Kitabı oxu: «Vendetta Colonia»
Peter Wolff
Vendetta Colonia
autofiktionaler Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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III
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Impressum neobooks
Prolog
Peter Wolff
Vendetta Colonia
autobiografischer Roman
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Ein Sonntagabend im Herbst. Ich sitze mit meiner Frau vor dem Fernseher, der Tatort ist, auch mangels halbwegs anspruchsvoller Alternativangebote anderer TV-Sender, beinahe schon Tradition am siebten Wochentag.
Der heutige „Fall“ steht kurz vor seiner Auflösung: Die tot geglaubte Zwillingsschwester der Hauptprotagonistin ist es offenbar, die, weil sie ein Kind von ihrem Schwager erwartet, von diesem in Jenseits geschickt werden soll, jedoch überlebt, und sich nunmehr für den Verlust ihres ungeborenen Kindes am Schwager rächen will, indem sie das Neugeborene von diesem und ihrer Zwillingsschwester entführen und selbst aufziehen will.
Meine Gattin schüttelt den Kopf. „Viel zu sehr konstruiert, so etwas gibt es doch gar nicht.“
In einer früheren Lebensphase hätte ich ihr wohl noch beigepflichtet, mittlerweile weiß ich: Das Leben ist wie ein Irrgarten. Seine verzweigten Wege, seine bizarren Verästelungen verwirren uns oft so sehr, dass es ebenso schwierig ist, das Ziel, wie auch den Rückweg zum Ausgang zu finden.
So werden Menschen, die Böses tun, nicht etwa als Übeltäter geboren, sondern durch verhängnisvolle Lebensumstände und fatale Fügungen des Schicksals erst zu ihren Missetaten getrieben.
01
Der Begriff Faschismus steht für die politische Strömung, die der italienische 'Duce', zu Deutsch Führer, Benito Mussolini im Königreich Italien zwischen 1922 und 1943 etabliert.
Die Herrschaftsform entwickelt sich ab 1925 zur Diktatur und gilt im Folgenden als Modell für vielerlei ähnliche antiliberale Bewegungen in verschiedenen Staaten und Regionen Europas, unter anderem auch für den in Deutschland im Jahr 1933 zur Macht gelangten und bis 1945 herrschenden Nationalsozialismus (01).
Als im Frühjahr 1945 der Krieg für Italien zu Ende geht, geht das Morden im Staate weiter. Vor allem im Norden des Landes bricht ein grausamer Rachefeldzug los. Tausende von kommunistischen Partisanen machen sich daran, es den Faschisten in einer Art 'Volkstribunal' heimzuzahlen.
Die Drahtzieher dieser 'Vendetta', die Verantwortlichen dieses Nachkriegsmassakers, werden zwar verurteilt, sie entziehen sich ihrer Strafe jedoch, indem sie mit Hilfe ihrer Partei rechtzeitig fliehen können, größtenteils nach Jugoslawien und in die Tschechoslowakei (02).
Antonio Tardea, überzeugter Faschist und in Kriegszeiten in hohem Rang der Partito Nazionale Fascista, der Nationalen Faschistischen Partei, flüchtet vor den Partisanen nach Deutschland. Nachdem er in den ersten Jahren häufiger seinen Lebensmittelpunkt wechselt, um der Vendetta, der Rache der Partisanen, zu entgehen, wird er schließlich in Köln heimisch.
Antonio Tardea ist in der Vorkriegszeit in Italien ein mächtiger Mann. Seine Familie besitzt ein einflussreiches Industrieimperium und bringt es zu Macht, Ansehen und finanziellem Wohlstand.
All' das muss er nach Kriegsende aufgeben. Nach dem politischen Wechsel macht es seine unbedingte Treue zum Mussolini-Regime für ihn unmöglich, weiterhin im Heimatland zu leben.
In Deutschland muss Antonio Tardea völlig neu anfangen. Er arbeitet fortan als Maler und Lackierer und baut sich so eine neue, kleine Existenz auf. Eine Arbeit, die ihn nicht befriedigt, aber angesichts der Arbeitslosigkeit in großen Teilen Nachkriegseuropas und der Sprachbarriere, er spricht anfangs kaum Deutsch, schon ein gewisses Privileg darstellt. Sein Arbeitgeber Horst Kramer ist deutlich jünger als Tardea, trotzdem verstehen sich die beiden sehr gut.
Als die jüngere Schwester Antonio Tardeas, Amanda, ihren Bruder in der neuen Heimat besucht, lernt sie Horst Kramer kennen und nur kurze Zeit später auch lieben. Die beiden heiraten und schon bald stellt sich Nachwuchs ein. Tochter Antonella wird geboren, zwei Jahre später folgt das zweite Mädchen, das glückliche Paar nennt es Clarissa.
Einige Jahre später verstirbt Antonio Tardea, Amanda und Horst Kramer leben mit ihren Töchtern weiterhin in Köln.
Sie bauen den Kontakt zu der italienischen Verwandtschaft, den Antonio Tardea notgedrungen abbrechen musste, wieder auf und reisen anfangs noch regelmäßig mit ihren Kindern in den Süden zu Amandas Familie. Die Tardeas sind nach wie vor ein mächtiger Familienclan, ein Cousin von Antonio hat zudem Alberta Scirelli, die Tochter des Bankdirektors Gianni Scirelli, geheiratet.
Beide Familienclans zusammen haben eine immense wirtschaftliche Macht, vor allem im Norden Italiens. Hier herrschen zwar durchaus kapitalistische Produktions- und Arbeitsorganisationen vor, feudalistische Eigentums-strukturen sind jedoch keine Seltenheit. Die Familien verfügen über einen Großteil des Grundbesitzes in der Region zwischen der Ostküste der Adria und dem Alpenhauptkamm. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg sind sie maßgeblich beteiligt am modernen Wiederaufbau von Kleinstädten und Handelszentren. Mit der 'ndrangheta', der norditalienischen Mafia, die mit Geldwäsche, Rauschgift- und Waffenhandel sowie Erpressung und Prostitution Reichtümer verdient, haben sie direkt nichts zu tun, Teile des Ehrenkodex mafiöser Strukturen indes beherzigen sie durchaus.
Der Stolz des Clans lässt Schwäche und Versagen nicht zu, Familienmitglieder die nicht 'funktionieren', werden verstoßen.
Von alledem bekommen Horst und Amanda Kramer, geborene Tardea, während ihrer regelmäßigen Urlaube an der Adria kaum etwas mit.
Horst Kramer ist im Familienkreis eher ein Außenseiter, als Maler und Lackierer genießt er nicht das Ansehen, dass dem Ruf der Familien Tardea und Scirelli gerecht wird.
So bleiben die Kontakte der Familie Kramer zur italienischen Verwandtschaft eher oberflächlich, über die Jahre reißen sie beinahe ganz ab. Die Besuche werden weniger, abgesehen von obligatorischen Geburtstags- oder Weihnachtsgrüßen hört man kaum mehr voneinander.
Erst als die Töchter der Kramers beinahe erwachsen sind, intensivieren die Tardeas den Kontakt zu Hans und Amanda wieder, auch, weil die Töchter der beiden mittlerweile im heiratsfähigen Alter sind und dementsprechend Familienzuwachs zu erwarten ist. Trotz der räumlichen Trennung und des über lange Jahre kaum gepflegten Kontaktes ist der Clan der Familien Tardea und Scirelli an den potenziellen bambini interessiert – schließlich fließt Tardea-Blut in den Adern von Antonella und Clarissa Kramer.
02
Als es am 1. März 1941 zum ersten großen Luftangriff auf Köln kommt, ist dies der Beginn für schwerste Zerstörungen, die die Stadt vollkommen verwüsten. Die amerikanischen Truppen, die Köln knapp vier Jahre später betreten, finden eine Ruinenstadt vor, die völlig entvölkert scheint. Der Krieg hat 20.000 Kölner Bürgern den Tod gebracht, die Altstadt ist zu 90 % zerstört, der Neustadt ist es mit rund 80 % an Kriegsschäden nicht weniger schlecht ergangen. Nach dem Ende des Krieges kehren die Menschen langsam in die Stadt zurück, Ende 1945 ist die Bevölkerung trotz der schwierigen Umstände bereits wieder auf 400.000 Menschen angewachsen. Beim anstehenden Wiederaufbau soll sich das Gesicht der Stadt massiv ändern (03).
Die Zeit des Wiederaufbaus ist geprägt von Hunger und der Knappheit von Gütern aller Art. Man ist bemüht, Ordnung wiederherzustellen, Wirtschaft und Infrastruktur aufzubauen. Eine Zeit der Entbehrungen, aber auch der Chancen.
Nach dem Krieg krempeln die Kölner die Ärmel hoch und ordnen die traurigen Überreste ihrer Stadt. Rund um den Dom, der wie durch ein Wunder relativ unversehrt geblieben ist, sind praktisch alle Häuser zerstört. Die Straßen sind verschüttet und teilweise unpassierbar, alle Rheinbrücken sind eingestürzt. Die städtische Infrastruktur, von der Straßenbahn über das Telefon- und Stromnetz bis hin zur Kanalisation, ist größtenteils unbenutzbar geworden.
Am 1. August 1947 wird der Wiederaufbauplan der Öffentlichkeit vorgelegt. Für diese Phase hat sich die Stadt im Wesentlichen drei Ziele gesteckt: Erstens sollen die alten Strukturen wieder aufgenommen und durch einige Verkehrserweiterungsmaßnahmen ergänzt werden. Zweitens soll, wo dies möglich und sinnvoll ist, die historische Bausubstanz gerettet oder aber zumindest rekonstruiert werden.
Und zu guter Letzt soll die Stadt auf lange Sicht „autogerecht“ angelegt werden. Stadtbaumeister Rudolf Schwarz hat die Idee, rund um die Kirchen erneut Wohnviertel hochzuziehen, sodass die Gotteshäuser als Kerne kleiner Stadtteile mit eigenem Charakter erhalten bleiben. Im Übrigen werden die historischen Gebäude der Altstadt möglichst originalgetreu wiederaufgebaut (04).
So sieht das Köln aus, in das Paul Schmitz, reisender Kaufmann aus dem Stadtteil Ehrenfeld, nach Kriegsende zurückkehrt. Im Kampf hat er ein Bein verloren. Nach seiner Genesung bietet die Stadt Köln ihm einen Arbeitsplatz bei der Ausländerbehörde an. Nicht unbedingt das, was er sich für sein Leben vorgestellt hat, aber infolge seiner Behinderung bleibt ihm kaum eine andere Wahl, er nimmt das Angebot an. Paul Schmitz ist verheiratet, Familienzuwachs ist geplant. Ein sicherer Beamtenjob kann da nicht schaden.
Pauls zwei Jahre älterer Bruder Werner kämpft nicht für sein Vaterland. Er teilt am Truppensammelplatz dem Truppenführer kurz vor dem geplanten Abmarsch zum Kriegsschauplatz mit, dass er „nach Hause“ gehe. Das Risiko, infolge seiner Weigerung erschossen zu werden, nimmt er in Kauf. Derart aussichtslos erscheint Werner Schmitz der Einsatz an der Front, zu dem er auserkoren ist.
Werner Schmitz hat Glück: sein Truppenführer lässt Gnade walten und den Abtrünnigen von dannen ziehen.
Im Sommer 1944 erkrankt Werner Schmitz an der Schwindsucht, besser bekannt als Tuberkulose. Als er im November des Jahres aus dem Sanatorium, damals Lungenheilstätte genannt, zurückkehrt, wundert er sich über den großen Menschenauflauf am Ehrenfelder Bahnhof.
Spätestens ab 1942 kann man Köln als das Zentrum der Edelweiß-Gruppen, wie sich die Widerstandskämpfer formell nannten, bezeichnen. In den Gestapo-Akten tauchen mehr als 3000 Namen Kölner Edelweißpiraten auf. Es handelt sich um informelle Gruppen deutscher Jugendlicher mit unangepasstem, teilweise oppositionellem Verhalten im Deutschen Reich von 1939 bis 1945.
Am Bahndamm in Ehrenfeld, direkt an der Unterführung Venloer Straße, werden bereits am 25.10.1944 elf vom NS-Regime zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppte Bürger Polens und der UdSSR ohne Gerichtsurteil öffentlich durch Gestapo und SS gehenkt.
Am 10.11.1944 ereilt dreizehn Deutsche, unter ihnen jugendliche Edelweißpiraten aus Ehrenfeld sowie andere Kämpfer gegen Krieg und Terror, das gleiche Schicksal (05).
Heute erinnern eine Bronzetafel und ein Wandgemälde an die Hinrichtungen. Die parallel zum Bahndamm verlaufende Hüttenstraße heißt in diesem Abschnitt zum Gedenken an einen der Edelweißpiraten heute Bartholomäus-Schink-Straße (06).
Das grausame Prozedere in seinem „Veedel“, dem Stadtteil Kölns, in dem er geboren und aufgewachsen ist, trifft Werner Schmitz, überzeugter und bekennender Pazifist, bis ins Mark. Eine solche Gräueltat hätte er in seiner Heimatstadt, in der doch das Motto „Levve un levve losse“ (Leben und leben lassen) allgegenwärtig ist, nicht für möglich gehalten.
Wochenlang ist er befangen, apathisch, unfähig, wieder am Leben teilzunehmen und sich um seine Zukunft zu kümmern.
Nachdem Adolf Hitler am 30.April 1945 im Berliner Führerbunker Selbstmord begangen hat, ist der Krieg im Mai 1945 endlich beendet.
In Werner Schmitz erwachen langsam, aber sicher die Lebensgeister. Nach Kriegsende tingelt er zunächst als Waschmittel- und Seifenverkäufer durch Köln und schreibt bisweilen Berichte über regionale Fußballspiele, die eine ansässige Tageszeitung in Auftrag gibt. Diese beeindrucken die Zeitungsmacher so sehr, dass Werner Schmitz einige Zeit später als Lokal- und Sportredakteur fest eingestellt wird.
03
Jugoslawien wird nach Kriegsende als sozialistischer und föderaler Staat neu gegründet. Die jugoslawischen Kommunisten errichten 1945 sechs eigenständige Teilrepubliken: Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina.
Wie in allen kommunistischen Ländern, wird das Wirtschaftssystem nach 1945 völlig umgestaltet. Industrie und Banken werden verstaatlicht, der Großgrundbesitz aufgeteilt.
Am 7.April 1963 wird Josip Broz, besser bekannt als Tito, zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt (07). Dem neuen Staatschef gelingt es, seinen Staat vom Einfluss der stalinistischen Sowjetunion zu lösen.
Weil sich Jugoslawien von der Sowjetunion losgesagt hat, erhält das Land auch massive Wirtschaftshilfe des Westens, wobei es gleichzeitig enge Handelsbeziehungen zum RGW, einer internationalen Organisation der sozialistischen Staaten unter Führung der Sowjetunion, unterhält. So scheint das sozialistische Wirtschaftssystem Jugoslawiens zunächst erfolgreich zu sein, die Lebensverhältnisse im Land bessern sich.
Tito glaubt an den "dritten Weg", einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Er revolutioniert die Gesellschaft nach sozialistischem Vorbild, die Landwirtschaft wird kollektiviert, die Industrie verstaatlicht.
Marktwirtschaftliche Ansätze sowie der Tourismus kurbeln die Wirtschaft des Landes an, dank der Reisefreiheit fließen viele Devisen von Gastarbeitern nach Jugoslawien zurück. Jugoslawien ist das Freieste der sozialistischen Länder (08).
Jedoch gelingt es nicht, die südlichen Republiken wirtschaftlich zu entwickeln, hier herrschen weiterhin Arbeitslosigkeit beziehungsweise Unterbeschäftigung vor. Es fehlt an der Infrastruktur und an Investoren, um den wirtschaftlichen Aufschwung in Gang zu setzen. So kommt es, dass Zehntausende Jugoslawen als Gastarbeiter nach Westeuropa gehen (09).
Enver Krupcic lebt mit seiner Frau Vesna in der Nähe von Novisad. Die Kinder Dragica und Davor wohnen noch im Elternhaus, der älteste Sohn Borna nur wenige Kilometer entfernt. Enver betreibt eine kleine Schmiederei, die nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht wird.
Enver Krupcic hat einen Freund in Deutschland, Filip Krastic, der in Köln in einer großen Automobilfirma arbeitet und sich schon ein gutes Stück bis zum Vorarbeiter emporgearbeitet hat. Er verfügt über entsprechende Kontakte und kann Envers Sohn Borna einen Arbeitsplatz in der Fertigung von Automobilen beschaffen.
Familie Krupcic sitzt beim Abendessen.
„Borna, das ist eine große Chance für Dich.“
„Ich weiß, Papa. Aber ich möchte lieber hierbleiben, in meiner Heimat etwas aufbauen und die Familie unterstützen.“
„Und eben das kannst Du am besten, in dem Du nach Deutschland gehst und dort gutes Geld verdienst.“
„Und meine Familie lasse ich hier zurück? Ich habe zwei kleine Kinder und eine Ehefrau, die Unterstützung braucht.“
„Du weißt genau, dass es Deiner Familie an nichts fehlen wird. Wir kümmern uns jeden Tag um sie.“
Bornas Frau Ana ergreift das Wort. „Borna, Dein Vater hat recht. So schwer es uns allen auch fällt, Du solltest gehen.“
„Das sagst Du so einfach?“
„Borna!“, mischt sich sein Vater ein. „Mach' Deiner Frau das Herz nicht unnötig schwer.“
„Sobald Du Dich eingelebt hast, kannst Du Deine Familie nachholen.“
„Ich würde lieber wieder zurückkehren, sobald ich in der Heimat eine Perspektive habe.“
„Wir werden sehen. Also. Darf ich Filip sagen, dass Du kommst?“
„Habe ich eine Wahl?“, fragt Borna mit gesenktem Haupt.
„Du tust das Richtige, glaub' es mir, mein Junge.“
04
Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs wächst im Nachkriegsitalien die Nachfrage nach einer qualifizierten Schul- und Hochschulbildung. Die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Situation breiter Bevölkerungsschichten führt zu einem stärkeren Zustrom zu den höheren Schulen und den Universitäten. Der unter dem Faschismus elitär und ideologisch reduzierte Hochschulzugang wird weitestgehend liberalisiert. Die Ausdehnung der Bildungsnachfrage führte zur Gründung zahlreicher neuer Universitäten. Die Städte profitieren von den neuen Hochschulen kulturell wie wirtschaftlich und sehen in ihnen einen Zugewinn an sozialem und nationalem Prestige (10).
Guiseppe Scirelli, Sohn von Gianni Scirellis Bruder Andrea, studiert economia politica, Volkswirtschaftslehre, an der Universität in Florenz, einer der ältesten Universitäten Italiens, gegründet 1321 (11).
Nach Beendigung seines Studiums gewinnt er Anfang der 60er Jahre innerhalb des Clans immer mehr Einfluss.
Auch, weil er offen Gedanken ausspricht, die viele seiner Verwandten sich nicht auszusprechen trauen, obschon auch sie ähnlich denken.
Der Nationalsozialismus ist in Italien auch 20 Jahre nach Kriegsende durchaus noch gegenwärtig.
Guiseppe Scirelli ist ein Verfechter der Theorie von Charles Darwin. Dieser ging davon aus, dass in der Natur ein ständiger Austauschprozess herrsche. In diesem würden für das Überleben ungünstige Merkmale automatisch eliminiert (12).
Ansichten, die auch Benito Mussolini, Staatsoberhaupt Italiens während des Zweiten Weltkrieges, und sein Bruder im Geiste, der deutsche Diktator Adolf Hitler, ausgiebig propagierten.
Das Gedankengut des „Duce“ und jenes vom „Führer“ - ganz im Sinne des Emporkömmlings im Familienclan.
Guiseppe Scirelli bewundert Adolf Hitler insbesondere für seine Aktion, die den Decknamen „T4“ trägt.
Die Nazis bezeichneten es auch als Euthanasie – eine zynische Entfremdung des Wortes, das eigentlich einen leichten und schönen Tod meint.
T4 steht für die Tiergartenstraße 4 in Berlin. Hier befand sich der Hauptsitz der Aktion. Ihr Leiter war der Chef der "Kanzlei des Führers", Philipp Bouhler.
Gemeinsam mit Ärzten, Pflegern und anderen setzte er die Tötung von mehreren Tausend Kranken und Menschen mit Behinderung um.
In speziellen Kammern erwartete sie der Tod durch Vergasung oder Giftspritze (13).
Rund 200.000 Behinderte fielen im Dritten Reich dem "Euthanasie"-Programm der Nazis zum Opfer. (14)
Hitler sah sich als Beschleuniger des in der Natur ohnehin vorhandenen Ausleseprozesses, in dem sich nur die stärkere Rasse durchsetzen wird.
Ähnlich denkt Guiseppe Sicrelli. Behinderte Menschen sind ihm ein Gräuel, mehrmals stellt er deren Eingliederung in die Gesellschaft öffentlich infrage. Als er zum Kommunalpolitiker aufsteigt, plädiert er für große Behindertenheime, isoliert in ländlichen Gebieten, in denen man geistig oder körperlich behinderte Menschen unterbringen soll.
Gehandicapte Menschen in der eigenen Familie verachtet Guiseppe. Ein entfernter Cousin leidet unter dem Tourette-Syndrom. Darunter versteht man eine neuropsychiatrische Erkrankung, die sich in sogenannten Tics äußert. Tics sind spontane Bewegungen, Laute oder Wortäußerungen, die ohne den Willen des Betroffenen zustande kommen. Vergleichbar ist das mit dem Niesen oder einem Schluckauf. Tics beim Tourette-Syndrom lassen sich nur bedingt kontrollieren (15).
Guiseppe Scirelli setzt alle Hebel in Bewegung, den jungen Mann so schnell wie möglich aus dem Umfeld des Clans zu entfernen. Ein neu errichtetes Pflegeheim in der Nähe von Bergamo hat er als neues Zuhause für seinen Cousin auserkoren und arbeitet daran, ihn schnellstmöglich dort unterzubringen.
05
Anfang der 60er Jahre erkrankt Amanda Kramer an Tuberkulose.
Einer Krankheit, die am häufigten die Lunge befällt und in den 60er Jahren weltweit die tödlichste Infektionskrankheit ist.
Die Beschreibung des Erregers Mycobacterium tuberculosis durch Robert Koch war 1882 ein Meilenstein der Medizingeschichte. Die Tuberkulose wird deshalb auch Morbus Koch genannt (16).
Tuberkulose ist bereits in den 60er Jahren durchaus heilbar. Allerdings bildet sich infolge der Behandlung bei Amanda Kramer Wasser im Gehirn, ihr Zustand ist kritisch.
Clarissas Mutter liegt im St. Elisabeth-Krankenhaus in Köln-Lindenthal, ihr Ehemann Horst besucht sie jeden Tag, auch Clarissa selbst ist beinahe täglich vor Ort.
Eines Nachts wird Clarissa um 01:30 Uhr plötzlich wach. Ohne erkennbaren Anlass sitzt sie plötzlich aufrecht im Bett und weiß nicht, warum. Sie kann sich nicht erinnern, etwas Schlimmes geträumt zu haben, auch sind keine lauten Geräusche vernehmbar, die ein Aufwachen hätten verursachen können.
Clarissa schläft schnell wieder ein und wird gegen 07:00 vom Läuten des Telefons geweckt.
„Hallo?“, spricht sie verschlafen in den Hörer.
„Mit wem spreche ich denn da?“
„Hier spricht Clarissa Kramer.“
„Doktor Wolter am Apparat, St.Elisabeth-Krankenhaus.“
„Ja?“, Clarissa beschleicht eine schlimme Vorahnung.
„Frau Kramer, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Mutter diese Nacht gegen 01:30 verstorben ist.“
Clarissa laufen Tränen über das Gesicht, sie ist kaum fähig, das Gespräch fortzuführen.
„Es tut uns sehr leid, Frau Kramer, aber wir konnten am Ende nichts mehr für sie tun.“
„Um 01:30...“, stammelt Clarissa, mehr zu sich selbst. Ich komme gleich ins Krankenhaus.“
„Ist gut, Frau Kramer. Wollen Sie Ihre Mutter noch einmal sehen?“
„Das weiß ich noch nicht.“
Als sie den Hörer auflegt, spürt Clarissa, wie ihr Vater ihr von hinten die Arme um den Körper legt. Horst Kramer hat das Gespräch mitangehört.
„Amanda ist tot, nicht wahr?“
Clarissa dreht sich zu ihrem Vater um und beide weinen bitterlich.
06
Im ersten Jahrzehnt nach dem letzten Weltkrieg überwindet die Bundesrepublik rasch die anfänglich hohe Arbeitslosigkeit und erreicht Ende der 1950er Jahre bereits Vollbeschäftigung. Neben der rasant wachsenden Wirtschaft tragen der Eintritt geburtenschwacher Jahrgänge in den Arbeitsmarkt, die Verlängerung der Ausbildungszeiten, die Verkürzung der Wochenarbeitszeiten, der Anstieg des durchschnittlichen Renteneintrittsalters und der Aufbau der Bundeswehr zu den Engpässen am Arbeitsmarkt bei. Schließlich stoppt der Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 den Zustrom von Arbeitskräften.
Die Arbeitskräfteknappheit stellt angesichts weiter steigender Nachfrage das größte Hemmnis für eine Ausweitung der Produktion bei stabilen Preisen dar. Aus der Sicht der Arbeitgeber und der Bundesregierung liegt es daher nahe, diesen Bedarf durch ausländische Arbeitnehmer zu füllen, um die Unternehmensgewinne zu erhalten.
Ergo verfolgt die deutsche Bundesregierung Anfang der 60er Jahre die Politik, südeuropäische Arbeiter temporär in die Bundesrepublik zu holen, um die heiß laufende Arbeitsnachfrage in der Bundesrepublik zu kühlen.
Der Nachfrage aus der Bundesrepublik steht ein entsprechendes Angebot südeuropäischer Staaten gegenüber. So geht die Initiative für die Anwerbeabkommen stets von den Anwerbestaaten selbst aus, welche sich dadurch Vorteile versprechen.
Von der Arbeitnehmerentsendung erhofft man sich vielerorts eine Entlastung des eigenen Arbeitsmarktes, eine Kanalisation ohnehin vorhandener Arbeitsmigration, einen Import von Know-how und dringend benötigte Devisen.
Auf deutscher Seite wird die Gastarbeiterpolitik als eine Art Entwicklungshilfe und Beitrag zur europäischen Integration begriffen.
Ein erstes Anwerbeabkommen, welches den Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft lindern soll, wird am 22. Dezember 1955 mit Italien geschlossen. Anfang der 60er Jahre folgen schnell weitere Vereinbarungen mit Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Als Konsequenz dieser Abkommen kommt es zur ersten großen Einwanderungswelle in die noch junge Bundesrepublik.
Die Zuwanderung südeuropäischer Gastarbeiter kommt Anfang der 60er Jahre zunehmend ins Rollen.
Die Zahl der Ausländer in der Bundesrepublik erhöht sich zwischen 1961 und 1967 von 686.000 auf 1,8 Millionen.
Letztendlich stellen die Jugoslawen und schließlich die Türken die größten Kontingente.
Viele der Gastarbeiter, die in den 1960er Jahren in Deutschland kommen, stehen schon am nächsten Tag auf der Baustelle oder am Fließband (17).
Köln spielt bei der Anwerbung von "Gastarbeitern" eine entscheidende Rolle. Neben München ist die Stadt am Rhein der Ort, von wo aus die ankommenden ausländischen Arbeitskräfte mittels sogenannter Sammeltransporte in die ganze Bundesrepublik verteilt werden.
Während die italienischen, griechischen, türkischen und jugoslawischen Arbeiter am Münchener Hauptbahnhof ankommen und durch die dortige Weiterleitungsstelle betreut werden, nimmt man die spanischen und portugiesischen "Gastarbeiter" am Bahnhof Köln-Deutz in Empfang (18).
In der Domstadt selbst herrscht bedingt durch die hohen Verluste im zweiten Weltkrieg und durch die boomende Wirtschaft in den 50er und frühen 60er Jahren zu dieser Zeit ein großer Bedarf, gleichzeitig aber auch ein Mangel an Arbeitskräften. So rekrutiert man die dringend benötigten Mitarbeiter nicht nur aus der Umgebung Kölns, aus entlegenen Regionen wie der Eifel und dem hohen Westerwald, sondern auch aus dem vornehmlich südeuropäischen Ausland (19).
Hauptbahnhof Köln. Borna Krupcic ist nach der langen und anstrengenden Fahrt endlich in der Metropole am Rhein angekommen. Er steigt aus dem völlig überfüllten aus München kommenden Zug aus und schaut sich auf dem Bahnsteig um. Er hat den Freund des Vaters lange nicht gesehen, dieser erkennt ihn jedoch, der umher eilenden Menschenmenge zum Trotz, direkt.
„Borna!“
„Herr Krastic....erst einmal: Danke!“
„Ab heute Filip. Und danken brauchst Du mir nicht, es ist doch selbstverständlich, dass ich Dir helfe.“
„Sehr gern, Filip. Ich möchte Dir trotzdem danken.“
„Du wohnst erst einmal bei mir, bis ein Zimmer für Dich im Betriebswohnheim eingerichtet ist. Schon morgen kannst Du in der Firma anfangen.“
Filip Krastic hat seine Frau und seinen achtjährigen Sohn nachgeholt, die Familie bewohnt eine kleine Zweizimmerwohnung.
Auch wenn die beiden Männer am nächsten Morgen zeitig aufstehen müssen, wird es ein langer Abend in Köln-Merkenich. Schließlich gibt es einiges aus der Heimat zu erzählen, zudem will Borna vieles rund um seine neue Arbeit und das Leben in Deutschland erfahren.
Um 05:00 schellt unbarmherzig der Wecker. Ein kurzes Frühstück und die beiden Männer machen sich auf zur Arbeit.
Mit einem Kapital von nur 28.000 US-Dollar gründet Henry Ford am 16. Juni 1903 in Detroit die Ford Motor Company. Erster Unternehmenssitz in Deutschland ist Berlin. Am 28. Oktober 1929 unterzeichnet der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer den Vertrag über den Bau des Ford-Werkes auf einem 170.000 Quadratmeter großen Gelände in Köln-Niehl, das ursprünglich für eine Jahresproduktion von bis zu 250.000 Fahrzeugen ausgelegt sein soll und dessen Errichtung 12 Millionen Reichsmark kostet. Der Unternehmenssitz wird 1930 von Berlin nach Köln verlegt, wo Henry Ford am 2.Oktober 1930 eigens für die Grundsteinlegung anreist.
Im Jahre 1955 wird Ford eine Aktiengesellschaft.
Ein akuter Arbeitskräftemangel veranlasst die Firma zu Beginn der 1960er Jahre zur Anwerbung von Gastarbeitern.
So ist Köln die erste Stadt Deutschlands, in der ausländische Arbeiter den wirtschaftlichen Aufschwung unterstützen.
Denn als erstes Unternehmen in Deutschland stellt Ford im Rahmen von Anwerbeabkommen bereits im Herbst 1961 Gastarbeiter ein. Während die ersten türkischen Mitarbeiter noch in Übergangswohnheimen wohnten, stellen die Ford-Werke ab 1962 ihren ausländischen Arbeitern neu errichtete und gut eingerichtete Wohnheime zur Verfügung.
Ford beschäftigt in den 60er Jahren neben 14 000 deutschen Lohnempfängern 7000 Ausländer. Ein Bettplatz in den Wohnheimen kostet zehn Mark Wochenmiete, das Mittagessen in der Kantine 60 Pfennig (20).
Borna Krupcic bezieht bereits zehn Tage nach seiner Ankunft ein Zimmer im Ford-Wohnheim. Er lebt sich schnell in Köln ein, verbringt viel Zeit bei den Krastics und findet auch schnell Kontakt zu anderen Gastarbeitern.
Zweimal in der Woche telefoniert Borna mit seiner Familie, was in den 60er Jahren bisweilen noch ein schwieriges Unterfangen ist.
„Zdravo tata. Hallo Papa.“
„Borna, mein Junge! Wie geht es Dir?“
„Ihr fehlt mir natürlich sehr, aber ansonsten geht es mir gut. Ich habe bereits ein eigenes Zimmer und die Arbeit klappt auch immer besser.“.
„Ich wusste, dass Du das schaffst, moj sin.“
„Wie steht es denn um Euch?“
„Die Kleinen vermissen Dich natürlich. Deine Frau auch. Sie bringt die beiden gerade ins Bett. Soll ich Ana an den Hörer holen?“
„Nein, lass' Sie sich in Ruhe um die Kinder kümmern.“
„Willst Du majka noch kurz sprechen.“
„Ja, gern.“
„Mein Sohn, wie schön, von Dir zu hören!“
„Mutter! Ich umarme Dich!“
„Wir sind unheimlich stolz auf Dich, dass Dir der Start so gut gelungen ist.“
„Es wurde mir hier auch sehr leicht gemacht. Hier arbeiten einige Landsleute, wir unterstützen uns alle gegenseitig.“
„So soll es sein, mein Junge. Lass' uns jetzt aufhören, das wird zu teuer für Dich.“
„Ich melde mich in zwei oder drei Tagen wieder bei Euch, Kuss für Ana und die Decki.“
07
Alfredo Bugno fällt erschöpft ins Bett. Endlich Urlaub. Eigentlich wollte er sich einer Wandergruppe anschließen, die in der Umgebung des Monte Amiata, mit 1739 Metern die höchste Erhebung in der Toskana (21), eine fünftägige Tour geplant hat.
Aber seine Nervenerkrankung ist fortgeschritten, und die unkontrollierten Zuckungen und Bewegungen, die er in infolge seines Tourette-Syndroms zunehmend macht, lassen eine längere Wanderreise kaum zu.
Statt dieser hat sich Alfredo vorgenommen, an seinen freien Tagen zwei weitere Ärzte zu konsultieren, die im Ruf stehen, auf dem Gebiet der nervlichen Erkrankungen Spezialisten zu sein. Irgendwie muss es ihm gelingen, der Krankheit Einhalt zu gebieten.
Alfredo hat einen sicheren Arbeitsplatz in der Fertigung des Automobilherstellers Fiat am Lingotto, dem legendären Hauptsitz von Fiat im Süden Turins.
Gegründet wird die Firma Fiat am 11. Juli 1899 von neun Personen. Einer von ihnen ist Giovanni Agnelli senior, der Großvater von Gianni Agnelli, unter dem Fiat in den 60er Jahren zu einer großen europäischen Marke wird (22).
Alfredo ist an der Produktion des Fiat Nuova 500 beteiligt und fest in die zunehmend beschleunigte Fertigung des Automobils eingebunden.
Nehmen die Tics weiter zu, wird er seinen Job kaum weiter zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten ausführen können.
Mario Stroppa, der zu jener Zeit als Fertigungsleiter in Turin arbeitet, ist ein guter Freund der Familie Scirelli.
Er ist entschlossen, solange es eben geht an Alfredo Bugno, dem Cousin von Guiseppe Sicrelli, festzuhalten.
Er denkt daran, ihn demnächst in einen anderen Teil des Produktionsprozesses einzubinden, der eher mit seinen krankheitsbedingten unkontrollierten Bewegungen vereinbar scheint.
Just in den Tagen, an denen sich Alfredo Bugno auf den neuesten Wissensstand bezüglich seiner Erkrankung bringt, erreicht Mario Stroppa ein Anruf von Guiseppe Scirelli:
„Ciao Guiseppe, das ist ja eine schöne Überraschung. Wir haben lange nicht mehr gesprochen“
„Ti saluto! Wie geht es Dir, Mario?“
„Bestens, ich kann nicht klagen. Und Dir und der Familie?“
„Soweit auch tutto bene, alles gut.“
„Wir müssen uns einmal wiedersehen, Guiseppe.“
„Ja, das müssen wir. Warum ich anrufe, Mario...“
„Ja?“
„Es geht um Alfredo. Denkst Du, dass er den Anforderungen in Deinem Betrieb noch gewachsen ist? Ich habe da meine Bedenken.“
„Der Junge legt sich wirklich mächtig ins Zeug. Er scheint mir wild entschlossen, sich hier trotz der Sache zu beweisen.“
„Certo, aber es steht wirklich nicht gut um ihn. Diese Krankheit...Ich weiß nicht, ob man Alfredo einen Gefallen tut, wenn er sich in diesem Zustand noch der Öffentlichkeit zeigt.“
„Was soll das heißen?“
„Es gibt da ein noch recht neues Wohnheim in der Nähe von Bergamo.“
„Und?“
„Ich denke, das ist das Beste für Alfredo. Es gibt dort eine Behindertenwerkstatt und es wird selbst gekocht.“
„Behindertenwerkstatt? Alfredo ist doch nicht behindert!“
„Wie würdest Du das denn nennen, Mario?“
„Ich weiß es nicht, aber...“
„Du siehst doch selbst, wie es immer schlimmer wird mit seinen Anfällen. Wofür ihn weiter auf der Arbeit quälen?“
„Er liebt seine Arbeit. Ich glaube nicht, dass er sich bereits im jetzigen Stadium der Krankheit quält. Man sollte...“
„Mario, wir brauchen das an der Stelle nicht weiter zu diskutieren. Ich habe einen Arzt, der Alfredo die Berufsunfähigkeit attestiert. Es ist bereits ein Platz im Pflegeheim reserviert.“
„Du willst Deinen eigenen Cousin ins Pflegeheim abschieben?“
„Wir haben keine andere Wahl.“
„Das sehe ich anders. Ich habe schon überlegt, ihm eine etwas weniger anspruchsvolle Tätigkeit zu übertragen.“
„Die Famiglia hat entschieden. Nach seinem Urlaub sprichst Du Alfredo die Kündigung aus. Seine Wohnung in Turin habe ich bereits gekündigt.“
Guiseppe Scirelli legt den Hörer auf.
Mario Stroppa sitzt mit offenem Mund in seinem Bürostuhl und ist völlig perplex. Wie kann man einen jungen Mann derart aus dem Leben reißen? Wie kann es den Scirellis dermaßen wichtig sein, Alfredo so schnell wie möglich aus der Öffentlichkeit zu ziehen und ihn in ein abgelegenes Pflegeheim einzuweisen?
Mario Stroppa kann sich keinen Reim auf das gerade Gehörte machen. Das Telefonat mit Guiseppe Scirelli lässt ihn völlig verwirrt zurück und beunruhigt ihn zutiefst,
08
Während Paul Schmitz Ende Anfang der 60er Jahre in der Ausländerbehörde sehr viel mit dem Zuzug von südeuropäischen Gastarbeitern beschäftigt ist, widmet sich sein Bruder Werner bei der Kölnischen Umschau mit Begeisterung dem Aufbau einer Sportredaktion.
Sowohl das Interesse am Breiten- wie am Spitzensport als auch die Auflage der zweitgrößten Kölner Zeitung sind immens gestiegen, so dass Werner Schmitz den Auftrag erhalten hat, zwei Mitarbeiter einzustellen.
In der Mittagspause hat er ein Gespräch mit einem Kandidaten, den er in einer nahegelegenen Gaststätte treffen will. Die Kölnische Umschau ist zentral gelegen, unweit des Hauptbahnhofes und auch in Nähe des größten Wahrzeichens der Stadt am Rhein, des ab 1248 erbauten Kölner Doms.
Werner will sich noch kurz die Beine vertreten und so verlässt er seine Redaktion frühzeitig, um noch ein wenig in der schönen Maisonne herum zu schlendern.
Werner Schmitz ist gebürtiger Kölner. Er liebt diese Stadt, er lebt sie. Nach seinem Aufstieg zum bekannten Lokal- und Sportjournalisten ist er in Köln ein bekannter Mann, fest im gesellschaftlichen Leben Kölns wirklicher und selbst ernannter Größen verankert und über vielfältige Kontakte verfügend.
Was ihm noch fehlt, ist die Frau fürs Leben. Werner Schmitz hat die 40 bereits überschritten, es wird Zeit, eine Familie zu gründen.
Eine halbe Stunde bleibt ihm noch bis zum Termin im „Alt Köln am Dom“, einem stadtbekannten großen Restaurant am Bahnhofsvorplatz.
Gedankenverloren flaniert Werner über den Domvorplatz, als er einer jungen Dame gewahr wird, die, genüsslich an einem Eis schleckend, zwischen den Geschäften am Rande des Platzes hin- und hergeht.
Nur selten um einen guten Spruch verlegen, nähert er sich der auffallend hübschen, offenbar noch blutjungen Frau, behutsam und wartet, bis sie sich von den Geschäften abwendet und seine Richtung einschlägt.
Als sie an ihm vorbeikommt, nimmt er allen Mut zusammen.
„Darf ich vorstellen, zur Linken der Kölner Dom!“
Nicht sonderlich originell, denkt er sich, und hofft, dass sein legerer Spruch dennoch ausreichend ist, um die junge Dame in ein Gespräch zu verwickeln.
„Das ist ja interessant. Arbeiten Sie als Fremdenführer?“
„Nein, ich bin Lokal- und Sportredakteur bei der Kölnischen Umschau, gleich hier um die Ecke, in der Stolkgasse.“
„Ich arbeite auch hier in der Nähe, in der Industrie- und Handelskammer.“
„Dann sind sie auch in der Mittagspause?“
„Ja.“
„Ich würde Sie ja gern auf einen Kaffee einladen, aber ich habe gleich im Alt Köln einen Termin mit einem Bewerber für unsere Redaktion. Vielleicht können wir uns morgen in der Pause treffen?“
„Ich glaube nicht, dass ich im Moment eine gute Gesprächspartnerin bin. Meine Mutter ist kürzlich verstorben.“
„Das tut mir leid, dann werde ich Sie selbstverständlich nicht weiter belästigen. Hier: Meine Visitenkarte. Wenn Sie es sich anders überlegen, wenn Sie Hilfe brauchen oder Ihnen einfach nur nach Reden ist, melden Sie sich einfach.“
Zögernd nimmt Clarissa Kramer die Karte des Unbekannten an und wendet sich von ihm ab.
„Mein Name ist Werner Schmitz.“, ruft der Journalist Clarissa noch nach.
Kurz dreht sie sich noch einmal zu ihm um. „Ich heiße Clarissa.“
Nach der Arbeit Zuhause angekommen, hat Clarissa Kramer die Begegnung am Mittag beinahe schon vergessen.
Die Beerdigung Ihrer Mutter muss geplant werden, zudem gilt es, eine neue Wohnung zu suchen.
Jetzt, nach dem Tode Amandas und dem Auszug der Schwester Antonella, die geheiratet hat, ist die Wohnung in der Meister-Ekkehart-Straße in Köln-Lindenthal für sie und ihren Vater zu groß und vor allem deutlich zu teuer.
Die Wohnungssuche gestaltet sich als schwierig. Die Mietpreise in Köln steigen, „Schnäppchen“ gibt es selten und um an günstige Wohnungen zu kommen, bedarf es oft persönlicher Kontakte zu einflussreichen Menschen in der Stadt.
Clarissa und Hans haben bereits mehrere Wochen erfolglos gesucht, als Clarissa durch Zufall eine Visitenkarte in der Tasche ihrer Sommerjacke entdeckt. Warum ist ihr der Gedanke nicht schon vorher gekommen? Werner Schmitz arbeitet bei der Zeitung, er verfügt bestimmt über entsprechende Kontakte und kann ihr womöglich bei der Wohnungssuche helfen. Ob er sich wohl noch an sie erinnert?
Einen Versuch ist es in jedem Fall wert und so greift sie zum Telefonhörer.
„Guten Tag Herr Schmitz, hier ist Clarissa.“
Werner Schmitz freut sich sehr über den unverhofften Anruf. Hatte er doch schon gar nicht mehr damit gerechnet, von seiner flüchtigen Bekanntschaft vom Domvorplatz jemals wieder zu hören.
„Guten Tag! Das ist ja eine freudige Überraschung.“
„Haben Sie vielleicht heute in der Mittagspause Zeit? Ich habe eine Bitte, vielleicht können Sie mir helfen.“
„Ja, kein Problem. Wo sollen wir uns treffen? 12:30 Uhr beim „Gröters“? Kennen Sie die Gaststätte?“
„Ja.“
„Dann bis gleich.“
„Vielen Dank, Herr Schmitz.“
Werner Schmitz springt auf von seinem Stuhl und klatscht in die Hände. Hatte er doch gar nicht mehr erwartet, von der jungen Dame, die Wochen zuvor seine Aufmerksamkeit erregt hatte, jemals wieder zu hören.
Es ist erst 10:00, dem Sportjournalisten fällt es schwer, sich weiterhin auf die Arbeit zu konzentrieren. Seine Gedanken kreisen bereits um das bevorstehende Treffen mit der schönen Unbekannten.
Bereits um 12:15 betritt Werner das Lokal.
„Hallo Bätes, tu' mir mal ein Kölsch.“
„Werner! Was treibt Dich den schon mittags hier hin, Du kommst doch sonst erst nach Feierabend?“
„Das wirst Du gleich sehen, Junge. Trinkst Du eins mit?“
„Da sage ich selten nein.“
„Dann mach' Dir auch eins.“
„Prost, Werner.“
„Prost, Bätes.“
Pünktlich um 12:30 betritt Clarissa Kramer die Gaststätte Gröters.
„Guten Tag, Herr Schmitz.“
„Guten Tag, Clarissa. Schön, Sie wiederzusehen. Leider kann ich Sie nur beim Vornamen anreden, also tun Sie das doch auch: ich heiße Werner. Lassen Sie uns zum Du übergehen.“
„In Ordnung, Werner.“
„Was möchtest Du trinken?“
„Nur ein Wasser bitte, ich muss ja gleich noch arbeiten.“
„Ein Wasser für die Dame und noch ein Kölsch für mich, Bätes.“
Werner Schmitz ist genauso beeindruckt wie bei der ersten Begegnung auf der Domplatte, irgendetwas an der jungen Frau fasziniert ihn.
„Du siehst sehr südländisch aus. Hast Du Familie in Südeuropa?“
„Meine Mutter ist...meine Mutter war...“, Clarissa stockt die Stimme.
„Brauchest Du ein Taschentuch?“ fragt Werner.
„Nein, es geht schon. Meine Mutter war Italienerin.“
„Das lässt sich nicht verleugnen, die italienische Herkunft steht Dir aber ganz hervorragend.“, umschmeichelt Werner die junge Frau.
„Danke.“
„Nun gut, wie kann ich Dir helfen?“
„Ich suche für meinen Vater und mich eine neue Wohnung. Wir wohnten zu viert, meine Schwester Antonella hat geheiratet und ist bereits ausgezogen, in einer Wohnung in der Meister-Ekkehart-Straße in Lindenthal. Nach dem Tod meiner Mutter suchen mein Vater und ich eine etwas kleinere und vor allen Dingen eine etwas günstigere Wohnung. Und ich dachte, da Sie, Entschuldigung, da Du bei der Zeitung bist...“.
„Ich werde sehen, was ich tun kann. Schon möglich, dass ich Dir da behilflich sein kann.“
„Das ist wirklich sehr nett von Dir.“
„Mache ich gerne. Noch ein Wasser?“
„Nein, ich muss zurück ins Büro.“
„In Ordnung, sehen wir uns wieder?“
„Mir ist noch nicht nach Ausgehen, Werner. Versteh' das bitte nicht falsch, aber...“
„Schon gut, ich verstehe“
„Danke“
„Ich melde mich bei Dir, sobald ich etwas passendes gefunden habe“
„Danke, Werner. Und einen schönen Tag noch.“
Anmutigen Ganges verlässt Clarissa Kramer das Lokal.
„Mein lieber Mann! Die ist aber noch taufrisch, was?!“ kommentiert der Mann hinter dem Tresen das eben Gesehene.
„Bätes, mach' mir noch ein Kölsch.“, entgegnet Werner Schmitz.
09
Bis Anfang der 1970er Jahre wächst die Zahl der nach Deutschland kommenden Gastarbeiter weiter an.
Das Konzept besteht ursprünglich darin, überwiegend junge Männer aus rückständigen Regionen zu rekrutieren und sie befristet zu den vergleichsweise hohen deutschen Löhnen arbeiten zu lassen. Anschließend würden sie als die sprichwörtlichen gemachten Männer in ihre Heimat zurückkehren.
Wenngleich viele nach Ablauf ihres Vertrages heimkehren, nimmt die Zahl derjenigen zu, die bleiben. Sie holen ihre Familien nach Deutschland.
Für einen wachsenden Anteil der Arbeitseinwanderer steht eine kurzfristige Rückkehr in die Heimat nicht mehr auf der Tagesordnung.
Auch und nicht zuletzt, weil die Gastarbeiter in Deutschland überproportional gut verdienen.
Ihre Erwerbsquote liegt daher deutlich über und ihre Arbeitslosenquote unter dem deutschen Durchschnitt.
Mit Bezug auf die Entlohnung ist es für die Gastarbeiter in den 1960ern von Vorteil, dass sie überproportional häufig in Großbetrieben beschäftigt sind, welche üblicherweise höhere Stundenlöhne zahlen als Kleinbetriebe. Das liegt daran, dass die Gastarbeiter vor allem in Branchen wie zum Beispiel der Eisen- und Metallerzeugung, dem Bergbau und der chemischen Industrie beschäftigt sind, welche von Großbetrieben dominiert sind (23).
Auch Borna Krupcic profitiert von den guten Löhnen bei Ford, Monat für Monat kann er einen beträchtlichen Betrag zurücklegen. Was die Zukunft für sich und seine Familie betrifft, kann er es sich mittlerweile durchaus vorstellen, in Deutschland sesshaft zu werden.
Wenngleich die Illusion, eines Tages zurückzukehren, bei ihm, wie bei vielen anderen Gastarbeitern auch, wach bleibt, sucht er bereits nach kurzer Zeit ein Zuhause und zieht schließlich aus der Gastarbeiterbaracke in eine Wohnung nach Köln-Chorweiler.
Nach und nach richtet er sein neues Heim ein und hat dabei immer im Hinterkopf, dass seine Familie bald zu ihm zieht.
Noch bleiben ihm nur die Telefonate nach Jugoslawien.
„Hallo Papa, was gibt es Neues in der Heimat?“
„Hier wird im Moment viel gebaut, Du würdest unser Viertel kaum wiedererkennen.“
„Na, so schlimm wird es wohl nicht sein.“
„Gut, das war vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber es tut sich was in der Heimat.“
„Das muss es auch.“
„Tante Dunja kommt die Tage zu Besuch. Wir haben ihr Dein Zimmer hergerichtet.“
„Ihr habt mich wohl schon vergessen, was?! Das ging aber schnell.“, lacht Borna.
„Aus den Augen, aus dem Sinn...“
„Ja, ja. Ich habe meine Wohnung schon ein wenig eingerichtet und mir einige kleine Möbel gekauft. Zum Teil auch gebrauchte Stücke von einem Kollegen, der nach Jugoslawien zurückgegangen ist.“
„Schön.“
„Trotzdem – Ihr fehlt mir alle so, Papa.“
„Du fehlst uns auch, Junge. Deine Frau schläft schon, soll ich sie wecken?“
„Nein, lass mal. Ich habe gestern kurz mit ihr telefoniert, als Du unterwegs warst.“
„Ja, ich weiß.“
„Ich werde jetzt auch ins Bett gehen, morgen um 04:30 klingelt der Wecker.“
„Ich wünsche Dir eine gute Nacht, mein Sohn.“
„Danke Papa. Laku noc.“
10
Alfredo Bugno sitzt im Speisesaal der Casa di Cura. Zwölf Uhr, Mittagessen. Eine kleine Minestrone, dann Spaghetti all' arrabiata, als Dessert ein Erdbeereis.
Mit dem Essen im Pflegeheim ist er durchaus zufrieden. Auch die Arbeit in der Behindertenwerkstatt macht ihm Spaß.
Mit seiner Tätigkeit bei Fiat zwar nicht zu vergleichen, aber immerhin ist er weiter handwerklich tätig.
Er repariert Fahrräder aus dem Fundus des Heims, wird auch bei Reparaturen im Heimgebäude ab und an miteingebunden und entwickelt sich im Laufe der Monate quasi zum „Hausmeister“ des Heims. Alfredos vielfältige handwerkliche Fähigkeiten werden durchaus geschätzt.
Die Tics, die ihn immer häufiger heimsuchen, fallen hier nicht weiter ins Gewicht, dass er infolge der Zuckungen länger für seine Arbeit braucht, ist in der Werkstatt des Heims egal.
Die Umstände seines Umzugs ins Pflegeheim hat Alfredo Bugno noch keinesfalls überwunden.
Er hat die letzten Monate so erlebt, als wäre ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden.
Seinen Arbeitsplatz bei Fiat hat er verloren. Hatte sein Chef, Mario Stroppa, nach Ausbruch der Erkrankung nicht mehrmals betont, dass er Möglichkeiten sieht, ihn anderweitig in der Firma einzusetzen? Was hat Stroppa wohl zum Umdenken bewegt?
Alfredos Vermieter hat wie aus heiterem Himmel Eigenbedarf angemeldet und ihm die Wohnung gekündigt. Obwohl der Mann mehrere Mehrparteien-Miethäuser besitzt. Sehr ungewöhnlich, denkt sich Alfredo.
Dass Guiseppe Scirellis hinter all' dem steckt, ahnt Alfredo Bugno nicht einmal.
Dieser hat ganze Arbeit geleistet. Als bei seinem Cousin das Tourette-Syndrom diagnostiziert wird, setzt er alle Hebel in Bewegung, den jungen Mann aus dem öffentlichen Leben zu entfernen.
Nachdem er Fiat-Fertigungsleiter Mario Stroppa unmissverständlich klar gemacht hat, dass er seinem Cousin die Kündigung auszusprechen hat, setzt er Alfredos Vermieter unter Druck, indem er ihm damit droht, sämtliche Objekte, die er besitzt, im Hinblick auf Beschädigungen und Sicherheitsrisiken zu kontrollieren.
Beide beugen sich der Macht des Scirelli-Clans und funktionieren so, wie es in Guiseppes perfiden Plan passt.
Alfredo Bugno wird das Ansehen, wird den Ruf der Famiglia nicht beschmutzen.
11
Werner Schmitz nimmt der Aufbau der neuen Sportredaktion sehr in Anspruch. Er führt viele Gespräche, ist sehr akribisch in der Auswahl seiner potenziellen Mitarbeiter.
Trotzdem bleibt die Zeit, sich intensiv um eine Wohnung für seine neue, junge Bekanntschaft und deren Vater zu kümmern.
Er beschränkt sich dabei auf Objekte in den westlichen Stadtteilen Köln – schließlich wohnt er in Ehrenfeld und wer weiß: Vielleicht wird es sich ja irgendwann als praktisch erweisen, dass Clarissa Kramer in einem angrenzenden Stadtteil lebt...
Dank der Kontakte des aufstrebenden Journalisten ist schon bald etwas Passendes für die Kramers gefunden: eine schöne Zweizimmerwohnung in der Piusstrasse in Köln-Lindenthal. Eine Genossenschaftswohnung zwar, die eigentlich nur die Mitglieder der Genossenschaft mit preisgünstigem Wohnraum versorgen soll, aber der kölsche Klüngel ist in den 60er Jahren in der Domstadt allgegenwärtig.
Für alle Nicht-Kölner: Als Kölner Klüngel, Kölscher Klüngel oder einfach Klüngel wird in Köln ein System auf Gegenseitigkeit beruhender Hilfeleistungen und Gefälligkeiten bezeichnet.
"Man kennt sich und man hilft sich." So definierte der ehemalige Bundeskanzler und Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer den kölschen Klüngel (24).
Der Begriff Klüngel ist im Kölner Raum durchaus positiv besetzt, im Sinne von "eine Hand wäscht die andere", über Beziehungen verfügen oder "vernetzt" sein.
Werner Schmitz jedenfalls ist in den 60er Jahren in Köln bestens vernetzt: Ein Anruf bei der richtigen Stelle und er kann Horst und Clarissa Kramer die freudige Nachricht überbringen. Zwei Monate Wartezeit nehmen die Kramers für die günstige wie gemütliche Wohnung gern in Kauf.
Nachdem das Wohnungsproblem gelöst ist, intensivieren Werner und Clarissa ihren Kontakt. Sie treffen sich regelmäßig, er nimmt sie mit auf diverse Sportveranstaltungen, zunehmend wird Clarissa auch Werners Begleitung bei gesellschaftlichen Anlässen.
Werner lebt noch in einem kleinen Appartement in der Lichtstraße, einem alten Arbeiterviertel in Ehrenfeld, im Nebenhaus seines Elternhauses.
Er hat sich nach dem Krieg vornehmlich um seine Karriere als Journalist gekümmert und genießt darüber hinaus nach wie vor die Kochkünste seiner Mutter im Nebenhaus, die ihm auch die Wäsche macht. Als er diese einmal mehr in einem großen Kopfkissenbezug abholt, stellt ihn Mutter Elsa zur Rede.
„Und, hast Du das Mädchen von der Domplatte wiedergesehen?“
„Clarissa? Aber ja doch!“
„Das freut mich. Du wirst auch nicht jünger und so langsam wird es Zeit, dass Du mal mit einer jungen Dame sesshaft wirst. Oder willst Du ewig in dem kleinen Appartement neben Deinen Eltern wohnen bleiben?“
„Wollt ihr mich loswerden?“
„Aber nein, das weißt Du doch. Nur, jetzt, wo Du einen sicheren Arbeitsplatz hast und gutes Geld verdienst, denk' doch auch einmal an Dein Privatleben.“
„Das tue ich, Mama. Und gerade in den letzten Wochen umso mehr.“
„Wegen Clarissa?“
„Sei nicht so neugierig, Mama.“
12
Als Borna Krupcic in Novisad aus dem Zug steigt, staunt er nicht schlecht: Beinahe die gesamte Familie erwartet ihn. Sicher, mit seinen Eltern, seinen Geschwistern und natürlich mit seiner Ana und den zwei Kindern war zu rechnen. Aber dass auch seine Tanten, Onkel Cousins und Cousinen samt ihren Familien nahezu komplett erschienen sind, um ihn zu begrüßen, lässt Borna Krupcic beinahe die Fassung verlieren. Er weint hemmungslos, nimmt einen nach dem anderen in den Arm und hat Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten. „Zahvaliti“, „Danke.“ schluchzt er mehrmals.
Bornas Eltern haben den Hinterhof ihres kleinen Häuschens bunt geschmückt, das Radio spielt heimische Musik, aus der Küche riecht es herrlich nach regionalen Köstlichkeiten.
Nach und nach gesellen sich auch Nachbarn zu der feiernden Familie, es wird ein langer Abend.
„Borna, erzähl' doch mal, wie es Dir so ergangen ist“, ergreift Zlatko, ein guter Freund Bornas, das Wort.
„Wo soll ich anfangen, Zlatko? Es sind so viele neue Erfahrungen, so viele neue Menschen, die ich kennengelernt habe.“
„Und die Arbeit?“, fragt ein Freund der Familie.
„Ich arbeite bei Ford, einem großen Werk in Köln. Jeden Tag bis zu zehn Stunden. Schichtdienst, mal fange ich früh an, mal spät. Ich bin da in der Fertigung beschäftigt, ich montiere Autoteile. Man muss dort sehr schnell arbeiten, das kannte ich bisher nicht. Ich habe mich aber ganz gut daran gewöhnt mittlerweile.“
„Und wie gefällt Dir die Stadt?“, möchte ein anderer Gast der Krupcics wissen.
„Die Stadt...wie soll ich sagen, irgendwie besonders ist sie. Die Leute sind sehr offen und es wird viel gelacht. Man feiert auch viel. Und an Karneval...“
„An was ?!“ fragt Zlatko.
„Karneval. Das ist ein Fest in Köln, einmal im Jahr, meistens im Februar. Da verkleiden sich die Leute und ziehen durch die Straßen, sechs Tage lang!“
„Warum machen die das?“
„Das weiß ich auch nicht, aber die ganze Stadt feiert diesen Karneval sehr ausgiebig, Jahr für Jahr.“
„Und wie hältst Du es ohne Dein geliebtes pivo aus? Ozujsko wirst Du ja in Deutschland kaum bekommen...“
„Wisst Ihr, es ist mir beinahe unangenehm, es so deutlich zu sagen, aber in Köln gibt es ein Bier … dafür lasse ich selbst mein Ozujsko stehen.“
„Nicht Dein Ernst?!“ echauffiert sich Onkel Nenad.
„Es nennt sich Kölsch und man trinkt es aus kleinen Gläsern.“
„Kleine Gläser?“
„Ja, nicht mal die Hälfte von unseren Gläsern.“
„Hahaha, Borna, bestellst Du dann immer drei auf einmal?“, Onkel Nenad gibt keine Ruhe.
„Lacht Ihr nur, Ihr wisst nicht, was Ihr verpasst. Ich bringe nächstes Mal, wenn ich heimkomme, ein paar Flaschen mit, wenn ich mit Filip Krastic im Auto statt mit dem Zug fahre, vielleicht sogar ein „Pittermännchen.“
„Ein was?!“ rufen gleich mehrere Zuhörer aus.
„Ein Pittermännchen. Ein Zehnliterfass Kölsch.“
„Und warum heißt das so?“
„Keine Ahnung. Aber auch das werde ich bestimmt noch erfahren.“
Es ist spät geworden auf dem Hinterhof der Krupcics.
Borna geht in die Küche und hilft seiner Frau beim Aufräumen.
So gut Borna die überraschende Feier anlässlich seiner Rückkehr auch gefallen hat – endlich ist er mit Ana allein.
Er umarmt seine Frau mit Inbrunst, welche dieser ein leises „Aua“ entlockt.
„Wie habe ich das vermisst.“
„Und ich erst.“
„Sobald es den Kleinen zuzumuten ist, kommt ihr nach.“
„Ja, aber lass' sie erst einmal in ihrem gewohnten Umfeld ein bisschen größer werden.“
„Natürlich, das haben wir ja so abgesprochen.“
Borna küsst seine Frau leidenschaftlich und freut sich auf die bevorstehende Nacht im Ehebett.
13
Francesca Tardea, ältere Schwester von Amanda, reist alleine zur Beerdigung Amandas an.
Der Rest der Familie bleibt in Italien – auch aus Trotz. Die Famiglia war wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Amanda in der Heimat ihre letzte Ruhe finden soll, doch Horst Kramer hat sich anders entschieden.
Der Kontakt Francescas zu ihrer Schwester hatte sich über die Jahre zunehmend reduziert. Seit Amanda in Deutschland lebte, telefonierten die beiden höchstens einmal im Monat miteinander, ab und an schrieben sie sich einen längeren Brief.
Dass Francescas Schwester Italien für immer verlassen hat, konnten viele Mitglieder der Familie nicht verstehen.
Der Clan der Scirellis und Tardeas ist wohlhabend, in Norditalien hoch angesehen, man verfügt über Grundbesitz und viele Familienmitglieder arbeiten in bedeutenden Positionen in Politik und Wirtschaft.
Trotzdem hat sich Francescas Schwester Amanda dafür entschieden, ihr Leben an der Seite Ihres Mannes in Köln zu verbringen.
Horst Kramer ist Inhaber eines Malereibetriebes, eines kleinen Familienbetriebes, gegründet von seinem Vater Friedrich. Er ist der einzige männliche Nachkomme Friedrich Kramers und bringt es nicht über das Herz, den Betrieb aufzugeben und seine Heimatstadt zu verlassen.
Der Melaten-Friedhof ist der Zentralfriedhof von Köln. Er liegt im Stadtbezirk Köln-Lindenthal.
Der „hoff to Malatan“, der 1243 erstmals urkundlich erwähnt wird, ist ursprünglich ein Heim für Kranke und Aussätzige, Am 29. Juni 1810 weiht der Dompfarrer Michael Joseph DuMont den Melaten-Friedhof ein. Das erste Begräbnis findet hier am 1. Juli 1810 statt (25).
Francesca Tardea steht nach der Beisetzung noch eine Weile am Grab ihrer Schwester. Sie möchte allein von ihr Abschied nehmen und hat die Einladung Horst Kramers zum obligatorischen Trauerkaffee nach der Beerdigung abgelehnt.
Gesenkten Hauptes betet Francesca für die verstorbene Schwester. Sie muss an gemeinsame Kindheitserinnerungen denken, an die Urlaube am Lago di Garda oder auf dem Bauernhof, an manche Streiterei um Nichtigkeiten, an die ersten Männerbekanntschaften, die beide machten.
Amanda war erst 57 Jahre alt – kein Alter zum Sterben eigentlich.
Behutsam legt Francesa Tardea eine Gerbera, Amandas Lieblingsblume, auf das frische Grab.
„Dio ti benedica. Gott segne Dich“, verabschiedet sich Francesca ein letztes Mal von ihrer Schwester.
14
Werner Schmitz hat die Sportredaktion der Kölnischen Umschau neu strukturiert. Zunehmend etablieren sich in der Nachkriegszeit Fußball- und andere Sportvereine in Köln und Umgebung, das Ausmaß der Sportberichterstattung wächst stetig.
Jetzt, wo die Zeitung neue Mitarbeiter eingestellt hat, hat Werner endlich die Zeit, sich auch um sein Privatleben zu kümmern, und hier vor allen Dingen um seine „Domplattenbekanntschaft“ Clarissa.
Die beiden unternehmen viel zusammen, kommen sich schließlich näher und genießen ihr noch junges Glück.
Clarissa interessiert sich durchaus für Sport, Werner freut es sehr, auf seinen Besuchen von Fußballspielen, Boxkämpfen und anderen Sportereignissen eine attraktive, interessierte und durchaus kompetente Begleiterin präsentieren zu können.
Der beträchtliche Altersunterschied von gut zwanzig Jahren macht beiden nichts aus. Clarissa hat reife Männer schon immer interessant gefunden und Werner fühlt sich lange noch nicht so alt, wie es ihm sein Personalausweis glauben machen will.
Horst Kramer sieht die Beziehung seiner jüngeren Tochter zum Zeitungsmann mit gemischten Gefühlen. Einerseits freut er sich für seine Tochter, andererseits befürchtet er, dass Clarissa mit Werner zusammenziehen könnte. Alleine zu leben kann er sich nach dem Tod seiner Frau Amanda kaum vorstellen. An den Wochenenden sieht Horst Kramer seine Tochter ohnehin kaum noch, weil sie ständig mit ihrem neuen Freund auf Sportveranstaltungen unterwegs ist. Schon dieser Verzicht fällt ihm schwer.
Zumal Horst Kramer auch seine ältere Tochter Antonella kaum noch einmal zu Gesicht bekommt.
Auch diese hat ihr Glück in Köln gefunden.
Antonella Kramer hat stets konkrete Vorstellungen, ihren künftigen Ehemann betreffend, gehabt: Gut betucht sollte er sein, eine repräsentative Stellung in der Gesellschaft innehaben, zu den 'oberen zehntausend' gehören.
In einem Cafe in der Innenstadt trifft sie schließlich eines Tages auf den windigen Vertreter Bernhard. Eigentlich ist der so ganz anders als es Antonella vorschwebt, Ruf und Ansehen sind ihm nicht wichtig. Bernhard ist eher der Typ Lebemann, gibt nichts auf Etiketten, ein bisschen Abenteurer, ein klein wenig Rebell. Nicht unbedingt der Typ Mann, der einem eine sichere Zukunft verspricht. Trotzdem heiratet Antonella Bernhard, den Bedenken ihres Vaters, der nicht allzu viel vom neuen Schwiegersohn hält, zum Trotz.
Bernhard und Antonella ziehen gemeinsam in eine Wohnung am Rathenauplatz, nur gute zwei Kilometer entfernt von der Wohnung ihrer Schwester in Braunsfeld.
Trotz der räumlichen Nähe hält sich der Kontakt der Schwestern in Grenzen. Von Kindesbeinen an stehen sich die beiden nicht sonderlich nah, zu verschieden sind ihre Wesenszüge. Während Antonella sich als gern als „Grand Dame“ präsentiert, viel Wert auf Kleidung, Kosmetika und gesellschaftliche Reputation legt, und gerne hofiert wird, ist Clarissa eher der natürliche Typ Frau, sie liebt die Natur, packt gern im Haushalt mit an, interessiert sich für Sport, liebt Hunde und Pferde und bewegt sich auch selbst viel.
Antonella versucht hin und wieder, den Kontakt der beiden ein wenig zu intensivieren. Ab und an lädt Sie ihre Schwester und deren Mann zu sich nach Hause ein. Nur selten jedoch sagt Clarissa zu.
Sie wird nicht müde, zu betonen, dass ihre Schwester und sie einfach kaum etwas gemeinsam hätten.
Und entgegen Ihrer Empfindungen und Überzeugungen zu handeln, regelmäßigen Kontakt zur Schwester nur zu halten, weil es halt ihre Schwester ist, widerstrebt Clarissa.
So leben beide ihr Leben, ohne viel vom Befinden der jeweils anderen mitzubekommen.
Schon in der elterlichen Wohnung, in der sie knappe zwanzig Jahre gemeinsam lebten, hatten sie sich wenig zu sagen. Jetzt, wo sie beide einen eigenen Haushalt führen, ist es noch weniger.
15
In Jugoslawien wird derweil der nächste Umzug ins „gelobte Land“ vorbereitet. Davor Krupcic, Bruder des sechs Jahre älteren Borna, wird gleichfalls seine Zelte in der Heimat abbrechen und dem Ruf Deutschlands nach Arbeitskräften folgen. Die Produktion im Ford-Werk Köln läuft blendend, Borna Krupcic hat sich durchaus bewährt, sodass Kurt Fröhlich, Produktionsleiter und Chef Bornas, dessen Wunsch, seinen Bruder nach Köln zu holen, nachkommt und Davor Krupcic eine Stelle anbietet.
Davor kann es kaum erwarten, mit seinem Bruder in der großen deutschen Firma zu arbeiten. Er vergöttert Borna, ist dieser doch genau so, wie er gern wäre, aber nicht ist. Groß und stark, ein guter Sportler, selbstbewusst, bei allen beliebt, beruflich erfolgreich.
Davor selbst ist eher schüchtern und zurückhaltend und hat bislang im Leben nicht viel erreicht. Er lebt mit sechsundzwanzig Jahren noch bei den Eltern, hat keine Freundin und vor kurzem den Job verloren.
Lange hat sich Davor geziert, seine Heimat zu verlassen und als Gastarbeiter in Deutschland sein Geld zu verdienen. Jetzt, wo er in der gleichen Firma wie sein Bruder arbeiten und sogar erst einmal bei diesem in der Wohnung leben darf, ist er endlich dazu bereit.
Enver Krupcic hilft seinem Sohn, die Sachen für den Umzug zu packen.
„Davor, willst Du diese Kiste mit den Büchern wirklich mitnehmen?“
„Borna hat einen Keller!“
„Denkst Du wirklich, Du findest die Zeit, zu lesen?“
„Papa...“ „Fühlt sich das für Dich nicht an, als würden wir Dich verlassen, einer nach dem anderen“.
„Ihr tut das Richtige, glaub' es mir. Das ist das Beste für Eure Zukunft.“
„Vielleicht zwei, drei Jahre, Papa, dann kommen Borna und ich zurück.“
„Ich bin mir gar nicht sicher, dass Borna zurückkehren wird.“
„Wie kommst Du darauf?“
„Er will ja Ana und die Kinder nach der Grundschule zu sich holen. Deutschland hat viel zu bieten, gerade auch für junge Menschen. Gut möglich, dass die Kinder und auch Ana am Ende gar nicht zurückwollen.“
„Aber Borna will zurück – bestimmt!
„Er hat einen guten Job bei Ford. Den gibt man nicht so einfach auf.“
„Mag sein. Aber ich – ich komme zurück, Papa. Auf jeden Fall.“
„Warts mal ab. Vielleicht gefällt Dir die Arbeit so gut, Du lernst in Deutschland auch ein Mädchen kennen und willst gar nicht mehr weg.“
„Nein, Papa. Ich komme zurück nach Hause.“
„Die Tür steht Dir jederzeit offen, mein Sohn.“
16
Francesca Tardea fällt nach der Beerdigung ihrer Schwester in ein tiefes Loch. Erst jetzt bemerkt sie, wie sehr sie sich in den letzten Jahren mehr Kontakt zu der Verstorbenen gewünscht hätte, wie viel zwischen beiden letztendlich unausgesprochen blieb.
Erst als sie erfährt, dass Clarissa schwanger ist, hellt sich ihre Stimmung ein wenig auf.
Der Lago di Bolsena ist in den 60er Jahren ein Insiderziel für Italiener.
Hier findet man urige italienische Dörfer, unberührte Natur, und malerische Landschaften am Rande der Toskana.
Francesca Tardea sitzt im Ferienhaus der Familie und strickt. Es ist eine alte Sitte in der Familie, Neugeborene mit selbst gestrickten Kleidungsstücken auf der Erde willkommen zu heißen.
Das Telefon klingelt.
„Ciao, zia preferita.“
„Lieblingstante? Du hast doch nur eine...“, Francesca lacht. „...ciao, Clarissa.“
„Wie geht es Dir und was wachst Du gerade schönes?“
„So langsam geht es wieder, danke. Ich stricke. Die ersten Söckchen sind fertig. Jetzt mache ich mich an ein Schlabberlätzchen.“
„Ach, Francesca, da bist Du aber früh dran.“
„Es gibt ja noch genug andere Sachen, die man erledigen muss, bevor der principe oder die principessa kommt.“
„Du bist lieb, Francesca. Manchmal fehlt Ihr mir doch alle sehr.“
„Du wolltest es ja nicht anders, Clarissa.“
„So einfach war es nicht. Ich konnte ja nicht nur an mich denken.“
„Werner hätte auch hier arbeiten können. Wir haben gute Kontakte, das weißt Du.“
„Ja, sicher. Aber er hat sich hier gerade in der Zeitung etwas aufgebaut. Ich verstehe, dass Werner das nicht aufgeben möchte.“
„Und wenn wir ihm eine Arbeit besorgen, wo er weniger arbeiten müsste, um genau so viel zu verdienen?“
„Auch dann würde er sich für die Zeitung entscheiden.“
„Euch ist nicht zu helfen“, lacht Francesca.
„Ja, so sind „wir-Kölner“, auch Clarissa lacht.
„Wir-Kölner? Fühlst Du Dich etwa schon als Kölnerin?“
„Ein bisschen schon...“.
„Clarissa, Clarissa...“.
„Komm' uns doch mal für eine längere Zeit besuchen, vielleicht willst Du dann auch gar nicht mehr weg.“
„Das mache ich. Wenn das Kind da ist. Versprochen.“
„Ich nehme Dich beim Wort, zia.“
„Nun aber zum Thema: Wie geht es Dir? Wie geht es dem Kind?“
„Zweimal die gleiche Antwort: Benissimo! Bestens!“
„Das freut mich zu hören.“
„Ich passe auch sehr auf mich auf. Viel frische Luft, keine Zigaretten, beim Stammtisch trinke ich nur Wasser.“
„Ich weiß, dass Du das tust, liebes.“
„Du, ich rufe Dich eigentlich an, um Dir zu sagen, dass wir planen, nach der Geburt des Kindes für ein oder zwei Wochen nach Italien zu fahren.“
„Nach Italien? Du meinst, zu uns?“
„Nicht direkt. Natürlich kommen wir Euch auch besuchen. Aber Werner will erst einmal die Toskana kennenlernen: Pisa, Siena, Viareggio. Auch für zwei der drei Tage nach Elba rüber wollen wir.“
„Das kann ich verstehen. Aber danach bleibt Ihr mindestens drei Tage bei uns, darauf bestehe ich! Schließlich muss der Kleine seine Großtante -nennt man das so?-, kennenlernen.“
„Ich werde sehen, ob sich das einrichten lässt...“
„Halt' mich auf dem Laufenden, was die Schwangerschaft betrifft. Ich will jede Kleinigkeit wissen, hörst Du?!“
„Ist in Ordnung, Tante Francesca, das mache ich.“
„Grüß' Antonella von mir. Sie hält ja überhaupt keinen Kontakt mehr zur Famiglia.“
„Ich habe auch kaum Kontakt zu ihr, obwohl sie nur vier Kilometer entfernt wohnt. Wir waren immer schon grundverschieden, das weißt Du.“
„Ja. Da die eitle Antonella...“
„...genau, immer hübsch angezogen, viel Zeug im Gesicht und die Haare toupiert...“, Clarissa lacht.
„Und da die rastlose Clarissa...“
„...,die ihre Zeit am liebsten damit verbrachte, Hunde der Nachbarn auszuführen, Fahrrad zu fahren oder auf dem Bauernhof zu arbeiten.“
„Du ahnst nicht, wie oft mir Deine Mutter von Euren Streitereien erzählt hat, vor allem immer wieder die Geschichte mit dem Kleid.“
„Du meinst, als ich den abgeschlossenen Kleiderschrank meiner Schwester von hinten geöffnet habe, weil sie mir kein Kleid für einen Ball leihen wollte?“
„Genau.“
„Und wo ich das Pech hatte, das ausgerechnet ein Bild von mir anlässlich der Berichterstattung über den Ball in der Zeitung auftauchte? Du meine Güte, was war Antonella sauer!“
„Das kann man in dem Fall auch verstehen, oder?“
„Na ja. Als Revanche hat sie dann mein schönstes Foto mit rotem Lippenstift bemalt und drunter geschrieben: 'meine bildhübsche Schwester Clarissa‘“.
Francesca lacht laut.
„Ihr wart schon zwei...“
„Die sind wir immer noch...“
„Amanda fehlt Euch sehr, was?“
„Ja, gerade jetzt in der Schwangerschaft hätte ich sie gerne bei mir. Auch Vater leidet noch immer sehr unter ihrem Tod. Es ist ja auch erst ein paar Monate her, dass Mama gestorben ist.“
„Das braucht Zeit, mein Kind. Und ganz wird dieses Gefühl des Verlustes wohl nie verschwinden.“
„Nein, das glaube ich auch nicht, Francesca.“
„Grüß Werner von mir, auch Deinen Vater und denk' dran: Deine Tante will jede Kleinigkeit wissen. Sobald es etwas Neues über das Baby zu berichten gibt, bin ich die Erste, die Du anrufst!“
„Zu Befehl, comandante.“
17
Als Clarissa völlig überraschend schwanger wird, muss Werner Schmitz erneut auf Wohnungssuche gehen. Schließlich soll das Kind in geordneten Verhältnissen aufwachsen. So lässt auch der Heiratsantrag an die Dame des Herzens nicht lange auf sich warten.
Werner und Clarissa heiraten in der Kirche St. Mechtern in Ehrenfeld und feiern ihre Hochzeit in der Gaststätte „Bei Josip“, einem jugoslawischen Lokal, im gleichen Stadtteil. Der Besitzer ist ein guter Bekannter Werners, er hat alles für ihn organisiert.
Die Hochzeitsreise fällt aus, schließlich steht für die werdenden Eltern der Umzug an.
Werner schwankt zwischen einem kleinen Reihenhaus in Holweide und einer großzügigen Wohnung in Braunsfeld.
Aufgrund der Nähe zu den Spielstätten der beiden größten Kölner Fußballklubs 1.FC und Fortuna, beide tragen ihre Heimspiele in der 'Kölner Radrennbahn' aus, entscheiden sich die Frischvermählten schließlich für das Objekt in Braunsfeld.
Schon bald beziehen sie die Wohnung in Nähe des Kölner Stadtwaldes.
Alles scheint perfekt für die frisch Vermählten.
Die Schwangerschaft verläuft in den ersten Monaten ohne jedwede Auffälligkeiten, Clarissa geht es blendend, sie ist trotz der Tatsache, dass sie in anderen Umständen ist, in ihrem Tatendrang kaum zu stoppen.
Das tagtägliche Rauchen, sieben Zigaretten am Tag und nicht mehr!, und das geliebte Gläschen Rotwein am Abend sind tabu, trotzdem geht sie weiterhin mit Werner zum montäglichen Nachbarschaftsstammtisch, besucht regelmäßig die Kölner Oper und begleitet Werner zunehmend zu den Sportveranstaltungen, über die ihr Mann berichten muss.
Bei aller Harmonie sind sich Clarissa und Werner nicht einig, was den Namen des neuen Erdenbürgers betrifft.
„Es wird ein Junge. Das weiß ich. Ein strammer Stammhalter, Clarissa.“
„Und wie soll der dann heißen?“
„Mach' mal einen Vorschlag.“
„Also, wenn ich schon mit Dir in Deutschland lebe und Bella Italia aufgegeben habe, dann möchte ich wenigstens den Namen des Kindes bestimmten dürfen. Tomaso! Ja, Tomaso.“
„Aber doch keinen italienischen Vornamen!“
„Die sind doch viel schöner als die Deutschen. Überhaupt: Die italienische Sprache ist doch mit die schönste, die es gibt. Nehmen wir mal ein Beispiel...,genau, Sommersprossen. Was für ein furchtbares Wort! Und auf italienisch: lentiggine...herrlich!“
„Trotzdem. Wir sind eine alteingesessene Kölner Familie. Tomaso, ich weiß nicht.“
„Bitte, Werner. Nur den Vornamen.“
„Ist gut, Kleines. Du sollst Deinen Tomaso haben.“
Werner und Clarissa sind überglücklich, planen schon die Zeit nach der Geburt und richten die Wohnung kindesgemäß ein.
Der Himmel hängt voller Geigen für die beiden – bis Clarissa im fünften Schwangerschaftsmonat eine schwere Infektion erleidet, die sie für gut zwei Wochen ans Bett fesselt.
Es hat sie böse erwischt. Sie kann tagelang kaum Nahrung bei sich behalten, das Fieber will nicht sinken, sie fühlt sich fortwährend ausgelaugt und schwach.
Ganz werdende Mutter gilt ihre Sorge weniger ihrer Gesundheit, sondern den möglichen Schäden, die ihr Baby davontragen könnte.
Clarissa Schmitz hat sich seit Beginn der Schwangerschaft ausgiebig über mögliche Komplikationen während derselben informiert, dass Infektionen schwangerer Frauen ein Risiko für das ungeborene Kind bedeuten, beunruhigt sie doch sehr.
Erst kürzlich hat Clarissa einen Zeitungsbericht gelesen, indem von neuen Untersuchungsmöglichkeiten am ungeborenen Baby mit Ultraschall die Rede war.
1965 / 1966 konstruieren Holmes und Wells einen Kontakt-compound-Scanner, dessen Schallkopf an einem Arm befestigt, und der durch Gelenke frei beweglich ist. Durch eine Mechanik kann die Schnittbildebene versetzt werden (26).
Das Diagnosespektrum, welches die neuen Geräte abdecken, wächst stetig, es scheint sogar möglich, den Entwicklungsstand ungeborener Kinder im Mutterleib mittels Ultraschall überwachen zu können.
Auch in der Kölner Universitätsklinik werden Anfang der 60er die ersten Untersuchungen mit Kontakt-compound-Scannern durchgeführt.
Noch sind die Untersuchungen nicht Gegenstand der ärztlichen Diagnostik im Rahmen des Leistungsangebots deutscher Krankenkassen, möglich jedoch sind sie bereits.
„Ich mache mir immer mehr Sorgen, Werner“, schüttet Clarissa ihrem Frischvermählten ihr Herz aus.
„Um das Kind, meinst Du?“
„Ja. Das war schon eine sehr starke Infektion, nicht, dass dem Kleinen etwas passiert ist.“
„Fühlst Du denn irgendein ungewöhnliches Gefühl im Bauch? Hast Du Schmerzen? Ist Dir schlecht?“
„Nein, überhaupt nicht. Aber trotzdem...“
„Ich glaube, so lange Du Dich gut fühlst, brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen.“
„So einfach geht das aber nicht.“
„Ich weiß, Clarissa. Ich weiß.“
„Werner, Du kennst doch Hinz und Kunz hier in Köln. Es gibt da eine neue Untersuchungsmethode – Ultraschall.“
„Habe ich nichts von gehört, sagt mir nichts.“
„Damit kann man allerlei Sachen im Körper bildlich darstellen, auch ungeborene Babys.“
„Aha.“
„Meinst Du, Du könntest mal nachfragen, ob an der Uniklinik schon so ein Gerät existiert?“
„Ach, Clarissa. Dem Kind geht es gut, glaub es mir. Aber wenn Du möchtest, höre ich mal nach, ob die Uniklinik solche Untersuchungen durchführt.“
„Danke. Du bist ein Schatz!“
Werner Schmitz ist durch seinen Job bei der Zeitung mittlerweile in und um Köln ein bekannter und angesehener Mann, der über vielfältige Kontakte verfügt. Einer der Professoren an der Universitätsklinik ist Mitglied im 1.FC Köln, hat eine Dauerkarte und besucht des Öfteren die Pressekonferenzen nach Heimspielen der „Geißböcke“.
Nach einer schmerzlichen 1:3-Niederlage gegen den 1.FC Kaiserslautern erspäht Werner Schmitz den Mediziner im gut gefüllten Presseraum in den Katakomben des Müngersdorfer Stadions.
„Herr Dr. Freudenberg, schön, Sie zu sehen.“
„Guten Tag, Herr Schmitz, freut mich auch, Sie zu sehen. Das war ja wenig, was heute auf dem Platz bei unserer Mannschaft zusammenlief.“
„Das stimmt. Vorne zu harmlos und hinten ungewohnt anfällig. Die haben den 7er von Lautern nie in den Griff bekommen.“
„Der Neumann. Mal Weltklasse, mal Kreisklasse. Heute leider eher das Erste.“
„Ja, der war sehr stark. Und hinten noch der Haudegen Schwager.“
„Es kommen auch wieder bessere Spiele, Herr Dr. Freudenberg.“
„Hoffentlich schon nächste Woche – da geht’s gegen die Zebras aus Duisburg, die sind gut in Form im Moment.“
„Das wird schon. Herr Dr. Freudenberg, darf ich Sie noch in einer persönlichen Angelegenheit ansprechen?“
„Aber gern doch, Herr Schmitz.“
„Meine Frau ist im fünften Monat schwanger.“
„Herzlichen Glückwunsch!“
„Danke. Sie hatte vor Kurzem eine richtig schwere Infektion und macht sich Sorgen um das ungeborene Kind.
„Ich verstehe. Wie kann ich Ihnen da helfen?“
„Clarissa hat etwas gelesen über Ultraschallgeräte, die Bilder vom Kind im Mutterleib machen können.“
„Kontakt-compound-scanner, ja.“
„Haben Sie an der Uniklinik bereits ein solches Gerät?“
„Wir experimentieren damit. Wir analysieren gerade, für welche Einsatzgebiete diese Scanner infrage kommen.“
„Wäre es möglich, meine Frau damit zu untersuchen?“.
„Sie meinen, um die Bilder des Ungeborenen hinsichtlich möglicher Fehlentwicklungen zu interpretieren?“
„Ja.“
„Nun, gewisse Fehlbildungen könnte man wahrscheinlich erkennen. Eine genaue Diagnose jedoch wird durch diese Bilder kaum möglich sein.“
„Es ist also möglich?“
„So würde ich es nicht ausdrücken. Es könnte möglich sein. Die Gewissheit, etwas zu erkennen, so denn eine Fehlentwicklung vorliegt, gibt es nicht.“
„Darf ich meine Frau trotzdem vorbeibringen?“
„Also, diese Untersuchungen werden noch nicht im Rahmen der kassenärztlichen Versorgung durchgeführt, sondern sind bislang rein experimentell.“
„Herr Dr. Freudenberg, meine Frau leidet sehr unter den Sorgen, die sie sich macht. Ich habe große Angst, dass diese Sorge sie und auch das Baby krank macht.“
„Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann, Herr Schmitz. Aber versprechen Sie sich nicht zu viel.“
„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“
„Man hilft sich, wo man kann in Köln. Das wissen Sie doch besser als ich, der ich ja nur ein „Zugereister“ bin.“
„Danke.“
„Ich melde mich die Tage bei Ihnen.“
18
Am Kölner Hauptbahnhof wimmelt es einmal mehr nur so von Menschen.
Borna Krupcic steht an Gleis 4 und erwartet seinen Bruder Davor. Er hat ein Zimmer seiner Zweizimmerwohnung in Chorweiler geräumt. Hier soll sein Bruder zunächst wohnen.
Borna weiß, dass Davor ein anderer Typ Mensch ist als er selbst. Er ist sich nicht sicher, ob er sich in Deutschland wohlfühlen wird.
Davor ist sensibel, oft in sich zurückgezogen und hat Probleme, offen auf Menschen zuzugehen. Ob das große Ford-Werk für ihn der richtige Arbeitsplatz ist, muss sich erst erweisen.
Der Zug aus München rollt ein. Davor musste dreimal umsteigen, war insgesamt gut siebzehn Stunden unterwegs. Borna weiß aus eigener Erfahrung, wie kräftezehrend die Anreise aus Jugoslawien in den 60er Jahren noch ist.
Die Passagiere verlassen den Zug, Borna versucht, seinen Bruder zu erspähen.
„Borna!“, hört er auf einmal einen Schrei. Borna Krupcic dreht sich um und schon fliegt ihm sein Bruder in die Arme.
„Borna!“, Davor schluchzt, Tränen laufen ihm über das Gesicht.
„Mein kleiner Bruder ist bei mir in Köln. Ich kann es kaum glauben.“
„Ich auch nicht, Borna.“
„Wie war die Fahrt?“
„Reden wir nicht drüber...vor allen Dingen die langen Wartezeiten an verschiedenen Haltestellen und an den Bahnhöfen beim Umsteigen. Es ist schon eine einzige Strapaze.“
„Ich weiß, kleiner Bruder, ich weiß. Aber jetzt bist Du ja hier.“
„Hauptsache, ich bin bei Dir. Alles andere wird sich ergeben.“
„Du brauchst sicher eine kleine Stärkung. Gib mir einen Deiner Koffer, wir gehen in ein Wirtshaus.“
„Jetzt direkt? Sollen wir nicht erst einmal in die Wohnung?“
„Die ist ein gutes Stück entfernt, da müssen wir noch einmal mit der Bahn fahren.“
„Überredet – davor brauche ich dann wahrscheinlich wirklich eine kleine Stärkung.“
„Richtig, Kleiner. Es gibt ein großes Brauhaus ganz in der Nähe vom Bahnhof. Lass uns dahin gehen.“
„Du bist der „Kölner“, nicht ich, Borna.“
„So ist es, also los.“
Köln ist wohl die deutsche Stadt mit den meisten Biersorten und Brauhäusern überhaupt. Jede Kölsch-Sorte hat ihren eigenen, individuellen Geschmack und natürlich ein eigenes Brauhaus. "Drink doch ene mit" ist eine der Redensarten der Kölner, die sie so sympathisch machen.
Die Gaststätte „Früh“ ist nicht nur durch ihre Nähe zum Kölner Dom sehr beliebt, sondern auch, weil sich die Brauerei bemüht, alte Kölner Brauhaustraditionen zu erhalten. Hier herrscht stets eine ursprüngliche Brauhausatmosphäre, der Fassausschank durch Zappes, die Bedienung durch Köbesse, das Anbieten typisch kölscher Gerichte – all' das hat in den mittelalterlichen Gewölben Tradition (27).
Nach nur fünf Minuten Fußweg erreichen die Brüder Krupcic das Gasthaus.
„Unfassbar. Wie viele Leute sind denn da drin?“, staunt Davor.
„In Köln sind die Brauhäuser immer voll. Das Bier wird direkt hier vor Ort gebraut.“
„Wirklich? Na ja, groß genug, um sich das vorstellen zu können, ist es ja hier.“
„...und trotzdem bekommt man nicht immer einen Platz, wie Du siehst.“
„Da vorne! Da stehen doch zwei Leute auf, Borna.“
„Dann mach' schnell.“
Borna und Davor haben einen kleinen Tisch in einer Ecke des Lokals erspäht, den sie schnell besetzen.
Sie haben kaum Platz genommen, da erscheint auch schon ein Köbes.
„Ihr seht durstig aus, Jungs. Hier habt ihr schon mal zwei und ich bin gleich wieder bei Euch.“
„Wie sieht denn der aus?“ wundert sich Davor beim Anblick des Köbes.
„Das ist ein „Köbes.“
„Ein was?!“.
„Ein Köbes. Die sind für die Versorgung der Gäste hier zuständig.“
Ein Gast am Nebentisch mischt sich ein:
„Köbes ist die kölsche Form von Jakob. Als Köbes wird seit etwa dem 19. Jahrhundert ein Mitarbeiter der Gastronomie bezeichnet, der in Brauhäusern in Köln Bier serviert. Traditionell trägt er stets eine blaue Schürze aus Leinen mit einer ledernen umgeschnallten Geldtasche. In einem Kranz bringt er das Kölsch zum Tisch. In Köln bestellt man kein Kölsch in einem Brauhaus, man bekommt es zugeteilt. Wenn ein Bierglas leer ist, stellt der Köbes ohne Bestellung ein neues Glas hin, es sei denn, der Gast legt einen Bierdeckel auf das Glas oder signalisiert, dass er zahlen will.“ (28).
„Köbes...aha“, Davor schüttelt den Kopf.
„Laufen hier noch mehr Menschen so komisch rum?“
„Wenn Du den Köbes schon „komisch“ findest, warte mal den Karneval ab...“
„Ich bin schon gespannt, Borna.“
Die beiden Männer stoßen noch einmal an.
„Willkommen in Köln, Davor.“
19
Während viele andere Universitätsgründungen im spätmittelalterlichen Deutschland ihre Entstehung der Initiative bedeutender geistlicher und weltlicher Regenten verdanken, sind es in Köln die Bürger, die die Hochschule errichten. Genauer: Der Rat der Freien Reichsstadt Köln, die auch die Kosten für den Lehrbetrieb übernimmt und sich durch die Universität umfangreiche Vorteile für die Belebung der Stadt erhofft.
So ist die Kölner Universität eine Stadt-Universität im doppelten Sinne: von den Bürgern der Stadt Köln gegründet und als Campus-Universität mitten im Stadtgebiet gelegen (
(29).
Sie wird am 21. Mai 1388 als vierte Universität im spätmittelalterlichen Deutschen Reich nach der Karls-Universität Prag(1348), der Universität Wien (1365) und der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg (1386) gegründet.
Am 28. April 1798 wird die Universität von den 1794 in Köln eingerückten Franzosen geschlossen. Erst 1919 wird die städtische Universität neu gegründet (30).
Clarissa und Werner Schmitz stehen vor dem großen Eingangsportal der medizinischen Fakultät. Es ist Sonntag, die Universitätsklinik hält heute eigentlich ihre Pforten geschlossen.
Bereits wenige Tage nach dem Gespräch im Müngersdorfer Stadion hat Werner einen Anruf von Dr. Freudenberg erhalten.
Im Köln der 60er Jahre hilft man sich, wo man nur kann. Beziehungen zu einflussreichen Personen sind wichtig, der „Kölsche Klüngel“ ist allgegenwärtig.
Und so hat sich Dr. Freudenberg entschieden, an jenem Sonntag unbemerkt von seinen Mitarbeitern und Kollegen eine Ultraschalldiagnostik bei Clarissa Schmitz durchzuführen.
„Ich kann Ihnen gar nicht genug danken, Doktor“ begrüßt Werder Schmitz seinen Bekannten.
„Nicht der Rede wert. Mein größter Dank wäre, wenn die Bilder nichts Auffälliges erkennen ließen und das Baby gesund zur Welt kommt“.
Clarissa senkt den Kopf und fängt an zu weinen.
„Frau Schmitz, das wird schon. Auch eine schwere Infektion ist nicht direkt gleichbedeutend mit einer Fehlentwicklung beim ungeborenen Kind.“
„Danke, Herr Doktor. Danke, ich weiß.“
„Ich mache mich dann daran, den Diasonographen vorzubereiten. Vorher koche ich uns aber erst einmal einen leckeren Kaffee. Import aus Kuba, da kommt man nicht so einfach dran, etwas ganz Besonderes.“
„Stimmt, Dr. Freudenberg's Leidenschaft ist ja der Kaffee“, fällt Werner ein.
„Das ist ja interessant. Ich trinke auch leidenschaftlich gern Kaffee, bin aber bei Weitem kein Kenner, wie Sie einer sind“, fügt Clarissa hinzu.
„Bin gleich wieder da.“ Dr. Freudenberg verschwindet in der kleinen Küche der medizinischen Fakultät.
„Ich bin so aufgeregt, Werner.“
„Das wird schon.“
„Was, wenn Dr. Freudenberg doch etwas findet?“
„Das wird er nicht.“
„Und wenn doch?“
„Damit möchte ich mich gar nicht erst befassen, Clarissa.“
Aromatischer Duft strömt aus der Küche, als Dr. Freudenberg mit einer wunderschönen Kaffeekanne aus Porzellan zurückkommt.
„Da haben Sie aber eine bezaubernde Kaffeekanne. Die ist bestimmt sehr alt“, mutmaßt Clarissa.
„Ja, um 1850. Meine Leidenschaft beschränkt sich nicht nur auf die Bohnen...“
„Ein schönes Hobby haben Sie da.“
„Ich würde Sie dann bitten, hier zu warten, während ich die Apparaturen vorbereite. Genießen Sie Ihren Kaffee.“
„Das fällt bei dem Geschmack nicht schwer“, sagt Clarissa begeistert.
Beim Genuss des edlen Getränks vergessen Clarissa und Werner beinahe den Anlass ihres Besuches und plaudern über dieses und jenes, bis sie Dr. Freudenberg in die Realität zurückholt.
„Ich wäre dann soweit. Kommen Sie herein.“
Das Ehepaar Schmitz betritt den Untersuchungsraum.
„Ich möchte noch betonen, dass diese Untersuchungsmethode sich noch in der Entwicklungsphase befindet. Darum wird sie auch noch nicht an Patienten durchgeführt. Fehldiagnosen sind nicht ausgeschlossen. Bedenken Sie das bitte, bei allem, was ich sage.“
„Das wissen wir“, entgegnet Werner.
„Sie, Frau Schmitz, legen sich dann bitte hier auf die Liege. Werner, Sie nehmen hier auf dem Stuhl Platz. Dann können sie die Untersuchung auf dem Bildschirm mitverfolgen.“
„Ich fange dann an, Frau Schmitz, haben Sie keine Angst, die Untersuchung ist absolut schmerzfrei. Ich führe lediglich diesen Scanner über ihren Körper.“
„Ich habe keine Angst, Doktor.“
„Gut.“
Dr. Freudenberg beginnt mit der Untersuchung.
„Schauen wir uns zunächst die Wirbelsäule an.“
Clarissa schließt die Augen und betet im Stillen.
„Eine spina bifida, einen offenen Rücken, kann ich nahezu ausschließen. Ich kann keinen Spaltwirbel erkennen. Ich schaue zur Sicherheit am besten noch einmal. Nein, da ist nichts zu sehen. Keine Fehlbildungen an der Wirbelsäule.“
„Gott sei Dank“, Clarissa laufen Tränen über das Gesicht.
„Dann schauen wir uns jetzt einmal den Kopf des Kindes an.“
„Ist gut.“
„Keine Anenzephalie, am Grosshirn nichts auffälliges“
Clarissa schluchzt.
„Allerdings scheint mir der Kopf etwas zu groß geraten. Das muss aber noch nichts heißen.“
„Was meinen Sie konkret, Doktor?“, will Werner wissen.
„Es könnte, ich betone, KÖNNTE, sein, dass ein Hydrozephalus vorliegt, dass sich also etwas Wasser im Gehirn befindet.“
„Oh Gott“, Clarissa weint hemmungslos.
„Frau Schmitz, das ist nur ein vager Verdacht. Das Kind kann auch einfach einen etwas vergrößerten Kopf haben, ohne dass ein Hydrozephalus vorliegt.“
„Trotzdem...“
„Außerdem gibt es bei dieser Entwicklungsstörung auch weniger schwere Fälle, in denen sich das Kind völlig normal entwickeln kann.“
„Kann – entwickeln KANN“, wispert Clarissa kaum hörbar.
„Machen Sie sich erst einmal keine Gedanken – wie gesagt: der Hydrozephalus ist noch lange nicht diagnostiziert.“
„Vielen Dank, Herr Dr. Freudenberg“,, sagt Werner Schmitz gesenkten Hauptes.
„Ich lasse Ihnen zwei Karten für das Heimspiel gegen Gladbach zukommen.“
„Danke – aber das brauchen Sie nicht.“
„Ist doch ausverkauft. Haben Sie denn schon Karten?“
„Nein.“
„Ich lasse Sie Ihnen in den nächsten Tagen vorbeibringen.“
„Vielen Dank, Herr Schmitz. Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen.“
„Dass Du jetzt noch an Fußball denken kannst.“
Clarissa schüttelt den Kopf, als sie mit ihrem Gatten die Universitätsklinik verlässt.
20
Clarissa Schmitz fällt trotz der aufmunternden Worte Dr. Freudenbergs in ein tiefes Tal der Tränen nach dem sonntäglichen Besuch in der Universitätsklinik von Köln.
Die Sorge um ihr ungeborenes Kind bringt sie fast um.
Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass sie mit keinem Menschen über die mögliche Entwicklungsstörung ihres Kindes sprechen kann, darf doch niemand von der sonntäglichen Untersuchung wissen, die Dr. Freudenberg durchgeführt hat.
Aber Clarissa muss irgendjemandem ihr Herz ausschütten.
Ihrem Vater kann sie nichts sagen, er würde womöglich Dr. Freudenberg kontaktieren, um aus erster Hand zu erfahren, wie es um das ungeborene Kind steht.
Der Rest der Familie wohnt mehr als tausend Kilometer entfernt, unwahrscheinlich, dass es ein Risiko birgt, Tante Francesca von der Untersuchung und dem Verdacht Dr. Freudenbergs zu berichten. So ruft Clarissa ihre Tante an.
„Ciao zia Francesca.“
„Clarissa! Sono contento, ich freue mich, von Dir zu hören!“
„Wie geht es der Familie?“
„Uns geht es allen gut. Viel wichtiger ist aber, wie es Dir geht.“
„Mir geht es gut, aber....“
„Aber? Um Gottes willen, ist irgendetwas mit dem Kind?“
„Wir wissen es nicht … vielleicht.“
„Was soll das heißen?“
„Es besteht die Möglichkeit, dass das Kind behindert zur Welt kommt.“
„Oh nein“, Francesca fängt laut an zu weinen, „Oh nein.“
Auch Clarissa am anderen Ende der Leitung kann ihre Tränen nicht zurückhalten. Minutenlang weinen beide Frauen ins Telefon.
„Was ist passiert?“, Francesca fängt sich als Erste wieder.
„Ich hatte eine schwere Infektion.“
„Dio mio!“
„Ein Bekannter von Werner arbeitet in der Universitätsklinik. Er hat am Sonntag extra für uns die Klinik geöffnet und eine Ultraschalluntersuchung von dem Baby gemacht. Dabei hat er Auffälligkeiten am Kopf des Kindes entdeckt, die auf Wasser im Gehirn hindeuten können.“
„Das darf nicht wahr sein.“
„Nein, darf es nicht. Wir können nur hoffen, dass er irgendetwas anderes gesehen hat oder dass er sich täuscht.“
„Gibt es denn keinen Spezialisten, den ihr aufsuchen könnt?“
„Nein, die Universitätsklinik ist führend in der Medizintechnik. Wer sonst sollte da helfen können?“
„Ich weiß es nicht, Clarissa. Ich weiß es nicht.“
„Tante Francesca, ich lege jetzt auf. Werner kommt gleich, ich muss ihm schnell was kochen.“
„Ist gut, Kleines, und bitte halt' mich auf dem Laufenden, ja?“
„Selbstverständlich. Gruß an die Familie.“
Francesca Tardea sinkt in Ihrem Sessel zusammen. Gedankenversunken bekommt sie kaum mit, dass kurz darauf das Telefon läutet.
„Si.“
„Ciao Francesca, hier ist Guiseppe. Ich rufe nur kurz an wegen der Sammelbestellung: Wie viele Liter Olivenöl brauchst Du? Und soll ich Dir frische Artischocken mitbestellen?“
„Ein Fünfliter-Fässchen bitte. Artischocken bekomme ich vom Bauern hier vor Ort.“
„Hast Du irgendwas? Du hörst Dich so abwesend an.“
„Ach, Guiseppe. Ich hatte gerade einen Anruf. Clarissa aus Deutschland. Es gibt Probleme mit dem Kind.“
„Probleme?“
„Möglicherweise kommt es behindert zur Welt.“
„Was? Das ist ja furchtbar.“
„Ja, das ist es.“
„Was fehlt dem Kleinen denn?“
„Das habe ich nicht genau verstanden, Guiseppe. Ich war so aufgeregt“
„Das kann ich verstehen.“
„Irgendetwas mit dem Kopf stimmt nicht.“
„Dio mio!“
„Kann man denn da gar nichts tun?“
„Ich weiß es nicht, Francesca. Aber ich werde mich erkundigen.“
„Danke, Guiseppe. Wir haben uns doch alle so auf das bambino gefreut.“
„Ja, Francesca. Lass' uns alle für Clarissa und das Kind beten. Vielleicht wird noch alles gut.“
„Vielleicht, ja.“
„Ich muss jetzt los, ich habe noch einen Termin. Ich werde den Rest der Familie informieren und sehen, was ich tun kann, Francesca.“
„Was willst Du denn da tun? Wie kann die Famiglia Clarissa helfen?“
„Ich weiß es noch nicht. Aber ich lasse mir etwas einfallen.“
21
Davor Krupcic lernt schnell. Obgleich er sowohl äußerlich als auch vom Naturell her so anders als Borna ist, in der Fabrik macht er sich beinahe so gut wie sein Bruder.
Davor wird zunächst im gleichen Segment der Fertigung, in dem auch Borna tätig ist, eingesetzt, da dort ein Kollege längerfristig erkrankt ist.
Er hat den Ehrgeiz, seinem großen Bruder, den er mehr verehrt noch als seinen Vater, keine Schande zu bereiten, seinem Ruf in der Firma nicht zu schaden.
Zudem möchte er, dass seine Familie stolz auf ihn ist, er hat das Fest noch gut in Erinnerung, welches Borna anlässlich seines ersten Besuchs in der Heimat bereitet wurde.
Nach Feierabend ist er meist völlig erschöpft. Während Borna ab und an mit Kollegen ausgeht oder Sport treibt, bleibt Davor in der Wohnung in Chorweiler, hört Radio oder liest. Bald soll zudem ein Fernseher angeschafft werden.
An den Wochenenden unternehmen die Brüder meist gemeinsam etwas, regelmäßig besuchen sie zwei Lokale in Köln, die von Landsleuten betrieben werden. Im „Hrvatski Jadran“ in Nippes und „Bei Josip“ in Ehrenfeld fühlt es sich fast so an wie zu Hause.
Bei heimischer Musik, in der Gesellschaft von Landsleuten und bei Pljeskavica und Slivovica kommt Heimweh gar nicht erst auf.
„Ich hätte nicht gedacht, dass Du das hier packst, kleiner Bruder.“
„Und Du weißt nicht, wie schwer es mir manchmal fällt.“
„Meinst Du die Arbeit?“
„Daran habe ich mich gewöhnt, es fängt sogar an, mir richtig Spaß zu machen.“
„Aber?“
„Die Heimat, Borna. Mir fehlt die Familie, mir fehlen Freunde. Wir sind doch ziemlich allein hier, haben nur uns, die Kollegen und...“.
„...und den guten Josip, Davor. Bitte noch zwei Slivovica zum Kölsch.“
„Ja, Du hast gut reden. Dir macht das alles nichts aus.“
„Meinst Du etwa, dass ich Ana und die Kleinen nicht vermisse? Doch, Davor, dass tue ich, und zwar jeden Tag!“
„Du hast wenigstens jemanden, der in der Heimat auf Dich wartet.“
„Dort wartet man genauso auf Dich, Davor. Und jetzt ist Schluss mit der Melancholie.“
„Na zdravje, großer Bruder.“
„So ist es Recht. Na zdravje, Kleiner.“
22
Die Jägerstube in Köln-Braunsfeld ist gut gefüllt. Wie jeden Donnerstag, wenn es Reibekuchen gibt.
Woanders nennt man die in Köln so beliebten „Rievkooche“ Reiberdatschi, Kartoffelplätzchen oder schlicht Kartoffelpuffer. Der Kölner meint allerdings mal wieder, er hätte sie erfunden. Ein Teig aus Kartoffeln, Zwiebeln, Eiern und Haferflocken, im heißen Öl knusprig gebacken, serviert mit Schwarzbrot, Rübenkraut oder Apfelmus ist für den Kölschen das ideale Essen am fleischlosen Freitag. Oder als fettige Basis für einen Abend mit viel Kölsch. Oder eigentlich immer, wenn der Hunger kommt. Hauptsache heiß und direkt aus der Pfanne auf den Teller.
So einfach die Zubereitung auch ist, so ungern brät man in Köln seine Rievkooche in den eigenen vier Wänden. Grund: Der Duft hält sich tagelang. Deshalb isst der Kölsche seine Rievkooche gerne außer Haus, am liebsten donnerstags oder freitags.
Werner und Paul Schmitz haben den letzten Tisch ergattert. Nachdem seine Frau Clarissa sich bei ihrer Tante Francesca den Kummer von der Seele geredet hat, tut Werner dasselbe nun bei seinem Bruder.
„Weißt Du noch, der Günter Maubach? Der hat sich umgebracht wegen so einer Geschichte. “
„Du meinst, wegen dem Kind, das seine Frau verloren hat?“
„Ja. Zunächst hieß es, sein Sohn käme womöglich behindert zur Welt, dann kam er als Totgeburt.“
„Aber das ist viele Jahre her, Werner. Seitdem hat sich so viel getan in der Medizin. Diese Untersuchung, die ihr da gemacht habt, die gab es damals doch noch gar nicht. Und neue Medikamente gibt es bestimmt auch.“
„Kann schon sein, Paul. Aber ich habe trotzdem eine furchtbare Angst. Auch um Clarissa. Sie hat sich sehr verändert seit dem Besuch bei Dr. Freudenberg.“
„Wie meinst Du das?“
„Sie ist nicht einfach nur traurig, sie macht sich nicht einfach nur Sorgen. Ich kann das schwer beschreiben. Machst Du uns noch zwei Kölsch, Kurt?“
„Das ist doch klar, dass Clarissa die Ungewissheit schwer belastet. Bedenk' auch, wie jung sie noch ist. Da kommen ja unsere Rievkooche.“
„Man kommt kaum mehr an sie ran. Sie ist manchmal völlig apathisch, redet weniger als sonst und hat ihr Lachen fast verloren. Sie verhält sich so, als WÜSSTE sie bereits, dass dem Kleinen etwas fehlt. Dabei ist es doch bislang lediglich ein Verdacht.“
„Sie hat einfach Angst. Sobald sich herausstellt, dass das Kind gesund zur Welt kommen wird, ist sie wieder die Alte.“
„Dein Wort in Gottes Ohr, Paul. Herrlich, die Rievkooche, was?“
„Ja. Und das Apfelmus ist selbst gemacht, das schmeckt man.“
„Kurt, trockene Luft hier am Tisch bei uns. Kannst Du da etwas gegen unternehmen?“
„Ich eile, Werner. Schmeckt es den Herren denn?“
„Wunderbar, Junge.“
23
Guiseppe Scirelli ist ob des Telefonates mit seiner Tante Francesca, er nennt sie so, obgleich kein direktes Verwandtschaftsverhältnis besteht, sehr erregt.
Er bittet seinen Vater Andrea und seinen Onkel Gianni um ein kurzfristiges Gespräch. Auch Luigi Tardea, Cousin von Antonio und einer der mächtigsten Männer im Tardea-Scirelli-Clan, soll anwesend sein. Noch bevor Guiseppe bei seiner Tante Einzelheiten zu erfragen gedenkt, möchte er mit den Mächtigen in der Großfamilie abklären, wie man mit der schlimmen Nachricht aus Deutschland verfährt.
Luigi Tardea trifft als Erster im Cafe Letizia ein.
„Ciao Guiseppe.“
„Luigi, schön, Dich zu sehen!“
„Was gibt es denn so dringendes?“
„Lass uns warten, bis mein Vater und mein Onkel eingetroffen sind, ja?“
„Gut. Wie geht es Dir, mein Junge?“
„Soweit gut. Und wie sieht es bei Euch aus?“
„Alberta geht es gar nicht gut. Sie ist ziemlich durcheinander, vergisst dieses und jenes und verläuft sich ab und an.“
„Das hört sich gar nicht gut an. Ist es etwas ernstes?“
„Wir wissen es nicht. Nächste Woche wird sie gründlich untersucht.“
„Dann hoffen wir mal das Beste“.
„Beten sollten wir. Beten...“.
„Ja, natürlich.“
Ein Auto hält auf dem kleinen Parkplatz des Cafes, Andrea und Gianni steigen aus.
„Da seid Ihr ja schon. Und eine Flasche vino habt ihr auch schon bestellt, fein“, begrüßt Gianni die beiden Wartenden am Tisch.
„Hallo Luigi, ciao Guiseppe, mein Sohn“, Andrea Scirelli umarmt die beiden Männer.
„Schön, dass wir uns treffen. In letzter Zeit haben wir die Familientreffen etwas vernachlässigt.“
„Das stimmt – wir haben halt alle viel um die Ohren“, meint Luigi.
Andrea schenkt allen Wein ein und richtet das Wort an seinen Sohn.
„Nun, Guiseppe, was hat Dich dazu bewogen, uns vier hier zusammenkommen zu lassen?“
„Es ist leider kein schöner Anlass, der uns hier zusammenführt.“
„Was ist passiert, ragazzino?“, fragt Gianni.
„Onkel, nenn' mich bitte nicht mehr kleiner Junge, ja?!“
„Ist in Ordnung, Guiseppe, die Zeit vergeht so schnell, ich sehe Dich immer noch als kleinen Jungen vor mir.“
„Nun mal los, Guiseppe. Worum geht es?“, mischt sich Andrea ein.
„Francesca hat einen Anruf aus Deutschland erhalten. Clarissas Schwangerschaft bereitet Komplikationen.“
„Nein!“, ruft Luigi entsetzt. „Wie schlimm ist es?“
„Das weiß ich noch nicht genau, ich habe nur kurz mit Tante Francesca gesprochen. Bevor ich Näheres erfrage, wollte ich zuerst mit Euch reden.“
„Worüber denn, Guiseppe?“ fragt Gianni
„Nun, darüber, dass das Kind möglicherweise behindert zur Welt kommt.“
„Das ist ja furchtbar“, Andrea senkt das Haupt.
„Ja, das ist es. Nicht nur für das Kind, sondern auch für die Famiglia.“
„Du meinst den Familienstolz, Guiseppe, nicht wahr?“
„Sicher meine ich den. Ihr wisst wie ich, dass es mit dem Ruf und dem Ansehen der Famiglia nicht vereinbar ist, ein behindertes Kind aufzunehmen.“
„Das war vielleicht vor zehn, fünfzehn Jahren mal so, Guiseppe“, wendet Luigi ein. „Aber heute?“
„Da liegst Du falsch, Luigi. Ein Kollege gehört zum Clan der Mazzeolis. Ich habe zufällig ein Telefonat von Alessandro Mazzeoli mitangehört. Auch die Famiglia Mazzzeoli sollte vor ein paar Monaten Nachwuchs bekommen, ein Mädchen, das geistig schwerstbehindert gewesen wäre.“
„Sollte..., gewesen wäre...?!“, wundert sich Gianni.
„Ja, Onkel Gianni. Die Mazzeolis haben sich dafür entschieden, dem Kind ein solches Leben zu ersparen.“
„Sie haben es abgetrieben?“
„Genau.“
„Das ist ja schrecklich!“, Luigi schüttelt den Kopf.
„Aber vielleicht besser so“, wirft Guiseppe ein.
„Mein Sohn, ich glaube nicht, was Du da sagst. Meinst Du etwa, das Kind von Clarissa und Werner sollte niemals das Licht der Welt erblicken?“
„Genau. Denkt an die Famiglia.“
„Guiseppe, wir haben in den Jahren nach dem Krieg viel erreicht. Heute sind wir eine Familie von hohem Ansehen. Wir haben Macht, Geld und Einfluss. Auch, weil wir uns manchmal am Rande der Legalität bewegt haben. Aber Mord? Nein, damit hatte unsere Familie nie etwas zu tun. Und das soll auch so bleiben“, Antonio wird laut.
„Aber Papa, das ist doch kein Mord. Wir tun sowohl den Eltern als auch dem Kind doch einen Gefallen. Was ist das denn für ein Leben mit Behinderung? Und außerdem: Denkt alle an unser Ansehen! Es ist ein Zeichen von Schwäche, ein behindertes Kind in der Familie zu haben, das wisst ihr!“
„Sicher wissen wir das, ragazzino. Aber ich pflichte Deinem Vater bei: Mit so etwas wollen wir nichts zu tun haben!“, vertritt auch Gianni den Standpunkt seines Bruders.
Guiseppe springt von seinem Stuhl auf.
„Und Du, Luigi? Vertrittst Du auch die Meinung der älteren Herren hier am Tisch?“
„Ich kann Dich verstehen, Guiseppe. Aber es muss doch auch eine andere Lösung geben.“
„Gibt es die, ja?“, „Cameriera, bitte noch eine Flasche Wein für die Herren.“. „Ihr könnt ja noch ein wenig über die Alternativen nachdenken. Vielleicht kommt ihr doch noch zur Vernunft. Der Abend geht auf mich!“
Guiseppe knallt ein Bündel Geldscheine auf den Holztisch und verlässt das Cafe.
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Paul Schmitz macht sich nach dem Treffen mit seinem Bruder Werner große Sogen. Ihm ist bewusst, wie sehr sich Clarissa auf das Baby gefreut hat und dass es sie ungemein treffen würde, käme der Nachwuchs behindert zur Welt.
Paul selbst weiß, bedingt durch seine Kriegsverletzung, in deren Folge ihm ein Beim amputiert werden musste, nur zu genau, was es heißt, ein Handicap zu haben.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat er sich mit seinem „neuen Leben“ als Beamter arrangiert.
Sicher, er wäre viel lieber weiterhin als reisender Verkäufer durch die Lande gezogen, war doch ein Bürojob eigentlich nie das, was er angestrebt hatte. Aber das Schicksal hat es anders gewollt.
Und die Vorteile des Beamtentums, den pünktlichen Feierabend, die finanzielle Absicherung und den krisensicheren Arbeitsplatz, weiß Paul Schmitz mittlerweile durchaus zu schätzen.
Privat indes läuft es weniger gut. Pauls Ehe funktioniert mehr schlecht als recht, auch, weil sich seine Frau Hedwig in den Kriegsjahren verändert hat. Sie hat mehrere Familienmitglieder im Krieg verloren und ist in der Nachkriegszeit nicht mehr dieselbe, die sie vorher war.
Hedwig Schmitz hat durch die Kriegseindrücke einen Großteil ihrer Lebensfreude verloren. Vor allem aber hat sie sich entschieden, entgegen der ursprünglichen Lebensplanung keine Kinder zu bekommen. In eine Welt wie diese, so betont sie immer wieder, in der jahrelange Kriege mit unzählbaren Toten möglich sind, solle man keine Kinder setzen.
Paul hofft zunächst, dass sich die Verstimmung seiner Frau mit der Zeit wieder legen werde, aber auch gute fünfzehn Jahre nach Kriegsende noch ist Hedwig nicht mehr die Alte geworden.
Das Paar streitet sich zusehends öfter, und dies nicht nur wegen der differierenden weiteren Lebensplanung.
Paul ist mittlerweile Ende dreißig, will er noch eine Familie gründen, wird es Zeit.
Wie sehr hat er seinen Bruder um das Glück mit Clarissa und die Vorfreude auf das Baby beneidet. Und jetzt diese schlimme Nachricht.
Paul Schmitz beschließt, für ein paar Tage alleine zum Angeln zu fahren, um den Kopf frei zu kriegen. Die Sorgen um Clarissas Kind, seine eigenen Eheprobleme.
Erst einmal raus, denkt er sich, und macht sich auf zu einem verlängerten Angelwochenende in die Eifel, an den Laacher See. Er hat mittlerweile eine Prothese, Autofahren und Laufen ohne Krücken – beides stellt kaum noch ein Problem für ihn dar.
Während der Fahrt ist Paul sehr unruhig, viele Gedanken schießen ihm durch den Kopf und er kann es kaum erwarten, endlich beim Angeln abzuschalten.
Eigentlich angelt Paul Schmitz lieber am Meer, da er nur ein paar Tage Urlaub hat, waren ihm die 320 Kilometer an die holländische Nordseeküste jedoch zu weit. In die malerische Eifel sind es nur gut 80 Kilometer und auch dort in den Maarseen kann man nicht nur prächtig fischen, sondern es gibt auch sonst so einiges zu sehen.
Über 50 Seen gibt es in der Eifelregion, darunter zahlreiche Stauseen, und natürlich die berühmten Maare mit vulkanischer Entstehungsgeschichte, alle umgeben von wunderbaren Naturlandschaften (31).
Der Laacher See liegt im Osten der Vulkaneifel bei Andernach und befindet sich in der Nähe der Benediktinerabtei Maria Laach. Der See ist mit einer Fläche von rund 3,3 km² und einem Umfang von ca. 7300 m der Größte in Rheinland-Pfalz. Die Wassertiefe beträgt ca. 53 m. Vor etwa 11.000 Jahren erfolgte der letzte Ausbruch des Maria Laach Vulkans. (32).
Paul Schmitz hat ein Zimmer in einer kleinen Pension unweit des Laacher Sees gemietet. Nichts Besonderes, Bett, Stuhl und Tisch, ein kleiner Kleiderschrank. Aber Paul hat ohnehin nicht vor, abgesehen von den Nachtstunden Zeit auf dem Zimmer zu verbringen.
Den ersten Nachmittag am See kann er kaum genießen. Nicht, dass er kaum einen Fisch fängt, sondern die Probleme in Köln sind es, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen.
Kann man Clarissa nicht irgendwie helfen?
Macht es Sinn, seine Ehe weiterzuführen?
Diese Fragen stellt er sich in den nächsten Tagen wieder und wieder – mit unterschiedlichem Erfolg.
Was seine Schwägerin betrifft, ist er ratlos. Im Hinblick auf seine Ehe reift in Paul Schmitz immer mehr die Überzeugung, dass er sich von seiner Frau gütlich trennen sollte.
Der Krieg hat andere Menschen aus seiner Gattin und ihm gemacht – andere Menschen, die nicht mehr so zueinander passen, wie dies vor der großen Völkerschlacht noch der Fall gewesen war.
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Clarissa Schmitz erholt sich schnell vom Schock dessen, was Dr. Freudenberg auf seinem Ultraschallgerät zu sehen geglaubt hat. Sie ist ein aktiver, ein tatkräftiger Mensch und fest entschlossen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit das Baby gesund zur Welt kommt.
Und selbst wenn das Kind behindert sein sollte: Es ist ihr Baby und sie wird es mit aller nur erdenklichen Liebe großziehen.
Die ersten Möbel für das Kinderzimmer sind geliefert worden, eine Woche früher als angekündigt, sodass das Zimmer noch nicht tapeziert ist.
Clarissa ist handwerklich sehr begabt, es gibt kaum etwas in der Wohnung, was sie nicht selbst in Angriff nimmt.
Sie hat gerade den Tapeziertisch aufgestellt, als das Telefon klingelt.
„Hallo Clarissa, hier ist Guiseppe aus Bella Italia.“
Clarissa ist baff erstaunt, hat sie doch seit langer Zeit nichts mehr von der Verwandtschaft aus Italien gehört.
„Guiseppe, welch' eine Überraschung. Wie lange haben wir wohl nichts voneinander gehört?“
„Beinahe eine Ewigkeit.“
„In jedem Fall viel zu lange!“
„Ich habe von den Problemen in Deiner Schwangerschaft gehört. Das tut mir unendlich leid.“
„Danke, Guiseppe. Da hilft wohl nur warten – und beten.“
„Beten solltest Du, aber warten? Du musst die besten Ärzte aufsuchen, Dich nach neuen Untersuchungsmethoden und Medikamenten erkundigen. Vielleicht gibt es etwas, das dem Kind helfen kann.“
„An der Universitätsklinik hier in Köln sind schon richtige Experten, das kannst Du mir glauben.“
„Sicher, aber was Du brauchst, ist kein Experte, sondern ein Spezialist. Einer, der sich genau mit dem Problem auskennt, das Du hast.“
„Und woher soll ich den nehmen, Guiseppe?“
„Bei uns in Italien, am altehrwürdigen Santa Maria Nuova in Firenze, gibt es einen Arzt, der einen sehr guten Ruf hat, gerade, was Probleme im Mutterleib angeht. Er hat schon viele Risikokinder auf die Welt geholt und schon einige problematische Geburten gemeistert.“
„Meinst Du wirklich, der Dottore weiß mehr als unsere Ärzte in Deutschland?“
„Gut möglich, Clarissa. Ich würde es in jedem Fall versuchen. Ich kenne einen Kollegen von Dr. Baldini aus der gemeinsamen Schulzeit. Er arbeitet im gleichen Ospedale, ich könnte da was arrangieren.“
„Wirklich? Oh, Danke, Guiseppe, Danke! Ich werde heute Abend direkt mit Werner darüber reden.“
„Mach' das, Clarissa. Wir hören voneinander. Und: Kopf hoch, das wird schon!“
„Tausend Dank, Guiseppe!“
Clarissas Puls jagt, ihr Herz klopft bis zum Hals. Sie setzt sich auf einen Stuhl, streichelt sich über den Bauch und sagt:
„Wir kriegen das schon hin, bambino mio, Du kommst gesund zur Welt.“
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Borna und Davor Krupcic haben sich im Fordwerk zu Köln fest etabliert. Sie sind stets pünktlich, fleißig und engagiert.
Das wird honoriert: Obwohl die Produktion nach wie vor auf Hochtouren läuft, erlaubt ihnen ihr Chef, gemeinsam für zwei Wochen Urlaub zu nehmen, damit sie zusammen in die Heimat fahren können.
Die Brüder verdienen in Deutschland gutes Geld, sie leben sparsam und schicken der Familie regelmäßig Teile ihres Gehalts, damit das Eigenheim in Jugoslawien auf Vordermann gebracht werden kann. Sogar an einen Anbau wird gedacht, für den Fall, dass einer oder gar beide Söhne nach einigen Jahren in Deutschland in die Heimat zurückkehren.
Borna und Davor sind bescheiden geblieben, sie gönnen sich wenig.
Die Zugfahrt über München und Belgrad nach Novi Sad indes tun sich die Brüder nicht mehr an, sie beschließen, fortan mit dem Flugzeug in die Heimat zu reisen.
Das Luftverkehrsunternehmen Jugoslawenski Aerotransport (JAT) nimmt seine Arbeit am 01.04.1947 auf.
Die JAT sorgt für die Ausgestaltung eines Flugnetzes, dass sich nicht nur über die Hauptstädte der einzelnen Teilrepubliken Jugoslawiens und zahlreichen Städten des Auslandes ausdehnt, sondern auch die für den Fremdenverkehr wichtisten Orte: Dubrovnik, Split, Tivat, Veldes, Ohrid und Titograd umschließt. Der Auslandsflugverkehr wird vorwiegend über den neuen Großflughafen Surcin, 17 km vom Zentrum Belgrads entfernt, abgewickelt (33).
Borna und Davor Krupcic stehen am Flughafen Köln/Bonn am Schalter, zwei Tickets nach Belgrad in der Hand.
„Bist Du auch so nervös, Borna?“
„Ja, Davor. Du kennst mich nur als den großen, starken Bruder, was?! Aber ich sag' Dir was: mir ist richtig flau im Magen.“
„Mir auch, Borna.“
„Ich habe gedacht, meinen ersten Flug mache ich mit Ana...“
„Hey, der erste Flug mit mir – ist das etwa nichts?“, Davor lacht.
„Doch, sicher, das ist auch etwas Besonderes“, Borna drückt seinen Bruder kurz, dieser erwidert die Umarmung.
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Das Gespräch mit seinem Vater Andrea, mit Onkel Gianni und Cousin Luigi, hat tiefe Spuren bei Guiseppe Scirelli hinterlassen.
Er hätte nicht gedacht, dass die Familie seinen Plan so entschieden ablehnen würde.
Es muss doch allen bewusst sein, dass ein behindertes Familienmitglied nicht zum Status der Famiglia passt, dass eine Behinderung, geistig wie körperlich, ein Zeichen von Schwäche ist, die sich eine hoch angesehene Familie wie die der Scirellis und Tardeas nicht erlauben darf.
Warum nur sträuben sich alle außer ihm so gegen eine Abtreibung?
Wie dem auch sein, Guiseppes Vorhaben ist gescheitert. Das Kind wird zur Welt kommen – behindert oder nicht.
Das Ospedale von Santa Maria Nuova, das seinen Namen der Kirche des Krankenhauses verdankt, ist das älteste Krankenhaus in Florenz. Es wurde im Jahre 1288 gegründet und ist eines der wichtigsten medizinischen Zentren der Stadt (34).
Mit dem stellvertretenden Klinikdirektor hat Guiseppe zusammen die Schulbank gedrückt, nach der Schule trennten sich die beruflichen Wege der beiden Männer, über die Jahre hinweg hielten sie jedoch Kontakt zueinander. Rafael di Rossi hat an einem Dienstagmorgen gerade sein Büro betreten, als das Telefon läutet.
„Buongiorno Dottore di Rossi. Da ist ein Mann in der Leitung, der Sie sprechen möchte. Er heißt Guiseppe Scirelli. Soll ich durchstellen?“, fragt die Dame vom Empfang des Krankenhauses.
„Ja, aber sicher doch!“, entgegnet Rafael di Rossi erfreut.
„Guiseppe! Alter Freund!“
„Ciao Rafael. Wie geht es Dir?“
„Gut, danke. Mir geht es gut, und selbst?“
„Ich kann auch nicht klagen. Zu viel zu tun, aber ansonsten … tutto e bene, alles gut.“
„Das freut mich.“
„Guiseppe, was treibt Dich dazu, in aller Herrgottsfrühe hier anzurufen?“
„Wir haben ein Problem, Rafael.“
„Wir?“
„Ja, die Familie.“
„Was ist denn passiert?“
„Amandas Tochter, die in Deutschland lebt, ist schwanger. Es ist möglich, dass das Kind behindert zur Welt kommt.“
„Das tut mir leid.“
„Ich habe erst kürzlich in der Zeitung gelesen, dass ihr einen exzellenten Neugeborenenchirurgen am Krankenhaus habt.“
„Dr. Baldini? Ja, der ist hoch angesehen und wirklich ein Spezialist auf seinem Gebiet.“
„Könnte der sich Clarissa und das Baby wohl einmal anschauen?“
„Sicher, wenn der werdenden Mutter diese lange Reise zuzumuten ist, warum nicht?“
„Dann werde ich veranlassen, dass sie zu Euch kommt.“
„Wunder vollbringen kann allerdings auch Dottore Baldini nicht, Guiseppe.“
„Das weiß ich. Und deshalb habe ich noch eine Bitte.“
„Nur zu.“
„Wenn er nichts für das Kind tun kann...“, Guiseppe stockt.
„Ja?“
„Rafael, Du weißt um unseren Familienstolz, um unser Ansehen in Norditalien, um die Rivalität zwischen den Familienclans.“
„Schon, obgleich ich nichts damit anfangen und Euer Gehabe kaum nachvollziehen kann.“
„Ein behindertes Kind darf nicht mit uns in Zusammenhang gebracht werden.“
„Was willst Du von mir, Guiseppe?“
„Wenn Dottore Baldini nichts für das ungeborene Kind tun kann, dann...dann möchte ich, dass es in ein Pflegeheim kommt. Dort ist es gut aufgehoben.“
„Das sollten die Eltern entscheiden, Guiseppe.“
„Nein, die dürfen gar nichts davon wissen. Sie würden es kaum akzeptieren. Wahrscheinlich würden sie das Kind behalten und alle Welt würde davon erfahren.“
„Noch einmal, Guiseppe: Was willst Du von mir?“
„Ich möchte, dass ihr das Kind im Fall der Fälle nach der Geburt vor den Eltern für tot erklärt.“
„Was?! Das ist nicht Dein Ernst, Guiseppe.“
„Das ist mein voller Ernst, Rafael!“
„Das kann ich nicht machen. Impossibile!“
„Ich bitte Dich, Rafael. Dem Kleinen wird es an nichts fehlen, es ist ein neues, modernes Pflegeheim, in dem das Kind rund um die Uhr betreut wird.“
„Darum geht es nicht, Guiseppe. Das kannst Du den Eltern nicht antun.“
„Ich muss, Rafael, ich muss.“
„Ich spiele da nicht mit, Guiseppe. Nein!“
„Du weißt, wie sehr unsere Familie das Krankenhaus unterstützt. Wir haben uns sehr dafür eingesetzt, dass ihr mehr öffentliche Gelder erhaltet. Wir haben einige der besten Ärzte des Landes nach Firenze geholt. Wir haben den Stadtrat dazu bewogen, Euch steuerlich zu entlasten.“
„Ich weiß, Guiseppe, aber das kannst Du nicht verlangen.“
„Wo ist das Problem, Rafael? Meinst Du, den Eltern geht es besser, wenn Sie ein behindertes Kind aufziehen?“
„Das weiß ich nicht. Aber die Entscheidung, ob sie dies tun oder aber das Kind in ein Pflegeheim geben, sollten sie selbst treffen.“
„Das dürfen sie eben nicht. Stell' Dir vor, sie behalten es. Welch' eine Schmach für die Famiglia.“
„Ich kann kaum glauben, wie Du redest, Guiseppe. Was ist mit Dir passiert?“
„Ich sorge mich nur um die Ehre der Familie.“
„Auf eine Art und Weise, die mir Angst macht, Guiseppe.“
„Ich werde veranlassen, dass Clarissa bereits nächste Woche zu Euch kommt.“
„Das geht klar.“
„Und sollte sich herausstellen, dass Dottore Baldini nichts für das Kind tun kann.“
„Nein, Guiseppe, bitte nicht.“
„Dann bleibt Clarissa bis zur Geburt in Italien und das Kind kommt direkt nach dem es das Licht der Welt erblickt hat in die Casa Cura nach Bergamo.“
„Du bist ja verrückt.“
„Und den Eltern teilt man mit, dass es bei der Geburt verstorben ist.“
„Ich bete zu Gott, dass es nicht so kommen wird.“
„Da sind wir uns einig, das tue ich auch.“
„Du betest zu Gott? Nachdem, was ich heute von Dir gehört habe, kann ich mir kaum vorstellen, dass Du noch einen Draht nach oben hast.“
„Lass das mal meine Sorge sein, Rafael.“
Guiseppe Scirelli legt den Hörer auf. Im Krankenhaus Santa Maria Nuova sinkt Rafael di Rossi in seinem Bürosessel zusammen, schlägt die Hände vors Gesicht und schüttelt fassungslos den Kopf.
28
Als Clarissa Werner Schmitz vom Anruf Guiseppes erzählt, lässt dieser sofort alle Drähte glühen.
Er bittet Dr. Freudenberg, darum, sich über das Santa Maria Nuova und den dort praktizierenden Neugeborenenchirurg Dr. Baldini schlauzumachen.
Clarissa ist wild entschlossen, dem Rat der Familie zu folgen und die restlichen Schwangerschaftsmonate sowie möglicherweise auch die Geburt unter der Obhut von Dr. Baldini in Angriff zu nehmen.
Werner ist eher skeptisch.
„Hier in Deutschland haben wir doch so ziemlich die besten Ärzte in Europa.“
„Ja, aber trotzdem kann es doch auf bestimmten Gebieten Spezialisten in anderen Ländern geben, der sich besser auskennen.“
„Das kann ich mir kaum vorstellen.“
„Warten wir ab, was Dr. Freudenberg uns über das Krankenhaus und den Arzt zu berichten weiß, dann sehen wir weiter.“
„In Ordnung, Werner.“
Wenige Tage später ruft Dr. Freudenberg im Santa Maria Nuova an und möchte den Klinikdirektor sprechen.
„Ich verbinde Sie mit Dr. Trafalgo, Dottore Freudenberg.“
„Grazie, Signora.“
„Dottore Freudenberg, werter Kollege aus Deutschland, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Guten Tag Dr. Trafalgo. Es geht um Folgendes: Ich habe bei einer schwangeren Patientin aus Köln im Ultraschall Verdachtsmomente für Gehirnwasser im Fötus entdeckt.“
„Sie benutzen bereits Ultraschallgeräte zur Diagnostik?“
„Wir...nun ja, wir setzen im Rahmen von Studien manchmal bereits...also wir experimentieren ein wenig mit den Geräten.“
„Und wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Meine Patientin hat Verwandte in Italien. Diese haben ihr von einem an Ihrem Hospital praktizierenden Arzt erzählt, der wohl insbesondere in der Fetalchirurgie und -medikation zu den besten Ärzten in Europa gehören soll.“
„Sie sprechen von Dr. Baldini. Ja, der ist seit knapp zwei Jahren an unserer Klinik.“
„Können Sie mir Genaueres über seine Arbeit erzählen?“
„Nun, es gibt Neurochirurgen, die zunehmend den Ansatz verfolgen, schon vor der Geburt das Leben und die Gesundheit kranker Babys mit gewagten Eingriffen zu retten. Diese Operationen können Behinderungen vorbeugen und...“
„Genau darum geht es, Dr. Trafalgo!“
„Lassen Sie mich bitte ausreden, Dr. Freudenberg.“
„Gewiss.“
„Das Baby wird aus dem Bauch der Mutter ans Tageslicht geholt, um Gefahren, die seine Gesundheit bedrohen, durch eine Operation abzuwenden. Danach geht es zurück in den Mutterleib. Solch' eine Operation birgt allerdings auch große Risiken. Es kann zu einer Fehlgeburt kommen.“
„Aber es besteht auch die Chance, dass das Kind nach einer Operation gesund zur Welt kommt?“
„Theoretisch schon. Ich möchte mich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, Sie, beziehungsweise Ihre Patientin, sollte das mit Dr. Baldini diskutieren.“
„Sie wären also bereit, Clarissa Schmitz, so heißt die Patientin, in Ihrer Klinik aufzunehmen?“
„Erst einmal wäre ich bereit, ihr ein Gespräch mit Dr. Baldini zu vermitteln.“
„Wann kann sie kommen?“
„Jederzeit, ich vereinbare gern einen Termin für die Patientin aus Deutschland.“
„Ich danke Ihnen sehr, Dr. Trafalgo. Wir kontaktieren Sie dann wieder, um einen Termin zu vereinbaren.“
„Sehr gern, Dottore Freudenberg.“
29
Nach gut zweieinhalb Stunden Flugzeit landet die JAT-Maschine auf dem Flughafen in Belgrad.
„Ist schon was anderes als die Reise mit dem Zug, was, kleiner Bruder?“, Borna Krupcic gibt seinem Bruder einen Klaps auf die Schulter.
„Das kann man wohl sagen. Es ist unglaublich, wie schnell das geht.“
„Schön, dass wir uns so etwas jetzt leisten können.“
„Ich hatte Schuldgefühle wegen dem Flugpreis, Borna. Du nicht? Ich meine, wir wollten doch sparsam sein und das Geld, das am Monatsende übrig ist, ins Haus der Familie stecken.“
„Das tun wir doch auch. Wir leisten uns ja sonst kaum etwas, da brauchen wir uns wirklich nicht zu schämen, wenn wir uns den Flug in die Heimat gönnen. Schließlich arbeiten wir hart für unser Geld.“
„Du hast ja Recht, Borna. Schau mal, da vorne steht Cousin Ante.“
„Wollte nicht Vater uns abholen?“, wundert sich Davor.
„Dachte ich auch. Egal, Hauptsache, wir sind bald bei der Familie.“
„Zdravo Ante!“, Borna umarmt seinen Cousin.
„Willkommen in der Heimat, Ihr zwei Halunken. Gut seht ihr aus.“
„Und Du bist richtig erwachsen geworden, Ante. Mann, wie die Zeit vergeht“, auch Davor umarmt Ante.
„Warum ist Vater nicht gekommen?“
„Er hat sich beim Arbeiten am Haus verhoben und kann sich im Moment kaum bewegen.“
„Hat er sich mal wieder übernommen, was?“
„Möglich, ja. Dank Eures Geldes ist ja viel zu tun am Haus, Ihr werdet Euch wundern, wie weit wir mit dem Anbau schon sind.“
„Da sind wir ja mal gespannt, Ante“, sagt Davor mit leuchtenden Augen.
Die drei Männer erreichen den Ausgang des Belgrader Flughafens.
„Euer Vater hat mir sein Auto geliehen. Ich stehe direkt da vorne“, Ante deutet auf eine kleine Abbiegung rechts vom Flughafengebäude.
„Wollen wir zunächst irgendwo etwas essen gehen? Es ist schon Abend und wir haben noch gute anderthalb Stunden zu fahren.“
„Gern, Ante. Fahren wir einfach los Richtung Heimat und wenn wir ein nettes Lokal sehen, machen wir Stopp. Davor, Du bist doch sicherlich auch hungrig?“
„Ja, und wie.“
„Dann mal los, Ante. Volle Kraft voraus...“
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Hedwig Schmitz sitzt teilnahmslos im Wohnzimmer vor dem Fernseher, als ihr Mann Paul von seinem verlängerten Angelwochenende in der Vulkaneifel zurückkehrt. An Pauls Entschluss, seine Ehe zu beenden, hat auch die knapp zweistündige Rückfahrt nichts geändert. So kann, so will er nicht weiterleben.
„Hallo Hedwig.“
„Hallo Paul. Und: Hast Du Dich gut erholt?“
„Ein wenig, Hedwig, nur ein wenig.“
„Warum nur ein wenig?“
„Weißt Du, Hedwig, mir gingen viele Dinge durch den Kopf. Wenn man da stundenlang so ganz allein am See sitzt, wird einem vieles klarer.“
„Ja, ist das so?“
„Das ist so, Hedwig.“
„Willst Du ein Bier? Steht im Kühlschrank.“
„Ja, ich will ein Bier“, Paul begibt sich in die Küche und kommt mit einer Flasche Bier in der Hand ins Wohnzimmer zurück.
„Hedwig, wir...“
„Ja?“
„Hedwig, mit uns ist es nicht mehr so, wie es einmal war, findest Du nicht auch?“
„Nichts ist mehr so, wie es einmal war, Paul. Nach diesem Krieg ist nichts mehr so, wie es einmal war.“
„Natürlich nicht, Hedwig. Das brauchst Du mir am Allerwenigsten zu sagen...“
„Entschuldige, Paul.“
„Ist schon in Ordnung. Nur: Hedwig, der Krieg ist jetzt beinahe zwanzig Jahre vorbei.“
„Nein, Paul, dieser Krieg geht nie vorbei. Nicht für die, die ihn miterlebt haben.“
„Sicher nicht, da hast Du Recht. Aber irgendwann muss man auch nach vorne schauen..
„Wie meinst Du das?“
„Hedwig, ich denke, wir haben uns beide verändert. Und zwar in Richtungen, die uns eher voneinander entfernen als das sie uns vereinen.“
„Wenn Du das so siehst.“
„Wie siehst Du es denn?“
„Ich weiß es nicht, Paul. Ich weiß es einfach nicht.“
„Ich denke, nein, ich weiß, Hedwig, dass ich noch einmal neu anfangen möchte. Unbelastet von den Kriegserlebnissen. Vielleicht ist es einfacher für uns beide, wenn wir erst einmal eine Zeit alleine leben.“
„Eine Zeit?“
„Ich möchte die Scheidung, Hedwig. Bitte sei mir nicht böse.“
„Ich bin Dir nicht böse, Paul. Ich habe in den letzten Monaten auch das ein' oder andere Mal in diese Richtung gedacht.“
„Bleiben wir Freunde?“
„Ach, Paul, das wird kaum funktionieren, glaubst Du nicht? Dafür haben wir mittlerweile einfach nicht mehr genug Gemeinsamkeiten. Dafür denken wir in vielerlei Hinsicht zu unterschiedlich.“
„Mag sein, Hedwig. Möchtest Du hier wohnen bleiben?“
„Nein. Bleib' Du hier wohnen.“
„Und wo willst Du hin?“
„Du kennst doch Tante Gerda. Sie bewohnt ein Häuschen an der Ahr. Ihre Mieterin ist gerade ausgezogen.“
„Es tut mir leid, dass es so gekommen ist, Hedwig.“
„Mir auch, Paul. Mir auch.“
31
Noch am Tag des Anrufes von Giuseppe Scirelli lässt Dr. Rafael di Rossi seine Sekretärin einen Termin bei Klinikdirektor Dr. Maurizio Trafalgo vereinbaren.
Dr. di Rossi kann es gar nicht erwarten, die Last, die seit dem Telefonat auf seinen Schultern liegt, loszuwerden und Dr. Trafalgo das Anliegen des Gönners vom Krankenhaus Santa Maria Nuova zu offenbaren.
„Ciao, Dr. Trafalgo. Schön, dass Sie Zeit für mich haben.“
„Was liegt Ihnen auf dem Herzen, Dr. di Rossi? Sie sehen sehr besorgt aus.“
„Ich hatte einen Anruf von einem der Scirellis, von Guiseppe.“
„Guiseppe Scirelli – ein flotter Bursche.“
„Ein bisschen zu flott, würde ich sagen. Sie ahnen nicht, worum er mich gebeten hat.“
„Ich bin ganz Ohr.“
„Eine entfernte Verwandte der Scirellis ist schwanger, das Kind wird aller Voraussicht nach behindert zur Welt kommen.“
„Traurig.“
„Guiseppe möchte es ohne das Wissen der Mutter ins Pflegeheim geben.“
„Der Familienstolz...“
„Genau. Unglaublich, finden Sie nicht?“
„Was will Scirelli denn von uns? Er braucht doch das Einverständnis der Eltern, wenn das Kind in ein Heim kommen soll.“
„Die Eltern sollen nichts davon wissen.“
„Bitte?!“
„Er will das, ohne das die Eltern davon etwas mitbekommen, in die Wege leiten.“
„Wie will er das denn anstellen?“
„Indem er den Eltern sagt, das Kind sei bei der Geburt gestorben.“
„Das kann er nicht machen. Denkt er nicht an das Leid der Eltern?“
„Offensichtlich nicht.“
„Ich weiß nicht, ob wir den Scirellis diesen Gefallen tun können. Ich muss darüber nachdenken.“
„Darüber nachdenken? Das heißt: Sie ziehen es in Erwägung, auf Guiseppes Forderung einzugehen?“
Dr. Trafalgo rutscht ein wenig in seinem Sessel hin und her und lässt den Kopf auf die Brust sinken.
Ohne Rafael di Rossi anzuschauen sagt er leise:
„Wissen Sie eigentlich, wie viel Geld die Scirellis uns über verschiedene Wege haben zukommen lassen? Wie sehr sie Behörden und Ämter zu unseren Gunsten beeinflusst haben?“
„Die Details kenne ich nicht, nein.“
„Würden Sie sie kennen, würden Sie vielleicht anders denken.“
„Das glaube ich mitnichten.“
„Ohne die Unterstützung der Scirellis würden viele Arbeitsplätze hier im Krankenhaus gar nicht existieren. Vielleicht auch Ihrer nicht, Dr. di Rossi.“
„Das rechtfertigt es nicht, einer Mutter ihr Kind wegzunehmen und es für tot zu erklären.“
„Dem Kind passiert doch nichts.“
„Dem Kind passiert nichts, nein?! Nur der bedauerliche Umstand, dass es ohne seine Eltern aufwächst. Und haben Sie auch einmal an die Mutter gedacht, die man glauben macht, das Kind sei verstorben? Können Sie sich vorstellen, wie das die junge Frau trifft? Wahrscheinlich ist ihr ganzes Leben zerstört.“
„Sie ist blutjung und kann ohne Probleme wieder Mutter werden.“
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es so.“
„Dr. Trafalgo, mich werden Sie von der Sache nicht überzeugen können, soviel steht fest.“
„Das brauche ich auch nicht, Dr. di Rossi.“
„Ich weiß.“
32
Nachdem die Krupcic-Brüder und ihr Cousin sich in einem kleinen Lokal etwas abseits der Hauptstraße gestärkt haben, treten sie den Rest des Heimweges an.
Es ist schon dunkel, als sie mit Ante das Elternhaus bei Novi Sad erreichen. Trotzdem ist deutlich zu erkennen, was hier in den letzten Monaten passiert ist.
„Ich kann nicht glauben, was ich da sehe, Ante. Wie um Himmels Willen seid Ihr denn so schnell vorangekommen?“, Borna schaut mit großen Augen auf das Haus der Eltern.
„Die ganze Familie hat geholfen. Und dank Eurem Geld konnten wir viel mehr Baumaterial kaufen, als wir gedacht hatten.“
„Aber dass es so schnell geht, hätte ich nie gedacht. Der Rohbau für das Nebenhaus steht ja schon.“
„Nicht nur das. Sogar der Fußboden ist schon gelegt. Und der Wasseranschluss ist auch schon geplant.“
Borna kommen die Tränen. Er hat die Kriegsjahre noch nicht vergessen, in denen Armut überall im Land herrschte und sich die Krupcics in diesem Haus mehr schlecht als recht über Wasser hielten.
„Ist denn unser Kinderzimmer noch so, wie es war?“ fragt Davor.
„Selbstverständlich. Eure Mutter haut doch jedem, der in Eurem Zimmer etwas verändern will, auf die Finger...“
„Unsere Majka...“, sagt Borna lächelnd und schüttelt den Kopf.
Am nächsten Morgen gönnt sich die Familie ein ausgiebiges Frühstück, bevor sich alle am Haus zu schaffen machen.
Enver Krupcic führt seine Söhne durch das gesamte Haus. Vieles ist bereits renoviert und modernisiert.
„Das haben wir alles Euch beiden zu verdanken.“
„Red' nicht so einen Blödsinn, tata“, entgegnet Borna.
„Aber es ist doch so. Ohne Euer Geld wären die Arbeiten am Haus kaum möglich gewesen.“
„Es ist doch selbstverständlich, dass wir die Familie unterstützen“, sagt Davor.
„Ihr seid zwei tolle Jungs. Ich bin mächtig stolz darauf, dass Ihr es in Deutschland geschafft habt.“
„Und wir sind stolz auf Dich, Papa. Wie Du hier in der Heimat den Laden zusammenhältst – bist ja auch nicht mehr der Jüngste...“, Borna lächelt.
„Im Anbau werden drei neue Zimmer entstehen. Genug Platz für uns alle, wenn alles fertig ist. Vorausgesetzt, Ihr wollt überhaupt zurückkehren.“
„Sicher wollen wir das, nicht wahr, Borna?“, entgegnet Davor.
Borna schweigt.
„Mein ältester Sohn scheint sich da nicht so sicher zu sein“, mutmaßt Enver.
„Ach, Papa, was soll ich sagen? Natürlich vermisse ich die Heimat, vermisse ich Euch.“
„Aber?“
„In Deutschland haben wir halt viel mehr Möglichkeiten.“
„Heißt das etwa, Du willst nicht wieder zurück, großer Bruder?“, fragt Davor erstaunt.
„Ich weiß es nicht. Die Zeit wird es zeigen. Zunächst einmal jedenfalls möchte ich Ana und die Kinder nachholen, wenn die beiden die Grundschule absolviert haben.“
„Das sollst Du auch, mein Sohn. Und wenn Du danach das Gefühl hat, in Deutschland bleiben zu wollen, hast Du auch meinen Segen.“
„Du bist der gütigste Mensch, den ich kenne, Papa.“
„Hör' auf, sonst werde ich noch rot im Gesicht.“
„Aber ich meine das genauso, wie ich es gesagt habe.“
„Und ich schließe mich dieser Meinung an“, schaltet sich Davor ein.
Enver umarmt seine Söhne.
„Es ist ein großes Glück, Kinder wie Euch zu haben. Ich liebe Euch.“
„Wir lieben Dich auch, Papa. Und nun lass uns ans Werk gehen. Schließlich sind wir nicht nur in die Heimat gekommen, um es uns gut gehen zu lassen.“
33
Guiseppe Scirellis Plan steht. Er hat sowohl im Ospedale die Maria Santa Maria Nueva als als auch im Casa di Cura alles in die Wege geleitet, damit das Kind von Clarissa Schmitz, sollte es behindert zur Welt kommen, unmittelbar nachdem es das Krankenhaus verlassen kann, im Pflegeheim untergebracht wird.
Nun bedarf es nur noch der Zustimmung des Familienclans.
Guiseppe lädt alle wichtigen Personen ins Haus seines Vaters Andrea ein, um von seinem Plan zu berichten.
Gianni Scirelli, sein Sohn Paolo und dessen neue Freundin Raffaella sind die Ersten, die im Hause Andreas eintreffen.
„Ciao, zio Gianni, ciao Paolo. Und wer ist diese reizende junge Dame?“, Guiseppe lächelt Raffaella an.
„Versuch' es erst gar nicht, Guiseppe. Die gehört mir“, entgegnet Paolo. „Weißt Du, Raffaella, mein Cousin hält sich für unwiderstehlich und macht auch nicht davor halt, in der Familie zu wildern.“
Alle lachen.
„So, so“, Raffaella schüttelt den Kopf.
Mittlerweile sind auch Francesca Tardea, ihre Tochter Luisa sowie Luigi und Alberta Tardea eingetroffen.
Die Familie lässt sich im Garten des großzügigen Hauses nieder. Romina Scirelli hat den Tisch reichlich gedeckt, eine Minestrone, allerlei Antipasti, später soll noch Pasta gereicht werden.
Die Hausherrin schenkt allen Wein ein und setzt sich zu der Familie an den Tisch.
„Schön, dass Ihr alle gekommen seid“, ergreift Andrea Scirelli das Wort.
„Ihr wisst ja, worum es geht. Mein Sohn Guiseppe hat sich darum gekümmert, was aus dem kleinen Jungen werden soll, den Clarissa Schmitz erwartet.“
„Es wird ein Junge?“, fragt Francesca überrascht.
„Ja. Der deutsche Arzt, der Clarissa mit einem Ultraschallgerät untersucht hat, hat das seinem italienischen Kollegen erzählt. Clarissa weiß es noch nicht.“
„Der Kleine kommt aller Voraussicht nach behindert zur Welt.“
„Oh nein, ist das traurig“, sagt Luisa Tardea mit leiser Stimme.
„Aber nicht zu ändern“, entgegnet Guiseppe.
„Und wir wissen alle, dass die Famiglia es sich nicht leisten kann, Schwäche zu zeigen.“
„Schlimm genug, dass trotz der Ereignisse im Zweiten Weltkrieg in den mächtigen Familien immer noch dieses Denken existiert“, sagt Luigi.
„Aber so ist es halt“, kontert Guiseppe. „Es gibt in den einflussreichen Familien gewisse Regeln und an diese muss man sich halten.“
„Das wissen wir, mein Sohn. Und jetzt berichte uns von Deinem Plan, den Jungen betreffend“, fordert Andrea seinen Sohn auf.
„Clarissa und Werner Schmitz kommen schon bald nach Italien. Wir werden dafür sorgen, dass Clarissa das Kind im Santa Maria Nuova zur Welt bringt. Nach der Geburt kommt der Junge ins Casa di Cura in Bergamo, ein Zimmer im Pflegeheim wird bereits eingerichtet, eine Krankenschwester, die sich mit Neugeborenen gut auskennt, ist schon engagiert. Dem Kind wird es dort an nichts fehlen.“
„Und die Schmitzens haben ihr Einverständnis gegeben?“, fragt Gianni seinen Neffen.
„Das brauchen sie nicht. Sie werden von alledem nichts erfahren.“
„Was?“, schreit Francesca
„Sie werden nicht wissen, wo der Junge ist. So ist es besser für alle.“
„Du willst das Kind den Eltern wegnehmen? Das kann ich nicht glauben“, ereifert sich Luigi.
„Es geht nicht anders. Mir ist auch nicht wohl bei dem Gedanken und ich habe schlaflose Nächte wegen der Angelegenheit. Aber Guiseppe hat recht. Wir können dieses Kind nicht in der Famiglia aufnehmen“, pflichtet Andrea Scirelli seinem Sohn bei.
Für einige Momente herrscht Schweigen an der großen Tafel.
„Und dem Kleinen wird es dort an nichts fehlen?“, fragt Francesca.
„An gar nichts. Ich habe sogar extra einen Kinderspielplatz bauen lassen“, versucht Guiseppe, seine Tante zu beruhigen.
„Aber denkst Du denn gar nicht an die Eltern?“, fragt Raffaella.
„Für die ist es doch auch besser. Was ist das denn für ein Leben mit einem behinderten Kind“, sagt Guiseppe.
„Guiseppe!“, weist ihn seine Mutter zurecht.
„Ich werde regelmäßig hinfahren. Ich werde den Kleinen besuchen und mich um ihn kümmern“, betont Francesca.
„Das sollst Du auch, Tante, das sollst Du auch.“
„Ich weiß nicht, ob wir das Richtige tun. Gehen wir da nicht ein bisschen zu weit?“, sagt Gianni nachdenklich.
„Wir haben keine Wahl“, entgegnet Andrea.
„Doch, die hätten wir. Wenn wir diesen antiquierten Familienstolz endlich einmal in vernünftige Bahnen lenken würden“, wirft Luigi ein.
„Antiquiert nennst Du das also, Luigi, ja? Schau Dich mal um, was unsere Prinzipien, was unser Familienstolz uns alles gebracht hat an Macht, an Wohlstand und Ansehen.“
„Schon, aber...“.
„Da gibt es kein aber, kleiner Cousin.“
„Hört jetzt auf zu streiten“, unterbricht Gianni die beiden.
„Genau“, pflichtet Hausherrin Romina ihm bei.
„Ich hole jetzt die Pasta, Andrea, mach' Du uns noch zwei Fläschchen Vino auf. Und lasst uns für den Rest des Abends über angenehmere Themen sprechen.“
34
Werner Schmitz hat im Rahmen des Ausbaus der Lokalredaktion der Kölnischen Umschau sehr viele Überstunden gemacht. Auch an Urlaub war in den letzten Monaten nicht zu denken. So ist es kein Problem, kurzfristig zwei Wochen freizubekommen.
„Wir sehen uns in zwei Wochen, Günter“, verabschiedet sich Werner vom Portier in der Eingangshalle der Redaktion.
„Schönen Urlaub, Werner. Wo gehts denn hin?“.
„Also, jetzt erst einmal zu meinen Eltern...“, Günter lacht.
„...und dann morgen in aller Herrgottsfrühe nach Bella Italia.“
„Du bist zu beneiden.“
„Ach, Günter“, entgegnet Werner, winkt dem Portier beim Verlassen des Gebäudes noch einmal zu, und denkt sich dabei: Wenn Du nur wüsstest, wie traurig der Anlass für diese Reise ist.
Freitagnachmittag ist die Kölner Innenstadt stets überfüllt. Werner braucht eine gute halbe Stunde vom Hauptbahnhof bis zur Wohnung seiner Eltern in Ehrenfeld. Er hat auf dem Weg noch beim Metzger einen Zwischenstopp gemacht.
„Junge, da bist Du ja. Und was zu essen hast Du auch mitgebracht“, Elsa Schmitz begrüßt ihren Sohn.
„Ja, für Dich Leverwoosch und für die Männer Flönz.“
(kölsche Ausdrücke für Leber- und Blutwurst).
„Dann lass uns direkt essen, Dein Vater ist noch im Keller, er holt Kohle hoch. Es ist im Moment kalt abends, findest Du nicht?“
„Ist mir nicht aufgefallen, nein.“
„Werner! Schön, Dich zu sehen“, Paul Schmitz kommt aus dem Keller zurück.
„Hallo Papa. Setz' Dich, ich habe was zu essen mitgebracht.“
„Ich hole uns gerade zwei Kölsch.“
„Ja, und dann setz' Dich. Lasst uns essen.“
Werners Vater setzt sich zu seiner Frau und seinem Sohn.
„Und morgen früh geht’s los?“
„Ja, ich möchte schon um 03:00 fahren, es wird sehr warm morgen.“
„Gut so, Junge. Dann iss' fertig, fahr nach Hause und leg' Dich noch was hin.“
„Das werde ich machen. Prost, Papa.“
„Prost, Junge.“
„Und Du glaubst, der Arzt in Italien kann Euch helfen?“
„Ich weiß es nicht, Papa. Ich weiß es nicht.“
„Wenn es da neue Methoden gäbe, wüsste man das hier bei uns nicht längst?“
„Das denke ich eigentlich auch. Aber wir müssen es versuchen.“
„Sicher, Werner. Das Kind MUSS gesund zur Welt kommen.“
„Dafür bete ich jeden Tag“, wirft Werners Mutter ein.
Einige Zeit redet man über dieses und jenes, bis auf einmal die Türklingel ertönt.
„Bestimmt Frau Krings. Der fehlt ja dauernd irgendwas und dann kommt sie runter. Die könnte doch auch zum Reyers nebenan gehen. Der hat doch fast alles, was man so braucht, in seinem Laden“. Elsa Schmitz geht kopfschüttelnd zur Tür.
„Paul! Welch' eine Überraschung.“
„Mama! Hhmmm, hier riecht es aber gut.“
„Tja, da bist Du leider zu spät dran...komm' rein. Dein Bruder ist hier und hat Flönz und Leverwoosch mitgebracht.“
„Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich früher gekommen...“
Paul Schmitz betritt die Wohnung, umarmt seinen Vater und seinen Bruder und setzt sich auf die Couch.
„Jung', Glück für Dich, dass wir Dir was übriggelassen haben.“
„Danke, großer Bruder. Ich habe keinen richtigen Hunger. Dafür bin ich noch viel zu aufgeregt.“
„Warum?“, fragt Elsa. „Was ist passiert?“
„Nun ja...“, Paul erhebt seine rechte Hand.
„Was ist denn das? Etwa ein Ehering? Paul!“, echauffiert sich Elsa Schmitz.
„Ja, und ich bin sowas von glücklich, dass ich ihn tragen darf.“
„Aber warum...“, Elsa schüttelt den Kopf.
„Was hast Du denn da wieder gemacht, Paul? Du heiratest still und heimlich und sagst uns nichts davon“, wundert sich Werner.
„Ich muss Euch das erklären: Magda kommt ja aus Ellenz-Poltersdorf an der Mosel. Sie ist quasi bei ihrer Großmuttter aufgewachsen, weil die Eltern den ganzen Tag in den Weinbergen waren.“
„Ja? Und?“, fragt Elsa.
„Die Großmutter ist heute Morgen verstorben. Magda war es sehr wichtig, dass sie unsere Trauung noch mitbekommt. Darum warum wir vor drei Tagen zunächst auf dem Standesamt in Cochem und haben dann in der Andreas-Kirche in Poltersdorf vor Gott geheiratet. Magdas Familie hat Beziehungen, das konnte deshalb alles sehr schnell über die Bühne gehen.“
„Ich bin sprachlos. Mein schüchterner, kleiner Bruder. Und dann so ein Ding!“
„Lass' Dich drücken, Junge“, Elsa laufen die Tränen über das Gesicht.
„Und Dein Vater sagt mal wieder gar nichts.“
„Was soll ich sagen? Glückwunsch, Junge! Et hät noch immer joot jejange...“, Fritz Schmitz nimmt seinen Sohn in die Arme.
„Also, darauf müssten wir jetzt eigentlich einen trinken. Was sage ich: Einen? Einen und seine Brüder...“
„Wird nachgeholt, Werner. Ist doch wohl selbstverständlich, dass es noch eine große Feier gibt. Erstmal beerdigen wir Magdas Oma, und sobald es meiner Frau – meiner Frau, wie sich das anhört...- danach ist, sobald die erste Trauer vorbei ist, dann machen wir so richtig einen drauf.“
„Da bestehe ich drauf. Wo ich schon nicht Trauzeuge sein durfte…“
„Wie gesagt, Werner, das musste alles ganz schnell gehen. Und so haben wir Magdas Bruder und ihre beste Freundin...“
„Ist schon gut, war nur ein Scherz, Paul.“
Werner schaut auf die Uhr und erhebt sich.
„So, Ihr drei, ich weiß, ich bin unhöflich. Aber ich muss dann mal. Seit nett zueinander und macht keine Dummheiten, wenn ich weg bin.“
„Dummheiten? Das ist doch wohl eher Dein Metier, Sohnemann“, Werners Vater lacht.
„Jaja, ich denke, wie nehmen uns da nicht viel, Papa...“
„Passt auf Euch auf, Werner“, ruft Elsa Schmitz ihm hinterher.
„Verspreche ich Dir. Tschüss.“
Mittlerweile ist es Abend geworden, der Verkehr hat sich beruhigt und von Ehrenfeld nach Braunsfeld braucht Werner keine zehn Minuten.
Als er in die Toreinfahrt zur Garage einbiegt, sieht er Clarissa bereits vor derselben stehen. Sämtliche Gepäckstücke hat sie bereits aus der Wohnung in den Hinterhof geschleppt.
„Sag' mal, hast Du sie noch alle? Warum schleppst Du denn die ganzen Sachen allein hier runter?“
„Hallo Werner, der Wagen ist schnell gepackt. Ich würde sagen, wir legen uns gleich noch ein bisschen hin und fahren so gegen 05:00 los.“
„Ich würde lieber schon früher losfahren. Morgen soll es sehr warm werden.“
„Meinst Du nicht, dass wir dann zu müde sind, wenn wir noch früher aufstehen?“
„Das geht schon. Einen Tag hält man das durch. Außerdem nehmen wir ja eine große Kanne Kaffee mit.“
„Ich bin so aufgeregt, Werner.“
„Das verstehe ich, Clarissa. Hör mal...“.
„Ja?“
Werner nimmt Clarissa in den Arm.
„Du weißt, es gibt keine Garantien, dass dieser Arzt dem Kind helfen kann.“
„Nein, aber möglich ist es.“
„Ja, Clarissa. Aber es ist auch möglich, dass man dort nicht für ihn tun kann.“
„Warum sagst Du das?“
„Weil ich möchte, dass Dir bewusst ist, dass diese Möglichkeit existiert.“
„Du hast doch gehört, was Guiseppe gesagt hat. Der Arzt ist ein Spezialist auf diesem Gebiet.“
„Auch Spezialisten lösen nicht jeden Fall.“
„Red' doch nicht so. Das Kind kommt gesund zur Welt. Basta. Und jetzt lass uns nach oben gehen. Wir sollten uns früh hinlegen, damit wir morgen ausgeruht sind.“
„Leg' Du Dich schon hin. Ich schaue noch kurz die Nachrichten und trinke mir noch ein Kölsch, damit ich besser einschlafen kann.“
„Ist gut, Werner. Dann gute Nacht.“
„Gute Nacht, Clarissa.“
Werner Schmitz kann sich kaum auf die Nachrichten konzentrieren. Seine Frau setzt offenbar alle Hoffnung auf den italienischen Arzt. Werner möchte sich gar nicht vorstellen, was es in Clarissa bewirken würde, sollte man ihr in Italien nicht helfen können.
Dieser und ähnliche Gedanken verfolgen ihn bis in den Schlaf.
35
Guiseppe Scirellis Vorhaben, das noch ungeborene Kind nach der Geburt ins Pflegeheim abzuschieben, stößt bei einigen Familienangehörigen auf wenig Gegenliebe.
Trotzdem kommt es ihm nicht in den Sinn, umzudenken. Wenn das Kind schon das Licht der Welt erblickt, dann darf zumindest keiner etwas von ihm wissen, soviel steht für Guiseppe fest. So verfolgt er weiter seinen teuflischen Plan.
„Buongiorno, gentile Signora Lombardi, Guiseppe Scirelli am Apparat.“
„Buongiorno, signore Scirelli. Schön, einmal wieder von Ihnen zu hören.“
„Ich hoffe, Ihnen geht es gut und das Heim entwickelt sich so, wie Sie es sich vorgestellt haben?“
„Beide Fragen kann ich bejahen. Mir persönlich geht es blendend und was das Heim betrifft: der Ausbau geht voran und wir sind bis auf zwei Zimmer voll besetzt.“
„Das freut mich, Signora.“
„Sie wollen bestimmt wissen, wie es Ihrem Cousin geht?“
„Ähem...ja, auch, wie macht sich Alfredo denn so?“
„Er hat sich gut eingelebt und ist aufgrund seiner handwerklichen Begabungen ein Segen für unser Heim.“
„Fein. Aber das ist nicht der Grund meines Anrufes.“.
„Sondern?“
„Signora Lombardi, einen der freien Plätze würde ich gern für ein entferntes Familienmitglied in Anspruch nehmen.“
„Gern! Um wen handelt es sich denn?“
„Es geht um eine entfernte Verwandte in Deutschland. Sie ist schwanger und das Kind wird behindert zur Welt kommen.“
„Ja?!“
„Geburtstermin ist im August. Bis dahin müssen wir alles Notwendige in die Wege geleitet haben.“
„Ein Baby? Das können wir nicht aufnehmen. Wir haben weder die Räumlichkeiten noch das Personal für ein Neugeborenes.“
„Für beides werde ich sorgen. Dem Kind wird es an nichts fehlen.“
„Auch nicht an seinen Eltern, Signor Scirelli?!“
„Signora Lombardi, es geht nicht anders. Es MUSS sein.“
„Ich traue mich gar nicht zu fragen, warum.“
„Dann lassen Sie es auch. Offiziell sind die Eltern des Kindes verstorben. So vermerken Sie es auch in der Akte des Kleinen. Sie wissen wie ich, wie sehr unsere Familie das Casa di Cura finanziell unterstützt hat.“
„Ja.“
„Und selbstverständlich werde ich auch Sie persönlich für ihre Kooperationsbereitschaft mehr als angemessen bezahlen“
„Aber Signore...“
„Also: ich sorge für eine Kinderkrankenschwester und für alles, was es für das Aufwachsen des Kleinen braucht.“
„Ich halte das für keine gute Idee, Signor Scirelli.“
„Ich habe Sie nicht um Ihre Meinung gefragt, Signora Lombardi.“
„Ich weiß.“
„Ich melde mich bald wieder, um die nächsten Schritte zu besprechen.“
Grazia Lombardi legt den Telefonhörer auf die Gabel und lässt den Kopf sinken.
„Per l'amor di dio“, stöhnt sie leise.
36
Nach dem ersten Tag in der Heimat fällt Borna Krupcic völlig erschöpft ins Bett. Geschlagene vierzehn Stunden hat die Familie am Eigenheim gewerkelt, bis tief in die Dunkelheit hinein.
Am nächsten Tag plant Borna, erst am Nachmittag am Haus mitzuarbeiten. Vorher gönnt er sich einen Ausflug mit seiner Frau Ana und den Kindern an einen nahegelegenen See.
„Wenn ich bei Euch bin, merke ich erst, wie sehr ihr mir in Köln fehlt.“
„Du fehlst uns auch, Borna, und zwar jeden Tag“, Ana gibt ihrem Mann einen zärtlichen Kuss. Die Kinder spielen am Ufer des Sees, Borna schaut Ihnen verträumt zu.
„Ich könnte den beiden stundenlang zuschauen. Ich habe viel zu wenig von Ihnen, sehe sie ja kaum aufwachsen.“
„Jetzt, wo Du Dir den Flug leisten kannst, kannst Du uns zum Glück ja öfter besuchen kommen.“
„Schon, aber das ist doch nicht das Gleiche. Eine Familie gehört zusammen. Ich möchte Euch IMMER bei mir haben.“
„Ich hätte es natürlich auch lieber, wenn Du immer bei uns wärst.“
„Was hältst Du davon, wenn Ihr mich einmal in Köln besuchen kommt? Ich habe viele Überstunden gemacht und noch genug Urlaub.“
„Dich besuchen? Wie soll das denn gehen?“
„Mit dem Flugzeug ist es doch gar kein Problem.“
„Aber was das kostet...“
„Die beiden sind noch so klein, die gehen vielleicht noch als Handgepäck durch“, Borna zeigt auf seine Kinder und lacht.
„Und wo sollen wir in Köln wohnen?“
„Ein Landsmann von uns betreibt eine Gaststätte mit einem kleinen Hotel dabei, der würde uns bestimmt recht günstig ein Zimmer vermieten.“
„Ich weiß nicht, Borna.“
„Überleg' es Dir. Ich würde Dir so gerne die Stadt zeigen.“
„Kannst Du Dir vorstellen, für immer in Deutschland zu bleiben, Borna?“
“Eine schwierige Frage, Ana. Ausschließen möchte ich es nicht.“
„Ich kann mir das nicht vorstellen, Borna. Schau' Dich um, dass hier, das ist unsere Heimat.“
„Wart' erst einmal ab, bis Du Köln kennenlernst. Es gibt sehr viele Zugereiste, die wollen gar nicht mehr weg.“
„Das wird bei mir nicht der Fall sein, Borna.“
„Warte es erst einmal ab, Ana, die Stadt hat etwas magisches.“
37
Im San Maria Nuova bittet Klinikdirektor Massimo Trafalgo Oberarzt Pietro di Rossi und den Neugeborenenchirurgen Emilio Baldini zu einer Besprechung.
„Setzen Sie sich, meine Herren. Setzen Sie sich“, Dr. Trafalgo weist auf zwei Stühle.
„Danke, Direttore Trafalgo“, antworten die beiden anderen Männer.
„Sie ahnen beide, warum ich Sie sprechen will?!“
„Es geht um die Scirellis, nicht wahr?“, mutmaßt Dr. di Rossi.
„Genau. Guiseppe Scirelli hatte sich ja mit seinem Anliegen an Sie gewandt.“
„Ja.“
„Meine Herren, wir werden an diesem Krankenhaus alles Menschenmögliche versuchen, um das Kind gesund zur Welt zu bringen. Gleich nach der Ankunft des Paares aus Deutschland wird sich Dr. Baldini ein Bild vom Zustand des Embryos machen.“
„Sollten wir dem Kind nicht helfen können...“
„Ja, Direttore?“, fragt Dr. Baldini.
„Wenn das Kind behindert zur Welt kommt, wird es in einem Pflegeheim aufwachsen. Guiseppe Scirelli lässt bereits ein Zimmer im Casa di Cura in Bergamo einrichten und hat auch schon eine Kinderkrankenschwester eingestellt.“
„Und dazu konnten sich die Eltern bereits jetzt entschließen? Bevor das Kind überhaupt auf der Welt ist?“, fragt Dr.Baldini.
„Nun, ganz so ist es nicht, Dottore...“
„Ich verstehe nicht.“
„Die Familie Scirelli hat so entschieden, nicht die Eltern.“
„Das Kind kommt gegen den Willen der Eltern in ein Pflegeheim?“
„Nein, Emilio“, mischt sich Dr. di Rossi ein.
„Was denn dann?!“, Dr. Trafalgo und Dr. di Rossi schweigen.
„Soll das heißen...“, Dr. Baldini beugt sich vor, zieht die Stirn in Falten und flüstert: „Die Eltern wissen gar nichts vom Plan der Scirellis?“
„So ist es“, antwortet der Direktor.
„Direttore – warum machen Sie dabei mit?“
„Dottore, ohne die Scirellis wäre hier nichts: keine Möglichkeit, junge Ärzte auszubilden, keine Fortbildungen, keine medizinische Ausstattung auf dem neuesten Stand, keine hoch angesehenen Ärzte, die hier beste Arbeitsbedingungen vorfinden und überdurchschnittlich gut bezahlt werden, wie Sie beide und wie ich.“
„Ich weiß, dass die Familie viel für das Ospedale...“
„Viel? Das ist noch untertrieben“, unterbricht der Klinikdirektor Dr.Baldini.
„Das mag ja alles sein, aber was Sie da vorhaben, ist kriminell. Da kann ich nicht mitmachen.“
„Sie haben die Wahl, Dr.Baldini. Nur kann ich mir kaum vorstellen, dass die Scirellis es dulden, Sie weiter hier beschäftigt zu sehen, wenn Sie derjenige sind, der ihre Pläne durchkreuzt.“
„Soll das heißen?“
„Sie haben verstanden, Dr. Baldini. Unterstützen Sie uns, wenn es so kommen sollte oder Sie müssen das Klinikum verlassen.“
Pulsuz fraqment bitdi.