Kitabı oxu: «Soziologie der Migration»

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utb 2118 utb.

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Seit Jahrzehnten nehmen Migrationsbewegungen weltweit stetig zu und erfassen die gesamten Weltregionen. Die einstige Einteilung zwischen den sog. Aus- und Einwanderungsländern relativiert sich.

Viele Länder sind gleichzeitig Aus- und Einwanderungsländer. Die Anzeichen sprechen dafür, dass Migrationsbewegungen und die damit verbundenen Folgeprobleme weiter zunehmen werden.

Vor diesem Hintergrund beschreibt das vorliegende Buch einführend die komplexen Themenbereiche der Migrationssoziologie. Es vermittelt Studierenden, sozialen Fachkräften in den Migrationsdiensten und interessierten Lesern einen Überblick über migrationssoziologische Zusammenhänge und bietet eine Strukturierung und Bewertung von Themen zur Orientierung.


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1. Auflage: © Lucius & Lucius, Stuttgart 2000

2. Auflage: © Lucius & Lucius, Stuttgart 2005

3. Auflage: © Lucius & Lucius, Stuttgart 2010

© 4., unveränderte Auflage: UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2016

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UTB-Band Nr. 2118

ISBN 978-3-8463-4685-3

Vorwort

Die vorliegende 3. Auflage bringt alle verwendeten statistischen Daten auf den verfügbar neuesten Stand und berücksichtigt auch die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die die Bedingungen der nationalen und internationalen Migration aktuell beeinflussen. Dadurch wurde die Überarbeitung und Erweiterung vieler Textstellen unumgänglich, insbesondere die der Kapitel 1.3, 1.4, 1.6 und 2.2 - 2.4.

Über die positiven Rückmeldungen zu diesem Buch, insbesondere von Studierenden und Doktoranden, habe ich mich sehr gefreut und danke dafür herzlich.


Paderborn, im November 2009 Petrus Han

Inhalt

Einführung

1. Entwicklung soziologischer Migrationstheorien und Wandel der Migrationsformen seit 1945

1.1 Begriff der Migration und Grundbegriffe der Migrationssoziologie

1.2 Multikausale Determinanten der Migration und Typologisierung ihrer Formen

1.3 Migration als Selektionsprozess des Humankapitals und das Problem des „Brain Drain“

1.4 Ausgewählte soziologische Migrationstheorien

1.4.1 Anfänge und Entwicklung der Migrationsforschung

1.4.2 Migrationstheorie von Shmuel N. Eisenstadt

1.4.3 Migrationstheorie von Milton M. Gordon

1.4.4 Migrationstheorie von Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny

1.4.5 Migrationstheorie von Hartmut Esser

1.5 Transmigranten und Transnationalismus als neue Themen der Migrationsforschung

1.6 Globalisierung der Migrationsbewegungen und Diversifizierung der Migrationsformen seit 1945

1.6.1 Arbeitsmigration

1.6.2 Migration von Familienangehörigen (Familienzusammenführung)

1.6.3 Migration von Flüchtlingen

1.6.4 Migration ethnischer Minderheiten

1.6.5 Migration von Studierenden

1.6.6 Illegale Migration

2. Strukturelle Bedingungen der weltweit wachsenden Migrationsbewegungen

2.1 Bildung von Nationalstaaten und gewaltsame politische Konflikte

2.2 Dynamisches Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt und seine Auswirkungen auf Nahrungsmittelproduktion und Umwelt

2.3 Ungleiche wirtschaftliche Entwicklung der Industrie- und Entwicklungsländer und Armutsprobleme

2.4 Restriktive politische und legislative Reaktionen der Industrieländer gegenüber dem wachsenden Migrationsdruck

2.4.1 Einwanderungspolitik der traditionellen Einwanderungsländer

2.4.2 Migrations- und Asylpolitik ausgewählter europäischer Aufnahmeländer

2.4.3 Harmonisierung der Einwanderungs- und Asylpolitik in der Europäischen Gemeinschaft / Europäischen Union

3. Psychosoziale Folgen der Migration für die Migranten

3.1 Individuelle Migrationsentscheidung als Prozess

3.2 Existentielle Unsicherheit und Orientierungsstörung als Folgen migrationsbedingter Entwurzelung und Desozialisierung

3.3 Akkulturationsstress und psychosomatische Erkrankungen der Migranten

3.4 Psychosoziale Situation der Migranten als Fremde und „marginal man“ in den soziologischen Analysen von Georg Simmel, Alfred Schütz, Robert E. Park und Everett V. Stonequist

4. Marginalisierung der Migranten im Aufnahmeland

4.1 Residentiale Konzentration und Segregation der Migranten

4.2 Sektorale Konzentration der Migranten am Arbeitsmarkt

4.2.1 Theorie des „Split Labor Market“

4.2.2 Ethnische Enklavenwirtschaft, „Middleman Minority“, selbstständiges Unternehmertum, „Mixed Economy“ und „Job Transition“ von der geschlossenen Enklavenwirtschaft zur offenen „Mainstream Economy“

4.3 Ethnische Vorurteile und Diskriminierungen

4.4 Fremdenangst (Xenophobie) und gesellschaftliche Bedingungen der manifesten Fremdenfeindlichkeit

5. Pluralisierung der Gesellschaft durch Einwanderung und multikulturelle Orientierung der Eingliederungspolitik

5.1 Assimilationsmodell der Eingliederungspolitik im Übergang zum Pluralismusmodell des Multikulturalismus

5.2 Theoretische Aussagen zur Integration der Immigranten von Shmuel N. Eisenstadt, Milton M. Gordon und Hartmut Esser

5.3 Ethnische Mobilisierungen in multiethnischen Gesellschaften und theoretische Erklärungsansätze

5.4 Problematische Vorstellungen zur multikulturellen Gesellschaft in Deutschland und Gefahren der Ethnisierung der deutschen Gesellschaft

Abkürzungen

Literaturverzeichnis

Sachregister

Personenregister

Vezeichnis der Tabellen und Übersichten
Tabellen

Tabelle 1: Percentage of All Tertiary Educated Foreign-born Adults by Region of Residence and Region of Birth 2000 (2008)

Tabelle 2: Health Workers Moving to OECD Countries from Developing Countries 2006 (2008)

Tabelle 3: Proportion of Familiy Migrants among Longterm Migrants in Thousand and %, 2005 (2008)

Tabelle 4: Inflow of Asylum Seekers into Selected OECD Countries (2008)

Tabelle 5: Entscheidungen über Asylanträge-Sachentscheidungen 2001-2007 (2008)

Tabelle 6: Spätaussiedler und Spätaussiedlerinnen nach Herkunftsgebieten (2008)

Tabelle 7: All International Students 2006 (2009)

Tabelle 8: Weltbevölkerung Mitte 2008 und Bevölkerungsprojektionen in Mio. (2008)

Tabelle 9: Characteristics of Three Country Types, 2005 (2007)

Tabelle 10: Per Capita Food Consumption (kcal/person/day) (2003)

Tabelle 11: Cereal Balances, World and Major Country Groups (2003)

Tabelle 12: World’s Urban Agglomerations with Population of 10 Million or more Inhabitants in 2005 and 2015 (2007)

Tabelle 13: Labor Force Structure of the World (2008)

Tabelle 14: Labour Participation Rate and Unemployment Rate by Sex in Selected OECD Countries (2008)

Tabelle 15: Economically Active Population Estimates and Projections (EAPEP) (2009)

Tabelle 16: Weltbevölkerung 2008 nach Alter und in % (2008)

Tabelle 17: 20 Länder mit höchstem und 20 Länder mit niedrigstem Bruttonationaleinkommen (GNI) pro Kopf im Jahre 2007 (2009)

Tabelle 18: New Memberstates of European Union: Population, GNI per Capita, Consumer Prices and Current Account Balance (2009)

Tabelle 19: Jährliche Gesamtzahl der polizeilich registrierten fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttaten unmittelbar vor und nach der deutschen Vereinigung (1987-1994) (1996)

Tabelle 20: Zahl der zugewanderten Aussiedler und Asylsuchenden unmittelbar vor und nach der Änderung des Verfassungsrechts auf Asyl im Art.16 des GG (1993)

Übersichten

Übersicht 1: Typologie der Migration nach William Petersen

Übersicht 2: Phasen des Assimilationsprozesses von Milton M. Gordon

Übersicht 3: Veränderung des Migrationspotentials aufgrund veränderter Konstellationen von kulturellen und strukturellen Distanzen zwischen den nationalen Einheiten in der Weltgesellschaft

Übersicht 4: Grundmodell der Assimilation von Wanderern

Übersicht 5: Vorläufige Systematik zentraler Begriffe der Forschung zur transnationalen Migration

Übersicht 6: Existentielle Unsicherheit und Orientierungsstörung als Folgen migrationsbedingter Entwurzelung und Desozialisierung

Übersicht 7: Strategien der Akkulturation und ihre Ergebnisse

Übersicht 8: Begriffliche Dimensionen der Eingliederung von Wanderern von Hartmut Esser

Übersicht 9: Prozesshafte Entwicklung ethnischer Mobilisierungen

Einführung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nehmen die Migrationsbewegungen weltweit stetig zu und erfassen die gesamten Weltregionen, so dass heute kaum eine Region von dieser Entwicklung unberührt bleibt. Im Jahr 2005 erreichte die Zahl der Migranten weltweit 191 Millionen, während sie bereits im Jahr 2008 die Schwelle von 200 Millionen überstieg. Zwischen 2000 und 2005 sind jährlich 3,3 Mio. Menschen aus den Entwicklungsländern in die Industrieländer ausgewandert. Man rechnet damit, dass diese Zahl zwischen 2005 und 2010 jährlich bei etwa 2,5 Mio. und zwischen 2010 und 2050 jährlich etwa bei 2,3 Mio. liegen wird (IOM, 2008, 2, 36, 80). Es wird davon ausgegangen, dass die Zahl der Migranten bis zum Jahr 2050 auf 230 Mio. ansteigen wird (vgl. UN, 2002/1; IOM, 2003, 5). Neu bei dieser Entwicklung ist die zirkulierende Fließrichtung der Migrationsbewegungen. Die einstige Einteilung zwischen den sog. Aus- und Einwanderungsländern relativiert sich. Viele Länder sind zeitgleich Aus- und Einwanderungsländer. Dabei findet ein Prozess der Diversifizierung der Migrationsbewegungen in dem Sinne statt, dass ihre Formen zunehmend differenzierter werden. Migration entwickelt sich zu einem globalen Phänomen, so dass von einem „age of migration“ (vgl. Stephen Castles, Mark J. Miller, 1993, 3) gesprochen wird.

Soziologie der Migration als Forschungsrichtung der speziellen Soziologie ist keineswegs neu. Sie bildete bereits in den 1920er Jahren einen Forschungsschwerpunkt der Soziologie an der Universität Chicago/USA. Sicherlich ist es kein Zufall, dass diese Disziplin bisher in dem größten Einwanderungsland, den USA, und in den anglophonen Einwanderungsländern ihre theoretische und empirische Akzentuierung und Fortentwicklung erfahren hat und noch erfährt. Dagegen ist sie in Deutschland, von da aus zwischen 1820 und 1930 fast 6 Mio. Menschen nach Nordamerika ausgewandert sind, bis in die 1970er Jahre kaum bekannt. Sie gewinnt ihre fachliche Aufmerksamkeit erst im Zusammenhang mit der Einwanderung großer Zahlen von Arbeitsmigranten seit der Mitte der 1950er Jahre und mit den von ihr zeitlich versetzt eintretenden sozialen Problemen in den 1970er Jahren. In der Bundesrepublik Deutschland beginnt die sporadische Rezeption der Migrationssoziologie erst in den 1980er Jahren. Seit den 1990er Jahren nehmen in der Bundesrepublik Deutschland die Forschungen über selektive Themen der Zuwanderungsproblematik in ihrem Umfang zu. Sie bleiben jedoch als Einzelforschungen weitgehend unkoordiniert und ohne integralen Theorieansatz.

Vor diesem Hintergrund wurde das vorliegende Buch als Einführung in die komplexen Themenbereiche der Migrationssoziologie konzipiert. Anlass dazu waren die Erfahrungen des Autors mit Studierenden und Mitarbeitern in den Migrationsdiensten, mit denen er in Lehr- und Fortbildungsveranstaltungen über Fragen aus dem Themenkomplex der Migration arbeitete. Ausgangspunkt dieser Diskurse bildete die Zuwanderungssituation in der Bundesrepublik Deutschland im unmittelbaren Zusammenhang mit den globalen Entwicklungstendenzen der Migrationsbewegungen.

Absolut gesehen verzeichnete Deutschland seit den 1980er Jahren die größte Zuwanderung in Europa, die wesentlich aus der anhaltenden Zuwanderung der Familienangehörigen von Arbeitsmigranten, deutschstämmigen Aussiedlern und Asylsuchenden bestand. Die Folgen dieser Zuwanderung waren vielfältig. Deutlich wurde insbesondere, dass die Zahl der Ausländer trotz des generellen Anwerbestopps von Arbeitsmigranten 1973 und trotz der restriktiven Verschärfung der legislativen Bestimmungen der Zuwanderung kontinuierlich gestiegen war. Diese Entwicklung war auch in allen europäischen Nachbarländern zu beobachten. Sie wurde von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung mit diffusen Ängsten und wirtschaftlich begründeten Sorgen beobachtet. Zu Beginn der 1990er Jahre löste sie sogar gewalttätige fremdenfeindliche Reaktionen aus, die nicht nur dem internationalen Ansehen Deutschlands schadeten, sondern auch die interethnischen Beziehungen belasteten.

Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre geht die Zahl der Zuwanderer in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund der restriktiven Zuwanderungspolitik kontinuierlich zurück. Dennoch blieb die Frage der gesellschaftlichen Integration der Zuwanderer ungelöst. Die Fachkräfte in den Migrationsdiensten, die mit der professionellen Betreuung und Beratung von Migranten unterschiedlicher ethnischer Herkunft beauftragt sind, suchen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und problemorientiertem Fachwissen aus der Migrationsforschung. Zudem nimmt an den Hochschulen die Zahl der Studierenden und Doktoranden der 2. und 3. Generation der Aussiedler und Arbeitsmigranten zu, die sich in ihren Examens- und Promotionsarbeiten auch mit der eigenen familialen Migrationsgeschichte auseinandersetzen.

Ein weiterer Anlass zu dem vorliegenden Buch war die zunehmende Bedeutung, die der Autor der Migrationsthematik beimisst. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass die Migrationsbewegungen und die damit verbundenen Folgeprobleme weiter zunehmen werden. Die fortschreitende Liberalisierung und Globalisierung im Personen-, Waren- und Kapitalverkehr werden zu wachsenden internationalen Verflechtungen der Nationalstaaten im politischen, wirtschaftlichen, soziokulturellen und ökologischen Bereich führen. Diese Entwicklung bedeutet faktisch die kontinuierliche Zunahme der Migrationsbewegungen von Arbeitskräften. Die Fortentwicklung von Informations-, Kommunikations- und Transporttechnologien erleichtert und fördert nicht nur die Globalisierung von Politik und Wirtschaft, sondern auch die der Migrationsbewegungen. Menschen können heute nicht nur große geographische Entfernungen relativ schnell und kostengünstig überwinden, sie werden auch laufend über die Lebensbedingungen in anderen Ländern informiert, so dass ihr Informationsstand über die „Push-und-Pull-Faktoren“ ständig verbessert wird. Die wachsenden strukturellen Ungleichheiten zwischen Nord und Süd bzw. zwischen Ost und West werden den allgemeinen Migrationsdruck auf die wenigen Industrieländer weiter erhöhen. Die Bemühungen der Industrieländer, dem weltweit wachsenden Migrationsdruck durch restriktive Verschärfung ihrer legislativen und administrativen Maßnahmen zu begegnen, werden zwangsläufig zu steigenden illegalen Migrationsbewegungen führen. Auf der anderen Seite werden die politischen und wirtschaftlichen Gemeinschaftsbildungen von Nationalstaaten (z.B. EU, NAFTA, AFTA, APEC, ASEAN) die regionale Integration der Länder vorantreiben und dadurch in wachsendem Ausmaß regionale Migrationsbewegungen innerhalb der jeweiligen Gemeinschaften auslösen.

Vor dem Hintergrund der Zuwanderungssituation in der Bundesrepublik Deutschland und der weltweit zunehmenden Migrationsbewegungen hat das vorliegende Buch das Ziel, Studierenden, Mitarbeitern in den Migrationsdiensten und interessierten Lesern einen strukturierten Überblick über migrationssoziologische Zusammenhänge zu vermitteln. Es handelt sich um eine selektive Zusammenfassung, Strukturierung und Bewertung von Themen, die den Lesern umfassende und praxisnahe Orientierung bieten sollen.

Der inhaltliche Aufbau des Buches folgt dabei, um vorab einen Überblick zu geben, einer Konzeption, in der versucht wird, Begriffe, Ursachen, Verläufe, Folgen und Perspektiven der Migration in der Reihenfolge der Nennung zu thematisieren. Dadurch soll sich aus der Summe der behandelten Themen ein abgerundetes Bild des Migrationsvorganges, angefangen von dem individuellen Entscheidungsprozess über die physische Emigration aus dem Herkunftsland bis zur schwierigen und prozesshaft verlaufenden wirtschaftlichen und psychosozialen Eingliederung in die Einwanderungsgesellschaft, ergeben. Unter Berücksichtigung dieser Konzeption sind in den einzelnen Kapiteln folgende Inhalte thematisiert.

Im ersten Kapitel werden, ausgehend von der Klärung des Migrationsbegriffes, grundlegende und in der migrationssoziologischen Literatur häufig angewandte Grundbegriffe vorgestellt, um die Leser in die Begriffssprache einzuführen. Im Anschluss daran werden die multikausale Verursachung der Migration und die dadurch stattfindende Selektion der Migranten exemplarisch aufgezeigt, um dann vor dem Hintergrund der grundlegenden Charakterisierung des Migrationsgeschehens die Entwicklung migrationssoziologischer Theorien sowie die vielfältigen Formen der Migration vorzustellen. Themen des zweiten Kapitels sind makrostrukturelle Bedingungen (Bildung von Nationalstaaten, Bevölkerungswachstum, Umweltzerstörung, ungleiche wirtschaftliche Entwicklungen, Armutsprobleme, restriktive politische Reaktionen der Industrieländer), die die weltweiten Migrationsbewegungen in der Gegenwart auslösen. Im dritten Kapitel folgt die Analyse von Phasen des individuellen Entscheidungsprozesses zur Migration und den mit der Migration verbundenen Risiken und Folgeproblemen für die einzelnen Migranten, um die psychosoziale Verfassung der Migranten in ihrer Aufnahmegesellschaft verständlich zu machen. Das übergreifende Thema im vierten Kapitel ist die Lebenssituation der Migrantengruppe in der Aufnahmegesellschaft. Dabei handelt es sich um die Arbeits- und Wohnungsmarktsituation der Migranten und um die Probleme der ethnischen Vorurteile, Diskriminierungen und Fremdenfeindlichkeit, die teilweise durch die residentiale und berufliche Konzentration der Migranten provoziert werden. Im abschließenden fünften Kapitel werden die langfristigen strukturellen Veränderungen der Aufnahmegesellschaft in den Blick genommen, die durch eine große Zahl von Immigranten eingeleitet werden. Die zu diesem Zweck behandelten Themen sind: Richtungswechsel der Eingliederungspolitik, migrationssoziologische Theorieansätze zur Integration, Erklärungsansätze zur zunehmenden ethnischen Mobilisierung und Vorstellungen zur multikulturellen Gesellschaft in Deutschland.

Mit dieser subjektiven Themenwahl hat der Autor die ihm wesentlichen Aspekte angesprochen, ihre theoretischen Zusammenhänge dargestellt und Praxisbezüge aufgezeigt. Das vorliegende Buch versteht sich als Einführung und soll grundlegende Orientierung zu wichtigen Themenbereichen der Migrationssoziologie geben. Hier sei noch darauf hingewiesen, dass die Begriffe „Migrant“ und „Immigrant“ in Anlehnung an den englischen Sprachgebrauch für die migrierenden und immigrierenden Frauen und Männer verwendet werden.

Ich danke meiner Frau Anne Han für ihre Unterstützung und ihre konstruktiven Anregungen bei der Durchsicht dieses Manuskriptes.

1. Entwicklung soziologischer Migrationstheorien und Wandel der Migrationsformen seit 1945

Migrationsbewegungen sind in allen Zeiten zu beobachten. Sie sind fester Bestandteil der Kulturgeschichte der Menschheit. Ihre Formen haben sich im Laufe der Zeit kontinuierlich mit den Veränderungen der soziokulturellen und materiellen Lebensbedingungen der Menschen gewandelt. Ihre Vielfalt lässt sich am Beispiel der Wanderbewegung in der Sammler- und Jägerkultur, der Nomaden- und Völkerwanderung, der unfreiwilligen Massenauswanderung der Arbeitskräfte aus Afrika nach Nordamerika (Sklavenhandel im 17. und 18. Jahrhundert) und der freiwilligen Massenauswanderung der Arbeitskräfte aus dem indischen Subkontinent in die Kolonialgebiete und der transatlantischen Massenauswanderung der Europäer im 18. und 19. Jahrhundert nach Nordamerika dokumentieren. Der historische Beleg der freiwilligen Massenauswanderung von Arbeitskräften aus dem indischen Subkontinent ist in der Rekrutierung von 12 bis 37 Mio. „indentured worker“ durch die „Britisch East India Company“ zu sehen. Die rekrutierten Arbeiter mussten sich für eine vertraglich vereinbarte Zeit zur Arbeit verpflichten, um ihre Überfahrtkosten abzuarbeiten. Im Gegensatz zu der langen Geschichte der Migrationsbewegungen beginnen die wissenschaftliche Befassung und Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Migration erst seit den 1920er Jahren in den USA mit den ersten systematischen soziologischen Migrationsforschungen an der Universität Chicago. Das Ziel dieses Kapitels ist es, ausgehend von einer Begriffsklärung der Migration, in komplexe Zusammenhänge multikausaler Determinanten der Migration, in ausgewählte soziologische Migrationstheorien und in die sich zunehmend diversifizierenden Migrationsformen einzuführen.

1.1 Begriff der Migration und Grundbegriffe der Migrationssoziologie

Der Begriff der Migration stammt von dem lateinischen Wort „migrare bzw. migratio“ (wandern, wegziehen, Wanderung). Er ist in den letzten Jahren, beeinflusst durch das weltweit verwendete englische Wort „migration“, sowohl in der deutschen Alltagssprache als auch in der Begriffssprache der Sozialwissenschaften heimisch geworden. In diesem Buch wird er, so weit wie möglich, anstelle des deutschen Begriffes der Wanderung gebraucht, um die Mehrdeutigkeit des Letzteren und die evtl. damit verbundenen Missverständnisse auszuschließen.

In den Sozialwissenschaften werden unter dem Begriff der Migration allgemein solche Bewegungen von Personen und Personengruppen im Raum (spatial movement) verstanden, die einen dauerhaften Wohnortwechsel (permanent change of residence) bedingen. Die internationale statistische Erfassung der Migrationsbewegungen hat bis 1950, angelehnt an die Empfehlung der UN, einen Wohnortwechsel als dauerhaft und damit als Migration erfasst, wenn er länger als ein Jahr dauerte. Ab 1960 wurde ein Wohnortwechsel, der länger als fünf Jahre anhielt, als Migration erfasst (vgl. Charles F. Longino Jr., 1992, 975; William Petersen, 1972, 286). Nach der revidierten Empfehlung der UN zur statistischen Erfassung der internationalen Migranten von 1998 werden nun diejenigen Personen als Migranten erfasst, die zumindest für die Zeitspanne von einem Jahr (for a period of at least a year) den ständigen Wohnsitz (usual residence) von ihrem Herkunftsland in ein anderes Land verlegen (vgl. IOM, 2003, 296).

Dagegen wird in Deutschland das Kriterium der Dauerhaftigkeit des Wohnortwechsels bei der statistischen Erfassung der Migrationsbewegungen als erfüllt angesehen, wenn die Migration mit einem tatsächlichen Wohnsitzwechsel verbunden ist. Dabei ist unerheblich, ob die Migrationsbewegungen freiwillig oder unfreiwillig erfolgen. Mit dem Wohnortwechsel ist der Wechsel des Wohnsitzes von einer Gemeinde A zu einer Gemeinde B gemeint, d.h. der neue Wohnort muss in einer anderen politischen Wohngemeinde liegen, um diese räumliche Bewegung von Menschen als Migration bezeichnen zu können (vgl. W. A. V. Clark, 1986, 20; Wolfgang Mälich, 1989, 875).

Das Kriterium des dauerhaften Wohnortwechsels ist auch für die soziologische Begriffsbestimmung der Migration konstitutiv, unabhängig davon, ob dieser Wechsel von Migranten selbst gewollt ist oder nicht. Räumliche Bewegungen von Personen und Personengruppen, die nicht mit einem dauerhaften Wechsel des Wohnortes verbunden sind, der über die bisher ansässigen politischen Gemeindegrenzen hinausgeht (z.B. Reisende, beruflich bedingte Pendelbewegungen von Arbeitnehmern, Umzüge innerhalb derselben politischen Gemeinde), werden begrifflich nicht dem Phänomen der Migration zugerechnet (vgl. Rudolf Herberle, 1955, 2). Nach dem Begriffsverständnis der Sozialwissenschaften wird damit nicht jede räumliche Bewegung von Personen und Personengruppen als Migration bezeichnet (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 54).

Die Migrationsbewegungen der Menschen werden, wie das nächste Kapitel 1.2 zeigen wird, durch eine Vielzahl zusammenhängender Ursachen und Zwänge kultureller, politischer, wirtschaftlicher, religiöser, demographischer, ökologischer, ethnischer und sozialer Art ausgelöst. Sie sind in der Regel das Ergebnis eines Zusammenspiels von mehreren Ursachen, die sowohl auf der gesellschaftlich strukturellen als auch auf der persönlich individuellen Ebene angesiedelt werden können. Migration kann selten monokausal erklärt werden. Die vielschichtigen Ursachen sind oft so miteinander verwoben und vermengt, dass eine eindeutige Trennung der freiwilligen von der unfreiwilligen Migration kaum möglich ist. Darüber hinaus ist Migration immer ein Prozess, der, beginnend von der Vorbereitung über den faktischen Verlauf bis hin zu einem vorläufigen Abschluss, in einem langen zeitlichen Kontinuum stattfindet. Der vollzogene Wohnortwechsel ist zwar ein sichtbares Zeichen, aber keineswegs der Endpunkt der Migration. Es kann gesagt werden, dass der wesentlich zeitintensivere und schwierigere Teil der „inneren psychosozialen Migration“ erst nach der „äußeren physischen Migration“ beginnt.

Bei der theoretischen Erfassung und Differenzierung des Migrationsprozesses von Personen und Personengruppen in der sozialwissenschaftlichen Fachliteratur finden daher die motivationale (Beweggründe und Aspirationen), die räumliche (geographische Distanz und die mit der zunehmenden Entfernung steigende Fremdheit von Kultur, Sprache, Gewohnheiten), die zeitliche (dauerhaft bzw. vorübergehend) und die soziokulturelle (gesamtes neues Lebensumfeld) Dimension der Migration besondere und teilweise fachlich unterschiedlich gewichtete Berücksichtigung (vgl. J. A. Jackson, 1986, 4).

Im Folgenden werden grundlegende Begriffe geklärt, die im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Begriff der Migration verwendet werden. Weitere Begriffsklärungen werden in den jeweiligen Kapiteln vorgenommen.

a) Binnenmigration (internal migration)

Wenn die Verlegung des ständigen Wohnsitzes von einer politischen Gemeinde in eine andere, die sich innerhalb gleicher nationalstaatlicher Grenzen (within the boundaries of a given country) befindet, erfolgt, wird diese als Binnenmigration bezeichnet (vgl. Charles F. Longino, Jr., 1992, 974; Ludwig Neundörfer, 1961, 497). Bezogen auf eine Gemeinde, in der die Zu- und Wegzüge der Wohnbevölkerung stattfinden, wird in der Fachliteratur englischer und deutscher Sprache zwischen der „in-migration“, d.h. die Migration in die Gemeinde und der „out-migration“, d.h. die Migration aus der Gemeinde unterschieden (vgl. David M. Heer, 1996, 538). So wird beispielsweise die Migration von Menschen aus den ländlichen Gegenden in städtische Regionen als „rural out-migration“ bezeichnet. Oft wird für die Zuwanderung in eine Gemeinde/in ein Land der Begriff „in-flow“, für die Abwanderung aus einer Gemeinde/aus einem Land der Begriff „out-flow“ verwendet.

b) Internationale Migration (international migration)

Findet die Verlegung des Wohnsitzes der Migranten dauerhaft oder vorübergehend zwischen den Nationalstaaten statt, wird diese als internationale bzw. grenzüberschreitende Migration bezeichnet (vgl. David M. Heer, 1992, 984; Alfred Kruse, 1961, 503). Dabei wird die Immigration (Einwanderung) von der Emigration (Auswanderung) unterschieden. Die Unterscheidung zwischen Binnenmigration und internationaler Migration dient eher statistischen, formalrechtlichen (z.B. bei der Anerkennung des Flüchtlingsstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention) und theoretischen Zielsetzungen und weniger der tatsächlichen Differenzierung des Migrationsgeschehens. Die formale Zuordnung ist relativ, weil sie durch die Verschiebung bzw. Auflösung nationalstaatlicher Grenzen korrigiert werden muss. Das faktische Migrationsgeschehen ist so gesehen von seiner statistischen bzw. formalen Einordnung zu trennen. Der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion, die Entstehung der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS bzw. CIS: Commonwealth of Independent States) und die dadurch ausgelösten grenzüberschreitenden Migrationsbewegungen zwischen den 15 Nachfolgestaaten sind Beispiele dafür, wie relativ die formale Unterscheidung zwischen nationaler und internationaler Migration sein kann.

c) Migrationsstrom (migration stream)

Mit diesem Begriff bezeichnet man die Richtung der Migrationsbewegungen von einem bestimmten Ausgangsort (Auswanderungsort) zu einem bestimmten Zielort (Einwanderungsort) hin. Diese Richtungsangabe kann auf einen konkreten Ort (specific stream) oder auf ein konkretes typologisches Gebiet (typological stream), wie z.B. die Migration in eine städtische Region, bezogen sein. Der Migrationsstrom kann sowohl in der Binnenmigration als auch in der internationalen Migration durchaus von einem Gegenstrom (counterstream) begleitet sein (vgl. Charles F. Longino, Jr., 1992, 975). In der Zeit der Frühindustrialisierung emigrierten Menschen aus den ländlichen Regionen mit bäuerlicher Wirtschaftsstruktur in die städtischen Ballungsgebiete mit neu entstehender industrieller Wirtschaftsstruktur. Diese sog. Landflucht hält bis in die Gegenwart hinein in vielen Regionen der Welt weiter an, weil die städtischen Regionen insgesamt bessere Chancen und Bedingungen im Bereich der Ausbildung, Beschäftigung, Freizeit, Kultur und Infrastruktur bieten. Es ist jedoch auch zu beobachten, dass die Zahl umweltbewusster Menschen zunimmt, die ihren Wohnsitz aus dem städtischen in den ländlichen Raum verlegen. Im internationalen Bereich ist zu beobachten, dass Arbeitsmigranten aus den wenig entwickelten in die hochentwickelten Länder emigrieren, während umgekehrt immer mehr Manager und hochqualifizierte Fachberater aller Fachrichtungen die temporäre Migration von den hochentwickelten Industrieländern in die Entwicklungsländer antreten, um dort für eine begrenzte Zeit beim wirtschaftlichen Aufbau mitzuhelfen.

d) Migrationsvolumen und Migrationssalden bzw. -bilanzen

Die Summe der Zu- und Abwanderung von Menschen innerhalb eines Gebietes und einer bestimmten Zeit wird als Migrationsvolumen bezeichnet, während die Gewinne und Verluste, die eine Bevölkerung eines bestimmten Gebietes in einer bestimmten Zeit durch die Migration erfährt, als Migrationssalden bzw. Migrationsbilanz bezeichnet werden. Die „Netto-Migration“ (net migration) ist die Differenz zwischen den Zahlen der Zu- und Abwanderungen. Die Gewinne bzw. Verluste der Bevölkerung, die durch die Migrationsbewegung eintreten, werden als „positive bzw. negative Netto-Migration“ bezeichnet (vgl. Rudolf Heberle, 1955, 9; Charles F. Longino, Jr., 1992, 975).

e) Mobilitätsziffer

Unter dem Begriff der Mobilitätsziffer versteht man die Summe der Ein- und Auswanderungen von Menschen eines Gebietes bezogen auf die Bevölkerung per Tausend, d.h. das Verhältnis des Migrationsvolumens eines Gebietes zu seiner Bevölkerung, ausgedrückt per Tausend (vgl. Wolfgang Mälich, 1989, 880). Die Mobilitätsziffer eines Gebietes darf jedoch nicht direkt mit der Durchschnittsmobilität seiner Bewohner gleichgesetzt werden, weil deren Intensität berufsspezifisch unterschiedlich ist. Allgemein besteht die Tendenz, dass die Angehörigen der freien Berufe (z.B. Unternehmer, selbstständige Ärzte, Anwälte) sesshafter sind als abhängige Lohnarbeiter und Angestellte. Die sachgerechte Interpretation der Mobilitätsziffern setzt daher die Berücksichtigung der berufsspezifischen Zusammensetzung der Zu- und Abwanderung voraus (vgl. Rudolf Heberle, 1955, 11-13)

f) Kettenmigration (chain migration)

Unter dem Begriff der Kettenmigration versteht man eine Form der Migration, in der die Pioniermigranten ihren Familienangehörigen oder Bekannten aus dem Primärgruppenkreis im Herkunftsland nachfolgende Migrationen ermöglichen. Die nachkommenden Migranten werden durch persönliche Informationen (z.B. Briefe, Erfolgsberichte, Erzählungen, Informationen zu Bechäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten) und materielle Hilfen (z.B. Überweisung der Fahrtkosten aus eigenem Ersparnis, Besorgung von Unterkunft und Arbeit) zur Migration motiviert, während und nach der Migration begleitet (vgl. Charles Tilly und Harold C. Brown, 1967, 142; Harvey M. Choldin, 1973, 175). Indem auf diese Weise einer nachfolgenden Migration die nächste folgt und dadurch eine Mehrzahl von Menschen sukzessiv den bereits im Ausland lebenden nahen und fernen Familienangehörigen, Bekannten, ehemaligen Nachbarn oder Landsleuten folgt, entsteht im übertragenen Sinn eine Kette von Migrationen.

„chain migration can be defined as that movement in which prospective migrants learn of opportunities, are provided with transportation, and have initial accommodation and employment arranged by means of primary social relationships with previous migrants.“ (John S. MacDonald und Leatrice D. MacDonald, 1974, 227).

Die Pioniermigranten stammen überwiegend aus Großfamilien bzw. erweiterten Familien (extended families), weil diese von ihrer Alters-, Geschlechts- und Generationsstruktur sowie von ihrer finanziellen Situation her eher in der Lage sind, die Migrationskosten zu tragen und den migrationsbedingten Ausfall von produktiven Arbeitskräften zu verkraften (vgl. Harvey M. Choldin, 1973, 164). Die Kettenbeziehungen (the chain relationships) können jedoch über die Verwandtschaftsbeziehungen hinaus auch zwischen den Menschen entstehen, die gleicher Herkunft sind und ähnliche wirtschaftliche Interessen verfolgen. So wurden bei Untersuchungen italienischer Einwanderer in den USA drei Formen der Kettenmigration festgestellt. Eine Form der Kettenmigration süditalienischer Migranten war die, die durch sog. „padroni“, eine Art von Vermittlern, organisiert wurde. Die „padroni“ vermittelten amerikanischen Arbeitsgebern italienische Arbeitskräfte und erhielten dafür ihre Provision. Sie boten den Neuankömmlingen verschiedene Dienstleistungen an, um diese in Abhängigkeitsbeziehung zu halten. Das „Padroni-System“, das einst die Funktion des traditionellen Familien- und Verwandtschaftssystems übernommen hatte, verlor seine Bedeutung, als die Arbeitergewerkschaften direkte Verhandlungen mit den Arbeitnehmern führten. Eine weitere Form der Kettenmigration entwickelte sich durch die Männer, die ohne ihre Familien allein eine temporäre Arbeitsmigration angetreten haben (serial migration of breadwinners). Da sie nicht die Absicht hatten, dauerhaft in den USA zu bleiben, und da sie nicht sozial isoliert in der Fremde arbeiten wollten, unterstützten sie die Arbeitsmigration anderer Männer aus der Heimat, so dass eine Kettenmigration von Familienvätern (bzw. Familienernährern/breadwinners) ausgelöst wurde. Eine dritte Form der Kettenmigration bestand aus dem späteren Nachzug der Familien (delayed family migration) dieser Arbeitsmigranten. Als eine Folge der Massenemigration von Arbeitskräften aus Süditalien trat dort eine Inflation ein, die durch Geldüberweisungen der italienischen Arbeitsmigranten aus den USA ausgelöst wurde. Die Arbeitsmigranten stellten bald fest, dass es für sie kostengünstiger war, ihre Familien nachzuholen statt sie regelmäßig in Italien zu besuchen. Der Familiennachzug hatte außerdem einen zusätzlichen finanziellen Vorteil, weil die Frauen durch ihre Erwerbsarbeit das Familieneinkommen verbessern konnten. Die Kettenmigration aus Süditalien hat nicht nur zur Entstehung von „Little Italies“ in den USA, sondern auch zu dem Phänomen der „chain occupations“ geführt, indem die Pioniermigranten die nachfolgenden Migranten in die gleiche Arbeitsmarktnische vermittelten, in der sie selbst beschäftigt waren. Dieser Vorgang wiederholte sich bei den nachfolgenden Neuankömmlingen, so dass die Kettenmigranten sukzessiv der gleichen Arbeitsmarktnische zugewiesen wurden (vgl. John S. MacDonald und Leatrice D. MacDonald, 1974, 230-232).

Die Kettenmigration, die besonders oft bei den aus südeuropäischen Ländern stammenden Einwanderern in Australien und in den USA beobachtet wurde (vgl. Charles Price, 1969, 210), wurde in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts eingehend untersucht. Sie ist eine persönlichere Migrationsform im Gegensatz zu den kommerziell organisierten (z.B. Rekrutierungsagenturen) Migrationen (vgl. John S. MacDonald und Leatrice D. MacDonald, 1974, 227).

Ein Beweggrund der Pioniermigranten, die Kettenmigration zu fördern, ist die Einsamkeit, die sie fernab der Heimat in der fremden Umgebung besonders intensiv spüren und die oft durch die persönlich erlebten Diskriminierungen, Erniedrigungen und Enttäuschungen zusätzlich verstärkt wird. Für sie ist die Aufrechterhaltung ihrer sozialen Bindungen und Beziehungen zur Heimat überaus wichtig. Zudem suchen sie im Aufnahmeland Kontakte zu Menschen gleicher Herkunft und bauen soziale Netzwerke auf, um einen „Heimatersatz“ zu schaffen. In vielen Fällen wird die ursprünglich vorgesehene Verweildauer im Ausland verlängert, weil die persönlich gesetzten wirtschaftlichen Ziele nicht wie geplant zu erreichen sind. Aus einer temporären wird somit oft eine permanente Migration.

Die Entstehung ethnischer Gemeinschaften im Aufnahmeland, die prozesshafte Entscheidung zur permanenten Migration und die Einsamkeit sind wesentliche Gründe für die „Pioniermigranten“, ihre Familienangehörigen und Bekannten aus der Heimat nachzuholen (vgl. Charles Price, 1968, 7). Für die nachfolgenden Familienangehörigen und Bekannten bedeutet die Kettenmigration eine vorbereitete und relativ risikofreie Migration, die die Angst vor der Unsicherheit in der Fremde relativiert und zugleich die Verbesserung der Lebensbedingungen verspricht.

g) „Push-Faktor“ und „Pull-Faktor“

Der Migrationsvorgang ist ein komplexer Prozess, der von seiner Entstehung und von seinem Ablauf her durchgehend multikausal und multifaktorial bestimmt wird. Es wird somit überaus schwierig bzw. kaum möglich, eine exakte Trennungslinie zwischen den freiwilligen und unfreiwilligen Migrationen zu ziehen. Ihre auslösenden Ursachen bestehen im Regelfall aus einer komplizierten Mischung von objektiv zwingenden exogenen Faktoren und subjektiv unterschiedlich begründeten Entscheidungen. Ein klassischer Erklärungsansatz der komplexen und multikausalen Bestimmungsfaktoren der Migration besteht darin, dass man diese in Anlehnung an das sog. Gravitationsmodell in die zwei Gruppen der „Push-“ und „Pull-Faktoren“ einteilt. Das Gravitationsmodell der Migration geht auf „The laws of migration“ von Ernest George Ravenstein im Jahre 1885 zurück (vgl. J. A. Jackson, 1986, 13-16), die er in Analogie zu den Gravitationsgesetzen der Physik entwickelt hat. Er vertritt dabei die These, dass ein inverser Zusammenhang zwischen Migrationshäufigkeit und geographischer Entfernung besteht, d.h. dass die Zahl der Migrationsfälle mit zunehmender Entfernung abnimmt. Diese These wurde dadurch begründet, dass die Migrationskosten (z.B. Umzugskosten, Mobilitätskosten, Eingewöhnungskosten, soziale Kosten bei der generellen Umstellung im Aufnahmeland) mit wachsender Entfernung größer werden. Mit der wachsenden Entfernung nimmt auch die allgemeine Information über die Zielregion ab, so dass eher eine nah als weit entfernt gelegene Region von den Migranten als Zielort gewählt wird (vgl. Wolfgang Mälich, 1989, 880). Aus heutiger Sicht ist diese These zu revidieren, weil die Migrationshäufigkeit heute mehr von den restriktiven politischen und legislativen Bestimmungen der Aufnahmeländer abhängt und weniger von der geographischen Entfernung und Informationsgewinnung.

Nachdem Everett S. Lee die Bedeutung der „Push- und Pull-Faktoren“ der Migration in seiner Migrationstheorie differenziert dargestellt hat (vgl. Everett S. Lee, 1966, 49-56), werden unter den „Push-Faktoren“ (Druckfaktoren) all die Faktoren des Herkunftsortes bzw. -landes der Migranten zusammengefasst, die diese zur Emigration (Auswanderung) zwingen. Dabei kann es sich um politische und religiöse Verfolgung, wirtschaftliche Krisen, zwischenstaatliche Kriege, Bürgerkriege, Umwelt- und Naturkatastrophen handeln, um nur einige Beispiele zu nennen. Unter den „Pull-Faktoren“ (Sogfaktoren) werden dagegen all die Faktoren des Aufnahmeortes bzw. -landes der Migranten zusammengefasst, die diese zur Immigration (Einwanderung) anreizen und motivieren. Anziehungsfaktoren sind z.B. politische Stabilität, demokratische Sozialstruktur, religiöse Glaubensfreiheit, wirtschaftliche Prosperität und bessere Ausbildungs- und Verdienstmöglichkeiten.

Es wird allgemein angenommen, dass die „Push- und Pull-Faktoren“ vor dem Hintergrund der modernen Informations-, Kommunikations- und Transportmöglichkeiten wachsende Bedeutung für die individuelle Migrationsentscheidung erhalten (vgl. Reinhard Lohrmann, 1989, 137; Sidney Weintraub, Chandler Stolp, 1987, 139). In einer Zeit der Nachrichtenübermittlung per Satellit werden Menschen, die im entferntesten Winkel der Welt leben, tagtäglich ohne zeitliche Verzögerung über Ereignisse und Lebensbedingungen in aller Welt informiert. Sie haben durch die verschiedenen modernen Kommunikationsmöglichkeiten unmittelbare und schnelle Kontakte mit emigrierten Verwandten, Bekannten und Landsleuten, die aus erster Hand zuverlässige und nützliche Auskünfte vermitteln. Die schnellen und teilweise preisgünstigen modernen Transportmöglichkeiten ermöglichen heute sogar armen Menschen große räumliche Entfernungen relativ problemlos zu überbrücken (vgl. Antonio Golini, Corrado Bonifazi, 1987, 133).

Die Aussagekraft dieser „Push- und Pull-Faktoren“ ist jedoch im konkreten Einzelfall zu überprüfen, weil die Migranten in ihrer Entscheidung nicht immer an dem logisch rational erwartbaren Vorteil (z.B. objektiv vorhandene bessere Verdienstmöglichkeiten in einem Land als „Pull-Faktor“), sondern oft mehr an den sozialen und emotionalen Bindungen (z.B. Gemeinschaft mit den Verwandten und Bekannten) orientiert sind. Der bewusste Verzicht auf den objektiv erwartbaren Vorteil mag irrational erscheinen. Für die Migranten können jedoch emotionale Sicherheit und soziale Einbindung wichtiger sein als der ökonomische Vorteil, wie die Kettenmigration dokumentiert.

h) Migrationssystem (migration system) und Migrationsnetzwerke (migration networks)

Die Begriffe der Kettenmigration und “Push- und Pull-Faktoren“ betonen implizit die aktive Rolle der einzelnen Individuen im Migrationsprozess. In der Kettenmigration sind die einzelnen Pioniermigranten diejenigen, die einen Migtionsstrom auslösen, während bei den „Push- und Pull-Faktoren“ die Migration als eine Folge der rationalen individuellen Entscheidung unterstellt wird. Die Rolle der Sende- und Empfängerländer bei der Bestimmung der Größe, Richtung, Komposition und Dauer des Migrationsstroms bleibt dagegen unberücksichtigt. Die Migrationsforschung in den 1980er Jahren, die von einem systemisch-strukturellen Ansatz ausging, war bestrebt, die Zusammenhänge zwischen den Sende- und Empfängergesellschaften sowie dem Migrationsstrom aufzuzeigen. Sie ging dabei von der Existenz des Migrationssystems (migration system) aus, das durch die engen historischen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verbindungen (linkages) zwischen zwei oder mehreren territorial getrennten Gesellschaften gebildet wird. Die Migration wird dabei nicht auf die individuelle Entscheidung zurückgeführt, sondern als das Ergebnis der Interaktionen aller Faktoren angesehen, die die Sende- und Empfängerländer zu einem Migrationssystem miteinander verbinden. Sie wird durch die historisch entstandenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Sende- und Empfängerländer konditioniert. Sie ist somit nicht das Resultat individueller Entscheidung, sondern ein soziales Produkt (migration as a social product), das in seiner Größe, Komposition, Dauer und Fließrichtung kontingent bleibt (vgl. Monica Boyd, 1989, 640-641).

Migrationsnetzwerke (migration networks) sind eine der „linkages“, die die Sende- und Empfängerländer der Migranten zu einem Migrationssytem verbinden (vgl. Monica Boyd, 1989, 641). Sie bestehen aus interpersonellen Bindungen (interpersonal ties), die über Raum und Zeit hinweg die Migranten mit Menschen aus ihrem Herkunftsland auf der Basis der Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen sowie der gemeinsamen Herkunft miteinander verbinden. Durch sie wird die Möglichkeit zur Migration größer, weil sie die erwarteten Gewinne der Migration sicherer erscheinen lassen, indem sie einerseits die Kosten der Umsiedlung reduzieren und andererseits bessere Verdienstmöglichkeiten am Zielort versprechen. Die Migrationskosten umfassen dabei die Reisekosten (Kosten für Transport und Unterkunft), die Informations- und Suchkosten (Kosten bei der Suche nach Arbeit), die Opportunitätskosten (Verdienstausfall während der Reise und Arbeitssuche) und die psychischen Kosten (Kosten bei der Überwindung von Problemen, die mit dem Verlassen der vertrauten Lebensumgebung und mit der Eingewöhnung in der fremden Umgebung verbunden sind). Diese Kosten sind bei der grenzüberschreitenden Migration größer als bei der Binnenmigration. Sie werden jedoch entscheidend reduziert, wenn der potentielle Migrant zu sozialen Netzwerken am Zielort Zugang hat. Jeder Migrant senkt die Kosten der nachfolgenden Migration für die Verwandten bzw. Freunde. Die progressiv zunehmenden Migrationsnetzwerke setzen daher einen sozialen Mechanismus der kumulativen Verursachung (cumulativ causation) der Migration in Gang und lassen von einer bestimmten Schwelle an die Migration zu einem selbsterhaltenden (self-sustaining) Prozess werden. Dies ist auch Erklärung dafür, warum die Migration unabhängig von den wirtschaftlichen Bedingungen, von denen sie ausgelöst wurde, weiter fortdauert (vgl. Douglas Massey, 1988, 396-397). Dagegen haben die Pioniermigranten die vollen Kosten zu tragen, weil sie nicht durch die vorhandenen Migrationsnetzwerke entlastet werden können. Für sie ist daher die Migration wesentlich teuerer. Dies ist auch Grund dafür, warum sie in der Regel aus der relativ vermögenden sozialen Mittelschicht stammen. Für sie ist die Migration oft ein strategisches Mittel gegen den drohenden sozialen und wirtschaftlichen Abstieg (vgl. Patricia R. Pessar, 1982, 351-353).

Das Alltagswort „Wanderung“ bzw. „Wandern“ ist in der deutschen Sprache mehrdeutig. Es wird unter anderem auch im Sinne eines „Spazierengehens“ gebraucht, so dass Günther Albrecht an seiner Stelle die Verwendung des Begriffs der „geographischen Mobilität“ vorschlägt (vgl. Günther Albrecht, 1972, 23). In der Tat stellen die räumlichen Bewegungen eine Form der Mobilität dar. Zudem ist das Vorhandensein der grundsätzlichen Bewegungsfreiheit (Reisefreiheit) die Grundvoraussetzung der Migration. Berücksichtigt man darüber hinaus den Sachverhalt, dass die Migration durchgehend die soziale Stellung der Migranten innerhalb der Aufnahmegesellschaft verändert, könnte der Gedanke naheliegen, den Migrationsvorgang im Zusammenhang mit der sozialen Mobilität im Sinne von Pitirim A. Sorokin zu sehen (vgl. J. A. Jackson, 1986, 74-75). Eine nähere Betrachtung seiner Theorie zeigt jedoch, dass ein theoretischer Zusammenhang zwischen Migration und sozialer Mobilität nur indirekt und interpretativ herzustellen ist.

Unter dem Begriff der sozialen Mobilität versteht Pitirim A. Sorokin die Veränderung (shifting/transition) der sozialen Position des Individuums innerhalb eines sozialen Raumes (social space).

„By social mobility is understood any transition of an individual or social object or value - anything that has been created or modified by human activity - from one social position to another.“ (Pitirim A. Sorokin, 1964, 133).

Er unterscheidet den sozialen von dem geometrischen Raum. Die Nähe der Menschen in einem geometrischen Raum (geometrical space) kann unter Umständen eine unüberbrückbare Distanz im sozialen Raum bedeuten (z.B. Herr und Knecht), während umgekehrt große Distanz in einem geometrischen Raum große Nähe im sozialen Raum (z.B. geographisch getrennt lebende Brüder) bedeuten kann. Der soziale Raum ist dabei ein von Menschen bevölkertes Universum. Die soziale Position des Individuums innerhalb dieses sozialen Raumes wird durch die Gesamtheit seiner Beziehungen zu anderen Menschen bestimmt (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 3-6).

Sorokin reduziert die komplizierten und pluralen Beziehungen der Menschen in einem sozialen Raum auf die horizontale und vertikale Dimension. Die Beziehungen zwischen Menschen und Gruppen werden dabei entweder horizontal auf der gleichen Ebene (as situated on the same honrizontal level) oder vertikal hierarchisch übereinander liegend (hierarchically superimposed upon each other) gesehen (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 8). Der Begriff der sozialen Mobilität besteht dabei aus der vertikalen und horizontalen Mobilität. Die Menschen können auf der vertikalen Ebene auf- und absteigen, so dass sie dadurch die Möglichkeit haben, ihre sozialen Positionen zu verbessern bzw. zu verschlechtern. Dagegen bringt die horizontale Mobilität nur die territoriale Veränderung auf gleichem horizontalem Niveau mit sich, so dass sie keine Veränderung sozialer Positionen bewirkt (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 136).

Die differenzierte Zuordnung der Menschen in die hierarchisch eingeteilten Klassen auf der vertikalen Dimension des sozialen Raumes bezeichnet er als soziale Stratifikation (social stratification). Sie besteht wesentlich aus drei Einzelstratifikationen, aus der politischen, der ökonomischen und der beruflichen Stratifikation (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 11).

Er thematisiert die territoriale Mobilität bzw. territoriale Migration (territorial mobility/territorial migration) als eine besondere Form der horizontalen Mobilität (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 381-382). Mit anderen Worten ist für ihn die Veränderung sozialer Positionen innerhalb der sozialen Stratifikation der Gesellschaft kein Thema bei der Behandlung der territorialen Mobilität. In seiner Konzeption der horizontalen Mobilität geht er nur von der räumlichen Veränderung der Menschen aus, die ohne Veränderung ihrer sozialen Position bleibt. Er thematisiert lediglich die Folgen des mit der territorialen Mobilität verbundenen Wohnsitzwechsels auf die Psyche des Menschen (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 508).

Zusammenfassend kann Folgendes festgehalten werden: Pitirim A. Sorokin bezeichnet zwar die horizontale und vertikale Mobilität als zwei Hauptformen der sozialen Mobilität, er setzt aber seinen theoretischen Schwerpunkt auf die vertikale Mobilität. Für ihn ist daher der Begriff der sozialen Mobilität fast ein Synonym für die vertikale Mobilität. Der Kernaspekt der sozialen Mobilität ist die Veränderung der sozialen Position in der sozialen Stratifikation der Gesellschaft (vgl. Kurt Horstmann, 1976, 104).

Im Mittelpunkt der Migration steht dagegen der Wohnortwechsel und nicht der Wechsel der sozialen Position der Migranten innerhalb der sozialen Stratifikation der Gesellschaft. Es wäre daher irreführend, wollte man die Migration als eine Form der sozialen Mobilität bezeichnen. Die Migration bewirkt jedoch oft die vertikale Aufwärts- bzw. Abwärtsmobilität der Migranten innerhalb der Sozialstruktur der Aufnahmegesellschaft, weil sie zwangsläufig zur Neubewertung der beruflichen Qualifikationen führt. Die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt und die neue soziale Position innerhalb der sozialen Stratifikation der Aufnahmegesellschaft hängen entscheidend von dieser Neubewertung ab (vgl. Günther Albrecht, 1972, 139, 141). Berücksichtigt man jedoch die Vielzahl von unfreiwillig erfolgenden Formen der Migration, bei der die Veränderung sozialer Positionen nur einen Nebeneffekt darstellt, dürfte die primäre Zielsetzung der Migration nicht generell und nicht immer in der beabsichtigten Veränderung unbefriedigender sozialer Positionen der Migranten gesehen werden. Diese kann als Folge der Migration eintreten, ohne von den Migranten direkt intendiert zu werden. Die Migration als geographische Mobilität mit einem dauerhaften Wohnortwechsel ist daher von der sozialen Mobilität im Sinne der vertikalen Mobilität nach Pitirim A. Sorokin zu unterscheide

1.2 Multikausale Determinanten der Migration und Typologisierung ihrer Formen

Die Vorstellung, dass Menschen sesshaft sind, ist nur im oberflächlichen Sinn zutreffend. In der Realität bleiben sie selten ein Leben lang dort, wo sie geboren sind. Sie sind in Bewegung und ständig auf der Suche nach neuen und besseren Lebensbedingungen und Lebensoptionen. Der amerikanische Soziologe Robert E. Park hat bereits in den 1920er Jahren die These vertreten, dass die Fortschritte in der Geschichte und die Prozesse der Zivilisation nur durch kontinuierliche Migrationsbewegungen von Menschen und die dadurch eintretenden Vermischungen von Völkern und Kulturen möglich geworden sind. Er bezeichnet die Migrationsbewegungen, die einschneidende Veränderungen und Fortschritte in Kultur und Zivilisation brachten, als historische Bewegungen (the historical movement). Zivilisation ist dabei das Ergebnis von Kontakt und Kommunikation der Menschen, die im Zuge solcher historischen Migrationsbewegungen zusammenkamen und gezwungen waren, zu konfrontieren und zu kooperieren. Für ihn ist daher die Untersuchung der Migrationsprozesse identisch mit der Verfolgung von Spuren der Kultur und Zivilisation (vgl. Robert E. Park, 1928, 883; Petrus Han, 1990, 129).

Eine der schwierigsten Aufgaben der Migrationsforschung ist jedoch die theoretische Erfassung und Systematisierung der Gründe von Migrationsentscheidungen und der dadurch ausgelösten Migrationsbewegungen. Mehrere Gründe machen diese Schwierigkeiten aus. Zuerst ist der Migrationsvorgang ein hochkomplexer Vorgang (vgl. Kurt Horstmann, 1969, 141), der selten monokausal verursacht wird. Die genaue Identifizierung der einzelnen Determinanten der Migration aus einer Vielzahl von kausalen Bedingungsfaktoren ist kaum möglich. Sie würde dazu noch eine schwierige methodische Herausforderung darstellen. Zweitens lässt die Veränderung der historischen Kontexte, die die jeweiligen epochalen Migrationsschübe einzelner Weltregionen auslösen, kaum allgemeingültige Aussagen zu, die über die singuläre Analyse hinausgehen. Letztlich muss die Tatsache berücksichtigt werden, dass der Migrationsvorgang oft nicht rational begründet werden kann. Dies ist häufig dann der Fall, wenn sich die Migration zu einer sozialen Massenbewegung entwickelt, so dass sich Menschen auch ohne triftige individuelle Gründe von einer allgemeinen Stimmung mitreißen lassen.

Die im 17. und 18. Jahrhundert beginnende transatlantische Emigration von Deutschland nach Nordamerika, die anfänglich in kleinen Familienverbänden begonnen hatte, entwickelte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer Massenauswanderung. Zwischen 1820 und 1930 wanderten etwa 5,9 Mio. Deutsche in die USA aus. Zwischen 1846 und 1857 und zwischen 1864 und 1873 sind jeweils mehr als 1 Mio. Deutsche nach Nordamerika ausgewandert. Die größte Welle der Massenauswanderung fand zwischen 1880 und 1893 statt, mit dem Spitzenwert von 1,8 Mio. deutschen Auswanderern (vgl. Klaus Bade, Hrsg., 1992, 148). Diese Massenauswanderung ist ein anschauliches Beispiel für die hier postulierte These der Multikausalität des Migrationsvorganges. Im Folgenden soll dieses Beispiel näher beschrieben werden, um die komplexen Zusammenhänge und Bedingungfaktoren des Phänomens der Migration exemplarisch zu analysieren.

Die oben erwähnte Massenauswanderung von Deutschland nach Nordamerika hatte ihre Ursachen unter anderem in der bedrückenden Armut und Not im gesamten bäuerlich-handwerklichen Bereich, die durch die Uberbevölkerung verursacht wurde. Die Bevölkerung in Deutschland war seit der Mitte des 18. Jahrhunderts durch die stetig steigende Geburtenrate und sinkende Sterberate kontinuierlich gewachsen. Die Bevölkerungszahl betrug 1740 etwa 18 Mio., vermehrte sich bis 1800 auf 24 Mio., bis 1856 auf 36 Mio. und erreichte 1900 bereits 56 Mio. Sie betrug 1939 etwa 69 Mio. Während in Großbritannien um 1800 nur jeder dritte Beschäftigte in der Landwirtschaft tätig war, arbeiteten im gleichen Zeitraum in Deutschland sieben bis acht von zehn Beschäftigten in der Landwirtschaft (vgl. Rolf Engelsing, 1973, 100, 107).

Während die Vollbauernhöfe durch die Realteilung des Bodens, d.h. die sukzessive Aufteilung des Bodens unter den Erben, immer mehr verkleinert wurden und kaum eine ausreichende Familienwirtschaft erlaubten, stand für den agrarischen Flächenausbau kein zusätzlicher Raum zur Verfügung. Die Ertragssteigerung durch die Dreifelderwirtschaft reichte zur Existenzsicherung der wachsenden Bevölkerung nicht aus. Darüber hinaus führten die Ablösegesetze zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die im Zuge des langwierigen Prozesses der Bauernbefreiung erlassen wurden, in Süd- und Westdeutschland zur hohen Verschuldung der bäuerlichen Betriebe. Das traditionelle Handwerk, wie Hausweberei, Glaserei und Druckerei, das einen Teil des Bevölkerungsüberschusses absorbierte, war, trotz der rigorosen Restriktionen der Zünfte, nicht nur hoffnungslos überbesetzt, sondern in seiner Existenz unmittelbar von der Nachfrage aus dem agrarischen Bereich abhängig. Die Krise der Landwirtschaft führte daher zur Krise des Handwerks. Die Situation verschlechterte sich zusätzlich durch die vermehrte Neugründung von Betrieben nach der Einführung der Gewerbefreiheit um 1850 und durch die Errichtung von Fabriken ab etwa 1860 (vgl. Friedrich Lütge, 1966, 433-453; Rolf Engelsing, 1973, 108-111; Peter Assion, 1989, 258-259).

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Überbevölkerung und des Pauperismus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts suchten viele verarmte Menschen in Deutschland einen Ausweg durch die Emigration nach Nordamerika. Ab etwa 1825 stieg allmählich die Zahl der Emigranten, wobei die ersten Migrationswellen aus relativ vermögenden Bevölkerungsgruppen bestanden, die der Politik Fähigkeit und Kraft zur Problemlösung absprachen und durch ihre Emigration vor der drohenden Verarmung flüchteten. Ab etwa 1843/1844 begann dann die Armenauswanderung mit einer steil nach oben schnellenden Zahl. Die Armenauswanderung aus Teilen Nordwestdeutschlands setzte ein, als die Hausweberei, die für viele besitzlose Heuerlinge den Broterwerb sicherte, der aufkommenden Textilindustrie zum Opfer fiel. Ab den späten 1860er Jahren folgte dann die Emigration der armen Landbevölkerung aus dem Osten Deutschlands, als die bäuerlichen Kleinwirtschaften durch die Landabtretungen an den Adel (Bauernbefreiung) neben den großen Gutsbetrieben nicht mehr bestehen konnten und darüber hinaus Verdienstverluste durch die Mechanisierung der Landwirtschaft erlitten. Schließlich folgte die Emigration der Kleinbauern im Süden und Westen Deutschlands, die durch die Grundlastenablösung infolge der Ablösegesetze hoch verschuldet waren, als die Wein-, Getreide- und Kartoffelmissernten ihre Existenzgrundlage endgültig zerstörten. Bis in die 1850er Jahre hinein blieben somit Baden, Württemberg, die bayerische Pfalz und die hessischen Staaten Zentren der Emigrationsbewegung (vgl. Peter Assion, 1989, 259).

Wie skizziert, bildet die Migration den Endpunkt eines Zusammenspiels von demographischen (Bevölkerungswachstum, Überbevölkerung), soziokulturellen (Migration als soziale Massenbewegung und Amerikafieber), politischen (Bauernbefreiung, Ablösegesetze und Versagen der Politik), wirtschaftsstrukturellen (überwiegend landwirtschaftliche Monokultur, die keine Ausweichmöglichkeit zuliess) und produktionstechnischen (Mechanisierung der Landwirtschaft und Textilerzeugung) Faktoren. Wie aufgezeigt, ist es nicht möglich, aus diesen komplexen Beeinflussungsfaktoren nur einen einzigen Faktor herauszugreifen und für die Massenauswanderung dieser Zeit verantwortlich zu machen. Ein monokausaler Erklärungsversuch würde zu unvollständigen Teilerklärungen bzw. Verzerrungen der Realität führen.

Zu diesen objektiven Bedingungen kommen die subjektiven Faktoren der Emigranten hinzu. Die Briefe, die die Auswanderer den Zurückgebliebenen in Deutschland schrieben, machen deutlich, dass sie die komplexen Zusammenhänge zwischen demographischer Entwicklung und ökonomischer Krise sowie die Relation zwischen Verelendung und Bevölkerungskrise nicht durchschauen konnten. Die Verantwortlichkeit für die wirtschaftliche Misere wurde personalisiert und als selbstverschuldet bewertet. Nach einer durch die Emigration erreichten Verbesserung der Lebensbedingungen sprachen paradoxer Weise die Auswanderer diejenigen von der Verantwortung frei, die die desolaten Verhältnisse in Deutschland verursacht und zudem davon persönliche Vorteile hatten. Die Emigration der Armen wurde zu einer Massenbewegung, die einerseits Amerika als Land der Hoffnungen und Wünsche glorifizierte (Amerika-Utopie des 19. Jahrhunderts) und andererseits das Bild von Deutschland als Land der Armut, Unfreiheit, Sklaverei und des Elends negativ prägte (vgl. Peter Assion, 1989, 260, 263-264; Klaus Bade, Hg., 1992, 150-157).

Die theoretische Erfassung und Systematisierung der Migrationsgründe sind, wie oben aufgezeigt, allgemein schwierig. In der einschlägigen Literatur werden statt konkreter Kausalanalysen der Migration allgemeine und umfassende strukturelle Bedingungen jeweiliger Gesellschaften genannt. Diese Bedingungen sind im wesentlichen politische (z.B. Verfolgung, gesetzlich verankerte Diskriminierung), soziokulturelle (z.B. Vorurteile und Stereotypen gegenüber Angehörigen von Minderheiten und ihre soziale und institutionelle Ausgrenzung), wirtschaftliche (z.B. niedrigerer materieller Lebensstandard, Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, fehlende soziale Sicherung), ökologische (z.B. Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Dürren), religiöse (z.B. Verbot freier Religionsausübung und religiöse Verfolgung), ethnische (z.B. Spannungen zwischen ethnischen Gruppen, ethnische Homogenisierungspolitik wie „ethnische Säuberung“), kriegerische (z.B. Bürgerkriege, zwischenstaatliche Kriege) Bedingungen, die bei näherer Betrachtung letztendlich für die Entstehung des komplizierten Ursachenbündels der Migration sowie für ihre wechselseitigen „Push-Pull-Beziehungen“ verantwortlich sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Ursachenforschung überflüssig ist. Die Erfassung und Systematisierung der Migrationsgründe werden von der Migrationsforschung nach wie vor angestrebt, um das Phänomen der Migration analytisch differenzierter erforschen und dadurch Ansätze für Migrationstheorien gewinnen zu können. Im Folgenden wird exemplarisch eine Typologie der Migrationsformen von William Petersen (vgl. William Petersen, 1958, 256-266) mit dem Ziel vorgestellt, die unterschiedlichen Anlässe der Migrationsbewegungen in einer theoretischklassifikatorischen Zusammenfassung aufzuzeigen. Diese theoretischen Zusammenfassungen erleichtern die weitere fachliche Auseinandersetzung. Die Auswahl dieser Typologie erfolgt dennoch primär unter dem Aspekt der pragmatischen und illustrativen Brauchbarkeit und weniger unter dem ihrer theoretischen Gültigkeit.

William Petersen beginnt seine Abhandlung über die allgemeine Typologie der Migration mit einer Kritik an der Typologie von Henry P. Fairchild, der die Migrationen in folgende vier Typen einteilt (vgl. Henry P. Fairchild, 1925, 13 ff; William Petersen, 1958, 257):

a) „Invasion“: Die Überflutung eines höheren Kulturgebietes durch Krieger mit niedrigerer Kultur (z.B. der Einfall der Goten in Rom).

b) „Conquest“: Die gewaltsame Eroberung eines Gebietes durch Menschen mit höherer Kultur.

c) „Colonization“: Die Besiedlung eines neu entdeckten bzw. dünn besiedelten Gebietes durch ein etabliertes und forschrittliches Staatswesen.

d) „Immigration“: Die individuell motivierte und friedliche Migrationsbewegung der Menschen zwischen den Staaten, die eine annähernd gleich hohe Stufe der Zivilisation erreicht haben.

Diese Typologie der Migration von Henry P. Fairchild basiert nach der Auffassung von William Petersen auf zwei Kriterien: Auf dem der Niveauunterschiede der Kultur und auf dem der friedlichen bzw. kriegerischen Art der Bewegung. Petersen kritisiert, dass Fairchild mit seinem ersten Kriterium faktisch die Gefahr des Ethnozentrismus herbeiführt. Weiterhin kritisiert er seine undeutliche und missverständliche Begriffsverwendung „friedlich bzw. kriegerisch“. Er ist entschieden gegen einseitige psychologische All-Aussagen (psychological universals), die entweder den Menschen „Wanderlust“ oder Sesshaftigkeit unterstellen. Er will vielmehr unter Berücksichtigung der individuellen Wunschvorstellungen (migrants level of aspiration) den Unterschied klären, warum bestimmte Menschen wandern und bestimmte nicht. Zu diesem Zweck führt er zwei Charakterisierungen der Migrationsziele (innovative und konservative) ein, um auf deren Grundlage seine Typologie der Migration zu entwickeln (vgl. William Petesen, 1958, 258):

a) „Innovating“: Wenn Migration als Mittel zur Erlangung von etwas Neuem unternommen wird: „Some persons migrate as a means of achieving the new. Let us term such migration innovating.“

b) „Conservative“: Wenn Migration als Reaktion auf Veränderung benutzt wird, um den alten Zustand wiederherzustellen: „Others migrate in responce to a change in conditions, in order to retain what they have had.“

Aufgrund dieser beiden Charakterisierungen entwickelt William Petersen 5 Migrationstypen (primitive, forced, impelled, free, mass migration):

1) „Primitive migration“

Diese bedeutet nicht die Migration primitiver Menschen, sondern die Migration, die durch das Unvermögen der Menschen, die Mächte bzw. Gewalt der Natur unter Kontrolle zu bringen, d.h. unter dem Druck der Natur (ecological push), ausgelöst wird. Aufgrund der engen Wechselbeziehung zwischen dem Niveau der technischen Entwicklung und der damit zusammenhängenden Kontrollmöglichkeit der Naturmächte ist dieser Typus der Migration besonders häufig bei primitiven Kulturen. Er ist überwiegend konservierend, weil Menschen hier vorrangig auf der Suche nach Plätzen waren, die die Beibehaltung ihrer alten Lebensgewohnheiten erlaubten (z.B. Suche nach Weideland für die Viehzucht). Die Völker- und Seewanderung, die Wanderung der Sammler und Nomaden zählen auch zu diesem Typus der Migration. Diese konservierende Migration trat in früheren Zeiten auch durch die Überbevölkerung ein, für die der begrenzte Ertrag des Bodens nicht ausreichte. Dagegen stellt z.B. die Landflucht (flight from land) der Menschen in die Städte in der modernen Zeit durchweg eine innovative Migration dar, weil die Migranten hier bewusst städtische Lebensräume suchen, um ihren Lebensstil grundlegend zu verändern.

2) „Forced and impelled migration“

Die Ursache primitiver Migration ist ökologischer Druck. Dagegen ist der Auslöser der Zwangsmigration der Staat bzw. die ihm funktional äquivalenten sozialen Institutionen. Dabei wird die Zwangsmigration als veranlasste Migration (impelled) bezeichnet, wenn die Migranten eine gewisse Entscheidungsmacht über ihre eigene Migration behalten konnten, während sie als erzwungene (forced) Migration bezeichnet wird, wenn die Migranten bezüglich ihrer Migration keine Entscheidungsmacht hatten. Als historisches Beispiel werden die durch antisemitische Gesetze und Aktivitäten veranlasste Emigration der Juden aus Nazideutschland in den Jahren 1933 bis 1938 sowie ihre erzwungene Deportation in die Konzentrationslager in den Jahren 1938 bis 1945 angeführt.

Ein weiteres Kriterium für die Bestimmung des Typus der „forced and impelled migration“ ist die Funktion der Migration, die nicht von den Migranten selbst, sondern von den die Migration auslösenden Institutionen bestimmt wird. So sind alle Arten der Flucht (flight) Formen der veranlassten (impelled) Migration, die wesentlich mit konservierender Zielsetzung stattfinden. Dagegen waren die Verschiffung afrikanischer Sklaven nach Nordamerika und die zwangsweise Rekrutierung von Arbeitskräften zur Kriegswirtschaft in Nazideutschland historische Beispiele der erzwungenen (forced) Migration, die unter innovativer Zielsetzung der Betreiber erfolgten. Diejenigen, die die erzwungene Migration überlebt haben, werden wegen ihrer passiven Rolle als „displaced person“ bezeichnet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Alliierten die Bezeichnung „Displaced Persons“ (DPs) eingeführt, um die ausländischen Zwangsarbeiter, die in der Kriegswirtschaft eingesetzt waren, zu bezeichnen. 1944 gab es insgesamt 10,5 - 11,7 Mio. DPs mit rund 20 Nationalitäten und über 35 verschiedenen Sprachen, die ohne alliierte Unterstützung nicht heimkehren oder eine neue Heimat finden konnten (vgl. Wolfgang Jacobmeyer, 1992, 368).

3) „Free migration“

Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Typen steht im Mittelpunkt der freien Migration die persönliche Entscheidung als zentrale Grundlage zur Migration. Die transatlantische Pioniermigration aus Europa nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert wird als ein historisches Beispiel für diesen Typus genannt.

4) „Mass migration“

Diese Migrationsform beginnt in kleinem Umfang und entwickelt sich zu einer sozialen Bewegung. Die Masse wird vom Migrationsfieber angesteckt. Wenn die Migration zum sozialen Muster wird, dann spielt die Frage nach der individuellen Motivation kaum eine Rolle, weil hier die Migration Anderer zum Grund der Migration wird. Dann genügt ein kleiner Anlass, jemanden zur Migration zu bewegen. Unmittelbare Folgen der so induzierten Massenmigration sind die Entvölkerung der Herkunftsregion und die Besiedlung (settlement) und Urbanisierung neuer Gebiete.

Die Massenmigration regt in der Regel die Verbesserung des Transportwesens an, die die Migration erleichtern soll. Neue Strassen und Häfen werden gebaut und Technologien für den Transport entwickelt. Dadurch werden sowohl die geographischen Entfernungen als auch die sozialen Distanzen kleiner. Proportional dazu nimmt die Angst vor dem Risiko der Migration ab. In dem Ausmaß, in dem immer mehr Menschen emigrieren und neue Siedlungen und Städte im Zielland errichtet werden, wird auch der Anpassungsdruck für neue Migranten niedriger. Die transatlantische Massenmigration von Europa nach Nordamerika im 19. Jahrhundert, die von dem sog. Amerikafieber begleitet wurde, ist ein Beispiel dafür.


Trotz einiger Kritik (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 60-64; Günther Albrecht, 1972, 29) gibt die Typologie der Migration von William Petersen eine gute Zusammenfassung der unterschiedlichen Formen und komplexen Gründe der Migration wieder (vgl. Charles Price, 1969, 195). Sie vermittelt in ihrer Zusammenfassung eine gute Orientierung.

Die weltweit deutlich zunehmenden Migrationsbewegungen seit 1945 zeigen in ihren vielfältigen Ursachen, strukturellen Entstehungsbedingungen und Erscheinungsformen einen grundlegenden Wandel an, für dessen theoretische Erfassung die von William Petersen aufgestellte klassifikatorische Einteilung nicht ausreicht. Eingehende Ausführungen zur angedeuteten Diversifizierung der Migrationsformen und ihrer strukturellen Entstehungsbedingungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgen im Kapitel 1.6 sowie im Kapitel 2.

1.3 Migration als Selektionsprozess des Humankapitals und das Problem des „Brain Drain“

Der Vorgang der weitgehend vereinzelten Migrationsbewegungen in der modernen Welt ist in mehrerer Hinsicht ein Selektionsvorgang, der sowohl durch die aktive Rolle der Migranten selbst als auch durch die spezifischen Aufnahmekriterien der Zielländer in Gang gesetzt wird.

Unabhängig von den individuellen Migrationsmotiven ist generell zu beobachten, dass die Menschen, die sich zur Migration entschließen, überwiegend aus mittleren Alterskohorten stammen. Es sind überwiegend junge Männer und Frauen im gesunden und produktiven Alter, die Mut zum Risiko haben und von den Zielländern unter arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Gesichtspunkten bevorzugt werden. Eine der neuesten Entwicklungen bei den weltweiten Migrationsbewegungen besteht darin, dass der Anteil junger Frauen kontinuierlich steigt und fast die Hälfte aller Migranten ausmacht (vgl. IOM, 2008, 32). Vor diesem Hintergrund ist von der „Feminisierung der Migration“ (feminization of migration) die Rede (vgl. Stephen Castles, Mark J. Miller, 1993, 8; IOM/UN, 2000, 7, 49; Petrus Han, 2003, 57-60). In den Migrationsbewegungen findet somit eine geschlechts- und altersspezifische Selektion statt (vgl. W. A. V. Clark, 1986, 21; J. A. Jackson, 1986, 79). Dabei kommt die altersspezifische Selektion der Arbeitskräfte durch die Migration wirtschaftlich primär den Aufnahmeländern zugute, weil sie für diese eine Vergrößerung der produktiven Bevölkerung (Erhöhung des Produktionsfaktors der Arbeit) bedeutet, die umittelbar zur wirtschaftlichen Wertschöpfung und Vermehrung des Wohlstandes beiträgt. Dagegen bedeutet die Migration junger Menschen für die Herkunftsländer einen wirtschaftlichen Verlust, da die produktiven Arbeitskräfte verloren gehen und die ältere und konsumtive Bevölkerung zurückbleibt (vgl. Alfred Kruse, 1961, 511).

In den Migrationsbewegungen erfolgen oft weitere Selektionen der Migranten nach rassischen, ethnischen und religiösen Kriterien, die die Einwanderungspolitik der einzelnen Aufnahmeländer aufstellen. Ein Beispiel rassischer Selektion ist in der Einwanderungsgeschichte Australiens zu finden. Die überwiegend britischen Einwanderer Australiens haben bis in die 1960er Jahre hinein die Einwanderungspolitik unter rassistischem Gesichtspunkt beeinflusst. Das erste Gesetz zur Einschränkung der Einwanderung (The Immigration Restrict Act von 1901) und die damit zusammenhängende „Politik des Weißen Australiens“ (White Australia Policy) gehen auf den Einfluss der Mehrheit der Bevölkerung mit britischer Herkunft zurück. Dies führte zur rassischen Selektion der Einwanderer, so dass bis 1966 die Einwanderer aus Nordeuropa bevorzugt aufgenommen, während Einwanderer aus Südeuropa und Asien kaum zugelassen wurden (vgl. Stephen Castles, 1990, 45-46).

Ähnliche Muster der rassischen, ethnischen und religiösen Selektion der Migranten sind auch in der Einwanderungsgeschichte und -politik der USA zu finden. Von 1820 bis 1983 sind insgesamt 51,4 Mio. Menschen aus allen Teilen der Welt in die USA eingewandert. 71 % dieser Einwanderer (36,5 Mio.) waren Europäer (vgl. Luciano Mangiafico, 1988, 6). Von 1880 bis 1892 wanderten allein von Deutschland fast 1,8 Mio. Menschen in die USA aus. Bei dieser Massenemigration der Europäer markiert das Jahr 1882 insofern einen Wendepunkt, als die zahlenmäßige Dominanz der Einwanderer aus Nord- und Westeuropa (England, Irland, Deutschland, Frankreich, Holland und skandinavische Länder), die sog. „old migration“, durch die neu einsetzende zahlenmäßige Dominanz der Einwanderer aus Süd- und Osteuropa (Italien, Portugal, Polen, Griechenland, slawische Länder und Juden), die sog. „new migration“, abgelöst wurde (vgl. J. W. Vander Zanden, 1966, 29). Diese Wende sorgte in den USA für große soziale Spannungen und religiös-ethnisch begründete Unruhen, weil die Einwanderer aus Nord- und Westeuropa eine Verdrängung der überwiegend protestantischen und anglo-teutonischen Grundelemente in den USA durch überwiegend katholische und alpin-mediterrane Einflüsse befürchteten. Auf diesem Hintergrund entstanden in den USA nativistische Bewegungen (siehe S. 284-285) unter der Organisation „The American Protectiv Association“, die den Kongress zur restriktiven Einwanderungspolitik mit entsprechenden Gesetzgebungsinitiativen veranlassten (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 97). 1921 wurde die Quotenregelung (the national quota system) eingeführt, die anfänglich die Einwanderung von Nord- und Westeuropäern begünstigen sollte, jedoch unter dem Druck der öffentlichen Diskussion mehrmals novelliert werden musste (vgl. J. W. Vander Zanden, 1966, 31).

Migration stellt weiterhin in dem Sinne einen Selektionsprozess dar, in dem die Migranten streng nach den beruflichen Qualifikationen ausgewählt werden, die für die Aufnahmeländer nützlich sind. Das Einwanderungsgesetz und das Ausländerrecht einzelner Aufnahmeländer enthalten durchgehend Bestimmungen, nach denen die Einwanderung nur erlaubt wird, wenn sie für die allgemeinen wirtschaftlichen, kulturellen und öffentlichen Interessen des jeweiligen Landes nützlich ist, bzw. die Belange des Aufnahmelandes nicht beeinträchtigt. Diese positiv oder negativ formulierten Gesetze entscheiden dann im Einzelfall über die faktische Erteilung von Einreisevisa und Aufenthaltsgenehmigungen.

Im Mittelpunkt der Einwanderungspolitik der USA steht das Prinzip der weltweiten Bewegungsfreiheit aller Menschen (the principle of the free flow of people across the borders). Um dieses politische Ideal besser verwirklichen zu können, war die Einwanderungspolitik in den USA darum bemüht, die Einwanderungsgesetze durch sukzessive Novellierungen zu verbessern. 1965 wurde die im Jahre 1921 eingeführte „Quotenregelung“ (the national quota system), die zuvor über drei Jahrzehnte Rassendiskriminierungen in der Einwanderungspolitik legalisiert hatte, aufgegeben und durch die neue und liberale Gesetzgebung „The Immigration and Nationality Act“ ersetzt. Damit sollten die Diskriminierungen in der Einwanderungspolitik endgültig beseitigt werden, die in den rassisch bevorteilten nationalen Quotenzuweisungen an die Länder der westlichen Hemisphäre (Western Hemisphäre) bestanden. Nach dem Quotensystem machten die Einwanderer aus Großbritannien, Irland und Deutschland 70 % aller Einwanderungen in die USA aus (vgl. Thomas L. Bernard, 1970, 31).

Bis zum 1. März 2003 war der „Immigration and Naturalization Service“ (INS) der USA für die Erteilung von Einreisevisa zuständig. Dieser unterschied sieben verschiedene Präferenzgruppen. Der ersten Präferenzgruppe („relative preference“) wurden diejenigen zugeordnet, die amerikanische Staatsbürger als nahe oder weite Verwandte hatten. Sie wurden bei der Einwanderung in die USA vorzugsweise berücksichtigt, so dass eine nach Verwandtschaftsbeziehungen vorgenommene Selektion stattfand. Der dritten und sechsten Präferenzgruppe („occupational preference“) wurden die sog. „qualified immigrants“ bzw. „persons of exceptional ability in the sciences and arts“ zugeordnet, deren berufliche Qualifikation den Anforderungen des Arbeitskräftebedarfs der USA (berufliche Selektion) entsprach. Dabei galt für die einwanderungswilligen Fachkräfte und Wissenschaftler aller Fachrichtungen, unabhängig von ihrer Herkunft, das Prinzip: „first come, first served“ (vgl. Philip M. Boffey, 1968, 284; Hans P. Schipulle, 1973, 228, 237). So trat an die Stelle der einstigen Diskriminierung der Einwanderer nach ihrer nationalen Herkunft eine „Diskriminierung“ nach ihrer Ausbildung und beruflichen Qualifikation ein, wobei der selektive Charakter der Einwanderungspolitik unverändert bleibt (vgl. Thomas L. Bernard, 1970, 32).

Die Terroranschläge auf das „World Trade Center“ und auf das Pentagon am 11.9.2001 hat zur Aufteilung der Einwanderungsbehörde INS in zwei Behörden geführt. 1.) „Bureau of Immigration Enforcement“ für den Grenzschutz und die Grenzkontrolle, 2.) „Bureau of Immigration Services and Adjudications“ für die Einreisevisa, Einbürgerung und Asylanträge. Seit dem 1. März 2003 sind beide Behörden dem Ministerium für nationale Sicherheit (Department of Homeland Security) unterstellt (vgl. MuB, 5/2002).

Die Rekrutierung von hochqualifizierten Wissenschaftlern und Arbeitskräften aus dem Ausland gehört zu einem flexibel angewandten arbeitsmarktpolitischen Instrument der USA, das den „manpower-input“ in Schlüsselbereichen der Industrie, der Forschung und des Gesundheitsdienstes steuert. Die USA beschreiten mit ihren Selektionskriterien nach beruflicher Qualifikation keinen Sonderweg. Alle traditionellen Einwanderungsländer (z.B. Kanada, Australien, Großbritannien) betreiben eine ähnlich selektive Einwanderungspolitik. Sie gehen von der Erfahrung aus, dass die eigene wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung substanziell von der kontinuierlichen Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aller Fachrichtungen abhängt.

Die Migration von qualifizierten Arbeitskräften bedeutet für die Aufnahmeländer einen Gewinn von Humankapital, während sie für die Herkunftsländer einen Verlust von Investitionen in das „manpower-resource“ bedeutet. Die zu Beginn der 1960er Jahre einsetzende wissenschaftliche und politische Diskussion über den „Brain-Drain-Vorgang“ ist vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Zu Beginn der 1960er Jahre stellte man zunächst in Europa und seit Mitte der 1960er Jahre auch in den Entwicklungsländern fest, dass unter den Emigranten in den USA zunehmend Fachkräfte aller Fachrichtungen (z.B. Naturwissenschaftler, Mediziner, Ingenieure, Techniker, Krankenschwestern) zu finden waren. In den betroffenen Herkunftsländern entstand die Sorge, dass der Massenexodus von hochqualifizierten Akademikern und Fachkräften ihre eigene Entwicklung und Modernisierung gefährden könnte. Statistische Zahlen begründeten diese Sorge: Von 1949 bis 1965 emigrierten allein aus Großbritannien, Deutschland und Kanada insgesamt ca. 97.000 hochqualifizierte Wissenschaftler und Fachkräfte in die USA. Zwischen 1961 und 1980 emigrierten mehr als 500.000 Wissenschaftler und Fachkräfte aus den Entwicklungsländern in die USA (vgl. Stanislav Simanovsky, 1994, 17).

Die Emotionen, die bei den wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen über Ausmaß und Auswirkung des Massenexodus von hochqualifizierten Arbeitskräften (migration of talents and skills) mitschwangen, kommen in dem dafür geprägten Begriff „Brain Drain“ (Abfluss der Gehirne) anschaulich zum Ausdruck, ein Begriff, der als „Elitenmigration“ ins Deutsche übersetzt wird (vgl. Hans P. Schipulle, 1973, 21, 24).

In der weltweiten Diskussion über das Problem des „Brain Drain“ sind zwei kontroverse theoretische Positionen zu finden. Die erste Position sieht im „Brain Drain“ einen Prozess der Abwanderung des Humankapitals zum großen Nachteil der Herkunftsländer. Die andere bewertet die Auswirkungen des „Brain-Drain-Vorgangs“ für die Herkunftsländer nicht negativ, sondern als entlastend, weil sie darin den sog. „overflow“-Effekt, d.h. die Abwanderung überflüssiger Arbeitskräfte sieht. “The less developed countries are not being stripped of manpower they badly need.” (vgl. George B. Baldwin, 1970, 359). Der „Drain“ (Abfluss) bedeutet in diesem Sinne keinen Verlust von Humankapital für die Herkunftsländer, sondern ein Ventil für diejenigen Arbeitskräfte, die nicht in den Produktionsprozess eingesetzt werden können und möglicherweise soziale Spannungen erzeugt hätten.

Der von der „overflow“-These hergestellte Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Abwanderung von überflüssigen Arbeitskräften scheint teils richtig und teils falsch zu sein. Er ist insofern richtig, als arbeitslose Fachkräfte und hochqualifizierte Wissenschaftler tatsächlich nach Beschäftigungsmöglichkeiten im Ausland suchen und zwecks beruflicher Umorientierung emigrieren. Auf der anderen Seite ist er falsch, weil er unterstellt, dass alle qualifizierten Arbeitskräfte, die emigrieren, Arbeitslose wären. Die Realität zeigt oft das Gegenteil. Die türkischen Arbeitsmigranten in Deutschland sind ein Beispiel dafür. 1972 arbeiteten in der Bundesrepublik Deutschland 500.000 türkische Arbeitsmigranten, von denen ca. 82 % der Männer und 21 % der Frauen in der Türkei eine reguläre Beschäftigung hatten, bevor sie in die Bundesrepublik kamen (vgl. Ali Nahit Babaoglu, 1982, 111-112).

Als weiteres Beispiel kann die Auswanderung von medizinischem Fachpersonal aus Indien in die USA genannt werden. Die Migration von Ärzten und Krankenschwestern aus Indien in die USA war in ihrem Ausmaß auffallend hoch, obwohl diese selten von Arbeitslosigkeit betroffen waren (vgl. Hans P. Schipulle, 1973, 135, 142). Sie wanderten aus, nicht weil sie arbeitslos waren, sondern weil sie nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen suchten. “In fact, brains go where brains are“ (Thomas L. Bernard, 1971, 355).

In den 1960er und 1970er Jahren waren die traditionellen Einwanderungsländer weitgehend auf die Einwanderung von Ärzten aus den Entwicklungsländern angewiesen, um den Ärztebedarf für die medizinische Versorgung ihrer Bevölkerung zu sichern. Die Ausbildungskapazität der medizinischen Hochschulen im eigenen Land war für den Bedarf nicht ausreichend (vgl. O. Gish, 1970, 398; Hans P. Schipulle, 1973, 201). Die Ärzte gehörten daher zu den Immigranten, die bevorzugt aufgenommen wurden. Die Kehrseite dieser Einwanderungspolitik waren die hohen Verlustraten an medizinischem Fachpersonal, die von 1968 bis 1971 z.B. in einigen asiatischen Ländern zu beobachten waren: In China um 93 %, in Indien um 830 % und in Südkorea um 1400 % (vgl. Hans P. Schipulle, 1973, 208). Für die USA bedeutete die Einwanderung von Ärzten einen Gewinn an Humankapital, während sie für die Herkunftsländer einen schmerzlichen „Brain Drain“ darstellten. Einige Zahlenbeispiele machen diese Gewinn- und Verlustrechnung deutlich.

1967 entsprach die Zahl der in die USA eingewanderten Ärzte aus Entwicklungsländern in etwa der der gesamten Jahreskapazität der 15 größten amerikanischen Medizinhochschulen. Im selben Jahr wurden die jährlichen Betriebskosten einer solchen Hochschule auf etwa 8 Mio. US-Dollar geschätzt. Dies bedeutete, dass die USA ohne diese eingewanderten Ärzte rein rechnerisch jährlich rund 120 Mio. US-Dollar zusätzlich nur für die Betriebskosten von 15 Medizinhochschulen hätten aufbringen müssen, wenn sie eine entsprechende Anzahl von Ärzten selbst ausgebildet hätten. 1966 wurden in den USA die Kosten der medizinischen Ausbildung eines Arztes auf etwa 82.200 US-Dollar geschätzt. Wollte man die gesamten Kosten der medizinischen Ausbildung ermitteln, so wären zu den genannten Betriebs- und Ausbildungskosten auch die Verlustkosten („earnings foregone“) am Sozialprodukt hinzu zu rechnen, die durch die Nichtbeteiligung der Auszubildenden am direkten Produktionsprozess während ihrer Ausbildungszeit entstehen (vgl. Hans P. Schipulle, 1973, 336).

Eine Gewinn- und Verlustrechnung des „Brain Drain“ kann auch am Beispiel Irans aufgezeigt werden. Die Revolution und die Gründung einer islamischen Republik im Iran (1979) haben etwa 3 Mio. Iraner, vorwiegend Studenten, Politiker und Intellektuelle, zur Emigration veranlasst. Nach der Statistik des „US Census Bureau“ lebten 1997 in den USA 165.000 Iraner im Alter von 25 Jahren, die im Iran ihre tertiäre Ausbildung abgeschlossen hatten. Geht man davon aus, dass die US-Regierung für jeden Schüler in der elementaren und sekundaren Ausbildung 7.000 US-Dollar ausgibt und das Studium an einem College in den USA im Studienjahr 1997/98 durchschnittlich 22.500 US-Dollar gekostet hat, dann bedeutet die Einwanderung von 165.000 Iranern mit Collegeausbildung für die USA, hier vorbehaltlich der Überprüfung der Gleichwertigkeit der Ausbildung und Vergleichbarkeit der Lebenshaltungskosten, eine Ersparnis in Höhe von 28,7 Mrd. US-Dollar (vgl. Akkbar E. Torbat, 2002, 276, 282-283).

Die genannten Beispiele lassen die Dimensionen des faktischen Gewinns für die USA erahnen, wenn die Einwanderung von hochqualifizierten Fachkräften aus allen Teilen der Welt andauert. Allein aus Südafrika wandern jährlich 30 bis 50 % aller Absolventen der Medizinhochschulen nach USA und Großbritannien aus, obwohl dort 2003 ca. 4.000 Stellen für Ärzte im öffentlichen Bereich unbesetzt blieben. 2003 sind aus der Republik Korea 8.800 Fachkräfte nach USA und Kanada ausgewandert (vgl. IOM, 2008, 412, 441-442). Die Problematik des „Brain Drain“ gehört keineswegs der Vergangenheit an. Seit den 1990er Jahren gewinnt die Diskussion darüber durch folgende Entwicklungen neue Aktualität:

a) Der Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Osteuropa, insbesondere der ehemaligen Sowjetunion, hat dazu geführt, dass der „Brain Drain“ aus Osteuropa zu einem ernstzunehmenden globalen Problem geworden ist. Von 1986 bis 1990 haben ca. 1,5 Mio. Menschen Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion verlassen. Davon waren ungefähr 25 bis 30 % (ca. 450.000) Wissenschaftler und Ingenieure. Das Migrationspotential aus den GUS-Staaten wird jährlich auf bis zu 1,5 Mio. Menschen geschätzt, mit einem Anteil von Wissenschaftlern und Fachkräften in Höhe von 250.000. Dies bedeutet, dass diese Länder bis Ende der 1990er Jahre einen Verlust von ca. 1,5 bis 1,8 Mio. hochqualifizierten Wissenschaftlern und spezialisierten Fachkräften erlitten haben. Die Experten der UN gehen davon aus, dass für die GUS-Staaten mit jedem emigrierenden Wissenschaftler ein Humankapital im Wert von 300.000 US-Dollar bzw. insgesamt ein jährliches „manpower-resource“ im Wert von 60 bis 75 Mrd. US-Dollar verloren geht. Der Exodus von Atomphysikern ist politisch noch brisanter. Seit 1989 sind schätzungsweise 3.000-5.000 Atomphysiker bzw. Nuklearwissenschaftler aus den GUS-Staaten emigriert. Sie arbeiten überall dort, wo sie gebraucht werden, so z.B. in Algerien, Indien, Irak, Iran, Israel, Süd- und Nordkorea, Lybien. (vgl. Stanislav Simanovsky, 1994, 18-20).

b) Seit den 1990er Jahren entsteht in den USA eine große Nachfrage nach jungen Wissenschaftlern. Viele Universitätsprofessoren, die in den Boomjahren des Hochschulausbaus von 1950 bis 1960 nach USA angeworben wurden, sind bereits im Ruhestand oder werden in den nächsten Jahren das Pensionsalter erreichen. 1994 betrug die Zahl der Professoren im Alter um 50 Jahre, mit deren Emiritierung derzeit zu rechnen ist, 485.000. Die vakant werdenden Stellen an den Universitäten müssen sukzessiv neu besetzt werden. Solange dieser Nachfrage kein entsprechendes inländisches Angebot entgegen gesetzt werden kann, werden die USA eine weltweite Sogwirkung auf junge qualifizierte Wissenschaftler ausüben.

c) „The U.S. Immigration Act of 1990“, unterzeichnet am 29.11.1990 als „Public Law 101-649“ und im Oktober 1991 in Kraft getreten, lässt über die bisher bestehenden Quoten hinaus die Einwanderung von bis zu 40.000 Professoren und wissenschaftlich Forschenden in die USA zu. Diese neue Einwanderungspolitik, die die umfassendste Revision der Einwanderungspolitik seit 1965 darstellt, wird für viele migrationswillige Wissenschaftler aus aller Welt anziehend wirken.

d) Die Wachstumsschwäche der Wirtschaft und die dadurch bedingten Beschäftigungsprobleme in den westlichen Industrieländern haben unter anderem dazu geführt, dass sich die akademischen Arbeitsbedingungen durch die Kürzungen der Haushalts- und Forschungsetats der Hochschulen und Forschungsinstitute deutlich verschlechtert haben. Dies trifft die Hochschulen in den ehemals sozialistischen Staaten Ost- und Zentraleuropas besonders hart, so dass viele hochqualifizierte Wissenschaftler auf der Suche nach neuen und besseren Arbeitsmöglichkeiten sind (für die Punkte b bis d vgl. Jack H. Schuster, 1994, 437-438).

Zum anderen gewinnt die Diskussion über „Brain Drain“ seit den 1990er Jahren neue Aktualität, weil sich der Wettbewerb der Industrieländer bei der Anwerbung von hochqualifizierten Arbeitskräften durch folgende Entwicklungen verschärft hat (vgl. IOM, 2008, 51). Erstens steigt der Bedarf an Fachkräften im Bereich der Wissenschaft und Technologie in allen OECD-Ländern, weil die Zahl der jüngeren Fachkräfte geringer ausfällt als die der älteren, die das Pensionsalter erreichen (vgl. OECD, 2009, 162). Auf der anderen Seite hat die Globalisierung der Wirtschaft die Industrieländer veranlasst, ihre Produktionsstätten in Billiglohnländer zu verlagern (offshoring, outsourcing, global resourcing) und zu dezentralisieren. Dies macht jedoch notwendig, dass die Zirkulation und Mobilität des Kapitals gesteigert werden müssen, um die notwendigen Auslandsdirektinvestitionen tätigen zu können. Gleichzeitig müssen die Industrieländer dafür Sorge tragen, dass die dezentralisierten Produktionsstätten und die Arbeiterschaft trotz ihrer räumlichen Streuung (spatial dispersion) global kontrolliert und in einem zentralisierten Besitzverhältnis integriert werden. Zur Bewältigung dieser Aufgaben müssen viele produktionsorientierte Dienstleistungen (producer services) und spezialisierte Finanzdienstleistungen erzeugt und eingesetzt werden, die wiederum mit Hilfe der hochentwickelten Informations- und Telekommunikationstechnologien nur von hochqualifizierten Fachkräften zu leisten sind (vgl. Petrus Han, 2006, 250-259). Diese haben den Anforderungen an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit zu genügen, um gegenüber den sich schnell verändernden Erfordernissen des globalen Marktes angemessen reagieren zu können. Die Nachfrage der Industrieländer nach hochqualifizierten Fachkräften wächst daher schneller als das Angebot auf dem internationalen Arbeitsmarkt. Die Folge ist der globale Wettbewerb bei der Gewinnung von hochqualifizierten Arbeitskräften (vgl. IOM, 2008, 38).


Die hochqualifizierten Arbeitskräfte unter den Migranten sind Personen mit abgeschlossener tertiärer Ausbildung, insbesondere junge Erwachsene, die eine zweijährige oder darüber hinausgehende Collegeausbildung abgeschlossen haben: „The most basic definition of highly skilled migrants tends to be restricted to persons with tertiary education, typically adults who have completed a formal two-year college education or more.“ (IOM, 2008, 52). Nach der Statistik findet die Migration dieser Arbeitskräfte überwiegend innerhalb ihrer Herkunftsregion statt. So ist festzustellen, dass 33 % der hochqualifizierten Immigranten in den USA aus Kanada und Mexiko kommen (vgl. IOM, 2008, 56), während 36,7 %, die sich in den europäischen Ländern niedergelassen haben, aus anderen europäischen Ländern kommen, wie den Angaben der obigen Tabelle 1 zu entnehmen ist.

Nach Angaben der Tabelle 1 erhält Nordamerika die überwiegende Mehrzahl ihrer hochqualifizierten Arbeitskräfte aus Lateinamerika (88,3 %) und Asien (73,1 %). Es ist auffallend, dass etwa 50 % der aus Europa stammenden Fachleute nach Nordamerika ausgewandert sind. Auf der anderen Seite arbeiten in Europa mehr hochqualifizierte Arbeitskräfte aus Afrika (47,8 %) als aus Nordamerika (44,5 %). Damit wird der anhaltende „Brain Drain“ aus Lateinamerika, Asien und Afrika nach Nordamerika und Europa offenkundig.


Die Angaben der obigen Tabelle 2 dokumentieren ebenfalls den anhaltenden „Brain Drain“ von Ärzten und Krankenschwestern aus den Entwicklungsländern in die traditionellen Aufnahmeländer von Migranten. So machte 2006 die Zahl der in den USA arbeitenden ausländischen Ärzte (213.333) einen Anteil von 27 % an der gesamten Ärzteschaft aus, dieser war jedoch kleiner als der in Großbritannien (33 %) und Neuseeland (34 %). Der Anteil der ausländischen Ärzte an der gesamten Ärzteschaft in Kanada und Australien erreichte jeweils 23 % und 21 %.

Viele Anzeichen sprechen dafür, dass der „Brain Drain“ von hochqualifizierten Arbeitskräften und Wissenschaftlern auch in Zukunft anhalten wird. Die Herkunftsländer des „Brain“ können diesen Vorgang kaum verhindern, weil seine Beweggründe nicht immer wirtschaftlicher Natur sind. Für die Wissenschaftler ist die fachliche Weiterentwicklung oft wichtiger bzw. genauso wichtig wie die materiellen Lebensbedingungen. Sie wollen weder unter den unzureichenden Forschungsbedingungen ihrer Herkunftsländer arbeiten noch von den fachlichen Entwicklungen abgekoppelt und dadurch isoliert werden (vgl. Markus Schlegel; Ludger Wiedemeier, 1994, 105). Die modernen computergestützten Kommunikationsmöglichkeiten können zwar ihre Isolation relativieren, diese aber nicht beseitigen. Es ist verständlich, dass sie sich zum Zentrum von Wissenschaft und Forschung hingezogen fühlen, um dort mit Fachkollegen von Rang zusammenzuarbeiten. Für die Wissenschaftler aus den GUS-Staaten ist die ethnische Diskriminierung oft ein zusätzlicher Beweggrund der Emigration (vgl. Stanislav Simanovsky, 1994, 19).

Diese Ausführungen lassen die Schlussfolgerung zu, dass die Länder, in denen „Brain Drain“ stattfindet, auf der Verliererseite stehen, während die Empfängerländer als Gewinner zu sehen sind. Der Gewinn für die USA als das größte Empfängerland von „Brains“ wird am Anteil der Wissenschaftler ausländischer Herkunft (foreign-born persons) an der Zahl der Nobelpreisträger deutlich. Er betrug in den Fachgebieten Chemie 26 %, Wirtschaftswissenschaft 31 %, Physik 32 % und Medizin 31 % (vgl. George J. Borjas, 1999, 88). Geht man von der Erkenntnis aus, dass die Wissenschaft heute die produktivste Kraft der Gesellschaft ist, so ist zu folgern, dass der Gewinn, den der „Brain Drain“ für seine Empfängerländer einbringt, über den ökonomischen Gewinn hinausgeht.

Die Herkunftsländer können jedoch vom „Brain Drain“ profitieren, wenn es ihrer Politik gelingt, die ausgewanderten Fachkräfte und Wissenschaftler zur Gründung einer Diaspora zu motivieren und deren Heimatbindung zu erhalten. Eine solche Diaspora würde dazu beitragen, den Transfer von Wissen, Technologie, Kapital und sozialen Netzwerken aktiv zu fördern. Davon können die Herkunftsländer kulturell und wirtschaftlich mehr profitieren als von einer restriktiven Verbotspolitik des „Brain Drain“ (vgl. IOM, 2008, 65-67).

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass die bisher dargestellten Selektionsvorgänge bei der grenzüberschreitenden Migration in vergleichbarer Form auch bei der Binnenmigration stattfinden. Die Landflucht als eine Form der Binnenmigration ist ein Selektionsvorgang, in dem vornehmlich junge und produktive Arbeitskräfte für die wirtschaftliche Entwicklung städtischer Regionen selektiert werden, so dass in den dadurch betroffenen ländlichen Regionen die ältere, wenig produktive und überwiegend konsumtive Bevölkerung zurückbleibt.

1.4 Ausgewählte soziologische Migrationstheorien

In den Anfängen der soziologischen Migrationsforschung bildete die Frage nach der Eingliederung der Immigranten in die Aufnahmegesellschaft den zentralen thematischen Schwerpunkt, der unter dem umfassenden Begriff der Assimilation untersucht wurde. Dabei wurden unterschiedliche deskriptiv-klassifikatorische Sequenz- und Zyklenmodelle entwickelt, die den Assimilationsvorgang der Immigranten als Prozess darstellten, der in einer Abfolge von Phasen progressiv voranschreitet. Die wissenschaftlich kritischen Auseinandersetzungen mit diesen Modellen haben in den 1960er Jahren nicht nur zu einem Paradigmenwechsel in der soziologischen Migrationsforschung, sondern auch zur Konzipierung von wesentlich umfassenderen Theorieansätzen geführt. Im Folgenden werden selektiv Sequenz- und Zyklenmodelle sowie inhaltlich darüber hinausführende Theorieansätze vorgestellt.

1.4.1 Anfänge und Entwicklung der Migrationsforschung

Die wissenschaftliche Erforschung des Phänomens der Migration beginnt, wie in vielen anderen Forschungsgebieten, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dies liegt nicht darin begründet, dass die Migration in früheren Zeiten unbekannt gewesen wäre. Die Sammler- und Jägerkultur, die Völker- und Nomadenwanderung und die unzähligen Kriegszüge der Stämme und Völker weisen eher darauf hin, dass das Phänomen der Migration ein fester Bestandteil der Kulturgeschichte der Menschheit ist und bleibt. Die Tatsache, dass das Phänomen der Migration erst im 19. Jahrhundert Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung wurde, hat mit dem Umstand zu tun, dass sich die empirischen Natur- und Sozialwissenschaften erst in dieser Zeit etablierten.

Die ersten beachtenswerten Forschungsarbeiten zur Migration stellen die beiden Publikationen von Ernest George Ravenstein mit dem Titel „The Laws of Migration“ im „Journal of The Royal Statistical Society“ von 1885 und 1889 dar. Wie die Überschriften bereits verdeutlichen, war es das Ziel, nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Forschung, die Gesetze der Migration zu entdecken. Dabei ging Ravenstein von der Prämisse aus, dass der entscheidende Migrationsgrund der Wunsch der Menschen ist, ihre materiellen Lebensbedingungen zu verbessern. Die Migration der überschüssigen Bevölkerung (surplus population) von den unterentwickelten zu den besser entwickelten Gebieten mit florierendem Handel und Industrieansiedlung war für ihn ein selbstverständlicher Vorgang (vgl. Ernest George Ravenstein, 1889, 241, 261, 286-289). Nachdem Ravenstein eine Reihe statistischer Daten zu Migrationsbewegungen in den europäischen und nordamerikanischen Ländern analysiert hatte, sah er in der geographischen Distanz den entscheidenden Faktor für seine Migrationsgesetze, die er in folgenden Hypothesen zusammenfasste (vgl. Ernest George Ravenstein, 1889, 288):

a) Unter normalen Bedingungen ist Migration ein Prozess, der sich langsam und schrittweise (step by step) vollzieht.

b) Der Migrationsstrom nimmt proportional zur wachsenden geographischen Distanz in seiner Stärke ab. Die Mehrzahl der Migranten entscheidet sich für die „short-journey migration“, so dass sie vom Land in die angrenzenden Städte oder in unmittelbare Nachbarländer migrieren.

c) Migration löst Gegenmigration aus.

d) Das Wachstum der Städte geht auf Kosten der Entvölkerung (depopulation) der ländlichen Regionen.

e) Unter den „short-journey“ Migranten überwiegen die weiblichen Migranten.

f) Je mehr die Entwicklung des Verkehrswesens und der Industrie voranschreitet, umso mehr wird die Migration der Menschen zunehmen, weil „migration means life and progress; a sedentary population stagnation.“.

Die Arbeiten von Ravenstein stellen keine Theorie im Sinne der heutigen Sozialwissenschaften dar, sondern beanspruchen „nur den Status empirischer Regularitäten“ (vgl. Hans-Joachim Hoffman-Nowotny, 1970, 45). Sie haben dennoch wichtige Anregungen für die nachfolgenden Forschungen gegeben.

Den zentralen Schwerpunkt der nachfolgenden Migrationsforschung bildete der Eingliederungsprozess der Migranten in das Aufnahmeland. In allen vorliegenden Forschungsergebnissen wird er unter dem Begriff der Assimilation thematisiert. Zunächst bestanden die Forschungsarbeiten aus einer Reihe von deskriptiv-klassifikatorischen Sequenz- bzw. Zyklenmodellen, die die Assimilation von Einwanderern und ethnischer Einwanderergruppen in das Aufnahmeland als einen Prozess darstellten, der in einer Abfolge von Phasen bzw. Stadien verläuft. Die Abhandlung „The Study of Assimilation“ von Charles Price vermittelt einen strukturierten Überblick über die verschiedenen Modelle, deren Sequenzen sich durch ihren jeweiligen Forschungsschwerpunkt voneinander unterscheiden. Insgesamt sind ökonomisch-ökologische Sequenzen, Generationensequenzen und „race-relation-cycle“ zu unterscheiden (vgl. Charles Price, 1969, 200-213).

Das ökonomische Sequenzmodell besteht aus 4 Phasen (vgl. Charles Price, 1969, 201):

Phase 1: Wachsende industrielle Nachfrage nach Arbeitskräften, die die Einwanderung fremder Arbeitskräfte nötig macht. Die Arbeitsmigranten schließen die Lücken des Arbeitsmarktes im unteren Lohnbereich, verschärfen den Wettbewerb und lösen dadurch Fremdenhass aus.

Phase 2: Wirtschaftlicher Abschwung schürt generelle Vorurteile gegenüber Fremden und Fremdenfeindlichkeit. Teilweise kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen, was zur restriktiven politischen und administrativen Handhabung der Einreisebestimmungen führt.

Phase 3: Mit zyklischer Erholung der Wirtschaft und nachlassender Fremdenfeindlichkeit tritt eine politische Lockerung der Einreisebestimmungen ein, so dass erneut die Einwanderung von Ausländern erlaubt wird.

Phase 4: Wirtschaftliche Rezession belebt wiederum die Fremdenfeindlichkeit, deren Intensität jedoch diesmal schwächer ausfällt, aufgrund der gewachsenen Pluralität der Gesellschaft.

Das ökologische Sequenzmodell über das amerikanische Judentum von Louis Wirth und Nathan Glazer beinhaltet 5 Phasen (vgl. Charles Price, 1969, 202-203):

Phase 1: Die Juden nordeuropäischer (Ashkenazim) und westeuropäischer (Sephardim) Herkunft besiedeln ein Gebiet und errichten ethnische Institutionen wie Synagogen, Schulen, Bestattungseinrichtungen, jüdische Friedhöfe, usw.

Phase 2: Allmählicher beruflicher Aufstieg einzelner jüdischer Familien, die dann in bessere Wohngebiete umziehen, wo eine mehr ethnisch gemischte Bevölkerung mit liberalen religiösen Einstellungen lebt. Die Wahrscheinlichkeit der Assimilation dieser Juden in die säkulare Gesellschaft (the Gentil world) erhöht sich.

Phase 3: Die freiwerdenden Räume, die durch den zunehmenden Auszug der Juden nordeuropäischer Herkunft aus den ersten jüdischen Siedlungen entstehen, werden durch neu einwandernde orthodoxe Juden aus Osteuropa gefüllt, die wiederum ihre religiösen und kulturellen Einrichtungen schaffen.

Phase 4: Die Juden aus Osteuropa fliehen aus dem bisherigen jüdischen Siedlungsghetto in bevorzugtere Wohngebiete und errichten dort 2. bzw. 3. neue jüdische Siedlungsgebiete.

Phase 5: Die zweite und dritte Generation der Juden zieht aus ihren Siedlungsgebieten fort, um sich in den Siedlungsgebieten mit besserer Wohnqualität niederzulassen. Dadurch beginnt die allmähliche Vermischung (Assimilation) mit der nichtjüdischen Bevölkerung.

Das Generationen-Sequenzmodell von H. G. Duncan gliedert sich in drei Sequenzen der Assimilation (vgl. Charles Price, 1969, 204):

1. Generation

Die Mehrheit der ersten Generation der Einwanderer passt sich nur im wirtschaftlichen und sozialen Bereich des Aufnahmelandes an und versucht durch ethnische Gruppen- und Institutionenbildungen ihre Herkunftskultur zu bewahren, um dadurch ihre emotionale Geborgenheit und psychische Sicherheit zu erhalten.

2. Generation

Die zweite Generation versucht in der Familie die Herkunftskultur der Eltern zu bewahren, während sie sich in Schule und Beruf die Verhaltensmuster und Kultur des Aufnahmelandes aneignet. Sie lebt in zwei Kulturen mit gemischten Wertestandards.

3. Generation

Die dritte Generation gibt die Herkunftskultur ihrer Eltern auf und assimiliert sich gänzlich in die „core culture“ des Aufnahmelandes, so dass interethnische Mischehen normal werden.

Gemeinsam für die gezeigten Sequenzmodelle ist die Tatsache, dass sie, unabhängig von ihren unterschiedlichen Phaseneinteilungen, wissenschaftliche Bemühungen darstellen, durch die die deskriptive Rekonstruktion und Klassifikation des faktischen Assimilationsvorganges einzelner Einwanderer und - gruppen induktiv zu einer allgemeinen Theoriebildung gelangen. Diese Konstruktion beruht jedoch auf der Erforschung einzelner Teilbereiche (z.B. Siedlungsweise, berufliche und ethnische Konzentration, Generationenabfolge), die die Einwanderer und -gruppen unter bestimmten regionalen und soziohistorischen Bedingungen des Aufnahmelandes in ihrem Assimilationsprozeß durchlaufen haben. Ihre Erklärung kann daher auf die jeweilige Untersuchungssituation bezogen Gültigkeit besitzen. Sie ist jedoch nicht zur Verallgemeinerung geeignet. Generell können Sequenzmodelle nicht erklären, wie, wann und unter welchen Bedingungen sich der Übergang von einer Phase zur nächsten vollzieht. Sie können bei der Strukturierung komplexer Einzelaspekte der Assimilation hilfreich sein, stellen jedoch in sich keine allgemeinen Theorien dar, die die Zusammenhänge von Migration und Assimilation erklären können.

Im Gegensatz zu den vorgestellten Sequenzmodellen zeichnet sich das Modell des „race-relation-cycle“, das zwei Exponenten der Chicagoer Schule für Soziologie in den USA, Robert E. Park und Ernest W. Burgess, in den 1920er Jahren entwickelt haben, durch eine wesentlich größere Theorienähe aus. Von ihnen geht, wie es Charles Price konstatiert, ein wichtiger und nachhaltiger Impuls für die nachfolgende migrationssoziologische Theorieentwicklung aus (vgl. Charles Price, 1969, 213-217). Im Folgenden soll daher das Modell des „race-relation-cycle“ vorgestellt und kritisch gewürdigt werden, um die Anfänge der Entwicklung der soziologischen Migrationstheorien aufzuzeigen und die in diesem Buch vorgenommene Selektion der soziologischen Migrationstheorien zu begründen.

Robert E. Park und Ernest W. Burgess vertreten in ihrem Modell des „race-relation-cycle“ die These, dass jedesmal, wenn zwei oder mehrere ethnische Gruppen durch Migration in einem Gebiet zusammenleben, sie folgende fünf zyklische Phasen durchlaufen (vgl. Charles Price, 1969, 213-217):

1. „Contact“- Phase: Ethnische Gruppen, die durch Migration in einem Gebiet zusammenkommen, versuchen im Regelfall friedliche und klärende (exploratory) Kontakte untereinander aufzunehmen.

2. „Competition“- Phase: Sie treten in Wettbewerb um die knappen Ressourcen, wie Arbeitsplätze, Wohnungen, Kindergartenplätze usw.

3. „Conflict“- Phase: Als Folge des Wettbewerbs treten Diskriminierungen, Auseinandersetzungen und Aufstände auf.

4. „Accommodation“- Phase: Die ethnischen Gruppen arrangieren sich zu einem „modus vivendi“, indem sie jeweils für ihre Gruppe berufliche Nischen suchen, sich in gesonderte Gebiete zurückziehen und sich mit ihrem jeweiligen sozialen Status begnügen.

5. „Assimilation“- Phase: Durch die Vermischungen (interethnische Ehen) verschwinden die ethnischen Unterschiede. An deren Stelle entsteht eine völlig neue Gesamtgruppe, in der ethnische Unterschiede nicht mehr erkennbar sind.

Obwohl das Zyklenmodell der Assimilation von Park und Burgess viele Anhänger gefunden und wertvolle Impulse für die weitere Entwicklung soziologischer Migrationstheorien gegeben hat, blieb es von Kritik nicht verschont. Eine der ersten Kritiken richtet sich gegen die Vorstellung, dass der zyklische Phasenverlauf unvermeidbar und irreversibel progressiv sein soll. Diese These ist empirisch nicht haltbar, weil sich die interethnischen Beziehungen keineswegs immer progressiv in Richtung Assimilation entwickeln müssen. Sie können auch in dauerhafte Konflikte, Unterordnung oder sogar in die Eliminierung ethnischer Gruppen einmünden (vgl. Hartmut Esser, 1980, 46). Das Zyklenmodell trägt damit in keiner Weise der Vertreibung, Zerstörung bzw. Vernichtung (z.B. die „Endlösung der Judenfrage“ in Nazideutschland) ethnischer Gruppen Rechnung, die während des Assimilationsprozesses vorkommen und diesen abrupt beenden können. Darüber hinaus können ethnische Gruppen ausgelöscht werden. Robert E. Park hat in seinen späteren Arbeiten nur andeutungsweise auf die Möglichkeit des regressiven Phasenverlaufs und auf alternative Formen des Endzustandes (Kastensystem als Endzustand) hingewiesen. Die Annahme, dass die völlige Assimilation zwangsläufig der einzig mögliche Endzustand des Eingliederungsprozesses sein soll, bleibt somit einseitig (vgl. Charles Price, 1969, 214).

Zweitens wird die im Modell enthaltene These, dass die ethnischen Unterschiede mit dem Erreichen der Assimilationsphase völlig aufgehoben würden, besonders von denjenigen kritisiert, die den kulturellen Pluralismus favorisieren. Sie weisen auf die Möglichkeit hin, dass ethnische Gruppen, wie die Frankokanadier, voll in die „core society“ integriert werden können, ohne dabei ihre ethnische Identität aufzugeben. In diesem Sinne kann die Integration eine Form der Akkommodation sein (vgl. Charles Price, 1969, 216). Weiterhin ist kritisch anzumerken, dass der Assimilationsprozess keineswegs eine Mechanik (vgl. Hartmut Esser, 1980, 48) darstellt, die irreversibel progressiv verläuft. Statt des linear progressiven Verlaufes kann Assimilation auch durch Diskontinuität und Regression bestimmt sein, so dass sie als „uneven assimilation“, d.h. ungleichmäßig verlaufende Assimilation, bezeichnet wird (vgl. Charles Price, 1969, 216). Das Modell des „race-relation-cycle“ kann diese „uneven assimilation“ nicht erklären.

Die Tatsache, dass die Sequenz- und Zyklenmodelle die „uneven assimilation“ nicht erklären können, hat in der weiteren Migrationsforschung, die in den 1960er Jahren beginnt, zu neuen erkenntnisleitenden Forschungsinteressen geführt. Die Assimilationsforschung wandte sich zunehmend neuen Fragen der Gruppenzugehörigkeit, Sozialisation, Rollenerwartung, psychischen Anpassung und „community relations“ der Migranten zu. Die Migrationstheorien von Shmuel N. Eisenstadt und Milton M. Gordon schließen diese Lücken (vgl. Charles Price, 1969, 217, 219). Hartmut Esser bewertet sogar die theoretischen Analysen von Eisenstadt und Gordon als „die bis heute am weitesten entwickelten und systematischsten Fassungen des Problems der Eingliederung“ (vgl. Hartmut Esser, 1980, 70).

Der bisherige Überblick zu Anfängen und Entwicklungen der Migrationsforschung ist Grundlage dafür, dass die Theorien von Shmuel N. Eisenstadt und Milton M. Gordon aus dem englischsprachigen Raum für dieses Buch ausgewählt und vorgestellt werden. Aus dem deutschsprachigen Raum werden die soziologischen Migrationstheorien von Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny und Hartmut Esser gewählt, weil sie am ausführlichsten auf die migrationssoziologischen Fragen eingehen und versuchen, eine allgemeine soziologische Theorie der Eingliederung und Integration von Migranten zu entwickeln. „Beide können sicher als die prominentesten, theoretisch und methodologisch befriedigendsten in deutscher Sprache formulierten Theorien aus dem Bereich der Wanderungssoziologie bezeichnet werden“ (Bernhard Nauck, 1988, 17). Die migrationssoziologischen Ansätze von Shmuel N. Eisenstadt und Milton M. Gordon finden in den theoretischen Überlegungen von Hartmut Esser breite Berücksichtigung, so dass die Leser in diesen Ansätzen auch eine kontinuierliche Theorieentwicklung der Migrationssoziologie kennenlernen.

Im Folgenden werden migrationstheoretische Theorieansätze vorgestellt. Ausführungen zur Integration werden aus diesen Ansätzen herausgenommen und im Kapitel 5.2 behandelt.

1.4.2 Migrationstheorie von Shmuel N. Eisenstadt

Migration ist der Wechsel des Wohnortes bzw. die physische Transplantation (physical transition) von Einzelnen und Gruppen aus einer angestammten und vertrauten zu einer fremden soziokulturellen Lebensumwelt (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1952(1), 225; 1953, 169; 1954, 1). Der Migrationsvorgang besteht nach Eisenstadt generell aus drei Phasen.

Die erste Phase ist die der Motivbildung zur Migration. In dieser Anfangsphase verdichten sich die Gefühle von Unsicherheit und Unzulänglichkeit (feelings of insecurity and inadequacy), die die potentiellen Migranten an ihrem Herkunftsort bezüglich ihrer Lebensbedingungen empfinden, nach und nach zu einem Motivbündel hinsichtlich ihrer Migrationsüberlegungen (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1954, 1-4). Schließlich kommt nur noch die endgültige Aufgabe der gewohnten Lebensumwelt als Problemlösung in Frage. Weil die Migration im Regelfall mit einer Reihe von kaum abschätzbaren existentiellen Unsicherheiten und Risiken verbunden ist, findet die Motivbildung zur Migration nicht als einmalige Ad-hoc-Entscheidung, sondern als ein sich allmählich verdichtender psychischer Dispositionsprozess statt. In diesem Prozess wird sowohl eine materielle als auch soziokulturelle Verbesserung der Lebensbedingungen am Zielort gedanklich vorgestellt und vorweggenommen (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1952(1), 225; 1953, 169).

Die zweite Phase besteht aus dem aktuellen Vorgang der Migration selbst, in dem die zur Migration Motivierten tatsächlich ihren Herkunftsort verlassen, um in eine ihnen völlig fremde und neue soziokulturelle Lebensumwelt einzuwandern. Diese Immigration ist mehr als ein Vorgang des Wohnortwechsels. Sie ist ein Prozess gravierender und radikaler sozialer Veränderungen, in dem die gesamten bisherigen sozialen Rollen, Interaktionen und Partizipationsbezüge aufgegeben werden. Hier tritt ein Prozess der Desozialisation (desocialization) in dem Sinne ein, in dem all das, was bisher durch Sozialisation vermittelt worden ist, weitgehend an soziokultureller und gesellschaftlicher Verbindlichkeit verliert. Die Folgen dieser radikalen Veränderungen sind oft existentielle Orientierungsstörungen sowie vorübergehende Strukturlosigkeit des Lebens. Die Unsicherheit der Migranten, die durch das Verlassen des Herkunftsortes eingetreten ist, wird nun durch die Unsicherheit in der neuen Umwelt zusätzlich verstärkt (Einzelheiten in Kapitel 3.2). Die Folge ist die generelle Angst vor der Zukunft (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1952(1), 225). Die Migranten sind angehalten, einen erneuten und mühsamen Lernprozess zu beginnen (Resozialisierung), um sich mit den neuen soziokulturellen Gegebenheiten des Aufnahmelandes vertraut zu machen. Ihr Selbstkonzept und ihre Werthierarchie müssen entsprechend den neuen Bedingungen und Anforderungen reformiert und transformiert werden (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1954, 5-6).

Die dritte Phase besteht aus dem lang andauernden und umfassenden Prozess der Eingliederung der Immigranten in die Aufnahmegesellschaft, den Shmuel Eisenstadt zuerst unter dem Begriff der Assimilation (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1951, 222), später jedoch durchgehend unter dem Begriff „the process of absorption“ thematisiert hat (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1954, 6, 9). Dieser Prozess der „absorption“, von dem das Gelingen des neuen Lebens der Immigranten in der Aufnahmegesellschaft entscheidend abhängt, umfasst nach der Darstellung von Eisenstadt drei wichtige Teilprozesse (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1954, 11), die wegen ihrer besonderen Bedeutung für die später zu behandelnde Thematik der Integration beschrieben werden sollen.

a) Institutionalisierung der Rollenerwartungen und Verhaltensweisen im Alltag (institutionlization of role-expectation and behavior)

Bei diesem Teilaspekt handelt es sich um einen Lernprozess, in dem die Immigranten vor allem die neue Sprache und deren formgerechte Anwendung, neue soziale Rollen und deren angemessene soziale Erfüllungsformen (performance of roles), neue Denk- und Umgangsformen sowie eine Vielzahl von Alltagstechniken erlernen, die für das allgemeine Zurechtkommen in der Aufnahmegesellschaft unabdingbar notwendig sind. Mit anderen Worten müssen sie all ihre Lernvorgänge, vor allem ihre Rollenerwartungen, mit den allgemein geltenden Werten, Normen, Gewohnheiten und Erwartungen der Aufnahmegesellschaft kompatibel gestalten, so dass ihr Rollenvollzug im Rahmen der Rollendefinition der Aufnahmegesellschaft erfolgen kann (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1952(3), 373; 1954, 7). Indem sie ihre Lernvorgänge institutionalisieren und ihr Alltagsverhalten danach ausrichten, werden sie in der neuen Gesellschaft nach und nach akkulturiert. Die logische Konsequenz der allmählichen Institutionalisierung des Verhaltens ist somit die Akkulturation (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1953, 168; 1954, 12), während die fehlende Institutionalisierung zu anomischen Verhaltensweisen (unstructured anomic behaviour) führt, die die geltenden Werte und Normen der Aufnahmegesellschaft untergraben (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1952(3), 374; 1953, 177). Durch die Institutionalisierung der Rollenerwartungen und der Verhaltensweisen im Alltag findet eine allmähliche Umformung (transformation) des gesamten Verhaltens und der gesamten sozialen Beziehungen der Immigranten statt (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1953, 169).

b) Anpassung der Immigranten an die Anforderungen der Aufnahmegesellschaft (satisfactory and integral personal adjustment of immigrants)

Die Immigranten müssen in ihrem Anpassungsprozess mit Schwierigkeiten rechnen, nicht weil ihnen die Bereitschaft zur Anpassung fehlt, sondern weil ihnen die Chancen für diese Anpassungsleistung verweigert werden können. Ihre soziale und gesellschaftliche Anpassung hängen somit entscheidend von der Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft ab, ihnen die notwendigen Opportunitäten zur Anpassung zu eröffnen. Für Shmuel Eisenstadt ist die Ausweitung sozialer Interaktionen und Partizipationen über die Primärgruppenbeziehungen hinaus, d.h. über die Grenzen sozialer Gruppen hinaus, die nur auf der Grundlage verwandtschaftlicher und ethnischer Affinitäten gebildet werden, eine der wesentlichen Voraussetzungen für die erfolgreiche „absorption“ in die Aufnahmegesellschaft (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1951, 223). Nach seiner Auffassung schaffen erst solche ausgeweiteten sozialen Interaktionen und Partizipationen die Grundlage dafür, eine Kompatibilität zwischen den Werten der Immigrantengruppe und denen der Aufnahmegesellschaft herzustellen. Erst auf der Grundlage solcher Wertkompatibilität kann es möglich sein, das gestörte Selbstkonzept der Immigranten (the immigrant's concept of himself) zur Stabilisierung ihrer Persönlichkeit neu zu organisieren. Die erfolgreiche individuelle Anpassung in dem hier dargestellten Sinn wird damit zu einer Grundvoraussetzung der „absorption“ (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1954, 9).

Gleichzeitig wird deutlich, dass die Immigranten nur dann ihre sozialen Interaktionen und Partizipationen ausbauen und diese über die Grenzen ihrer Primärgruppe hinaus ausdehnen können, wenn die Aufnahmegesellschaft dies zulässt. Da dies nicht selbstverständlich ist, sind die Anpassungsbemühungen oft mit persönlichen Frustrationen verbunden, die zur verstärkten persönlichen Desorganisation (personal disorganization; z.B. psychische Störung, geistige Erkrankung, Kriminalität, Selbstmord) führen können.

c) Eindringen der Immigranten in die institutionellen Sphären der Aufnahmegesellschaft und Verschmelzung (institutional dispersion of immigrants)

Mit dem von Shmuel Eisenstadt häufig gebrauchten Begriff „dispersion“ ist ein typischer Prozess der Verschmelzung gemeint, in dem die Immigranten in die verschiedenen institutionellen Sphären der Aufnahmegesellschaft so eidringen, dass sie letztlich ihre separate ethnische Gruppenexistenz und -identität verlieren. Ihre separatistische Tendenz und Gruppenidentität aufgrund der Konzentration in bestimmten institutionellen Sektoren werden als Zeichen mangelnder „absorption“ gedeutet (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1954, 13). Ihre vollkommene Absorption (full absorption) ist dann erreicht, wenn sie ihre Gruppenidentität restlos abgelegt haben (vgl. Shmuel N. Eisenstadt, 1954, 13).

Der zentrale Begriff „absorption“ in der Migrationstheorie von Eisenstadt ist inhaltlich verwandt mit dem Begriff der Assimilation, der einen sehr langwierigen, oft mehrere Generationen andauernden Eingliederungsprozess der Immigranten in die Aufnahmegesellschaft zum Ausdruck bringt. „Dispersion“ meint den Prozess der Eingliederung, in dem die Immigranten in die verschiedenen institutionellen Bereiche der Aufnahmegesellschaft (z.B. Politik, Wirtschaft, Kultur) so eindringen und damit verschmelzen, dass sie ihre mitgebrachte ethnische Gruppenidentität verlieren und schließlich zur vollkommenen Absorption gelangen.

1.4.3 Migrationstheorie von Milton M. Gordon

Ausgangspunkt der Assimilationstheorie von Milton M. Gordon sind die Probleme der Vorurteile und Diskriminierungen, denen Einzelne und Gruppen aufgrund ihrer Rassen- und Religionszugehörigkeit sowie nationalen Herkunft ausgesetzt sind (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 3, 233). Der Bezugsrahmen dieser Theorie ist die amerikanische Gesellschaft mit ihren eingewanderten ethnischen Minderheiten. Dabei geht es Gordon um die Strukturen des Gruppenlebens (structure of group life) der Menschen in „subsocieties“ und die interethnischen Gruppenbeziehungen im sozialen und kulturellen Kontext der amerikanischen Gesellschaft. Der Gruppenkontext stellt für ihn den soziokulturellen Rahmen dar, in dem die Einzelnen mit ihren psychosozialen Verfassungen eingebettet sind (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 233, 18).

Ausgehend von der Vorstellung, dass der Mensch sich als Angehöriger eines Volkes (peoplehood) bzw. einer ethnischen Gruppe versteht, durch Rasse, Religion und Nationalität definiert (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 24, 27-29), hebt Gordon hervor, dass die amerikanische Gesellschaft aus einer Vielzahl von „ethnic subsocieties“ zusammengesetzt ist, die jeweils ihre eigenen sozialen Strukturen und Subkulturen sowie ethnische Identität besitzen (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 37-39). Die ethnischen Gruppen sind dabei als soziale Statusgruppen (social status group) in einem hierarchischen Gefüge der sozialen Klasse (social class) eingefügt. Soziale Klasse als hierarchische Zuordnung von Menschen nach ihrer ökonomischen, politischen und statusmäßigen Macht bestimmt somit die Gruppenidentität ethnischer Gruppen mit (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 40-41, 46).

Im Zusammenhang mit der Entstehung sozialer Klassen und ethnischer Gruppen führt Gordon den Begriff „ethclass“ ein, um die Folgen ethnischer Differenzierungen in der amerikanischen Gesellschaft aufzuzeigen. Die „ethclass“ entsteht im Schnittpunkt der horizontalen Differenzierung nach Ethnien und der vertikalen Differenzierung nach Klassenzugehörigkeit. Dabei nimmt er an, dass Menschen gleicher sozialer Klassen sich ähnlich verhalten und miteinander mehr oder minder ähnliche Wertvorstellungen teilen, so dass die Klassenzugehörigkeit für die kulturellen Verhaltensweisen wichtig wird. Dagegen hält er die ethnische Zugehörigkeit für die sozialen Beteiligungen (social participation) für bedeutsam, da die Einwanderer ihre sozialen Beziehungen und Kontakte zunächst auf den Primärgruppenbereich ihrer ethnischen Gruppe beschränken (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 51-52). Hiernach werden Menschen gleicher Klassenzugehörigkeit und unterschiedlicher ethnischer Herkunft in ihren Verhaltensweisen ähnlich sein, jedoch kein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Volk (peoplehood) empfinden. Umgekehrt werden Menschen gleicher ethnischer Zugehörigkeit und unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit zwar ein ethnisches Zugehörigkeitsgefühl haben, jedoch keine klassenbezogenen Verhaltensweisen zeigen.

Ausgehend von dem Begriff „core group“ von August B. Hollingshead und von den Begriffen „core society“ und „core culture“ von Joshua Fishman glaubt auch Milton M. Gordon an die Existenz der „core society“ und „core culture“ der amerikanischen Gesellschaft, die die dominante Mehrheit der weißen Einwanderer aus nordeuropäischen Ländern mit überwiegend angelsächsischer Herkunft und protestantischer Religionszugehörigkeit bilden. Die anderen ethnischen Einwanderergruppen sind angehalten, sich an diese „core culture“ und „core society“ der dominanten Mehrheit anzupassen (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 72). Die Fragen, ob diese Anpassung der Einwanderer, die nicht angelsächsischer Herkunft und protestantischer Religionszugehörigkeit sind, bei der jeweiligen „ethclass“ beendet, oder ob diese bis in die „core society“ und „core culture“ hinein fortgesetzt wird, ob ihre Anpassung überhaupt so weit geht, dass die ethnischen Vorurteile und Diskriminierungen, die die dominante Mehrheit gegen sie hat, generell ausgeschlossen werden können, machen die einzelnen Aspekte bzw. Variablen dieser Assimilationstheorie aus (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 75).

Gordon benutzt den Begriff Assimilation, um den gesamten Anpassungsprozess, den die Einwanderer in der amerikanischen Gesellschaft durchlaufen, modellhaft zusammenzufassen und theoretisch zu generalisieren. Nach seiner Auffassung sind bei dem Assimilationsprozess sieben Teilprozesse zu unterscheiden, die jeweils als einzelne Phasen des Assimilationsvorganges (particular stage of the assimilation process) zu verstehen sind (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 70). Dabei hebt er die Unterscheidung zwischen der kulturellen und strukturellen Assimilation als für seine Theorie besonders wichtig hervor (vgl. Milton M. Gordon, 1975, 84).

Der Assimilationsprozeß beginnt mit der kulturellen Assimilation (cultural assimilation), wie Milton M. Gordon am Beispiel der amerikanischen Einwanderungsgeschichte aufzeigt. Alle Einwanderer haben, unabhängig von ihrer Herkunft und unabhängig davon, ob sie Vorurteilen und Diskriminierungen ausgesetzt sind oder nicht, damit beginnen müssen, sich Sprache und Verhaltensweisen anzueignen. Kulturelle Assimilation bildet immer den Anfang eines Assimilationsprozesses und tritt auch dann ein, wenn andere Teilprozesse, aus welchen Gründen auch immer, nicht stattfinden können (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 77; 1975, 84).

Damit macht Gordon im Gegensatz zu den allgemeinen Annahmen der Phasen- und Zyklenmodellen zur Assimilation deutlich, dass der Prozess der Assimilation keineswegs ein mechanischer und unumkehrbar sich fortsetzender Prozess ist. Er ist eher der Auffassung, dass die erfolgreiche Akkulturation der Einwanderer oft weder ihren Zugang zur „core society“ der weißen protestantischen Bevölkerung Amerikas noch die Abschaffung von Vorurteilen und Diskriminierungen gegenüber deprivierten Minderheiten bewirkt hat. Die räumliche Isolation und soziale Deprivation im Bereich von Berufs- und Bildungsstrukturen haben viele Einwandererminderheiten in ihrer untersten Klassenzugehörigkeit verfestigt (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 78).

Die strukturelle Assimilation bildet den zweiten Teilprozess und besteht darin, dass Einwanderer nach und nach in die strukturellen Bereiche der Aufnahmegesellschaft eindringen und zunehmend am Leben sozialer Cliquen, Organisationen und Institutionen partizipieren. Gordon weist besonders darauf hin, dass die kulturelle Assimilation nicht notwendigerweise zur strukturellen Assimilation führen muss, dass aber umgekehrt die strukturelle Assimilation unvermeidbar (inevitably) zur Akkulturation bzw. kulturellen Assimilation und damit zu weiteren Phasen der Assimilation führt (vgl. Milton M. Gordon, 1975, 84). Die strukturelle Assimilation bildet damit die grundlegende Voraussetzung für den gesamten Assimilationsprozesses: „it need hardly be pointed out that while acculturation, as we have emphasized above, does not necessarily lead to structural assimilation, structural assimilation inevitably produces acculturation. Structural assimilation, then, rather than acculturation, is seen to be the keystone of the arch of assimilation“ (Milton M. Gordon, 1964, 81). Die Begriffe Akkulturation und kulturelle Assimilation sind Synonyme bei Gordon: „cultural assimilation, or acculturation, is likely to be the first of the types of assimilation to occur when a minority group arrive on the scene“ (Milton M. Gordon, 1964, 77).


Dem Teilprozess der strukturellen Assimilation schließt sich der Teilprozess der „marital assimilation“ an, in dem die Assimilation auf der Basis der interethnischen Heirat von Einwanderern mit Angehörigen der „core society“ stattfindet. Die dabei stattfindende biologische Angleichung bezeichnet Gordon als Prozess der Amalgamierung. Mit dieser biologischen Vereinigung geht, so die Auffassung von Gordon, die spezifisch ethnische Identität verloren, so dass die identifikative Assimilation als nächster Teilprozess eintritt. Mit ihrem Eintreten soll die Voraussetzung zum Abbau von Vorurteilen und Diskriminierungen geschaffen sein. Nach der identifikativen Assimilation treten die restlichen Phasen des Assimilationsprozesses sukzessiv, relativ problemlos und zügig ein, so dass Wertkonflikte weitgehend ausgeschlossen sind (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 80-81).

1.4.4 Migrationstheorie von Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny

Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny versteht seine Migrationstheorie als Anwendung der „Theorie struktureller und anomischer Spannungen“ von Peter Heinz auf das Phänomen der Migration. Der Ausgangspunkt seiner Analyse der Migration ist die Existenz „struktureller und anomischer Spannungen“ im Rahmen sozietaler Systeme bzw. Kontexte. Die Theorie struktureller und anomischer Spannungen geht unter anderem von den Postulaten aus, dass Macht und Prestige als die zentralen Dimensionen sozietaler Systeme differentiell zugänglich, ungleich und ungleichgewichtig verteilt sind, und dass in sozietalen Systemen ein Konsens über die zentralen Werte sowie eine Tendenz zur Angleichung von Macht an Prestige besteht (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 35). Macht wird dabei als „der Grad, zu dem ein Anspruch des Akteurs auf Teilhabe an zentralen sozialen Werten durchgesetzt werden kann“ definiert, während Prestige als „der Grad, zu dem der Anspruch von Akteuren auf Teilhabe an zentralen sozialen Werten oder ihr Besitz als legitim angesehen wird“, definiert wird. Prestige hat die Funktion, Machtansprüche und -besitz zu legitimieren (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 26, 29).

Strukturelle Spannungen im sozietalen System, Hoffmann-Nowotny verwendet anstelle des Begriffes „soziales System“ den Begriff „sozietales System“, treten durch Ungleichheit von Macht und Prestige auf. Die sozietalen Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass auf den unteren Positionen - gemessen am Prestige - tendenziell ein Machtdefizit und auf den oberen Positionen tendenziell ein Machtüberschuss zu verzeichnen ist. Strukturelle Spannungen können in drei unterschiedlichen Spannungstypen auftreten: In Ungleichgewichtsspannung (wenn die Balance in der Einheit der Macht-Prestige-Relation beim einzelnen Akteur so gestört wird, dass Machtüberschuss bzw. Machtdefizit die Folge ist, d.h. „soziale Spannung“ eintritt), in Rangspannung (ungleiche Teilhabe an einem zentralen machtrepräsentierenden Wert) und in Unvollständigkeitsspannung (wenn eine der beiden Dimensionen von Macht und Prestige nicht besetzt wird). Strukturelle Spannungen sind zentrale Determinanten des Wandels sozietaler Systeme. Anomische Spannungen treten als Konsequenz struktureller Spannungen mit dem Ziel auf, die Letzteren abzubauen bzw. auszugleichen (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 31-33, 36).

Wie Robert K. Merton verschiedene Lösungsmöglichkeiten des anomischen Devianzdrucks aufzeigt, gibt auch Hoffmann-Nowotny verschiedene Varianten anomischen Verhaltens vor, die zum Ausgleich von Macht und Prestige führen können. Eine dieser Varianten ist die Veränderung der Position auf den gegebenen Macht- und Prestigelinien, die er mit dem Begriff „Mobilität“ umschreibt. Erfährt ein Mitglied eines Systems anomische Spannung, kann es versuchen, diese durch einen lokalen Wechsel zu einem anderen sozietalen System (Emigration), dessen strukturelle Spannung geringer ist als die des Herkunftssystems, auszugleichen (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 37). Migration ist eine Form dieser Mobilität, die der Migrant als Instrument zur Veränderung seiner Position auf Statuslinien einsetzt, um die strukturellen Spannungen, denen er in einem sozietalen System ausgesetzt ist, auszugleichen bzw. abzubauen (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 98).

Auf individueller Ebene ist die Migration ein rationaler Entscheidungsprozess in kleinen Schritten, in dessen Verlauf der Einzelne seine bisherige Mitgliedschaft zu einem spannungsreichen Kontext aufgibt und eine andere in einem spannungsärmeren Kontext anstrebt. Dieser Entscheidungsprozess zielt damit auf die dauerhafte Veränderung des Aufenthaltsortes, die durch geographische Mobilität erreicht wird. Die Migration ist damit eine Form der geographischen Mobilität, die der Migrant als geeignete Möglichkeit für die Lösung seiner strukturellen Spannungen in Betracht zieht. Der Einzelne strebt dabei nach einer positiven Veränderung seiner Position auf den Statuslinien. Die Migration als geographische Mobilität soll damit eine vertikale Aufwärtsmobilität des Einzelnen in einem neuen sozietalen Kontext herbeiführen, um hier den Begriff von Hoffmann-Notwotny zu gebrauchen, (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 95-119). Somit werden die strukturellen Spannungen des Herkunftsortes, ähnlich wie bei Shmuel N. Eisenstadt, zu den entscheidenden strukturellen Determinanten der Migration.

Mit dieser Migrationstheorie verfolgt Hoffmann-Nowotny, wie er selbst konstatiert, die Intention, das Phänomen der Migration im Rahmen einer umfassenden soziologischen Theorie einzuordnen und es nicht länger als singuläre Erscheinung zu erklären (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 82, 143). Seine eher individualistisch angelegten Definitionen von Macht und Prestige als zentralen Determinanten und Konzepten sozietaler Systeme scheinen jedoch dieser Intention zu widersprechen (vgl. Bernhard Nauck, 1988, 19).

Hoffmann-Nowotny baut in einem Aufsatz mit dem Titel „World Society and the Future of International Migration: A Theoretical Perspective“ (1997) seine von der strukturellen und anomischen Spannung ausgehende migrationssoziologische Theorie zu einer makrosoziologischen Theorie der Weltgesellschaft (world society) aus. Dabei betont er, dass er die Gegensätze zwischen dem mikro- (z.B. Migration als individuelle Entscheidung) und makrosoziologischen Forschungsparadigma des Migrationsphänomens (z.B. Migration als Folge kultureller und struktureller Bedingungen) überwinden will, indem er die beiden Forschungsansätze als komplementär behandelt. Für seine Theorie ist die Unterscheidung der Fragen wesentlich, unter welchen soziostrukturellen und soziokulturellen Bedingungen der Mensch sesshaft oder mobil wird, weniger die grundsätzliche Diskussion darüber, ob der Mensch von Natur aus eher sesshaft oder eher mobil ist (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1997, 96-98).

Der Ausgangspunkt seiner erweiterten makrosoziologischen Migrationstheorie ist die Feststellung, dass die Welt im Zuge des Globalisierungsprozesses zu „einer Welt“ (one world) bzw. zu „einer Weltgesellschaft“ (a world society) zusammenwächst. Eine der Folgen dieser Entwicklung sowie der anhaltenden Bevölkerungsexplosion ist das kontinuierlich wachsende internationale Migrationspotential. Die Frage, ob dieses Potential tatsächlich Migrationsbewegungen auslösen wird oder nicht, hängt nach seiner Auffassung weitgehend von den strukturellen und kulturellen Bedingungen (structural and cultural characteristics of world society) der neu entstehenden Weltgesellschaft ab. Dabei ist er der Überzeugung, dass das internationale Migrationspotential letztendlich von zwei zentralen Charaktermerkmalen der Weltgesellschaft bestimmt sein wird. Diese sind zum einen die entwicklungsmäßigen Disparitäten (developmental disparities) zwischen den nationalen Einheiten innerhalb der Weltgesellschaft auf der strukturellen Ebene und zum anderen die wertmäßige Integration (value integration) der Gesellschaften auf der kulturellen Ebene, die die soziale Mobilität auslöst und legitimiert (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1997, 103).

Die entwicklungsmäßigen Disparitäten in der Weltgesellschaft sind ein Ausdruck der sozialen Ungleichheit, die für die Entstehung sozialer Stratifikationen ursächlich ist. Diese Disparitäten sind als quantifizierbare strukturelle Distanzen (structural distaces) zwischen den Nationen anzusehen, die jeweils an ökonomischen, sozialen und demographischen Indikatoren gemessen werden können. Damit bleibt die Weltgesellschaft prinzipiell für die soziale Mobilität (z.B. Auf- und Abstieg) offen, die oft auch mit der geographischen Mobilität (z.B. Emigration) verbunden sein kann. Die Konzeption einer Weltgesellschaft setzt an sich die gemeinsame Teilhabe aller Menschen an Wohlstand, Wohlfahrt, Mobilität und sozialer Gerechtigkeit als erstrebenswerte Ziele voraus. Die grenzüberschreitende Migration ist ein Mittel für die aufstiegsorientierte soziale Mobilität (upward social mobility), die diese Teilhabe ermöglichen soll. Damit die entwicklungsmäßigen Disparitäten tatsächlich internationale Migrationen auslösen können, muss jedoch auf der kulturellen Ebene die wertmäßige Integration (value integration) als zweite unerlässliche Bedingung hinzukommen. Dies bedeutet, dass die Homogenisierung und Diffusion der kulturellen Wertvorstellungen westlicher Prägung durch die Sozialisation (z.B. die Vermittlung der Wertvorstellungen, wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Freizügigkeit der Bewegungen von Personen, Waren, Kapital und Technolgie) erst die bewusstseinsmäßigen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Menschen die soziale Stratifikation und Ungleichheit tatsächlich als Hindernisse für die Chancengleichheit wahrnehmen. Die Entwicklung individueller und kollektiver Aspirationen zur Teilhabe an den kulturellen Werten der Weltgesellschaft wird erst durch diese Wertintegration möglich (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1997, 103-105).

Ausgehend von den genannten zwei zentralen Charaktermerkmalen der Weltgesellschaft, d.h. zum einen die entwicklungsmäßigen Disparitäten (strukturelle Distanzen) und zum anderen die ungleiche wertmäßige Integration (kulturelle Distanzen), die das internationale Migrationspotential bestimmen werden, kommt Hoffmann-Nowotny zu folgenden neun denkbaren Konstellationen des internationalen Migrationspotentials.

Hoffmann-Nowotny betrachtet das internationale Migrationspotential als Funktion des Wandels der strukturellen und kulturellen Distanzen zwischen den nationalen Einheiten innerhalb der Weltgesellschaft. Dabei geht er davon aus, dass die Veränderungen der kulturellen Distanzen einen wesentlich stärkeren Einfluss auf das Migrationspotential ausüben als die der strukturellen Distanzen (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1997, 111).


1.4.5 Migrationstheorie von Hartmut Esser

Entscheidend für die theoretische Position von Hartmut Esser ist seine von der kognitiven Theorie des Lernens und Handelns ausgehende Orientierung am methodischen Individualismus. Esser nimmt diese theoretische und methodische Position sehr bewusst in Anlehnung an Max Weber, Talcott Parsons und Alfred Schütz ein, wie er selbst konstatiert (vgl. Hartmut Esser, 1980, 1885-187). Alle sozialen Prozesse, Systemerfordernisse und Funktionen sind danach auf das Empfinden, interessengeleitete Handeln und Lernen von Individuen zurückzuführen (vgl. Hartmut Esser, 1980, 14). Er versucht daher unter Nutzung des „handlungstheoretisch-individualistischen Ansatzes“ theoretische Ansätze und empirische Ergebnisse der Migrationsforschungen zu interpretieren, zu ordnen und zu integrieren (vgl. Hartmut Esser, 1980, 16). Seine Aussagen zur Eingliederung und Integration der Migranten in die Aufnahmegesellschaft sind daher vor dem genannten theoretischen und methodischen Hintergrund zu verstehen.

Wie Shmuel N. Eisenstadt geht Esser auch davon aus, dass Migration die Desozialisation der Migranten (d.h. die Aufgabe der Bezugswelt, der Rollenverflechtungen und der Alltagsroutinen, wie im Kapitel 3.2 näher ausgeführt) beinhaltet, die zur Marginalität und zum Zusammenbruch der „relativ natürlichen Weltanschauung“ im Sinne von Max Scheler führt (vgl. Hartmut Esser, 1980, 107; zur „relativ natürlichen Weltanschauung“ siehe Kapitel 3.4). Die Migranten müssen daher ihre Beziehungen zum kulturellen und sozialen System ihrer Aufnahmegesellschaft insgesamt neu strukturieren und aufbauen, um dort individuelle Ziele erreichen zu können. Für diesen Prozess der Re-Sozialisierung und Re-Organisierung der Immigranten und für alle Aspekte ihrer zu entwickelnden Beziehungen zur Aufnahmegesellschaft benutzt Esser den Begriff der Eingliederung als zusammenfassenden Oberbegriff (vgl. Hartmut Esser, 1980, 14, 16-17, 19; 1981, 77, 80).

Esser analysiert die Gesamtheit der Beziehungen der Immigranten zum System der Aufnahmegesellschaft unter drei zentralen Teilaspekten der Eingliederung: Akkulturation, Integration und Assimilation. Im Folgenden sollen zunächst nur die ersten beiden Aspekte der Akkulturation und Assimilation dargestellt werden. Der Aspekt der Integration ist dem späteren Kapitel 5.2 zum Thema der Integration der Immigranten vorbehalten.

Akkulturation ist ein Prozess der Angleichung, der im kognitiven Bereich als Lernprozess stattfindet, in dessen Verlauf Personen oder Gruppen von Personen kulturelle Orientierungsmuster, Eigenschaften und Verhaltensweisen in den institutionalisierten Teilbereichen der Aufnahmegesellschaft übernehmen. Akkulturation ist dabei weder ein automatisch einsetzender noch ein in ihrer Verlaufsrichtung und ihren Ergebnissen unumkehrbar festgelegter Prozess. Eine bewusste partielle und teilidentifikative Anpassung ist denkbar und möglich (vgl. Hartmut Esser, 1980, 20).

Assimilation ist ein „Zustand der Ähnlichkeit“ in Handlungsweisen, Orientierungen und interaktiven Verflechtungen zum Aufnahmesystem. Dabei wird unterstellt, dass Kultur und Sozialsysteme nicht homogen und daher mit dem Erwerb sehr verschiedener subkultureller Eigenschaften vereinbar sind. Assimilation ist dabei der Zustand der Ähnlichkeit einer Person relativ zu den Teilbereichen der Aufnahmegesellschaft. Eine vollständige faktische Teilnahme, ist oft auch für Einheimische nicht möglich (vgl. Hartmut Esser, 1980, 22).

In Anlehnung an das Assimilationsmodell von Ronald Taft unterscheidet Esser (vgl. Hartmut Esser, 1980, 56) zwischen den absoluten (z.B. Fertigkeiten, Werte, Bräuche, Gewohnheiten) und den relationellen Eigenschaften (z.B. Interaktionen, Statuseinnahme, Rollenausübung), die die Individuen assimilativ erwerben. Danach ergeben sich vier verschiedene Assimilationsformen (vgl. Hartmut Esser, 1980, 22; 1981, 77; 1982, 282):

Bezogen auf die individuell-absoluten Eigenschaften

(1) Kognitive Assimilation in Wissen, Fertigkeiten und Mittelbeherrschung (Wissens-Dimension)

(2) Identifikative Assimilation in der kathektischen Hochschätzung von Elementen (Wert-Dimension)

Bezogen auf die individuell-relationellen Eigenschaften

(3) Soziale Assimilation (Interaktions-Dimension)

(4) Strukturelle Assimilation (Institutions-Dimension)

Ausgehend von den allgemeinen sozialpsychologischen Konzeptionen versteht Esser unter dem Handeln „alle motorischen und nicht-motorischen Aktivitäten (kognitiver oder evaluativer Art) einer Person, die die faktischen oder vorgestellten Beziehungen zwischen der Person und ihrer Umwelt (irgendwie) verändern.“ (vgl. Hartmut Esser, 1980, 182). Das so verstandene Handeln wird nach seiner Auffassung von einer bestimmten Handlungstendenz (Kraft) verursacht, die von den folgenden vier Variablen abhängt (vgl. Hartmut Esser, 1980, 182-185, 210):

a) Motivation (Anreizwert einer Zielsituation für den Akteur: Wertaspekt der Handlung),

b) Kognition (subjektive kognitive Erwartung, durch eine Handung die Zielsituation zu erreichen: Wissensaspekt der Handlung),

c) Attribution (generalisiertes subjektives Vertrauen des Akteurs in die Wirksamkeit des eigenen Tuns, in die Kontrollierbarkeit der Umgebung: Attribuierungsaspekt),

d) Widerstand (die vom Akteur eingeschätzten Kosten, Nebenfolgen und der Aufwand einer Handlung: Kostenaspekt der Handlung).

Diese Variablen sind die Determinanten des Handelns und die bestimmenden Elemente für die Person-Umgebung-Relation. Ein Akteur wählt in einer Ausgangssituation, unter Berücksichtigung dieser Variablen, aus allen möglichen Handlungen die Handlung aus, von der er annimmt, dass er die Zielsituation mit dem relativ höchsten Anreizwert am sichersten durch eigenes Handeln bei relativer Kostenminimierung erreichen wird. Somit bestimmen der vermutete Nettonutzen und die vermutete Wirksamkeit des eigenen Handelns die Handlungswahl. Ein Akteur setzt somit seine Handlung als Mittel für die angestrebten Ziele ein. Er wird dabei in seiner rationalen Handlungsentscheidung, im Sinne der kognitiven Theorie des Lernens und Handelns, von der „Kraft“ der Ziel-Mittel-Kosten-Kalkulation geleitet (vgl. Hartmut Esser, 1980, 194).

Unter Lernen versteht Hartmut Esser „die Ausbildung und die Veränderung bestimmter Wert-Erwartungszusammenhänge, wie sie dem Handeln zugrunde liegen.“ (vgl. Hartmut Esser, 1980, 190). Zwei Formen des Lernens werden unterschieden. Die erste Form besteht in der Selektion von Reaktionen als umweltabhängigen Assoziationsbildungen. Die zweite Form besteht in der Selektion von Bewertungen und Erwartungen auf der Grundlage aktiver Kalkulation (vgl. Hartmut Esser, 1980, 190). Mit dieser Unterscheidung der Lernformen wird deutlich gemacht, dass Lernen und Handeln nicht ausschließlich akteurbestimmt werden können. Person und Umgebung stehen im Handeln und Lernen in wechselseitiger Interaktion. Die Umgebungsvariablen, die das Handeln und Lernen bestimmen, sind (vgl. Hartmut Esser, 1980, 211-213):

a) Opportunitäten (Gelegenheiten und Bedingungen, die assimilative Handlungen erlauben und unterstützen),

b) Barrieren (Faktoren, die den assimilativen Handlungen entgegenstehen, wie die materiellen und rechtlichen Beschränkungen, sozialen Vorurteile, Askriptionen und Diskriminierungen)

c) Alternativen (Handlungsmöglichkeiten nicht assimilativer Art).

Hartmut Esser formuliert nach den dargestellten Person-Umgebung-Variablen zwei Hypothesen bezüglich der assimilativen Handlungsentscheidung der Migranten:

Hypothese 1:

„Je intensiver die Motive eines Wanderers in bezug auf eine bestimmte Zielsituation; je stärker die subjektiven Erwartungen eines Wanderers sind, dass diese Zielsituation über assimilative Handlungen und/oder assimilative Situationen erreichbar ist; je höher die Handlungsattribuierung für assimilative Handlungen ist; und je geringer der Widerstand für assimilative Handlungen ist, um so eher führt der Wanderer - ceteris paribus - assimilative Handlungen (aller Art, einschließlich Bewertungen, Wahrnehmungen und Informationssuche) aus.“ (vgl. Hartmut Esser, 1980, 211).

Hypothese 2:

„Je mehr assimilative Handlungsopportunitäten dem Wanderer im Aufnahmesystem offenstehen; je geringer die Barrieren für assimilative Handlungen im Aufnahmesystem sind; und je weniger alternative Handlungsopportunitäten nicht assimilativer Art verfügbar sind, um so eher führt der Wanderer - ceteris paribus - assimilative Handlungen aus.“ (vgl. Hartmut Esser, 1980, 211).


Die assimilativen Handlungen der Migranten haben immer auch „externe Effekte“, die andere Akteure zur Reaktionshandlung veranlassen, die die Letzteren ohne die vorherigen Assimilationshandlungen der Ersteren unterlassen hätten. Die Reaktionshandlung bedeutet umgekehrt für die Migranten eine bedeutsame Veränderung ihrer Handlungsumgebung, die sie wiederum in ihrer weiteren rationalen Handlungswahl berücksichtigen müssen. So entsteht ein Ablauf von interessengeleiteten Handlungsketten bzw. „gesellschaftlichem Zwang“, dem sich sowohl die Migranten als auch andere Akteure gegenübersehen. Strukturelle Zwänge und Prozesse werden, so meint Esser, individualistisch deutbar (vgl. Hartmut Esser, 1980, 217). Die Strukturierung eines Sozialsystems wird somit als Folge von Handlungsentscheidungen der das System bildenden Individuen aufgefasst (vgl. Hartmut Esser, 1980, 14).

Im zeitlichen Verlauf des Eingliederungsprozesses stellt die Akkulturation die Anfangsphase dar, der die Phasen der Integration und Assimilation zwar nicht zwangsläufig, aber unter bestimmten Bedingungen folgen können (vgl. Hartmut Esser, 1980, 72-80). „Die identifikative Assimilation tritt erst nach Vorliegen der anderen Assimilationstypen ein. Die kognitive Assimilation geht sowohl der sozialen wie der strukturellen Assimilation voraus. Die strukturelle Assimilation geht dann ihrerseits der sozialen Assimilation voraus.“ (Hartmut Esser, 1980, 231; 1982, 283). Die identifikative Assimilation ist damit das Endstadium des gesamten Prozesses.

1.5 Transmigranten und Transnationalismus als neue Themen der Migrationsforschung

Das zentrale Thema der Migrationsforschungen war bis in die 1980er Jahre hinein die Eingliederung der Migranten in die Aufnahmegesellschaft. Die deskriptiv-klassifikatorischen Sequenz- und Zyklenmodelle, die mit der Institutionalisierung der Migrationssoziologie als Fachdisziplin an der Universität Chicago/USA in den 1920er Jahren nach und nach entwickelt wurden, sind in ihren unterschiedlichen Phasen- und Zykleneinteilungen weitgehend von einem linear-progressiv verlaufenden Eingliederungsprozess der Migranten in die Aufnahmegesellschaft ausgegangen. Die darauf folgenden Migrationstheorien der 1960er Jahre (z.B. die von Shmuel N. Eisenstadt und Milton M. Gordon) waren inhaltlich umfassender angelegt (z.B. theoretische Berücksichtigung der in der Realität oft vorkommenden Diskontinuitäten und Regressionen des Eingliederungsprozesses der Migranten) als die Sequenz- und Zyklenmodelle. Ihre zentralen Interessen waren ebenfalls auf die Eingliederung der Migranten in die Aufnahmegesellschaft gerichtet. Im Mittelpunkt der Migrationsforschungen im deutschsprachigen Raum steht seit den 1980er Jahren auch die Eingliederung der Migranten.

Gemeinsam für die genannten Migrationsforschungen war die Vorstellung der bipolaren Verhältnisse, die zwischen den Sende- und Empfängerländern generell zu beobachten waren (vgl. Roger Rouse, 1992, 26-27). Erkenntnisleitend war dabei die historische Realität des einseitig fließenden Migrationsstroms von den Sende- zu den Empfängerländern (z.B. Siedlungsmigration von Millionen verarmter Menschen aus Europa in traditionelle Einwanderungsländer). Unter diesem bipolaren Denkmodell machten unter anderem die Probleme der Entwurzelung (uprooted), der soziokulturellen Entfremdung (alienation) und des unvermeidlichen Abbruches (rupture) der Migranten von bzw. mit ihren Herkunftsländern einerseits und ihrer schwierigen und mühevollen Niederlassung (settlement), Akkulturation, Integration und Assimilation/Absorption in die Aufnahmeländer andererseits die zentralen Fragestellungen der Migrationsforschungen aus (vgl. Nina Glick-Schiller, Linda Basch, Cristina Blanc-Szanton, 1992, 1).

Zu Beginn der 1990er Jahre thematisierten zunehmend Anthropologen und Soziologen in den USA einen neuen Typus von Immigranten aus karibischen Ländern, Mexiko und den Philippinen, der sich grundlegend von dem traditionellen Typus der Immigranten unterscheidet. Dieser neue Typus zeichnete sich durch die Tatsache aus, dass er, abweichend von dem traditionellen Bild der Immigranten, aus den zirkulierenden (circulation) Migranten bestand, die sich ständig zwischen ihrer Residenz- und Herkunftsgesellschaft hin und her bewegten (the constant back and forth flow of people). Sie waren damit weder permanente noch temporäre Einwanderer im herkömmlichen Sinn bzw. „sojourners“, die nur für einige Jahre ihr Glück im Ausland versuchten und dann als Remigranten in ihre Heimat zurückkehrten. Sie entwickelten Aktivitäten und multilokale soziale Beziehungen (multi-stranded social relations) über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg und erhielten ihre Bindungen zu ihrem Heimatland aufrecht. Um die Erfahrungen dieses neuen Typus von Immigranten theoretisch zu erfassen, wurde eine neue Konzeption des Transnationalismus (transnationalism) für notwendig gehalten, weil die herkömmlichen Begriffe und Konzepte der Migrationssoziologie nach Auffassung der Forscher nicht geeignet waren. Der Transnationalismus wurde dabei als ein Prozess definiert, in dem die Immigranten soziale Felder (social fields) erschließen, die ihr Herkunftsland mit ihrem Aufnahmeland verbinden. Die Immigranten, die solche sozialen Felder erschließen und dadurch mehrfache Beziehungen (multiple relations) familialer, wirtschaftlicher, sozialer, religiöser, politischer und organisatorischer Art entwickeln und aufrechterhalten, die die nationalstaatlichen Grenzen überspannen, wurden als Transmigranten bezeichnet. Diese unternehmen Aktionen, treffen Entscheidungen, artikulieren Interessen und bilden Identitäten innerhalb ihrer sozialen Netzwerke, die gleichzeitig zwei oder mehrere Gesellschaften verbinden (vgl. Nina Glick-Schiller, Linda Basch, Cristina Blanc-Szanton, 1992, 1-2, 5; 1997, 121).

Transmigranten und Transnationalismus sind somit wissenschaftliche Konstruktionen, die helfen sollen, die strukturell bedingten Veränderungen von Einstellungen, Aktivitäten, Erfahrungen, Identitäten und Lebensentwürfen des neuen Migrantentypus theoretisch erklärbar und erfassbar zu machen. In den Publikationen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen, werden unterschiedliche strukturelle Bedingungen genannt, die ursächlich für diese Veränderungen sind:

a) Globalisierung der Wirtschaft

Die Energiekrise zu Beginn der 1970er Jahre hat nicht nur die 20jährige Wachstumsperiode der Wirtschaft (1950-1973) in den westlichen Industrieländern nach dem Zweiten Weltkrieg abrupt beendet, sondern grundlegende Strukturkrisen ausgelöst. Die Industrieländer waren zur grundlegenden Restrukturierung ihrer Wirtschaft gezwungen. Diese bestand im Wesentlichen in der massiven Kostensenkung durch die Einführung neuer Produktionstechniken und durch die Rationalisierung der Produktionsverfahren, in der generellen Verkürzung der Produktionszyklen und in der erhöhten Flexibilität der Produktion, um den sich schnell verändernden Marktbedingungen und Nachfragen gegenüber besser und flexibler reagieren zu können (vgl. Elisabeth Hagen, Jane Jenson, 1988, 9-11; Petrus Han, 2003, 83). Um 1990 tritt der Strukturwandel der Weltwirtschaft in eine qualitativ neue Phase der grundlegenden und akzelerierenden ökonomischen Globalisierung (economic globalization) ein. Zunehmend wurden Staatsunternehmen privatisiert und Arbeitskräfte in Privatunternehmen durch internationale Fusionen reduziert (downsizing). Die Zahl der transnationalen Unternehmen und die damit zusammenhängenden Auslandsdirektinvestitionen (foreign direct investments) stiegen kontinuierlich an (vgl. A. G. Kenwood, A. L. Lougheed, 1999, 247-250).

Die USA, aber auch andere Industrieländer, haben ihre exportorientierten Manufakturindustrien (z.B. im Produktionsbereich der Elektronik, Textil, Schuhe, Nahrungsmittel, Spielzeug) und die kommerzielle Landwirtschaft, deren Standorte unter dem besonderen Aspekt des Klimas und Transportes ausgewählt wurden, in die sog. „off-shore“-Länder der karibischen Region und nach Asien verlagert, um einerseits die billigen Arbeitskräfte (low-wage labor force) zu nutzen, andererseits gegen die Forderungen der organisierten einheimischen Arbeiterschaft druckvoll vorgehen zu können (vgl. Saskia Sassen-Koob, 1984, 1145-1151; Monica Boyd, 1989, 658-659). Diese Verlagerung, vergleichbar mit der Entwicklung in Deutschland, hat unter anderem die lokale Wirtschaftsstruktur zerstört und Arbeitskräfte freigesetzt, die migrieren mussten, um Beschäftigung zu finden. Unter den veränderten Lebensbedingungen konnten sie jedoch kaum eine sichere wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lebensgrundlage schaffen, so dass sie sich auf eine transnationale Existenz einstellen mussten (vgl. Nina Glick-Schiller, Linda Basch, Cristina Blanc-Szanton, 1992, 8-9).

b) Entstehung von transnationalen Familien

Zwischen den USA und Mexiko, den karibischen Ländern sowie den Philippinen bestehen seit dem 19. Jahrhundert enge kolonialhistorisch bedingte politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen. Diese historischen Beziehungen haben zur Entstehung eines einzigartigen Migrationssystems (migration system) zwischen diesen Ländern beigetragen (vgl. Monica Boyd, 1989, 641-642), innerhalb dessen zirkulierende und temporäre Arbeitsmigrationen fast zur Normalität geworden sind. Die meisten Menschen in den karibischen Ländern haben ihren Arbeitsplatz außerhalb ihres Herkunftslandes. So ist für sie die Arbeitsmigration in die USA selbstverständlich. Es gibt kaum eine Familie in dieser Region, die keine Migrationserfahrungen hat (vgl. Rosina Wiltshire, 1992, 176, 182-183). Zur Arbeitsmigration von Mexiko in die USA ist festzustellen, dass sie vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein relativ kontinuierlich stattfindet. Die Knappheit an Arbeitskräften in den USA beim Bau von Eisenbahnstrecken, die den Südwesten mit dem Markt im Osten verbinden sollten, oder die vorübergehende Verknappung der Arbeitskräfte während des Zweiten Weltkrieges, waren Anlässe für die USA, die temporäre Immigration mexikanischer Arbeiter zuzulassen. Das „Bracero Programm“, das die USA 1942 mit Mexiko vereinbarten, um die Knappheit an Arbeitskräften während des Zweiten Weltkrieges auszugleichen, und das aufgrund der wirtschaftlichen Interessen der amerikanischen Bauernbevölkerung im Süden mehrmals verlängert werden musste, hat es ermöglicht, zwischen 1942 und 1964 insgesamt 4,6 Mio. mexikanische Arbeitsmigranten (Braceros) in der Landwirtschaft zu beschäftigen (vgl. Douglas S. Massey, 1988, 402-404). Die Immigration von den Philippinen in die USA beginnt ebenfalls im 19. Jahrhundert, nachdem die USA die Philippinen 1898 mit 20 Millionen US-Dollar von Spanien erworben haben. Die USA errichteten dort Militärstützpunkte in „Subic Bay“, „Olangapo“ und Luftwaffenstützpunkte in „Angeles“ (vgl. Agisra, 1990, 166).

Vor diesem skizzierten Hintergrund sind in Mexiko, auf den Philippinen und in den karibischen Ländern viele Familien zu finden, deren Angehörige in den USA arbeiten. Diese Familien sind deswegen als transnationale Familien (transnational families) zu bezeichnen, weil sie durch häufige grenzüberschreitende Mobilität (z.B. Besuche zu familiären Anlässen, wie Taufe, Einschulung der Kinder, Hochzeit, Todesfall) geprägt sind, und weil ihre Entscheidungen immer die Gegebenheiten von zwei Ländern berücksichtigen müssen (vgl. Bela Feldman-Bianco, 1992, 157). Die Existenz solcher transnationalen Familien ist die Grundvoraussetzung für die Entstehung von transnationalen sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Netzwerken zwischen den Emigranten und den Menschen im Heimatland. Der Begriff „transnational“ wird zur Beschreibung der Tatsache gebraucht, dass Migranten ihr Alltagsleben zunehmend über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg gestalten und dabei ihre Bindungen zu ihrem Herkunftsland weiterhin aufrechterhalten (siehe hierzu Nina Glick-Schiller, Linda Basch, Cristina Blanc-Szanton, 1992, IX). Solche transnationalen Familien haben mehrfache Familienbasen (multiple home bases) und entwickeln mehrfache nationale Loyalitäten (multiple national loyalties), die nationalstaatliche Grenzen überspannen (vgl. Rosina Wiltshire, 1992, 175).

c) Politik der Herkunftsländer zur Reintegration ihrer Emigranten in die nationale Kultur und Wirtschaft

Die Nationalstaaten, die durch gezielte politische Maßnahmen die Bindungen ihrer im Ausland lebenden ehemaligen Staatsbürger zu fördern und zu stärken versuchen, nehmen seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in ihrer Gesamtzahl zu. Sie verfolgen dabei überwiegend nationalstaatlich orientierte kulturelle und wirtschaftliche Zielsetzungen. Um dies zu verdeutlichen, sind zum einen die ehemaligen Kolonialländer zu nennen, die ihre Staatsbürger, die verstreut in verschiedenen Kolonialgebieten leben, in ihren postkolonialen Staat zu integrieren versuchen. Der postkoloniale Staat Portugal hat z.B. 1980 „eine globale portugiesische Nation“ (a global Portuguese nation) ausgerufen, die unabhängig vom Territorium als „the imagined political community“ existiert. Die portugiesische Nation wurde dadurch ent-territorialisiert und erfasst nun alle Portugiesen, die in der Welt verstreut leben. Der portugiesische Staat ermöglicht danach allen Auslandsportugiesen das doppelte Staatsbürgerrecht (dual citizenship rights) mit dem politischen Wahlrecht. Auf dieser rechtlichen Grundlage können die Auslandsportugiesen zwischen Residenzgesellschaft und Mutterland hin und her reisen und dadurch ihre kulturelle Verbundenheit intensivieren (vgl. Bela Feldman-Bianco, 1992, 146-149, 152). Jamaika und Kuba gewähren ihren Emigranten ebenfalls die doppelte Staatsbürgerschaft, um die kulturellen Bindungen zum Herkunftsland im politischen und wirtschaftlichen Interesse nicht abreißen zu lassen (vgl. Palmira N. Rios, 1992, 225).

In ähnlicher Form versuchen auch Italien und Mexiko die ethnischen Heimatbindungen ihrer Emigranten im Ausland politisch zu fördern und im wirtschaftlichen Interesse dauerhaft zu erhalten. 1912 hat Italien seine Staatsangehörigkeitsgesetze so verändert, dass alle Italiener, die durch den Erwerb einer anderen Staatsangehörigkeit ihre italienische verloren haben, durch die Rückkehr nach Italien ihre verlorene Staatsangehörigkeit ohne Schwierigkeit und Kosten zurückerhalten können. Mexiko hat auch in seiner Verfassung den Passus entfernt, nach dem die Mexikaner bisher automatisch ihre mexikanische Staatsangehörigkeit verlieren, wenn sie eine andere erwerben. Damit hat Mexiko die rechtliche Bedingung geschaffen, dass seine Staatsangehörigen auch im Falle des Erwerbs einer anderen Staatsangehörigkeit (z.B. die der USA) ihre bisherige beibehalten können (vgl. Robert Smith, 1992, 208).

Ein weiteres Interesse der Herkunftsländer besteht darin, das Kapital und die im Ausland erworbenen technischen und unternehmerischen Qualifikationen der ehemaligen Staatsbürger für die Entwicklung des Heimatlandes zu nutzen. Zu diesem Zweck wird die ethnische Heimatbindung politisch und gesetzlich gefördert. Durch patriotische Appelle an nationale Gefühle und an die kulturelle Identität werden die Emigranten an ihre dualen kulturellen und nationalen Loyalitäten erinnert und als willkommene Fachleute und Investoren angeworben. Diese Politik zielt aktiv auf die Umkehrung des „Brain Drain“ (to reverse the brain drain). Sie geht damit weit über die traditionelle Form der individuellen Geldüberweisungen (remittances) zur finanziellen Unterstützung der zurückgebliebenen Familien hinaus. Indien konnte aufgrund einer solchen Politik die Entstehung einer transnationalen „business class“ von Auslandsindern erreichen (derzeit weltweit etwa 10 Mio., davon 650.000 in den USA), die von 1984 bis 1988 insgesamt ein Kapital in Höhe von 240 Mio. US-Dollar in Indien investierten (vgl. Johanna Lessinger, 1992, 53-57, 65-67, 71-72).

d) Soziale und rassische Diskriminierungen und Segregationen der Immigranten im Aufnahmeland

Die sozialen und rassischen Diskriminierungen und Segregationen der Immigranten, die nicht der weißen Rasse und protestantischen Religion angehören, durch die dominante Mehrheitsgesellschaft der USA schaffen strukturelle Bedingungen für die Entstehung transnationaler Einstellungen und Lebensweisen bei den Immigranten. Dies ist sowohl bei denen der Fall, die aufgrund ihrer niedrigen sozialen Herkunft besondere Schwierigkeiten bei der Integration in die Aufnahmegesellschaft der USA haben, als auch bei denen, die sich aufgrund ihrer höheren Bildung und ihres ansehnlichen Kapitals relativ schnell an die Standards der materiellen Kultur der amerikanischen Gesellschaft anpassen können. So ist zu beobachten, dass die Arbeiterklasse der portugiesischen Bevölkerung in der Stadt „New Bedford“/USA (größte portugiesische Kolonie), intensivere transnationale familiale Netzwerke zum Mutterland Portugal entwickelt und aufrechterhält als die aufstiegsorientierten Portugiesen, die sich schneller in die amerikanische Gesellschaft assimilieren. Die Arbeiterklasse konstruiert dadurch eine erdachte politische Gemeinde (imagined political community), die an die Vorstellung der erfolgreichen luzitanischen Rasse der Vergangenheit und deren Überseebesitzungen anknüpft (vgl. Bela Feldman-Bianco, 1992, 170).

Die reichen Hongkong-Chinesen, die seit den 1970er Jahren ihr Kapital in dem „The San Francisco Bay Area“/USA investieren, um an der globalen Wirtschaft (global economy) der USA teilzunehmen, stellen ein weiteres Beispiel dar. Allein im Jahr 1990 sind ca. 9.000 von ihnen in die USA eingewandert. In „The San Francisco Bay Area“ angekommen wurden sie jedoch von den „upper class“-Amerikanern nicht angenommen, obwohl sie aufgrund ihres Reichtums mühelos den Anforderungen der „upper class“ entsprechen konnten. Diese bestanden in den Statussymbolen (z.B. Haus im Villenviertel, Luxusautos, Konsum von Luxusgütern), die in den Medien und in der populären Kultur der USA als „the american way of life“ der „upper class“ als selbstverständlich vermittelt wurden. Für die weiße Oberschicht der USA sind die reichen Hongkong-Chinesen dennoch nur Weltbürger zweiter Klasse (a second class world citizens). Eine der möglichen Erklärungen für diese soziale Ausgrenzung ist das historisch entstandene Bild der Chinesen in den USA. Die armen chinesischen Immigranten, die aus der Arbeiterklasse stammten und keine Ausbildung mitbrachten, hatten in den USA überwiegend als Lastenträger (coolies) beim Bau von Eisenbahnstrecken, in Minenbergwerken oder als Hilfsarbeiter in Wäschereien und Restaurants gearbeitet. Dieses Bild der Chinesen prägt nach wie vor die kollektive Erinnerung (collectiv memory) der Amerikaner, insbesondere in höheren sozialen Schichten. Vor diesem Hintergrund wird den reichen chinesischen Investoren und Unternehmern aus Hongkong „the cultural citizenship“ der USA vorenthalten. Diese setzt über den materiellen Reichtum hinaus kulturelle Kompetenzen (cultural competence) voraus, die nur durch langjährige Investitionen in die Bildung von „symbolic capital“ anzueignen sind. Der enttäuschte Rückzug in ihre exklusiven und transnationalen sozialen Netzwerke und Klubs ist damit die logische Konsequenz (vgl. Aihwa Ong, 1992, 132-140).

e) Entwicklungen der Informations-, Kommunikations- und Transporttechnologien

Die rasanten Entwicklungen der modernen Informations-, Kommunikations- und Transporttechnologien haben weltweit die Mobilität, Kontaktmöglichkeiten und die Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches von Menschen in einem ungeahnten Ausmaß erleichtert und vergrößert. Sie tragen zur Entstehung von transnationalen sozialen Netzwerken bei, weil Menschen schnell und relativ unabhängig von der geographischen Entfernung notwendige Informationen und nützliche Erfahrungen miteinander austauschen und sich nach Bedarf kostengünstig und mit geringem zeitlichen Aufwand hin und her bewegen können. Der Eindruck, dass sich die Welt zu einem „globalen Dorf“ (global village) entwickelt (vgl. Arjun Appadurai, 1990, 2), ist nicht von der Hand zu weisen. Für die Migranten wächst damit die Einsicht, dass eine völlige Inkorporation in die Residenzgesellschaft für sie weder möglich noch wünschenswert ist (vgl. Nina Glick-Schiller, Linda Basch, Cristina Blanc-Szanton, 1997, 126). In diesem globalen Kontext nehmen die transnationalen ökonomischen, politischen und kulturellen Netzwerke zwischen der Herkunfts- und Residenzgesellschaft der Migranten zu. Das Leben der Migranten hat damit über die nationalstaatlichen Grenzen hinaus multilokale Bezugspunkte, zwischen denen sie sich hin und her bewegen (vgl. Rosina Wiltshire, 1992, 176).

Bei der differenzierten Analyse des Phänomens der Transmigranten und des Transnationalismus, dessen Existenz durch das Zusammenspiel der genannten strukturellen Bedingungsfaktoren begründet wird, wird eine Vielzahl neuer Begriffe gebraucht, die die einzelnen Teilaspekte des Phänomens erklären. Zum zusammenfassenden Überblick der erkenntnisleitenden Interessen der neuen Forschungsrichtung wird im Folgenden die Zuordnung dieser Begriffe in einer Systematik (siehe die folgende Übersicht 5) versucht, die hier aufgrund der subjektiven Bewertung vorliegender Publikationen vorgenommen wird und daher nur vorläufigen Charakter hat.

Die Migration in der modernen Gesellschaft, insbesondere die Arbeitsmigration, ist unter anderem eine Funktion der Mobilität des Kapitals. Wo Kapital investiert wird, dort entsteht in der Regel Nachfrage nach Arbeitskräften. Diese Nachfrage spiegelt die gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsbeziehungen wider, die durch die jeweiligen Machtverhältnisse zwischen dem Kapital und der Arbeitskraft bestimmt werden (vgl. Carolle Charles, 1992, 102; Palmira N. Rios, 1992, 226). Die Globalisierung der Wirtschaft bedeutet, dass der Transfer von Kapital, Waren, Technologien, technischem und unternehmerischem Wissen sowie qualifizierten und unqualifizierten Arbeitskräften relativ unabhängig von den nationalstaatlichen Grenzen stattfindet. Dieser Transfer erfolgt dabei flexibel nach der sich schnell verändernden Nachfrage und den Erfordernissen des Marktes. Die Globalisierung verändert damit zwangsläufig den Typus der Migranten und die Formen der Migration, weil sich diese den veränderten Formen der Wirtschaft anpassen müssen. Transnationale Migration und Transmigranten entstehen daher, wie in der folgenden Übersicht 5 zu sehen ist, durch die Globalisierung der Wirtschaft. Indem jedoch die Transmigranten gezwungen werden, insbesondere bedingt durch die global veränderte und kurzfristig angelegte Nachfrage nach Arbeitskräften, sich ständig zwischen ihrer Herkunfts- und Residenzgesellschaft hin und her zu bewegen, spielt sich ihr Leben zunehmend in einem transnationalen sozialen Raum (transnational social space) ab, der nicht an die nationalstaatlichen Grenzen gebunden ist (vgl. Luin Goldring, 1992, 179).


Der Begriff des transnationalen sozialen Raumes ist dabei als der vom geographischen Territorium unabhängige und über die nationalstaatlichen Grenzen hinausreichende Lebenskontext der Transmigranten zu verstehen, innerhalb dessen alle Aktivitäten stattfinden, die bei der Bewältigung des Alltagslebens individuell und kollektiv zu unternehmen sind (vgl. Luin Goldring, 1992, 179). Der transnationale soziale Raum in diesem umfassenden begrifflichen Sinn bleibt diffus und inhaltlich nicht konkret. Er kann nicht a priori vorausgesetzt, sondern erst im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Aktivitäten, die die Transmigranten in ihrem konkreten Alltag unternehmen, a posteriori erdacht bzw. vorgestellt („imagined“ im Sinne von Benedict Anderson) werden. Er ist somit als ein vorgestellter Gesamtrahmen für eine Reihe von konkreten Aktivitäten der Transmigranten zu verstehen. Die Zusammenfassung dieser Aktivitäten unter der Rubrik „transnational social space“ in der Übersicht 5 ist ein Versuch, die diesbezüglich in der Literatur angewandten Begriffe in einer Systematik aufzulisten. Die Reihenfolge der Nennungen der einzelnen Begriffe gibt dabei die theoretisch denkbare zeitliche Abfolge wieder, in der die Transmigranten ihre Aktivitäten sukzessiv entwickeln und ausbauen.

Die Entstehung eines transnationalen sozialen Raumes beginnt mit der Bildung von transnationalen Familien, die bestrebt sind, die Verbindung zu ihren emigrierten Familienangehörigen aufrecht zu erhalten. Sie sind Ausgangspunkt und Basis für die transnationalen sozialen Netzwerke. In dem Ausmaß jedoch, in dem solche transnationalen Netzwerke nach den Kriterien der gemeinsamen ethnischen Wertvorstellungen, Lebenspraktiken, Geschichte usw. ausgebaut werden, entstehen grenzüberschreitende ethnische Gemeindebildungen (transnational communities), in denen die Transmigranten ihre sozialen Positions- und Statusanprüche einbringen und zu behaupten versuchen. Die „transnationational community“ stellt dabei eine (konkretere) Form der Vergesellschaftung innerhalb des diffusen transnationalen sozialen Raumes dar, die nicht durch nationalstaatliche Grenzen eingeschränkt bleibt (vgl. Luin Goldring, 1997, 181). Der Begriff „transnational community“ kann daher nicht durch den Begriff „transnational social space“ ausgetauscht bzw. ersetzt werden, obwohl dies in einigen Publikationen vorgeschlagen wird (vgl. Ludger Pries, 1996, 466).

Transmigranten werden definiert als Migranten, die die transnationalen sozialen Felder (transnational social fields) erschließen, die ihre Herkunfts- und Residenzgesellschaften verbinden. Sie unterhalten durch diese Felder mehrfache Beziehungen (multiple relations) familialer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer, religiöser und kultureller Art, die die nationalstaatlichen Grenzen überspannen (vgl. Nina Glick-Schiller, Linda Basch, Cristina Blanc-Szanton, 1992, 1, 4). Obwohl der inhaltliche Unterschied zwischen den beiden Begriffen „transnational community“ und „transnational social field“ nicht eindeutig ist, sprechen viele Anzeichen dafür, dass der Begriff „transnational social field“ im engeren und konkreteren Sinn zu verstehen ist als der Begriff „transnational community“. Mit anderen Worten können innerhalb einer transnationalen Gemeinde mehrere transnationale Felder (z.B. kulturelle, religiöse, wirtschaftliche, politische, persönlich-familiale) entstehen (vgl. Lloyd L. Wong, 1997, 333, 346) und auf jedem einzelnen sozialen Feld entsprechende spezifische transnationale soziale Organisationen (transnational social organizations) gebildet werden, deren Aktivitäten mehrere Gesellschaften überspannen (vgl. Luin Goldring, 1997, 181). Die transnationalen sozialen Netzwerke, die anfänglich durch die individuellen Initiativen aufgebaut werden, können auf der Gruppenebene der transnationalen Organisationen, die sich in fortgeschrittenen Entwicklungsphasen der transnationalen Gemeinde in den einzelnen transnationalen Feldern (z.B. Wirtschaft, Politik, Kultur) bilden, effektiver ausgebaut und intensiviert werden.

Auf allen Ebenen der sozialen Einheiten (transnationale Familie, Gemeinde, Felder und Organisationen), findet transnationales Leben (transnational life) der Migranten statt (vgl. Robert Smith, 1997, 198). So können traditionelle religiöse Feste des Heimatlandes in der transnationalen Gemeinde als fester Bestandteil des transnationalen Lebens weiter gefeiert werden. Inhalte und Gestaltungsformen mögen zwar von ihrem Ursprungssinn abgerückt und modifiziert worden sein, sie dienen dennoch der Stärkung der Beziehungen zwischen der Herkunfts- und Residenzgesellschaft und der kollektiven Erinnerung an die ethnisch-kulturelle Identität.

Eine der Konsequenzen des transnationalen Lebens besteht in der dualen kulturellen Identität und Loyalität (vgl. Johanna Lessinger, 1992, 77-78). Die Transmigranten sind einerseits bemüht, ihre ethnisch-kulturelle Identität durch ihr transnationales Leben (z.B. religiöse Feste und Volksfeste) symbolisch zu reproduzieren (vgl. Bela Feldman-Bianco, 1992, 157-159), sie sind andererseits in ihre Residenzgesellschaft so integriert, dass sie auch eine auf der Residenzgesellschaft basierende kulturelle Identität entwickeln. Sie haben aufgrund ihrer gleichzeitigen plurilokalen sozialen Positionierung in beiden Gesellschaften „variierende und mehrfache Identitäten“ (varying and multiple identities), die persönliche Spannungen zwischen Anpassung und Widerstand auslösen können (vgl. Nina Glick-Schiller, Linda Basch, Cristina Blanc-Szanton, 1992, 4). Eine andere Konsequenz besteht in der Transformation der Denkweisen der Transmigranten von ihrer nationalstaatlichen Orientierung zum Transnationalismus. Dies bedeutet, dass sie auf den unterschiedlichen transnationalen sozialen Feldern gleichzeitig und kontinuierlich sowohl in das Geschehen ihrer Herkunfts- als auch in das ihrer Residenzgesellschaft involviert bleiben. Dieses gleichzeitige (simultaneously) Einbezogensein bzw. Involviertsein in das Geschehen von zwei Gesellschaften ist kennzeichnend für den Transnationalismus (vgl. Nina Glick-Schiller, Linda Basch, Cristina Blanc-Szanton, 1992, IX; 4).

Alle Aktivitäten der Transmigranten entspringen im Grunde den allgemeinen Anpassungsbemühungen an die sich globalisierende und ent-territorialisierende Welt (a globalized and deterritorialized world), deren Ursprung auf die Globalisierung der Wirtschaft zurückgeht und deren Fortentwicklung durch den rasanten technischen Fortschritt im Bereich von Information, Kommunikation und Transport begünstigt und beschleunigt wird (vgl. Nina Glick-Schiller, Linda Basch, Cristina Blanc-Szanton, 1997, 123). Dieser Prozess der Globalisierung lockert schrittweise die Bindungen der Menschen an territorial und räumlich gebundene Gruppen mit homogener Kultur. An deren Stelle tritt nach und nach die globale Kultur. Vor dem Hintergrund dieser globalen Entwicklung stellt die Konstruktion des ent-territorialisierten Nationalstaates (a deterritorialized nationstate) den Ausdruck politischer Bemühungen einzelner Staaten dar, ihre im Ausland lebenden ehemaligen Staatsbürger in die Nationenbildung voll zu integrieren.

Die nähere Betrachtung der konzeptionellen Einzelaspekte der neuen Migrationsforschung in den USA, die bisher dargestellt wurden, lässt folgende abschließende Anmerkungen zu. Bei der neuen Migrationsforschung ist der analytische Bezugsrahmen auffallend, der mehr die vielschichtigen kulturellen, wirtschaftlichen, politischen Verbindungen (links) zwischen den Sende- und Empfängerländern, die die Transmigranten herstellen, in den Mittelpunkt der Analyse stellt. Dies ist insofern neu, als die Forschung bisher die Migration überwiegend aus dem Blickwinkel der Empfängerländer thematisiert hat, obwohl die Migranten schon immer Beziehungen zu ihrem Herkunftsland gepflegt haben. Die Begriffe der neuen Migrationsforschung sind dennoch die gleichen geblieben wie die der traditionellen Migrationsforschung. Sie setzt lediglich jedem Begriff das Adjektiv „transnational“ vor. Dies wird besonders bei dem Begriff der „dualen kulturellen und nationalen Identität“ deutlich, der bereits in den 1920er Jahren von Robert E. Park und Everett V. Stonequist thematisiert worden ist (siehe S. 239).

Die wissenschaftliche Konstruktion des „transnationalen sozialen Raumes“ und der „Ent-Territorialisierung“ (deterritorialization) des Nationalstaates sowie der Nation ist bei der Forschung zur transnationalen Migration ebenfalls neu. Ihre Bedeutung wird vor dem Hintergrund der Diskussionen über die schleichende Auflösung der politischen Konstruktion des territorial gebundenen Nationalstaates mit homogener Kultur und über die Entstehung der globalen Massenkultur empirisch zu überprüfen sein.

In der Tat scheint die expandierende Mobilität der Menschen die Vorstellung zu begünstigen, kulturelle Produkte und Praktiken nicht mehr ortsgebunden zu sehen. Die einstige Denkweise, dass man eigene territoriale und kulturelle Wurzeln verlieren könnte, verblasst. Die Globalisierung der wirtschaftlichen und politischen Bedingungen scheint somit zur Erosion der räumlich gebundenen sozialen Welten (spatially bounded social worlds) und zur Entstehung von sozial konstruierten Räumen (z.B. der Westen) zu führen. In einer Zeit der Ent-Territorialisierung werden Räume und Orte gemacht (spaces and places are made), erdacht (imagined) und erzwungen (enforced). Selbst die Identität der Menschen wird frei von der territorialen Gebundenheit (the deterritorialization of identity), wie dies z.B. bei den Migranten, Staatenlosen, Flüchtlingen der Fall ist (vgl. Akhil Gupta, James Ferguson, 1992, 9-11, 17-18). Der Fluss der globalen Kultur (global cultural flow) begünstigt die Schaffung von imaginären Welten (imagined worlds), die aus mehreren sich voneinander getrennt entwickelnden und entterritorialisierenden (deterritorialization) Landschaften (z.B. ethoscape, technoscape, finanscape, mediascape, idioscape) bestehen. Eine der bedenklichen Folgen dieser Entwicklung könnte die Möglichkeit sein, dass ein erdachtes „Heimatland“ in einer Medienlandschaft erzeugt wird (a invented homeland), das zur Entstehung einer Ideenlandschaft führt, die wiederum eine ideologisch gefärbte Ethnolandschaft ins Leben ruft (vgl. Arjun Appadurai, 1990, 6-10). Dabei darf jedoch die auffällige Paradoxie nicht übersehen werden, dass die Globalisierung in ihrer Kehrseite von der Renaissance des territorial gebundenen Nationalismus begleitet wird.

Das Phänomen der Transmigranten und des Transnationalismus war bisher nur in den USA ein aktuelles Forschungsthema. Das einzigartige Migrationssystem, das zwischen den USA, Mexiko, den Philippinen und den karibischen Ländern aufgrund ihrer engen gegenseitigen kolonialgeschichtlich bedingten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert entstanden ist, hat mit der Globalisierung der Wirtschaft die Erscheinung des neuen Typus der Transmigranten begünstigt. Transnationale Migration ist damit als regional begrenzte neue Form der Migration zu betrachten, die zur globalen Diversifizierung der Migrationsformen beiträgt.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die von den Forschungen der Transmigranten in den USA gewonnen werden, sind daher nicht uneingeschränkt auf andere Länder und Regionen übertragbar. Die vorliegenden empirischen Forschungsarbeiten versuchen die Existenz der Transmigranten durch die Untersuchung der Pendelbewegungen von mexikanischen Arbeitsmigranten in den Großraum New York, die größtenteils aus illegalen Arbeitern (indocumentado) bestehen, zu begründen (vgl. Ludger Pries, 1998, 136, 143-144). Diese Begründung ist jedoch für den europäischen Kontext kaum vorstellbar, weil solche Pendelbewegungen illegaler Arbeitsmigranten aufgrund der generell restriktiven Ausländer- und Arbeitsmarktpolitik der europäischen Aufnahmeländer kaum möglich sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die neuen Forschungsansätze zur transnationalen Migration in den USA für den europäischen Migrationskontext irrelevant sind. Europäische Forschungen können davon viele Anregungen erhalten, um ähnliche Phänomene (z.B. Urlaubsreisen von Arbeitsmigranten und deren Kinder in ihre Heimatländer und transnationale Lebensformen als mögliche Folgen der Freizügigkeit der Bewegungen von Personen innerhalb der EU) untersuchen zu können.

1.6 Globalisierung der Migrationsbewegungen und Diversifizierung der Migrationsformen seit 1945

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nimmt das Ausmaß der Migrationsbewegungen weltweit stetig zu und erfasst die gesamten Weltregionen, so dass heute kaum eine Region von dieser Entwicklung unberührt bleibt. Heute leben bereits mehr als 200 Mio. Menschen weltweit außerhalb ihrer Herkunftsorte (vgl. IOM, 2008, 2). Die flächenmäßige und quantitative Ausweitung der Migrationsbewegungen haben inzwischen so sehr weltumspannende Dimensionen erreicht, dass man von einer Globalisierung der Migrationsbewegungen bzw. von einem „age of migration“ spricht (vgl. Stephen Castles, Mark J. Miller, 1993, 3). Parallel dazu treten grundlegende Veränderungen in der Fließrichtung der Migrationsbewegungen auf. Die einseitig fließenden Migrationsbewegungen aus den sog. Aus- zu den Einwanderungsländern werden zunehmend durch rotierende bzw. zirkulierende Migrationsbewegungen abgelöst. Viele Länder sind heute gleichzeitig Aus- und Einwanderungsländer. Wirtschaftliche Sektoren und Wohnräume, aus denen Menschen emigrieren, werden durch die nachrückenden Immigranten wieder gefüllt und substituiert. Dabei nehmen Art und Weise der Migrationsbewegungen immer differenziertere Formen an, so dass von einer Diversifizierung der Migrationsformen gesprochen werden kann. Im Folgenden werden die seit 1945 eintretenden unterschiedlichen internationalen Migrationsformen (Arbeitsmigration, Familienzusammenführung, Flüchtlinge, Migration von Studierenden, Migration ethnischer Minderheiten, illegale Migranten) skizziert, um die quantitativen und qualitativen Veränderungen der weltweiten Migrationsbewegungen in der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des neuen Jahrhunderts exemplarisch aufzuzeigen. Im Bereich der Binnenmigration treten ebenfalls alle Migrationsformen auf, die mit denen der internationalen Migration vergleichbar sind, so dass hier auf eine gesonderte Betrachtung verzichtet wird. Damit sollen jedoch weder das zunehmende Ausmaß noch die äquivalente Bedeutung der Binnenmigrationen ignoriert werden.

1.6.1 Arbeitsmigration

Es ist bekannt, dass die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung die Nachfrage nach Arbeitskräften bestimmt. Wenn der Mehrbedarf an Arbeitskräften in einer wachstumsorientierten Wirtschaft durch das Angebot des heimischen Arbeitsmarktes nicht voll befriedigt werden kann, wird die Nachfrageseite alles unternehmen, den Fehlbedarf durch Arbeitskräfte des ausländischen Arbeitsmarktes auszugleichen. Damit entstehen theoretisch Arbeitsmarktbedingungen, die die grenzüberschreitende Migration von Arbeitskräften notwendig machen. Diese bleibt jedoch zunächst theoretisch, weil die faktische Einwanderung von Arbeitsmigranten neben deren Bereitschaft die Öffnung des Arbeitsmarktes voraussetzt, die von der Arbeitsmarktpolitik des Aufnahmelandes administrativ getragen werden muss.

Die Arbeitsmarktpolitik und die strukturellen Bedingungen der Wirtschaft zu erhöhter Nachfrage nach Arbeitskräften sind somit zwei entscheidende Determinanten der Arbeitsmigration. Sie sind sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart für die unterschiedlichen Formen der freiwilligen und ezwungenen Arbeitsmigration verantwortlich.

Der in der Mitte des 17. Jahrhunderts beginnende Sklavenhandel im Rahmen der expansiven Kolonialpolitik der europäischen Länder in Afrika und Asien hat bis Mitte des 19. Jahrhunderts schätzungsweise 15 Mio. Afrikaner als Sklaven nach Nordamerika verschifft, um sie dort als Arbeitskräfte im Bergbau (Gold- und Silberminen) und auf Plantagen (Anbau von Zuckerrüben, Tabak, Baumwolle, Kaffee) einzusetzen. Mit der Abschaffung des Sklavenhandels gegen Ende des 19. Jahrhunderts (1805 Abschaffung des Sklavenhandels durch die britische Regierung, 1865 Sklavenemanzipation in den USA, 1888 Ende des transatlantischen Sklavenhandels mit der Abschaffung der Sklaverei in Brasilien) haben die europäischen „Kolonialherren“ das System der Vertragsarbeiter (indentured worker) eingeführt. Von 1834 bis 1941 sind schätzungsweise 12 bis 37 Mio. „indentured workers“ (oft „coolies“ genannt), die sich zur Vorfinanzierung der Reisekosten vertraglich zur Arbeit für mehrere Jahre verpflichteten, vom indischen Subkontinent nach Nordamerika, in die Karibik und nach Südostasien gebracht worden, um dort in Bereichen eingesetzt zu werden, die vormals Sklaven vorbehalten waren (vgl. Imanuel Geiss, 1988, 124, 333-335; Stephen Castles, Mark J. Miller, 1993, 48-49; Peter Stalker, 1994, 9-13).

Die Einwanderung von Arbeitsmigranten in größerer Zahl ist auch in der deutschen Geschichte nicht neu. Man kennt bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts russische und polnische Wanderarbeiter in der Großlandwirtschaft der ostelbischen Junker. Die Junker hatten aus wirtschaftlichen Interessen heraus die polnischen und russischen Wanderarbeiter den deutschen Arbeitern vorgezogen. Wegen ihrer bescheidenen Ansprüche und ihrer unsicheren Rechtslage konnten sie flexibel eingesetzt oder entlassen werden. Der wirtschaftliche Aufbau des Ruhrgebietes im 19. Jahrhundert ist ebenfalls auf die nach 1869 einsetzende Masseneinwanderung polnischer Arbeiter (ca. 500.000) zurückzuführen, die aus Masuren und aus den Provinzen Westpreußen, Ostpreußen, Polen und Schlesien kamen (vgl. Wilhelm Brepohl, 1948, 102-104; Rene´ König, 1985, 16-21). Neben den polnischen Einwanderern „arbeiteten und lebten 1910 1,2 Mio. Ausländer im Deutschen Reich, von denen die Hälfte aus Österreich-Ungarn stammten“ (Friedrich Heckmann, 1992, 19). Es ist bekannt, dass das nationalsozialistische Regime in Deutschland Millionen von „Fremdarbeitern“ aus Polen zwangsrekrutiert hat, um sie in der Kriegswirtschaft einzusetzen. „Im Sommer 1944 befanden sich 7,8 Mio. ausländische Arbeitskräfte auf Arbeitsstellen im Reich: 5,7 Mio. Zivilarbeiter und knapp 2 Mio. Kriegsgefangene. Insgesamt wurden zu dieser Zeit Menschen aus fast 20 europäischen Ländern im Reich zur Arbeit eingesetzt“ (Ulrich Herbert, 1992, 361).

Die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende wirtschaftliche Wachstumsphase in den westeuropäischen Industrieländern hat zur erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften geführt, die durch den heimischen Arbeitsmarkt nicht voll abgedeckt werden konnte. Die gezielte Anwerbung von ausländischen Arbeitnehmern aus südeuropäischen und mediterranen Ländern (Spanien, Portugal, Italien, Jugoslawien, Griechenland, Türkei, Algerien, Marroko, Tunesien) war die Folge. Dadurch hatten die traditionellen Aufnahmeländer von Migranten in Europa (Belgien, Frankreich, Bundesrepublik Deutschland, Luxemburg, Niederlande, Schweiz, Schweden) von 1950 bis 1982 insgesamt 8 Mio. Immigranten zu verzeichnen. Die Gesamtzahl der Immigranten in diesen Ländern stieg von 3,1 auf 11,2 Mio. an (vgl. Denis Maillat, 1987, 39). Damit fand von 1950 bis 1974 eine erst nach dem Zweiten Weltkrieg auftretende neue innereuropäische Arbeitmigration aus dem Süden in den Nordwesten statt.

Die gegen Ende 1973 beginnende Energiekrise hat eine radikale Wende in der Arbeitsmarkt- und Ausländerpolitik der europäischen Industrieländer herbeigeführt. Sie verhängten einen generellen Anwerbestopp für „Gastarbeiter“ (ein mißverständlicher und irreführender Begriff, weil deren soziale Situation der Bedeutung des Wortes nicht entspricht), machten die Grenzen gegen unkontrollierte Zuwanderung dicht und gingen zu einer restriktiven Ausländer- und Arbeitsmarktpolitik über. Seitdem wird in allen europäischen Industrieländern, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die Zuwanderung von Arbeitsmigranten nicht erlaubt. Ein Beispiel dieser Ausnahmen stellt die umstrittene Green-Card-Verordnung der Bundesregierung von August 2000 dar, nach der bis zu 20.000 IT-Spezialisten aus Drittändern angeworben werden sollten, um den Mangel in der deutschen Wirtschaft zu beheben. Die Bundesregierung gewährte den IT-Fachleuten befristete Aufenthaltserlaubnis bis zu 5 Jahren und erlaubte ihnen mit ihrer Familien die Einreise. Aufgrund fehlender Resonanz konnten jedoch bis Juli 2003 lediglich 14.876 Arbeitsgenehmigungen im Rahmen dieser Verordnung (IT-ArGV) erteilt werden. Eine weitere Ausnahme ist in den osteuropäischen Werkvertrags- und Saisonarbeitern zu sehen, denen der Zugang zum Arbeitsmarkt der Mitgliedländer der EU für einen befristeten Zeitraum erlaubt wird. Im Jahr 2006 waren in Deutschland 320.400, in Italien 70.200, in Frankreich 16.200 und in Großbritannien 15.700 Saisonarbeiter beschäftigt (vgl. IOM, 2008, 83). Mit diesen Ausnahmen ist die politische Intention verbunden, den osteuropäischen Arbeitnehmern Erfahrungen auf einem Arbeitsmarkt der Europäischen Union zu ermöglichen. Sie sollen dadurch einen positiven Beitrag zum Aufbau der Wirtschaft in ihrem Herkunfsland leisten, gleichzeitig soll der Migrationsdruck auf die EU gemindert werden (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen, 2001, 52).

Innerhalb der EU findet derzeit eine temporäre Migration von Arbeitskräften aus den neuen Mitgliedländern nach Großbritannien und Irland statt. Großbritannien, Irland und Schweden haben bei der Osterweiterung der EU ihren Arbeitsmarkt für die Arbeitskräfte der neuen Mitgliedländer geöffnet. Dagegen halten Deutschland, Österreich, Belgien und Dänemark an der in den Beitrittsverträgen (16. April 2003) vereinbarten Übergangszeit von 7 Jahren fest, die die Masseneinwanderung von billigen Arbeitskräften aus den neuen Mitgliedländern verhindern soll. Zwischen dem 1. Mai 2004, an dem die Beitrittsverträge für die EU-Osterweiterung in Kraft getreten sind, und dem 31. März 2007 sind allein in Großbritannien 630.000 Anträge auf Arbeitserlaubnis registriert worden. Die Arbeitskräfte aus Polen hatten den größten Anteil daran (65 %), gefolgt von Arbeitsmigranten aus Litauen und der Slowakei mit einem Anteil von jeweils von 10 %. 82 % von ihnen waren im Alter von 18 und 34 Jahren. Der Frauenanteil betrug 43 % (vgl. IOM, 2008, 87, 457). Die Nachfrage der westeuropäischen Industrieländer nach billigen Arbeitskräften geht jedoch aufgrund der jüngsten Wirtschaftskrise (Finanzmarkt- und Bankenkrise) rapide zurück. Gleichzeitig führt der Bauboom in den neuen Mitgliedländern, insbesondere in Polen, zur Arbeitskräfteknappheit, so dass die Löhne dort steigen. Bereits 2007 hat die polnische Regierung eine Politik zur Rückwanderung ihrer ausgewanderten Arbeitskräfte eingeleitet, um den heimischen Arbeitskräftemangel zu beheben. Die Abwertung der britischen Währung und die damit verbundene Verschlechterung der Wechselkurse führten zu sinkenden Ersparnissen der osteuropäischen Arbeitsmigranten und unterstützen die Remigrationspolitik ihrer Heimatländer, so dass ihre Remigration wahrscheinlicher wird (vgl. OECD, 2009, 60).

Eine weitere Weltregion, deren Wirtschaft aufgrund ihrer geringen Bevölkerung und knappen heimischen Arbeitskräfte weitgehend auf ausländische Arbeitsmigranten angewiesen ist, ist die persisch-arabische Golfregion mit ihren 6 GCC-Staaten (Gulf Cooperation Council States: Barain, Kuwait, Oman, Quatar, Saudi Arabien, Vereinigte Arabische Emirate). Die Energiekrise 1973 und die Verteuerung des Ölpreises haben zu erhöhter Nachfrage nach Arbeitskräften in diesen Ländern geführt, zu deren Befriedigung keine weiteren heimischen Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Die steigende Bildungsbeteiligung und die veränderte Lebensweise in diesen Ländern, die durch den zunehmenden materiellen Wohlstand induziert wurden, haben zu einem Rückgang der ohnehin knappen Arbeitskräfte im produktiven Bereich geführt. Eine Entlastung des Arbeitsmarktes durch die erhöhte Erwerbsbeteiligung der Frauen konnte auch nicht erwartet werden.

Die Folge war eine Masseneinwanderung ausländischer Arbeitnehmer aus den benachbarten arabischen Ländern (Jordanien, Palästina, Ägypten, Jemen, Libanon, Sudan) und aus süd- und ostasiatischen Ländern (Indien, Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka, Indonesien und Phillipinen). Bis 1975 kamen 80 % aller temporären Arbeitsmigranten dieser Region aus den arabischen Ländern, deren Gesamtzahl 1,8 Mio. erreichte. Ab 1976 trat eine sprunghafte Zunahme der Arbeitsmigranten aus Südasien ein. Allein die Zahl der Arbeitsmigranten aus Pakistan stieg von 200.000 im Jahr 1976 auf 1,25 Mio. im Jahr 1979. Nach dem Zweiten Golfkrieg (1991), der mit der Invasion der irakischen Truppen in Kuwait begonnen hatte, hatten die GCC-Staaten begonnen, die Arbeitsmigranten aus den benachbarten arabischen Ländern, die während des Krieges den Irak politisch unterstützt hatten, auszuweisen und durch die aus Ägypten und Süd- und Ostasien zu ersetzen. Die Arbeitskräfte aus asiatischen Ländern sind nicht nur billiger als die arabischen, sondern auch bereitwilliger, die schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Sie sind leicht zu identifizieren und ihre Integration in die arabische Kultur (z.B. durch die Heirat) ist fast ausgeschlossen. Nach Schätzungen leben derzeit insgesamt 12,8 Mio. Ausländer in den GCC-Staaten, davon 3,5 Mio. aus den arabischen Ländern, die nicht dem GCC angehören. Der Rest kommt aus Süd- und Ostasien. Die Ausländer machen 36 % der gesamten Wohnbevölkerung dieser Staaten aus. Die Hälfte der Ausländer leben in Saudi Arabien. Der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung der Vereinigten Arabischen Emirate beträgt sogar 71 %. Die GCC-Staaten bilden nach den USA und Europa die drittgrößten Aufnahmeländer der Arbeitsmigranten der Welt. Dabei ist die Steigerungsrate der asiatischen Frauenarbeitskräfte, die in den privaten Haushalten als „domestic workers“ Anstellung finden, besonders hoch. Ihre Zahl ist von 1 Mio. im Jahr 1990 auf 3,7 Mio. im Jahr 2005 gestiegen (vgl. UNESCWA, 2007, 4-6).

Die überaus große Zahl der Arbeitsmigranten in den GCC-Ländern führt zum demographischen Ungleichgewicht, so dass z.B. der Anteil der Einheimischen an den gesamten Arbeitskräften nur 8,7 % in den Vereinigten Arabischen Emiraten, 14,1 % in Quatar und 50 % in Saudi Arabien beträgt. Damit sind die Wirtschaftsleistungen der GCC-Länder weitgehend von den Arbeitsmigranten aus Asien abhängig. Eine unmittelbare Folge davon ist die hohe Arbeitslosigkeit der jungen Schul- und Hochschulabgänger, die freiwillig arbeitslos bleiben, weil sie auf gut bezahlte Arbeitsstellen im öffentlichen Sektor warten. Zwischen 2001 und 2004 stieg diese Zahl in den Vereinigten Arabischen Emiraten von 2,3 auf 3.0 %, in Barain von 2,5 auf 3,1 %, in Saudi Arabien von 5,9 auf 6 % und in Oman von 5 auf 7,1 %. Eine weitere Folge besteht darin, dass die gesamte Produktivität der einheimischen Arbeitskräfte kontinuierlich sinkt, weil die Investitionen im Finanzmarkt die direkten Investitionen in produktiven lokalen und regionalen Projekten bei weitem übersteigen. Der jährliche Produktivitätsverlust zwischen 1980 und 2000 betrug in den Vereinigten Arabischen Emiraten 2,9 % und in Saudi Arabien 2,5 %. Es kommt der jährliche Kapitalabfluss von 24 Mrd. US-Dollar hinzu, die die Arbeitsmigranten pro Jahr in ihre Heimat überweisen. Vor diesem Hintergrund hat das Arbeitsministerium in Saudi Arabien 2003 ein Projekt der „nationalization of the labour force“ initiiert, um die ausländischen Arbeitskräfte, die im Bereich von Banken und Finanzen beschäftigt sind, durch Einheimische zu ersetzen. Dadurch sollte die Anzahl ausländischer Arbeitskräfte um 20 % reduziert werden (vgl. UNESCWA, 2007, 6-7, 40).

Die asiatisch-pazifische Region erlebte seit 1950 eine bisher beispiellose wirtschaftliche Wachstumsentwicklung. Sie begann zuerst in Japan in den 1950er Jahren und erfasste in den 1960er Jahren die sog. Schwellenländer: Republik Korea, Taiwan, Hongkong und Singapur. Diese Länder wurden in englischer Sprache unter der Bezeichnung NIEs - Newly Industrializing Economies — zusammengefasst. In den 1970er Jahren begann auch in Indonesien, Malaysia und Thailand die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung. In den 1980er Jahren trat in China ein stetiges wirtschaftliches Wachstum ein. Eine Gemeinsamkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder bestand darin, dass sie aufgrund ihrer niedrigen Industrialisierung und knappen Kapitalakkumulation erst mit der Industrialisierung arbeitsintensiver Produktionsbereiche (z.B. Textil und Bekleidung, Schuhe, Leder, Spielzeug) begonnen haben, um zunächst die im Überschuss vorhandenen ungelernten Arbeitskräfte für die Produktion zu nutzen und die dadurch erzielten Kostenvorteile in Wettbewerbsvorteile umzuwandeln. Die Kosten- und Wettbewerbsvorteile der Vorreiterländer gingen jedoch in dem Maße verloren, wie die nachrückenden Länder nach gleichem Muster ihre Industrialisierung forcierten (vgl. OECD, 1996, 16).

Die schrumpfenden Wettbewerbsvorteile und die Verknappung der billigen und geringqualifizierten Arbeitskräfte haben die Schwellenländer veranlasst, rechtzeitig die Umstellung ihrer Wirtschaft von den arbeits- zu kapitalintensiven Produktionsbereichen vorzunehmen. Die Folge war der steigende Bedarf an Kapitalinvestitionen und höher qualifizierten Arbeitskräften. In den ost- und südasiatischen Ländern trat dadurch ein Strukturwandel des Arbeitsmarktes ein, der die Länder dazu führte, im politischen und wirtschaftlichen Bereich enger miteinander zu kooperieren. Dadurch sollte die Wirtschaft zur Liberalisierung des Kapital-, Waren-, Informations- und Technologieverkehrs insgesamt dereguliert werden. Die Zusammenschlüsse der asiatischen Länder in Organisationen, wie AFTA (Asian Free Trade Area), APEC (Asia Pacific Economic Cooperation) und ASEAN (Association of South East Asian Nations) sind konkrete Ergebnisse der genannten Kooperationen.

Die wichtigsten Folgen dieser Entwicklung waren und sind die regionale Integration der asiatischen Länder und die globale Mobilität ihrer Arbeitskräfte. Aufgrund der realen Unterschiede in Lohnniveau und Marktchancen der einzelnen Länder nahmen die direkten Investitionen der Schwellenländer innerhalb Asiens zu. Wo aber Kapital zur Investition floss, floss auch ein Strom von Managern, Technikern und hochqualifizierten Arbeitskräften mit. Die Folge war die wachsende Arbeitsmigration innerhalb Asiens und über seine Grenzen hinaus.

Die Gesamtzahl der asiatischen Arbeitsmigranten wird derzeit auf etwa 25 Mio. geschätzt. Zwischen 2000 und 2005 waren davon schätzungsweise 7,5 Mio. in Südzentralasien (Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch, Sri Lanka, Iran, ), 6,5 Mio. in Ostasien (Hongkong, Japan, Südkorea, China, Makao) und 5,6 Mio. in Südostasien (Singapur, Malaysia, Thailand, Phillippinen, Kambodscha, Indonesien, Brunei, Myanmar, Laos, Vietnam) beschäftigt. Damit findet die Migration asiatischer Arbeitskräfte überwiegend innerhalb Asiens statt (vgl. IOM, 2008, 439).

Dabei scheint der Strom von Arbeitsmigranten intensiv zwischen den Ländern Indonesien, Malaysia, Philippinen, Thailand und Singapur einerseits und zwischen der Volksrepublik China, der Republik Korea, Hongkong, Formosa und Japan andererseits zu zirkulieren. Besonders auffällig ist die Entwicklung, dass die Migration von Frauen, die als Arbeitskräfte im Dienstleistungsbereich (z.B. Hotel, private Haushalte, Unterhaltungssektor) eingesetzt werden, zunimmt, so dass man von der Feminisierung der Migration spricht (vgl. P. Wickramasekara, 1996, 97-122; Petrus Han, 2003, 60, 192-195).

Gleichzeitig wächst in vielen asiatischen Ländern der Mangel an gering-qualifizierten Arbeitskräften, weil die Einheimischen im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung in anspruchsvollere Berufe übergewechselt sind. Der Bedarf an geringqualifizierten Arbeitern, die die sog. 3 D-Arbeiten (dirty, dangerous, difficult/demanding) verrichten, ist bei kleinen und mittleren arbeitsintensiven Betrieben besonders groß, weil diese weder hohe Investitionen vornehmen noch ihre Produktionsstätten in Billiglohnländer verlagern können.

Die Zahl der asiatischen Vertragsarbeiter, die im Mittleren Osten als temporäre Arbeitsmigranten beschäftigt sind, wird derzeit auf etwa 8,7 Mio. geschätzt. Während die Arbeitsmigranten aus Bangladesch, Indien und Pakistan dort überwiegend in Infrastrukturprojekten eingesetzt werden, sind die Arbeitsmigranten aus Indonesien, Sri Lanka und den Phillippinen weitgehend im Bereich der „Domestic Work“ beschäftigt, so dass der Frauenanteil an den Arbeitsmigranten aus diesen Ländern 60 bis 80 % beträgt. Hier tritt wiederum eine Feminisierung der Arbeitsmigration ein (vgl. IOM, 2008, 443, 446).

Aufgrund der anhaltenden permanenten und temporären Emigration von Arbeitskräften bildet Asien die größte Diaspora in der Welt. 30 bis 40 Mio. Chinesen leben im Ausland. Sie bilden die größte Diapora, gefolgt von der indischen Diaspora mit 20 Mio. Auslandsindern. Danach bildet die phillippinische Diaspora mit 8,2 Mio. Auslandsphillippinen die drittgrößte Diapora. 2007 hatten Indien 27, China 25, Phillippinen 17,2, Bangladesch 6,6, Indonesien 6,1, Pakistan 6 und Vietnam 5,5 Mrd. US-Dollar Geldüberweisungen von ihren ehemaligen und im Ausland arbeitenden Staatsbürgern erhalten. 2007 erreichte die Gesamtsumme der Geldüberweisungen aus dem Ausland für Südzentralasien 45,1, für Südostasien 32,7 und für Ostasien 29,5 Mrd. US-Dollar (vgl. IOM, 2008, 448-449).

Viele Indizien deuten darauf hin, dass die Arbeitsmigration in Asien auch in Zukunft unvermindert anhalten wird. Allein die Tatsache, dass 2008 in Asien 4,052 Mrd. Menschen (60 % der Weltbevölkerung) leben (siehe Tabelle 8, S. 137) und dort zwei Drittel der Arbeitskräfte der Welt aufgebracht werden, lässt das überaus große Migrationspotential erahnen. Im Zuge der sukzessiv erfolgenden wirtschaftlichen Entwicklungen einzelner Länder und der damit verbundenen immensen Kapitalbewegungen innerhalb Asiens wächst der Bedarf an qualifizierten Fachkräften, die Investition, Technologie und Produktion kontrollieren und beraten. Zwischen 2002 und 2003 haben Malaysia, Singapur und Thailand 60.000 bis 70.000 hochqualifizierte ausländische Fachkräfte aus den G-8-Ländern, Australien und Neuseeland angeworben. Auch Indonesien und die Phillippinen haben jeweils 10.000 hochqualifizierte ausländische Fachkräfte aus Australien und anderen Industrieländern angeworben (vgl. IOM, 2008, 447). Damit wird offenkundig, dass der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften schneller wächst als durch Ausbildung nachgehalten werden kann. Die Humankapitalbildung ist kurz- und mittelfristig nicht möglich.

Nordamerika bleibt nach wie vor der Kontinent, der den größten Teil der weltweiten Migranten aufnimmt. In den USA lebten 2005 38,3 Mio. Migranten, von denen sich 27 % in Kalifornien und 11 % in New York niedergelassen hatten. In Kanada lebten 2005 6,1 Mio. Einwanderer, die 18,9 % der kanadischen Bevölkerung ausmachten. Typisch für Nordamerika ist die Tatsache, dass die Einwanderung aus Mexiko und Südamerika insgesamt 87 % der gesamten Migrationsbewegungen ausmacht. Die größte „South-North-Migration“ der Welt findet damit auf diesem Kontinent statt (vgl. IOM, 2008, 423-425).

Die USA und Kanada haben einerseits ein über Jahrzehnte bewährtes Einwanderungsprogramm, das den Ausländern die Beschäftigungsmöglichkeiten auf der Basis der permanenten Einwanderung (employment-based immigration) einräumt, um das heimische Wirtschaftswachstum und den Arbeitskräftebedarf sicher zu stellen. Beide Länder haben jedoch einen unterschiedlichen arbeitsmarktpolitischen Ansatz bei der Erteilung von Einreiseerlaubnissen. Die USA praktizieren eine nachfrageorientierte Arbeitsmarktpolitik (a demand-based system). Danach müssen die ausländischen Arbeitskräfte nachweisen, dass ihre Arbeitsplätze weder durch Einheimische noch durch die in den USA lebenden Ausländer zu besetzen sind. Kanada betreibt dagegen eine angebotsorientierte Arbeitsmarktpolitik (a supply-based point system), die von der Annahme ausgeht, dass das Angebot von qualifizierten Arbeitskräften positive Impulse für Innovation und Wirtschaftswachstum auslösen werden. Die Arbeitsmigranten werden daher nach einem Punktsystem in ihrer Qualifikation bewertet und ausgewählt. Nach diesen arbeitsmarktpolitischen Ansätzen haben beide Länder in der Zeit von 2005 bis 2007 jährlich jeweils die Einwanderung von über 400.000 Arbeitsmigranten zugelassen. Parallel dazu haben die USA durch ihren „The U.S. Immigration Act of 1990“ die Einwanderung von qualifizierten Arbeitskräften von jährlich 54.000 auf 140.000 angehoben. Weitere 10.000 Einwanderungsvisa sind für diejenigen vorgesehen, die mindestens 1 Mio. US-Dollar in die Wirtschaft der USA zu investieren bereit sind. Weitere 7.000 Einwanderungsvisa sind für die vorgesehen, die mehr als 500.000 US-Dollar investieren. Die Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte wird jedoch den wirtschaftlichen Bedingungen angepasst und variiert (vgl. IOM, 2008, 297-299).

Trotz der genannten permanenten Einwanderung von Arbeitskräften besteht in den USA und Kanada Arbeitskräfteknappheit. Zu ihrer Lösung wurde die temporäre Arbeitsmigration eingeführt. In der Zeit von 2004 bis 2005 und von 2005 bis 2006 haben beide Länder jeweils 1,14 Mio. und 1,24 Mio. temporäre Arbeitsmigranten zugelassen. 2005 kamen die meisten temporären Arbeitsmigranten in Kanada aus Frankreich (7.582), Großbritannien (7.263), Deutschland (2.602) und Mexiko (12.610). Die Arbeitsmigranten aus Mexiko wurden überwiegend als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft beschäftigt (vgl. IOM, 2008, 85-87).

Die Wirtschaftskrise von 2008 hat sich negativ auf die Beschäftigungssituation beider Länder ausgewirkt. In den USA sind bis zum Ende 2008 etwa 2,3 Mio. Jobs verlorengegangen, während in Kanada 6,4 % der Arbeitsplätze im Bereich der Bauwirtschaft bis Februar 2009 reduziert wurden. Februar 2009 betrug die Arbeitslosenquote der Einwanderer in den USA 10,5 % (vgl. OECD, 2009, 16-17).

Die drei großen Aufnahmeländer der Migranten in Südamerika sind Argentinien (1,5 Mio. Migranten), Venezuela (1 Mio.) und Brasilien (641.000). Costa Rica mit 130.000 Migranten stellt das viertgrößte Aufnahmeland dar. 2005 wurde die Gesamtzahl der Emigranten aus Südamerika auf 25 Mio. geschätzt, eine Zahl, die 13 % der Migranten der Welt (191 Mio.) ausmachte. Dabei werden die Zielländer der Migranten aufgrund der wachsenden sozialen Netzwerke und spezieller Nachfrage nach Arbeitskräften pluraler. Die Zahl derjenigen, die nach Spanien, Portugal, Italien, Japan und Kanada migrieren, wächst. Die Hauptursachen der wachsenden Migration sind ökonomische Krisen und zunehmende politische Gewalt. Ein Beispiel ist die ökonomische Krise von 2001, die das Migrationsverhalten der Südamerikaner nachhaltig verändert hat. Aufgrund der Krise erlebte z.B. Venezuela, eines der Hauptzielländer der Migranten in Südamerika, einen Migrationsschub in die USA und nach Spanien. Brasilien ist ein weiteres Land, aus dem zunehmend Arbeitskräfte auswandern. 2005 erreichte die Zahl der Immigranten aus Brasilien in den USA 356.000, in Portugal 70.400 und in Japan 302.100. Dabei findet eine starke Feminisierung der Migration statt. Der Frauenanteil an den Migranten aus Südamerika beträgt 54 %. Dies stellt den höchsten Frauenanteil an der internationalen Migration dar. Parallel zu der skizzierten Entwicklung wächst auch illegale Migration von Lateinamerika nach Spanien und Portugal. Die Hauptherkunftsländer der illegalen Migranten sind Ecuador, Kolumbien, Bolivien und Peru. Eine für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Region wichtige Tatsache ist jedoch der Kapitaltransfer aus dem Ausland. 2007 haben die Arbeitsmigranten aus Lateinamerika und den karibischen Ländern einen Betrag in Höhe von 60,7 Mrd. US-Dollar in ihre Heimatländer überwiesen (vgl. IOM, 2008, 426-430).

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