Kitabı oxu: «Prinzessin wider Willen»

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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ISBN 978-3-86506-802-6
© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Originally published in the U.S.A. under the title „Princess ever after”
Copyright © 2014 by Rachel Hauck
Published by permission of Zondervan, Grand Rapids, Michigan.
www.zondervan.com
All rights reserved. Further reproduction or distribution is prohibited.
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfotos: fotolia©goodluz/fotolia©Kate Shephard
Satz: Brendow WEB & PRINT, Moers
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.brendow-verlag.de

INHALTSVERZEICHNIS
Cover
Titel
Impressum
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechszehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreissig
Einundreissig

EINS
Sie hatte ihr Glück gefunden. Vielleicht sogar die wahre Liebe – hinter dem Lenkrad eines 71er Dodge Challenger, der auf den Stand eines Slant – Six und damit zur Perfektion gebracht worden war.
Reggie bremste in der Kehre des Feldwegs ab, der sich durchs westliche Tallahassee zog, schaltete in den vierten Gang und brachte den Wagen auf Hochtouren. Der Kitzel der Geschwindigkeit setzte ihr ganzes Wesen unter Strom.
Der Motor brummte voller Autorität, während die Räder über den Weg surrten und Staub aufwirbelten, als wollten sie das Gestern ein für alle Mal begraben. Während Reggie geradewegs auf das rosengoldene Licht der Dämmerung zuhielt, flog auch das letzte bisschen Zweifel, das an ihr genagt hatte, mit der kühlen Septemberbrise davon.
Hierfür war sie geboren worden – vergessenen, schrottreifen alten Autos zu ihrer ursprünglichen, klassischen Schönheit zurückzuhelfen. Und sie hatte nur 29 Jahre gebraucht, das herauszufinden.
Haha. Komm schon, Süßer. Zeig mir, was du draufhast.
Die Jungs – Al, Rafe und Wally – winkten wie verrückt mit ihren Mützen, als sie an ihnen vorbeifuhr.
Das war unglaublich. Einfach unglaublich. Sie hätte das schon vor Jahren tun sollen. Von dem riesigen Schiff der Wirtschaftsprüfung hinüberspringen auf das kleine Floß der »Schrauberträume«, das sich gerade so über Wasser hielt.
Sechs Monate waren vergangen, seit sie ihren Hosenanzug gegen den Blaumann getauscht hatte und mit Al, der wie ein zweiter Vater für sie war, ins Restaurationsgeschäft eingestiegen war. In dieser Zeit hatte sie mehr als genug schlaflose Nächte gehabt.
Den Challenger zu restaurieren war ihr erster großer Auftrag gewesen. Und ihr erster echter Härtetest.
Reggie warf einen Blick auf den Tacho. Die Nadel schob sich unbeirrt auf die Hundert zu.
»Juchuuu!« Sie schoss über die Ziellinie. Eine Hupe ertönte. Johlende Männerstimmen erhoben sich. Sie hatte es geschafft. Sie hatten es geschafft, gemeinsam. Und das, ohne eine Spur aus Autoteilen auf der Rennstrecke zu hinterlassen.
Reggie schaltete runter und steuerte auf die Mitte des Platzes zu. Sie ließ das Auto eine Reihe Achter ziehen, malträtierte die Hupe, gab wieder Gas und ließ den 440er so noch einmal zu Wort kommen.
Himmel hilf, was hatte ihnen der Auf- und Einbau dieses Motors nur abverlangt. Diese Zeit war besonders von Zweifeln geprägt gewesen. Manchmal hatte Reggie ernsthaft darüber nachgedacht, ihre alte Firma, Backlund & Backlund, anzurufen und zu fragen, ob sie ihre Stelle wiederhaben könnte.
Ein letzter Kreisel auf dem Feld. Reggie hielt den Wagen an und sprang heraus. Den Motor ließ sie laufen. Rafe hob sie hoch und wirbelte sie herum. »Wir haben es geschafft!«
Nachdem er sie abgesetzt hatte, nahm Al sie in seine dunklen Teddybärenarme. »Ich bin so unsagbar stolz auf dich, mein Mädchen.«
»Nein, Al. Ich bin stolz auf dich. Es war deine Idee.«
»Aber du warst bereit, den Sprung zu wagen.« Al war Sergeant der Marines im Ruhestand und der beste Freund ihres Vaters, seitdem die beiden in den Sechzigern die Sullivan Elementary School besucht hatten. Und Kopf und Rückgrat des Unternehmens.
Als Al vor sechs Monaten mit seiner Idee auf Reggie zugekommen war, hatte ihre einzige Frage gelautet: »Wo kann ich unterschreiben?«
Dann hatte er Rafe eingestellt, der kurz vor Als Ruhestand mit ihm zusammen bei den Marines gedient hatte. Rafe hatte die Marines nach drei Einsätzen in Afghanistan verlassen und war auf der Suche nach »Sergeant Al« von North Carolina bis nach Tallahassee getrampt.
Ole Wally kam als Letzter bei dem Auto an, das im Leerlauf vor sich hin schnurrte. »Ich finde, er ist traumhaft schön. Reg, du fährst besser als Danica.«
Sie warf ihre Arme um den Hals des schrumpeligen Alten, dem die dünnen weißen Strähnen unter seiner Jeff-Gordon-24-Mütze hervorkrochen.
»Wally, ich würde meinen Erstgeborenen darauf verwetten, dass deine Arbeit an Motoren die beste in der ganzen Branche ist.«
»Reg«, Wally spuckte aus, eine alte Angewohnheit, die aus seinen Kautabakzeiten stammte, »spiel hier nicht um Dinge, die du nicht hast. Finde einen Mann, geh mit ihm aus und heirate ihn, damit du an einen Erstgeborenen kommst.«
Wally schlenderte um den Wagen herum. »Rafe, hast du mitbekommen, wie da irgendetwas im Motor ›Ping‹ gemacht hat? Ich dachte, ich hätte da was am achten Zylinder gehört.«
Wally, der Autoflüsterer.
»Lasst uns auf der Fahrt zurück zur Werkstatt die Ohren aufsperren«, antwortete Rafe, der sich schon über die Motorhaube beugte und lauschte.
Die Werkstatt war eine alte rote Scheune, die Al weit draußen am Blounstown Highway aufgetan hatte. Sie erfüllte ihren Zweck, weil sie viel Platz und ein dichtes Dach hatte. Und vor allem war sie billig.
»Sag mal, Reg«, ein lauter Bass dröhnte über das Feld, »war da nicht irgendwas mit sieben Uhr?«
Reggie kniff ihre Augen zusammen und sah zwischen den langen Schatten Mark auf sich zukommen, mit dem sie für heute Abend verabredet war.
»Mark … hey!« Reggie wühlte ihr Handy aus einer der Taschen ihres Overalls. War es etwa schon sieben? Nein, es war nicht sieben. Es war halb acht. 19.31 Uhr, um genau zu sein. Sie hatte sich verspätet. »Es tut mir so leid.« Sie traf auf der anderen Seite des Autos auf Mark und schaute noch einmal zu Wally hinüber, dem sie einen bittenden Blick zuwarf. »Wir mussten den Wagen noch ein letztes Mal ausprobieren. Wally hat da so ein Ping gehört.« Na ja, hat er doch wirklich. »Danny Hayes holt ihn morgen früh ab, und wir müssen sichergehen, dass er auch hundertprozentig läuft.«
»Wally und Al kommen schon mit einem Ping zurecht, Reg.« Mark fuhr mit dem Finger über die staubige Motorhaube und machte eine große Geste daraus, auf seine Armbanduhr zu sehen. »Willst du das etwa tragen?«
»Ja, das ist der neue Modetrend aus New York für die Saison, Mark. Ölverschmierte Overalls.« Reggie hob ihren Fuß. »Aber ich zieh mir noch schnell ein paar schicke Stiefel an. Wird das nicht elegant?«
»Zeig’s ihm, Reg.« Rafe knuffte sie solidarisch in die Seite, als er herüberkam, um sich auf den Fahrersitz zu setzen.
»Fahr vorsichtig, Rafe. Bring den Wagen zurück zur Scheune und mach ihn sauber, okay?« Sie zog den Reißverschluss ihres Overalls auf und zog ihn aus. Darunter trug sie eine Jeans und ein schwarzes, plissiertes Top mit V-Ausschnitt – das perfekte Outfit für ein Fischessen in Wakulla County. Selbst wenn der Gastgeber wahnsinnig reich war.
Sie reichte Rafe ihren zusammengeknüllten Overall durch das Fenster und zuckte innerlich zusammen, als sie sich des Glucken-Tons ihrer Worte bewusst wurde. Trotzdem … »Kontrolliert den Wagen innen und außen mit den weißen Handschuhen, auch die Radkästen.«
»Verstanden, Chef.« Rafe grinste und gab Gas, während Wally sich immer noch über den Motor beugte, ganz Ohr für das mysteriöse Ping.
Al winkte Reggie zur Seite. »Reg …« Seine Stimme brach, und als er aufsah, zeigte sich ein feuchter Glanz in seinen braunen Augen. Er zog die Nase hoch, hob das Kinn und atmete tief ein. »Gut gemacht, Mädchen.«
»Ja, das haben wir gut gemacht.« Ihr stiegen ebenfalls die Tränen in die Augen. »Ich schulde dir was, Al. Was Großes. Jetzt müssen wir nur überlegen, woher wir den nächsten Auftrag bekommen. Ich habe mir gedacht …«
»Mach dir einen schönen Abend, Reg.« Al nahm sie bei den Schultern und drehte sie herum. »Ich wollte dir nur sagen, dass ich stolz auf dich bin. Geh jetzt. Amüsiere dich. Lache. Genieße deinen Erfolg.«
»Wir sind ein echtes Erfolgsteam, nicht wahr?« Sie lächelte.
»Ein Ein-Auto-Erfolgsteam, aber ja, so weit, so gut.«
»Al, sag mal, wenn wir …«
»Nun lauf, Mädchen, und hab Spaß mit deinem Verehrer.«
»Er ist nicht mein Verehrer.«
»Auch gut. Geh einfach. Vergnüge dich. Miriam wartet zu Hause mit den Enkeln auf mich. Für mich sind heute Abend Popcorn und Disneyfilme angesagt.« Al lachte laut und unbekümmert. Er hatte die Zeit seines Lebens.
»Na gut, okay.« Sie klopfte sich mit den Händen gegen die Beine. »Dann – Abmarsch.«
»Gut. Abmarsch«, wiederholte Al ihre Absichtsbekundung.
»Also, wenn ihr irgendetwas braucht, ruft mich an.«
»Was könnten wir an einem Dienstagabend um halb acht wohl noch brauchen?« Al nahm sie wieder bei den Schultern und drehte sie einmal mehr zu Mark. »Amüsiere dich. Das ist ein Befehl.«
»Jawoll, Sergeant Love.«
Während sie mit Mark zu dessen Wagen hinüberging, atmete sie tief durch und presste sich die Hand auf den Bauch. Sie hatte es geschafft. Sie hatten es geschafft. Einen kompletten Wagen restauriert.
»Wir sind bis zum Fahrgestell runter, als wir angefangen haben, an dem Challenger zu arbeiten«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu Mark.
»Der alte Mr. McCandless wird sich wundern, wo ich bleibe.« Mark zielte mit seinem Schlüssel auf das neue Porsche – Modell, das am Anfang des Feldwegs stand. »Was war denn jetzt an sieben Uhr so schwierig, Reg?«
»Ich habe gearbeitet.« Sie rannte vor ihm her. Sie winkte und jubelte und jagte dem Challenger ein paar Schritte nach, als Rafe, Wally und Al aus dem Feldweg abbogen und in Richtung Werkstatt davonfuhren.
»Lass uns fahren!«, rief Mark.
Reggie traf ihn am Porsche und ließ sich mit einem untrüglichen Gefühl der Zuversicht, dass sie endlich ihre Bestimmung gefunden hatte, auf den Beifahrersitz gleiten.

Eine sanfte Hunter-Hays-Melodie erklang aus Marks Lautsprechern, während der Porsche auf die Golfküste zuhielt.
Reggie kuschelte sich in das italienische Leder und betrachtete die leuchtend roten Streifen am westlichen Horizont. Konnte das Leben perfekt sein? Oder fast perfekt? Das erste Mal, seitdem Mama gestorben war, als sie noch ein Kind gewesen war, ergab ihr Leben einen Sinn. Oder? Aber sicher doch.
Mit Al eine Firma zu gründen und an dem Challenger zu arbeiten, hatte ihr Halt gegegben, hatte ihre Ruhelosigkeit gezügelt. Ihr Herz hatte aufgehört zu fragen, ob da noch etwas sei.
»Gestern habe ich mit Eric Backlund Golf gespielt.« Mit seinen dreißig Jahren war Mark einer der führenden Immobilienunternehmer in Florida. Er aß mit Kongressabgeordneten zu Mittag und spielte mit Vorstandsvorsitzenden Golf. Er entwickelte sich immer weiter fort von dem knochigen Schlüsselkind mit den traurigen Augen, das in einem gammeligen Wohnwagen gelebt hatte.
»Hat er immer noch ein Handicap von sieben?«, fragte sie. Ihr ehemaliger Chef nutzte jede Gelegenheit, um den Leuten in seinem Büro zu erzählen, wie gut er doch darin war, einen kleinen weißen Ball mit einem dünnen Schläger sonstwohin zu befördern.
»Er hat nach dir gefragt. Er wollte wissen, wann du wiederkommst.«
»Wenn ein Schneesturm Tallahassee begräbt.« Sie öffnete ihr Fenster. Die feuchte Luft flog an ihrem Gesicht vorbei und kühlte die aufkommende Hitze in ihrer Unterhaltung.
»Reg, nun komm schon. Du musst klug sein, an die Zukunft denken. Ja, bravo, du hast einen Oldtimer restauriert.« Er nahm für einen kurzen Applaus die Hände vom Lenkrad. »Du hast dir und allen anderen bewiesen, dass du es mit den großen Jungs aufnehmen kannst. Aber jetzt ist es Zeit, an deine Zukunft zu denken.«
»Noch nicht mit den ganz großen Jungs. Wir haben einen einzigen Wagen restauriert. Und dein Sarkasmus ist mir egal.« Wollte er sie im selben Atemzug ermahnen und ernüchtern?
Reggie ignorierte das Schuldgefühl, das anklopfte, das Streben in ihr, allen gefallen und sich fügen zu wollen. Das zu tun, was andere von ihr erwarteten, hatte sie überhaupt erst in diese ganze Wirtschaftsprüfergeschichte hineingebracht. Daddy hatte gedacht, es sei ein guter Beruf für sie. Er hatte Recht gehabt. Eine Zeitlang. Aber sie hatte ihre Lektion gelernt. Jetzt war sie an der Reihe. Jetzt war es Zeit, das zu tun, was sie wollte.
»Ein bisschen Sarkasmus hilft manchmal dabei, blinde Augen sehend zu machen«, sagte Mark.
»Komisch, dass Jesus nie welchen gebraucht hat, als er herumging, Gutes tat und Leute heilte.« Sie wandte sich ihm zu. »Schau her, Mark, ich gehe nicht wieder zu Backlund & Backlund zurück. Auch nicht, wenn das mit der Autorestauration nicht klappen sollte. Also schlag dir das aus dem Kopf. Oder aus den Köpfen anderer Leute. Da tüte ich lieber im Supermarkt Einkäufe ein.« Sie lehnte sich zurück und sah nach vorne, beobachtete, wie die Scheinwerfer eine Schneise in die Dunkelheit schlugen, und spürte, wie sich das Wohlgefühl von eben auflöste.
»Na gut, dann vergiss die Buchhaltung«, sagte Mark. Seine Stimme machte sich für Plan B bereit. Sie kannte Mark nun seit fast zwanzig Jahren, und er hatte immer einen Plan A und zusätzlich einen Plan B, C, D und E. »Aber Reg, um Himmels willen, Autos? Noch dazu alte Autos? Du bist zu klug und zu talentiert und viel zu schön, um den ganzen Tag im Blaumann zu stecken und den Kopf unter einer stinkenden Motorhaube zu versenken.« Er verlangsamte die Fahrt und lehnte sich nach vorne, um einen Wegweiser an einer Nebenstraße besser sehen zu können, der hinter einem Baum versteckt war.
»Du kannst gut mit Menschen«, fuhr er fort. »Sie gehen einfach auf dich zu und erzählen dir ihre Geschichte. Erinnerst du dich an die Frau aus meinem Büro bei der Weihnachtsfeier im letzten Jahr? Sie hat dir in der Schlange am Büfett mal eben ihre Lebensgeschichte erzählt. Die redet immer noch von dir.« Er schüttelte den Kopf und gab Gas, während er auf der Suche nach dem nächsten Wegweiser den Hals reckte. »Wie wäre es, wenn du in die Politik gingst?«
»Ha! Politik? Da würde ich dann doch lieber für die Gauner der freien Wirtschaftsprüfer von Backlund & Backlund arbeiten.
»Haha. Backlund hat einen tadellosen Leumund, und das weißt du auch.«
»Selbst wenn das nicht so wäre, würde ich lieber für sie arbeiten, als in die Politik zu gehen.« Sie sah Mark an. »Kennst du mich denn so gar nicht? Nach all den Jahren?«
»Doch. Ich kenne dich. Vielleicht kenne ich dich sogar besser, als du dich selbst kennst. Reg, du wärst eine gute Politikerin. Du würdest dir mehr Gedanken um die Menschen machen, als um deine eigene Macht oder deinen Wohlstand.« Er bremste am nächsten Straßenschild und bog von der Straße nach links in eine weiche, sandige Auffahrt ab. Mit einem Knurren schaltete er herunter. »McCandless managt millionenschwere Bauvorhaben. Man sollte meinen, er könnte seine eigene Auffahrt pflastern lassen.«
Aber er hatte zu früh gejammert. Das Auto kam auf einer Lichtung heraus, und sie fanden sich auf einer geschwungenen Kiesauffahrt wieder, die sich unter einem Säulengang auf den Haupteingang zuschlängelte.
Reggie sah durch die Windschutzscheibe zum Obergeschoss mit seinen hohen Regenrinnen. »Ein Palast, hier in Wakulla County.« Sie lachte. »Und ich dachte, ich hätte schon alles gesehen.«
»McCandless ist ein bisschen exzentrisch, aber er kennt sich mit Immobiliengeschäften aus.«
»Lass mich raten. Du möchtest, dass er dir bei einem deiner Projekte den Rücken stärkt.«
»Ein Projekt drüben auf St. George.« Mark legte den Leerlauf ein, während ein Angestellter in einer roten Uniform die Treppe am Haupteingang heruntereilte. Ein zweiter Bediensteter öffnete Reggies Tür. Ihr Magen meldete sich, als sie das kräftige Aroma von gebratenem Fisch roch.
»Angestellte«, sagte sie, als Mark auf ihre Seite kam und zusah, wie der Mann seinen Wagen wegfuhr. »Schick, schick. Das ist jedenfalls nicht typisch Wakulla County.«
Wakulla County, das waren Rednecks, Hinterwäldler, wie die Menschen hier spaßhaft genannt wurden. Keine Dienstboten, die die Freitreppe zum Haupteingang eines Palastes heruntereilten.
»Das alles hier …«, Mark legte ihr einen Arm um die Taille, »das alles hier wird eines Tages genau meine Kragenweite sein, Baby.«
Baby?
»Nun ja, meine jedenfalls nicht.« Reggie wand sich aus seinem Arm und ging vor ihm einen beleuchteten Weg entlang. Vielleicht litt sie ja unter Verfolgungswahn, aber ihr kam es so vor, als wollte Mark sie Stück für Stück in seine Feine-Pinkel-Landschaft hineinmalen. In eine Umgebung, in die sie nicht hineingehörte. Was war los mit ihm? Wann hatte sich die Atmosphäre zwischen ihnen verändert? Sie waren jetzt schon so lange befreundet. Und zwar nur befreundet.
Obwohl sie eine »Verabredungs-Verabredung« hatten. Wenn einer von ihnen eine Begleitung zu einer Hochzeit, Weihnachtsfeier, einem Familienfest oder einer geschäftlichen Veranstaltung brauchte und sonst niemanden fand, kam der andere mit. Aber Mark hatte eine Menge Freundinnen. Er war schon mit vielen Traumfrauen ausgegangen.
»Hast du mal wieder was von Monica gehört?«, fragte Reggie beiläufig, als er zu ihr aufschloss. Mark hatte die dunkelhäutige Schönheit bei einem Mittagessen im Kongress getroffen, und Reggie hatte ihn hinterher vier Monate lang nicht mehr gesehen. »Ich dachte, sie wäre vielleicht die Richtige.«
»Sie ist wieder nach Hause gezogen und hat sich mit ihrem Freund vom College verlobt.«
»Was, schon? Das ging ja schnell.«
»Ich war nur ein Trostpflaster, und ich habe ehrlich gesagt auch nie eine Zukunft für uns gesehen.« Mark berührte sie am Ellbogen und lenkte sie behutsam den Weg hinunter zu einem weißhaarigen Mann, der aussah wie Colonel Sanders, dem Gründer und Gesicht von Kentucky Fried Chicken. McCandless.
Reggie war noch nie verliebt gewesen. Nicht dass ihr nichts daran lag, aber, nun ja, sie hatte ihn einfach noch nicht getroffen. Den einen. Die Liebe ihres Lebens.
Außerdem fand sie nicht, dass sie einen Mann brauchte, um ein glückliches Leben zu führen. Lieber ging sie alleine zu Partys oder auf Hochzeiten und traf sich dort mit Freunden und ihrer Familie. Wenn sie wirklich eine Verabredung brauchte, fragte sie eigentlich auch lieber ihre beste Freundin, Carrie Mitchell, statt Mark, weil sie Carrie damit eine Ausrede lieferte, sich ein neues Paar Schuhe zu kaufen.
»Bevor wir ins Partygetümmel eintauchen …« Mark nahm sie bei der Hand und zog sie unerwartet vom Gartenweg herunter. Eine dunkle Vorahnung jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
Mark, lass das besser …
»Wir haben schon so lange …«
Reggies Telefon klingelte in ihrer Jeanstasche. Gott sei Dank. Sie riss ihre Hand aus seiner und angelte nach ihrem Handy. Gerettet vom Handyklingeln. Nie hatte sie den Schlachtengesang der Florida State University lieber gehört.
»Es ist Al«, sagte sie und zeigte ihm das Display. »Hallo, na, ist alles in Ordnung?« Reggie lachte leise. Sie war erleichtert, dass sie Mark noch einmal davongekommen war und schüttelte die Hand aus, um die Wärme seiner Berührung loszuwerden. »Bitte erzähl mir jetzt nicht, dass ihr den Challenger geschrottet habt.«
»Reg, bitte … Dem Challenger geht es gut. Rafe hat ihn blitzeblank gewienert. Ich rufe an, weil ich mir dachte, du würdest bestimmt gerne hören, dass wir vielleicht unseren nächsten Auftrag haben.«
»Was? Wer?« Ihr Herz pochte gegen ihre Rippen. Das ist ja großartig! »Ein Starfire #89?« Sie lachte. »Wenn du ja sagst, schwebe ich den ganzen Weg bis nach Hause.«
»Ein Starfire #89? Hast du den Verstand verloren, Mädchen?« Al lachte schallend. »Sag mal, was glaubst du denn, wie das seltenste Auto auf dem Planeten Erde sich in die Südstaaten verirren sollte? Und dann auch noch ausgerechnet in unsere kleine Werkstatt?«
»Man wird ja wohl noch träumen dürfen, oder?« Warum nicht? Das Träumen war es gewesen, was sie, zusammen mit einem bisschen Segen von oben, von Backlund & Backlund befreit hatte.
Träume hatten ihre erste Restaurationsarbeit inspiriert. Al hätte sich die Werkstatt erträumen können, aber es war Reggie gewesen, die Danny Hayes dazu überredet hatte, ihnen eine Chance zu geben, indem er ihnen seinen Challenger anvertraute.
Es war also nichts dabei, ein bisschen zu träumen. Eines Tages würde sie schon einen Starfire #89 bekommen. Okay, vielleicht auch nicht, aber immerhin würde sie hinter dem Lenkrad eines Starfire sitzen. Eines Tages.
»Es gibt Träume, und es gibt Absurditäten, Reg. Sollte mir jemals ein Starfire #89 begegnen, dann würde ich dich nicht anrufen, sondern höchstselbst zu dir hinschweben, um es dir persönlich zu sagen. Und du würdest dann, schon bevor ich überhaupt den Mund aufmache, wissen, was ich dir erzählen will, weil mein schönes schwarzes Gesicht so weiß sein wird wie das eines Geistes.«
Sie lachte. »Darauf freue ich mich schon. Welches Auto haben wir denn dann?«
Al hatte Recht. Wenn sie im Restaurationsgeschäft bleiben wollten, sollten sie besser realistisch sein. Es waren nur sieben Starfire #89 produziert worden – eines der ersten Rennautos der Welt. Der Großherzog von Hessenberg hatte ihn 1904 in Auftrag gegeben. Von sechs Exemplaren wusste man, wo sie sich befanden. Vier waren in Museen. Zwei im Besitz von Milliardären. Einer, das Original, war in Zeit und Raum verschollen. Vielleicht hatten die Kriege ihn auf dem Gewissen oder Regen und Schnee, oder einfach jemand, der auf der Suche nach Altmetall gewesen war. Wer wusste das schon? Vielleicht wartete er auch irgendwo auf jemanden, der ihn rettete.
»Ich habe die nächstbeste Alternative zu einem Starfire, Reg. Einen Duesenberg.«
Sie atmete jedes Molekül Luft aus ihrer Lunge aus. »Al, nein. Komm schon … Das kannst du nicht … einen Duesi?« Um sie herum wirbelte die Luft, schnell, kühl und mit dem Duft gebratenen Fischs, und einen Moment lang dachte Reggie, sie würde schweben. »Du machst Witze. Nein. Nein, das kann nicht sein. Du würdest keine Witze über einen Duesenberg machen!« Sie zitterte. »W-wie? W-wer? Wann?«
»Ein Kamerad von den Marines …«
»Gott segne die Marines.«
»Er hat vor einiger Zeit den Dienst quittiert. Er hat es mit einer zweiten Karriere ordentlich zu was gebracht und sich einen 1933er Duesenberg Tourenwagen zugelegt. Er hat angerufen und gefragt, ob ich nicht jemanden kenne, der qualifiziert genug dafür wäre, ihn zu restaurieren.«
»Wir. Ich. Du. Er meint uns.« Reggie schlug sich die Hand vor die Brust. »Hast du ihm gesagt, dass wir das können?«
Mark zog sie am Ärmel. »Reg, du bist mit mir hier. Ruf Al später zurück. McCandless bewegt sich hierher, und ich möchte dich ihm vorstellen.«
Mit einer Handbewegung ermahnte sie ihn zur Stille.
»Ja, aber das ist ein ziemlich besonderes Auto. Unsere Referenzen sind noch ein bisschen dürftig, aber wir sind Freunde, und er vertraut mir. Er überlegt es sich.«
Reggie schob ihre Schulterblätter zusammen. »Was? Du rufst wegen eines ›Er-überlegt-es-sich–Duesis‹ an? Häng dich ans Telefon. Sag ihm, dass wir die Richtigen sind für den Job.«
»Wir wollen doch auch nicht übereifrig wirken, Reg. Lass ihm einen Tag Bedenkzeit. Er hat gerade sechs Millionen Dollar für ein Auto ausgegeben. Wenn wir ihn drängen, verliert er das Zutrauen.«
»Okay, richtig …« Sechs Millionen Dollar. Reggies Wirtschaftsprüfer-Gehirn überschlug das Gewicht einer Sechs-Millionen-Dollar-Investition, und ihre Aufregung kühlte sich ein bisschen ab. »W-wir können das doch schaffen, oder?«
»Ja, aber wir müssen sehr vorsichtig dabei sein. Wir werden viel recherchieren und viel Arbeit darauf verwenden müssen, die richtigen Materialien und Teile zu finden. Das, was wir nicht finden oder kaufen können, müssen wir selbst herstellen. Aber ja, Reg, wir können das schaffen. Immer einen Tag auf einmal. Immer ein Stück nach dem anderen.«
Als Reggie das Telefonat beendet hatte, sah sie, dass Mark immer noch am Ende des beleuchteten Pfades auf sie wartete.
»Das vergeht wohl nicht wieder, oder? Das mit dir und den Autos?«
»Nein.« Sie blieb neben ihm stehen und verstaute ihr Telefon in ihrer Hüfttasche. Im Kopf ging sie noch einmal Als Anruf durch und durchlebte die Aufregung, die damit verbunden war. »Als Freund hat einen Duesenberg gekauft. Er sucht jemanden, der ihn restauriert.«
Mark pfiff durch die Zähne und sagte nach einer kurzen Pause:
»Nur, damit du’s weißt: Ich gehe auch nicht weg.«
Sie sah ihn durch den Glanz der goldenen, flackernden Flammen der Partyfackeln an. Mark sah gut aus, wirklich süß. Ein bisschen arrogant. Sein überbordendes männliches Selbstvertrauen wurde nur von ihren Erinnerungen an den einsamen kleinen Jungen in Schach gehalten, der unter dem nackten Licht des Wohnwagenvordachs darauf wartete, dass seine Mama endlich nach Hause kam. In vielerlei Hinsicht nahm Reggie ihn immer noch so wahr. Das Kind, das einen Freund brauchte. Das dazugehören wollte. Und sie liebte ihn. Aber nur als Freund.
»Ich meine das ernst«, sagte er und strich vorsichtig mit den Fingerspitzen über ihr Kinn.
»Mark …«, sie zog seine Hand von ihrem Gesicht weg, »du bist einer meiner besten Freunde …«
»Stopp.« Er machte eine abweisende Handbewegung. »Ich bin hungrig. Lass uns was essen. Mir lief bei dem Gedanken an den Fisch schon das Wasser im Munde zusammen, bevor wir hier ankamen.«
»Dass du es mich nicht sagen lässt, ändert nichts, weißt du.«
Er hielt mitten in einem seiner großen Schritte inne und wandte sich ihr zu. »Wir sind uns ähnlich, du und ich. Wir sind beide vom Leben verletzt worden. Bei mir war es, dass uns mein Vater verlassen hat und Mom zwei, drei Arbeitsstellen auf einmal haben musste, um das Essen auf den Tisch zu bringen. Bei dir war es der Tod deiner Mutter, als du zwölf warst. Und trotzdem haben wir etwas aus uns gemacht. Du wenigstens eine Weile lang. Bis diese Geschichte mit der Autowerkstatt anfing. Ich betrachte das als eine Art Lebenskrise in jungen Jahren …«
»Ich habe keine Krise, Mark, du hörst nicht zu. Das ist das Leben, das ich will. Ich habe mich, was Schule und Ausbildung anging, an Daddys Rat gehalten, aber die Zeit ist vorbei. Jetzt folge ich meinem Herzen.«
»Alte Autos? Willst du mich veräppeln?« Er streckte die Hand nach ihr aus. »Wir wären ein starkes Paar, Reg. Dein Talent mit Zahlen und im Umgang mit Menschen, mein Gespür, gute Investitionsmöglichkeiten und Geschäfte ausfindig zu machen.«
»Kommt Liebe in deiner Gleichung auch vor?« Sie drängte sich an ihm vorbei und ging in Richtung Büfett. Sollte er McCandless alleine begrüßen. Nicht mit ihr im Schlepptau als Teil seines »starken Paares«.
Es war schon richtig, dass sie früher an diesem Abend gespürt hatte, wahres Glück und sogar ein bisschen Liebe hinter dem Lenkrad eines 71er Dodge Challenger gefunden zu haben. Und dort würde sie ihr Herz auch fürs Erste lassen.

Meadowbluff Palace, den 2. März 1914
Ein Jahr ist vergangen seit Vaters vorzeitigem und traurigem Heimgang. Mama, Esmé und ich sind immer noch verloren ohne seine kraftvolle, tröstende Gegenwart, doch wir haben ein wenig Freude und Lachen wiedergefunden.
Mama ist vollauf mit ihren Pflichten beschäftigt, ebenso wie Onkel Franz, der zögerliche Herzog, wie Mama ihn nennt.
Er ist mir sehr zugetan, da ich seine Thronfolgerin bin. Mama sorgt sich, seine Zuneigung für mich und sein Wunsch, mich als Großherzogin zu sehen, hätten ihn davon abgehalten, eine Braut zu wählen und selbst Kinder zu zeugen. Aber ich glaube, er hat nie geheiratet, weil er noch immer Lady Rosamond liebt.
Onkel spricht nie davon, aber ich bin sicher, sie hat ihm das Herz gebrochen, als sie seinen Heiratsantrag so rüde abgelehnt hat und kurz darauf gestorben ist. Armer Onkel!
Und so verhätschelt er nun mich und Esmé. Das hat er gemacht, solange ich mich erinnern kann, lange, bevor er der Großherzog von Hessenberg wurde.
Ich glaube doch, dass er Papa und Großvater in letzter Zeit sehr vermisst. Nach seiner Reise nach Russland und ins Deutsche Reich, wo er seine Vettern Nikolas und Wilhelm besucht hat, scheint er mir sehr in Sorge zu sein. Seit seiner Rückkehr spüre ich, wie schwer sein Herz ist. Er geht gesenkten Hauptes durch die Halle und verschränkt dabei die Arme hinter dem Rücken. Er war immer so fröhlich, voller Freude, und hat Esmé und mich besucht, um seinen geliebten Ragtime auf der Victrola zu hören.
Er hat einen neuen Schreiber engagiert, Otto Pritchard, einen jungen Studenten. Ich glaube, nicht lesen und schreiben zu können bekümmert Onkel sogar noch mehr als Rosamonds Zurückweisung. Wenngleich er weder über das eine noch über das andere jemals spricht.
Heute Morgen ist er nach Brighton gesegelt, um Cousin Nathaniel zu treffen, danach reist er weiter, um Cousin George zu besuchen.
Mama hat mir beim Tee zugeflüstert, dass Lord Chamberlain glaubt, ein Krieg sei im Anzug. Sie steht stets früh auf und nimmt eine Kutsche zur St. John’s Chapel. An den Nachmittagen sitzt sie vor der Teestunde mit der Bibel im Schoß am Feuer im Salon. Sie wiegt sich hin und her, und ihre Lippen bewegen sich im stillen Gebet. Onkel ist der Überzeugung, der Glaube sei etwas für die Schwachen. Mama sagt, der Glaube sei etwas für die Starken, denn es brauche ein kühnes Herz, um zu glauben, was man doch nicht sehen kann. Die Augen unseres Herzens erzählen unserem Verstand, was der Geist redet.
Was mich angeht, so bedrückt mich die Last, die Onkel und Mama tragen, wohl, und doch setze ich meine Studien auf der Scarborough fort. Onkel besteht darauf, dass Esmé und ich unsere Schulbildung bekommen, um »mit den Jungens mithalten zu können«, wie er so schön sagt. Mama hält ihn für zu fortschrittlich, aber mir gefällt die Gelehrsamkeit doch ziemlich, und in Mathematik bin ich erfreulich gut.
Ich beende diesen Tagebucheintrag nun besser. Der Duft von Bertas frischem Kuchen erreicht mein Zimmer, und ich habe plötzlich großen Hunger. Immerhin ist es Zeit für den Tee.
Danach muss ich lernen. Französisch bereitet mir solche Scherereien!
Alice

ZWEI
Tanner Burkhardt genoss es sehr, wenn sich im September die grauweißen Wolken mit ihrem sanften Nieselregen über Strauberg, Hessenbergs Hauptstadt, niederließen. Und dieser regnerische Mittwoch war keine Ausnahme.
Mit einem kleinen Kästchen unter dem Arm ging er von seinem Auto zum Seiteneingang von Wettin Manor, dem ehemaligen Stadtsitz derer, die einst Hessenbergs Königsfamilie gewesen waren. Nun war es das Hauptgebäude des Parlaments.
Die Kühle der feuchten Luft erinnerte ihn an seine Kindheit. Sie erinnerte ihn daran, wie er durch die Tür des Pfarrhauses gestürmt war, mitten hinein in den Geruch von Mamas Keksen im Backofen.
Aber diese Zeit war lange vorbei, und er erlaubte sich nur gelegentlich, wenn der Herbst seine ersten Anläufe startete, eine kleine Reise in die Vergangenheit. Sonst vermied er es zurückzublicken. Die Tage und Jahre waren zu schmerzhaft gewesen, regelrecht übersät mit den Überbleibseln seiner Torheiten.
Tanner betrat das Herrenhaus. Seine Sohlen klackerten laut auf dem glitzernden Marmorboden, als er die Treppen zu seinem Büro im dritten Stock hinaufging. Während er unter den Spitzbögen durch die altehrwürdigen Flure eilte, schüttelte er den Regen von seinem Mantel und streifte sich die Tropfen aus seinem langen Haar.
Einmal mehr überlegte er, dass sein Vater wohl Recht haben mochte – sosehr ihn die Erkenntnis auch schmerzte. Die richtige Zeit, lange Locken zu tragen, war wohl an dem Tag vorbei gewesen, als er sein letztes Rugbyspiel bestritten hatte.
Aber der Look hatte ihm als jungem Rechtsanwalt gut zu Gesicht gestanden, und so war Tanners Stil zu einem Symbol für seinen Erfolg geworden, anstatt ihn an sein Versagen zu erinnern.
Langes Haar war der einzige Luxus, den er sich nach dem Vorfall mit Trude erlauben konnte. Nachdem er das Seminar verlassen hatte.
Und jetzt hatte er es als Hessenbergs Kulturminister geschafft, sämtliche Misserfolge hinter sich zu lassen. Oder etwa nicht?
Sein Blick fiel auf sein Spiegelbild im Glas eines Bilderrahmens.
Vielleicht würde er ja eines Tages tatsächlich seine Haare abschneiden. Aber heute nicht und auch nicht morgen. Sein Haar erinnerte ihn daran, fleißig und konzentriert zu arbeiten und dabei die dunklen Seiten seiner Persönlichkeit nicht außer Acht zu lassen.
Aber zurück zu den Pflichten, die jenseits seiner Person auf ihn warteten …
Sein Morgen im Museum war gut verlaufen. Er war äußerst zufrieden damit, wie der Kurator des Angelsächsischen Museums die Porträts der Mitglieder des Königshauses von Augustin-Sachsen angeordnet hatte. Als neu ernannter Kulturminister verlieh Tanner der Ausstellung das Siegel seiner Zustimmung. Mit einer Ausnahme: dem Renoir von Prinzessin Alice.
Tanner verlangte, dass ihr Gemälde in Meadowbluff Palace aufgehängt werden sollte. Immerhin war der Palast das letzte Zuhause der Prinzessin gewesen, bevor ihr Onkel, der Großherzog, Hessenberg zu Beginn des Ersten Weltkriegs an Brighton abgetreten hatte, ohne dass auch nur ein Schuss gefallen war. Anschließend waren er und sämtliche Familienmitglieder in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Land geflohen.
Es fühlte sich richtig an, die Prinzessin, die letzte Thronerbin, wieder in ihren Palast zurückzubringen.
Und nun, da das Ende des Abkommens mit Brighton bevorstand, würde die Suche nach Prinzessin Alice‘ Erbin oder Erben hoffentlich bald eine reale Person auftun, die das Haus Augustin-Sachsen wieder vom heiligen Grund des Palastes aus regieren würde.
Als er um die letzte Ecke vor seinem Büro bog, begegnete Tanner im Korridor seinem Assistenten Louis.
»Da sind Sie ja.« Louis fiel neben Tanner in den Gleichschritt. Wie immer hielt er seinen kleinen Tablet-Computer in der Hand. »Ich habe versucht, Sie anzurufen.«
»Ich habe mein Telefon im Auto gelassen, während ich im Museum war.« Auf dem Weg ins Büro griff sich Tanner in die Jackentasche, um ein Kästchen herauszuholen, das er auf den Tisch stellte, bevor er aus dem Mantel schlüpfte und diesen samt seiner Anzugjacke an die Garderobe hängte. »Was ist so wichtig?«
Tanner hob den Deckel des Kästchens und nahm die Hälfte eines zerrissenen Fotos heraus. Prinzessin Alice, jung, lächelnd, umgeben von einer Aura klassischer Schönheit. Ihr linker Arm – oder das, was Tanner davon erkennen konnte – war mit einem anderen Arm verschränkt. Anhand des Ärmels vermutete er, dass der Partner der Prinzessin ein junger Mann gewesen sein könnte.
Er drehte das Bild um. Die Schrift war verblasst und ebenfalls entzweigerissen.
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»Hören Sie mir zu?« Louis beugte sich über den Tisch. »Was haben Sie denn da?«
»Nichts. Ein Kästchen, das ich einer der Palastwohnungen gefunden habe.«
»Ein ziemlich unscheinbares Kästchen, finden Sie nicht auch?« Louis versuchte, einen besseren Blick auf das glatte braune Holz zu erhaschen.
»Ja, ziemlich unscheinbar.« Irgendwie einsam, um ehrlich zu sein. Tanner tat das alte Kästchen leid, das im Palast zurückgelassen worden war. Bevor er es aufgemacht hatte, hatte er gedacht, es gehöre jemandem vom Reinigungspersonal.
Dann wusste er Bescheid. Es hatte der Prinzessin gehört.
»Sind Sie so weit, Ihre Termine durchzugehen?«, fragte Louis und hielt Tanner sein iPad hin, sodass der den Kalender sehen konnte.
»Beginnen Sie.« Mit einem Auge auf Louis und dem anderen auf seinem Computerbildschirm, lauschte Tanner seinem Tagesplan – vorgetragen von Louis Batten.
Treffen mit dem Kulturbüro der Universität.
Besprechung der Sponsoren und Lieferanten des Kunstfestivals.
Beauftragung des Redenschreibers für seine Ansprache im Zentrum zur Bewahrung Europäischer Kunst.
Während Tanner zuhörte, störte ihn innerlich etwas auf, etwas, das sein Empfinden für Harmonie und Ausgeglichenheit beträchtlich störte. Aber was? Bislang schien alles in Ordnung zu sein.
Vielleicht lag es an dem Kästchen. Vielleicht war es der Tunnelblick der letzten Monate auf die ehemalige königliche Familie Hessenbergs.
Vor sechs Monaten hatte der frisch gekrönte König, Seine Majestät König Nathaniel II. von Brighton, Tanner zum Kulturminister ernannt. Als vordringliches Ziel dabei galt es, das Großherzogtum Hessenberg darauf vorzubereiten, wieder eine unabhängige, souveräne Nation zu werden, wenn das hundertjährige Abkommen über das Erblehen zwischen Brighton und Hessenberg auslief.
Der König war wild entschlossen, eine Lösung zu finden, um die glasklaren, eisenharten Klauseln zu erfüllen. Ein Erbe oder eine Erbin für Hessenbergs augustinisch-sächsischen Thron musste her, um die Insel in die Unabhängigkeit zu führen.
Wenn nicht, würde das Großherzogtum Hessenberg dauerhaft zu einer Provinz Brightons werden und endgültig die Aussicht verlieren, eine eigenständige Nation zu werden.
Allein der Gedanke daran ließ Tanners Herz rasen – er sehnte sich danach, dass sein Heimatland ein eigenständiges Land würde. Er wollte, dass es sein geliebtes Hessenberg für weitere tausend Jahre gab. Ein Saphir in der Nordsee.
»… und ich habe das Treffen mit den jungen Künstlern auf nächste Woche verschoben.« Damit setzte sich Louis auf die Tischkante und lächelte. Er war zufrieden mit sich. »Auf geht’s, wie mein alter Onkel sagen würde. Der Tag kann weitergehen.«
»Auf geht’s, ja.«
»Was hat der Kurator denn nun mit dem Renoir gemacht?« Der Assistent war ebenso in das Porträt der letzten Prinzessin von Hessenberg verliebt wie Tanner.
Die Prinzessin, die gerade sechzehn gewesen war, als das Bild gemalt wurde, posierte darauf auf einer Frühlingswiese. Sie trug ein weißes Sommerkleid. Strähnen ihres leuchtend roten Haares flatterten wie kleine Federn über ihre Wangen, und ihre blauen Augen waren begierig und unschuldig, so voller Hoffnung. Höchstwahrscheinlich hatte sie keine Ahnung gehabt, dass ein Krieg vor der Tür stand oder dass ihr Onkel, Prinz Franz, schlecht bis gar nicht auf Kampfhandlungen vorbereitet war.
Tanner mochte das Gemälde, weil es einen verborgenen Fleck in seinem Herzen berührte. Das Bild ließ ihn … etwas fühlen.
»Ich habe es in den Palast geschickt. Wo es auch hingehört.«
Louis pfiff leise. »Ich könnte wetten, dass der Kurator nicht gerade begeistert davon war. Das einzige helle und schöne Bild eines Mitglieds des Königshauses wird weggeschickt, und ihm bleiben nur die dunklen, ernsten alten Herzöge und Herzoginnen, deren Mienen ungefähr so fröhlich sind, als müssten sie auf Nagelbrettern sitzen oder bittere Kelche leeren.«
Tanner lachte. »Ungefähr das hat er auch gesagt, aber das Porträt der Prinzessin ist nicht groß genug für eine Museumswand. Die anderen sind zweieinhalb, drei Meter hoch. Ihres ist vielleicht halb so groß. Sie gehört in den Palast. Vielleicht in die Suite, die wir für die erwartete Prinzessin vorbereitet haben.«
Tanner lehnte sich zurück und fing an, seine Hemdsärmel hochzukrempeln. Vor seinem inneren Auge sah er immer noch das Gemälde von Alice, das sich fest in seinem Gedächtnis verankert hatte.
Er fühlte sich, als müsse er sie beschützen. Als müsse er Hessenberg beschützen. Aber als er das letzte Mal etwas beschützen sollte, hatte er erbärmlich versagt, als es am meisten darauf angekommen war. Nun, wo er die Chance hatte, etwas für sein Land und vielleicht sogar für das Gedenken der Prinzessin Alice und ihrer in alle Winde verstreuten Familie zu tun, würde er sie ergreifen. Und zwar von ganzem Herzen.
»Wo wir gerade von dem Palast sprechen«, Louis tippte auf den Bildschirm seines Tablets, »Jarvis, der Hausverwalter, den Sie angestellt haben, hat seine Empfehlungen für das restliche Hauspersonal ausgesprochen. Soll ich die Bewerbungsgespräche in die Wege leiten?«
»Lassen Sie uns abwarten. Wir haben ja noch keine Ahnung, an welchem Punkt genau wir auf der Suche nach dem Erben oder der Erbin von Prinzessin Alice gerade stehen.« Der König hatte ihn auf dem Laufenden gehalten, seitdem er die Ermittlungen in Gang gesetzt hatte, aber alles, was sie bislang wussten, war, dass der Erbe oder die Erbin wohl in den Staaten zu suchen war. Alle anderen Spuren und Hinweise hatten in Sackgassen geendet.
»Gut. Ich werde ihn informieren, aber er würde gerne weitermachen. Gibt es sonst noch etwas?« Tanner musterte Louis. Er war gerade erst mit der Uni fertig und ein Musterbeispiel für die nächste Generation. Er sah gut aus und war hip. Ein netter Kerl. Tanner hatte sein Gesicht sogar für seine erste Kulturkampagne genutzt und das ganze Herzogtum mit seinem Foto tapeziert.
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»Louis«, sagte Tanner, »was sagen eigentlich Ihre Freunde dazu, dass Hessenberg wieder eine eigenständige Nation werden soll – mit einer eigenen Regierung und einer eigenen Stimme, egal, wie klein die zwischen den anderen Nationen auch sein mag?«
»Ich glaube, solange wir im Pub für unser Geld Bier bekommen, macht es für die meisten wohl keinen besonders großen Unterschied, ob wir von Brighton regiert werden oder selbstständig sind. Wir kennen es ja nicht anders.«
»Und was, wenn die Unabhängigkeit bedeutet, dass Sie mehr für Ihr Geld bekommen?« Tanner wies mit einer Geste auf Louis‘ Anzug. »Mehr Bier, mehr Urlaub, mehr Maßanzüge?«
Louis Sinn für Mode sorgte mindestens einmal die Woche für freundlichen Spott im Büro. Marissa, Tanners Sekretärin, fasste es als persönliche Beleidigung auf, dass Louis mehr Schuhe besaß als sie.
»Bitte höflichst um Verzeihung.« Louis gab sich Mühe, streng dreinzuschauen, und glättete seine Krawatte. »Aber in dem Fall sage ich: Lang lebe ein unabhängiges Hessenberg!«
»Es ist so unglaublich bewegend, wie sehr Ihnen die politische und wirtschaftliche Zukunft unseres Landes am Herzen liegt, Louis. Vielen Dank.« Tanner ging zu einem Teewagen am anderen Ende des Eckbüros. Hinter den Bogenfenstern hatte sich der Nieselregen zu einem richtigen Guss gemausert.
»Warum hatten Sie mich angerufen?« Tanner hob den Deckel der Teekanne hoch und schnupperte. Stark und bitter, genau, wie er ihn mochte. Aber der Tee war kalt, und ihm war auch nicht danach. Er stellte die Kanne zurück auf den Wagen. In der Mittagspause würde er sich eine heiße Tasse holen. »Sie sagten im Flur, Sie hätten mich angerufen.«
»Ja, richtig.« Louis erhob sich und klemmte sich sein Tablet unter den Arm. »Der König und sein Assistent sind gemeinsam mit dem Premierminister von Brighton auf dem Weg hierher.«
»Hierher?« Panik bohrte sich in Tanners Brust. »Und da haben Sie diese Information bis jetzt für sich behalten, Louis?« Tanner drehte eine kleine Runde, krempelte die Ärmel wieder runter und besah prüfend das Zimmer. Warum hatten die Modegötter nur vorgegeben, dass die Knopflöcher kleiner sein sollten als die passenden Knöpfe?
Die Wände seines Büros … Er hatte sie noch nicht mit moderner oder klassischer Kunst oder irgendwelchen anderen geschmackvollen Accessoires dekoriert. Nein, bisher hatte er nur seine Rugbypokale und ein gerahmtes Poster von Hessenberg Union mit den Autogrammen der kompletten Mannschaft von zu Hause mitgebracht. Obendrein tummelten sich Wollmäuse auf dem dicken blauen Teppich, und die Bretter der Walnussregale würden wohl kaum einer Staubinspektion standhalten. Nicht zuletzt befanden sich die Reste des gestrigen Abendessens noch immer in seinem Papierkorb.
Tanner ging um den Kreis aus Lederstühlen herum, der die Mitte des Raumes dominierte, kickte den Rucksack mit seinen Sportsachen in den kleinen Toilettenraum nebenan und schloss die Tür.
»Jonathan sagte nur, sie seien unterwegs. Er rief an, als sie gerade ins Flugzeug stiegen.«
»Dann wird er gleich hier sein.« Der Flug von Brighton nach Hessenberg dauerte weniger als eine halbe Stunde. »Weiß der Gouverneur, dass der König kommt?« Gouverneur Fitzsimmons‘ Büro und die seiner Angestellten nahmen die gesamte erste Etage von Wettin Manor ein. Er würde wissen wollen, dass der König unterwegs war.
»Ja, und ich habe auch den Sicherheitsdienst in Bereitschaft versetzt.«
»Sind Sie sicher, dass er mich besuchen will und nicht den Gouverneur?«
»Jonathan hat ausdrücklich von Ihnen gesprochen.«
»Bestellen Sie die Putzkolonne hierher«, sagte Tanner und machte sich daran, auf seinem Schreibtisch Ordnung zu schaffen. Er stapelte seine Notizen und Unterlagen und verstaute sie in der untersten Schublade. »Und lassen Sie eine frische Kanne Tee herbringen. Sagen Sie Marissa, sie soll frisches Gebäck von Loudermilks Bäckerei bringen lassen. Richten Sie ihr aus, sie soll ihnen sagen, dass es für Seine Majestät ist. Ich glaube, Krapfen mag er am liebsten.«
Louis hatte das Telefon schon am Ohr. »Ja, das stimmt. Ich habe den gleichen Artikel in der Liberty Press gelesen. Manfred, hier ist Louis. Wir brauchen Reinigungskräfte hier oben.« Er war auf dem Weg nach draußen. »Ja, das ist mir klar, aber der König kommt ins Büro des Kulturministers.«
Tanner zog seine Anzugjacke an. Zum hundertsten Mal in der letzten Minute fragte er sich, was der König wohl von ihm wollte.
Louis erschien wieder auf der Bildfläche. Er war immer noch am Telefon und hielt Tanner einen dünnen Leinenumschlag hin. »Das ist gekommen, als Sie unterwegs waren«, sagte er, während er mit einem Ohr dem zuhörte, was Manfred am anderen Ende zu sagen hatte. »Hören Sie, wollen Sie, dass der König einen schmutzigen Teppich in Tanners Büro vorfindet? Was glauben Sie, auf wen das zurückfallen wird?« Louis Stimme wurde leiser, als er hinausging. »Dann bis in zwei Minuten. Vielen Dank.«
Tanner betrachtete den Umschlag und runzelte die Stirn. Sein Name war in einer extravaganten Schreibmaschinenschrift aufgedruckt. Aber von wem kam er? Er drehte ihn um und las die Absenderadresse, während er sich in seinen Schreibtischstuhl fallen ließ.
Estes Estate
2, Horsely Hill Road,
Strauberg, Hessenberg 93-E15
Der Name, die Adresse weckten all das Gestern, das er mit aller Kraft versucht hatte, wegzuschieben und zu vergessen. Weckten die Erinnerung an sein Versagen.
Seine Kehle wurde eng, und sein Puls raste. Mit steifer, eiskalter Hand strich er sein Haar glatt. Warum in aller Welt sollte Barbara »Babs« Estes ihm einen Brief schreiben? Noch dazu eine Einladung? Seit der verhängnisvollen Nacht vor acht Jahren war er nicht mehr in ihrer Villa auf dem Hügel gewesen. Aber er brauchte nicht einmal seinen investigativen Rechtsanwaltsverstand zu bemühen, um zu erraten, was wohl der Inhalt des Briefes sein könnte. Einige Details und Erinnerungen weigerten sich einfach, in den Tiefen des Vergessens zu verschwinden.
Die Zwillinge würden in wenigen Wochen zehn Jahre alt werden. Am fünften Oktober, um genau zu sein.
Tanner griff nach dem Brieföffner und debattierte noch mit sich selbst, was wohl besser wäre – hineinzuschauen oder das verflixte Ding einfach in den Papierkorb zu werfen.
Er hatte es geschafft. Er war wieder auf die Füße gekommen. Hatte seinen Jura-Abschluss gemacht. War Mitarbeiter des Gouverneurs geworden, bevor er dem König aufgefallen und zum Kulturminister ernannt worden war.
Dann hatte er seinen Wert bewiesen, indem er sich an einen seiner ehemaligen Professoren, den guten alten Yardley Pritchard, erinnert hatte, der eine Verbindung zu dem lange verlorenen Erben des hessenbergischen Throns haben könnte.
Und wenn sich Tanners Instinkte als richtig erwiesen, was das Wissen des Professors über den Verbleib der Erbin anging, dann wäre Hessenberg auf dem besten Weg, wieder eine unabhängige Nation zu werden.
Warum also sollte Tanner ausgerechnet heute, wo der König doch tatsächlich auf dem Weg zu seinem Büro war, eine Einladung von Trudes Mutter bekommen? War seine Vergangenheit so stark, dass sie einfach in seine Gegenwart einmarschieren konnte, wenn ihr der Sinn danach stand? Nun, er würde zusehen, dass es nicht dazu kam.
Tanner riss die mittlere Schublade auf, warf den Briefumschlag hinein und schob ihn ganz nach hinten. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Eine Technik, die er nahezu perfektioniert hatte.

DREI
Vor seiner Tür erklangen Stimmen, und Louis‘ Bariton kündete von der Ankunft des Königs.
»Guten Tag, Ihre Majestät.«
Tanner begrüßte den König, Nathaniel II., und seinen Assistenten Jonathan an der Tür und lud sie ein, sich auf eine Tasse Tee zu setzen. Gouverneur Seamus Fitzsimmons, Tanners ehemaliger Chef, folgte ihnen auf dem Fuße.
Die Unterhaltung plätscherte leicht dahin, sie sprachen über Sport und das Wetter. So verbrachten sie zwanzig Minuten, am Tee nippend und Gebäck knabbernd.
Tanner saß auf der Kante seines Ohrensessels an der Seite des Königs. Sein Geduldsfaden spulte sich mit rasender Geschwindigkeit ab.
Was will der König?
Neben Tanner erging sich Gouverneur Fitzsimmons in einem Redeschwall über seine Errungenschaften und protzte, eitel wie ein Pfau und ohne jegliche Scheu, mit seinen politischen Federn.
»Haben Sie unseren Bericht gelesen, Ihre Majestät? Wir konnten mehr öffentliche Gelder für die Bildungspolitik bereitstellen. Und mit der neuen Steuerinitiative des Parlaments sieht es ganz so aus, als würde sich die Wirtschaft rasch erholen.«
Genug. Tanner machte sich keine Gedanken darum, ob sich Seamus ärgern würde. Er rettete den König vor diesem nicht enden wollenden Kampagnen-Gewäsch. Er wusste sehr gut, was der Gouverneur im Sinn hatte – beim König gut Wetter machen nämlich für den Fall, dass Hessenberg seine Unabhängigkeit nicht erlangen und dauerhaft ein Teil Brightons werden würde.
Tanner riss das Ruder der Unterhaltung an sich.
»Wie steht es denn mit Ihren Heiratsplänen, Ihre Majestät?«
Seit Nathaniels Verlobung mit der Amerikanerin Susanna Truitt waren die Medien voll mit Berichten über die königliche Hochzeit. Sie verglichen die hübsche, blonde, sportliche Susanna mit Herzogin Kate und fragten sich, ob sie sich wohl ebenso gut in das höfische Leben einfügen würde wie der neue Liebling der Briten. Immerhin hatten die Vereinigten Staaten seit fast 240 Jahren kein königliches Oberhaupt mehr gehabt.
»Sehr gut, Tanner, sehr gut. Danke der Nachfrage.« Nathaniel lächelte, und etwas, das mehr war als reine Dankbarkeit, leuchtete in seinen Augen auf. Aha, der Glanz der großen Liebe. Tanner hatte so ein Gefühl noch nie empfunden, aber er hatte es bei anderen gesehen. Und sie beneidet.
»Ihre Mutter ist angereist, um bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen. Ich möchte behaupten, man hat nicht richtig gelebt, bevor man gesehen hat, wie die Königinwitwe Brightons und die Königin des Barbecues aus Georgia aneinandergeraten.« Er lachte. »Ich fürchte, die arme Susanna ist meistens mehr Schiedsrichterin als zart errötende Braut.«
»Da darf man sich nicht täuschen lassen.« Jonathan ging zum Teewagen. »Susanna kann ihren Standpunkt sehr gut vertreten. Sie kann ebenso gut austeilen wie einstecken.«
»Es wird also nicht langweilig?« Tanner stand auf, um sich noch einen Tee zu holen, aber Louis, der gerade Jonathan nachgeschenkt hatte, trat ihm entgegen und schenkte ihm wortlos ein.
»Wenn man jetzt noch meinen Bruder, Prinz Stephen, mit in den Ring wirft, dann hat man einen Zirkus erster Güte.« Nathaniel wischte sich die Finger an seiner Serviette ab und tauschte einen Blick mit Jonathan. Dieser schob seine Hand in einen Diplomatenkoffer, aus dem er einen dünne braune Mappe herausholte, die er dem König reichte. »Aber wir sind nicht gekommen, um über meine Hochzeit zu sprechen.« Der König gab die Mappe an Tanner weiter. »Wir sind gekommen, um über das Abkommen zu sprechen.«
»Welche Neuigkeiten bringen Sie uns?« Seamus zog schnaufend eine Pfeife aus seiner Westentasche.
»Tanner«, sagte Nathaniel und bedachte Seamus mit einem scharfen Blick. »Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, als Sie uns mit Yardley Pritchard bekanntgemacht haben. Sein älterer Bruder Otto wechselte in den Jahren nach ihrer Abreise aus Hessenberg tatsächlich einige wenige Briefe mit Prinzessin Alice.«
»Professor Pritchard hat nie ausdrücklich gesagt, dass er wüsste, wie es der Prinzessin ergangen war oder wo sie sich aufhielt«, erwiderte Tanner, »aber er hat in seinen Kursen oft erwähnt, dass sein älterer Bruder als Schreiber des Großherzogs gedient hatte, bevor der das Land verließ. Daher nahm ich an, dass irgendeine Form der Korrespondenz stattgefunden haben könnte.«
»Ihre Annahme war richtig, Tanner. Pritchard erzählte, sein Bruder habe selten, und auch erst im Alter, über seinen Dienst am Hofe gesprochen«, fuhr der König fort. »Der alte Herzog hatte ihn davon überzeugt, dass seine Familie in Gefahr geraten würde, wenn die Feinde des Großherzogs davon erfuhren, dass Otto irgendetwas über das Abkommen oder die königliche Familie wusste. Oder schlimmer noch, dass Otto als Verräter hingerichtet werden könnte.«
»Der arme Bruder Otto«, sagte Seamus. »Er wird ein gutes Stück älter als Yardley gewesen sein, schätze ich?«
»Siebzehn Jahre«, bestätigte Nathaniel. »Die Zeiten waren turbulent, nachdem der Prinz das Abkommen unterzeichnet hatte, und dann kam der Krieg. Otto hat recht daran getan, den Mund zu halten.«
»Aber glücklicherweise hatte der gute alte Otto die Geistesgegenwart, Yardley zu erzählen, wo er die Briefe der Prinzessin aufbewahrte«, sagte Jonathan.
»Sind sie hier drin?« Tanner öffnete die Mappe, um die Briefe ans Tageslicht zu befördern. Er überlegte, dass er sie im Museum ausstellen könnte.
»Es stellte sich heraus, dass er nur einen einzigen hatte«, sagte Nathaniel. »Sollte es mehr gegeben haben, so sind die anderen verlorengegangen oder an eine andere Stelle geräumt worden, davon wissen wir nichts. Aber von dem einen, den wir haben, liegt eine Kopie dem Bericht für Sie bei.«
»Wir sind wohl nicht dazu berufen, so furchtbar viel über Prinz Franz und seine Familie zu erfahren.« Tanner überflog den kurzen Brief und wünschte sich, er hätte einen ruhigen Moment für sich alleine, um zu lesen und nachzudenken.
Der Großherzog, der nicht lesen konnte, hatte wenige Aufzeichnungen über sein Leben geführt. Wenn es zu seiner Zeit Fernsehen oder Tonfilme oder wenigstens Radio gegeben hätte, so hätte er vielleicht etwas zu sagen gehabt, etwas, was er der Zukunft hinterlassen konnte. Stattdessen hatten sie einen einzigen Brief mit Wasserflecken in einer Fotokopie. Von Prinzessin Alice an Otto, geschrieben am Vorabend ihrer Abreise nach Amerika.
Tanner sah auf. »Also ist es beinahe sicher, dass der Thronerbe Amerikaner ist?«
»Das wird nicht gehen.« Seamus lehnte sich über Tanners Schulter. Der Geruch seines Aftershaves drängte sich unangenehm in die dünne Luft zwischen ihnen. »Eine Amerikanerin?«
»Es wird gehen, Gouverneur, weil sie die rechtskräftige und rechtmäßige Erbin ist. Ihr Name ist Regine Alice Beswick. Es war eine Sisyphosaufgabe für die Ermittler, Prinzessin Alice‘ Reise von Hessenberg über Brighton nach London und schließlich in die Staaten nachzuverfolgen. Wie sich herausstellte, war die erste Alice, der sie folgten, nicht Prinzessin Alice.«
»Die Aufzeichnungen nach dem Krieg waren ein bisschen dürftig«, sagte Tanner, der den Bericht querlas.
»Ganz Europa war ›ein bisschen dürftig‹ nach dem Krieg.« Nathaniel lehnte sich nach vorne und legte die Unterarme auf die Oberschenkel. »Die Ermittler fanden letztendlich eine Alice Stephanie Regina, die 1922 in London einen Piloten der Royal Air Force geheiratet hatte. Sie ist unsere Prinzessin. 1924 bekamen sie eine Tochter, Eloise. Alice‘ Mann fiel im Zweiten Weltkrieg. Sie wanderte 1946 mit Eloise nach Amerika aus, wo sie über kurz oder lang wieder heiratete. Nun ja, Sie werden die entsprechenden Informationen in Ihrem Dossier finden. Jedenfalls lebt Alice‘ Erbin, ihre Urenkelin, in Tallahassee, Florida.« Der König stand auf. »Sie ist 29 und …«
»Ich habe jemand Älteren erwartet«, sagte Tanner. »Eine Tochter oder eine Enkelin.«
»Das haben wir alle. Alice‘ Tochter und ihre Enkelin sind beide jung verstorben. Sie hat sie beide überlebt. Regina ist ein Einzelkind. Sie hatte einen älteren Bruder, der aber kurz nach seiner Geburt gestorben ist.«
Tanner beendete seine Lektüre und wollte die Mappe König Nathaniel zurückgeben. Aber der König weigerte sich, sie anzunehmen.
»Tanner, als Hessenbergs Kulturminister und als Mann, der die Gesetzeslage des Abkommens kennt, ernenne ich Sie zum Gesandten für unsere neue Prinzessin. Reisen Sie nach Amerika und holen Sie sie nach Hause.«
»Ich, Sir?« Er war ja gerade mal seit sechs Monaten Kulturminister. Es musste doch jemanden geben, der besser qualifiziert war. »Es wäre mir eine Ehre.« Tanner sprang auf und sah seinen König auf Augenhöhe an. »Aber wären Sie nicht selbst der Richtige, um sie davon zu unterrichten?« Tanner spürte die Anspannung, die sich im Raum ausbreitete. Die Entrüstung des Gouverneurs überlagerte alles. Er wettete mit sich selbst, dass er den Teppich unter den großen, intrigierenden Füßen beben sehen würde, wenn er den Blick senkte. »Oder vielleicht wäre Seamus der Mann der Stunde.« Tanner wies auf den erfahrenen Gouverneur.
»Ja, da stimme ich Tanner zu, absolut.« Seamus trat vor. Tanner hatte nichts anderes erwartet. »Ich wäre wohl besser dafür geeignet, wo ich doch seit 15 Jahren der Gouverneur dieses Landes bin.«
Aber der König blieb völlig ungerührt. »Sie sind viel zu beschäftigt und werden hier gebraucht, Seamus. Und ich selbst kann auch nicht fahren. Mein Terminplan ist viel zu voll. Tanner, Sie sind der perfekte Kandidat.« Nathaniel nickte, als sei er mit dieser Entscheidung ganz zufrieden. »Sie kennen nicht nur die Details des Abkommens, Sie sind auch auf dem neuesten Stand, was die Geschichte des Hauses Augustin-Sachsen angeht. Sie sind in Miss Beswicks Alter. Außerdem wissen wir nicht, wie lange es dauern wird, bis Sie sie davon überzeugen können, mitzukommen und ihren rechtmäßigen Platz einzunehmen. Es könnte Wochen in Anspruch nehmen, und weil Sie neu sind in Ihrer Position, sind Sie am flexibelsten von uns allen.« Nathaniel zeigte mit dem Finger auf Tanner. »Ein sehr glücklicher Umstand. Also, nachdem ich nun nicht für einen beliebigen Zeitraum verreisen kann … und ich nehme an, Seamus auch nicht, ist das richtig, Gouverneur?«
Nathaniels Tonfall schien den älteren Staatsmann zu besänftigen. »Ganz recht, Ihre Majestät«, polterte Seamus, »ganz recht.«
»Ich weiß, dass Sie sich gerade erst in Ihrer Position etablieren«, sagte Nathaniel. »Aber ich glaube, dass Sie der Richtige sind, um die Prinzessin heimzuholen.«
»Sir, ich werde tun, worum Sie mich bitten.« Tanner lockerte den inneren Griff, den er um sein Herz gelegt hatte. Um seinen Zeitplan. Für den König würde er doch seine eigenen Pläne hintanstellen können, oder nicht? Und sich damit sogar noch weiter von den Misserfolgen seiner Vergangenheit entfernen. »Wenn Sie meinen, ich sei derjenige, der nach Amerika reisen und die Prinzessin von ihrem Glück überzeugen soll …«
»Das meine ich, ja.« Nathaniel lächelte, als sei damit alles erledigt. »Wir haben die Royal Air Force One für Ihre Reisen reserviert. Wenn Sie keine Einwände haben, wäre es mir recht, wenn Sie gleich morgen früh abreisten.« Der König musterte ihn abwartend. Seine informelle Ausstrahlung bekam zusehends einen majestätischen und imposanten Charakter.
Tanner würde also morgen auf Reisen gehen …
»Ich werde bereit sein, Ihre Majestät.« Er würde vermutlich den ganzen Abend, wenn nicht sogar die ganze Nacht brauchen, um seinen Terminplan freizuschaufeln. Hatte er genug saubere Kleidung? Drei Anzüge waren in der chemischen Reinigung. Die schloss um halb sechs. »Soll ich alleine reisen oder in Begleitung?«
»Wenn Sie wollen, reisen Sie alleine. Je diskreter, desto besser. Wir wollen die Presse aus der Sache heraushalten. Kein Wort darüber.« Nathaniel sah sich im Raum um und sammelte zustimmende Blicke. »Lassen Sie sie uns hierherholen, sich etwas zurechtfinden mit der neuen Rolle, dann können wir die Medien auf den Plan bringen und damit wohl die ganze Welt. Tanner, Sie sind sozusagen unser Ein-Mann-Sondereinsatzkommando. Sie haben die volle Rückendeckung des Parlaments. Die königliche Behörde hat alle benötigten Dokumente vorbereitet, einschließlich dessen, das Sie in der Hand halten.« Er zeigte auf die Mappe. »Sämtliche Unterlagen werden in der Royal Air Force One auf Sie warten.«
»Ist diese Eile denn vonnöten, Ihre Majestät?«, fragte Seamus.
Nathaniel wandte sich dem Gouverneur zu. Er schien ruhig, gelassen. Jonathan drehte sich schneller um, und in seinen Augen war die Verwunderung deutlich zu sehen.
»Das Abkommen endet in einem Monat, Gouverneur«, sagte Tanner. Seamus, alter Freund, sei kein Narr.
»Was würden Sie vorschlagen, Seamus?«, fragte Nathaniel. »Wenn sie nicht weiß, dass sie die Erbin ist, wird es eine Weile dauern, bis sie die Neuigkeit verdaut hat, und noch ein bisschen länger, bis wir sie davon überzeugen können, dass wir sie brauchen. Und sollte sie zufällig bereits von ihrem Erbe wissen, so werden wir vermutlich Zeit brauchen, um mit ihr über ihren Weg hierher zu verhandeln. Da bin ich mir ganz sicher.«
»Nobel.« Seamus klemmte sich die Pfeife zwischen die Lippen und murmelte: »Welches Mädchen träumt nicht davon herauszufinden, dass es eine Prinzessin ist?«
»Wir sind hier nicht in einem Film, Gouverneur«, sagte Jonathan. »Miss Beswick führt ein eigenständiges Leben, sie hat Freunde, eine Familie …«
»Was, wenn sie sich weigert?« Tanner ging der Sache direkt auf den Grund. »Wenn sie die ganze Angelegenheit ablehnt? Königliche Prinzessin gesucht, die die Zukunft eines kleinen Landes rettet, und all das …«
»Sie überzeugen sie.« Nathaniel trat vor Tanner und schnitt ihm den Weg ab. »Kommen Sie nicht ohne sie nach Hause.«
Tanners Angst echote in seinem Puls. Nicht vermasseln. Nicht vermasseln.
»Ich werde mein Bestes tun …«
»Geben wir uns keinen Illusionen hin. Das wird nicht leicht werden«, fuhr Nathaniel fort, seinen Rat zu erteilen. »Wir können alle nur dafür beten, dass sie in irgendeiner Form auf die Neuigkeiten vorbereitet ist. Vielleicht sind unsere Befürchtungen ja auch umsonst. Prinzessin Alice könnte Regina vor ihrem Tod erzählt haben, wer sie war.«
»Aber wir wissen wirklich nicht, was Alice wusste, als sie 1914 aus Hessenberg geflohen ist. Deswegen wissen wir auch nicht, was sie Regina erzählt haben könnte.« Jonathan sah auf die Uhr. »Ihre Majestät, wir müssen los.«
»Es tut mir leid, dass ich aufbrechen muss, aber ich muss zu einem Staatsempfang im Palast.« Nathaniel ging mit seinem Assistenten zur Tür. »Ich wollte Sie persönlich um die Übernahme dieser Aufgabe bitten, Tanner. Sie ist uns überaus wichtig. Jonathan wird Sie bezüglich weiterer Details auf dem Laufenden halten.«
»Ich bitte Louis, Sie zu informieren, wenn ich so weit bin.« Tanner ging ebenfalls zur Tür. »Stellen Sie sich auf den Morgen ein, so gegen zehn.«
»Tanner …«, Nathaniel hielt im Türrahmen inne und bot ihm die Hand, »Ihr König und Ihr Land sind Ihnen sehr dankbar.«
Tanner ergriff die Hand des Königs, und die Bedeutsamkeit dieses Moments legte sich wie ein schwerer Mantel auf seine Seele.
Hessenbergs Geschichte der letzten hundert Jahre hatte sich auf diesen Moment hin ereignet. Erst mit der Geschwindigkeit eines Schiffs, das über die offene See getrieben wird, und später, im Laufe der Jahrzehnte, mit dem stetigen Antrieb eines Automobils. Aber nun, wo sich das Ende des Brighton-Hessenberg-Abkommens abzeichnete, rasten die Wochen im Tempo eines Schnellboots dahin.
Und Tanner war der einsame Kapitän, der nicht versagen durfte.

Meadowbluff Palace, den 13. Juni 1914
Heute habe ich meine letzte Sitzung mit Herrn Renoir auf der Wiese am Dickicht. Er besteht darauf, dass ich sehr schön sei und perfekt gemalt werden müsse. Dabei muss er es langsam leid sein, dass ich Tag für Tag vor ihm herumsitze. Nichtsdestotrotz haben wir einen ganz wunderbaren Sommer hier in Hessenberg, und so macht es mir nichts aus, an der frischen Luft zu sein.
Onkel ist sehr zufrieden mit Herrn Renoirs Arbeit und hat beschlossen, dass es eine große Enthüllung geben soll, wenn das Porträt fertig ist. So geht es nun hinaus zum Dickicht, weil das Licht um die Mittagszeit dort perfekt ist. Es ist einfach zauberhaft. Ich spüre tiefen Frieden, wenn ich über den Rasen zur Wiese und zum Dickicht hinübergehe.
Das ist auch der Ort, an dem ich meine Gebete im größten Vertrauen darauf sprechen kann, dass Gott mir zuhört. Ich schäme mich nicht dafür, zuzugeben, dass ich ihn um einen Ehemann gebeten habe. Ich liebäugele sehr mit Reinhart Friedrich – und Mama tut das ebenso. Doch er hat den Palast seit dem Frühjahr nicht mehr besucht. Auch bei den Sommergesellschaften habe ich ihn nicht gesehen.
Lady Sharon sagt, sie habe Gerüchte gehört, dass Reinhart zur Armee gegangen sei. Welche Armee das aber sein könnte, das weiß ich nicht. Hessenberg hat kein erwähnenswertes Militär. Das weiß ich, weil es Onkel ärgert, da sein Premierminister darauf besteht, unsere Streitkräfte wieder aufzubauen.
Ich weiß nicht, was Onkel denkt. Aber während ich gestern auf der Wiese auf Herrn Renoir wartete, sah ich, wie Onkel seinen geliebten Starfire #89 in den Stall stellte. Ich fand das ziemlich befremdlich, aber als ich ihn beim Abendessen danach fragte, erklärte er mir, er habe den Wagen aus Sicherheitsgründen dort abgestellt.
Mein Kunstunterricht wird nächsten Monat fortgesetzt. Mama hat die renommierte Künstlerin Rose Manyard Barton eingeladen, den gesamten Juli hier im Palast zu verbringen. Sie hat die Einladung angenommen und sehr großzügig angeboten, Esmé und mich zu unterrichten. Aber Esmé zieht es vor, Sport zu treiben anstatt zu malen. Daher werde ich diese talentierte Dame ganz für mich haben. Ich bin entzückt.
Alice

VIER
Freitagabends hielt Reggie Hof. So jedenfalls betitelte Al das Ganze. Reggies Hof. Und die Gruppe aus Freunden und Familienmitgliedern, die sich an der Scheune versammelten, nannte er ihren Hofstaat. Aber Reggie war keine Königin. Sie war einfach eine ganz gewöhnliche junge Frau, die ihr Leben mit ihren Lieben teilte. Das wöchentliche »Hof halten« hatte ziemlich spontan an einem Freitag begonnen, nachdem Al und sie die Werkstatt eröffnet hatten. Ein paar von Reggies ehemaligen Kollegen bei Backlund & Backlund waren vorbeigekommen, um zu schauen, ob ihr blinder Sprung in die Autorestauration das Opfer ihrer Zukunft als gutbezahlte Wirtschaftsprüferin wert war.
Sie hatten ihre Zweifel, aber Reggie hatte das Gefühl, dass die Restauration des Challengers sie überzeugen würde. Dann fingen ihre Freunde an, regelmäßig vorbeizukommen, um die Verwandlung des Autos im Auge zu behalten. Vielleicht wollten sie auch Reggie im Auge behalten. Würde sie es schaffen?
Rafe installierte Lautsprecher unter dem Vordach der Scheune. Freitags gegen fünf drehte Reggie die Musik auf – eine Mischung aus Country und Soul – und bestellte ein Dutzend Pizzas.
Ein halbes Jahr später war es nicht mehr nur ihre Audienz. Auch Als Freunde und Familie kamen vorbei. Wallys Enkelkinder. In letzter Zeit hatten sich auch andere Autoverrückte und Freunde von Freunden unter die Freitagabendmeute gemischt.
Heute trat Reggie mit einer kalten Flasche Rootbeer aus der Scheune heraus. Sie hatte die Pizzas bestellt und freute sich auf einen Abend mit viel Musik und Gelächter.
Und darauf, die Erfolgsgeschichte des Challengers zu erzählen, vielleicht gespickt mit dem einen oder anderen »Das habe ich dir doch gleich gesagt«. Vielleicht konnte sie Al dazu bringen, den Höflingen ein paar dezente Hinweise auf den Duesenberg zu geben.
Reggie setzte sich auf die Kante des Picknicktischs und grinste Carrie an. Ihre Freundin »seit ewig« versuchte, Rafe einen Line Dance beizubringen. Er bewegte sich mit der Eleganz eines Holzfällers nach einem langen Arbeitstag. Wenn er nach rechts gehen sollte, ging er nach links. Er war ein Soldat, kein Tänzer.
»Gib’s auf, Carrie!«, rief Reggie.
»Niemals!«, erwiderte diese und führte Rafe energisch, indem sie ihn um die Taille fasste.
Er lachte und sah zu der zierlichen, dunkelhaarigen Carrie hinunter. Aha, aha, schau an, schau an. Da entwickelte sich wohl etwas mehr als nur Freundschaft zwischen den beiden.
Gut für dich, Carrie-Bärchen. Das ist gut. Rafe ist einer von den guten Jungs.
Reggie sah zu Al hinüber, der mit einem Arm voll Klappstühle aus der Werkstatt kam. Wally folgte ihm mit einem Weidenkorb voller Chips und, hoffentlich, seinem berühmten Zwiebel-Meerrettich-Dip.
»Ein toller Abend für eine Audienz, Reg«, sagte Al und lehnte die Stühle an einen Baum.
»Fang nicht wieder mit dem Hof-Gerede an, Al.«
»Warum nicht? Ich finde das sehr passend.«
»Du bringst noch alle anderen dazu, auch so zu reden.«
Aber es war wirklich ein toller Abend, um Hof zu halten. Wenn das einfach nur bedeutete, Zeit mit den Leuten zu verbringen, die sie liebte. Es war der erste Herbstabend, und die Tagundnachtgleiche hatte Florida eine frische Brise beschert.
»Hey.« Mark setzte sich auf den Tisch neben ihr, dessen Bretter ächzten. Der Duft seines Aftershaves füllte die Luft zwischen ihnen.
»Alle Mann an Deck! Morgen gehen wir segeln.«
»Segeln? Mark, ich werde schon seekrank, wenn die Badewanne zu voll ist.« Reggie rückte von ihm weg. Weil er zu nah bei ihr saß. Weil sie nicht wollte, dass er zu vertraut tat. Sie hatte ihn letztens in die Schranken ihrer Freundschaft gewiesen, aber sein »Ich gehe auch nicht weg« hatte bei ihr alle Alarmglocken schrillen lassen.
»Du hast es mit dem Segeln doch noch nie richtig versucht, Reg.«
»Wie bitte? Ich bin zweimal Hochseeangeln gewesen.« Was hatte sie sich nur dabei gedacht, als sie das Desaster wiederholt hatte? Sie hatte schon beim ersten Mal die ganze Zeit über der Reling gehangen und sich übergeben. Sechs Stunden lang hatte sie versucht, den Geruch des Köders nicht einzuatmen – aufgeschnittener Tintenfisch. »Und die Weihnachtsfeier von Backlunds war dreimal auf einer Yacht. Jedes Mal habe ich den Abend damit verbracht, in inniger Umarmung mit der Toilette zu tanzen. Sag nicht, ich hätte es nicht versucht.«
»Aber doch nicht so, mit dem Wind in den Segeln und …«
»Mark, ich werde auf keinen Fall ein Wasserfahrzeug betreten, nur um den ganzen Tag die Fische zu füttern und ohne irgendwo ein Fitzelchen Land zu sehen.« Also ehrlich, kannte er sie gar nicht? Sah er sie denn nicht? »Morgen schlafe ich erst einmal schön aus, dann esse ich Pfannkuchen zum Frühstück«, das war eine spontane Idee, die ihr sehr gefiel, »und dann mache ich mich an die Bücher.«
Als Buchhalterin und Wirtschaftsprüferin war es selbstverständlich, dass Reggie den Papierkram übernahm, als Al und sie ihre Firma eröffneten.
»Nur Arbeit und kein Spiel wird irgendwann auch Reggie zu viel.« Seine Stimme hob und senkte sich in einem albernen Singsang. Er legte ihr den Arm um die Schultern. »Jetzt komm schon, lebe mal ein bisschen. Devin Swain und seine Freundin haben uns nach St. George eingeladen. Du erinnerst dich an die beiden, sie waren bei dem Fischessen. Kate mochte dich wirklich.«
»Was genau hat ›ein bisschen leben‹ damit zu tun, sich krank und elend zu fühlen und den Tod herbeizusehnen?« Reggie schnippte neben seinem Ohr mit den Fingern, beugte sich ein bisschen vor und flüsterte: »Ich werde nicht segeln gehen.«
»Auch gut. Psst, Reg.« Mark bewegte sich vom Tisch weg. »Dann lass uns doch sagen, ich bin zum Abendessen wieder zurück. Ich hole uns was vom Chinesen und komme um … acht Uhr? … bei dir vorbei.« Er fixierte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
Aber was sie in seinem Ausdruck sah, war nicht der erfolgreiche, gepflegte Geschäftsmann, sondern ein schmächtiger kleiner Junge, der sich nach Aufmerksamkeit sehnte.
»Mark, ich, äh …« Ihr Mitleid mit ihm war nichts Heiliges. Ihr falsches Mitgefühl trug nur dazu bei, romantische Hoffnungen zu nähren. Sie musste ihm klarmachen, dass sie nur Freunde waren, und die räumlichen Grenzen wahren, um ihn davon abzuhalten, ihr ihren ersten Kuss zu stehlen. Den Kuss, den sie sich für ihren ganz persönlichen Traumprinzen aufsparte.
Mark brauchte echte, wahrhaftige Worte. Ein klares, ausdrückliches Bekenntnis aus der Tiefe ihres Herzens zu ihrer Freundschaft. Wenn sie versuchte, seine Gefühle zu schonen, würde sie ihn am Ende nur umso mehr verletzen.
»Um acht also?« Er ging langsam rückwärts und zeigte auf sie. »Dahinten sehe ich Bob Boynton, und mit dem habe ich schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr geredet.«
»Um acht, ja.« Sie lächelte. Morgen würde sie ausschlafen, die Bücher durchgehen und dann beten. Sie würde Gott bitten, dass er ihr die richtigen Worte schenkte, die im Stande waren, Mark von der Wahrheit zu überzeugen.
Rafe machte die Außenbeleuchtung an, und Reggie drehte ihre Runden zwischen den »Höflingen«. Sie hörte sich um, wie ihre Arbeitswoche gelaufen war, und erkundigte sich, ob jemand spannende Pläne für das Wochenende hatte. Einer der neueren Höflinge, ein Rechtsberater, belagerte Wally, mit dem er sich lang und breit über einen uralten Mercedes unterhielt, den er online gefunden hatte.
Jubelrufe wurden laut, und Flaschen und Dosen wurden zum Gruß erhoben, als das Auto des Pizzalieferanten in die Auffahrt einbog. Reggie nahm sich ein frisches Rootbeer aus der Kühlbox und lehnte sich an die Scheunenwand. Sie beobachtete das Durcheinander bei der Pizza, lauschte den Unterhaltungen und freute sich über das aufbrandende Gelächter.
»Glücklich?« Carrie gesellte sich zu ihr an die Wand.
Reggie dachte einen Moment lang nach, dann nickte sie. »Ja, sehr.«
»Ich bin stolz auf dich, Reg. Ich bin stolz, dass du den Sprung in das Restaurationsgeschäft gewagt hast.« Carrie war das Gegenteil von Reggie. Sie hatte sich vom Mitglied einer Studentinnenverbindung an der Florida State University in eine Lobbyistin verwandelt, die immer nahe am Politikgeschäft dran war. Sie verbrachte ganze Tage in Spas und Schönheitsfarmen, flog im Frühjahr und im Herbst nach New York zum Shopping und machte Yoga-Urlaube. »Du hast uns alle zu Visionären gemacht, indem du deine Arbeit aufgegeben hast und deinem Herzen gefolgt bist, Regina Beswick.«
»Wie, hattest du etwa gewagt, an mir zu zweifeln?«
Carrie lachte. »Albern, ich weiß, aber selbst die Stärksten kommen manchmal ins Straucheln.«
Reggie warf ihr einen Blick von der Seite zu. »Rafe und du, ihr versteht euch besser als nur gut, wie ich sehe.« Rafe passte eigentlich nicht zu dem Geschmack, den Carrie bei Männern sonst an den Tag legte. Sie ging mit Rechtsberatern aus. Mit anderen Lobbyisten. Geldbeschaffern. Mit Männern, die Maßanzüge trugen und regelmäßige Maniküretermine hatten.
Ihr letzter Freund? Ein narzisstischer Zombie. Wirklich wahr.
»Rafe und ich? Neiheihein …« Aber selbst die Abenddämmerung konnte die Röte nicht verbergen, die Carries Wangen küsste. »Er wollte lernen, wie ein Line Dance geht. Das ist alles. Er ist nicht mein Typ.«
»Und was für ein Typ soll deiner sein? Menschlich?«
»Ha, ha, sehr witzig.« Carrie lehnte sich etwas bequemer an die Wand und stützte sich mit einem Fuß daran ab. »Ich habe doch schon zugegeben, dass du mit dem Zombie-Mann Recht hattest.«
»Mit Rafe habe ich auch Recht. Gib ihm eine Chance.«
»Du gehst davon aus, dass er überhaupt eine Chance haben will.«
»Willst du mir etwa erzählen, er wolle keine?«
Carrie errötete noch mehr. Ihr Lächeln sah dadurch noch entzückender aus. »Wir sind für morgen zum Abendessen und einem Film verabredet.« Sie stieß sich von der Wand ab und zeigte mit dem Finger auf Reggie. »Sag nichts, kein Wort!« Carrie ließ sich wieder gegen die Wand sinken und brüllte über den Hof, Rafe solle Reggie und ihr Pizza bringen.
»Erinnerst du dich, wie Mama und ich früher manchmal auf der hinteren Veranda saßen und uns die Sterne ansahen?«, fragte Reggie. »Sie fragte mich, was ich werden wolle, wenn ich groß sei. Sie sagte mir, ich solle große Träume träumen.«
»Ich frage mich, ob sie gerade vom Himmel herunterschaut und die goldenen Knöpfe ihres Engelkleides fast platzen, weil sie so stolz auf dich ist.« Carrie sah sie an. »Meinst du, es gibt diese Art Stolz im Himmel?«
Reggie schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht, aber irgendwie kann ich mir vorstellen, dass Gott zu allen, die im Himmel sind, sagt: ›Leute, schaut mal, was meine Kinder machen. Sind die nicht einfach toll?‹ Aber das hier«, sie klopfte gegen die Scheunenwand, »ist ziemlich weit von allem entfernt, was ich mir damals vorgestellt habe.«
»Auf jeden Fall.« Carrie lachte. »Du wolltest doch immer Prinzessin werden.«
»Daran war nur Uroma Alice schuld.«
Uroma hatte mit Reggie und Carrie immer Prinzessin gespielt, sie bastelte Kronen aus Tonpapier und dekorierte sie mit Glitzer.
»Ich habe immer noch eine der Kronen, die ich einmal mit ihr gebastelt habe«, sagte Carrie.
»Selbst mit 97, als sie kaum noch sehen konnte, hatte sie Spaß daran, Verkleiden zu spielen.« Reggie hakte sich bei Carrie ein. Außer Daddy und ihrer Stiefmama Sadie war Carrie ihre einzige Verbindung zu diesen Kindheitserinnerungen. Sie war die Einzige, mit der sie in den Geschichten über Uroma und Mama schwelgen konnte.
Rafe tauchte mit zwei Papptellern Pizza auf. Er flirtete mit Carrie, die … kicherte. Eine Kicherliese im reifen Alter von 29 Jahren? Da war definitiv etwas im Busch.
Reggie ging zurück zum Picknicktisch, wo die Höflinge ihr immer einen Platz freihielten. Als sie einen großen Schritt über die Bank machte, blieb ihr Blick an etwas zwischen dem Scheunendach und den Ästen der Eiche, die die Sicht einschränkten, hängen.
Was war das? Reggie stellte ihre Pizza auf den Tisch und studierte die Flecken des verblassenden Zwielichts, das durch die Blätter gerade noch sichtbar war.
Da. Ein blauer Blitz. Da war etwas in den Wolken. Reggie kniff die Augen zusammen und versuchte, ins Abendlicht zu sehen. Was war das? Es jagte ihren Puls hoch.
»Reg, hast du genug Platz?«
Sie legte eine Hand auf Seth Davis‘ Schulter. »Ja, ja, ist alles gut. Ich dachte nur, ich hätte etwas gesehen.« Aber sie hatte sich getäuscht, oder? Bestimmt spielte ihr ihre Fantasie einen Streich. Mit einem letzten Blick in den Abendhimmel setzte sich Reggie und drückte sich eine Hand aufs Herz. Sollten sie sie ruhig für verrückt halten, aber sie hätte schwören können, dass Uromas sanfte blaue Augen auf sie herabblickten.

FÜNF
Tanners Abreise nach Amerika war von einer wahren medialen Feuersbrunst begleitet worden.
Ein Informant hatte jedes Print- und Onlinemedium über die neue Prinzessin informiert.
Die Details waren übertrieben und an so mancher Stelle schlicht und einfach falsch. Trotzdem waren die Medienberichte wie Pilze aus dem Boden geschossen.
Prinzessin gefunden! Das war’s dann, Brighton!
Ein unabhängiges Hessenberg kann nicht bestehen.
Wir werden scheitern. Nach dem Ende des Abkommens treten die alten Gesetze wieder in Kraft. Wir fallen um hundert Jahre zurück!
Die Liberty Press, die angeblich seriöseste Zeitung des Landes, hatte eine respektlose Karikatur gebracht, die den alten Prinz Franz als Geist zeigte, der König Nathaniel II. und der königlichen Familie samt der erst kürzlich angekommenen Verlobten Susanna mit seinen Reitstiefeln einen Tritt in den Allerwertesten verpasste.
Deshalb hatte Tanner den Morgen vor seiner Abreise damit zugebracht, die Brandherde zu löschen und eine kurzfristig angesetzte Pressekonferenz abzuhalten. All das hatte seine Mission verzögert.
»Was wissen wir über die neue Prinzessin?«
»Ist sie eine Irre?«
»Was, wenn sie nicht die passende Person ist? Nicht ansprechend, unattraktiv?«
»Wie können wir einer Ausländerin zutrauen, die Geschicke Hessenbergs zu lenken?«
Die Fragen waren frech gewesen, unüberlegt, aus dem Bauch heraus. Tanner hatte sein Bestes getan, sie ruhig und sachlich zu beantworten, aber um ehrlich zu sein, hatte er sich schon häufig das Gleiche gefragt.
Er hatte den Vorabend damit zugebracht, die Akte der Prinzessin im Detail zu studieren. Sie schien nett zu sein. Auf dem Foto ihres Führerscheins wirkte sie jedenfalls schon einmal ganz sympathisch. Aber darüber hinaus …
Er wusste es nicht. Es schien, als arbeitete sie in einer Autowerkstatt, obwohl sie eine gute Ausbildung am College genossen hatte. Wie sollte er das deuten?
Während er sich um die Presse gekümmert hatte, sammelte Louis im Hintergrund Informationen beim Personal von Wettin Manor. Er vermutete die undichte Stelle im Büro des Gouverneurs.
Was hast du vor, Seamus?
Der Mann war unzufrieden damit, dass der König Tanner überhaupt damit beauftragt hatte, die Prinzessin zu suchen. Aber er würde sicherlich nicht so weit gehen, die Sicherheit der Mission zu gefährden.
Egal, damit durfte er sich jetzt nicht aufhalten. Das gestrige Tohuwabohu änderte nichts am Erlass des Königs. »Holen Sie die Prinzessin nach Hause.«
Tanner landete am frühen Freitagmorgen in Florida. Er checkte in seinem Hotel ein und versuchte, sich an die amerikanische Zeitzone zu gewöhnen.
Als es auf den Abend zuging, beschloss er, zu Miss Beswicks Werkstatt hinauszufahren.
Er verließ das Hotel und dachte, er sei mitten in eine dichte Wolke hineingetreten. Wie hielten die Einheimischen diese unglaubliche Luftfeuchtigkeit nur aus? Er richtete sich nach dem Navi seines Mietwagens und fuhr nach Westen. Der Bericht des Privatdetektivs deutete an, dass Miss Beswick die Freitagabende häufig in der Werkstatt verbrachte, in der sie arbeitete.
Er fuhr durch die Innenstadt, glitt mit dem Strom des Wochenendverkehrs dahin und kam an der Universität vorbei. An der Florida State University wehten Flaggen, und Banner mit dem Bild eines Indianers schmückten Fenster und Wände.
Die Football-Saison war in vollem Gange, und Tanner spürte die Ausgelassenheit der Stadt. Er kannte das Gefühl allzu gut, nachdem er nun seit fast zwei Jahrzehnten in den Rugby-Ligen seiner Heimat unterwegs war.
Sein emotionales Gedächtnis rührte sich und hob den Kopf. Er fragte sich … ob er wohl mitmischen könnte … Vielleicht war Miss Beswick …
Ein eiskalter Schauer ließ seine Abschweifungen gefrieren. Da war er erst seit ein paar Stunden in Amerika und in Gedanken schon dabei, sein Ziel aus den Augen zu verlieren.
Bleibe bei deiner Aufgabe! Konzentriere dich.
Genauso hatte er schon früher versagt, auf diese Weise hatte er seine Lebensberufung in den Sand gesetzt. Und jetzt, zehn Jahre später, nachdem er eine zweite Chance erhalten hatte, musste er feststellen, dass er kein bisschen reifer war als mit 22.
Schau mal, da glitzert was. Und weg war er.
Worum war es denn in den letzten zehn Jahren gegangen? Doch wohl darum, seine Gefühle, Gedanken und seinen Körper zu disziplinieren und unter Kontrolle zu halten.
Sich als würdig zu erweisen.
Tanner lenkte den SUV durch die Abenddämmerung, die sich auf die Stadt herabsenkte. Am Straßenrand begannen die Laternen in einem sanften Licht zu leuchten.
Er übte noch einmal seine Vorstellung. Auf seinem Flug hierher hatte er sie ein Dutzend Mal aufgeschrieben und laut vorgelesen, während er in dem spezialgefertigten Flugzeugrumpf auf und ab gegangen war. Er stellte sich vor, wie er die Worte vor Miss Beswick wiederholen würde, die vielleicht, vielleicht aber auch nicht, über ihr Schicksal Bescheid wusste.
Tanner ging zuerst einmal davon aus, dass sie nichts wusste. So versuchte er, seine Ansprache mit der Hintergrundgeschichte zu spicken, was aber viel zu lange dauerte. Sie würde ihn für verrückt halten, und zwar lange bevor er zu »Sind Sie die wahre Urenkelin von Alice Edmunds, die am 10. Dezember 1897 geboren wurde?« kam.
Er hatte ein gutes Gedächtnis und die Akte und die Details seiner zukünftigen Prinzessin auswendig gelernt. Jetzt ging es darum, sie Miss Beswick überzeugend vorzutragen.
Regina Alice Beswick. Geboren am 21. März 1985. Das einzige Kind von Noble und Bettin Beswick. Bettin war 1997 bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
Die Urgroßmutter, Alice Edmunds, verstarb ein Jahr später im Februar 1998 im Alter von hundert Jahren und zwei Monaten.
Ausbildung. Hochschulabschluss an der Florida State University. Ein Bachelor of Arts in Finanzwesen. Akkreditierte Wirtschaftsprüferin. Hochrangige Mitarbeiterin bei Backlund & Backlund. Vor sechs Monaten die Kündigung ihrerseits. Neue Beschäftigung: Inhaberin einer Autowerkstatt.
Der Vater, Noble, besaß eine Klempnerei. Die Stiefmutter, Sadie, war Vorstandsvorsitzende einer Bank.
Vor seinem inneren Auge betrachtete er noch einmal die Fotos von Miss Beswicks Führerschein und ihrer Abschlussfeier an der Universität. Recht angenehm anzuschauen. Viel rotes Haar und blaue Augen, wie Prinzessin Alice.
Während er weiter nach Westen fuhr, wichen die Bilder und Geräusche der Stadt zunehmend denen eines ländlichen Gebiets, die Häuser hatten hier Vorgärten und wurden von Bäumen und allerlei Stauden abgeschirmt. War er hier noch richtig? Hatte er nicht richtig aufgepasst? Er warf einen Blick auf das Navi. Der Pfeil zeigte ihm, dass er immer noch auf der ursprünglichen Route war.
Er atmete aus und lockerte seinen Griff um das Lenkrad. Es wäre nicht das erste Mal, dass er sich verfuhr, weil er in Gedanken ein Dokument oder eine Ansprache durchging.
Die mechanische Stimme des Navis sprach ihn an. »Biegen Sie nach einer halben Meile rechts ab.«
Tanner schloss seine mentale Akte. Seine Mission war kurz davor, in die heiße Phase zu treten.
Konzentrier dich.
Er atmete tief und langsam ein und füllte seine Lunge bis zum Anschlag mit Luft. Du. Darfst. Nicht. Scheitern. Ein einziges Wort kam ihm über die Lippen. Weisheit. Er brauchte Weisheit. Seine Bitte war genau genommen kein Gebet. Tanner hatte nämlich mit Gott eine Vereinbarung getroffen. Sie ließen sich gegenseitig in Ruhe. Blieben in ihren jeweiligen Ecken. Dieses kleine Bittgesuch heute aber galt der Prinzessin. Galt Hessenberg.
Tanners Gedanken und seine ganze Lebenskraft flossen in diesen Herzenswunsch. Miss Beswick, bereiten Sie sich auf die Wahrheit vor.
Das Navi befahl, nach zweihundert Metern rechts abzubiegen.
Tanner ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen und entdeckte einen Kreis aus kleinen Lampen rund um einen großen gelben Lichtschein. Ein offenes Tor. Leute gingen ein und aus.
Er bog rechts ab, als das Navi es verlangte, und rumpelte eine geschotterte Auffahrt entlang, wo er hinter dem letzten Auto parkte.
Wahrscheinlich wäre es das Beste, wenn er sich dem Gebäude langsam und vorsichtig näherte. So würde er die Menschenmenge und auch Miss Beswick am besten in Augenschein nehmen können. Er hoffte nur, dass sie nicht bereits gegangen war.
Es herrschte eine lebendige, fröhliche Stimmung. Musik und der Duft nach amerikanischer Pizza lagen in der Luft. Tanner hatte einmal welche gegessen und sie ziemlich gemocht.
Finde einfach den Rotschopf. Bitte lass es nur einen geben …
Zu seiner Linken hatte sich unter dem kalten, nackten Licht eines Baustellenscheinwerfers ein Grüppchen um etwas geschart, das nach einer alten Corvette aussah.
Es herrschte Aufregung um den Wagen, Stimmen hoben und senkten sich. Neugierig ging Tanner etwas näher. Als Jugendlicher hatte er sich für Oldtimer interessiert, aber inzwischen bevorzugte er neuere Modelle.
Er mischte sich unter die Menge und stand Schulter an Schulter neben einem Schwarzen, der seine Mütze verkehrt herum trug und das Auto eingehend studierte.
Die alte Corvette brauchte Arbeit, war aber eine seltene Schönheit.
»Welches Baujahr?«, flüsterte er dem Mann zu.
»53. Eins der Originale. Handgemacht.«
Tanner pfiff. »Reizend.«
Der Mann sah zu ihm auf. »Sie kommen nicht aus der Gegend hier, oder?«
»Nein, Sir.«
»Al mein Name.« Er bot ihm die Hand an.
»Tanner Burkhardt«, sagte er und schlug in Als rauen, festen Griff ein. »Ich bin gerade aus dem Großherzogtum Hessenberg angereist.«
»Hessenberg?« Die braunen Augen des Mannes weiteten sich. »Das ist ein ganz schön langer Weg, um für einen Abend an Reggies Hof zu kommen.« Er lachte. Der satte, samtige Ton seiner Stimme erinnerte Tanner an Jazz. »Aber Reg behauptet, dass die Leute für ein Stück Pizza alles tun und selbst den weitesten Weg auf sich nehmen würden.«
»Reggies Hof, sagten Sie?«
»Ach, wir ziehen sie nur auf und nennen die Treffen am Freitagabend ›Reggies Hof‹. Aber hier kommen nur ein paar Freunde zusammen und reden über Autos und so. Deshalb sind Sie wohl gekommen, nehme ich an. Haben Sie Freunde hier?«
»Eigentlich …« Tanner zögerte. Sollte er die Situation verschleiern? Und Al zustimmen und so tun, als sei er wegen der Autos hier? Ein bisschen mehr Zeit schinden, um die Lage zu beobachten? Nein, besser bei der Wahrheit bleiben. »Eigentlich suche ich nach Miss Regina Beswick.«
Der Mann richtete sich auf und lehnte sich etwas zurück. »Miss Regina Beswick?« Ein Glucksen polterte in seiner Brust. »Ich weiß nicht, ob sie darauf hört, aber Sie können es ja einmal versuchen.« Er zeigte auf die Corvette. »Sie ist da drunter.«
»Unter dem Auto?« Tanner bückte sich, um besser durch die Schatten zu sehen, und fand einen schmalen Lichtstrahl und einen Körper, der sich unter dem Wagen wand.
»Urban«, eine starke Stimme mit ausgeprägtem Südstaaten-Akzent wetterte unter dem Auto hervor, »hast du das Öl überprüft, bevor du mit dem hier durch die Stadt gefahren bist?«
Einer der Männer, die sich versammelt hatten, kauerte sich hin, um zu antworten. Mit seinem ordentlichen Haarschnitt und den feinen, gutgeschnittenen Hosen sah er aus wie jemand, der im gehobenen Wirtschaftsbereich zu Hause war.
»Natürlich habe ich das gemacht.«
Ein Anwalt. Wenn Tanner sich nicht irrte, und er war sicher, dass er sich nicht irrte. Er hatte mit Männern wie diesem … Urban … zusammengearbeitet. So hatte sie ihn doch genannt, oder? Tanner erkannte die Spezies Anwalt, seine Spezies, selbst in Amerika.
»Er ist der Besitzer«, sagte Al. »Er hat die Karre gerade seinem Schwager abgekauft und sie hergefahren, um sie uns zu zeigen.«
»Und Miss Beswick … inspiziert das Auto?«
»Urban glaubt, er kann es selbst restaurieren. Reg überzeugt ihn davon, dass er uns das besser machen lässt.«
»Aha.« Sie restauriert also Autos. Faszinierend. Und so ein glücklicher, vielleicht sogar göttlicher Zufall, dass er ausgerechnet neben Al ein freies Plätzchen gefunden hatte.
Miss Beswick rutschte unter dem Auto hervor. Einer der umstehenden Männer sprang vorwärts, um ihr aufzuhelfen. Trockenes Gras und Laub hafteten in ihrem wirren Haar, das vorher irgendwann einmal sorgfältig geglättet worden war, während ein breites Rinnsal Motoröl über ihr Gesicht und ihren Hals lief.
»Rafe«, brummte Al leise, »lauf und hol Reg ein Handtuch.«
»Was hast du denn mit meinem alten Veteranen gemacht, Reg?« Urban sank auf die Knie und warf einen Blick unter das Auto.
»Ich habe die Ölablassschraube angefasst, und dann ist die zerbröselt.« Miss Beswick wischte sich mit dem Saum ihres Tops das Öl aus dem Gesicht. »Hast du einfach so neues Öl auf das alte gefüllt, das noch drin war?«
Der Mann sprang auf die Füße. »Der Peilstab zeigte einen niedrigen Ölstand an, also habe ich einen Liter nachgefüllt.«
»Der Peilstab? Urban!« Miss Beswick lachte. Ihr breites Lächeln unterbrach weiß leuchtend die Ölschmiere, die sich über ihre Wangen und um ihren Mund herum verteilt hatte. »Du bist der Peilstab hier. Der Ölstand war niedrig, weil das Öl alt und klebrig ist. Du hast Glück gehabt, dass dir auf dem Weg hierher der Motor nicht hopsgegangen ist.«
Sie ging um das Auto herum und musterte beiläufig die Gruppe. Schließlich fiel ihr Blick auf Tanner.
Ihre Augen trafen sich, und einen Moment lang dachte er, sie würde ihn ansprechen. »Wer sind Sie?« Oder: »Kann ich Ihnen helfen?« War er schon so weit, dass er ihr antworten könnte? Würde die Wahrheit heraussprudeln, gleich hier und jetzt, wie das Öl auf dem Boden? Wie das Öl in ihrem Gesicht?
Tanner atmete ein. Atmete aus. Wartete. Innerlich gewappnet, die Nerven am Anschlag. Ein seltsames, flatterndes Gefühl kitzelte seinen Brustkasten. Eine Vorahnung. War er wirklich kurz davor, die Erbin von Hessenbergs Thron zu treffen?
Der Wind flüsterte zwischen ihnen und verstärkte den Geruch nach Erde, die unter der Sonne knochenhart geworden war. Miss Beswick lächelte, und ihre Augen funkelten. Sie hatten dasselbe brillante Blau wie das, in dem Renoir Prinzessin Alice‘ Augen gemalt hatte.
Miss Beswick war schön. Viel schöner, als Tanner es sich vorgestellt hatte, und das Flattern in seiner Brust bestätigte, was seine Augen sahen.
Als sie weiterging, atmete er aus. Ein Glück. Er musste sich erst einmal sammeln und sie in einer etwas zivilisierteren Umgebung antreffen. Vielleicht, wenn sie keine Schmiere im Gesicht hatte. Ohne das Rauschen seines eigenen Blutes, das jetzt gerade in seinen Ohren pulsierte. Trotzdem blieb das flatternde Brennen in seiner Mitte. Tanner presste die Finger gegen das Brustbein. Er war sonst nicht so ein Nervenbündel. Normalerweise litt er auch nicht unter Sodbrennen oder dergleichen. Irgendwie musste sein Körper durch die Reise und die Zeitverschiebung aus dem Gleichgewicht geraten sein.
Oder vielleicht, unter Umständen, möglicherweise, könnte es auch sein, dass er sie ganz einfach umwerfend und großartig fand. Selbst mit einer Schicht Motoröl.
»Urban«, sie klopfte dem Anwalt auf die Schulter, »sag mal. Wenn du einen Rembrandt kaufen würdest, würdest du ihn einem Kindergartenkind mit Wachsmalkreiden anvertrauen?« Der Mann, den sie Rafe genannt hatten, tauchte mit einem Handtuch auf, das er Miss Beswick zuwarf.
»Das ist was anderes, Reg. Von Kunst habe ich keine Ahnung.«
»Du hast auch keine Ahnung davon, wie man Autos restauriert.« Ein dünnes Lachen wogte durch die Menge.
»Ich kann es lernen. Mir Hilfe holen.«
»Von wem? Von uns? Nicht für lau.«
»Na gut, dann bezahle ich eben für die Hilfe«, spöttelte der Mann und zeigte auf den Wagen. »Das ist meine Midlife-Crisis, weil meine Frau mir nicht erlaubt, sie gegen ein jüngeres Modell einzutauschen.«
Tanners Lachen fütterte das flatternde Gefühl in seinem Bauch. Wie gut, dass er diese ganze Situation miterleben konnte und eine Chance bekam, Miss Beswick zu beobachten.
Dieser Urban war einer, der zielte, abdrückte und ins Schwarze traf. So wie Miss Beswick. Sie kam direkt zum Geschäft. Redete nicht lange um den heißen Brei herum. Das sollte er sich besser merken.
»Urban, wie alt bist du? Sechzig, einundsechzig?« Miss Beswick verschränkte die Arme, das ölverschmutzte Handtuch hielt sie lose in der Hand.
»Urban«, Al hielt sich die Hände neben den Mund, »gib’s auf. Sie ist auf Beute aus.«
»Ich habe keine Angst, Al. Das ist nicht mein erstes Rodeo.«
Al stieß Tanner den Ellbogen in die Rippen. »Urban hat am Anfang seiner Karriere gegen einen Serienmörder prozessiert. Es war eine Riesensache, eine heftige Angelegenheit, der ganz große Medienzirkus. Die Geschworenen brauchten weniger als zwei Stunden, um ihr Urteil zu fällen und den Angeklagten für schuldig zu erklären. Seitdem war er immer obenauf.«
»Kann sie ihn überzeugen?«, fragte Tanner. »Wird sie gewinnen?«
»Urban kennt das Gesetz. Er weiß null Komma nichts darüber, wie man Autos restauriert, und das ist ihm auch klar. Reggie weiß es. Und er weiß, dass sie es weiß.«
Während das Abendlicht langsam einem tieferen Nachtblau wich, ließ der Anwalt am Ende die Autoschlüssel in Reggies offene Hand fallen.
Die Umstehenden spendeten Beifall und drängten sich um Miss Beswick, um ihr zu gratulieren.
Fremde Schultern stießen Tanner an, und er wurde mit den anderen zusammen in Richtung der roten Scheune gedrängt.
Als er eine Lücke in der Menschenmenge sah, bahnte er sich einen Weg aus dem Gewühl und nahm Miss Beswicks Spur auf, die auf das offene Scheunentor zueilte, aus dem goldenes Licht fiel.
Urban ging an ihrer einen Seite, Al an der anderen.
Tanner hielt sich im Schatten eines großen Baumes und überlegte, wie er weiter vorgehen sollte. Gut beobachten zu können war eine seiner Qualitäten. Sie verschaffte ihm auf dem Rugbyfeld ebenso Vorteile wie im Gerichtsaal oder im Büro des Kulturministers.
Urban und Al kamen einen Augenblick später wieder heraus und gingen zu einem Transporter. Andere sammelten sich in kleinen Grüppchen und machten sich kurz darauf auf den Weg zu ihren geparkten Autos.
Tanner zwang sich, sich in Bewegung zu setzen. Jetzt oder nie, Kamerad.
In der Scheune fand er Miss Beswick, die in einem langen, schmalen Raum, einer Art Behelfsbüro, an einem Computer arbeitete. Er klopfte leise gegen den Türrahmen, und sie wandte sich um.
»Hallo«, sagte sie. »Kommen Sie rein.« Sie stand auf und reichte ihm die Hand. »Haben wir uns schon einmal getroffen? Ich habe Sie draußen bei der Corvette gesehen. Sind Sie ein Freund von Urban?«
»Nein, bin ich nicht. Und wir sind uns auch noch nie begegnet. Ich bin …« Als er ihre Hand berührte, verlor er sein Gespür für sich selbst. Der Boden unter ihm schien sich auf einmal in Knetmasse zu verwandeln, auf der er unmöglich ruhig stehen bleiben konnte. »Tanner Burkhardt.« Er riss seine Hand weg und ging einen Schritt zurück, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.
»Reggie Beswick«, sagte sie. »Höre ich da einen Akzent? Britisch?«
»Hessenbergisch. Ich komme aus dem Großherzogtum Hessenberg.«
»Wow, echt jetzt? Was kann ich für Sie tun? Setzen Sie sich.« Sie wies auf den Stuhl hinter Tanner und zog für sich selbst den Schreibtischstuhl mit dem Fuß heran.
Tanner setzte sich und zwang seine Nerven, sich zu beruhigen. Was hatte diese Frau nur an sich, dass sie ihn so aus dem Gleichgewicht brachte? Es war ja nicht das erste Mal, dass er eine Adlige traf. Oder eine schöne Frau.
»Meine Urgroßmutter wurde in Hessenberg geboren«, sagte sie.
»Tatsächlich. Hat sie Ihnen viel darüber erzählt?« Tanner versuchte, sein übliches professionelles Auftreten an den Tag zu legen und sich zu sammeln, sich auf seine Mission zu konzentrieren, aber er hatte das untrügliche Gefühl, in ihrer Gegenwart unterzugehen. Jedes Mal, wenn sie lächelte, verlor er wieder etwas von seiner Standhaftigkeit.
Mit einem Blick auf den Computer zuckte sie mit den Schultern, bewegte die Maus, tippte etwas. »Nur dass es dort sehr schön gewesen sein soll.«
»Und das ist auch heute noch so.«
Sie drehte sich zu ihm hin und lächelte, was in seiner Herzgegend ein Summen und Sirren auslöste. Tanner schluckte und griff nach seinem Diplomatenkoffer. Pass auf.
»Das glaube ich. Uroma hat nicht viel darüber gesprochen, jedenfalls nicht, soweit ich mich erinnere. Ich war zwölf, als sie starb, und habe mich nie viel für unsere Familiengeschichte interessiert.«
»Miss Beswick …«
»Hey, Sie scheinen mir ein netter Kerl zu sein, aber bitte nennen Sie mich Reggie oder Reg. Dieses Miss-Beswick-Tamtam muss aufhören.«
»Gut, also, Sie müssen verstehen …« Tanner holte den Brief des Königs und die sorgfältig konservierte Originalschrift des Abkommens hervor. »Ich bin aus dringenden, offiziellen Gründen hier. Ist Ihnen das Abkommen zwischen Brighton und Hessenberg aus dem Jahre 1914 ein Begriff?«
»Ja, aus dem Geschichtsunterricht. Aber das ist schon eine ganze Weile her. Warum fragen Sie?« Sie rollte auf ihrem Stuhl rückwärts und griff in einen kleinen Kühlschrank. »Möchten Sie etwas zu trinken?«
Er fühlte sich regelrecht ausgedörrt, aber zuerst wollte er das Geschäftliche erledigt wissen. »Nein, danke.«
»Was denn für dringende, offizielle Gründe?« Sie holte eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank und rollte zu ihm hinüber. Sie beugte sich nach vorne, um die Dokumente besser sehen zu können, und er nahm einen schwachen Lavendelduft war.
»Sie erinnern sich sicher, dass Hessenberg 1914 ein Teil von Brighton wurde, als unser Großherzog Prinz Franz sein eigenes Land dem König von Brighton überschrieb – und das war nun einmal ganz Hessenberg.«
»Okay.« Sie richtete sich auf und nahm einen Schluck Wasser. »Das Land des Herzogs war sein Eigentum, richtig? Der Herzog konnte also mit dem Herzogtum machen, was er wollte.«
»Ja, genau. Brillant.« Sie erleichterte ihm seine Aufgabe etwas. »Prinz Franz fürchtete den aufziehenden Krieg und sah sich nicht imstande, eine Streitkraft aufzubauen, die der Rede wert gewesen wäre. Daher stellte er sich hinter König Nathaniel I. von Brighton.«
»Wie war nochmal Ihr Name?« Regina wischte sich eine Hand an ihrer Jeans ab und griff nach den Papieren. »Darf ich?«
Tanner zögerte, übergab ihr aber die Dokumente. »Tanner. Tanner Burkhardt.«
»Also, Tanner Burkhardt, was hat all das nun mit mir zu tun?« Sie richtete den Blick auf den Brief des Königs und trank etwas mehr Wasser. »Warum ist der Brief an mich adressiert?« Sie schob sich noch näher heran und zeigte auf das Monogramm des Königs. »Vom König von Brighton?«
»Weil er ihn an Sie geschrieben hat.«
Sie lachte. »Der König von Brighton hat mir einen Brief geschrieben?«
Auf diese Weise hatte Tanner ihr es eigentlich nicht erzählen wollen, aber es schien zu funktionieren. »Bitte. Lesen Sie ihn selbst.«
Mit einem unsicheren Blick auf Tanner stellte sie ihre Wasserflasche ab und las dann den Brief.
»Verehrte Miss Beswick, im Namen des Königreichs Brighton … empfangen Sie meinen Diener Mr. Tanner Burkhardt … als offiziellen Botschafter … um Sie darüber zu informieren …«
Sie hörte auf, halblaut zu lesen, und das Leuchten Ihres Gesichts verblasste.
»Was? Das ist verrückt. Nein, auf keinen Fall … niemals …« Sie gab Tanner den Brief mit steifem Arm zurück. »Ist das ein Witz? Ein Streich? Wer hat Sie beauftragt?«
Als wäre das sein Stichwort gewesen, steckte ein dunkelhaariger junger Mann, einer der Anzugträger, der bei der Corvette gestanden hatte, seinen Kopf durch die Tür. »Reg, ein paar von uns wollten ins Kino …« Er zog sich zurück, als er Tanner sah.
»Mark, warst du das? Hast du diesen Typen hier angestellt?« Miss Beswick schnappte sich den Brief aus Tanners Hand und wedelte damit. »Was soll das denn für ein Witz sein? Eine Prinzessin? Ich bitte dich. Es ist weder mein Geburtstag noch der erste April, was soll das also?« »Hallo.« Der junge Mann bot ihm die Hand an. »Mark Harper. Bitte entschuldigen Sie die Verrückte, die da vor Ihnen sitzt.«
»Tanner Burkhardt.« Er schüttelte seine Hand. »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. Harper.«
»Mark. Bitte nennen Sie mich Mark. Mr. Harper ist mein alter Herr.«
»Du warst das also nicht?«, fragte Miss Beswick und wedelte munter weiter.
Mark klopfte Tanner auf die Schulter. »Haben Sie mich jemals im Leben vorher gesehen?«
»Ja …«
»Aha!« Sie hob mahnend den Zeigefinger.
»… draußen bei der Corvette, vor ein paar Minuten.«
»Selbst aha, Reg.« Nun stieß Mark seinerseits seinen Zeigefinger in ihre Richtung. »Zeig mir mal den Brief da.«
»Nix da.« Miss Beswick sprang auf ihren Schreibtischstuhl, wo sie auf unsicheren Beinen balancierte. »Das klingt nämlich genau wie etwas, das du hättest schreiben können, Mark.« Sie sah böse auf Tanner hinunter und las den Brief dann mit übertriebenem hessenbergischem Akzent laut vor. »Im Namen unserer beiden Nationen ersuchen wir Sie inständig, Ihren rechtmäßigen Platz als die Erbin des Großherzogtums Hessenberg und seines Thrones einzunehmen.«
Miss Beswick klopfte sich auf den Oberschenkel, lachte und beugte sich waghalsig zu Mr. Harper hinunter. »Wir ersuchen Sie inständig …«
»Wann hast du denn wohl das letzte Mal die Worte ›ersuchen‹ und ›inständig‹ aus diesem meinem Munde gehört?« Mark verschränkte die Arme und lächelte milde.
»Noch nie, aber für einen guten Witz würdest du ganz sicher ein Wort wie ›ersuchen‹ aus der Schublade ziehen.« Miss Beswick hüpfte von ihrem Stuhl herunter, der daraufhin nach hinten weg- und gegen die Wand schnellte. Tanner sprang auf und wollte nach ihr greifen. Aber sie landete sicher und schaute Mr. Harper an.
»Okay, ja. Aber das hier, das war ich nicht.«
»Wenn du nicht dahintersteckst, wer dann?«
»Miss Beswick«, Tanner schnappte sich den Brief in einer schnellen Bewegung, die seinen Rugbyreflexen geschuldet war, »vielleicht können wir morgen über das Ganze sprechen. Wenn Sie sich etwas frischgemacht haben und ich Ihre ganze Aufmerksamkeit habe.«
»Warten Sie, warten Sie …«
Eine hübsche Brünette schaute durch die Tür. »Mark, Reg, fahren wir jetzt ins Kino oder was?«
»Ich rufe Sie morgen an, Miss Beswick.« Tanner flüchtete aus dem Büro und ging auf das Scheunentor zu. Er würde das nicht als Versagen betrachten. Er wollte es als Start auf dem falschen Fuß betrachten.
Morgen war ein neuer Tag.
Er spürte ein vorsichtiges Zupfen an seinem Ärmel. »Warten Sie, Mr. Burkhardt. Kommen Sie zurück.«
Er bedachte Miss Beswick mit einem kritischen Blick. »Nur, wenn es Ihnen ernst ist. Ich werde meine Zeit nicht mit Jux und Tollereien verbringen. Ich habe einen Auftrag für Seine Majestät zu erledigen, und genau das werde ich auch tun.«
»Seine Majestät?«, unterbrach ihn Mr. Harper.
»Lass gut sein«, sagte sie und schob ihn auf die überbreite Tür zu. »Viel Spaß im Kino.«
»Reg, wirst du zurechtkommen?«, fragte das Mädel, das ins Kino gehen wollte. Sie sah Tanner mit gerunzelter Stirn an. »Wie müssen nicht ins Kino gehen. Für Rafe ist es voll in Ordnung, wenn wir hier auf dich warten.«
»Ich kann ihnen versichern, dass Miss Beswick in den allerbesten Händen ist.«
»Miss Beswick?«, grinste Mr. Harper. »In den besten Händen?”
»Pssst, Mark. Geht schon. Carrie, mir geht’s gut.« Miss Beswick umarmte die Frau. »Ich ruf dich morgen an.«
»Denk an das Abendessen morgen«, rief Mr. Harper. »Gegen acht.«
Im Büro blieb Tanner weiter stehen. »Lassen Sie uns einfach auf den Punkt kommen.«
»Ja, bitte.« Sie verschränkte wartend die Arme. »Um was geht es denn eigentlich?«
»Ihre Urgroßmutter Alice wurde am 10. Dezember 1897 als Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Alice Stephanie Regina geboren, Erbin des königlichen Throns des Hauses Augustin-Sachsen.«
»Bis auf ihren Geburtstag höre ich das alles gerade zum ersten Mal.«
»Ihr Onkel, der Bruder ihrer Mutter, war Prinz Franz, der Großherzog von Hessenberg. Er blieb kinderlos und erklärte seine älteste Nichte zu seiner Erbin.«
»Uroma? Eine Prinzessin? Eine Thronerbin?« Sie kniff ihre Augen zusammen. »Und wie kommt es dann, dass sie nie auch nur eine Silbe …« Unter dem Motoröl wurde sie ganz blass, schlug sich die Hand vor die Stirn und fing wieder an herumzutigern. »Nein, nein, nein …«
»Was ist los?«
»Wir haben früher oft Prinzessin gespielt. Als ich klein war. Aber sie hat nie, niemals etwas darüber gesagt, dass sie eine echte Prinzessin war. Haben Sie sie je getroffen? Nein, wohl eher nicht. Uroma war die liebste, bodenständigste Frau, die man sich vorstellen kann. Sie hat in der Kirche mitgearbeitet und war in jedem Ausschuss, den die Menschheit je gesehen hat. Sie besuchte die Alten und Gebrechlichen. Sie trug dasselbe Paar Schuhe, bis es komplett durchgelatscht war. Fuhr dasselbe Auto 15 Jahre lang und beklagte sich dann, als sie es gegen ein neues eintauschen sollte. Ihr letztes Auto fuhr sie, bis sie 92 war.« Miss Beswick blieb vor ihm stehen. »Das ist verrückt. Uroma? Eine Prinzessin?«
Ihre Worte waren Musik in seinen Ohren. »Miss Beswick, die Frau, die sie gerade beschrieben haben, klingt ganz nach der Prinzessin, zu der sie erzogen worden sein muss. Ganz und gar.«
»Sogar das mit den Schuhen? Und dass sie sich selbst überall hinchauffiert hat?«
Tanner lachte. »Das vielleicht nicht. Aber der ganze Rest.« Er stellte seinen Diplomatenkoffer auf den Schreibtisch. »Sollen wir noch einmal von vorne anfangen?«
Miss Beswick setzte sich langsam. »Bitte. Von vorne.« Sie zog ein Gesicht. »Sie war also wirklich eine echte Prinzessin?«
»Ja.« Tanner überreichte ihr die königliche Akte. »Genau wie Sie, Miss Beswick. Erbprinzessin und Großherzogin von Hessenberg.«

SECHS
Am Küchentisch las Daddy das offizielle Dokument, das König Nathaniel II. unterzeichnet hatte. Er war zu leise. Zu ruhig.
»Daddy?«
»Hmmm«, grunzte er. »Ich lese.«
»Du hast die letzten zehn Minuten nur gelesen.«
Reggie schaute ihre Stiefmutter an, die mit ernster Miene neben Daddy saß. Über ihrer Schulter sah sie den Fernseher in der Ecke der Wohnküche, auf dem eine Polizeiserie im Standbild eingefroren war, mitten in einer Actionszene.
Den Kopf noch voll mit den aufwühlenden Neuigkeiten hatte Reggie die Werkstatt mit Mr. Burkhardt verlassen und war geradewegs zu Daddy und Sadie nach Hause gefahren. Das Einzige, wonach sie sich mehr sehnte als nach einer Dusche, um sich das Motoröl aus dem Gesicht zu waschen, war die Wahrheit.
Sie hatte Überraschung oder Schock erwartet, als sie Daddy und Sadie mit Mr. Burkhardt im Schlepptau in ihrem gemütlichen Freitagabendprogramm überrumpelte und verkündete, dass Uroma eine Prinzessin gewesen war.
»Was Mama, Gott sei ihrer Seele gnädig, auch zu einer Prinzessin machte. Und nun mich.«
»Daddy«, Reggie tippte vor ihm mit den Fingern auf den Tisch, »wusstest du davon?«
Sadie schlug die Handfläche auf die Tischplatte und schob ihren Stuhl zurück. »Mir ist nach Backen zumute.« Sie sprang vom Tisch auf. »Wer möchte gern Kekse mit Schokostückchen?« Sie buk immer, wenn sich das Leben als schwierig erwies.
»Backen?« Reggie sah zuerst Daddy, dann Sadie streng an. »Daddy, was genau erzählst du mir gerade nicht?«
»Ich fahr dann mal eben zum Laden.« Sadie schnappte sich ihre Handtasche von dem kleinen Küchenschreibtisch. Jawohl, tagsüber mochte sie die Filialleiterin ihrer Bank sein, nachts jedoch war sie eine Stressbewältigungsbäckerin.
»Sadie«, sagte Daddy, und der Klang seiner Stimme ließ sie anhalten. »Ich brauche hier deine Hilfe.«
»Hilfe?« Reggie schaute zwischen ihrem Vater und Sadie hin und her. Am Tischende saß Mr. Burkhardt und sah und hörte aufmerksam zu. »Welche Hilfe?«
»Ich hab dir doch gesagt, dass das passieren würde, Noble.«
»Wir konnten das nicht sicher wissen.« Daddy legte den Brief des Königs auf den Tisch und sah Sadie an. »Aber als ich es ihr erzählen wollte, hast du dich mit mir angelegt, Sadie. Du sagtest, es würde ihr zu Kopf steigen, und sie würde wegrennen.«
»Zu Kopf steigen?«, echote Reggie. »Wann soll das gewesen sein?«
Mit einem Ächzen ließ Sadie ihre Handtasche auf die Arbeitsfläche fallen. »Oh, als du 17 warst und deine rebellische Phase hattest. Dein Vater wollte es dir damals erzählen, weil er meinte, du würdest dich dann besser, besonders fühlen, und das sollte dir dann helfen, mit dem ganzen Stress des Abschlussjahres fertig zu werden. Aber ich habe dafür plädiert zu warten, ehrlich, wir wussten doch nicht, ob da wirklich etwas Wahres dran war …«
»Welche rebellische Phase?«, wollte Reggie wissen. »Ich bin ein paar Mal später als verabredet nach Hause gekommen und wollte die zweite Hälfte des Schuljahrs im Ausland verbringen.«
»Wir«, Sadie wies auf Daddy, »fanden es besser zu warten.« Sie faltete ihre Hände vor der Taille. Ihr sonst so engelhaft-fülliges Gesicht schien ganz abgehärmt und nachdenklich.
Sadie war eine von Mamas besten Freundinnen gewesen. Eine Karrierefrau, keine Ehefrau oder Mutter. Aber als Mama starb, war Sadie zur Stelle gewesen und hatte sich aufopfernd um Daddy und Reggie gekümmert. Ein Jahr nach Mamas Beerdigung hatte Daddy ihr einen Heiratsantrag gemacht.
»Warten worauf?«, fragte Reggie.
»Ich sollte wirklich was backen.« Sadie begann, Küchenschränke aufzumachen. »Mr. Burkhardt, mögen Sie Zuckerkekse?«
Tanner stand auf, knöpfte seine Anzugjacke zu und zog sich hinter seine Fassade aus Anstand und Manieren zurück. »Ma’am, das ist doch nicht nötig …«
»Oh doch, das ist nötig. Und ein einfaches ›Aber ja, ich mag Zuckerkekse‹ reicht völlig aus.« Sadie zog die Mehldose aus dem Schrank.
Er warf einen fragenden Blick auf Reggie. »Sie haben sie gehört. Sagen Sie einfach Ja«, sagte sie.
»Ja, Ma’am, ich mag Zuckerkekse.«
»Prächtig.« Sadie fuhr mit der Inventur ihrer Schränke fort. »Oh, schaut mal, ich habe bunte Streusel gefunden, die vom Vierten Juli übriggeblieben sind.«
Einen Moment lang war nur das Geklapper zu hören, das Sadie veranstaltete, während sie sich die Sachen fürs Keksebacken zurechtlegte. Dann griff Reggie nach dem Brief.
»Also ist das alles wahr?« Sie las laut vor: »Prinz Franz beabsichtigte, dass zum Ablauf des hundertjährigen Abkommens sein Erbe oder seine Erbin, wer auch immer das sein möge, nach Hessenberg zurückkommen und die Monarchie wiederherstellen soll …«
Sie las mit der Absicht, die Bedeutung jedes einzelnen Wortes aufzunehmen, aber dass sie die Erbin des Thrones des Hauses Augustin-Sachsen sein sollte, erschien ihr ebenso wenig möglich, wie einfach mal so auf den Mond zu fliegen.
Uroma war eine Prinzessin? Alice von Hessenberg? Es fühlte sich mehr danach an, als sei sie Alice im Wunderland. Reggies Herz konnte nicht verstehen, was ihr Kopf schon kaum fassen konnte.
»Ich habe alles hier, was ich brauche, um Zuckerkekse zu backen. Also doch keine Einkaufstour. Was sagst du dazu, Noble?«
»Überrascht mich kein bisschen, Sadie-Schatz.« Daddys tiefe Stimme füllte die Küche. »Und, ja, Reg, ich glaube wohl, dass das wahr ist.«
»Mr. Beswick«, fing Mr. Burkhardt an, »hat Ihnen Ihre Frau vielleicht einen Hinweis gegeben? Oder vielleicht hat Prinzessin Alice Ihnen die Geschichte Hessenbergs und des Abkommens über das Erblehen erzählt?«
»Also, erst einmal hat mir Reggies Mama etwas zugeflüstert, kurz bevor sie gestorben ist, etwas über Uromas Geheimnis. Aber da war sie mal mehr, mal weniger anwesend. Als ich sie um eine Antwort bat, wusste sie offenbar nicht, wonach ich sie gefragt hatte. Ich dachte, sie könnte auch einfach daran gedacht haben, wie Uroma mit Reggie Prinzessin spielte, wissen Sie.« Er schüttelte den Kopf. »Ungefähr eine Stunde später starb sie, und, naja, dann hatte ich andere Sachen im Kopf als dieses Gemurmel über eine Prinzessin.«
»Es tut mir natürlich alles sehr leid, Mr. Beswick.«
»Ihnen braucht das nicht leidzutun. Sie waren nicht der Vollidiot, der über die rote Ampel und meiner Frau mit voller Wucht in die Seite raste.« In den 17 Jahren seit ihrem Tod hatte der allgegenwärtige Schmerz stets einen dunklen Schatten auf Daddy geworfen, wenn er über Mamas Unfall sprach. Und in diesen Momenten brach auch aus Reggies Herz immer eine neue Welle aus Trauer und Verlustgefühlen hervor.
»Also, dann hast du Uroma gefragt?« Wie hätte er sonst auf die Idee kommen können, sie in ihrer »rebellischen Phase« einzuweihen?
Reggie warf einen Blick auf Sadie, die geschäftig in der Küche herumwühlte. Rebellion … Worüber redete sie eigentlich? Reggie hatte ebenso häufig rebelliert wie Sadie Beswick eine weihnachtliche Backsaison verpasste. Nämlich nie.
»Ich bin tatsächlich irgendwann einmal dazu gekommen, ja. Ein paar Monate später.« Daddys Stimme fesselte Reggies Aufmerksamkeit und packte ihr Herz. »Als ich eines Abends nach dem Essen noch an ihrem Bett saß und, also weißt du«, Daddy gluckste, als schien ihm das alles ein bisschen zu albern, »da sagte ich dann also: ›Uroma, bevor Bettin starb, sagte sie etwas darüber, dass sie eine Prinzessin sei.‹«
»Was hat sie gesagt?« Reggie legte ihre Hand auf Daddys Arm.
Der zuckte mit den Schultern. »Sie sagte, jetzt, wo Bettin gestorben ist, sei Regina die Prinzessin.« Daddy kratzte sich am Kopf und sah zu Mr. Burkhardt hinüber. »Uroma nannte Reggie stets bei ihrem vollen Namen. Egal, ich fragte sie jedenfalls, was sie meinte, und ihre Augen wurden irgendwie trübe. Dann murmelte sie etwas von wegen, Reg sei ›meine Prinzessin‹, und ich dachte, ›na, schönen Dank auch, jetzt ist sie wohl in ihrem Wolkenkuckucksheim angekommen und denkt daran, wie sie früher mit Reg Verkleiden gespielt hat. Genau wie Bettin.‹ Oder vielleicht wollte sie mir auch sagen, dass Reg meine Prinzessin sei.« Daddy klopfte sich auf die Brust. »Mein Mädchen, behandle sie wie eine Prinzessin.«
»Ihr Wolkenkuckucksheim?« Mr. Burkhardt beugte sich zu Daddy.
»Hier.« Daddy tippte sich gegen die Schläfe. »Diese Momente, wenn sie – wie wir glaubten – nicht mehr ganz bei sich war. Je älter sie wurde, desto mehr redete sie von ihrer Vergangenheit. Ihrer Kindheit in Hessenberg, von einem alten Stall und jemandem namens Reinhart.« Daddy fuhr sich mit der Hand übers Kinn. »Von ihrer Mama, ihrem Onkel. Ihrer Schwester Esmé. Von Leuten, die ich nie getroffen habe. Die waren alle schon von ihr gegangen, übern Jordan.
Wir konnten uns keinen Reim darauf machen. Ich nehme an, wir hätten sie ernster nehmen sollen. Aber sie hatte so viel Kummer erlebt … eine Witwe, die erst ihre Tochter und dann ihre Enkeltochter verlor. Nachdem Bettin gestorben war, schien Uroma ziemlich viel Zeit im Wolkenkuckucksheim zu verbringen. Sadie und ich nahmen an, dass es ihr etwas Frieden brachte, sich in ihre Kindheit zu flüchten, dass es ihr beim Trauern half. Himmel, alle ihre Blutsverwandten waren tot, bis auf Reg. Wenn man hundert Jahre alt wird, überlebt man die meisten seiner Leute. Deshalb ließen wir Uroma einfach machen. Es hätte doch nichts genutzt, sie zu korrigieren.«
»Wie wär’s, wenn ihr mir davon erzählt hättet?«, forderte Reggie. »Es hätte vielleicht etwas genutzt, mir davon zu erzählen.«
»Um ehrlich zu sein, ergab das alles für mich einfach keinen Sinn. Eine Prinzessin? Echt jetzt? Als du 17 warst, habe ich darüber nachgedacht, dir davon zu erzählen, wie Sadie schon sagte. Aber wir sprachen dann darüber, und, nun ja, es klang einfach irgendwie albern. Vielleicht, weil wir keine Beweise hatten, weil wir es einfach nicht richtig wissen konnten.« Daddy schüttelte den Kopf, schob sich vom Tisch weg und ging ins Wohnzimmer, um ein paar Minzbonbons zu holen.
Als er zurückkam, bot er Mr. Burkhardt eines davon an, der mit einem freundlichen »Nein, danke« ablehnte.
»Sie hat dir an dem Tag damals noch etwas anderes gesagt, stimmt’s, Noble?« Sadie stand bei ihnen mit einer Schüssel im Arm, in der sie mit einem großen silbernen Löffel einen Teig rührte.
»Was? Was hat sie gesagt?« Der Wunsch, es zu erfahren, es zu verstehen, ließ Reggie beinahe verrückt werden.
»Mehr von der gleichen Sorte.« Daddy warf sich ein Bonbon in den Mund und griff nach einem weiteren. Er war schlank und drahtig, weil er sein Leben lang harte körperliche Arbeit geleistet hatte. Sein dunkles Haar war dick und schwarz mit nur einem leichten grauen Hauch. Und wenn er lachte, sprühten seine blauen Augen Funken. »Sie war eine gute Frau, deine Uroma.« Seine Augen glänzten. »Ich vermisse sie. Egal, jedenfalls sagte sie etwas, als ich an dem Abend gerade das Zimmer verlassen wollte. Sie sagte, ›Noble, lass sie gehen, wenn die Zeit gekommen ist, hörst du mich? Sie wird das Herzogtum wieder aufrichten.‹ Dann murmelte sie wieder etwas darüber, dass du ihre Prinzessin seist.«
»Das Herzogtum wieder aufrichten?« Reggies Stimme hob sich voller Verwunderung. »Was hat das zu bedeuten?«
»Genau. Ich habe es abgetan«, sagte Daddy. »Ich dachte, vielleicht zitierte sie auch aus Der Krieg der Sterne oder so. Wir hatten gerade einen Filmmarathon mit Sadies Neffen hinter uns.« Er sah seine Frau an. »Weißt du das noch, Sadie?«
»Daddy, hast du dir die Sache nicht wenigstens einmal angeschaut?« Reggie strich sich mit den Fingern durchs Haar. Sie wollte wirklich gerne duschen, sich warmes Wasser übers Gesicht laufen lassen und die Reste der Schmiere abwaschen. Und die Reste dieses Gesprächs. Sie musste nachdenken.
Uroma … Hessenberg … Die Sache mit dem Abkommen.
»Nein, Reg, tut mir leid. Das habe ich nicht. Uroma und dich mit einem europäischen Königshof in Verbindung zu bringen war ungefähr so, als würde man eine Leiter zu den Sternen bauen wollen. Unmöglich. Ich kannte Alice Edmunds 15 Jahre lang, und sie hat über das, was ich dir gerade erzählt habe hinaus, nie angedeutet, adlig zu sein oder so etwas. Und deine Mama ebenso wenig.«
»Die Wahrheit ist nun aber, dass Alice Edmunds adlig war.« Mr. Burkhardt studierte Reggies Gesicht. »Und Ihre Tochter ist ihre Erbin. Alice hatte Recht. Ihre Tochter ist diejenige, die Hessenberg zu seinem souveränen Status zurückverhelfen kann. Uns unser Herzogtum zurückgeben, wenn man so will.«
Daddy konzentrierte sich schweigend darauf, sein nächstes Minzbonbon auszupacken. »Und Sie wollen mir nun sagen, dass die Zeit dafür jetzt gekommen ist, Mr. Burkhardt?«
»Ja, ganz genau.« Mr. Burkhardt wies auf die Dokumente, die auf dem Tisch lagen. »Wir haben alles hier. Die Vereinbarung zwischen Brighton und Hessenberg endet am 22. Oktober um Mitternacht. Wenn es keinen Erben auf dem Thron Hessenbergs gibt, wird Hessenberg vollständig zu einer Provinz von Brighton. Ungefähr so, wie die Normandie eine Provinz von Frankreich ist oder die Toskana eine Provinz von Italien. Es wird seinen Status als souveräne Nation verlieren. Für immer. Es sei denn, Hessenberg wäre bereit, den Krieg zu erklären und sich die Unabhängigkeit unter Blutvergießen zurückzuerobern. Und das ist zu diesem Zeitpunkt keine Option.«
Reggie stand auf und begann, um den Tisch herumzutigern. »Das hoffe ich doch sehr, dass das keine Option ist, Mr. Burkhardt.« Sie war es leid, ihn so förmlich anzureden, aber solange er sie Miss Beswick nannte, würde sie ihn Mr. Burkhardt nennen. »Warum können Sie das Abkommen nicht einfach für nichtig erklären? Die Männer, die die Vereinbarung getroffen haben, sind doch alle tot.«
»Das ist keine Übereinkunft, die ein paar Jungs auf dem Schulhof getroffen haben. Handschlag, draufgespuckt, fertig. Es ist ein bindendes Abkommen. Mit allen Rechten und Einschränkungen, anerkannt durch die europäischen Gerichte. Wir können das Abkommen nicht einfach für nichtig erklären. Die USA haben Ihre Verfassung ja auch nicht für nichtig erklärt, nur weil die Männer, die sie unterzeichnet haben, alle tot sind.«
»Ich verstehe nicht, warum das so wichtig ist. Sie sind hundert Jahre lang von Brighton regiert worden. Wäre es da so schlimm, wenn Hessenberg dauerhaft ein Teil Brightons würde?«
»Wenn es Ihnen recht ist«, Mr. Burkhardts Miene wurde eisern, »dann würden wir gerne eine selbstständige Nation bleiben. Unser eigenes Schicksal bestimmen. Die Menschen von Hessenberg sind ein patriotisches und stolzes Volk. Auf einer praktisch greifbareren Ebene verschmelzen außerdem zwei Volkswirtschaften ineinander. Es ist der Wunsch beider Länder, dass Hessenberg mit dem Ende des Abkommens wieder zu einer vollwertigen, unabhängigen und souveränen Nation wird.«
»In Ordnung, und wo kommt da nun meine Reg ins Spiel?« Daddy warf das Bonbonpapier in den Mülleimer. Als er den Eimer verfehlte, warf Sadie einen entsprechenden Kommentar hinterher. »Und mal ehrlich, woher wissen wir denn, dass Sie echt sind? Woher wissen wir, dass diese amtlich aussehenden Papiere nicht gefälscht sind?«
»Das sind gute, vernünftige Fragen.« Mr. Burkhardt überflog die Dokumente, die auf dem Tisch lagen und suchte eins aus, das er Daddy vorlegte. »Sehen Sie mal hier, das hier ist das Monogramm des Königs, und hier ist sein Siegel.«
Reggie hörte mit halbem Ohr zu und nutzte den Augenblick, um den Besucher aus Hessenberg mit ihren Herzensaugen zu studieren. Welchen Anteil hatte er an dem Ganzen? War das einfach nur ein Auftrag von vielen für ihn? Folgte er nur einer Anweisung des Königs? Aber wenn Hessenberg sich von Brighton lossagen würde, wäre dieser nicht mehr Mr. Burkhardts König.
Erhoffte Mr. Burkhardt sich eine Beförderung, wollte er eine bestimmte Position erlangen, oder war er einfach nur ein loyaler Diener? Da traf Reggie eine Erkenntnis mitten ins Herz …
»Wenn ich das mache, bin ich dann Ihre Chefin?«
Er sah zu ihr hinüber, sein Ausdruck, die klare Linie seines markanten Kinns zeigten keinerlei Hinweis auf seine Gefühle. Nichts jenseits der Oberfläche. Er sah gut aus, hatte den Körper eines Athleten mit dem Auftreten eines weltgewandten Anzugträgers.
»Sie werden meine Regentin sein, ja.«
»Und damit kämen Sie zurecht? Mit mir? Eine Autoliebhaberin, die sich über ihr Wahlrecht hinaus wenig aus Politik macht, soll Ihnen sagen, was Sie zu tun und zu lassen haben?«
Er richtete sich auf. »Wenn ich Ja sage, kommen Sie dann mit nach Hessenberg?« Tiefe Stimme, ganz sachlich, außerordentlich ernst.
»Lächeln Sie eigentlich überhaupt mal?«, fragte Reggie.
Ein sehr weiches, schwaches Lächeln huschte über seine Lippen. »Wenn ich Ja sage, kommen Sie dann mit?«
»Kommt darauf an.« Sie verschränkte die Arme. »Sie haben heute Abend doch die Corvette auf dem Hof gesehen, oder?«
»Welche Corvette?«, fragte Daddy.
»Oh, Daddy.« Aufregung sprudelte in ihrer Brust. »Hast du Urban Jessup mal getroffen? Er ist einer von Marks Freunden.«
»Dieser Überflieger-Anwalt aus dem Serienmörder-Prozess?«
»Ja, den meine ich. Egal, der jedenfalls hat einen 53er Vet gekauft. Einen von den Originalen.«
»Ho, ho, ho, Reg.« Ein Funkeln leuchtete in Daddys Augen. »Eines deiner Traumautos. Gott lächelt dich an!«
»Ich konnte es nicht glauben, als er damit auf den Hof fuhr. Und stell dir vor, er wollte ihn selbst restaurieren.«
»Und du hast ihn davon abgebracht.«
»Jawoll, das habe ich!« Daddy gab Reggie ein High Five.
»Miss Beswick.« Mr. Burkhardt atmete aus, und es klang stark danach, als wäre das beinahe sein letzter Atemzug. »Wir brauchen Sie umgehend in Hessenberg.« Nicht eine Spur war übriggeblieben von dem Versuch eines Lächelns.
»Für wie lange? Was muss ich tun?« Reggie wandte sich ihm wieder zu. Al und die Jungs würden schon einmal mit dem Vet anfangen können. Sie würde Urban nur ungern warten lassen. Und für die spaßigen Sachen wäre sie ja längst wieder zurück.
Außerdem wäre es schon irgendwie cool, Uromas Geburtsort zu besuchen und ein bisschen ihre eigenen Wurzeln und ihr, na ja, Erbe, kennenzulernen.
»Sie werden …« Mr. Burkhardt blätterte durch die Papiere und zeigte erste Anzeichen eines feinen Risses in seiner stählernen Fassade. »Das ist jetzt ein bisschen heikel.«
»Eben war es doch noch nicht heikel.«
Er erwiderte ihren Blick, und sein Selbstvertrauen kehrte zurück. »Das wird sich in Ihren Ohren als Amerikanerin jetzt ungewöhnlich anhören, aber Sie werden sich darauf vorbereiten, den Eid auf die Krone zu schwören. Dann werden Sie Ihren Platz als Staatsoberhaupt einnehmen, und es wird eine vollumfängliche Krönung stattfinden.«
»Eid? Staatsoberhaupt?« In ihrer Überraschung wiederholten Reggie, Daddy und Sadie die Worte in schönster Harmonie.
»Wenn Sie den Eid einmal geleistet haben, werden Sie auch offiziell die Erbin und damit rechtlich befugt sein, das Ende des Abkommens zu unterzeichnen. Dadurch werden Sie auch, wenn Sie das denn wollen, das Großherzogtum erben und es zu seinem Status als vollwertige Nation zurückführen. Dadurch werden Sie unser Oberhaupt, unter dem sich unsere Regierung formieren kann.« Mr. Burkhardt bot ihr ein Dokument an. »Wir haben einen Überblick der Dinge zusammengestellt, die stattfinden müssen.«
Reggie zögerte und griff dann nach dem Papier. Sie überflog die aufgelisteten Punkte. Nach Hessenberg zurückkehren. Sich mit der Hauptstadt, Strauberg, und dem Palast, Meadowbluff, vertraut machen. Sich auf den Throneid vorbereiten. Die Führungskräfte des Parlaments treffen.
All das, um einem kleinem Großherzogtum zu seinem Status als ordentliche Nation zurückzuverhelfen? In ihrem Herzen läuteten die Alarmglocken immer lauter. Das Papier bebte in ihren kalten, zitternden Händen. Eine Sekunde später konnte sie sich nicht mehr genug konzentrieren, um zu lesen.
»Mr. Burkhardt«, sie ließ das Papier auf den Tisch sinken. »Ich … ich verstehe das nicht. Wie ist es möglich, dass ich überhaupt eines dieser Dinge tun kann?«
»Weil Sie die Urgroßenkelin von Prinzessin Alice sind.« Er zeigte ihr eine Zeile auf der Zusammenfassung. »Sie ist der direkte Abkömmling eines gewissen Oscar Augustinus, der das Großherzogtum 1702 von der Regierungshoheit Preußens befreite. Er erklärte sich zum Großherzog von Hessenberg, einem Juwel auf der Schatztruhe voller Eisenerz, die die Nordsee darstellt. Die Menschen waren anfangs Leibeigene, aber er teilte das Land in Bauernhöfe und Minen auf und etablierte eine Verfassung und ein Parlament. Das Volk gedieh. Aber am Ende gehörte Hessenberg dem Hause Augustin-Sachsen. Als der Großherzog Prinz Franz, der Onkel Ihrer Urgroßmutter, Hessenberg dem Königtum Brighton überließ, dankte er von seinem Thron ab und gab seinen rechtmäßigen Besitz des Landes für die Dauer von hundert Jahren auf.«
Das Bild wurde langsam deutlicher. »Dann steht das Haus Augustin-Sachsen also kurz vor einem sensationellen Comeback.«
»Wenn denn der rechtmäßige Erbe gefunden wird.«
»Und dieser rechtmäßige Erbe wäre dann also ich.«
»Ja, Miss, das sind Sie.«
»Okay, dann mal bis später.« Reggie ging ohne einen Gruß, eine Entschuldigung oder auch nur ein »Sie-können-mich-mal« zur Haustür.
In der Küche veranstaltete Sadie ein gewaltiges Getöse, als sie ihre Backbleche aus dem untersten Fach des Küchenschrankes zerrte. Reggie verstand einfach nicht, wie die gute Frau es schaffte, ausgerechnet die Backwerkzeuge, die sie am häufigsten verwendete, zuunterst zu begraben. Aber so war sie nun einmal, ihre Stiefmama.
»Reg?«, rief Daddy.
»Miss Beswick, bitte warten Sie.« Mr. Burkhardt eilte ihr nach.
Reggie bewegte sich schneller. Wie ein Hund mit seinem Knochen, der Typ. »Ich muss gehen.«
Eine Prinzessin? Ein Eid? Eine Krönung? Lächerlich. Wenn Mr. Burkhardt nicht so verdammt ernst täte, hätte sie schwören können, dass jemand sie an der Nase herumführen wollte.
Keine Frau, die Reggie kannte, hatte jenseits ihres zwölften Geburtstags davon geträumt, eine Prinzessin zu sein. Gut, mal abgesehen von Mable Torres, die Miss Frühjahrs-Tallahassee sein wollte. Und Christi Selby, die zur Miss Florida gekrönt worden war. Aber das waren Prinzessinnen auf Zeit, ohne jegliche Autorität. Burkhardt verlangte von ihr, eine Nation zu gründen.
Eine Nation!
Nachdem sie die Stufen der Veranda hinter sich gelassen hatte, ging Reggie schnurstracks auf ihren alten 78er Datsun zu und tastete nach den Schlüsseln.
»Es ist überwältigend, nicht wahr?« Ein bisschen Freundlichkeit und Einfühlungsvermögen wärmten Mr. Burkhardts Worte.
»Sehen Sie, Mr. Burkhardt …«, Reggie warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz. »Und, bitte, können wir uns duzen? Darf ich dich Tanner nennen?«
»Sicher.« Er hielt neben ihr an, die Hände hinter dem Rücken verschränkt
»Ich hätte nicht die geringste Ahnung, was ich mit deinem Land anfangen sollte.« Sie betrachtete ihn im hellen weißen Licht der Hoflampen in Daddys Einfahrt.
»Sie werden nicht allein sein, Miss Beswick.«
»Bitte. Reggie. Nenn mich Reggie.«
»Es gibt Berater. Wir haben jahrhundertelang als konstitutionelle Monarchie funktioniert, und das können wir auch wieder tun. Eigenständig. Wir haben einen Kern aus wahnsinnig guten Führungskräften, die Sie unterstützen werden. König Nathaniel II. und sein Premierminister beraten und unterstützen Sie in jeder Hinsicht. Und unser eigener Gouverneur ebenso.«
Papas dunkle Silhouette erschien auf der Veranda. Beobachtete sie. Wartete. Wahrscheinlich betete er auch. »Nach dem Eid, was dann?«
»Dann unterzeichnen Sie das Ende des Abkommens.«
»Was dann?«
Er zögerte. »Das wäre an Ihnen, Miss Beswick. Entweder Sie bleiben als amtierende Repräsentantin des Königshauses, verhelfen dem Hause Augustin-Sachsen zu neuem Glanz und unterstützen uns dabei, unsere neue Regierung zu bilden. Oder Sie danken ab und kehren nach Hause zurück. In dem Fall werden wir zum ersten Mal in unserer Geschichte unseren Weg ohne die Unterstützung eines Königshauses suchen und, da bin ich mir sicher, auch finden. In beiden Fällen werden wir aber wieder unabhängig und Ihnen sehr dankbar sein.«
»Abdanken? Du meinst, aufhören? Du heuerst mich für die Rolle der Prinzessin an und schickst mich dann nach Hause, um mein altes Leben weiterzuführen, so als wäre nichts gewesen?« Sie riss die Autotür auf, und die rostigen Scharniere knarrten und stöhnten. Ja, genauso fühlte sie sich auch.
»Wenn Sie nur …«
»Schauen Sie, Mr. Burkhardt – Tanner –, das hier, das bin ich.« Sie breitete ihre Arme aus und drehte einen kleinen Kreis. »Ein Mädchen aus Tallahassee. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich liebe meinen Job, sehen Sie – siehst du – das nicht? Ich liebe mein Leben. Bis auf einen gewissen Mark Harper, der zu viel erwartet, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Ich habe meine Freiheit, meine Freunde und meine Familie, meinen Glauben.«
Sie hatte gerade ihre Argumente für eine handfeste Absage vorgebracht. »Ich kann nicht.« Sie wandte sich wieder dem Auto zu. »Und ich werde nicht. Das ist verrückt. Ich kann nicht einmal ganz verstehen, was du mir da alles erzählt hast. Und, offen gesagt, will ich es auch nicht verstehen.«
»Werden Sie das nehmen? All das sorgfältig lesen?« Tanner hatte sich mit dem Diplomatenkoffer in der Hand genähert. Sein feiner Geruch reinigte die Luft zwischen ihnen. »Nehmen Sie das. Überprüfen Sie die Papiere. Sie werden sehen, dass Sie die einzige und wahre Erbin sind.« Als sie nicht nach der Akte griff, trat er einen weiteren Schritt auf sie zu. »Bitte. Es steht etwas darin, das Sie auf jeden Fall werden lesen wollen.«
»Was denn?«
»Lesen Sie einfach …« Er bot ihr das Dossier noch einmal an. »Ich habe eine Unterkunft in der Innenstadt von Duval. Meine Karte mit meiner Handynummer ist in der Seitentasche. Rufen Sie mich an. Bitte. Falls Sie irgendwelche Fragen haben.«
»Atmen, Blümchen«, rief Daddy von der Veranda herunter. »Nimm die Papiere. Lies sie. Denk darüber nach. Bete. Kann ja nicht schaden.«
Reggie ging um Tanner herum zur Veranda. »Daddy, auf wessen Seite bist du eigentlich? Willst du, dass ich wegziehe? Weit weg?« Sie wandte sich an Tanner. »Wie viele Meilen sind es bis Hessenberg?«
»Viertausendzweihundertzwölf Meilen.«
»Viertausend – heiliger Strohsack. Daddy, willst du, dass ich viertausend Meilen weit weg ziehe?«
»Du weißt, dass ich das nicht will.« Er ging einen Schritt nach unten, dann zwei. »Aber ich will auch nicht, dass du zu diesem Prinzessinending nein sagst, ohne die Sachlage zu überdenken und deine Möglichkeiten abzuwägen.«
»Du meinst, so wie du wolltest, dass ich für das Wirtschafts-Studium an die FSU gehe, weil es eine nette, sichere Karriere bot?«
»Hatte ich denn Unrecht?«
»Aber ich habe es gehasst.« Sie kniff die Augen zusammen, schirmte sie mit der Hand ab und versuchte, Daddy durch die Hintergrundbeleuchtung der Verandalampen zu sehen. »Ich glaube, du hast erst mit der Zeit angefangen, es zu hassen. Du warst rastlos, bist es immer noch, nehme ich an. Aber diese Wirtschaftsprüferstelle war der beste Weg, um schlussendlich das zu tun, was du wolltest, Reg. Du hättest deine Firma nicht ohne das Geld gründen können, das du angespart hattest, indem du die Konten anderer Leute in Ordnung gebracht hast. Das Gleiche ist hier der Fall. Es könnte ja sein, dass es dir ganz gut gefällt, eine Prinzessin zu sein.«
Sie stöhnte. »Als wäre das Restaurieren von Autos eine Abkürzung auf dem Weg, eine Prinzessin zu werden …«
»Kann sein.«
Ha! »Daddy, mein Leben ist kein Disney-Film.« Sie winkte ab und wandte sich wieder zum Auto. Wenn sie nicht genau gewusst hätte, dass er Abstinenzler war, hätte sie schwören können, dass er am Koch-Sherry genippt hatte.
»Du hast doch so gerne mit Uroma Prinzessin gespielt!«, rief er. Stur war er, ihr Daddy. Bei ihm passte das Bild von einem Hund mit seinem Knochen noch viel besser als bei Mr. Burkhardt.
»Ich war sechs. Und sie bastelte die allerschönsten Papierkrönchen.«
»Miss Beswick, ich …«
»Reggie. Um Himmels willen, nenn mich Reggie.« Sie stand mit dem Rücken zur Wand. Müde, frustriert und verwirrt. Irgendwie kam sie so nicht vorwärts, sondern steuerte mitten in einen großen Tümpel aus ekliger Gereiztheit hinein.
»Nehmen Sie – nimm das.« Er griff nach ihrer Hand und legte das Dossier auf ihre Handfläche. »Du wirst es lesen wollen, das verspreche ich.«
»Gut.« Sie drückte die Mappe an ihre Brust, während in ihrem Kopf die wildesten Gedanken durcheinandergingen. Lies die Dokumente. Nein, tu es nicht! Lies sie. Nein! »Ich werde mir die Papiere durchlesen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nie mit dir in einem Flugzeug nach Hessenberg sitzen werde.«
»Na, das ist doch mein Mädchen«, sagte Daddy. »Immer hübsch aufgeschlossen.«
»Miss Beswick. Regina«, sagte Tanner mit einer leichten Verbeugung, »Danke. Hessenberg bedankt sich bei dir.«
Sie veränderte ihre Haltung. »Was passiert, wenn ich nein sage?«
»Ganz einfach«, sagte er und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Hessenberg, das Geburtsland deiner Urgroßmutter, verschwindet vom Antlitz der Erde. Es wird aus den Weltkarten entfernt. Eine Nation, deren Geschichte bis ins alte Rom zurückreicht, wird nicht mehr sein.«
Der letzte Strohhalm lag auf dem Tisch, und Reggie fühlte sich, als würde sie gleich zerbrechen. »Und das alles fällt auf mich zurück? Es ist verrückt.« Mit leerem Blick starrte sie über die Straße hinweg auf die Lichtstrahlen, die durch die Bäume und Sträucher der benachbarten Gärten hindurchschienen.
»Es ist auch wahr …«
Reggie wirbelte zu Mr. Burkhardt herum. »Bist du immer so selbstsicher? Das ist ein bisschen zermürbend.« Sie legte die Akte auf den Beifahrersitz. »Bis wann muss ich mich entscheiden?«
»Technisch gesehen, bevor das Abkommen endet. Das wäre Mitternacht, am 22. Oktober. Aber Tatsache ist, dass wir Zeit brauchen werden, um dich und die Menschen vorzubereiten. Ein paar Wochen bestimmt.«
»Der 22. Oktober? Das ist gerade mal noch einen Monat hin. Also, im Grunde müssten wir … jetzt abreisen.«
»Wenn möglich. In ein paar Tagen, ja.«
»Ihr hattet hundert Jahre Zeit, um euch einen Überblick über die königlichen Erben von diesem Hause Augustin-Schlagmichtot zu verschaffen, aber ihr habt die Sippe komplett aus den Augen verloren. Und jetzt kommst du angeschlichen und gibst mir ein paar Tage Zeit, mich zu entscheiden. Das ist doch wohl nicht fair?«
»Ist es nicht, da stimme ich zu. Aber dein Onkel, Prinz Franz, dankte ab und zerstreute die Familie mit voller Absicht in alle Himmelsrichtungen. Zum einen, um sie in Sicherheit zu bringen. Und um seinen Anteil an dem Abkommen mit dem Königreich Brighton zu ehren. Hätten wir über dich Bescheid gewusst, wären wir früher vorbeigekommen. Aber leider war deine Urgroßmutter schwer aufzuspüren.«
Diese Zusammenfassung der Geschehnisse verwandelte die Verwirrung in Reggies Brust zu einem handfesten Zorn. Der Atem in ihre Lunge brannte. »Ich muss gehen.«
Reggie kletterte in den Datsun und ließ den vierzig Jahre alten Motor aufheulen, der rasselte, klopfte und abzusaufen drohte. Reggie gab vorsichtig Gas und ließ den Vergaser etwas arbeiten, bevor sie den Rückwärtsgang einlegte.
Tanner lehnte seinen Arm an die Tür und sah sie durch das offene Fenster an. »Früher ist besser als später, Regina.«
»Und wann gehst du wieder?« Zentimeter für Zentimeter setzte sie das Auto in der Einfahrt zurück.
»Wenn du dich damit einverstanden erklärst, mit mir zu gehen.« Er atmete aus und trat zurück. »Oder wenn das Großherzogtum Hessenberg aufhört, eine Nation zu sein.«

SIEBEN
Die kalte Luft der Hotelsuite fühlte sich gut an auf seiner heißen, klebrigen Haut. Hätte er gewusst, dass die Nächte in Florida mit einer solchen Betonwand aus Feuchtigkeit aufwarteten, hätte Tanner über seinen Lauf am späten Abend sicher noch einmal nachgedacht.
Aber er musste sich bewegen, Ausschreiten, die Dellen in seinen müden Muskeln und seinem müden Geist etwas ausbeulen.
Hinunter mit dem Aufzug und durch den Haupteingang des Duval ging es hinaus in die Nacht, wo er sich auf dem Bürgersteig schwerfällig in Gang setzte. Seine Beine weigerten sich anfangs, im gleichen Takt zu arbeiten, so dass er wie ein alter Mann die Straßen der Stadt hinunterstolperte.
Nach ungefähr zehn Minuten fand er seinen Takt, indem er seinen Körper zwang, sich zu bewegen. Er ferste an, fädelte sich durch die Grüppchen, die sich aus den Bars hinaus auf die Straßen ergossen. Anscheinend war die ganze Stadt wegen dieses Footballspiels morgen auf den Beinen.
Eine dreiviertel Stunde lang lief er und dachte an nichts – nichts –, außer an seine Schritte, seine Atmung und daran, ein gleichmäßiges Tempo beizubehalten.
Zurück in seiner Suite, zog er sein verschwitztes Hemd aus und holte eine Flasche Wasser aus dem Mini-Kühlschrank. Er schnappte sich ein Handtuch, wischte sich Gesicht und die Arme ab und bestellte dann ein spätes Abendessen. Salat? Nein, Dessert. Ein Stück Schokoladenkuchen à la mode.
Er ließ sich in den Stuhl am Fenster fallen und konzentrierte sich auf den Ausbruch der bernsteinfarbenen Lichter über der Stadt. In der Ferne wölbte sich der Glanz des Universitätscampus wie ein weißer Mond in den Himmel.
Tanner presste sich die kühle Wasserflasche gegen die Stirn und nahm dann einen Schluck. Wenn man einmal von der hohen Luftfeuchtigkeit absah, gefiel ihm die Stadt ganz gut. Tallahassee war eine Mischung aus Regierungsinstitutionen, höherer Bildung und dem, was die Amerikaner Rednecks nannten.
Zu Hause kannte er auch ein paar Rednecks, nur dass sie dort Schwarzkragen hießen – eine alte Bezeichnung für die Arbeiter in den Kohlen- und Eisenminen, die am Ende des Tages mit schmutzigen, schwarzen Hälsen aus dem Bauch der Erde aufstiegen.
Die Rugby-Nationalmannschaft war noch bis zum Abkommen von 1914 Schwarzkragen genannt worden. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Rugby-Ligen von Hessenberg und Brighton zu einer einzigen Liga verschmolzen, und die Schwarzkragen wurden ganz einfach zu »Hessenberg Union«.
Noch ein Schluck Wasser. Tanner legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Ein schläfriger Friede überkam ihn und brachte ihn beinahe dazu einzuschlafen. So viel Geschichte … so viel Zeit ist vergangen … kann nicht rückgängig gemacht werden …
Mit einem Ruck wurde er wieder wach. Er setzte sich aufrechter hin, als Miss Beswicks Gesicht sich über die bunte Palette seiner wirbelnden Gedanken legte. Er stand auf, nahm einen weiteren Schluck Wasser und ging zum Fenster.
Sie hatte ihn erwischt. War ihm unter die Haut gegangen. Er war neugierig darauf gewesen, wie er auf seine zukünftige Monarchin reagieren würde. Hatte sich gefragt, ob er Respekt verspüren würde? Bewunderung? Erleichterung? Vielleicht auch Geringschätzung oder gar Abscheu?
Allerhand Gefühle wären möglich gewesen, mit allem hatte er gerechnet, nur nicht mit diesem Flattern, diesem Gefühl wachsender Verliebtheit, das seine Knie schlottern ließ.
Verflixt und zugenäht! Ihr weiblicher Charme erschütterte ihn zutiefst.
Aber es war mehr als ihre feinen Gesichtszüge und die wallende rotgoldene Haarpracht, das da an seiner Seele rührte. Es war ihre Entschlossenheit. Die Verbindlichkeit, mit der sie an dem Leben festhielt, das sie sich aufgebaut hatte. Ihre Fähigkeit, einer Auseinandersetzung in die Augen zu sehen und »Warum?« zu fragen.
Er selbst dagegen gab schon klein bei, wenn ein Konflikt auch nur begann, sein hässliches Haupt zu erheben. Tanner konnte sich bei seinem liebevollen, aber auch anspruchsvollen Vater dafür bedanken, dass er vor Konfrontationen schnell zurückscheute. Der Mann hatte Gehorsam verlangt, hatte von ihm erwartet, ein ehrbares Leben zu führen und seine eigenen Ambitionen hintanzustellen.
Irgendwo, mitten auf der Strecke, hatte sich Tanner seinen eigenen Weg gesucht und einen Fehltritt getan. Einen sehr, sehr großen Fehltritt. Dann noch einen. Und noch einen.
Ach, denk doch nicht daran. Du hast deine Fehler doch hinter dir gelassen. Oder etwa nicht?
Aber zurück zu Miss Beswick. Tanner gefiel es, dass sie ihren eigenen Kopf hatte. Umfaller und Leute, die es anderen immer nur recht machen wollten, eigneten sich nicht gut für Führungspositionen. Oder Königtum im althergebrachten Sinne. Prinz Franz hatte bewiesen, wie Menschenfurcht eine Dynastie, ja, sogar eine ganze Nation zerschlagen konnte.
Außerdem gefiel ihm, dass Miss Beswick eine sehr starke, fast schon unheimliche Ähnlichkeit mit dem Renoir-Porträt von Prinzessin Alice hatte. Es wirkte beinahe so, als wäre die ehemalige Thronerbin aus ihrem Bild von 1914 heraus- und ins 21. Jahrhundert hineingestiegen.
Vielleicht war sie das ja auch.
Aber von alldem abgesehen … würde Miss Beswick mit ihm nach Hessenberg reisen? Tanner hatte keine Ahnung. Würde der Fahndungsbericht und die Details des Abkommens über das Erblehen in dem Aktenkoffer ihr Herz bewegen können?
Man konnte nur hoffen. Er konnte nur hoffen.
Tanner leerte die Flasche und fuhr seinen Laptop hoch.
Hatte er die Karten zu früh auf den Tisch gelegt? Hatte er sie überfordert? Wenn ihm jemand sagen würde, dass die Zukunft eines Landes ganz alleine auf seinen Schultern läge, würde er sich bereiterklären?
Er konnte nur hoffen. Vor allem nach den Fehlern, die er in der Vergangenheit gemacht hatte. Er wollte Gutes tun. Anderen helfen. Und, wenn irgendwie möglich, nicht mehr daran denken, dass er Töch …!
Leg den Finger nicht in die Wunde, alter Freund.
Er verbannte den fast gedachten Gedanken energisch aus seinem Bewusstsein. Zurück blieb ein schmerzhaftes Brennen in seinem Herzen, eine Sehnsucht. Was geschehen war, war geschehen. Wenn er als junger Mann weiser gewesen wäre, hätte er mehr auf seine Handlungen und deren Auswirkungen auf sein Leben geachtet. Aber er war töricht gewesen, und das hatte ihn seine Zukunft gekostet.
Was auch der Grund war, weshalb er in Seamus Fitzsimmons‘ Schuld stand. Und immer stehen würde. Er hatte Tanner einen neuen Weg und einen Neuanfang angeboten.
Während er sein E-Mail-Programm öffnete, griff Tanner nach der Fernbedienung und zappte sich zu einem Sportkanal durch. Er suchte nach American Football. In Hessenberg hatte er sich einmal ein paar Freundschaftsspiele angeschaut, als die Dallas Cowboys und die Indianapolis Colts zu Besuch gewesen waren. Er fand die Sportart faszinierend.
Nachdem er ein laufendes Spiel gefunden hatte, legte Tanner die Fernbedienung ab und konzentrierte sich auf seine Nachrichten. Er hatte einige, um genau zu sein, ziemlich viele von Louis und eine aus der Königlichen Behörde, die möglichst schnell auf den neuesten Stand gebracht werden wollte.
Er wollte sich gerade an die Arbeit machen, als eine neue E-Mail auf dem Bildschirm erschien. In Hessenberg war es Samstagmorgen, Louis war wach und arbeitete sich ebenfalls durch seine E-Mails.
Die Betreffzeile brachte Tanners inneren Frieden ins Wanken: Umschlag in Schreibtischschublade.
Oh nein, nicht das auch noch. Louis, was hast du angestellt? Tanner fuhr sich mit der Hand durchs feuchte Haar und atmete aus.
Von seinem großartigen Gedächtnis einmal abgesehen, verfügte Tanner über die Fähigkeit, seine Gedanken und Emotionen hübsch ordentlich zu ordnen und zu archivieren. Wenn er einmal beschlossen hatte, einen Umschlag in seinem Schreibtisch zu vergessen, dann vergaß er ihn auch. Aber nun erinnerte Louis ihn an etwas, das er vergessen wollte.
Er klickte auf die E-Mail und las die kurze Botschaft seines Assistenten.
Auf der Suche nach dem Büroschlüssel … in der mittleren Schublade gefunden … Kuvert gesehen … dachte, es könnte eine Sache für Ihre Agenda sein … persönliche Einladung … zehnter Geburtstag … Britta und Bella … am Sonntag, dem 5. Soll ich den Termin eintragen? Bitte um Verzeihung, Ihre persönliche Post geöffnet zu haben.
Tanner starrte die Nachricht an und las sie ein zweites Mal. Geburtstagsfeier … und er war eingeladen? Er hatte wohl eine Einladung in dem Leinenkuvert erwartet, aber doch nicht, dass sie ihn wirklich einladen würden.
Es ergab keinen Sinn, nicht im Lichte der vergangenen acht Jahre. Britta und Bella waren die beiden »Dinge« in seiner Vergangenheit, die er nicht archivieren, beiseiteschieben und vergessen konnte. Obwohl er es gründlich versucht hatte. Um ihretwillen. Um seinetwillen.
Aber er hatte nicht vergessen, dass die Zwillinge am fünften Oktober zehn Jahre alt werden würden. Er war nur gut darauf vorbereitet, ihren Geburtstag zu ignorieren. So wie in all den Jahren zuvor auch.
Tanner nahm eine weitere Wasserflasche aus dem Kühlschrank. Er war gerade dabei, sich etwas abzukühlen, als diese Sache mit den Zwillingen einen Funken schlug und sein Herz in Brand setzte.
Auf dem Fernseher rannte ein Spieler unter dem Jubel der Zuschauer mit dem Ball unterm Arm über das Spielfeld.
Tanner las die E-Mail noch einmal.
Soll ich den Termin eintragen?
Er stellte sein Wasser ab und klickte auf »Antworten«.
Nein.
Er war ja noch nicht einmal sicher, ob er mit Miss Beswick bis zum Fünften wieder zu Hause sein würde. Und selbst, wenn …
Tanner schnappte sich sein Mobiltelefon. Warum hatte ihn Trude überhaupt zu der Feier der Mädchen eingeladen? Wusste Mum davon? Sie war die Einzige, die den Kontakt zu Trude über die Jahre aufrechterhalten hatte, wenngleich nur zu Weihnachten.
Er hatte gerade angefangen, die Nummer zu wählen, als ihm einfiel, dass es zwar Morgen in Hessenberg war, aber eben auch Samstag und sehr früh. Seine Eltern würden noch schlafen.
Tanner warf das Telefon zurück auf den Schreibtisch und zog sich aus, um zu duschen.
Gerade, als er meinte, sein Leben im Griff zu haben, alle Verbindungen zu seiner Vergangenheit abgebrochen waren und er sich in alle Richtungen abgesichert hatte, kam eine Naturgewalt wie Trude Estes Cadwallader daher und erinnerte ihn daran, dass er nicht der Mann war, der er zu sein vorgab.

Reggie betrat ihr Haus durch die Hintertür, drückte auf den Lichtschalter und schaltete eine Stehlampe und die Arbeitsbeleuchtung in der Küche ein. Endlich war sie zu Hause, wo sich ihre Welt hoffentlich wieder beruhigen und einen Sinn ergeben würde.
Sie war mit offenem Fenster in ihrem alten Datsun nach Hause gefahren, hatte sich vom Wind durchpusten lassen und fühlte sich irritiert und verkrampft. Wütend. Frustriert.
Und bis ins Mark herausgefordert.
Was sollte eine Frau denn bitte schön machen, wenn einer daherkam und ihr sagte, sie sei nicht die, die sie zu sein glaubte?
Der Gedanke schnitt durch ihr Herz, durch ihre Seele und sezierte alles, was sie bisher über sich selbst geglaubt hatte. Ihr Leben.
Die Wucht des Ganzen warf ihre Wahrheiten und Überzeugungen wild durcheinander.
Reggie stellte ihre Handtasche auf die Arbeitsfläche der Küche und legte Tanners Aktenkoffer auf den Tisch. Das braune, weiche Leder des Koffers bedachte sie mit einem langen Blick. Er schien sicher, dass sich etwas unter den Dokumenten befand, das sie davon überzeugen würde, dass sie nach Hessenberg gehörte. Jedenfalls lange genug, um mit dieser ganzen Angelegenheit mit dem Abkommen aufzuräumen.
Sie kippte den Inhalt des Aktenkoffers kurzerhand aus, verteilte die Blätter auf dem Tisch und überflog sie.
Ein Brief von König Nathaniel II. Sie seufzte. Okay, das war schon einmal echt cool, auch wenn der ganze Rest absolut abgefahren war.
Während sie durch die Papiere blätterte, bemerkte sie die Ölflecken, die immer noch auf ihren Händen waren, und rubbelte mit dem Daumen darüber. Sie brauchte eine heiße Dusche und musste sich gründlich abschrubben.
Aber sie brauchte auch die Zeit, all das zu verstehen, was da so unerwartet in ihr Leben geplatzt war. Was in diesen Papieren sollte sie wohl davon überzeugen, alles Bisherige zurückzulassen und sich ins große Unbekannte aufzumachen?
Wenn nämlich Regina Beswick morgens aufwachte, wusste sie ganz genau, wer sie war, wohin sie unterwegs war, warum und wie. Und das mochte sie. Veränderung war weder notwendig noch erwünscht.
Wild entschlossen, dem Inhalt des Diplomatenköfferchens auf den Grund zu gehen, zog sich Reggie einen Stuhl heran und setzte sich.
Dieser Tanner war schon was, oder? Stark. Verbindlich. Charmant und irgendwie … poliert. Aufrichtig. Nicht kriecherisch und drängelnd wie Mark. Trotz seiner Krawatte-und-Anzug-Förmlichkeit war er irgendwie sexy, und diese Haare … langes, gepflegtes blondes Haar. Ihm stand das gut. Sehr gut.
Reggie nahm die Dokumente in die Hand, trennte sie voneinander und sagte sich noch einmal, dass sie gar nichts Interessantes zwischen den behördlichen und rechtlichen Papieren finden wollte.
Sie würde ein letztes Mal durch die Papiere gehen, und dann wäre Feierabend.
Fast ganz zuunterst fand sie allerdings eine Tabelle mit Namen und Daten. Adrenalinschub, huch, wo kam der denn her? Ihre Hände zitterten, als sie die Seite an sich nahm.
Erstellt vom Ermittlungsbüro Lieberman Investigators LLC.
Reggie entdeckte Uromas Namen. Alice. Heirat mit Harry Pierce, Captain der Royal Air Force, Großbritannien. Ihr erster Ehemann, ein Pilot, gefallen im Krieg.
Uroma war im Juli 1946 mit ihrer Tochter Eloise, Reggies Großmutter, nach Amerika ausgewandert. Beigefügt war eine Fotokopie ihres Einreisedokuments über Ellis Island. Alice Pierce. Eloise Pierce.
Im Oktober 1947 hatte Uroma William Edmunds geheiratet. Er war gestorben, bevor Reggie zur Welt gekommen war, aber sie erinnerte sich an die Geschichten, die Eloise über ihn erzählt hatte.
Dann hatte Eloise Charles Hiebert geheiratet, und zwar im Juni 1948. Zwei Jahre später kam Mama zur Welt.
Reggies Erinnerungen an ihre Großeltern Eloise und Charles waren schön, aber dürftig, da sie beide gestorben waren, als Reggie noch klein war. Ihre Namen zu lesen weckte die Sehnsucht nach ihnen.
Oma Eloise war eine Pierce, keine Edmunds, die eine Hiebert wurde. Hatte Reggie gewusst, dass dieser Stammbaum so viele kurze Zweige hatte? Hatte ihr das jemals einer erzählt?
Sie legte den Zettel achtlos beiseite, weil sie die restlichen Details kannte. Mama heiratete Daddy, Noble Beswick, im Januar 1979.
Reggies älterer Bruder wurde 1981 geboren, starb aber sechs Monate später. Im März 1985 kam schließlich sie heimlich, still und leise zur Welt. Das war etwas, woran sie sich erinnerte: Mama hatte erzählt, dass Reggie so friedvoll, ohne einen Mucks zu machen, zur Welt gekommen war, als ob sie sagen wollte … Wie hatte Mama es formuliert?
Hallo Welt, freust du dich, dass ich hier bin?
Schmerzhaft brannten die Tränen der Erinnerung und der Sehnsucht nach Mama in ihren Augen. Reggie nahm sich die Tabelle nun doch noch einmal vor, nahm die einzelnen Namen zur Kenntnis, versuchte, sich die Gesichter zu den Namen vor Augen zu führen, versuchte, sich an eine Familiengeschichte zu erinnern, die sie nie gekannt hatte.
Während sie die Todesdaten, die kurzen Lebensdauern überflog, zog sich ihre Brust zusammen. Alle außer Uroma und natürlich Daddy waren gestorben, die meisten, bevor sie ihren 70. Geburtstag feiern konnten. Reggie lächelte. Uroma, du bist dem Tod mehr als einmal von der Schippe gesprungen, nicht wahr?
Aber was bewies das schon? Keine dieser Informationen machte Uroma offiziell zu Prinzessin Alice. Und schon gar nicht wurde Reggie darin als Erbin benannt. Der Inhalt des Dossiers verwirrte Reggie nur noch mehr. Warum hatte Uroma nie von diesem Leben gesprochen?
Tanner schien zu glauben, dass irgendetwas in dieser Mappe war, das sie davon überzeugen würde, wirklich die lange gesuchte Prinzessin zu sein. Aber bisher war das Einzige, was Reggie gefunden hatte, ein sehr ausführlicher Stammbaum.
Mit einem Seufzen blätterte Reggie durch die letzten paar Dokumente. Da entdeckte sie die Kante eines fotokopierten Briefes. Sie zog ihn aus dem Stapel und erkannte Uromas geschwungene Handschrift.
London, den 8. Mai 1946
Lieber Otto,
es ist schon so lange her, dass wir einander geschrieben haben. Aber dieser Krieg hat es mir ausgetrieben. Eloise und ich haben Harry 45 verloren, und wir scheinen nicht über den Schmerz seines Verlustes hinwegzukommen.
Esmé, meine geliebte Schwester, hat uns eingeladen, zu ihr nach Amerika zu kommen, und wir reisen morgen ab. Ich bete dafür, dass wir dort ein neues Leben, eine neue Freude finden mögen. London ist so ausgezehrt und verwildert vom Krieg. Ich befürchte, dass wir niemals wieder werden lachen können. Ich wünsche mir so sehr, dies alles hinter mir zu lassen. Hessenberg. Brighton. Die Kriege. Tod. Ich muss einen neuen Anfang wagen, wenn ich dieses Leben überleben will.
Wie Sie sicher wissen, ist Onkel Anfang 1944 in Schweden verstorben. Mama wird in London bleiben. Sie ist glücklich und zufrieden in den Kreisen, in denen sich der König bewegt. George VI. hat sie mehr wie eine Schwester denn wie eine Kusine aufgenommen. So viel Tod im Leben, mein lieber Otto.
Ich hoffe, dieser Brief erreicht Sie bei guter Gesundheit. Ich werde wieder schreiben, wenn ich in Amerika angekommen bin und mich niedergelassen habe.
Es grüßt Sie von ganzem Herzen
Ihre Alice Pierce
Reggie las den Brief wieder und wieder, bevor sie ihn zur Seite legte. Ihr müder Verstand konnte nichts mehr aufnehmen. Sie schob sich vom Tisch weg, wollte nicht mehr nachdenken, wollte nur noch duschen. Wenn sie sich nicht bald wusch, würde sie das Öl nicht mehr aus den Poren bekommen.
Sie stand auf, reckte und streckte sich und hatte gerade einen Schritt in Richtung ihres Zimmers gemacht, als in ihrer Handtasche das Telefon klingelte. Als sie sah, dass es Mark war, ließ sie den Anruf zur Mailbox umleiten.
Als sie an der Hintertür vorbeiging, klopfte es sacht.
Daddy.
»Ist es nicht längst Schlafenszeit für dich?«, frage sie und machte die Tür weit auf, um ihn hereinzulassen. In einem alten Sweatshirt, den Pyjamahosen und seinen alten ausgelatschten Hausschuhen sah er aus, als wäre er schon bettfertig. Vor ungefähr fünfzehn Jahren hatte er mal versucht, dem Hund beizubringen, die Pantoffeln zu apportieren, aber Buster hatte das irgendwie missverstanden und sie als Kauspielzeuge zweckentfremdet.
»Ja, und ich habe morgen früh einen wichtigen Auftrag oben in Thomasville. Aber diese Angelegenheit mit Hessenberg und deiner Uroma hat mich so aufgewühlt.« Er hielt ihr ein quadratisches, unscheinbares Kästchen hin. »Ich habe dir etwas mitgebracht.«
Ein Kästchen? »Und das hätte nicht bis morgen warten können?«
»Vielleicht.« Mit den Händen in den Hüften starrte er das Kästchen an. »Ich bin mir nicht sicher. Aber als Sadie mich an das Kästchen erinnerte, nachdem du gegangen warst, bin ich den Gedanken daran nicht mehr losgeworden. Irgendetwas hat mich dazu gedrängt, es dir noch heute Abend zu bringen.«
Reggie stellte das Kästchen neben Tanners Lederkoffer auf den Tisch. »Was ist das?«
»Außer einem Kästchen? Ich habe keine Ahnung. Uroma hat es dir hinterlassen.« Daddy ging zum dunklen vorderen Teil des Hauses. »Ich habe es weggestellt, weil ich dachte, ich würde es dir schon geben, wenn du älter wärst und etwas damit anfangen könntest. Ich hab es auf dem Dachboden aufbewahrt, und irgendwie ist mir die Zeit davongelaufen. Und hast du nicht gesehen, gehst du schwer auf die Dreißig zu, und ich habe das Kästchen ganz vergessen. Dann taucht dieser Hessenberger auf und …« Daddy hielt an der äußersten Grenze des Lichtscheins der Küche an und linste skeptisch in das unbeleuchtete, unbenutzte Wohnzimmer. »Reg, wohnst du immer noch in nur drei Räumen?«
»Ich war anderweitig beschäftigt.« Sie ging durch die Küche und lehnte sich in den Türrahmen zum Un-Wohnzimmer.
»Beschäftigt womit?« Daddy knipste das Licht an, das aus einer einfachen Deckenlampe die kahlen Wände und den weißen offenen Kamin beschien und dem Raum die Atmosphäre eines Wartezimmers verlieh.
»Mit Arbeit. Mit einer Firmengründung.« Der einzige Farbtupfer im Zimmer war eine Tiffany-Lampe im Fenster.
»Wie lange wohnst du jetzt hier?« Daddy bückte sich und hob den Stecker der Tiffany-Lampe auf. »Die ist ja noch nicht einmal eingesteckt, Reg.« Er guckte in den Lampenschirm. »Und eine Glühbirne ist auch nicht drin.«
»Ich hatte schon noch vor, eine zu kaufen.« Sie hatte das Haus vor zwei Jahren mit dem Geld gekauft, das Daddy aus Mamas Lebensversicherung für sie beiseitegelegt hatte. »Und ich werde diese Lampe benutzen. Ich muss nur noch einen guten Platz dafür finden.«
»Wieviele Barbecues hast du gemacht?« Er ging durch den dunklen Flur, der zu den Schlafzimmern führte. »Sind die Räume hier auch alle leer?«
»Willst du mir irgendetwas Bestimmtes sagen?« Sie schnappte sich die Tiffanylampe und trug sie ins Familienzimmer.
»Was ich sagen will, ist …«, Daddys Stimme klang auf einmal ganz belegt, »also, mir wird das selbst gerade erst klar. Aber du lebst doch gar nicht, Reg. Du existierst doch nur.«
»Hast du mal wieder zu viel Dr. Phil auf You Tube geschaut?« Reggie stellte die Lampe neben einem Stuhl ab. »Was glaubst du eigentlich, worum es bei Al und Regs Traumklassikern geht? Doch genau darum, dass ich lebe, wie du sagst. Als ich für Backlund arbeitete, da habe ich existiert. Aber jetzt mach ich, was ich wirklich will. Ich folge meiner Leidenschaft.«
»Wie lange hast du denn jetzt diesen alten Datsun?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht so ein Jahr.« Schnell nachgerechnet kam sie sogar auf den genauen Monat. »Im letzten Juli habe ich ihn gekauft. Gleich nachdem ich den 70er Nova verkauft hatte.« Den sie hatte aufbereiten wollen, wozu sie aber nie gekommen war. Deswegen war sie mit Al aufs Ganze gegangen.
Und worauf zielte Daddy mit seinen Fragen eigentlich ab? Sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn jemals so anwaltsmäßig erlebt zu haben.
»Steht der gelbe Corvair noch in der Garage?«
»Also, verkauft habe ich ihn nicht.« Immerhin hatte der einmal Uroma gehört.
»Aber daran gearbeitet hast du auch nicht.«
»Es mag dir ja entgangen sein, aber ich habe das letzte halbe Jahr damit verbracht, einen 1971er Challenger auf ein hervorragendes Slant-Six-Niveau zu bringen. Danny Hayes ist ein sehr zufriedener Kunde. Und davor habe ich 65 Stunden die Woche für Backlund gearbeitet. Ich war froh, wenn ich mich selbst hin und wieder auf Vordermann bringen konnte, von einem Auto mal ganz abgesehen.«
»Weißt du, was ich glaube?«
»Ich nehme an, du wirst es mir gleich sagen.« Sie lehnte sich gegen die Wand und grub ihre Zehen in den Flor des Teppichs.
»Ich habe dir Unrecht getan, Reg.«
Sie sah auf. »Was? Nein, Daddy. Wie denn? Du hast mich großgezogen. Du hast deine Abende und deine Wochenenden dafür aufgegeben, mir Vater und Mutter zu sein. Und du hast dich um Uroma gekümmert.« Ein Gefühl der Erkenntnis einer tiefen Wahrheit durchdrang ihr Herz und klopfte an die verschlossenen Türen der unbeleuchteten Zimmer in ihrem Inneren. »Wir sind nach hinten gegangen und haben uns Bälle zugeworfen und geredet. Du hast Uroma gemütlich auf einen Verandastuhl gesetzt und ihre eine Decke über die Beine gelegt.« Reggie schüttelte den Kopf. »Du hast uns beide gerettet, Daddy.«
»Uroma und du, ihr hab mich gerettet. Aber ich habe dich hängen lassen. Ich habe Teile des Hauses abgesperrt«, sagte er und machte eine vage Handbewegung zu den dunklen Räumen. »Ich habe einen Teil von mir selbst weggesperrt.«
»Du warst in Trauer.«
»Ja, aber ich hätte doch diese eine Aufgabe gehabt, dich richtig großzuziehen.«
»Mich richtig großzuziehen? Daddy, du warst doch für mich da. Jeden Tag. Jeden Abend. Du hattest deine Frau verloren. Ich hatte meine Mama verloren. Und du warst derjenige, der auf dem Posten blieb.«
»Ich habe dir beigebracht, dass man sich abschottet, wenn es schwierig wird. Ich habe dich nicht in Mamas Handarbeitszimmer gelassen, weil ich Angst hatte, dass dein Geruch ihren Duft überlagern könnte. Erinnerst du dich? Du wolltest gerne dort drinnen lernen und ihre Musik hören.«
»Aber das verstehe ich doch. Hab ich doch schon damals verstanden.« Sogar im zarten Alter von zwölf Jahren. Der Tod ließ ein Mädchen schnell erwachsen werden.
»Wir hörten auf, an Feiertagen zum Essen einzuladen und hatten auch keine Grillpartys mehr. Bettin hatte das große alte Haus auf dem riesigen Grundstück haben wollen, damit wir Feste feiern konnten. Die ganze Welt einladen. Stattdessen haben wir gelebt wie du jetzt hier, in zwei Räumen und einem Schlafzimmer. Himmel, die Hälfte der Zeit schliefen wir in Liegestühlen oder auf dem Sofa.«
»Aufzustehen und ins Bett zu gehen fühlte sich so einsam an.« Selbst jetzt schlief sie noch oft genug auf dem Sofa.
»So ging es mir auch.« Daddy seufzte und rieb sich mit der Hand das Gesicht. »Wie der Vater, so die Tochter. Reg, ich bin stolz auf dich, aber ich habe dir beigebracht, Teile deines Herzens abzuriegeln, und das tut mir leid. Ich glaube, das hat dich davon abgehalten, wirklich zu leben.«
Seine Worte taten ihr weh. Sie beleidigten sie. »Ich lebe durchaus, Daddy. Ich mache, was ich gerne machen will. Du brauchst also wegen dieser Böser-alter-Papa-Nummer nicht in Selbstmitleid zu ertrinken. Willst du mir sagen, dass du mir erst abnimmst, dass ich lebe, wenn ich das Haus aufmache, ein paar Möbel kaufe und ein oder zwei Partys veranstalte?«
Er schüttelte den Kopf. »Bei mir musste erst Sadie kommen, um mir klarzumachen, wie verstockt ich war. Es dauerte alles seine Zeit, aber als wir heirateten, fing ich an, nach vorne zu blicken.« Daddy betrachtete Reggie aus zusammengekniffenen Augen und sah aus, als würde er sich seinen nächsten Gedanken gut überlegen. »Aber mir war nie in den Sinn gekommen, dass ich dich zurückgelassen haben könnte.«
Pulsuz fraqment bitdi.