Kitabı oxu: «Drei Romane»

Şrift:

Pola Polanski, Mein Alter Ego, Die schwarzen Engel, Das Wolfsbaby

© 2021 der vorliegenden Ausgabe: Verlagshaus underDog

www.underdog-verlag.de

© 2021 Annette Haug

Pola Polanski

Mein Alter Ego

Die schwarzen Engel

Das Wolfsbaby

Coverillustration: © Annette Haug

Umschlaggestaltung: © Daniel Brabec, www.contactdesign.de

Lektorat: Dr. Lotte Husung, www.buchstaeblich-lektorat.de

Satz und Layout: © Daniel Brabec, www.contactdesign.de

Druck: CPI, www.cpibooks.com

Inhaltsverzeichnis

Mein Alter Ego

Die schwarzen Engel

Das Wolfsbaby

Mein Alter Ego
Teil 1
1. Tag, Abflug ab Frankfurt und Einschiffung in Luxor

Meine Gedanken rasen, aber wie können sie rennen, wenn der Rasen draußen vor meinem Fenster still, festgewachsen steht? Zwischen den jungfräulichen Gräsern steht etwas Unkraut. Ich denke über das Wort „Unkraut“ nach. Das ist also kein Kraut, aber was ist ein Kraut? Sauerkraut? Rotkraut? Unkraut, also kein Kraut, das man essen kann? Deswegen zu nichts nutze? Die Insekten hatten sich gefreut, als der Rasen noch nicht neu gesät war. Die Nachbarn haben die Nase gerümpft über meinen Unkraut-Rasen, mein Insektenhotel.

Ich weiß, ich sollte nicht zu viel reflektieren, meiner Kopfhaltung tut es nicht gut, aber ich sehe schon, das Gespinst rollt an und droht, mich zu verschlingen.

Mein Partner Paul und ich stiegen um fünf Uhr morgens in den Aufzug im Hilton am Frankfurter Flughafen. Ein Traumrest trieb noch sein Unwesen in meinen Gedankenspiralen. Paul und ich waren im Bett gelegen, aber zwischen uns in der Bettritze schlief eine fremde Frau, die mir den Rücken zukehrte. Wahrscheinlich roch ich nach Rauch, denn wir hatten entgegen unseren Plänen doch noch ein Raucherzimmer gebucht. Im Hilton gab es nämlich keine Raucherlounge, man musste einen langen Weg gehen, um nach draußen zu gelangen. Ich hatte in dem kleinen Hotelzimmer mit Paul etwas gestritten, weil man in dem Hotel kein Fenster öffnen konnte. Dabei war er ja so nett gewesen, wegen mir das Raucherzimmer zu buchen.

Die beiden Herren, mit denen wir am nächsten Morgen im Aufzug fuhren, waren, wie ich sofort bemerkte, schwul, denn beide trugen den gleichen Schal, aber jeweils in anderen Farben, dazu rosafarbene Hemden. Die Glatzen der beiden glänzten von der morgendlichen Creme. Obendrein rochen sie penetrant nach Rasierwasser. Einer der Herren fragte uns, wohin wir flögen. Mein Partner sagte „Ägypten“ und ich gleich darauf „Luxor“. Der Herr lächelte unverbindlich und meinte darauf:

„We Americans wouldn‘t go to Egypt.“

Wir waren unten angelangt und die zwei Amerikaner bogen in eine andere Richtung ab. Wir stoppten kurz an der Kaffeetheke. Seitdem Paul keinen Alkohol mehr trank, konnte er Massen von Zeug essen. Ich wunderte mich, warum er nicht dick wie ein Kloß wurde. Er aß drei süße Stückchen, während ich nur Kaffee trank. Ich dachte, das geht nicht, der Darm ist voll. Wer konnte schon morgens um fünf Uhr aufs Klo? Und dann noch etwas essen? Aber innerlich lachte ich über mich, denn seit jeher war es so auf Reisen, bei denen man so früh aufstehen musste. Aufs Klo gehen ging nicht. Als ob man einen Pfropf im Hintern hätte. Und der ging erst entweder abends in Sicherheit in irgendeinem Hotelzimmer oder am nächsten Morgen nach einem Kaffee auf. Die Sorge, nicht aufs Klo zu können, stammte aus meiner Familie. Mein Vater aß morgens löffelweise Weizenkleie zusammen mit lauwarmem Wasser, während meine Mutter abends Backpflaumen in sich hineinmampfte.

Der Gartenschlauch windet sich wie eine Schlange auf der Terrasse, eine Schlange, die sich nur erhebt, wenn ich den Wasserhahn öffne. Dann spritzt sie ihr Wassergift nach allen Seiten und ich bin schon nass, bevor ich mit dem Gießen des Rasens, der ja stillsteht, beginne. Mittlerweile finde ich es sehr meditativ abends, mit dreckigen Turnschuhen und Leggins bekleidet, den langsam rasenden Rasen zu gießen. Die ganze Nachbarschaft sieht mir zu, wie ich den Rasen gieße. Den Rasen, der nicht wegläuft, da er ja festgewachsen ist. Der Gärtner hat gesagt, „Da dürfen Sie ruhig reintreten“, also trete ich mit meinen ausgelatschten Turnschuhen auf die armen Rasenkeime. Die können sich ja nicht wehren. Bis jetzt haben sie noch nicht demonstriert. Das wäre doch was, wenn plötzlich Tausende Grashalme vor meinem Fenster stünden mit Plakaten, auf denen zu lesen ist: „Rasen betreten verboten!“ So wie in Corona-Zeiten alle Spielplätze abgesperrt waren mit Schildern „Betreten verboten“.

Später im Flugzeug hatte ich seltsame Nachbarn. Die Frau direkt neben mir trug das Gewand der Ägypter, eine Galabija, in einer Farbe, die ich zum Kotzen fand. Beige … so wie die Rheuma-Unterhosen von alten Leuten. Nach dem Start zog sie sich ein Tuch über den Kopf. In derselben Farbe! Ihren „Mann“ neben sich behandelte sie wie einen Bediensteten. Ob die in einer Sekte waren? Das Mittagessen hatten sie sich vorbestellt, Gemüse-Curry, sie tranken keinen Alkohol, stattdessen aßen sie Unmengen von Gummibärchen und lasen in Astrologiebüchern und Romanen über den Orient. Paul schlief fast die ganze Zeit. Man musste ihn nur irgendwo hinsetzen und er schlief ein, während ich wie immer, Bing!, wach war, obwohl ich mir einen Weißwein genehmigt hatte.

Nach den unendlichen Passkontrollen kam unser Gepäck an und kurz darauf saßen wir in einem komfortablen Bus. Die Busse wurden im Laufe der Reise immer kleiner und unbequemer, diametral zu den Tempeln, die von innen her gebaut immer größer wurden. Wir fuhren an einem Flussarm des Nils entlang. Sofort war man in eine andere Welt versetzt. Ein Europäer wünscht sich bestimmt nicht, so zu leben. Die Ägypter lassen sich noch von Eselskarren ziehen. Und wenn sie Autos haben, dann sind sie uralt.

Auf meiner Terrasse steht ein Tisch, den mir ehemals ein Freund gebaut hat. Auf dem Gestell des berühmten Bauhaus-Architekten Eiermann ruht eine Holz-Tischplatte, die ehemals eine Tür war. Die Tür hat zwei Löcher in der Tiefe. In einem der zwei Löcher haben sich jetzt Bienen eingenistet. Jedes Mal, wenn ich die Tischdecke über die zwei Löcher ausbreite, suchen die Bienen ihr Loch. Wenn Paul und ich grillen, sitzt er immer vor dem Loch, das durch die Tischdecke verdeckt ist. Die Bienen fliegen an und finden enttäuscht ihr Loch nicht. Und Paul sitzt da und scheucht die Bienen weg, die ja traurig darüber sind, dass sie jetzt nicht ihre Königin umhegen können. Mein Kopf wird ganz rot vor Hitze, während ich schreibe, denn gleich begegne ich Toni zum ersten Mal. Ich weiß noch gar nicht, wie ich dieses Treffen beschreiben soll. Es bereitet mir Bauchschmerzen.

Ich sehe aus dem Fenster auf meinen langsam festwachsenden Rasen, der nicht rast, und schreibe. Ich schreibe rasend, immer zu schnell, wie eine Rasende, die jetzt in ihren Garten mit Gedankenrasen auf ihren Rasen schaut.

Ich setze mich auf meinen knallroten Sessel, öffne die Terrassentür, zünde mir eine der ägyptischen Zigaretten an und schaue auf die Packung. Die Ägypter haben nicht ganz so schlimme Ekelbilder auf ihren Packungen. Es gibt nur zwei Bilder: eine Ägypterin, die zwei Gesichtshälften hat. Die eine Gesichtshälfte ist jung, die andere ist vergilbt und faltig. Auf einer anderen Packung finde ich eine Zigarette und darunter eine tote Kakerlake, die auf dem Rücken liegt. Als ob Kakerlaken sterben würden! Die einzigen Lebewesen, die einen Atomkrieg überleben, werden Keith Richards und Kakerlaken sein. Als ich das schreibe, grinse ich in mich hinein. Ich mache die Zigarette aus. Sie ist zu stark. Wahrscheinlich enthält sie keine Smoothing-Stoffe wie eine europäische Zigarette. Es ist Nacht. Der rasende Rasen und damit mein Schreiben ist weggerast. Ich lasse die Rollläden herunter. Für heute genug geschrieben.

Als wir am Hafen von Luxor ausstiegen, stach die Sonne in unser Hirn und ein Haufen Ägypter umringte uns.

„Ein Euro“ für ein Tuch.

„Ein Euro“ für eine kleine Skulptur.

„Ein Euro“ für eine Zeichnung von Tutanchamun.

„You change ten Euro?“

Wir waren schon in Ägypten gewesen und kannten das. Also kein Problem. Augen zu und durch. Nicht zur Seite schauen, nicht beachten. Aber da bemerkte ich zum ersten Mal auf der Reise Toni! Sie hatte sich in dem ganzen Chaos eine Zigarette angezündet. Ich fand sie gleich sympathisch. Ich steckte mir auch eine an.

Sie sagte: „Also, wenn ich so überfallen werde, gebe ich zuerst einmal gar nichts.“

Ich meinte: „An die Überfälle musst du dich gewöhnen. Das ist hier so.“ Die Zigaretten waren schon aus und wir wurden weiter auf das Schiff zu unseren Zimmern gehetzt.

Paul und ich hatten das geniale Los gezogen. Man fühlte sich wie in der Kolonialzeit in unserer Minisuite mit den zwei Zimmern. Es gab einen minikleinen begehbaren Schrank und einen ebenso kleinen Raucherbalkon. Der Boden und die Vorhänge waren bordeauxrot. Die Wände zierten ägyptische Ornamente. Das Bad hatte eine Dusche und eine Wanne. Sogar einen Teekocher hatten wir auf dem Zimmer. Der Urlaub war für mich gerettet. Es gab allen Komfort, den ich auch daheim hatte. Ich war sofort glücklich. Es gab allerdings kein zufriedenstellendes WLAN und der schwere Stecker meines Macintosh hielt in der wackligen Steckdose nicht. Wie hätte ich denn die Batterie aufladen sollen und wie sollte ich, ohne bei google nachschlagen zu können, schreiben? Den Computer packte ich nach drei Tagen wieder ein. Der Sprechgesang des Muezzins drang in unsere Suite und ich dachte kurz an Toni. Sie hatte so zerbrechlich klein inmitten der ganzen Ägypter gewirkt. Aber da war es schon Zeit, essen zu gehen.

Der Reiseleiter hatte uns eingeschärft: „Der Platz, den Sie jetzt einnehmen, wird der Ihrer ganzen Reise sein.“ Die ganze Reisegruppe saß schon, als wir den Raum betraten. Paul steuerte auf die zwei letzten Plätze zu, und ich saß dann am Rand der ganzen Gruppe, hatte aber den Blick auf den Nil. Toni saß mir schräg gegenüber. Alle hatten sich schon etwas vom Buffet genommen. Wir bestellten uns etwas zu trinken und Paul lief los. Ich wusste nicht, was ich zu Toni sagen sollte, auch die anderen waren mir fremd. Also startete ich die Konversation mit: „Die Woche wird super! Das Wetter ist toll. Wir haben eine Mega-Suite!“ Da horchten plötzlich alle auf.

„Eine Suite?“, fragte die Frau, die mir schräg gegenübersaß.

„Ja, wir haben zwei kleine Zimmer und einen Balkon.“

„Wir haben nur ein Zimmer und keinen Balkon, wie kommt ihr zu der Ehre?“

„Die Frau im Reisebüro hat irgendwas gebucht. Ich war auch total überrascht.“

Paul war gerade vom Buffet zurückgekommen. Er tuschelte mir ins Ohr: „Das darfst du niemandem sagen, das mit der Suite.“

Ich schaute wieder Toni an. Ihre Zähne waren so klein, dass ich zuerst dachte, sie hätte noch ihre Milchzähne im Gebiss. Halblanges lockiges, blondes Haar umrahmte ihr schmales Gesicht, aus dem die blauen Augen zu leuchten schienen, aber vielleicht waren es auch nur Tränen, die in ihren Augen hingen. Sie war klein, aber sportlich. Im Gegensatz dazu stachen ihre schmalen Handgelenke hervor, als ob sie gleich abbrechen könnten.

Die Frau neben ihr wirkte verhärmt und zäh und war sehr faltig im Gesicht. Ich rätselte, ob sie vielleicht ihr Leben lang geraucht oder zu viel in der Sonne gelegen hatte. Sie trug eine Brille und hatte eine schwere Erkältung. Ihr Haar war zu einer peppigen grauen Kurzhaarfrisur geschnitten. Wenn sie einen ansah, war der Blick durchdringend, so als wollte sie in das Innere eines Menschen hineinsehen. Sie hieß Gisela, wie kurz darauf herauskam, als sie sich vorstellte. Sie sei Topmanagerin bei einer Beratungsagentur. Ihr Mann, der ihr gegenübersaß, hieß Reiner und war beim Finanzamt tätig. Seine Ohren standen weit vom Kopf ab, und vorher, als er zum Buffet ging, hatte ich bemerkt, dass seine Hose hinten herunterhing, während seine Füße in Socken und Sandalen steckten. Seine Augen waren wässrig blau. Von der Erscheinung her wirkte er wie ein typischer Schlaks. Er haute einen Witz nach dem anderen in seinem Kölner Dialekt heraus. Jedes Mal musste Toni über seine Witze lachen. Dabei tauschten Toni und Reiner Blicke. Reiner und Gisela waren seit dreißig Jahren ein Paar. Wie diese Beziehung so lang funktioniert hatte, fragte ich mich in diesem Augenblick. Sie war so ernst, mit herabgezogenen Mundwinkeln, er so offen und lustig.

Noch ein Paar saß mit am Tisch. Er war Pfarrer und sie Psychologin. Beide trugen eine Brille, obwohl sie noch jünger als wir anderen am Tisch waren. Der Pfarrer hieß Jakob und seine Frau Linda. Sie hatten zusammen drei Kinder. Das Ehepaar strahlte in seiner Zugehörigkeit zueinander bodenfeste Sicherheit aus. So waren auch ihre Körper, groß und stämmig wie Eichen, die Haare von beiden dunkelbraun.

Damit war mein Hirn als Schriftstellerin schon überfordert. Was für ein Setting! Mein Blick ging zu Toni. Sie hatte Tränen in den Augen.

„Was ist los?“

„Nichts, nur die ganzen Paare! Mein Richard ist doch erst vor ein paar Monaten von mir gegangen.“

„Wie, einfach so gestorben?“

„Schlaganfall, nach einem halben Jahr war er tot.“

„Oje, wie furchtbar. Wollen wir noch an Deck gehen, eine Zigarette rauchen?“

„Ja, sehr gerne.“

Ich sagte zu Paul, dass ich bald zurückkommen werde, und verzog mich mit Toni an Deck. Ich bestellte mir noch ein Glas Rotwein und hoffte, damit das Rumoren meines Magens eindämmen zu können. Toni trank ein Bier. Wir zündeten uns die Zigaretten an und sie begann zu reden:

„Ich war mit meinem Richard achtzehn lange Jahre zusammen und wir wollten im Rentenalter doch noch reisen. Jetzt ist er tot und ich sitze alleine da.“ Ihr Kopf hing nach unten, sie blickte auf ihre Füße. „Als er das lange halbe Jahr im Krankenhaus war, hat mir niemand geholfen, dabei musste man ihn doch dauernd betreuen. Alle Freunde haben sich verpisst und ich bin ständig von Calw nach Stuttgart ins Katharinenhospital gefahren.“

„Du bist aus Calw?“

„Ja, und da arbeite ich auch. Ich bin Kulturmanagerin für die Stadt Calw.“

„Aber Calw ist doch so ein schwarzes Loch ohne Sonne.“

„Kann sein, Hesse hat ja auch dort gelebt. Warst du schon im Hesse-Museum?“ Toni drückte ihre Zigarette aus, nahm den letzten Schluck Bier und bestellte sich noch einen Wein.

„Ja, irgendwann mal.“

„Hesse ist wie mein Mann auch an einem Schlaganfall gestorben.“ „Wirst du da nicht depressiv in diesem Calwer dunklen Loch?“

Der Ober brachte den Wein.

„Doch, deshalb wollte ich ja raus. Deswegen jetzt diese Reise. Irgendwann während Richards Krankenhausaufenthalt bin ich auch noch über eine rote Ampel gefahren. Ich hab das aber ganz gut gemanagt und habe den Führerscheinentzug in der Kur abgesessen.“

„Ah, Kur hast du auch gemacht?“

„Ja, ich kann das Ganze nicht verarbeiten.“ Sie weinte jetzt richtig.

„Aber die Tränen, die sind gut, manche können gar nichts rauslassen.“ „Ja, ich weiß, ich bin in einer Trauergruppe.“ Darauf zündete sie sich noch eine Zigarette an und trank einen großen Schluck von dem Wein. „Aber ich finde das voll mutig, dass du jetzt so alleine nach Ägypten reist.“

„Ich habe von Richard noch so eine Art Plan, wo wir überall hinreisen wollten. Er interessierte sich sehr für alte Geschichte. Aber auch für die zwei Weltkriege, was ich nicht so toll finde. Die Bücher über die Kriege werde ich vernichten, den Rest behalte ich.“

„Mein Partner ist auch so ein Fan von alter Geschichte.“

„Ich glaube, mein Richard war so ähnlich wie dein Partner. Ich konnte ihn immer alles fragen und er hatte eine Antwort. Er war Programmierer. Jetzt gibt mir niemand mehr Antworten.“

„Meiner war in der Wirtschaft tätig und studiert jetzt im Alter noch Klassische Archäologie und Alte römische Geschichte.“

„Wow, er studiert noch Alte Geschichte! Nach Ägypten wollte der Richard allerdings nicht. Ihn hat nur die klassische Antike interessiert. Deshalb dachte ich, ich reise nach Ägypten. Dann kommen mir nicht zu viele Erinnerungen hoch. Auch nach seinem Tod war es schrecklich. Seine beiden Kinder aus der ersten Ehe dachten, es gäbe etwas zu holen. Dabei haben sie mich null unterstützt, während er todkrank war. Es gab aber nichts zu holen, wir hatten alles fürs Reisen ausgegeben.“ „Bist du denn im Alter versorgt?“

„Ja, ich habe die Witwenrente. Aber das kann ihn auch nicht zurückbringen. Hast du schon mal Selbstmordgedanken gehabt? Seit seinem Tod quält mich das ständig.“

„Aber das ist doch kein Grund, sich umzubringen.“

„Doch, aber ich weiß nicht, wie. Die einzige Möglichkeit für mich wären Schlaftabletten. Aber die Tabletten, die man in den Apotheken bekommt, sind nicht mehr so, dass das man nach einer Überdosis tot wäre. Aber einen anderen Tod kann ich mir nicht vorstellen. Ich will einschlafen.“ Dabei schaute sie mich mit flehenden Augen an.

Ich nahm sie in den Arm und dachte, das ist ein schönes Gefühl, sie trösten zu können.

Plötzlich stand ich mit wackeligen Beinen auf und sagte: „Entschuldigung, Toni, ich muss mal.“

Ich ging aufs Zimmer und entleerte mich für Stunden. Ich dachte, ich könnte die ganze Nacht nicht schlafen.

Gegen Mitternacht stand ich noch mal auf und ging an Deck. Toni und Reiner standen hinten an der Reling und steckten vertraulich die Köpfe zusammen. Wahrscheinlich erzählte sie Reiner die gleiche Geschichte über Richard, die sie mir vorhin anvertraut hatte. Ich verzog mich an das andere Ende des Decks, rauchte noch eine und ging wieder nach unten in unsere Kabine. Auf dem Weg dorthin kam mir Gisela entgegen. Was würde sie dazu sagen, dass ihr Mann mitten in der Nacht mit Toni so vertraut an Deck stand? Ich hielt kurz inne, als sie an mir vorbeiging, aber wir mussten ja um fünf Uhr morgens wieder aufstehen. Mein Darm beruhigte sich später. Morgens vor Sonnenaufgang klingelte das Telefon. Der Wake-up-Call.

Ich glaube nicht an eine Meditation, die die Gedanken abschalten lässt, wenn man meditativ seinen Gartenschlauch auf den wachsenden Rasen hält. Mir kommen dann eher zu viele Gedanken, Gedanken der Unruhe, was man noch weiter denken könnte, wohin man seine Worte lenken könnte. In das ungewisse Universum der Etymologie beispielsweise, dorthin, wo so viele Worte wohnen, dass es einem schwindelig werden könnte.

2. Tag, Besichtigung der Memnonkolosse, Tal der Könige und Tempel der Hatschepsut, danach Habu-Tempel

Ich tastete schlaftrunken nach dem Telefonhörer, als es um fünf Uhr morgens klingelte. Der Hörer fiel mir aus der Hand. Ich setzte mich im Bett auf und suchte nach dem Hörer. „Hello, this is your wake-up-call.“ Die Stimme am anderen Ende hatte aufgelegt. Ich torkelte ins Bad. Was für ein Morgen! Kein gemütliches Rekeln im Bett! Als ich im Bad fertig war, setzte ich im Teekocher Wasser aus der Plastikflasche auf. Das Leitungswasser durften wir Touristen nicht trinken. Das hatte uns der Reiseleiter eingeschärft. Als es kochte, übergoss ich den Nescafé und den Kaffeeweißer mit dem Wasser. Tür auf und erste Morgenzigarette auf dem Minibalkon. Es war noch fast dunkel, aber ich sah, wie eine Katze an der Kaimauer nach Fressbarem suchte. Der Sprechgesang des Muezzins ertönte. Der Kaffee schmeckte so, als ob ich die dreifache Menge an Kaffeepulver genommen hätte, so stark war er. Ich hörte, wie drinnen die Badtür ging. Paul war aufgestanden. Mein Darm war von gestern noch leer, also kein Klogang. Ich rauchte noch eine, ging wieder zurück in die Suite und packte ein paar Sachen für den Reisetag, denn wir hatten nur eine Stunde Zeit für Bad, Ankleiden, Frühstück und Abmarsch. Paul kam aus dem Bad und ich fragte:

„Bist du fertig?“

„Ja, gleich.“ Er zog sich gerade die Schuhe an.

Kurz darauf gingen wir auf der mit weinrotem Samtteppich bezogenen Treppe mit dem goldenen Geländer hinunter in den Essraum. Hier wurden alle Mahlzeiten serviert, und das regelmäßig. Jeden Tag gab es Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Die ägyptischen Ober trugen weinrote Westen und weiße Hemden. Ich setzte mich wieder auf denselben Platz am Rand gegenüber von Toni, mit einem „Guten Morgen“. Sie hatte schon etwas auf ihrem Teller. Ägyptisches Brot und Käse. Paul steuerte sofort auf das Buffet zu und kam mit seinem Joghurt mit Früchten zurück. Als er sich gesetzt hatte, stand ich auf und holte mir nur ein hartes Ei, ein Toastbrot und Käse. Irgendwie musste ich meinen verletzten Darm zustopfen. Toni war nicht geschminkt und sah dadurch sehr blass und fad aus.

Ich fragte sie: „Und, hast du geschlafen?“

„Ja, aber nicht lange, ich bin um vier Uhr aufgestanden, um mich im Bad fertig zu machen.“

„Hä, eine Stunde vorher?“

„Die ganzen Cremes auf meiner Haut und das Waschen der Haare, das dauert ewig.“

„Und jetzt bist du nicht mal geschminkt?“

„Dazu hatte ich keine Zeit mehr.“

Ich verstand es nicht und wollte es auch nicht wissen, schließlich war sie zehn Jahre älter als ich. Würde ich dann diese ganze Prozedur auch auf mich nehmen? Schönheitscremes und der ganze Mist? Ich beantwortete die Frage mit einem Nein. So würde ich nicht altern wollen. Ich würde in Würde altern.

Gisela schälte gerade eine Orange. Mehr hatte sie nicht auf dem Teller. Sie sah nicht gut aus. Ihre Falten hatten sich noch tiefer ins Gesicht eingegraben und sie nieste die ganze Zeit vor sich hin. Sie sagte zu Toni, die sich gerade noch ein Brot mit Wurst geholt hatte:

„Wenn du so weiterfrisst, wirst du noch fett.“

Ich fragte mich, warum sie das gesagt hatte. Toni war nicht fett. Sie war eher zerbrechlich. Hatte sie das gesagt, weil sie gestern Nacht Toni und Reiner an Deck zusammen gesehen hatte? Ich sagte nichts dazu. Vielmehr versuchte ich, meiner eigenen Gefühle Herr zu werden. Da war so ein Gefühl von Empathie gegenüber Toni. Sie tat mir leid, wie damals meine Tante, die ich immer als Kind begleiten musste, denn sie konnte wegen ihrer Kinderlähmung nur an einer Schiene gehen und humpelte. Ich durfte ihr als Kind nie davonrennen, da sie so langsam war. Es war Mitleid, das ich Toni gegenüber empfand, aber es war überhaupt nicht negativ, es war eher eine Art Zuneigung, vielleicht war ich sogar verliebt in sie. Oder verwechselte ich Mitleid mit Liebe? Ich hatte mich schon öfters in Frauen verliebt, aber es war nie eine Beziehung daraus entstanden, denn ich hatte mich immer in Hetero-Frauen verliebt. Diese Verliebtheiten mussten auch etwas mit meiner Mutter zu tun haben, nicht nur mit meiner Tante, denn meine Mutter hatte mich immer niedergemacht, weil sie in ihrem eigenen Leben immer zu kurz gekommen war. Sie war die Zweitgeborene von drei Kindern. Meine Tante stand immer im Mittelpunkt wegen ihrer Krankheit, und dann später wahrscheinlich der jüngere Bruder meiner Mutter, das Nesthäkchen. Sie war immer dazwischen gewesen. Gehässige Bemerkungen kamen ihr wie Öl über die Lippen. Wenn ich beruflich erfolgreich war und ein gutes Buch geschrieben hatte, meinte meine Mutter, nachdem sie es gelesen hatte, das hätte sie auch zustande gebracht. Diese Worte von ihr! Sie hatte in ihrem Leben gar nichts auf die Reihe gekriegt, das Einzige war, dass sie kochen konnte, aber da war sie mit ihren Rezepten in der Nachkriegszeit stehen geblieben. Nie war sie berufstätig gewesen. Als mein Bruder und ich aus dem Haus waren, sagte sie: „Ich setze mich doch nicht an die Kasse in einem Supermarkt!“ Dafür war sie sich zu fein. Als ich klein war, unterhielt sie sich lautstark über meinen Kopf hinweg mit irgendwelchen Nachbarinnen und erzählte ihnen, dass ich zu schüchtern sei und kein Wort herausbrächte. Später, als ich schon ausgezogen war, sagte sie mir ständig am Telefon, dass ich eine Piepsstimme hätte. Dabei kam das alles nur durch ihre blaffende Art. Mundtot hatte sie mich gemacht mit ihren Gehässigkeiten. Obendrauf, wenn bei ihr die Gäule total durchgingen, versohlte sie mich mit dem Latsch. Wenn sie mit dem Ding ankam, flüchtete ich mit Herzklopfen unters Bett, so weit, dass sie mich nicht erreichen konnte. Durch all diese Gemeinheiten mir gegenüber hatte ich nie eine richtige Mutter gehabt. Später hatte ich mir immer gewünscht, so eine Art Freundin-Mutter zu finden. Es passierte aber nichts. Ich war immer noch auf der Suche nach einer neuen Mutter.

Paul kam mit seinem zweiten Gang an. Spiegelei, Brot und Wurst. Ich hatte fertig gegessen. Eine halbe Toastbrotscheibe lag noch auf meinem Teller. Alle waren schon nach oben zu den Kabinen gegangen. Eigentlich hätte ich jetzt aufstehen können, aber ich blieb sitzen wegen Paul. Ich sah auf die Uhr. Die Zeit wurde knapp. Um sechs Uhr war Abfahrt.

Ich schaue vom Bildschirm auf. Meine Augen tropfen Benzin. Paul sagt, ich solle mir mehr Licht machen. Dabei küsst er mich sacht aufs Haar. Draußen ist es Nacht und der Mond hat sich als Sichel in den Himmel gemeißelt. Warum heißt es Sichel? Sollte man den Mond mit einer Sichel umsicheln? Umbringen? Wenn jemals jemand den weißen Mond umsicheln kann, dann wird das nur ein Schriftsteller können, der mit seinem schwarzen Buchstabenmeißel die Leere der Seiten graviert. Die Waschmaschine piept misophonisch an mein Ohr.

Im Morgengrauen war die Gruppe abfahrbereit. Über einen winzigen, wackeligen Steg, der Reiseführer vorneweg, gelangten wir ans Ufer und wurden wieder von ägyptischen Händlern überfallen. Schnell zwängten wir uns in den kleinen Bus. Paul und ich saßen direkt hinter dem Fahrer, dahinter Linda und Jakob und noch weiter hinten Gisela, Reiner und Toni. Wir fuhren an einem Kanal entlang. Der Reiseführer erzählte von der Wurmkrankheit der Ägypter, der Bilharziose. Nur in den Kanälen würden sich die Ägypter diese Krankheit zuziehen. Am Nil nicht, da er fließt. Die Würmer im Wasser würden sich in die Haut bohren. Man bekäme einen Hautausschlag und letztendlich könnte Blasenkrebs daraus entstehen. Mittlerweile gebe es Tabletten gegen die Krankheit.

Jakob hinter uns meldete sich, dass ihm schlecht sei. Ich glaube, wir waren alle mies drauf an diesem Morgen wegen des frühen Aufstehens.

Der Bus fuhr in die Morgenröte. Und dann kamen wir an der ersten Stätte an. Die Memnonkolosse. Zwei riesige Statuen, ungefähr vierzehn Meter hoch aus dem Jahr 1379 vor Christus, rammten sich in den Morgenhimmel. Als wir ausstiegen, war es eiskalt. Wir konnten unseren Atem als Rauchwolken sehen. Ich fror in meiner silberfarbenen Sommerjacke. Um uns waren keine Touristen. Wir waren die Ersten. Die Ägypter waren zurückhaltend. Es gab nur ein paar Stände. Und die Kolosse, König Amenophis III. und seine Gattin Teje, sahen großartig in der Morgenröte aus. Sie glänzten terrakottafarben im Licht, dahinter die ganzen Ballonfahrer, die in den Himmel aufstiegen, um das Tal der Könige von oben zu sehen.

Linda fotografierte Jakob. Jakob fotografierte Linda. Ich packte Paul und sagte, er solle mich vor König Amenophis III. fotografieren. Ich, die winzige Autorin, der Gott Toth, der mit dem Ibis- oder Paviankopf mit dem Griffel in der Hand. Ich in meiner silberfarbenen Sommerjacke im ägyptischen Winter. Paul hatte alles, war erfolgreich, hatte Geld, und ich hatte nur diese Worte, die wie Lebertrankleister aus mir herauskrochen, um sich wieder in meinem Gehirnlabyrinth festzusetzen. Toni lief zwischen den Statuen wie ein kleines verlorenes Hündchen hin und her, aber sie tat etwas, sie fotografierte. Man musste sich um sie keine Sorgen machen. Trotzdem ging ich auf sie zu und fragte, ob ich sie vor den Kolossen fotografieren solle. Sie bejahte. Gott sei Dank hatte sie nicht so eine schrille geifernde Stimme wie meine Mutter. Ihre Stimme war angenehm tief, eine Altstimme. Ich zückte den Fotoapparat. Sie sah so winzig aus vor diesen zwei riesigen Statuen! Ich hatte ein Ziehen im Magen. Wieder das Mitleid? Als ich ihr den Fotoapparat zurückgab, berührten sich unsere Hände und ich dachte, es elektrisiert. Aber vielleicht war es nur meine Einbildung. Wünschte ich mir überhaupt, dass sich Toni in mich verliebte?

Als wir wieder in den Bus einstiegen, sagte Paul: „Hinter den Memnonkolossen, da war eine riesige Tempelanlage. Das wurde alles geräubert. Die Steine wurden als Steinbruch für neue Tempelanlagen benützt.“ Wir fuhren weiter zum Tal der Könige, während wir uns alle die Hände rieben, so kalt war es.

In meinem Garten huschen kleine Feldmäuschen. Sie haben sich in das Igelhotel eingenistet. Die Igel kommen nicht mehr. Damals vor zwei Jahren, als ich ihnen das Igelhotel gekauft hatte, hatten sie es verschmäht. Auf der Verpackung des Hotels stand, es könne auch sein, dass sich andere Tiere dort einnisten. Jetzt sind es die Mäuschen. Mäuse haben für mich eine besondere Bedeutung. Als Kind hatte ich eine weiße Stofftier-Maus von Steiff. Sie war ganz abgerubbelt, so sehr habe ich sie geliebt. Ich verlor sie bei einem Spaziergang. Dieses Drama! Meine Eltern kauften mir genau die gleiche Maus noch einmal, aber das war nicht meine abgerubbelte Maus. Die war künstlich neu. Ich ließ sie in der Ecke vergammeln. Ein paar Jahre später fing ich auf der Terrasse meiner Eltern eine echte weiße Maus. Sie hatte rote Augen. Meine Mutter holte das kleine Terrarium, in dem wir früher Kaulquappen zu Fröschen gezüchtet hatten, aus dem Keller. Dort bekam die kleine weiße Maus abends ihren Platz. Am nächsten Morgen war sie weg. Manchmal nenne ich Paul Maus, obwohl er über einen Meter neunzig groß ist.

Tal der Könige

Als Erstes mussten wir dort durch den Basar. Wieder einmal wurden wir von den Händlern bedrängt. Ich fragte mich, wer diesen Schrott kaufen sollte? Damit konnte man in Europa nichts anfangen. Ägyptische Kleider. Kleine Götterstatuen, die billige Repliken waren. Tücher mit grässlichen Mustern. Paul und ich gingen so schnell es ging hindurch und gelangten zur Eingangshalle, wo ich bei einem Pseudoscanner meinen Rucksack röntgen lassen musste. Schließlich standen wir vor dem riesigen Modell unter einer Glashaube. Es war ein Abbild des Tals der Könige. Man konnte die vielen unterirdischen Gänge sehen, die die Gräber der großen Pharaonen ausmachten. Das ganze Tal war unter der Erde durchlöchert. Weiter ging es mit einer kleinen Bahn zum Tal der Könige. Ein Kollege hatte mir erzählt, dass dort auf den Bergen, als er im Jahr 1999, zwei Jahre nach dem Terroranschlag, im Tal der Könige war, rund um das Tal militärische Wachposten mit Schnellfeuerwaffen zum Schutz der Touristen gestanden hätten. Heute sah man keine Militärpolizei mehr. Wir besuchten drei Gräber. Sie funktionierten alle nach dem gleichen Modell. Man lief vom Eingang aus steil hinunter, an mit Hieroglyphen geschmückten Wänden vorbei. Die Decke wurde, je weiter man hinunterkam, immer höher, bis man ganz unten beim Allerheiligsten, dem Grab, ankam. Dort waren auch die Decken bemalt.

Die Hieroglyphen sind friedlich, stumm. Eine fremde Sprache, die ich nicht verstehe. Sie beruhigt mich mit ihren Symbolen, die für mich genauso wie mathematische Codes undurchdringlich sind. Ich liebe tote Sprachen, die nur noch eingemeißelt in Wände ohne Laut sprechen. Ich liebe die Stille, sie kann einen nicht verletzen.

Als wir im ersten Grab ganz unten waren, sah Toni in das Allerheiligste hinein. Im Moment waren noch keine Touristen da. Toni war alleine unten am Ende des Tunnels. Gisela hatte sich hinter sie gestellt. Da hörte ich, dass Gisela mit spöttischer Miene, die Mundwinkel herabgezogen, zu Toni sagte: „Hoffentlich stürzt jetzt das Grab nicht ein, dann wären wir lebendig begraben.“

Toni konnte daraufhin nur schwer die Tränen zurückhalten. Während wir in dem Grab nach oben in Richtung Tageslicht stiegen, sagte ich zu ihr:

„Lass dich von der nicht kleinkriegen! Die hat doch einen Dünkel.“ Daraufhin wich Toni nicht mehr von meiner Seite, als wir die restlichen Gräber besuchten. Wie ein Schatten lief sie mir hinterher. Und ich genoss es!

Alle Gräber in dem Tal sind damals ausgeraubt worden. Nur ein Grab ist verschont geblieben. Das von dem kleinsten aller Pharaonen, das Grab von Tutanchamun. Die Schätze des Grabes, darunter auch die goldene Maske, befinden sich heute im Ägyptischen Museum in Kairo. Während der Reiseleiter nach der Besichtigung über die Todeszeremonie der Ägypter berichtete, sah ich, dass sich Toni in die Morgensonne gestellt hatte und von einem Fuß auf den anderen trat. Ich ging zu ihr und fragte sie, ob sie auch aufs Klo müsse. Wir verdrückten uns zu einem heruntergekommen Wagen, der sich Klo nannte. Wir gaben dem Ägypter, der uns ein paar Blatt Klopapier reichte, einen Euro und betraten den Vorraum der Toiletten. Es gab nicht einmal Seife im Spender. Nur ein verbrauchtes einsames Stück Seife lag auf dem verdreckten Waschbecken. Die Klos selber sahen nicht besser aus. Wie froh war ich, als ich wieder draußen war. Als wir zurück bei der Gruppe waren, erzählte der Reiseleiter gerade über die Reise der Toten.

„Die Verstorbenen kamen vor das Totengericht des Osiris. Osiris war der Gott der Unterwelt. Die Toten machten sich auf den Weg in die Unterwelt, Duat genannt. Der Eingang zur Unterwelt lag im Westen, deshalb liegen auch alle Gräber im Westen vom Nil. Dort kam der Tote an ein riesiges Tor, wo Himmel, Erde und Unterwelt aufeinandertrafen. Außerdem war da ein riesengroßes Gewässer. Es rauschte um die Pforten des Tores. Weitere Pforten folgten. Dort wanden sich riesige Schlangen und spitze Dolche warteten. Außerdem lauerten böse Dämonen dort. Der Verstorbene musste die Zaubersprüche kennen. Am Schluss kam das Totengericht. Erst wenn er dort bestand, konnte er ins ewige Leben eingehen.“ Toni hatte angespannt dem Reiseführer gelauscht. Als er seinen Vortrag beendet hatte, sagte sie zu mir: „Vielleicht sollte ich mir eine Pistole kaufen. Das wäre auch ein schneller Tod.“

„Toni, lass diese Gedanken, das ist doch Quatsch!“

Es ging weiter zum Totentempel der Hatschepsut. Als wir dort angelangten, musste Toni schon wieder aufs Klo. Ich ging ihr hinterher, um sie zu bewachen. Schließlich war sie selbstmordgefährdet. Als sie nach dem Warten in der Schlange dran war, um in einer der Kabinen zu verschwinden, ging sie gar nicht hinein, sondern stellte sich vor den Spiegel und richtete ihr Haar. Die ist aber eitel, dachte ich. Die ganze Reisegruppe hatte wieder fünfzehn Minuten auf sie warten müssen, denn die Schlangen auf den Klos bei den Sehenswürdigkeiten waren lang.

Wenn man in weiter Entfernung vor dem in Kalkstein erbauten Tempel stand, wirkte er winzig in den ihn umgebenden Felsen. Er fügte sich wie ein Kunstwerk in die Berge ein, denn der Tempel und die Felsen hatten die gleiche Farbe. Der Reiseleiter erklärte, dass Hatschepsut nur deswegen Pharaonin bleiben konnte, weil sie sich als Göttin ausgab. Ich sagte zu Toni:

„Überleg dir, da wird 1479 Jahre vor Christus eine Frau Pharaonin. Bis wir eine deutsche Bundeskanzlerin hatten, dauerte dies 2005 Jahre nach Christus. Hatschepsut muss ein Phänomen gewesen sein. Dass die alten Ägypter eine Frau als Königin akzeptiert haben! Unfassbar!“ „Ja, aber sie hat sich ja zuerst als Mann und dann als Göttin ausgegeben.“

Wir gingen die ganzen Treppen hoch. Es war ein erhebendes Gefühl, als ob man schweben würde. Paul fotografierte mich zusammen mit einem Ägypter in seiner Tracht vor einer der gut erhaltenen Statuen der Hatschepsut, die in Richtung Tempel Karnak blickte - die Statue und ich mit gekreuzten Armen.

Später klärte der Reiseführer über den Terroranschlag auf.

„Am 17. November 1997 fand das Massaker von Luxor statt. Es waren Islamisten, die mit automatischen Waffen und Messern 62 Personen töteten. Vor allem die Körper der Frauen wurden verstümmelt. Später wurden die Leichen der Attentäter gefunden. Sie hatten wahrscheinlich gemeinschaftlich Selbstmord begangen.“

Toni murmelte in sich hinein, sodass nur ich es hören konnte: „Ja, Selbstmord, das ist der einzige Ausweg.“ Diesmal tat ich so, als ob ich nichts gehört hätte, denn ich wollte kein Öl ins Feuer gießen.

Der Reiseleiter fügte hinzu:

„Es war das Ziel, den erfolgreichen Tourismus von Ägypten zu treffen. Am nächsten Tag war die Hälfte aller Touristen abgereist. Das war aber nicht die Religion des Islam, die das Attentat verübt hat. Jede Weltreligion ist friedlich. Allein die Menschen machen die Religion.“ In den Mundwinkeln des Reiseführers hatte sich Speichel gesammelt. Er trank einen Schluck aus seiner kleinen Wasserflasche.

Ich sagte zu Toni:

„Erstaunlich, erst vier Jahre später war der Anschlag auf das World Trade Center.“

Die Fahrt ging weiter zum Habu-Tempel. Am Eingang des Tempels lagen auf hinuntergehenden Treppen zwei schwarze Hunde in der Sonne. Sie rührten sich kaum, als wir an ihnen vorbeiliefen. Der Reiseführer sagte: „Manchmal finden sich die Hunde zu Rudeln zusammen, um Fressen zu erbetteln. Die Ägypter mögen die frei laufenden Hunde nicht.“

Der Habu-Tempel war riesengroß und gut erhalten. Als wir direkt vor dem Eingang standen, sagte der Reiseleiter, dass es heute den Kalender mit 365 Tagen gebe. Er fragte in die Runde: „Und wer hat den Kalender erfunden? Die alten Ägypter!“ Darauf machte er ein Handzeichen und wir gingen in den Tempel hinein, vorbei an der Göttin Sachmet, einer Statue mit einem Löwenkopf. Der Tempel wurde nach hinten zu immer dunkler und enger im Gegensatz zu den Gräbern im Tal der Könige, die nach hinten hin immer höher und weiter werden. Als wir beim Allerheiligsten angelangt waren, sagte Toni, sie müsse schon wieder aufs Klo. „Mein Richard hat immer gesagt, wenn ich alte Steine sehe, müsste ich aufs Klo.“ Ich fragte mich, ob das eine faule Ausrede war. Sie verdrückte mal wieder eine Träne und schaute Paul an, der ein paar Meter weiter weg von uns mit dem Reiseführer über eine Hieroglyphe fachsimpelte.

Draußen vor dem Tempel stand ein kleiner Kiosk, wo man Postkarten kaufen konnte. Toni suchte in den ganzen von der Sonne verblichenen blaustichigen Karten nach neueren, besser erhaltenen Karten, wurde aber nicht fündig. Wir gingen weiter in Richtung Bus, und wieder umringten uns Händler. Einer von ihnen hatte eine kleine Statue mit einem Katzenkopf aus milchig weißgrüner Jade in der Hand. Ich kaufte sie ihm für fünf Euro ab, ohne zu handeln. Wir wurden daraufhin ihn und die anderen Händler nicht mehr los. Als wir schon im Bus saßen, riefen sie durch die geöffnete Tür herein, irgendwelche Gegenstände hochhaltend: „Ein Euro, zwei Euro! Fünf Euro für drei!“ Reiner sagte zu mir: „Du bist schuld, die kriegen wir nicht mehr los!“ Dabei lachte er aber.

Auf dem Rückweg zum Kreuzfahrtschiff machten wir nicht den Umweg über eine Nilbrücke, sondern wir konnten eine kleine Fahrt in einem bunten Boot über den Nil genießen. Eine steile Treppe führte zum Boot. Oben standen ägyptische Kinder, die die Touristen an der Hand zum Boot geleiteten. Dafür wollten sie Geld. Ich fragte mich, warum die Kinder nicht in der Schule waren.

Meine Worte verorten sich so lange, bis sie in den Abflussrohren der Kanalisation verrotten.

Nach der Mördertour hatte ich versucht zu schlafen, aber der Einzige, der schlief, war Paul. Sein gesegneter Schlaf! Also ging ich hoch an Deck. Ich suchte nach Toni. Sie lag in einem Liegestuhl und schlief. Ich bemerkte, dass ihr Dekolleté schon ganz rot war und sich kleine eitrige Bläschen gebildet hatten. Ich stellte mich so vor sie hin, dass sie in meinem Schatten lag, und rief:

„Toni, du musst aus der Sonne!“

Sie wachte auf.

„Komm, lass uns einen Kaffee trinken gehen.“

„Der Kaffe hier schmeckt schrecklich.“

„Trotzdem, steh auf, du bist schon rot wie ein Krebs.“

Sie stand auf und wir setzten uns in den Schatten. Der Ober kam nach der Bestellung mit den Kaffees.

Toni rührte in ihrer Tasse und sagte:

„Ich verstehe das nicht, dass Gisela so ekelhaft zu mir ist.“

„Ich habe dich und Reiner gestern um Mitternacht an Deck gesehen.

Das sah sehr vertraut aus. Was habt ihr gesprochen?“

Toni wurde rot im Gesicht. Dort hatte sie noch keinen Sonnenbrand. „Ich wollte euch nicht stören. Ihr standet ja am Heck. Ich habe am Bug noch eine Zigarette geraucht. Dann ging ich wieder hinunter in die Kabine. Dort kam mir Gisela entgegen. Sie muss euch gesehen haben. Die sind seit dreißig Jahren ein Paar. Da kannst du jetzt nicht reingrätschen. Was glaubst du, wie du reagiert hättest, wenn eine Frau versucht hätte, dir deinen Richard wegzunehmen.“

Tonis Augen weiteten sich.

„Gisela war noch an Deck?“

„Du darfst dich mit Reiner nicht mehr treffen. Außer, du willst die Bösartigkeiten von Gisela aushalten. Glaubst du, dieses Verhalten von ihr kommt von ungefähr? Das hat einen Grund!“

„Es ist so, ich kenne Reiner von früher, ich habe doch damals meine Weiterbildung zur Kauffrau gemacht, und Reiner hat eines der Seminare geleitet.“

„Ach so, und war da was?“

„Nee, da war nichts. Ich will ja gar nichts von Reiner, das mit Richard ist doch noch viel zu nah. Aber Reiner ist so lustig. Er bringt mich auf andere Gedanken.“

„Ich warne dich hiermit. Treib es nicht auf die Spitze!“

„Ich? Nein! Ich gehe doch in die Trauergruppe und breche ständig in Tränen aus. Wie sollte ich jetzt an einen anderen Mann denken? Das Schlimmste war das, was die Psychologin mir in der Kur gesagt hat: ‚Es wird nichts mehr, wie es einmal war.‘ Und da hat sie recht. Was soll bloß werden? Ich sehe nur einen Tunnel, aber am Ende kein Licht.“

Mir tat sie wieder leid wegen dieser Gemeinheit. Dass die Leute kein Taktgefühl hatten! Ich sah sie an, als ob ich sehr vertraut mit ihr wäre. „Blöde Kuh, was soll der Scheiß? Ein, zwei Jahre Trauer und dann wirst du wieder jemand Neues finden. Glaub mir. Wie wär‘s diesmal mit einer Frau?“

„Eine Frau? Hm … Weiß nicht.“

Ich taxierte sie. Schließlich wollte ich herausfinden, ob ich eine klitzekleine Chance bei ihr hätte.

Sie fuhr aber fort und überging das Frauenthema:

„So einfach ist es nicht. Entweder sind die Männer in den Jahren in Beziehungen, oder sie sind krank, oder sie sehen scheiße aus, oder sonst was. Ich will nicht mal ins Internet auf so eine Datingplattform. Ich glaube, da würde es mich nur gruseln. Ich will meinen Richard wieder zurück.“

„Wir sehen uns nachher beim Abendessen, ich muss jetzt mal nach Paul sehen.“

An dem Abend war Silvester. Als ich mich an meinen Platz setzte, sah ich, dass Toni jetzt einen unübersehbaren Hautausschlag hatte. Gisela beugte sich gerade zu ihr hinüber und fragte:

„Hast du etwa die Wurmkrankheit der Ägypter?“

Toni antwortete nicht. Stattdessen stierte sie in ihren leeren Teller. Eine Minute später stand sie auf und holte sich etwas vom Buffet. An diesem Abend gab es Truthahn. Ich holte mir viele Salate, da ich die Gewürze Koriander und Minze liebe. Toni mochte die Gewürze nicht und sie holte sich eher pure Leckereien. Die Salate an Bord konnte man anscheinend problemlos essen, denn sie wurden mit Chlorwasser abgespült und die Salatwäscher trugen Handschuhe.

Kurze Zeit später gab Reiner einen Witz zum Besten:

„Was ist der gefährlichste Ort auf der Welt?“

Alle spitzten die Ohren. Toni vermied es, Reiner anzusehen.

„Das Bett!“

„Nee, das Bett?“, fragte Toni, immer noch ohne aufzublicken.

„Da sterben die meisten Leute.“

Toni brach in Lachen aus und sah Reiner begeistert ins Gesicht. Gisela saß stoisch am Tisch und verzog keine Miene. Paul lächelte ein wenig. Linda und Jakob hatten den Witz nicht mitbekommen, da sie am Buffet waren.

Plötzlich öffnete sich die Tür zur Küche und die gesamte Küchenmannschaft fiel mit lautem Singen in den Speisesaal ein. Der Vorderste der Truppe trug eine Torte. Jemand hatte an diesem Abend Geburtstag. Toni stand das Wasser in den Augen und sie sagte, so ähnlich sei es vorletztes Jahr an Richards Geburtstag gewesen, als sie in Thailand waren. Gisela beugte sich zu Toni hinüber und sagte lautstark mit ihrer krächzenden, erkälteten Stimme:

„Deine Heulerei nervt. Du bist wie eine Zecke, du saugst die Energie deiner Mitmenschen ab.“

Ich proste mit einem Glas Rotwein meinen schwarzen Worten zu, die ich soeben auf das weiße Blatt gehämmert habe. Schwarz-weiß-rot … Meine Farben, meine Sinne … Meine Seele ist ein Gespenst, das nachts ruhelos in den Geistern nach dem sucht, was sie verdursten lässt. Ich denke, ich könnte irgendwann Mondkühe bauen, wenn ich aus dem Fenster schaue.

In der Kabine erzählte ich Paul von der Dreiecksbeziehung zwischen Toni, Gisela und Reiner. Meine Verliebtheit erwähnte ich nicht. Schließlich hatte Paul mir auch nie gestanden, dass er früher öfters mal fremdgegangen war. Ich hatte es nur immer gerochen wie ein Jagdhund, der die Spur des Wilds aufnimmt.

Er sagte nur: „Halt dich da raus!“

Ich entgegnete: „Aber das ist doch eine geile Story!“

„Hey, Süße, das ist unser Urlaub! Musst du immer ans Schreiben denken? Ich bitte dich, schalte ab und genieße den Urlaub. Von Toni würde ich mich ab sofort zurückziehen. Das ist ihre Sache.“

Das Schiff legte nachts von Luxor in Richtung Assuan ab. Ich saß auf meinem kleinen Raucherbalkon und starrte ins Dunkle. Händler auf Ruderbooten riefen laut „Holla!“ zu mir hinauf. Sie warfen eine Plastiktüte nach oben, in der ein Kleidungsstück war, das ich kaufen sollte. Ich öffnete die Tüte, legte drei Zigaretten hinein und warf die Tüte wieder hinunter mit den Worten: „I don‘t want your clothes, but I give you cigarettes. Kurz darauf drehten sie, anscheinend zufrieden, wieder ab.

Der schwarze Nil verteilte seine weißen Schaumkronen am Rand des fahrenden Schiffs. Die Silhouetten der Palmen klebten am schwarzen Uferrand. Vorne ein einziges kleines Licht. In der Ferne hörte man noch den Muezzin zum Gebet rufen. Ich bete nicht. Gott ist nicht in dieser Welt, dachte ich. Manchmal schaute ich nur auf das weiße Geländer des Schiffs, das in die Ewigkeit fuhr, bis zum Tor der Toten, wo am Eingang die Schlangen warteten.

Auf Rabenschwingen verlassen die Buchstaben den Geist in die Gestade der aufkommenden Nacht, während ich nur wie eine Statue aus Marmor auf einer Stelle sitzen und die Sätze nicht mehr in ihren Bedeutungen erfassen kann.

Nachts versuchte ich zu schlafen, aber von dem Stockwerk über mir dröhnte Silvestermusik aus den 80er Jahren. Irgendwann war die Musik aus. Ich dachte an Toni, aber meine erotischen Fantasien gingen über einen Kuss nicht hinaus. Nach dem fantasierten Kuss dachte ich, ich müsste jetzt doch ihren Körper weiter erforschen, aber da war eine Art Blockade in meinem Hirn. Trotzdem hatte ich Herzklopfen. Ich war also verliebt. Da an Schlaf nicht zu denken war, ging ich noch mal an Deck und sah, dass Reiner jemanden küsste. Eine Frau mit schwarzen kurzen Haaren, die ich an Bord noch gar nicht bemerkt hatte. Ich ging vorsichtig etwas näher heran. Die Frau hatte ein seltsames Ding in der Hand, das wie ein Wischmopp aussah. Ich kam noch näher. Das war eine Perücke, und die Frau, die Reiner küsste, war Toni. Ich spürte einen Stich im Herzen. Wenn ich es mir eingestand, dann hätte Toni jetzt mich küssen sollen und nicht Reiner. Schade, ich war wieder bei einer Hetero-Frau gelandet. Oder vielleicht war sie wenigstens bisexuell. Dann hätte ich vielleicht eine Chance, aber ich verwarf diese Fantasie wieder. Als ich gerade enttäuscht umkehren wollte, zogen befremdliche Gedanken auf. Warum trug Toni diese Perücke? Warum ging sie ständig aufs Klo, um ihr Haar zu richten? Irgendetwas stimmte da nicht und ich fand es auch richtig peinlich, ich schämte mich für sie, sie hatte zu viel von sich offenbart. Das war so, als ob der Papst bei einer Audienz einen Pups lassen würde.

Das Schiff fuhr in die Schleuse. Nach der Zigarette ging ich wieder in die Kabine und dachte: So, jetzt kannst du schlafen, doch jetzt war es so, als ob jemand an Deck Metalltische auf den Boden knallen würde. Am nächsten Morgen hatte niemand diese Geräusche gehört und ich wunderte mich.

Paul hat die Dunstabzugshaube angeworfen. Das Geräusch verbreitet in meinen Gedanken solch einen Nebel, dass ich an den Abzug einer Pistole denke. Ich könnte mich jetzt in das Flussbett des Nils legen, aber in Wahrheit wanke ich in mein Schlafzimmer, wo ich lange wach liege, denn die Sätze lassen meinen Geist nicht los. Wie Schlangen winden sie sich in meinen Gehirnwindungen. Ich will sie loslassen, aber sie halten mich so besetzt, als hätten sie meinen Geist als Haus eingenommen. Ich stehe wieder auf und schütte noch ein Glas Rotwein in mich hinein. Danach schaue ich in Yogastellung an die Decke, während meine Hände auf der Bettdecke ruhen.

3. Tag, Morgens Ankunft in Edfu Kom; Kutschenfahrt zum Horustempel und Besichtigung von 7 bis 9 Uhr

Morgens früh um sechs Uhr stampfte das Schiff ruhig in die Morgenröte hinein. Der Himmel changierte zwischen Rot, Orange, Grau und Weiß. Die Palmen davor im Scherenschnitt schwarz, das Wasser war gelb und weiß am Bug des Schiffs, am Heck schwarz. Vor uns blinkte ein weiteres Schiff wie ein Leuchtturm. Ich musste mich noch schminken. Die Berge der Wüste bildeten eine graue Silhouette. Ich zog mir meinen Wintermantel an. Die Müdigkeit hing mir in den Knochen, und als ich an meiner Zigarette zog, dachte ich, Toni sei jetzt wahrscheinlich an Deck, um eine zu rauchen. Sie hatte ja nicht wie ich den Vorzug eines Balkons.

Als ich fertig geraucht hatte, gingen Paul und ich hinunter in den Speisesaal. Reiner, Toni, Linda und Jakob saßen schon am Tisch. Giselas Stuhl war leer. Reiner sagte: „Ich habe einen Patienten. Gisela ist krank mit Schüttelfrost.“ Toni grinste in sich hinein. Ich stellte mir vor, wie sie dachte: Endlich, die alte blöde Qualle ist krank. Aber war sie wirklich krank, oder nützte sie die Zeit, um sich weitere Gemeinheiten auszudenken?

Linda und Jakob waren auf der Silvesterparty gewesen, aber da die beiden so jung waren, schien es ihnen nichts auszumachen, dass sie so früh morgens wieder aufgestanden waren.

Nach dem Frühstück mussten wir zwischen ungefähr fünf anlegenden Schiffen durchfahren. Die Schiffe lagen nahe beieinander. Es war erheiternd zu sehen, welche Ausstattungen die jeweiligen Schiffe hatten. Linda und ich machten unsere Witze über ihre Einrichtung. So sagte ich zu ihr: „Das sieht ja aus wie ein Ikea-Schiff.“

Auf dem Quai standen viele Pferdekutschen. Die Pferdekörper dampften in der morgendlichen Kälte von der Anstrengung der letzten Fahrt. Ein abgemagertes Pferd, dahinter ein Platz für den Kutscher und für zwei Leute. Die Pferde waren geschmückt und trugen Scheuklappen. Es roch nach Pferdeäpfeln. Gisela war ja krank und Toni konnte mit Reiner fahren, sonst hätte sie mit dem Reiseführer vorliebnehmen müssen. Paul und ich fanden unseren Platz in einer Kutsche mit einem sehr langsamen Pferd. Der Fahrer trug eine neongelbe Jacke, einen braunen Schal und einen weißen Turban. Während der Fahrt drosch er immer wieder auf das Pferd ein. Das Fell war schäbig und man konnte schon blanke Stellen sehen. Bei einem der Peitschenhiebe schlug das Pferd aus.

Paul sagte: „Der Fahrer schlägt nicht wirklich. Er haut daneben. Das ist nur Folklore für uns Touristen. Er braucht das Pferd, damit verdient er sein Geld.“

Immer wieder wurden wir überholt von anderen Kutschen. Wir durchquerten Schlaglöcher, in denen unsere Kutsche strauchelte. Die Fahrt ging durch die ganze Stadt. Einmal kam ein Rettungswagen. Das interessierte den Kutscher nicht. Er reihte sich vor dem Wagen ein. An einer steileren Stelle kam das arme Pferd fast den Berg nicht hinauf und auf den letzten Metern zum Tempel hatten wir die Stadt hinter uns gelassen und die Kutschen fuhren Rennen. Unser Fahrzeug verlor immer. Wir kamen aber an. Ein riesiges Lager von Pferden und Kutschen wartete. Es roch wie in einem Pferdestall. Abdullah, unserer Fahrer, ließ uns aussteigen und sagte, er würde an der Stelle auf uns warten.

Wieder ging es durch einen Basar, bis wir den Tempel auf einer leichten Anhöhe erblickten. Der Pylon war noch sehr gut erhalten. Riesige Abbildungen von ägyptischen Göttern waren in die Fassade eingekratzt. Er war im Zeitraum von 237 bis 57 vor Christus errichtet worden. Wir gingen hinein. Toni und Reiner standen flüsternd und kichernd vor der Statue des Gottes Horus, dem Hor-Behdeti. Der Gott hatte die Form eines Falken. Ich hörte, wie Toni sagte: „Aber sie hat doch nichts bemerkt?“ Ihre Stimme ging danach in dem Geräuschpegel der anderen Touristen unter. Gut, Toni war beschäftigt, man musste sich anscheinend keine Sorgen um sie machen. Jetzt musste ich mich wohl eher um mich selber sorgen, denn meine Gedanken kreisten wie ein Leuchtturm um Toni. Wie gerne würde ich sie jetzt küssen, aber das Gespräch zwischen Reiner und Toni schien so vertraut, als ob die zwei sich schon ihr Leben lang kennen würden. Ob sie tatsächlich mal in einer Beziehung zu Reiner gestanden hatte? Aber warum war Reiner jetzt mit Gisela zusammen?

Der Reiseführer erzählte, als wir vor einer prächtigen Säule standen: „Es gibt erhabene und eingravierte Reliefs. Die Bildhauer haben sich vor der Ausführung Skizzen gemacht, damit sie die Proportionen hinbekamen. Die Skizzen machten sie auf Papyrus. Und wer hat das Papier erfunden? Die alten Ägypter.“ Schließlich hob er die Hand und es ging weiter. Ich durchschritt an der Seite von Paul den Tempel, spürte aber immer wieder, dass Toni, die lachend neben Reiner herlief, auch Paul im Auge hatte.

Kurze Zeit später waren wir wieder am Hafen. Paul gab dem Kutscher Abdullah zwei Euro, wie der Reiseführer es empfohlen hatte, aber Abdullah war damit nicht zufrieden. Er wollte noch einen Euro für sein Pferd. Paul gab ihm aber nicht mehr und sagte zu mir: „Das landet alles bei irgendeiner ägyptischen Mafia und nicht bei dem armen Pferd.“

Die meisten Worte kommen erst in der Nacht. Ich lege mich immer mit aufgeschlagenem Notizbuch ins Bett und mit Stift daneben. Wenn ich kurz vor dem Einschlafen aufschrecke, weiß ich, dass ich einen guten Satz schreibe. Erwache ich morgens, ist er weg, aber ich habe ihn ja abends davor in mein Notizbuch eingemeißelt. Da steht er immer noch. Schwarz auf dem Elfenbeinweiß.

Beim Mittagessen war Gisela wieder dabei und sie sah tatsächlich kränklich aus. Toni versuchte, Reiner nicht zu beachten. Gisela schien beruhigt und holte nicht zu einem Schlag aus. Das Schiff hatte mittlerweile wieder abgelegt und fuhr weiter nach Komo Ombo. Ich legte mich nach dem Essen hin und bekam tatsächlich eine Stunde Schlaf. Die gemächliche Fahrt auf dem Nil schien mich zu beruhigen. Als ich erwachte, schlief Paul immer noch. Ich ging an Deck, um Toni zu suchen.

Weiterfahrt nach Komo Ombo

Linda und Jakob hatten sich in das hinterste Eck des Decks verzogen. Sie wollten wahrscheinlich nicht gestört werden.

Toni lag weiter vorne in der Nähe der Tische auf einer der Liegen, mit einem Tee-Cocktail auf dem Beistelltisch. Ich setzte mich neben sie und bestellte einen der schrecklich schmeckenden Cappuccinos. Wir zündeten uns eine Zigarette an.

Toni fragte: „Wie lange seid ihr eigentlich schon zusammen, Paul und du?“

„Seit zwanzig Jahren.“

„Wie Richard und ich.“

„Habt ihr zusammengewohnt?“

„Na klar, wir waren doch verheiratet.“

„Wir wohnen nicht zusammen.“

„Aber ihr seid verheiratet, oder?“

„Nein, wir genießen unsere Freiheiten. Das funktioniert super, man freut sich immer wieder, den anderen zu sehen.“

„Das verstehe ich nicht. Ich hätte nicht alleine wohnen wollen in der Zeit mit Richard. Ist dir eigentlich aufgefallen, dass Paul gar nicht mit mir redet?“

„Paul redet nicht mit Leuten, die er nicht kennt.“

„Richard hat das auch nicht gemacht.“

„Mal was anderes, wie wär‘s, wenn wir Adressen tauschen? Oft verliert man sich ja nach so einem Urlaub aus den Augen.“

„Super Idee, Annika!“

Wir wühlten beide in unseren Taschen nach den Visitenkarten. Als Toni meine Visitenkarte in den Händen hielt, war es fast so, als ob sie sie für einen Schatz hielte, denn sie starrte mindestens eine Minute lang darauf. Danach steckte sie sie an die vorderste Stelle in ihren Geldbeutel. Vielleicht wollte Toni doch etwas von mir. Ich jedenfalls würde mir nichts anmerken lassen. Ich wollte mir eine Enttäuschung ersparen.

Die Sache mit der Perücke rumorte noch in mir und ich fragte sie:

„Warum trägst du eigentlich diese Perücke?“

„Woher weißt du das?“

„Gestern Nacht hast du dich mit Reiner unterhalten, da hast du die Perücke in der Hand gehalten.“

„Mist!“, entfuhr es ihr. Aber da hatte sie sich schon wieder gefangen. „Mir macht es Spaß, mich zu verwandeln. Ich trage immer verschiedene Perücken. Außerdem sind meine Haare nicht so toll.“

„Aha“, sagte ich nur gedehnt.

Das Schreiben ist eine gefährliche Waffe, man kann damit Menschen bis auf ihre Knochen sezieren. Ich sollte vorsichtig damit umgehen, was ich für meinen Teil meistens nicht tue, denn ich liebe Skelette, die wie in einer Totenstadt auf ihr endgültiges Ende warten, das sie nie haben werden, denn nach der Bibel leben sie ja anscheinend unendlich.

16 Uhr 30 Besichtigung des Doppeltempels Komo Ombo

Nachdem das Schiff in Komo Ombo angelegt hatte, war es Zeit für die nächste Besichtigung. Die Sonne verschenkte gerade ihre letzte Kraft, als unsere Reisegruppe in Richtung Doppeltempel ging. Wir hüllten uns in unsere Jacken, denn es wehte ein kalter Wind. Wieder kamen uns unzählige Händler entgegen, die uns bedrängten. Es gab auch Frauen, aber die saßen hinter ihren Waren und trauten sich nicht, uns anzusprechen. Der Tempel war nicht nur durch die Abendsonne beleuchtet, sondern auch durch elektrische Strahler. Wie ein Schmuckstück glänzte er uns entgegen. Leider besuchten diesmal viele Touristen den Tempel, nicht so wie auf unseren frühmorgendlichen Touren, wenn unsere Gruppe fast alleine zwischen alten Steinen herumklettern konnte. Die eine Hälfte des Tempels war dem Gott Sobek, die andere dem Gott Horus gewidmet. Erbaut wurde er circa 300 Jahre vor Christus in der Zeit der Ptolemäer. Der Gott Sobek hat einen Krokodilkopf und der Gott Horus wird, wie schon erwähnt, als Falke dargestellt. Die alten Ägypter mumifizierten die Krokodile, da sie sie verehrten. Der Reiseführer erklärte, dass leider die meisten Bildhauerarbeiten durch die Christen zerstört wurden, denn für die Christen waren die Ägypter Heiden.

Es wurde schlagartig dunkel. Die Wände und Säulen des Tempels warfen unheimliche Schatten. Toni folgte mir den ganzen Weg über durch den Tempel wie ein Schoßhündchen. Sie schien in der Dunkelheit Angst zu haben. Einmal zupfte sie mich am Jackenärmel und sagte: „Ich weiß nicht, was es ist, Annika. Aber irgendwie fühle ich mich sicher, wenn du in meiner Nähe bist.“ Dabei schaute sie mich treuherzig an.

Wir standen gerade vor einer Wand, die übersät war mit Hieroglyphen, als der Reiseleiter fortfuhr mit seinen Belehrungen:

„Hier sieht man die einzelnen Kräuter, mit denen die Ägypter versucht haben, zu heilen. Was haben die Ägypter erfunden? Die Medizin. Noch heute werden an den Universitäten Teile der ägyptischen Lehre weiter verbreitet. Viele Ägypter leiden an einer Augenkrankheit, die Trachom genannt wird. Am Anfang äußert sich die Krankheit durch tränende Augen und den Ausfluss eines Sekrets. Die Krankheit kann zur Erblindung führen. Antibiotika können helfen.“

Der Reiseleiter ging zu einer weiteren Bildhauerarbeit. Er stand vor dem Relief des Vogels Ba, Symbol für die Exkursionsseele, und meinte: „Die Seele eines toten Ägypters ist nur gesund, wenn ihre Statue oder ihr Relief erhalten bleibt. Deshalb haben die Christen die Statuen und Reliefs zerstört. Wird nach dem Glauben der Ägypter das Abbild des verstorbenen Menschen, das in der Statue ewig weiterleben soll, zerstört, wandert die Seele herum, bis sie sich einen neuen Körper sucht. Diese Seele kann in dem neuen Körper psychische Schädigungen auslösen und ihn dämonisieren bis zum Wahnsinn. Die Ägypter versuchten, die Seelenwanderung durch Gespräche zu heilen. Wer hat also die Psychotherapie erfunden? Die alten Ägypter.“

Auf dem Rückweg besuchten wir noch die Krokodilhalle, in der in einem riesigen Glaskasten mehrere Krokodilmumien ausgestellt waren. Toni verpasste die Halle, da sie mal wieder auf der Toilette war.

Zurück in der Kabine googelte ich die drei folgenden Begriffe: Seelenwanderung, Wahnsinn, altes Ägypten. Google fand nichts. Ich fragte Paul, der gerade lesend auf dem Bett lag.

Er meinte: „Das mit der Seelenwanderung habe ich noch nie gehört. Das ist doch eher indischer Glaube. Wahrscheinlich hat der Reiseleiter das aus einer ägyptischen Bildzeitung. Der hat schon mehrere falsche Sachen gesagt. Dem glaube ich nicht alles.“ Damit war für ihn das Thema beendet und er las weiter. Ich ging an Deck. Ich wollte mir vor dem Essen einen Wein genehmigen. Toni saß alleine an einem der Tische. Ich setzte mich zu ihr und sagte:

„Wie wär‘s mit einem kleinen Vorabend-Drink?“

„Vor dem Essen?“

„Warum nicht?“ Sie willigte ein. Ich ging an die Bar und bestellte zwei Gläser Rotwein.

Als der Ober die Gläser vor uns hingestellt hatte, meinte Toni:

„Dein Paul würde mich interessieren.“

„Wieso? Inwiefern? Als Mann?“

„Als Gesprächspartner, er ist so intelligent.“

„Aber du verstehst dich doch anscheinend gut mit Reiner.“

„Ja, aber der macht nur ständig irgendwelche Witze. Reiner ist mir zu oberflächlich. Er ist ja wie ein Clown. Paul dagegen scheint sehr tiefgründig zu sein.“

Ich machte mir Gedanken über Tonis Manöver. Was sollte das jetzt? Zuerst drang sie in die Beziehung von Gisela und Reiner ein, und jetzt auch noch das! Und was war mit mir? Ich glaubte ihr nicht, dass sie Paul nur als Gesprächspartner haben wollte. Aber sie konnte mir Paul nicht wegnehmen. Er würde sich bestimmt nicht mit einer älteren Beamtin aus einem tristen Loch, wie Calw es war, einlassen. In so jemanden verliebte sich nur ein Narr wie ich. Ich trank meinen Wein aus und verabschiedete mich von Toni. Ich war stinksauer. Das Schiff legte gerade ab in Richtung Assuan.

Als Schriftsteller ist man immer alleine. Paul ist zwar da, aber ich nehme ihn manchmal gar nicht wahr. Er ist wie ein kleines zweites Ich, das es sich in meiner Seele bequem gemacht hat und darauf wartet, auch einmal etwas sagen zu können, aber seine Worte kommen in meinem Geist nicht an.

Als Paul und ich zum Abendessen kamen, sah ich, dass sich Toni geschminkt hatte. Das nahm ihr das fahle Aussehen der letzten Tage. Ob sie sich wegen Paul geschminkt hatte? Reiner erzählte gerade wieder einen Witz:

„Was ist der Unterschied zwischen einem Kondom und dem Kölner Dom?“ Toni legte fragend den Kopf schief.

„Beim Kondom hängen die Glocken draußen.“

Sie prustete vor Lachen. Aber Gisela fauchte Reiner an:

„Kannst du nicht mal diese blöden Witze sein lassen?“

Er sagte: „Aber sie scheinen wohl doch ein paar Leute zu amüsieren.“ „Ich habe diesen Witz jetzt schon tausendmal gehört.“

Reiner schob seine Unterlippe nach vorne. Er schmollte. Während die beiden stritten, beobachtete ich Toni, die immer wieder aus den Augenwinkeln Paul anschaute. Sie schien sich nicht zu trauen, ihm direkt ins Gesicht zu blicken.

Später, in der Kabine, kurz bevor ich ins Bett ging, fragte ich Paul: „Hast du eigentlich bemerkt, dass dich Toni öfters anschaut?“

„Wer ist Toni?“

„Aber Paul, sie sitzt dir beim Essen direkt gegenüber!“

„Ach so, die! Nein, habe ich nicht bemerkt. Müsste ich das denn?“

„Nö, war nur so eine Frage.“ Damit machte ich es mir im Bett gemütlich. Ich war hundemüde.

Ich ging im Traum durch eine riesengroße Wohnung. Ich spähte immer wieder durch eine der Türen. Jedes Mal war es dunkelorange in den Räumen. Es sah aus wie im Fegefeuer, aber es war nur das Licht, das bedrohlich wirkte. Ich ging weiter. Plötzlich musste ich mich, um in den nächsten Raum zu gelangen, bücken und ganz klein machen. Ich kroch mit Anstrengung unter der Tür durch und kam ich eine Art Tropfsteinhöhle. Weiter hinten stand ein Altar mit einer weinroten Decke. Auf dem Altar lag eine nackte Frau, die Paul gerade von hinten nahm. Ich schrak hoch. Es war vier Uhr morgens.

Die blutigen, ehemals weißen Handschuhe rufen zum Gebet, aber sie wollen sich nicht aneinanderlegen, da das Blut keine Metapher ist.

4. Tag, Assuan-Staudamm und dazwischen noch der Tempel auf der Insel (Fahrt mit Boot), Philae-Tempel (Fahrt mit Boot), 14:30 bis 17:15 Bootsfahrt zu nubischem Dorf
Assuan - Stadt aus Schiffen

Paul, Toni und ich saßen schon beim Frühstück, als Reiner erschien. Toni sagte zu ihm: „Wow, jetzt ist es 6 Uhr 25, du bist aber pünktlich!“ „Weißt du, Toni, irgendwo auf der Welt ist man immer pünktlich!“ Beide brachen mal wieder in Lachen aus.

Gisela verzog keine Miene, fragte aber kurz darauf Toni, was mit ihren Augen los sei. Sie sähe da Eiter. „Hast du etwa die Augenkrankheit der Ägypter?“

„Nein, meine Liebe, ich habe eine Bindehautentzündung. Gestern im Tempel war es zugig. Würdest du jetzt bitte endlich mal deine Sticheleien lassen?“

Eine halbe Stunde später saßen wir im Kleinbus auf dem Weg zum Assuan-Staudamm. Dort angekommen hatten wir einen atemberaubenden Blick auf den Nassersee. Weiter ging‘s mit dem Bus zu einer vereinsamten Bootsanlegestelle. Wir setzten über auf eine kleine Insel. Toni half mir vom Boot an Land, indem sie mir die Hand reichte. Als ich sprang, fing sie mich in ihren Armen auf. Unsere Brüste berührten sich. Ich dachte, das ist doch eine schöne Geste. In jenem Moment war ich irgendwie glücklich und dieses Gefühl trug mich an diesem abgeschiedenen Ort noch für ungefähr eine Stunde weiter. Dass sie von Paul etwas wollte, verscheuchte ich wie ein Gespenst aus meinen Gedanken.

Auf der Insel befand sich ein kleiner Tempel mit dem Namen Neu-Kalabscha und vier weitere kleine Ausgrabungen, die vor den Überflutungen des Nassersees gerettet worden waren, indem man sie hierher versetzt hatte. Ein weißer Hund folgte uns in der morgendlichen Stille. Unsere Körper warfen riesige Schatten auf den Sand, als wir auf der Insel herumliefen. Weit und breit gab es hier keine Touristen. Als wir zurück zum Bootssteg gingen, bemerkte ich, wie sich Tonis Blicke in Pauls Rücken bohrten. Meine schönen Gedanken fielen zusammen wie ein Hochhaus, das gesprengt wurde. Die Fahrt ging weiter zum Philae-Tempel. Wieder setzten wir mit dem Boot über, aber hier war die Bootsanlegestelle von vielen Touristen heimgesucht. Der Philae-Tempel war genauso wie Neu-Kalabscha vor den Fluten des Nassersees gerettet und auf der Insel Agilkia neu errichtet worden.

Nach Besichtigung des Tempels hatten wir noch etwas Zeit und Paul und ich kletterten in den Trümmern umher. Toni war weg. Wahrscheinlich war sie mit Linda und Jakob in das kleine Café gegangen. Das strenge Programm des Reiseführers schien einige in der Gruppe zu nerven.

Irgendwann verlor ich Paul aus den Augen. Ich wurde von einem Militärpolizisten angesprochen. Er deutete auf mein Handy und meinte, er würde Fotos von mir machen. Mir war etwas mulmig, da Paul nicht in der Nähe war, aber ich dachte, was soll passieren? Dies ist eine öffentliche Anlage. Also schoss der Polizist Fotos von mir in dem Tempel mit Blick auf den See. Wie hätte es anders sein können, danach verlangte er Geld von mir. Ich gab ihm einen Euro und verabschiedete mich. Schnell fand ich auch wieder zu Paul zurück. Ich fragte ihn, ob das okay gewesen sei, dem Polizisten Geld zu geben. Paul meinte, das seien auch nur arme Schweine.

Am Nachmittag war ein weiterer Ausflug angesagt. Wir fuhren auf einem Flussarm des Nils in ein Nubierdorf. Das Boot, in dem wir fuhren, war wieder bunt angemalt und die Fahrt war überhaupt nicht langweilig, obwohl ich das befürchtet hatte. Immer wieder kamen kleine Jungen auf ihren Surfbrettern angepaddelt, hängten sich an die Boote und sangen ein Lied. Dafür wollten sie natürlich Geld. Wir fuhren an einem Mausoleum und grasenden Büffeln vorbei, bis auf der rechten Seite ein Naturschutzgebiet auftauchte. Viele Reiher reckten ihre Schnäbel zuerst ins Wasser dann in die Luft. Bald konnten wir sehen, dass Touristen zum Dromedar-Reiten verführt wurden. Während am Bergkamm eine ganze Karawane mit Dromedaren zu sehen war, sprangen zwei Leute vom Boot in den Nil. Der Reiseführer sagte, da sei so eine Art Badestrand. Und weiter ging es. Bald konnte man im Wüstensand auf einem Berg Skispuren sehen. Auch das Skifahren hätten die Ägypter erfunden, meinte der Reiseführer. Die Erfindungen der Ägypter kamen uns schon zu den Ohren heraus. Toni versuchte immer wieder während der Fahrt, Blickkontakt zu Paul aufzunehmen, aber der schien sich nur für das Nil-Panorama zu interessieren. Linda und Jakob waren zum Sonnen auf das Dach des Boots geklettert. Von oben hörte man ein furchtbares Knarren. Als sie kurz vor der Ankunft im Dorf wieder herunterkamen, behaupteten sie, einer der Stühle sei kaputt gewesen, deshalb der Lärm.

Wir kletterten über mehrere Schiffe hinweg an Land und gingen in das Nubierdorf hinein. Viele Häuserwände waren indigoblau gestrichen, als ob die Farbe die Armut übertünchen sollte. Bunt geschmückte Dromedare saßen auf den Sandwegen des Dorfes. Sogar die Motorräder, die hinten einen Lastenaufsatz für den Transport von Waren hatten, waren bunt gestrichen. Wieder ging es durch einen Basar, wo einem die Nubier billige Ketten aufdrängen wollten. Ich kaufte nichts. Wir kamen in einen Innenhof. Toni und ich suchten die Toiletten auf. Diese waren sauber und wir wunderten uns, bis uns der Reiseführer erklärte, wir seien in einem nubischen Kindergarten und Grundschule. Im Klassenzimmer schrieb der Lehrer unsere Namen in Ägyptisch an die Tafel und versuchte, uns das Alphabet beizubringen. Wir verstanden so gut wie gar nichts und konnten auch nichts davon in unseren Köpfen behalten.

Danach begegneten Toni und ich uns alleine in einer Gasse mit blau gestrichenen Häusern. Die Sonne leuchtete gerade noch zu uns herab und ein magisches Licht erfasste die Szene. Ich stand da und fotografierte das Licht. Da kam Toni an. Sie umfasste zuerst mit ihren Armen meine Schultern, dann zog sie mich an sich. Leidenschaftlich küsste sie mich kurz und zärtlich auf meine Lippen. Und genauso schnell war sie auch schon wieder weg. Im Gehen rief sie mir hinterher:

„Annika, ich liebe dich. Gib bitte keinen Deut auf das, was die anderen sagen! Oder was du meinst zu sehen.“

Weiter ging es auf den Sandwegen zu einem Nubierhaus, wo wir eine Erfrischung erhalten sollten. Ich war jetzt völlig verwirrt und konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Das Haus hatte eine Art Innenhof, dessen Boden mit Sand bedeckt war. Der Reiseleiter erklärte, dass abends der Sand glatt gerecht wurde, um morgens die Spuren giftiger Tiere wie Schlangen und Skorpione aufspüren zu können, die nachts hier manchmal eindringen würden. In dem Haus wurden zwei Krokodile in jeweils einem engen Käfig gehalten. Der Reiseführer klopfte mit einem Stab neben dem größeren Krokodil auf den Boden. Wegen des Geräuschs riss das Krokodil gefährlich weit das Maul auf. Anscheinend brauchten die Tiere während der sechs Wintermonate kein Fressen. Im Sommer würden sie jeden Tag Fisch bekommen, aber in harten Zeiten könnten Krokodile ein Jahr lang ohne Futter auskommen. Nach dem Malventee, den man uns anbot, verabschiedeten wir uns von der Hausherrin, und als wir draußen waren, sagte Linda zu mir:

„Dieser Ausflug ist unmöglich, ständig werden wir von dem Reiseführer gegängelt, hierhin und dorthin zu gehen. Das Dorf hätten wir auch auf eigene Faust erforschen können. Und diese armen Krokodile in den engen Käfigen! Das sind doch auch Lebewesen!“

Ich fragte Linda nur: „Wo ist Toni? Sie war bei den Krokodilen nicht dabei.“

Toni stieß etwas später, kurz nach dem Ablegen des Bootes, wieder zu uns. Im Halbdunkel auf der Rückfahrt konnte ich nicht ausmachen, was sie fühlte oder was ihr durch den Kopf ging. Ständig suchten meine Augen ihre Augen, aber sie ließ sich auf keinen Blickkontakt ein. Welches Geheimnis trug sie mit sich herum? Ich hatte keine Antwort. Nach dem Essen saß ich mit Paul auf dem Deck. Ich hatte ein Glas Wein bestellt, er einen Cappuccino. Wir redeten über Ägypten und seine Einwohner. Wie man ihnen aus der Armut helfen könnte. Da erschien Toni und steuerte schnurstracks auf den freien Stuhl an unserem Tisch zu.

Ich wusste die Aktion Tonis von heute Mittag nicht zu deuten, und warum starrte sie Paul ständig wie eine Gottesanbeterin an? Trotzdem spürte ich ein unzerreißbares Band zwischen Toni und mir und deshalb musste ich sie jetzt wegschicken, damit Paul keinen Verdacht schöpfen würde.

Außerdem war ich mir in dem Moment sicher, dass Paul nicht noch einmal auf eine Frau hereinfallen würde, um mich zu betrügen. Schließlich war er jetzt zu alt dafür. Bei uns im Bett war seit Jahren nichts mehr gelaufen, also würde es bei einer anderen auch nicht mehr funktionieren.

Ich sagte zu ihr:

„Paul und ich wollen reden. Jetzt geht es gerade nicht.“ Sie ließ den Kopf hängen, überlegte kurz, drehte sich um und sah Linda und Jakob in einiger Entfernung sitzen. Also ging sie auf deren Tisch zu, setzte sich zu ihnen und begann, den beiden etwas vorzuheulen. Ich hörte, wie sie zu Linda sagte, sie habe Selbstmordgedanken, aber Linda schien sie beruhigen zu können, also wandte ich mich wieder an Paul:

„Sie kann schon ganz schön aufdringlich sein, aber sie tut mir irgendwie leid.“ Dabei dachte ich mir insgeheim: Toni ist sehr zerbrechlich, wie bei einem kleinen Vogel könnte man ihr die Beine im Handumdrehen brechen.

„Sie ist alleine, aber sie sollte uns und die anderen auch mal in Ruhe lassen.“

„Zurück zu den Ägyptern. Paul, du hast doch so viel gelesen. Du liest jeden Tag die FAZ, da müsstest du doch eine Lösung für das Land haben. Du weißt alles über Politik, Wirtschaft und Geschichte.“

Ich formte mit meinen Händen eine Schale und streckte sie ihm hin mit den Worten:

„Hier, die Kristallkugel. Du alleine hast die Welt mit ihren komplexen Zusammenhängen in der Hand. Du hast das Ganze. Tu was!“

„Das ist wie früher im Kolonialsystem. Wir, die Reichen aus dem Westen, beuten die Armen in Ägypten aus. Wir können ihnen aber nicht helfen. Die haben eine Diktatur. Das Volk ist es gewohnt, Befehle zu erhalten. Die wollen aus ihrer Unselbstständigkeit gar nicht heraus. Und wenn hier mal eine Demokratie errichtet werden sollte, dann kann das nur ultralangsam voranschreiten.“

„Und was ist mit Europa? Auf uns kommt durch die Digitalisierung eine Massenarbeitslosigkeit zu. Hast du da eine Lösung?“

„Hm, ich glaube, es wird mal etwas Ähnliches wie das bedingungslose Grundeinkommen geben. Aber mehr kann ich dir hierzu auch nicht sagen.“ Ich schaute mich nach dem Ober um und bestellte ein weiteres Glas Wein. Ich starrte etwas missmutig auf den Boden. Das, was Paul gesagt hatte, war mir zu wenig, da er auch keine Lösung hatte.

Als der Ober den Wein servierte, fiel mir auf, dass das gesamte Personal an Bord männlich war. Es gab nicht einmal Zimmermädchen. Dieses Geschäft erledigten auch die Männer.

Nachdem wir ausgetrunken hatten, gingen Paul und ich in unsere Kabine. Die anderen würden alle heute Nacht um halb drei Uhr aufstehen, um mit dem Kleinbus nach Abu Simbel zu fahren. Ich hatte beschlossen, mir das nicht anzutun. Wenn ich mitten in der Nacht aufstehen musste, war der nächste Tag im Eimer. Ich freute mich auf den Morgen, an dem ich in Ruhe alleine herumtrödeln konnte.

Im Halbschlaf stellte ich mir vor, Toni und ich säßen nackt am Meer im Sand. Das Meer leckte unsere Füße. Der Sand hatte unsere Körper teilweise bedeckt, und da beugte sich Toni über mich und küsste mich so wie heute Mittag in ihrer leidenschaftlichen Art. Mit dem Gedanken schlief ich selig ein.

Unsere Seelen wandern in der gleichen Sphäre auf Pfaden, die keiner von uns kennt. Wir werden sie gegeneinander austauschen und uns prüfen, aber es wird immer dieses scheußliche Gefühl von Angst dabei sein, den anderen zu verlieren. Der Rasen ist jetzt definitiv zu trocken, ich muss die Schlange wieder anwerfen.

5. Tag, Abu Simbel und Segeltörn

In der Nacht war ich nur einmal kurz aufgewacht, als Paul sich fertig machte zum Gehen. Den Wecker hatte ich auf halb acht gestellt, weil es nur bis halb neun Frühstück gab. Ich erwachte fröhlich und endlich einmal ausgeschlafen. Ich war so froh, dass ich nicht zu dem Ausflug mitgegangen war. Endlich mal Ruhe und ich konnte nachdenken. Beim Frühstück saß ich alleine an dem langen Tisch, aber es machte mir nichts aus. Vergnügt aß ich mein hart gekochtes Ei, etwas Toast und Käse. Später machte ich in der Suite auf dem Bett meine Rückengymnastik. Und dann, darauf hatte ich mich am meisten gefreut, ging ich nach oben an Deck zum Heck und schwang mich für eine dreiviertel Stunde aufs Laufband. Das war überhaupt nicht langweilig. Ständig kreuzten Schiffe und man konnte auf die ganzen Nil-Schiffe schauen, die wie eine kleine Stadt vor Assuan angelegt hatten. Nachdem ich geduscht hatte, packte ich mein Schreibheft ein und setzte mich wieder aufs Deck mit einem Cappuccino. In Bruchstücken schrieb ich das Erlebte nieder. Was würde noch kommen? Als ich genug hatte vom Schreiben, stand ich auf und ging bis zum Geländer ans Heck. In dem Moment passierte ein Boot voll beladen mit Müll das Schiff. Es stank fürchterlich. Der Dieselgeruch war fast genauso unerträglich. Was für eine Umweltsauerei wir Europäer in Ägypten anrichteten! Ich schaute noch mal nach unten auf den Nil. Links und rechts waren zwei Rettungsboote am Schiff befestigt. Dazwischen eine schmale Aussicht auf den Nil. Wenn sich da jemand hinunterstürzen würde! Der müsste elegant zwischen den beiden Booten hindurchfallen. Ich ging in die Kabine, um auf die Ausflügler zu warten. Draußen auf dem Balkon konnte ich auf die Uferpromenade blicken. Und kurze Zeit später kamen sie an. Ich sah, wie sich Paul mit Toni unterhielt. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht! Ich biss mir auf die Lippen. Waren sie sich auf der Fahrt ohne mich nähergekommen? Mein Herz pochte wie damals bis zum Hals, als ich diese Ahnungen hatte, dass Paul fremdging. Beim Mittagessen waren alle total fertig und müde, bis auf Paul. Alle beklagten sich, man hätte in dem engen Bus nicht schlafen können und Abu Simbel sei so überflutet von Touristen gewesen, dass es überhaupt keinen Spaß gemacht hätte. Nur Paul war guter Dinge, er hatte im Bus gut geschlafen. Ich sagte zu ihm:

„Du bist ein Monster, Paul.“ Normalerweise hätte ich das mit einem Lachen gesagt, aber mir blieb das Lachen im Hals stecken.

Nachmittags war noch ein leichtes Programm vorgesehen. Wir gingen auf Segeltörn. Paul und Toni hatten sich nebeneinandergesetzt und manchmal meinte ich, ihre Hände würden sich berühren. Oder bildete ich mir das nur ein? Reiner saß neben mir und ich beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er giftige Blicke auf Toni absandte. Er schien jetzt total eifersüchtig zu sein. Ich durchschaute Tonis Spiel nicht. Ich hatte Fragen ohne Ende. Der Ägypter, der das Boot segelte, hatte nur noch drei Zähne im Mund und trotzdem hatte er anscheinend drei Frauen. Der Reiseführer erzählte, dass auf dem Land die Mädchen noch beschnitten würden. Die Jungen aus Reinheit sowieso. Die Fahrt war ruhig und beschaulich, wenn da nicht mir gegenüber Toni und Paul säßen, die wie vereint auf die Uferpromenade des Nils schauten. In mir kochte es.

Wenn ich über dich schreibe, denke ich an die weißen Mäuse, die ich unwiederbringlich verloren habe in meiner Kindheit. Die weißen Mäuse, Toni, das bist du.

Vor dem Abendessen saß ich alleine auf dem Deck und schrieb in mein Heft. Die ganzen Affären von Paul kamen wieder bei mir hoch. Und dass er mich überhaupt nicht mehr begehrte, war ein Fiasko. Fast begann ich zu weinen, als sich Toni zu mir setzte, ohne auch nur zu fragen. Sie sprudelte sofort los:

„Ich will deinen Paul, nicht Reiner. Paul ist so ähnlich wie Richard. Und ich glaube, es wäre okay, oder? Ihr wohnt doch nicht einmal zusammen, und verheiratet seid ihr auch nicht. Da kann ich doch dazwischengehen.“

„Aber Toni, ich dachte, du willst etwas von mir?“

„Das ist tatsächlich so, aber ich habe einen bestimmten Plan, den kein Mensch erfahren soll.“

„Also können wir nicht …?“

„Nicht auf diesem Schiff!“

„Ich will nicht, dass du mit Paul etwas anfängst.“

„Aber es ist nur ein böses Spiel.“

„Was für ein Spiel?“

„Das kann ich dir jetzt nicht sagen, vielleicht später einmal. Ich habe deine Adresse und werde dir schreiben. Ich verspreche es dir.“

„Nur damit du‘s weißt: Paul ist uralt, der kriegt sein verrostetes Ding bestimmt nicht mehr hoch. Glaub mir!“

„Darum geht es mir überhaupt nicht. Du kannst es nicht verstehen, erst später.“

Diesmal küsste mich Toni in aller Öffentlichkeit mitten auf den Mund, aber da keiner aus unserer Reisegruppe in der Nähe war, war das kein Thema.

Dichtung ist, wenn man etwas verdichtet. Wollte ich dich verdichten oder war es nur ein Traum, in dem ich im Geiste herumwandelte? Warst du mein Dichtungsring am Abflussrohr meiner Träume und Gedanken, oder brach diese Abdichtung und meine Dichtung schoss unaufhaltbar hinunter in den Abwasserkanal?

Beim Abendessen hatte sich Toni den Teller vollgeladen und sagte mit vollem Mund kauend:

„Ich habe, glaub ich, schon drei Kilos abgenommen von dem Stress.“ Gisela schob mit der Gabel ein einziges Stück Gurke hin und her und erwiderte höhnisch:

„Auch wenn du dich noch so anstrengst, du bekommst keinen unserer Männer, und dein Richard, der ist tot! Du bist alleine! Und überhaupt, was willst du von Reiner oder Paul, die beiden sind uralt. Da geht nichts mehr im Bett!“

„Vielleicht bringt Reiner nur mit dir nichts im Bett zustande, weil du so eine Schreckschraube bist und die ganze Zeit wie ein Sauertopf dreinschaust.“

Ich saß da und schaute Paul an, als ob ich ihn fragen wollte: Stimmt das? Aber er schien gar nicht zugehört zu haben, wie immer war er in seine Ägyptologie-Welt abgetaucht.

Später stritten Paul und ich in der Kabine. Ich schrie ihn mit gebleckten Zähnen an. Ich wollte ihn jetzt endlich mal aus der Reserve locken. Schließlich hatte ich ja jetzt so was wie Toni im Hintergrund. Über meine Gefühle war ich mir nicht klar. Wollte ich mit Paul zusammen sein oder mit einer Frau? Was war ein Mann wert, der mich ständig betrog? Was sagte der Kuss einer Frau aus, die ich kaum kannte? Ich war am Rande eines Nervenzusammenbruchs, meine Hände zitterten und meine Mundwinkel zuckten, als ich sagte:

„Hast du dich jetzt auch noch mit dem „Toni-Virus“ infiziert?“

„Was soll das, Annika?“

„Meinst du, ich habe das nicht bemerkt, dass du die ganzen letzten Jahre immer fremdgegangen bist?“

Er wurde blass.

„Wie hast du das bemerkt?“

„Du hast nach Sex gerochen, obwohl du mich gar nicht angerührt hast.“

„Und warum sagst du erst jetzt etwas dazu?“

„Weil ich Toni kenne, deine anderen Weiber kannte ich nicht.“

„Das tut mir leid.“

„Das tut mir leid, das tut mir leid“, äffte ich ihn höhnisch nach. „Und was ist mit mir? Warum hatten wir all die Jahre keinen Sex mehr?“

„Das ist etwas anderes. Du bist meine Frau und ich will dir die Schweinereien ersparen.“

„Seit wann ist Sex eine Schweinerei? Das kann doch auch schön sein!“

„Das ist nicht das, was ich meine …“

„Was meinst du?“

„Das kann ich dir nicht sagen, das ist zu dreckig.“

„So dreckig, dass du es mit anderen Frauen machst?“

„Ja, genau.“

„Und jetzt auch mit Toni?“

„Ich weiß noch nicht.“

„Wenn ich euch erwische, ist Schluss.“

Er wurde kreidebleich.

„Aber Annika, Annika, das kannst du doch nicht machen!“

„Haha, spielst dich immer auf, als ob du alles wüsstest, aber gefühlsmäßig bist und bleibst du ein kleines Würstchen, das deine Mutter immer zur Sau gemacht hat.“

Um vier Uhr morgens erwachte ich. Die andere Bettseite war leer. Paul war nicht da. Ich wusste, dass er zu Toni gegangen war. Ich dachte, ich könnte noch mal schlafen, aber es klappte nicht. Ich wälzte mich hin und her. Gegen sechs Uhr kam Paul zurück. Ich sagte zu ihm: „Jetzt ist es aus!“

„Aber Annika, du bist doch meine Frau!“

„Ach ja?“

Er schlief sofort ein, aber ich wälzte mich so lange herum, bis ich aufstand und hoch an Deck ging. Toni saß alleine oben in einem Liegestuhl, in eine Decke gehüllt und starrte in das Morgengrauen. Morgengrauen sagte ich mir, nicht umsonst hieß das so. Es war eiskalt. Trotzdem setzte ich mich neben sie. Sie schaute mich nicht an und sprach:

„So habe ich mir das nicht vorgestellt.“

„Was?“

„Die Reise.“

„Stimmt etwas nicht?“

„Ja, ich habe Selbstmordgedanken.“

„Wegen mir?“

„Wegen allem. Wenn das morgen passiert, dann nicht wegen dir. Ich liebe und schätze dich, Annika. Ich glaube, wir wären ein gutes Paar. Aber die Männer? Pah!“

„Was ist dir in deinem Leben passiert?“

„Ich werde es aufschreiben und dir schicken, ich habe deine Adresse.“ Plötzlich stand sie auf, küsste mich wieder und verschwand.

Ich wollte ihr hinterhergehen, aber irgendetwas hielt mich zurück. Es war wahrscheinlich jene Mauer, die mir sagte, ein Kuss, aber nicht mehr. Es war für mich rein platonisch. Mehr würde ich ihr niemals geben können. Vielleicht hatte ich mich auch mit Paul in einem Sarg der platonischen Liebe begraben. Ich wusste keine Antwort auf meine Haltung zur Liebe. Irgendwo war sie mir in meiner Beziehung zu Paul völlig abhandengekommen. Wo war ich eigentlich noch? Ich trieb in einem Nowhere, irgendeinem Meer, das die körperliche Liebe nicht kannte.

Ich beobachte wieder die Bienen. Mittlerweile haben sie sich auch das zweite Loch im Tisch ausgesucht. Auch der Mensch braucht immer zwei Optionen. Wäre Toni auch eine Option? Einen Tag später war das Loch, das sich die Bienen als erste Option gesucht hatten, verschlossen. Soll ich mit Paul abschließen?

6. Tag, Rückfahrt nach Luxor

Ich saß auf dem Raucherbalkon. Ich wollte nicht an Deck gehen und Toni sehen. Ich wollte über mich selbst nachdenken. Die Sonne warf Silberstreifen, die wie Irrlichter glitzerten, ins Meer. Wir hatten gerade von Komo Ombo abgelegt und fuhren zurück in Richtung Luxor.

Ein anderes Kreuzfahrtschiff folgte uns. Ich trug draußen auf meinem kleinen Balkon wieder meinen Wintermantel. Am Himmel zog eine Wolkendecke auf, durch die die Sonne immer wieder durchbrach. Das Geräusch der Wellen beruhigte mich ein wenig. War eine platonische Beziehung nicht genug?, zog ein Gedanke durch mein Hirn. Wir passierten eine kleine ärmliche Hafenstadt. Bunte Boote wiegten sich im Nil. Eine Fährstation unweit davon. Danach nur grüne Wälder mit Palmen. Heute Morgen kam in den Nachrichten, dass Trump den Irak mit Drohnen angegriffen hatte, nachdem Demonstranten in Bagdad im Irak versucht hatten, die amerikanische Botschaft zu stürmen. Zwei wichtige Leute aus dem Militär waren nach dem Angriff ums Leben gekommen. Paul hatte mir die politische Situation erklärt. Er und sein Hirn. Das würde mir ewig bleiben, dafür liebte ich ihn. Aber war ich überhaupt noch zu körperlicher Liebe in der Lage? Was war in der letzten Nacht mit Paul und Toni passiert? Warum konnte ich jetzt einfach hier so untätig dasitzen und in den Nil starren? War ich jetzt alt, oder was? Oder war ich schon lebendig begraben in einem ägyptischen Grab? War ich eine Mumie, die niemand wollte? Hier und da zogen einzelne verlassene Häuser vorbei. Eine einzige schwarz-weiß gezeichnete Kuh weidete am Rand des Flusses. Rohre aus dem Nil versorgten ein Haus mit Trinkwasser. Ein Fischer saß neben seinem bunten Boot im Sand. Danach schaukelte blühendes Schilf im Wind, während ein Fischreiher lauernd und unbeweglich, zu einer Salzsäule erstarrt, im Uferwasser stand und dahinter drei schwarze Büffel ihr kleines Stück Weide bearbeiteten. Ja, ich war erstarrt wie eine alte Jungfer, nachdem Paul mich nicht mehr begehrte. Kein einziges Mal hatte ich mir die Muße gegeben, mich auf etwas Neues einzulassen. Ein Roman hatte den anderen abgelöst. Meine sexuellen Gedanken waren ein einziger Hirnfick gewesen. Sonst nichts. Das Leben um mich war zerronnen und hatte sich stattdessen nur in Büchern abgespielt. War das das Schicksal einer Schriftstellerin? Einige Zeit später schleuderte ein Kraftwerk seinen Ruß in den Himmel. In Edfu angekommen sangen zwei Muezzins gleichzeitig, eine hohe und eine tiefe Stimme. Die beiden Muezzins waren Symbol für meine Bisexualität, die ich nicht hatte. Höhnisch lachte ich in mich hinein. Ich war ein Nichts in dieser Gesellschaft, die fröhlich ihre Sexualität auslebte. Die Pferdekutschen warteten auf Touristen. Trotz der Sonne, die durch die Wolken schien, blies der Wind eiskalt.

Der Bohrer der Nachbarn dringt in meine Synapsen. Er will nicht aufhören. Jedes Mal, wenn ich denke, es ist Schluss, fängt er wieder an. Er ist ein Unterbrechungsfaktor beim Schreiben. Er bohrt immer noch. Mittlerweile ist er bei meinen Ganglien. Panikartig verlasse ich meinen Schreibplatz und renne hinaus auf die Straße. Ich will schreien, aber es kommt kein Ton heraus.

Jetzt war es Nacht. Wir fuhren in die Schleuse. Ich stand alleine in der Dunkelheit. Meine Gedanken hämmerten auf mich ein. Die Trennung von Paul würde mir das Genick brechen! Das Schiff sank mehrere Meter nach unten und wir fuhren unter einer Brücke hindurch.

Jetzt wurde mir klar, woher dieses metallische Geräusch kam, das ich in der Silvesternacht gehört hatte. Es kam von der Autobrücke, die über die Schleusenausfahrt führte. Die Autos fuhren mit einem lauten metallischen Donnern an bestimmten Stellen über die Brücke. An diesen Stellen schien die Brücke einen Metallboden zu haben. Ich war also nicht verrückt. Und einen Nervenzusammenbruch hatte ich auch nicht. Mit Paul hatte ich kein Wort mehr geredet. Ich fragte mich, wie wir die letzte Zeit miteinander in einer Kabine sein konnten.

Das Schiff durchquerte langsam mit einem Vibrieren die Dunkelheit in Richtung Luxor. Beim Abendessen hatte Toni richtig hübsch ausgesehen, sie hatte sich geschminkt und hatte unverhohlen mit Reiner und Paul geflirtet. Gisela saß blass neben Toni und aß nur zwei Tomaten, zwei Gurkenscheiben und eine Orange. Toni war beim Abendessen in Tränen ausgebrochen, denn Gisela hatte zu ihr gesagt: „Vielleicht wird dich ja bald dein verstorbener Mann mit seiner dunklen Seele heimsuchen. Dann wirst du verrückt.“ Nachdem Gisela dies gesagt hatte, hatte Toni ein Glas Rotwein nach dem anderen getrunken. Reiner trank mit und verabschiedete sich kurz darauf schlaftrunken in die Kabine. Nachdem er weg war, sagte Toni zu mir:

„Ich werde mich umbringen.“

„Aber warum?“

„Ich halte das alleine hier auf der Welt nicht aus.“

„Du findest bestimmt wieder jemanden, glaub mir, aber bring hier bitte nicht alle Beziehungen durcheinander.“

Später stand Toni am Heck an der Reling und starrte nach unten in den schwarzen Nil. Das Schiff war kurz vor dem Einlaufen in Luxor.

Ich beobachtete sie, während ich eine Zigarette rauchte und hin und wieder an meinem Wein nippte. Ich würde sie nicht trösten können. Dazu waren meine Gefühle zu durcheinander.

Gisela kam an Deck und ich sah, wie sie die Gestalt von Toni wahrnahm. Sie ging an mir vorbei auf Tonis Rücken zu. Ich überlegte, ob ihr jetzt vielleicht eine weitere Fiesheit entfuhr oder ob sie Toni trösten wollte. Da hörte ich Giselas Stimme: „Spring, spring, spring! Nichts wird gut werden. Du bist doch eh schon depressiv. Der Nil wird dich aufnehmen und dann bist du mit deinem Mann wieder vereint im Paradies. Reiner und Paul bekommst du nicht! Wie kannst du das nur hoffen? Bist du blind?“ Wie ein Automat stand ich auf, um Linda und Jakob als Beistand zu holen. Ich rannte unter Deck und klopfte an ihrer Kabine: „Kommt schnell!“, rief ich. „Toni steht an der Reling und Gisela hinter ihr!“ Die Tür wurde aufgerissen und Linda stürzte an mir vorbei. Ihr folgte Jakob. Was das Zeug hielt, rannte ich den beiden hinterher.

Oben an Deck sah ich, dass Toni auf die Reling geklettert war. Gisela immer noch in ihrem Rücken. Linda und Jakob, die zwei Eichen, standen jetzt jeweils rechts und links von Toni wie zwei Wächter. Als ich näherkam, hörte ich die beiden verschwörerisch auf Toni einreden, während Gisela immer noch rief: „Spring schon!“ Wie viel Hass und Boshaftigkeit musste in Gisela stecken! Da passierte es. Toni sprang direkt zwischen die unten vertäuten Rettungsboote mit einem eleganten Hechtsprung in den dunklen Nil. Ich zögerte. Sollte ich hinterherspringen? Ich war doch so eine gute Schwimmerin! Aber im Nil schwimmen? Nachts? Ich würde sie nicht mehr finden. Gisela lachte hysterisch. Linda rannte weg, um Hilfe zu holen. Das Boot musste gestoppt werden. Nach einer halben Minute waren die Motoren aus. Die Rettungsboote wurden hinuntergelassen. Aber Toni blieb verschlungen vom schwarzen Nil. Osiris hielt sie fest umklammert mit seinen Klauen.

Die ganze Reisegruppe stand verstört an Deck. Keiner sagte etwas. Reiner meinte schließlich:

„Aber sie hatte doch eine Hoffnung, eine Kraft in sich. Ich verstehe es nicht.“ Ihm liefen die Tränen übers Gesicht. „Ich bin schuld.“

Paul sagte darauf:

„Sie hat gespielt und sie hat verloren.“

Ich fragte:

„Warum hat sie gespielt, Paul?“

„Da war nichts, ich habe sie ja in ihrer Kabine besucht und sie war ein heulendes Elend. Sie sprach immer wieder von Selbstmord, und bei so was bin ich der Falsche, ich kann nicht trösten. In dem Punkt bin ich hilflos.“

„Also hast du nicht …?“

„Nein. Und du, Reiner?“

„Sie hat sich die ganze Zeit nur ausgeweint. Sie wollte gar nichts von mir. Sie hat uns allen etwas vorgespielt.“

Ich fragte: „Inwiefern vorgespielt?“

„Das darf ich nicht sagen, denn es wäre ein weiterer Verrat an ihr. Es wird mein Geheimnis bleiben.“

„Das verstehe ich nicht. Wie sollen wir jetzt damit umgehen?“, fragte ich. Reiner und Paul raunten im Chor:

„Wir wissen es nicht.“

Gisela schaute auch ganz betreten, sie hatte den Kopf eingezogen und stand mit hängenden Armen da.

Ich sagte zu Gisela: „Du bist schuld, dass sie gesprungen ist.“

Schluchzend sagte Gisela: „Sie hatte doch Selbstmordgedanken. Ich habe vielleicht etwas nachgeholfen.“

Linda und Jakob sahen sich an und Linda sagte zu Jakob:

„Vielleicht sind wir schuld, wir hätten ihre Selbstmordgedanken ernster nehmen sollen.“

Militärpolizei-Boote fuhren jetzt auf dem Nil, um nach Toni zu suchen, aber sie fanden nichts außer einer Blondhaar-Perücke.

Wir alle kehrten traurig und befremdet in unsere Kabinen zurück, und ich nahm an, dass auch die anderen in dieser Nacht so gut wie gar nicht schliefen.

Zwischen Paul und mir kam es zum Streit.

Ich feindete ihn an:

„Auch wenn du nicht mit Toni fremdgegangen bist, du hattest es vor, das stimmt doch, oder?“

„Ich hatte keinen Plan, Annika.“

„Das glaube ich dir nicht, du wolltest mich betrügen! Und diesmal mit einer Frau, die ich kannte! Dazu noch auf dem engen Raum eines Schiffs. Du bist das Allerletzte, Paul.“

Er stand mit gesenktem Kopf da. Seine Arme hingen wie Mehlsäcke von seinen Schultern.

„Ich weiß nicht, wie ich diese Nacht neben dir schlafen soll.“

„Toni hatte sie nicht alle“, stieß er hervor.

„Da war was …“

„Was?“

„Es ist so übel, das kann man nicht erzählen.“

Ich horchte auf. „Sag schon!“

„Sie hat doch alle gegeneinander ausgespielt. Das ist nicht normal, außerdem …“

„Außerdem was?“

Er sagte leise: „Ich glaube, die war Borderlinerin.“

„Hä, wieso denn das?“

„Es war echt gruselig. Sie hatte Blut an ihren Pulsadern.“

Ich war wieder im Garten, den Rasen gießen. Eine Meditation hat sich nicht eingestellt. Demnächst werde ich die jungen Grashalme einzeln wieder herauszupfen, ich werde sie umbringen, wie Toni sich umgebracht hat.

Pulsuz fraqment bitdi.

19 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
287 səh. 12 illustrasiyalar
ISBN:
9783946289128
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar