Kitabı oxu: «Spannung und Textverstehen»

Şrift:

Philip Hausenblas

Spannung und Textverstehen

Die kognitionslinguistische Perspektive auf ein textsemantisches Phänomen

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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ePub-ISBN 978-3-8233-9155-5


Inhalt

  Vorwort

 I Vorbemerkung1 Einleitung1.1 Spannung – ein vernachlässigtes Thema1.2 Relevanz von Spannung1.3 Spannung, eine vorläufige Arbeitsdefinition1.4 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit2 Forschungsstand2.1 Textexterne Spannungstheorien2.2 Zentrale Theorien im Bereich der Spannung2.3 Zwischenfazit

 II Grundlagen einer Theorie des Textverstehens3 Wissen3.1 Wissensrahmen3.2 Textstrukturwissen4 Lokale und globale Inferenzen beim Textverstehen4.1 Wörter evozieren Frames4.2 Notwendige Inferenzen4.3 Elaborative Inferenzen4.4 Die Klassifizierung von Inferenzen4.5 Leserziele5 Die mentale Textweltrepräsentation5.1 Verstehen als Konstruktion einer mentalen Welt5.2 Die propositionale Struktur5.3 Die handlungszentrierte Textweltrepräsentation5.4 Situationsmodelle6 Zwischenfazit

 III Spannung7 Vorüberlegungen zur Spannung7.1 Spannungsphasen7.2 Lokale und globale Spannungsbögen, Rekursivität7.3 Subjektivität und Intersubjektivität7.4 Spannung als interdisziplinärer Forschungsgegenstand7.5 Methodische Aspekte8 Suspense8.1 Das Quest-Motiv8.2 Suspense als Antizipation eines negativen Ausgangs8.3 Die Konstruktion negativer Konsequenzen8.4 Negative Konsequenzen als globaler inferentieller Bezugspunkt8.5 Zwischenfazit9 Curiosity und Puzzles9.1 Curiosity9.2 Puzzles10 Inferenzen durch textuell etabliertes Wissen11 Das Verhältnis von Textverstehensforschung und Spannungsforschung11.1 Wo die Spannungsforschung von der Textverstehensforschung profitieren kann11.2 Wo die Textverstehensforschung von der Spannungsforschung profitieren kann12 Abschlussbemerkung12.1 Textverstehen12.2 Spannung

  Literatur

Vorwort

Das Thema Spannung gilt als ein Phänomen der Trivialliteratur und siedelt sich nicht im linguistischen Mainstream an. Deshalb glaube ich, dass viele potentielle Betreuer aus der (germanistischen) Sprachwissenschaft dieses Thema für eine Dissertation nicht zugelassen hätten. Dass Dietrich Busse mir die Möglichkeit eröffnete, daran zu arbeiten, dafür bin ich ihm dankbar. Darüber hinaus danke ich ihm für die Unterstützung und die Ratschläge, die er mir über die gesamte Zeit hinweg in zahlreichen Gesprächen gegeben hat.

Ich danke Susanna Dinse, Kristin Kuck und Phillip Angermeyer dafür, dass sie die Arbeit gründlich gegengelesen haben, dass sie mich auf einige Schwächen aufmerksam gemacht und dass sie mir wertvolle Tipps zur Überarbeitung gegeben haben. Alexander Ziem hat mir in der Endphase einige konzeptionelle Ratschläge gegeben, auch dafür danke ich.

Ich danke meiner Lebensgefährtin Silvia Halajova dafür, dass sie mir immer zur Seite stand. Und ich danke meinen Eltern, sie haben mich mein Leben lang auf alle erdenklichen Arten unterstützt.

Düsseldorf, im April 2017 Philip Hausenblas

I Vorbemerkung
1 Einleitung
1.1 Spannung – ein vernachlässigtes Thema

Über Spannung spricht man nicht – zumindest nicht in Seminaren von Philologen und Diskussionsrunden von Linguisten. In Einführungen, in Nachschlagewerken und in der Sekundärliteratur findet sich kaum etwas zum Thema, was für die Linguistik und Literaturwissenschaft gleichermaßen gilt.

Spannung gilt als ein Phänomen der Trivialliteratur. Kein Wunder also, dass sie als Gegenstand der Forschung nicht präsent ist. Edward M. Forster bringt die abwertende Haltung gegenüber der Spannung auf den Punkt:

Scheherazade avoided her fate because she knew how to wield the weapon of suspense – the only literary tool that has any effect upon tyrants and savages.1

Zahlreiche Abhandlungen beschäftigen sich mit anderen Wirkungen von Texten. In der Rhetorik untersucht man, wie Argumente am nachhaltigsten wirken, wie Texte überzeugen. Sprachwissenschaftler erforschen die Sprache der Werbung, die per definitionem von der Wirkungsabsicht dominiert wird.2 Warum kümmert sich die Linguistik nicht um Strategien, die in einem Text Spannung generieren? Ist es Absicht oder Versäumnis?

Diese Frage drängt sich umso stärker auf, wenn man an die zunächst für das Medium Film bestimmte Beschreibung von Peter Vorderer denkt, der Spannung als Hauptfaktor bei der prärezeptiven und postrezeptiven Bewertung von Filmen beschreibt, die von Junkerjürgen auf Unterhaltungsliteratur ausgeweitet und damit auch für die Linguistik zugänglich gemacht wurde.3 In ähnlicher Weise äußert sich Volker Mertens, wenn er schreibt, dass die Hauptfaszination des Romans […] in der Spannungsstruktur4 liegt.

1.2 Relevanz von Spannung

In Science-Fiction-Texten, Fantasygeschichten und Kriminalromanen, in Zeitungsberichten über kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ereignisse, in Nachrichtenmeldungen, Interviews und Reportagen, in Reden, Sachbüchern und Biographien, in all diesen Textsorten spielt Spannung eine entscheidende Rolle.

Spannung besitzt in den verschiedensten fiktionalen und nicht fiktionalen schriftsprachlichen Textsorten einen zentralen Stellenwert. Gleichzeitig gilt sie als ein entscheidender Anreiz für den Konsum audiovisueller Texte. Kaum ein Film kommt ohne Spannung aus. Unabhängig davon, ob es sich um einen Hollywoodstreifen handelt oder um ein Werk der skandinavischen Avantgarde. Gleiches gilt für Werbetrailer, Serien oder TV-Shows wie Wer wird Millionär?

Dabei durchzieht Spannung die einzelnen Textsorten (inklusive der kinematischen bzw. audiovisuellen) in zweifacher Hinsicht. Zum einen wird sie innerhalb eines Textes aufgebaut, gehalten und wieder abgebaut. Zum anderen kann sie über Textgrenzen hinweg aufgebaut werden und spannt sich so einerseits über verschiedene Texte einer Modalität, was für Romanreihen gilt wie Harry Potter von Joanne K. Rowling oder Der Herr der Ringe von John R. R. Tolkien, die sowohl schriftsprachlich als auch in den adaptierten audiovisuellen Versionen über mehrere Einheiten verfügen. Darüber hinaus wird sie verschiedene mediale Kanäle überspannend aufgebaut. So werden Sportereignisse in crossmedialen Werbekampagnen aufgebläht, bei denen spannungsinduzierende Elemente aus allen erdenklichen Richtungen die Rezipienten überfluten. Dieser wird in Zeitungsartikeln, Fernsehbeiträgen und Rundfunkberichten mit der Frage konfrontiert, wer das Viertelfinale gewinnt, ob Griechenland gegen Spanien eine Chance hat und wer wohl Weltmeister wird. Zugleich werden statistische Fakten bemüht wie Seit 1972 hat England kein Spiel mehr gegen Deutschland gewonnen; Krämpfe und Zerrungen von Spielern bestimmen die mediale Berichterstattung. Alles, um die Aufmerksamkeit auf Fragen wie diese zu lenken: Wird ein bestimmter Spieler beim nächsten Spiel antreten können? Dabei werden in der Regel Worst-Case-Szenarien aufgebaut, die darüber reflektieren, wie das Spiel ohne den besagten Spieler ausgeht, ob ohne ihn überhaupt eine Chance besteht.

Das gilt nicht nur für den Sport. Die gesamte mediale Berichterstattung verlässt sich in hohem Maße auf Spannung. Ein Blick auf die auflagenstärksten Zeitungen, Magazine und Boulevardblätter genügt. Häufig stehen lebensverändernde Einzelschicksale, Skandale und weltbewegende Ereignisse im Mittelpunkt. Fliegt der Publikumsliebling raus in der neuesten Castingshow? Verliert dieser Minister sein Amt? Wird jener Prominente verurteilt? Wer wird die Wahl gewinnen? Wird die Katastrophe nach Europa überschwappen?

Kurz: Spannung ist ein allumfassendes Prinzip mit hoher praktischer Relevanz, die sich nicht nur auf Literatur beschränkt, sondern einen Großteil des Medienkonsums prägt. Sie gilt als ein Garant dafür, die Aufmerksamkeit des Rezipienten zu gewinnen und zu sichern.

1.3 Spannung, eine vorläufige Arbeitsdefinition

Bei dem Begriff Spannung handelt es sich Junkerjürgen zufolge um einen Oberbegriff für viele Arten von medien-induzierter Affekterregung5. Während sich im Deutschen im Bereich der Spannung keine weiteren Begriffe durchgesetzt haben, bietet das Englische Differenzierungen, die sich bei den wenigen Forschern zur Spannung etabliert haben. Bei den drei Haupttypen dieses textuellen Effekts handelt es sich um den Suspense, das Curiosity und das Puzzle.

Bei der Beschreibung von Spannung müssen zwei wesentliche Aspekte berücksichtigt werden: die textuelle Dimension und die Rezipientenseite. Beide sind für die Bestimmung von Spannung konstitutiv.6 Junkerjürgen bringt dies folgendermaßen auf den Punkt:

Spannung als Leserreaktion und Textphänomen verhalten sich komplementär zueinander und müssen daher auch gleichgewichtig berücksichtigt werden.7

Spannung ergibt sich aus einer inferentiellen Anreicherung der Textwelt, die auf einzelnen Textsegmenten und auf Wissen basiert. Der Text setzt verschiedene Verarbeitungsprozesse in Gang, die eine Unterscheidung der Typen erlauben. Die drei Haupttypen werden im Folgenden einleitend und in kompakter Form vorläufig beschrieben.


(1)

(1) stellt den Initialsatz dar aus dem internationalen Bestseller Illuminati vom amerikanischen Erfolgsautor Dan Brown. Auf der Grundlage des Textes und seines Wissens konstruiert der Rezipient das zukünftige Ereignis, dass der Wissenschaftler sterben wird. Dass dem Physiker dieses Schicksal bevorsteht, steht nicht im Text. Es ist ein Ergebnis rezipientenseitiger Prozesse.

Hans-Jürgen Wulff zufolge zeichnet sich diese Art der Spannungserzeugung dadurch aus, dass der Rezipient einen negativen Ausgang ableitet, der nicht im Text steht. Der Rezipient wird an den Text gebunden, bis aufgelöst wird, ob sich die inferentiell hergestellte Konsequenz tatsächlich realisiert oder nicht.9 Dieser Spannungstyp wird Suspense genannt. Zu den zentralen Autoren, die sich wissenschaftlich mit diesem Typ auseinandergesetzt haben, zählen neben Wulff auch William F. Brewer, Noël Carroll, Meir Sternberg, Dolf Zillmann sowie Paul Comisky und Jennings Bryant. In Kapitel 8 wird der Suspense ausführlich behandelt. Zugleich kann ein Satz wie (1) einen Curiosity-Effekt hervorrufen, wie er im folgenden Beispiel vorgestellt werden.10


(2)

Im Initialsatz (2) aus dem Roman Königsallee des deutschen Schriftstellers Hans Pleschinski wird im Text eine Situation beschrieben, die der Rezipient als Wirkung oder Folge eines vorangegangenen Ereignisses interpretiert und dessen Ursache er nicht aus seinem Wissen ableiten kann. In dem Beispiel kann der Rezipient nicht erklären, warum das Düsseldorfer Luxushotel in großen Aufruhr versetzt war. Dass es eine Ursache gibt, steht nicht im Text. Der Rezipient reichert also auch hier die Textwelt inferentiell an und wartet darauf, dass der Text die Ursache offenbart. Für diese Art der Spannungserzeugung hat sich die Bezeichnung Curiosity etabliert. Das Curiosity wird bei Sternberg, Carroll sowie Brewer behandelt. In Abschnitt 9.1 wird dieser Spannungstyp im Detail besprochen.


(3)

(3) gibt die ersten zwei Sätze aus dem Roman John Der Nachtmanager von John le Carré wieder. Der erste Satz beschreibt alltägliche Vorgänge in einem Züricher Hotel, der zweite Satz beschreibt die politische Situation in einem weit entfernten Land. Der Rezipient versucht die Sätze in ein kohärentes mentales Textweltmodell zu integrieren. Da es keine unmittelbare Anschlussmöglichkeiten zwischen den beiden Sätzen gibt, erscheint der Text zunächst inkohärent. Diesem Typen liegt das rezipientenseitige Ziel zugrunde, ein kohärentes Diskursmodell zu erlangen. Der Rezipient geht auf der Grundlage seines Wissens davon aus, dass es einen, wenn auch entfernten Zusammenhang zwischen beiden Sätzen gibt. Dass ein möglicher Zusammenhang existiert, steht nicht im Text. Es wird vom Rezipienten auf der Grundlage seines Wissens ergänzt. Dieser Fall wird unter dem metaphorischen Begriff des Puzzles besprochen und er wird von Graham Petrie sowie Wolfgang Iser beschrieben, wobei er Iser zufolge mit einer Kompositionsleistung des Rezipienten einhergeht. In Abschnitt 9.2 wird dieser Typ kognitionslinguistisch untersucht.

Damit ein Rezipient Spannung erleben kann, ist es wichtig, dass dieser die Textwelt für real hält. Zur textintern aufgebauten Realität schreibt Monika Fludernik, dass diese nicht unbedingt mit der Lebenswelt des Rezipienten übereinstimmen muss, es kann sich auch um eine abweichende Wirklichkeitkonstitution handeln wie zum Beispiel in einem Fantasy-Roman.13 Daher handelt es sich in der Regel um eine Realitätsillusion.14

Die Realitätsillusion kann unter anderem durch textimmanente Signale etabliert werden. Ein Text suggeriert Realitätsnähe zum Beispiel dadurch, dass Ereignisse und Handlungen innerhalb der Textwelt plausibel erscheinen, sie sollten sich nicht als unmotiviert, beliebig oder zufällig darstellen.15 Ebenso kann die Illusion verstärkt werden durch Details, die aus der Perspektive des Rezipienten keine unmittelbare Relevanz für den Verlauf einer Geschichte besitzen (rückblickend können sie sich als wichtig erweisen). Roland Barthes spricht in diesem Fall von Realitätseffekten, französisch effet de réel.16 Kommentare von Erzählern und stilistische Techniken hingegen wie zum Beispiel eine auffällige Syntax in einem Gedicht lenken die Aufmerksamkeit von der Textwelt weg und verschieben sie hin zur textproduzierenden Instanz. Dadurch besitzen sie einen spannungshemmenden Effekt.17

Als Leser dieser Arbeit muss man also als Voraussetzung im Hinterkopf behalten, dass ein spannungsvoller Text in der Regel eingebettet ist in einen realitätssuggerierenden Rahmen. Im Idealfall wurde zusätzlich eine positive Relation zu einzelnen Figuren aufgebaut. Da die Arbeit versucht, Spannung in abstrahierter und verdichteter Form zu beschreiben, werden realitätsstiftende und Figuren beschreibende Textsegmente ausgelassen – anderenfalls würde die Arbeit in einem unüberschaubaren Umfang aufgebläht werden.

Da die Forschungsliteratur im Bereich der Spannung sich auf vergleichsweise wenige Beiträge beschränkt, erweisen sich sowohl die jeweiligen Beschreibungsmodelle als auch die Fälle, die diskutiert werden, als sehr heterogen. Zugleich verteilen sich diese Beiträge auf so unterschiedliche Disziplinen wie die Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Psychologie und Philosophie, wobei die Untersuchung in der Regel relativ frei von den Ergebnissen anderer Forscher und Wissenschaftsdisziplinen stattfindet. Die Auswahl dieser drei Spannungstypen kann daher nur zum Teil durch die Forschungslage begründet werden. Als weitere Auswahlkriterien werden deshalb die Frequenz und die werkimmanente Relevanz eines Spannungstyps herangezogen. Die drei genannten Spannungstypen tauchen einerseits am häufigsten in Texten auf, zugleich besitzen sie das Potential, größere Teile eines Textes bis hin zu gesamten Werken zu umspannen. Die Unterscheidung in Suspense und Curiosity stammt von Sternberg, das Puzzle beschreiben Iser sowie Sternberg, wobei die Bezeichnung von Gulino stammt.

Bei allen drei Haupttypen der Spannung reichert der Rezipient die Textwelt auf der Grundlage seines Wissens an. Wie dieser Ausbau der Textwelt zu Spannung führt, lässt sich auf die zentrale konstruktivisitische Grundannahme zurückführen, die sich in verstehensorientierten Theorien findet. Diesem Paradigma zufolge strebt ein Rezipient beim Lesen danach, zu einer ganzheitlichen und kohärenten mentalen Repräsentation zu gelangen, er folgt aktiv dem Prinzip des search after meaning.18 Deshalb versucht er Ursachen herauszufinden, Zusammenhänge herzustellen und den tatsächlichen Wahrheitswert von negativen Konsequenzen zu bestimmen. So erfährt der Rezipient den Wunsch, die Spannung aufzulösen.

1.4 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Die Hauptziele der Arbeit. Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Verhältnis auszuloten zwischen der Spannungsforschung und einer verstehensorientierten, kognitiven Linguistik.19 Dabei wird gezeigt, dass beide Disziplinen eine Vielzahl von Implikationen für die jeweils andere besitzen und dass beide voneinander lernen und profitieren können. Drei Kernziele stehen im Mittelpunkt:

 Das erste Hauptziel besteht darin, die Auslöser der oben genannten zentralen Spannungstypen aus der Perspektive der kognitionslinguistischen Textverstehenstheorie systematisch zu präzisieren.

 Das zweite Hauptziel besteht darin, zu zeigen, dass spannungsauslösende Elemente als Grundlage für die Verarbeitung darauffolgenden Textmaterials dienen können, was sowohl direkt angrenzende als auch weit über einen Text verstreute Diskurssegmente betreffen kann.

 Das dritte Hauptziel besteht darin, herauszuarbeiten,welchen Beitrag die verstehensorientierte Linguistik zur Erforschung von Spannung leisten kann undwelchen Beitrag die Erforschung von Spannung für diesen Zweig der linguistischen Forschung leisten kann.

Aufbau der Arbeit. In Kapitel 2 wird ein Überblick über zentrale Ansätze im Bereich der Spannungsforschung gegeben. Dabei zeigt sich, dass dieser Bereich in vielerlei Hinsicht ein hohes Maß an Heterogenität aufweist. Die Autoren kommen aus verschiedenen Disziplinen wie der Philosophie, Psychologie und Literaturwissenschaft. Zum Teil liegt ihren Analysen und Theorien schriftsprachlicher Text zugrunde, zum Teil beschäftigen sie sich auch mit audiovisueller Spannung oder erheben einen universalen Anspruch, der sich durch eine modalitätsunabhängige Beschreibung niederschlägt. Häufig untersuchen die Autoren nur begrenzte Teilbereiche des Phänomens Spannung. In den Arbeiten werden viele der übrigen Forscher und deren Ergebnisse ausgeblendet.

In Teil II werden die Grundlagen einer Theorie des Textverstehens zusammengetragen. Im Mittelpunkt stehen kognitive Strukturen und Inferenzen, die erforscht werden in der Kognitionslinguistik und der Psycholinguistik auf der Ebene des Textverstehens. Auf der Grundlage des Textes und seiner Wissensbestände konstruiert der Leser während der Rezeption ein mentales Modell der jeweiligen Textwelt. Dabei stellt er auf der lokalen und globalen Ebene Bezüge zwischen einzelnen Textsegmenten her. Zugleich reichert er die Textwelt mit zusätzlichen Informationen an. Der Teil zielt einerseits darauf ab, das theoretische Fundament für die anschließende Analyse von Spannung zu liefern. Zugleich versucht er, die psycho- und kogntionslinguistische Theorie zum Textverstehen in kompakter Form vorzustellen.

In Teil III werden die Haupttendenzen spannungsinduziernder Verfahren aufgegriffen, die zum größten Teil in der Filmwissenschaft, der Philosophie und der Psychologie beschrieben werden und die sich überwiegend auf audiovisuell erzeugte Spannung beziehen. Zunächst werden verschiedene Vorüberlegungen angestellt, die Spannungsbögen und deren Reichweite innerhalb des Textes betreffen sowie das Zusammenspiel unterschiedlicher Spannungsbögen. Spannung wird als ein intersubjektives Phänomen und interdisziplinärer Forschungsgegestand charakterisiert. Anschließend werden mit dem Suspense, dem Curiosity und dem Puzzle die drei zentralen Spannungstypen dieser Arbeit auf der Grundlage der in Teil II erarbeiteten Aspekte beschrieben. Dabei wird das Erklärungspotential der Textverstehensansätze verglichen mit dem Erklärungspotential von Spannungstheorien, die aus benachbarten Disziplinen stammen. Es wird sich zeigen, dass linguistische Begriffe zum Teil isoliert ein hohes explanatorisches Potential besitzen; zum Teil entfalten sie ihre explanatorische Kraft auch synergetisch.

Die dabei zugrunde liegenden Beispiele stammen aus der Sekundärliteratur und aus der intensiven Lektüre eines breiten Spektrums an Texten. Dabei wird auf so unterschiedliche Textsorten zurückgegriffen wie zum Beispiel Kriminalromane, Drehbücher und Zeitungsartikel. Es fließen neben schriftsprachlichen Texten auch audiovisuelle in die Analyse mit ein. Häufig treten die Beispiele in einer abgewandelten Version auf, um versteckte Variablen zu eliminieren und ihre Komplexität zu reduzieren (ausführliche Überlegungen zur Wahl und dem Umgang mit Beispielen finden sich in Abschnitt 7.5, der der Analyse verschiedener Spannungstypen vorausgeht).

In Teil IV werden die wechselseitigen Implikationen von Spannungsforschung und Linguistik ausgeführt. Es wird sich einerseits zeigen, dass die Forschung im Bereich des Textverstehens in vielfacher Hinsicht von der Erforschung von Spannung profitieren kann. Andererseits ermöglicht es die Textverstehensforschung mit ihrer Terminologie und theoretischen Annahmen, Spannung differenzierter zu beschreiben, als dies andere Ansätze erlauben. Dadurch erhalten die Textverstehenstheorien Bestätigung, weil sie sich auf einen weiteren, stark von ihr vernachlässigten Bereich anzuwenden erlaubt. Insgesamt handelt sich daher um ein Unterfangen, dass sich für beide Seiten als äußerst fruchtbar erweist.

2 Forschungsstand

Bei der Sichtung der Literatur zum Thema Spannung stellt man fest, dass verhältnismäßig wenig Material zu diesem Phänomen existiert. Im deutschsprachigen Raum findet man zu dem Phänomen ein paar ältere Positionen, die regelmäßig auftauchen. Zunächst ist die Beschreibung von Staiger zu nennen. Über Spannung schreibt er Folgendes:

Spannung wird von der Unselbstständigkeit der Teile ausgelöst. Kein einziger Teil ist sich selber oder dem Leser genug. Er bedarf Ergänzung. Der folgende Teil genügt wieder nicht, er wirft eine neue Frage auf oder fordert ein neues Supplement. Erst am Schluss steht nichts mehr aus und wird die Ungeduld befriedigt.1

Diese Charakterisierung ist widersprüchlich. Wenn jeder Teil unselbstständig ist (was durch die Relationalität des Ausdrucks Teil garantiert ist) und wenn Unselbstständigkeit zu Spannung führt, dann müsste auch der Schluss eines Textes zu Spannung führen, da auch der Schluss den Teil eines Textes darstellt (ebenso wie die vorhergehenden Teilen auch). Da die Spannung Staiger zufolge mit dem Schluss allerdings aufgehoben wird, kommt es zum Widerspruch, die Beschreibung ist zurückzuweisen.

Während Staiger versucht, Spannung auf der Grundlage der Unselbstständigkeit der Teile zu bestimmen, stehen bei Fógany und Fógany sowie Pfister die Unvollständigkeit literarischer Texte im Zentrum der Spannungskonzeption.

Bei Fógany und Fógany wird die Konstruktion von Spannung im Roman oder Drama beschrieben als das Aufwerfen von Fragen.

Es ist anzunehmen, dass die Spannung mit der Zahl der aufgeworfenen Probleme, d.h. der zu lösenden Fragen in Verbindung steht. Offensichtlich kann diese Verbindung nur positiv sein: Die Spannung wird größer, wenn die Zahl der Fragen wächst und verringert sich mit der Lösung der aufgeworfenen Fragen.2

Neben der Möglichkeit, Spannung als Fragen an den Text zu paraphrasieren, findet man mit der Position von Pfister einen ähnlichen Versuch, Spannung zu beschreiben. Er entwickelt seinen Begriff in erster Linie für das Drama. Sie entsteht Pfister zufolge durch eine partielle Informiertheit des Rezipienten. Dem Leser fehlt Wissen, der Rezeptionsprozess wird geleitet durch seinen Wunsch, dieses Defizit aufzuheben.3

Die Positionen von Fógany und Fógany sowie Pfister sind zu allgemein. Ihnen mangelt es einerseits an Präzision, da sie sich auf einer relativ unspezifischen Ebene mit dem Phänomen Spannung auseinandersetzen. Darüber hinaus erweisen sie sich aus einer modernen linguistischen Perspektive als so allgemein, dass sie an Trivialität grenzen. Denn bei der Rezeption eines jeden Textes gibt es mögliche Fragen, was dazu führt, dass der Rezipient bei jedem Text partiell informiert ist. Das liegt an der frame-theoretischen Annahme, dass beim Textverstehen Wissensrahmen und dazu gehörende Leerstellen geöffnet werden und dass Leerstellen als Fragen paraphrasiert werden können.4 (Mehr zu diesen Ansätzen findet sich in Abschnitt 3.1.) Wenn also jeder Text Fragen aufwirft und den Rezipienten nur partiell informiert, so müsste auch jeder Text Spannung erzeugen. Da dies nicht der Fall ist, erlauben es weder die Fragen, die ein Text aufwirft, noch die partielle Informiertheit Spannung zu konstituieren. Es bedarf präziserer Beschreibungsversuche.

Im deutschsprachigen Raum finden sich darüber hinaus nur vereinzelte Beiträge. Die große Mehrheit der wenigen überhaupt vorhandenen Beiträge zum Thema Spannung stammt aus dem englischsprachigen Raum.

Die Beiträge verteilen sich auf verschiedene Disziplinen und Teildisziplinen. So wird das Thema unter anderem in der rezeptionsorientierten Literaturwissenschaft, in der Filmwissenschaft, in der Psychologie und in der Philosophie behandelt. In keiner dieser Disziplinen kann man im Bereich der Spannung von einer etablierten Forschungsrichtung sprechen.

In den jeweiligen Disziplinen wird das Thema Spannung relativ autonom behandelt, Ergebnisse einzelner Forscher fließen in der Regel nicht in die Arbeiten anderer Wissenschaftler ein, wie bereits Junkerjürgen festgestellt hat.5

Das ist auch der Grund dafür, dass nicht alle Autoren die Haupttypen Suspense, Curiosity und Puzzles gleichermaßen in ihre Analysen miteinbeziehen, sondern dass sie sich auf einen einzelnen Typen in einem speziellen Medium konzentrieren. Überwiegend steht der filmische Suspense im Zentrum der Untersuchungen.

Insgesamt weist die Forschung daher in vielerlei Hinsicht eine hohe Heterogenität auf. Gemeinsam ist den verschiedenen Ansätzen, dass der Rezipient beim Lesen eine aktive Rolle spielt. Die aktive Rolle des Rezipienten wird allerdings lediglich als solche benannt. Sein kognitiver Beitrag beim Aufbau der Spannung wird bis auf wenige Ausnahmen nicht thematisiert. Damit wird ein Thema vernachlässigt, dass in dieser Arbeit im Mittelpunkt steht.

Im Folgenden werden einige Beiträge vorgestellt. Zunächst werden textexterne Spannungstheorien kompakt skizziert. Im Anschluss werden die zentralen Ansätze zur Spannung vorgestellt, die präzisere Versuche darstellen, das Phänomen greifbar zu machen.

2.1 Textexterne Spannungstheorien

Es gibt Ansätze, die sich auf einer fundamentaleren Ebene mit dem Phänomen der Spannung beschäftigen. Sie widmen sich der Frage, warum Spannung überhaupt entstehen kann, ohne die Textebene genauer in die Untersuchungen mit einzubeziehen. Beispielhaft werden im Folgenden zwei ausgewählte Ansätze knapp zusammengefasst.

 Spannung und der Zeigarnik-Effekt: Den Zeigarnik-Effekt hat die russische Psychologin Bljuma Wulfowna Seigarnik in dem Aufsatz „Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen“ beschrieben. Der Aufsatz beschäftigt sich mit dem Phänomen, dass sich nicht vollendete Handlungen besser ins Gedächtnis einprägen als abgeschlossene. Zeigarnik führt dieses Phänomen darauf zurück, dass der Mensch ein generelles Bedürfnis besitzt, einmal angefangene Aufgaben abzuschließen.6 Katja Mellmann überträgt diesen Ansatz auf die Rezeption spannungsvoller Texte. Dabei identifiziert sie unaufgelöste Spannung mit einer ungelösten Aufgabe. Unaufgelöste Spannung setzt sich im Gedächtnis fest und schafft ein Bedürfnis nach Auflösung.7

 Spannung als Kontrollverlust: Peter Wuss bietet auf der Grundlage des Psychologen Rainer Oesterreich und dem daraus entwickelten Ansatz von Dömer, Reither und Stäudel eine Spannungsbestimmung im Bereich des Suspense. Oesterreich unterteilt beim Menschen verschiedene Bedürfnisebenen. Zu den Primärbedürfnissen zählt er das Bedürfnis nach Kontrolle. Das ermöglicht dem Menschendie Umwelt oder die Innenwelt nach seinen Wünschen beeinflussen zu können (aktive Kontrolle) oder doch die Entwicklungen in der Zukunft voraussehen zu können (passive Kontrolle, d.h. die Möglichkeit der Vorausschau).8Wuss benutzt diesen Ansatz, um Spannung zu erklären. Demnach kann der Rezipient keine aktive Kontrolle auf den dargestellten Verlauf einer Geschichte ausüben, er kann allerdings passive Kontrolle gewinnen, indem er Hypothesen bildet. So entsteht dann Spannung.9

Die Ansätze werden als Hintergrundtheorien angesehen, die sich auf einer tieferliegenden Ebene ansiedeln. Sie liefern damit Gründe dafür, warum Rezipienten überhaupt Spannung erleben können. In dieser Arbeit wird nicht weiter auf diese und ähnliche Forschungszweige eingegangen, weil diese sich linguistisch nicht beschreiben lassen. Wenn man allerdings annimmt, dass diese Ansätze sich auf einer tieferliegenden Ebene ansiedeln, so sollte mindestens einer kompatibel sein mit allem, was in dieser Arbeit besprochen wird.

2.2 Zentrale Theorien im Bereich der Spannung

In diesem Abschnitt werden die zentralen Ansätze zur Spannung vorgestellt. Dieser Teil des Kapitels zielt nicht darauf ab, die Literatur zur Spannung in allen Einzelheiten abzudecken. Die Auswahl der Ansätze soll lediglich als Überblick über die wichtigsten Ansätze dienen und über die Breite der verschiedenen Disziplinen und die damit verbundenen Konzeptionen orientieren. Darüber hinausgehende Aspekte zu einzelnen Teilbereichen werden in den Kapiteln bereitgestellt, die die einzelnen Spannungstypen behandeln.

2.2.1 Sternberg

Der israelische Literaturwissenschaftler Sternberg ist einer der ersten Autoren, die sich intensiv mit dem Phänomen Spannung auseinandergesetzt haben. Seine Analyse stammt aus dem literaturwissenschaftlichen Bereich der Rezeptionsästhetik. Er gibt in vielfacher Hinsicht wichtige Anstöße und bietet unter anderem drei Grundtypen der Spannung an.

In seinem fundamentalen Werk zur Rezeption von Texten schreibt Roman Ingarden, dass nicht alle Aspekte einer Textwelt an der Textoberfläche realisiert werden. Zum Beispiel werden nicht in jedem Text die Augenfarbe, die Länge der Füße, die Färbung der Stimme, die Haltung und der Körperbau der Figuren zwangsläufig expliziert. Wo die Beschreibung ausbleibt, eröffnet ein Text sogenannte Unbestimmtheitsstellen bzw. Leerstellen, die die unterschiedlichsten Aspekte der Textwelt betreffen können. Diese können vom Leser ergänzt bzw. wie Ingarden es formuliert konkretisiert werden. Er spricht bei dieser leserseitigen Aktivität von der mitschöpferische Tätigkeit des Lesers.10

Während diese von Ingarden hervorgehobenen Leerstellen zunächst kaum Spannungspotential besitzen, zeigen die rezeptionsästhetischen Arbeiten von Sternberg in eine deutlich andere Richtung. Spannung entsteht, sobald der Text über eine Reihe bestimmter Leerstellen verfügt. Zum einen können Zusammenhänge innerhalb der Textwelt im Verborgenen bleiben. Bei den Leerstellen kann es sich auch um Ursachen von Ereignissen und Motive von Figuren handeln, wobei dem Rezipienten das Vorhandensein der jeweiligen Leerstelle bewusst ist. Darüber hinaus kann der Leser sich fragen, was als nächstes passieren wird. Leerstellen lassen sich Sternberg zufolge als Fragen wiedergeben.11

The literary text may be conceived of as a dynamic system of gaps. A reader who wishes to actualize the field of reality that is represented in a work, to construct (or rather reconstruct) the fictive world and action it projects, is necessarily compelled to pose and answer, throughout the reading-process, such questions as, What is happening or has happened, and why? What is the connection between this event and the previous ones? What is the motivation of this or that character?12

Suspense ergibt sich bei zukunftsgerichteten Leerstellen, die mit der Frage einhergehen, was als nächstes passieren wird. Curiosity entsteht bei rückwärtsgewandten Unbestimmtheitsstellen, die die Vergangenheit betreffen. In Bezug auf das Curiosity fügt Sternberg beläufig hinzu, dass es bei diesem Spannungstyp eine Abweichung gibt zwischen der tatsächlichen Reihenfolge der Ereignisse (literaturwissenschaftlich ausgedrückt auch plot) und der auf der Textebene dargestellten Reihenfolge der Ereignisse (auch story). In der Textstruktur wird beim Curiosity ein Element ausgelassen, was dem Leser bewusst ist.13 Die Spannungsform des Puzzles wird bei Sternberg durch die Frage What is the connection between this event and the previous ones? angedeutet, darüber hinaus wird dieses nicht weiter besprochen. Der Spannungstyp wird allerdings bei einem anderen zentralen Forscher aus dem Bereich der Rezeptionsästhetik, Iser, auch erwähnt, der beim Puzzle die Kompositionsleistung des Lesers betont.14

Der Leser kann Sternberg zufolge in zweierlei Weise auf Unbestimmtheitsstellen reagieren, einerseits kann er sie ignorieren und andererseits kann er sie füllen.15 Im zweiten Fall bildet er Hypothesen über die jeweilige Leerstelle aus. Anschließend überprüft er seine Hypothesen für die Unbestimmtheitsstellen, wobei diese Annahmen gegenläufig sein und sich ausschließen können. Zugleich können diese Hypothesen verschiedene Glaubenswahrscheinlichkeiten besitzen.16 Sowohl Leser als auch Werk beeinflussen die Bildung von Hypothesen.17

2.2.2 Brewer

An die Beschreibung des Curiosity und Suspense von Sternberg schließen die Forschungsarbeiten um den US-amerikanischen Kognitionswissenschaftler William F. Brewer an. Seiner Structural-Affect Theory zufolge hängen die dramatischen Effekte unterhaltender Texte von der Reihenfolge der Ereignis-Darstellung im Text ab. Dieser Ansatz hebt gezielt die Unterscheidung zwischen der tatsächlichen Reihenfolge von Ereignissen und der Reihenfolge ihrer Darstellung hervor, die bei Sternberg eher beiläufig erwähnt wird und die der israelische Autor lediglich für den Spannungstyp des Curiosity ausführt. So erhält Brewer einen seiner wesentlichen Anstöße von dem israelischen Literaturwissenschaftler.18

Im Vergleich zu Sternberg, der sich auf schriftsprachliche Texte bezieht, heben Brewer und Lichtenstein hervor, dass es sich bei diesen Spannungstypen um Effekte handelt, die unabhängig von der Modalität entstehen. Sie können in schriftsprachlichen, in audiovisuellen etc. Texten realisiert werden.19

Ein Suspense-Beispiel von Brewer und Lichtenstein:


(4) The sniper was waiting outside the house. Charles got up from the chair. He walked slowly toward the window. There was the sound of a shot and the window broke. Charles fell dead.

Bei dieser Art Spannung zu erzeugen, entspricht die Ereignis-Darstellung der tatsächlichen Reihenfolge der Ereignisse. Der Leser ist vorinformiert und fragt sich, wie es ausgehen wird. Er antizipiert eine signifikante Folge für eine Figur, die nur partiell informiert ist. Die Leser-Emotionen sind verschieden von den Figuren-Emotionen.20 Da die Figur nicht über den Plan des Angreifers informiert ist, handelt es sich beim diesem Effekt um die Art, die Hitchcock in seinen Filmen regelmäßig benutzte und die er in dem berühmten Interview mit Truffaut ausgeführt hat. Der Ansicht des Master of Suspense führt diese Form zu den intensivsten Zuschauerreaktionen.21

Ein Beispiel für Curiosity von Brewer und Lichtenstein:


(5) Charles fell dead. The police came and found the broken glass, etc.

Bei diesem Mittel Spannung zu erzeugen, muss die tatsächliche Ereignisstruktur mit einem bedeutungsvollen Ereignis beginnen. In der Darstellung des Geschehens wird dieses allerdings ausgelassen. Der Leser bekommt genug Informationen, um zu wissen, dass vorher etwas vorgefallen ist, das Informationsdefizit muss ihm bewusst sein. Auf diese Art und Weise wird seine Neugier auf das zurückliegende Ereignis gelenkt. Im weiteren Textverlauf wird die ausgelassene Information nachgereicht, sodass der Leser das bedeutungsvolle Ereignis rekonstruieren kann und die Spannung aufgelöst ist.22

Mit den Forschungsarbeiten von Brewer und Lichtenstein erlöscht dieser durch Sternberg angeregte Untersuchungszweig.

2.2.3 Carroll

Fragen kontrollieren die Erwartungen des Zuschauers. Während Brewer und Lichtenstein auf Sternberg Bezug nimmt, beschreibt der US-amerikanische Philosoph Noël Carroll unabhängig von den Forschungsergebnissen dieser Autoren den Suspense und das Curiosity. Seine Untersuchungen beziehen sich auf Filme. Carroll zufolge stellt der Zuschauer bei der Filmrezeption ununterbrochen Fragen. In der Regel geschieht dies unbewusst. Sobald ein Film allerdings angehalten wird, dringen die Fragen an die Oberfläche und werden sprachlich realisiert.23

Die Fragen werden ausgelöst durch audiovisuelle Ereignisse.24 Fragen und Antworten verbinden audio-visuelle Einheiten verschiedener Ausdehnung. Von Szenen bis hin zum gesamten Text.25

Anzahl möglicher Antworten, zeitliche Dimension, Moral. Spannung beschreibt Carroll unter Rückgriff auf Fragen. Sie konstituieren fictions of uncertainty. Die Abgrenzung zwischen dem Suspense und dem Curiosity basiert auf der zeitlichen Dimension dieser Spannungstypen. Demnach sind die Fragen entweder zukunfts- oder vergangenheitsgerichtet.26 Als ein weiteres Abgrenzungskriterium dient die Anzahl möglicher Antworten auf eine Frage. Um die beiden Spannungstypen voneinander zu trennen, greift er unter anderem zurück auf die Unterscheidung in Entscheidungsfragen, bei denen es nur zwei mögliche Antworten gibt, die sich logisch ausschließen, und Ergänzungsfragen, die mehrere, sich nicht ausschließende Möglichkeiten besitzen.27

Das Curiosity charakterisiert er als offene Ergänzungsfragen. Beim Genre Kriminalgeschichte fragt sich der Leser zum Beispiel, welche Motive den Täter leiten. Grundsätzlich sind eine Reihe verschiedener Möglichkeiten denkbar, die einzeln vorkommen können oder gleichzeitig wahr sein können. Dieser Spannungstyp ist vergangenheitsbezogen.28

Suspense ergibt sich bei einer Entscheidungsfrage, die sich auf die Zukunft bezieht. Allerdings erzeugt nicht jede zukunftsgerichtete Frage Spannung. Zusätzlich benötigt der Suspense eine moralische Dimension. Von den zwei möglichen Antworten muss eine Möglichkeit unwahrscheinlich und moralisch korrekt und die andere wahrscheinlich und moralisch fragwürdig sein.29

I am holding that, in the main, suspense in film is (a) an affective concomitant of an answering scene or event which (b) has two logically opposed outcomes such that c) one is morally correct but unlikely and the other is evil and likely.30

Die Moral basiert auf einer Alltagsmoral. Sie kann durch tugendhafte Szenen vermittelt werden, in denen der Protagonist zum Beispiel seine Tapferkeit unter Beweis stellt. Sie muss nicht zwangsläufig mit der außermedialen Realität übereinstimmen, in diesem Fall kann ein Moralsystem relativ zum jeweiligen Film entstehen. Zugleich steht beim Suspense etwas auf dem Spiel. Gefahren müssen hervorgehoben werden. Sie drohen sich in unmittelbarer Zukunft einzustellen.31

Die Wahrscheinlichkeiten müssen betont werden (adding probability factors). Im Film entsprechen sie nicht den Wahrscheinlichkeiten in der Welt der Rezipienten. Man darf sich auch nicht dazu verleiten lassen, den Begriff technisch zu verstehen. Während der Rezeption greift der Zuschauer nicht auf seine stochastischen Fähigkeiten zurück, er versucht also nicht, die Wahrscheinlichkeit bis auf die dritte Ziffer hinter dem Komma zu berechnen.32

Mikro-, Makroebene und Rekursivität. Carroll unterscheidet zwischen Spannung auf der Mikro- und auf der Makro-Ebene. Die Zuordnung ergibt sich aus der textuellen Distanz zwischen Frage und Antwort.33


(6) Wird James Bond dem brennenden Aufzug entkommen?
(7) Wird das Gute oder das Böse siegen?

(6) und (7) geben mögliche Suspensefragen wieder, die der Rezipient während der Rezeption aufwerfen kann. In (6) handelt es sich um eine Frage, die die augenblickliche Situation in einem Film betrifft, sie siedelt sich daher auf der Mikroebene an. In (7) liegt eine Frage vor, die sich auf das Gesamtwerk bezieht und daher in den Bereich der Makrofragen eingeordnet wird.

Makro- und Mikro-Fragen können in wechselseitiger Beziehung zueinander stehen. Die Antwort von Mikro- und Makrofragen können sich überschneiden. Fragen und Antworten verbinden Szenen, aber auch gesamte Texte.34

Auf der Grundlage von Fragen lassen sich verschiedene Funktionen von Szenen klassifizieren. Carroll unterscheidet zwischen a) Szenen, die dem Rezipienten Orientierung (establishing shot) bieten (zum Beispiel wird die Fifth Avenue gezeigt, bevor ein Büro gezeigt wird) und die nicht unbedingt Fragen aufwerfen muss. Daneben gibt es b) Szenen, die eine Frage aufwerfen (questioning scene), c) Szenen, die eine Antwort liefern (answering scene), d) Szenen, die Fragen aufrechterhalten oder verstärken (sustaining scene), e) Szenen, die eine Antwort geben und zugleich eine neue Frage aufwerfen, und letztendlich f) Szenen, die Teilantworten bereitstellen (incomplete answering scene). In diesem Fall erstrecken sich Antworten über mehrere Szenen. Je größer die Anzahl solcher Szenen in einem Film ist, desto komplexer ist der Film. In Szenen können die einzelnen Film- bzw. Textelemente eine Vielzahl anderer Funktionen gleichzeitig übernehmen. Nicht alle Szenen dienen dem Fragen-Aufwerfen. Darüber hinaus gibt es Szenen, die Antworten moralisch färben.35

Um Spannung zu analysieren, müssen diejenigen Szenen bestimmt werden, die Fragen auslösen und erhalten. Zugleich bietet es sich an, einerseits Szenen herauszusuchen, die mögliche Antworten moralisch situieren, und andererseits, Szenen zu isolieren, die Wahrscheinlichkeiten zuordnen.36

Ein Film wird als Suspensefilm klassifiziert, wenn eine Suspensefrage das Werk auf der Makroebene überspannt, wenn statt einer suspensevollen Makrofrage eine Reihe von Suspense-Mikrofragen aufeinanderfolgen und wenn entscheidende Szenen mit Suspense beladen sind.37

2.2.4 Zillmann

Positive und negative Ausgänge. Der US-amerikanische Psychologe Dolf Zillmann greift bei seiner Suspense-Definition auf mögliche zukünftige Entwicklungen der Geschichte zurück und untersucht diese innerhalb des Mediums Film. Dabei unterscheidet er zwischen solchen Ausgängen, die einen Anreiz darstellen, und solchen Ausgängen, die eine Bedrohung darstellen. Als Anreiz dient häufig eine soziales, finanzielles oder erotisches Gut. Die Bedrohung ergibt sich in der Regel dadurch, dass der Protagonist einer unmittelbaren Gefahr ausgesetzt ist, Leib und Leben sind bedroht. Als Beispiel nennt Zillmann eine Schiffskatastrophe oder die Besteigung eines Berges, in beiden Fällen befinden sich Figuren in lebensbedrohlichen Situation. Häufig sind Bedrohung und positiver Anreiz aneinander gekoppelt. Sollte die jeweilige Figur den negativen Ausgang abwenden können, so erhält sie gleichzeitig eine Belohnung.38

Suspense kommt ohne die positive Dimension aus. Um ein möglichst intensives Suspenseerlebnis zu bieten, müssen Geschichten nach Zillmann folgende Kriterien erfüllen:39

 Geschichten müssen mögliche negative Ausgänge suggerieren

 Gemochte Protagonisten (liked protagonists) oder eine substitute entity40 müssen betroffen sein von möglichen negativen Ausgängen, damit diese Ausgänge gefürchtet werden von den Rezipienten

 Die Wahrscheinlichkeit, dass negative Ausgänge eintreten, muss hoch sein aus der Perspektive des Rezipienten

Bei der Negativität von Ausgängen differenziert Zillmann zwischen verschiedenen Graden. So ist beispielsweise der mögliche Tod auf einem höheren Negativitätsniveau angesiedelt als der Verlust von Eigentum oder die soziale Isolation. Um das Suspenseerleben zu ermöglichen, müssen die antagonistischen Kräfte den gemochten Protagonisten glaubwürdig schädigen können. Die Gefahr kann an dritten Parteien demonstriert werden, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Suspense setzt nach Zillmann nicht voraus, dass Moral im Spiel, womit er sich explizit gegen Carroll richtet.41

Bei der Erzeugung von Suspense spielen die Angst und die Hoffnung von Rezipienten eine zentrale Rolle. Die negativen Konsequenzen für einen Protagonisten werden gekoppelt an die Angst, dass ein erhofftes Ereignis nicht eintreten und dass ein unerwünschtes Ereignis eintreten wird. Zugleich werden sie gekoppelt an die Hoffnung, dass ein bevorzugter Ausgang eintreten wird, dass ein unerwünschtes Ereignis für den Protagonisten nicht eintreten wird und dass negative Ereignisse für antagonistische Figuren eintreten werden. Beide sind als affektive Reaktionen eng aneinander gebunden, es handelt sich um zwei Seiten einer Medaille.42

Zillmann zufolge kann der Suspenseeffekt mit körperlichen Reaktionen einhergehen. Als mögliche Reaktionen nennt er Schweißausbrüche und Fingernägelkauen. Der Rezeption kann von Rastlosigkeit und Unruhe begleitet werden. Zum Teil lässt sich der Rezipient dazu hinreißen, zu applaudieren, wenn sich die Handlung zum Positiven für den Protagonisten auflöst.43

Dem Rezipienten weist Zillmann die Rolle eines Zeugen zu. Auf der Leinwand dargestellte Handlungen und Ereignisse wirken sich weder positiv noch negativ auf seinen Alltag aus. Auch umgekehrt besitzt er keinen Einfluss auf die Textwelt, die Entwicklungen im Film bleiben vom Rezipienten unberührt.44

Hoffen, Bangen und die Einstellung zum Helden. Hoffnung und Angst hängen stark mit der Einstellung des Rezipienten zum Protagonisten zusammen. Diese Relation zum Protagonisten beschreibt Zillmann als Empathie (ein identifikatorisches Verhältnis weist er zurück, weil die Figuren und Leser über verschiedene Wissensbestände verfügen und daher auch verschiedenen Emotionen ausgesetzt sein können).45

Diese affektiven Dispositionen basieren nach Zillmann auf soziopsychologischen Prozessen, die je nach der emotionalen Beziehung zu den Figuren variieren. Leidet eine gemochte Figur, so leidet auch der Rezipient. Freut sich diese Figur, so überträgt sich das positive Gefühl auf den Leser bzw. Zuschauer. Antipathie gegenüber einer Person führt zu einer entgegengesetzten emotionalen Reaktion. Die Freude des Antagonisten verursacht negative, sein Leiden positive Emotionen. Die Wahrnehmung von positivem und negativem Ausgang kehrt sich also um, wenn sich die Einstellung zu den Figuren umkehrt. So kann das gleiche Ereignis beim Zuschauer verschiedene Reaktionen hervorrufen – je nachdem, in welcher Relation er zu einzelnen Figuren steht.46

Mit der Relation ändert sich auch die Bewertung von negativen und positiven Ausgängen einzelner Figuren. Eine negative Konsequenz für einen Antagonisten wird vom Rezipienten als positiv empfunden. Eine negative Konsequenz, die den Protagonisten betrifft, wird als negativ eingestuft. Es gibt also negative Konsequenzen für Figuren, die je nach der Einstellung der Rezipienten als positiv und negativ eingeordnet wird.47

Suspense, Euphorie und Disphorie. Von der Relation zum Protagonisten und vom negativen Ausgang hängen Euphorie- und Disphorie-Reaktionen ab. Euphorie entsteht, wenn eine Gefahr für einen gemochten Protagonisten verringert oder abgewendet wurde. Sie steigt, je größer der Schaden für den Antagonisten und der Nutzen für den Protagonisten ist. Mit der Disphorie-Reaktion verhält es sich umgekehrt. Sie steigt zum Beispiel, wenn eine negative Konsequenz eintritt. In Geschichten nehmen mögliche negative Emotionen den Großteil der Zeit ein, bis am Ende eine positive Auflösung erfolgt. Das bedeutet, dass viele Episoden häufig mit Disphorie beladen sind, dass das finale Ende jedoch Euphorie erzeugt.48

Zugleich beeinflusst auch der Beitrag des Protagonisten zum Ausgang die Euphorie- und Disphorieintensität. Die Disphorie steigt, wenn der Protagonist die negativen Folgen selbst herbeiführt. Die Euphorie ist größer, je stärker der Protagonist zur Lösung des Problems bzw. zur Abwendung des negativen Ausgangs beigetragen hat. Handelt es sich um einen inaktiven Protagonisten, so steigt die Euphorie nur marginal.49

Daraus leitet Zillmann praktische Implikationen für den Anfang und das Ende von Geschichten ab: Zu Beginn einer Geschichte sollte der Protagonisten in ein positives Licht gerückt und der Antagonist negativ darstellt werden. Erst danach kann begonnen werden, den Protagonisten mit Gefahrensituationen zu konfrontieren. Die Auflösung verläuft optimal, wenn der Protagonist das Böse selbst (allein) besiegt und dafür belohnt wird.50

Die Gewichtung der Wahrscheinlichkeit negativer Ausgänge und der Einstellung gegenüber den Figuren. In einer experimentellen Studie haben Comisky und Bryant die Faktoren Relation zur Figur und die Wahrscheinlichkeit des negativen Ausgangs kombiniert und den Einfluss auf das Suspenseempfinden untersucht. Verschiedenen Gruppen ihres Experiments haben sie die gleiche Filmsequenz vorgespielt. Dabei wurde die jeweilige Vorstellung durch einen Kommentar des Erzählers eingeleitet, der von Gruppe zu Gruppe verschiedene Informationen über die Überlebenschancen des Helden enthielt und den Protagonisten entweder in einem neutralen, in einem positiven oder in einem sehr positiven Licht erscheinen ließ. Die Auswertung dieses Experiments ergab, dass die Wahrscheinlichkeit des Ausgangs den Hauptteil bei der Suspensebildung ausmacht. Je geringer die Chance des positiven Ausgangs, desto höher der Suspense. Die hohe positive Relation zum Protagonisten steigert die Spannung zwar, sie besitzt allerdings einen geringen Teil an der Spannungsbildung.51

2.2.5 Wulff

Eine konstruktivistische Zeichen- und Textdefinition.

Die Funktion von Text ist, den Textverarbeitungsprozess zu strukturieren und kontrollieren, und nicht so sehr, ein Thema oder eine Geschichte als ein wohlgeformtes, ganzheitliches Gebilde zu exponieren.52

Der deutsche Filmwissenschaftler Hans J. Wulff legt für die Analyse von Suspense die konstruktivistische Kernannahme zugrunde, das dem Rezipient eine aktive Rolle bei der Bedeutungskonstitution von narrativ-audiovisuellen Texten zukommt. Denken und Wahrnehmung vollziehen sich bei der Rezeption von audiovisuellen Texten demnach aktiv und mit dem Ziel, eine kohärente (Text-)Welt zu konstruieren (auch konstruktivistisches Rezeptionsmodell). Der audiovisuelle Text stellt Szenen, Situationen und Sequenzen bereit, die der Rezipient kognitionsgestützt verarbeitet. Diese nutzen den Kohärenz- und Ganzheitswunsch des Rezipienten gezielt aus.53

Um Suspense zu erzeugen, muss der Text dem Zuschauer Informationen bieten, aus denen dieser zukünftige Entwicklungen und die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens erschließen kann. Bei der Analyse von Suspense darf weder die textuelle noch die kognitive Seite vernachlässigt werden. Der Text gilt dieser Auffassung nach als ein instruktionales Gebilde.54

Die Spannungskonstruktion wird darum gefaßt als eine Sequenz von Textinformationen, die eine dazugehörige Sequenz von Verarbeitungsoperationen des Zuschauers erforderlich macht und diese steuert; diese beiden Komponenten bilden zusammen einen Untersuchungsgegenstand.55

Als typischen Fall beschreibt er, wie der Protagonist im Gebirge an einer Steilwand in einem Seil hängt und wie sein Seil über eine scharfe Bergkante reibt. Auf der Basis dieser Informationen bildet der Zuschauer die Hypothese, dass das Seil reißen könnte und dass die Figur in die Tiefe stürzt und stirbt.56

Die jeweiligen Erwartungen ergeben sich aus einzelnen Text-Informationen und verschiedenen Bereichen des Wissen:

Nun spielen schematisierte Wissensbestände […] eine zentrale Rolle, seien es nun stofflich orientierte Einheiten des Wissens (wie Gegenstands-Frames oder situationale Skripten) oder aber syntaktsiche Bauformen des Textes (wie z.B. Alternationsmontage) oder semantosyntaktische Prinzipien der Textbildung (wie sie in den verschiedenen Geschichtengrammatiken zu beschreiben versucht werden).57

Auf dieser Grundlage generiert der Rezipient Wulff zufolge Hypothesen, die sich auf der Mikro- und Makroebene ansiedeln und die auf beiden Ebenen Spannung erzeugen.58 Suspense entsteht nach Wulff durch possible and probable developments in the plot, which often cannot even be proven on the surface of the film.59

Neu einlaufende Informationen sollten nicht nur als Tatsache verarbeitet werden sondern auch als starting point von zukünftigen Entwicklungen hinsichtlich einer Geschichte, sozialen Situationen oder einer Folge von Ereignissen gesehen werden.60

Wulff betont – ähnlich wie Zillmann –, dass die antizipierten Entwicklungen keine beliebigen sein dürfen, der Zuschauer muss einen negativen Ausgang antizipieren. Deshalb sollten die textuellen Erzeugnisse die Aufmerksamkeit der Rezipienten in Richtung Probleme, Gefahren und Hindernisse manipulieren, die auf diese Weise mögliche Entwicklungen andeuten und diesen gleichzeitig Wahrscheinlichkeitsgrade suggestiv zuordnen. Der Text suggeriert lediglich ein Ensemble alternativer Möglichkeiten bzw. ein Feld möglicher Entwicklungen.61 Die negativen Aspekte müssen sich nicht konkretisieren.62

Textuelle Elemente, die dazu dienen, mögliche zukünftige Entwicklungen anzudeuten, bezeichnet Wulff Kataphora. Wulff unterscheidet darüber hinaus zwischen Textsegmenten, die das Problem präzisieren, und Textsegmenten, die den Problemraum in eine andere Richtung lenken. Letztendlich kann der Rezipient eine Reihe möglicher Entwicklungen mental konstruieren, die durch neu einlaufende Textsegmente erweitert werden können. Die Textwelt wird dabei nicht vollständig realisiert, die Textebene umfasst nur relevante Aspekte. Es gibt auf der Textebene eine Selektion.63

Auch der Rezeptionsprozess vollzieht sich selektiv. Nur problembezogenem wird Aufmerksamkeit geschenkt. Wulff spricht in diesem Zusammenhang auch von einer metarezeptiven Hypothese der Rezipienten.64

2.3 Zwischenfazit

Auf einer fundamentalen Ebene befinden sich textexterne Überlegungen zu Spannung. Dabei wird Spannung auf den Zeigarnik-Effekt zurückgeführt oder durch das rezipientenseitige Bedürfnis nach Kontrolle begründet. Diese Ansätze vernachlässigen Strukturmerkmale von Texten, daher entziehen sie sich der linguistischen Analyse und werden deshalb nicht weiter berücksichtigt.

Auf einem rezeptionstheoretischen Fundament charakterisiert Sternberg die Spannungsleerstellen des Curiosity, des Suspense und vom Puzzle, die er auch als rezipientenseitige Fragen beschreibt. Beim Curiosity gibt es einen Vergangenheitsbezug, beim Suspense steht eine zukunftsgerichtete Leerstelle im Zentrum. Er konzentriert sich auf schriftsprachliche Texte.

Sternbergs Ansatz dient als Anknüpfungspunkt für das Forscherteam um Brewer. Sie orientieren sich an dem Verhältnis zwischen Plot-Story-Ebene und an der Terminologie und beschreiben die Typen Suspense und Curiosity. Beim Suspense kommt zusätzlich die Frage hinzu, wie sich das Verhältnis zwischen dem Wissen der Rezipienten und dem Wissen der Figuren gestaltet, ein Aspekt der in der Hitchcockschen Suspensedefinition entscheidend ist und der in den anderen Ansätzen keine Rolle spielt. Die rezeptionstheoretische Terminologie wie Leerstelle und die damit verbundenen Fragen gehen dabei verloren. Die zeitliche Dimension ist vorhanden, wenn auch wie bei allen anderen Autoren außer Carroll stillschweigend. Brewer abstrahiert in seinen Forschungen von einer konkreten Modalität.

Carroll untersucht das Curiosity und den Suspense im Film, die gemeinsam fictions of uncertainty konstituieren. Beim Curiosity steht eine Frage im Zentrum, die mehrere Antworten zulässt, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Den Suspense beschreibt er als das Stellen von Fragen, von denen eine als moralisch gut und zugleich unwahrscheinlich gilt und die andere als moralisch schlecht und wahrscheinlich gilt. Die Antworten schließen sich logisch aus. Unabhängig von Sternberg kommt Carroll zu dem Schluss, dass sich der Suspense (zukunftsbezogen) und das Curiosity (vergangenheitsbezogen) in zeitlicher Hinsicht unterscheiden.

Zillmann konzentriert sich im Rahmen seiner psychologischen Theorie nur auf den filmischen Suspense. Seinem Ansatz nach entsteht dieser dramatische Effekt durch negative Konsequenzen für gemochte Helden, die vom Rezipienten für sehr wahrscheinlich erachtet werden. Bei den negativen Konsequenzen spielt die von Carroll postulierte moralische Dimension keine Rolle, er grenzt sich in diesem Punkt explizit von Carroll ab. Die Arbeiten von Sternberg und von Brewer besitzen im Rahmen von Zillmanns Arbeiten keinen Einfluss.

Wulff ergänzt Zillmanns Analyse um eine kognitive Dimension, der zufolge sich die Erwartung eines negativen Ausgangs ergibt aus Textinformationen und Schemata, die durch Relevanzerwägungen zu einander in Beziehung gesetzt werden. Die Ergebnisse der anderen Autoren spielen bei ihm keine Rolle. Im Zentrum steht der filmische Suspense.

Wulff ist der einzige Autor, der die kognitive Dimension der Spannung in seine Überlegungen mit einbezieht. Damit entwickelt er das Fundament, um die Ziele dieser Arbeit zu erreichen. Er gibt den Anstoß, um den Suspense und andere Spannungstypen aus einer kognitionslinguistisch orientierten Perspektive zu beleuchten, wobei neben lokalen Aspekten auch die globale Dimension ergänzt werden soll, um zu einem umfassenden Bild zu gelangen.

II Grundlagen einer Theorie des Textverstehens

If someone said, ’It’s raining frogs‘, your mind would swiftly fill with thoughts about the origins of those frogs, about what happens to them when they hit the ground, about what could have caused that peculiar plague, and about whether or not the announcer had gone mad. Yet the stimulus for all this is just three words. How do our minds conceive such complex scenes from such sparse cues? The additional details must come from memories and reasoning.65

Sprachliche Kommunikation besitzt einen elliptischen Charakter. Auf der Basis einer geringen Anzahl textueller Signale (sparse cues, stimulus) wird eine Vielzahl rezipientenseitiger Aktivitäten stimuliert, die sich nähren aus den im Zitat benannten Bereichen des Wissens (memory) und der Inferenzen (reasoning), die die Grundlage bilden für die Konstruktion eines mentalen Modells (hier scenes). Im Folgenden werden diese drei Hauptfelder kognitiv orientierter Disziplinen vorgestellt. Damit rückt dieser Teil die repäsentationalen und prozedualen Aspekte des Textverstehens ins Zentrum, die sich aus kognitionsorientierten und psycholinguistischen Ansätzen ergeben.

In Kapitel 3 werden Frame- und Schema-theoretische Ansätze integrativ vorgestellt, die auch Wissen über Textsorten mit einschließen. Dabei werden zentrale Begriffe wie Leerstelle, Füllwert, Prototypikalität etc. eingeführt. Zunächst werden diese Entitäten unabhängig von sprachlichen Aspekten als fundamentale Einheiten der Kognition beschrieben.

In Kapitel 4 wird eine Vielzahl mentaler Prozesse vorgestellt, die auf den kognitiven Strukturen basieren. Dabei wird zunächst der für diese Arbeit zentrale Begriff der Inferenz definiert. Nachdem ein kompakter Einblick in die Welt der Inferenzen in der klassischen Philosophie gegeben wurde, werden die Ansätze zu verstehensnotwendigen Inferenzen aus der Textverstehenstheorie vorgestellt. Dabei werden zunächst Inferenzen auf Wortebene vorgestellt, wobei der Satzkontext in der Regel eine wichtige Rolle spielt. Dann werden Inferenzen vorgestellt, die angrenzende Sätze verbinden. Im Anschluss werden Inferenzen beschrieben, die sich auf größere Diskurssegmente eines Textes beziehen und diese vorstellen. Der Aufbau folgt also der Komplexität des zugrunde liegenden Textmaterials. Darüber hinaus wird eine weitere Klasse von Inferenzen vorgestellt, die sogenannten elaborativen Inferenzen. Diese besitzen keine kohärenzstiftende Funktion. Das Kapitel endet mit einer Klassifikation von Inferenzen und mit der Beschreibung von Leserzielen, die einen Grund dafür liefern, warum Rezipienten überhaupt eine derartige Aktivität bei der Textrezeption zeigen.

Während diese Prozesse in Kapitel 4 auf der Ebene einzelner Sätze, Satzpaare und kurzer Abschnitte beschrieben werden, fasst Kapitel 5 komprimiert zusammen, was die Textverstehensforschung im Bereich der mentalen Repräsentation umfangreicherer Texte anbietet, deren Konstruktion auf einer wiederholten Anwendung der in Kapitel 4 vorgestellten Prozesse basiert.

3 Wissen

Im Folgenden wird eine Reihe von kognitiven Ansätzen integrativ vorgestellt. Dabei wird das kognitive System zunächst isoliert betrachtet. Dieser Schritt ergibt sich aus dem Cognitive Commitment, das besagt, dass es sich bei den Verarbeitungsprozessen nicht um sprachspezifische Mechanismen handelt sondern um allgemeine mentale Operationen.1

3.1 Wissensrahmen

Kognitionsbezogene Theorien zum Wissen wurden in verschiedenen, zum Teil relativ autonomen Wissenschaftsdisziplinen entwickelt und in Abhängigkeit von der jeweiligen Forschungsunternehmung und den damit verbundenen Erkenntnisinteressen unterschiedlich akzentuiert – letztendlich mit konvergierender Evidenz, was sich niederschlägt in einer zunehmenden wechselseitigen Rezeption und in einer verstärkten gegenseitigen Beeinflussung. Marvin Lee Minsky – Frame-Pionier, Mathematiker und Informatiker – stellt eine allgemeine Theorie auf und verweist auf eine Vielzahl unterschiedlicher Phänomene, die sein Ansatz explanatorisch bewältigen kann und die hauptsächlich auf der Ebene der visuellen und sprachlichen Verarbeitung liegen. Der Linguist Fillmore bezieht sich überwiegend auf die Wort- und Satzebene, erkennt allerdings ein globales Anwendungspotential. Forscher wie der US-Psychologe Rumelhart richten ihre wissenschaftlichen Aktivitäten auf umfangreichere Texte wie zum Beispiel Geschichten. So erwachsen aus einer kognitionszentrierten Perspektive Erklärungsmöglichkeiten für eine Vielzahl unterschiedlicher Phänomene. Sie erweist sich als global anwendbar und besticht durch ihre unifizierende Kraft.

Trotz terminologischer und theoretischer Unterschiede zwischen den Ansätzen weisen die Theorien starke strukturelle und funktionale Parallelen auf, worauf bereits Rumelhart in seinem Artikel „Schemata: The Building Blocks of Cognition“ hinweist.2 Das ist wahrscheinlich auch ein Grund dafür, warum Fillmore Begriffe wie Schema, Frame etc. in einem seiner zentralen und mehrfach veröffentlichten Aufsätze „Frame Semantics“ gleichsetzt.3

Terminologische Inhomogenitäten. In der Literatur zur Untersuchung von Wissen finden sich eine Reihe konkurrierender Begriffe, die erhebliche Schnittmengen aufweisen und deshalb kaum auseinanderzuhalten sind. Die Begriffe variieren nicht nur von Autor zu Autor, sondern zum Teil auch innerhalb des Œuvres eines Autors. So bezeichnen Sanford und Garrod das Wissen als scenarios ,4 Minsky spricht von frames.5 Bei Fillmore werden verschiedene Theorieversionen begleitet von verschiedenen terminologischen Präferenzen. In seinen theoretischen Vorarbeiten spricht Fillmore (1971) von Kasusrahmen,6 Fillmore (1975) von scene,7 Fillmore (1977a) von scenes,8 Fillmore (1977b) von schemata, 9 Fillmore (2006) wieder von frames.10 So soll ohne die folgenden Begriffe bereits andeutungsweise beschrieben zu haben, zunächst darauf hingewiesen werden, dass konkurrierende technische Ausdrücke alle Ebenen der Beschreibung durchdringen. Der Dichotomie von Slot und Filler stehen Alternativen gegenüber wie attributes und values bei Barsalou, terminals und instances bzw. assignments bei Minsky, Rumelhart spricht von variables und values.11

Als Kriterien für terminologische Entscheidungen dienen in dieser Arbeit die semantische Durchsichtigkeit und die Etabliertheit eines Begriffs. Die transparenteste und eingängigste Alternative zu Frame, Schema etc. bietet der Ausdruck Wissensrahmen, den Busse gebraucht. Er vermeidet die Ebenenmischung der grammatischen Oberflächenstruktur mit der Tiefendimension und beugt so terminologisch bedingten Missverständnissen vor, die möglicherweise mit Begriffen wie Kasusrahmen einhergehen.12 Slot und Filler werden in dieser Arbeit als Leerstellen und Füllwerte aufgenommen, wie es sich in der deutschsprachigen Diskussion etabliert hat (zum Beispiel bei Ziem (2008)). Hinsichtlich der übrigen Begriffe werden terminologische Entscheidungen an der jeweiligen Stelle getroffen, die den oben genannten Kriterien entsprechen.

Wissensrahmen. Denkt man an einen Kindergeburtstag, so gelangt man zu einer Ansammlung epistemischer Elemente. Es gibt eine bestimmte Kleiderordnung, jeder Gast bringt ein Geschenk mit, es gibt ein Unterhaltungsprogramm mit einer Reihe von Aktivitäten, die zum Beispiel Topfschlagen mit einschließen. Ein Kindergeburtstag findet tagsüber statt und umfasst einen längeren zeitlichen Abschnitt. Deshalb kommen eher ein Samstag oder ein Sonntag für diese Art von Veranstaltung in Frage als ein Wochentag, dessen Struktur und Organisation durch den Schulalltag maßgeblich geprägt ist.13 Bei diesem abgerufenen Komplex handelt es sich um einen Wissensrahmen, der in prototypischer Weise Wissenselemente im Gedächtnis organisiert und der das Potential besitzt, eine Vielzahl möglicher Entitäten mental repräsentieren zu können.14

Rahmen, Leerstellen und Prototypikalität: Wissensrahmen verfügen über Leerstellen.15 Diese sind standardmäßig mit ihnen verbunden und lassen sich durch Fragen paraphrasieren, die situationsabhängig mit Füllwerten besetzt werden können.16 Wissensrahmen vergleicht Minsky mit einem Skelett und mit einem Bewerbungsbogen. Beide geben eine grobe Struktur vor und müssen mit konkretem Material gefüllt werden. Ein Wissensrahmen ist a sort of skeleton, somewhat like an application form with many blanks or slots to be filled.17 Je höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine bestimmte Leerstelle gemeinsam auftritt mit einem Wissensrahmen, desto höher ist der Grad der Prototypikalität einer Leerstelle. Barsalou spricht auch von Attributsystematizität und verdeutlicht es an dem Konzept VOGEL. Der Rezipient würde demnach Leerstellen für die Größe, die Farbe und den Schnabel konstruieren.18 Ähnlich sollte es sich mit dem Rahmen zu WEIN verhalten, prototypische Leerstellen könnten den Jahrgang, die Herkunft, die geschmackliche Richtung etc. betreffen. Mögliche Füllwerte wären zum Beispiel 1982, BORDEAUX, TROCKEN.

Rahmenlose Informationen und informationslose Rahmen: Rahmenlose Informationen streben danach, in einen Rahmen eingebettet zu werden. So werden sie zu anderen Wissenselementen in Bezug gesetzt und stellen keine atomaren Einheiten dar. Informationslose Rahmen (d.h. Rahmen mit Leerstellen) streben nach Sättigung.19 In seiner einfachsten Form wird der Drang zur Auffüllung leerer Endpunkte als eine Art Unwohlgefühl oder Hunger erscheinen.20 Leerstellen können auf zweierlei Weise durch Füllwerte gesättigt werden. Einerseits kann dies in einem Top-Down-Prozess geschehen durch typischerweise zum Wissensrahmen gehörende Elemente. Man spricht auch von Standardwerten (englisch default values, default assignments).21

’Default assumptions fill our frames to represent what’s typical‘. As soon as you hear a word like ’person‘, ’frog‘, or ’chair,‘ you assume the details of some ’typical‘ sort of person, frog, or chair. You do this not only with language, but with vision, too.22

Zum Bereich der wissensbasierten Instantiierungen gehören auch Default-Annahmen mit antizipatorischem Charakter. (In Kapitel 4 werden diejenigen Inferenzen, Elaborationen und Erwartungen vorgestellt, die bei der Textrezeption systematisch auftreten.) Diese aus epistemischen Agglomerationen generierten Erwartungen richten sich zeitlich auf zwei Dimensionen. Einerseits auf zukünftige Ereignisse bzw. zukünftig wahrnehmbare Daten. Sieht oder liest jemand zum Beispiel, dass sich eine Person eine Fahrkarte kauft, so generiert er die Hypothese, dass die Person mit einem Zug fahren wird.23 Auf der anderen Seite richten sich Erwartungen auf Daten, die zwar zum Zeitpunkt der Hypothesenherstellung gegeben sind, die allerdings in diesem Augenblick nicht wahrgenommen werden bzw. nicht wahrnehmbar sind. Sieht eine Person zum Beispiel eine Lampe, so elaboriert sie die Tatsache, dass diese Lichtquelle über einen Knopf verfügt, der dem An- und Ausschalten dient.24 In Anlehnung an diese Beschreibung lassen sich auch Erwartungsbrüche formulieren, die auftreten, sobald die Daten mit den wissensinduzierten Hypothesen nicht übereinstimmen.25

Die aus dem prototypischen Wissen generierten Standardwerte können also einen hypothetischen Status besitzen.26 Ein Standardwert wird aufrechterhalten, wenn dieser mit dem perzeptuellen Input übereinstimmt oder wenn kein sensorisches Datum dem Standardwert widerspricht. Sollten sich nicht kompatible Füllwerte ergeben aus dem sensorischen oder aus dem textuellen Input (die zweite Möglichkeit der Sättigung), so sind diese auf Bottom-Up-Prozessen basierenden Füllwerte privilegiert gegenüber wissensgestützten und verdrängen die prototypische Instantiierung.27

Indem kognitionsbasierte Theorien verschiedener Disziplinen die Prototypikalität in ihren Ansätzen integrieren, übernehmen sie zentrale Gedanken der Prototypentheorie, wie sie von Rosch beschrieben werden. So hebt Barsalou explizit hervor, dass es sich bei einem Wissensrahmen und den damit verbundenen Elementen nicht um eine Konjunktion unverzichtbarer Bestandteile handelt. Vielmehr handelt es sich um Elemente, die nicht alle gleichermaßen realisiert sein müssen. Das führt dazu, dass wissensbasierte Instantiierungen durch perzeptuelle Stimuli korrigiert werden können. (Siehe dazu Absatz 4.) Durch die Adaption des Prototypenbegriffs wird zugleich die Annahme der kulturabhängigen bzw. relativen Intersubjektivität als tragende Säule in den Theoriekomplex installiert, die Barsalou daran erläutert, dass eher Menschen aus Ländern Katalysatoren (smog device) in ihrem Wissen über Fahrzeuge aufnehmen sollten, in denen diese üblich sind.28 Diese stillschweigend vorausgesetzte Annahme der Intersubjektivität schimmert auch in Minsky’s Frame-Theorie als einem Common-Sense-Ansatz durch, er beschreibt seinen Ansatz auch als eine Theorie des everyday bzw. ordinary thinking.29 Darüber hinaus erlaubt es der Prototypikalitätsgedanke, das Verhältnis zwischen Rahmen und den Elementen auf einer Prototypikalitätsskala abzubilden. Bei einer Zugfahrt würde der Kauf eines Tickets oder das Einsteigen in das Fahrzeug zu den zentralen Elementen zählen. Als optionales und eher periphereres Rahmenelement käme zum Beispiel der Erwerb einer Zeitung am Bahnhofskiosk in Frage.30 Die zentralen Elemente eines Rahmens nennt Barsalou strukturelle Invarianten.31

Rahmenwahl, Rahmenverwerfung und der sensorische Input. Ebenso wie wissensbasierte Instantiierungen von Leerstellen durch sensorischen Input korrigiert werden können, muss sich die Wahl eines Rahmens an der Realität messen lassen. Das Auftreten einer Anomalie kann sich als ein Indiz dafür entpuppen, dass der gesamte Rahmen unpassend gewählt ist bzw. dass der Wissensrahmen sich für die Integration der sensorischen oder textuellen Daten als inadäquat erweist. Das kann zum Beispiel zu einer von Minsky beschriebenen Spezialfallanpassung führen. Die Daten werden dabei von einem spezielleren Rahmen akkommodiert, der eine geringfügig abweichende Konfiguration der Informationen erlaubt. Eine solche Spezialfallanpassung veranschaulicht Minsky am STUHL-Rahmen. Dieser kann in einen SPIELZEUGSTUHL-Rahmen überführt werden, wenn eine Anomalie auftritt wie zum Beispiel eine Abweichung von der prototypischen Größe. Sollte sich ein Stuhl als wesentlich kleiner erweisen, so kann der STUHL-Rahmen mit einem SPIELZEUG-Rahmen korreliert werden, was zur Konstruktion eines SPIELZEUGSTUHL-Rahmens führt. Sollte keine Möglichkeit der Anpassung gefunden werden, so kann der vollständige Rahmen verworfen werden oder es können neue Rahmen konstruiert werden, bei denen Bestandteile bereits vorhandener Rahmen rekrutiert und in einem amalgamierten Wissenskomplex zusammengeführt werden. Bei inadäquater Rahmenwahl bieten sich dem kognitiven System also verschiedene Möglichkeiten zu reagieren, die die Kompatibilität zwischen Rahmen und sensorischen Daten anstreben.32

Füllwertkompabilität, Selektion, Füllwertrestriktionen bzw. kontext-sensitive oder bedingte Prototypikalität (auch variable constraints).33 Elemente eines Wissensrahmens müssen miteinander kompatibel sein. Um dies zu gewährleisten, gibt es bestimmte Selektionsbestimmungen für Füllwerte, die dazu führen, dass sich epistemische Einheiten rahmenintern beeinflussen.34 In einem SCHREIBEN-Wissensrahmen würden prototypischerweise PAPIER als Material und STIFT als Instrument ergänzt werden. Würde sich allerdings eines der beiden Elemente aufgrund des sensorischen oder textuellen Inputs ändern, so würde es zu einer alternativen Sättigung der jeweils anderen Leerstelle führen. Setzt man zum Beispiel TAFEL als Material ein, so würde KREIDE als Instrument instantiiert werden und umgekehrt, der Füllwert einer Leerstelle beeinflusst also den Füllwert einer anderen.35 Barsalou beschreibt diese rahmeninterne Beeinflussung am Beispiel von Transportmitteln. Mit steigender Geschwindigkeit erhöht sich der Preis. Zwischen Geschwindigkeit und Kosten besteht also eine rahmeninterne Beeinflussung.36

Statische und dynamische Rahmen. In der Literatur wird zwischen statischen und dynamischen Rahmen unterschieden. Erstere zeichnen sich dadurch aus, dass keine zeitliche Dimension involviert ist, während dynamische Rahmen ohne diesen zeitlichen Aspekt auskommen.37 Ein Beispiel für einen statischen Rahmen ist ZIMMER mit seinen prototypischen Elementen WAND, FENSTER, DECKE, BODEN, MÖBEL. Bei statischen Rahmen spielt die zeitliche Dimension keine Rolle. Daneben gibt es dynamisch strukturierte Wissensrahmen. Sie repräsentieren Handlungs- und Ereignisfolgen und werden Scripts genannt. Das klassische Beispiel ist das RESTAURANT-Skript, das sich aus der Perspektive des Gastes in verschiedene zeitlich und kausal aufeinander folgende Handlungen gliedert wie EINTRETEN, TISCH WÄHLEN, PLATZ NEHMEN, KARTE LESEN etc., die zum Teil in weitere Teilhandlungen zerlegt werden können. Dabei sind häufig auch Objekte, d.h. statische Elemente involviert wie TISCH, KARTE, SERVIETTEN. Prototypische Abläufe können in der Regel aus verschiedenen Perspektiven beschrieben werden. Neben dem Gast können zum Beispiel der Koch, der Kellner oder der Besitzer ins Zentrum der Handlungsfolge rücken. Dadurch können sich alternative Handlungsabläufe ergeben, die mit diesen zum Rahmen gehörenden Rollen verbunden sind.38 Zusätzlich gibt es verschiedene Spezialfälle wie den Besuch in einer Cafeteria oder in einem Imbiss, die eine Variation sowohl des zugrunde liegenden Ablaufs als auch der involvierten statischen Elemente darstellen.39

Universelle Anwendbarkeit. Dass sich Wissensrahmen zur Beschreibung statischer und dynamischer Entitäten anbieten, hebt ihr universelles Beschreibungspotential hervor. Deutlich wird dies auch durch die Aufzählungen verschiedener Autoren. Rumelhart nennt Objekte, Situationen, Ereignisfolgen, Aktionen und Aktionsfolgen.40 Van Dijk nennt daneben Personen, Rollen, Handlungen, Konventionen, Normen.41 Minsky beschreibt zusätzlich sprachbezogene Rahmen, die unter anderem grammatische Aspekte und den Aufbau von Geschichten einschließen.42

I use the word scene in a maximally general sense, including not only visual scenes but also familiar kinds of interpersonal transactions, standard scenarios defined by the culture, institutional structures, enactive experiences, body image, and, in general, any, kind of coherent segment of human beliefs, actions, experiences or imagings.43

Abstraktionsgrade von Schemata. Rumelhart und Ortony unterscheiden zwischen spezialisierten und generellen Schemata. Erstere unterstützen das effiziente Zuordnen von Variablen in kurzer Zeit. Generalisierte Wissensrahmen eignen sich dazu, eine große Anzahl verschiedener Datenpotentiale zu subsummieren und zu verarbeiten. Demnach könnte das Wissen ein allgemeines Konzept für WERFEN beinhalten, dass eine Spezialisierung erfährt, sobald man es auf ein Dartspiel anwendet. Dort wird WERFEN hinsichtlich der Wurftechnik spezifiziert,44 die anders ausfällt als zum Beispiel beim Diskus- oder Waschmaschinenwerfen. Der Abstraktionsgrad ergibt sich relativ zu anderen Konzepten, sodass ein Konzept im einen Fall als abstrakter gilt und im anderen Fall als spezieller. WERFEN zum Beispiel wäre ein Spezialschema von BEWEGUNG.

Weitere Beispiele für abstrakte Konzepte sind die thematischen Rollen, die unter anderem fest etablierte umfassen wie Agentiv, Instrumental, Lokativ etc.45 Sie werden nicht als idiosyncratic verstanden, es handelt sich um Rollen, die in einer großen Anzahl von Situationen zum Tragen kommen.46 In der Regel werden sie in verbzentrierten Ansätzen untersucht im Zusammenhang mit syntaktischen Strukturen. Der Kognitionslinguist Evans beschreibt diese Rollen als Leerstellen auf Satzebene.47 Neben intrasententialen Ansätzen greifen auch Studien zu transphrastischen Zusammenhängen auf diese Leerstellen zurück und zeigen, wie sie Satzgrenzen überschreitend gefüllt werden können (siehe zum Beispiel die indirekten Anaphern von Schwarz in Absatz 4.2.2). Von semantischen Rollen grenzt Evans participiant roles ab, die spezifischer sind und die auch mit Verben verbunden sind. Im RESTAURANT-Wissensrahmen wären dies zum Beispiel die Konzepte KELLNER, GAST, ESSEN etc. Thematische Rollen besitzen einen allgemeineren Status als diese Wissenselemente.48

Zum allgemeinsten und abstraktesten Wissen gehören auch Metaannahmen über kausale Zusammenhänge auf Ereignis- und Handlungsebene. Darunter könnten Wissensbestände fallen, die besagen, dass Handlungen Ziele verfolgen, dass alles eine Ursache hat, dass die Welt konstant bleibt und weitere logische, zeitliche etc. Zusammenhänge. (Welche Rolle dieses Wissen bei der Textrezeption spielt, wird in Absatz 4.2.2 bis 4.2.4, in Unterabschnitt 4.3.2, in Kapitel 5 und in Teil III deutlich.)

Quellen des Wissens und Expertise. Schemata ergeben sich aus Erfahrung. Aus einer Vielzahl an Situationen leiten sich abstraktere Einheiten ab, die auf als rekurrent erkannten Elementen und Mustern basieren.49 Ziem unterscheidet dabei zwischen der Verfestigung von Leerstellen und der Verfestigung von Füllwerten (neben Füllwerten spricht er auch von Prädikaten). Ersteres tritt dann ein, wenn eine Leerstelle häufig mit unterschiedlichen Füllwerten gesättigt wird. Ein Füllwert verfestigt sich, wenn er häufig die gleiche Leerstelle füllt. Auf diese Weise bilden sich Standardwerte heraus.50 Bei der Akquirierung von Wissen können neben der direkten sensorischen Wahrnehmung auch diskursive Übermittlungsformen eine Rolle spielen.51 Das gilt für nicht direkt erfahrenes physikalisches oder biologisches Wissen, wie zum Beispiel die evolutionäre Entwicklungen innerhalb der Jahrtausende umfassenden Menschheitsgeschichte etc.

Es lassen sich unterschiedliche Grade an Expertise bestimmen, wenn Schemata verschiedener Personen verglichen werden. Wissensstrukturen verschiedener Menschen variieren hinsichtlich des Grades ihrer Differenziertheit, ihrer Komplexität, hinsichtlich der Menge der mit einem Rahmen verbundenen Wissenselemente, dem Grad ihrer Vernetzung und ihrer Strukturierung.52

Das mentale Modell als Resultat der Einordnung sensorischen Inputs. Sobald ein mit dem sensorischen Input kompatibler Rahmen vorhanden ist, verschmilzt der bis dahin ungefüllte Rahmen mit den Daten zu einem mentalen Modell. Dabei werden Leerstellen gesättigt mit Daten, die sich einerseits ergeben aus dem Input der Wissensrahmen und andererseits aus dem Input empirischen und textuellen Datenmaterials53 – inklusive des vorangegangenen diskursiv aufgebauten mentalen Modells.54 (Wie das mentale Modell bei der Textrezeption konstruiert wird, beschreibt Kapitel 5, hier handelt es sich noch um eine modalitätsunabhängige Beschreibungsebene.) Standardannahmen führen dazu, dass ein mentales Modell informationsreicher ist als der sensorische Input. Rückblickend kann häufig nicht mehr rekonstruiert werden, welche Bestandteile sensorisch und/oder textuell gestützt sind und welche kognitiv elaboriert sind.55 Das erfolgreich konstruierte mentale Modell entspricht strukturell dem Weltausschnitt, den es repräsentiert.56

Bei der Konstruktion eines mentalen Modells kommt die entlastende und repräsentationskonstituierende Funktion der Wissensrahmen und Wissenselemente zum Tragen, die es ermöglicht, auf der Grundlage einer endlichen Menge an Wissensrahmen eine Vielzahl mentaler Modelle zu konstruieren.57 Aus einem einzelnen RESTAURANT-Skript lassen sich demnach konkrete mentale Modelle für jeden einzelnen Restaurantbesuch konstruieren.58 Der Unterschied zu Wissensrahmen ist also, dass mentale Modelle konkrete Anwendungsfälle von Wissensrahmen darstellen, was nicht bedeutet, dass alle Leerstellen mit spezifischen Füllwerten der Situation bestückt sein müssen.59 Mentale Modelle müssen auch nicht den prototypischen Strukturen entsprechen, da sie datengeleitet eine Variation darstellen können.

3.2 Textstrukturwissen60

In diesem Kapitel wird Wissen vorgestellt, mit dem Rezipienten an Texte herantreten. Dabei handelt es sich um Textstrukturwissen, das mit verschiedenen Spezialisierungsgraden einhergeht und in unterschiedliche Lesestrategien münden kann.

Allgemein: Textstrukturen als Schemata. Im Laufe ihrer Mediensozialisation stoßen einzelne Individuen auf eine Vielzahl unterschiedlicher Textstrukturen bzw. Superstrukturen, die durch rekurrente Elemente und strukturelle Kookkurenzen zu einer Reihe relativ homogener Schemata (zum Teil mit verschiedenen Spezifitätsgraden) verschmelzen und sich im Bewusstsein der Rezipienten einbrennen.

Eine Superstruktur ist eine Art abstraktes Schema, das die globale Ordnung eines Textes festlegt und das aus einer Reihe von Kategorien besteht, deren Kombinationsmöglichkeiten auf konventionellen Regeln beruhen.61

Die Wissensrahmen sind – wie andere Wissensrahmen auch – prototypisch strukturiert.62 Superstrukturen können Leerstellen eröffnen, sie limitieren die Möglichkeiten der textuellen Entwicklung.63 Und sie erlauben es dem Leser, Erwartungen an die im Folgetext situierten Einheiten zu bilden.64

Superstrukturen kondensieren Rezipienten für so verschiedene Bereiche wie journalistische Texte, Sachbücher, wissenschaftliche Artikel, studentische Hausarbeiten, argumentative oder narrative Texte.65 Das narrative Schema (auch Erzählschema oder Story-Grammar) soll hier als Beispiel im Mittelpunkt stehen.

Story-Grammars. Bei Story-Grammars (in der Terminologie Minskys narrative Rahmen, in der Terminologie van Dijks Superstrukturen) handelt es sich um Schemata, die Organisationseinheiten von Geschichten mental makrostrukturieren durch (zum Teil hierarchisch organisierte) Relationen und durch iterative Regeln. Die Elemente lassen sich teilen in optionale und obligatorische (siehe dazu Absatz 3.1). Werden obligatorische Elemente einer Geschichte ausgelassen, so verstößt sie gegen Kriterien der Wohlgeformtheit – ähnlich wie Auslassungen auf der syntaktischen Ebene, was einerseits die terminologische Anlehnung Story-Grammar begründet und andererseits die auf Texte übertragene Formulierung der nicht wohlgeformten Geschichte motiviert.66

Story-Grammars bieten ein Beschreibungsmodell auf der Tiefenstrukturebene an. Bei den Komponenten handelt es sich um Slots, die durch psychische Substrate aus den Textsegmenten der zugrunde liegenden konkreten Geschichte gesättigt werden.67 In der Regel dienen globale Einheiten als Analyseebene, bei denen umfangreichere Satzsequenzen zu psychologischen Einheiten verschmelzen.68

Es gibt oberflächenstrukturelle Indizien dafür, dass ein bestimmter durch das Wissen über eine Superstruktur vorgegebener Bestandteil realisiert wird. Komplikationen in einer Erzählung werden häufig durch plötzlich oder Aber dann eingeleitet.69 In Märchen übernimmt die Formulierung Es war einmal die Funktion, das Setting zu etablieren. Mit Eines Tages beginnt die eigentliche Handlung.70

Wie auch aus anderen Schemata ergeben sich aus Superstrukturen Erwartungen und Leerstellen, die mit dem vom Konstruktivismus postulierten Bedürfnis einhergehen, sie zu füllen. Demnach möchte der Leser unter anderem wissen, mit welchen Werten die Leerstellen zu sättigen sind.71 Legt man die Story-Grammar von Rumelhart zugrunde, so versucht der Rezipient, Füllwerte zu etablieren für die Hauptfiguren, Gründe, Motivationen, Ziele, Handlungen sowie den Zeitpunkt und den Ort einer Geschichte.72 Diese Einschätzung teilen auch Graesser, Li und Feng, wobei sie zwischen verschiedenen Stadien einer Geschichte unterscheiden.

In a narrative text, the relevant questions during the setting are who?, what?, where?, and when? but the questions shift to why? and so what? when the plot occurs.73

Das gewählte Textstrukturschema einer Geschichte schränkt das Erwartungsfeld auf der Ebene der Textwelt ein.74 Der Rezipient wundert sich nicht, wenn Zwerge, Riesen, Feen und andere transzendente Wesen tief im Wald hausen – Entitäten, die rein diskursiv Einzug in das Wissen des Rezipienten erhalten haben. Gleichzeitig geht der Rezipient davon aus, dass die Figuren in einem Märchen kein Mobiltelefon besitzen.

Während auf der einen Seite Diskursentitäten akzeptiert werden, die nicht der lebensweltlichen Erfahrung des Rezipienten entsprechen, kann es auf der anderen Seite zu einer textabhängigen Interpretation von Ereignissen kommen, die im Alltag des Rezipienten keine interpretatorische Relevanz besitzen. Wenn es regnet und blitzt, erwartet niemand, dass ein Mörder kommt und ein Massaker veranstaltet. In einem Roman oder einem Film dagegen kann die allgemeine Wetterlage erheblichen Einfluss auf die Erwartungen nehmen.

Darüber hinaus werden einzelne Ereignisse genresensitiv verarbeitet. Geht ein 20-jähriger Mann in einer Geschichte hinter einer jungen Dame her, so kann dies – je nach Textstruktur – unterschiedliche Effekte haben. In Horror- und Kriminalgeschichten tendiert der Rezipient wahrscheinlich eher dazu, eine mögliche Gefahr zu konstruieren als etwa in einem Liebesroman, wo er sich fragen könnte, ob die beiden Personen sich kennenlernen werden oder ob sich eine erotische Beziehung entwickelt. Die gleiche Szene löst also je nach Textstruktur unterschiedliche Inferenzen und Erwartungen aus.

Dabei muss die Zuordnung der Textstruktur vom Rezipienten nicht zwingend mit dem tatsächlichen Genre eines Textes übereinstimmen, sodass sich eine alternative Interpretation des Rezipienten ergibt. So kann ein Leser auf der Grundlage eines falsch gewählten Schemas mit nicht adäquaten Erwartungen an einen Text herantreten. In James Thurbers Kurzgeschichte „The Macbeth Murder Mystery“ liest eine Frau das Drama Macbeth mit einer Lesestrategie, die der tatsächlichen Textstruktur nicht entspricht, nämlich als Krimi. Deshalb bildet sich eine alternative Erwartungsstruktur der Figur heraus.

Werden Story-Grammars zur postrezeptiven Analyse von Geschichten benutzt, so ergibt sich ein Strukturbaum mit verschiedenen Hierarchieniveaus.75 In experimentellen Studien stellte Thorndyke fest, dass das Erinnern der Elemente von der jeweiligen Stufe abhängt. Höher angesiedelte Einheiten werden besser erinnert als tieferliegende.76

Über genrespezifische Erwartungen hinaus werden bei der Verarbeitung eines narrativen Textes auch weitere Annahmen bemüht, bei denen Diskursentitäten auf der Textwelt- und Produktionsebene allgemeine Eigenschaften zugeschrieben werden, die sich aus der lebensweltlichen Erfahrung des Rezipienten ergeben. Leser gehen davon aus, dass sich Menschen rational verhalten und prototypischen Problemlösungsansätzen folgen. Diese werden auf die Figuren projiziert, sie müssen dem Rezipienten selbst nicht bewusst sein.77 Diese allgemeineren Annahmen umfassen auf einer abstrakteren Ebene auch Annahmen über den Textproduzenten. Dieser kann in einer solchen unpersönlichen Kommunikation bei der Leser und Textproduzent sich nicht kennen als generell im Sinne von Busse angenommen werden. Dem Produzenten wird demnach unter anderem unterstellt, dass er in seinem Text bestimmte Aspekte berücksichtigt, wie sie zum Beispiel von Grice in seiner Implikaturtheorie entwickelt wurden. Beim Verstehen eines generellen Textproduzenten bleiben zum Beispiel Faktoren Außen vor, die ausschließlich aus einer persönlichen Gesprächsbiographie resultieren und die auf dem daraus hervorgehenden gemeinsamen Hintergrundwissen basieren.78

4 Lokale und globale Inferenzen beim Textverstehen

Die psycholinguistische Bestimmung von Inferenzen.

[T]he constructionist model assumes that readers have a rich background of declarative and experiential world knowledge in longterm memory that is activated during comprehension and that is recruited to fill in inferences. The model also assumes, along with other models, that there is a working memory that holds a limited amount of information and a discourse focus that holds prominent words or ideas in the mind’s eye.1


(8) Wir bewunderten im Zoo die Vögel.

In der Regel geht die mentale Repräsentation deutlich über die explizite Bedeutung hinaus.2 Wenn ein Rezipient (8) liest, so wird er den Ausdruck Vogel wissensgestützt durch EXOTISCHE VÖGEL konkretisieren. Bei dieser Spezifizierung handelt es sich um eine Inferenz bzw. um das Ergebnis einer interpretativen Operation.3 Angestoßen wird der Prozess durch Input, der sich ergeben kann aus epistemischen Desideraten und/oder aus einem physikalischen Stimulus wie zum Beispiel einem Beobachtungsdatum, einem situativen Datum, einem Wort oder einem komplexen Ausdruck (oder aus einer verarbeiteten Konstituente), die nach ihrer Epistemisierung auf ihre inferentielle Verwertbarkeit abgetastet werden. Während der Textrezeption wird Wissen aktiviert, wie es in Kapitel 3 beschrieben ist.4 McKoon und Ratcliff begreifen Inferenzen als rezipientenseitig konstruierte konzeptuelle Entitäten und beschreiben sie als any piece of information that is not explicitly stated in a text.5 (Diese Abgrenzung zwischen dem Expliziten und Inferenzen entspricht der herrschenden Meinung in der Psycholinguistk, in Absatz 4.1 wird sie kritisch hinterfragt.) Bei Clark sowie Klin u.a. handelt es sich bei einer Inferenz um eine Propositione.6 Und Trabasso, Broek und Suh sowie Singer und Ferreira sprechen von idea.7 Charakteristisch für eine Inferenz ist, dass sie in die mentale Repräsentation aufgenommen wird.8

Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen operieren mit verschiedenen Inferenztypologien, die Rückschlüsse auf die jeweils anderen Disziplinen zulassen. Im Folgenden werden Inferenzen aus der philosophischen Diskussion kompakt vorgestellt. Anschließend werden Inferenzen der kognitions- und psycholinguistischen Forschung behandelt und wechselseitig aufeinander bezogen.

Inferenzen in der klassischen Philosophie. Die Philosophie unterscheidet traditionellerweise drei Typen von Inferenzen. Bevor tiefer in den eigentlichen Teil eingetaucht wird, sollen zunächst diese klassischen Schlussprozesse referiert werden, d.h. deduktive, induktive und abduktive Schlüsse.

Deduktive Schlüsse wie in (9) zeichnen sich dadurch aus, dass aus wahren Prämissen (im Beispiel P) wahre Konklusionen (im Beispiel K) folgen und dass der Gehalt der Konklusion nicht über den Gehalt der Prämissen hinausgeht. Wenn die Prämissen wahr sind, muss auch die Konklusion wahr sein.


(9) Deduktion
P: Alle Menschen sind sterblich
P: Sokrates ist ein Mensch
K: Sokrates ist sterblich

Fügt man beliebige Prämissen hinzu, so ändert sich die Konklusion nicht – eine Eigenschaft, die Monotonie genannt wird.9 In dieser Arbeit spielen die deduktiven Schlüsse eine untergeordnete Rolle. Sie dienen primär dazu, die beiden folgenden Typen zu präzisieren.

Die beiden Hauptcharakterista der deduktiven Schlüsse gelten weder für abduktive Schlüsse wie in (10) noch für induktive Schlüsse wie in (11) (was der


(10) Abduktion
P: Der Rasen ist nass
P: Wenn es regnet, wird der Rasen nass
K: Es hat geregnet

Doppelstrich über der Konklusion signalisiert). In beiden Fällen lässt sich von der Wahrheit der Prämissen nicht sicher auf die Wahrheit der Konklusion schließen. Der Gehalt der Konklusion geht über den Gehalt der Prämissen hinaus. Deshalb nennt man diese Schlüsse auch gehaltserweiternd. Bei der Abduktion schließt man von dem Vorhandensein eines Phänomens (in (10), dass der Rasen nass ist) und der Annahme (dass Regen zu nassem Rasen führen kann) auf die beste Erklärung – nämlich, dass es geregnet hat.

Bei10 der Induktion, die unter anderem bei schemabasierten Prognosen zum Tragen kommt, schließt man von Einzelfällen auf die Gesamtmenge, indem man


(11) Induktion
P: Tauben sind Vögel und können fliegen
P: Amseln sind Vögel und können fliegen
P: Spatzen sind Vögel und können fliegen
K: Alle Vögel können fliegen

zum Beispiel die Eigenschaften einer endlichen Menge an Individuen auf die Gesamtheit überträgt. Beim abduktiven und induktiven Schließen kann trotz der Wahrheit der Prämissen die Konklusion falsch sein. Bei der Abduktion können zum Beispiel alternative Erklärungen bestehen, bei dem Beispiel für Induktion kann ein konfligierendes Exemplar empirisch ausgemacht werden.11

4.1 Wörter evozieren Frames

Kommunikativ geäußerte Zeichen sind […] Orientierungspunkte, die stets in einem vordefinierten, meist schon vorhandenen epistemischen Raum situiert werden. Sie sind Anlässe für einen Verstehenden, die Bedeutung der Äußerung durch Bezugsetzung zu seinem Wissen selbst aufzubauen. Aus diesem Grund ist Inferenzziehung nicht das Scheidekriterium zwischen Sprachverstehen und außersprachlichem Verstehen, sondern konstitutiv für jedes Zeichenverstehen und damit das Sprachverstehen schlechthin.12

Bei der Beschreibung der Wortbedeutung richten sich Vertreter kognitiver (Semantik-) Theorien gegen einen semantischen Reduktionismus, der

 bestreitet, dass Bedeutung auch enzyklopädische Bedeutungsanteile umfasst bzw. dass bei der Bedeutungsbeschreibung das gesamte verstehensrelevante Wissen mit einbezogen werden muss.13

 Bedeutung als kontextinvariant und damit als frei von mentalen Aktivitäten ansieht.14

Moderne linguistische Theorien gehen davon aus, dass es in einer Kommunikationssituation textuelle Hinweise (englisch cues) gibt, die der Rezipient als Anhaltspunkte nutzt, verschiedene inferentielle Prozesse zu bemühen. Sprachliche Zeichen dienen unter anderem als Hinweis, bedeutungskonstituierende Inferenzen auf der Wortebene herzustellen.15 Diese basieren unter anderem auf der Wahl, Aktivierung und Perspektivierung von Wissensrahmen und ergeben sich im sprachlichen Ko(n)text, was Fillmore auf die fundamentale Formel bringt Wörter evozieren Frames.16

Enzyklopädische Semantik17: Sprach- und Weltwissen. Kognitionslinguistische Semantikmodelle gehen davon aus, dass eine Unterscheidung in Sprach- und Weltwissen nur eine rudimentäre Bedeutungsbeschreibung zuließe. Damit befreit sich diese semantische Richtung unter anderem von Submodularisierungstendenzen, die von der generativen Grammatik inspiriert wurden18 und die sich in einer Vielzahl von Ansätzen niedergeschlagen haben. Darunter fallen einerseits das Zwei-Ebenen-Modell von Bierwisch 1983 mit einer sprachlichen und einer konzeptuellen Ebene.19 Andererseits zählt dazu das Drei-Ebenen-Modell, das von Bierwisch 1979 stammt, das im Vergleich zu den beiden zuletzt genannten Ebenen über einen dritten Bereich des kommunikativen Sinns verfügt und das zum Beispiel von Schwarz-Friesel präferiert wird.20

In einer kognitionslinguistischen Semantikkonzeption steht im Mittelpunkt, welche Wissenselemente benötigt werden, um ein Wort zu verstehen.

[T]here are larger cognitive structures capable of providing a new layer of semantic role notions in terms of which whole domains of vocabulary could be semantically characterized.21

Damit realisiert Fillmore eine holistische Position, die Busse auch als nicht-reduktionistisch beschreibt.22 Fillmore schreibt dazu ganz explizit: I see no particular advantage in separating out one part of this as strictly semantics and another part as something else.23 Bei der Beschreibung der lexikalischen Bedeutung müssen alle Wissenselemente berücksichtigt werden. Das gilt unabhängig davon, ob diese aus den Bereichen des Sprach- oder Weltwissens stammen – eine Unterscheidung, die sich inzwischen als antiquiert erwiesen hat. Diesen Ansätzen zufolge aktivieren Ausdrücke oder Ausdrucksketten komplexe Wissensrahmen.24

I regard semantics as a kind of process. Speakers have certain schemata associated with the words they know; semantics is the study of how people use these schemata in constructing their understanding of sentences.25

Die Aufgabe des kognitiven Linguisten besteht dann unter anderem darin, das konzeptuelle System zu untersuchen sowie die Art und Weise, in der Bedeutung prozedural konstruiert wird.26 Dabei muss er einerseits berücksichtigen, dass das konzeptuelle System lexikalisch nicht vollständig abgedeckt ist. Im Englischen gibt es Langacker zufolge keinen Ausdruck für jenen Bereich des Kopfes, in dem ein Oberlippenbart wächst.27 Andererseits muss er berücksichtigen, dass enzyklopädische Komponenten von Entwicklungen in der als real konstruierten Welt berührt werden. So kann eine Veränderung in der Welt zu einer Neuerung in der Sprache führen, was gegen eine stabile Bedeutung und damit auch gegen systemlinguistische Überlegungen spricht.28 Im Umkehrschluss erlaubt der aktuelle Wortbestand einer Gesellschaft Rückschlüsse auf deren gegenwärtige Praktiken und Zustände.

With respect to word meanings, frame semantic research can be thought of as the effort to understand what reason a speech community might have found for creating the category represented by the word, and to explain the word’s meaning by presenting and clarifying that reason.29

Ein Wort wie Vegetarier ist Fillmore zufolge nur in einer Gesellschaft relevant und denkbar, in der nicht alle Mitglieder ausschließlich und vorsätzlich pflanzliche Produkte verzehren. In einer Gesellschaft, in der dieses Konsumverhalten ohnehin gilt, wäre das Wort in dieser Lesart überflüssig.30

Invozierende Akte.

By the term ’frame‘ I have in mind any system of concepts related in such a way that to understand any one of them you have to understand the whole structure in which it fits; when one of the things in such a structure is introduced into a text, or into a conversation, all of the others are automatically made available.31


(12)

Neben der Aktivierung von verstehensrelevantem Hintergrundwissen beschreibt Fillmore eine weitere kognitive Operation beim Textverstehen: den invozierenden Akt. Die Darstellung basiert auf einem Beispiel, das Fillmore sich in der leicht abgewandelten Form (12) von Minsky ausleiht. Um Kohärenz zu etablieren, instantiiert der Rezipient einen allgemeineren Rahmen, der mehrere Informationen aus einem Text integriert, die jeweils für sich genommen diesen übergeordneten Rahmen mit seinen spezifischen Standardannahmen und Leerstellen nicht evoziert hätten. (12) aktiviert einen allgemeinen PARTY-Rahmen, der durch she wondered if he would like a hinsichtlich der Art vorspezifiziert wird, es handelt sich um einen Geburtstag. Die Art des Geschenks (kite) lässt weitere Schlüsse zu, sodass KINDERGEBURTSTAG die vorläufige Endspezifizierung hinsichtlich der Art der Feier und des Alters von Jack darstellt. Isoliert betrachtet hätten die Wörter party, she wondered if he would like a und kite den übergeordneten Rahmen nicht aktiviert.33

Die psycholinguistische Unterscheidung in Explizites und Implizites. In der psycholinguistischen und kognitionslinguistischen Textverstehenstheorie wird häufig mit einer Unterscheidung in explizit und implizit im Text Enthaltenes operiert.

The textbase provides a shallow representation of the explicit text but does not go the distance in capturing the deeper meaning of the text. Deeper meaning is achieved by computing a referential specification […]. Deeper comprehension is achieved when the reader constructs causes and motives that explain why events and actions occurred.34

Ziem zufolge verliert die hier angebotene Dichotomie in Explizites und Implizites ihr Fundament, sobald sich – wie oben gezeigt – eine der beiden Bestandteile als eine linguistisch inadäquate Beschreibungsebene erweist. Wenn es keine explizite Bedeutung gibt, kann es auch keine Explizit-Implizit-Unterscheidung geben.35

Aus dieser Analyse könnte fälschlicherweise geschlossen werden, dass alles Implizite in den Bereich der bedeutungskonstituierenden Inferenzen auf Wortebene fällt bzw. dass es sich bei Inferenzen um eine homogene Klasse handelt.

Dem Zitat von Graesser, Singer und Trabasso zufolge umfasst der implizite Anteil auch kausale Relationen zwischen Handlungen und Ereignissen.


(13) Die Frau fällt aus dem 14. Stockwerk.

Sollte eine Analyse das Implizite auf inferierte Wortbedeutungen reduzieren, so müsste die inferierte Konsequenz, dass die Frau in (13) von McKoon und Ratcliff sterben wird, sich auf eine der Konstituenten zurückführen lassen. Diese konzeptuelle Anreicherung müsste also dem Ausdruck die Frau, fällt oder aus dem 14. Stockwerk zugerechnet werden. Einerseits sollte es kompliziert sein, die entsprechende Konstituente eindeutig zu bestimmen. Andererseits würde das Konstrukt Wortbedeutung beliebig werden, würden diese impliziten Anteile einem lexikalischen Element zugerechnet werden. Denn jedem Ausdruck könnte durch variierende Einbettung eine beliebige Bedeutung verliehen werden.


(14) The child stuck the balloon with the pin, the balloon burst.
(15) Jimmy wanted to have a new bike. He spoke to his mother.
(16) The salesman was sitting in the dining car of a train. The waitress brought a bowl of soup to the table. Suddenly, the train slowed to halt. The salesman jumped up and wiped off his pants.

Noch problematischer wird es in komplexeren Fällen wie in (14) bis (16). Dann nämlich, wenn eine solche Inferenz nicht mehr aus einem einzelnen Satz abgeleitet werden kann bzw. wenn sie sich transphrastisch, also über die Satzgrenze hinaus ergibt. In (14) von Singer und Ferreira konstruiert der Rezipient, dass der zweite Satz eine Konsequenz der im ersten Satz formulierten Handlung beschreibt.36 In (15) von Suh und Trabasso stellt der Rezipient die Inferenz her, dass Jimmy seine Mutter nach Geld fragt, um ein Fahrrad zu kaufen. Ein im ersten Satz formuliertes Ziel wird inferentiell auf eine im zweiten Satz beschriebene Handlung bezogen und dabei als ein Versuch interpretiert, dieses zuvor eingeführte Ziel zu erreichen.37 In (16) von Fincher-Kiefer ergibt sich die Inferenz, dass die Suppe über den Handelsreisenden geschüttet wurde. Diese kausale Inferenz basiert auf der komplexen, mehrere Sätze überspannenden Passage.38 Weder die kausale Inferenz in (14) noch die Zweck-Mittel-Relation in (15) noch die Inferenz in (16) lassen sich auf die Bedeutung eines Wortes, Satzgliedes oder eines Satzes zurückführen. (Die Beispiele werden in Absatz 4.2.2 und Absatz 4.2.4 ausführlicher beschrieben. Die kompaktere Beschreibung an dieser Stelle sollte ausreichen, um zu zeigen, dass inferentielle Aktivitäten auf verschiedenen Ebenen zum Tragen kommen.)

Da die Inferenzen, die sich aus (13) bis (16) ergeben, sich nicht auf eine Konstituente der jeweiligen Sätze verteilen lassen und damit nicht Teil der wörtlichen Bedeutung sind, bedarf es einer alternativen Lösung – einer Lösung, die statt an einer eindimensionalen Konzeption des Impliziten festzuhalten, zwischen verschiedenen Ebenen inferentieller Beiträge unterscheidet, von denen keine von einer ausgereiften Verstehenssemantik ignoriert werden darf.

Anstatt wie Ziem die Unterscheidung zwischen dem Expliziten und Impliziten vollständig aufzuheben, könnte daher auch ein alternativer Weg gewählt werden, der diesen Fehlschluss erst gar nicht zulässt. Man könnte den Begriff des Expliziten so präzisieren, dass man zu einer Bestimmung gelangt, die den Zeichentheoretiker und den kognitionsorientierten Linguisten gleichermaßen zufrieden stellt (beide können ja durchaus in genau einer Person auftreten).

Saussure zufolge handelt es sich bei einem Zeichen um eine mentale Größe, die aus Ausdrucksseite und Inhaltsseite besteht und die konventionsgestützt zusammengehalten wird.39 Die Inhaltsseite wird in kognitiv arbeitenden Teildisziplinen der Linguistik mit Wissensstrukturen gleichgesetzt.

Um die psycholinguistische Unterscheidung in Explizites und Inferiertes zu präzisieren, greift Busse auf eine Beschreibung zurück, die stark an die Bestimmung des Zeichens von Saussure erinnert, wobei er einen auf David K. Lewis basierenden Begriff der Konventionalität anwendet. Beim Expliziten handelt es sich um die konventionale Bedeutung eines Zeichens.40

Da es sich beim Expliziten um eine mentale Größe handelt, da diese im mentalen Lexikon des Rezipienten gespeichert ist und da diese beim Textverstehen abgerufen werden muss, muss unter dieser Zeichendefinition das Verstehen von Zeichen und Zeichenketten stets als eine mentale Aktivität begriffen werden. Demnach geht also jede sprachverarbeitende Operation auf mentale Prozesse zurück, von denen ein Teil für den Bereich des Expliziten konstitutiv ist und ein weiterer in den Bereich des Impliziten fällt.41 Busse spricht daher auch von verschiedene[n] kognitive[n] Modi des Aktivierens von verstehensrelevantem Wissen.42 Nimmt man zusätzlich an, dass der Bedeutungsaktualisierung die Bestimmung der entsprechenden konventionalen Bedeutung aus einem Pool von mehr oder weniger verwandten Lesarten vorausgeht, so sollten sich damit die bedeutungskonstituierenden Inferenzen auf Wortebene erfassen lassen.

Die mentale Operation der Auswahl und Aktivierung der adäquaten Einheit des mentalen Lexikons als bedeutungskonstituierende Inferenzen auf der Wortebene entspricht dieser Präzisierung nach also dem Expliziten.

Darüber hinaus kann es allerdings Inferenzen geben, die nicht ein einzelnes Wort ins Zentrum rücken, die also nicht bei der Konstitution der aktuellen Wortbedeutung involviert sind. Diese translexikalischen Inferenzen ergeben den Bereich des Impliziten und werden im Folgenden beschrieben.

4.2 Notwendige Inferenzen

Notwendige Inferenzen dienen dazu, Kohärenz in einem Text herzustellen. Auf der Grundlage von textuellen Signalen werden verschiedene Textelemente rezipientenseitig verbunden. Diese Text verbindenden Inferenzen basieren auf Wissen, das der Leser an den Text heranträgt.43 Das Wissen kann darüber hinaus während der Rezeption aufgebaut hat.44 Das Wissen kann sich als weltbezogen erweisen, es kann morphosyntaktische Eigenschaften betreffen und es kann pragmatische Aspekte der Textorganisation und -interpretation beinhalten. Verbunden werden textuelle Einheiten verschiedenen Umfangs. Zum Teil grenzen diese aneinander, zum Teil liegt Diskursmaterial dazwischen.

4.2.1 Direkte Anaphern

Bei dem ersten Typ Text verbindender Inferenzen werden einzelne Diskursreferenten mit einem referenzidentischen Ausdruck wieder aufgenommen. Der Ausdruck, der den Referenten einführt, wird Bezugsausdruck oder Antezedens genannt. Der wiederaufnehmende Ausdruck wird Anapher genannt, es handelt sich in der Regel um eine definite Nominalphrase. Der mentale Prozess, der Bezugsausdruck und Anapher verbindet, wird in Anlehnung an Clark Bridging genannt. Dazu bieten sich eine Reihe verschiedener Möglichkeiten an.


(17) Ein Mann kauft ein Auto. Es ist schön.

(17) zeigt das klassische Beispiel der pronominalen Wiederaufnahme. Die Ausdrücke ein Mann und ein Auto dienen als potentielle Bezugsausdrücke. Die Bestimmung des Antezedens basiert auf der Numerus-Genus-Kongruenz zwischen dem Bezugsausdruck und Antezedens. So ist ein Auto das Antezedens von es.

Wenn mehrere konkurrierende Bezugsausdrücke mit einer pronominalen Anapher hinsichtlich Numerus und Genus kongruent sind, so genügen die morphosyntaktischen Eigenschaften alleine nicht, um die Relation herzustellen.45 Dann kommt dem Wissen eine Koreferenz konstituierende Funktion zu.


(18) Bill took his dog to the vet this morning. He injected him in the shoulder and he should be all right now.

In (18) von Marslen-Wilson, Levy und Tyler verfügt der erste Satz über die drei möglichen Antezedenten Bill, his dog und the vet. Der Rezipient liest im Anschlusssatz zwei Mal den Ausdruck he, der beim ersten Auftauchen wegen Informationen aus der textuellen Umgebung mit the vet verknüpft wird und beim zweiten Auftauchen wegen einer alternativen Einbettung mit his dog.46


(19) I think I’ll order a frozen margarita. I just love them.

Dass Bezugsausdruck und Anapher morphosyntaktisch nicht kongruent sein müssen, zeigt (19). Der Ausdruck frozen margarita etabliert statt ein spezifisches Einzelexemplars eine allgemeine Entität in der Textwelt. Die Numerus-Abweichung bewirkt keine Verarbeitungsprobleme bei der Rezeption.47 Sie wird sogar als natürlicher empfunden als in einer Version, in der das Pronomen ebenfalls im Singular steht, wie eine Studie von Oakhill u.a. zeigt.48

Neben der pronominalen Wiederaufnahme gibt es eine Reihe weiterer Möglichkeiten der anaphorischen Wiederaufnahme.


(20) Das Gold wurde von einem Drachen bewacht. Der Lindwurm tötete jeden, der sich näherte.
(21) Um die Ecke kam ein Auto. Das Fahrzeug prallte auf den Passanten.

In (20) wird der Antezedensausdruck ein Drachen durch das Synonym der Lindwurm wieder aufgenommen. In der Literatur finden sich auch die Möglichkeit, dass diskontinuierliche Ausdruckspaare als Antezedens oder Anapher dienen wie etwa Polizist und Hüter der Ordnung.49 Zum Teil können die Ausdrücke auch morphosyntaktisch divergieren. So könnte eine durch den Ausdruck ein Fernseher in die Diskurswelt eingeführte Entität im Folgesatz wieder aufgenommen werden durch ein im Genus nicht übereinstimmendes Wort wie Flimmerkiste.50 In (21) wird der Antezedensausdruck ein Auto durch das Hyperonym das Fahrzeug wieder aufgenommen.51 Garrod und Sanford zeigen, dass es sich um Antezedenten handeln muss, die als prototypische Vertreter des wiederaufnehmenden Oberbegriffs gelten. So kommt es zu einer langsameren Zuordnung zwischen dem Antezendens tank und der Anapher vehicle als zwischen bus und vehicle.52


(22) Gestern habe ich einen Vogel beim Nestbau beobachtet. Der Vogel war ganz klein.
(23) Albert Einstein hielt sich in seiner Jugend für eine Weile in Pavia auf. Der zukünftige Erfinder der Relativitätstheorie machte einmal eine Wanderung bis Genua.

In (22) wird die Koreferenzrelation durch einen ausdrucks- und inhaltsseitig identischen Ausdruck wieder aufgenommen, eine Form, die Rekurrenz genannt wird. Außer in wissenschaftlicher Fachliteratur verstößt diese präzisionsmaximierende Form der Wiederaufnahme gegen die ästhetische Anforderungen an einen Text.53 Bei der pragmatischen Substitution in (23) von Conte wird die Relation zwischen dem Antezedens Albert Einstein und der Anapher der zukünftige Erfinder der Relativitätstheorie auf der Basis von Weltwissen inferentiell etabliert.54

Bei Anaphern spielt der bestimmte Artikel eine wichtige Rolle. Mit dem wiederaufnehmenden Ausdruck (in (20) der Drachen, in (21) das Fahrzeug, in (22) der Vogel, in (23) der zukünftige Erfinder der Relativitätstheorie) tritt in der Regel der bestimmte Artikel auf, der signalisiert, dass eine Diskursentität bekannt ist (was die Vorerwähntheit im Text mit einschließt).55

4.2.2 Indirekte Anaphern und kausales Bridging

Indirekte Anaphern. Bei den oben beschriebenen Anaphern basieren die Bridging-Inferenzen auf morphosyntaktischen, semantischen und Weltwissenszusammenhängen. Zwischen Bezugsausdruck und Anapher besteht Referenzidentität.

In den folgenden Beispielen besteht zwischen beiden keine Koreferenz, weshalb sich in der Literatur auch der Begriff indirekte Anapher findet. Die Interpretation basiert auf einem einführenden Element aus dem vorangegangenen Text (Bezugsausdruck oder Anker (-Ausdruck)). Als Anker können nominale oder verbale Elemente gelten, genauso wie Sätze, einige Sätze umfassende Passagen und vollständige Absätze. Clark sowie Schwarz bestimmen verschiedene Relationen zwischen Bezugsausdruck und indirekter Anapher. Diese werden im Folgenden wiedergegeben und anschließend auf der Grundlage von Ziem in einem holistischen Ansatz unifiziert.


(24) The worker swept the floor. The broom was tattered.
(25) I looked into the room. The ceiling was very high.
(26) Der fünfjährige Buddy wird entführt. Die verzweifelte Mutter Sam erhält eine Lösegeldforderung über 50.000 Dollar. Polizei und FBI ermitteln erfolglos.

In (24) wird der Ausdruck the broom auf der Grundlage des Ankerverbs swepts mit dem ersten Satz verknüpft. Die Relation basiert auf der Instrument-Rolle, die Fillmore neben einigen anderen Rollen 1968 in den linguistischen Diskurs eingeführt hat.56 In (25) dient der nominale Ausdruck the room als Anker, zu dem die indirekte Anapher the ceiling durch eine Bridging-Inferenz in Bezug gesetzt wird. Während mit the ceiling ein im Weltwissen notwendiger Bestandteil eines Raums aufgenommen wird, könnte mit einem Ausdruck wie the windows im Folgesatz auch ein optional mit einem Raum verknüpftes Element aufgenommen.57 Schwarz zufolge handelt es sich in (25) meronymiebasierte Anaphern. In (26) werden mit dem verbalen Anker entführen eine Reihe von Diskursentitäten indirekt eingeführt, die durch die anaphorischen Ausdrücke Lösegeldforderung, Polizei und FBI aufgenommen werden.58

In Schwarz’ Argumentation basieren indirekte Anaphern einerseits auf semantischen Rolle, auf Schemata und auf Meronymie-Relationen .59

Anaphorische Prozesse verlaufen frame-basiert, und zwar maßgeblich über die Aktivierung von Standardwerten. Frames bilden ein Beschreibungsformat, mit dessen Hilfe sich Anaphorisierungen einheitlich explizieren lassen.60

Da in dieser Arbeit eine holistische Position favorisiert wird, werden diese Fälle in einen Typ wissensbasierter indirekter Anaphern überführt, was durch die Argumentation in dem Zitat von Ziem begründet wird. In den Beispielen (24) bis (26) wurden also jeweils wissensgestützte Default-Füllwerte anaphorisch realisiert, die damit einen kohärenzstiftenden Beitrag leisten.

Kausales Bridging. Eine zentrale Rolle in der Inferenzforschung nehmen die kausalen Bridging-Inferenzen ein, bei denen zwei aneinanderliegende Sätze inferentiell in eine kausale Relation gebracht werden. Kausale Bridging-Inferenzen ergeben sich wie die vorangegangenen indirekten Anaphern aus dem Weltwissen, sie basieren einerseits auf Ursache-Wirkung-Verhältnissen, bei denen kausale Relationen zwischen Ereignissen im Mittelpunkt stehen. Andererseits gibt es motivationale und psychologische Zusammenhänge, bei denen Rezipienten ihr Handlungswissen auf Figuren übertragen. Bei dieser Unterscheidung wird Kausalität auf der Ereignisebene von Kausalität auf der Handlungsebene abgegrenzt.61 Während bei Anaphern eine Verbindung auf der Basis einzelner Worte hergestellt wird, argumentieren die Autoren beim kausalen Bridging Satz-orientiert. So konstruiert der Rezipient eine kausale Verbindung zwischen einem neu einlaufenden und einem bereits eingeführten Satz. Indem der Rezipient kausale Relationen verschiedener Art zwischen zwei Sätzen konstruiert, kann er diese Sätze inferentiell überbrücken.


(27) John fell. What he wanted to do was scare Mary.
(28) Max had a black eye. It was Maxine who hit him.

Im Folgesatz von (27) handelt es sich um eine rezipientenseitig konstruierte psychische Ursache bzw. um ein Motiv, das die Anknüpfung an den vorhergegangenen Text erlaubt. In (28) inferiert der Rezipient den kausalen Zusammenhang, dass der Schlag zum blauen Auge geführt hat. Der Anschlusssatz wird als Ursache für den im ersten Satz etablierten Sachverhalt interpretiert.62 Der Rezipient ist also in der Lage, Sätze als Ursachen oder Konsequenz vorangegangener Textabschnitte zu interpretieren, die sich auf der Ereignis- oder Handlungsebene ansiedeln.


(29) The child stuck the balloon with the pin, the balloon burst.

In (29) von Singer und Ferreira wird ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Platzen des Ballons und der Handlung des Kindes inferiert. Das Stechen mit der Nadel dient als Ursache bzw. als kausales Antezedens, der zweite Teilsatz wird als Konsequenz interpretiert.63


(30) The salesman was sitting in the dining car of a train. The waitress brought a bowl of soup to the table. Suddenly, the train slowed to halt. The salesman jumped up and wiped off his pants.

In (30) handelt es sich um einen Fall der kausalen Bridging-Inferenz, der in mehrfacher Hinsicht komplexer ist. a) Während in den vorangegangenen Beispielen (27) bis (29) zwei ideas über ein kausales Verbindungsglied in eine kohärente Textweltrepräsentation integriert wurden, verlangt das Beispiel (30) eine aufwändigere Inferenzleistung. So beschreibt Fincher-Kiefer das Beispiel in Anlehnung an Singer und Ferreira so, dass der Leser ein zwischengelagertes Ereignis mit verbindendem Charakter konstruiert. Nämlich, dass die Suppe auf den Salesman verschüttet wurde.64 Dieses Phänomen wird in Singer/Ferreira (1983) das erste Mal beschrieben.65 Fincher-Kiefer nennt die Konstruktion eines solchen zwischengelagerten Kausalschritts mediating idea.66 Keenan, Baillet und Brown spricht auch von unterschiedlichen kausalen „Distanzen“ zwischen zwei Diskursentitäten.67 b) Der Rezipient inferiert, dass sowohl das Aufspringen als auch das Abwischen der Hose kausal auf die verschüttete Suppe zurückzuführen sind – also zwei Konsequenzen, die auf eine mediating idea zurückgehen.68

The text unit of investigation varies between researchers. Most adopt the main clause or sentence […] but the description of inferential processes applies regardless of the unit .69

c) Der überwiegenden Mehrheit der in diesem Teil vorgestellten Aspekte liegen Beispiele zugrunde, die auf der Satzebene operieren. In (30) erfolgt das kausale Bridging dagegen nicht zwischen zwei Sätzen. Stattdessen wird ein Satz kausal auf eine Textweltmodell bezogen, dem drei Sätze zugrunde liegen. Dass dieser Fall möglich ist, wird durch das Zitat von Broek, Beker und Oudega verbalisiert. Demnach dann die Verarbeitung von sprachlichen Einheiten verschiedener Komplexität von den gleichen mentalen Aktivitäten begleitet werden.

4.2.3 Prädiktive Inferenzen mit kausalem Bruch

Zukunftsgerichtete Kausalität beim Textverstehen. In der Literatur der Psycholinguisten und Kognitionswissenschaftler zum Textverstehen werden Inferenzen über zukünftige Ereignisse (englisch predictive inferences, im Folgenden auch prädiktive Inferenzen) beschrieben, die sich ergeben aus Relevanzerwägungen und aus Wissen über mögliche kausale Zusammenhänge,70 wobei innerhalb der kausalen Zusammenhänge zwischen Kausalität auf Ereignisebene und Handlungsebene unterschieden wird.71

Folgende Fälle pragmatischer Kausalität werden in der Literatur behandelt.

 Der Rezipient unterstellt, dass die Maxime der Relation befolgt wird, was zur Annahme der allgemeinen zukünftigen Relevanz einer Information führt.

 Die scheinbare Verletzung der Relevanzmaxime führt zu einer spezifischen prädiktiven Inferenz,die sich auf der Ereignisebene ansiedelt oderauf der motivationalen Ebene (Ziele und Motivationen).

Kausalität spielt bei der Textrezeption also auf verschiedenen Ebenen eine wichtige Rolle – auf der Ebene der mentalen Textwelt und auf der Ebene der Textproduktion.

Relevanzbefolgung und zukünftige Wichtigkeit: Die Verarbeitung textuell explizierter Details. Eine rezipientenseitige Annahme – die unspezifizierteste – basiert auf den Grice’schen Grundlagen, genauer auf der Maxime der Relevanz, der zufolge bei Textverarbeitung Relevanzüberlegungen einfließen.72 Broek nennt dies Expectation of Future Relevance. Rezipienten erwarten eine zukünftige Relevanz von bestimmten textuell evozierten Elementen. So werden Details am Anfang eines Kriminalromans als relevant eingestuft. Der Leser erachtet bestimmte im Text genannte Aussagen als möglicherweise relevant für die Geschichte, für den Ausgang der Geschichte oder für die Auflösung der Handlung.73

Relevanzgestützte prädiktive Inferenzen auf der Ereignisebene. Eine Szene aus dem FIlm Moonraker.


(31) Nachdem das antagonistische Element Beißer den Protagonisten James Bond aus einem Flugzeug geworfen hat, stürzt sich dieser dem englischen Topagenten hinterher. James Bond organisiert sich im freien Fall einen Fallschirm und zieht die Reißleine. Beißer zieht ebenfalls seine Reißleine – die sich ausgerechnet in diesem Augenblick ablöst. Beißers Fallschirm bleibt geschlossen, er stürzt dem Boden entgegen.

In das Filmmaterial der auf den Boden zurasenden Figur wird ein Zirkuszelt mit einigen Innenszenen hineingeschnitten. Abwechselnd erscheinen der ungebremst stürzende Beißer und die Zirkusaufnahmen auf der Leinwand.

Der Analyse von Magliano, Dijkstra und Zwaan zufolge stellt der Rezipient die prädiktive Inferenz her, dass Beißer auf das Zelt fallen und überleben wird. Diese basiert auf einer Anomalie, d.h. auf dem Einspielen der Aufnahmen rund um den Zirkus, was in keiner unmittelbaren Relation zum Vorhergegangenen steht. Die prädiktive Inferenz erlaubt es, das Gezeigte in ein kohärentes mentales Modell zu integrieren. Ohne die rezipientenseitig hergestellte Inferenz würde das Einspielen des Zirkuszeltes und der damit verbundenen Aufnahmen sich nicht in einen kohärenten Zusammenhang einbetten lassen.74

Psychische Kausalität bzw. motivationale prädiktive Inferenzen bei kausalem Bruch auf lokaler Ebene. Rezipienten stellen motivationale prädiktive Inferenzen her, wenn ein Text kausale Brüche aufweist, provided the targeted inference is an action or event that is readily predictable from the text or the reader’s general knowledge base.75 Diese basieren auf planbezogenem Wissen, wie es von Schank und Abelson in den linguistischen Diskurs eingeführt wird.76 Der Rezipient konstruiert mental ein Handlungsziel, das es erlaubt, einen Relevanzbruch im Grice’schen Sinne zu überbrücken und dadurch einen Satz einerseits kausal einzubetten und andererseits dem Text Kohärenz zu verleihen.77 Kausale Brüche führen nach Broek sowie McKoon und Ratcliff zu Auflöseversuchen, die sich aus dem Vortext oder aus dem Weltwissen nähren.78 Nach Murray, Klin und Myers können kausale Brüche zu Vorwärtsinferenzen führen,

depending upon whether the cause of the focal event is to be found in something that has already taken place in the text, or in some future action or event that is highly predictable given the text and the reader’s general knowledge.79


(32) Willa was hungry. She took out the Michelin Guide.
(33) The angry waitress was totally fed up with all of the hassles of her job. When a rude customer criticized her, she lifted a plate of spaghetti above his head.
(34) Brad was wandering through a department store, looking for a present for his wife’s birthday. He wanted to find something special for her but he had been laid off from his job three month ago and he couldn’t afford to buy anything nice. In the jewelry department, he saw a beautiful ruby ring sitting in a display on the counter. He looked around to make sure no salespeople were watching. His wife would be thrilled by the ring but there was no way he could pay it. He had to have it. Seeing no salespeople or customers around, he quietly made his way closer to the counter.

(32) von Schank und Abelson lässt die planbasierte Inferenz zu, dass die im Folgesatz beschriebene Handlung dazu dient, ein gehobeneres Restaurant zu finden. Ohne diese inferentielle Verknüpfung würden die beiden Sätze dieses Textsegmentes keine sinnvolle Einheit ergeben.80 Während solche Analysen bei Schank und Abelson mit dem Ziel verbunden waren, textverstehende Computer zu programmieren, wurden solche Beispiele in psycholinguistischen Studien experimentell untersucht, um die Aktivitäten von Rezipienten bei der Verarbeitung von Texten näher zu bestimmen.

In (33) stellt der Rezipient die motivationale prädiktive Inferenz her, dass die Kellnerin beabsichtigt, dem Mann die Mahlzeit über den Kopf zu schütten. Das ergab eine experimentelle Studie, in der Versuchspersonen das Wort DUMP laut aussprechen sollten, nachdem sie entweder (33) gelesen haben oder eine Kontrollversion vorgelegt bekamen, bei der die Inferenz nicht hergestellt werden muss, um Kohärenz zu erlangen. Der erste Fall benötigte eine kürzere Zeit. Würde der Rezipient die Handlung des Teller-über-den-Kopf-Hebens nicht zu dieser aus dem Weltwissen hergestellten motivationalen prädiktiven Inferenz in Relation setzen, so gäbe es einen kausalen Bruch, die Handlung besäße keine kausale bzw. motivationale Relevanz.81

In (34) ist der Fall ähnlich gelagert. Der Rezipient konstruiert auf der Grundlage seines Weltwissens die motivationale prädiktive Inferenz, dass Brad den Ring stehlen möchte. Ohne diese Inferenz würde sich der auslösende Satz He quietly made his way closer to the counter (auch predictive sentence genannt) motivational nicht in eine kohärente Textweltrepräsentation integrieren lassen.82

Motivationale prädiktive Inferenzen nehmen eine Zwischenposition ein zwischen einer rein vergangenheits- und einer rein zukunftsbezogenen Inferenz. Einerseits gibt es eine motivationale Ursache andererseits eine Konsequenz, die als Einheit in der motivationalen prädiktiven Inferenz aufgehen. In (34) handelt es sich bei der vorausgesagten Handlung des Ringstehlens zugleich um einen (möglichen) Ausgang und um eine Motivation bzw. einen psychischen Grund.83

Einmal hergestellte motivationale prädiktive Inferenzen gehen nicht verloren, sie werden aufgenommen in das mentale Textweltmodell. Das ergaben experimentelle Studien, in denen Rezipienten erst nach einer zeitlichen Verzögerung zu einem Text befragt wurden. Häufig vermischten sie dabei explizit Geäußertes und Inferiertes, sie konnten diese Aspekte rückblickend nicht unterscheiden. Zusätzlich wurden Sätze im Nachtext eingefügt, die der motivationalen prädiktiven Inferenz kontradiktorisch gegenüber standen. Dies führte zu Verzögerungen bei der Lesezeit, was als Indikator für die Integration in die Textwelt interpretiert wird. Wäre die motivationale prädiktive Inferenz nicht in die mentale Repräsentation eingegangen, so hätten die Versuchsteilnehmer die inkonsistenten Sätze gelesen, ohne dass sich der Lesefluss verlangsamt.84

Textweltrelevanz versus Textproduktionsrelevanz. Die beiden vorangegangenen Abschnitte haben gezeigt, dass Relevanzbrüche den Rezipienten dazu veranlassen, prädiktive Inferenzen auf der Handlungs- und auf der Ereignisebene herzustellen. Beide Typen werden in die mentale Textwelt integriert und dienen dazu, die Repräsentation vor Kohärenzbrüchen zu schützen. Auf der Ereignisebene haben dies Magliano, Dijkstra und Zwaan nachgewiesen, auf der Ebene der motivationalen Kausalität haben dies Klin u.a. gezeigt.85

Schaut man sich die relevanzgestützten prädiktiven Inferenzen an, so stellt man einen Unterschied zwischen den ereignis- und handlungsbezogenen fest. Bei motivationalen prädiktiven Inferenzen liegt der Bruch auf der Handlungsebene. Ohne die erklärende inferierte Motivation ließe sich die Handlung einer Figur nicht sinnvoll einbetten. Den Bruch mit Relevanzerwägungen würde der Rezipient der Figur zuschreiben. Er würde keinen Sinn in der Handlung der Figur finden.86 Anders verhält es sich im Fall der prädiktiven Inferenzen auf Ereignisebene. Obwohl dieser Typ sich auf das mentale Textweltmodell bezieht, liegt der Bruch auf der Ebene der Textproduktion. Erweist sich eine anomale Information im weiteren Verlauf eines Textes als irrelevant, so würde dies der Ebene des Textproduzenten zugeschrieben werden.87 Würde zwischen dem Zirkuszelt und dem fallenden Beißer in (31) zunächst durch Montage hin- und hergewechselt werden und dann fällt er auf irgendein Waldstück und stirbt, so würde der Rezipient die Kompetenz des Textproduzenten anzweifeln. In einem Monty Python Film könnte man sich eine solche irrelevante Information als humoristisches Element vorstellen – nicht aber in einem Film, der den Anschein zu erwecken versucht, die Kausalität zumindest in ihren Grundzügen zu respektieren, auch wenn die Gesetze der Gravitation nicht immer ganz penibel beachtet werden.

Als Unterscheidungskriterium gilt also der Relevanzbereich. Je nachdem, ob es sich um Relevanz auf der Ebene der Textwelt oder auf der Ebene der Textproduktion (in der Literaturwissenschaft auch Narration genannt) handelt, stellt sich der Leser unterschiedliche Fragen. Anomalien auf der Handlungsebene, die durch motivationale prädiktive Inferenzen überbrückt werden, basieren auf der Frage, warum eine Figur etwas tut bzw. warum eine Figur so handelt, wie im Text beschrieben. Sie führen nicht zu der Frage, welche Rolle die gegebene Information spielen bzw. warum der Autor diese Informationen im Text bereitstellt, was bei relevanzbasierten prädiktiven Inferenzen auf der Ereignisebene der Fall ist.

Damit ist auch die von Magliano, Dijkstra und Zwaan postulierte Charakterisierung zu relativieren, die besagt, dass Anomalien (bzw. Relevanzbrüche) auf Erzählebene und Handlungsebene zu der pragmatischen Frage führen, warum ein Autor etwas schreibt, wobei es sich bei der beantwortenden Inferenz im einen Fall um eine motivationale prädiktive Inferenz und im zweiten Fall um eine ereignisbezogene prädiktive Inferenz handelt.88 Die Frage danach, warum der Autor etwas schreibt, gilt also nur im Fall einer prädiktiven Inferenz auf Ereignisebene. Er gilt nicht für beide Fälle, so wie die Autoren es proklamieren.

4.2.4 Globale psychische Kausalität: Ziele und Handlungen

Hintergrundwissen über Ziele. Ein Ziel ist etwas, das eine Figur durch eine Handlung zu erreichen versucht, wobei der Rezipient dabei Intentionalität unterstellt. Sollte das Ziel erst erreicht werden können, wenn zuvor andere Schritte vollzogen wurden, so handelt es sich bei dem finalen Ziel um ein übergeordnetes Ziel, bei den vorausgehenden Zielen handelt es sich um untergeordnete Ziele.89 Mehrere Handlungen, die auf das Erreichen eines Ziels abzielen, nennen Schank und Abelson Plan. Um zum Beispiel ein Haus zu kaufen, bedarf es verschiedener standardisierter Teilschritte. Der Interessent sucht sich einen Makler, wählt die passende Immobilie aus und nimmt eine Hypothek auf.90 Auf diese Weise lässt sich bei mehreren in Abhängigkeit stehenden Zielen eine Zielhierarchie ausmachen. Ob ein Ziel als über- oder untergeordnet einzustufen ist, hängt von seiner Position in der Zielhierarchie ab. Es ist also eine relationale Bestimmung, die erlaubt, dass auch untergeordnete Ziele einen übergeordneten Status besitzen können, wenn dem Erreichen eine Reihe weiterer untergeordneter Ziele vorausgehen.91 Nicht alle Ziele können oder müssen zwangsläufig erreicht werden. Schank und Abelson zufolge können Ziele auch kurz- oder langfristig auf Eis gelegt werden, sie können vollständig fallen gelassen werden und Versuche, sie zu erreichen, können scheitern. Im letzten Fall können sie durch alternative Ziele abgelöst werden.92 Daneben unterscheiden Schank und Abelson zwischen verschiedenen Abstraktionsgraden von Zielen. Sie grenzen konkrete Ziele wie den Wunsch, einen bestimmten Gegenstand zu besitzen, von abstrakten Zielen ab wie dem Wunsch, sich einen unterhaltsamen Abend zu machen. Abstrakte Ziele können spezifiert werden durch konkretere Ziele. Im Falle der Abendplanung könnte es sich dabei zum Beispiel um einen Besuch im Theater oder um den Besuch eines Konzertes handeln.93 Bei der Textrezeption kommt dieses ziel- und handlungsbezogene Wissen auf verschiedene Weisen zum Tragen.

Zielinstantiierung.


(35) The Czar and His Daughters Once there was a Czar who had three lovely daughters. One day the three daughters went walking in the woods. There were enjoying themselves so much that they forgot the time and stayed too long. A dragon kidnapped the three daughters. As they were being dragged off, the daughters cried. Three heroes heard the cries and set off to rescue the daughters. The heroes came and fought the dragon and rescued the maidens. When the Czar heard of the rescue, he rewarded the heroes.

Der Rezipient konstruiert übergeordnete Ziele, wenn Handlungen im Text beschrieben werden.94 Wenn der Leser (35g) liest, konstruiert er auf der Grundlage seines Wissens ein Bestreben des Drachen – nämlich, dass dieser beabsichtigt, die Töchter zu verspeisen.95 Dass das rezipientenseitige Hintergrundwissen über Pläne und deren Realisierung es auch erlaubt, komplexere Texte zu verarbeiten, zeigt das folgende Beispiel.


(36) Professor Stifle came to town to buy a house. He hoped to find an old Colonial in North Parch for under $ 60,000. He asked around for a good real estate agent, and was referred to Hustle, Inc. Mr. Hustle told him that nothing in North Parch was available for under $ 75,000 so Stifle asked him to look in South Parch. Meanwhile, one of the professor’s new colleagues mentioned a good buy available in Scrimpover. Stifle liked it, but before he had a chance to check the mortgage possibilities, he received an urgent call that his mother was seriously ill, and he had to leave town. When he returned, the Scrimpover house had been sold. Stifle decided to live in an apartment in the center of town. He sent for his housekeeper and his dog.

Im Text (36) von Schank und Abelson inferiert der Leser auf der Basis von (36a) wissensbasiert das abstraktere Ziel, dass Professor Stifle sich in der Stadt niederlassen möchte. In (36b) wird das Ziel näher bestimmt (Goal Specification), der Professor sucht ein Haus im Kolonialstil, in einer bestimmten Lage und in einem bestimmten Preissegment. Da diese Faktoren sich nicht gleichzeitig realisieren lassen, muss er seine Ansprüche herunterschrauben und ein alternatives Ziel definieren (es findet eine Goal Substitution durch eine angepasste Goal Specification statt). So lässt er nach und nach seine Auswahlkriterien fallen, bis er am Ende in eine Wohnung in der Stadtmitte zieht, wie es in (36d) beschrieben wird. Seine Anfragen, seine abschließende Entscheidung und die damit verbundene Abweichung vom ursprünglichen Ziel ließen sich nicht in ein kohärentes Textweltmodell einbetten, ohne dass der Rezipient das abstraktere Ziel des Niederlassens inferiert und ohne dass er die Zwischenschritte als Spezifizierungen und Substitutierungen erkennt und auf das abstraktere Ziel bezieht. Auch, dass er beim zwischengelagerten Anruf in (36c) die Suche nach einem passenden Haus vorläufig auf Eis legt (Goal Suspension), lässt sich nur erklären, wenn der Rezipient inferiert, dass Stifle das Ziel hat, die Mutter zu unterstützen und diesem eine höhere Priorität einräumt als dem zuvor verfolgten Ziel.96

Mentale Verknüpfung von Zielen und Handlungen. Ein konkretes Ziel kann explizit eingeführt werden durch Ausdrücke wie in order to, wanted to oder decided to, durch eine Infinitivkonstruktion wie to win oder durch Präpositionalphrasen wie for food, die einen finalen Charakter besitzen.97 Beschriebene Handlungen aus Folgesätzen werden mit diesem zuvor eingeführten Ziel verknüpft und als Versuche interpretiert, das Ziel zu erreichen.98 Dieser mentale Prozess basiert Schank und Abelson zufolge auf Wissen über Handlungspläne und -abläufe – vorausgesetzt, dass sich eine Handlung und ein (Teil-) Ziel dem Planwissen entsprechend als adäquat erweisen.99


(37) John wanted to become king. He went to get some arsenic.

In (37) von Schank und Abelson werden die Sätze (37a) und (37b) in eine Beziehung gesetzt. Die Handlung in (37b) wird interpretiert als Mittel, dass zuvor textuell in (37a) mit wanted to etablierte Ziel zu erreichen. Dazu muss der Rezipient unter anderem auf sein Wissen zurückgreifen, dass es in der Regel genau einen König gibt und dass erst im Todesfall ein neuer gekrönt wird.100 Wenn der Rezipient die in (37b) beschriebene Handlung nicht auf ein Ziel bezogen interpretiert, würde das Satzpaar (37) keine sinnvolle Einheit bilden.101


(38) John wanted Mary’s book. He asked her for it and she refused. He said he would hit her if she did’t [sic!] give it to him. She still said no. Finally he hit her in the head and took the book.

In (38) von Schank und Abelson wird im ersten Satz das konkrete Ziel von John formuliert. Die anschließenden Sätze beschreiben verschiedene Versuche, dieses zu realisieren. Während die ersten Versuche scheitern, kann er durch eine gewalttätige Aneignung letztendlich sein Ziel durchsetzen. Dass es sich bei den anschließenden Sätzen um Versuche handelt, sein Ziel zu erreichen, ist ein inferentieller Beitrag des Rezipienten, der darauf abzielt, die Sätze in ein kohärentes Textweltmodell zu überführen. Im Unterschied zu (36) dient in (38) ein konkretes Ziel als globaler inferentieller Bezugspunkt.102 Trabasso und Suh zeigen in einer experimentellen Studie, dass ein Text unterschiedlich verarbeitet wird, je nachdem, ob ein Ziel erreicht ist oder ob bisherige Versuche gescheitert sind.


(39) Betty wanted to give her mother a present. She went to the department store. i. She found out that everything was too expensive. ii. She bought her mother a purse. Betty decided to knot a sweater.

(39) von Trabasso und Suh zeigt, dass der Satz (39d) nur im Kontext (39c-i) auf das in (39a) formulierte Ziel bezogen wird. Im alternativen Kontext (39c-ii) ist dies nicht der Fall, da das Ziel bereits erfüllt ist. Es handelt sich bei der textverbindenden Variante um eine globale Inferenz, die es erlaubt, Sätze zu verknüpfen, die durch zwischenliegendes Diskursmaterial getrennt sind.103

Die Verarbeitung von gescheiterten Versuchen und Zielhierarchien.


(40) Once there was a boy named Jimmy. One day, Jimmy saw his friend, Tom, riding a new bike. Jimmy wanted to have a new bike. He spoke to his mother. i. His mother bought him a bike. [Sequential Version] ii. His mother refused to get a bike for him. [Hierarchichal Version] Jimmy was very sad. His mother told him that he should have his own savings. Jimmy wanted to earn some money. He asked for a job at a grocery store. He made deliveries for the grocery store. He earned a lot of money. He went to a department store. He walked to the second floor. i. He bought a new basketball. [Sequential Version] ii. He bought a new bike. [Hierarchichal Version]

Text (40) von Suh und Trabasso diente als Grundlage für ein psycholinguistisches Experiment an zwei Versuchsgruppen. Die erste Gruppe erhält eine Version, die bei den Sätzen (40e) und (40n) jeweils die i-Version beinhaltet. Die zweite Gruppe erhält eine Version, die ausschließlich die Sätze der ii-Version beinhalten.

In den Fällen, in denen Versuchspersonen mit (40e-i) konfrontiert wurden, wurden die Sätze des Folgetexts nicht zu (40c) in Relation gesetzt, weil das in (40c) explizit eingeführte Ziel bereits erfüllt ist, dieser Fall repliziert (39).104

Die Versuchspersonen, die mit der Version (40e-ii) und (40n-ii) konfrontiert wurden, haben die in den Anschlusssätzen formulierten Handlungen an das in (40h) explizit geäußerte Subziel und letztendlich an das übergeordnete Ziel aus (40c) geknüpft, was ihr Wissen über Ziele und Handlungen ermöglichte.105

Suh und Trabasso leiten generalisierend daraus ab, dass Folgehandlungen als weitere Versuche interpretiert werden, das Ziel zu erreichen, wenn die im Text beschriebene Handlung nicht zum gewünschten Ergebnis führt wie in (40e-ii) (failed outcome). Dieser Interpretationsprozess setzt sich so lange fort, bis das finale Ziel erreicht ist.106

Bei übergeordneten Zielen, die durch das Erreichen untergeordneter, dem Rezipienten bekannter Ziele realisiert werden, werden Ziele und Figurenhandlungen hinsichtlich der jeweiligen Hierarchiestufe interpretatorisch verarbeitet. So werden bei mehreren Subzielen die Handlungen als Versuche gewertet, das jeweilige Subziel zu erreichen. Zum Beispiel hatte Jimmy das Ziel, Geld zu verdienen, wie es (40h) beschreibt. Dazu haben Versuchspersonen die in (40i) beschriebene Jobsuche und das in (40j) beschriebene Ausliefern unspezifizierter Waren in Bezug gesetzt. Sobald die Subziele auf einer Ebene erreicht werden (zum Beispiel, als er viel Geld verdient hatte, wie es (40k) darstellt), werden die Folgehandlungen nicht mehr in Bezug auf diese interpretiert, sondern hinsichtlich der nächst höheren Zielebene. Ziele dienen also auf allen Ebenen als inferentieller Bezugspunkt.107

Wichtig ist, dass es sich bei diesen verknüpfenden Inferenzen um globale Prozesse handelt. Sie verbinden kognitive Einheiten, zwischen denen mehrere Sätze liegen. Diese globalen Inferenzen werden hergestellt, sobald ein Subziel eingeführt wird (zwischen (40c) und (40h) liegen vier Sätze) und sobald ein Subziel erfüllt ist. Im zweiten Fall überspannt die Inferenz eine größere Menge an Sätzen (zwischen (40c) und (40l) liegen acht Sätze) und verknüpft damit neu beschriebene Handlungen mit dem initialen Ziel. Sich daran anschließende Handlungen werden als Versuch interpretiert, das nächste Subziel zu erreichen – oder falls kein weiteres Subziel vorhanden ist, werden sie auf das höher liegende Ziel bezogen, hier das Hauptziel des Fahrrad-Besitzens (40c). Sobald das Hauptziel erreicht ist, werden Folgeaktionen nicht mehr in Relation dazu gesetzt.108

Superordinierte Zielinferenzen unterstützen die Kohärenz eines Textes auf der globalen Ebene, da sie Abschnitte mit verschiedener, zum Teil umfangreicherer textueller Extension verbinden. Zugleich leistet der Rezipient eine aktive Verknüpfung von Informationen, die aus weit verstreuten bzw. nicht aneinander angrenzenden Sätzen stammen. Dadurch stellt er Kohärenz auf einer globaleren Ebene her – ein konstruktiver Akt, den Suh und Trabasso als fundamental beim Verstehen von Texten ansehen und daran ein alternatives Textverstehensmodell knüpfen.109 (Siehe auch den Abschnitt 5.3.).

Nach Dopkins werden superordinierte Zielinferenzen in der Form Er hat x gemacht, um y zu erreichen in die mentale Repräsentation integriert.110 Wenn superordinierte Ziele aus dem Fokus geraten, können sie anschließend reinstantiiert werden, was sich positiv auf die Kohärenz eines Textes auswirkt.111

Komplexe Ziele. Unter dem Stichwort komplexe Ziele (bzw. englisch complex goals) behandeln Richards und Singer sowie Singer und Richards eine Variante von Zielhierarchien. Statt einer Figur mit einem Hauptziel und dahin führenden Teilschritten wie in der Jimmy Story in (40) müssen zwei Figuren jeweils selbstständig einen untergeordneten Teilschritt erfolgreich durchführen, bevor sie ein gemeinsames Ziel erreichen können. Auch in diesem Fall zusammenspielender Teilschritte konnte gezeigt werden, dass Rezipienten globale Inferenzen herstellen.112


(41) Common goal: They [Greg and Pam] decided to get together at McDonald’s at 12:30. Subgoal 1: To make it on time he had to catch the noon bus. He jumped onto the bus. (succeed) The bus door slammed in his face as it was pulling away. (fail) Subgoal 2: At 11:00 a.m., Pam’s boss asked her to type his year-end report for him. She was worried that she could not finish it before lunch. Surprisingly, she completed it just before lunch. Pam handed in her report and left the office. Target: At 12:30, Pam entered McDonald’s.

In (41) von Richards und Singer (und bei Singer und Richards wiederverwendet) möchten sich zwei Figuren um 12.30 Uhr bei McDonalds treffen, was unter dem Punkt Common goal explizit etabliert wird. Dazu muss eine Figur einen Bus um eine bestimmte Zeit nehmen. Dieser unter Subgoal 1 beschriebene Teilschritt kommt in der erfolgreichen Variante (41a) und in alternativen, gescheiterten Variante (41b) vor. Anschließend wird unter Subgoal 2 der Teilschritt der zweiten Figur beschrieben. Sie muss rechtzeitig einen Jahresabschlussbericht für ihren Boss verfassen, andernfalls kann sie das Büro nicht verlassen. Dieser Versuch wird ausschließlich in einer erfolgreichen Variante beschrieben.113

Beim Target-Satz, in dem die Frau das Schnellrestaurant betritt und damit den ihr möglichen Teil des Ziels erfüllt, wurde die Lesezeit gemessen und die Reaktionsgeschwindigkeit auf Stichwörter getestet. Anhand der Ergebnisse konnten Richards und Singer sowie Singer und Richards zeigen, dass Rezipienten solche komplexen Zielkonstellationen nachvollziehen können, bei denen zwischen dem gemeinsamen übergeordneten Ziel und selbstständigen Teilzielen ein globaler Zusammenhang hergestellt werden muss.114

Pulsuz fraqment bitdi.

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