Kitabı oxu: «Weil du siehst, wie schön ich bin»

Şrift:

Rachel Hauck

Weil du siehst,

wie schön ich bin

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Anja Lerz


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96140-089-8

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

First published under the title „A Brush with Love”

© 2017 by Rachel Hauck

Published by arrangement with Zondervan, a division of HarperCollins Christian Publishing Inc.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anja Lerz

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: fotolia Artem

Satz: Harfe Verlag und Druckerei GmbH, Rudolstadt

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

www.brendow-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Epilog

Kapitel 1

An diesem verrückten Januartag, an dem es in Rosebud, Alabama, schneite, spürte Ginger Winters tief in ihrer Seele, dass eine grundlegende Veränderung anstand.

In der Ferne traf das helle Geläut der Kirchenglocken auf das Brausen des Windes, der durch die Main Street fegte.

„Hast du je …?“ Ruby-Jane, Gingers Empfangsdame, beste Freundin und Mädchen für alles, ließ die Wärme hinaus und die Kälte herein, als sie die Eingangstür öffnete. „Schnee in Rosebud. Zwei Stunden Fahrt bis zur Küste Floridas, und hier schneit es.“ Sie atmete tief durch. „Herrlich.“ Dann runzelte sie die Stirn. „Sind das die Kirchenglocken?“

„Für die Hochzeit … am Wochenende.“ Ginger gesellte sich an der Tür zu Ruby-Jane, die oft auch nur RJ genannt wurde. Sie verschränkte die Arme, umarmte sich selbst. „Wenn man Bridgett Maynard ist, müssen sogar die Glocken zur Durchlaufprobe antanzen.“

Ruby-Jane linste zu Ginger hinüber. „Ich dachte, die heiraten auf der Plantage ihrer Großeltern.“

„Tun sie auch, aber um 16 Uhr, wenn die Hochzeit im Magnolienhaus losgeht, werden die Glocken der Kirche von Applewood läuten.“

„Und uns alle stören, die wir keine Einladung bekommen haben.“ Ruby-Jane schnitt eine Grimasse. „Schon traurig, wenn sich deine Kindergartenfreundin in der Highschool gegen dich stellt und dich dann für den Rest des Lebens ignoriert.“

„Sieh’s doch mal so. Bridgett hat dich fallen gelassen, und dann hast du mich gefunden.“ Ginger schaute sie mit unschuldiger Begeisterung an, die so viel bedeutete wie Toll, oder?. Dann klopfte sie auf das Auftragsbuch unter RJs Arm. „Was ist mit den Terminen für heute?“

„Mrs. Davenport hat beinahe einen Anfall bekommen, aber ich habe ihr gesagt, wir würden heute alle Termine verlegen, weil du nicht möchtest, dass jemand bei dem Durcheinander Auto fährt. Und du weißt ja, dass Mrs. Carney wollte, dass du zu ihr nach Hause kommst, aber der habe ich gesagt, dass du auch nicht Auto fahren wirst.“

„Die gute Mrs. Carney.“

„Die anspruchsvolle Mrs. Carney.“

„Ach komm, immerhin kommt sie schon seit dem Zweiten Weltkrieg in genau diesen Laden hier, auch wenn die Besitzer regelmäßig gewechselt haben. Sie ist eine schönheitssalontreue Seele.“

„Egal, sie kommt jedenfalls auch mal einen Tag zurecht, ohne dass du ihr die Haare föhnst. Maggie ist nie nach der Pfeife von diesen Blauschöpfen getanzt.“

„Weil Maggie eine von ihnen war. Ich muss mir ihren Respekt erst noch verdienen.“

„Du hast ihren Respekt längst. Maggie hätte dir diesen Salon nie verkauft, wenn sie dir das nicht zugetraut hätte. Also müssen diese Damen dir das einfach auch zutrauen.“

Der Wind rappelte an den Fensterscheiben und wehte winzige Schneeflocken über die Schwelle. „Brr, ist das kalt. Mach mal die Tür zu.“ Ginger durchquerte den Salon. „Ich glaube, heute werden wir …“, sie zeigte auf die Wände, „… streichen.“

„Streichen?“ Ruby-Jane trug die Terminkladde zum Tresen. „Wie wäre es damit: Wir schließen, gehen nach Hause, setzen uns vor den Fernseher und trauern darüber, dass All My Children nicht mehr läuft.“

„Oder wie wäre es damit: Wir streichen?“ Ginger zeigte auf die Tür zum Hinterzimmer und rollte ihre Ärmel hoch. Eine seltene Geste, aber nachdem die Türen zu und der Salon geschlossen war und es außerdem schneite, machte es ihr nichts aus, ihre runzlige Haut zu entblößen, die sie immer ein bisschen an die topografische Karte eines Landes mit vielen Gebirgszügen erinnerte. „Wir können die alten Kittel überziehen, dann werden unsere Kleider nicht schmutzig.“

Ruby-Jane war neben Mama und Grandpa die erste Person gewesen, die die scheußlichen Wunden gesehen hatte, die seit dem Brand des Wohnwagens ihren Körper zeichneten.

Als sie zwölf Jahre alt war, hatte sich alles für Ginger Winters geändert. Aber aus ihrem Schmerz war auch eine gute Sache hervorgegangen: ihre Supermacht, die Schönheit in ihren Freunden zu sehen und zutage zu bringen. Trotz ihrer hässlichen Entstellungen war sie in der Highschool das Mädchen gewesen, zu dem man in Sachen Haare und Make-up einfach ging.

So hatte sie überlebt. So hatte sie ihren Lebenszweck gefunden. Ihre Fähigkeiten hatte sie an die wunderbarsten Orte geführt. Aber nun, nach zwölf Jahren, war sie wieder zurück in Rosebud und begann einen neuen Lebensabschnitt, indem sie ihren eigenen Schönheitssalon eröffnete.

Sie war von zuhause weggegangen, um eine renommierte Stylistin zu werden und der Rolle des Brandopfers zu entfliehen.

Und das hatte sie geschafft … hatte sie jedenfalls geglaubt, nachdem sie Stellen in Top-Salons in New York, Atlanta und schließlich Nashville bekommen hatte, von wo aus sie als persönliche Stylistin der Country-Sensation Tracie Blue die Welt bereiste.

Dennoch blieb es trotz all ihres Erfolges dabei: Ginger war das Mädchen, das hässlich und vernarbt für immer und alle Zeit von außen zuschaute.

Fakt war: Manche Dinge änderten sich einfach nie. Sollte sie sich je etwas anderes erhofft haben, brauchte sie nur die Rolle zu betrachten, die sie bei der Hochzeit ihrer „Freundin“ dieses Wochenende spielen würde. Die der angeheuerten Hilfskraft.

Ginger zerrte die Farbeimer aus dem Lagerraum. Als sie vor sechs Monaten nach Rosebud zurückgekehrt war und den Papierkram für das Geschäft unterzeichnet hatte, war sie losgezogen und hatte pink-beige Farbe gekauft, in der sie die Wände streichen wollte, um dem alten Schönheitssalon einen frischen Look und einen neuen Geruch zu verpassen. So wollte sie dem historischen Ladengeschäft ihre persönliche Note verleihen.

Aber Maggie hatte ihr nicht nur einen Laden, sondern auch einen vollen Terminkalender übergeben, und Ginger war von jetzt auf gleich voll eingestiegen. Sie hatte bislang gerade genug Zeit gehabt, ihre eigene kleine Wohnung über dem Geschäft zu streichen und zu dekorieren.

Dann gingen die beiden erfahrenen Stylistinnen, die für Maggie gearbeitet hatten, in Rente. Und so hatten sich Zehn-Stunden-Tage in Fünfzehn-Stunden-Tage verwandelt, bis Ginger Michele und Casey einstellte, beide Teilzeitstylistinnen und Vollzeitmütter.

Das Streichen hatte warten müssen.

„Können wir wenigstens was zum Mittagessen bestellen?“ Ruby-Jane öffnete die Türen des Materialschranks, woraufhin ihr die Farbrollen mit den langen Stielen entgegenpurzelten. Seufzend sammelte sie sie auf und lehnte sie gegen die Wand.

„Ja, Pizza. Geht auf mich.“

„Ich liebe dich, Ginger Winters. Du sprichst meine Sprache.“

Neben dem Farbeimer kniend hebelte Ginger den Deckel ab und befüllte die Farbwannen. Danach schob und zog sie die Friseurstühle in die Mitte des Raums und bedeckte die alten Holzdielen in Wandnähe mit Papier und Planen.

„Ich muss zugeben, dass ich diesen alten Laden einfach liebe“, sagte RJ, die zwischen Ladenraum und Hinterzimmer innehielt.

„Ich auch.“ Ginger hob ihren Blick und schaute sich in dem abgenutzten, viel geliebten Raum um. „Wünschst du dir nicht auch, dass diese Wände reden könnten?“

Ruby-Jane lachte. „Ja − weil ich gerne ein paar von den alten Geschichten hören würde. Und nein − weil mir sprechende Wände echt Angst machen würden.“ Sie beäugte Ginger und zeigte mit dem Finger auf sie. „Aber eines Tages werden diese Wände unsere Geschichten erzählen.“

„Können wir nochmal darauf zurückkommen, dass dir sprechende Wände Angst machen?“, lachte Ginger atemlos, als sie den letzten Arbeitsplatz von der Wand wegzog. „Ich will keine Geschichten über mich hören.“

Sie hatte sie doch schon gehört. Freak. Hässlich. Vor der gruselt es mich.

„Ich glaube, die Wände werden ganz wunderbare Geschichten erzählen: Ginger Winters hat Frauen dazu gebracht, sich mit sich selbst wohlzufühlen.“

Sie lächelte Ruby-Jane, die ewige Optimistin, an. „Okay, in dem Fall kann ich mit den sprechenden Wänden leben. Also … streichen. Meine Güte, ist das eine große Wand. Lass uns mit der rechten Seite anfangen. Wenn dann noch Zeit ist, machen wir den Rest. Wenn die rechte Seite erst einmal fertig ist, motiviert uns das bestimmt, den Rest auch noch zu schaffen.“

„Du bist der Boss.“

Ginger legte sich den Schal um ihren Hals zurecht und glättete das Haar, das ihr über die rechte Schulter fiel. Während sie den Mut hatte, ihre Ärmel hochzukrempeln und ihren vernarbten Arm sehen zu lassen, genierte sie sich doch zu sehr, ihren Hals und das abscheuliche Debakel der Hauttransplantation dort zu offenbaren.

Nach zwei Entzündungen und drei Operationen hatte Mama aufgegeben und beschlossen, dass „‚gut genug‘ jetzt einfach mal gut sein muss“.

Die Hand auf die gräulichste, runzligste Stelle an ihrem Halsansatz gepresst, hatte Ginger sich nachts in den Schlaf geweint.

Damals hatte sie gewusst, dass sie nie schön sein würde.

„Du kannst ein Privatleben haben, wenn du nur willst“, sagte RJ, die ihr mit der letzten Station half.

„Wer sagt denn, dass ich eins will?“ Ginger eilte zum Lager. „Lass uns mit dem Streichen anfangen.“

Fünf Minuten später troffen die Rollen nur so, während Ginger und Ruby-Jane die Wand mit frischer Farbe bedeckten und ihre geliebten Countrysongs die Luft erfüllten.

„Bist du denn bereit?“, fragte RJ. „Für das Wochenende, meine ich? Eine Braut, sieben Brautjungfern, zwei Mütter, drei Großmütter …“

„Jap. Das wird der reinste Spaziergang, Kazansky.“

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie mich nicht eingeladen hat. Bis zur Highschool waren wir gute Freundinnen.“

„Vielleicht weil du eine Zeit lang mit Eric ausgegangen bist, nachdem sie sich getrennt haben?“

„Ja, stimmt, da war was.“ Seufz. Als Bridgett und Eric nach dem Schulabschluss getrennte Wege gegangen waren, war Ruby-Jane nur allzu begierig gewesen, die zukünftige Mrs. Eric James zu werden.

„Und was die Sache angeht, dass sie dich in der Highschool hat fallen lassen, tja, weiß auch nicht, aber ihr Verlust war auf jeden Fall mein Gewinn.“ Keine wahreren Worte hätten je gesprochen werden können. Tief ausatmend ließ Ginger sich auf die gleichförmige Bewegung des Farbrollens ein.

Im Geschäft war es warm und angenehm. Hin und wieder trafen vereiste Schneekristalle mit einem leisen Geräusch die Fensterscheibe.

„Tja, das stimmt, aber ich glaube schon, dass wir uns auch so angefreundet hätten.“

Ginger warf einen Blick auf ihre große, schlanke Freundin. „Du kannst ja als meine Assistentin mit zu der Hochzeit kommen.“

„Und meine Schande als Helferin der Helferin vor allen zur Schau tragen? Nein, danke.“

Ginger lachte. „Auch wahr. Stattdessen kannst du dich ja von Victor Reynold zu einem romantischen Abendessen ausführen lassen.“

„Ha! Von dem habe ich seit Wochen nichts gehört.“

Ginger ließ ihre Farbrolle sinken. „Echt? Warum hast du nichts gesagt?“

„Och, ich weiß auch nicht … Ich bin 29, geschieden, lebe in meiner Heimatstadt bei meinen Eltern in meinem alten Kinderzimmer, und das Ende vom Lied ist, dass ich Victor Reynolds nicht bei der Stange halten kann.“ Ruby-Janes Gesicht verfinsterte sich. „Victor Reynolds … der in der Highschool absolut keine Verabredung abbekam.“

„Wir beide.“ Ginger rollte den Farbroller auf und ab. „Die Single-Sisters in trauter Solidarität.“

„Bäh, wie deprimierend. Immerhin hast du eine Berufung. Ein besonderes Talent.“ Ruby-Jane tauchte ihre Rolle in Farbe. „Du kannst eine ganz gewöhnliche Frau ganz außergewöhnlich schön machen.“

„Ich liebe, was ich mache.“ Ginger blickte sich im Laden um. „Und ich will das hier zum besten Ort für Haare, Make-up und alles, was schön ist, in der ganzen Umgebung machen. Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr eine Hautspezialistin einstellen kann.“

Sie ging ein paar Schritte zurück, um das Beige-Pink zu bewundern, das nun die matte gelbe Wand bedeckte. Sehr schön. Das gefiel ihr wirklich gut.

Dinge – Frauen – zu verschönern, war ihre Berufung, ihre Pflicht im Leben. Sie steckte jede Faser ihres Herzens und ihrer Seele in ihre Arbeit, weil die Wahrheit so aussah, dass sie das nie für sich selbst tun könnte.

Und dieses Wochenende würde Ginger bei der Alabamer Hochzeit des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts, ihre Rolle als Stylistin hinter den Kulissen spielen. Nicht umsonst nannte Tracie Blue sie „die Schönmacherin“.

Die feine Bridgett Maynard heiratete den Sohn des Gouverneurs, Eric James. Eine Jugendliebe von der Rosebud High, schöne Menschen, vereint unter den Schirmen Erfolg und Wohlstand.

Während Ginger sich darauf freute, mit Bridgett zu arbeiten, freute sie sich nicht unbedingt auf das Wochenende. Sie würde auf der alten Plantage bei ihnen wohnen müssen.

„Na, wenn es eine schafft, diesen Laden hier zu einem Erfolg zu machen, dann du. Als ich Mrs. Henderson zuletzt gesehen habe, hat sie immer noch gelächelt, weil du ihr die Haare so schön gemacht hast.“

„Grandpa war der Erste, der mir gesagt hat, dass ich die Schönheit in allen anderen sehen könne.“ Das hatte sie auch an jenem Tag getan, als Mrs. Henderson in ihrem Stuhl gesessen hatte, mit ihrem überfärbten, überdauergewellten, welken Haar. „Ich habe ihm geglaubt. Er hat mir jeden Monat ein neues Puppenbaby gekauft, weil ich denen immer die Haare abgeschnitten habe. Bis auf den Gummischädel.“ Gingers Herz lachte. „Mama ist immer wütend geworden. ‚Daddy, hör auf, dein Geld zu verschleudern. Sie wird die doch wieder nur kaputt machen.‘ Und dann hat er immer gesagt: ‚Sie wird zu der, die sie sein soll.‘“ Ginger tauchte die Farbrolle erneut ein und begann eine langsame Rollbewegung. Die Erinnerung an das Funkeln von Grandpas blauen Augen ließ ihr warm ums Herz werden.

Sie vermisste ihn. Eine stabile Größe in der Wohnwagensiedlung. In ihrem Leben. Bei ihm hatte sie sich immer sicher gefühlt. Besonders, nachdem Daddy weggegangen war. Und dann wieder nach dem Feuer.

Später war Tom Wells auf der Bildfläche erschienen. Ginger schüttelte sich seinen Namen aus ihren Gedanken. Der verdiente es nicht, Teil ihrer Erinnerungen zu sein. Ein Highschool-Schönling, der sich aus dem Staub gemacht und ihr Herz gebrochen hatte.

Sie hatte ihn aus ihrem Kopf verbannt, bis sie nach Rosebud zurückgezogen war. Bis Bridgett vor drei Monaten in den Salon spaziert war und sie angebettelt hatte, bei ihrer Hochzeit die Stylistin zu sein – da waren dann die gut verpackten Erinnerungen an ihre Jugend in Rosebud, an ihre Zeit auf der Highschool, wieder zurückgekommen.

„Kann ich dich mal was fragen?“, sagte Ruby-Jane, die den letzten Rest Farbe aus ihrer Rolle auf die Wand quetschte. „Warum hast du aufgehört, für Tracie Blue zu arbeiten? Jetzt mal ehrlich. Doch nicht nur, weil Maggie dich wegen des Salons hier angerufen hat?!“

„Es war Zeit.“

„Ist etwas passiert? Es war nicht wegen deiner Narben, oder?“

„Nein.“

„Weil das verrückt wäre, weißt du. Du warst drei Jahre lang mit ihr unterwegs. Deine Narben haben nie eine Rolle gespielt.“

Oh doch, das hatten sie.

Tränen trübten Gingers Sicht, während sie die alte Wand mit einer dicken Schicht Farbe bestrich. Adieu, Altes. Hallo, Neues. Sie verabscheute es, RJ anzulügen, aber über ihre Trennung von Tracie Blue zu sprechen, riss Wunden auf, die niemand wirklich sehen wollte.

Hässlich. Ein Klatschblatt hatte sie so genannt. Letztes Jahr hatte sie im Internet einen Artikel gefunden, der die hässlichsten Stylisten der Stars aufzählte. Und Ginger Winters war die Nummer eins.

Wo sie das Bild von ihr gefunden hatten, auf dem ihr Hals zu sehen war, würde sie wohl nie herausfinden.

Ginger schluckte die aufwallende bittere Galle hinunter, atmete tief durch und rang damit, diese Bezeichnung aus ihrem Kopf zu verbannen.

Wie sie sie aus ihrem Herzen bekommen sollte, wusste sie indes nicht. Die Worte schlugen Wunden und hinterließen Narben tief in ihrem Herzen, sie schufen Fangarme der Scham, die weder lange Ärmel noch bunte Schals abdecken konnten.

Ginger trat einmal mehr zurück, um ihr Stück Wand zu betrachten. „Was meinst du?“

„Mir gefällt es“, sagte Ruby-Jane. „Sehr.“

„Mir auch.“ Langsam fühlte sich der Salon wirklich wie ihrer an.

Im Radio kamen die Nachrichten zur vollen Stunde. Ginger linste auf die Wanduhr. Elf. „Bist du hungrig? Lass uns bei Anthony Pizza bestellen“, sagte sie, klemmte den Griff ihrer Rolle unter den Arm und zog ihr Handy aus der Hosentasche. „Ich glaube, eine große Käsepizza wäre genau richtig.“

„Ganz mein Geschmack. Oh, und bestell noch überbackenes Käsebrot dazu.“ Ruby-Jane ging ein paar Schritte zurück und inspizierte ihre Arbeit. „Ich liebe diese Farbe, Ginger. Der Laden wird traumhaft aussehen.“

„Gestern Abend habe ich im Netz noch nach neuen Lampen gesucht und … Hallo, Anthony, hier ist Ginger vom Schönheitssalon die Straße runter. Gut, gut, wie geht es dir? Ja, bitte … eine große Käsepizza … dünner Boden, ja … und eine Portion überbackenes Käsebrot, bitte. Nein, für Ruby-Jane … Ich weiß, die ist süchtig nach Kohlenhydraten.“

„Bin ich gar nicht.“

„Klar, eine von uns kommt vorbei und holt es ab.“ Ginger legte auf und steckte das Telefon wieder ein. „Lass uns das Geld eben aus der Barkasse nehmen.“

Noch während die Worte ihre Lippen verließen, schepperten die Glöckchen an der Eingangstür laut gegen das Glas. Jemand kam herein.

Im Umsehen legte sie ihre Rolle auf die Farbwanne. Ginger schnappte nach Luft. Tom Wells junior.

Ihre Haut schien Feuer zu fangen, als sie den dunkelorangen Schal fester um ihren Hals zog. Lieber würde sie sich Tracie Blues Paparazzi stellen als Tom Wells.

„Na schau mal einer an, wer da kommt. Tom Wells junior, so was.” Ruby-Jane ging zu ihm hin und umarmte ihn fest. „Was führt dich denn hierher? Ginger, schau mal, was da durch die Tür geweht ist.“ RJ schob Tom regelrecht weiter in den Laden.

„Ich seh’s.“

„Ruby-Jane, hallo, schön, dich zu sehen. Ginger … lange her, was!?“ Er fuhr sich mit der Hand über sein langes, gewelltes Haar, und der Blick seiner blauen Augen huschte zwischen Ruby-Jane und Ginger hin und her, der die Knie schlotterten, völlig machtlos in seiner Gegenwart. „Habt ihr auf? Ist Maggie da? Ich wollte mir schnell die Haare schneiden lassen.“

Ruby-Jane klopfte ihm lächelnd auf die Schulter. „Die gute alte Maggie Boyd ist in Rente gegangen.“ Wieder schob sie ihn vorwärts und signalisierte hinter seinem Rücken, dass Ginger mit ihm reden sollte.

„Also hat Maggie endlich ihre Reise nach Irland angetreten? Ich habe mich schon gewundert, warum auf dem Schild Gingers Schnittchen steht.“

„S…sie ist tatsächlich gerade in Irland. Jetzt gehört der S…Salon mir.“ Gingers Stimme wurde immer leiser. In ihren eigenen Ohren, neben dem Donner ihres Herzschlags, klang sie leise und dünn. Sie griff nach dem Stiel der Farbrolle und drehte sich zur Wand. Jetzt reiß dich mal zusammen. Denk dran, was er dir angetan hat. Wenn sie auch nur ein bisschen Mut hätte, würde sie ihn jetzt mit Farbe überziehen.

„Weißt du noch, wie wir zusammen Mathe gelernt haben, Ginger?“

„Ja.“ Sie warf ihm einen Blick zu, bemühte sich so sehr, ruhig zu bleiben, aber Tom Wells mit seinen blauen Augen und diesen Mammut-Schultern stand nun einmal gerade in ihrem Salon.

Immer noch stumm mit Gesten und Grimassen kommunizierend, ging Ruby-Jane um ihn herum. „Ja, ist ja wirklich lange her, Tom. Seit du die Stadt in unserem letzten Schuljahr verlassen hast. Was führt dich denn her?“

„Ja, wirklich, ist schon eine Weile her. Ich … also, ich bin wieder da. Wegen der Hochzeit. Von Bridgett und Eric.“ Er wirkte reserviert, fast schüchtern. Auf jeden Fall sehr viel demütiger als damals. „Ich bin der Trauzeuge.“

Ginger drückte die Farbrolle an die Wand. Was? Er war einer von Erics Trauzeugen? Sie würde das ganze Wochenende über in seiner Nähe sein?

„Ich habe gehört, das wird die Hochzeit des Jahrzehnts.“ Ruby-Jane wedelte in Gingers Richtung. „Sie ist die Stylistin für den ganzen Zirkus.“

„Echt?“ Trotz seines Gesichtsausdrucks klang Tom beeindruckt. „Überrascht mich gar nicht. Du konntest das immer gut, mit Haaren und so, wenn ich mich recht erinnere.“ Er schaute sich um und wischte sich eine Strähne seines dicken Haars aus der Stirn. „Wie du siehst, brauche ich ganz dringend einen Haarschnitt. Aber anscheinend habt ihr gar nicht geöffnet.“

Sein Lächeln nagelte Ginger förmlich an die Wand. Jetzt komm mal runter, er ist nur auf der Durchreise … lass dich nicht von ihm durcheinanderbringen.

„Tut mir leid, aber wir streichen heute. Du kannst ja ins neue Einkaufszentrum südlich der Stadt fahren, wenn du einen Schnitt brauchst.“

„Die Straßen sind furchtbar“, sagte Tom und kam nah genug, dass sein subtiler Eigengeruch sich unter die Farbdämpfe mischte und sich auf ihr niederließ. „Ein Riesenstau auf dem Highway 21.“

„Du weißt doch, wie es hier im Süden ist“, sagte Ruby-Jane. „Wir können ja noch nicht einmal bei Regen Auto fahren, geschweige denn bei Eis oder Schnee.“

Lachend schüttelte Tom den Kopf. „Sehr richtig.“ Er hob den Blick zu Ginger. „Also, ist es denn möglich, dass ich hier die Haare geschnitten bekomme? Es geht nur jetzt …“

„Aber klar doch.“ Ruby-Jane legte ihre Farbrolle ab, schob die Plastikplane beiseite und führte Tom zu einem Stuhl am anderen Ende des Raumes. „Ginger, ist dieser Arbeitsplatz angeschlossen?“ Mit den Lippen formte sie eine Art stummes Kommando und gestikulierte wild in Toms Richtung. „Bist du bereit?“

In dem Moment bemerkte Ginger ihren Arm, der unter ihrem Umhang hervorschaute und dessen Narben deutlich sichtbar waren. Und er hatte sie direkt angeschaut. Könnte sich der Boden denn nicht auftun und sie am Stück verschlucken? Sie legte ihre Rolle auf der Farbwanne ab, zupfte den Ärmel nach unten und dehnte ihn so, dass er bis zu den Fingerspitzen reichte.

Tom Wells … in ihrem Salon … in ihrem Stuhl … wartete darauf, dass sie sein Haar anfasste. Nur der Gedanke daran gab ihr das Gefühl, sie könnte gleich auseinanderfallen.

„Hör mal, wenn Ginger nicht will …“ Er versuchte aufzustehen, aber Ruby-Jane schob ihn energisch in den Stuhl zurück.

„Will sie doch. Sie kommt gleich. Ginger, kannst du mir zeigen, wo die Barkasse ist? Dann gehe ich los und hole die Pizza.“ RJ packte sie am Arm und führte sie ins Hinterzimmer.

„Was ist denn mit dir los?“ RJ, die ganz genau wusste, wo sich die Barkasse befand, nahm ein Gemälde einer Blumenwiese von der Wand, unter dem sich der Safe befand, und drehte am Stellrad. „Tom Wells … hallo!“ Sie griff nach der Geldtasche. „Wenn der mal nicht noch besser aussieht als damals in der Highschool, esse ich die Pizza alleine auf, und den Karton dazu. Und nett. Er wirkt so nett. Wie unfair, findest du nicht auch? Männer sehen immer besser aus, je älter sie werden, und bei Frauen hängt einfach alles.“

„Was mit mir los ist?“ Ginger hielt ihre Stimme gesenkt, sprach aber energisch. „Ich werde dir sagen, was mit mir los ist. Er war der einzige Junge, den ich je geliebt habe, der mich überhaupt je beachtet hat − und dann lässt er mich noch vor unserer ersten Verabredung sitzen.“

Ruby-Jane nahm einen Zwanziger heraus und schloss die Geldtasche wieder sorgfältig ein. „Seine Familie ist umgezogen, weißt du noch?“ Sie schlüpfte aus ihrem Malerkittel, den sie über eine Stuhllehne legte.

„Aber er hat mir nicht einmal gesagt, dass er weggeht. Wie schwer kann es sein, zum Hörer zu greifen? ‚Äh, Ginger, ich schaffe es nicht. Dad sagt, wir ziehen um.‘ Und später hat er auch nie angerufen oder wenigstens mal geschrieben.“

„Dann geh halt da rein und versau seinen Haarschnitt, um es ihm heimzuzahlen. Aber Liebegutebeste …“ Ruby-Jane wackelte mit den Augenbrauen. „Es ist Tom Wells. Der Tom Wells. Außerdem ist das zwölf Jahre her. Erzähl mir nicht, dass du ihm das immer noch nachträgst.“

Tom Wells, ein Name, der Assoziationen weckte – umwerfend, athletisch, glühend, knieerweichend, küssbar …

Ginger packte RJ an den Armen. „Lass mich nicht mit ihm alleine. Bleib hier. In zehn Minuten bin ich fertig.“

„Vergiss es. Bis dahin ist die Pizza kalt.“ RJ feixte und ging um Ginger herum zurück in den Ladenraum. „Sag mal, Tom, wir haben zu viel Pizza bestellt. Hast du Lust, ein Stück mit uns zu essen?“

Memo an mich selbst: Ruby-Jane feuern.

Die Glöckchen schellten, als RJ hinausging. Munter winkte sie Ginger durch die Schaufensterscheibe zu. Keine Sorge, RJ. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

„Ginger“, sagte Tom im Aufstehen. „Ich werde dich nicht dazu zwingen, mir die Haare zu schneiden.“

Ganz kurz trafen sich ihre Blicke. Ihr Herzschlag pulsierte in ihrer Kehle. Aus dem Augenwinkel konnte sie die kleinen weißen Schneewirbel sehen, die über sie hinwegtrieben. Selbst wenn sie ihn jetzt wegschickte, würde sie ihn bei der Hochzeit sehen müssen. Da konnte sie genauso gut seine Haare schneiden und ihn dann am Wochenende ignorieren.

„Ist schon gut.“ Sie wies auf die Waschbecken, zog sich den Kittel aus, den sie zum Streichen getragen hatte, und band sich eine saubere Schürze um. „Nimm das ganz rechts.“

Tom machte es sich in dem schwarzen Stuhl bequem, während Ginger seinen Kopf in die Kuhle des Waschbeckens legte.

„Wie geht es dir?“, fragte er, während sie seinen Kopf mit warmem Wasser benetzte.

„Gut.“ Sie zögerte. Dann fuhr sie mit den Fingern durch sein dichtes Haar. In der Highschool hatte sie davon geträumt, Toms dunkle, schwere Locken zu schneiden. Als Mr. Bickle sie dann in Mathe als Lernpartner zusammengespannt hatte, war sie sicher gewesen, sie wäre gestorben und im Himmel wieder aufgewacht.

Der Duft seines Rasierwassers überschwemmte nach und nach ihre Sinne. Sie atmete bewusst aus und versuchte, ihr Adrenalin zu zügeln, aber eine Berührung seiner weichen Locken reichte aus, und ihre Adern wurden zu Autobahnen der Sehnsüchte.

Das bedeutet überhaupt nichts. Nur ein Kunde … nur ein Kunde.

Ginger lugte in Toms Gesicht hinunter − eine Zusammenstellung der schönsten Gesichtszüge, die die Stars von Hollywoods Goldenem Zeitalter hervorgebracht hatten. Cary Grants Kultiviertheit mit Gregory Pecks heißem Blick, gemischt mit Jimmy Stewarts liebenswertem Mann-von-nebenan.

Ruhig jetzt … Als sie sein Haar einschäumte, fiel ihr Blick auf ihr eigenes Bild in einem der Spiegel.

Ihr Schal war verrutscht und gab den Blick frei auf ihre grässliche Narbe, die vor Scham rot leuchtete. Ginger steckte den Schal zurück an seinen Platz, ehe Tom aufschauen und sie sehen konnte.

Sie würde sich nie daran gewöhnen. Nie. Die Hässlichkeit. Die Erinnerung an das Feuer, an den Tag, an dem ihr klar wurde, dass sie ihr Leben lang gezeichnet sein würde. Daran, wie sie im Bett lag und weinte und wusste, dass niemand sie je wollen würde. Selbst mit erst zwölf Jahren hatte die Wahrheit bereits durch ihren Kopf geschallt.

Niemand … niemand … niemand …

Kapitel 2

Während sein Kopf in der Waschschüssel lag und Gingers Hände sich durch sein Haar arbeiteten, seine Kopfhaut massierten und seinen Puls in die Höhe trieben, bereute Tom, an diesem verschneiten Tag für einen schnellen Haarschnitt vor die Tür gegangen zu sein.

Wäre ihm klar gewesen, dass Maggie den Salon an Ginger verkauft hatte, hätte er die glatten Straßen und das Verkehrschaos auf sich genommen und den neuen Friseurladen am anderen Ende der Stadt getestet.

Ja, er hatte natürlich gewusst, dass er ihr früher oder später begegnen müsste – vorzugsweise Letzteres –, aber doch nicht an seinem ersten Tag zurück in Rosebud. Nicht mit dem Kopf in ihrem Waschbecken liegend, mit ihren Händen in seinem Haar.

Er hatte gehen wollen, nachdem Ginger gesagt hatte, sie hätten geschlossen, aber dann hatte ihn Ruby-Jane hereingeschoben, und da saß er nun.

„Ginger“, hob er an. Er räusperte sich. „Seit wann bist du …“

„Bitte aufrichten.“ Sie drückte sachte gegen seine Schulter. Als er sich aufgerichtet hatte, schlang sie ein Handtuch um seinen Kopf und trocknete sein Haar, was seine aufkommenden Gefühle nur weiter schürte. „Setz dich.“ Sie wies auf den Arbeitsplatz, auf den Ruby-Jane ihn platziert hatte.

Er stahl einen Blick auf sie im Spiegel, während sie das Handtuch entfernte und ihm einen Umhang umlegte. „Seit wann bist du denn wieder in Rosebud? Ich habe gehört, dass du vor sechs Monaten noch mit Tracie Blue auf Tournee warst!?“

Sie bückte sich vor ihm nach Schere und Kamm. „Ja, war ich.“

Brrr. Er vermutete, dass es draußen gerade wärmer war als drinnen im Salon.

Ginger stellte die Stuhlhöhe ein und begann ihn zu kämmen. Er bemerkte ihren unaufdringlichen Geruch. Sie roch romantisch, wenn man Romantik als Duftnote bezeichnen konnte, wie ein milder, herrlicher Sommerabend in Alabama. Der Duft sammelte sich in dem Hohlraum zwischen seinem Herzen und seinen Rippen.

„Die Seiten trimmen? Und oben ein bisschen kürzer?“, fragte sie.

„Ja, genau, die Seiten ein bisschen. Ich mag das nicht, wenn die Haare so über den Nacken und auf meine Ohren kriechen …“ Als sie beiseiteging, drangen die Farbdünste wieder zu ihm vor, übertünchten ihren Duft und holten ihn in die Wirklichkeit zurück. Er war wegen eines Haarschnitts gekommen, nicht zu einem Rendezvous mit einer Beinahe-Romanze aus seiner Vergangenheit.

Außerdem schien es sie nicht weiter zu kümmern, dass er ganz zufällig in ihren Laden geschneit war. Vielleicht erinnerte sie sich gar nicht an die Zuneigung zwischen ihnen, wie er mit ihr geflirtet und nach einem Zeichen, einem kleinen Hinweis auf Interesse gesucht hatte.

Er hatte sie gerade ins Kino eingeladen, als Dad ankündigte, sie würden umziehen. Würden mitten in der Nacht die Stadt verlassen. Tom hatte keine Chance gehabt, sich von irgendjemandem zu verabschieden, und schon gar nicht von Ginger Winters.

„Bitte den Kopf vorbeugen.“

Er neigte sein Kinn auf die Brust, atmete einmal tief für sich ein und einmal tief für sie aus.

Sollte er einfach mit einem „Es tut mir leid“ anfangen? Oder sollte er die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen?

Sie musste seit der Highschool Freunde gehabt haben. Immerhin war sie mit Tracie Blue auf Tour gewesen, hatte die Welt gesehen und allerhand Menschen getroffen. Vielleicht hatte sie ja jetzt einen Freund. Oder einen Verlobten. Er beobachtete im Spiegel ihre linke Hand. Kein Ring.

„Also, du hast noch gar nicht gesagt, seit wann du den Salon hast?“ Smalltalk. Vielleicht konnte er sie dazu bringen, sich zu öffnen.

„Seit sechs Monaten.“ Sie tauschte die Schere gegen den Rasierer ein.

„Bist du froh darüber, wieder in Rosebud zu sein?“ Er entspannte sich, probierte zu lächeln und ihren Blick zu erhaschen.

„Ja.“ Sie neigte seinen Kopf zur Seite und führte den summenden Apparat um sein Ohr herum.

„Gut … gut … ich auch.“

Sie schaltete die Schermaschine aus, griff wieder zur Schere und wirbelte sie in ihren Fingern herum; ein Trick, den er gerne öfter gesehen hätte.

Entweder hatte sie einen schlechten Tag oder sie verabscheute ihn wirklich sehr. Ja, er hatte sie versetzt … vor zwölf Jahren. Das verstand sie doch sicher, angesichts der Umstände.

„Schnee sieht man ja echt selten in Rosebud.“

„Ziemlich …“

„Ich bin auch wieder zurück. In Rosebud.“ Er verlagerte sein Gewicht. „Nicht nur für die Hochzeit.”

Sie wurde langsamer, sah auf und schaute ihn im Spiegel an. „G…gut.“ Sie drehte ihn gerade zum Spiegel hin und prüfte, ob die Seiten gleichmäßig waren.

„Das mit Bridgett und Eric ist schön, oder?“ Ganz Alabama wusste, dass der Sohn des Gouverneurs heiratete, ein ehemaliger Tailback und gefeierter Star der Crimson Tide.

„Ja.“ Das Gespräch stockte vollends, als sie über seinem Kopf den Föhn brausen ließ. Anschließend gab sie einen Tropfen Gel in ihre Handfläche und fuhr damit durch sein Haar, was ihm eine Gänsehaut bescherte.

Sie nahm ihm den Friseurumhang ab und pinselte die letzten abgeschnittenen Härchen von seinen Ohren und aus seinem Nacken. „Gefällt es dir?“ Ihre Worte richteten sich an ihn, nicht aber ihr Blick, den sie abwandte, während sie den Umhang über einen anderen Stuhl legte.

„Ja, danke.“ Er beugte sich zum Spiegel vor. „Die Gerüchte stimmen. Du bist gut.“

„Danke.“ Sie wartete am Empfangstresen auf ihn, und er wünschte sich, sie würde lächeln oder lachen oder ihm vors Schienbein treten. Dann wäre das Eis gebrochen. „Das macht dann zwanzig Dollar.“

„Zwanzig?“ Er öffnete seinen Geldbeutel. „Nur?“

„Wir sind in Rosebud.“

Er grinste, holte einen Zehner und einen Zwanziger aus dem Portemonnaie und schaute sie an. „Es tut mir leid, Ginger.“ Das Geständnis kam ohne großes Nachdenken, ohne Hintergedanken. Er war frei, konnte dorthin gehen, wo der Moment ihn hinführte.

Sie erstarrte, griff nach dem Geld und schaute mit leuchtenden haselbraunen Augen zu ihm auf. „Es tut dir leid?“

Die Ladentür wurde aufgerissen und Ruby-Jane platzte herein, samt einer kalten Brise, einem großen Pizzakarton und drei Getränkedosen in der Hand. Das Aroma heißer Tomatensoße und gebackenen Teigs mischte sich mit den Farbdämpfen.

„Kinder, ich bin zu Hause. Im Hinterzimmer gibt’s Mittagessen. Tom, Junge, schicker Schnitt. Ist Ginger nicht einfach die Beste?“

„Sie ist eine Großmeisterin.“ Er lächelte Ginger an. In Gedanken bat er sie darum, seine Entschuldigung anzunehmen.

„Ich habe Anthony erzählt, du seist in der Stadt, und da sagte er, du würdest hier eine Gemeinde gründen. Stimmt das?“ Ruby-Jane verschwand im Hinterzimmer, nur um einen Augenblick später mit einem weich aussehenden, überbackenen Stück Brot in der Hand wieder aufzutauchen. „Jetzt kommt schon. Noch ist alles schön heiß. Bedien dich, Tom!“

„Danke, aber ich kann nicht bleiben.“ Tom machte eine Handbewegung zur Tür hin und trat einen Schritt zurück. Außerdem: Wenn Gingers steife Haltung irgendetwas zu bedeuten hatte, dann dass er nicht erwünscht war. „Ich habe ein Treffen. Und ja, ich bin wieder zurück in der Stadt und gründe eine Gemeinde. Der erste Gottesdienst ist am Sonntag in einer Woche in der alten First United Church in der Mercy Road, im Nordwesten der Stadt. Ihr wisst ja, wo das ist.“ Er ging zur Tür. „Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mir die Haare zu schneiden, Ginger. Das weiß ich sehr zu schätzen. Sehen wir uns am Wochenende?“

Sie nickte. Einmal. „Denke schon.“

Als sich die Tür hinter ihm schloss, ging Tom durch den eisigen Wind den Gehweg hinunter. Was war nur an Ginger, dass sie so eine Sehnsucht in ihm weckte? Das schmerzhafte Verlangen, ihr Freund zu sein, mit ihr zu lachen, mit ihr zu besprechen, was ihm auf dem Herzen lag, sich anzuhören, was ihr auf dem Herzen lag, ihre Narben zu berühren und ihr zu sagen, dass alles gut werden würde?

Ihr zu sagen, dass sie wunderschön war.

Aber wie könnte er je eine Liebesbeziehung mit ihr beginnen? Was würden seine Eltern sagen?

Schüttel das ab. Er war nicht nach Rosebud zurückgekommen, um Gingers Herz zu gewinnen. Er war gekommen, um einen Dienst anzufangen, um Gottes Ruf zu folgen, und vielleicht, um den Ruf und das Erbe seiner Familie wiederherzustellen. Nicht um die Leute an das Versagen seines Vaters zu erinnern. Daran, dass er seine Familie und all ihre Habseligkeiten gepackt und mitten in der Nacht unter vermeintlich skandalösen Umständen abgereist war. Dass er seine Kirche, seine Berufung − und für eine kurze Zeit auch seinen Glauben – hinter sich gelassen hatte.

Tom musste mehr als anständig sein, er musste über jeden Zweifel erhaben sein, damit sein Gemeindegründungsprojekt aufblühen konnte.

Aber, möge der Himmel ihm helfen, Ginger Winters war so schön wie eh und je, wenn auch nicht mehr so offen und verwundbar wie damals, als er sie zuletzt gesehen hatte. Und so verrückt das klang, irgendwo tief in ihm, unter all den Schichten des Anstands, unter aller Angst, sehnte sich Tom danach, der Mann in ihrem Leben zu sein.

Genau wie er sich danach gesehnt hatte, als er sie zum ersten Mal überhaupt erblickt hatte.

Kapitel 3

Sie fühlte sich schlecht, weil sie ihn behandelt hatte, als sei er ein Stück Klopapier, das an ihrer Schuhsohle klebte. Aber Tom Wells? Wäre der Mann im Mond hereinspaziert und hätte sie um einen Haarschnitt gebeten, wäre sie darauf wohl besser vorbereitet gewesen als auf ihn.

Nachdem Tom gegangen war, saß Ginger am Esstisch im Hinterzimmer, sortierte ihre Gefühle und aß Pizza, während Ruby-Jane redete. „Herrje, da werde ich mich wohl nochmal bekehren und in Toms Kirche gehen müssen. Ich meine, um Himmels Willen, er ist einfach umwerfend, und dann auch noch ein Mann Gottes …“

„Ruby-Jane, bitte lass dich nicht ins Bockshorn jagen. Erinnerst du dich nicht mehr, wie sich die komplette Familie aus der Stadt geschlichen hat? An den Skandal?“ Ginger biss ein kleines Stück Pizza ab. Ihre Haltung gegenüber Tom hatte ihren Appetit ein wenig gedämpft. „Wie der Vater, so der Sohn.“

„Um was ging es da eigentlich?“, fragte Ruby-Jane.

„Wer weiß das schon? Wen interessiert es?“ Ginger nicht. Jedenfalls wollte sie gerne glauben, dass es sie nicht interessierte. Welche Frau im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte schleppte schon den Schmerz darüber, dass ein Junge sie versetzt hatte, über ein Jahrzehnt lang mit sich herum?

„Na, mich. Mein zukünftiger Ehemann könnte der neue Starprediger von Rosebud sein.“ Ruby-Jane legte sich noch ein Pizzastück auf den Teller. „Nun komm, erzähl mir doch nicht, dass du immer noch sauer bist, weil er die Stadt verlassen hat, ohne dir vorher Bescheid zu sagen.“

„Er ist ja nicht nur gegangen. Er ist verschwunden.“

„Ginger, die sind doch nicht verschwunden. Wir haben doch gehört, dass sie nach Atlanta gezogen sind.“

„Aber nicht von ihm selbst. Ich habe gedacht, wir seien Freunde, weißt du? Aber kein Pieps von ihm, die ganze Zeit nicht, bis er vor zwanzig Minuten hier hereinspaziert ist.“ Traurig darüber, dass ihr sogar der Appetit auf Anthonys Pizza vergangen war, schob Ginger sich vom Tisch weg. „Können wir jetzt weiterstreichen?“

„Also bist du immer noch sauer.“ Ruby-Jane wischte sich die Mundwinkel mit einer zusammengeknüllten Serviette ab. „Das ist zwölf Jahre her.“

„Ich bin nicht sauer.“ Doch das war sie, und das störte sie, gründlich. „Komm schon, lass uns wieder an die Arbeit gehen. Ich will wenigstens eine Wand schaffen, bevor ich am Freitag abfahre.“

„Du weißt, dass er Erics Trauzeuge ist. Er wird das gaaanze Wochenende bei diesem Maynard-James-Spektakel sein.“

„Ich habe es gehört. Ich habe hier gestanden, als er das erzählt hat. Worauf willst du hinaus?“

„Ich glaube, dass du in ihn verknallt bist. Immer noch. Und dass du sauer auf ihn bist. Immer noch.“

„Und ich glaube, dass dir die Farbdämpfe ins Hirn gestiegen sind. Ich bin nicht in ihn verknallt. Ich bin nicht sauer auf ihn.“ Ginger eilte in den Ladenraum, entfernte die Schürze und griff nach dem leicht beklecksten Kittel.

Dennoch sagten ihr ihr Puls und das ängstliche Flattern in ihrer Brust etwas anderes. In Wirklichkeit war sie verletzt. Schlimmer noch, es war durchaus möglich, dass sie immer noch in ihn verknallt war. Ihn zu sehen, hatte eine Tür eingetreten, von der sie gedacht hatte, sie hätte sie gründlich verrammelt und verriegelt.

„Weißt du was?“, sagte Ruby-Jane, die hinter ihr mit einem Stück Pizza und ihrem Kittel in der Hand hereinkam. „Es geht nicht bei allem um deine Vergangenheit, darum, dass du in der Wohnwagensiedlung aufgewachsen bist oder um deine Narben.“

Ginger nahm ihre Farbrolle zur Hand. „Das habe ich auch nie behauptet.“

„Wenn ich sehe, wie kalt und steif du mit Tom umgehst, wie schroff du mit ihm bist, dann weiß ich, dass du Gefühle für ihn hast. Immer noch. Aber du nimmst dich selbst nur als das Mädchen mit den Brandnarben aus der Wohnwagensiedlung wahr, das für niemanden gut genug ist.“

„Ich bin das Mädchen aus der Wohnwagensiedlung.“ Ginger schob ihren Ärmel hoch. „Und ich bin immer noch sehr vernarbt. Sieh mal, er ist einfach ein Mann, der wegen eines Haarschnitts hergekommen ist. Ende der Geschichte.“

„Ein Mann, der wegen eines Haarschnitts hergekommen ist?“ Ruby-Jane lachte mit dem Mund voller Pizza und funkelnden braunen Augen. „Ginger, du hättest mal dein Gesicht sehen sollen, als ich gesagt habe, er könnte mein zukünftiger Ehemann sein. Du bist erst blass geworden, dann rosa und dann grün.“

„Du bist echt eine Märchenerzählerin.“ Ginger hob ihre Rolle zur Decke und streckte sich, so hoch sie nur konnte, um so viel Wand zu streichen, wie es ohne eine Leiter nur möglich war. Sie würde die Trittleiter aus dem Schuppen holen müssen, um ganz oben zu streichen. „Hast du mit Michele und Casey geklärt, ob sie die Termine am Wochenende im Griff haben?“

„Mit denen habe ich gestern gesprochen, Boss. Und du weißt doch, dass ich hier sein und aushelfen werde.“ Ruby-Jane nahm ihre Farbrolle ebenfalls zur Hand. „Fall nicht wieder in die Highschool-Rolle zurück, okay? Ich mag die selbstbewusste Salonchefin, die weiß, dass sie eine fabelhafte Stylistin ist.“ RJ zupfte an Gingers Schal. „Obwohl du dich immer noch hinter dieser Art Zeugs versteckst.“

Ginger wich RJs Berührung aus und legte den Schal wieder an seinen Platz, wo er ihre raue, runzlige Haut bedeckte. „Manche Dinge ändern sich eben nie.“

Aber andere Dinge konnten sich ändern. Wie das Interieur dieses Salons. Wie ihr Ruf als coole Salonbesitzerin in der wiederbelebten Innenstadt von Rosebud, der Heimat des Gouverneurs von Alabama. Wie die Tatsache, dass sie Männer wie Tom Wells junior, ob nun Prediger oder nicht, nicht an sich herankommen ließ. Männer wie er heirateten spindeldürre Blondinen mit von Gott geküssten Gesichtern, Lächeln, die funkelten wie Diamanten, und makelloser, glatter Haut.

„Weißt du, Ginger, seitdem ich dich kenne, versteckst du dich hinter langen Ärmeln und Schals. Ich verstehe das schon.“ Ruby-Jane fuhr mit der Farbrolle auf und ab. „Du fühlst dich mit deinen Brandwunden nicht wohl. Pass nur auf, dass du dich nicht zu gut versteckst und einen Mann wie Tom Wells aus deinem Leben heraushältst. Man kann nie wissen, vielleicht könnte ja gerade er die Flamme deiner Leidenschaft entfachen.“

Oh, Ruby-Jane. Verstand sie es denn nicht? Die Sehnsucht nach dieser Art Flamme, der Flamme von Liebe und Leidenschaft, war das gefährlichste Feuer von allen.

Am Mittwochnachmittag fegte Tom mit einem breiten Strohbesen, den er im Lagerraum gefunden hatte, die groben breiten Dielen des alten Kirchenbodens. Wie die meisten Einrichtungsgegenstände der Kirche stammte der Besen vermutlich aus den 50er-Jahren. Eine neue Gemeinde zu gründen mit gerade einmal genug Geld, um sein mageres Salär zu bezahlen, bedeutete, dass er sowohl Hausmeister als auch Sekretär, Hirte, Prediger und Seelsorger war.

Staub wirbelte vom Boden auf und tanzte im Sonnenlicht, das durch die Querbalken über den Buntglasfenstern fiel.

Er summte ein Lied von der Lobpreisprobe vom Vorabend. Seine Brust vibrierte unter der Melodie, und die Textzeilen belebten seinen Geist.

… you fascinate us with your love.

Er hatte schon befürchtet, er würde auch den Lobpreis zu seinen Aufgaben zählen müssen – und das bei seinen eher grundlegenden Gitarrenkünsten –, bis eine talentierte junge Frau, Alisha Powell, sich für die Aufgabe gemeldet hatte.

Am Abend zuvor hatte Tom in der letzten Reihe gesessen, ihrer Bandprobe zugeschaut und beinahe vor Dankbarkeit geweint. Er hatte in Gottes Gegenwart gesessen und zum zehnten Mal, seitdem er in Rosebud angekommen war, gespürt, dass er aufgrund einer Eingebung des Allmächtigen zurückgekehrt war.

„Nun, wie ich sehe, hast du das wichtigste Werkzeug gefunden.“

Tom warf einen Blick nach hinten. Pop. Lächelnd stützte er sich auf den Besen, während sein Großvater den Mittelgang hinunterschlenderte.

„Wolltest du nachschauen, ob ich ordentlich mit dem Besen umgehen kann?“ Tom streckte Pop die Hand entgegen.

Der alte Mann winkte ab und zog Tom in eine Umarmung. „Ich schätze, im Aufkehren bist du ganz gut. Und es freut mich, dass du ebenso gut predigen kannst.“ Pop ließ sich auf der vordersten Bank nieder, betrachtete den Altar und die Kanzel, hob seinen Blick zur Decke und schaute dann Tom an. „Hier habe ich mit neunzehn meine erste Predigt gehalten.“ Er zeigte auf die Kanzel. „Ich glaube, das alte Ding war damals schon hier.“

Tom setzte sich neben ihn. Den Besen lehnte er an sein Bein. „Worüber hast du gepredigt?“

„Darüber, dass Gott uns würdig macht für das Leben, zu dem er uns berufen hat. Dass er uns zur Vollendung führt.“

„Zweiter Thessalonicher.“

„Gut.“ Pop schlug sich auf die Oberschenkel und erhob sich. „Hauptaufgabe eines Predigers: Kenne das Wort. Lebe es, bete es, singe es. Also Tom, hat Edward Frizz dir ein Sonderangebot für die alte Hütte hier gemacht?“ Er trat vor und stellte sich hinter die Kanzel.

„Er hat mir einen riesigen Gefallen getan. Er hat herausgefunden, dass das Gebäude hier günstig zu kaufen ist. Und das kurz bevor wir einen teuren Mietvertrag für …“ Kurz davor, schmerzhafte Erinnerungen zu wecken, hielt Tom inne.

„Für das Gebäude der alten Gemeinde deines Vaters unterzeichnen wolltet?“, ergänzte Pop für ihn.

Tom stampfte mit den Borsten des Besens auf, als er sich erhob. „Das Gebäude war in einem guten Zustand. Sehr viel moderner als das hier, aber eben teuer. Und ich weiß auch nicht, ich wollte auch nicht …“

„In seinem Schatten stehen?“ Pop beugte sich über die braune, ausgetrocknete Holzkanzel. „Die Leute daran erinnern, was passiert ist?“

„Ich will einfach nur meinen eigenen Weg gehen. Du und ich, wir wissen doch beide, dass in Rosebud eine Menge Leute wohnen, die früher in Dads Gemeinde gegangen sind. Die wissen, dass er unter dubiosen Umständen weggegangen ist. Ich habe erst neulich herausgefunden, was passiert ist und warum wir mitten in der Nacht die Stadt verlassen haben. Ich kann dir garantieren, dass es eine Menge Menschen gibt, die sich ihre ganz eigenen Theorien darüber gemacht haben. Ich bin hergekommen, weil der Herr mich geführt hat. Nicht um die Vergangenheit und die Verdächtigungen der Leute heraufzubeschwören.“ Tom zeigte mit dem Besenstiel auf die alte Orgel hinter dem Taufbecken. „Ich will einen Neuanfang. Selbst wenn wir das an diesem alten Ort hier machen müssen. Mit dieser großen, alten Orgel.“

Pop kam die Stufen herunter. „Dein Daddy hat richtig gehandelt, als er gegangen ist, wie er gegangen ist. Er hat alle Verbindungen abgeschnitten und nur seine Familie und das Nötigste mitgenommen.“

„Mir kam das damals nicht so vor.“

Pop schnitt eine Grimasse. „Nein, aber du bist ja trotzdem ganz ordentlich geraten.“

„Nach einem wilden Umweg übers College und viel zu vielen durchsoffenen Nächten.“

„Was dazu geführt hat, dass du irgendwann ‚Okay Gott, ich gehöre dir‘ gesagt hast, nachdem du Woche für Woche mit dem Kopf in der Kloschüssel gelandet bist.“

Lachend schüttelte Tom den Kopf. Er war dankbar dafür, in Gesellschaft seines Großvaters zu sein, weil er in der Weisheit und der Seelenruhe des alten Mannes Trost fand. „In der Rückschau kann ich Gottes Hand in meinem Leben sehen, sogar im überstürzten Aufbruch der Familie aus Rosebud, aber damals?“ Tom strich leicht mit dem Besen über den trockenen Holzboden. „Ich war überzeugt davon, dass Dad und Gott mein Leben ruiniert hätten. Also, glaubst du denn, dass nächsten Sonntag jemand unter Fünfzig hierherkommen wird? Als ich heute Morgen vom Pfarrhaus herübergekommen bin, ist mir bewusst geworden, wie alt diese Kirche wirkt. Weiße Holzschindeln, Kirchturm, kleiner Eingangsbereich, langes, rechteckiges Kirchenschiff, Buntglasfenster.“

„Sei du nur deiner Berufung und dem Herrn treu. Lass Ihn das Los werfen und die Entscheidungen treffen.“

Tom lehnte sich gegen die Seite einer Bankreihe. Das Licht hatte sich verändert, und ein Kaleidoskop der Farben bewegte sich auf dem weißen Putz. „Meinst du, ich packe das?“

„Spielt es denn eine Rolle, was ich denke?“ Pop setzte sich wieder und lehnte sich, die Hände auf den Knien, zurück. Sein Karohemd lag glatt auf seiner schmalen Brust. „Es spielt doch nur eine Rolle, was Er denkt und dass du auf Seine Liebe für dich und auf Seine Führung vertraust.“

„Tja, darum geht es letztlich wohl immer, wenn man Jesus nachfolgen will.“

„Das Beste, was ich dir mitgeben kann, ist Ihn von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft zu lieben. Tu das, und dann wirst du gar keine Zeit haben für irgendwelche anderen Techtelmechtel.“

Apropos Techtelmechtel … „Ich bin heute Morgen Ginger Winters über den Weg gelaufen.“

Pop runzelte die Stirn. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich erinnere, wer …“

„Sie ist die Tochter der Frau …“

„Ah“, sagte Pop, „verstehe.“

„Sie hat jetzt einen Schönheitssalon in der Main Street. Wo Maggies Salon früher war. Ich bin hingegangen, um mir für Erics Hochzeit dieses Wochenende die Haare schneiden zu lassen, und habe statt der guten alten Maggie Ginger vorgefunden.“

„Ich habe schon gehört, dass sie in den Ruhestand gegangen ist. Aber es dauert immer etwas länger, bis die neuesten Nachrichten zur Farm vorgedrungen sind.“ Pop musterte Tom augenzwinkernd. „Was hat es also mit diesem Ginger-Mädchen auf sich? Außer dass sie die Tochter von …“

„Richtig … also, wir waren damals Freunde und gerade dabei, uns besser kennenzulernen, als alles den Bach runtergegangen ist. Ich wusste nicht einmal, dass ihre Mutter und Dad einander kannten.“

Er war nie dazu gekommen, Ginger zu fragen, was sie für ihn empfand. Die Schule hatte gerade erst begonnen. Sie hatten sich ein paar Mal zum Lernen getroffen, mehr war nicht passiert. Aber wenn er mit ihr zusammen war, fühlte sein Herz neue und wundervolle Dinge. Dann wollte er ein besserer Mensch sein.

Sie dagegen war schwer zu lesen. Behielt ihre Gefühle für sich.

„Hast du ihr das Herz gebrochen?“

„Das weiß ich nicht. Wir waren zum Kino verabredet, als Dad mich zwang, meine Sachen zu packen.“ Tom schüttelte den Kopf und starrte an Pop vorbei zur Chortür. „Ich habe sie nie angerufen. Ich habe mich zu sehr geschämt. Ich wusste auch nicht, was ich ihr sagen sollte. ‚Wir schleichen uns aus der Stadt. Mein Dad ist ein Trottel.‘ Also habe ich es einfach gelassen. Ich habe ihr nie geschrieben, habe sie nie angerufen.“

„Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, Tom. Ich glaube kaum, dass sie heute noch Groll hegt, weil ein Highschool-Bubi sie nicht zu Pizza und Kino abgeholt hat. Sie dürfte die ganze Geschichte kennen, wo ihre Mama doch involviert war.“ Pop rieb sich das Kinn. „Obwohl Tom senior es geschafft hat, das alles gut unter Verschluss zu halten.“

„Ich weiß nicht, was sie weiß, außer dass ich sie versetzt habe.“ An dem Donnerstagnachmittag, als er sie nach der Schule um die Verabredung gebeten hatte, hätte er sie beinahe geküsst, als sie so neben seinem Auto standen. Aber Eric und Edward waren aus dem Nichts aufgetaucht, aufwieglerisch, voller Übermut, und hatten die ganze Stimmung kaputtgemacht.

Und sie dann heute zu sehen? Es fühlte sich an, als ob ein loser Teil seines Herzens wieder an seinen Platz gekommen wäre. Ginger ging es gut. Sie war erfolgreich. Und immer noch wunderschön. „Na, egal“, sagte Tom, schaute zu Boden und fegte weiter. „Sie hat dann später ziemlich Karriere gemacht. Sie war Stylistin für Tracie Blue. Das ist eine bekannte Country-sängerin …“

„Ich kenne Tracie Blue“, sagte Pop lächelnd. „Das ist ziemlich beeindruckend.“

Tom lachte. „Und woher kennt ein alter Evangelist wie du Tracie Blue?“

„Facebook.“

„Facebook?“

Pop nickte. „Deine Tante Marlee hat mich angemeldet.“

„Nicht mal ich bin bei Facebook.“ Tom lachte und klopfte mit dem Besen auf den Boden.

„Dann sag Marlee, dass sie dir ein Profil anlegen soll.“

Pop wurde wieder ernst. „Tom, ich habe in der Sache nur einen Rat für dich. Brüte nicht über dieser Ginger-Geschichte. Bring die Sache in Ordnung, wenn du das Gefühl hast, da ist noch was offen, aber brüte nicht darüber. Schreibe ihr nicht auf der Grundlage dessen, was du denkst und fühlst, Gedanken und Gefühle zu. Deshalb ist die Welt ja so durcheinander.“

Pop, solch eine Quelle der Weisheit und der Wahrheit. „Sie wird bei der Hochzeit sein. Ich schätze, ich werde wohl einen Moment finden, in dem ich mich mit ihr unterhalten kann.“

„Mach sie aber bloß nicht zu einer Art Projekt.“ Pop beugte sich vor und tippte Tom auf den Arm. „Lass Gott sich um ihre ewige Seele kümmern. Verweise sie auf Ihn, nicht auf dich selbst.“

„Ja, ja. Verstehe. Dad hat mir die gleiche Predigt gehalten.“

„Das sollte er auch. Weil es genau das ist, was ihn aus der Bahn geworfen hat. Menschen als persönliche Projekte zu sehen. Sich verantwortlich zu fühlen. Andere sich sehen zu lassen anstatt Jesus. Er hat schon immer mit seinem Stolz gekämpft. Das habe ich ihm schon oft aufgezeigt. Aber Gott versöhnt. Gott heilt.“ Pop sprach weiter: „Aber du, mein lieber Junge, musst dich daran erinnern, warum du nach Rosebud zurückgekehrt bist. Und das lag nicht nur daran, dass Edward Frizz dich angerufen und dich gebeten hat, eine neue Gemeinde zu gründen.“

„Und nicht nur, weil ich Dads Name und Ruf wiederherstellen will.“

„Nein.“ Pops Lachen dröhnte laut. „Den Teil lässt du besser ganz weg. Wenn du erst einmal anfängst, dir um den Ruf von irgendwem Sorgen zu machen, wirst du untergehen, noch bevor du angefangen hast.“ Er zeigte zur Decke. „Schau auf Ihn, nicht auf dich selbst, deine Familie, den Namen Wells oder die Vergangenheit. Weißt du, was König Sauls Ruin war? Ihm war wichtiger, was die Leute dachten, als was Gott dachte.“

Tom lauschte, dachte nach, versuchte das, was wegen Ginger Winters an seinen Gedanken nagte, mit dem, was Pop sagte, in Einklang zu bringen.

„Weißt du was?“, sagte Pop und stand auf. „Wenn du diesem Mädchen wirklich helfen willst, dann gewinne sie für Jesus.“

„Heißt das nicht, dass ich sie zu einem Projekt mache?“

Pop grunzte. „Nein, das heißt, ihr zu zeigen, dass sie geliebt ist. Alles andere ist Wollust oder Stolz. Dein eigenes Herz und deinen Ruf zu riskieren, um sie zur Wahrheit zu führen, ist Liebe. Wie wäre es, wenn wir beim Mittagessen weiter darüber sprechen? Ich bin am Verhungern.“

Tom lehnte den Besen gegen eine Bank und ging in sein Büro, um seine Jacke zu holen. Sie für Jesus gewinnen? Musste sie denn gewonnen werden? Wie baue ich eine Beziehung zu ihr auf? Was soll ich bloß sagen? Er betete murmelnd, während er in den Kirchenraum zurückkehrte und mit Pop zum Auto ging.

Eine einfache, aber herrliche Antwort auf seine Frage stieg in ihm auf und verweilte in seinem Herzen.

Sage ihr, dass sie schön ist.

Pulsuz fraqment bitdi.

15,26 ₼

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