Kitabı oxu: «Getrieben - Adoptiv-Knilch packt aus»
Getrieben – Adoptiv-Knilch packt aus
Eine autobiografische Erzählung:
Ich schreibe es mir von der Seele – und erzähle für die Seele.

Autor Peter Weidlich mit Florentine, genannt ‚Flo‘
Peter Weidlich, Jahrgang 46, glücklich verheiratet, vier bereits erwachsene Kinder, fünf Enkel, zwei Urenkel. Jetzt Rentner. Als Diplom Sozialpädagoge hat er sich zeit seines Lebens für Bildung und Wertschätzung vernachlässigter Kinder und Jugendlicher engagiert.
www.p-weidlich.de
Peter Weidlich
GETRIEBEN – ADOPTIV-KNILCH PACKT AUS
„Man kann in Kinder nichts hineinprügeln,
aber vieles herausstreicheln.“
Astrid Lindgren
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Erzählungen über meine Kindheit und Jugendzeit (kursiv), meine beruflichen Aktivitäten und meine Jetzt-Zeit als Rentner.
Ich folge nicht der neuzeitigen Gendermentalität: Wenn ich Begriffe ‚Bürger‘ oder ‚Schüler‘ oder ‚Erzieher‘ oder ‚Pädagoge‘ schreibe, meine ich beide Geschlechter.
Diejenigen, die ich schätze oder die meine Ideen unterstützten, nenne ich mit ihrem Vor- oder Nachnahmen. Aus Gründen der „Political Correctness“ verschweige oder ändere ich die Namen derer, die mich vernichten wollten, selbst wenn es heutzutage opportun scheint, Menschen, deren Meinungen einem nicht passen, symbolisch an den Galgen zu hängen oder deren Unterkünfte abzufackeln oder mit einem wahnsinnigen Shitstorm zu diffamieren.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Gewidmet
dem Brautpaar
Stephan und Marina Weidlich
INHALT
Cover
Hinweise
Über den Autor
Titel
Über das Buch
Impressum
Widmung
Vorwort
Schreib’ darüber
Einfach angenommen
Antriebe
Suche
Erwartungen
Von Wald und Tier geprägt
Verantwortung
Hundevernarrt
Methoden im Zwielicht
Grundgedanken
Sanktionen
Lerneffekte
Psychologie
Schulpflicht
Gruppenmagie
Stärkung der Werte
Mannschaft
Kompensation
Macht
Hornmusik
Fürs Leben lernen
Reaktionen
Lehrerjoker
Motivation
Religion und Werte
Atmosphärisch
Messdiener
Zweifel
Die Macht des anderen Geschlechts
Aufklärung
Umwege
Erfüllung
In freier Wildbahn
Menschliches
Vorpraktikant
Berufliche Erfahrungen
Erziehungsmodelle
Jugendbildung
Protest
Umorientierung
An heiligen Nächten
Wunschzettel
Bescherung
Gescheitert
Film als sozialkritisches Mittel
Feinde
Breakdance
Wildwechsel
Zurück zum Leben
Drogen
Drachen
Himmlisches
Revita
Abgeloost
Was einem das Genick bricht
Faulheit
Falschaussagen
Entzug
Traumatisiert
Verurteilung
Gewinn
Selbstverschuldet
Verarbeitung
Jetzt-Zeit
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Gänsehaut
Asyl
Fazit
VORWORT
Schreib’ darüber
So, wenn es Ihnen recht ist, lassen wir den Jungen hereinkommen?
Mir schlug das Herz bis hinauf in den Adamsapfel. Meine Frau wurde blass. Die Tür ging auf, und ein strubbeliger Junge kam herein. Und wie! – so mit Siebenmeilenschritten. Er sah nicht links, nicht rechts, sprach keinen Ton, stieg wortlos neben dem Schreibtisch des Pflegers auf einen Stuhl, nahm den dicksten Stempel und haute ihn krach-bum aufs Stempelkissen. Dann, ohne sich zu besinnen und ohne zu bremsen, stempelte er ruck-zuck-krach-bum sämtliche Papiere, die in seiner Reichweite lagen.
Das war unser Sohn!
Meine Frau sah, dass ich ihn und sein emsiges Tun kritisch betrachtete. »Überlegst du noch, ob wir ihn nehmen? Man sucht sich seine Kinder nicht aus!« Das war richtig, und ich schämte mich. Zwar hatte der Pfleger gesagt: »Wenn Sie mit ihm nicht zurechtkommen, können Sie ihn jederzeit zurück bringen«. Denn meine Frau hatte Recht: Man kann sein Kind nicht wieder zurückgeben! Man tauscht sein Kind nicht einfach um! 1
„Diese Passage hat mich seinerzeit bewogen, weiter zu lesen“, erklärt Frau Ditte, mich taxierend. „Erco und ich standen an den Bettchen unserer beiden Töchter“, ergänzt sie, „beide ein halbes Jahr alt. Vor zwanzig Jahren. Es war wie ein Wunder. Sie waren drei Tage bei uns. Unsere Kinder, Adoptivkinder! Ich weiß den Tag genau, als ich, Zufall oder nicht, in das Bücher-Regal meines Vaters griff und diesen Doppelband entdeckte. Seit diesem Tag begleitet uns die Geschichte des Knilchs. Es wäre ein großes Erlebnis, hofften wir vor einer Woche, diesen Knilch kennen zu lernen! Deswegen sind wir hier.“
Beide prüften in den folgenden Stunden, ob der leibhaftige „Knilch“ ihr literarisches Bild trüben würde oder nicht. Ich spürte ihr Abtasten emotional, das für erste Sekunden verunsicherte, nach wenigen Minuten einer beidseitigen Empathie wich.
Sie, Kinder- und Jugendfotografin, mit wachen Augen ihre Umwelt betrachtend, er, Historiker, alle Ereignisse einem geschichtlichen Kontext zuordnend, sitzen mir gegenüber, bei Kaffee und Plätzchen. Beide, beseelt von ihren Erfahrungen mit ihren Zwillingen, schildern ihr Leben in Kurzfassung, mit glänzenden Augen.
Ditte selbst konnte keine Kinder gebären. Ihr sehnsüchtiger Wunsch, Kinder aufwachsen zu sehen, ihnen Geborgenheit und Liebe zu schenken, verdrängte nachdenkliche Fragen besorgter Freunde. Sie tat es, wie Mütter eben, in liebevoller Hingabe, mit klugem Verstand.
Erco, ebenfalls ein Adoptivkind, sprach von seiner diffusen Angst, eine tiefe, tragbare Beziehung zu diesen neuen Wesen entwickeln zu können. Würde von ihm nicht mehr als eine Beziehung erwartet, vielleicht eine tiefgreifende Bindung, eine aufopfernde Haltung, die Vätern leiblicher Kinder unterstellt wird? Er selbst wurde weggegeben, das Band des Urvertrauens zerschnitten. An Liebe und Geborgenheit während der ersten sechs Jahre konnte er sich nicht erinnern. Später musste er die Zuneigung seiner Adoptiveltern mit anderen Kindern teilen. Das prägte und sorgte für latente Zweifel an sich selbst und an anderen. Ins Detail mochte er nicht gehen, über ein Schicksal, das viele Adoptivkinder teilen.
Stattdessen fokussierte er zwei ihm wichtige Fragen:
„Konnte das Engagement Ihrer Adoptiv-Eltern Ihnen das Gefühl vermitteln, als Mensch wieder wertvoll zu sein?“ Und:
„Wie hat die Adoption Ihr weiteres Leben als ‚Knilch‘ geprägt?“
Mit meinen jetzt siebzig Jahren erzähle ich, einfach aus dem ‚Bauch heraus‘, über meine Prägungen in Kindheit und Jugendzeit und ihre Auswirkungen auf berufliche wie gesellschaftspolitische Aktivitäten: Ungeschminkt, authentisch, ohne den Anspruch von Wissenschaftlichkeit, wissend, mit meinen Methoden anstößig und damit angreifbar zu sein.
Die Beispiele meiner unkonventionellen Pädagogik als Sozialpädagoge im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen fesseln beide Zuhörer.
Sie hören zu, eine Kunst, die selten zu beobachten ist.
Nach mindestens fünfzehn Tassen Kaffee, einer mittelgroßen Pizza für jeden und Plätzchen wie Toffifees verabschieden sie sich nach elf Stunden intensivster Gespräche, wir duzen uns bereits, mit den Worten: „Schreib’ darüber!“
Und ich fange an …
EINFACH ANGENOMMEN
Antriebe
Vier war ich, im Jahre 1950, die Welt unter einer Baskenmütze hervor taxierend, adoptiert von fremden Menschen, die einen Säugling großziehen wollten im Gegensatz zu einem Vierjährigen, bei dem die Sozialisation bereits abgeschlossen war? Schwer vorstellbar!
Sie haben mich angenommen!
Ihre dem Menschen zugewandte positive Grundhaltung, der Mensch, wenn er in die Welt kommt, sei gut, gab meinem Leben entscheidend neue Impulse. Da waren Erwachsene, die auf mein Verhalten reagierten, die mir erklärten, was nach ihrer Meinung in Ordnung war und was ich hätte anders machen müssen. Mir standen persönliche Autoritäten gegenüber, bei denen ich nicht mehr hungern musste, die mit mir spielten, die mir ein Bett in meinem Zimmer gaben und mich vor dem Einschlafen streichelten: Mich, ein wildfremdes Kind. Ich hatte meinen Vater und meine Mutter in meinem Zuhause!
Als ich sechzehn Jahre alt war, fragte ich meine Eltern, wie ich als kleiner Junge gewesen sei und was sie mit mir erlebt hätten.
„Du hast auf deinem Pöttchen gesessen, im Flur, und als der Vermieter die Treppe hinaufkam, hast du den erstaunt blickenden Mann mit den Worten begrüßt: Ich wohne nämlich hier!“
Als ich sie fragend anblickte, übergab mir mein Vater sein 1958 erschienenes Buch „Der Knilch und sein Schwesterchen“: Mein neues Leben als der Knilch.
Ich fing an zu lesen. Mit jeder Zeile begriff ich, auf welches ‚Abenteuer‘ sich meine Eltern eingelassen hatten.
Man hatte mir im Heim signalisiert, dass eines Tages meine Eltern kommen und mich mitnehmen würden. Da waren sie nun.
Im Bahnhofswartesaal der Mann und ich, die Frau nutzte die Wartezeit, bis der Zug uns in mein neues Zuhause bringen würde, um neue Klamotten für mich zu kaufen. Eine Musikdose sollte mich ablenken. Als ich sie linksherum drehte, krachte es in ihr. Wir beobachteten uns, der fremde Mann mich, ich ihn, mit lauernden Blicken. Ich stand auf, fluchtbereit. Er wusste, jetzt beginnt der Ringkampf um die Entscheidung. Ich rannte zur Tür, er hinterher. Er packte mich und dachte: Dieser tierhafte kleine Wilde fügt sich nur körperlicher Überlegenheit, also Gewalt! So war er geprägt, von seinen Eltern, vom Krieg, vom damaligen Mainstream. Widerspenstigen, bockigen Kindern müsse man ihren Willen brechen. „Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen!“ „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du mir zu gehorchen!“
Wirklich?
Vierzig Jahre später: Dirk, elf Jahre alt, ein Mündel, abgegeben von leiblichen Eltern zu Pflegeeltern und jetzt von Adoptiv-Eltern zu uns ins Heim. Zu schwierig, bindungsunfähig, aggressiv.
Die Erzieherin begleitete ihn in sein Zimmer zu seinem Bett und wollte seine wenigen Habseligkeiten aus einer Plastiktüte in seinen Schrank einräumen.
„Gib’ mir die Tüte“, bat sie. Er wehrte sich: „Meins!“
Statt ihn einräumen zu lassen, wollte sie ihm die Tüte entreißen. Er schrie auf. „Nein, meins!“ Sie blickte strafend.
Er rannte zum Fenster, riss die Flügel auf und kletterte auf die Fensterbank. Erschrocken rief sie mich um Hilfe.
„Dirk will aus dem Fenster springen! Peter, komm’ schnell“, hallte es durch das Treppenhaus.
Zum Zimmer eilend, nahm ich mir vor, ihn mit einem gewaltigen Satz zum Fenster und beherztem Griff am Springen zu hindern.
Unsere Blicke kreuzten sich. Statt zum Fenster zu eilen, setzte ich mich auf sein Bett und deutete der Erzieherin, uns allein zu lassen.
„Ich bin auch ein Adoptivkind!“, flüsterte ich in seine Richtung. „Ich verstehe dich! Was ist passiert?“
„Sie haben mir immer alles weggenommen! Das sind meine Sachen, die gehören nur mir!“
„In Ordnung. Zeig’ mir, was du mitgebracht hast!“
Tränende Augen sahen mich verzweifelt an. Er sprang vom Fensterbrett, brachte die Tüte und zeigte mir seine Schätze.
So ein kleiner Knirps musste Angst haben, dass ihm sein Miniteddy, die kurze Hose samt Trikot und Fußballschuhe mit drei Streifen weggenommen werden könnten. In seiner Hand hielt er ein zerknittertes Foto, das er zwischen der Unterwäsche versteckt hatte.
„Meine richtige Mama“, zeigte er mir, „und ich.“
Wochenlang haben meine Eltern mit mir gerauft und sich gefragt, ob sie mich ‚hinkriegen‘. Nur nicht schlappmachen, war ihre Devise. Wenn einer schlappmachen muss, dann der Knilch!
„Der muss doch irgendwann müde werden“, stöhnten sie und wanderten mit mir durch den Reinhardswald zum Dornröschenschloss und zurück, fünfundzwanzig Kilometer bergauf, bergab. Sie waren kaputt, ich wollte weiterhin draußen spielen. Heute würde ich als ADHS-Kind2 eingeordnet und medikamentös ruhiggestellt werden.
Ich war eben zäh.
Unermüdlich rollte ich die Treppen im Gutshof hinauf und hinunter, kreuz und quer über den Hof, wie eine Achterbahn ohne Bremsen. Hemmungslos tat ich das, wozu es mich trieb, meist ohne Verstand, so las ich über mich.
Die beste Schule sei die Erfahrung am eigenen Leib, dachte mein Vater und reagierte entsprechend: Als ich einem Jungen Sand ins Gesicht geworfen hatte, nahm er mich mit in die Sandkuhle und bewarf mich mit Sand. Ich muss fürchterlich gebrüllt haben und fand Sandwerfen nicht mehr lustig.
Spannend fand ich es, Kellerfenster einzutreten und war total geschockt, als mein Vater daraufhin sagte: „Nun pass mal auf, was ich kann!“ Er nahm mein Feuerwehrauto und trat es platt. Das gefiel mir gar nicht.
Wir hätten es bestimmt leichter gehabt, und erst recht der Knilch, die bösen Triebe umzulenken, wenn nicht die Erwachsenen so verbohrt bei ihrer vorgefassten Meinung geblieben wären. Gerade ein Kind, das seine Eltern nicht mehr hat, braucht doch Vertrauen, Liebe und Schutz viel mehr als ein Kind, das in der natürlichen Geborgenheit bei den eigenen Eltern aufwächst. Denn, spürt es die Geborgenheit und das Vertrauen nicht, verschließt es sich, wird scheu und schließlich misstrauisch. Daraus erst wächst dann der schlechte Charakter, den man schon vorher in das Kind hineingedacht hat. Die Immer-Gescheiten aber sagen: Na bitte, da haben wir’s! Manche Erwachsenen haben geradezu mit Wonne – und ohne ihn daran zu hindern! – den Knilch bei seinen schlimmen Streichen beobachtet. Und wenn meine Frau oder ich auf den Hof kamen, um nach ihm zu sehen, wiesen sie selbstzufrieden auf ihn hin und sagten: „Da! Sehen Sie ihn sich nur an! Er ist gerade wieder dabei!“ Es war ihnen eine Lust, uns zu ‚beweisen‘, dass er nichts tauge.3
Als ich diesen Absatz vor einigen Tagen las, um meine Vergangenheit aufzufrischen, musste ich an die Kinderheim-Kinder denken, die Ähnliches haben durchleben müssen: Einmal Heimkind, immer Heimkind. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen und dennoch zu seinem ES zu stehen, erfordert gelebte Kompensation.
Dem ICH, durch die Trennung von der Mutter und der daraus resultierenden Objektkonstanz, aus den Augen, aus dem Sinn, fehlt das Urvertrauen und die sichere Bindung an die Mutter, eine Mutter, die füttert, badet, streichelt und damit das Gefühl vermittelt, in der Welt willkommen und angenommen zu sein. Wenn dieses ‚Bild‘ von einer Mutter, im kindlichen Gedächtnis und Herzen verankert, zerstört wird, sind Bindungsstörungen die Folge.
Das ES mit seiner Triebhaftigkeit, mit seinen Antrieben, mit seinem Drang nach Bedürfnisbefriedigung und seiner Suche nach Anerkennung macht einerseits das zurzeit von unserer Gesellschaft geforderte Alleinstellungsmerkmal aus, andererseits zwang mich diese Manie, immer wieder Neues zu beginnen.
Kann dieser Antrieb, besser, schneller zu sein als andere, schier unlösbare Herausforderungen angehen und meistern zu wollen, ein Beweis dafür sein, ein zerstörtes Selbstwertgefühl wieder herzustellen? Sich gegen den Makel eines ‚Bastards‘ aufzulehnen? Wie kleine Menschen, die unter ihrer Größe leiden und ihren Minderwertigkeitskomplex mit intrigantem Verhalten oder unmenschlicher Härte oder grandioser Leistung wettmachen wollen? Ein kompensierendes ÜBERICH will erfahren werden, mittels Versuch und Irrtum, durch Ge- und Verbote oder über eingebleute Züchtigungen, wie man früher dachte und handelte.
Hat ein Adoptivkind, abgestoßen von seinen Eltern, egal aus welchen Gründen, ein Bastard eben, ein Recht auf Leben, ein Recht auf Anerkennung, ein Recht auf Liebe?
Diese Frage der Existenzberechtigung stellt sich zunächst kein Kind, das als leibliches Kind aufwächst oder dem die Tatsache verschwiegen wird, adoptiert worden zu sein, es sei denn, Umweltfaktoren bedrohen sein Leben.
Ich stellte mir, je älter ich wurde, immer wieder diese Fragen und beantwortete sie mit verstärkten Antriebshandlungen in jeglicher Hinsicht, mit wechselndem Erfolg:
Mutter bat mich, ich war voll in der Pubertät, das Kartoffelfeld umzugraben, weil sie die Saatkartoffeln legen wollte. Ich grub wie ein Besessener. Plötzlich, völlig losgelöst, packte ich den Spaten mit beiden Händen und wirbelte ihn um mich herum. Dass sich meine kleine Schwester aufgrund meiner Fluggeräusche interessiert näherte, bemerkte ich nicht. Aber mein Vater sah aus seinem Fenster die Gefahr und brüllte. Erschrocken brach ich den Hubschrauberflug ab. Von diesem Augenblick an geschah etwas in mir. Ich nahm mir vor, „triebgesteuerte“ Eingebungen in nutzbringende Antriebe umzuwandeln, was mir nicht immer gelang.
Denkaufgaben einfachster Art hingegen, wie ein einfaches Legespiel, Klötze zu Märchenbildern zusammenstellen, mit einem Stabilbaukasten einen Kran zusammenzusetzen oder mit Holz-Bauklötzen Häuser zu bauen, erschöpften mich damals. Ich schmiegte meinen Kopf an meine Mutter, fassungslos darüber, nach einer halben Stunde bereits keine Motivation mehr zu haben.
Dank unermüdlicher Hilfestellung und tagtäglicher Forderung begriff ich den Sinn dieser Spielangebote. Ein Verkehrsteppich mit aufgemalten Straßen, Schildern und einigen Spielautos sollte mich animieren, Vater hatte gerade unseren ersten VW erstanden, Verkehrsregeln zu begreifen. Er hatte meine ständigen Fragen wahrscheinlich satt.
Ich merkte, dass ich meinen Verstand tatsächlich gebrauchen konnte und begann, es fing mit Angelbüchern an, nachzulesen, wie und wann ein Aal zu fangen sei, wie man ihn töten und räuchern könne. Später verschlang ich alle Karl-May-Bücher, litt mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn und begriff, wiederum Jahre später, dass jedes Wort bei mathematischen Textaufgaben eine bestimmte Bedeutung hatte.
Kriegsgräberpflege in Frankreich. Man suchte junge Leute, die einen Teil ihrer Ferien mit sinnvoller Arbeit verbringen wollten. Auf meinen Wunsch meldeten mich meine Eltern an. Es ging nach Amiens.4
1961 begann der Volksbund damit, die deutschen Toten aus Grablagen in den umliegenden Départements zu bergen. Zweiundzwanzig Kilometer nordwestlich von Amiens legte er den Friedhof Bourdon als zentralen Sammelfriedhof an. Meine Aufgabe und die anderer Jugendlicher war, jeden Vormittag ein großes Stück Land umzugraben, drei Wochen lang. Harte Arbeit, herrlich. Ich war nicht zu bremsen. Als Dank durfte ich am Sonntag als Messdiener in der Kathedrale von Amiens dienen und wurde anschließend vom Pfarrer zum Mittagessen eingeladen. Ich wusste nicht, dass Franzosen zum Essen Wein trinken. Unbekannt war mir, welche Wirkung der Wein erzielte. Total betrunken, leise, zufrieden vor mich hin lallend, wurde ich ins Lager zurückgebracht.
Neben meiner hauptberuflichen Tätigkeit in der Kita Jahre später kümmerte ich mich ehrenamtlich um den Aufbau des Malteser-Hilfsdienstes in Braunschweig. Bisher war der Kurs „Sofortmaßnahmen am Unfallort“ für Führerscheinanwärter angeboten worden. Ich wollte mehr.
Meine Beobachtungen und Befragungen ergaben, dass der Krankentransport in Verbindung mit dem Rettungsdienst von den anderen drei Vereinen, Rotes Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund und Johanniter-Unfall-Hilfe durchgeführt wurde. Sie kämpften als Konkurrenten um jeden Transport. Damals gab es keine gemeinsame Rettungsleitstelle, die alle Einsätze koordinierte, wie heute.
Ich fragte zwei Sanitäter, warum sie den stark blutenden Unfall-Patienten nicht richtig ‚angefasst‘ hätten mit stabiler Seitenlage und direkter Wundversorgung. „Wir sind doch nicht verrückt. Wir haben nur eine Uniform, die können wir nicht einsauen!“ Zusätzlich stellte ich fest, dass die Kranken oder Verletzten am Krankenhaus-Eingang abgegeben wurden, damit man schnell den nächsten Transport übernehmen konnte.
Über die Hauptzentrale des Malteser-Hilfsdienstes orderte ich einen Krankenwagen und ließ Ehrenamtliche zu Sanitätern ausbilden. Sie erhielten weiße Kittel und die Anweisung, Schwerkranke oder Verunfallte direkt zu versorgen und sie bis in den OP-Bereich des Krankenhauses zu bringen. Innerhalb weniger Wochen hatten wir die meisten Krankentransporte nach dem Roten Kreuz!
Das brachte Rudi auf den Plan. Er rief mich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm einen Flugrettungsdienst für den Harz-Heide-Raum zu organisieren. Er habe als Testpilot der Freiwilligen Feuerwehr Niedersachsens gearbeitet und sich aus zwei Hubschraubern einen zusammengebaut, der einsatzfähig sei.
Tolle Idee. Der Malteser-Hilfsdienst hatte kein Interesse, mit zu machen. Vielleicht ahnten die Verantwortlichen, welche Schwierigkeiten auf sie zukommen würden. Mich reizte es, naiv aktiv, wie ich war:
Innerhalb von acht Wochen hatte ich ein Team von ehrenamtlichen Sanitätern, drei Unfall-Ärzten und zwei Piloten zusammengestellt und einen Flugrettungsverein gegründet, als gemeinnützig anerkannt. Räume für das Einsatzteam und der Hubschrauber-Landeplatz standen im Krankenhaus Salzdahlumer Straße bereit. Die Firma Draeger stellte die notwendigen Geräte im Hubschrauber zur Verfügung. Der Oberbürgermeister der Stadt hatte seine ideelle Unterstützung zugesagt, eine Versicherungsgesellschaft begann mit der Beschriftung des Hubschraubers.
Wir trafen uns mit einem Mann vom Fach, um ihm unser Konzept vorzustellen. Er hatte sich einen Namen gemacht mit Notrufsäulen entlang der Autobahnen und mit der Flugrettung bundesweit. Für den Einsatz des Hubschraubers am Unfallort, so erklärten wir ihm, bekam man von der jeweiligen Krankenkasse achthundert DM, für die Verbringung des Notarztes zusätzlich achthundertfünfzig DM, zusammen pro Einsatz eintausendsechshundertfünfzig DM. Für die Wartung des Hubschraubers hätten wir eintausend DM im Monat aufbringen müssen. Da alle ehrenamtlich tätig waren, wären geringe Sachkosten angefallen. Folglich kein Zuschuss-Unternehmen, im Gegensatz zu einem Flugrettungsverein, der nur mit hoher staatlicher Subvention wie Spenden existieren konnte.
Wem hatte ich da wohl auf die Füße getreten? Ich merkte nichts, naiv wie ich war!
Als ich das Rettungswesen öffentlich vorstellen wollte, benötigte ich für den Hubschrauber eine Außenlande-Erlaubnis. Im Notfall kann er überall landen, ansonsten braucht er eine Sonder-Erlaubnis. Ich stand vor dem zuständigen Beamten des Bundesluftfahrtamtes und bat um die Erlaubnis.
„Nein“, sagte er, „die bekommen Sie nicht!“
Ich dachte an einen Scherz. „Warum nicht“, fragte ich perplex.
Achselzucken.
Als ich begriff, dass alle meine Mühen umsonst waren und an diesem sturen Beamten zu scheitern drohten, brach für mich eine Welt zusammen. Meine angestaute Energie, meine Anspannung explodierte in einem fürchterlichen Gebrüll. Vor Schreck kroch die Sekretärin unter ihren Schreibtisch. Der Beamte wurde kreidebleich und atmete schnappartig.
Ich blies alles ab, enttäuscht und frustriert. Und langsam dämmerte mir, dass Geld eine Macht war, die man nicht unterschätzen durfte.
Eine Erkenntnis, die mich als Sozialpädagogen bis ins Mark traf.
Wenn ich an manche Aktivitäten denke, die ich als Heimleiter mit den mir anvertrauten Jugendlichen initiiert habe, frage ich mich, wo mein Verstand geblieben ist, als erlebtes Abenteuer mir wichtiger schien als vom Verstand gelenkter Verzicht:
Mit dem Geländewagen durch zwei Meter hohes Maisfeld gerast, auf den Trittbrettern klemmten Jungen, sich bei offenen Fenstern an Halteschlaufen krallend, laut grölend und total begeistert. Was für eine Mutprobe! Der Mais war von mir bezahlt, die platt gefahrenen Maishalme mit den reifen Kolben boten Hasen, Fasanen, Rebhühnern, Kaninchen Leckerbissen den Winter über. Es war daher sinnvoll, aber nicht normal! Was hätte nicht alles passieren können?
Oder im Schnee. Zwanzig Meter lange dicke Eisenkette an der Anhängerkupplung, alle zwei Meter ein Schlitten mit starkem Karabiner angehakt. Ab ging es durch den Schnee. Der letzte der zehn Schlitten schlingerte am meisten. Auf dem lagen sie bäuchlings, um besser steuern zu können. Blitzartiger Stopp, wenn einer vom Schlitten purzelte. Es klappte immer.
Wenn ein Kind verunglückt wäre? Jeder hätte an meinem Verstand gezweifelt. Triebgesteuert, ohne Verstand? Jeder Richter hätte mich verurteilt, mit Recht!
Genau wie bei der theoretischen Führerscheinprüfung. Ich wunderte mich, dass einige Eltern meiner Heimkinder keinen Führerschein besaßen. Auf meine Nachfrage erfuhr ich, dass sie sich ihn sehnsüchtig wünschten, aber einige Male durch die theoretische Prüfung gefallen seien und resigniert hätten.
Von meinem Antrieb gesteuert, Fremden helfen zu wollen, kam ich auf die Idee, eine Fahrschule aufzubauen, die innerhalb von zwei Wochen die theoretischen wie praktischen Kenntnisse vermitteln sollten. Zum Abschluss der zwei Wochen wäre die Prüfung.
Mit einem Kollegen, der Fahrlehrer war, richteten wir direkt nach der Wende in Mecklenburg-Vorpommern ein ehemaliges Jugendfreizeitheim her, bestückten den Fahrschulraum mit den notwenigen Lehrmitteln und luden fünf Schüler ein, diesen Probelauf, abgestimmt mit der DEKRA, durchzuführen. Vier Prüflinge bestanden den Kurs und erhielten den regulären Führerschein B. Meine Heimkinder strahlten, als ihre Eltern endlich den Führerschein besaßen.
Dieses Fahrschul-Modell konnte nicht fortgesetzt werden, weil der Fahrlehrer verstarb. Ich selbst musste mich intensiver um meine Heimkinder kümmern.
Suche
Alles vor diesem neuen Leben in meiner Adoptiv-Familie hatte ich verdrängt, vergessen, vielleicht nie richtig wahrgenommen. Bis auf eine Erfahrung, die mein zukünftiges Leben nachhaltig beeinflusst:
Jedes Mal, wenn ich in die Nähe eines Fleischerladens komme, läuten bei mir alle Alarmglocken: Da gibt es Wurst! Und „Wurst“ war das erste Wort, das ich sprechen konnte. Nicht Mama oder Papa, wie jedes normale Kind, nein: Wurst.
„Denn Wurst bekam er immer geschenkt“, so erklärte die Sozialarbeiterin vom Jugendamt meinen Adoptiv-Eltern, „wenn Peter aus dem Kinderheim abgehauen war und vor der Fleischers-Frau mit strahlenden Augen auftauchte!“
Wie gestern, ein kleiner Junge, der im Supermarkt zielstrebig auf die Fleischtheke zusteuerte, seinen Einkaufskorbwagen hinter sich her rollend. Seine Eltern sahen aus sicherer Entfernung glücklich lächelnd zu. Er strahlte die Verkäuferin an, streckte sein Händchen aus und die Scheibe Kinderwurst verschwand mit gehauchtem Danke in seinem Mund.
Wenn nach den ersten Frostnächten das beste Schwein bei Bauern an der Leiter hing, entborstet, ausgeweidet, die Schlachtebrühe im Kessel dampfte und ich frisches Mett und eine Kanne wunderbar duftender Brühe nach Hause brachte, war ich glücklich. Dieser für mich würzige Geruch erinnert mich heute daran, als Kleinkind mit Lebenswichtigem versorgt worden zu sein, das meinen Hunger stillte und mein Bedürfnis nach Nähe weckte, einer Nähe, die mich wahrnahm.
Immer wieder ertappe ich mich, Kleinkinder zu beobachten, um aus ihren sozialisationsgeprägten Verhaltensweisen Rückschlüsse auf meine ersten vier Lebensjahren ziehen zu können, über die ich absolut nichts weiß.
Habe ich als zwei- oder dreijähriger Junge, genauso selbstbewusst die Umwelt in Besitz genommen, zielstrebig bekundet, was ich haben wollte, wie die kleinen Persönlichkeiten, denen ich heutzutage begegne?
Sie blicken nicht weg, bei Augenkontakt, im Gegensatz zu Erwachsenen, an der Ampel, wenn du aus deinem Auto zum Nachbarn schaust oder im Fahrstuhl direkten Blickkontakt wagst.
Wenn ich kleine Kinder zusätzlich anlächle, verändert sich ihre Mimik, vom Erstaunt-Sein bis hin zum schelmischen Versteckspiel hinter Mamis Rücken. Und wenn manche Mütter missbilligend weiterziehen, muss ich daran denken, wie schnell man in die Ecke eines Pädophilen gestellt werden kann.
Meine Adoptiv-Mutter beklagte sich, dass ich in den ersten Monaten ihr nicht in die Augen habe blicken können. Warum? Wenn dir das Wichtigste im Leben abhandenkommt, bist du ein Nichts. Und ein Nichts hat seinen Blick in den Boden zu bohren, genau wie früher das Gesindel ihrer Herrschaft gegenüber, der Hartz-Vier-Empfänger vor den Göttern der Agentur für Arbeit, der Unternehmer vor dem Kreditinstitut oder der Laie vor dem Kardinal.
Trotz ihrer Fürsorge und Zuneigung, oder vielleicht gerade deswegen, stellte ich ihre Durchhaltefähigkeit tagtäglich auf die Probe. Intuitiv wollte ich wahrscheinlich prüfen, so erkläre ich mir das heute: Stehen sie weiterhin zu mir, wenn ich sie verleugne, verletze, wenn ich ihren Ansprüchen nicht genüge, ihren Regeln nicht gehorche oder sie mit meiner in Tagträumen glorifizierten leiblichen Mutter vergleiche? War mir überhaupt bewusst, ihre Hingabe mit meiner Art zu gefährden? War es mir egal, ob diese Zuneigung halten würde oder nicht? Oder war ich einfach nur wild, unberechenbar, gedankenlos, schizoid?
Auf jeden Fall wollten sie mich dazu bringen, über mein Tun zu reflektieren. Ich wäre sonst, wie sie mutmaßten, der geblieben, für den ihre Nachbarn mich hielten: Der fremde Junge, der so böse ist. Und womöglich hätte das dazu geführt, dass ich böse geworden wäre. Etwa in der Art einer ‚Selbsterfüllenden Prophezeiung‘, wie: Wenn man in einer Konfliktsituation ein Kind beschimpft und ein anderer sagt, dass es gleich weinen würde, dann weint es auch.
Genau wie Heimkinder. Sie haben ein grundsätzlich negatives Image. Und irgendwann entsprechen sie dem Image, weil niemand an sie glaubt. Meine Eltern glaubten an mich, wie ich später an Heimkinder. Und wenn man an das Gute in fremden Kindern glaubt, gleicht man naiven Spinnern oder ist suspekt.
Mit zwölf Jahren kniete ich neben meiner Mutter, hundertfünfzigprozentig katholisch, an der Kommunionbank. Irgendetwas geschah mit mir. Als ich sah, wie sie den Mund öffnete, um die Hostie zu empfangen, spürte ich eine seltsame, in die Tiefe gehende Zuneigung zu ihr. Zu meiner Mutter, die nicht meine leibliche Mutter war, die mich dennoch haben wollte und mich nie verlassen hat, trotz aller Schwierigkeiten mit mir.
Im Jahre 1986, ich war vierzig Jahre alt, kam ich auf den Gedanken, nachzuforschen, wer meine leiblichen Eltern seien, wie sie aussähen, ob sie an mich dächten, ob sie wissen wollten, was aus ihrem Sohn geworden sei.
Ich wollte ihnen die Frage stellen: WARUM?
Wer mein Vater oder Erzeuger wäre, war mir völlig egal.
Meine Mutter beschäftigte mich in tiefsten Gedanken und Träumen. Insgeheim hatte ich ihr verziehen. Sie musste in äußerst schwieriger Situation gewesen sein, die sie gezwungen hatte, mich wegzugeben, entschuldigte ich sie. Ich traute mich nicht, sie zu verurteilen. Stattdessen hatte sich in mir der Gedanke festgesetzt: Du, Peter, musst das, was dir deine Mutter angetan hat, bei anderen Kindern wieder gutmachen!
Das wäre der tiefere Grund für mich, Sozialwesen zu studieren und für Heimkinder tätig zu werden, erklärte mir ein Psychotherapeut während der Lehranalyse auf der Couch. Hundertfünfundzwanzig Stunden Lehranalyse sind Bedingung, um das Studium der Kinder- und Jugendlichen Psychotherapie abschließen zu können. Dieses Zusatzstudium hatte ich berufsbegleitend begonnen, um in die Geheimnisse der Speziellen Neurosenlehre eingeweiht zu werden.
Als Heimleiter meines privaten Kinderheimes stellte ich Nachforschungen an, um die Verhaltensweisen mir anvertrauter Kinder besser verstehen zu können. Der Hinweis, Heimleiter zu sein, eröffnete mir alle Türen bei Jugend- und Einwohnermelde-Ämtern.
Nach einigen Telefonaten bekam ich den Namen meiner leiblichen Mutter heraus und ihren damaligen Aufenthaltsort. Ich rief die Telefon-Auskunft an, früher gab es sie, und erkundigte mich, ob Frau Schulze in Kelsterbach einen Telefonanschluss hätte. Hatte sie nicht. Schade, dachte ich und verdrängte meine Wünsche.
Weitere zwei Jahre vergingen. Ein seltsamer Anruf einer Frau überraschte mich. Ohne ihren Namen zu nennen, bat sie um meine Konto-Nummer, da sie spenden wolle. Ich dachte an eine Spende für mein Kinderheim und erklärte ihr, keine Spendenquittung ausstellen zu können, da wir kein gemeinnütziger Verein seien.
Eine Woche später rief dieselbe Dame an und sagte, dass sie mir privat etwas zukommen lassen wollte und meine private Konto-Nummer bräuchte. Ich wunderte mich darüber, gab ihr meine Nummer. Gleichzeitig fing mein Gehirn an zu rotieren. Wer will mir Geld schenken, ohne eine Gegenleistung zu erwarten?
Als auf meinem Konto zweitausend DM erschienen, erfasste mich ein ungeheurer Verdacht: Sollte das Geld von meiner leiblichen Mutter kommen? Ich rief wiederum die Auskunft an und erhielt als Antwort eine neue Telefonnummer von Frau Schulze. Mit klopfendem Herzen wählte ich die Nummer. Tatsächlich, es war die Stimme der anonymen Spenderin. Meine Mutter!
Mein Körper fing an zu zittern, meine Stimme wurde weich und rau. Fragen, die ich mir vorsichtshalber zugelegt hatte, waren wie weggeblasen. Ebenso mein Vorsatz, ihr zu sagen, dass etwas aus mir geworden sei und sie sich keine Vorwürfe zu machen brauche, alles weg. Ich stammelte die Frage, wie es ihr gehen würde. Hörte ihre Stimme, so lieb, so mütterlich, begriff den Inhalt ihrer Antworten kaum und war der kleine Junge, der sich bei Muttern einkuschelte, alles vergessend, alles verzeihend.
Nach dem Gespräch entschloss ich mich, sie sofort zu besuchen. Mein warnender Verstand sagte mir, sie anzurufen und den Besuch anzukündigen.
„Nein, nein“, rief sie entsetzt ins Telefon, „du kannst nicht hierherkommen. Es weiß keiner, dass es dich gibt. Mein Lebensgefährte könnte das nicht ertragen. Ich schreibe dir alles. Sei nicht traurig!“ Und wieder platzte ein Traum.
Wie ein begossener Pudel saß ich an meinem Schreibtisch, heulte Rotz und Wasser. In diesem Moment wurde mir überdeutlich bewusst, welche unmenschlichen Schicksale das Leben vieler Kinder beeinflussten. Und ich war nicht nur Opfer, sondern auch Täter mit meinen Scheidungen! Ist so das Leben?
Sie schrieb mir tatsächlich: Ihr Mann wäre in Russland verschollen gewesen. Ein anderer Mann habe sich um sie bemüht. Aus dieser Liaison wäre ich entstanden. Ihr Mann sei überraschend aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, habe ihr den Fehltritt verziehen, verlangte: „Der Bastard muss sofort aus dem Haus!“ Was sie hätte tun sollen, fragte sie, und bat, dass ich ihr verzeihen möge. Das Jugendamt habe sich um mich gekümmert, sie habe nicht erfahren, wohin oder zu wem ich gekommen sei.
Immerhin besser, ins Heim gekommen, als abgetrieben worden zu sein, dachte ich, nachdem ich ihren Brief enttäuscht und verstehend verwahrte.
Jahre später stand ich an ihrer Haustür. Ich wollte sie sehen. Wollte ihr sagen, dass ich ihr verziehen hätte. Ich traute mich nicht zu klingeln. Wollte ihr Geheimnis nicht lüften und Erklärungsnöte heraufbeschwören. Stattdessen schob ich die erste CD unserer Bläsergruppe in den Briefkasten. Vielleicht …?
Zwei Jahre später erfuhr ich, dass sie gestorben sei. Meine unbekannte Mutter, der ich so gern über ihr Haar gestreichelt hätte.
Die Suche nach meiner leiblichen Mutter brachte andere Probleme: Meiner Adoptiv-Mutter gefiel das gar nicht. Sie empfand mein Tun als illoyal ihr gegenüber. Sie hatte sich ein Leben lang für mich eingesetzt, mich ertragen, mein Denken geformt, mir ihren Stempel aufgedrückt!
„Musste das sein?“, fragte sie mich vorwurfsvoll auf ihrem Sterbebett. Ich konnte ihr diese Frage nicht beantworten, als ich ihr über das schlohweiße Haar streichelte und ihre müden Augen sah.
Bedrückend und beschämend war, dass ich nicht wusste, welcher Tod beider Mütter mich trauriger gestimmt hätte. Ich kann es nicht sagen. Die leibliche Mutter hätte ich gern kennengelernt, hätte ihr verziehen, die Ersatzmutter hatte zu mir gestanden, mich geprägt.
Und ich stellte mit Entsetzen fest, dass mir ihr Tod nicht zu Herzen ging, nicht viel mehr als ein Schicksal annehmendes Schulterheben im Bewusstsein, dass jeder sterben würde.
Am Sterbebett meines Adoptiv-Vaters, ihn in seiner vergehenden Verfassung erlebend, berührte mich sein Sterben tiefer. Im Rückblick auf das Zusammenleben mit ihm, die positiven Momente überwogen, fühlte ich keine übergroße Liebe, die durch seinen Tod hätte erschüttert werden können.
Ich frage mich: Kann man als Adoptiv-Kind seine Mutter oder seinen Vater überhaupt zutiefst lieben? Bedeutet Liebe nicht, ständig in dem Geist beider sich Liebenden aufzugehen, gemeinsam eine Macht zu kreieren? Das Durchtrennen der Nabelschnur impliziert Eigenständigkeit, Loslösung, liebevoll versorgt und begleitet, der Beginn einer lebenslangen Symbiose.
Und wenn diese innige Verbindung zwischen Mutter und Kind durch Trennung beider zerstört wird, macht deutlich, warum aus Angst vor erneuter Enttäuschung Adoptivkinder sich einerseits kaum auf intensivste Beziehung einlassen können und andererseits ständig auf der Suche nach ihr sind.
Wie wirkt sich diese Erkenntnis auf die Heimkinder aus, die von ihren leiblichen Eltern per Beschluss getrennt wurden und bei fremden Menschen leben müssen? Sind sie in der Lage oder willens, eine tragfähige Beziehung zu Sozialpädagogen aufzubauen, angesichts einer Staatsmacht, die meint, eine staatlich-kontrollierte Erziehung diene dem Kindeswohl? Eine Erziehung, frei von intensiver Beziehung und inniger Geborgenheit, aber gesteuert von dokumentierter Professionalität?
War mein vollmundiges Statement, fremde Kinder genauso ‚lieben‘ zu können wie zukünftig meine eigenen, reines Wunschdenken? Müsste ich statt ‚lieben‘ nicht eher den Begriff ‚wertschätzen‘ verwenden?
Die Beziehung zu Heim-Kindern wird geprägt von liebevollen Zuwendungen aller Art, verbunden mit dem Ziel, ein Stück Urvertrauen zu Erwachsenen wieder herzustellen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und sie fit für das Berufsleben zu machen.
Eine wundervolle Aufgabe, der ich mich stellte.
Erwartungen
Vater erklärte mir: „Wenn du die Macht hast, Böses abzuwenden, es aber nicht tust, machst du dich mitschuldig!“
Es ist nicht immer leicht, ‚Böses‘ und ‚Gutes‘ zu unterscheiden.
Ein scheinbar unbedeutendes Beispiel aus meiner Kinderheim-Zeit: Nach meiner Meinung sollte das Kinderzimmer aufgeräumt und sauber sein, frei von unangenehmen Gerüchen.
Folglich erinnerte ich Karsten wöchentlich daran, sein Zimmer aufzuräumen. Ich half ihm mit und lobte ihn, wenn es einen Tag lang ordentlich blieb. Verständnislos registrierte ich, dass sein Zimmer zwei Tage später wieder einem stinkenden Saustall glich. Das machte mich wütend. Um ihn zu motivieren, setzte ich fünfzig DM für das sauberste Zimmer als Prämie fest. Das zweite bekam vierzig, das dritte dreißig, das vierte zwanzig und das fünfte zehn. Am nächsten Tag war Kirmes. Das Geld war ersehnt. Alle strengten sich an. Nur Karsten nicht. „Es sieht doch gut aus“, lächelte er verunsichert.
Ich begriff nichts.
Ein Jahr später besuchten wir seine Oma in Hamm. Als ich die Wohnung betrat, waberte ein eigenartig stinkender Geruch in meine Nase, ein Geruch, den ich aus Karstens Zimmer kannte. Mitten im zugemüllten Messie-Haushalt saß Karsten im Ohrensessel seiner Oma und lächelte. Ich sah ihn an und fragte:
„Karsten, wo fühlst du dich wohler? Hier“, ich zeigte auf den gesamten Unrat, „oder in deinem aufgeräumten Zimmer?“
„Hier!“ Wieder lächelte er verunsichert.
Und jetzt begriff ich es.
Monatelang hatte ich ihn mit meinen Sauberkeitsvorstellungen überfordert und gekränkt, ihm sogar Faulheit vorgeworfen. Welch’ ein Trugschluss meinerseits, welche Missachtung seiner Gefühlswelten!
Er verzieh mir, lächelnd.
Ich hatte verstanden, meine Wahrnehmungen und Vorstellungen auf den Prüfstand zu stellen, wenn es um die Loyalität zu einem Kind und seiner Familie geht.
Mir fiel ein, wie sehr ich meine neuen Eltern gekränkt haben musste, jedes Mal, wenn wir Besuch bekamen. Ich spielte Theater und tat so, als ob ich ein armes, armes, vernachlässigtes Heimkind wäre.
Besucher erkundigten sich nach mir, dem Knilch, und fragten, ob es mir gut ginge in der neuen Familie. Krokodils-Tränen rollten über meine Wangen und verstärkten die mitleidigen Blicke über mein grausames Schicksal, von der leiblichen Mutter abgegeben worden zu sein. Der Fairness halber hätte ich freudig lächelnd antworten müssen, dass es mir sehr gut ginge. Das aber tat ich nicht.
Die traurigen Blicke meines Vaters trafen mich. Er setzte sich an mein Bett, der Besuch war gegangen, und schaute mich schweigend an. Und ich spürte ein seltsames Gefühl in mir aufsteigen, ein Gefühl, das ich nicht kannte, das ich nicht wollte. Trotzig heulte ich ins Kissen: Was habe ich falsch gemacht? Es muss aber falsch gewesen sein, sonst würden sie nicht so reagieren, mahnten mich diffuse Gefühle, soweit ich mich erinnern kann.
Meine Mutter war so schwer beleidigt, dass sie zum Gute-Nacht-Sagen erst gar nicht mehr erschien. Das gab mir zu denken. Irgendwie schämte ich mich, und wusste nicht, wofür.
Jahre später las ich das zweite Buch: ‚Herr Knilch und Fräulein Schwester‘, mit dem mein Vater seinen Frust über mich von der Seele geschrieben hatte, allerdings auch, um Adoptiv-Eltern trotz aller Rückschläge Mut zu machen.
„Bist du mit dem, was ich über dich geschrieben habe, wirklich einverstanden, soll ich etwas ändern?“
Diese Frage meines Vaters überraschte mich, zumal ich ihn mit einem aufmüpfigen Spruch zwei Tage zuvor aus der Fassung gebracht hatte. Er wollte mich wieder wegen irgendeiner Eselei mit seinem Spazierstock züchtigen. Ich nahm all’ meinen Mut zusammen und rief: „Denk’ daran, du verdienst dein Geld mit mir!“
Er schaute mich irritiert an, ließ den Stock fallen und zog seine Stirn in Falten. Dann brach es aus ihm heraus:
„Ich habe Krieg und Gefangenschaft überstanden. Ich danke Gott und dem Schicksal. Jetzt bin ich für dich da. Ich weiß, dass Eltern keine Dankbarkeit von ihren Kindern erwarten können, Adoptiv-Eltern schon gar nicht, wofür auch? Du kannst nichts für dein Schicksal, aber, hast du jemals etwas von Familienehre und Liebe und Loyalität und Dankbarkeit gehört?“
Fragen über Fragen schossen mir als Sechzehnjährigem durch den Kopf, als ich seine Gedanken und Empfindungen las, die das Zusammenleben mit mir betrafen, dem Knilch, oft zermürbend, selten beglückend: Hätte ich bereits damals vom ersten Tag an und immer wieder zeigen müssen, dass es mir in dieser Familie gut geht? Dass sie sich intensiv um mich kümmern? Dass sie meine Eigenarten ertragen? Dass sie mich überhaupt zu sich genommen haben? Dass sie mir zeigen, was gut und was böse ist? Auch, dass sie mich verhauen, wenn ich Mist gemacht habe? Muss ich dafür dankbar sein? Wie zeigt man Dankbarkeit? Muss ich meiner Mutter dankbar sein, dass sie mich in fremde Hände gegeben hat?
Ich stutzte. Und nahm mir vor, nie wieder schlecht von ihnen zu denken oder Falsches über sie zu erzählen.
Betroffen legte ich das Manuskript zur Seite. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, wie anstrengend, wie fordernd ich war, und wie wenig ich zurückgegeben hatte. Ich schämte mich. Aus diesem Gefühl erwuchs der Gedanke, es wieder gut machen zu wollen, bei anderen Kindern.
Wenn Eltern resigniert resümieren: „Wir haben alles erdenklich für dich getan, wir machen alles nur für dich – und du, was machst du? Warum machst du alles kaputt, was haben wir falsch gemacht?“ Steckt hinter diesen Gedanken und Fragen nicht der unbewusste Wunsch nach dankbaren Kindern?
Jahre später erlebte ich Adoptiveltern, die an ihrer selbstgewählten Aufgabe wuchsen. Ihr sehnsüchtiger Wunsch nach einem leiblichen Kind erfüllte sich nicht. Sie wollten aus unterschiedlichen Gründen unbedingt ein Kind, um ihre Ehe zu retten, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, um der biologisch-tickenden Zeitbombe ein Schnippchen zu schlagen und der ureigentlichen „Aufgabe“ einer Frau gerecht zu werden.
Das Adoptionsverfahren in Deutschland hat so seine Tücken und dauert verhältnismäßig lange. Schneller geht es, wenn man ein Kind aus Brasilien oder Indien oder Haiti oder Afrika in unsere beschützende Kultur integriert, ihm unglaublich viel Liebe schenkt und mit Luxusgütern umgibt, als Wiedergutmachung zum vorherigen Leben, in dem es an Hunger, diversen Krankheiten oder als Opfer grausamer Misshandlungen gestorben wäre.
„Es wird keine Dankbarkeit erwartet, wirklich nicht“, sagen alle Adoptiv-Eltern, offiziell, wenn sie gefragt werden.
Heute, am einundzwanzigsten September 2016 feiern wir den Welttag der Dankbarkeit. Man dankt nicht mehr, weder dem Polizisten, noch den Ärzten, den Geistlichen sowieso nicht, den Lehrern ebenfalls nicht. Man nimmt, fordert, alles wie selbstverständlich. Eigenartigerweise freut man sich auf eine kleine Geste des Autofahrers, der, trotz seiner Vorfahrt, einen vorlässt. Oder in der Schlange an der Kasse, wenn einer vorgelassen wird, der nur zwei Kleinigkeiten im Arm hat. Oder wenn einer sagt: „Dankbarkeit ist eine Stufe zum Glück!“
„Ich freue mich, wenn Jakob meine Werte verinnerlicht, die ich ihm vorgelebt habe, aber Dankbarkeit? Dankbarkeit hat so etwas Demütigendes, sich Unterordnendes zur Folge. Das will ich nicht“, sinniert Gerald. Ein merkwürdiger Glanz in seinen Augen verrät verborgene Empfindungen im tiefsten Inneren. Der Glanz bezeugt den heroischen Einsatz, einem jungen Leben Optimales zu bieten, er nimmt seelische Verletzungen in Kauf, die durch dieses älter werdende Mündel überhaupt erst entstehen. Irgendwann werden Herz und Verstand reagieren, so seine unausgesprochene Hoffnung, ein Traum eben, der den Lohn für sein Engagement, seine Freude am Gelingen und eine nicht eingeforderte, unausgesprochene Dankbarkeit einschließt.
„Wenn ich gefragt werde, ob ich ein zweites Mal diese Tortur einer Adoption eines Kindes wagen würde“, sagt Gerald ungefragt, „egal ob Kinder aus anderen Kulturen oder hier aus Europa, würde ich mit NEIN antworten. Wenn das urvertrauende Liebesband zwischen Mutter und Kind zerrissen ist, kann man die Wunde zwar behandeln, nie aber heilen!“
Jakob nimmt nervös seine große Dunkelrandbrille von der Nase, rückt sein stylisches Halstuch zurecht, sein Vater trägt ähnliches, und antwortet, dass er keine Dankbarkeit kenne und nur sich selbst lieben würde, „wen denn sonst?“
Kann es sein, dass Adoptivkinder diesen Traum ihrer Adoptiv-Eltern nach inniger Harmonie und gegenseitiger Dankbarkeit, die Eltern immer mit Kindern verbindet, intuitiv spüren und darum ein keimendes Gefühl der Abwehr dieser ihnen entgegengebrachten Zuneigung zelebrieren müssen? Eine aus der Tiefe erwachsene Abwehr, aus Angst davor, fallengelassen zu werden? Obgleich da Menschen sind, die sich auf das Abenteuer mit ihnen eingelassen haben und trotz aller Rückschläge zu ihnen halten, aber, wer weiß, wie lange? Kann man Gefühle der Dankbarkeit diesen neuen Eltern gegenüber entwickeln, und gleichzeitig zutiefst wütend sein auf die leiblichen? Dieser Spagat an Empfindungen wird heftiger, je älter sie werden.
Im Laufe meiner Heimleitertätigkeit habe ich Adoptiv-Eltern kennengelernt, die die ersten Jahre als Beglückend empfunden haben, später trotz unsäglicher Mühen an dieser Aufgabe und ihren Wunschvorstellungen verzweifelt, oft auch gescheitert sind.
Wie begeistert haben sie die ersten Monate beschrieben, wenn ihnen ihre Kinder mit wachsamen Augen gefolgt sind, jede Nuance ihres Tonfalls registrierend, und lautstark Bedürfnisse durchsetzen konnten. Konflikthafter wurde es, als sie älter und eigensinniger wurden und während der Pubertät Vergleiche zogen zwischen ihren neuen Eltern und ihren oftmals unbekannten Leiblichen, aus Sehnsucht glorifiziert und unantastbar.
Was geht in Adoptiv-Eltern und ihren Anvertrauten vor, habe ich mich gefragt, wenn das Kind zum Nachbarn schleicht, barfuß im Winter, zitternd vor Kälte, und um Süßigkeit bettelt, weil es nichts dergleichen bekommt, nur normales Essen? Wenn es sich nach Jahren mit der Clique ins Koma säuft oder total zukifft, weil keiner es versteht? Wenn die Eltern sich scheiden lassen, weil sie der Lebens-Aufgabe nicht mehr gewachsen sind, das Adoptivkind alle Anstrengungen unternimmt, beide wieder zusammenzubringen und nach dem Misslingen Vater, Mutter oder sich selbst umzubringen trachtet? Wenn die Erwartungen des Kindes übermächtig und unerfüllbar werden, besonders, wenn leibliche Kinder ihnen als Konkurrenten die Rangfolge streitig machen? Wenn sie trotz aller Fürsorge und Hingabe einen kriminellen Weg einschlagen mit der Begründung, eine schwere Kindheit ohne Liebe und Verständnis gehabt zu haben?
Albert und Dorothea haben eine mittlerweile verheiratete Tochter mit einer Behinderung, einen gesunden Sohn, der sich als Geschäftsnachfolger bewährt und einen Adoptiv-Sohn, der ihnen allen das Zusammenleben zur Hölle macht.
Geplant war, diesem Jungen eine liebevolle Nestwärme, gute Erziehung und zukunftsorientierte Bildung zu bieten. Um das Leben der Tochter zu bereichern, organisierten die Eltern Spenden-Aktionen zugunsten des Behinderten-Vereins, in dem ihre Tochter gefördert wurde. Ihrem Sohn ermöglichten sie, die Meisterprüfung zu absolvieren, um ihren Betrieb übernehmen zu können. Sie hatten die besten Vorstellungen, ihren Kindern neben der liebevollen Fürsorge, einer intensiven Förderung und einer kontinuierlichen Präsenz den Grundstein für ein angenehmes Leben zu legen.
Die Realität brachte die Familie an den Rand der Verzweiflung. Konkurrierendes Verhalten zwischen den Söhnen, angereichert von Vorwürfen beider Jungen, benachteiligt zu werden, führte zu massiven Auseinandersetzungen innerhalb der Familie. Der eine, angepasst und strebsam, der andere verhaltensgestört und kriminell.
Irgendwann konnten sie die Vorwürfe nicht mehr ertragen, ihren leiblichen Sohn mehr zu lieben, ständig vorzuziehen, ihn aber, den Angenommenen, trotz seiner schwierigen Kindheit und seiner Verhaltensweisen, für die er nichts könne, im Grunde ihres Herzens abzulehnen.
Schlussendlich festigte sich die Ablehnung des adoptierten Jungen und provozierte einen Teufelskreis, der immer unerträglicher wurde und trotz professioneller Beratung eskalierte. Nach unendlich vielen inneren und äußeren Kämpfen wurde die Beziehung gekappt. Tiefe Verletzungen führten zur Desillusionierung und der Resonanz: Nie wieder eine Adoption!
Christian, bereits etwas reiferen Alters, sinnierte während unseres Gesprächs über den Wert einer Adoption allgemein und ob er so ein kleines Kind wirklich lieben könnte. Er hatte bereits drei leibliche, die bei seiner ersten Frau lebten oder bereits mit Partnern verbandelt waren. Aber ein völlig fremdes Kind, gerade ein Jahr alt, eine Brasilianerin, mit Feuer im Blut wie seine zweite Angetraute?
Ich hörte ihm zu, als er begeistert und dennoch vorsichtig von der bevorstehenden Adoption sprach.
„Für das hiesige Jugendamt bin ich zu alt, aber nicht zu alt für meine Frau. Und sie wünscht sich unbedingt ein Kind. Was machen da die zwanzig Jahre Unterschied? Sie kann keine Kinder bekommen. Also, haben wir uns an Pater Walfried in Rio gewandt. Er leitet dort ein Waisenhaus. Dahin geht’s in einer Woche!“
So ähnlich muss es gewesen sein, als meine Eltern kurz vor meiner Adoption standen, dachte ich. Und dann kam ich, kein Säugling mehr, sondern ein Stromer, ein Stempelwüstling.
Christian sah das Wasser in meinen Augen, fragte erschrocken, was los sei. Ich erzählte ihm meine Geschichte.
Interessiert, mit einem Adoptivkind reden zu können, dessen Befindlichkeiten aus erster Hand erzählt zu bekommen, stellte er Fragen über Fragen, die seine Ur-Ängste oder Unsicherheiten abbauen sollten.
Eine Woche später brachten wir ihn mit seiner Frau zum Flughafen. Ein Teddy für Christina sollte sie begleiten.
Er flüsterte mir ins Ohr, als sie nach drei Wochen mit ihrem Schatz die Ankunftshalle betraten:
„Als die Kleine mir am Bart zupfte und mit großen dunklen Augen in mein Innerstes schaute, sagte ich: »In Ordnung. Du hast gewonnen«. Und ob du es glaubst oder nicht, ich werde wieder jung!“
Monate später sprach ihn ein Kunde an. Er hatte das dunkelhäutige Kind wahrgenommen und begriffen, dass es adoptiert sei. „Sie sind wirklich mutig, wissen Sie. Einfach so ein Kind anzunehmen, ohne zu wissen, welche Gene in ihm steckt!“
Christian packte den Kunden am Kragen, zerrte ihn vor einen Spiegel und fauchte: „Welche Gene sehen Sie jetzt? Wissen Sie, welche in Ihnen stecken und Sie beeinflussen?“
Wenige Monate später stoppte ein Ehepaar seinen Kinderwagen vor seinem Geschäft. Herein kam es mit einem Säugling, schokofarben, am Schnuller saugend.
„Sie hatten Recht, damals, egal, was für Gene es hat, es kommt darauf an, wie wir unser gemeinsames Leben gestalten!“
Das Zusammenleben mit meinen Adoptiv-Eltern mag ein Beispiel einer ‚gelungenen Adoption‘ sein und Mut machen.
VON WALD UND TIER GEPRÄGT
Verantwortung
Direkt hinter dem Gutshof, in dem wir zuoberst wohnten, erstreckte sich der Hochwald mit für mich seltenen Geheimnissen. An einer ganz bestimmten Stelle, höher gelegen zwischen alten Buchen, ein steiniger, niedriger, mit Moos bewachsener Wall. Neugierig rollte ich einen der größeren Steine zu Seite und erschrak: Etwas Gelb-schwarzes glotzte mich aus kugelrunden, dunklen Augen an. Statt zu fliehen, fiepte es, vermischt mit einem hellen Knurren. Vorsichtig streckte ich meine Hand aus und schob es mit der anderen auf meine Handfläche. Das kleine Wesen musste ich meinem Vater zeigen. Es machte immer noch keine Anstalten, weg zu laufen. In meiner Handkugel beschützt, eilte ich den Hang hinunter nach Hause. Stolz zeigte ich Vater meine Entdeckung. Er runzelte die Stirn und klärte mich auf: Ein Feuersalamander, streng geschützt, die Haut scheide ein Gift aus, deswegen nie anfassen! Vorsichtig nahm er ein Geschirrtuch, wickelte das winzige Reptil hinein, und gemeinsam brachten wir es wieder an den Fundort, den ich mir gemerkt hatte.
Jahre später, als einige Kinder in meinem Kinderheim von Salamander-Schuhen schwärmten, erzählte ich ihnen diese Geschichte und prahlte damit, diesen Fundort wieder zu finden.
„Das wollen wir sehen“, forderten sie mich heraus.
An einem Wochenende darauf fuhr ich mit zwei Mädchen und zwei Jungen in das Weserbergland bei Trendelburg, führte sie zu der Stelle und – tatsächlich fanden wir unter demselben großen Stein mehrere Feuersalamander.
„Cool. Sind die süß!“ Anerkennendes Schulterklopfen.
Es faszinierte mich, mit meinem neuen Vater an einem mit Wasser gefüllten Bombentrichter aus dem zweiten Weltkrieg den Unkenrufen zu lauschen, die wie fernes Glockengeläut aus der Tiefe des Kraters drangen, geheimnisvoll und spannend zugleich. Mein Vater liebte den Wald mit seinem würzigen Geruch nach Harz und feuchtem Moos, nach vermodertem Holz und frischem Grün. Und seinen Früchten, die besonders in der Nachkriegszeit gefragt waren: Pilze aller Arten, Bucheckern, Brennnesseln als Spinat, Blau-, Preisel-, Himbeeren, wilde Erdbeeren zwischen alten, nicht mehr befahrenen Bahngleisen und Holunderblüten im Mai, aus denen meine Mutter erfrischende Limonade zauberte und Marmelade aus den Holunderbeeren im Herbst.
Ich habe Vaters bitterenttäuschte Mimik gesehen und mitgelitten: Er briet siegesgewiss selbstgesammelte Steinpilze in Butter, einen prallgefüllten Rucksack voll. Nach dem ersten Bissen wurde alles im Mülleimer entsorgt: Bitterpilze! Sie sehen den Steinpilzen zum Verwechseln ähnlich.
Als ich auf einem großen Wasserfass sitzen durfte, mit Sirup gefüllt, und handflächenweise diese klebrige Masse herausangeln und schlecken konnte, war die Welt für mich in Ordnung.
„Der Junge braucht einen Spielkameraden, als Einzelkind wird er verwöhnt! Vielleicht ein Schwesterchen? Dann kann er gleich üben, Rücksicht auf Kleinere oder Jüngere zu nehmen.“
Schnell wurde der als Sehnsucht empfundene Gedanke meiner Mutter in die Tat umgesetzt. Das Jugendamt stellte ein neun Monate junges Mädchen vor, zur Freude meiner Mutter, weil es nicht so fordernd sein würde wie ich, hoffte sie.
Sie war der Sonnenschein unserer Familie, fünf Jahre jünger als ich, moppelig, pflegeleicht. Sie hing an mir, ihrem großen Bruder. Den Gedankenblitz wischte ich zur Seite, dass sie eine Konkurrentin sein könnte. Ich war mir der uneingeschränkten Liebe meiner Eltern trotz meiner Wildheit sicher, in der ebenfalls Platz für meine kleine Schwester sein würde.
Um zu uns gelangen zu können, musste jeder Besucher die Verschachtelung vieler Treppen überwinden, bis er zur sogenannten Falltreppe kam, die in Ermangelung eines Geländers Abstürze provozierte. Darüber wurde später ein Film gedreht: „Die Falltreppe“ mit Ralf Wolter, bekannt als Sam Hawkens-Darsteller in den Winnetou-Filmen. Er spielte meinen Vater und Arnim Dahl doubelte als Stuntman den Versicherungsvertreter, der die Falltreppe hinunterstürzen musste. Nach drei Treppenstürzen war die Szene im Kasten.
Ein Jahr später zogen wir um in die Lüneburger Heide, nach Knesebeck, in ein ehemaliges Forsthaus, mitten in einem großen Waldgebiet, genannt ‚Junkernholz‘, vier Kilometer abseits des Dorfes.
Hier hatte mein Vater sein eigenes Zimmer, in dem er seine Bücher schrieb und seine Texte für Rundfunk und Fernsehen verfasste. Ganz links ein Kanonenofen, an dem ich lernte, wie man mit Reisig und harzigen Tannenzapfen, Minuten später mit Briketts eine angenehme Wärme erzielen konnte. Halblinks ein großer Schreibtisch, mit Bleistiftstummeln in Bleistifthaltern, Radiergummis, eine Adler-Schreibmaschine, Durchschlagpapier, Tischlampe, alter runder Eichenstuhl, rechts flache, gepolsterte Liege als Bett, Stehlampe.
Der Wald verführte mich zu jeder Jahreszeit. Wenn die Sonne stärker war als der Schnee, die ersten Schneeglöckchen und Krokusse und wiederkehrenden Kraniche den Frühling ankündigten, trieb es mich, den Staub aus den jungen, weichen Haselnusslämmchen zu stupsen, die Veilchen und ein wenig später die Schlüsselblumen als Frühlingsboten für meine Mutter zu pflücken. Das junge Grün der Birken und Buchen, die sich entfaltenden Königsfarne, der hämmernde Specht an knorrigen Kiefern und die Kuckucksrufe lockten mich in die Geheimnisse des Hochwaldes. Wenn ich Rehe und Hirsche in ihren Einständen beobachtete, mit Herzklopfen zu den sich suhlenden Wildschweinen im Schutz der Farnkräuter robbte oder mich ihrem Kessel mit den drolligen Frischlingen näherte und, dem Warnschnaufer der Bache gehorchend, mich schleunigst zurückzog, dann lebte ich glücklich in meiner Welt.
„Eine Welt, in der alles in Ordnung scheint, in der alles seinen Platz hat zum Wohle des Ganzen“, wie mein Vater es mir in Gegenwart seines Schriftstellerfreundes Manfred Hausmann vermittelte, als dieser ihm seine neuste Erzählung über den besten Fahrer von Edinburgh präsentierte und mir meine erste Angel mit stationärer Rolle schenkte.
Micki, unsere Airdale-Terrierhündin, und ich saßen fast täglich an der Ise5, beobachteten Barsche und Hechte, die im klaren Wasser auf Beute lauerten.
Neunaugen faszinierten mich, weil sie sich an größeren Fischen festsaugen, sich Blut und Fleischstücke einverleiben. Spezielle Substanzen in ihrem Speichel hemmen die Blutgerinnung, weshalb bei angegriffenen Fischen keine Blutgerinnsel entstehen. Forscher extrahieren diese Substanz, um sie in der Medizin als Mittel zur Auflösung von Blutgerinnseln zu nutzen.
Flusskrebse am Uferrand waren leicht zu fangen. Als Vater sie aber lebendig ins kochende Wasser warf, um das weiße Schwanz-Fleisch und das der Scherenmuskeln essen zu können, taten sie mir leid. Ich fing keine mehr.
Die Miesmuscheln übten einen besonderen Reiz aus, weil ich hin und wieder eine Muschel mit einer Perlmutt-Perle zur Freude meiner Mutter fand.
Bald wusste ich, mit welchen Ködern man Forellen oder Hechte fangen konnte. Bei Hochwasser war die Ausbeute gut, weil Karpfen und Aale versäumt hatten, sich mit dem abfließenden Wasser in das Flussbett zu retten.
Satte, Champion reiche Kuhweiden links und rechts der Ise sorgten im Altweibersommer für zentnerschwere Pilzmahlzeiten. Allerdings war höchste Vorsicht geboten: Vorwitzige Knollenblätterpilze, mit denen nicht zu spaßen ist, gesellten sich nahe des Waldrandes zwischen die Wiesenchampignons.
Als ich als Zwölfjähriger diesen entsetzlichen Traum hatte, stand für mich fest: Tiere werden nicht gequält!
Ich hatte einen Tag zuvor bei meinen Streifzügen durch den Wald einen riesigen Ameisenhaufen entdeckt. Vater hatte in einem dieser Haufen mit nacktem Po gesessen, um durch die Ameisensäure die Schmerzen an seiner Bandscheibe besser ertragen zu können.
Dicke Waldameisen krabbelten an meinen nackten Beinen empor, weil ich zu nahe an ihrer Wohnung stand und Arbeitswege blockierte. Als ich herumhampelte und versuchte, die Ameisen wegzuschlagen, bissen sie. Ich packte mir einen Ast und zerstörte den ganzen Haufen.
„Das habt ihr davon. Warum beißt ihr mich?“, begründete ich mein Tun und lief weiter durch den Wald zur Ise, um die schmerzenden Bisse zu kühlen.
Nachts im Traum kamen sie. Sie krabbelten unter meine Bettdecke, an meinen Beinen hoch. Mit jedem Biss erinnerten sie mich an meine blöde Tat. Es war so schlimm, dass ich mich auf die Decke legte, um nicht mehr gepiesackt zu werden.
Als Vater aus seiner Dichterklause zum nahen Waldrand blickte, sah er mich. Ich stand am Maschendrahtzaun und redete mit den fünf Gänsen. Einerseits fand ich sie toll, weil sie lecker schmeckten. Andererseits versuchten sie mir immer in die Hacken zu beißen, wenn sie frei herumliefen und ich mit meiner Mundharmonika auf dem Weg zum Klo war.
Das Plumps-Klo, ein Donnerbalken aus breiten Brettern mit einem Loch, war in einem der vier Schuppen untergebracht. Um dahin zu kommen, musste ich am offenen Gänsegehege vorbei.
„So, jetzt zeig’ ich’s euch, ihr kommt zwar sowieso bald in die Pfanne, vorher kommt die Strafe!“
Ich bewarf sie zielgenau mit Steinen. Sie flatterten schnatternd durchs Gehege und versuchten, meinen Würfen auszuweichen.
„Peter! Sofort aufhören! Komm in mein Zimmer!“
Oha, dachte ich, seine Stimme klingt so zornig. Hat er was? Ich hüpfte die Treppe hinauf, klopfte an seine Arbeitszimmertür. Ein hartes „Herein“ hätte mich warnen sollen.
Da saß ich auf seinem Diwan, zwischen uns sein riesengroßer Arbeitstisch. Er thronte auf seinem Uralt-Stuhl und sah mich strafend an.
„Warum habe ich dich gerufen?“, fragte er mit milderer Stimme.
„Weiß nich.“
„Wie, du weißt es nicht? Du hast Gänse gequält. Mit Steinen beworfen! Habe ich gesehen!“
„Klar, die beißen mich ja immer. Meine Rache!“
Mein Vater legte seine Stirn in Falten, ein Zeichen, angestrengten Denkens.
„Komm’ mit“, befahl er mir.
Ich wunderte mich, als er auf dem Weg zum Gänsegehege Steinchen sammelte.
Ich dachte, er wollte die Biester auch bewerfen.
„Stell’ dich an den Zaun!“
Und ehe ich mich versah, bewarf er mich. Einige gingen daneben, zwei trafen mich. Sie taten weh. Ich hob die Hände vors Gesicht, total erschrocken.
„So erging es den Gänsen auch!“
Er drehte sich mit versteinerter Miene um und ging ins Haus. Ich kramte meine Mundharmonika aus der Hosentasche und verschwand auf dem Plumps-Klo. Es kann sein, dass er mir an seinem geöffneten Fenster zugehört hatte, als ich heulend spielte: „Wenn ich ein Vöglein wär’ …“
Besonders als pubertärer Jugendlicher habe ich die Macht und Vergänglichkeit der Allmutter hautnah in mich eingesogen. Zutiefst prägten mich die jahreszeitbedingten Düfte, die immer neu erwachenden und absterbenden Pflanzen, das Treiben der Tiere und die Verwertung von Flora und Fauna. Genau dieses Gefühl, im Einklang mit der Natur zu sein, von ihr zu lernen, sie zu achten, sie zu schützen, sie zu nutzen, wollte ich zu meiner Lebensaufgabe machen. Förster war mein Traum. Nach ersten Erkundigungen wurde mir erklärt, dass man als Förster ein ausgezeichnetes Gehör besitzen müsse und als Brillenträger kaum eine Chance hätte. Aus der Traum. Pastor ging auch nicht, wegen des Zölibats.
Wie das Leben so spielt, wurde ich Sozialpädagoge. Nach Jahren pädagogischer Bildungsarbeit gründete ich mein eigenes, privates Kinderheim. Als ich den Jugendämtern meine Idee vortrug, gerade die Kinder und Jugendlichen aufnehmen zu wollen, die in Pflegefamilien oder anderen Einrichtungen nicht mehr ‚tragbar‘ seien, schmunzelte man und vermittelte mir äußerst schwierige Jugendliche.
Jugendliche, die vielfältigen Methoden pädagogischer Art ausgesetzt waren – ohne positive Verhaltensänderungen, benötigen eine andere Pädagogik, schlussfolgerte ich damals, nachdem ich während meines Praktikums in einem von Ordensschwestern geführten Heim für Schwererziehbare tätig gewesen war und erlebt hatte, wie Jungen in der Natur aufblühen: Erstens werde ich im Heim mit den Kindern leben, wie die Nonnen, und zweitens wollte ich meine Empfindungen zur Natur als Maßstab meiner Pädagogik machen, ein Leben unter Einbindung der Natur und ein Leben mit Musik.
Thomas. Vierzehn Jahre alt, heimerfahren, galt als hyperaktiv, übernervös, konnte keine Minute still sitzen. Die weiblichen Mitarbeiterinnen hatten keine Ahnung, was sie mit solch einem Jungen anstellen könnten. Matschen im heimeigenen Matschraum fand er blöde, reagierte aggressiv gelangweilt, klaute Zigaretten und besorgte sich Alkohol. Höchste Zeit, ihn loszuwerden:
„Er steckt alle anderen Kinder mit seinen Verwahrlosungstendenzen an“, wie in seiner Akte dokumentiert war.
Er war eine Woche bei mir.
„Unsere Frettchen brauchen frisches Fleisch“, ermunterte ich Thomas, „kommst du mit, ich muss ein Kaninchen schießen, weil die Frettchen heiß darauf sind!“
Er schaute mich fragend an. Eine halbe Stunde später saßen wir an der Ems.
„Die Emsdeiche wurden regelmäßig unterhöhlt, deswegen müssen wir Jäger die Kaninchen kurz halten, wir wollen ja nicht, dass die Deiche bei Hochwasser brechen“, erklärte ich ihm.
Ich zeigte auf einen Kaninchenbau, zwanzig Meter entfernt, und deutete ihm an, ganz still zu sitzen.
„Wenn du ganz ruhig im Gras sitzen bleibst und dich nicht bewegst, kommt bestimmt eins heraus!“
Ich stellte mich hinter einen Baum mit Blick auf ihn und den Bau. Er saß im Gras, die Mücken schwirrten um ihn herum, er wehrte sie nicht ab, saß unbewegt, den Bau beobachtend. Nach fünfzehn Minuten hoppelte ein Jungtier heraus. Ich schoss. Es lag im Gras. Thomas sprang auf, um es zu holen.
„Es zappelt ja noch“, wunderte er sich.
„Das sind die Nerven. Nimm es an den Hinterläufen hoch.“
Er nahm das tote Tier vorsichtig aus dem Gras, streichelte das Köpfchen und trug es zum Auto. Er sah, dass mich der Tod des kleinen Geschöpfes mitnahm.
„Den Frettchen wird es schmecken“, schluckte er.
Zuhause zerwirkten wir es und gaben es den Frettchen. Abends berichtete ich im Familienrat von diesem Ereignis und der Tatsache, dass Thomas über eine viertel Stunde absolut unbeweglich im Gras gesessen hätte, ein Junge, den man wegen seiner Hyperaktivität abgeschoben hatte!
Er und die anderen Jungen nahmen als „Edeltreiber“ an unseren Treibjagden teil, rupften Wildenten, die sie gewinnbringend an Restaurants veräußern und damit ihr Taschengeld aufbessern konnten, sie hängten Jagdtrophäen, von Jägern geschenkt, oder Abwurfstangen in ihren Zimmern auf und genossen dieses naturnahe Leben.
Wenn sie allein nachts an unserem Angelteich am Lagerfeuer saßen, dem Quaken der Frösche lauschten oder den jungen Nutrias zusahen, wie sie sich um die frischen Maiskolben stritten, waren sie glücklich. Und wenn ich sie nachts um halb drei besuchte, weil ich sicher sein wollte, dass es ihnen gut geht, ihnen frische Brötchen bei Sonnenaufgang servierte, und ihre strahlenden Augen sah, wusste ich, dass diese Pädagogik menschlich und klug war: Sie baute auf gegenseitiges Vertrauen, respektierte abenteuerhafte Elemente, setzte angemessene Grenzen, die eingehalten wurden, eröffnete Freiräume und stärkte das Selbstwertgefühl. Die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung!
Mit dem Ergebnis, dass die Mädchen an dieser abwechslungsreichen Lebensgestaltung teilhaben wollten, wie die Jungen. Sie hatten keine Lust darauf, immer nur am Wochenende mit den Erzieherinnen ins Hallenbad oder die Eishalle zu fahren und forderten naturnahe Abenteuer.
Hundevernarrt
Micki, eine Airedale-Terrier-Hündin lag zu meinen Füßen und hörte mir zu. Sie verstand mich. Egal, wo ich war, immer begleitete sie mich. Auch zum Baden in der Ise. Sie hatte Bekanntschaft mit den Kühen gemacht. Zuerst war sie erschrocken, die Rinder ebenfalls. Beim dritten Treffen näherten sie sich einander, beim vierten rieben sie Nasen an Nasen. Manchmal glitt die raue Kuh-Zunge über Mickis Gesicht, so sehr mochten sie sich.
Mutter hatte mir verboten, den Hund am Tisch zu füttern. Ich saß im Esszimmer und verspeiste die leckeren mit Wurst belegten Scheiben. Micki saß neben mir auf seinen Hinterbeinen, den Kopf in Tischhöhe, die Knopfaugen bettelnd. Dem Blick konnte ich nicht widerstehen. Eine zusammengeklappte Scheibe wechselte den Besitzer. Sie schnüffelte, ob wohl keine Tablette dazwischen versteckt sein würde, und begann zu kauen. In diesem Augenblick betrat meine Mutter das Zimmer.
Erschrocken zuckte ich zusammen. Micki hörte sofort auf zu kauen.
„Du gibst ihr doch wohl nichts ab?!“
„Nein, Mutti, ich doch nicht!“
Kaum hatte meine Mutter das Zimmer verlassen, kaute Micki weiter. Wirklich.
Ich meinte, sie lächeln zu sehen, als sie die Scheibe Brot samt Leberwurst mit Genuss zerkleinerte.
Erika, die begnadete Landschafts- und Blumen-Malerin, lebte in einem Haus, umgeben von unendlich vielen Blumen, auf halber Strecke zwischen unserem Haus und dem Dorf. Ihr großer, zotteliger Bernhardiner liebte es, meiner kleinen Schwester Angst zu machen. Wenn wir beide an seinem Grundstück, das er zu bewachen hatte, vorbei fuhren, sie zur Grundschule, ich zum Bahnhof, bellte er tief und drohend. Ich beruhigte sie und sagte, dass er ihr nichts tun würde. Außerdem sei das Tor verschlossen.
An einem Wintertag, es hatte kräftig geschneit, zog ich meine Schwester auf dem Schlitten hinter mir her. Es war am Morgen, so gegen halb sieben Uhr. Wir näherten uns dem Grundstück. Plötzlich sah ich den Hund. Er sah uns. Er lief am Zaun entlang Richtung Ausgang. Das Tor ist ja zu, dachte ich. Plötzlich kam er mir schnurstracks entgegen, der Pulverschnee stob auf, machte einen Bogen um mich und bremste abrupt, die Vorderläufe in den Schnee gerammt:
„Wauwuffwuff!“
Meine Schwester fiel vor Schreck vom Schlitten.
Der Bernhardiner drehte sich ab und trottete wieder zurück. Ich meinte, sein Lachen gesehen zu haben.
Menschen, die Tiere mögen, können nicht schlecht sein, sagt man. Das muss wohl auch Coco empfunden haben. Er musste ins Heim, seine Mutter wollte es auch, weil sie mit ihren vier Kindern als Alleinerziehende total überfordert war und Hilfe einforderte, so der Vermerk des Jugendamtes.
Beide saßen im Wohnzimmer, Mutter mit verheultem Gesicht, Sohn Coco, gerade mal 10 Jahre alt, begriff die Welt nicht mehr. Hier sollte er bleiben, weit weg von seiner Mama? Niemals! Er umklammerte ihr Bein, versteckte sein Gesicht hinter ihrem Rücken. Als ich die beiden sah, eine Einheit, die zerrissen werden sollte, und die Erklärungsversuche der Mutter hörte, von denen ihr Sohn nichts wissen wollte, fühlte ich mich total fehl am Platz. Ich holte Minka und Bessy, zwei Große Münsterländer-Hündinnen, die vom Welpen-Alter an in unserer Einrichtung als Spielgefährten der Kinder lebten, und ließ sie, wie aus Versehen, in das Wohnzimmer.
Ich sah, wie die Hunde den Jungen mit seiner Mutter freudig stupsten, beide ausgiebig beschnüffelten und sich streicheln ließen. Ich verließ das Zimmer.
Nach einer halben Stunde kam die Mutter in die Küche und erklärte, dass ihr Sohn bei uns bleiben wolle.
Coco absolvierte die Hauptschule und eine Berufsausbildung mit Bravour. Er legte sich, aus der Heimerziehung entlassen, einen Terrier-Welpen zu, den er zu seiner Arbeitsstelle mitbringen durfte.
„Jagd ohne Hund ist schund“, heißt es in Jägerkreisen. Als Jungjäger, der gerade die Jägerprüfung bestanden hat, wurde ich zur Treibjagd im Münsterland auf Niederwild eingeladen. Das Treffen der Jäger mit ihren Jagdhunden war auf einem Bauernhof. Während der Begrüßung durch die Jagdhornbläser bemerkte ich einen ‚mitsingenden‘ Jagdhund, einen ‚Kleinen Münsterländer‘, schwarz-braun, in einem Zwinger auf seinen Hinter-Läufen sitzend. Der Zwinger, zwei bis drei Quadratmeter groß, ohne Auslauf, windschiefe, verrottete Hütte, verdreckte Wasserschale. Der Hund hockte in seinen Fäkalien und guckte traurig zu uns hinüber. Ich spürte einen schrecklichen Stich, als ich dieses Elend begriff. Und ich traute mich nicht, etwas zu sagen, den Halter anzugreifen, ihn zur Rede zu stellen, dieses Martyrium des Hundes zu beenden. Ich schwieg, ich wollte ja wieder eingeladen werden. Ich schämte mich meiner Feigheit.
Einige Tage später erfuhr ich, dass ein Jäger verstorben sei und seine Frau einen Jagdhund abzugeben hätte. Meine Frau, ebenfalls Jägerin, und ich besuchten den Hund, ein großer Deutsch-Langhaar-Rüde. Er sah uns Rute wedelnd aus glanzlosen Augen an. Sein ein Quadratmeter kleiner Zwinger mit einer kleinen Hütte war total verdreckt. Sein stumpfes Fell ließ nichts Gutes ahnen: Keine Impfungen, keine Wurmkur, nichts. Der Hund ist nur zur Jagd aus dem Zwinger geholt worden. Wir verfluchten diese Jäger und nahmen uns vor, nie wieder zu schweigen.
Chico lebte von nun an in unserem Kinderheim, gedieh prächtig und schüttelte den Kopf, wenn er neben mir bei der Taubenjagd saß und feststellte, dass Herrchen mal wieder vorbeigeschossen hatte. Frauchen zog er einen von ihr erlegten Rehbock aus den Brennnesseln, so stark war er, so aktiv, eben ein leidenschaftlicher Jagdgehilfe.
Nach Jahren lag er in der Küche und schnappte nach vorbeieilenden Kindern. Wir wunderten uns, weil er das nie getan hatte. Schnell begriffen wir, dass ihm der Rücken zu schaffen machen musste, denn er sprang auch nicht mehr in den Kofferraum des Geländewagens. Der Tierarzt bestätigte unseren Verdacht.
Eine Goldkugel-Implantation am Rückgrat, vereinfacht ausgedrückt, beendete sofort die Schmerzen. Chico war wieder der alte.
Ihm zum Vergnügen und den Kindern als Spielkameradin kauften wir einen Airedale-Terrier-Welpen, und tauften sie auf den Namen Kaja. Sie wuchs heran, tollte mit den Kindern um die Wette und beteiligte sich an der Erziehungsaufgabe. Sie knurrte böse, wenn zwei Jungen sich ernsthaft prügeln wollten oder gab Laut, wenn sie beim Angeln an der Ems waren und Fremde hinzukamen. Sie vertrieb Nutrias oder Wanderratten, die den Anglern zu nahe kamen.
Als beide älter und ruhiger wurden, kauften wir einen zur Jagd ausgebildeten Jagdhund, eine ein Jahr junge Deutsch-Drahthaar-Hündin. Afra zeigte bereits vom zweiten Tag an ihren Jagdtrieb, aber auch, wie intensiv sie abgerichtet worden sein musste, denn: Herumtollen oder spielen mit Bällen oder Stofftieren kannte sie nicht. Leider! Beute machen, ihrem Herrchen bringen, das hatte man ihr eingeschärft.
Ich hörte ein beständiges, energisches Jiff, Jiff, Jiff …
Afra schwamm im vierhundert Quadratmeter großen Teich des Nachbarn hinter einer Ente her. Die machte sich, so bemerkte ich mitleidsvoll, einen Spaß mit Afra. Sie paddelte vor ihr her Richtung Ufer, schwang sich in die Lüfte und fiel am anderen Ende des Teiches wieder ein. Afra drehte sich um, steuerte auf sie zu, das Spiel wiederholte sich bestimmt zehn Mal. Ich stand am Ufer und rief, flehte, schrie, nichts: Afra immer hinterher, vor der grinsenden Ente. Der Nachbar, aufgeschreckt von dem Lärm, sah das Szenario, holte seine Flinte und schoss die Ente. Afra nahm sie behutsam in ihren Fang, schwamm ans Ufer und brachte sie mir, Schwänzchen zitternd. Eine Woche später ein Geschrei und Gegackere unter dem Hühnervolk, das im maschendrahtumzäunten Auslauf nach Regenwürmern scharrte. Aufgescheucht rannte ich zum Auslauf des Hühnerstalls und sah mit Schrecken, wie Afra freudestrahlend hinter einem Huhn her hetzte, es packte und kurzerhand tot biss. Mit Entsetzen stellte sie fest, dass im Auslauf bereits über zehn tote Hühner lagen. Mein Aufschrei:
„Aus, Afra, aus! Hör’ auf! Hierher!“ nützte nichts, er schien Afra eher anzuspornen. Ich versuchte, über den einmetersechzighohen Zaun zu steigen, schimpfte, trat aus lauter Verzweiflung den Zaun nieder und erwischte Afra am Halsband.
„Was hast du?“, fragten Afras Augen ohne eine Spur von Unrechtsbewusstsein. „Ich habe sie dir gefangen, die Beute gehört dir, das ist doch meine Aufgabe!“
Ein schlimmes Ereignis vertiefte die Beziehung zwischen mir und Afra:
Pastor Heinrich war mit seinem fünfjährigen Griffon bei uns zu Besuch. Afra und dieser struppige Hund tobten durch den Garten. Wir stellten fest, dass sie sich vertrugen und nahmen zum Kaffeetrinken Platz auf der Terrasse.
Auf einmal hörte ich ein herzzerreißendes, tierisches Aufheulen. Ich stürmte in die Richtung des Schreis, vernahm ein verhaltenes Wimmern und ein ätzendes Schnaufen. Mir stockte der Atem: Der Griffon hatte Afra bestiegen, sie hingen verkoppelt zusammen, sein Hunde-Glied war stark geschwollen. Afra, anderthalb Jahre alt und außerhalb der Hitze, stand vor mir. Sie sah mich an. Ihr Blick total verstört. Mich trafen Blitze, die schrien:
„Warum hilfst du mir nicht? Reiß ihn weg!“
Es geht nicht, schluckte Ich, sonst könntest du innerlich verbluten!
Der Glanz in ihren Augen brach. Tränen. Stummes Leiden.
Der Schwellkörper ließ nach, Afra löste sich. Wir fuhren zum Tierarzt, der die innerlichen Verletzungen behandelte.
Die nächstfolgenden Tage verkroch sich Afra unter dem Küchentisch oder suchte die Nähe von uns.
Seit diesem Ereignis hasste sie alle großen Rüden!
Nach einigen Jahren mussten wir Chico in die ewigen Jagdgründe schicken. In den Armen meiner Frau starb er, ein starker, gutmütiger Rüde, der die letzten Jahre treu seinem Frauchen gefolgt war und nun altersmüde, mit Medikamenten betäubt, die Augen für immer verschloss.
Kaja und Afra verstanden sich recht gut, auch, nachdem ihr väterlicher Opa verstorben war.
Nach weiteren Jahren mussten wir Kaja, mittlerweile eine ältere Dame geworden, von ihren Krebs-Schmerzen und ihrer Altersdemenz auf Anraten des Arztes erlösen. Wieder eine treue Begleiterin weniger. Wir konzentrierten uns nun allein auf Afra.
Afra konnte, auf freundliches Bitten hin, den Verschluss von Plastikflaschen aufdrehen, ohne die Flasche zu zerbeißen, zur Freude und Überraschung der Zuschauer.
Afra lag im Körbchen nahe Frauchens Bett-Seite. Nachts um halb zwei stand Afra auf, schüttelte sich, klapperte mit den Zähnen, stöhnte zuerst leise, dann lauter werdend, kratzte sich hinterm Ohr, gähnte vernehmlich laut – immer mit dem Blick in meine Richtung, ob ich etwas hören und reagieren würde. Als ich die Bettdecke zurückschlug und murmelte: „Ja, ist gut, ich komme ja schon“, sprang sie freudestrahlend um das Bett, stupste mich an und lief vor mir die Treppe hinunter zur Terrassentür. Ich stolperte hinterher, blind, weil ich keine Lust gehabt hatte, meine Brille aufzusetzen. Ich öffnete die Tür und entließ Afra in den Garten.
Sie wollte immer nachts einmal raus. Nicht nur, um vierzehnmal zu pinkeln oder eventuell ein klitzekleines Häufchen zu machen, sondern hauptsächlich, um die Kaninchen in ihre Baue zu jagen. Wenn sie dann den halben Teich leergesoffen hat, kommt sie mit tropfendem Drahthaar-Bart an die Küchentür, klopft mit ihrer Pfote an die Scheibe und bittet um Einlass.
Ich war in dieser Zeit auf der Besuchertoilette, hatte das Außen-Licht zum Teich angeknipst, damit Madame Afra nicht hineinfällt und hatte mir ein Glas Wasser einverleibt, alles ohne Brille!
Es kratzt an der Scheibe. Ich öffne die Tür. Afra eilt durch die Küche die Treppe hinauf in ihr Körbchen. Ich taste mich in mein Bett. Gegen vier Uhr wache ich auf. „Was stinkt hier so tierisch?“, frage ich, mir die Augen reibend und die Luft anhaltend, „hat Afra irgendwohin gemacht?“ In diesem Augenblick springt Afra wie vom Blitz getroffen aus ihrem Körbchen, rennt aufgeregt um das Bett und beißt in etwas Rundes. Ich katapultiere mich aus den Federn, mache das Licht an und sehe das stinkende Etwas, was sich unter der Kommode verabschieden will, aber gerade noch von Afra geschnappt wird: Ein Igel, dick, stinkend, verlaust, den Afra im Garten entdeckt und als Beute in ihr Körbchen getragen hat. Und diese Beute will sich mitten in der Nacht verabschieden? Null Chance, bei Afra.
Ich brauchte eine verständnisvolle Ansprache und diverse Versprechungen hinsichtlich delikater Leckerlies, damit Afra ihren Fang gnädiger Weise öffnete und ich mittels eines Handtuches den Igel wieder in den Garten tragen konnte. Am nächsten Morgen war der Igel fort, sein Gestank aber noch lange in den Nasen.
Afra, die als Jagdhündin ihrer Bestimmung nach hätte zur Jagd eingesetzt werden sollen, nahm ihre Aufgabe als eine überaus wachsame Haushündin wahr, bei Postboten nicht ganz so beliebt, war aber der Schrecken von etwaigen Einbrechern. Sie wollte ihr Frauchen und ihr Herrchen absolut bewachen. Wenn Frauchen ihr Jagdhorn an die Lippen nahm und Jagdsignale blies, sang sie mit, vielleicht ein wenig wehmütig in Erinnerung an viele Jagderlebnisse, die sie mit Herrchen und Frauchen erlebt hatte.
Nach ihrem Ableben im Alter von vierzehn Jahren, also achtundneunzig Hundejahren, beerdigten wir sie im Wald ihrer Frauchen-Familie.
Ohne Hund zu leben, hielt ich, seit mehreren Jahren Rentner, wirklich nicht aus, zumal meine Frau, voll berufstätig, den ganzen Tag außer Haus war. Wieder einen großen Hund? Nein! Eine kleine Hündin, wie unser Tierarzt sie hat, ja.
Blick ins Internet: Tatsächlich, unglaublich niedliche Welpen im Angebot. Jetzt als Rentner habe ich viel mehr Zeit, mich um ein solch kleines Wesen zu kümmern, dachte ich, mehr als Heimleiter damals, als die Sozialisation der mir anvertrauten Kinder und Jugendlichen Vorrang hatte.
Duisburg-Meiderich. Acht Wochen alt, entwurmt, geimpft, zweitletzte vom Wurf: Noch namenlos. Sie streckte sich uns aus der Wurfkiste entgegen, kuschelte sich in Frauchens Hand, schnupperte.
Tierarzt Aloys’ blitzschnelle Untersuchung. Er hatte uns begleitet, war neugierig auf das kleine Wesen.
„Wenn ihr sie nicht haben wollt, nehme ich sie, Emma wird sich freuen.“ Emma war seine ältere Zwergschnautzer-Hündin.
Alles in Ordnung, signalisierte er. Ich blickte in ihr Gesicht, sah die dunkle Fellfärbung um das Näschen, die fast weißen Haare drumherum, die bernsteinglänzenden Äugelein, die kleinen Pfötchen und hatte sofort das Verlangen, dieses kleine Bündel beschützen zu wollen. Große Hunde passen auf dich auf, kleine Hunde musst du behüten, dachte ich spontan.
Auf der Rückfahrt kuschelte sie sich in meinen Arm, schmiegte ihr Köpfchen in meine Hand, zufrieden andeutend: Zu euch wollte ich. Die Trennung von der Mutter schien ihr nichts auszumachen. Wir waren total irritiert. Wir hatten damit gerechnet, dass sie weinen würde, Hunde können weinen, aber nichts Derartiges geschah. Wie selbstverständlich ging sie mit uns. Völlig unbefangen, voller Zutrauen, im Gegensatz zu mir damals, als ich meinen neuen Eltern folgte.
Zuhause stellten wir einen rechteckigen, hohen weichgepolsterten Korbkoffer ohne Deckel direkt neben unser Bett. Dahinein setzten wir sie. Sofort streckte sich der kleine Körper zu voller Länge, die Pfoten erreichten gerade den oberen Rand. Sie versuchte, hoch zu klettern. Plumps, lag sie. Ein neuer Versuch. Mehr Schwung, wieder nichts. Sie gab nicht auf, beim fünften Mal erschien ihr Köpfchen über dem Kofferrand und plumps, lag sie in unserem Bett. Wir strahlten, als sie sich zwischen uns einrollte und genüsslich die Äugelein schloss. Jetzt hatte sie ganz gewonnen, ganz nahe bei uns, als ob es vorherbestimmt gewesen sei.
Den Blechnäpfchen, eines mit Wasser, das andere mit Welpenfutter gefüllt, näherte sie sich am nächsten Morgen ganz vorsichtig, eher noch abweisend, als ob von ihnen eine Gefahr ausginge. Ob sie den anderen im Rudel immer den Vortritt lassen musste, überlegte ich, würden die Blechgefäße sie an Rangkämpfe erinnern? Also tauschte ich die Blechnäpfe mit Keramikschüsseln aus. Siehe da, sofort nahm sie das Futter und Wasser an. Ich strahlte: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!
Florentine, genannt Flo oder Flöchen, wuchs heran, gewöhnte sich an unseren Tagesablauf und tat alles, um geliebt zu werden. Sie zeigte an, wann sie in den Garten musste, verstand jedes Wort und wusste, wann sie zu gehorchen hatte. Zuerst an der Schleppleine, spazierten Frauchen und sie durch den Buchenberg-Wald. Sie verstand, nicht vom Weg ins Unterholz laufen zu dürfen, weil dort viele Gefahren lauerten. Wenn Jogger kamen oder Radfahrer hieß der Befehl „Stopp“, sich sofort auf den Po zu setzen und sitzen zu bleiben. Nach wenigen Wochen las sie ohne Leine die ‚Zeitung‘, höchstens zehn Schritte voraus.
Unser Grundstück war eingezäunt. So war es Flo verwehrt, eine überaus Neugierige, ihre nähere Umgebung außerhalb zu erkunden. Zur Abwechslung bauten sich Wildkaninchen vor den Terrassenfenstern auf, kratzten sich, jagten einander und grinsten in Richtung Flo. Sie stand am Fenster, zitternd vor Erregung, in höchsten Tönen bellend und bittend, doch endlich die Tür geöffnet zu bekommen. Kaum kam ich ihrem Wunsch nach, stob sie hinter den davonrasenden Kaninchen hinter her. Kurz, bevor sie hätte zupacken können, machte sie einen Bocksprung und blitzschnell verschwanden die Tiere in ihren unterirdischen Bauen, die sie sich in die Lärmschutzwand gebuddelt hatten. Das war der Beweis für mich, dass Flo eigentlich nur mit ihnen spielen wollte. Das begriffen die jungen und älteren Exemplare nicht, die sich an unseren Stauden satt fraßen und die herabhängenden Zweige der Trauerweiden in achtzig Zentimeterhöhe rundum kahlrasierten.
Neue Nachbarn zogen neben uns ein. Ein drolliger schwarzer Mops lugte durch den Maschendrahtzaun zu uns hinüber. Nase an Nase begrüßten sie sich. An einer Stelle zum Nachbarn öffnete ich den Zaun, damit die beiden Hündinnen miteinander toben konnten. Der Mops drückte eines Tages den Zaun zur Straße hin nach oben, weil auf der anderen Zaunseite ein fremder Hund zur Begrüßung bellte, womöglich auch aufforderte, die Welt zu erkunden. Neugierig wie Flo ist, zwängte sie sich unter dem Draht hindurch und eilte dem fremden Hund hinterher. Der rannte wohl zu seinem Herrchen, Flo hinterher.
Ich kam aus der Dusche und rief sie. Sie kam nicht, stattdessen der schwarze Mops, irritiert. Ich suchte unter allen Sträuchern. Hoffentlich hat sie nicht wieder einen epileptischen Anfall wie vor einigen Monaten, hoffte ich. Damals lag sie wie Tod auf dem Rasen, atmete kaum, die Augen geschlossen. In Panik rief ich den Tierarzt an. In meinen Armen liegend, erwartete ich ihn. Nach etwa zehn Minuten, kurz bevor der Doc kam, rührte sie sich wieder, hob ihren Kopf, sah mich aus langsam erwachenden Augen an. Der Doc diagnostizierte einen epileptischen Anfall, der während der ersten Hitze vorkommen könne. Seitdem hatte sie nie wieder einen.
Ich schwang mich aufs Fahrrad und fuhr unsere Siedlung ab. Nichts. Zeitgleich kam meine Frau von der Arbeit zurück. Aufgelöst berichtete ich ihr, als plötzlich das Telefon schellte.
„Hier ist das Tierheim Rote Erde. Ihr Hund ist bei uns abgegeben worden!“
Aufatmend kamen wir am Tierheim an. Geschlossen! Auf keinen Fall wollten wir Flo dort über Nacht lassen. Läuten im Nachbarhaus, freundlich-mitfühlende Mitarbeiterin des Tierheims, freudestrahlend schlossen wir unser verängstigtes Häufchen Elend in die Arme.
Wochentags steht sie mit mir um Punkt halb sechs auf, verschwindet kurz in den Garten, während ich das Frühstück für Frauchen und mich zubereite. Da sie die Treppe hinauflaufen kann, eilt sie ins Badezimmer, um ihr Frauchen zum Frühstück abzuholen. Gemeinsam kommen sie freudestrahlend die Treppe hinunter, Flo im Stechschritt, immer an Frauchens Schnürsenkeln hängend.
Wenn Frauchen dann hinaus zum Auto geht, stehen wir beide in geöffneter Tür, winkend, sie mit ihrem Hundeschwänzchen, und hoffen auf eine gesunde Heimkehr. Kaum ist das Auto außer Sichtweite, dreht sie sich um und hüpft über die Treppe ins Bett mit einem kurzen Bell: „Herrchen, wo bleibst du?“
Am Wochenende geht sie mit Frauchen Brötchen holen, inspiziert auf dem Weg zum Bäcker alle Vorgärten, markiert fünfzig Mal ihren Besuch auf kleinen Beet-Pflanzen und neckt alle Hundefreunde, die kläffend hinter der Haustürscheibe toben. So, wie sie, bekannt als springendes, tierisch-bellendes Wollknäul, wenn die anderen Vierbeiner an unserer Haustür vorbeischleichen. Wenn die Türen zum Garten geöffnet sind, rast sie hinaus zum Zaun, um ihren besten Witz loszuwerden. Manchmal haben wir Angst, dass sie vor lauter Erregung einen Herzinfarkt erleiden könnte. Andererseits, so hoffen wir, schreckt ihr Bellen Einbrecher prophylaktisch ab, denn sie hat ein ausgesprochen feines Gehör und eine weithin hörbare Klangfülle.
Was mich völlig überrascht, ist die Tatsache, dass Flo ihre Zuneigung zu uns in einem ausgewogenen Verhältnis zeigt. Wenn einer von uns außer Haus ist und sie nicht mitgenommen hat, steht sie an der Eingangstür und wartet, mit einem Abstecher durch den Garten, um die Wildkaninchen aufzumischen. Man muss ihr dann klar machen, warum der andere gerade weggefahren ist, wann er wiederkommt und wie wir die Zeit miteinander verbringen könnten. Dann ist sie ziemlich ruhig.
Punkt Viertel nach Fünf rennt sie zur Haustür. Frauchen muss ja gleich zurückkommen! In höchsten Tönen bellend kommt sie zu mir gerannt: „Frauchen kommt!“, wenn das Auto ins Carport einbiegt, um sofort wieder zur Eingangstür aus Glas zurück zu hüpfen. Kratzend, schnüffelnd, vor Freude quietschend wartet sie, um dann, wenn sich die Tür öffnet, an ihrem heißgeliebten Frauchen emporzuspringen, immer wieder, trotz nasser oder sandiger Pfoten, trotz Frauchen Aufschrei: „Nein. Nicht springen. Dreckpfoten!“ Dann streckt sie sich der Länge nach, legt ihre Vorderpfoten in die ausgestreckten Hände meiner Frau und versucht, mit ihrem Näschen das sich ihr zubeugendes Gesicht zu stupsen, manchmal mit blitzartig schnellem ‚Zungenkuss‘. Auf diese Begrüßung freuen wir uns jedes Mal, wenn wir heimkehren. Ach, wäre es doch unter uns Menschen auch so!
Angeleint, stöberten wir durch unsere kleine Stadt. Beim Bäcker ließen wir uns nieder zu einem Pott Kaffee und zwei Milchbrötchen, genau aufgeteilt. Auf dem Rückweg schlenderten wir an leerstehenden Geschäftsräumen vorbei, sie schnüffelnd, alle zehn Meter markierend, während ich darüber nachdachte, wie man diesem Leerstand begegnen könnte. Ich stellte mir vor, dass Flüchtlinge, die in die zu Wohnungen umgebauten Geschäftsräume einziehen könnten und, ähnlich einem Bazar, vor ihren Wohnungen an kleinen Sitzgruppen Tee für Einheimische anböten, um Gastfreundschaft und Kommunikation zu fördern.
In diesem Augenblick querte eine ältere Dame mit ihrem Rollator unseren Weg.
„Ach, ist der süß! So ein kleines Hundchen hatte ich auch! Leider …“
Wir blieben stehen. Flo begrüßte die Dame ausführlich schnuppernd, sprang vorsichtig an ihr hoch, um gestreichelt werden zu können.
Ich sah, wie sie einige Tränen wegfegte, ein wenig traurig-resigniert, mehr wütend.
Auf meine Nachfrage sprudelte es aus ihr heraus. Sie musste in eine Wohnung des Betreuten Wohnens ziehen. Ihren liebsten Begleiter, nach dem Tode ihres Mannes, durfte sie nicht mitnehmen.
„Wissen Sie“, empörte sie sich, „mein Stupsi sieht genauso aus wie ihr Flo, haart nicht, ist stubenrein, ruhig, versteht jedes Wort, bellt nicht unnötig, kurz ein ganz liebes Kerlchen. Ich vermisse ihn so!“ Verstohlen strich sie ihre Tränen aus den Augen. „Wo ist ihr Hundchen jetzt“, fragte ich anteilnehmend.
„Bei Bekannten. Am Wochenende kann ich ihn besuchen. Aber, das reicht einfach nicht! Der Vermieter müsste doch wissen, dass es mir viel besser ginge, wäre mein Hund bei mir! Aber, das ist dem egal. Vorschrift ist Vorschrift!“
Sie schob ihren Rollator weiter über das Kopfsteinpflaster, müde, weinend.
Lange dachte ich über unsere Gesellschaft nach, über die Lieblosigkeit, über mangelnde Flexibilität, über die Gewinnsucht und das Verhältnis der Menschen zueinander. Flo sprang an mir hoch, stupste mich, als wollte sie sagen: Ich bin bei dir!
Wieder kamen Aloys und seine Frau Simone zum Doppelkopf-Spielen zu uns. In Begleitung Emma und ihr Neuzugang, Pöffel, ein halbes Jahr jung, ebenfalls ein reinrassiges Zwergschnautzer-Mädchen.
Im Gegensatz zu Flo, die uns als Zwergschnautzer angeboten worden war, sich allerdings als Hybridhündin herausstellte. Ein ‚Schnoodle‘, eine Kreuzung zwischen zwei Rassehunden, Zwergschnautzer und Zwerg-Pudel, in den USA weit verbreitet, bei uns als Rassehund nicht anerkannt.
Emma schlich stiekum unsere Treppe zum Obergeschoß hinauf. Pöffel blieb unten, weil das Treppensteigen zu gewagt war. Als Emma wieder herunterkam, muss sie Flo gesagt haben, dass dort oben ein Geist sei, sie solle vorsichtig sein, bloß nicht allein hochgehen.
Was passierte?
Als wir uns am Spätabend nach oben begeben wollten, streikte Flo auf halber Treppe. Auf meinen Armen streckte sie alle Viere von sich und zitterte vor Angst. Als sie sich an den folgenden Tagen ebenfalls weigerte, versuchten wir, den Grund für ihre Angst zu erforschen. Wir fanden nichts und erklärten ihr, dass sie keine Angst zu haben brauche, Emma hätte sich wohl geirrt.
Was geschah?
Am nächsten Tag glaubte ich zu träumen, als ich sah, wie Flo sich auf der viertletzten Stufe umdrehte und rückwärts die vier Stufen nach oben stakste. Mit beiden Hinterläufen und dem Po zuerst, jede einzelne Stufe sich hochdrückend. Es sah so drollig aus!
Welche Denkleistung muss dahinter stecken, wurde mir bewusst, wenn Flo der Gefahr nicht ins Auge sehen will, sondern dem Feind den Hintern zeigt!
Dieses Verhalten demonstrierte sie auch unserem Tierarzt und anderen Freunden, die sich vor Lachen bogen und gleichzeitig überrascht von dieser Reaktion waren.
Mir als Jäger wird ganz schlecht, wenn ich darüber nachdenke, wie gleichgültig, oberflächlich, unwissend mein Verhältnis trotz aller angelesenen Kenntnisse zu Tieren war und ist.
Dieses kleine Wesen, auf meine Frau und mich gleichermaßen fixiert, ändert meine Sichtweise Tieren gegenüber grundlegend.
Der Gedanke erschreckt mich: Wenn meine Frau und ich mich trennen würden, bei wem soll Flo dann leben? Flo, die genau weiß, dass sie uns beiden die Gleiche Nähe zeigen muss, damit der eine nicht auf den anderen eifersüchtig ist.
Vielleicht spinne ich, mache ich mir etwas vor, aber, Flo würde verkümmern, hätte sie nur einen von uns beiden!
Und wenn das so ist, dann mag ich nicht darüber nachdenken, was ich mit meinen Scheidungen bei meinen Kindern angerichtet habe. Wie gnadenlos bin ich als Mensch.
METHODEN IM ZWIELICHT
Grundgedanken
Ich saß an meinem Schreibtisch, blickte durch das geöffnete Fenster, sog die würzige Waldluft in meine Lungen und träumte davon, ein Adler zu sein, über die Wipfel zu fliegen und über tiefe Täler, so, wie ich es in der Nacht zuvor geträumt hatte. Dieses Fliegen, mit beiden Armen flügelschlagend, hochpumpend, vom Abhang ins Leere springen, den Aufwind nutzen und über die Wiesen und Baumwipfel gleiten, ein Traum, der tiefstes Glück verhieß und mich den ganzen Tag lächeln ließ.
Wenn ich vom ersten Rang in der Oper oder von der Orgelbühne in der Kirche hinunterblicke, verspüre ich den fast zwanghaften Drang, loszufliegen, es allen Anwesenden zu zeigen, wozu ich fähig bin! Ich stehe auf der Brüstung, ein Aufschrei der Anwesenden, und ich fliege über alle Köpfe hinweg. Erstaunen, Beifall, Anerkennung für meine Meisterleistung! Ich muss mir immer wieder eindringlich klar machen: Du kannst nicht fliegen!
Wenn mein Traum doch real werden könnte, hoffte ich früher, dann könnte ich es meinen Mitschülern und Lehrern zeigen, wozu ich fähig wäre. Dann gälte ich in ihren Augen sicherlich mehr als ein starker, naiver Waldmensch, mehr als ein ‚Bastard‘?
Wie oft sehnte ich mich danach, wieder im Traum zu fliegen. Ob ich wohl in einem meiner früheren Leben ein Vogel gewesen war, ein Adler oder ein Storch oder ein Fischreiher? Ich beobachtete zwei Tauben, die vor meinem Fenster auf einem Eichenast turtelten und beneidete sie um ihr Leben. Ich sah den Schwarm Mücken im Sonnenlicht, hörte den Specht wie wild hämmern und ließ zu, wie eine dicke Hummel durch das geöffnete Fenster taumelte, sich auf meinem Handrücken niederließ und erschrocken wieder das Weite suchte. Sie hatte sich wohl vertan. Jeder Blick aus dem Fenster entzauberte meinen geliebten Wald.
Darüber vergaß ich meine Pflichten, im Haushalt zu helfen, die Schularbeiten zu machen, den furchtbar stinkenden Inhalt des Plumpsklos im Garten als wertvollen Dünger zu verteilen, den Fahrradschlauch zu flicken, die Hundehütte zu säubern, Holz für den Ofen zu hacken, Tannenzapfen als Anbrennhilfe zu sammeln.
Meine Mutter verzweifelte an meiner Vergesslichkeit und beschwerte sich bei ihrem Mann über meine Faulheit. Und wenn Blaue Briefe aus der Schule eintrudelten, die mein Fehlverhalten auflisteten, lief das Fass über.
Ich saß auf der Liege, Vater hoch auf seinem Stuhl, zwischen uns der Schreibtisch. Zunächst erfragte er den Sachverhalt mit dieser für mich unerträglichen Frage: „Warum?“
Für ihn stand fest, dass ich einfach zu faul sei, fauler als damals er und sein Bruder zusammen. Zu faul zum Nachdenken, zu faul zum Planen, zu faul zum Handel.
Wie sollte ich ihm erklären, dass es Schöneres gibt, von dem ich träumte oder ergriffen war? Ich wusste nicht, wie ich die Vielfalt meiner Gedanken und Gefühle vermitteln konnte und ahnte zugleich, dass er meine Erklärungen als Ausreden werten würde. Ich schwieg. Das potenzierte seinen Zorn.
Gefährlich wurde es, wenn er aufstand, um seinen Tisch schritt, den Spazierstock aus der Ecke fischte und sich mir näherte. Das hieß für mich, aufstehen, bücken, Schläge auf den Hintern. Anschließend sauste ich nach draußen und verkroch mich mundharmonikaspielend auf dem Plumpsklo. Vater starrte aus dem Fenster in den angrenzenden Wald, traurig, dass er mich wieder hatte züchtigen müssen.
Mit etwa achtzehn Jahren gründete ich eine Jungschargruppe. Durch meine Tätigkeit innerhalb der katholischen Gemeinde als Messdiener lernte ich alle Jungen kennen. Mit ihnen wollte ich die Welt erleben. Zunächst dachte ich an eine Pfadfindergruppe. Dafür hätte ich Mitglied einer Pfadfinder-Gemeinschaft sein und an Gruppenleiterkursen teilnehmen müssen. Eine Jungschargruppe aufzubauen war unkomplizierter.
Mit vierzehn vorpubertären Jungen, die sich mehr für die Geheimnisse der Natur und weniger für Mädchen interessierten, machte ich eine Radtour von Wittingen nach Celle. Übernachtungen in einer Celler Jugendherberge. Die Jungscharkluft unterstrich die Gemeinschaft zu dieser Gruppe und wurde von den Jungen wie ein Heiligtum behandelt, so berichteten die Eltern.
„Die anderen Klamotten pfeffern sie in irgendeine Ecke, das Jungscharhemd kommt auf den Bügel, weil du das gesagt hast!“
Bei allen Gruppentreffen merkte ich, wie sehr die Jungen meine Gefühlswelten verinnerlichten, sei es am Lagerfeuer, wenn ich mit meiner Mundharmonika Abendlieder spielte, wenn ich ihnen Geschichten aus meinem Schülerleben erzählte oder ihnen aufzeigte, wie ich in Konfliktsituationen mit meinen Eltern reagiert habe.
Zum ersten Mal in meinem Leben begriff ich, was es bedeutet, von Jüngeren zu allen möglichen Themen befragt zu werden, ein interessierter Zuhörer zu sein und als ‚Vorbild‘ zu gelten, dem man vertrauen und dem man folgen kann.
Mein Vorschlag, eine große Radtour zu machen, wurde begeistert angenommen, von einigen Eltern allerdings ziemlich kritisch gesehen, wegen unkalkulierbarer Gefahren. Die Jungen überredeten ihre Eltern.
Damals gab es so gut wie keine Radwege, getrennt von den Autostraßen. Folglich mussten besondere Regeln eingehalten werden, damit keiner verunglückte. Wenn wir hintereinander in Kolonne fuhren, sollte jeder auf mein Handzeichen achten.
Ich fuhr vorweg, einer der ältesten Jungen am Schluss.
Wir radelten durch Celle. Auf einem Radweg. Ich hob den Arm zur Warnung, weil wir links abbiegen mussten. Rolf träumte und fuhr seinem Vordermann an das Hinterrad. Er stürzte samt Rad und rollte auf die Straße, direkt vor einen herannahenden Lastwagen. Vor Schreck stieß ich den Schrei aus: „Wegrollen!“ Rolf reagierte blitzschnell. Mit aggressiver Hornfanfare zog der LKW an uns vorbei. Mein Blick stieg zum Himmel mit tiefem Dank, da niemand verletzt war.
Dieses Ereignis stärkte die Fürsorglichkeit aller Gruppenmitglieder zueinander und zugleich die Bindung zu mir, einem jungen ‚Erwachsenen‘, bei dem man seine Angst zeigen kann, schwach sein darf und als Mensch Anerkennung erfährt,
An meinem dreißigsten Geburtstag schritt ich um mein privates Kinderheim samt Grundstück in der Nähe des Steinhuder Meeres, stolz wie Oscar, und nach den praktischen Erfahrungen während der ersten Monate überzeugt, meinen geplanten Grundgedanken treu bleiben zu können:
Niemals wirst du ein Kind mit einem Stock züchtigen oder sonst wie schlagen. Du wirst keine sinnlosen Verbote aussprechen, wie Fernsehverbot oder Hausarrest.
Wie habe ich meine Mutter gehasst, wenn ich zur Strafe im Zimmer bleiben musste.
Freiheit ist eines unserer höchsten Güter, sie zu beschneiden aus belanglosen Gründen erzeugt Ablehnung und Widerstand. Und Fernsehverbot? Was hat dieses Verbot mit dem begangenen Fehler zu tun? Wäre es nicht klüger, den Fehler wieder gut zu machen?
Wenn ein Kind etwas stiehlt, diesen Vorgang muss ich benennen, bringe ich mit dem Kind das Gestohlene wieder zurück. Die Scham auf seinem und meinem Gesicht könnte eine Verhaltensänderung bewirken.
Du wirst jedes Mal „JA“ sagen, wenn ein Kind dich um etwas bittet, nahm ich mir vor, weil ein JA dem Kind signalisiert, dass ich den Wunsch des Kindes grundsätzlich verstehe und ihm gerecht werden will.
„Aha“, registriert das Kind, „er versteht mich, er mag mich, er lässt mich nicht hängen!“
Gemeinsam wird überlegt, wie die Bitte des Kindes durch meinen Einfluss realisiert werden kann.
Es fällt keine Klappe, im Gegensatz zu einem „NEIN“. Bei dieser Ablehnung läuft ein Film im Kopf des Kindes ab, der verdeutlicht, dass ich als Erwachsener noch nicht einmal gewillt sei, mich mit seiner Bitte auseinander zu setzen.
„Er nimmt mich nicht ernst, ich bin unbedeutend für ihn, er sieht nur sich, er mag mich nicht!“
Diese Gedanken führen zur Resignation oder Aggression.
Noch klüger ist es, sagte ich mir, wenn ich vorausschauend weiß, was ein Kind gern hätte. Dafür muss ich mich in die Welt des Kindes, des Jugendlichen versetzen, mich vielleicht daran erinnern, auch mal in diesem Alter gewesen zu sein.
Wenn ich zum Tanken fahre und Kinder mitnehme, weiß ich, dass an der Kasse in Blickhöhe viele Leckereien locken, ebenso beim Einkauf im Supermarkt. Folglich lege ich vorher fest, wieviel sich jeder aussuchen darf zu welchem Wert. Und wenn ich dann flexibel bin, also unberechenbar großzügig, bekommt der Spruch: ‚Eine Hand wäscht die andere‘, einen zwischenmenschlichen Sinn.
Kein einziges Mal bin ich mit dieser Einstellung von Kindern oder Jugendlichen ausgenutzt worden, weil sie wussten, dass ich ihre Zuneigung nicht ‚erkaufen‘, sondern ihnen einfach nur eine Freude machen wollte.
In der Schule war es so, dass ich für die Lehrer am meisten gearbeitet habe, die mir zeigten, mich zu mögen, trotz meiner Wildheit, trotz meiner Unberechenbarkeit, trotz meiner Faulheit. Für ihn habe ich die Formeln gelernt, für sie die französischen Vokabeln. Keinen der beiden hätte ich je beleidigt oder verletzt. Ihre Güte, Nachsicht, Anerkennung meiner Person beflügelten meine Zuneigung zu ihnen.
Genau diese Zuneigung der Kinder und Jugendlichen zu mir wären nur über Gerechtigkeit, Verständnis, Großzügigkeit zu erreichen, sagte ich mir in Anlehnung an meine Erfahrungen.
Wenn ich mir das heute überlege, bin ich von den Kindern, die meine Interaktion intuitiv erspüren konnten, nie bestohlen oder beleidigt worden. Bei den wenigen, die sich nicht darauf einlassen konnten, weil sie sich vom schlechten Milieu nicht lossagen konnten, bereits zu abgebrüht waren oder zu schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht hatten, blieb die von mir erwünschte Verhaltensänderung unerfüllt, leider.
Ich wusste, dass ältere Jugendliche den Drang haben, an Feten ihrer Freunde teilnehmen zu wollen. Die Feten werden allerdings erst ab elf Uhr nachts interessant. Folglich erwartete ich die Frage:
„Wie lange darf ich bleiben?“
Auf diese aggressionsauslösende Beantwortung wollte ich nicht hereinfallen. Ich stellte die Gegenfragen, wie lange sie denn bleiben möchten und bei wem die Fete stattfände, da ich sie, egal wie spät, von dort abholen würde.
Erstaunte Gesichter. Es rotierte im Gehirn, etwa so: Wenn ich zu lange bleiben will, meckert er; wenn zu kurz, habe ich selbst nichts davon.
Zaghafte Antwort: „Ja, so gegen ein Uhr?“
„Gut, um zwei, wenn eher, ruf’ an. Adresse? Telefonnummer?“
Alles klar. Freudestrahlend verabschiedeten sie sich. Natürlich dachte ich daran, dass Sex im Spiel sein würde, ebenso wie Alkohol oder sonstige Drogen.
Gegen das Schwangerwerden erhielten die Mädchen im entsprechenden Alter und nach Rücksprache mit ihnen selbst sowie der Gynäkologin die Drei-Monats-Spritze.
Über die Einnahme von Drogen aller Art waren sie aufgeklärt, müssten allerdings auch eigene Erfahrungen machen. Ratschläge sind gefragt, war ich mir sicher, Verbote laufen ins Leere, weil es ‚cool‘ ist, in der Clique über die Stränge zu schlagen.
Überrascht waren sie, wenn ich tatsächlich auftauchte, auch mal eben so zwischendurch, um mir ein ‚Bild‘ zu machen. Sie schwankten dann mit ihrer Beurteilung meines Blitzbesuches zwischen ‚total uncool‘ und ‚geht so, krass‘.
Wenn ein Kind „Mist“ gebaut hat, nahm ich mir vor, werde ich mit ihm reden und erklären, was mir wichtig ist. Nie werde ich das Fragewort: „Warum?“ stellen, sondern eine Erklärung für sein Tun aufzeigen, die es annehmen kann. Auch, wenn sie nicht hundertprozentig stimmen sollte, das Kind kann aber mit dieser meiner Interpretation sein Gesicht wahren. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass bestimmte Konstellationen oder Zwänge zu diesem Tun geführt haben müssen und somit nicht unbedingt dem Kind anzulasten sind. Außerdem: Hat nicht jedes Kind das Recht, Fehler zu machen?
Keine Befragung vor anderen Kindern, wenn es um ernste Auseinandersetzungen geht, lieber zunächst unter vier Augen. Ich wollte ein Klima des Verstehens schaffen. Ich wollte dem Kind signalisieren, dass es die Wahrheit sagen kann, ohne bestraft zu werden. Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass sie, sagen sie die Wahrheit, für ihr Tun sanktioniert werden. Wenn sie lügen, kommen sie zunächst ungeschoren davon.
Natürlich war es vielen Erzieherinnen im Laufe meiner Heimleitertätigkeit suspekt, dass ich immer mit dem betroffenen Kind allein geredet habe. Schnell kam das Gerücht auf, als ‚offenes Geheimnis‘, dass ich Kinder züchtigen oder unter Druck setzen würde. Sie schlossen von sich auf andere, weil sie selbst davon überzeugt waren, mit Druck und drakonischen Strafen Verhaltensänderungen bei Heimkindern bewirken zu können.
Es hätte ihnen allerdings auffallen müssen, dass diese Kinder sich niemals über meine Gespräche mit ihnen unter vier Augen beschwert hatten. Stattdessen traten diese Kinder vor die Gruppe, in meinem Dabeisein, unter meinem Schutz, gaben ihr Fehlverhalten zu und erklärten, wie sie den Schaden in Ordnung bringen wollten.
Dieses Verhalten eines Kindes entsteht nur durch ein stetig wachsendes Vertrauen in die Fähigkeit des Pädagogen, negatives Verhalten in ein positives umzukehren. Das Eingestehen von Fehlern, ohne Beschönigung, gelingt nur, wenn es nicht als Schwäche zusätzlich bestraft und der Wille zur Wiedergutmachung realisiert wird. Ein pädagogischer Ansatz, der von allen Kindern als gerecht empfunden wurde und wird.
Ein Beispiel: In der Küche und zum Vorratsraum gab es keine verschlossenen Türen. Ich fand im Regal ein Würstchenglas mit einer übriggebliebenen Wurst. Der „Dieb“ hätte das ganze Glas mitnehmen und verschwinden lassen können. Hat er nicht. Ich interpretierte diese Tatsache als Aufforderung an mich:
Bekommst du heraus, wer der ‚Dieb‘ ist, und was passiert mit ihm?
Man könnte annehmen, dass diese Frage zukünftig unnötig würde, wenn man die Türen abschlösse. Genau das wollte ich nicht. Keine abgeschlossenen Türen in meinem Haus! Kein grundsätzliches Misstrauen! Es war eine Kardinalfrage: Traue ich den mir anvertrauten Kindern Ehrlichkeit zu?
Ich stellte der Gruppe genau diese Frage und bat den ‚Dieb‘, sich zu offenbaren. Als ‚Strafe‘ würde er ein zweites Glas Würstchen erhalten und die totale Anerkennung von uns allen, weil er sich getraut hätte, die Wahrheit zu sagen, ohne genau einschätzen zu können, was ihm tatsächlich passieren würde.
Er meldete sich, zaghaft, erstaunt.
Beifall von allen. Er musste beschreiben, wie und wann er die Würstchen stibitz hatte. Was er sagte, klang glaubhaft und wurde von einem anderen Kind bestätigt. Er nahm das zweite Glas strahlend entgegen.
„Fragt einfach, wenn ihr etwas haben möchtet!“
Genau das geschah und verhinderte verschlossene Türen. Schlaue Pädagogen hielten dagegen und fragten:
„Wenn das Schule macht?“
Kinder sind gerecht, meine Meinung. Keiner nutzte es aus.
Sanktionen
Ich grübelte darüber, wie ich reagieren müsste, um weitere Straftaten zu verhindern. Die Kinder sind ja ins Heim gekommen, weil sie, aus unterschiedlichen Gründen, gelogen, betrogen und gestohlen haben. Ich sollte sie lehren, zu ihren Taten zu stehen und sich zukünftig sozial zu verhalten. Hausarrest, Fernsehverbote, Taschengeldentzug waren für mich keine klugen „Rezepte“, weil sie Enttäuschungen und Aggressionen erzeugten. Verbale Vorhaltungen und ein ‚DUDU‘ mit dem Zeigefinger reichten einfach nicht aus, begriff ich sofort.
Meine Autorität als Heimleiter würde auch nicht ausreichen, um Heimkinder zu beeindrucken oder zu Verhaltensänderungen zu bewegen, es muss mehr als eine gegenüberstehende Macht sein.
Wenn eine Erzieherin das Haus betritt und im Garderoben-Bereich eine Jacke auf dem Boden vorfindet, gibt es genau drei Möglichkeiten zu reagieren:
Sie hebt sie auf. Damit hätte sie, wenn sie von Kindern beobachtet wird, bereits verloren.
Sie übersieht die Jacke. Damit hätte sie in den Augen der Heimleitung versagt.
Sie ruft ein Kind heran und bittet es, die Jacke aufzuheben. Damit begibt sie sich in einen Machtkampf.
Was tun, wenn das Kind sagt:
„Das war ich nicht, warum soll ich sie aufheben. Mach’s doch selber!“
Bereits jetzt offenbart sich die Tatsache, wie das Verhältnis des Pädagogen zu diesem Kind in Wirklichkeit ist: Hat dieses Kind vom ersten Kontakt an zu ihm das Gefühl haben können, etwas Besonderes zu sein, angenommen zu werden? Die ersten Sekunden entscheiden bereits darüber, über den Blick, den Ton, die Gestik, die Beobachtungsgabe und eine grundsätzliche Empathie zu Kindern, ob meine Interaktion erfolgreich ist oder ein Flop.
Ich spreche in diesem Zusammenhang gern von der „Kunst der Pädagogik“, die fehlerhaft sein kann, aber niemals den Kern verletzen darf: Die Würde des Menschen ist unantastbar!
Was also konnte ich tun, um straffälliges Verhalten ‚meiner‘ Kinder zu minimieren? Mir fiel eine eher sportliche Variante ein: Wenn sie Leergut gestohlen und zu Geld gemacht, wenn sie Zigarettenautomaten oder Autos aufgebrochen hatten oder in einen Kiosk eingebrochen waren oder hatten Angelzubehör mitgehen lassen, musste ich deutliche Zeichen setzen.
Nachdem wir gemeinsam die gestohlenen Sachen zurückgebracht und uns entschuldigt hatten, ließ ich sie Zuhause mit Wasser gefüllte Schüsseln auf ausgestreckten Armen balancieren. Ein Relikt mit Bestrafungscharakter? Vielleicht unbewusst, aus der Ohnmacht erwachsen?
„Wetten, dass ihr das nicht lange schafft?“
Es ist mehr eine sportliche Herausforderung, machte ich mir vor, an der ich mich oft genug selbst beteiligt habe. Keinem Jungen ist jemals das Wasser umgekippt, mir auch nicht. Nach einiger Zeit stellte ich diese „sportliche Variante der Bestrafung“ ein, weil einer der Jungen mir vorwarf, dass das bereits als Misshandlung ausgelegt werden könnte, was ich keinesfalls wollte.
Wenn es eine ernste Bestrafung gewesen wäre, hätten sich die Jungen sowieso geweigert. Meine Intuition überlagerte meinen Sachverstand: Irgendwie wollte ich mit dieser Wette zeigen, dass man seinen inneren ‚Schweinehund‘ besiegen kann, ist der Wille nur stark genug! Ihr Verstand sollte ihren Willen beeinflussen, nicht mehr straffällig sein zu wollen, aus eigener Einsicht, freiwillig sozusagen, vielleicht auch mir gegenüber, weil man denjenigen, den man mag, nicht enttäuschen will.
Wie bei Anni. Sie hatte Geburtstag, elf wurde sie. In dem Heim, aus dem sie zu uns gekommen war, hatte sie Erzieherinnen zur Weißglut mit ihren Kletterkünsten gebracht. Wenn ihr etwas missfiel, kletterte sie auf einen Baum, möglichst hoch. Unten standen sie und riefen, flehten, fluchten, dass sie wieder herunterkommen sollte. Sie hörte zwar, blieb aber stur. Wenn sie dann nachts irgendwann hinab kletterte, wurde sie mit Hausarrest, mit Schlägen, mit Fernsehverbot bestraft.
Ich bewunderte diese Art des Kampfes. Wie stark muss diese Kleine sein, dachte ich, als ich die Beurteilung von Fachleuten in ihrer Akte las. Das Einzige, worüber sie reflektierten, war, wie man ihren Willen brechen könnte. Ich hätte heulen können. Warum ihren Willen brechen, warum nicht stärken und nutzen?
Nach dem Abendessen im Juli, im Dorf Kirmes. Alle wollten Autoskooter oder Karussell fahren oder zur Schießbude. Spontan fragte ich, wer wohl am längsten seine Arme ausgestreckt halten könnte?
Der Sieger bekäme fünfzig Mark.
Sofort schossen alle Arme in die Höhe. Jeder wollte mitmachen. Die Wette galt. Sie saßen am langen Esstisch, hielten ihre Arme waagerecht in die Luft und strahlten.
Nach fünf Minuten gaben die ersten auf, nach weiteren fünf Minuten die anderen, bis auf zwei: Klaus und Anni. Schweiß tropfte von seiner Stirn. Er verdrehte die Augen, zwei weitere Minuten.
Anni fing an, mit ihren Armen zu sprechen:
„Ihr bleibt oben, ich befehle es euch! Gaaanz ruhig! Stellt euch nicht so an! Ich will gewinnen! Lasst mich nicht im Stich!“
Die anderen Kinder schauten ihr zu, voller Respekt, ein wenig neidisch, flüsterten:
„Halt durch, du schaffst das, du bist stärker als Klaus.“
Klaus war sechzehn, zäh, durchtrainiert.
„Lass’ dich nicht fertig machen von der Kleinen“, riefen andere.
Ich schaute auf die Uhr und wollte es nicht glauben: Sechzehn Minuten waren um.
Klaus stöhnte, seine Arme sanken auf die Tischplatte.
Jubelnd lachte Anni: „Wir haben gewonnen, ich hab’ mich auf euch verlassen!“ und küsste ihre Arme.
Die fünfzig Mark haute sie mit ihren Freundinnen auf der Kirmes auf den Kopf. Niemals mehr musste sie auf einen Baum klettern. Mit ihrem eisernen Willen schaffte sie die Realschule, dann das Fachabitur und wurde Sozialarbeiterin.
Jedes Mal das Gleiche: Sommerferien an der Atlantikküste in Südfrankreich. Auf dem Weg zum Strand links und rechts Stände von Nordafrikanern, verlockend, selten am Preis-Leistungs-Verhältnis orientiert, eher von der Tatsache beflügelt, das Deutsche einfach nicht handeln wollen oder können und die verlangten Preise zur Freude der Händler bezahlen.
Nicht so unsere Kinder.
Nach Halbzeit der Ferienmaßnahme forderte ich augenzwinkernd alle auf, die Ketten, Ringe, Figuren, Armbänder und Spielsachen aus den Zelten zu holen und vorzuzeigen. Sie sahen sich verzweifelt um, es kam aber keine Entwarnung. Innerhalb einer viertel Stunde lagen alle Schätze, die nach dem Motto: ‚Komm’ mit, du frierst‘ entwendet worden waren, auf dem langen Esstisch.
Bevor ich etwas sagen konnte, erklärten einige, dass das Geschenke für ihre Eltern seien, Mitbringsel aus dem Urlaub, weil sie ja nicht urlauben könnten.
Ich drohte, schwach zu werden. Sie bemerkten mein Zögern und entschuldigten sich schmunzelnd, dass die Schwarzen auch besser hätten aufpassen können.
Nach meinem kurzen Statement über die Begriffe ‚Neger‘, ‚Farbige‘ oder politisch korrekt ‚maximal Pigmentierte‘, sagte ich ihnen, dass wir die entwendeten Sachen alle wieder zurückbringen würden, unter meiner Aufsicht.
Mit langen Gesichtern zogen wir los. Überrascht waren wir, als einige der Händler den Kindern zum Dank für ihre Ehrlichkeit Armbänder und Ringe überließen. Jeder kehrte mit einem Geschenk in unser Zeltlager zurück, irgendwie eigenartig berührt von der Großzügigkeit.
Als besonders ‚schlimm‘ empfunden wurde mein in die Tat umgesetzter Gedanke: Wenn sie nicht über ihre Taten kommunizieren können, sollen sie schriftlich darlegen, weswegen sie so reagiert haben, was sie in Zukunft anders machen würden und wer ihnen helfen könnte.
Wenn sie es allerdings ablehnten, sich überhaupt Gedanken zu ihrem Fehlverhalten zu machen, habe ich sie übertrieben lang schreiben lassen, besonders, wenn ich stink wütend war. Wütend machte mich ihre sture Uneinsichtigkeit über ihr falsches Verhalten Frauen oder Geschäftsleuten gegenüber, weil ihre Handlungsweisen das negative Image von Heimkindern unter Beweis stellten. Ihr spontanes Verhalten wollte ich ihnen mittels einfacher Sätze verdeutlichen, wie:
‚Ich darf nicht solche sexistischen Schimpfwörter rausschreien‘ oder: ‚Ich darf Karin nicht an die Brust fassen‘ oder: ‚Ich darf keine Zigaretten mehr klauen‘.
Das Ganze hundert Mal! Wenn gemosert wurde, zweihundert Mal! Diese banalen Sätze sollten sich in ihr Gehirn brennen und Verhaltensänderungen bewirken.
„Ich war der einzige“, so sagte mir Hübi, ein ehemaliges Heimkind, „der wirklich zweihundert Mal diesen verkackten Satz schreiben musste: Ich darf meiner Lehrerin nicht den Stinkefinger zeigen! Den anderen hast du oft die Strafe erlassen, wenn sie die erste Seite geschrieben hatten, bei mir hast du dieses eine Mal kein Auge zugedrückt!“
Ich wollte mich im Nachhinein bei ihm entschuldigen, es wehrte lächelnd, verzeihend ab:
„Das ist vergessen! Hat mir jedenfalls nicht geschadet!“
Gestern rief Tatjana an, um mir zum Siebzigsten zu gratulieren. Mittlerweile alleinerziehende Mutter von zwei Jungen und zwei Mädchen, der älteste vierzehn, das jüngste sieben. Sie, gerade zur Klassenelternvertreterin gewählt, „wegen meiner großen Klappe“, wie sie lachend durchs Handy prustete.
„Ob du es glaubst oder nicht“, verriet sie während des Gesprächs, „gestern habe ich Leon schreiben lassen: ‚Ich darf nicht fick deine Mutter sagen‘; hundert Mal!“
„Und wie oft musste er wirklich schreiben?“
„Na ja, so fünfzig Mal! Er war zwar sauer, hat es aber gecheckt!“
Lerneffekte
Marc hieß er. Zwölf Jahre alt. Sein Hobby war, alles anzustecken. Er zündelte gern. Wenn die Flammen hochschlugen, Brennbares zerstörten, strahlten seine Augen. Er kniff sie zusammen vor Schadenfreude, wenn Erwachsene sich über sein Zündeln aufregten: Kerzen in Kirchen, Telefonbücher in Telefonzellen, ausrangierte Autos fielen seiner Leidenschaft zum Opfer. Wenn sie ihn zur Rede stellten, strafte er sie, in dem er auf der Stelle einkotete. Angewidert wandten sie sich von ihm ab. Er hatte gewonnen.
Um einer Anzeige wegen Aufsichtspflichtverletzungen zuvorzukommen, kam der Junge im Rahmen der Jugendhilfe in verschiedene Heime, um seine neurotischen Störungen therapieren zu können.
Nach der Neurosenlehre kann eine gehemmte Aggressivität während der Sozialisation als Ursache für die Zündelei und das Einkoten gelten. Mit dieser neurotischen Erkrankung kann der Patient seine Umwelt auf seine Defizite aufmerksam machen. Sie führt allerdings zur Ablehnung und erfordert eine spezielle Therapie.
Nach erfolglosen Bemühungen kam er zu mir in mein heilpädagogisches Kinderheim. Was tun, überlegte ich, nachdem Autos und ein Rohbau in Flammen aufgegangen waren.
Mir fiel die Therapie meines Vaters ein: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu. Ich kam auf die Idee, den Jungen spüren zu lassen, was Hitze bewirken kann.
Ich nahm mein Feuerzeug und hielt es dem Jungen eine Sekunde unter die Handfläche.
„Aua“, sagte Marc überrascht, „das tut ja weh!“
Ich erklärte ihm, dass Menschen viel stärkere Schmerzen erleiden müssten, wenn sie verbrennen.
„Willst du, dass irgendjemand verbrennt, wenn du einen Rohbau abfackelst?“
Er schüttelte total erschrocken den Kopf.
Von diesem Tag an nahm der Junge an allen Freizeitmaßnahmen teil: Er konnte bei Gesellschaftsspielen verlieren ohne auszurasten, tobte im Hallenbad angstfrei, weil er nicht mehr einkotete. Er zog zum ersten Mal einen Fisch mit der Angel aus dem Teich und versorgte ihn fachgerecht zum Räuchern. Er befiederte seine Pfeile, um mit anderen Jungen am Bogenwettschießen teilnehmen zu können. Die schulischen Leistungen wurden täglich besser. Nach einem viertel Jahr konnte man feststellen, dass der Junge nicht mehr gezündelt hatte und frei von gehemmter Aggressivität war. Er konnte mitteilen, was er sich wünschte und was nicht. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er richtige Freunde.
Der neue Mann seiner Mutter war eifersüchtig, dass es dem Jungen im Heim besser gefiel als zu Hause mit ihm als Stiefvater und seinen vier Kindern. Nach einem halben Jahr zeigte die Mutter mich, angestachelt vom Freund, wegen Fahrlässiger Körperverletzung an. Gegen eine Zahlung von fünfhundert DM wurde das Verfahren eingestellt. Nicht genug. Die Mutter klagte beim Zivilgericht auf Schmerzensgeld. Der Richter sprach mich frei mit der Begründung, dass dieser dem Jungen zugefügte geringe kurzfristige Schmerz ihn in Verbindung mit heilpädagogischen Maßnahmen von seiner Erkrankung geheilt habe.
Ich stelle mir vor, wie die heutigen Richter und Sozialpädagogen reagiert hätten: Ein totaler Shitstorm würde auf mich niedergehen und meine pädagogische Befähigung vernichtend verurteilt.
Ebenso nach folgender Tat: Klaus, fünfzehn Jahre alt, Sonderschüler, heute „Schüler mit besonderem Förderbedarf“, brachte mir ein selbstgebasteltes Vogelhäuschen aus der Schule mit. Er übergab es mir, fixierte mich schief lächelnd. Ich nahm es, sah die schlechte Verarbeitung, öffnete das Küchenfenster und warf es hinaus. Er drehte sich überrascht grinsend weg. Am Nachmittag fragte er den Hausmeister, ob er den Schlüssel zu unserem Bastelraum haben könne. Kurz vorm Abendbrot kam Klaus zu mir. In der Hand hielt er ein neues Vogelhäuschen. Ich begutachtete es genau.
In diesem Augenblick spürte ich eine ungemein tiefe Zuneigung zu diesem Jungen, denn ich hatte seinen Test bestanden. Er wusste, dass ich ihm mehr zugetraut hatte und konnte sein wirkliches Können unter Beweis stellen. Er lächelte still.
Psychologie
Moni, 12 Jahre alt, hatte fünf Pflegestellen und Heime hinter sich, Therapeuten, unzählige Erzieherinnen. Sie galt als austherapiert und nicht mehr beschulungsfähig. Die Schule für Kranke hatte bereits kapituliert.
Zwei Besonderheiten zeichneten sie aus:
Erstens ließ sie sich zu Boden fallen und knallte ihren Kopf auf die Fliesen, wenn man nachfragte, was sie gesagt habe. Ich schaute mir das Theater zwei Wochen an. Als sie ihren Kopf auf den Küchen-Boden schlagen wollte, nahm ich einen Berg Teller aus dem Regal und donnerte den Stapel auf den Fliesenboden. Sie zuckte zusammen, lächelte, lachte Sekunden später laut auf und prustete los:
„In Ordnung. Ich habe verstanden!“
Niemals mehr hat sie ihren Kopf aufgeschlagen.
Zweitens hatte sie die Angewohnheit, ihr Geschäft nicht mehr auf der Toilette zu verrichten, sondern im Bett. Sie wickelte ihren Kot in Unterwäsche und verstaute das Bündel unter dem Kopfkissen. Es stank fürchterlich. Keiner der Kinder wollte etwas mit ihr zu tun haben, keine besuchte sie in ihrem Zimmer.
Ich las Fachliteratur, telefonierte mit Psychologen, Psychotherapeuten und erinnerte mich schließlich an mein Zusatzstudium der Kinder- und Jugendlichen Psychotherapie. Ich las in meinen Aufzeichnungen über die »Symptombilder bei psychisch gestörten Kindern« sowie die »Allgemeine und spezielle Neurosenlehre«, vertiefte mich in die Thematik Freuds »Das ICH und die Abwehrmechanismen«, wandte kleine projektive Test-Verfahren an, nutzte den Sceno-Test. Ich fand keine Erklärung für ihr Verhalten, geschweige denn eine Methode zur Verhaltensänderung.
Schließlich kam mir die Idee:
Der Kot als ihr Produkt war ihr Machtfaktor, mit dem sie ihre Umwelt beeinflussen konnte. Sie erreichte, nicht zur Schule gehen zu müssen, sie entschied, welche Pädagogen tätig werden durften, sie zeigte ihnen ihre Macht, die stärker war als jede Einflussnahme der Profis. Sie tat, was sie wollte, sie war der Bestimmer, nicht die unzähligen Betreuer, die Fachleute, denen sie über Monate ausgeliefert war.
Ich musste mächtiger werden als sie.
Ich sagte ihr, dass sie jedes Mal zur Toilette gehen müsse, wenn ich sie sähe, um ihr Geschäft zu machen. Ich würde mir das Resultat anschauen und ihr jedes Mal eine Mark zahlen, dann könne sie es hinunterspülen. Sie betrachtete mich mit lauerndem Blick und fragte:
„Jedes Mal eine Mark?“
„Ja!“
Jeden Tag sah ich sie mehrmals. Sie ging zur Toilette. Ich nahm jedes Mal ein Kind zur Kontrolle mit. Sie bekam eine Mark, spülte wehmütig ihre Trophäe hinunter und strahlte.
Diese Prozedur dauerte ungefähr drei Monate. In dieser Zeit und danach hatte sie nie das Bedürfnis, ihre Hinterlassenschaft im Bett zu verstecken. Sie bekam für ihre Leistung einen Gegenwert: Bares und Aufmerksamkeit.
Parallel dazu bat ich eine ältere Erzieherin, ihr jeden Abend Geschichten vor zu lesen, um ihr Interesse am Lesen von Abenteuern zu wecken. Nach diesen drei Monaten fragte sie, ob sie wieder zur Schule gehen dürfe, wie die anderen Kinder.
In Absprache mit dem Rektor der Förderschule brachte ich Moni eine Woche lang jeden Morgen in den Stuhlkreis und nahm sie nach zehn Minuten mit nach Hause. Eine Woche später besuchte sie den Stuhlkreis und die Musikstunde, danach nahm sie zusätzlich am Deutschunterricht teil und war nach einem Vierteljahr in der Lage, dem Lernstoff aller Unterrichtsfächer zu folgen.
In ihrem Zeugnis am Ende des Jahres waren Zweier in Deutsch, Religion und Musik, Dreier in Mathe und Sport, allerdings drei Fünfer in den Fächern Gemeinschaftskunde, Erdkunde und Kunst, gegeben von einem Lehrer.
Ich war sauer, weil ich im Laufe des Jahres nicht über die schlechten Leistungen informiert worden bin.
Mein spontaner Besuch bei diesem Lehrer brachte mich auf die Palme.
„Wissen Sie“, giftete er herablassend, „Monika hätte normalerweise in den anderen Fächern ebenfalls Fünfen bekommen müssen!“
Meine Dienstaufsichtsbeschwerde ging an den Schulrat. Während der Sommerferien bekam ich einen Anruf.
„Könnten Sie nicht diese Beschwerde zurückziehen? Er hat Kinder und die Sache tut ihm leid!“
Ich zog sie zurück. Alle Schüler meiner Einrichtung bekamen von diesem Lehrer fortan gute Benotungen.
Der Kontakt zum Schulrat selbst gestaltete sich von diesem Tag an hervorragend. Das war nötig.
Schulpflicht
Ich musste mich während einer Konferenz mit dem Leiter einer Jugendhilfeeinrichtung schwer anlegen. Die Förderschule hatte zum Gespräch über eine bessere Zusammenarbeit zwischen Schule und Hilfeeinrichtungen geladen. Es ging um die Schulpflicht, gesetzlich vorgeschrieben.
Ich vertrat den Standpunkt, und hatte Rückendeckung vom besagten Schulrat, dass neue Kinder in meiner Einrichtung erst Wochen zu Hause bleiben sollten, bevor sie dem Schulstress ausgesetzt würden. Man stelle sich ein Kind vor, dass aufgrund seiner Misshandlungen schwere neurotische Störungen aufweist, wie z.B. Enkopresis, und sitzt am ersten Tag in der Schule neben einem Mitschüler und stinkt. Wer ist da der Verlierer?
Nach meiner Meinung muss das Kind die Möglichkeit erhalten, die Mitarbeiter und anderen Kinder kennen zu lernen, die Regeln und deren Ausnahmen zu begreifen, den Schock durch die Herausnahme aus der Familie zu überwinden und sich auf neue Beziehungen einzulassen. Wenn es sofort am nächsten Tag der Heimeinweisung in die Schule gehen, sich zusätzlich auf fremde Schüler und Lehrer einlassen muss, wird es total überfordert.
Das sah der Vertreter der evangelischen Jugendhilfe völlig anders und verwies auf die Schulpflicht. Mir war klar, warum. Sie hätten den Dienstplan vormittags anders gestalten müssen. Wenn alle Kinder in der Schule sind, braucht der pädagogische Dienst erst nach Mittag zu erscheinen, so muss jemand zur Betreuung des Neuen abgestellt werden. Und zu dieser Flexibilität war man nicht bereit. Für mich ein schwerer Schlag gegen die Mitmenschlichkeit, ein Verbrechen am Kind. Als ich das kundtat, wurde ich zum Feind.
Dieser mir wohlgesonnene Schulrat stieg auf in die Obere Schulbehörde, mit seinem Nachfolger bekam ich es Jahre später zu tun: Am Telefon erklärte ich ihm ausführlich und wahrheitsgetreu das Schicksal eines Kindes und bat um eine zeitlich begrenzte Befreiung von der Schulpflicht. Er hörte mir eine viertel Stunde zu und sagte dann wortwörtlich:
„Das interessiert mich nicht. Wir haben die Schulpflicht, also!“ „Was geschieht, wenn ich sie nicht einhalte?“
„Dann müssen Sie zahlen!“
Ich war stink sauer und rief den ehemaligen, mich verstehenden Schulrat an, der die Dienstaufsicht über den neuen Schulrat führte. Ich erklärte ihm die Situation, er versprach, zu reagieren.
Zwei Tage später ein Anruf vom Schulamt, ich möge zu einem Gespräch ins Amt kommen. Es wurde alles geklärt. In Zukunft würde er mich unterstützen.
Jahre später, ich wollte als Rentner den Personenbeförderungsschein machen, um den Bürgerbus der Stadt ehrenamtlich fahren zu können. Ich stellte den Antrag. Ihm wurde nicht stattgegeben. Der ehemalige, pensionierte Schulrat saß im Leitungsteam!
Pulsuz fraqment bitdi.