Kitabı oxu: «Fear Street 53 - Eingeschlossen»

Inhalt
Kapitel 1 – „Douglas, fahr langsamer!“ …
Kapitel 2 – Ich bekam keine …
Kapitel 3 – Keiner rührte sich …
Kapitel 4 – Als wir endlich …
Kapitel 5 – „Was war das?“ …
Kapitel 6 – Mein erster Impuls …
Kapitel 7 – Wir drei blieben …
Kapitel 8 – Fluchend knallte Richard …
Kapitel 9 – Douglas stocherte im …
Kapitel 10 – Eva blinzelte und …
Kapitel 11 – Einen Moment lang …
Kapitel 12 – Marc erfand Richard …
Kapitel 13 – Die Stufen ächzten …
Kapitel 14 – Die plötzliche Kälte …
Kapitel 15 – Plötzlich verschwand alles …
Kapitel 16 – Der Mann lag …
Kapitel 17 – „Ich … ich habe …
Kapitel 18 – Ich stützte mich …
Kapitel 19 – „Wer … wer ist …
Kapitel 20 – Wir drei waren …
Kapitel 21 – Mein erster Schneeball …
Kapitel 22 – Gefangen Wir saßen …
Kapitel 23 – Der Lärm des …
Kapitel 24 – Richard streckte beide …
Kapitel 25 – Mein Herz setzte …
Kapitel 26 – Ich machte einen …
Alle Einzelbände der Reihe Fear Street als E-Book
Über den Autor
Weitere Infos
Impressum
1
„Douglas, fahr langsamer!“, schrie ich und machte die Augen zu, als wir über die vereiste Straße schlitterten.
„Keine Angst, ich habe alles im Griff.“
Blitzschnell riss Douglas das Lenkrad herum und schaffte es irgendwie, den Wagen unter Kontrolle zu bekommen. Noch während das Auto schlingerte, gab er aber wieder Gas.
„Douglas!“, rief ich vom Rücksitz aus.
Er lachte. Es machte ihm Spaß, uns Angst einzujagen. Er liebte das Risiko. Und am liebsten gab er an.
„Ally hat recht“, sagte Shannon, die auf dem Beifahrersitz des alten Ford saß, mit ängstlicher Stimme. „Du fährst zu schnell. Man kann doch kaum etwas sehen.“
Als Antwort trat Douglas aufs Gaspedal. Er grinste, und seine dunklen Augen glitzerten vor Aufregung.
„Sag ihm, er soll schneller fahren“, schlug ich Shannon vor. „Vielleicht fährt er dann ja langsamer.“
„Lass mich doch eine Weile fahren“, meinte Marc, der neben mir saß. Seit wir die Skihütte verlassen hatten, war er sehr still gewesen. „Ich bin schon oft in solchen Schneestürmen gefahren.“
„Hey, lehnt euch zurück und überlasst mir das Fahren!“, sagte Douglas lachend, als hätte er gerade einen Superwitz erzählt. Er wandte sich Shannon zu. „Und hör bitte auf, meinen Arm zu umklammern, okay? Oder willst du, dass ich einen Unfall baue?“
„Douglas, du machst uns echt Angst“, sagte Shannon wütend.
„Du willst doch heute Abend noch nach Hause kommen, nicht wahr?“, fragte Douglas und drehte heftig am Lenkrad, als das Auto wieder ins Schleudern geriet.
„Ja, natürlich“, sagte Shannon leise. Ihre Eltern waren gegen den Skitrip gewesen, doch sie hatte gebettelt und gefleht und ihnen versprochen, dass ihr nichts passieren würde. Schließlich hatten ihre Eltern eingewilligt. Nun wollte sie unbedingt nach Hause kommen, bevor die Eltern anfingen, sich Sorgen zu machen oder wütend zu werden.
Außerdem waren Shannons Eltern von Douglas nicht gerade begeistert. Deswegen hatte sie ihnen nicht gesagt, dass er mit auf den Skitrip kommen würde. Wenn sie herausfanden, dass ihre Tochter ein Wochenende heimlich mit ihm im Schnee verbracht hatte, würden sie ihn noch weniger mögen!
„Es schneit ganz schön“, sagte Marc und wischte über die beschlagene Fensterscheibe, um hinauszuschauen.
Es gab jedoch nicht viel zu sehen.
Als wir aufgebrochen waren, hatte es nur leicht geschneit. Doch als wir die kurvige Gebirgsstraße hinunterfuhren, fing der Wind an zu pfeifen, und es schneite plötzlich dicke Flocken, die wie weiße Wolkenmassen heruntersanken.
Douglas’ alter Wagen schlitterte weiter über jede Kurve der schmalen Straße. Jedes Mal, wenn die Reifen zu rutschen begannen, setzte mein Herz aus.
Kurz vor unserer Abfahrt hatten auch viele andere Gäste die Skihütte verlassen und waren die schmale, kurvenreiche Strecke hinuntergefahren. Doch jetzt schien unser Auto das einzige auf der Straße zu sein.
Die Scheibenwischer kratzten laut über die Windschutzscheibe. Auf dem Glas bildete sich Eis. Ich wusste, dass Douglas nichts mehr sehen konnte. Aber warum fuhr er nicht langsamer?
Weil er eben Douglas war. Weil es ihm unheimlich Spaß machte, den Macho heraushängen zu lassen, den Helden zu spielen. Ich kannte Douglas schon seit vielen Jahren. Er war ein sehr guter Freund von mir. Doch an jenem Tag wünschte ich ihn zur Hölle.
Es wäre so viel angenehmer gewesen, einen vernünftigen Fahrer zu haben!
Die Scheibenwischer liefen auf Hochtouren, doch es schneite so heftig, dass die Windschutzscheibe ständig unter einer dünnen Schneedecke lag. Der Wind heulte und drückte das Auto von einer Straßenseite auf die andere.
Mein langes blondes Haar quoll unter meiner Wollmütze hervor. Ich stopfte es wieder unter die Mütze und duckte mich, um einen Blick auf die untergehende Sonne zu werfen. Es war aussichtslos. Das Schneetreiben war viel zu dicht.
Es erinnerte mich an einen dummen Witz, den mein Vater immer machte. Er hielt ein weißes Blatt Papier hoch und fragte: „Ally, wie findest du meine Zeichnung?“
„Was für eine Zeichnung?“, erwiderte ich immer.
„Es soll ein Polarbär im Schneesturm sein“, erklärte er dann. Oder: „Es ist ein Schneemann am Nordpol.“ Früher fand ich das wirklich lustig. Doch da ich mich jetzt in einer Situation befand, die genau wie ein weißes Stück Papier aussah, fand ich es gar nicht mehr komisch.
Plötzlich drehten sich die Räder im Leerlauf. Ich stöhnte leise vor Schreck.
„Reg dich ab“, sagte Douglas. Anscheinend war mein Stöhnen doch nicht so leise gewesen, wie ich gedacht hatte. „Ich habe alles unter Kontrolle.“
„Würdest du bitte mit beiden Händen lenken?“, flehte Shannon ihn an.
„Warum? Meine rechte Hand ist für dich reserviert“, neckte Douglas sie. Er legte die rechte Hand auf Shannons Schulter und drückte sie.
„Douglas, bitte nicht! Du bringst uns noch alle um!“
„Shannon, mach mal halblang, okay?“
Die Stimmung im Auto war sehr gereizt. Einerseits, weil wir auf einer glatten, kurvenreichen Straße blind den Berg hinunterfuhren und ein Verrückter am Steuer saß. Andererseits, weil Sam nicht dabei war, und alle wussten, dass mich das ganz fertig machte.
Und außerdem teilten wir das Auto mit einem Fremden, den wir erst seit ein paar Tagen kannten. Bitte versteht mich jetzt nicht falsch. Wir alle mochten Marc auf Anhieb. Doch es ist schwierig, sich wohl zu fühlen, wenn ein Neuer dabei ist – vor allem in einer so angespannten Situation.
Ich warf einen Seitenblick auf Marc, der die Stirn an die Scheibe presste und aus dem Fenster starrte. „Ich glaube es einfach nicht“, sagte er leise.
Ich musste zugeben, dass Marc ein echt netter Typ war. Schließlich war er zu mir ganz besonders nett gewesen, seit wir uns vor ein paar Tagen auf der Skihütte kennengelernt hatten. Und ich fand ihn auch irgendwie süß mit seinem lockigen roten Haar und den tiefsinnigen, dunklen Augen. Aber ich hätte es natürlich lieber gehabt, wenn statt einer Skibekanntschaft mein Freund Sam neben mir gesessen wäre.
Sam.
Sobald ich an ihn dachte, wurde ich wieder wütend.
Donnerstagnachmittag waren Douglas, Shannon, Sam und ich für ein verlängertes Wochenende die lange Strecke hinauf zur Skihütte gefahren. Wir wollten Ski fahren, Spaß haben und vor allem einfach mal raus aus Shadyside. Doch dann machte Sam uns einen Strich durch die Rechnung.
Auch jetzt fand ich immer noch nicht, dass ich an unserem Streit schuld war. Schließlich hatten wir das Wochenende schon lange geplant. Wie kam Sam plötzlich auf die Idee, dass wir am Sonntagmorgen nach Hause fahren sollten, nur damit er sein blödes Basketballspiel nicht versäumen würde?
Wenn wir morgens aufgebrochen wären, hätten wir einen ganzen Skitag versäumt. Die Unterkunft auf der Hütte war ziemlich teuer, und wir anderen wollten noch länger bleiben, um den Tag voll auszunutzen. Natürlich verschwanden Douglas und Shannon dann diskret, um Sam und mich an dem kleinen Tisch in der überfüllten Empfangshalle alleinzulassen.
Ich konnte es nicht verhindern. Bald stritten wir uns laut. Die Leute starrten uns an, doch das war mir egal. Sam will ständig seinen Willen durchsetzen. Aber ich war fest entschlossen, diesmal nicht nachzugeben.
Als er schließlich sagte: „Ally, versuche es aus meiner Sicht zu sehen“, rastete ich aus. Vermutlich bin ich ziemlich heftig geworden. Und dann sprang er auf, stieß seinen Stuhl mit lautem Getöse um und stürmte wütend aus der Halle.
„Ich bin nicht stur!“, schrie ich ihm hinterher. Eigentlich war mir zwar klar, dass er mich nicht hören konnte, aber ich wollte unbedingt das letzte Wort behalten.
Dann merkte ich, dass alle Leute mich ansahen. Ich blieb sitzen und starrte auf den kleinen Tisch, ohne aufzustehen oder mich zu rühren. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich dachte.
Doch dann kam Marc an meinen Tisch. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er.
Ich hob misstrauisch den Kopf, um zu sehen, ob er mich anbaggern wollte. Doch das wollte er nicht. Er war so süß mit seinem kindlichen Gesicht und den vielen Sommersprossen. Er wollte einfach nur nett sein.
Marc setzte sich zu mir, und wir unterhielten uns miteinander. Er erzählte mir, dass er in der Nähe des Gebirges aufgewachsen war, doch lange nicht mehr hier gewesen war. Er versuchte, mich aufzuheitern, und ich mochte ihn auf Anhieb.
Ich glaube, es gibt solche Leute. Schon bei der ersten Begegnung weiß man einfach, dass man sie mag. Als Shannon und Douglas zurückkamen, stellte ich ihnen sofort Marc vor. Dann gingen wir zu viert zum Abendessen ins Restaurant.
Marc verbrachte auch den Rest des Wochenendes mit uns. Sam hatte eine Nachricht an der Rezeption hinterlassen, dass er mit dem Bus zurück nach Shadyside fahren würde.
Seine Nachricht machte mich so wütend, dass ich den Zettel in viele kleine Schnipsel zerriss. Wahrscheinlich hielt Sam sich sogar für besonders höflich, weil er überhaupt eine Nachricht hinterlassen hatte. Also gut, dann würde ich halt ohne ihn Spaß haben. Und solange Marc dabei war, war es nicht sonderlich schwer, sich zu amüsieren. Und deswegen boten wir ihm gern an, ihn im Wagen mitzunehmen, als er nicht wusste, wie er nach Brockton zurückkommen sollte.
Allerdings hatten wir die Skihütte erst vor einer Stunde verlassen und waren noch weit von Brockton entfernt. Wir befanden uns im schlimmsten Schneesturm, den ich je erlebt hatte, und vor uns lagen noch mindestens sechs Stunden Autofahrt. Außerdem war ich echt genervt von der Vorstellung, dass Sam jetzt gemütlich und sicher zu Hause saß und sich wahrscheinlich keinen Augenblick lang Sorgen um mich machte.
„Es ist eiskalt hier drin“, beschwerte sich Shannon. Sie drehte sich um und sah mich an, während sie die Kapuze ihrer Skijacke über das kupferrote Haar stülpte. Shannon wirkt immer ein bisschen traurig und missmutig. Das ist ihr natürlicher Gesichtsausdruck. Doch jetzt sah sie richtig unglücklich aus.
„Was soll ich tun? Anhalten und ein neues Auto kaufen? Die Heizung ist halt kaputt“, sagte Douglas gereizt.
„Kannst du überhaupt noch was sehen?“, fragte Marc plötzlich und beugte sich vor.
„Ja, ich sehe Schnee“, erwiderte Douglas und lachte über seinen grandiosen Witz.
„Wir werden es nie nach Hause schaffen“, dachte ich düster. Immer musste ich den Teufel an die Wand malen. Doch ich konnte es nicht ändern. Ich mache mir dauernd Sorgen. Und wenn ich in einer wirklich schlimmen Lage bin, finde ich tausend Dinge, über die ich mir Sorgen mache.
Plötzlich geriet der Wagen ins Schleudern. Bei hoher Geschwindigkeit.
Ich schrie und klammerte mich an die Rückenlehne des Vordersitzes.
Selbst durch das Schneegestöber konnte ich rechts von uns die sehr steile Böschung hinunter ins Tal erkennen. Und ich sah, dass die Straße nicht abgesichert war.
„Nein!“
Shannon schrie auch.
Verzweifelt versuchte Douglas, das Auto vom Abhang wegzulenken. Er trat wie wild auf die Bremse, doch der Wagen wurde nicht langsamer.
„Wir kommen von der Straße ab“, dachte ich entsetzt. „Gleich stürzen wir die Böschung hinunter!“
Ich machte meine Augen fest zu, doch es half nichts. Das Schleudern des Autos war immer noch zu spüren – und dann ein grauenhafter Sog in der Magengegend, als wir anfingen, uns zu drehen.
2
Ich bekam keine Luft mehr, brachte kein Wort heraus und riss schließlich die Augen auf.
Das Auto drehte sich einmal um seine eigene Achse. Dann blieb es plötzlich stehen; die Vorderräder waren in einer Schneewehe am Straßenrand stecken geblieben.
Douglas grinste. „Soll ich den Trick noch mal machen?“, scherzte er.
„Hey, Ally“, sagte Marc leise.
„Was ist?“ Ich hatte ganz vergessen, dass Marc neben mir saß.
„Äh, Ally, macht es dir was aus, mein Bein wieder loszulassen?“
Erschrocken zuckte ich zusammen. Ich hielt Marcs Bein so fest umklammert, dass es ihm richtig wehtun musste. Und ich hatte es noch nicht einmal gemerkt.
Rasch zog ich meine Hand weg. Es war mir ziemlich peinlich, und ich spürte, dass mein Gesicht ganz heiß wurde.
Shannon und Douglas drehten sich lachend zu uns um.
„Bei Ally musst du aufpassen. Sie ist eine echte Draufgängerin“, sagte Shannon lachend zu Marc.
Alle außer mir fanden das wahnsinnig komisch. Sie waren erleichtert, dass wir wir nicht von der Straße abgekommen und über die Böschung gestürzt waren.
Doch meiner Meinung nach hatten wir kaum einen Grund dazu, erleichtert zu sein. Vor uns lagen noch ein paar hundert Meilen. Und es schneite immer stärker.
„Kehrt um. Kehrt um“, schien der Wind zu heulen.
Meine Fantasie geht oft mit mir durch, wenn ich Angst habe.
Douglas fuhr rückwärts auf die Straße zurück. Die Heckscheibe war total zugeschneit. Ich wusste, dass er nicht sehen konnte, wohin er fuhr.
Der Motor knatterte, zögerte, knatterte wieder, dann kam das Auto endlich ins Rollen. „Super! Fahr uns nach Hause, James!“, rief Douglas zufrieden.
„Kannst du denn nichts an der Heizung machen?“, fragte Shannon bibbernd. „Sie bläst kalte Luft herein.“
„Stell das Gebläse auf Entfrosten“, schlug Marc vor und beugte sich nach vorne.
„Es steht längst auf Entfrosten“, sagte Douglas etwas gereizt. „Sie ist halt kaputt, was soll ich da machen?“
„Dann stell sie ab“, sagte Shannon sauer und fummelte an den Schaltern herum. „Wozu brauchen wir kalte Luft? Es ist ohnehin schon eisig!“
„Okay, also gut.“ Ungeduldig stieß Douglas ihre Hand weg und stellte die Heizung ab.
Ich spürte, dass die Stimmung vorne wieder angespannter wurde, und versuchte, das Thema zu wechseln. „Habt ihr gewusst, dass Schnee das zehnfache Volumen von Regen hat? Das bedeutet, dass jeder Zentimeter Regen zehn Zentimetern Schnee entspricht.“
Wissenschaftliche Fakten lenken mich immer wieder von den Dingen ab, die mir Angst machten. Das kommt daher, weil ich in den wissenschaftlichen Fächern ein Ass bin.
Meine Mitfahrer zeigten allerdings kein großes Interesse.
„Na toll, weiter so, Schlauberger!“, lachte Marc mich aus.
„Hey, macht euch nicht über Ally lustig“, verteidigte Shannon mich. „Eines Tages wird sie eine großartige Ärztin sein.“
„Falls wir den Schneesturm überleben“, fügte ich im Stillen hinzu, als das Auto wieder ins Rutschen kam und mir ein ungutes Gefühl durch den Körper fuhr.
„Wie lautet wohl die wissenschaftliche Erklärung für dieses Gefühl?“, fragte ich mich. Dieses komische Gefühl, wenn man noch nicht sicher ist, wie viel Angst man haben soll. Plötzlich fühlt man sich ganz schwer, wie gelähmt und als würde man keine Luft mehr kriegen.
Ein starker Windstoß schüttelte das Auto. „Soll ich eine Weile fahren?“, bot Marc wieder an.
„Hast du überhaupt einen Führerschein?“, fragte Douglas. Es klang eher nach einer Herausforderung als nach einer Frage.
„Klar“, antwortete Marc gelassen. „Ich bin ein sehr guter Autofahrer.“
„Na ja, vielleicht später“, sagte Douglas.
„Ich finde, wir sollten umdrehen“, schlug ich vor, während ich in das Schneetreiben starrte.
„Was?“, fragte Douglas ungläubig. „Spinnst du?“
„Das können wir nicht machen!“, rief Shannon entsetzt. „Wenn ich heute Abend nicht zu Hause bin, bekomme ich für den Rest meines Lebens Hausarrest!“
„Wir sind schon zu weit von der Hütte entfernt, um umzukehren“, sagte Marc zu mir. „Wir fahren schon eine Stunde. Selbst wenn wir es schaffen würden, werden mit Sicherheit danach die Straßen gesperrt und dann könnten wir tagelang auf der Skihütte eingeschlossen sein.“
„Au ja!“, rief Douglas. „Ich drehe um!“
„Halt den Mund, und fahre weiter“, meinte Shannon kopfschüttelnd.
„Tut mir Leid“, sagte ich. „Das war wohl keine gute Idee.“
Ich wünschte, wir hätten die Hütte niemals verlassen. Ich wünschte, wir wären erst gar nicht auf das Skiwochenende gefahren!
Plötzlich stotterte der Motor, und der Wagen geriet erneut ins Schleudern.
Alle schwiegen, während Douglas das Auto wieder unter seine Kontrolle brachte.
Dann fuhren wir holpernd über eine ziemlich unebene Stelle. „Huch!“ Aus irgendeinem Grund stellte ich mir einen Toten unter den Rädern vor, der steif und erfroren unter dem Schnee und Eis vergraben war.
Wie ich schon sagte, ich bin echt gut darin, mir selber Angst einzujagen.
„War bloß eine Bodenwelle“, sagte Douglas.
Alle lachten nervös.
Die Straße verlief eine Weile gerade und wurde dann wieder kurvig. Ich rieb eine Stelle der beschlagenen Fensterscheibe frei, um hinauszuschauen. Ich konnte eine tiefe Schlucht voller Bäume erkennen, die direkt neben dem Straßenrand steil abfiel.
Wenn wir ins Rutschen gerieten, würden wir kopfüber in den Abgrund stürzen!
„Wir sind fast am Fuß des Gebirges angekommen“, sagte Douglas und starrte mit zusammengekniffenen Augen durch die Windschutzscheibe. „Vielleicht schneit es unten im Tal nicht so stark.“
„Es wird ein richtiges Vergnügen sein, wieder in der Fear Street anzukommen“, sagte ich. „Hier ist es wirklich gruselig!“
Als wir das Tal erreichten, wurde die Strecke wieder gerade, doch es schneite noch genauso heftig. Wir sahen nach wie vor kein anderes Auto auf der Straße. Vielleicht war sie schon gesperrt worden, und wir wussten es nicht. Denn Douglas’ Autoradio war auch kaputt.
„Ich glaube, ich kenne diese Gegend“, meinte Marc und rubbelte sein beschlagenes Fenster frei. „Hör zu, Douglas, wir kommen gleich an einer Landstraße vorbei. Biege links ab und nimm die Landstraße. Später führt sie wieder auf den Highway zurück.“
„Wie bitte? Eine kleine Landstraße nehmen? Mach keine Witze, Marc.“ Douglas gab noch ein bisschen Gas. Das Auto reagierte kaum.
„Nein, glaube mir. Die Gemeinden räumen ihre Straßen viel schneller als die Bundesbehörden, die für die Highways zuständig sind. Du wirst schon sehen. Die Landstraßen werden immer vor den Bundesstraßen geräumt.“
Douglas drehte sich zweifelnd um, um zu sehen, ob Marc es ernst meinte. Doch als wir die Kreuzung erreichten, von der Marc gesprochen hatte, und ein kleines grünes Verkehrsschild die Landstraße Nr. 6 anzeigte, bog Douglas links ab.
„Bloß Wald und Felder“, sagte ich düster und starrte hinaus auf die schneebedeckten Kiefern. Die Welt schien schwarz und weiß geworden zu sein. Der Schnee war so grell, dass er scheinbar alle anderen Farben ausradierte.
„Wir müssten doch bald an einen kleinen Ort kommen, oder?“, fragte Shannon hoffnungsvoll. „Glaubt ihr nicht, dass es hier irgendwo ein Dorf mit einer Imbissbude gibt? Oder ein Dorf mit einem dieser gemütlichen kleinen Landgasthäuser? Mir ist so kalt, dass ich wie eingefroren bin, Douglas. Ich fühle mich echt wie betäubt.“
„Vielleicht sollte ich kurz anhalten und dir eine Massage geben“, sagte Douglas und grinste frech.
„Ich meine es ernst!“, protestierte Shannon.
Ich starrte immer noch aus meinem Seitenfenster.
Als ich wieder nach vorne schaute, sah ich einen Lastwagen auf uns zukommen.
Es war ein riesiger roter Umzugswagen. Trotz des Schneetreibens konnte ich ihn durch die Windschutzscheibe erkennen.
Und dann lief alles wie in Zeitlupe.
Der LKW hupte; es war ein tiefes Dröhnen, das zusätzlich vom Schnee gedämpft wurde.
Er steuerte direkt auf uns zu.
Die Straße war schmal – zu schmal, um aneinander vorbeizufahren.
Douglas trat auf die Bremse. Wir kamen ins Schleudern, und das Auto rutschte direkt in die Fahrspur des Lastwagens.
Ich presste die Augen zu.
Wieder hörte ich das Hupen des Lastwagens. Diesmal war es viel lauter. Der Lärm war ohrenbetäubend und ließ meine Knochen vibrieren. Ich klammerte mich an die Rücklehne von Shannons Sitz und bereitete mich auf den Zusammenstoß vor.
Doch dann spürte ich nur das Dröhnen des LKWs, als er an uns vorbeirollte.
Es war, als hätte der Seitenwind des Lastwagens unser Auto aus dem Weg gedrückt.
„Jetzt kann uns nichts mehr passieren!“, erklärte Douglas mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
Das Auto rollte noch ein paar Meter weiter, dann fing der Motor an zu stottern, und wir blieben endgültig stehen.
3
Keiner rührte sich. Dann fingen wir an, alle durcheinander zu reden.
„Wir haben genug Benzin“, sagte Douglas und betrachtete prüfend die Benzinanzeige. „Also kriegen wir das Auto wieder in Gang.“
„Versuch es“, schlug Marc vor und steckte den Kopf zwischen die Vordersitze, um auf das Armaturenbrett zu schauen. „Wenn es nicht anspringt, steige ich aus und schau mir den Motor an. Wie ich schon gesagt habe, ich kenne mich gut mit Autos aus.“
„Hey, kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Mann. Ich weiß, was ich tue“, fauchte Douglas und sah Marc wütend an.
Marc lehnte sich zurück und hob entschuldigend die Hände hoch. „Ich will doch bloß helfen, Boss.“
„Das kannst du am besten, indem du die Klappe hältst!“, gab Douglas zurück.
„Douglas, reg dich ab“, sagte Shannon und versetzte ihm einen harten Schulterstoß. „Lass es nicht an Marc aus.“
Douglas war zwar schon von Natur aus ein Hitzkopf, doch jetzt war er noch gereizter als sonst. Wer konnte es ihm übel nehmen?
„Ich komme nie mehr heim, nie mehr!“, heulte Shannon.
Ich streckte die Hand aus und tätschelte ihre Schulter, um sie zu beruhigen. Sie zitterte am ganzen Körper.
Douglas versuchte wieder, den Wagen zu starten. Ein lautes, heiseres Knirschen ertönte. Der Motor hustete ein paarmal – dann sprang er an.
Das Aufheulen des Motors war eines der angenehmsten Geräusche, die ich jemals gehört hatte. „Vielleicht sollten wir anhalten und uns noch ein paar Pullover und warme Sachen überziehen“, schlug ich vor.
„Ich will nicht noch einmal anhalten“, sagte Douglas verärgert und starrte geradeaus. „Ich habe Angst, dass der Motor wieder ausgeht, und dann würdet ihr Weicheier richtig ausflippen.“
„Sieh dir die Temperaturanzeige an“, sagte Marc und runzelte besorgt die Stirn. „Der Motor ist überhitzt. Da liegt das Problem.“
„Danke für die brillante Analyse, Herr Automechaniker“, antwortete Douglas sarkastisch.
„Überhitzt? Wie kann sich etwas in dieser Kälte überhitzen?“, stieß Shannon aus.
Marc ignorierte Douglas’ Feindseligkeit. „Wir werden nicht weit kommen“, verkündete er düster.
„Es muss hier irgendwo ein Dorf geben“, jammerte Shannon. „Sie hätten doch keine Straße gebaut, wenn die nicht zu einer Ortschaft führen würde, oder?“
Der Himmel verdunkelte sich. Es schneite immer noch, und die riesengroßen Schneeflocken wurden vom Wind in alle Richtungen geblasen. Ich konnte nichts mehr außer hohen Kiefern erkennen. Nichts, außer weiß bedeckten Kiefern, die sich ins Unendliche erstreckten.
Wieder stotterte der Motor. Douglas gab Vollgas.
„Ich fürchte, ich habe mich wohl in der Straße geirrt“, sagte Marc. Er starrte aus dem Fenster und schützte seine Augen vor dem grellen Licht, indem er die Hand über die Stirn hielt. „Sie ist auch nicht besser als die Bundesstraße.“
„Wenigstens sind wir aus dem Gebirge heraus“, sagte ich, um etwas Aufmunterndes beizusteuern.
„Aber wir sind nirgendwo“, protestierte Shannon. „Wir sind im Niemandsland!“
„Wartet einen Augenblick!“, rief Marc. Seine plötzliche Aufregung ließ uns zusammenzucken. „Da oben im Wald steht ein Haus. Wir sollten anhalten.“
„Was? Aber wir müssen doch heute noch nach Hause kommen“, gab Douglas zurück. Trotzdem bremste er und hielt an, ohne den Motor abzustellen.
„Mit diesem Auto werden wir es nicht schaffen“, sagte Marc nüchtern, während er mit seinen Augen den Wald absuchte. „Damit werden wir irgendwo mitten in der Pampa stecken bleiben. Und dann könnten wir sogar erfrieren.“
„Das bin ich längst“, sagte Shannon und steckte die Hand in ihre Stiefel, um sich die Füße warm zu reiben.
„Marc hat recht“, stimmte ich zu. „Es wird bald dunkel werden. Ich habe überhaupt keine Lust, auf dieser verlassenen Landstraße ohne Heizung, Essen oder sonst was stecken zu bleiben.“ Ich wandte mich Marc zu. „Wo ist das Haus?“
„Dort oben.“ Er zeigte auf einen bewaldeten Hügel. Von meinem Platz aus konnte ich nur Schnee und Baumstämme erkennen. Es überraschte mich, dass Marc es von der Straße aus überhaupt entdeckt hatte.
„Das Haus steht oben auf dem Hügel. Sieht aus wie eine Skihütte oder so was. Es wirkt ziemlich groß“, sagte er. „Sicher groß genug, um uns für die Nacht aufzunehmen.“
„Und die Leute haben bestimmt ein Telefon“, sagte ich aufgeregt. „Wir könnten unsere Eltern anrufen und ihnen sagen, wo wir sind.“
„Das ist das Ende“, sagte Shannon düster. „Mein Leben ist vorbei.“
„Warum bist du dir so sicher, dass die Leute uns aufnehmen werden?“, fragte Douglas Marc herausfordernd.
„In dieser Gegend sind die Leute sehr gastfreundlich“, antwortete Marc. „Ich hab euch doch gesagt, dass ich hier aufgewachsen bin. Ich weiß noch, wie nett hier alle waren, als ich noch klein war. In so einem Schneesturm würde uns keiner die Nase vor der Tür zuschlagen.“
„Es ist wohl einen Versuch wert“, sagte ich zögernd.
„Ja. Wir sollten es versuchen“, schlug Douglas vor und wischte die Innenseite der Windschutzscheibe mit einem zerknüllten Taschentuch ab. „Ich könnte zwar weiterfahren. Mir macht es nichts aus. Aber ich sehe, dass ihr völlig erschöpft seid. Außerdem hat das Auto schon fast seinen Geist aufgegeben.“
Aus heiterem Himmel fiel mir Sam wieder ein.
„Hoffentlich genießt du dein Basketballspiel in deinem warmen Haus“, dachte ich wütend.
Ich schwor mir, nie wieder mit ihm auszugehen.
Und ich hoffte, dass er jetzt bei mir zu Hause anrief und sich fragte, wo ich blieb. Hoffentlich machte er sich zumindest Sorgen um mich.
Gemeinsam mit meinen Eltern …
Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Es war halb fünf. Erst in ein paar Stunden würden sie anfangen, sich Sorgen um mich zu machen. Und bis dahin hätte ich sie längst angerufen und über den Schneesturm informiert.
„Park das Auto einfach an der Straßenseite“, sagte Marc zu Douglas. „Wir lassen die Skisachen drin, nehmen nur unsere Rucksäcke mit und laufen den Hügel zu dem Haus hinauf.“
„Ich nehme an, das Auto ist hier sicher“, sagte Douglas und stellte den Motor ab.
„Was immer du machst, schließe es nicht ab“, warnte Marc ihn. Er machte seine Tür auf und kletterte in den tiefen Schnee hinaus. „Sonst frieren die Schlösser ein, und dann kriegst du die Türen nie mehr auf.“ Er setzte sich seine blaue Wollmütze auf, starrte den Hügel hinauf und streckte sich.
Ich konnte es kaum erwarten, es ihm nachzumachen. Auch wenn wir weniger als zwei Stunden Fahrt hinter uns hatten, fühlte ich mich, als wäre ich monatelang im Auto eingesperrt gewesen.
Ich stieg aus und folgte Marcs Blick. Tatsächlich stand dort zwischen ein paar Kiefern ein großes Holzhaus. Aus einem Schornstein stieg Rauch auf. „Gut beobachtet, Adlerauge!“, lobte ich und schlug Marc auf den Rücken.
Er drehte sich um und grinste. Wenn er so lächelte, sah er richtig gut aus. Ich wandte mich wieder um und sah, dass Douglas Shannon aus dem Auto half. Er legte einen Arm um ihre Taille und machte mit der anderen Hand die Beifahrertür zu.
„Ich würde für eine Tasse Kaffee alles geben“, sagte Shannon und zitterte vor Kälte.
Der Schnee setzte sich an unseren Stiefeln, Mänteln und Mützen fest, als wir unsere kleinen Rucksäcke aus dem Kofferraum holten. Der Himmel war jetzt schon ganz dunkel. Der Wind schien kälter zu werden, während wir eng aneinander gedrängt hinter dem Wagen standen.
„Wäre ein heißes Bad jetzt nicht toll?“, fragte ich Shannon.
„Oh ja!“, rief sie aus. „Machen wir uns auf den Weg!“
Douglas ließ die Klappe des Kofferraums zufallen. Wir fingen an, hintereinander auf einem breiten Pfad zwischen den Bäumen den kleinen Hügel hinaufzumarschieren.
Der Schnee reichte uns bis an den Stiefelrand; die Schneewehen waren sogar noch höher. Es dauerte ziemlich lange, bis wir oben waren. Doch wir waren alle so glücklich, dem Auto entkommen zu sein und ein warmes Haus vor Augen zu haben, dass uns weder der Schnee noch die Kälte und der heftige Wind etwas ausmachten.
Wir waren nur noch wenige Meter von der Terrasse entfernt, als mich wieder ein ungutes Gefühl überkam. Plötzlich lief mir ein Schauer über den Rücken – es war ein Angstschauer.
Doch natürlich ignorierte ich ihn.
Es war zu spät zum Umdrehen.
Außerdem wäre es doch albern, einem kurzen, irrationalen Panikgefühl nachzugeben, nicht wahr?
4
Als wir endlich den Hügel hinter uns gelassen und die Terrasse des Hauses erreicht hatten, fror ich bis auf die Knochen. Der Schnee war in meine Stiefel gefallen, und meine Füße waren eiskalt und nass.
Douglas klopfte laut an die Haustür. Marc stapfte mit den Stiefeln über die Holzplanken der Terrasse, um die Schneeklumpen loszuwerden. Er lächelte mich ermutigend an. Ich sah wohl ziemlich erbärmlich aus.
Wieder klopfte Douglas. Shannon in ihrer dicken, großen Skijacke hatte die Arme um sich geschlungen, um sich warm zu halten, doch auch sie zitterte.
Der Wind pfiff ums Haus und wirbelte nasse Schneeflocken herum. Ich fasste mir mit dem Handschuh an die Nase, doch ich spürte sie nicht mehr. Sie war wie betäubt.
„Das gibt Frostbeulen“, dachte ich, „wenn nicht gleich jemand die Tür aufmacht.“
Doch dann hörten wir Schritte in dem großen Haus. Sie kamen näher, und schließlich schwang die Tür auf.
„Aber hallo!“ Der Mann wirkte überrascht, als er uns sah. Er war groß, hatte breite Schultern und einen Bart. Sein zotteliges braunes Haar sah aus, als sei es seit Tagen nicht mehr gekämmt worden. Er trug ein rotes Flanellhemd und Jeans, die eine Nummer zu groß waren und einen Flicken am Knie hatten.
„Na schau mal einer an, was da hereingeschneit kommt!“, sagte er mit donnernder Stimme, während er uns nacheinander betrachtete.
„Unser Auto …“, fing Douglas an. „Wissen Sie, der Schneesturm …“ Es schien, als würden ihm sogar die Worte in der Kehle einfrieren!
„Los, macht schon. Kommt rein“, sagte der Mann mit tiefer, dröhnender Stimme. „Beeilt euch, die kalte Luft zieht sonst durchs ganze Haus.“
Wir stürzten hinein. Wir hatten es so eilig, in die Wärme zu kommen, dass wir gegeneinander stießen. Sobald wir drinnen waren, schlug der Mann die Haustür zu und schloss sie von innen ab.
Ich hatte so lange in den hellen Schnee gestarrt, dass es eine Weile dauerte, bis meine Augen sich an die Dunkelheit im Raum gewöhnt hatten. Es gab keinen Flur. Nur ein riesengroßes Wohnzimmer mit einer gewölbten Decke und einem großen Deckenfenster, das ein bisschen Tageslicht hereinbrachte. Gegenüber einer Balustrade stand ein großer Kamin aus Backstein, in dem mehrere dicke Holzscheite brannten. Sie knackten laut, und gelbe Flammen schossen in die Höhe.
Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so froh über ein Feuer gewesen!
„Mensch! Ihr seht ganz erfroren aus“, sagte der Mann. „Zieht euch die nassen Stiefel aus, hängt eure Mäntel da drüben auf“ – er zeigte auf einen Erker in der linken Ecke – „und dann wärmt euch am Feuer auf.“
Wir gehorchten ihm gern.
„Eva! Eva!“, rief er. „Komm rein, Mädel. Wir haben Überraschungsgäste!“
„Wir sind auf dem Weg nach Hause, aber wir sind im Schneesturm stecken geblieben“, brachte Douglas schließlich heraus, während er seine Stiefel auszog. „Die Heizung in unserem Auto ist ausgefallen und …“
„Kommt und wärmt euch den Hintern am Feuer auf“, unterbrach der Mann ihn und half Shannon, ihren Mantel auszuziehen. „Du bist aber eine Hübsche“, sagte er. „Ich mag rothaarige Frauen.“
Ich sah, dass Douglas das Gesicht verzog. Es gefiel ihm gar nicht, wenn jemand Shannon anbaggerte, auch wenn es nur spaßhaft war.
„Wir wollen Sie nicht stören“, sagte Marc und schüttelte sich den Schnee aus dem Haar.
„Hey, kein Problem“, erwiderte der Mann. „Eva und ich haben genügend Platz. Das Haus war eine Skihütte, bevor sie den neuen Highway gebaut haben. Ihr Kids könnt gern hierbleiben, bis es aufhört zu schneien.“
„Vielen Dank“, sagte Shannon und rannte zum Feuer. „Ich glaube, ich hätte es keinen Augenblick länger in dem eiskalten Auto ausgehalten.“
„Ich heiße Richard“, sagte der Mann, während er unsere Stiefel mit dem Fuß an die Wand schob. „Wo kommt ihr her?“
„Aus Shadyside“, sagte ich und betrachtete meine Wollsocken. Sie waren klatschnass. „Wir alle außer Marc.“
„Ich bin aus Brockton“, sagte Marc. Er blieb vor der Rückenlehne des langen Ledersofas vor dem Kamin stehen. „Die anderen haben mich mitgenommen. Ich habe sie in Pineview kennengelernt.“
„Meinst du die Skihütte?“, fragte Richard und kratzte sich mit seinen kurzen, dicken Fingern am Bart.
Bevor Marc eine Antwort geben konnte, trat eine junge Frau ins Zimmer und trocknete sich die schlanken Hände an einem Geschirrtuch ab. „Ach, da ist ja Ihre Hoheit“, lächelte Richard. „Das ist meine bessere Hälfte, Eva.“
Wir alle sagten gleichzeitig Hallo. Eva sah jünger aus als Richard, sie musste um die fünfundzwanzig sein. Sie hatte feines, lockiges blondes Haar, das gefärbt wirkte, blaue Augen und eine kleine Brille. Auch sie trug ein rotes Flanellhemd. Es sah genauso aus wie das ihres Mannes, nur war es viel kleiner. Dazu hatte sie eine braune Cordhose und braune Arbeitsstiefel an.
„Ich habe heute nicht mit Besuch gerechnet“, sagte sie ziemlich verwirrt. Ihre Stimme war sehr leise und dünn. Neben Richard wirkte sie wie eine Maus neben einem Bären.
Wir stellten uns erst ihr und dann Richard vor, der darauf bestand, unsere durchgefrorenen Hände kräftig zu schütteln.
„Die Kids sind im Schnee stecken geblieben“, erklärte Richard. „Wahrscheinlich wissen sie nicht, dass die Straßen alle gesperrt sind. Ich habe ihnen gesagt, dass das Haus zwar nicht gerade ein feines Hotel ist, aber dass sie es sich hier gemütlich machen können, bis es aufhört zu schneien.“
Eva machte eine besorgte Miene, doch sie schwieg. Ich hatte den Eindruck, dass es ihr nicht sonderlich behagte, vier fremde Teenager aufzunehmen, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren. Ich bin sicher, dass es mir nicht gefallen hätte! Doch sie sagte nur: „Ich mache Kaffee. Ihr seht ja ganz erfroren aus.“
Ich setzte mich auf einen weißen Teppich, lehnte mich mit dem Rücken an das Ledersofa und streckte meine Füße zum Feuer aus. Mann, fühlte sich das gut an!
Ich hob den Kopf und sah Shannon an, die sich am Ende der langen Ledercouch an Douglas kuschelte. Sie lächelte sogar zum ersten Mal, seit wir die Skihütte verlassen hatten.
„Du lieber Himmel, schaut euch den Schnee an!“, sagte Richard; und seine Stimme hallte von den hohen Deckenbalken zurück, während er vor uns auf und ab lief. „Hört euch den Wind an. Einige der Schneewehen sind fast zwei Meter hoch! Unglaublich!“ Er blieb vor Shannon stehen. „Du bist nicht von schlechten Eltern, Kleine. Hab ich schon erwähnt, dass ich rothaarige Frauen liebe?“
Ich konnte nicht erkennen, ob Shannon errötete oder ob ihr Gesicht nur von der Kälte rot war, doch sie wirkte ziemlich eingeschüchtert. Richard starrte sie unverhohlen an!
Ich betete, dass Douglas ihn einfach ignorieren und dieses eine Mal nicht ausrasten würde. Schließlich nahmen diese Leute uns für die Nacht auf.
Es dauerte eine ganze Weile, bis mein Hirn wieder auftaute. Ich starrte wie hypnotisiert in die feuerroten Flammen. Alle anderen im Zimmer schienen eine Weile verschwunden zu sein. Vermutlich war ich bloß von der langen, gefährlichen Fahrt erschöpft.
Alles verschwamm vor meinen Augen, und ich verlor mich in dem warmen Flackern des Feuers. Als ich aus meinem angenehmen Halbschlaf wieder aufwachte, fielen mir schlagartig meine Eltern ein. „Haben Sie ein Telefon?“, fragte ich Richard, der in einem abgewetzten Ledersessel saß und eine alte Zeitschrift durchblätterte.
„Richtig! Meine Eltern!“, rief Shannon erschrocken und sprang von der Couch auf. „Was soll ich denen bloß sagen? Ich werde für den Rest meines Lebens Hausarrest kriegen!“
„Mach dir keine Sorgen. Uns fällt schon was ein“, beruhigte Douglas sie und zog sie wieder neben sich auf die Couch.
Richard zeigte auf einen kleinen Tisch, der unter der Balustrade stand. „Das Telefon ist da drüben. Ihr könnt es versuchen. Heute Vormittag sind die Leitungen zwar ausgefallen, aber vielleicht funktioniert es jetzt wieder.“
Douglas, Shannon und ich eilten zum Telefon. Douglas erreichte es als Erster; er hob den Hörer ab und lauschte. „Es rauscht zwar, aber ich glaube, es funktioniert“, sagte er. Dann fing er an, die Nummer seiner Eltern zu wählen.
Ich warf einen Blick auf die Feuerstelle. Marc hatte sich auf dem Sofa ausgestreckt; sein Kopf ruhte auf der gepolsterten Armlehne. „Rufst du nicht zu Hause an?“, fragte ich ihn.
„Ach, das kann bis später warten“, sagte er. „Sie erwarten mich erst Mitte der Woche zurück, deswegen werden sie sich keine Sorgen um mich machen.“ Er zog die Knie an, streckte die Hand aus und zog seine Socken hoch. Einer von ihnen hatte ein großes Loch am Zeh.
„Ich kann dich kaum verstehen!“, rief Douglas in den Hörer. Immer wieder versicherte er seiner Mutter, dass ihm nichts passiert war. Dann rief Shannon zu Hause an, und ich merkte an ihrer Reaktion, dass ihre Eltern sehr ärgerlich waren.
Eva kam mit einer großen Kaffeekanne und einem aufgeschnittenen Bananenbrot herein. Ich glaube, so gut hat noch kein Kaffee geduftet. Auch wenn ich es nicht gemerkt hatte, ich hatte einen Bärenhunger.
Ich war als Nächste an der Reihe. Die Leitung knisterte so stark, dass ich kaum den Wählton hören konnte. Schließlich hörte ich, wie es bei mir zu Hause klingelte. Es klang viele tausend Meilen weit entfernt.
„Sie sind mit dem Anrufbeantworter der Munroes verbunden“, ertönte die Stimme meiner Mutter durch das Rauschen. „Leider ist im Augenblick niemand zu Hause …“
„Ich glaube es einfach nicht!“, sagte ich zu Shannon. „Ich habe den AB dran!“
Shannon zuckte mit den Schultern. „Vielleicht schneit es in Shadyside nicht so stark.“
Ich wartete den Pfeifton ab und hinterließ eine Nachricht. Als ich auflegte, fühlte ich mich niedergeschlagen. Ich hatte so gerne mit ihnen reden wollen, mich so nach ihren Stimmen gesehnt.
Normalerweise waren sie sonntagabends zu Hause. Ich hatte das ungute Gefühl, dass ihnen etwas zugestoßen sein könnte. Dieses Gefühl habe ich oft. Ich mache mir nun mal dauernd Sorgen, daran lässt sich nichts ändern.
Ich weiß, es ist kindisch. Aber nun befand ich mich in einem fremden Haus zweihundert Meilen von zu Hause entfernt. Ich wusste noch nicht einmal genau, wo wir waren. Und das mitten im schlimmsten Schneesturm, den ich je erlebt hatte. Und ich wollte einfach nur mit Mum oder Dad reden und ihnen erzählen, was passiert war.
Ich fühlte mich betrogen. Und ein bisschen verlassen.
Das Bananenbrot und der Kaffee halfen sehr, mich aufzumuntern. Wahrscheinlich waren wir alle fast verhungert gewesen und hatten es gar nicht gemerkt. Hungrig verschlangen wir das Brot, und Eva brachte ein zweites, das wir genauso gierig vertilgten.
„Es ist wirklich nett von Ihnen, uns aufzunehmen, Richard“, sagte Marc, der immer noch auf der Couch lag. Shannon und Douglas schmiegten sich am anderen Ende des Sofas eng aneinander. Ich war auf meinen Platz auf dem Teppich vor dem Kaminfeuer zurückgekehrt.
„Nicht der Rede wert.“ Richard ließ die Zeitschrift sinken, in der er geblättert hatte. Ich sah, dass es gar keine Zeitschrift, sondern ein Waffenkatalog war.
„Mögt ihr die Jagd?“, fragte er, als er meinen Blick sah.
„Ja, klar“, antwortete Douglas begeistert. „Mein Dad nimmt mich immer auf die Jagd mit. Ich finde es toll.“
Aus irgendeinem unerklärlichen Grund lachte Richard. Seine dunklen Augen leuchteten plötzlich. Er zeigte auf zwei Hirschköpfe, die am Schornstein über dem Kamin hingen. Ich hatte sie bisher noch gar nicht entdeckt. Vermutlich hatte das Feuer mich zu sehr davon abgelenkt.
„Siehst du die beiden Schönheiten da oben? Die hab ich an einem Morgen im letzten Herbst geschossen.“ Er hob den Arm, als würde er ein Gewehr halten, zielte auf die beiden Hirsche und rief: „Ka-bumm, Ka-bumm!“
„Igitt“, sagte Shannon und machte ein angewidertes Gesicht.
Wieder lachte Richard. „Es geht nichts übers Jagen“, sagte er und starrte Shannon an. „Aber ich verstehe, warum du das Gesicht verzogen hast, mein Fräulein. Es ist eben ein echter Sport für Männer.“
„Genau. Das sagt mein Dad auch immer“, antwortete Douglas und nickte zustimmend. Sein schwarzes lockiges Haar klebte zwar von der Wollmütze, die er vorher getragen hatte, an seinem Kopf, doch es glänzte im Feuerschein. „Wenn wir rausgehen, lässt er mich manchmal sein Jagdgewehr abfeuern. Es hat zwar eine ziemliche Kraft, aber ich kann damit schießen.“
„Es war ja wohl klar, dass du gerne jagst, Douglas“, dachte ich. Douglas war zwar ein guter Kerl. Ich meine, er sah super aus mit seinem schwarzen Haar und dem tollen Lächeln mit den Lachfalten um die Augen, und er hatte auch echt Humor und so. Aber diese Macho-Seite an ihm fand ich ziemlich schrecklich.
Richard musterte Douglas nachdenklich. „Du kannst also mit einem Gewehr schießen, was?“
Douglas nickte und sah Richard fest in die Augen, als würde er eine Herausforderung annehmen.
„Bitte nicht, Douglas“, dachte ich. „Fang bloß keinen Streit an. Versuche bitte nicht, diesem Richard irgendwas zu beweisen. Er wirkt selber wie ein ziemlicher Macho.“
Ich beobachtete, wie Richard zu einem großen, verglasten Waffenschrank ging, der in der Ecke stand. Douglas und Marc folgten ihm. Ich sah Shannon an, doch sie starrte nur auf die Hirschköpfe.
„Schau dir diese Schönheit an“, sagte Richard und reichte Douglas einen großen Revolver. Douglas griff danach und bewunderte ihn gehorsam. „Und siehst du das Jagdgewehr? Die reine Perfektion!“, rief Richard mit einem begeisterten Grinsen.
„Hübsch“, sagte Douglas. „Das ist echt super.“ Er zielte damit auf die Hirschköpfe und tat so, als würde er abdrücken.
„Hey, Vorsicht! Ich lasse sie immer geladen“, warnte Richard. Er legte das Gewehr wieder in den Schrank und machte die Glastür zu. „Nur für den Fall.“
„Nur für welchen Fall?“, fragte ich mich.
„Aber man kann nie zu vorsichtig mit Waffen umgehen, das sag ich euch“, fuhr Richard fort, während er mit den beiden Jungen wieder an den Kamin zurückkehrte. „Ich hatte mal einen alten Kumpel, der hieß Harve. Harvey Dawkins. Harve hat immer gern im Schnee gejagt. Ein verrückter Typ. Ich wette, der würde sogar an einem Tag wie heute hinausgehen. Er sagte immer, im Schnee sei es spannender.“
„Was hat er denn gejagt? Schneemänner?“, fragte Marc und lachte sein seltsames hohes Lachen.
„Nein, Rehe“, antwortete Richard ernst. „Harve hat immer gesagt, er könnte das Wild im Schnee besser sehen. Dass sie sich dann nicht so gut verstecken könnten. Das hat er gesagt. Aber der alte Harve hat einen kleinen Fehler gemacht, wisst ihr. Ich meine, es ist vielleicht wirklich leichter, Rehe im Schnee zu erkennen, aber es ist verdammt schwierig, einen Jäger im Schnee zu erkennen. Versteht ihr, was ich meine?“
Douglas nickte und kicherte laut. Ich konnte sehen, dass Marc sich immer unbehaglicher fühlte. Shannon starrte nur grimmig ins Feuer. Ihr gefiel die Geschichte wahrscheinlich genauso wenig wie mir.
„Na ja, wahrscheinlich habt ihr das Ende der Jagd längst erraten“, sagte Richard. Beim Reden wippte er auf seinen Stiefeln auf und ab. „Und ihr habt richtig geraten. Irgendein blöder Jäger hat dem armen Harve den Kopf weggeblasen!“
Er warf den Kopf zurück und lachte schallend.
Douglas stimmte ein und schüttelte lachend den Kopf. Marc warf mir einen Blick zu und verdrehte die Augen, als wollte er sagen: „Was haben die beiden bloß?“
Ich fand die Geschichte überhaupt nicht komisch. „War dieser Harve ein Freund von Ihnen?“, fragte ich.
„Ja“, antwortete Richard. Und aus irgendeinem Grund musste er deswegen noch mehr lachen. „Ist das nicht irre?“, fragte er kopfschüttelnd. „Ich meine, könnt ihr glauben, wie verrückt er war?“
„Was für eine grauenhafte Geschichte“, dachte ich und starrte auf Richards Waffenschrank.
Marc sah mich immer noch an. Ich glaube, er konnte meine Gedanken lesen. Douglas grinste bloß und schüttelte den Kopf. Er ging wieder zu Shannon zurück und setzte sich aufs Sofa.
„Vielleicht gehen wir nachher alle jagen, was meint ihr?“, fragte Richard und sah Marc an.
„Nein danke“, erwiderte Marc hastig. „Ich bleibe lieber hier vor dem Feuer. Keine zehn Pferde bringen mich wieder raus in den Schnee!“
Richard verzog das Gesicht. Marcs Antwort schien ihm nicht zu gefallen.
Trotz des Feuers lief mir wieder ein kalter Schauer über den Rücken. Ich fror und fühlte mich sehr unbehaglich. Vielleicht war es nur der lange Tag. Vielleicht waren es die Gewehre und Richards Geschichte; die Tatsache, dass er den Tod eines Freundes so witzig gefunden hatte.
Ich stand auf und ging an das große Fenster, das sich fast über eine ganze Wand erstreckte. Der Wind heulte ohne Unterlass in der dunklen Nacht und blies Schneewolken gegen die Fensterscheibe.
„Reg dich nicht über Richard auf“, dachte ich. „Er ist schon okay. Schließlich ist er so nett, uns alle aufzunehmen. Du bist einfach nicht an Leute wie ihn gewöhnt, Ally“, sagte ich mir. „Deswegen ist er dir so fremd. Er hat doch bloß versucht, freundlich zu sein. Anscheinend fühlt er sich in unserer Gegenwart auch nicht wohl. Das ist alles.“
Ich wandte mich wieder vom Fenster ab und ging in die Küche. Sie war groß und warm und duftete nach Äpfeln und Zimt. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt, und an der Decke waren dicke Holzbalken. An der Wand stand ein großer, altmodischer Herd. In einem runden Kupfertopf auf dem Herd kochte etwas. Dahinter war eine gemütliche Frühstücksecke mit einem langen Holztisch, Holzschränken an allen drei Wänden und einem großen Fenster mit Vorhängen.
Eva stand an einem der großen Waschbecken und spülte unsere Kaffeetassen. „Hi“, sagte ich unsicher. Meine Stimme ließ sie zusammenfahren. Wahrscheinlich war sie in Gedanken weit weg gewesen.
Sie sah mich über den Rand ihrer Brille an. „Tut mir leid, ich habe deinen Namen vergessen“, sagte sie und errötete leicht.
„Ally“, wiederholte ich. „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, Eva, aber ich friere immer noch. Könnte ich vielleicht eine Tasse Tee haben? Ich mache sie gerne selber.“
„Kein Problem“, sagte sie und trocknete sich die Hände ab. „Warte mal …“ Sie ging an mir vorbei und machte einen Hängeschrank auf. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und fing an, den Schrankinhalt nach dem Tee zu durchsuchen.
„Kann ich helfen?“, fragte ich.
„Nein, ich finde ihn schon“, sagte sie. Dann machte sie den Schrank zu und öffnete einen anderen.
Plötzlich fiel mir auf, dass ihr Verhalten sehr merkwürdig war.
Schließlich war das ihre Küche. Warum hatte sie dann keine Ahnung, wo der Tee war?
War ich zu misstrauisch?
Oder war es wirklich seltsam?
„Ach, dieser Richard – er stellt nie etwas an seinen Platz zurück“, sagte Eva plötzlich, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Ah! Hier ist er.“ Sie streckte die Hand nach dem obersten Regal aus und nahm eine Schachtel mit Teebeuteln heraus. „Ist schwarzer Tee okay?“
„Ja, sicher“, sagte ich und lächelte sie herzlich an, doch sie wich meinem Blick aus und ging rasch zum Herd. Sie war wirklich sehr schüchtern.
Ich setzte mich an den Küchentisch und sah zu, wie sie den Teekessel auf den Herd stellte. „Sie haben ein sehr schönes Haus“, versuchte ich, eine Unterhaltung anzufangen.
Sie drehte sich nicht um, sondern zuckte nur vage mit den Schultern. „Es ist so groß und zugig“, sagte sie mit leiser Stimme.
In diesem Augenblick trat Douglas ein. Ich war froh, ihn zu sehen. Mein Versuch, mich mit Eva zu unterhalten, war nicht sehr erfolgreich verlaufen. „Was ist los?“, fragte er. „Ich hab mich schon gewundert, wo du steckst.“
„Ich muss kurz nach oben“, warf Eva ein und stopfte sich einen Zipfel ihres Flanellhemds wieder in die Jeans. „Gieße dir doch einfach Wasser ein, sobald es kocht.“
„Danke“, sagte ich und sah Douglas an. Schweigend verließ Eva die Küche.
„Sie ist so still“, stellte Douglas fest. „Richard und sie sind ein komisches Paar, nicht wahr?“
„Finde ich auch“, antwortete ich.
Ich wollte gerade noch etwas sagen – doch dann hielt ich inne. Douglas und ich stießen einen überraschten Schrei aus, als wir direkt hinter uns einen Gewehrschuss hörten!
Pulsuz fraqment bitdi.