir ›book‹ und ›boek‹. Auch wenn die Wörter unterschiedlich sind, springen einem die Parallelen ins Auge, und man könnte die Hypothese aufstellen, dass, wenn man weiß, wie die Wörter ausgesprochen werden, alle drei Einträge systematisch den Laut b gemeinsam haben, dass der ch-Laut dem Laut k entspricht und das dt. u dem engl. und ndl. u-Laut, geschrieben oo bzw. oe. Es könnte Zufall sein – aus einem Beleg kann man noch nichts schließen –, es könnte aber auch ein systematischer Zusammenhang bestehen, insbesondere wenn man bedenkt, dass die Sprachen regional benachbart sind. Im chinesischen Wörterbuch finden wir den Eintrag, ausgesprochen wie dt. ›Schuh‹, aber mit einem Hochton verbunden, orthografisch auch <shū>. Anders als im Deutschen, Niederländischen und Englischen gibt es (a) keinen Silbenendrand, die Silbe ist offen; (b) ist der Anfangslaut ein anderer und (c) liegt zwar ein gemeinsamer Vokal vor, aber dieser ist mit einem Hochton verbunden (und dieser Ton hat sogar eine bedeutungsdifferenzierende Funktion). Die sprachlichen Gemeinsamkeiten sind deutlich geringer, die regionale Distanz zwischen dem Verbreitungsgebiet China einerseits und Europa andererseits ist groß. Man könnte die Hypothese aufstellen, dass das Chinesische nur wenig oder gar nicht in einem systematischen Zusammenhang zu sehen ist mit den drei europäischen Sprachen, aber wiederum gilt: Aus dem wenigen Sprachmaterial kann man keine weitreichenden Folgerungen ziehen.
Vergleicht man den Sprachbau der Sprachen der Welt und ihre diachronen Entwicklungen, so haben die evolutionär bedingten Aufspaltungsprozesse dazu geführt, dass es heute Sprachen gibt, die isoliert auftreten (das Baskische), und solche, die aufgrund von Verwandtschaftsverhältnissen zu größeren Gruppierungen zusammengefasst werden können, die miteinander genetisch verwandt sind. Man nennt die Makrogruppierungen Sprachfamilien. Man nimmt etwa 25 größere Sprachfamilien an, z.B. die indoeuropäische Sprachfamilie, die sinotibetische, Austroasiatisch, Uto-Aztekisch usw. (s. auch Tab. 3). Ziel der vergleichend-historischen Sprachwissenschaft ist es u.a., aus Verwandtschaftsbeziehungen Stammbäume zu rekonstruieren bis zu einer Protosprache, aus der sich die Sprachen einer Sprachfamilie ableiten lassen. Es gibt sogar den Versuch, bis an die Wurzel eines Stammbaumes aller Sprachen eine Ursprache zu rekonstruieren, eine allen Sprachen gemeinsame Vorgängersprache.
| Sprachfamilie | Sprachen | Sprecherzahl (N in Mio.) | Verbreitung |
| Indogermanisch | 220 | 3000 | Europa, Südasien, heute weltweit |
| Sinotibetisch | 335 | 1288 | China, Südostasien |
| Niger-Kongo | 1364 | 354 | West-, Zentral-, Südafrika |
| Afroasiatisch | 311 | 347 | Nordafrika, Naher Osten |
| Austronesisch | 1119 | 296 | Taiwan, Philippinen, Indonesien, Pazifischer Ozean, Madagaskar |
| Dravidisch | 27 | 220 | Süd, Zentral-, Nordindien, Pakistan |
| Turkisch | 37 | 160 | West-, Zentralasien, Osteuropa, Sibirien |
| Japanisch-Ryukyu | 4 | 125 | Japan, Okinawa |
Tab. 3: Sprachfamilien mit N > 100 Mio.
Die Ausdifferenzierung der heutigen Sprachen und Sprachfamilien ist maximal bis zu Beginn des Holozän (um 11 700 v. Chr.) rekonstruierbar, so meinen die einen, andere glauben, dass die untere zeitliche Grenze bei 8000 v. Chr. liegt. Allgemein wird angenommen, dass die Ausdifferenzierung der Sprachen auch in diesem Zeitraum liegt. Gemessen an dem Alter der Sprache des Homo sapiens (s. Kap. 13) ist dies eine vergleichsweise junge Entwicklung. Am besten untersucht ist die indoeuropäische Sprachfamilie, die auch zugleich mit 3 Milliarden Sprechern die meistverbreitete Sprachfamilie ist. Auf der Basis sprachwissenschaftlicher, archäologischer, historischer und genetischer Untersuchungen wird angenommen, dass sich die erste Aufspaltung des Proto-Indoeuropäischen vor maximal 9500 Jahren vollzog.
August Schleicher (*19.2.1821 in Meiningen, †6.12.1868 in Jena)
August Schleicher wurde im thüringischen Meiningen geboren und studierte zunächst einige Semester Theologie und anschließend orientalische Sprachen, wobei er auch Hebräisch, Sanskrit, Arabisch und Persisch erlernte. Er promovierte und habilitierte in Bonn und wurde dort Privatdozent, bis er 1850 eine Professur für klassische Philologie und Literatur in Prag erhielt. Von 1857–1868 hatte er eine Professur für deutsche und vergleichenden Sprachwissenschaft und des Sanskrit in Jena inne, wo er am 6. Dezember 1868 verstarb.
Schleicher zählt zu den Mitbegründern der Indogermanistik und gilt als Vater der sog. Stammbaumtheorie in der vergleichenden Sprachwissenschaft. Aufgrund von Sprachvergleichung und parallel zur Evolutionstheorie in der Biologie rekonstruiert er die Sprachen der indoeuropäischen Sprachfamilie in Form eines Abstammungsbaumes. Die Ergebnisse finden sich in seinem 1861 publizierten berühmten Werk Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen. In der Einleitung heißt es: Die Methodik der Sprachwissenschaft »ist im wesentlichen die der naturwißenschaften überhaupt; sie besteht in genauer beobachtung des objectes und in schlüßen, welche auf die beobachtung gebaut sind. Eine der hauptaufgaben der glottik [Sprachwissenschaft, P.S.] ist die ermittelung und beschreibung der sprachlichen sippen und sprachstämme, d.h. der von einer und der selben ursprache ab stammenden sprachen und die anordnung dieser sippen nach einem natürlichen systeme« (Schleicher 1961: 2). Interessant, wenn auch heute (zu) wenig beachtet, ist sein 1873 erschienenes Werk Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft.
Die Komponenten indo- und -europäisch in der Bezeichnung der Sprachfamilie als indoeuropäisch oder auch indogermanisch deuten auf das Verbreitungsgebiet hin: die indische Gruppe im Osten und die europäische/germanische im Westen. Bereits 1786 wies der Indologe William Jones (1746–1794) Ähnlichkeiten des Sanskrit (Altindisch, hervorgegangen aus der Sprache der Veden) mit Griechisch und Latein nach. Das deutsche Wort ›Mutter‹ ist altindisch ma:tár-, gr. mé:te:r, lat. ma:ter. Als indoeuropäische Wurzel wird *ma:tér- angesetzt – der * gibt an, dass es sich um eine rekonstruierte Protoform handelt. Die Farbbezeichnung ›rot‹ geht zurück auf idg. *roudh-/ *rudh-. Aufgrund bestimmter lautlicher Merkmale wird die indoeuropäische Sprachfamilie traditionell in zwei Sprachzweige aufgeteilt, die Kentum- und die Satemsprachen nach (lat. centum und altiranisch satem für ›hundert‹), eine Unterteilung, die heute höchst umstritten ist. Zu den Satemsprachen sollen neben einer Reihe von indischen, iranischen und slawischen Sprachen die baltischen Sprachen, das Albanische und Armenische, zu den Kentumsprachen die germanischen Sprachen, keltische, italische Sprachen, Griechisch, Anatolisch, Tocharisch gehören.
Das Deutsche gehört wie das Englische und Niederländische zu den westgermanischen Sprachen. Man nimmt aufgrund vergleichender Studien an, dass das heute nicht mehr existierende Tocharische sich vor knapp 8000 Jahren abgespalten hat, das Griechisch-Armenische vor 7300 Jahren, das Albanisch-Persisch-Indische vor 7000 Jahren, das Keltische vor 6000 Jahren und das Italische und Germanische vor 5500 Jahren. Die Spaltungsprozesse hängen mit Migrationsbewegungen von Populationen zusammen und diese wiederum mit ökologischen (z.B. Klimaänderungen), ökonomischen und sozialen Veränderungen, insbesondere Ausbreitung der Landwirtschaft. Wie die indoeuropäischen Sprachen die alteuropäischen Sprachen (Baskisch ist eine solche, s.u.) ablösten, darauf gibt es bisher keine klare Antwort, weder seitens der Archäologie noch seitens der Paläogenetik und Linguistik. Aber die Herkunft scheint geklärt: Nach neuesten Forschungen sind Bauern aus Anatolien für den Sprachimport in Europa verantwortlich, sie brachten zusammen mit der Landwirtschaft und bäuerlichen Lebensweisen ihre Sprache aus Anatolien mit.
Der europäische Raum ist indoeuropäisch, wenn wir von Zuwanderersprachen wie Türkisch etc. absehen, doch eine Sprache hat der indoeuropäischen Invasion getrotzt: das Baskische. Auf der Basis von Genom-Untersuchungen kommt der Humangenetiker Cavalli-Sforza zu dem Schluss: »Die baskische Region erstreckte sich vormals (im Paläolithikum) fast auf das ganze Gebiet, in dem man die großen Felsmalereien und -skulpturen gefunden hat. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß die baskische Sprache von den Sprachen abstammt, die die modernen Cro-Magnon-Menschen (vor fünfunddreißig- bis vierzigtausend Jahren) bei ihrem ersten Eindringen in Südfrankreich und Nordostspanien gesprochen haben, und daß die großen Künstler der Grotten in der Region eine von den ersten Europäern herkommende Sprache redeten, aus der sich das moderne Baskisch ableitet« (Cavalli-Sforza 2001: 135 f.). Das Baskische, das sich in seiner linguistischen Struktur von den anderen indoeuropäischen Sprachen deutlich unterscheidet (z.B. kein Genussystem), ist das Überbleibsel einer vor-indoeuropäischen Sprachfamilie, dem Vaskonischen, das seine sprachlichen Spuren in topografischen Bezeichnungen (Flüsse, Berge, Täler und Siedlungen) hinterlassen hat. Ein heiß diskutierter Fall ist die Städtebezeichnung München, die üblicherweise von lat. monachus ›Mönch‹ bzw. ital. monaco, mhd. munich abgeleitet und, da in der ersten urkundlichen Erwähnung apud Munichen steht, mit ›bei den Mönchen‹ interpretiert wird; im Stadtwappen von München ist schließlich auch ein Mönch abgebildet. Der Sprachwissenschaftler Theo Vennemann ist jedoch anderer Meinung, was in der Münchner Presse für große Aufregung sorgte: mun- bedeutet im heutigen Baskisch ›Ufer, Böschung, Bodenerhebung‹, -ic- ›Örtlichkeit‹ und -a drückt den bestimmten Artikel aus. Die Zusammensetzung ergäbe deshalb die Lesart ›der Ort auf der Uferterrasse‹, und das ursprüngliche München befand sich auf einer Uferterrasse (vgl. Vennemann 1997).
Das Baskische ist eine im indoeuropäischen Sprachengebiet isolierte Sprache, aber sie ist heute nicht isoliert von romanischen Sprachen, im Baskenland herrscht Mehrsprachigkeit. Das Spanische und Französische als Kontaktsprachen haben das moderne Baskisch erheblich beeinflusst, sodass Interferenzen, Entlehnungen, bestimmte Reduktionen usw. zu beobachten sind. Sprachkontakt ist eine zentrale Konstante in der Entwicklung der Sprachen (s. auch Kap. 70).
16 Was haben Sprachen gemeinsam?
Worin sind Sprachen typischerweise gleich und worin unterscheiden sie sich? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt der so genannten Sprachtypologie. Der Begriff ›Sprachtypologie‹ geht zurück auf den Sprachwissenschaftler Georg von der Gabelentz (1840–1893), der mit seinem 1891 erschienenen Buch Die Sprachwissenschaft. Ihre Aufgaben, Methoden und bisherigen Ergebnisse wesentliche Grundlagen der allgemeinen und vergleichenden Sprachwissenschaft gelegt hat. In seinem Buch heißt es: »welcher Gewinn wäre es auch, wenn wir einer Sprache auf den Kopf zusagen dürften: Du hast das und das Einzelmerkmal, folglich hast du die und die weiteren Eigenschaften und den und den Gesamtcharakter! – wenn wir, wie es kühne Botaniker wohl versucht haben, aus dem Lindenblatte den Lindenbaum construiren könnten. Dürfte man ein ungeborenes Kind taufen, ich würde den Namen Typologie wählen« (Gabelentz 1984: 481). Was Gabelentz hier skizziert, ist ein Erkenntnisprinzip, demnach Eigenschaften einer Sprache so aufeinander bezogen sind, dass aus der einen Eigenschaft einer Sprache auf andere Eigenschaften derselben und dass aus einer Summe von Eigenschaften auf den Typ einer Sprache rückgeschlossen werden kann. Dahinter steckt die Idee, über Gemeinsamkeiten allgemeine Strukturen von Sprachen feststellen zu können. Solche allgemeinen Strukturen werden als sprachliche Universalien bezeichnet.
Unter den aus dem systematischen Vergleich von Sprachen ermittelten Universalien gibt es solche, die ausnahmslos und uneingeschränkt gelten, und solche, die nur partiell gelten. Man spricht von absoluten und relativen Universalien. Die Universalie ›Eine Sprache hat mindestens drei Vokale‹ gilt absolut. Für alle Sprachen gilt auch, dass sie den Silbentyp Konsonant-Vokal (z.B. dt. Vo-ka-le oder jap. na-ka-ma = Freund, Kamerad) aufweisen.
Ein anderes Beispiel ist die Wort- und Satzgliedstellung. Betrachtet man den einfachen Aussagesatz und prüft die Stellung von Subjekt (S) und Objekt (O) in Bezug zum Verb (V), so lassen sich zwei zentrale Stellungstypen finden, nämlich SVO und SOV:
| 1 | Englisch (SVO) | ||
| The man hit the ball. | |||
| 2 | Japanisch (SOV) | ||
| Taro-ga | tegami-o | kakimasu | |
| Name-Subj | Brief-dO | schreiben | |
| Taro schreibt einen Brief / Briefe. | |||
Nach verschiedenen Untersuchungen zeigt sich, dass die Sprachen der Welt zwischen 85 % und 90 % SOV oder SVO aufweisen, der erste Typ tritt dabei ein wenig häufiger auf. Die Stellungstypen VSO, VOS kommen demgegenüber selten, OVS und OSV extrem selten vor.
Eine kleine Nebenbemerkung zu den exzeptionellen Mustern OVS und OSV: In der Star-Wars-Saga weist der Jedi-Meister Yoda in seiner Sprache eine besondere Wortstellungsvariante auf. Yoda gehört zu einer nicht weiter bezeichneten Spezies, ist 66 cm groß und mehrere Jahrhunderte alt und hat zahlreiche Schüler im Gebrauch der ›Macht‹ ausgebildet. Seine Sprache ist durch eine stark markierte Wortstellung gekennzeichnet, nämlich OSV, z.B.: ›Ein seltsames Gesicht du machst.‹ Es ist der Stellungstyp, der in den Sprachen der Welt am seltensten vorkommt. Die Macher der Saga haben also (bewusst oder intuitiv) jene Stellungsvariante gewählt, die am stärksten vom Normalen abweicht. Dadurch wird das Fremde auch sprachlich markiert. Auch das Klingonische, eine voll ausgearbeitete fiktionale Sprache (Star Trek), hat eine stark markierte Wortstellung, nämlich OVS (3a, b).
| 3 | Klingonisch (OVS) | |||
| (a) | puq | legh | yaS | |
| Kind | 3s.sieht.3s | Offizier | ||
| Der Offizier sieht das Kind. | ||||
| (b) | yaS legh puq | |||
| Das Kind sieht den Offizier. | ||||
Das Deutsche stellt einen Mischtyp von SVO und SOV dar, genauer: Es gibt beide Muster in Abhängigkeit von der Satzstruktur. Zunächst ist zwischen Hauptsatz und Nebensatzstellung zu unterscheiden. Im Hauptsatz liegt SVO vor, z.B. Er betritt das Haus, im Nebensatz hingegen SOV Ich beobachte ihn, während er das Haus betritt. Ändert sich der Satzmodus, kann das Verb in Spitzenposition stehen, z.B. Betritt er das Haus? Das Subjekt steht aber in allen Fällen vor dem Objekt (wie bei 99 % aller Sprachen). Zudem kompliziert sich das Stellungsverhalten dadurch, dass das Deutsche die sog. Satzklammer bildet (s. hierzu Kap. 48).
Joseph Harold Greenberg (*28.5.1915 in New York; † 7.5.2001 in Stanford) Joseph Greenberg wurde am 28. Mai 1915 in Brooklyn geboren. Über die Musik kam er zur Sprachwissenschaft, bereits mit 14 Jahren gab er ein Klavierkonzert in der Steinway Hall. Er studierte an der Columbia University in New York, u.a. bei Franz Boas (1858–1942), und später an der Northwestern University in Chicago, wo er auch die Hausa-Sprache lernte. Nach der Dissertation studierte er in Yale, unterrichtete ab 1948 Anthropologie an der Columbia University und ab 1962 an der Stanford University.
Berühmt wurde Greenberg durch seine sprachtyplogischen Arbeiten, seine Arbeiten zur Sprachklassifikation und insbesondere durch sein 1966 erschienenes Buch Language Universals: With Special Reference to Feature Hierarchies. Roman Jakobson hat bereits 1963 die Bedeutung der Greenberg’schen Universalienforschung erkannt und hervorgehoben: »Auf der grammatischen Ebene ist J.H. Greenbergs Auflistung von 45 implikativen Universalien eine eindrucksvolle Leistung. […] diese Daten (bleiben) unschätzbare und unentbehrliche Voraussetzungen für eine neue Sprachtypologie und für eine systematische Übersicht der universalen Gesetze der grammatischen Schichtung« (Jakobson 1992: 499).
Neben rein statistisch verteilten Universalien und absoluten gibt es solche, die eine hierarchische Ordnung angeben, sie werden als implikative Universalien bezeichnet. Die Ordnungsrelation hat das Grundmuster ›Wenn A gilt, dann folgt daraus B‹. Hierunter fallen Aussagen wie ›Wenn eine Sprache einen Plural hat, dann hat sie einen Singular‹, ›Ein Genusunterschied beim Nomen impliziert einen Genusunterschied beim Pronomen‹ oder ›In Sprachen mit Präpositionen folgt fast immer die Genitivphrase der Nominalphrase‹, z.B. dt. das Buch des Lehrers. Dies gilt aber eben nicht immer, z.B. Peters Buch oder des Kaisers neue Kleider. Hier liegt eine präferierte, statistisch wahrscheinliche Implikation vor. Ein anderes Beispiel ist die folgende Korrelation von Wortstellungstyp und Präpositional-/Postpositionalgruppe. Sprachen mit VSO-Stellung sind fast immer präpositional (P-NGr, entspricht dt. entlang des Weges), Sprachen mit SOV-Stellung fast immer postpositional (NGr-P, entspricht dt. den Weg entlang). In der SOV-Sprache Japanisch steht naka (dt. in) nach dem Nomen: Biru no naka ›in dem Hochhaus‹. Es gibt auch semantische implikative Universalien: Eine Sprache, die die Farbbezeichnungen rosa oder orange hat, hat ebenso Bezeichnungen für braun, blau, grün, gelb und rot.
Der Gelehrte und Politiker James Harris (1709–1780) definiert in seinem erstmals 1751 erschienenen Buch Hermes, or a philosophical inquiry concerning language and universal grammar Universalgrammatik (universal grammar) als »that Grammar, which without regarding the several Idioms of particular Languages, only respects those Principles, that are essential to them all« (Harris 1771: 100). Dieser Satz könnte von Noam Chomsky stammen und wie Chomsky (s. Kap. 4) glaubt Harris, dass »MIND [is] ultimately the Cause of all« (ebd., S. 306). Universalien und Universalgrammatik sind in dieser Perspektive mental verankert, bei Chomsky sind es Prinzipien in der biologischen Grundausstattung des menschlichen Gehirns, bei Harris angeborene Ideen, die letztlich archetypische Formen des Geistes Gottes sind.
Die Universalgrammatik (UG) nach Chomsky befasst sich mit der Untersuchung der sog. ›language faculty’, die als biologische Komponente angesetzt wird, wir hatten dies in Kapitel 4 bereits ausgeführt. Die Universalgrammatik als mentale Grundausstattung ist angeboren und genetisch festgelegt. Sie besteht aus abstrakten, universellen Prinzipien, die allen menschlichen Sprachen gemein sind, und einer beschränkten Menge von Parametern zu den Prinzipien. »Wir wollen die ›Universale Grammatik‹ (UG) als das System von Prinzipien, Bedingungen und Regeln definieren, die Elemente bzw. Eigenschaften aller menschlichen Sprachen sind […]. Die UG kann man somit als Ausdruck des ›Wesens der menschlichen Sprache‹ verstehen. Die UG ist bezüglich aller Menschen invariant. Die UG spezifiziert, was beim Spracherwerb erlangt werden muß, damit dieser erfolgreich ist. […] Jede menschliche Sprache stimmt mit [der] UG überein; Sprachen unterscheiden sich in anderen, zufälligen Eigenschaften« (Chomsky 1977: 41). Die UG geht damit über eine rein deskriptive Sicht hinaus, sie erklärt, warum es sprachliche Universalien gibt.
17 Ist Gebärdensprachen eine Sprache?
Gebärdensprachen sind wie das Deutsche oder Englische natürliche Sprachen, mit denen gehörlose oder hörgeschädigte Menschen kommunizieren. Es gibt verschiedene Gebärdensprachen; z.B. sind die englische und amerikanische Gebärdensprache sehr unterschiedlich, obwohl gesprochensprachlich das britische und amerikanische Englisch sehr ähnlich sind. Gebärdensprachen haben eine Grammatik wie andere Sprachen auch, und sie können folglich wie diese auch linguistisch untersucht werden. Für die deutsche Gebärdensprache (DGS) gibt es eine ausgezeichnete Analyse und Darstellung von zwei Sprachwissenschaftlern (Happ/Vorkörper 2006), die beide die Gebärdensprache aktiv beherrschen.
Auf der Ausdrucksebene besteht die deutsche Gebärdensprache aus zwei Komponenten: (a) den durch eine Hand oder durch zwei Hände dargestellten Gebärden und (b) der nicht-manuellen Komponente, die Mimik, Kopfbewegungen, Kopf- und Körperhaltung umfasst; so werden z.B. bei Entscheidungsfragen die Gebärden durch hochgezogene Augenbrauen und einen leicht nach vorn geschobenen Kopf markiert.
Eine Gebärde selbst setzt sich aus vier Grundelementen zusammen: der Handform, der Handstellung, der Ausführungsstelle und der Bewegung. Bei der Gebärde für gebärden (s. Abb. 5) beispielsweise sind beide Hände beteiligt und die kreisförmige Bewegung der Hände wird wechselseitig ausgeführt. Wenn wir die Gebärde für gebärden nicht als Bild wie in Abb. 5 darstellen wollen, sondern in Alphabetschrift, dann schreiben wir den Stamm in Kapitälchen, also: GEBÄRD. Nebenbei: Es gibt verschiedene Gebärdenschriften, die Darstellung des Wortes Gebärdensprache in der Kapitelüberschrift ist eine typografische Umsetzung des Fingeralphabets.

Abb. 5: Gebärde für gebärden6
Es gibt ca. 30 Handformen, 5 Grundhandstellungen wie Handfläche nach oben oder unten, unterschiedliche Ausführungsstellen (am Kopf, an der Hand usw.) und viele verschiedene Bewegungen (kreisförmig, gerade nach oben / nach unten usw.). Aus der Kombination der Grundelemente mit ihren verschiedenen Realisierungen setzen sich die einzelnen Gebärden zusammen, die dann lexikalische oder grammatische Bedeutungen kodieren.
Das Deutsche ist eine flektierende Sprache (s. Kap. 10), aber die deutsche Gebärdensprache ist eine polysynthetische und sie weist gegenüber dem Deutschen eine Reihe von Eigenheiten auf. Wie die Beispiele (1, 2) zeigen, steht der Artikel bzw. das Demonstrativpronomen nach dem Nomen und nicht wie im Deutschen davor. Auch das Adjektiv steht postnominal. Die Position des Artikels ist ebenfalls entscheidend. In (1) bilden wie im Deutschen der Artikel / das Demonstrativpronomen und das Nomen eine Klammer (s. auch Kap. 48), nur ist der Artikel eben nachgestellt, das Adjektiv steht direkt nach dem Nomen und hat eine attributive Funktion. In (2) bilden Nomen und Artikel eine Einheit, über die etwas ausgesagt wird (,ist klein‹), man nennt dies die prädikative Funktion. Attributive und prädikative Funktion sind also durch die unterschiedliche Gebärdenfolge ausgedrückt. Anders als im Deutschen ist auch der Kasus nicht angegeben.
(1) HUND KLEIN DER / DIESER
Der/dieser kleine Hund
(2) HUND DER KLEIN
Der Hund ist klein.
Während der unbestimmte Artikel nicht ausgedrückt wird, gibt es zwei Gebärden für den bestimmten Artikel: »Der bestimmte Artikel für Personen wird stets mit der G-Handform ausgeführt. Dabei ist die Handfläche nach unten orientiert, die Bewegung ist waagerecht und die Gebärde endet sanft. Die Spitze des Zeigefingers verweist auf den Raumpunkt. Der bestimmte Artikel für Gegenstände, kleine Personen und Tiere wird mit der gleichen Handkonfiguration (Handform und Handstellung) wie der bestimmte Artikel für Personen ausgeführt. Die Bewegung ist jedoch leicht nach unten. Die Spitze des Zeigefingers zeigt auf das Referenzobjekt« (Happ/Vorkörper 2006: 96). Die Gebärde für das Demonstrativpronomen ist fast identisch mit der für den Artikel, allerdings endet die Bewegung nicht sanft, sondern abrupter, und die Gebärde wird durch eine Mundmimik begleitet.
Ein interessantes Phänomen in der deutschen Gebärdensprache ist das der sog. Klassifikatoren. Klassifikatoren (KL) sind sprachliche Mittel, mit denen der Wortschatz strukturiert und organisiert wird. Im Deutschen sind es (a) das Genussystem, wo Substantive nach drei Kategorien (Neutrum, Maskulinum, Femininum) strukturiert und (b) quantifizierende Ausdrücke (vgl. 3), mithilfe derer Mengen spezifiziert werden. Welche Maßangaben prototypisch gebraucht werden können, ist abhängig von den Objekten, auf die sich beziehen.
(3a) zwei Tassen Kaffee, drei Tassen Tee, ?drei Tassen Wein, ?drei Tassen Bier
(3b) ?zwei Gläser Kaffee, drei Gläser Tee, drei Gläser Wein, drei Gläser Bier
(3c) ?eine Flasche Kaffee, ?eine Flasche Tee, eine Flasche Wein, eine Flasche Bier
In vielen Sprachen gibt es Klassifikatoren (KL), die eine klassifizierende bzw. kategorisierende Funktion haben. Dabei spielen Faktoren wie Ausdehnung, Dimensionalität, Größe, Funktion, Richtung, Konsistenz der Referenten eine entscheidende Rolle. Im Chinesischen gibt es eine Reihe von Klassifikatoren (4), die immer mit einem Substantiv in Verbindung auftreten müssen, wie zhāng in Verbindung mit Substantiven flache, dünne Objekte bezeichnet. Für stockartige Dinge, die man mit der Hand greifen kann, steht der Klassifikator b
, z.B. y
b
s
n ›ein Regenschirm‹.
(4) 
yī zhāng zh
ein KL Papier
ein Stück Papier
In der Gebärdensprache gibt es ebenfalls zahlreiche kategorisierende Klassifikatoren (5,6). Die Gebärde für den Klassifikator für zweidimensionale, eckige Objekte in Verbindung mit Papier hat die Bedeutung ›ein Blatt Papier‹. Wird stattdessen der Klassifikator für dreidimensionale, eckige Objekte gebärdet, dann entsteht die Bedeutung ›ein Block Papier‹.
(5) PAPIER KL: 2D-ECKIG
ein Blatt Papier
(6) PAPIER KL: 3D-ECKIG
ein Block Papier
Gebärdensprachen haben also eine Grammatik wie jede andere Lautsprache auch. Und: Untersuchungen zeigen, dass der Erstspracherwerb in der Gebärdensprache genauso verläuft wie in einer Lautsprache und dass die Sprachverarbeitung im Gehirn in den gleichen Regionen stattfindet.
18 Was sind Plansprachen?
Plansprachen sind für die menschliche Kommunikation konstruierte Sprachen; es gibt in der Regel eine Person, die die Sprache erfunden hat. In den meisten Fällen ist die dahinter liegende Idee, eine einfache Sprache zu entwickeln, die jeder Mensch auf der Welt nutzen kann. Erleichterung der Kommunikation bei Sprechern unterschiedlichster Sprachen, internationale Verständigung über Sprachgrenzen hinweg, dies sind die primären Motive für eine Plansprache. Es hat in der Geschichte unterschiedlichste Versuche gegeben, eine Plansprache zu etablieren – natürlich von Linguisten, berühmt sind Rasmus Christian Rask (1787–1832) und seine Linguaz Universale sowie Otto Jespersen (1860–1943) mit seinem Novia-Projekt –, aber Erfolg hatte nur der Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof (1859–1917). Sein 1887 zunächst auf Russisch erschienenes Werk Lingvo Internacia sollte unter jenem Begriff Karriere machen, den er als Pseudonym für die Veröffentlichung gewählt hatte: Dr. Esperanto (Dr. Hoffender). Nicht zuerst linguistisches Interesse, sondern seine Erfahrungen als Jude waren Zamenhofs Hauptbeweggründe für die Schaffung des Esperanto, wie aus einem Brief an den Juristen Alfred Michaux aus dem Jahre 1905 hervorgeht: »Niemand kann das Unheil der menschlichen Spaltung so stark empfinden wie ein Jude des Ghettos. Niemand kann die Notwendigkeit einer menschlich neutralen, anationalen Sprache so stark empfinden wie ein Jude, der gezwungen ist, zu Gott zu beten in einer seit langem toten Sprache eines Volkes, das ihn ablehnt, und der Leidensgenossen hat auf der ganzen Welt, mit denen er sich nicht verständigen kann. […] Ich sage Ihnen nur einfach, dass mein Judentum der Hauptgrund war, weshalb ich mich seit meiner frühesten Kindheit einer Idee und einem großen Traum verschrieben habe – dem Traum, die Menschheit zu einigen« (zitiert nach Janton 1978: 22).
Esperanto wird heute weltweit gesprochen und auch geschrieben, von wie vielen Menschen, ist schwer zu bestimmen, es sind sicherlich mehr als eine Million. Ein Blick auf das Esperanto zeigt (s.u.), dass einem Sprecher des Deutschen und Englischen oder gar einer romanischen Sprache der Text nicht fremd vorkommt. Eine Wortgruppe wie ›apud sia fratino’ ist uns orthografisch vertraut und wirkt irgendwie lateinisch (lat. apud = bei; suum, -a, -um = sein; frater = Bruder). Merkwürdig ist, dass im englischen Original sister (Schwester) steht und nicht brother (Bruder).
Alicio, jam longan tempon sidinte apud sia fratino sur la deklivo, tre enuiĝis pro senokupo. Unu, du foje ŝi prove rigardis en la libron kiun la fratino legas, sed povis vidi en ĝi nek desegnojn nek konversaciojn, kaj »por kio utilas libro,« pensis ŝi, »enhavanta nek desegnojn nek konversaciojn?«
Ŝi do ekpripensis ‒ ne tre vigle ĉar la tago estis varma, kaj ŝi sentis sin tre dormema ‒ ĉu la plezuro fari ĉenon el lekantetoj valorus la laboron sin levi kaj kolekti lekantetojn, kiam tutapude preterkuris Blanka kuniklo kun paleruĝaj okuloj.7
Alice was beginning to get very tired of sitting by her sister on the bank, and of having nothing to do: once or twice she had peeped into the book her sister was reading, but it had no pictures or conversations in it, ›and what is the use of a book‹, thought Alice, ›without pictures or conversation?‹
So she was considering in her own mind (as well as she could, for the hot day made her feel very sleepy and stupid), whether the pleasure of making a daisy-chain would be worth the trouble of getting up and picking the daisies, when suddenly a White Rabbit with pink eyes ran close by her.8
Das Esperanto hat eine einfache Grammatik und ist wie eine agglutinierende Sprache aufgebaut (s. auch Kap. 9), d.h. grammatische Kategorien wie Kasus oder Numerus werden durch eine Endung, genauer: durch ein Suffix, oder durch andere, eindeutige Mittel ausgedrückt. Sehr verkürzt gesagt: Esperanto ist ein agglutinierendes Latein.
Schauen wir uns das Nomen fratino genauer an. Das Nomen bekommt immer die Endung -o, an die Wurzel frat wird also die Endung -o angehängt: frato (Bruder), bei einem Adjektiv die Endung -a: frata (brüderlich). Bei der Femininform wird an die Wurzel die Endung -in angefügt, also frat-in-o (weiblicher Bruder = Schwester). Wollten wir den Plural bilden, so hängen wir an das ganze Wort ein -j: fratinoj (die Schwestern). Und wie wird der Kasus gebildet?
Die -o-Form entspricht dem Nominativ, es gibt aber keine eigentliche Nominativendung. Denn der Akkusativ wird dadurch gebildet, dass dem Nomen zum Schluss ein -n hinangefügt wird (s. auch Tab. 4), also fraton (den Bruder), fratinon (die Schwester), fratinojn (den Schwestern). [Nebenbei: Der Akzent liegt immer auf der vorletzten Silbe, das ist die sog. lateinische Pänultimaregel.] Die anderen Kasus werden wie im Englischen durch Präpositionen angegeben: der Genitiv durch de (von), der Dativ durch al (zu) und der aus dem Lateinischen bekannte Ablativ9 durch kun (mit). Das Possessivpronomen sia ist aus dem Personalpronomen si (sie) gebildet, indem -a angehängt wird. Die Präposition apud wird wie im Lateinischen nicht flektiert.
| Wurzel | Wortbildungsendung | Nominalisierungsendung | Pluralendung | Akkusativendung |
| frat | -in | -o | -j | -n |
Tab. 4: Formenbildung beim Nomen im Esperanto am Beispiel von fratinojn
Die meisten Wörter entstammen romanischen Sprachen, aber es gibt auch zahlreiche Wörter aus dem Deutschen und Englischen. Es sollte dem Leser nicht schwer fallen, en la šranko und La knabo similas sian patron zu übersetzen.
Sprache, Kommunikation, Handeln
19 Was sind sprachliche Zeichen?
Ganz allgemein wird die Lehre von den Zeichen, ihren Bedeutungen und Wirkungen als Semiotik bezeichnet. Diese ist nicht auf Analyse von sprachlichen Zeichensystemen reduziert, sondern bezieht tierische Kommunikation ebenso ein wie Kunst und Ästhetik. Für die Linguistik sind die Ansätze von Ferdinand de Saussure (1857–1913) und Charles Sanders Peirce (1839–1914) von zentraler Bedeutung. Ferner ist für die Sprachwissenschaft der Ansatz von Karl Bühler (1879–1963) interessant, der in Kap. 21 behandelt wird.
Ferdinand de Saussure ist der Begründer des Strukturalismus (s. u.). Sprachliche Zeichen weisen seinem Konzept nach eine Inhalts- und eine Formseite auf, sie sind wie die beiden Seiten einer Münze komplementär aufeinander bezogen. Er nennt diese beiden Aspekte des Zeichens Signifikat (signifié), das ist die Bedeutungsseite (z.B. BAUM), und Signifikant (signifiant). Der Signifikant ist die Formseite des sprachlichen Zeichens, z.B. /ba
m/ oder <Baum> (vgl. Abb. 1).

Abb. 6: Signifikat und Signifikant (Saussure 1967: 78, 136)
Saussure wendet sich damit gegen Positionen, nach denen das sprachliche Zeichen einen Namen und eine Sache in sich vereinige (vgl. Abb. 7 oben), vielmehr vereinigen sich im sprachlichen Zeichen eine Vorstellung und ein Lautbild bzw. ein andere Form der Repräsentation (vgl. Abb. 6 und beispielhaft Abb. 7 unten).

Abb. 7: Saussure (1967: 76, 78)
Die Verbindung von Lautseite und Bedeutung ist arbiträr, es gibt also keine Motivation dafür, dass dem Signifikat ›BAUM‹ genau das Lautbild /ba
m/ entspricht. In verschiedenen Sprachen ist daher dieses Signifikat mit unterschiedlichen Lautbildern verbunden: Deutsch /ba
m/, Englisch /tri
/ oder Spanisch /a
bol/. Das Sprachzeichen beruht wie »jedes in einer Gesellschaft rezipierte Ausdrucksmittel im Grunde auf einer Kollektivgewohnheit, oder, was auf dasselbe hinauskommt, auf der Konvention« (Saussure 1967: 80). Arbitrarität und Konventionalisierung sind die beiden zentralen Charakteristika sprachlicher Zeichen.
Ferdinand de Saussure (*26.11.1857 in Genf; †22.2.1913 in Vufflens-le-Château)
Ferdinand de Saussure wurde 1857 in Genf geboren, studierte in Leipzig und Berlin Indogermanistik und hielt von 1906 bis 1911 Vorlesungen in Genf über Allgemeine Sprachwissenschaft. Seine Zeichentheorie und sprachwissenschaftlichen Arbeiten haben die Linguistik des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst. Er gilt als Begründer der strukturalistischen Sprachwissenschaft.
Der Strukturalismus bildet ein Wissenschaftsparadigma, das für die moderne Sprachwissenschaft von eminenter Wichtigkeit war und ist. Der Strukturalismus ist in seiner Entstehungsgeschichte eng mit den Arbeiten von Ferdinand de Saussure verbunden, insbesondere mit den durch seine Schüler Charles Bally (1865– 1947) und Albert Sechehaye (1870–1946) posthum veröffentlichten Vorlesungsmitschriften, die unter dem Titel Cours de linguistique générale (1916; Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft 1931) erschienen sind. Die Interpretation des Cours, seine Originalität und Authentizität sind umstritten, sicher ist jedoch: Der Cours hat eine breite und tiefgehende Rezeption erfahren und er ist somit in vielerlei Hinsicht paradigmenbildend für die moderne Linguistik und andere Wissenschaften wie z.B. Literaturwissenschaft oder Ethnologie gewesen.
Der US-amerikanische Mathematiker, Logiker und Philosoph Charles Sanders Peirce (1839–1914) geht von einer triadischen Zeichenrelation aus: Objekt – Repräsentamen – Interpretant. Objekte, seien es reale Objekte der äußeren Welt oder ideelle im Bewusstsein eines Sprechers, sind durch Zeichen repräsentiert. Ein Repräsentamen ist ein Mittel der Repräsentation eines Objekts oder eines Ereignisses für einen Interpreten. Ein Interpretant (das Interpretierende) ist nach Peirce etwas, das eine Bezeichnung interpretiert, wobei die Bezeichnung ein Zeichen ist, das ein Objekt bezeichnet. Der entscheidende Punkt gegenüber dem saussureschen dyadischen Zeichenbegriff ist, dass ein Zeichen nur dann ein Zeichen ist, wenn es als solches interpretiert wird.
Im Hinblick auf die Objekt-Beziehung lassen sich nach Peirce Zeichen, somit auch sprachliche Zeichen, als Symbole, Ikone und Indizes klassifizieren. Besteht bei einem Zeichen zwischen Form und Inhalt ein willkürliches, arbiträres Verhältnis, so handelt es sich um ein symbolisches Zeichen. Sprachliche Zeichen sind also in erster Linie Symbole, aber es gibt auch andere Arten von Zeichen. Ein ikonisches Zeichen oder ein Ikon ist ein Zeichen, bei dem die Gestalt der Form den Inhalt angibt wie bei dem Zeichen <
> für ›Buch‹. Es besteht eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen dem ikonischen Zeichen und dem Objekt, diese beruht auf Formmerkmalen, Eigenschaften etc. Auch Lautwörter wie grr oder peng sind ikonische Zeichen, denn sie imitieren ein Geräusch der Wirklichkeit. Ein indexikalisches Zeichen oder Index ist ein Zeichen, bei dem die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem nicht auf Ähnlichkeit beruht, sondern der Inhalt aus der Gestalt der Form durch regelhafte Beziehungen (wie Kausalität) ermittelt werden kann. So ist Rauch ein Anzeichen (Index) für Feuer. Wenn allerdings über der Sixtinischen Kapelle weißer Rauch auftritt und wir diesen als Zeichen für eine erfolgreiche Papstwahl interpretieren, dann ist der Rauch zudem ein symbolisches Zeichen. Typische indexikalische Ausdrücke auf der sprachlichen Ebene sind Pronomina. In dem Satz Alfred sieht, wie Hans sich betrinkt verweist das Reflexivpronomen sich auf Hans.
zeigen
Dass Verb zeigen geht zurück auf ahd. zeigōn, eine Intensivbildung zu zeihen, mhd. zīhen, ahd. zīhan, ursprünglich mit der Bedeutung ›(an)zeigen, kundtun‹, dann ›auf einen Schuldigen hinweisen‹. Das Verb hat verschiedene Lesarten, was sich auch grammatisch niederschlägt. Die zwei grundlegenden Lesarten sind jem. etwas zeigen und auf jem./etwas zeigen. Der Unterschied lässt sich wunderbar an einer Situation im Fußball zeigen. Wenn der Schiedsrichter einem Spieler die Gelbe Karte zeigt, dann präsentiert er dem Spieler die Karte so, dass er sie in das Gesichtsfeld des Spielers platziert. Eine Präsentation der Gelben Karte hinter dem Rücken des Spielers ist ausgeschlossen; die stillschweigende Übereinkunft lautet, dass mit dem Anschauen der Gelben Karte seitens des Spielers die Strafe als zur Kenntnis genommen anerkannt und letztlich akzeptiert ist. ›zeigen‹ meint hier also das Präsentieren eines Objektes im Gesichtsfeld einer Person. Das Objekt (Gelbe Karte) wird durch das Akkusativobjekt ausgedrückt, die Person, der Adressat der Handlung, durch das Dativobjekt. Wenn aber ein Spieler mit dem Zeigefinger auf die gezückte Gelbe Karte des Schiedsrichters zeigt und zu seinem Mitspieler sagt: ›Pass auf, beim nächsten Mal bist du dran!‹, dann lenkt er den Blick des Spielers mit dem Finger auf die Gelbe Karte. ›zeigen‹ hat hier eine Verweisfunktion, indem der Blick des Adressaten auf ein bestimmtes Ziel, einen bestimmten Ort, gelenkt wird. Bei auf die Gelbe Karte zeigen ist das Objekt als lokales Ziel der Handlung durch ein Präpositionalobjekt (mit der Präposition auf) kodiert.
Warum kann man nicht sagen *Der Schiedsrichter zeigt ihm auf die Gelbe Karte? Das Ziel der Handlung ist hier doppelt kodiert, man zeigt entweder A etwas oder man zeigt auf B. Aber eine zusätzliche Lokalangabe ist möglich, wenn semantisch eine Teil-Ganzes-Beziehung vorliegt: Ich zeige ihm auf seinem Hals/auf dem Auto den roten Fleck.
20 Was ist Information?
Wenn wir mit jemandem kommunizieren, so sagt man, tauschen wir Informationen aus. In Aischylos’ Agamemnon erfährt Klytaimnestra noch in der selben Nacht vom Fall des 600 Kilometer entfernten Troja: ›Ich jauchzte längst in hellem Flammenjubel auf, / Als uns des Feuers erster nächtiger Bote kam, / Verkündend Troias Niedersturz und Untergang.‹ Und der Chor fragt: ›Wer naht in solcher Schnelle mit der Siegespost?‹ und Klytaimnestra antwortet: ›Hephaist, vom Ida sendend schnellen Flammenschein. / Brand schickte Brand im Feuerzeichenlauf heran. / Zuerst der Idagipfel zum Hermaierfels / Auf Lemnos’ Eiland; Athos’ Höh, dem Zeus geweiht.‹10 Die Kommunikation über eine Feuerkette hinweg skizziert das grundlegende Problem der Kommunikation, wie es der Mathematiker und Informationstheoretiker Claude Shannon (1916–2001) einmal formuliert hat. Das Problem besteht darin, dass »eine Nachricht, die an einem definierten räumlichen und zeitlichen Punkt ausgewählt wurde, an einem anderen definierten räumlichen und zeitlichen Punkt exakt oder annähernd exakt wiedergegeben wird. Häufig besitzen die Nachrichten eine Bedeutung« (Shannon/Weaver 1949: 31).
Lassen Sie uns das Grundproblem an zwei typischen aktuellen menschlichen Kommunikationsformen verdeutlichen, dem Telefonat und der E-Mail-Kommunikation. In beiden Fällen haben wir im technischen Sinne eine Informationsquelle, einen Sender (S), der die Nachricht in ein Signal übersetzt, und einen Empfänger (E), der das Signal in eine Nachricht zurückverwandelt und diese an das Ziel (Informationssenke) weitergibt. Das, was der Sender ausdrücken will, ist mental repräsentiert und wird in einer bestimmten Form enkodiert, nämlich in lautlicher oder in Textform. Abstrakt gesehen besteht zwischen Informationsquelle und -senke eine Übertragung von einer Anzahl (N) Zeichen aus dem Zeichenvorrat Z:

Das Lautsignal bzw. der Text wird über einen Kanal, Kabel oder Funkkanäle, transportiert, die Übertragung kann analog oder digital erfolgen. E empfängt das Signal und muss dieses decodieren, um die gesendete Nachricht verstehen zu können.
Beim Telefonat ist S der Sprecher und E der Hörer, bei der E-Mail-Kommunikation ist S der Schreiber und E der Leser. Im ersten Fall ist der Code ein Lautsignal, im zweiten ein schriftlicher Text. Gelingen kann die Kommunikation nur dann, wenn die Bedeutung der Zeichen, die S gebraucht, von E interpretiert werden kann. E muss also ein entsprechendes Vorwissen haben.
Rein technisch gesehen kann Information als das betrachtet werden, was über die Nachrichtenkanäle läuft. In diesem Sinne sind auch Botenstoffe, die die Kommunikation zwischen Zellen ermöglichen, Informationsträger. Menschliche Kommunikation zeichnet sich dadurch aus, dass Information durch Sprachzeichen ausgedrückt wird. Sprache kann nun als jenes Zeichensystem definiert werden, das menschliche Kommunikation ermöglicht. Welche Form, Bedeutung und Funktion diese Zeichen haben, ist für die Sprachwissenschaft von Bedeutung.
In dem grundlegenden Modell für Kommunikation von den beiden Mathematikern Claude Shannon und Warren Weaver (1894–1978) steht die Informationsübertragung im Vordergrund. Für unsere Zwecke reicht es aus zu wissen, dass es in diesem Modell einen Sender und Empfänger gibt, einen Übertragungskanal und ein Signal, das in kodierter Form vom Sender zum Empfänger gesendet wird (vgl. o. und s.u.).

Sender, Empfänger, Signal, Kanal, Code sind zentrale Begriffe des Shannon/Weaver-Modells. Was ist nun die Information bei der Informationsübertragung? Shannon setzt an der Frage an, wie (un)vorhersagbar ein Ereignis ist. Das Maß für die Information, das er entwickelt, ist ein Maß für die Ungewissheit. Mehr Alternativen bedeuten mehr Ungewissheit, mehr Information. Es geht ihm allein um das mehr oder weniger zufällige Auftreten von Zeichen und nicht um deren Bedeutung. Die Semantik ist ausgeschlossen, ganz anders als in sprachwissenschaftlicher Sicht.
Illustrieren wir die Grundidee an einem (zugegebenermaßen stark) konstruierten Beispiel analog zu Shannons Vorgehensweise. Wir gehen im Hinblick auf die Struktur einer Nachricht von einem Text in Deutsch aus, der aus 26 Alphabetzeichen und einem Leerzeichen (Spatium) besteht. Für eine Sequenz aus einem Gedicht wird eine Zufallsfolge erzeugt (1a), die Buchstaben sind rein zufällig verteilt.
1a abq fediqg onklmqp rusvqt (Näherung nullter Ordnung)
Nun nutzen wir die Kenntnisse, die wir über das Deutsche haben, und wir nehmen an, dass die Zwischenräume Wörter voneinander trennen und die Verteilung der Buchstaben in 1a abhängig ist von der Häufigkeit ihres Auftretens. So ergäbe sich unter der Tatsache, dass e der häufigste Buchstabe im Deutschen ist, die Sequenz 1b.
1b abe fedieg onklmep rusvet (Näherung erster Ordnung)
In einem weiteren Schritt betrachten wir Buchstabenpaare (Digramme). Im Deutschen ist das häufigste Digramm en, wir ersetzen eg, ep, et durch en und erhalten 1c:
1c abe fedien onklmen rusven (Näherung zweiter Ordnung)
Da zudem im Deutschen en eine häufige Wortendung ist, passen die Wörter ›noch besser‹ zur deutschen Sprache. In einem weiteren Schritt betrachten wir Buchstabentripel (Trigramme). Das häufigste Trigramm ist sch und wir setzen dieses für das im Deutschen nicht vorkommende Trigramm klm ein:
1d abe fedien onschen rusven (Näherung dritter Ordnung)
Im nächsten Schritt gehen wir auf die Wortebene. Die Artikel kommen im Deutschen sehr häufig vor; der ist das zweithäufigste Trigramm und das am häufigsten vorkommende Wort im Deutschen. Die steht an zweiter Stelle der Worthäufigkeitsverteilung. Da abe drei Buchstaben umfasst und auf e endet, ersetzen wir die Zeichenfolge durch die:
1e die fedien onschen rusven (Wortnäherung erster Ordnung)
1e wirkt nun bereits ›viel deutscher‹ als 1a, die Sequenz lässt sich z.B. viel leichter laut lesen und leichter merken. Nebenbei: Von Ausgangs- bzw. Zielwortfolge die gabben Schweisel frieben sind wir noch weit entfernt, aber letztlich ist der Unterschied zu die fedien Onschen rusven gar nicht so stark. Die Strukturen 1a-d treten mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten auf. Je mehr Alternativen man hat (am meisten in 1a), desto größer ist die Ungewissheit und desto mehr Information enthält die Sequenz nach dem Shannon-Modell. Je häufiger/wahrscheinlicher ein Zeichen vorkommt, desto geringer sein Informationsgehalt, und je weniger häufig/wahrscheinlich ein Zeichen vorkommt, desto höher sein Informationsgehalt. Die (Un)wahrscheinlichkeit einer Nachricht lässt sich nun berechnen; semantische Aspekte spielen hierbei keine Rolle. Dies ist für den Sprachwissenschaftler anders.
Die Information einer Mitteilung, der informationelle Gehalt, liegt gerade in der Reduktion von Ungewissheit. Gegenüber den zufällig verteilten Zeichen liegt der Informationsgehalt einer Botschaft in der Ordnung der Zeichen. Vereinfacht formuliert: Information ist gleich Ordnung der Zeichen. In den angeführten Beispielen 1a-e erhöht die Zunahme der Ordnung den Informationsgehalt. Die damit erhöhte Wiedererkennungsrate hängt von dem Strukturwissen ab, dem impliziten Wissen um statistische Verteilungen (z.B. en = häufig vorkommende Zeichenkette) und syntaktisch-semantischem Wissen, z.B. die ist ein Wort, das ein anderes Wort (ein Nomen) als ›bestimmt‹ spezifiziert. Während in der Informationstheorie allein statistische Aspekte der Zeichen eine Rolle spielen, sind es bei sprachlichen Zeichen auch die semantischen Aspekte. Denn es geht bei der Sprache um die Kodierung von Bedeutungen.
21 Wie hängen Sprache und Kommunikation zusammen?
Sprache ist ein, das Mittel in der menschlichen Kommunikation. Einem Gesprächspartner seine Gedanken, Intentionen mitteilen, kooperativ handeln, seine Gefühle schriftlich mitteilen – für all dies ist die Kommunikation von sprachlichen Zeichen ein effektives Verfahren. Sprachliche Kommunikation ist vielschichtig und komplex, doch ohne sie wäre eine menschliche Gesellschaft kaum vorstellbar, und die Entwicklung des Menschen ist direkt an seine Entwicklung von sprachlicher Kommunikationsfähigkeit gekoppelt (s. Kap. 13).
Das grundlegende Modell für Kommunikation wurde von den beiden Mathematikern Claude Shannon (1916–2001) und Warren Weaver (1894–1978) Mitte des 20. Jahrhunderts formuliert, wobei insbesondere die mathematische Theorie der Kommunikation von Shannon hierfür relevant ist (s. auch Kap. 20). In dieser Theorie steht die Informationsübertragung im Vordergrund. Es gibt in diesem Modell einen Sender und Empfänger, einen Übertragungskanal und ein Signal, das in kodierter Form vom Sender zum Empfänger gesendet wird. Bezogen auf die gesprochene Sprache bedeutet dies: Der Sender erzeugt mit seinem Sprechapparat ein akustisches Signal, das über die Luft (Informationsträger) vermittelt durch das Ohr des Empfängers wahrgenommen und von den Nervenzellen weiterverarbeitet wird. Das Signal selbst ist vom Sender in spezifischer Form, in sprachlichen Zeichen kodiert. Um die Nachricht entschlüsseln zu können, muss sie dekodiert werden. Bei der Übertragung kann es zu Störungen kommen, wenn z.B. in einer Gesprächssituation Signale verschiedener Sprecher sich überlagern. Interferenzen und Rauschen sind Störungen beim Übertragungskanal.
Pulsuz fraqment bitdi.
›er‹]
ši
a
ma
atuš