Kitabı oxu: «Übersetzungstheorien»
Radegundis Stolze
Übersetzungstheorien
Eine Einführung
A. Francke Verlag Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0087-3
Inhalt
Vorwort
1 Zur Vorgeschichte 1.1 Der Begriff Übersetzung 1.2 Die historische Rolle der Übersetzer 1.3 Die griechisch-römische Antike als Übersetzungsepoche 1.4 Verdeutschende Übersetzung (Luther)
Der Blick auf die Sprachsysteme2 Relativistisch orientierte Theorien2.1 Einheit von Sprache und Denken (Humboldt)2.2 Verfremdendes Übersetzen (Schleiermacher)2.3 Die Sprachinhaltsforschung (Weisgerber)2.4 Das linguistische Relativitätsprinzip (Sapir/Whorf-Hypothese)2.5 Formbetontes Übersetzen (Benjamin)2.6 Dekonstruktion und Unübersetzbarkeit (Derrida)3 Universalistische Übersetzungstheorie3.1 Sprache als Kommunikationsinstrument3.2 Zeichentheorien und Funktionen der Sprache3.3 Der Zeicheninhalt3.4 Universalienforschung3.5 Strukturelle Semantik3.6 Die absolute Übersetzbarkeit (Koschmieder)4 Der Übersetzungsvorgang als interlingualer Transfer4.1 Wissenschaftliche Maximen moderner Linguistik, MÜ4.2 Das kommunikationstheoretische Modell des Übersetzungsvorgangs (Kade, Neubert)4.3 Die potentiellen Entsprechungen zwischen AS und ZS4.4 Translation shifts (Catford)4.5 Translation quality assessment (House)4.6 Übersetzen als Transferprozess (Wilss)4.7 Schemabasierung des Transfers als Fertigkeit5 Die sprachenpaarbezogene Übersetzungswissenschaft5.1 Die Stylistique comparée (Vinay/Darbelnet, Malblanc)5.2 Umsetzungsprozeduren (Jumpelt)5.3 Translation rules (Newmark)5.4 Fehleranalyse und Übersetzungsdidaktik (Truffaut, Friederich, Gallagher, Henschelmann)
Der Blick auf die Texte6 Übersetzungswissenschaft und Äquivalenzdiskussion6.1 Ausgangspunkt Bibelübersetzung (Nida)6.2 Die Übersetzungsmethode (Nida/Taber)6.3 Philologische Genauigkeit (Schreiber)6.4 Die normativen Äquivalenzforderungen (Koller)6.5 Der Begriff „Äquivalenz“7 Textlinguistik und übersetzungsrelevante Texttypologie7.1 Textkonstitution durch Satzverknüpfung (Harweg)7.2 Sprachspezifische Unterschiede der Syntax7.3 Gliederungssignale in Texten (Gülich/Raible)7.4 Übersetzungsorientierte Texttypologie (Reiß)7.5 Übersetzungsrelevante Textgattungen (Koller)7.6 Aspektliste zum Übersetzen (Gerzymisch-Arbogast)8 Die pragmatische Dimension beim Übersetzen8.1 Die Sprechakttheorie (Austin, Searle)8.2 Illokutionsindikatoren in Texten8.3 Die funktionale Satzperspektive und Fokussierung8.4 Textsorten durch Kommunikationskonventionen8.5 Strategie des Übersetzens (Hönig /Kußmaul)9 Die Rolle der literarischen Übersetzung9.1 Literarische Qualität in Übersetzungen (Levý, Popovič)9.2 Literarische Übersetzung als Mimesis (Steiner)9.3 Manipulationistische Fallstudien (Bassnett, Hermans, Lefevere)9.4 Literatur als Polysystem (Even-Zohar)9.5 Kulturgeschichte der Übersetzung (SFB Göttingen)
Der Blick auf die Disziplin10 Übersetzungsforschung als Feldtheorie10.1 Der empirische Ansatz (Holmes)10.2 Descriptive Translation Studies DTS (Toury)10.3 Korpusanalysen und übersetzerische Regularitäten (Toury, Baker)11 Übersetzungswissenschaft als Interdisziplin11.1 Prototypologie der Texte (Snell-Hornby)11.2 Integration linguistischer Theorien11.3 Das Scenes-and-frames-Konzept (Vannerem/Snell-Hornby)11.4 Textstatus und Stil (Leech/Short)12 Translationstheorie als Handlungstheorie12.1 Eine allgemeine Translationstheorie (Vermeer)12.2 Die Skopostheorie
Der Blick auf das Handeln13 Die funktionale Translation13.1 Übersetzen als interkultureller Transfer (Reiß/Vermeer)13.2 Das Faktorenmodell der Translation (Reiß)13.3 Translation als Expertenhandeln (Holz-Mänttäri)13.4 Das Konzept der Berufsprofile14 Der didaktische Übersetzungsauftrag14.1 Die übersetzerische Loyalität (Nord)14.2 Analyse des Übersetzungsauftrags14.3 Die Übersetzungsprobleme14.4 Der interpretationstheoretische Ansatz (Siever)15 Übersetzen und Ideologie15.1 Postmoderne Strömungen des cultural turn (Arrojo, Venuti)15.2 Feministische Translation (v. Flotow, Wolf)15.3 Translation als Machtspiel und politische Ethik (Bhabha, Tymoczko)15.4 Translationssoziologie (Gouanvic, Prunč, Wolf)15.5 Der systemtheoretische Ansatz (Hermans, Tyulenev)
Der Blick auf den Übersetzer16 Übersetzen als Interpretation16.1 Die Pariser Schule (Seleskovitch, Lederer)16.2 Die Deverbalisierung16.3 Ein sprachphilosophischer Ansatz (Ladmiral)16.4 Die Relevanztheorie (Gutt)17 Das hermeneutische Denken17.1 Denken – Sprache – Verstehen (Schleiermacher)17.2 Der Umgang mit Texten (Gadamer, Ricœur)17.3 Grundbegriffe der Übersetzungshermeneutik17.4 Übersummativität, Multiperspektivität, Individualität von Texten (Paepcke)17.5 Orientierungsfelder beim Übersetzen (Stolze)17.6 Formulierungsziel Stimmigkeit18 Kognitionspsychologische Forschung zum Übersetzen18.1 Der Blick in die ‘Black Box’ – Lautes Denken (Krings)18.2 Psycholinguistische Studien: Intuition und Kognition (Wilss)18.3 Konstruktives Übersetzen (Hönig)18.4 Kognitive Grundlagen der Expertentätigkeit (Risku)18.5 Kreativität beim Übersetzen (Kußmaul)18.6 Empirische Untersuchung von Verhaltensmustern (Hansen)18.7 Translationsprozessforschung (Göpferich)19 ZusammenfassungInterdisziplinaritätModellstrukturenForschungsinteresseProblembewusstsein: Theorie und Praxis
Bibliographie
Personenregister
Sachregister
Vorwort
Für Studierende des Faches ÜbersetzenÜbersetzen stellt sich die wissenschaftliche Beschreibung ihres Studieninhalts am Anfang recht unübersichtlich und komplex dar. Bei einer „Einführung in die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft“ ist die oft unvereinbare Begrifflichkeit der verschiedenen Richtungen der ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie auffällig, die doch alle den Anspruch haben, das Gleiche, den Vorgang der Umsetzung eines Textes in eine andere Sprache,Sprache zu beschreiben. Dieses schillernde Bild wird durch das weitgehend unverbundene Nebeneinander der deutschen Übersetzungswissenschaft und von Forschungsansätzen aus anderen Ländern noch unklarer.
Die Komplexität wird besonders deutlich, wenn man Festschriften oder Kongressakten durchsieht, die ja Beiträge von Wissenschaftlern unterschiedlicher Provenienz enthalten, welche einander oft auch direkt widersprechen. In den einzelnen Theorien wird jeweils meist ein Gedanke besonders hervorgehoben, der an anderer Stelle zu wenig oder noch nicht gesehen worden war. Problematisch ist dann allerdings der Versuch, eine Einzelerkenntnis zum Dreh- und Angelpunkt einer allgemeinen ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie zu machen.
Obwohl sich die Forschungstätigkeit zum Übersetzen mittlerweile durchaus als eine Disziplin etabliert hat, zeigt das Erscheinungsbild einer Wissenschaft nach außen hin wenig Konturen, wenn sich in ein und demselben Sammelband zum ThemaThema „ÜbersetzenÜbersetzen“ die Einzelbeiträge unversöhnlich gegenüberstehen. Dies mag mit ein Grund dafür sein, dass das Übersetzen außerhalb des Kreises der damit unmittelbar Befassten zuweilen eher geringschätzig betrachtet worden ist und dass die Wissenschaft vom Übersetzen sehr lange nicht als eine eigenständige Disziplin anerkannt worden ist.
Der interdisziplinäre Charakter der Wissenschaft vom ÜbersetzenÜbersetzen, die mit unterschiedlichen Nachbardisziplinen in Kontakt steht, ist ein weiterer Grund für die Vielfalt der theoretischen Ansätze und damit auch für die Uneinheitlichkeit im Begriffsapparat. Die Fortentwicklung der noch relativ jungen Disziplin führte nicht zu einer allmählichen Herausbildung einer allgemeinen Übersetzungstheorie, vÜbersetzungstheorieielmehr wurden und werden ständig neue „Ansätze“ entwickelt.
Die Entwicklung verlief keineswegs geradlinig, sondern eher wie eine Spirale, immer wieder aus einem anderen Blickwinkel um dieselben Fragen kreisend. Viele Gedanken wurden unabhängig voneinander oft gleichzeitig geäußert, weil andere Denkrichtungen nur ungenügend zur Kenntnis genommen wurden. Andererseits wurden fremde Einsichten bei der Einarbeitung in eigene Überlegungen häufig anders bewertet und führten dann neben begrifflicher Umdeutung auch zu neuen Schlussfolgerungen. Die Orientierung hier zu erleichtern ist ein Anliegen des vorliegenden Studienbuches, indem Querverbindungen und Berührungspunkte der verschiedenen Übersetzungstheorien hervorgehoben werden.
TheorieTheorie ist ja der Versuch, die vielfältigen Strukturen und Zusammenhänge eines konkreten Sachverhalts in einem abstrakten Modell darzustellen, sodass eine Problematik klar hervortritt. Doch allein die Bezeichnungen des Forschungsgegenstandes variieren zwischen Ausdrücken wie (dt.) ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft, Übersetzungstheorie, TranslationslinguistikTranslationslinguistik, Translationswissenschaft, Translationstheorie, TranslatologieTranslatologie, TranslatorikTranslatorik, (engl.) theory of translation, translation theory, translation science, translation studies, translatology, (frz.) traductologie, translatistique, traductique, théorie de la traduction, (it.) teoria della traduzione, translatica, (sp.) traductología, teoría de la traducción, (pg.) teoria da tradução. Die Konkurrenz zwischen „ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie“ und „Übersetzungswissenschaft“ zeigt außerdem, dass noch nicht entschieden ist, ob es sich hier um eine allgemeine, reine Theoriediskussion handelt oder vielmehr um eine angewandte SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik, welche die Verbesserung konkreter Übersetzungsleistungen zum Ziel hat.
Die fortschreitende DifferenzierungDifferenzierung der Wissenschaft bringt auch eine Differenzierung der Wissenschaftssprache mit sich. So gilt, dass einerseits Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Modellen nicht notwendig auch Übereinstimmung in der Sache und andererseits neue Terminologien nicht auf jeden Fall auch neue Erkenntnisse beinhalten. Gleiche Benennungen werden in den Geisteswissenschaften oft unterschiedlich definiert, mit anderen Inhalten versehen, ja sie wandern auch zwischen den Disziplinen. Daher wird ein wissenschaftlicher BegriffBegriff vor allem im Rahmen seiner Entstehung und seines geisteswissenschaftlichen Hintergrundes richtig verstanden. Umgekehrt sind für den Kenner der Materie die Begriffsbenennungen für sich schon ein Indiz dafür, um welche „Schule“ es sich gerade handelt. So zeigt sich ein Unterschied der wissenschaftlichen Herkunft, wenn etwa von „der ÜbersetzerinÜbersetzer“, vom „TranslatorTranslator“ oder vom „zielsprachlichen SenderSenders. Autor, Produzent“ die RedeRedes. parole ist. Das vorliegende Studienbuch möchte hier eine Orientierung bieten, indem Herkunft und InhaltInhalt von Kernbegriffen erläutert und verbreitete Übersetzungstheorien vorgestellt werden. Zu diesem Zweck werden die ausgewählten theoretischen Ansätze bewusst mit reichlichen Originalzitaten vorgestellt, um die jeweilige Diktion erkennbar werden zu lassen. Damit soll der Zugang zu den Haupttexten der vorgestellten Richtungen erleichtert werden, wobei diese jeweils am Kapitelende als „Lektürehinweise“ genannt sind.
Fragt man sich also, worin denn – kurz gefasst – die wesentlichen Unterschiede zwischen den heute gängigsten Übersetzungstheorien liegen, so wird deutlich, dass kaum jemand eine klar umrissene, stringente TheorieTheorie als solche entworfen hat. Vielmehr wurde die eigene Vorstellung meist in der Diskussion konkreter ÜbersetzungsproblemeÜbersetzungsprobleme und nach ausführlicher kritischer Würdigung anderer Ansichten mehr oder weniger implizit mit zum AusdruckAusdruck gebracht. Kernfragen wie die ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit überhaupt, Möglichkeiten der Textanalyse, die Übereinstimmung zwischen TextvorlageTextvorlages. Ausgangstext, AS, Original und Übersetzung, die Wirkung des Übersetzungstextes als einzelner, sowie im Rahmen einer Nationalliteratur, konzentrieren jeweils eine Wolke unterschiedlicher Kommentare, Analysen und kritischer Darstellungen um sich, die oft genug die Verwirrung eher noch steigern, weil der eigene Standpunkt nicht klar genug definiert wird. Dies gilt auch für die wiederholten Versuche einer Aufarbeitung der Geschichte des Übersetzens, weil auch hier nicht nach „Schulen“ differenziert wurde, sondern wiederum die Meinungen verschiedener Autoren zu wesentlichen Übersetzungsproblemen zusammengetragen und undifferenziert miteinander verglichen wurden.
Es gibt aber gewisse Grundtendenzen im Denkansatz, die herausgearbeitet werden können. Diese verständlich zu machen dient dem Bestreben, ein gewisses Vorverständnis für die Lektüre einschlägiger Werke zu entwickeln. So lässt sich in einem Überblick über die neueren übersetzungswissenschaftlichen Studien inzwischen ein gewisser Perspektivenwandel der Wissenschaftler in der Problemdiskussion ausmachen.
Zunächst konzentrierte man sich auf die Sprachenpaare, die beim ÜbersetzenÜbersetzen aufeinandertreffen und verglich deren Wort- und Satzstrukturen. Da aber nicht nur Wörter und Sätze, sondern Texte im Rahmen einer gesellschaftlichen SituationSituation übertragen werden, wandte sich das wissenschaftliche Interesse produktorientiert alsbald mehr textlinguistischen Fragestellungen zu. Die Beobachtung der Vielschichtigkeit von Texten und die Einwirkung außersprachlicher Bedingtheiten hat schließlich den Blick auf die übersetzenden Personen selbst und prozessorientiert auf deren DenkenDenken und HandelnHandeln gelenkt. Dabei wurden einerseits Handlungsmodelle entwickelt und andererseits auch der Versuch unternommen, das Verstehen zu reflektieren und das übersetzerische Denken zu untersuchen, um so dem Prozess auf die Spur zu kommen.
Dass hier für Studienanfänger ein gewisser Klärungsbedarf besteht, macht das Erscheinen mehrerer Überblicksversuche in der ersten Hälfte der neunziger Jahre deutlich. In der vorliegenden durchgesehenen und überarbeiteten siebten Auflage der „Einführung“ wurden zwischenzeitlich erfolgte Weiterentwicklungen, einige bisher übersehene Strömungen und Perspektivenverschiebungen sowie neuere LiteraturLiteratur aufgenommen.
Zunächst geht es darum, die wichtigsten Forschungsrichtungen im Einzelnen vorzustellen und zu erläutern. Nach Denkschulen geordnet werden die wesentlichen Ansatzpunkte und Grundaussagen wichtiger Autoren zum ÜbersetzenÜbersetzen, ggf. mit Originaldefinitionen und Beispielen, vorgestellt und durch Angaben der wichtigsten LiteraturLiteratur zu jedem Kapitel ergänzt. Diese Literaturhinweise sind am Ende des Buches noch einmal in einer Gesamtbibliographie zusammengestellt. Quellenangaben zu speziellerer Literatur erscheinen in den Fußnoten. Kernbegriffe werden besonders hervorgehoben und erläutert. Während in den Naturwissenschaften das Erscheinungsdatum eines Beitrags auf dessen Aktualität schließen lässt, kann hier das Vorgehen nicht rein chronologisch erfolgen, da vieles gleichzeitig oder in partieller Auseinandersetzung entstanden ist. Dennoch ist natürlich auch eine gewisse zeitliche Weiterentwicklung ersichtlich.
Das vorliegende Studienbuch versucht, in die Vielfalt von miteinander konkurrierenden übersetzungstheoretischen Erörterungen eine gewisse Ordnung zu bringen, indem nach der PerspektivePerspektive auf den Forschungsgegenstand (SprachsystemSprachsystem, Text, Disziplin, HandlungHandlung, ÜbersetzerÜbersetzer) unterschieden wird. Die Darstellung konzentriert sich absichtlich nicht auf einige wenige „Schule machende“ Richtungen, denn der junge Wissenschaftler ist ja gerade mit der Vielfalt unterschiedlicher Ansätze konfrontiert. Und auch dem weniger anspruchsvollen „Neuling“ muss nicht unbedingt die Anstrengung der eigenen kritischen Stellungnahme und Auswahl abgenommen werden. Eine strenge Trennung zwischen „Theoretikern“ und „Didaktikern“ erschien auch nicht sinnvoll, weil jeder sich als Didaktiker gerierende AutorAutors. Sender stets auch implizit eine bestimmte TheorieTheorie vertritt (und um die geht es hier), und weil die meisten sog. Theoretiker insgeheim doch auch eine praktische Anwendung ihrer Theorie im Auge haben, sonst würden sie nicht stets ihre Modelle mit praktischen Textbeispielen ausschmücken. PraxisPraxis ohne Theorie ist funktionaler Leerlauf, und Theorie ohne Praxis ist tote Begrifflichkeit.
Die unterschiedlichen Herangehensweisen gegenwärtiger Übersetzungstheorien sowie deren Reichweite werden so deutlich gemacht und miteinander verglichen. Im Durchgang durch diese vielen Theorien ist es faszinierend zu sehen, wie diese immer umfassender werden. Dabei ist es nicht so, dass die jeweils spätere Theorie immer die bessere wäre. Vielmehr wird eher eine Gesamtwahrnehmung der verschiedenen Ansätze der tatsächlichen Komplexität des Übersetzens gerecht. Keineswegs sollen hier aber die Grenzen einer Disziplin „Translationswissenschaft“ aufgezeigt werden, weil sich die Perspektiven der Wissenschaftler und ihr frei wählbarer Standort nicht festlegen lassen.
Den Kapiteln ist jeweils ein kurzes Abstract zur Grundorientierung vorangestellt. Da in der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft die einzelnen Ansätze mit Autorennamen verbunden sind, werden diese in den Abschnittüberschriften genannt, doch gelegentlich wird ein Ansatz auch in mehreren aufeinander folgenden Abschnitten behandelt. Am Ende jeden Kapitels erscheint ein kurzer Kommentar, welcher die LeserLesers. Empfänger und Leserinnen zu kritischer Distanz und zusammenfassendem Nachdenken anregen soll. Bewusst werden in der Bibliographie nur die für diese Einführung wichtigeren Werke der genannten Autoren aufgeführt, sodass einige speziellere und ergänzende Angaben nur in der jeweiligen Fußnote zu finden sind.
Diese Einführung ist gedacht als erste Orientierung im Bereich der Übersetzungstheorien für Studierende der Übersetzerstudiengänge, der Philologien sowie für Praktiker, die schon immer einmal wissen wollten, was denn ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie eigentlich soll. Allerdings ersetzt die Lektüre dieser Einführung nicht das Studium der Originale. Weil eine solche Einführung naturgemäß plakativ und verkürzend ist, möchte dieses Studienbuch zu selbständigem Weiterforschen anregen.
1 Zur Vorgeschichte
Frühe Äußerungen zur ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie dienen der Rechtfertigung der eigenen Arbeit und erläutern einzelne ÜbersetzungsproblemeÜbersetzungsprobleme. Römische ÜbersetzerÜbersetzer wollten ihre MutterspracheMuttersprache bereichern. Zentral war jahrhundertelang die Dichotomie von wörtlicher und sinngemäßer Übersetzung, von TreueTreue und FreiheitFreiheit. Der Ausgangstext galt als ‘heiliges Original’.
1.1 Der BegriffBegriff Übersetzung
Solange Menschen verschiedene Sprachen sprechen, gehört das Dolmetschen und ÜbersetzenÜbersetzen zu den unentbehrlichen Bemühungen um die Überwindung der Sprachbarriere – im politischen wie im wirtschaftlichen Verkehr, bei machtpolitischer Expansion wie beim friedlichen Reisen, aber vor allem bei der Übermittlung von Philosophie, Wissenschaft, Literatur und ReligionLiteratur.
Doch was ist eigentlich „ÜbersetzenÜbersetzen“? Nach dem Brockhaus1 in der 16. Auflage von 1957 ist es
die Übertragung von Gesprochenem oder Geschriebenem aus einer SpracheSprache in eine andere.
In der Encyclopædia Britannica2 heißt es ähnlich:
translation, the act or process of rendering what is expressed in one language or set of symbols by means of another language or set of symbols.
Jene unbestimmte Definition war freilich bald überholt. In der nächsten Auflage des Brockhaus von 19743 hieß es schon:
Übersetzung, die Übertragung von Gesprochenem oder Geschriebenem aus einer SpracheSprache (AusgangsspracheAusgangsspraches. AS) in eine andere (durch einen ÜbersetzerÜbersetzer oder Dolmetscher). Dabei ist die Gefahr einer Bedeutungsverschiebung dort am geringsten, wo die Wiss. bereits durch eine einheitl. TerminologieTerminologie die beste Vorarbeit für eine Ü. geleistet hat: die eindeutige Zuordnung der Wörter zu den gemeinten Sachen oder Vorstellungen. (…) Freie Ü. oder Nachdichtung ist der Versuch, das Original im anderen sprachlichen Medium gleichsam neu zu erschaffen.
In Meyers Enzyklopädischem Lexikon4 von 1979 wird dann unterschieden:
Die Übersetzung ist die Wiedergabe eines Textes in einer anderen SpracheSprache. Sie ist FormForm der schriftlichen KommunikationKommunikation über Sprachgrenzen hinweg im Gegensatz zur aktuellen, mündlichen Vermittlung des Dolmetschers.
In der Web-Enzyklopädie Encarta 2005 heißt es:
Übersetzung. Übertragung von Informationen einer Sprache in eine andere. Unter Übersetzung versteht man im Allgemeinen sowohl Vorgang als auch Resultat. (…)
Im Internet bei Wikipedia findet sich gegenwärtig nur noch der Hinweis, man solle bei „Übersetzungen“ sehr vorsichtig sein.
In der jetzt aktuellen Brockhaus Enzyklopädie5 lesen wir:
1. Computerlinguistik: das ÜbersetzenÜbersetzen eines größeren gesprochenen oder geschriebenen Sprachkomplexes aus einer natürl. SpracheSprache (Quellsprache) in eine andere (ZielspracheZielspraches. ZS) mit Hilfe eines Computers. Man unterscheidet dabei grundsätzlich zw. (voll-)automat. maschineller Ü. und maschinen- oder computerunterstützter Ü. (…)
2. Philologie: schriftl. FormForm der Vermittlung eines Textes durch Wiedergabe in einer anderen SpracheSprache unter Berücksichtigung bestimmter Äquivalenzforderungen. Zu differenzieren sind einerseits die interlinguale (Ü. von einer SpracheSprache in eine andere), die intersemiot. (Ü. von einem Zeichensystem in ein anderes, z.B. vom Text ins Bild) und die intralinguale Ü. (Ü. von einer Sprachstufe in eine andere, z.B. vom Althochdeutschen ins Neuhochdeutsche, vom Dialekt in die Standard- oder Hochsprache), andererseits umfaßt der Oberbegriff die unterschiedlichsten Typen von Ü., z.B. Glossen, Interlinearversion, Übertragung (BearbeitungBearbeitung), Nachdichtung (Adaption) oder auch Neuvertextung (z.B. Filmsynchronisation). (…)
In den verschiedenen Bezeichnungen des Übersetzens als „Übertragung“, „Wiedergabe“, „Nachdichtung“ oder „FormForm der KommunikationKommunikation“ deutet sich schon an, dass die Auffassung von dem, was ÜbersetzerÜbersetzer und Übersetzerinnen seit Jahrhunderten leisten, bis heute durchaus nicht einheitlich ist. Die Bezeichnungen für die schriftlich fixierte Übersetzerarbeit und die spontane mündliche Sprachmittlung, die wir heute Dolmetschen nennen, variieren in den verschiedenen Sprachen erheblich, sowohl in der oft exotischen Etymologie als auch in der Verwendung.
Dafür ist gerade das deutsche Wort Dolmetschen ein Paradebeispiel: Seinen Ursprung hat es wahrscheinlich im 2. Jahrtausend vor Christus in der kleinasiatischen Mitannisprache (talami), und von dort stammt das nordtürkische Wort tilmaç mit der BedeutungBedeutung „Mittelsmann, der die Verständigung zweier Parteien ermöglicht, die verschiedene Sprachen reden“; über das Magyarische gelangt dieses dann ins Mittelhochdeutsche und erscheint im 13. Jh. als tolmetsche.6 In Martin Luthers berühmtem „Sendbrief vom Dolmetschen“ aus dem Jahre 1530 ist dagegen von schriftlicher Übertragung die RedeRedes. parole, und Friedrich SCHLEIERMACHERSchleiermacher unterschied 1813 zwischen der Arbeit des Dolmetschers als dem eher mechanischen Übertragen für den Bedarf des Geschäftslebens und dem „eigentlichen ÜbersetzerÜbersetzen vornämlich in dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst“.7SchleiermacherStörig
Heute bezeichnen wir mit „Dolmetschen“ nur noch die mündliche Übertragung gesprochener Mitteilungen. Als „Konferenzdolmetschen“ bezeichnet man die Tätigkeit der Sprachmittler auf internationalen Konferenzen, die meist in FormForm des „Simultandolmetschens“ in einer Dolmetschkabine geschieht, wobei sich jeweils zwei Dolmetscher regelmäßig abwechseln. Dies unterscheidet sich von „synchron“, der gleichzeitigen Anwesenheit von Gesprächsteilnehmern, z.B. im Chat. Neu ist das „Remote-Dolmetschen“ wo die Dolmetscher aus dem Heimbüro oder an einem anderen zentralen Ort mittels Laptop und Headset remote, also aus der Ferne, die Vorträge einer Veranstaltung dolmetschen. „Schriftdolmetscher“ bringen gesprochene Texte fast zeitgleich elektronisch in Schriftform für Hörgeschädigte, die dies auf dem Tablet lesen können.
Das „Konsekutivdolmetschen“ ist demgegenüber die Aufgabe, eine RedeRedes. parole in der Fremdsprache anzuhören, sich deren InhaltInhalt und Aufbau zu merken, um sie hernach zusammenhängend in der eigenen SpracheSprache wiederzugeben. Hierzu wird meist eine bestimmte „Notizentechnik“ verwendet. Beim „Gesprächsdolmetschen“ oder „Verhandlungsdolmetschen“ geht es darum, in kleinen Gruppen oder bei Besprechungen RedeRedes. parole und Gegenrede dialogisch hin und her zu dolmetschen. Immer mehr Bedeutung gewinnt heute das „Kommunaldolmetschen“ als Sprachmittlung für Ausländer bei der Justiz und den staatlichen Behörden eines Landes.
Das „ÜbersetzenÜbersetzen“ als schriftliche Übertragung unterscheidet sich vor allem dadurch vom mündlichen Dolmetschen, dass die TextvorlageTextvorlages. Ausgangstext, AS, Original längere Zeit zur Verfügung steht und der Übersetzungstext nach einem ersten Entwurf überarbeitet werden kann. Das „Urkundenübersetzen“ unterliegt zudem gewissen rechtlichen Vorschriften. Während es beim Dolmetschen vor allem um zwischenmenschliche Verständigung geht, steht beim Übersetzen Genauigkeit und Wirkung der übermittelten Botschaft im Vordergrund. Die nachfolgend vorgestellten Theorien beziehen sich nur auf das Übersetzen, denn die Dolmetschwissenschaft ist ein eigenständiger Forschungsbereich.
1.2 Die historische Rolle der ÜbersetzerÜbersetzer
Die ältesten erhaltenen Übersetzungen reichen bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurück (altbabylonische Inschriftentafeln religiösen Gehalts in sumerischer und akkadischer SpracheSprache). Jahrtausendelang dominierte – neben Texten wissenschaftlichen und administrativen Charakters – die Übersetzung der religiösen LiteraturLiteratur.
Die politische BedeutungBedeutung des Übersetzens zeigt das „Dolmetscherrelief“ in einem ägyptischen Edlengrab1, nämlich des Statthalters Haremhab in Memphis.2 Das Bild zeigt auch etwas über den sozialen Status des Dolmetschers. Er ist in der Mitte des Bildes in Doppelgestalt als Hörender und als Redender abgebildet. In Altägypten wurde der Ehrentitel „Mensch“ nur den eigenen Leuten zugebilligt, Fremdvölker galten schlicht als „elende Barbaren“ (KURZ 1986:73), ähnlich wie auch bei den Griechen, und sind deshalb im Bild kleiner dargestellt. So ergibt sich die Kommunikationsrichtung von oben nach unten, was auch auf den Dolmetscher abfärbt. Er ist als bloßer Handlanger viel kleiner als der Gaugraf, ja sogar noch kleiner als die Ausländer, obwohl er mit diesen auf gleicher Stufe redet. Dolmetschen ist eben nur eine Dienstleistung für die Verständigung, keine Tätigkeit eigenen Rechts, und zudem verdächtig. Man beachte das uralte italienische Epigramm mit dem Diktum traduttore traditore. Erst in dem Maße, wie Vorurteile und Misstrauen gegenüber fremden Völkern abgebaut werden und die KommunikationKommunikation sich auf Gleichberechtigte einpendelt, wird auch die Stellung des Dolmetschers aufgewertet. Ein Dolmetscher oder ÜbersetzerÜbersetzer durfte damals nicht eigenmächtig handeln. Am 3. August 1546 wurde deshalb Étienne Dolet an seinem 38. Geburtstag in Paris auf dem Scheiterhaufen hingerichtet und seine Übersetzungen verbrannt.3ÜbersetzerOriginals. AusgangstextSeeleSnell-Hornby
Bis heute liegt noch keine Gesamtgeschichte des Übersetzens vor. Allerdings hat Hans J. Vermeer in den 1990er Jahren sechs Teilbände von „Skizzen zur Geschichte der Translation“ vorgelegt, welche die Zeit von der Antike bis in die Renaissance abdecken.4Vermeer Die unermessliche Fülle der Übersetzungen wurde und wird meist in der Stille der Anonymität angefertigt. Dennoch sind Übersetzungen von allergrößter BedeutungBedeutung gewesen für die Erfindung der Schriften, die Entwicklung der Nationalsprachen und das Entstehen nationaler Literaturen, für die Verbreitung von Wissen und die Ausbreitung politischer Macht, bei der Weitergabe der Religionen und der Übertragung kultureller Werte, beim Verfassen von Wörterbüchern seit der Antike, und nicht zuletzt als Dolmetscher in diplomatischer Mission.
Heute gilt der ÜbersetzerÜbersetzer- und Dolmetscherberuf als hochqualifizierte Tätigkeit, und die Leistung der Übersetzer über die Jahrhunderte wurde inzwischen auch in einem von der Unesco geförderten Buch gewürdigt.5 Und Johann Wolfgang v. Goethe6Snell-Hornby hatte schon angemerkt:
Wer die deutsche SpracheSprache versteht und studiert befindet sich auf dem Markte, wo alle Nationen ihre Waren anbieten, er spielt den Dolmetscher, indem er sich selbst bereichert. Und so ist jeder ÜbersetzerÜbersetzer anzusehen, daß er sich als Vermittler dieses allgemein geistigen Handels bemüht, und den Wechseltausch zu befördern sich zum Geschäft macht. Denn, was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eins der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltwesen.
1.3 Die griechisch-römische Antike als Übersetzungsepoche
Die griechisch-römische Antike ist für uns die erste historisch greifbare Übersetzungsepoche. In ihr haben sich bestimmte übersetzerische Grundkonzeptionen erstmals herausgebildet, die auch für die Folgezeit Gültigkeit behalten sollten, ja teilweise bis heute ausgeübt werden. Zugleich aber unterscheidet sich die antike Übersetzungspraxis grundsätzlich von der modernen. Die RezeptionRezeption der Griechen durch die Römer1Rezeption diente auch dem Zweck, das Lateinische als SpracheSprache zu bereichern, es literaturfähig zu machen, die im Griechischen schon vorhandenen literarischen Gattungen auf dem Wege der Übersetzung zu gewinnen (vgl. SEELESeele 1995:4).
Anfangs, in der archaischen Zeit, werden die griechischen Vorbilder experimentierend und bezogen auf den Textinhalt oft frei angeeignet. „Die römischen Komödiendichter waren sich durchaus ihrer Entfernung von den griechischen Vorlagen bewußt und formulierten auch explizit das Postulat der Wirkungsäquivalenz. Zeugnis hierfür sind insbesondere die Prologe des Terenz“ (SEELESeele 1995:7). Die antiken ÜbersetzerÜbersetzer wetteiferten mit ihren Originalen, amplifizierten oder reduzierten sie, modifizierten die SemantikSemantik ihres Ausgangstextes, wenn dies im eigenen oder im Interesse ihrer LeserLesers. Empfänger lag. Dies konnte bis zur Parodie gehen. Dass ein und derselbe Text in mehreren Übersetzungen durch verschiedene Übersetzer je andersartig ausfällt, ist dabei eine Erfahrungstatsache.2Übersetzerwörtlich
Eine stärkere Selbstreflexion römischer ÜbersetzerÜbersetzer tritt erst in der klassischen Zeit auf, als die römischen Autoren sich in ihren Originalwerken mehr von den Vorbildern lösten, und umgekehrt sich in den Übersetzungen stärker um genaue Nachbildung bemühen konnten. Der römische Dichter Horaz (65–8 v. Chr.) sprach von einem „fidus interpres“, dem man trauen könne, weil er seine Aufgabe zuverlässig ausübe. Der wichtigste Übersetzer der klassischen Zeit war aber Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.). Er übersetzte seine Vorlagen in der Regel mit starkem literarischem Gestaltungs- und oft Überbietungswillen, was durch das literarkritische Konzept der aemulatio, der konkurrierenden Nachbildung, bedingt ist. Seine theoretischen Reflexionen über das ÜbersetzenÜbersetzen sind von starkem patriotischem Selbstbewusstsein getragen. So warnt Cicero stets vor allzu sklavischer Nachahmung des originalen Wortlauts. In aller Schärfe fasst er die Antithese „non ut interpres sed ut orator“, man orientiere sich als Dolmetscher nicht wie ein Ausleger am Wortlaut der Vorlage, sondern wie ein Redner an seinen Zuhörern.
Er fordert also nicht wörtliche Abbildung, sondern sinngemäße Wiedergabe. Gleichzeitig aber bemüht er sich insbesondere auf der Ebene des Wortschatzes um möglichst präzise Umsetzung der philosophischen TerminologieTerminologie der Griechen und legt darüber in zahlreichen Äußerungen übersetzerischer Selbstreflexion Rechenschaft ab.3Seele Die nachklassische Zeit hat dem theoretisch nicht viel hinzuzufügen. Weittragende ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren sind entwickelt worden. Man kann feststellen,
daß der antike ÜbersetzerÜbersetzer sich vor eine ganz ähnliche Typologie von Übersetzungsschwierigkeiten gestellt sah wie der moderne: vor lexikalische Lücken, semantische Ambivalenzen, divergierende Sprachsysteme, unübersetzbare Idiomatismen, Bilder und Metaphern, metrische Zwänge, glossierungsbedürftige Stellen usw.
Auch wenn der antike ÜbersetzerÜbersetzer sich bei der Übersetzung ganzer Texte oft unbefangen über solche Schwierigkeiten hinwegsetzte, so hat er doch zumindest punktuell schon ein weites Spektrum von Lösungsmöglichkeiten erarbeitet (SEELESeele 1995:17).
Nachstehend werden einige ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren der Antike genannt (vgl. SEELESeele 1995:24ff). Im Umgang beispielsweise mit der lexikalischen Lücke, dem Fehlen eines passenden Ausdrucks in der ZielspracheZielspraches. ZS, haben die ÜbersetzerÜbersetzer verschiedene Strategien entwickelt:
1. Das Übersetzungslehnwort (exprimi verbum e verbo), das in der Regel einen zielsprachlichen Neologismus darstellt. So wurde der lateinische Wortschatz erweitert, indem Worbildungsgesetze imitiert und nach Analogie der griechischen Komposita lateinische Zusammensetzungen geformt wurden: omnipotens, altivolans, altisonus. Auch in der deutschen Übersetzung der Odyssee von J.H. Voß finden wir solche Ausdrücke: die schönäugige Jungfrau Nausikaa, die rosenfingrige Morgenröte. Produktiv sind auch die Zusammensetzungen mit Präfix: ανεφελοϛ – innubilus – wolkenlos.
2. Bei Bedeutungslehnwörtern wurden bereits existente lateinische Wörter mit neuen Bedeutungen gefüllt, so wenn z.B. griechische Götternamen (Ερμειαϛ) durch lateinische ersetzt wurden (Mercurius).
3. Manchmal wurden lexikalische Lücken auch geschlossen, indem das griechische Wort einfach als Fremdwort, als Exotismus in den lateinischen Text aufgenommen wurde,
4. oder mit mehreren lateinischen Wörtern umschrieben wurde (ParaphraseParaphrase). (Quod uno Graeci … idem pluribus verbis exponere).
Grundsätzlich neue Gedanken fügt der übersetzungstheoretischen Tradition erst die christliche Ära der Spätantike hinzu. Hier wird nach der Autorität von Texten unterschieden. Bei „heiligen Texten“ wie der Bibel darf nichts verändert oder verschoben werden. So entstand die „Interlinearversion“, das ist eine zwischen die Zeilen geschriebene Wort-für-Wort-Übersetzung, besonders auch in frühen mittelalterlichen Handschriften. Wichtig war insbesondere die berühmte Epistel des HIERONYMUS (348–420) an Pammachius4Störig, wo der lateinische Bibelübersetzer einräumt:
Ich gebe es nicht nur zu, sondern bekenne es frei heraus, daß ich bei der Übersetzung griechischer Texte – abgesehen von den Heiligen Schriften, wo auch die Wortfolge ein Mysterium ist – nicht ein Wort durch das andere, sondern einen SinnSinn durch den anderen ausdrücke; und ich habe in dieser Sache als Meister den Tullius (Cicero) (…).
Diese spezielle Problematik der Übersetzung der Bibel, in der schon die Wortstellung ein (unantastbares) Mysterium sei, sollte freilich auch die ÜbersetzerÜbersetzer weltlicher LiteraturLiteratur beeinflussen. Nachdem nämlich die Übersetzer biblischer Schriften durch ihr gewissenhaftes Bemühen um adäquate Nachbildung der Originale das sprachliche Instrumentarium geschaffen hatten, konnten auch die Übersetzer weltlicher Schriften sich um ausgangssprachlich genaues ÜbersetzenÜbersetzen bemühen. Die Kirchenväter hatten im 4. Jh. n. Chr. die Lehre vom mehrfachen Schriftsinn entwickelt, und die mittelalterliche Tradition hat daran angeknüpft.5 Bis zur Neuzeit erfolgt dann ein allmählicher Übergang von der mittelalterlichen Allegorese hin zur modernen Hermeneutik, indem der Buchdruck neue Kommunikationsformen ermöglichte.
1.4 Verdeutschende Übersetzung (LutherLuther)
Der deutsche Bibelübersetzer Martin LUTHERLuther (1483–1546) entschied sich dann sogar bei der Heiligen Schrift für die freiere Formulierung: „rem tene, verba sequentur“ (erfasse die Sache, dann folgen die Worte von selbst), wie schon Cato gesagt haben soll. Für ihn war es wichtig, dass der ÜbersetzerÜbersetzer eine innere Nähe zum Gegenstand der Aussage hat und ein sensibles SprachgefühlSprachgefühl für den Rhythmus und die Melodie des Textganzen, damit die Übersetzung auch die rechte Wirkung erzielen kann. Bei seiner zehnjährigen Arbeit an der Psalmenübersetzung wünschte er sich z.B. eine hebräische Stilkunde, die über die von ihm verwendete reine GrammatikGrammatik und das Lexikon Reuchlins hinausgehen würde. In seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530)1Störig verteidigt er sein Vorgehen mit vielen Beispielen gegen Kritiker, die ihm eine zu freie Übersetzung vorwarfen.
Martin LutherLuther erklärt: „… man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen, und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.
So wenn Christus spricht: ‘Ex abundántia cordis os lóquitur’ [Matth. 12, 34]. Wenn ich den Eseln soll folgen, die werden mir die Buchstaben vorlegen und so dolmetschen: aus dem Überfluß des Herzens redet der Mund. Sage mir: ist das deutsch geredet? Welcher Deutsche verstehet solches? Was ist Überfluß des Herzens für ein Ding? Das kann kein Deutscher sagen, es sei denn, er wollte sagen es bedeute, daß einer ein allzu groß Herz habe oder zu viel Herz habe; wiewohl das auch noch nicht recht ist. Denn ‘Überfluß des Herzens’ ist kein Deutsch, so wenig als das Deutsch ist: Überfluß des Hauses, Überfluß des Kachelofens, Überfluß der Bank, sondern s o redet die Mutter im Haus und der gemeine Mann: Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über. Das heißt gutes Deutsch geredet, des ich mich beflissen und leider nicht allwege erreicht noch getroffen habe. Denn die lateinischen Buchstaben hindern über die Maßen sehr, gutes Deutsch zu reden“ (Sendbrief, S. 21f).
Von LUTHERLuther stammt die BezeichnungBezeichnung „Verdeutschen“, mit der er sein Übersetzungsprinzip umreißt.2 Eine solche Übersetzung ist dann sinngemäß, „frei“. Natürlich kann eine solche Einstellung immer auch zu Fehlleistungen führen, wie das gängige Diktum „traductions – les belles infidèles“ andeutet.3Originals. Ausgangstext Dagegen wirkt eine Übersetzung, die sich wort„getreu“ an der FormForm der Vorlage orientiert, meist „verfremdend“, weil sie für den zielsprachlichen LeserLesers. Empfänger befremdlich, fremdartig wirkt; es ist nicht „seine Sprechweise“. Aus diesem Spannungsverhältnis ist das Bedürfnis nach der Festlegung gültiger Maximen des Übersetzens entstanden.
Wie ein roter Faden zieht sich seither die Auseinandersetzung über die Methode der übersetzerischen Tätigkeit durch die Geschichte der ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie. Im deutschen Sprachraum hat sie sich in den beiden einander entgegenstehenden Grundforderungen nach „wörtlicher, getreuer, verfremdender Übersetzung“ einerseits und nach „freier, eindeutschender Übersetzung“ andererseits verdichtet. Schon Hieronymus beschrieb das Dilemma (Epistel, S. 2):
Es ist schwierig, nicht irgend etwas einzubüßen, wenn man einem fremden Text Zeile für Zeile folgt, und es ist schwer zu erreichen, daß ein gelungener AusdruckAusdruck in einer anderen SpracheSprache dieselbe Angemessenheit in der Übersetzung beibehält. Da ist etwas durch die besondere BedeutungBedeutung eines einzigen Wortes bezeichnet: in meiner Sprache habe ich aber keines, womit ich es ausdrücken könnte, und, während ich den SinnSinn zu treffen suche, muß ich einen langen Umweg machen und lege kaum ein kurzes Wegstück zurück.
In diesen frühen Äußerungen zum ÜbersetzenÜbersetzen folgte praktisch die TheorieTheorie aus der PraxisPraxis als deren Begründung. Solche einzelfallbezogenen Hinweise dokumentierten die Übersetzungsschwierigkeiten des jeweiligen Übersetzers und zeigten den von ihm gewählten Lösungsweg auf. Das ist aber noch keine ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie.
Auf der Suche nach einer „Regel des Übersetzens“ gab es immer wieder allgemein gefasste Grundprinzipien als übersetzerische Zielvorstelllung, die freilich in ihrer Allgemeinheit wenig über das tatsächliche Vorgehen im Einzelfall aussagen. Im 18. Jh. ist Alexander TYTLERTytler (1791) zu nennen. Als Grundvoraussetzungen für eine gute Übersetzung forderte er, was unwiderleglich ist: Kenntnis beider Sprachen, Einblick in die angesprochene Sache, Stilsicherheit und ein Verständnis der Mitteilungsabsicht des Autors. Das Verhältnis von TextvorlageTextvorlages. Ausgangstext, AS, Original und Übersetzung fasste er bündig zusammen4Tytler:
I. That the translationTranslation should give a complete transcript of the ideas of the original work. II. That the style and manner of writing should be of the same character with that of the original. III. That the translation should have all the ease of the original composition.
Kommentar
Seit jeher haben Übersetzungen zwischen den Völkern vermittelt. Frühe ÜbersetzerÜbersetzer begründen zwar ihre Methode, doch es gelingt noch nicht, das ÜbersetzenÜbersetzen als eine spezifische SprachverwendungSprachverwendungs. Sprachgebrauch theoretisch zu fassen und wissenschaftlich zu beschreiben. Die zahlreichen Anmerkungen zum Übersetzen kreisen im Grunde immer um den grundsätzlichen Streit zwischen der abbildend-wörtlichen und der sinngemäß-übertragenden, also der „treuen“ und der „freien“ Übersetzung, was vielleicht mit einzelnen Beispielen belegt, aber nicht stringent theoretisch begründet wird.
Als Faustregel lehrte man lange Zeit, und im schulischen Fremdsprachenunterricht teilweise bis heute, man solle „so wörtlichwörtlich wie möglich und so frei wie nötig übersetzen“, wobei dies eigentlich ein Zirkelschluss ist. Man könnte also sagen, dass sich, sobald die PraxisPraxis nicht mehr reibungslos funktioniert, ein BewusstseinBewusstsein der jeweiligen Problematik entwickelt. Einsichten werden beschreibend zusammengefasst, jedoch handelt es sich hierbei noch nicht um eine ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie.
Lektürehinweise
HIERONYMUS: „Epistel an Pammachius“, in: Hans J. STÖRIGStörig (Hrsg.) (1969): Das Problem des Übersetzens, S. 1–13.
Werner KOLLERKoller (1992, 82011): Einführung in die Übersetzungswissenschaft. 4. erw. Aufl., Tübingen; besonders Kapitel 1.2.
Martin LUTHERLuther: „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530), in: Hans J. STÖRIGStörig (Hrsg.) (1969): Das Problem des Übersetzens, S. 14–32.
Astrid SEELESeele (1995): Römische Übersetzer – Nöte, Freiheiten, Absichten. Darmstadt.
Hans J. STÖRIGStörig (Hrsg.) (1969): Das Problem des Übersetzens. Darmstadt.
Der Blick auf die Sprachsysteme
2 Relativistisch orientierte Theorien
Die deutsche Romantik betonte den eigentümlichen Geist der SpracheSprache und sah das ÜbersetzenÜbersetzen künstlerischer Werke als nur unvollkommen möglich. Die SprachinhaltsforschungSprachinhaltsforschung betrachtet die Sprachen als geschlossene Systeme und gelangt zum linguistischen RelativitätsprinzipRelativitätsprinzip der unüberwindlichen Strukturverschiedenheit. Die Dekonstruktion untersucht die Sprachstrukturen als Spiegel des Unbewussten, der Wortsinn flottiert. Die Folge all dessen ist Unübersetzbarkeit.
2.1 Einheit von SpracheSprache und DenkenDenken (HumboldtHumboldt)
Bis ins 19. Jahrhundert wurde nur das ÜbersetzenÜbersetzen der Heiligen Schrift und literarischer Kunstwerke als anspruchsvolle Aufgabe angesehen, die eine theoretische Erörterung überhaupt lohnt. Für die heiligen Schriften galt weiterhin wegen der Unantastbarkeit der Wortfolge die Interlinearversion (s. Kap. 1.3), und sonst legte man eine allgemeine Übersetzungsmaxime, eine Art idealer TreueTreue zum Originaltext und zum AutorAutors. Sender zu Grunde: oberstes Gebot war stets, die Stimme des Autors zu Gehör zu bringen. Dahinter steckt aber eine bestimmte Vorstellung vom „Geist der SpracheSprache“, die besonders in der deutschen Romantik formuliert wurde.
Wegweisend für dieses DenkenDenken war Wilhelm von HUMBOLDTHumboldt (1767–1835), der in der Einleitung1Störig zu seiner Übersetzung von Aeschylos’ Agamemnon (1816) feststellt, ein solches Werk sei „seiner eigenthümlichen Natur nach“ unübersetzbar (ebd.:80). HUMBOLDT sieht das Denken in Abhängigkeit von der MutterspracheMuttersprache: „Die SpracheSprache ist gleichsam die äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ihre Sprache, man kann sich beide nicht identisch genug denken.“2Humboldt Sich eine Sprache aneignen, in eine KulturKultur hineinwachsen heißt, die Wirklichkeitsauffassungen und die Sprache, in der diese Kultur tradiert wird, zu übernehmen. Die Sprache ist kein beliebig austauschbares Anhängsel der Identität, sondern grundlegend für die je besondere Erfassung von Welt, für ihre Beschreibung und ihr VerstehenVerstehen durch den Einzelnen. Hierauf gründet die Vorstellung von der UnübersetzbarkeitUnübersetzbarkeit, die natürlich besonders für dichterische Texte geltend gemacht wird. HUMBOLDT3KollerHumboldt sagt:
Alles ÜbersetzenÜbersetzen scheint mir schlechterdings ein Versuch zur Auflösung einer unmöglichen Aufgabe. Denn jeder ÜbersetzerÜbersetzer muß immer an einer der beiden Klippen scheitern, sich entweder auf Kosten des Geschmacks und der SpracheSprache seiner Nation zu genau an sein OriginalOriginals. Ausgangstext oder auf Kosten seines Originals zu sehr an die Eigentümlichkeiten seiner Nation zu halten. Das Mittel hierzwischen ist nicht bloß schwer, sondern geradezu unmöglich.
Der Grund für die Unmöglichkeit liegt in der Verschiedenartigkeit der Einzelsprachen, weil „kein Wort einer SpracheSprache vollkommen einem in einer andren Sprache gleich ist“, und dies gründet in der Identität von Sprache und DenkenDenken:
Ein Wort ist so wenig ein Zeichen eines Begriffs, dass ja der BegriffBegriff ohne dasselbe nicht entstehen, geschweige denn fest gehalten werden kann; das unbestimmte Wirken der Denkkraft zieht sich in ein Wort zusammen, wie leichte Gewölke am heitren Himmel entstehen (Einleitung, S. 80).
HUMBOLDTS für die ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie eher pessimistische Vorstellung, dass der Gedanke mit der RedeRedes. parole eins sei, hat fortgewirkt, wenn es im Großen Brockhaus von 19804 zum ÜbersetzenÜbersetzen heißt:
Wenn SpracheSprache und Gehalt eine Ganzheit bilden – das gilt für dichter. Kunstwerke so gut wie für das alltäglich in individueller, bes. auch mundartlicher Färbung Gesprochene –, kann jede Ü. nur eine möglichst starke Annäherung an das OriginalOriginals. Ausgangstext sein. Freie Ü. oder Nachdichtung ist der Versuch, das OriginalOriginals. Ausgangstext im anderen sprachl. Medium gleichsam neu zu erschaffen.
2.2 Verfremdendes ÜbersetzenÜbersetzen (SchleiermacherSchleiermacher)
Der wohl wichtigste theoretische Beitrag zum ÜbersetzenÜbersetzen im 19. Jh. stammt von HUMBOLDTS Zeitgenossen Friedrich D.E. SCHLEIERMACHERSchleiermacher (1768–1834). In seiner Abhandlung „Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersezens“ von 18131Störig stellt SCHLEIERMACHER die Prinzipien dar, die seiner Platon-Übersetzung zugrunde lagen. Er reflektiert über die Schwierigkeit, den „Geist der Ursprache“ in eine Übersetzung einzubringen, und hebt auf drei Unterscheidungen ab:
(1) Zunächst unterscheidet er Texte, in denen einfaches Berichten über einen Sachverhalt im Vordergrund steht, wie beispielsweise im Wirtschaftsleben, in Zeitungsartikeln, Reiseberichten usw., von solchen Texten, in denen „des Verfassers eigenthümliche Art zu sehen“ (ebd.:40) zum AusdruckAusdruck kommt, nämlich in Kunst und Wissenschaft. Bei Ersteren komme es in der „Uebertragung auf ein bloßes Dolmetschen an“, und es könne im Grunde nicht allzuviel falsch gemacht werden. „Deshalb ist das Uebertragen auf diesem Gebiet fast nur ein mechanisches Geschäft, welches bei mäßiger Kenntniß beider Sprachen jeder verrichten kann“ (ebd.:42). Das Übertragen von Kunstwerken dagegen sei viel schwieriger und allein einer theoretischen Betrachtung wert.
(2) Die Gründe für diese Zweiteilung der Textvorkommen liegen nach SCHLEIERMACHERSchleiermacher in verschiedenartigen Wörtern. Er unterscheidet zwischen Ausdrücken, die sich in verschiedenen Sprachen genau entsprechen, da sie sich auf genau eingrenzbare Gegenstände und Sachverhalte beziehen2SchleiermacherStörig, und anderen Wörtern, welche Begriffe, Gefühle, Einstellungen erfassen und sich im Lauf der Geschichte verändern. In solchen Wörtern äußert sichHumboldt der Geist der SpracheSprache und das DenkenDenken des Einzelnen, besonders in der Kunst. So spricht er nicht vom Griechischen oder Lateinischen als Sprachen, sondern davon, dass man „deutsch“, oder „römisch“ oder „hellenisch“ rede (ebd.:48). Es geht ihm um den Autor. Im Grunde hat SCHLEIERMACHER damit die bis heute akzeptierte Zweiteilung von Textvorkommen in den Naturwissenschaften und in den Geisteswissenschaften begründet, deren Begriffsbildung verschieden ist.
(3) In Bezug auf das künstlerisch anspruchsvolle ÜbersetzenÜbersetzen unterscheidet SCHLEIERMACHERSchleiermacher zwei „Methoden“, womit er das gängige Diktum von TreueTreue oder FreiheitFreiheit etwas präzisieren möchte, indem er jeweils auf das Gesamtwerk eines Autors verweist.
(a) Bei der ersten Methode werde versucht, eine Übersetzung so zu gestalten, dass sie wie ein OriginalOriginals. Ausgangstext wirkt und den AutorAutors. Sender „reden lassen will wie er als Deutscher zu Deutschen würde geredet und geschrieben haben“ (ebd.:48), also ihn zu den Lesern hinbewegt. Ein solches Vorhaben erweist sich aber angesichts der Einheit von DenkenDenken und Reden in der „angebornen SpracheSprache“ als unmöglich (ebd.:60).3SchleiermacherLeserStörig
(b) Bei der anderen Methode des Verfremdens herrscht dagegen eine „Haltung der SpracheSprache, die nicht nur nicht alltäglich ist, sondern die auch ahnden läßt, daß sie nicht ganz frei gewachsen, vielmehr zu einer fremden Ähnlichkeit hinübergebogen sei“ (ebd.:55), wo also die LeserLesers. Empfänger zum AutorAutors. Sender hin bewegt werden. Nur so sei die „treue Wiedergabe“ des fremden Originals in der ZielspracheZielspraches. ZS gewährleistet. Der Vorwurf der Ungelenkheit im AusdruckAusdruck durch die Nachbildung sei dabei in Kauf zu nehmen, denn anders sei der „Geist der Sprache“ aus dem OriginalOriginals. Ausgangstext gar nicht in die Übersetzung zu retten. Das eigene Idiom des Übersetzers soll mit dem fremden so verschmelzen, dass in der Übersetzung die „Ursprache“ erhalten bleibt. Notwendig ist allerdings eine Bildung der Leserschaft.
Daher erfordert diese Art zu uebersezen durchaus ein Verfahren im großen, ein Verpflanzen ganzer Litteraturen in eine SpracheSprache, und hat also nur SinnSinn und Werth unter einem Volk welches entschiedene Neigung hat sich das fremde anzueignen. Einzelne Arbeiten dieser Art haben nur einen Werth als Vorläufer einer sich allgemeiner entwickelnden und ausbildenden Lust an diesem Verfahren (ebd.:57).
Die „Kennerschaft geistiger Werke“ anderer Völker, die SCHLEIERMACHERSchleiermacher voraussetzt, vermag dies dann auch zu goutieren. Durch solches ÜbersetzenÜbersetzen wird die eigene SpracheSprache bereichert, wie es auch schon die Römer sahen (s. Kap. 1.3).
2.3 Die Sprachinhaltsforschung (WeisgerberWeisgerber)
Durch verschiedene Sprachen entstehen unterschiedliche Weltansichten, ja aus dem Blickwinkel des Einzelnen sogar unterschiedliche Wirklichkeiten. Als stellvertretend für eine solche Sprachauffassung sind neben HUMBOLDTHumboldt (s. Kap. 2.1) und SCHLEIERMACHERSchleiermacher (s. Kap. 2.2) auch J. Leo WEISGERBERWeisgerber (1899–1985) und BenjaminBenjamin Lee WHORFWhorf (1897–1941) zu nennen. Sehr einleuchtend zeigt z.B. WEISGERBER, wie SpracheSprache die Funktion erfülle, eine Realität zu erschaffen, indem sie beobachtbare faktische Gegebenheiten ordnet.1WeisgerberSprache
WeisgerberWeisgerber verweist auf den Sternenhimmel, der zunächst für den Menschen ein unendliches Gewirr darstellt und erst dann begreifbar wird, wenn der Mensch zwischen den Gestirnen unterscheidet, wenn er Konstellationen wie die einzelnen Sternbilder benennt und damit bestimmt (op. cit. 41971: 25–72). Dabei werden dieselben Gestirne in Asien und im Okzident zu unterschiedlichen Sternbildern geordnet. – Es handelt sich hier um ein schönes Beispiel für den menschlichen Versuch, in ein unüberschaubares Gewirr mittels der SpracheSprache eine Ordnung zu bringen. Dann wird aus dem Chaos des Faktischen ein Kosmos der Ordnung.
Entscheidend ist jeweils die PerspektivePerspektive der Menschen auf die Dinge. „Ein Beispiel für eine solche kulturbedingte und sprachlich vermittelte Sehweise stellt das Wort Unkraut dar. Die Pflanzenwelt wird aufgrund wirtschaftlicher, vielleicht auch ästhetischer (nicht aber biologischer) Interessen in zwei Klassen eingeteilt: in Kulturpflanzen und in Pflanzen ohne wirtschaftlichen Wert“ (KOLLERKoller 1992:162).
WEISGERBERWeisgerber als Hauptvertreter der sogenannten Sprachinhaltsforschung oder Inhaltbezogenen GrammatikGrammatik hat im Anschluss an HUMBOLDTHumboldt die These von der SpracheSprache als geistiger Zwischenwelt, vom „WeltbildWeltbild der MutterspracheMuttersprache“ entworfen. Jede Sprache gilt als ein relativ geschlossenes, gegen andere Sprachen abgegrenztes System. Dabei wird betont, dass sich nicht für jedes Wort einer Sprache in jeder anderen ein genaues Äquivalent finde, sondern dass gewisse Unterschiede auftreten. Schon Arthur SCHOPENHAUER (1788–1860) hatte Beispiele charakteristischer Wörter gesammelt,2Störig die eigentlich unübersetzbar sind:
| απαιδευτος, rudis, roh. | ingénieux, sinnreich, clever. |
| ορμη, impetus, Andrang. | Geist, esprit, wit. |
| μηχανη, Mittel, medium. | witzig, facetus, plaisant. |
| seccatore, Quälgeist, importun. | malice, Bosheit, wickedness. |
Als Beweis für die Existenz eines einzelsprachlichen Weltbilds werden angeführt:
U.a. die Schwierigkeiten bei der anderssprachigen Wiedergabe sogenannter charakteristischer Wörter, wie z.B. esprit, patrie, charme; cereals, gentleman, fairness; Sehnsucht, Gemütlichkeit, Weltschmerz, Innerlichkeit, Tüchtigkeit, Gestalt usw.
Die Unterschiede im System der Verwandtschaftsbezeichnungen und Farbskalen, von Naturerscheinungen (Schnee, Wüstenformen) usw. Die unterschiedliche Wahrnehmung und Frequenz der Wörter ergibt sich aus der verschiedenen geographischen Lage.
Die Existenz von Wortfeldern: Ein Einzelwort gewinnt seine inhaltliche Bestimmtheit erst in der Struktur eines ganzen Wortfeldes. So ist mangelhaft in einer viergliedrigen Skala (mangelhaft – genügend – gut – sehr gut) etwas anderes als in einer sechsgliedrigen Skala (ungenügend – mangelhaft – ausreichend – befriedigend – gut – sehr gut). Der Wortschatz einer SpracheSprache ist in solche Wortfelder gegliedert. Einzelne Wörter sind kaum vergleichbar, weil ihr Stellenwert in den einzelsprachlichen Wortfeldern je verschieden ist (vgl. WEISGERBERWeisgerber 1950:68).
Die unterschiedlichen Konnotationsbereiche: der Franzose verbindet mit dem Wort escargot die Vorstellung einer Delikatesse, während der Deutsche bei Schnecke eher an ein unappetitliches schleimiges Lebewesen denkt. Oder: Für die Franzosen ist pain ein knuspriges Weißbrot, für die Deutschen ist Brot häufig ein dunkler Vollkornlaib.
Die zutiefst menschliche Erfahrung von LEID wird in verschiedenen Sprachen mit völlig unterschiedlichen Zeichen benannt, die auch formal nicht aufeinander bezogen werden können:
d. Leid, Kummer, Schmerz
e. sorrow, grief, harm
f. peine, affliction
i. pena, dolore
DenkenDenken und Reden werden also gleichgesetzt. Jene geistige „Zwischenwelt“ zwischen Mensch und Außenwelt hat sprachlichen Charakter, und sie vermittelt den Angehörigen der Sprachgemeinschaft das „WeltbildWeltbild der MutterspracheMuttersprache“. Das Zusammenspiel von kulturbedingter Wirklichkeitserfassung und SprachgebrauchSprachgebrauch zeigt sich besonders deutlich in Bereichen des menschlichen Lebens, wie es schon SCHLEIERMACHERSchleiermacher im Gegensatz zu den äußeren Dingen festgestellt hatte (s. Kap 2.2). Mehrsprachige Vergleiche in diesem Sinne hat Mario WANDRUSZKAWandruszka vorgelegt, dessen Bücher bezeichnende Titel haben, wie zum Beispiel: „Das Leben der Sprachen“3Wandruszka.
WANDRUSZKAWandruszka unterscheidet durch den Vergleich vorliegender Übersetzungen für Gefühlsbezeichnungen, wie Hunger, Angst, Schmerz, Lust, Freude, Glück usw., wie diese Gefühle in den verschiedenen SprachenSprache ausgedrückt werden:
„Für die Römer war anxius, später anxiosus ‘angsterfüllt, beunruhigt’. Im Spanischen, im Italienischen aber kann ansioso, im Englischen anxious bald ‘angstvoll’, bald ‘begierig’ sein. (…) Diese Wanderung des Wortes von ‘angstvoll’ bis zu ‘begierig’, – und oft zu einem gesellschaftlich formelhaften, liebenswürdig bemühten ‘begierig’, ‘bestrebt’ –, bezeigt uns die DynamikDynamik des menschlichen Sprechtriebs, des spontanen Denkens in Metaphern und Metonymien, des impulsiven Sprechens und Gesprächs, die von SpracheSprache zu Sprache zu anderen Ergebnissen geführt haben. So kann anxiety, weit entfernt von jeder Beklemmungsangst, die Sorge, das Bemühen sein. Im Italienischen aber bedeutet erst recht ansia und ansietà, im Spanischen ansia und ansiedad bald Beklemmung, Angst, bald Unruhe, Ungeduld, bald Begierde, Sehnsucht!“ (WANDRUSZKAWandruszka 1984:44/45).
2.4 Das linguistische RelativitätsprinzipRelativitätsprinzip (Sapir/WhorfWhorfSapir/Whorf-Hypothese)
Die Gleichsetzung von DenkenDenken und Reden und die These der mehr oder minder totalen Determiniertheit der Wirklichkeitserfassung durch die Struktur der SpracheSprache(n) ist Gegenstand des „linguistischen Relativitätsprinzips“, wie es BenjaminBenjamin Lee WHORFWhorf 1956 formuliert hat1Whorf:
Aus der Tatsache der Strukturverschiedenheit der Sprachen folgt, was ich das „linguistische RelativitätsprinzipRelativitätsprinzip“ genannt habe. Es besagt, grob gesprochen, folgendes: Menschen, die Sprachen mit sehr verschiedenen Grammatiken benützen, werden durch diese Grammatiken zu typisch verschiedenen Beobachtungen und verschiedenen Bewertungen äußerlich ähnlicher Beobachtungen geführt. Sie sind daher als Beobachter einander nicht äquivalent, sondern gelangen zu irgendwie verschiedenen Ansichten von der Welt. (…) So geht zum Beispiel die Weltansicht der modernen Naturwissenschaft aus der höher spezialisierten Anwendung der grundlegenden GrammatikGrammatik der westlichen indoeuropäischen Sprachen hervor (1963:20f).
Um seine These einer Kausalrelation zwischen grammatischer Struktur und WeltbildWeltbild zu belegen, kontrastiert WHORFWhorf Sprach- und Denkstrukturen der Hopi-Indianer in Arizona und der Azteken in Mexiko mit dem Englischen, das er als Hauptbeispiel der „SAE-Sprachen“ (Standard Average European) bezeichnet. Dabei glaubte er – insbesondere hinsichtlich der Raum-Zeit-Auffassungen – grundlegende Unterschiede feststellen zu können. In seiner Sicht der Dinge wurde WHORF von Edward SAPIR, seinem Lehrer an der Universität Yale, unterstützt.
Die Grundthese hat SAPIR so ausgedrückt: „No two languages are ever sufficiently similar to be considered as representing the same social reality. The worlds in which different societies live are distinct worlds, not merely the same world with different labels.“2
Deshalb hat sich für den BegriffBegriff des linguistischen Relativitätsprinzips auch die BezeichnungBezeichnung „Sapir/WhorfSapir/Whorf-Hypothese“ durchgesetzt. Keine zwei Sprachen und keine zwei Kulturen seien ähnlich genug, um dieselbe Wirklichkeit abzubilden. Mit dieser Hypothese hat sich die SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik eingehend auseinandergesetzt, jedoch liegen bis heute kaum Untersuchungen vor, die das RelativitätsprinzipRelativitätsprinzip umfassend untermauert hätten.
Als direkte Konsequenz aus dem linguistischen RelativitätsprinzipRelativitätsprinzip folgt das Axiom, dass Sprachen ihrem Wesen nach unübersetzbar seien. Jede Übersetzung würde die sprachlichen Inhalte einer MutterspracheMuttersprache in solche einer anderen Muttersprache transponieren, die beide ja unterschiedliche geistige Zwischenwelten darstellen. Entscheidend ist hier, dass allein die Sprachen mit ihren Wortinhalten und ihrer GrammatikGrammatik in den Blick genommen werden. Während HUMBOLDTHumboldt aus sprachphilosophischen Gründen alles ÜbersetzenÜbersetzen für unmöglich hielt, sahen andere, wie z.B. Mario WANDRUSZKAWandruszka, noch eine gewisse Möglichkeit der Übertragung durch den „Geist der SpracheSprache“. Jene relativistische Auffassung ist weit verbreitet. Wenn aber Sprachen als direkter AusdruckAusdruck einer KulturKultur, einer nationalen Eigentümlichkeit gesehen werden, dann können fremde Texte immer nur annähernd übertragen werden. Die „UnübersetzbarkeitUnübersetzbarkeit“ eines fremden Weltbildes sperrt fremdsprachige Texte gegen eine Aneignung.
2.5 Formbetontes ÜbersetzenÜbersetzen (BenjaminBenjamin)
Die Auffassung des Verfremdens im Übersetzen (s. Kap. 2.2) findet sich auch bei Walter BENJAMINBenjamin (1892–1940), der sich in dem Aufsatz „Die Aufgabe des Übersetzers“1Störig 1923 als Dichter gleichfalls zur Übersetzung des literarischen Kunstwerks geäußert hat. Er geht von der Existenz einer reinen Sprache vor dem babylonischen Sündenfall aus und betont die Selbstgeltung des Kunstwerks, völlig unabhängig von dessen RezeptionRezeption: „Denn kein Gedicht gilt dem LeserLesers. Empfänger, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der Hörerschaft“ (ebd.:156). Und dabei ist die Gestalt das wichtigste, die MitteilungMitteilung des Textes eher nebensächlich.
BENJAMINS Sprach- und ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie liegt der Gedanke zu Grunde, dass das mimetische (abbildende) Prinzip für die Besonderheit der Einzelsprachen verantwortlich sei2Benjamin (s. Kap. 2.1) und die „onomatopoetische Erklärungsweise“ dafür noch am ehesten in Frage kommt. Er hebt die Besonderheit und Nichtvertauschbarkeit des einzelnen Wortes hervor und denkt dabei vor allem an die FormForm, der InhaltInhalt ist ihm weniger wichtig:
Was aber außer der MitteilungMitteilung in einer Dichtung steht – und auch der schlechteste ÜbersetzerÜbersetzer gibt zu, daß es das Wesentliche ist –, gilt es nicht allgemein als das Unfaßbare, Geheimnisvolle, ‘Dichterische’? Das der Übersetzer nur wiedergeben kann, indem er auch dichtet? (Aufgabe, S. 156)
BENJAMINBenjamin kommt es darauf an, den AusdruckAusdruck des Originals, sein „Wie“, in der ZielspracheZielspraches. ZS nachzubilden. Er bezeichnet dieses „Wie“ als „Die Art des Meinens“, die er sorgfältig vom inhaltlich „Gemeinten“ unterscheidet: „In ‘Brot’ und ‘pain’ ist das GemeinteGemeinte zwar dasselbe, die Art, es zu meinen, dagegen nicht. In der Art des Meinens nämlich liegt es, daß beide Worte dem Deutschen und Franzosen je etwas Verschiedenes bedeuten, daß sie für beide nicht vertauschbar sind, ja sich letzten Endes auszuschließen streben; am Gemeinten aber, daß sie, absolut genommen, das Selbe und Identische bedeuten“ (Aufgabe, S. 161).
BENJAMINBenjamin betont das „Magische in der SpracheSprache“ und beruft sich auch auf SCHLEIERMACHERSchleiermacher, der ja mit HUMBOLDTHumboldt den Geist als wesenhaft in der Sprache gebunden sah. Der ÜbersetzerÜbersetzer soll versuchen, in seiner eigenen Sprache jene „Art des Meinens“ des fremden Textes nachzubilden:
Die wahre Übersetzung ist durchscheinend, sie verdeckt nicht das OriginalOriginals. Ausgangstext, steht ihm nicht im Licht, sondern läßt die reine SpracheSprache, wie verstärkt durch ihr eigenes Medium, nur um so voller aufs OriginalOriginals. Ausgangstext fallen. Das vermag vor allem WörtlichkeitWörtlichkeit in der Übertragung der SyntaxSyntax, und gerade sie erweist das Wort, nicht den Satz als das Urelement des Übersetzers. Denn der Satz ist die Mauer vor der Sprache des Originals, Wörtlichkeit die Arkade. (Aufgabe, S. 166)
BENJAMINS ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie hat vor allem im englischen Sprachraum bis heute stark nachgewirkt, wo Theorien die wörtliche Übersetzung besonders betonen. BENJAMINBenjamin meinte ja: „Die Interlinearversion des Heiligen Textes ist das Urbild oder Ideal aller Übersetzung“ (Aufgabe, S. 169). Damit aber wird Übersetzung zur Utopie.
2.6 Dekonstruktion und UnübersetzbarkeitUnübersetzbarkeit (DerridaDerrida)
In einer sog. postmodernen Literaturtheorie und Philosophie, der u.a. von Jacques DERRIDADerrida (1930–2004) und Paul DE MAN begründeten „Dekonstruktion“, wird die These von der UnübersetzbarkeitUnübersetzbarkeit wieder aufgegriffen und der „unübersetzbare Rest“ in Texten in den Vordergrund der Betrachtung gestellt. Peter V. ZIMAZima (1994) hat einen stringenten Überblick über die Grundaussagen und den wissenschaftstheoretischen Hintergrund der Dekonstruktion vorgelegt; vgl. ferner Philippe FORGETForget (Hrsg.) (1984).
Gemeinhin wird ja angenommen, dass man einen Text schon irgendwie verstehen, eben seinen SinnSinn erfassen und dann auch übersetzen könne. Den Grund hierfür bilden unsere Sprachkenntnisse und dann die Erfahrung durch die Tradition der Überlieferung, dass die Sprachzeichen durchaus immer wieder das Gleiche bedeuten. VerstehenVerstehen sei möglich, wenn nur der gute Wille zur Verständigung vorhanden ist. Dahinter steht der philosophische Gedanke eines Logos als sinntragendem Wort, das immer schon auf die allen gemeinsame WahrheitWahrheit eines auffindlichen Sinns im Ganzen verweist.
Hier hakt die Dekonstruktion ein. Grob vereinfachend ist zu sagen, dass sie sich vor allem gegen die „logozentrische“ Vorstellung einer eingrenzbaren Begrifflichkeit in der Sprache, ein „transzendentes Signifikat“,Sprache wendet. In der Nachfolge Nietzsches wird auf die grundlegende Ambivalenz der Wortbedeutungen in Texten verwiesen, die sich niemals auf einen bestimmten SinnSinn fixieren lassen würden. Zentral ist hier der Terminus écriture, das Schreiben, die Schrift, das Geschriebene, der schriftliche Text. Im Gegensatz zur mündlichen RedeRedes. parole, wo der Sinn des Gemeinten direkt präsent und eindeutig ist, sei es das Wesen schriftlicher Texte, vieldeutig und unbeständig zu sein, da sie in immer wieder neuen Situationen stets neu und anders gelesen werden. Hinter jeder Lektüre steht also eine Übertragung, und dadurch entstehe eine unabschließbare Sinnverschiebung, DERRIDADerrida nennt es die différance, nach dem Verb différer (abweichen). Interpretativ läßt sich kein „Sinn“ fixieren, da jedes Sprachzeichen auf andere verweist und jeder Autor Bedeutungen „endlos aufschieben“ kann.
Die Schrift bringt den Zerfall der semantischen Identität des Zeichens mit sich. Dessen Wiederholung in verschiedenen kommunikativen Kontexten hat abweichende Sinnzuordnungen zur Folge, welche die Identität eines Wortes erschüttern können. DerridaDerrida bezeichnet diese dekonstruierende Wiederholung als Iterabilität (itérabilité) (ZIMAZima 1994:55).
Im Ergebnis entsteht eine Streuung des Sinns von Wörtern, eine Dissémination (DERRIDADerrida 1972). Für DERRIDA besteht das Besondere an einem „Original“ darin, dass es überhaupt für wert befunden wurde, „ein Überleben“ (BENJAMINBenjamin) in einer Übersetzung zu erfahren, die erst zu seiner Erfüllung wird.
The translation will truly be a moment in the growth of the original, which will complete itself in enlarging itself … And if the original calls for a complement, it is because at the origin it was not there without fault, full, complete, total, identical to itself.1
Was hier von Texten und Übersetzungen gesagt ist, war ursprünglich vom einzelnen Zeichen her gesehen:
Aus dem bisher Gesagten geht hervor, daß Derridas dissémination oder Streuung nicht mit dem semiotischen BegriffBegriff der Polysemie identisch ist, der von Greimas und Courtés als Pluri-Isotopie definiert wird: als Zusammenwirken von zwei oder mehreren heterogenen Isotopien (ZIMAZima 1994:72).
Wörter sind geschichtlich und bedeuten niemals nur das, was am Anfang ihres Gebrauchs stand, oder was der AutorAutors. Sender genau damit sagen wollte, sondern ihr SinnSinn „flottiert“ und ist oft „unentscheidbar“ (indécidable). In der Literaturwissenschaft wird die Textinterpretation freilich gerne auf die sog. „Autorintention“ zurückgeführt, deren Festlegung von den Dekonstruktivisten als Illusion oder als Vorurteil entlarvt wird. Ist der Sinn eines Textes wirklich so sicher, gibt es da nicht Brüche (ruptures)? Durch die Infragestellung ihrer zentralen Begriffe werden die expliziten Behauptungen von Autoren „dekonstruiert“.
Das Interesse des Interpreten verlagert sich vom Gemeinten auf die Zeichenstrukturen. Wie autonom sind diese eigentlich? Wörter können sich verselbständigen und so Gedanken, das VerstehenVerstehen in neue Bahnen lenken. Wo ist dann der (ursprüngliche) SinnSinn? Und welcher Sinn wäre dann zu übersetzen? Wie verhindere ich, dass meine Übersetzung wieder anders verstanden wird? Verwiesen wird hier gerne auf das Wortspiel und die Ironie als Motivation des Schreibens:
Weil im Wortspiel und dessen unabsehbaren, nie ganz kontrollierbaren Konsequenzen sichtbar wird, daß kein BewußtseinBewusstsein, keine Vernunft, kein Logos über die SpracheSprache so verfügt, daß sie als Text im (guten) Willen zur Macht des hermeneutischen Regelapparats aufgehen kann, ja, daß sie den Schreibenden (ob Schriftsteller oder Interpret) immer schon hinterrücks (hinter seinem Rücken) überspielt oder – das Bild macht SinnSinn – übertrumpft (FORGETForget 1984:10).2
Die Zweideutigkeit von Wörtern macht auch deren KontextKontext zweideutig:
| Erschütterung | 1) geschüttelt werden, nicht mehr unbewegt sein |
| 2) schütter werden, es entstehen Brüche und Leerstellen | |
| Ungerechtigkeit | 1) unverdiente, nicht dem Recht entsprechende Behandlung |
| 2) nicht mehr „recht“ sein, WahrheitWahrheit wird verrückt, entstellt | |
| gleichgültig | 1) indifferent, egal, nicht interessierend |
| 2) gleich gültig, Egalität | |
| aufheben | 1) auflösen, vernichten |
| 2) ineinander aufgehen lassen, Synthese | |
| 3) hochheben, aufnehmen | |
| 4) aufbewahren (Schwäbisch) | |
| Aufgabe | 1) Vorhaben, Problemstellung, Pflicht |
| 2) Kapitulation vor etwas | |
| excéder | 1) übertreffen, hinausgehen über |
| 2) ein Exzess sein, irritieren, übertrumpfen | |
| sich auseinandersetzen mit | 1) sich befassen mit, die Meinung zu etwas sagen |
| 2) sich wegsetzen von | |
| 3) Güter trennen (jur.) | |
| un posteur d’écriture | 1) ein Schriftsteller (der entwirft, kein Garant der WahrheitWahrheit) |
| imposteur d’écriture | 2) Betrüger, „Hochstapler der Schrift“.3Forget |
Gras/Sarg: Das Anagramm (Wort rückwärts gelesen) wird auffällig, wenn in einem Roman oft Gras und Sarg verbunden werden, wie z.B. in „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe.
trace/écart: Gerne werden mit einem Anagramm auch die Spuren des Unbewussten (traces) im Text aufgespürt, die einen Sinnabstand (écart) zum bewusst Ausgesagten indizieren, die Behauptung im Text konterkarieren, überspielen, widerlegen (vgl. FORGETForget 1984:172ff).
Das BewusstseinBewusstsein von der prinzipiellen Nicht-Beherrschbarkeit der SpracheSprache, der Nicht-Festlegbarkeit der Zeichen, die wir miteinander austauschen, widerspricht natürlich der Vorstellung einer bewussten kontinuierlichen Formulierung durch einen AutorAutors. Sender. Bei einer solchen Sprachauffassung ist es nicht verwunderlich, dass DERRIDADerrida auch die Übersetzung als eigentlich unmöglich, als eine Aporie ansieht, auch wenn er kein Übersetzungstheoretiker ist. Er knüpft an die Vorstellungen Walter BENJAMINS an, den er ausführlich kommentiert (vgl. DERRIDA 1987:207). Dessen Sprach- und ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie (s. Kap. 2.5) liegt ja der Gedanke zu Grunde, dass das mimetische (abbildende) Prinzip für die Besonderheit der Einzelsprachen verantwortlich sei. Nicht etwa ein bestimmter Aussagewille, sondern das Unreflektierte in einem Diskurs sei das Entscheidende. Schon deswegen könne es nicht darum gehen, wie LUTHERLuther verlangt hatte (s. Kap. 1.4), die Übersetzung den Anforderungen der Empfänger anzupassen.
BENJAMINBenjamin stellte sich einen ÜbersetzerÜbersetzer vor, der in seiner eigenen SpracheSprache versucht, „die Art des Meinens“ des fremden Textes nachzubilden. Hier knüpft DERRIDADerrida (1987:201) an und unterstreicht mit dem Hinweis auf den Mythos von Babel die Unmöglichkeit des Übersetzens. Es sind vielfältige Sprachen entstanden, und der Übersetzer kann sich nicht über deren Ausdrucksebenen hinwegsetzen und so tun, als gäbe es ein Verhältnis der EntsprechungEntsprechung zwischen den Zeichen. Insbesondere Dichtung sei unübersetzbar, und so schreibt DERRIDA (1987:220, zit. nach ZIMA 1994:87):
Die Übersetzung strebt nicht danach, dies oder jenes zu sagen, diesen oder jenen SinnSinn zu übertragen oder eine bestimmte BedeutungBedeutung mitzuteilen, sondern sie will die Affinität zwischen den Sprachen aufzeigen und ihre Möglichkeit erkennen lassen [remarquer l’affinité entre les langues].
Das stets Intakte, Unfaßbare, Unberührbare ist es, was den ÜbersetzerÜbersetzer fasziniert und seine Arbeitsweise bestimmt. [Le toujours intact, l’intangible, l’intouchable, c’est-ce qui fascine et oriente le travail du traducteur] (ebd.:224).
Dieser „unfassbare Rest“ – wir denken an das Unbewusste – beherrscht auch Paul DE MANS Kommentar zu BENJAMINS oben erwähntem Aufsatz. „Der amerikanische Dekonstruktivist deutet das Wort Aufgabe in ‘Die Aufgabe des Übersetzers’ als Verzicht, als Kapitulation vor dem Unübersetzbaren, das aus einer Aporie hervorgeht. Diese kommt dadurch zustande, dass die Forderung nach Originaltreue unaufhebbar der Forderung nach einer freien, der ZielspracheZielspraches. ZS treuen Übertragung widerspricht. DE MAN spricht in diesem Zusammenhang von einer ‘Aporie zwischen FreiheitFreiheit und TreueTreue zum Text’“ (ZIMAZima 1994:87).
Die Dekonstruktivisten nehmen vor allem die Widerstände wahr, auf die der ÜbersetzerÜbersetzer stößt. Problematisch ist es allerdings, wenn die „magische Seite der SpracheSprache“ (BENJAMINBenjamin) zu einem quasireligiösen Zauber hochstilisiert wird, um daraus die Aporie des Übersetzens abzuleiten. Dies führt für eine TheorieTheorie des Übersetzens völlig in die Sackgasse.
Die Dekonstruktion ist eine Denkmethode, die radikal alle Schemata und ihre sprachliche Fixierung in Frage stellt. Sie ist eigentlich nicht definierbar, weil ja eine Definition den Prinzipien der Dekonstruktion widerspräche und bei jeder Wiederholung selbst wieder dekonstruiert werden müsste. Dekonstruktion ist eine Art ständiges In-Beziehung-Setzen von Erkanntem zu anderem, und dadurch die Produktion von „neuem Sinn“. Dies eignet sich besonders für die Ideologiekritik, wo herkömmliche Überzeugungen kritisch hinterfragt werden sollen.
Kommentar
Wenn Sprachen als direkter AusdruckAusdruck einer KulturKultur, einer nationalen Eigentümlichkeit gesehen werden, können fremde Texte immer nur annähernd übertragen werden. Auffällig bei diesen relativistischen Theorien ist die BetonungBetonungs. Fokussierung des einzelnen Wortes, in dem sich die Fremdheit des anderen Weltbilds oder die Eigenart des Dichters, ja dessen unergründliches Unbewusstes konzentriert. Dann wird das ÜbersetzenÜbersetzen einer fixierten WahrheitWahrheit in der Tat unmöglich.
Die Wirkung SCHLEIERMACHERS war nicht eine Tendenz zum verfremdenden Übersetzen, sondern vielmehr ein neues Interesse an historisch-kritischer Textanalyse, was zur Entstehung der diachronischen Sprachforschung führte.
Lektürehinweise
Walter BENJAMINBenjamin (1923): „Die Aufgabe des Übersetzers“. In: H.J. STÖRIGStörig: Das Problem des Übersetzens. Darmstadt 1969, S. 156–169.
Jacques DERRIDA (2007): Psyche. Inventions of the other, vol. I. Chicago.
Philippe FORGETForget (Hrsg.) (1984): Text und Interpretation. München (UTB 1257).
Werner KOLLERKoller (1992, 82011): Einführung in die Übersetzungswissenschaft. Heidelberg/Wiesbaden (UTB 819), insbesondere Kapitel 2.1.
Mario WANDRUSZKAWandruszka (1984): Das Leben der Sprachen. Vom menschlichen Sprechen und Gespräch. Stuttgart.
Iwar WERLEN (2002): Sprachliche Relativität. Tübingen (UTB 2319).
BenjaminBenjamin Lee WHORFWhorf (1963): Sprache, Denken, Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie. Reinbek bei Hamburg.
Peter V. ZIMAZima (1994, 22016): Die Dekonstruktion. Tübingen (UTB 1805).
3 Universalistische ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie
Die SpracheSprache als KommunikationsinstrumentKommunikationsinstrument ist ein Zeichensystem, das logisch-grammatisch beschrieben werden kann. Auch die einzelnen Sprachzeichen sind analysierbar, ihr InhaltInhalt kann in Merkmale zerlegt werden. Die allen Menschen eigene Vernunft legt das Vorhandensein außereinzelsprachlicher UniversalienUniversalien nahe. Im Hinblick auf dieses ‘tertium comparationistertium comparationis’ sind alle Texte prinzipiell übersetzbar. Das ÜbersetzenÜbersetzen ist im Modell eine Koordination ausgangssprachlicher und zielsprachlicher Zeichen zu demselben Gemeinten.
3.1 Sprache als Kommunikationsinstrument
Eine ganz andere Ausgangssituation für das ÜbersetzenÜbersetzen ergibt sich, wenn man die SpracheSprache nicht als eine Kraft ansieht, die ein WeltbildWeltbild muttersprachlich determiniert (s. Kap. 2.3), sondern als kommunikatives Instrument mit der Funktion, den Gedanken AusdruckAusdruck zu verleihen, wenn es also weniger auf die verschiedenartigen Formen des Ausdrucks als vielmehr auf die gemeinsamen Inhalte ankommt. Zwar haben sich die Einzelsprachen der Erde je nach Umständen ganz verschiedenartig herausgebildet, weshalb die Notwendigkeit des Übersetzens besteht, doch sind aufgrund der gleichen biologischen Ausstattung aller Menschen hinsichtlich ihrer Sprachfähigkeit die Grundstrukturen des sprachlichen Umgangs mit der Welt überall ähnlich, und es wurden bisher keine „irregulären Sprachen“ gefunden (vgl. BUSSMANNBußmann 1990:820).
Dabei wird die allen Menschen eigene Vernunft als eine Quelle der ErkenntnisErkenntnis angenommen. Dieses Universalitätsaxiom der Vernunft bewirkt eine überindividuelle Geltung der SpracheSprache, weil diese aufgrund ihrer natürlichen Transparenz für die Vernunft selbst auch vernünftig und allgemein sein muss. Die dem Zeitalter der Aufklärung eigene Vorstellung allgemeiner logischer Formen, die womöglich allen Sprachen zugrunde liegen, legt das Konzept einer vernunftbasierten Universalsprache nahe. Diese BedeutungBedeutung wurde im Mittelalter der lateinischen Sprache beigemessen, und deren Vorrangstellung zunächst in Kirchenkreisen wurde dann auch auf die Wissenschaften der frühen Neuzeit übertragen. Latein war bis ins 16./17. Jh. die internationale Wissenschaftssprache. René DESCARTES hat sich mit dem Projekt einer „Universalsprache“ als künstlicher Weltsprache beschäftigt.1
Die im Geiste des französischen Rationalismus 1660 verfasste „GrammatikGrammatik von Port-Royal“ basiert auf dem Konzept allgemeiner logischer Formen.2 Diese allgemeine und theoretisch-kritische Grammatik von A. ARNAULD und E. LANCELOT versuchte auf der Basis von Griechisch, Latein und Französisch Kategorien zu entwickeln, die für alle Sprachen Gültigkeit haben. Die SpracheSprache ist bestimmt von ihrer instrumentalen Funktion, den Gedanken Ausdruck zu geben. Sie ist ein Zeichensystem, das so aufgebaut ist, wie es diesem Zweck am meisten entspricht.
3.2 Zeichentheorien und Funktionen der SpracheSprache
Die logische Betrachtung der SpracheSprache als ein Zeichensystem hat im 20. Jahrhundert die moderne SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik hervorgebracht. Als systematische Beschreibung einzelner Sprachen gewinnt sie ihren Gegenstand nur mittelbar aus der Abstraktion der empirisch beobachtbaren Sprachäußerungen. Weichensteller war hier Ferdinand de SAUSSURES Cours de linguistique générale (1916).1Saussure Forschungsgegenstand war für ihn nicht die menschliche RedeRedes. parole in ihrer Gesamtheit (langage), denn die erschien ihm als „ein wirrer Haufe verschiedenartiger Dinge, die unter sich durch kein Band verknüpft sind“ (1967:10).
Er unterschied zwei Ebenen der Betrachtung: Objekt der SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik ist das SprachsystemSprachsystem (languelangues. Sprachsystem) als abstraktes Inventar von Sprachzeichen und grammatischem Regelsystem zu deren Verknüpfung, das als soziales Faktum den Individuen zur Verfügung steht. Empirisch beobachtbar sind allerdings nur die tatsächlichen Sprachäußerungen, die RedeRedes. parole (paroleparoles. Rede, Äußerung). Es entstanden einige Grundbegriffe, die seither in der SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik ständig wiederkehren, und auch viele Übersetzungstheorien verwenden sie oder berufen sich darauf. Um eine Verständnisbasis zu schaffen, werden sie im Folgenden kurz skizziert.
Bei der wissenschaftlichen Beschreibung von Sprache lassen sich verschiedene Perspektiven anwenden, und entsprechend sind auch die Ergebnisse verschieden. Zunächst kann man nach der Beschaffenheit der Wörter fragen. Die Wörter einer SpracheSprache sind Zeichen, die sich auf einen Gegenstand oder Sachverhalt in der realen Welt beziehen. Nach SAUSSURESaussure (1967:76ff) besteht jedes Sprachzeichen aus den zwei Aspekten AusdruckAusdruck/InhaltInhalt, also aus einem materiellen (lautlich oder graphisch realisierten) Zeichenkörper oder Signifikanten (signifiant) und dem Zeicheninhalt, dem begrifflichen Konzept als Signifikat (signifié). Die Verbindung eines Lautbildes mit einer Vorstellung ist untrennbar – wie Vorder- und Rückseite eines Blatts Papier. Dieses statische Modell geht von der stabilen Zusammengehörigkeit einer Benennung und einer Inhaltsvorstellung aus, weshalb eine Auflösung dieser Verbindung den Zeichencharakter zerstören würde.
Präzisiert wurde die BedeutungBedeutung eines Zeichens andererseits mit Blick auf die Kommunikationssituation durch das semiotische Dreieck von OGDENOgden/Richards/RICHARDS von 19232Ogden/Richards. Ein Zeichen (Signifikant, Wort) in seiner Gestalt symbolisiert den außersprachlichen ReferentenGemeinte (Wirklichkeit, Gemeintes) nur indirekt über das Konzept (Bedeutung, Signifikat) der gedanklichen Vorstellung als dem Zeicheninhalt:

Sprachliche Ausdrücke lassen sich also nur über ihr begriffliches Konzept, ihre BedeutungBedeutung, auf die Wirklichkeit beziehen (SpracheSprache als KommunikationsinstrumentKommunikationsinstrument); sie gewähren keinen direkten Zugang zu den Sachen selbst. Nach diesem dynamischen, einen Prozess darstellenden Modell lässt sich die Bedeutung eines Zeichens – anders als bei SAUSSURESaussure – nur erfassen, wenn es von einem Sprecher benutzt wird, um damit auf einen Gegenstand der außersprachlichen Wirklichkeit hinzuweisen (Bezeichnungsfunktion). Die Zuordnung vom Zeichen zum Gemeinten geschieht erst durch den Zeichenbenutzer (Sprecher mit Gedanken), was durch die unterbrochene Linie im Modell graphisch dargestellt wird.
Und auch für den Hörer steht das Zeichen nicht einfach statisch „für etwas“, sondern es ist eine Bezugsgröße (vgl. die Denktradition von PEIRCEPeirce3Peirce): Erst durch Erkennen und VerstehenVerstehen (Interpretation) der in ihm wirksamen Relationen wird das Sprachzeichen vom EmpfängerEmpfänger konstituiert und gewinnt ‘Bedeutung’: „Nichts ist ein Zeichen, wenn es nicht als Zeichen interpretiert wird“ (PEIRCE).
Eine grundlegende Eigenschaft sprachlicher Zeichen ist deren ArbitraritätArbitrarität: Zwischen dem Bezeichnenden (Signifikant, Zeichen, SymbolSymbols. Zeichen) und dem Bezeichneten (Signifikat, BegriffBegriff, Gedanke) besteht eine beliebige, nicht naturnotwendige oder abbildende, sondern konventionell festgelegte Beziehung.
Die Sprachzeichen selbst sind im Wortlaut nicht von der zu bezeichnenden Sache her bedingt. Die SONNE, auf dt. Sonne, engl. sun, franz. soleil, ital. sole bezeichnet, deren göttliches Wesen bei den Indern als Surja, bei den Sumerern als Utu, bei den Babyloniern als Schamasch, den Ägyptern als Re, den Griechen als Helios, den Römern als Sol, den Azteken als Tonatiuh, den Inka als Inti und den Japanern als Amaterasu verehrt wurde und wird, hat schon immer die Neugier des Menschen geweckt (DE, 10.11.95).
ArbitraritätArbitrarität bedeutet freilich nicht, dass der Einzelne nach freier Wahl bei der Konstruktion sprachlicher Ausdrücke verfahren könnte. In der sozialen KommunikationKommunikation erfährt er vielmehr den Zusammenhang zwischen Zeichen und BedeutungBedeutung als eine gewohnheitsmäßige, konventionelle Verbindung.
In einer weiteren Perspektive auf die Funktion der Zeichen in der RedeRedes. parole zielt schließlich Karl BÜHLERS Organon-ModellOrganon-Modell der SpracheSprache (1934:28):

Das Sprachzeichen (Z) steht in einem dreifachen Verhältnis zu seiner Umgebung, genauer gesagt, es „funktioniert als Zeichen“ gerade durch dieses dreifache Verhältnis. Die drei Relationen sind der Sprecher, der es äußert (SenderSenders. Autor, Produzent), der Hörer, der es aufnimmt (EmpfängerEmpfänger), und die Gegenstände und Sachverhalte, die es benennt (Referent). So steht ein Zeichen in Bezug auf die Wirklichkeit in der Funktion der BezeichnungBezeichnung (Symbolfunktion), in Bezug auf den Sprecher soll es dessen Status kundtun in der Funktion des Ausdrucks (Symptomfunktion), in Bezug auf den Hörer, bei dem es eine Reaktion bewirken soll, hat es die Funktion des Appells (Signalfunktion).
BÜHLERS drei Sprachfunktionen werden von Roman JAKOBSONJakobson (1960) noch um drei weitere ergänzt. Er unterscheidet als Funktionen der Sprache in der Kommunikation: 1) Mitteilung: in der Bezeichnungsfunktion sendet der Sprecher eine Mitteilung an den Empfänger, 2) Kontext: dies erfolgt in der außersprachlichen Welt, 3) Appell: die Mitteilung will etwas bewirken, 4) Kontakt: die phatische Funktion dient zur Eröffnung, Aufrechterhaltung und Beendigung der Kommunikation, 5) Kode: die metalinguistische Funktion betrachtet den Zeichenkode, 6) Form: die poetische Funktion meint die Form der Mitteilung (vgl. HOUSEHouse 1997:33).
3.3 Der Zeicheninhalt
In der PerspektivePerspektive des Sprachanalytikers, der nach der Eigenschaft der Zeichen fragt, werden jene Zeichenfunktionen zu Aspekten des Bedeutungsinhalts. Dann werden sie als DenotationDenotation und Konnotationen bezeichnet.
Die DenotationDenotation ist der klar umrissene Bedeutungsinhalt eines Zeichens in seiner Bezeichnungsfunktion (wie z.B. ‘Tisch’, ‘Stuhl’, ‘Schraube’). Die Wörter mit Zeigegestus bezeichnen Gegenstände und Sachverhalte als Träger von Qualitäten, die distinktiv aufgewiesen werden können (z.B. ‘alt’, ‘jung’, ‘neu’); hierzu gehören auch alle technischen Fachausdrücke, die Termini. Dagegen bezeichnen Wörter mit abstraktem InhaltInhalt eher Zustände und Vorgänge (z.B. Gefühlsbezeichnungen, Entwicklungen) und sind in ihrer semantischen Komplexität anders aufgebaut als Wörter mit konkreter Denotation.
Doch auch die Ausdrucks- und die Appellfunktion fließen in die BedeutungBedeutung von Wörtern als Konnotationen mit ein. So sagen die verwendeten Sprachzeichen etwas aus über den/die Sprecher/in, deren regionale und soziale Herkunft, die politische Einstellung, die Generationenzugehörigkeit usw. Und bestimmte Sprachformen werden rhetorisch bewusst eingesetzt, um eine bestimmte Reaktion zu erwirken oder eine Wertung anzudeuten.
Die Wörter können qualitativ verschiedenen Sprachebenen (gehoben, umgangssprachlich, slang) angehören, sie unterscheiden sich in der Gebrauchsfrequenz (usuell, selten), der stilistischen Wirkung (schriftsprachlich, veraltet, gespreizt) und nach dem Verwendungsbereich (gemeinsprachlich, fachsprachlich, regional).
Während die DenotationDenotation „Auto“, „Pkw“, „Kraftfahrzeug“ außersprachlich eindeutig ist, können die Wörter zu deren Benennung unterschiedliche Konnotationen hinsichtlich der Stilebene oder des Verwendungsbereichs aufzeigen, wie nachfolgende Beispiele davon, dass ein Wagen nicht mehr brauchbar ist, zeigen:
Das Kraftfahrzeug ist nicht verkehrstauglich (amtlich)
Das Auto fährt nicht mehr (gemeinsprachlich)
Das Auto ist kaputt (umgangssprachlich)
Die Karre ist hin (gesprochene Sprache, SlangSprache).
Der Wagen streikt (familiär)
usw.
Die obengenannten Zeichenmodelle sind in der neueren SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik stark rezipiert worden. Als wesentliche Charakteristika sprachlicher Zeichen gelten:
1 deren arbiträrer Charakter;
2 die Möglichkeit, sie in Zeichenklassen einzuteilen (Strukturierung);
3 deren Funktion, ganze Referentenklassen zu bezeichnen (begriffliche Abstrahierung), Ausnahme sind die Eigennamen;
4 die Freiheit der Sprachzeichen, ihren Geltungsbereich zu verändern;
5 die unterschiedliche Gliederung der Welt durch Zeichen (in verschiedenen Sprachen);
6 die Tatsache, dass SpracheSprache in einem sozialen KontextKontext funktioniert;
7 die doppelte Beschreibungsfunktion: Beschreibung der außersprachlichen Welt und Beschreibung der SpracheSprache selbst (Metasprache) (vgl. BUSSMANNBußmann 1990:864).
Die SpracheSprache ist also ein Instrument der KommunikationKommunikation zwischen den Menschen über die sie umgebende Welt, und als solches kann sie wissenschaftlich untersucht werden. Die Lehre von den Zeichen als kommunikativen Signalen heißt nach Ch. W. MORRIS1 „Semiotik“Semiotik (gr. semeion = Zeichen). Sie gliedert sich in
Semantik – Semantik(untersucht das Verhältnis der Zeichen zu den Dingen), es geht um Bedeutung,
Syntax – Syntax(untersucht die Beziehungen der Zeichen untereinander), es geht um Satzbau,
Pragmatik – Pragmatik(untersucht die Beziehungen zwischen Zeichen und Benutzer), es geht um den Gebrauch.
3.4 Universalienforschung
Die aufklärerische Idee allgemeiner logischer Formen (s. Kap. 3.1) setzte sich bis in unser Jahrhundert fort. In einer immer noch aktuellen Variante unterliegt dieses traditionelle Konzept auch Noam CHOMSKYS Standardtheorie der TiefenstrukturTiefenstruktur, die eine Widerspiegelung der FormForm des Gedankens und daher allen Menschen gemeinsam sein soll. Der AusdruckAusdruck „Form des Gedankens“ ist wichtig. Gemeint ist nämlich eine Struktur, die rein gedanklich ist und den InhaltInhalt eines Satzes vermittelt. Diese Basiskomponente aus „Satzstrukturregeln und Lexikonregeln“ (phrase structure rules and lexical rules) generiert eine „TiefenstrukturTiefenstruktur“, die dann wiederum über internalisierte Transformationsregeln in eine „Oberflächenstruktur“Oberflächenstruktur verwandelt wird.1SpracheBedeutungChomskyGrammatik
Ziel der von CHOMSKYChomsky (1965) entwickelten Generativen Transformationsgrammatik ist es also, durch ein System von expliziten Regeln das implizite Wissen von SpracheSprache abzubilden und damit eine logisch begründete TheorieTheorie über das DenkenDenken der Menschen zu schaffen.
Die entsprechende Hypothese der virtuellen sprachlichen KompetenzKompetenz besagt, dass der ideale Sprachbenutzer (native speaker) fähig sei, mit Hilfe eines internalisierten syntaktischen Regelapparats und eines begrenzten Inventars von Elementen (Laute, Wörter) unendlich viele, verschieden kombinierbare und variierbare Sätze grammatisch richtig zu formulieren (PerformanzPerformanz) und zuvor nie gehörte oder gelesene Sätze syntaktisch richtig zu deuten (vgl. hierzu auch languelangues. Sprachsystem und paroleparoles. Rede, Äußerung bei SaussureSaussure). So ist z.B. CHOMSKYS berühmt-berüchtigter Satz „Colourless green ideas sleep furiously“ grammatisch korrekt, wenn auch sinnlos. CHOMSKYChomsky studierte eine universale GrammatikGrammatik als Charakterisierung eines spezifischen Systems von Strukturen des menschlichen Geistes als Voraussetzung für die Fähigkeit zum Spracherwerb.
Auch wenn CHOMSKYChomsky keineswegs an das ÜbersetzenÜbersetzen dachte, konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken von verschiedenen Übersetzungstheoretikern „benutzt“ wurden, um eigene Vorstellungen theoretisch zu untermauern (dazu weiter unten). Die Vorstellung von Strukturen, die Menschen verschiedener Sprachen zu Eigen sind, konnte dies durchaus nahelegen.
Das Konzept allgemeiner logischer Formen, die allen Sprachen zu Grunde liegen, führte auch zur Universalienforschung2. Die Versuche zur Erklärung von UniversalienUniversalien lassen sich auf wenige Grundmuster zurückführen: (a) Mögliche Abstammung aller Sprachen von einer gemeinsamen Ursprache, (b) gleiche Funktionen der SpracheSprache in allen Sprachgemeinschaften, was ähnliche grammatische Strukturen bedingt, (c) gleiche biologische Ausstattung aller Menschen hinsichtlich ihrer kognitiven Prozesse und des Spracherwerbsmechanismus (vgl. BUSSMANNBußmann 1990:820).
Die Forschung konzentrierte sich zunächst auf den Zeichenkörper der Sprachen, auf grammatische UniversalienUniversalien als Eigenschaften aller menschlichen Sprachen. Es sind dies z.B. Kasus-Numerus, Tempus, Subjekt-Objekt, Spezifizierung der Personen in Ein- und Mehrzahl usw. Wissenschaftlich können dabei Übereinstimmungen und statistische Korrelationen zwischen den Einzelsprachen festgestellt werden.
Die Phonologie als weitere Teildisziplin der SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik befasst sich mit den bedeutungsunterscheidenden Sprachlauten, auch Phoneme genannt, ihren relevanten Eigenschaften, Relationen und Systemen (BUSSMANNBußmann 1990:581).
Grundkategorien der Benennung mittels Sprachzeichen sind "Gegenstand", "Ereignis", "Eigenschaft" und "Beziehung". Diese vier "Grundkategorien“ sind universal, und annähernd entsprechen ihnen die bekannten grammatischen Bezeichnungen Substantiv, Verb, Adjektiv, Präposition (vgl. NIDANida/TABER 1969:35).
Die Welt der Erfahrungen lässt sich nach dieser Auffassung in jene vier Kategorien aufteilen:
1 Gegenstand bezieht sich auf diejenigen semantischen Klassen, die Dinge oder Wesen bezeichnen, die an Ereignissen beteiligt sein können, z.B. Haus, Hund, Mann, Sonne, Stock, Wasser usw.;
2 Ereignis bezieht sich auf die semantische Klasse, welche Handlungen, Vorgänge und Geschehnisse bezeichnet, wie laufen, springen, töten, sprechen, scheinen, erscheinen, wachsen, sterben;
3 Eigenschaft bezieht sich auf die semantische Klasse der Ausdrücke, die als alleinigen Bezug Qualitäten, Quantitäten und Abstufungen von Gegenständen, Ereignissen und anderen Abstrakta aufweisen. Zum Beispiel ist rot an und für sich nichts, es ist nur die Qualität, die bestimmten Gegenständen eigen ist, wie etwa ein roter Hut.
4 Beziehungen bezeichnen die sinnvollen Verbindungen zwischen anderen Wortarten. Sie werden oft durch Partikel ausgedrückt (im Deutschen meist Präpositionen und Konjunktionen), sowie durch Affixe und Flexionsmerkmale. Viele Sprachen, auch Englisch und Französisch, benutzen die Ordnung der Satzteile, um sinnvolle Beziehungen auszudrücken (z.B. S – P – O).
3.5 Strukturelle SemantikSemantik
Nicht abwegig ist dann der Gedanke, dass es auch universelle Bedeutungsaspekte bei den Zeicheninhalten geben könnte. CHOMSKYChomsky (s. Kap. 3.4) dachte etwa daran, dass farbbezeichnende Wörter z.B. das Farbenspektrum, das ja physisch wahrnehmbar ist, in kontinuierliche Segmente einteilen würden, die zwar in verschiedenen Vorstellungen nicht identisch, aber nachvollziehbar seien.
Noch einen Schritt weiter gehen J.J. KATZ/J.A. FODOR (1963) sowie Manfred BIERWISCH (1967)1. Wie die Lautstruktur der natürlichen Sprachen auf der Basis eines universalen Inventars phonologischer Merkmale beschrieben werden kann, so soll das semantische Grundinventar einer SpracheSprache als Auswahl aus einem Universalinventar semantischer Merkmale beschreibbar sein. Hierzu können Kategorien wie „belebt-unbelebt“, „maskulin-feminin-neutrum“, die Differenzierungen in „Subjekt-Verb-Objekt“ oder auch Beschreibungskriterien des Raumes gehören (z.B. Dimensionalität, Vertikalität, Beobachterzentriertheit). Es gilt das aristotelische Kategorienmodell der klaren Abgrenzung und Zuordnung aufgrund gemeinsamer Merkmale.
Dies ist der Forschungsgegenstand der Strukturellen SemantikSemantik.2Geckeler In der semantischen Komponentenanalyse kann anhand der „Seme“ als den kleinsten inhaltsunterscheidenden Merkmalen die „BedeutungBedeutung als Semstruktur“ (HILTY) dargestellt werden. Die lexikalische Bedeutung, das „Semem“, ist der einer semantischen Analyse zugängliche, im Lexikon kodifizierte Teilaspekt von Bedeutung, der zusammen mit den grammatischen Bedeutungselementen (wie Modus, Tempus, Komparation) die Gesamtbedeutung sprachlicher Ausdrücke ergibt.
Analog zur Methode der Phonologie, die die Laute als Ausdrucksseite der Zeichen in einzelne phonologische Merkmale zerlegt, wird hier nach der Beschaffenheit der Inhaltsseite von Sprachzeichen gefragt. Dabei wird der Zeichencharakter aufgelöst und die Inhaltsseite nach bedeutungskonstitutiven Merkmalen als möglichen sprachlichen Korrelaten von Eigenschaften der außersprachlichen Wirklichkeit untersucht. Die Wortbedeutung wird als eine hierarchische Struktur von Bedeutungsmerkmalen aufgefasst, die dann beim Sprechen jeweils auf eine konkrete Satzbedeutung reduziert wird.
Die Analyse des Bedeutungsinhalts von frz. fauteuil (SESSEL) ergibt folgende Seme: ‘avec dossier’, ‘sur pied’, ‘pour une personne’, ‘pour s’asseoir’, ‘avec bras’, ‘avec matériau rigide’.
Mit dieser Methode können auch einzelsprachliche Wortfelder analysiert werden, wie z.B. die der Temperaturadjektive (gelé, froid, frais, tiède, chaud, brûlant), Altersadjektive (alt, jung, neu), Farbadjektive, Dimensionsadjektive usw. (vgl. GECKELERGeckeler 1973:25/31).
Bekannt ist auch das Beispiel von en. bachelor, das aus den Komponenten [+männlich], [+erwachsen], [–verheiratet] besteht. Hiergegen wird eingewendet, dass z.B. auch der Papst zwar ein „unverheirateter männlicher Erwachsener“ sei, aber doch wohl nicht den Prototyp des ‘bachelor’ darstelle (vgl. SNELL-HORNBYSnell-Hornby 1988:28).
Für die konkrete BedeutungBedeutung eines Wortes (Lexems) in der RedeRedes. parole kommt dem KontextKontext in seiner monosemierenden Funktion eine entscheidende Rolle zu. Die lexikalische Bedeutung eines isolierten Wortes ist „weitgespannt, vage, sozial und abstrakt“. Erst im Rahmen von Sätzen und Texten, wenn ein Sprecher mit Hilfe der kontextuellen Bedeutungen seine Meinung zum AusdruckAusdruck bringt, wird der Wortinhalt „engumgrenzt, präzise, individuell und konkret“ (WEINRICHWeinrich 1970:16). Der Grund ist, dass nur kompatible Seme in einem sinnvollen Satz zusammenkommen.
3.6 Die absolute ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit (KoschmiederKoschmieder)
Die Universalientheorie (s. Kap. 3.5) und die Generative TransformationsgrammatikGenerative Transformationsgrammatik (s. Kap. 3.4) mit ihren Untersuchungen von Aspekten, die mehreren Sprachen eigen sind, vermittelten wichtige Impulse für die ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie. Im Gegensatz zu den von der SprachinhaltsforschungSprachinhaltsforschung diskutierten Grenzen der ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit (s. Kap. 2.3) deutet sich hier eine prinzipielle Übersetzbarkeit an. In der modernen LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft ist folglich die Ansicht weit verbreitet, dass alles in jeder SpracheSprache ausdrückbar sei. Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ableiten, dass man wohl auch jeden Text in irgendeiner FormForm übersetzen kann. Roman JAKOBSONJakobson unterscheidet (1959) zwischen drei Arten der Übersetzung1JakobsonWilss:
Intralinguale Übersetzung oder Umbenennung (rewording) ist eine Interpretation sprachlicher Zeichen mit Hilfe anderer Zeichen derselben SpracheSprache.2
Interlinguale Übersetzung oder eigentliche Übersetzung (translation proper) ist eine Interpretation sprachlicher Zeichen mit Hilfe einer anderen SpracheSprache.
Intersemiotische Übersetzung oder Transmutation (transmutation) ist eine Interpretation sprachlicher Zeichen mit Hilfe von Zeichen nichtsprachlicher Zeichensysteme, etwa Piktogramme oder Verkehrsschilder.
Die Zeichen sind nicht deckungsgleich. JAKOBSON sieht ein Prinzip der sprachlichen Differenzierung: „Sprachen unterscheiden sich hauptsächlich in dem was sie ausdrücken müssen, und nicht so sehr in dem, was sie ausdrücken können“ (1959:195).
Georges MOUNINMounin hat die Problematik und Konsequenzen der Universalientheorie im Hinblick auf die ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit ausführlich diskutiert. Er stellt die Bezeichnungsfunktion der SpracheSprache (s. Kap. 3.2) in den Vordergrund und nennt außersprachliche Sachverhalte mit universellem Geltungsbereich (Wissenschaften), wobei er zu dem Schluss kommt: „… il faut conclure aussi que la traduction de toute languelangues. Sprachsystem en toute languelangues. Sprachsystem est au moins possible dans le domaine des universaux …“ (1963:223). So begreift MOUNIN z.B. die interlinguale Terminologiearbeit nach dem Prinzip der Eineindeutigkeit („nur ein Wort für eine Sache und nur eine Sache für ein Wort“, 1967:15) als „internationale Vereinheitlichung der Wörter“ und gelangt zu der Prognose, nach Erreichen dieses Ideals werde „die wissenschaftliche und technische Übersetzung so gut wie hundertprozentig automatisierbar sein“ (1967:159).
Erwin KOSCHMIEDERKoschmieder3Koschmieder präzisiert MOUNINS Position, indem er vom Instrumentalcharakter der SpracheSprache ausgeht. Er definiert: „‘Übersetzen’ heißt nämlich: 1. zu Zx in Lx über Bx das G finden und 2. zu demselben G in Ly über By das zugeordnete Zy finden“ (1965:104). Anders ausgedrückt: ÜbersetzenÜbersetzen heißt, zum ausgangssprachlichen Zeichen über das ausgangssprachlich Bezeichnete das GemeinteGemeinte finden und zu demselben Gemeinten in der ZielspracheZielspraches. ZS über das zielsprachlich Bezeichnete das zugeordnete zielsprachliche Zeichen finden. KOSCHMIEDERS Auffassung vom ÜbersetzungsvorgangÜbersetzungsvorgang kann also folgendermaßen veranschaulicht werden:

Diese Darstellung (vgl. WILSS 1977:49) zeigt, wie KOSCHMIEDERKoschmieder den ÜbersetzungsvorgangÜbersetzungsvorgang auf seine linguistischen Grundkomponenten reduziert und die Relationen zwischen ihnen zu formulieren sucht. Weil die Zuordnung desselben Gemeinten (tertium comparationistertium comparationis) zur Ausgangs- und zur ZielspracheZielspraches. ZS zwangsläufig impliziert, dass alles übersetzbar sei, erscheint es sinnvoll, den ÜbersetzungsprozessÜbersetzungsprozess als einfaches Faktorenmodell darzustellen: „Die ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit eines Textes ist also durch die Existenz von syntaktischen, semantischen und erfahrungslogischen Universalkategorien gewährleistet“, lautet dazu die Zusammenfassung bei WILSSWilss (1977:56). Und Werner KOLLERKoller entwirft ein generatives Übersetzungsmodell:
Von der Annahme eines universalen semantischen Merkmalinventars führt ein weiterer Schritt zur Annahme, dass äquivalente Sätze oder Texte in verschiedenen Sprachen identische Repräsentationen in einer semantischen Metasprache haben, deren Einheiten universale semantische Merkmale sind. In diesem Sinne ist ein bilinguales oder multilinguales Übersetzungsmodell denkbar, in dem die einzelsprachlichen Oberflächenstrukturen auf einfachere Grundstrukturen zurückgeführt werden, die in ihrer tiefsten Schicht in der lingua universalis, das heißt einer interlingualen, ‘sprachunabhängigen’ semantischen Metasprache, repräsentiert sind.
Durch zum Teil mehreren oder allen Sprachen gemeinsame, zum Teil einzelsprachliche Ableitungsschritte – diese können in ihrem syntaktischen Teil als Transformationen aufgefaßt werden; bei der Auswahl und Spezifizierung der einzelsprachlichen semantischen Merkmale würde es sich um ‘semantische Transformationen’ handeln, die von der metasemantischen Repräsentation zu den einzelsprachlichen semantischen Repräsentationen führen – gelangt man von der semantischen Anfangsrepräsentation zu den phonetischen und graphischen Endrepräsentationen (KOLLERKoller 1992:182).
Dies ist eine theoretische Aussage, denn mit der wohl unwiderlegbaren Behauptung, dass letztlich jeder Text übersetzbar ist, wenn man nur die entsprechenden Regeln formuliert hätte, ist freilich noch kaum etwas darüber ausgesagt, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine angemessene Übersetzung entsteht.
Kommentar
Die aufklärerische Entmythologisierung der SpracheSprache als einem Zeichensystem zum Zweck der KommunikationKommunikation hat es ermöglicht, diese zu analysieren und wissenschaftlich zu beschreiben. Die semiotische Zeichentheorie, die Generative TransformationsgrammatikGenerative Transformationsgrammatik und die Universalientheorie beleuchten das Verhältnis zwischen Sprache und DenkenDenken. Sie haben damit wesentliche Anstöße zur Entwicklung einiger moderner Übersetzungstheorien gegeben, die im Folgenden beschrieben werden.
Lektürehinweise
Umberto ECO (1972): Einführung in die Semiotik. München, 81994, (UTB 105).
Horst GECKELERGeckeler (1973): Strukturelle Semantik des Französischen, Tübingen.
Werner KOLLERKoller (1992, 82011): Einführung in die Übersetzungswissenschaft. Heidelberg; besonders Kapitel 2.1.5.
Georges MOUNINMounin (1967): Die Übersetzung. Geschichte, Theorie, Anwendung. München.
Ferdinand DE SAUSSURESaussure (1967): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Hrsg. von P.v.Polenz. Berlin.
4 Der Übersetzungsvorgang als interlingualer TransferTransfer
Erste Forschungen zur Maschinellen Übersetzung gaben Anstoß zu einer ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft als Teilgebiet der LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft. Hier wurde zunächst von der Leipziger Schule das kommunikationswissenschaftliche Modell des Übersetzungsvorgangs entworfen. Die Forderung nach inhaltlicher Invarianz führt zur Suche von interlingualen Äquivalenten. Die systemische Grammatik vergleicht linguistische Aspekte zwischen Sprachen. Eine semiotisch orientierte Darstellung zielt auf die Faktoren der TransferprozedurTransferprozedur mit der PerspektivePerspektive einer objektiv beschreibbaren Transfermethode als FertigkeitFertigkeit.
4.1 Wissenschaftliche Maximen moderner LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft, MÜ
Im Sinne des Rationalismus und der Universalientheorie (s. Kap. 3.5) ist die SpracheSprache ein Zeichensystem zum Zwecke der KommunikationKommunikation, welches auch Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung sein kann. Die SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik, die LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft, wie sie seit de SAUSSURESaussure heißt, hatte sich in den 1950er und 1960er Jahren auch die rationalistischen Analysekriterien wie Objektivierbarkeit, Methodenstringenz, Formalisierbarkeit, Intersubjektivität und Verifizierbarkeit als „Kennzeichen der wissenschaftlichen Methode“ (STACHOWITZ) zu eigen gemacht. Alle als subjektiv-zufällig geltenden Bestimmungsfaktoren in der Sprachbeschreibung waren nunmehr „unwissenschaftlich“ und mussten so weit wie möglich ausgeschaltet werden. Dadurch wurde der Kreis „wissenschaftlicher Disziplinen“ stark eingeschränkt. R. STACHOWITZ führt in seinem Buch über die Maschinelle Übersetzung1StörigWilss aus:
Heute wird allgemein akzeptiert, daß der AusdruckAusdruck „Wissenschaft“ sich nicht länger auf eine geistige Disziplin bezieht, die sich mit einem besonderen Sachgebiet befaßt, sondern ganz allgemein auf jede Disziplin, die eine besondere Forschungsmethode verwendet, die sogenannte „wissenschaftliche Methode“. Dementsprechend klassifizieren wir verschiedene Fachrichtungen danach, ob sie sich der wissenschaftlichen Methode bedienen oder nicht. Daher schließen wir Disziplinen wie die Literaturwissenschaft von den Wissenschaften aus.
Dies hatte zur Folge, dass man sich auf Texte beschränkte, die den Ansprüchen der wissenschaftlichen Beschreibbarkeit genügten. Auch die Beschreibung der Übersetzungsvorgänge sollte zur Aufgabe dieser LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft werden, nachdem an der ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit als solcher nicht mehr gezweifelt wurde.
Der Anstoß, ÜbersetzenÜbersetzen als primär oder gar ausschließlich „linguistisches“ Phänomen zu erfassen und als solches zu objektivieren, ging von der Forschung zur Maschinellen Übersetzung (MÜ) aus. Deren offiziellen Auftakt kann man auf das Jahr 1948 datieren, da Warren WEAVER in jenem Jahr in einem berühmt gewordenen Briefwechsel mit Norbert WIENER seine informationstheoretisch inspirierte Konzeption der Maschinellen Übersetzung vorlegte. Aus dem Rechner ließe sich bestimmt auch eine Maschine zur Sprachübersetzung machen.2 Eine natürliche SpracheSprache sei eine Art Geheimkode, den der Computer knacken könne: Er müsste nur ein Wort durch das richtige andere ersetzen.
Die TheorieTheorie vom ÜbersetzenÜbersetzen wurde gleichsam als Hilfsdisziplin der maschinellen Übersetzung konzipiert, deren Aufgabe es war, SpracheSprache so zu formulieren und zu algorithmisieren, dass Texte vom Computer in der AS (AusgangsspracheAusgangsspraches. AS) analysiert und in der ZS (ZielspracheZielspraches. ZS) synthetisiert werden könnten. Als Ziel galt FAHQT (= Fully Automatic High Quality TranslationTranslation). Der Computer tastet den zu lesenden Text in linearer Folge ab. Besondere Schwierigkeiten stellen daher zunächst die Wortart, der Numerus sowie die Verknüpfung dar.3Übersetzer
Wie ein Wort zu verstehen ist, d.h. welcher Kategorie es zugeordnet wird, hängt vom jeweiligen KontextKontext ab, vgl.
| Nadeln haben scharfe Spitzen (Substantiv); | Singt die Weisen; |
| wir spitzen die Ohren (Verb); | Fragt die Weisen; |
| ich suche einen spitzen Stock (Adjektiv). | Sie weisen euch den Weg. |
Wie schwierig das Unternehmen der Maschinellen Übersetzung ist, zeigt folgendes Beispiel eines englischen Satzes in deutscher Übertragung durch mehrere MÜ-Systeme:
Englischer Satz: China cranked up the pressure on Taiwan today by announcing it would begin guided missile tests in the seas around the island. (May 1996)
SchWINn TranslatorTranslator Pro: China krümmte hinauf der Druck eingeschaltet Taiwan heute von ankündigend es wollte beginnen Raketengeschoß testet im Meere ringsherum der Insel.
FB-Translator: Porzellan krümmte hoch der Druck eingeschaltet Taiwan heute von ankündigend es wollte starten ferngelenktes Geschoß Prüfungen im Meere herum der Insel.
German Assistant: China hat aufwärts den Druck auf Taiwan heute angekurbelt durch verkünden es würde anfangen, Fernlenkgeschoß prüft in den Meeren herum die Insel.
T 1: China drehte heute den Druck auf Taiwan an, wenn es ankündigt, daß es Lenk-Waffen-Prüfungen in den Meeren gegen die Insel anfangen würde.
(Vgl. Beispiele in: DIE ZEIT, Mai 1996).
Und noch zwanzig Jahre später:
Google Translator: China angekurbelt heute den Druck auf Taiwan bis mit der Ankündigung, sie würden rund um die Insel im Meer geführt Raketentests beginnen. (Mai 2016)
PONS online: China hat den Druck auf Taiwan heute durch die Ankündigung gekröpft, dass es Tests des ferngelenkten Geschosses in den Meeren um die Insel beginnen würde. (Mai 2016)
4.2 Das kommunikationstheoretische Modell des Übersetzungsvorgangs (KadeKade, Neubert)
Vor diesem wissenschaftstheoretischen Hintergrund erklärt es sich, dass eine Reihe von Übersetzungswissenschaftlern, insbesondere die später so genannte „Leipziger Schule“ (Otto KADEKade, Albrecht NEUBERT, Gert JÄGER, Gerd WOTJAK) die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft als linguistische Teildisziplin verstehen und von „TranslationslinguistikTranslationslinguistik“ sprechen.1 DabeiÜbersetzen hat KADE (1963:91) den Terminus „TranslationTranslation“ als Oberbegriff für Übersetzen und Dolmetschen eingeführt. Der Gegenstand der Wissenschaft war nach JÄGER (1975:77) „die Untersuchung der TranslationsprozesseTranslationsprozesse als sprachliche Prozesse“ und die Analyse der ihnen „zu Grunde liegenden sprachlichen Mechanismen“:
Alle Texte einer SpracheSprache Lx (Quellensprache) können unter Wahrung des rationalen Informationsgehalts im Zuge der TranslationTranslation durch Texte der Sprache Ln (ZielspracheZielspraches. ZS) substituiert werden, ohne daß prinzipiell der Erfolg der KommunikationKommunikation beeinträchtigt oder gar in Frage gestellt wird (KADEKade 1971:26).
Später sollte dann eine Wissenschaft von der „Sprachmittlung“, eine Translationswissenschaft begründet werden (KADEKade 1980). Dabei legte er eine kommunikationswissenschaftliche Auffassung zu Grunde:
Die KS [sc. Kommunikationssituation] in der ZVK [sc. zweisprachig vermittelten KommunikationKommunikation] ist deshalb das objektive Kriterium, von dem aus der Grad der möglichen und/oder notwendigen Übereinstimmung bzw. der zulässigen Nichtübereinstimmung von IKK [sc. Informationskomponenten des Kommunikats] des ZS- [sc. zielsprachigen] Textes gegenüber dem QS- [sc. quellensprachigen] Text bestimmt werden kann.
In beiden Fällen wirkt das „Spannungsfeld zwischen Originalbezogenheit und Empfängergerichtetheit“, jedoch haben die beiden Pole dieses Spannungsfeldes einen unterschiedlichen Stellenwert. Bei der TranslationTranslation hat die Originalbezogenheit das Primat (…), beim ad. Ütr. [sc. adaptiven Übertragen] hingegen die Empfängergerichtetheit (…). Zwischen diesen beiden Polen, die infolge der Unkenntnis der objektiven Zusammenhänge den Streit um die „wörtliche“ bzw. „genaue“ oder „freie“ Übersetzung lange Zeit nicht lösbar erscheinen ließen, bewegte sich in der langen Geschichte des Übersetzens der empirische Übersetzungsbegriff (KADEKade 1980:122; 158).
Nach KADE (1968:7) sollte die TW die „objektiven Faktoren“ im Übersetzungsprozess betrachten, wobei er die geistigen Vorstellungen, mit denen Übersetzer es zu tun haben, als „Abbildungen dieser objektiven Wirklichkeit“ sieht (1968:18).
In den 1960er Jahren wurden in der Akademie der Wissenschaften der DDR die Weichen der wissenschaftlichen Konzeption bis hin zur „komplexen sozialistischen Rationalisierung“ gestellt. Die „wissenschaftliche Weltanschauung“ erklärte die Welt lediglich mit Hilfe der Naturgesetze, nach dem Leitgedanken: „Die Welt ist erkennbar“. Dieser absolute Anspruch auf Wahrheit galt besonders für den Bereich der Wissenschaft, und die „proletarischen Wissenschaftler“ sollten die objektiven Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung im Sinne des dialektischen Materialismus aufzeigen. KADE nennt seine Vorstellung von der Wissenschaftstheorie „den modernen Materialismus“ und meint damit ein Modell, welches „das Primat des Seins gegenüber dem Bewusstsein“ postuliert (KADE 1968:18).
Das erklärte Ziel der Leipziger Schule war die Erstellung einer „Übersetzungsgrammatik“. Darin sollten systematisch alle mehr oder minder regelhaften, von einem Vergleich der Sprachsysteme ableitbaren und vom Übersetzer einzuhaltenden Regeln zusammengefasst werden.
Die idealtypische Übersetzungssituation ist nämlich eine „Abfolge von mechanischen bzw. mechanisierbaren Substitutionsprozessen oberflächengebundener Textkonstruktion (KADE 1968) (zit. nach WILSS 1977:282).
Zentrale Begriffe der Translationslinguistik sind hier KodeKode und Kodewechsel, deren Herkunft aus Nachrichtentechnik und Kommunikationswissenschaft2 die Zielrichtung der TLTranslationslinguistik andeutet. Sie strebt an, den Informationsgehalt eines Textes in der Übersetzung invariant zu erhalten.
Kommunikationswissenschaft ist die Wissenschaft von Bedingungen, Struktur und Verlauf von Informationsaustausch auf der Basis von Zeichensystemen. Ein KommunikationsmodellKommunikationsmodell ist die schematische Darstellung von Kommunikationsprozessen und ihrer Komponenten. Grundkomponenten des nachrichtentechnischen Kommunikationsmodells sind (a) SenderSenders. Autor, Produzent und EmpfängerEmpfänger (Sprecher/Hörer), (b) Kanal bzw. Medium der Informationsübermittlung (akustisch, optisch, taktil), (c) KodeKode (Zeichenvorrat und Verknüpfungsregeln), (d) Nachricht (Mitteilungsinhalt), (e) Störungen (Rauschen), (f) pragmatische BedeutungBedeutung (IntentionIntention, Wirkung), (g) Rückkoppelung (Empfängerreaktion).
Der KodeKode-BegriffBegriff wurde in die SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik übernommen, indem man – vereinfacht ausgedrückt – die LexikLexik einer SpracheSprache mit dem Zeichenrepertoire und die SyntaxSyntax mit dem Zeichenverknüpfungsmechanismus gleichsetzte. In der sprachlichen KommunikationKommunikation (RedeRedes. parole) dient der Kode dazu, eine Nachricht (N) von einem SenderSenders. Autor, Produzent (S) zu einem EmpfängerEmpfänger (E) zu transportieren, d.h. die Nachricht wird zu Übermittlungszwecken enkodiert (verschlüsselt) und beim Empfang wieder dekodiert (entschlüsselt). Das KommunikationsmodellKommunikationsmodell sieht so aus, wenn SenderSenders. Autor, Produzent (S) und Empfänger (E) über ein gemeinsames Zeichensystem (Sprache) verfügen:

Das ÜbersetzenÜbersetzen stellt dann einen Sonderfall dar: Zwischen SenderSenders. Autor, Produzent und EmpfängerEmpfänger muss der ÜbersetzerÜbersetzer (oder der Computer) treten, der einen Kodierungswechsel vornimmt, weil ja der Empfänger des Textes nicht über den gleichen KodeKode (SpracheSprache) wie der SenderSenders. Autor, Produzent verfügt. Dabei muss aber der Informationsgehalt eines Textes invariant bleiben. Nach KadeKade (1968a:203) kann man den zweisprachigen KommunikationsvorgangKommunikationsvorgang der Übersetzung als dreiphasigen Prozess folgendermaßen veranschaulichen:

Der ÜbersetzerÜbersetzer ist nicht nur „Kodeumschalter“, sondern zugleich EmpfängerEmpfänger (E) der AS-Nachricht und SenderSenders. Autor, Produzent (S’) der gleichen ZS-Nachricht, die dann vom zielsprachlichen Empfänger (E’) im VerstehenVerstehen wieder dekodiert wird. Der Blick ist hier auf die Information gerichtet, die unversehrt weitergeleitet werden soll. Dies geschieht durch code-switching im interlingualen Transfer, wobei „Äquivalenz“ erzielt werden soll. Diese gilt als Garant für den Erhalt der Information in der Übersetzung. Jene Auffassung hat die deutsche ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft zunächst sehr stark geprägt. Deren Interesse konzentriert sich auf die Frage,
wie man sprachlich operieren muß, um ausgangs- und zielsprachliche Textintegration zu gewährleisten und interlinguale Strukturdivergenzen auf inhaltlich und stilistisch adäquate Weise zu neutralisieren. Die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft versteht ÜbersetzenÜbersetzen als einen sprachlichen Formulierungsprozeß, in dessen Verlauf der ÜbersetzerÜbersetzer durch eine Folge von code-switchingcode-switching-Operationen eine von einem ausgangssprachlichen SenderSenders. Autor, Produzent (S1) produzierte Nachricht in einer ZielspracheZielspraches. ZS reproduziert und sie damit dem zielsprachlichen EmpfängerEmpfänger (E2) zugänglich macht (WILSSWilss 1977:62).
4.3 Die potentiellen Entsprechungen zwischen AS und ZS
Durch die kommunikationswissenschaftlich logische Forderung nach Invarianz der InformationInformation entsteht das „translatorische Grundproblem“ der Suche nach Entsprechungen.
Das Fehlen von Eins-zu-Eins-Entsprechungen wirkt sich vor allem dort nachteilig aus, wo ÜbersetzenÜbersetzen als ein Vorgang verstanden wird, „bei welchem Reihen eines Sprachinventars A durch Reihen eines Sprachinventars Z ersetzt werden“ (…). Dies ist bei der Maschinenübersetzung der Fall, die informationstheoretisch argumentiert und den ÜbersetzungsprozeßÜbersetzungsprozess als eine Folge von formal-mechanischen Operationen auffaßt (WILSSWilss 1977:75).
Dieses Grundproblem rührt nach Meinung KADES von der Divergenz zwischen languelangues. Sprachsystem und paroleparoles. Rede, Äußerung her, wie sie bei SAUSSURESaussure konzipiert ist (s. Kap. 3.2):
Die Problematik der TranslationTranslation resultiert daraus, daß bei der Umschlüsselung (…) im Bereich der paroleparoles. Rede, Äußerung (d.h. bei der Aktualisierung sprachlicher Mittel) auf der Inhaltsebene ein 1:1-Verhältnis zwischen AS-Elementen und ZS-Elementen erreicht werden muß, obwohl im Bereich der languelangues. Sprachsystem (d.h. in den Relationen zwischen AS-System und ZS-System die Nichtübereinstimmung der semantisch-funktionellen Seite verschiedensprachiger Zeichen (der AS-Zeichen und ZS-Zeichen) die Regel ist (KADEKade 1968:75).
Die Reichweite der TranslationslinguistikTranslationslinguistik wird damit auf den rein inhaltlichen AspektAspekt von Texten begrenzt, der den alleinigen Bezugspunkt darstellt. So auch bei Henri VERNAY:
Wir definieren zunächst ÜbersetzenÜbersetzen als den Akt, der eine in der SpracheSprache A gegebene InformationInformation so in eine Sprache B überträgt, daß die in Sprache B erhaltene Informationsmenge mit jener in Sprache A identisch ist (…). Wenn man aber die informative ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung eines ZS-Textes mit seinem AS-Text feststellen will, so bedarf es eines tertium comparationistertium comparationis auf der Inhaltsebene, an dem sowohl AS-Text als auch ZS-Text gemessen werden können (VERNAY 1974:4; 5).
In seinem Übersetzungsmodell führt der Weg vom AS-Text zu einem „Metatext“ auf der languelangues. Sprachsystem-Ebene. Nach „Feststellung der Übereinstimmung und Abweichung zwischen L1- und L2-System unter Bezug auf außereinzelsprachliche Kategorien der Inhaltssubstanz“ (VERNAY 1974:6) ergibt sich, wie in der Vorstellungswelt der Generativen Grammatik (s. Kap. 3.4)Grammatik, deduktiv wiederum ein ZS-Text. Sehr zahlreiche Beiträge zur ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft entwickeln ähnliche Modelle auf verschiedenen Stufen der Abstraktion oder Formalisierung, jedoch keine explizite Anwendung auf konkrete Texte (vgl. dazu KOSCHMIEDERKoschmieder, s. Kap. 3.6).
In diesem (gewiss auch vom marxistischen WeltbildWeltbild geprägten) Ansatz KADES, der die sprachliche FormForm nur im „Dienst am InhaltInhalt“ sieht, wird die Unterscheidung zwischen languelangues. Sprachsystem und paroleparoles. Rede, Äußerung, zwischen SprachsystemSprachsystem und konkreter RedeRedes. parole verwischt, sodass das ÜbersetzenÜbersetzen einfach zu einem Ersatz von Sprachzeichen der einen SpracheSprache durch solche einer anderen wird, solange dies nur mit Bezug auf eine universale TiefenstrukturTiefenstruktur, ein tertium comparationistertium comparationis vertretbar ist. Die theoretischen Konstrukte von Tiefenstruktur-OberflächenstrukturOberflächenstruktur/BegriffBegriff-Zeichen/Sprachsystem-RedeRedes. parole sind praktisch nur schwer auseinander zu halten.
Aufgabe der linguistischen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft ist die Beschreibung der Zuordnungsbeziehungen auf der Systemebene (languelangues. Sprachsystem), die es, obwohl im allgemeinen keine Eins-zu-eins-Beziehungen vorliegen, erlauben, auf der Textebene (paroleparoles. Rede, Äußerung), d.h. der Aktualisierung der potentiellen systematischen Zuordnungen im Text, eine Eins-zu-eins-Beziehung zwischen AS- und ZS-Text zu erhalten (KOLLERKoller 1992:151).
Die „linguistische ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft“ geht also von der Grundannahme eines „Aufeinandertreffens zweier sprachlichen Systeme beim ÜbersetzenÜbersetzen“ (VERNAY 1974:2) aus. Sie verlangt nach einer sprachenpaarbezogenen deskriptiven Darstellung von Zuordnungsbeziehungen sprachlicher Einheiten, welche in „äquivalenter“ Übersetzung koordiniert werden. Nach KADE (1968:90)Kade ist die Übersetzungseinheit „das jeweils kleinste Segment des AS-Textes, für das (…) ein Segment im ZS-Text gesetzt werden kann, das die Bedingungen der Invarianz auf der Inhaltsebene erfüllt.“ Demnach wäre die Übersetzung äquivalent, wenn sie aus gleichviel (äquivalenten) Übersetzungseinheiten besteht wie der AS-Text. Damit entsteht aber ein neues Problem in der Frage, ob ein Text überhaupt restfrei in Übersetzungseinheiten zerlegt werden kann.
KADEKade (1968:79ff) hat vier Arten „potentieller Äquivalente“ im Lexikon zwischen Einzelsprachen herausgestellt. Als potentielles Äquivalent kann gelten, was auf der Systemebene in zwei Sprachen inhaltlich vergleichbar ist. KADE nennt Entsprechungen wie eins-zu-eins (totale ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung), eins-zu-viele (fakultative ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung), eins-zu-Teil (approximative ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung), eins-zu-Null (Null-ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung).
Die Reaktion auf diesen Befund hängt dann von verschiedenen Faktoren ab. Normalerweise entsprechen einer isolierten AS-Einheit mehrere Entsprechungen in der ZS. Auf der Textebene erweist sich dann im problemlosen Durchschnittsfall eines dieser potentiellen Äquivalente als das zutreffende.1KollerWilss
In diesem Zusammenhang ist auf den Unterschied zwischen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft und kontrastiver LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft hinzuweisen. Hauptzielsetzung letzterer ist es, „zwei oder mehrere Sprachen auf allen Ebenen mit Hilfe der Grundlage eines tertium comparationistertium comparationis systematisch miteinander zu vergleichen“2, und zwar unter der Zweckbestimmung des Fremdsprachenunterrichts und der Lexikographie. Der Sprachvergleich der kontrastiven LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft zielt auf Systemvergleich im Bereich von übereinstimmenden und divergierenden Strukturen, sie arbeitet auf der Ebene der languelangues. Sprachsystem. Demgegenüber bezieht sich die Übersetzungswissenschaft auf das FormulierenFormulieren konkreter Texte auf der Ebene der paroleparoles. Rede, Äußerung. In manchen wissenschaftlichen Arbeiten werden diese Unterschiede allerdings nicht genügend deutlich.

Abb. 1: Die potentiellen Äquivalenzrelationen
4.4 TranslationTranslation shifts (CatfordCatford)
Ein streng linguistisch-sprachenpaarbezogener Ansatz in der ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie wurde von John C. CATFORDCatford (1965) entwickelt:
TranslationTranslation is an operation performed on languages: a process of substituting a text in one language for a text in another. Clearly, then, any theory of translation must draw upon a theory of language – a general linguistic theory (1965:1).
CATFORDCatford befasste sich mit den Relationen im SprachenpaarSprachenpaar, sowohl auf der lexikalischen als auch auf der syntaktischen Ebene. Er begründete seine TheorieTheorie auf dem Konzept der „Systemischen GrammatikGrammatik“ des britischen Linguisten M.A.K. HALLIDAYHalliday1HallidayGrammatikSpracheBußmann. Mit dem Anspruch, die Maschinelle Übersetzung (s. Kap. 4.1) zu befördern, wird hier eine ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie von der allgemeinen LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft hergeleitet. Und so wird die SpracheSprache auf verschiedenen Ebenen beschrieben: Phonologie, Orthographie, Grammatik, Lexikon, SituationSituation. Die Übersetzungstheorie kann dann als Teil der Vergleichenden LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft definiert werden, wobei die Beziehungen zwischen AusgangsspracheAusgangsspraches. AS und ZielspracheZielspraches. ZS bestimmt werden sollen.
The theory of translation is concerned with a certain type of relation between languages and is consequently a branch of Comparative Linguistics. (…) TranslationTranslation may be defined as follows: the replacement of textual material in one language (SL) by equivalent textual material in another language (TL) (CATFORDCatford 1965:20).
Vor diesem theoretischen Hintergrund werden dann die Übersetzungsmöglichkeiten im Hinblick auf partielle oder totale Übersetzung an Wort- und Satzbeispielen erörtert. Dabei wird unterschieden zwischen „textual equivalence“ und „formal correspondence“ als empirischem Phänomen2:
A textual equivalent is any TL text or portion of text which is observed on a particular occasion, by methods described below, to be the equivalent of a given SL text or portion of text. A formal correspondent, on the other hand, is any TL category (unity, class, structure, element of structure, etc.) which can be said to occupy, as nearly as possible, the same place in the ‘economy’ of the TL as the given SL category occupies in the SL (1965:27).
Zur Feststellung solcher Entsprechungen ist der kompetente Sprecher zu befragen oder eine Kommutationsprobe des Austauschens von Satzelementen anzuwenden (vgl. CATFORDCatford 1965:28):
„In place of asking for equivalents we may adopt a more formal procedure, namely, commutation and observation of concomitant variation. In other words we may systematically introduce changes into the SL text and observe what changes if any occur in the TL text as a consequence. A textual translation equivalent is thus: that portion of a TL text which is changed when and only when a given portion of the SL text is changed.
In our present example, having had My son is six translated into French we might ask the translation of Your daughter is six. The TL text this time is Votre fille a six ans. The changed portion of the TL text (Mon fils/Votre fille) is then taken to be the equivalent of the changed portion of the SL text (My son/Your daughter).“
Nach CATFORDCatford ist ÜbersetzenÜbersetzen das Austauschen von Textmaterial in einer SpracheSprache durch gleichwertiges Textmaterial einer anderen Sprache, aber nur in einer vorgegebenen SituationSituation. Der Situationskontext des Übersetzungsvorgangs ist für ihn deshalb so wichtig, weil er einen interlingualen Bedeutungstransfer, eine „transference of meaning or content, from one language or text to another“ (1965:35) für nicht möglich hält. BedeutungBedeutung ist seiner Meinung nach ein rein einzelsprachliches Phänomen: „An SL text has an SL meaning and a TL text has a TL meaning“ (1965:35). Bedeutung konstituiert sich dabei aus dem ganzen Netz formaler und kontextueller Bezüge, in denen eine formale linguistische Einheit steht.3
Also können ausgangssprachliche und zielsprachliche Spracheinheiten nur gegeneinander ausgetauscht werden, und sie sind dann äquivalent, wenn sie in einer vorgegebenen SituationSituation funktionieren, auch wenn sie im systemlinguistischen SinnSinn selten die gleiche BedeutungBedeutung haben:
The SL and TL items rarely have ‘the same meaning’ in the linguistic sense; but they can function in the same situation. In total translation, SL and TL texts or items are translation equivalents when they are interchangeable in a given situation. This is why translation equivalence can nearly always be established at sentence-rank – the sentence is the grammatical unit most directly related to speech function within a situation (CATFORDCatford 1965:49).
Allerdings gilt:
The central problem of translation-practice is that of finding TL (target language) translation equivalents. A central task of translation theory is therefore that of defining the nature and conditions of translation equivalence (1965:21).
Nach CATFORDS Meinung ist eine Übersetzung umso besser, je mehr Situationsmerkmale in der ZielspracheZielspraches. ZS linguistisch explizit und in exakt zu quantifizierender Weise wiedergegeben werden können: „Translation equivalence occurs when an SL and a TL text or item are relatable to (at least some of) the same features of substance“ (1965:50). Wertet man daraufhin ein entsprechend großes Textkorpus empirisch-induktiv aus, dann kann man für Übersetzungsäquivalente einige Wahrscheinlichkeitswerte ermitteln, die in FormForm von „translation rules“ (CATFORDCatford 1965:31) generalisierbar sind. CATFORD formuliert genaue Regeln, wie ein ÜbersetzerÜbersetzer ausgangssprachliche in zielsprachliche Grammatikstrukturen im Sinne einer Abweichung von der formalen Korrespondenz umwandeln kann („translation shifts“). Diese Regeln werden völlig kontextfrei für verschiedene Ebenen der GrammatikGrammatik festgelegt.
TRANSLATIONTranslation SHIFTS sind beispielsweise: Passiv-Konstruktionen in der AS in Aktiv-Konstruktionen in der ZS umzuwandeln, der Wechsel von Imperfekt zu Perfekt, oder die Vertauschung der Satzglieder aufgrund grammatischer Zwänge (1965:77).
Ferner ist auch auf die grammatische Kategorie des Numerus zu achten, sodass etwa ein Singular in einem ausgangssprachlichen Text zu einem Plural im ZieltextZieltext gemacht werden muss. So könnte z.B. die biblische Ermahnung „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ bei manchen Hörern Anlass zu der Frage geben: „Welchen Nächsten?“, da in vielen Sprachen ein Singular nicht in generischer BedeutungBedeutung vorkommt. So muss dieser AusdruckAusdruck bisweilen übersetzt werden als: „Liebet eure Nächsten wie euch selbst“.
Die Probleme der Satzlänge, Satzordnung, direkte oder indirekte RedeRedes. parole sind hier typische Probleme für eine sprachenpaarbezogene Analyse von Übersetzungsprozessen. Grenzen der ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit sieht CATFORDCatford (1965:93) allerdings als schwierig zu definieren an, und diskutiert einige Disambiguierungsprobleme bei Homonymen und bei Polysemie.
CATFORDCatford unterscheidet dabei auch zwischen wörtlicher und Wort-für-Wort-Übersetzung:
The popular terms free, literal, and word-for-word translation, though loosely used, partly correlate with the distinctions dealt with here. A free translation is always unbounded – equivalences shunt up and down the rankscale, but tend to be at the higher ranks – sometimes between larger units than the sentence. Word-for-word translation generally means what it says: i.e. is essentially rank-bound at word-rank (but may include some morpheme-morpheme equivalences). Literal translation lies between these extremes; it may start, as it were, from a word-for-word translation, but make changes in conformity with TL grammar …; this may make it a group-group or clause-clause translation (CATFORDCatford 1965:25).
Die theoretischen Überlegungen verharren beim Einzelwort und Satz als der Basiseinheit auf der paroleparoles. Rede, Äußerung-Ebene. Dies hat noch wenig mit dem praktischen ÜbersetzenÜbersetzen in einer Kommunikationssituation zu tun.
4.5 Translation quality assessment (HouseHouse)
Aufbauend auf CATFORDS grammatischen Strukturen hat Juliane HOUSEHouse zunächst 1977 ein sehr detailliertes Modell zur wissenschaftlich begründeten Übersetzungskritik vorgelegt. Dieses Modell wurde nach zwanzig Jahren noch einmal erläutert und in bestimmten Teilen ergänzt, wobei auch kritische Anregungen aufgenommen wurden (HOUSE 1997). Ziel dieses Ansatzes ist es, ein Instrumentarium zu entwickeln, mit dem Texte und Übersetzungen in allen linguistischen Einzelheiten miteinander verglichen und somit deren Äquivalenzstatus bestimmt werden kann. Daraus könnten sich dann auch Möglichkeiten der Operationalisierung von „Übersetzungsregeln“ im Sinne einer deskriptiven Darstellung übersetzerisch adäquater Reaktion auf Ausgangstextstrukturen ergeben. Zu diesem Zweck wurde das Modell auch an einem KorpusKorpus verschiedener Textsorten erprobt.
Ziel des Übersetzens ist „the replacement of a text in the source language by a semantically and pragmatically equivalent text in the target language“ (HOUSE 1997:31), wie auch CATFORD das sah (s. Kap. 4.4).
HOUSEHouse beruft sich ausdrücklich auf M.A.K. HALLIDAYS systemisch-funktionale Theorie, auf die Diskursanalyse sowie auf Einsichten der Prager linguistischen Schule (HOUSE 1997:29).
Die Idee von HALLIDAYHalliday (1987) kann man so zusammenfassen (vgl. PRUNČPrunč 2007:179f): In den 1960er Jahren hatte HALLIDAY seine Systemic Functional Grammar (SFG) entwickelt, die ein sehr komplexes analytisches und terminologisches Inventar für die Beschreibung von Texten als verbale Interaktion anbot. Mit Hilfe von Sprache interpretiere der Mensch die Welt für sich selbst und (re)präsentiere seine Welt gegenüber den Anderen. Die wichtigsten Parameter, durch die Sinn und Bedeutung eines Gesprächs bestimmt werden, sind: field of discourse (was geschieht, worüber wird gesprochen), tenor of discourse (welche Beziehung wird zwischen den Kommunizierenden signalisiert) und mode of discourse (in welchem Medium, welcher Form, mit welchem Code wird kommuniziert). – Diesen Parametern werden sprachliche Metafunktionen zugeordnet, durch welche die Diskurssemantik eines Textes bestimmt wird: die ideationale Metafunktion (Bezüge zum Feld), die interpersonale Metafunktion (Bezüge zu den Partnern), die textuelle Metafunktion (Textkonstitution). Diese drei Registervariablen werden durch konkrete lexiko-grammatische Strukturen realisiert: die ideationale Metafunktion durch verschiedene Formen der Transitivität, die interpersonale Metafunktion durch Modalität, und die textuelle Metafunktion durch die Informationsstruktur, die aus dem thematischen Aufbau und der Kohäsion des Textes ablesbar ist. Eine grammatische Metaphorisierung als Ausdrucksvariante wird zum Beispiel auch gesehen in der Nominalisierung von Aussagen, welche dieselben unpersönlicher werden lassen. HOUSE hat mit Hilfe der SFG ein Modell der Qualitätsbeschreibung von Übersetzungen entworfen.
Ausgangspunkt ist die geforderte „Äquivalenz“ zwischen AT und ZT: „translation is constituted by a ‚double-binding’ relationship both to its source and to the communicative conditions of the receiving linguaculture, and it is the concept of equivalence which catches this relationship“ (HOUSE 1997:29). Zentrale Grundbegriffe sind die „overt translation“ und die „covert translation“:
In overt translation, the function of the translation is to enable its readers access to the function of the original in its original linguacultural setting through another language. This means, that there can be no simple functional equivalence, rather a type of „second level“ function must be posited, which allows the translation receptor a view of the original through a foreign langue while clearly operating in a different discourse world. By contrast, the function of a covert translation is to imitate the original's function in a different discourse frame (…). One of the means of achieving this functional equivalence is through the employment of a cultural filter, with which shifts and changes along various pragmatic parameters (…) are conducted. Note that this crucial distinction into overt and covert translation is a cline, not an „either-or“ dichotomy.
Diese Unterscheidung läuft darauf hinaus, dass Texte mit einem gewissen Status in der Ausgangskultur, wie z.B. historisch gebundene politische Reden, zeitbezogene Kalendergeschichten, das Original einer Predigt usw., wegen ihrer ausgangskulturellen Bedeutung in der Übersetzung so genau wie möglich nachgezeichnet werden müssten und dann natürlich verfremdend wirken (overt translation). Demgegenüber können Übersetzungen von Texten, die in beiden Bereichen den Status eines Originals genießen, wie z.B. ein wissenschaftlicher Text, ein populärwissenschaftlicher Zeitungsartikel oder eine Tourismusbroschüre, so übersetzt werden, dass man ihnen das Übersetztsein nicht ansieht (covert translation). Der kulturelle Filter erlaubt dabei Textveränderungen, die trotz gleicher Textfunktion aufgrund der zielkulturellen und sprachlichen Unterschiede geboten sind. Wenn dagegen in einer solchen Übersetzung Veränderungen eingebracht werden, die nicht mehr mit dem „cultural filter“ begründet werden können, dann wird diese zu einer „Version“, einer Bearbeitung.
Um nun eine Übersetzung in ihrem Äquivalenzgrad genau messen zu können, wird ein wissenschaftliches Instrumentarium entwickelt. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen „functions of language“ und „function of text“. Dazu werden zwei Kategorien gebildet (HOUSE 1997:39):
| A. Dimensions of Language User | B. Dimensions of Language Use |
| 1. Geographical origin2. Social class3. Time | 1. Medium: simple/complex2. Participation: simple/complex3. Social role relationship4. Social attitude5. Province |
Mit Textfunktion ist der Gebrauch des Textes in einem bestimmten Situationskontext gemeint (HOUSEHouse 1997:36). Um diesen zu bestimmen, muss das „textuelle Profil“ erstellt werden, welches aus einer systemischen linguistisch-pragmatischen Analyse der Sprachfunktionen des Textes in seinem Situationskontext resultiert.
Nach diesen Kategorien werden Ausgangs- und Übersetzungstext beschrieben, sodass der Grad der Übereinstimmung feststellbar wird. Die Funktion eines Textes kann dann als Summe von dessen Sprachmaterial im Sinn der genannten Dimensionen aufgefasst werden, und die Übersetzungskritik stellt den Übereinstimmungsgrad in den Korrelationen mit dem AS-Textprofil fest. Um die deskriptive Kraft des Modells aufzuzeigen, wird jeder Aspekt in der Analyse mit Symbolen wie [+/–human], [+/–abstract] usw. dargestellt. Auch Stilebenen und soziale Sprecherrollen werden berücksichtigt, denn all dies spiegelt sich auf der Textebene.
Zu einem Text aus der Handelskorrespondenz, nämlich dem Rundschreiben eines Firmenvorstands an die Aktionäre, was eine „covert translation“ bedingt, wird das Modell durchgespielt, wobei die Sätze durchnummeriert sind. Aus Platzgründen kann dies hier nicht vollständig wiedergegeben werden (HOUSEHouse 1997:49ff), doch soll ein kleiner Einblick die Vorgehensweise aufzeigen:
Analysis of ST and Statement of Function
Dimensions of language user:
(1) Geographical origin: non-marked, Standard American English
(2) Social Class: non-marked, Educated Middle Class
(3) Time: non-marked, contemporary American English
Dimensions of langue use:
(1) Medium: simple: written to be read, as realized by the following linguistic means:
syntactic means:
a. absence of elliptical clauses, contractions, contact parentheses and comment parentheses, and many kinds of spoken language signals such as well, you see, you know, etc.
b. placing of expanded subordinate clauses of purpose before the main clause: this is a focussing device typical of the written mode (…),
c. presence of expanded postnominal modification resulting in the separation of the head of the subject noun phrase and the corresponding finite verb (…).
lexical means:
a. absence of qualifying modal adverbials, interjections, and other subjectivity markers typical of the spoken mode.
textual means:
a. The text is predominantly emic. There are a few pronominal references to the addresser and the addressees (…),
b. lack of relations resulting in a lack of redundancy,
c. frequent use of passivization as a typically „written“ means of complex syntactic linkages for text-constitutive purposes (…).
(2) Participation: complex: monologue with addressees being directly addressed and given instructions. (..)
syntactic means:
a. presence of second person personal and possessive pronouns for direct address (…),
b. presence of requests put to the addressees through the use of the verb required in the passive, modal auxiliaries of obligation, and the mandative subjunctive new in a that-clause;
c. absence of interrogative sentences. (…)
(3) Social Role Relationship:
Asymmetrical role relation: addresser has de facto economic authority over the addressees.
Position role of addresser: president of an international financing company, of which the addressees are shareholders. (…)
syntactic means:
a. use of second person singular personal pronouns you and passive pronoun your in a specific way, i.e., for addressing corporate members not „persons“ as such (…),
b. use of the fist person plural personal pronoun we to refer to the addresser or the company or the Board of Directors (…),
c. frequency of impersonal constructions using impersonal it and existential there as well as passives: the use of these devices is indicative of a desire on the part of the addresser to be cautious and „hedgy“ and to avoid specifying a causer or *agent. (…),
d. preponderance of [-human] subject noun phrases adding to the impersonal character of the text,
e. use of subjunctive in a that-clause (…). This is marked choice in English.
textual means:
a. deliberate attempt to underplay the role of I.O.S. (the company) through putting I.O.S. in non-focussed position in prepositional phrases,
b. deliberate overall organization of the text such that the addressees are first being presented with the change as a fait accompli and its many positive sides, and that they are only later being given the reason for the change.
(4) Social Attitude
Consistent with the impersonal, distant relationship as outlined above, (…) it is a formal one:
syntactic means:
a. frequency of complex noun phrases showing both multiple personification, post modification, and continuous modification which add to the text’s abstractness and impersonality. (…),
b. deletion of conjunction if plus subject-auxiliary inversion (…),
c. completeness of clauses, absence of contractions (…),
d. frequency of impersonal constructions using it, there, and passives; preponderance of [-human] subject noun phrases, use of subjunctive in a that-clause (…).
lexical means:
a. presence of words and phrases marked [+formal] due to their restricted use in impersonal situations: declared, payable on and after, expedite yours (…),
b. absence of interjections, qualifying modal adverbials and other subjectivity markers.
textual means:
a. frequent use of passivization as a means of complex syntactic linkage specifically for preserving theme-rheme sequence,
(5) Province
Commercial financial circular letter issued by the president of an international financing company to the company’s shareholders. In this letter, the shareholders are being informed about changes in the set-up of the company. (…)
lexical means:
a. use of precise technical terminology, i.e. special commercio-financial lexical items and collocations, e.g. pro-rata, dividend, holding company …
b. presence of phrases which precisely define the information given or explicitly state conceivable alternatives: on and after December 20, to all shareholders of record …
c. absence of foregrounding words …
textual means:
presence of strong textual cohesion due to the employment of several mechanisms of theme-dynamics and clausal linkage:
theme-dynamics:
a. repetition of lexical items (…),
b. frequency of anaphoric referencing by means of pro-forms for nouns phrases, adverbials, predicates, clauses or sentences …
c. organization of thematic movement in sequences of theme-rheme to insure given-new ordering.
clausal linkage
achieved through logical connectors – of course, since, that is, as a result of, therefore.
Statement of Function
The function of the text consisting of the two components – ideational and interpersonal – may be summed up in the following way: the addresser’s intention is (a) to inform the addressees of a collection of facts as precisely and efficiently as possible and to request action; (b) to establish a positive rapport with the addressees, to convince and reassure them of the appropriateness and advantages of certain moves by the company (…).
This summary statement of the text’s function has been described by an examination of the ways in which the dimensions are marked in this text, and the manner in which they contribute to the two functional components. (…)
Die Übersetzung wird nun wiederum Punkt für Punkt mit dem Ausgangstext verglichen und es kann festgestellt werden, dass sie in vielen Punkten von diesem abweicht, sodass ihre Äquivalenz nicht zureichend ist.
Dieses System hat wissenschaftlichen Anspruch, doch in der konkreten Durchführung zeigen sich sehr viele Wiederholungen, weil natürlich die einzelnen Textaspekte immer auf ihre Weise und mehrfach zur Bedeutung des Ganzen beitragen. Für ein praktisches Übersetzen in der realen Welt wäre dieses Modell wohl kaum verwendbar. Und HOUSEHouse gibt auch selbst zu, dass die Durchführung vor allem auch der Überprüfung der Hypothese über die Möglichkeit solcher empirischer Forschung an einem KorpusKorpus dienen sollte (1997:111).
4.6 ÜbersetzenÜbersetzen als Transferprozess (WilssWilss)
Aufbauend auf dem kommunikationswissenschaftlichen Modell des Übersetzungsvorgangs (s. Kap. 4.2) geht Wolfram WILSSWilss einen Schritt weiter und fragt nach dem ÜbersetzungsprozesÜbersetzungsprozess, der konkret dabei abläuft:
Die zentrale Aufgabe der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft besteht demzufolge darin, Verfahrensweisen zu entwickeln, die es ermöglichen, vor dem Hintergrund des ausgangssprachlich Gemeinten den TransferTransfer vom ausgangssprachlichen Text zum zielsprachlichen Text zu faktorisieren, die einzelnen Faktoren zu einem in sich schlüssigen Beschreibungs- und Erklärungsmodell zusammenzufassen und daraus Schlußfolgerungen abzuleiten, die unter verschiedenen Gesichtspunkten übersetzungstheoretisch oder sprachenpaarbezogen-deskriptiv und/oder sprachenpaarbezogen-applikativ ausgewertet werden können (1977:72f).
[Dabei gilt,] daß ÜbersetzenÜbersetzen eine spezifische FormForm sprachlichen Handelns und Sichverhaltens ist, die sich vom einsprachigen HandelnHandeln und Sichverhalten dadurch unterscheidet, daß der ÜbersetzerÜbersetzer auf der Basis as und zs Wissens ‘code-switching’-Prozesse ausführt (1988:36).
Ermittelt werden sollen also die Regeln der Abfassung von Texten, „der Gesetzmäßigkeiten der Textkonstitution als faktorisierbarer Realisationsform von Texten“, als „Textverfertigungsprozedur“ (WILSSWilss 1980:16), wenn aus Tiefenstrukturen konkrete Oberflächenstrukturen gemacht werden, und folgerichtig ist das ÜbersetzenÜbersetzen dann eine „Transferprozedur“ (1988:VII).
Das ÜbersetzenÜbersetzen stünde auf sicherem Boden, wenn dieser zielgerichtete Prozeß objektiv steuerbar wäre, insbesondere durch die Beschreibung bestehender Regelmäßigkeiten in den Beziehungen zwischen AS- und ZS-Texten, die sodann lehr- und lernbar gemacht werden könnten. Die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft untersucht somit nach WILSSWilss’ Meinung „auf sprachenpaarbezogene und sprachenpaarübergreifende Weise interlinguale Transfervorgänge und die ihnen zugrundeliegenden paroleparoles. Rede, Äußerung-bezogenen mentalen Operationen“ (1980:9).
Wenn nun jemand übersetzt, dann übersetzt er ja nicht Wörter oder Sätze, sondern Texte, daher ist auch der ÜbersetzungsprozessÜbersetzungsprozess textbezogen zu definieren. Als Begründungszusammenhang dient WILSSWilss die „semiotische Textanalyse“Textanalyse, denn die Erkenntnisse der sprachwissenschaftlichen SemiotikSemiotik (s. Kap. 3.2) gelten nicht nur für Wörter, sondern auch auf den höheren Zeichenrängen wie Satz und Text. Er meint:
Eine solche Definition des Übersetzungsprozesses könnte etwa folgendermaßen lauten: ÜbersetzenÜbersetzen ist eine Folge von Formulierungsprozessen, die von einem schriftlichen as Text zu einem möglichst äquivalenten zielsprachlichen (zs) Text hinüberführen und – im Sinne der Morris’schen SemiotikSemiotik – das syntaktische, semantische und pragmatische Verständnis der TextvorlageTextvorlages. Ausgangstext, AS, Original und eine textadäquate Transferkompetenz des Übersetzers voraussetzen. (…)
Die übersetzungsbezogene TextlinguistikTextlinguistik muß also versuchen, auf dem Weg über eine linguistische Analyse der Textoberfläche die textsemantischen, textfunktionalen und textpragmatischen Bedingungen der Textherstellung zu rekonstruieren und damit die Voraussetzung für die Entwicklung einer textsortenspezifischen Übersetzungsmethodik zu schaffen (WILSSWilss 1980:14/17).
In dem Postulat, hier Gesetzmäßigkeiten zu beschreiben und zu klassifizieren, zeigt sich die geistige Nähe zum Instrumentarium der Generativen GrammatikGrammatik (s. Kap. 3.4) und Forschungsansätzen der maschinellen Übersetzung. Doch WILSSWilss (1977:95) beruft sich ausdrücklich auf das Übersetzungsmodell KOSCHMIEDERS (s. Kap. 3.6), weil dieser die Doppelfunktion des Übersetzers als EmpfängerEmpfänger E1 und SenderSenders. Autor, Produzent S2 klar darstelle. Die generativistische TerminologieTerminologie zeigt sich in Versuchen zur Beschreibung einer „Quasi-Selbststeuerung des Übersetzungsprozesses“, von „abgeleiteten Konfigurationen“ und „imitativen Übersetzungsprozeduren“; KADES „Kodierungswechsel“ wird hier zu „einer Folge von code-switchingcode-switching-Operationen“; es ist weiterhin die RedeRedes. parole von „SenderSenders. Autor, Produzent“ und „Empfänger“ (s. Kap. 4.2) und auch die sog. „Lasswell-Formel“ nach dem Schema: „Wer sagt was mit welchen Mitteln zu wem mit welcher Wirkungsabsicht?“ (LasswellLasswell-Formel, 1948)1LasswellProzess wird genannt:
Die Anwendung der LasswellLasswell-FormelLasswell-Formel auf einen Text ergibt, daß jeder Text vier Dimensionen aufweist:
1. das Textthema (Textbedeutung) (wovon handelt der betreffende Text?);
2. die TextfunktionTextfunktion (welche Mitteilungsabsicht im BühlerBühler’schen SinnSinn hat der Textsender?);
3. die Textpragmatik (welchen Empfängerkreis hat der SenderSenders. Autor, Produzent im Auge?);
4. die Textoberfläche, in der Lexikon und SyntaxSyntax integrativ zusammenwirken (WILSSWilss 1980:17).
Der zuerst kommunikationstheoretisch analysierte „Vorgang“ wird nun als eine in Faktoren zerlegbare „Prozedur“ gesehen. Wird das ÜbersetzenÜbersetzen als zielgerichteter Prozeß gesehen, so ist das Tun des Übersetzers ein „Verhalten“, das analysiert werden kann. WILSS’Wilss Ansatz befasst sich jedoch nicht mit der Arbeit an konkreten Textbeispielen, sondern kreist stets aufs Neue um den theoretischen Entwurf eines didaktischen Modells der Faktoren der ÜbersetzungsprozedurÜbersetzungsprozedur für den Übersetzungsunterricht. Die notwendige Objektivierung erfolgt wiederum mittels der semiotischen TextanalyseTextanalyse:
Wenn man davon ausgeht, daß (…) der Äquivalenzbegriff in aufsteigender Reihenfolge eine syntaktische, eine lexikalische und eine stilistische (text-pragmatische) DimensionDimension aufweist, ist es empfehlenswert, zuerst eine dreistufige ausgangssprachliche TextanalyseTextanalyse vorzunehmen und dabei die vorhandenen Transferblockierungen in ihrem jeweiligen sprachlichen und situativen KontextKontext zu isolieren, (…) (1977:183).
WILSSWilss fordert einen Übersetzungsunterricht, der den modernen wissenschaftlichen Maßstäben (s. Kap. 4.1) gerecht wird. In dem Bemühen um exakte Darstellung wird allerdings die Ausdrucksweise oft etwas unübersichtlich und schwer verständlich.
4.7 Schemabasierung des Transfers als FertigkeitFertigkeit
Weil ÜbersetzungskompetenzÜbersetzungskompetenz als Können bislang noch nicht messbar ist, sieht es WILSSWilss als Ziel einer angewandten ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft an, durch die Beschreibung der Transferbedingungen eine vielfach verwendbare Transfermethodik zu entwickeln, die als „Übersetzungsfertigkeit“ (WILSS 1992) auch didaktisch aufbereitet werden sollte.
Als Ausgangspunkt hierfür nennt WILSSWilss bestimmte „Denkschemata“, weil sie den Aufbau von handlungsregulierenden Lernstrategien und verhaltenswirksamen Lerntechniken ermöglichen. Schemata werden als Bausteine der kognitiven Weltrepräsentation im Gedächtnis gespeichert. Sie basieren auf Erfahrungen und stellen die typischen Merkmale eines Weltausschnitts dar. Auch determinieren sie Standardverhaltensweisen.
Schemata entstehen durch induktive Verallgemeinerungen. Solche Verallgemeinerungen sind eine entscheidende Vorbedingung für die strukturelle Vereinheitlichung und genaue Lokalisierbarkeit von Daten unterschiedlicher Art. Schemabildung ist das Ergebnis der Beobachtung eines Details oder vieler Details, bis eine Struktur sich merkbar abzeichnet, eine Struktur, die im Rahmen erprobter Abstraktionsmechanismen das zunächst Besondere in den Rang einer allgemeinen, typisierten Konfiguration erhebt. Die relative Mühelosigkeit im Umgang mit der SpracheSprache ist nicht zuletzt der Möglichkeit des Rückgriffs auf Schemata zuzuschreiben; sie wirken als Entlastungsstrategien, weil sie parallel distribuierte Informationsverarbeitungsschritte in Gang setzen können (WILSSWilss 1992:168f).
Sprachliche Schemata des Formulierens sind gewiss ein Kennzeichen der modernen SpracheSprache in den öffentlichen Medien sowie in den Fachsprachen. Der ÜbersetzerÜbersetzer arbeitet normalerweise im Rahmen einer stereotypgeprägten Generalisierung nach bestimmten Mustern.
Als sprachliches Beispiel für Schemata nennt WILSSWilss (1992:176) die mechanische Wortbildung mit dem -isation-Suffix:
| Deutsch | Englisch | Französisch |
| Afrikanisierung | africanization | africanisation |
| Aktualisierung … | actualization | actualisation |
| Allegorisierung … | allegorization | allégorisation |
| Atomisierung | atomization | atomisation |
| Automatisierung … | automatization | automatisation |
| Charakterisierung | characterization | caractérisation |
| Computerisierung … | computerization | computérisation |
| Dramatisierung … | dramatization | dramatisation |
| Destabilisierung | destabilization | déstabilisation |
| Dezentralisierung, etc. | decentralization | décentralisation |
Beim ÜbersetzenÜbersetzen gibt es nach WILSSWilss Übergangswahrscheinlichkeiten, d.h. bestimmte „Übersetzungsprozeduren sind erwartbarer als andere“, sie entwickeln sich zu einem „Multioptionstyp“, den man in allen möglichen Situationen einsetzen kann. Solches schemabasiertes Verhalten könnte dann übersetzungsdidaktisch als RegelhaftigkeitRegelhaftigkeit angewendet und trainiert werden. Der BegriffBegriff der so entstehenden „FertigkeitFertigkeit“ ist nachprüfbar1Wilss:
Dazu gehören im Bereich des Übersetzens, von lexikalischen oder morphologischen Standardäquivalenten abgesehen, phraseologisch verfestigte, kommunikativ vorstrukturierte Formulierungen mit festen interlingualen Äquivalenzbeziehungen. Fertigkeiten schaffen sich eine eigene mentale Atmosphäre, glatt, einfach, minimalistisch, mit vom ÜbersetzerÜbersetzer als „automatic conditioned response“ beherrschbaren Spielzügen. Übersetzerische Tätigkeit bekommt hier den Charakter einer auf Selbstregulierungsmechanismen beruhenden Handlungsweise, die zeigt, daß Fertigkeiten nicht am „Erkenntniswert des Individuellen“ orientiert sind. (…)
Von praktischer Relevanz dürften solche Regelhaftigkeiten vor allem im Bereich des Fachübersetzens sein, wo interlingual aufeinander abgestimmte Standardtextbausteine bei bestimmten Textsorten eingesetzt werden. Routine beim ÜbersetzenÜbersetzen entspricht der modernen Forderung nach Schnelligkeit und Gleichförmigkeit im Teamwork und ist „Kriterium fertigkeitsbasierten Übersetzens“ (WILSS 1992:46).
So wie jeder Mensch, so ist auch der Ür [sc. ÜbersetzerÜbersetzer] ein Gewohnheitstier; er handelt mit Vorliebe nach dem Prinzip „consuetudo altera natura“; er neigt dazu, konfigurierte sprachliche Erfahrungen unter vergleichbaren Gebrauchsbedingungen repetitiv einzusetzen, und er kann dies deswegen tun, weil „Gleichförmigkeit im Ablauf (…)“ zu unseren primären Lebenserfahrungen zählt (WILSS 1992:85).
WILSSWilss (1992:91) verweist darauf, dass man für bestimmte Typen von syntaktischen Konfigurationen so etwas wie „übersetzungsprozessuale Paradigmen“ entwickeln kann, wie folgendes Beispiel eines englischen Satzes zeigt:
Arriving at the airport, he found his plane gone.
Mögliche Übersetzungen sind:
(a) Am Flugplatz angekommen, stellte er fest, dass sein Flugzeug weg war;
(b) Als er am Flugplatz ankam, stellte er fest, dass …
(c) Nach (Bei) seiner Ankunft am Flugplatz stellte er fest, dass …
Die Übersetzungen zeigen, dass man die englische prämodifizierende Partizipialkonstruktion mit nachgestelltem Bezugssatz auf dreierlei Weise wiedergeben kann: in FormForm einer modifizierenden Partizipialkonstruktion (a), eines Satzgefüges mit einem durch die Subjunktion „als“ eingeleiteten Nebensatz (b), oder einer Nominalisierungsvariante mit Präposition „nach“ oder „bei“. Gebrauchsnormativ nicht adäquat wäre dagegen eine, vom SprachsystemSprachsystem her auch mögliche, syntaktisch wörtliche Übersetzung
(d) *Am Flughafen ankommend, fand er sein Flugzeug verschwunden.
WILSSWilss unterscheidet die beiden grundsätzlichen Möglichkeiten, die wörtliche und die nichtwörtliche Übersetzung. Dabei ist es einleuchtend, dass die wörtliche Übersetzung weniger aufwendig, da sie „imitativer, assoziativer Natur“ ist.
Wo routinemäßig übersetzt wird, gilt das Prinzip der Quasi-Selbststeuerung des Übersetzungsprozesses. Wörtliche Übersetzungsprozeduren sind gleichsam außengeleitet. Anders ausgedrückt: Bei wörtlichen Übersetzungen reduziert sich der ÜbersetzungsprozeßÜbersetzungsprozess auf eine Verhaltensweise, für die die betreffende as Satz-, Syntagma- oder Wortbildungskonfiguration das übersetzerische Handlungsmuster abgibt. Wo wörtlichwörtlich übersetzt wird, tritt die „Unidirektionalität“ des Übersetzungsprozesses außer Kraft; der Übersetzungsprozeß wird umkehrbar. Wörtliche Übersetzungsprozeduren machen den Weg zum Ziel problemlos frei, weil sie nicht heuristischer, sondern imitativer, assoziativer Natur sind. Der Ür braucht nicht mehr zu leisten, als das betreffende ausgangssprachliche Textsegment im Rahmen internalisierter, weitestgehend unreflektierter und vorhersagbarer Standardoperationen über Standardkonfigurationen substitutiv auf die ZS zu projizieren“ (WILSSWilss 1992:93f).
Die Menge der möglichen wörtlichen Übersetzungsprozeduren wäre sicher auch ein Kriterium für den Schwierigkeitsgrad eines Übersetzungstextes. WILSSWilss beschreibt das Verhalten bei einer wörtlichen Übersetzung:
Die erste Übersetzung bleibt vor allem auf syntaktischer Ebene möglichst nahe am Ausgangstext. Sie praktiziert weitestmögliche syntaktische Isomorphie (wörtliche Übersetzung). (…) Hier erreicht der ÜbersetzerÜbersetzer auch ohne viel übersetzungskreatives DenkenDenken ein verhältnismäßig hohes Maß an übersetzerischer Effizienz und Ökonomie. Anders ausgedrückt: Er kann fast durchweg imitative und dennoch leistungsfähige Übersetzungsprozeduren praktizieren; er kommt, weil er gleichsam syntaktisch ungefiltert übersetzen kann, mit einem Bruchteil des kognitiven Inputs aus (1988:116).
Als Beispiele für die mit dem ÜbersetzenÜbersetzen verbundenen allgemeinen kognitiven Phänomene nennt WILSSWilss jeweils sprachliche Aspekte, so etwa für die kognitive Erinnerungsleistung „das Wiedererkennen von Wörtern oder von Textbausteinen“ (1992:153), für Schemata und deren Verarbeitungsleichtigkeit „Bausteinbriefe“ sowie „Affigierungen und Syntagmen“ (ebd.:172), für Kulturspezifika die „Begrüßungsformeln“ (ebd.:39; 147). Die Betrachtung der Übersetzungsproblematik ist somit gänzlich auf die Sprachebene konzentriert.
Schwierigere nichtwörtliche Übersetzungsprozeduren sind immer dann erforderlich, wenn es lexikalisch an einem Äquivalent (s. Kap. 4.3) mangelt, oder wenn „eine sprachsystematische oder eine gebrauchsnormative (textsortenspezifische) Eins-zu-Eins-EntsprechungEntsprechung zwischen AS und ZS fehlt und eine wörtliche (oder nicht genügend nichtwörtliche) Übersetzung einen wie immer gearteten Verstoß gegen die lexikalischen, syntaktischen, idiomatischen oder soziokulturellen Regelapparate der ZS zur Folge hätte“ (WILSSWilss 1992:64). Hier steigt der Aufwand:
Jedes Problemlösungsverhalten schließt die Fähigkeit ein, ein ÜbersetzungsproblemÜbersetzungsprobleme problemgerecht in seine Elementarstrukturen aufzulösen und dann nach Rekompositionsregeln zu suchen (…). Welche Art von Kalkulation ein ÜbersetzerÜbersetzer in Gang setzt, hängt von der Art der Barrieren ab, auf die er im Verlauf seiner Zielfindungsoperationen stößt (…). Es kann also vorkommen, daß ein Übersetzer mehrere Probleme gleichzeitig in Angriff nehmen muß. Übersetzungsdidaktisch ergibt sich daraus die Schlußfolgerung, daß der Übersetzer lernen muß, komplexe Suchstrategien zu entwickeln (1988:86f).
Die nichtwörtliche ÜbersetzungsprozedurÜbersetzungsprozedur hat den Charakter einer einzeltextspezifischen und intellektuell bestimmten Entscheidung, die jedoch nicht beliebig ist. Wegen des massiven Zeitdrucks der modernen Übersetzungspraxis sollte der ÜbersetzerÜbersetzer hier jedoch auch didaktisch „konditioniert“ werden. Da aber bislang „die Übersetzungsdidaktik keine überzeugenden Antworten weiß“, nennt WILSSWilss an dieser Stelle wieder die maschinelle Übersetzung und spricht von „Computerprogrammanalogie“ (1992:97).
Kommentar
Die Übertragung des Anspruchs der exakten Wissenschaftlichkeit auf die Sprachbeschreibung hat die Übersetzung aus ihrer Beschränkung auf eine „Kunst“, die man eben kann oder nicht, befreit und dazu geführt, dass Schaubilder und Modelltheorien neue Einsichten über das ÜbersetzenÜbersetzen als zweisprachigen KommunikationsvorgangKommunikationsvorgang vermitteln konnten. Das Prinzip einer identischen Weitergabe von InformationInformation (inhaltliche Invarianz) in einer anderen SpracheSprache lenkte das Augenmerk zunächst auf potentielle Äquivalenzbeziehungen im lexikalischen Bereich der Sprachen. Die Auffassung des Übersetzens als Transferprozess eröffnet die PerspektivePerspektive einer didaktischen Operationalisierung, auch wenn man im Bereich der Modelltheorien noch kaum konkrete Übersetzungsbeispiele diskutiert.
Während die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft anfänglich aus Überlegungen zur Maschinellen Übersetzung hervorging und somit naturgemäß an den linguistischen Strukturgesetzmäßigkeiten orientiert war, hat sich die Forschung zur MÜ inzwischen als eigene Disziplin von der Forschung zur Humanübersetzung losgelöst.
In dem Bestreben nach wissenschaftlicher Objektivierung werden Sprachstrukturen als Informationsträger untersucht, unabhängig von dem sie erfassenden Subjekt. Gegen diese von der Universalientheorie herrührende Vorstellung wird allerdings von der SprachphilosophieSprachphilosophie eingewendet, es sei nicht sicher, ob identische Begriffe überhaupt erzielt werden könnten. Die Sprachphilosophie verweist auf Bedeutungsunterschiede vor einem individuell jeweils anderen Verstehenshintergrund.
Lektürehinweise
John C. CATFORDCatford (1965): A Linguistic Theory of Translation. An Essay in Applied Linguistics. London.
Juliane HOUSEHouse (1997): Translation Quality Assessment. A model revisited. Tübingen.
Roman JAKOBSONJakobson: „Linguistische Aspekte der Übersetzung“ (1959), in: Wolfram WILSSWilss (Hrsg.) (1981): Übersetzungswissenschaft, Darmstadt S. 189–198.
Otto KADEKade: „Kommunikationswissenschaftliche Probleme der Translation“ (1968), in: Wolfram WILSSWilss (Hrsg.) (1981): Übersetzungswissenschaft. Darmstadt S. 199–218.
Werner KOLLERKoller (1992, 82011): Einführung in die Übersetzungswissenschaft. Tübingen; besonders Kap. 1.9 und 2.3.
Albrecht NEUBERT: „Pragmatische Aspekte der Übersetzung“ (1968), in: Wolfram WILSSWilss (Hrsg.) (1981): Übersetzungswissenschaft. Darmstadt, S. 60–75.
Wolfram WILSSWilss (1977): Übersetzungswissenschaft. Probleme und Methoden. Stuttgart, besonders Kap. IV.
Wolfram WILSSWilss (Hrsg.) (1981): Übersetzungswissenschaft. Darmstadt.
Wolfram WILSSWilss (1992): Übersetzungsfertigkeit. Tübingen.
5 Die sprachenpaarbezogene Übersetzungswissenschaft
Die Kontrastive Linguistik vergleicht Sprachen auf allen Ebenen des Sprachsystems. Die Stylistique comparéeStylistique comparée beschreibt die möglichen ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren in einem SprachenpaarSprachenpaar in Bezug auf Wörter und Syntagmen. Sie bilden das Regelwerk einer Technik des Übersetzens. Diese mikrostilistischen Kategorien werden bis heute in der Fremdsprachendidaktik, FehleranalyseFehleranalyse und ÜbersetzungskritikÜbersetzungskritik verwendet. Ausdrücklich werden nicht generelle, sondern sprachenpaarspezifische ÜbersetzungsproblemeÜbersetzungsprobleme diskutiert.
5.1 Die Stylistique comparéeStylistique comparée (VinayVinay/Darbelnet/Darbelnet, MalblancMalblanc)
Beim ÜbersetzenÜbersetzen als „interlingualer KommunikationsvorgangKommunikationsvorgang“ (s. Kap. 4.2) oder „Transferprozess“ (s. Kap. 4.6) treffen zwei Sprachen aufeinander. Es stellt sich die Frage, „wie man sprachlich operieren muß, um ausgangs- und zielsprachliche Textintegration zu gewährleisten und interlinguale Strukturdivergenzen auf inhaltlich und stilistisch adäquate Weise zu neutralisieren“ (WILSSWilss 1977:62). Für eine wissenschaftliche Beschreibung der praktischen Lösungen beim Übergang von einer SpracheSprache zur anderen angesichts der verschiedenen potentiellen Entsprechungen in einem SprachenpaarSprachenpaar (s. Kap. 4.3) ist der von der sog. „Stylistique comparéeStylistique comparée“ vorwiegend in französischer Sprache entwickelte übersetzungstheoretische Ansatz grundlegend geworden. Die hier eingeführten Bezeichnungen haben überall in der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft und vor allem in der Fremdsprachendidaktik Eingang gefunden und werden bis heute verwendet, denn jede Klassifikation fördert das Verständnis eines Problems.
Die Vertreter der Stylistique comparéeStylistique comparée initiierten eine systematische Beschreibung von ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren aufgrund des Vergleichs der Oberflächenstrukturen von Sprachen (s. Kap. 3.4). Es sollten leicht didaktisierbare Verfahren zur Überwindung struktureller Unterschiede entwickelt werden, zunächst im zweisprachigen Kanada für Französisch und Englisch. Ausgangspunkt war die Suche nach Ausdrucksmitteln, die in der anderen Sprache in der „gleichen kommunikativen Situation“ verwendet werden:
(…) we should forget about the signs and find identical situations first. For, from these situations, a new group of signs must be created, which will by definition be the ideal equivalent, the unique equivalent, of the former (VINAY/DARBELNET 1995:5).
Anhand umfangreicher Beispieldiskussionen mit vorliegenden Übersetzungen oder konstruierten Beispielen zu den beiden Sprachenpaaren Englisch-Französisch (VINAYVinay/Darbelnet/DARBELNET 1958) und Deutsch-Französisch (MALBLANCMalblanc 41968) gelangten sie zu dem Ergebnis, dass alles ÜbersetzenÜbersetzen, jedenfalls was die genannten Sprachenpaare betrifft, unter sieben, oft in kombinierter FormForm auftretenden Hauptkategorien subsumierbar ist: emprunt, calque, traduction littérale, transposition, modulation, équivalence, adaptation.
Sie haben den ersten umfassenden Versuch unternommen, übersetzerisches Verhalten deskriptiv zu ordnen. Dies lässt die strukturellen Unterschiede zwischen den Sprachen recht deutlich werden, wobei die Prozeduren auf der languelangues. Sprachsystem-Ebene jeweils mit Beispielen auf der paroleparoles. Rede, Äußerung-Ebene belegt werden. Die Feststellungen führten zu der Vorstellung, dass sich der ÜbersetzungsprozessÜbersetzungsprozess in einer Reihe linguistisch fassbarer Übersetzungsprozeduren (procédés techniques de la traduction) konkretisiert.
Von der Stylistique comparéeStylistique comparée wurden folgende sieben übersetzungsprozedurale Hauptklassen gebildet, von denen die ersten drei dem Bereich der wörtlichen Übersetzung (traduction directe) und vier der nichtwörtlichen Übersetzung (traduction oblique) zuzurechnen sind. Da sich diese „Übersetzungsprozeduren“ auch als eine Grundlage von WILSSWilss’ Transfermodell ansehen lassen, finden wir bei ihm (1977:101ff) eine ausführliche Darstellung. Beim Übergang von einer SpracheSprache zur anderen auf der Ebene der Oberflächenstrukturen gibt es folgende Möglichkeiten:
1. emprunt (Direktentlehnung), d.h. die graphisch und inhaltlich unveränderte Übernahme ausgangssprachlicher Lexeme in die ZielspracheZielspraches. ZS, z.B. Deutsch:
| know-howbrain-drainsoundtrackestablishment | overkillposterjet-setghost-writer | talk showsmall talkinterviewskyline | computerlayoutround tablemeeting |
Sie erhalten im weiteren Verlauf der Einbürgerung durch orthographische und lautliche Angleichung an zielsprachliche Schreibmuster den Status von Lehnwörtern1SituationSprachgebrauch:
| escalationdiversificationstatus symbol | > Eskalation> Diversifikation> Statussymbol | domino theorypilot studyinterdependence | > Dominotheorie> Pilotstudie> Interdependenz |
2. calque (Lehnübersetzung)2, d.h. die von der zielsprachlichen Sprachgemeinschaft geduldete lineare Ersetzung morphologisch analysierbarer ausgangssprachlicher Syntagmen (vorwiegend Substantiv-Zusammensetzungen und Adjektiv-Substantiv-Kollokationen). Im Deutschen z.B.3:
| growth ratemarket research | > Wachstumsrate> Marktforschung | developing countrybirth control | > Entwicklungsland> Geburtenkontrolle |
3. traduction littérale (wortgetreue Übersetzung), d.h. die Ersetzung ausgangssprachlicher syntaktischer Strukturen durch formal entsprechende, inhaltlich sinngleiche syntaktische Strukturen in der ZS. Dies entspräche WILSSWilss’ „wörtlicher TransferprozedurTransferprozedur“ (s. Kap. 4.6):
| He had stolen the money | Er hatte das Geld gestohlen. |
| How many fish have you caught? | Wie viele Fische hast du gefangen? |
| Avez-vous de l’argent? | Haben Sie Geld? |
4. transposition (Wortartwechsel), d.h. der InhaltInhalt eines sprachlichen Zeichens der AS wird bei der Übersetzung sinngetreu auf sprachliche Zeichen einer anderen Wortart in der ZS übertragen:
| There is absolutely no truth in his claim (e.) | Seine Behauptung ist absolut unzutreffend. |
| His face was red with shame (e.) | Ihm stand die Schamröte im Gesicht. |
| … per vivere moderatamente (it.) | … um mit Mäßigung zu leben |
| … i simboli danteschi (it.) | … die Symbole bei Dante |
| C’est une vilaine chose que de mentir (frz.) | Lügen ist schändlich. |
Karl-Richard BAUSCHBausch (1968) unterscheidet außerdem zwischen verschiedenen Transpositionstypen4BauschStylistique comparée. Er präzisiert:
Die herkömmliche vergleichende Stilistik nimmt in voneinander verschiedenen Zusammenhängen eine inhaltliche Charakterisierung der Transpositionsserien vor und zwar in ‘substitutions’, ‘chassés-croisés’, ‘dilutions’ und ‘concentrations’. Daneben stehen TerminiTermini wie ‘étoffement’, ‘amplification’, ‘explicitation’ und ‘dépouillement’, ‘économie’ und ‘implicitation’ teils als von der TranspositionTransposition abhängige, teils unabhängige Begriffe (1968:29).
Was eine „TranspositionTransposition“ als Wortartregel ist, kann im Anschluss an BAUSCHBausch (1968) wie folgt dargestellt werden:
1. Die Substitution bedeutet, ein Zeichen einer bestimmten Wortart der AusgangsspracheAusgangsspraches. AS wird bei der Übersetzung in die ZielspracheZielspraches. ZS durch ein oder auch mehrere Zeichen einer anderen Wortart ersetzt, wobei die Ausgangswortart „im Ganzen substituiert“ werden muss. Dies ist auch als „totale Substitution“ zu sehen. Beispiel:
| Il professore S. muove dall’idea … | – | Professor S. geht davon aus … |
| Di qua nasce la pienezza giovanile | – | die Fülle der Jugend. |
2. Das Chassé-croisé könnte als Sonderfall der vorgenannten totalen Substitution bezeichnet werden, als die gleichzeitige totale Substitution zweier Zeichen aus zwei verschiedenen Wortarten, als syntaktische Überkreuz-Übersetzung (crossing lines) quasi eine doppelte Substitution.

| I was in Paris last year. | – | Ich war letztes Jahr in Paris. |
| (Ort vor Zeit) | (Zeit vor Ort) |
3. Die Dilution wird so definiert: Der InhaltInhalt eines AS-Zeichens einer bestimmten Wortart wird bei der Übersetzung auf mehrere Zeichen und gleichzeitig auf mehrere Wortarten in der ZS verteilt. Beispiel:
sie standen dem Tode … beinahe schutzlos gegenüber –
devant la mort … ils étaient presque sans défense.
Taumelnd verließ er die Schule –
il sortit de l’école d’un pas incertain.
eine alte weißhaarige Frau –
une vieille femme aux cheveux blancs –
una vecchia signora dai capelli bianchi.
4. Die Konzentration steht in Opposition zur vorgenannten Dilution. Bei dieser ÜbersetzungsprozedurÜbersetzungsprozedur werden die Inhalte mehrerer Zeichen verschiedener Wortarten der AS bei der Übersetzung auf weniger Zeichen und weniger Wortarten in der ZS zusammengezogen. Beispiel:
| Avremo delle storie da non finire più. | – | Jetzt wird eine endlose Geschichte daraus. |
| la rigida e trasparente notte invernale | – | die strenge, durchsichtige Winternacht |
| navi esenti da tale dazio | – | zollfreie Wasserfahrzeuge. |
Die Dilution bzw. Konzentration sind immer an eine totale oder partielle Substitution gekoppelt.
5. Die Amplifikation und die Explizitation stehen in der herkömmmlichen vergleichenden Stilistik als Synonyme für dilutionsähnliche Vorgänge im allgemeinen, und das ‘étoffement’ für Dilutionsvorgänge im besonderen bei der Übersetzung innerhalb der präpositionalen Systeme.
6. Die Ökonomie und die Implizitation stehen für konzentrationsähnliche Vorgänge im allgemeinen, und das ‘dépouillement’ für Konzentrationsvorgänge im besonderen innerhalb der präpositionalen Systeme.
Schließlich unterscheidet die Stylistique comparéeStylistique comparée hier noch zwischen „fakultativen und obligatorischen Transpositionen“. Beide Arten betreffen eine einzelne sprachliche Einheit einer bestimmten Wortart der AS, von den entsprechenden Möglichkeiten einer ZS her gesehen. Eine fakultative TranspositionTransposition liegt etwa vor, wenn eine sinngetreue Übersetzung in der gleichen Wortart möglich wäre, diese „wörtliche“ Übersetzung jedoch aus subjektiven oder stilistischen Gründen vermieden wird.
… et quelques-uns arrivaient même à imaginer … qu’ils agissaient en hommes libres, qu’ils pouvaient encore choisir, qu’ils pouvaient comparer … –
… und einige stellten sich sogar vor, sie handelten als freie Menschen, sie vermochten noch eine eigene Wahl zu treffen, konnten Vergleiche anstellen (a),
… und manche glaubten sogar, noch wählen, bzw. vergleichen zu können (b).
BAUSCHBausch (1968:43) merkt dazu an: „Wie in keinem anderen Prozess läuft der ÜbersetzerÜbersetzer Gefahr, durch den stilistischen Eingriff gegen das Gesetz der sinngetreuen Wiedergabe zu verstoßen. Mit Recht setzt gerade bei den fakultativen Transpositionen deshalb die ÜbersetzungskritikÜbersetzungskritik an.“
„Obligatorische Transpositionen“ treten bei lexikalischen Lücken oder grammatischen Strukturdivergenzen im betreffenden SprachenpaarSprachenpaar auf, vgl. „servitude grammaticale“ (VINAYVinay/Darbelnet/DARBELNET 1958:31). Beispiel:
| a victimless crime | ein Verbrechen, bei dem außer dem Täter selbst niemand zu Schaden kommt (*opferloses Verbrechen) |
| Vermassung | loss of one’s identity (individuality) in society |
| Zersiedelung | haphazard (uncontrolled) building activity in rural areas |
5. modulation, équivalence, adaptation (inhaltliche Perspektivenverschiebungen) bewirken unterschiedliche semantische Abstände zwischen dem ausgangs- und zielsprachlichen Textsegment. „Dabei bezeichnet modulation einen Wechsel der Blickrichtung (changement de point de vue), équivalence das Ersetzen einer ausgangssprachlichen SituationSituation durch eine kommunikativ vergleichbare zielsprachliche Situation, und adaptation die textuelle Kompensation von soziokulturellen Unterschieden zwischen ausgangssprachlicher und zielsprachlicher Sprachgemeinschaft“ (WILSSWilss 1977:116).
Eine ModulationModulation stellt beispielsweise der Wechsel von Denkkategorien in bildlichen Tiervergleichen dar:
| Ich bekomme eine Gänsehaut | > | fr. J’ai la chair de poule. |
| Er ist arm wie eine Kirchenmaus | > | fr. Il est pauvre comme un rat d’église. |
Eine équivalence erfolgt vielfach beim Ersetzen von Grußformeln oder Sprichwörtern:
| dt. „Guten Appetit!“ | > | e. „Enjoy your meal!“ „Have a nice meal!“ |
| fr. „A bon entendeur, salut!“ | > | dt. „Wer Ohren hat, der höre!“ |
Vgl. auch WILSSWilss (1992:39): „So entspricht den deutschen Verbalstereotypen ‘Guten Appetit!’ und ‘Gute Besserung!’ im arabischen Kulturraum ‘Möge Gott Dich sättigen!’ und ‘Möge Gott Dir Gesundheit schenken!’“
Sehr viele solcher interlingualen Entsprechungen sind mittlerweile in den Wörterbüchern dokumentiert. Dadurch sollten Übersetzungsprobleme bei konkreten Texten vorhergesehen und den Lernenden Anweisungen zu deren Lösung angeboten werden.
Wegen der nicht ganz klaren Abgrenzung der TerminiTermini in der Stylistique comparéeStylistique comparée schlägt WILSSWilss (1977:121) ein hierarchisches Anordnungsprinzip vor, welches die kategorialen Verhältnisse durchsichtiger macht:

5.2 Umsetzungsprozeduren (JumpeltJumpelt)
Als einer der ersten Vertreter einer linguistisch orientierten ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft im deutschen Sprachraum wird häufig auch Rudolf W. JUMPELTJumpelt (1961) genannt, der die Übersetzung als „Gegenstand der SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik“ sieht. Seines Erachtens ist die TextgattungTextgattung der Hauptfaktor, welcher „alle Kriterien (d.h. Übersetzungsprinzipien und -verfahren) bestimmt“ (1961:24). Dazu unterscheidet er sechs „Übersetzungsgattungen“1Jumpelt. Die naturwissenschaftlich-technische Übersetzung, mit der er sich als einer Art der „pragmatischen Übersetzungsgattung“ besonders befasst, muss „primär die Inhalte der Aussagen wiedergeben“ (1961:26).
JUMPELTJumpelt analysiert und beschreibt im Hauptteil seines Buches die Bedingungen, Probleme und Verfahren der „Herstellung von inhaltlicher Invarianz“ (s. Kap. 4.2). Er konzentriert sich auf die Beschreibung jener „Umsetzungsprozeduren“, die beim sprachenpaarbezogenen ÜbersetzenÜbersetzen aus einer bestimmten Einzelsprache in eine andere Einzelsprache „mit einer gewissen Zwangsläufigkeit oder mit einer hohen Wahrscheinlichkeit wiederkehren“ (1961:175). Ausführlich geht er auf die „Umsetzungsprozeduren“ der ModulationModulation und der TranspositionTransposition ein.
Unter dem Phänomen der ModulationModulation werden inhaltliche Verschiebungen folgender Art verstanden: Während es beim dt. Verb sich verziehen (von Material) keine Rolle spielt, in welcher Richtung die Bewegung verläuft, muß sich der ÜbersetzerÜbersetzer im Engl. entscheiden, ob es sich um to warp handelt (Bewegung in allen Richtungen) oder um to twist (nur in diagonaler Richtung) (1961:72).
Transpositionen sind dagegen die grammatischen Veränderungen, die notwendig sind, um inhaltliche Invarianz zu gewährleisten. Man versteht darunter die Erscheinung, daß bestimmte Wortarten oder grammatische Kategorien der AS in der ZS durch andere ersetzt werden (196:87).
JUMPELTJumpelt (1961:87;94;101) nennt Beispiele für Transpositionen in Übersetzungen Englisch-Deutsch:
As the pressure increases → mit dem Ansteigen des Drucks (e. Verb → dt. Subst.);
Thoroughly mix the solution by running the pump to circulate the mixture with the feed-cock closed → Die Lösung gründlich durchmischen, indem man die Pumpe bei geschlossenem Hahn laufen läßt (e. ing-FormForm –> dt. finite Konstruktion).
muscular activity → Muskeltätigkeit, electrical engineer → Elektroingenieur
(e. Adj.+Subst. → dt. Zusammensetzung) .
In weiteren Kapiteln analysiert JUMPELTJumpelt die Zuordnungen im Bereich „komplexer Sinneinheiten“ (Ableitungen, Zusammensetzungen, Wortgruppen) und im Bereich der „fachsprachlichen Terminologien“. Anhand vieler Wortbeispiele verweist er auf die potentiellen Äquivalente im lexikalischen Bereich (s. Kap. 4.3), behandelt aber auch syntaktische und formale Aspekte: 1. Wortstellung (wo im Deutschen mehr Freiheit herrscht als in anderen Sprachen), 2. den Stil der Übersetzung (es gibt verschiedene Funktionalstile), 3. Eigen- und Markennamen, sowie 4. Akronyme und Abkürzungen, was v.a. in Fachübersetzungen relevant ist. JUMPELT versäumt es auch nicht, auf subjektive Komponenten wie Autor, Leser, Verstehen, Sprachgefühl und Automatismus hinzuweisen.
JUMPELTJumpelt untersucht Bedingungen und Erscheinungen, die objektivierbar und verallgemeinerbar sind und somit als „Gesetzmäßigkeiten des Übersetzens“ beschrieben werden können, jedoch eingeschränkt auf naturwissenschaftlich-technische Texte. Daher hat sein Beitrag wohl mehr BedeutungBedeutung gehabt für die Beschreibung solcher Texte als für die Entwicklung einer ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie. Die von JUMPELT analysierten „Gesetzmäßigkeiten“ sind nicht so sehr syntaktischer Natur, sondern beziehen sich insbesondere auf die „Benennungsgrundsätze“ (Wortbildung und Anwendung von TerminiTermini).
Die naturwissenschaftlich-technische Übersetzung ist nach Meinung JUMPELTS darum einer Objektivierung leichter zugänglich, weil eine Reihe von den die Übersetzung bestimmenden Variablen und Faktoren konstant ist, bzw. weil deren sprachlich-textuelle Auswirkungen regelhaft erscheinen:
1 Das übergeordnete Übersetzungsprinzip ist eindeutig: Es handelt sich um die Forderung nach inhaltlicher (denotativer) Äquivalenz.
2 Die Variationsbreite im syntaktischen Bereich ist eingeschränkt, denn die Syntax der technisch-wissenschaftlichen Sprache folgt einer relativ begrenzten Zahl von Mustern.
3 Die Variationsbreite im lexikalischen Bereich ist eingeschränkt durch die Terminologisierung.
4 Die Variationsbreite im individualstilistischen Bereich ist stark eingeschränkt durch relativ feste Gebrauchsnormen.
5 Der Empfängerbezug stellt im allgemeinen kein grundsätzliches Problem dar: Die Übersetzungen naturwissenschaftlich-technischer Texte richten sich in der ZS im Allgemeinen an Leser, deren Wissens- und Verstehenshintergrund mit dem der Adressaten der Originalfassung vergleichbar ist.
Ein Problem der sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft ist die unterschiedliche Verwendung der Bezeichnungen für die Übersetzungs- oder Umsetzungsprozeduren, z.B. ModulationModulation, TranspositionTransposition, Substitution, AdaptationAdaptation. Hier hat jeder AutorAutors. Sender kleine begriffliche Abweichungen eingebracht, doch die Benennungen wandern dessen ungeachtet weiter.
5.3 TranslationTranslation rules (NewmarkNewmark)
Überlegungen zur sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft sind auch im englischen Sprachraum vorgelegt worden, z.B. von Peter NEWMARKNewmark (1988) und (1991), dem es um das Lehren der Übersetzungspraxis geht. Er hat gleichfalls sprachliche ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren, „translation procedures“ (vgl. 1988: § 7, 8) entwickelt:
| 1. transference | the transference of a Source Language (SL) word to a Target Language (TL) context: le baccalauréat – the ‘baccalauréat’ |
| 2. cultural equivalent | the substitution of a TL term for an SL term: le baccalauréat – A level |
| 3. through translation | the literal translation of common collocations: la Communauté Européenne – the European Community |
| 4. literal translation | the translation of one item in the SL by one item in the TL: faire un discours – eine Rede halten – make a speech |
| 5. functional equivalent | the use of a culturally neutral TL term to define the SL culture-specific term: le baccalauréat – the French secondary school leaving examination |
| 6. descriptive equivalent | the explanation of an SL culture-specific term: le baccalauréat – the French secondary school leaving examination in which candidates take 8–10 subjects and which is necessary to gain admission to higher education |
| 7. translation couplet | a strategy which combines two of the above: baccalauréat – the ‘baccalauréat’, the French secondary school leaving examination. |
NEWMARKS „Übersetzungsprozeduren“ sind nur zum Teil mit denen der Stylistque comparee (s. Kap. 5.1) vergleichbar.1 Sie sind nämlich nicht deskriptiv, sondern als „Übersetzungsregeln“ präskriptiv gemeint und beziehen sich semantisch auf die Übersetzung von Wörtern, und weniger auf stilistische Phänomene. In seiner Sicht ist eine „gute Übersetzung“ auf allen Ebenen so (wörtlichwörtlich) genau und sparsam wie möglich (accuracy & economy):
Paradoxically it is only at the level of reference, of apparently (!) extramental universal extracultural reality, of objects and, to a lesser extent of actions and events, of single nouns and verbs, and not texts, that translation and mistranslation and translation equivalence are ‘on firm ground’. (…). The most important task in revising and evaluating is to review the grammatic and lexical deviations from the SL text in the translation … After all allowances have been made for grammatical transpositions and the different semantic ranges of SL and TL lexical units that correspond imperfectly, I find mistrust and fear of literal translation can be used as a yardstick. The legitimacy of appropriate literal translation is I think the most important and controversial issue in translation (NEWMARKNewmark 1988a:21).
NEWMARKNewmark sieht wissenschaftliche Einsichten im Dienst von PraxisPraxis und Lehre: „TranslationTranslation theory’s main concern is to determine appropriate translation methods“ (1981:19). Er vertritt dabei einen rein mikrostilistischen Ansatz und ist im Grunde ein Vertreter des „learning by doing“, denn er schreibt2NewmarkWilss:
You can no more teach someone to become a good translator than to become a good linguist. All you can do is to give some hints, give some practice and if you’re lucky, show more or less how the job can be done.
Weil es seines Erachtens keine allgemeine ÜbersetzungstheorieÜbersetzungstheorie geben kann, denn „translation is a fractured subject which is peculiarly unsuitable for a single integrated theory, a dogma“3Newmark, plädiert er für das Anführen zahlreicher Beispiele, und bekennt4NewmarkWilss:
„Teaching about translation“ means discussing translation, switching from examples to generalizations and back to examples, and in the course of the discussion firing inspiring students to continue, to collect examples and learn for themselves.
Das ist das Bild eines Lehrers, der zeigt „wie man es macht“ und dazu ein paar Tipps aus dem Schatz seiner Erfahrung weitergibt, und von Schülern, die versuchen das ÜbersetzenÜbersetzen zu lernen, indem sie übersetzen. Seine Publikationen in normativer Didaktik sind wegen ihres präskriptiven Charakters sehr beliebt. Vor allem Novizen und Laien halten sich gerne an klare Anweisungen, welche sie aus seinen leicht apodiktisch formulierten Anweisungen ableiten zu können glauben.
NEWMARKNewmark sieht das Übersetzen als „a basic artistic process … requiring the translator’s taste, wit and elegance“ (1981:137).
NEWMARKS Grundprinzipien sind dabei recht allgemein5Newmark:
A. The more important the language of a text, the more closely it should be translated, and its cultural component transferred.
B. The less important the language of a text, or of any of its constituent segments, the less closely they need to be translated, and the less its cultural components need to be reproduced; (…)
C. The better written the language of a text, or of any of its segments, whatever their degree of importance, the more closely it too should be translated, provided there is identity of purpose between author and translator as well as a similar type of readership, even if it could just as well be paraphrased.
NEWMARK nahm für sich in Anspruch, den Unterschied zwischen der kommunikativen und der semantischen Übersetzung herausgearbeitet und mit dem Status des Autors korreliert zu haben. Mit „wichtiger SpracheSprache“ eines Textes sind grammatisch-syntaktische Auffälligkeiten, Betonungen, stilistische Besonderheiten sowie fachsprachliche TerminologieTerminologie gemeint. Dies sollte in der Übersetzung beibehalten werden (NEWMARKNewmark 1991:1–4). Unter einem „autoritativen Text“ versteht NEWMARK, wie er einmal anmerkt (1981:207), klassische Texte, LiteraturLiteratur, Gesetzestexte, Texte von bekannten Persönlichkeiten. Wollte ein ÜbersetzerÜbersetzer diese „verbessern“, wären sie nicht mehr autoritativ. Die „Autorität eines Textes“ ergibt sich also aus der Stellung des Verfassers im Rahmen ausgangssprachlicher Textproduktionen.
In diesem Fall habe er die „semantische Übersetzung“ zu wählen, die mit ihrem „exact contextual meaning of the original“ (NEWMARK 1988:39) eher treu ist. Bei weniger wichtigen Texten könne auch eine „kommunikative Übersetzung“ gewählt werden, die sich stärker am Leser orientiert und auf diesen eine möglichst ähnliche Wirkung wie bei Lesern des Originals ausüben soll.
So sammelt NEWMARKNewmark alle möglichen Einzelaspekte des Übersetzens, von denen er meint, sie könnten eine Regel bilden. Er sagt: „There are as many types of translations as there are texts“ (1988:192). Der Titel eines Aufsatzes lautet denn auch: „Twenty-three Restricted Rules of TranslationTranslation“ 6Newmark.
Eine „Regel“ sei hier genannt:
7. It is the hallmark of a good translation to use resources of lexis and grammar (e.g. English verb-nouns, German Flickwörter like auch, halt, eben, mal) which are not available in the source language, and it is the mark of specious, inaccurate translation to use them where they are unnecessary. A bad translator will do anything to avoid translating word for word; a good translator only abandons a literal version when it is plainly inexact. The unit of translation cannot be generally determined, but it is always the smallest segment of the original which provides an acceptable equivalent to a segment of the target language text.
Solche Beobachtungen sind zwar nicht falsch, doch als Vorschriften enthalten sie einen Zirkelschluss, wenn als Regel ableitbar ist:
Verwende möglichst häufig Flickwörter, aber nur da, wo sie notwendig sind. Wann sind sie notwendig? Wenn durch ihre Verwendung eine gute Übersetzung entsteht.
Übersetze so wörtlichwörtlich wie möglich und so frei wie nötig. Woran erkenne ich, wann ich frei übersetzen muss? Wenn eine wörtliche Übersetzung zu einer schlechten Übersetzung führen würde.
Vielleicht hat NEWMARKNewmark seine 23 Regeln selbst als etwas unbefriedigend empfunden, denn er zog den Schluss, dass wir eben noch viel mehr Regeln brauchen. Und so schrieb er noch einen Aufsatz mit dem Titel: „Sixty Further Propositions on TranslationTranslation“7Newmark.
Daraus eine weitere „Regel“:
42. TranslationTranslation balancing-act – On the one hand, the translator should not use a synonym where a translation will do, in particular, where the translation is a ‘transparently’ faithful cognate or the standard dictionary equivalent and has no special connotations. On the other hand, he should not translate one-to-one where one-to-two or -three would do better, nor, reproduce a SL syntactic structure where he can recast the sentence more neatly. The above is the translator’s basic tightrope, balancing pole.
Damit haben wir schon 83 Regeln, deren Anzahl gewiss beliebig zu verlängern wäre. NEWMARKNewmark versteht unter „translation theory“ eine anwendungsorientierte Beschreibung praktischer Probleme. Es ist typisch für die zahlreichen Schriften NEWMARKS, dass sie recht unsystematisch immer wieder neue Ideen bringen. Ob allerdings Übersetzerstudenten mit dieser Einzelfalldiskussion des Sowohl-als-auch ein übergreifendes BewusstseinBewusstsein vom ÜbersetzungsprozessÜbersetzungsprozess gewinnen, bleibt fraglich.
5.4 Fehleranalyse und Übersetzungsdidaktik (TruffautTruffaut, FriederichFriederich, Gallagher, HenschelmannHenschelmann)
Die Stylistique comparée (s. Kap. 5.1) gehört in den Rahmen der allgemeineren Disziplin der Kontrastiven Linguistik (KL), die schon in den 1940er Jahren in den USA entstanden ist. Sie befasst sich mit dem vergleichenden Studium zweier Sprachen auf der Systemebene, gewöhnlich der Muttersprache und einer zu erlernenden Fremdsprache.1Vinay/Darbelnet Ihr ursprüngliches Ziel war es, die negativen und positiven Einflüsse abzustecken, welche die strukturellen Unterschiede bzw. Ähnlichkeiten der Kontrastsprachen auf das Erlernen der betreffenden Fremdsprache ausüben. Hierzu bedient man sich der Kontrastiven Analyse (KA) als synchron vergleichender Forschungsmethode zur Untersuchung von Phonetik, Grammatik und Lexik der betreffenden Sprachen. Dabei werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Sprachenpaar herausgearbeitet. Auf dieser Basis wurden Fehlerprognosen in Bezug auf die Lernschwierigkeiten, -probleme und -fehler, mit denen Sprecher der Sprache A beim Erlernen der Sprache B konfrontiert sind, aufgestellt.
Die anfängliche Euphorie in der Hoffnung auf eine Verbesserung des Fremdsprachenunterrichts schlug in den 1970ern in Enttäuschung um, als deutlich wurde, dass sich im praktischen Fremdsprachenunterricht die Postulate nicht bestätigen ließen. Das Interesse verlagerte sich nun stärker auf theoretische Modelle des Sprachvergleichs, über die keine abschließende Einigkeit erzielt wurde.
„Transfer“ und „Interferenz“ sind zwei grundlegende Begriffe der KL, welche aus der traditionellen Psychologie unkritisch übernommen wurden, ohne die Entwicklung der modernen Psychologie und der Psycholinguistik in Betracht zu ziehen. Die KL interpretierte diese Begriffe deshalb einseitig und unidirektional, im Sinne der unumgänglichen Beeinflussung durch die Muttersprache des Lerners. Auch die statische Auffassung vom Spracherwerb erwies sich als eine künstliche Theorie, welche den tatsächlich dynamischen Lernprozess nicht beachtet.
Stärker praxisorientiert ist die „Fehlerkunde“. Sie entstand aus der Notwendigkeit heraus, die Aussagen und Hypothesen der KL, die sich in der Praxis des Fremdsprachenunterrichts nicht bestätigen ließen, zu ergänzen und zu verifizieren. Im engeren Sinne handelt es sich um eine Disziplin, die sich mit dem Studium der systematischen Fehler beschäftigt, die während des Fremdsprachenlernens auftreten. Der unmittelbare Forschungsgegenstand der Fehlerkunde ist somit der „Fehler“ auf allen Sprachebenen und in allen Lernstadien. In einem weiteren Sinne befasst sie sich mit allen Arten sprachlicher Abweichungen von der Norm.
Die empirische Untersuchungsmethode ist die der Fehleranalyse (FA) mit dem Ziel der Beschreibung, Erklärung und Wertung sprachlicher Fehlleistungen im Fremdsprachenunterricht. Dies erfolgt über die Erstellung eines Fehlerkorpus, Identifizierung und Erklärung der Fehlerquellen durch grammatische Klassifikation der Fehler und Fehlerstatistik mit Bewertung von deren kommunikativer Tragweite. Es ergibt sich eine Fehlerprognose mit dem Ziel der Fehlertherapie und -prophylaxe im Unterricht. Eine zuverlässige Fehleridentifikation setzt allerdings die Sprachbeherrschung eines educated native speaker voraus. Fremdsprachenlehrer, deren zielsprachliche Kompetenz Lücken aufweist, sind nicht in der Lage, alle sprachlichen Fehler der Schüler zu erfassen. Auch die Klassifizierung der Fehler ist nicht unproblematisch.2
Da eine eigenständige Übersetzungsdidaktik erst allmählich aus dem schulischen Fremdsprachenunterricht mit seinen sprachvergleichenden Übersetzungsübungen herausgewachsen ist, wurde hier die Terminologie aus KL und FA unkritisch übernommen und auch mit der Stylistique comparée vermischt. So wurden die Kategorien der kontrastiven Linguistik zur Basis der didaktisch ausgerichteten sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft, indem daraus „eine übersetzungsunterrichtlich nutzbare Technik des Übersetzens abzuleiten“ war (WILSSWilss 1977:117). VINAYVinay/Darbelnet/DARBELNET (1958:24f) hatten selbst schon eine Anwendung ihrer Methode bei der „traduction scolaire“ vorgeschlagen. Zahlreiche Lehrbücher zum ÜbersetzenÜbersetzen berufen sich auch ausdrücklich auf die Stylistique comparéeStylistique comparée.
Entsprechende Titel lauten etwa:
FRIEDERICHFriederich: Technik des Übersetzens (Englisch und Deutsch). München 1969;
GALLAGHERGallagher: Cours de Traduction allemand-français. München/Wien 1981;
– German-English Translation. München/Wien 1982;
HENSCHELMANNHenschelmann: Technik des Übersetzens Französisch-Deutsch, Heidelberg 1980;
– Zur Beschreibung und Klassifzierung von Übersetzungsverfahren. Travaux du Centre de traduction littéraire. Lausanne, no. 17, 1993;
– Problem-bewußtes Übersetzen. Französisch – Deutsch. Ein Arbeitsbuch. Tübingen 1999;
TRUFFAUTTruffaut: Grundprobleme der Deutsch-Französischen Übersetzung, München 1963;
WILSSWilss: ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft. Kapitel IX: „DidaktikDidaktik des Übersetzens“ und X: „FehleranalyseFehleranalyse“. Stuttgart 1977;
WILSSWilss: Übersetzungsunterricht. Eine Einführung. Tübingen 1996.
Was früher eine individuelle Methode der Übersetzung war (s. Kap. 1.3), wird jetzt zu einer „Technik des Übersetzens“. Die Darstellungsweise solcher Lehrbücher ist dabei immer wieder recht ähnlich. Aus einem Text mit Übersetzung werden die Sätze Wort für Wort oder nach Syntagmen besprochen und mit der Musterübersetzung verglichen, oder es werden zu bestimmten Wortarten verschiedene Beispiele diskutiert:
Die FehleranalyseFehleranalyse ist ein Mittel, durch den Nachvollzug von Transferprozeduren im Rahmen einer ‘autorisierten Interpretation’ (Corder) die Bedingungen der RezeptionRezeption eines AT und die Produktion eines ZT zu untersuchen, Transfervorgänge a posteriori zu faktorisieren und die Ursachen (und Gesetzmäßigkeiten) übersetzerischer Fehlleistungen anzugeben (WILSSWilss 1992: 208).
Übersetzungsdidaktische Feststellungen, ob eine zielsprachliche Formulierung ein Fremdwort ist, ein Anglizismus/Gallizismus/Germanismus sei, eine Lehnübersetzung oder eine Umschreibung, ein Faux Ami, ein idiomatischer AusdruckAusdruck, eine wörtliche Übersetzung oder nicht, ob sie einen Wandel der Satzperspektive darstellt usw., gehören in dieses Denkschema, denn sie stehen vor dem Hintergrund der vergleichenden Stilistik im Rahmen der sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft.
Besonders interessant für die Kritik von Übersetzungen Studierender erschien die Methodik der Fehleranalyse, wobei es hier wichtig ist zu beachten, dass der Begriff „Transfer“ aus der KL im Sinne einer Interferenzübertragung muttersprachlicher Strukturähnlichkeit auf die zu erlernende Fremdsprache mit positivem oder negativem Lerneffekt in der Übersetzungsdidaktik nun zur „Transferprozedur“ im Sinne einer angemessenen übersetzerischen Reaktion auf Strukturunterschiede wird, wie sie die Stylistique comparée entwickelt hat.
Bei TRUFFAUTTruffaut (1963) sieht das so aus:
(S. 9): Article défini – 1. Le français présente d’assez nombreuses différences avec l’allemand sur l’emploi de l’article défini. Prenons quelques exemples:
Ich habe Ihnen dieses Paket mit der Bahn geschickt.
Je vous ai envoyé ce paquet par chemin de fer.
Wir sind mit dem Zug nach Venedig gefahren.
Nous sommes allés à Venise par le train. (ou: en train.)
(S. 57): Müssen, sollen, wollen, können, mögen et dürfen sont loin d’avoir pour seuls équivalents français: devoir, vouloir et pouvoir. Pour éviter le contresens ou le germanisme, il y a souvent lieu de recourir à une autre traduction. Voici quelques exemples:
Die europäische Einheit bringt große und unerwartete Schwierigkeiten mit sich, aber sie muß sein. – L’unification européenne suscite des difficultés importantes et inattendue, mais elle se fera.
(S. 44): La traduction du pronom personnel allemand, objet indirect. L’exigence d’explicitation, avons-nous dit, est plus grande en français qu’en allemand. Il y a donc parfois lieu de préciser dans la traduction des expressions telles que: für Sie, durch ihn etc. Le français peut remplacer le pronom personnel allemand par un adjectif possessif qu’il fera se rapporter à un substantif suggéré par le contexte. Il n’y a là rien d’absolu. C’est une question de niveau de style.
Der junge Musiker hat Erfolg, ein Werk von ihm ist kürzlich uraufgeführt worden.
Le jeune musicien a du succès; une œuvre de sa composition vient d’être exécutée pour la première fois.
Heute morgen ist ein Paket für Sie gebracht worden.
On a déposé ce matin un paquet à votre adresse. (Ou: pour vous.)
Bei HENSCHELMANNHenschelmann (1980) finden sich Kapitel zu Fragen wie „Textsyntax und ÜbersetzenÜbersetzen“, „Funktionsverbgefüge und ihre Übersetzungsmöglichkeiten“, „Übersetzung des Relationsadjektivs“, „Nominalsyntagmen mit de und ihre Entsprechungen im Deutschen“, „Der Plural im Französischen und seine Übersetzungsmöglichkeiten“ usw.
Für den Aufbau eines „Problem-Bewusstseins“ (1999) werden Übersetzungsaufgaben vorgestellt, die nach textinternen oder -externen Schwerpunkten wie „Sprachstrukturen, Kulturkontext und Funktionstypen“ jeweils von der einzelnen Textstelle aus dargestellt sind.
Bei GALLAGHERGallagher (1981) finden sich Vorschläge zur französischen Übersetzung von dt. bei. Das liest sich dann zum Übungssatz (4) aus Text 11: „Da sie eigentlich nicht streiken dürfen, ist diese FormForm äußerster ‘Pflichterfüllung’ ihr Ersatz für den Streik, zu dem sie sich, wie sie immer wieder betonen, genauso berechtigt glauben wie andere Angestellte. Bei solchen Unternehmungen ist der richtige Moment wichtig.“ wie folgt (S. 37/39). [Zu diesem Satz folgen 2 volle Seiten an Erläuterungen.]
Davon auszugsweise:
„[…] Bei solchen Unternehmungen: Il n’y a pas en français de traduction commode de la proposition bei. Dans le cas présent, le sens de ce mot est à la limite des notions du temporel et du conditionnel. Force est donc de recourir à une traduction oblique. Les particularités de l’équation de traduction apparaissent clairement dans le schéma suivant:

Le procédé auquel nous avons eu recours ici relève à la fois de la modulation et de la transposition. La modulation consiste en l’occurence dans le passage de l’idée au fait: le syntagme allemand présent l’action sous un angle plus particulier“. (…)
Die so durchgesprochenen Satzglieder werden am Ende wieder puzzleartig zum Mustersatz zusammengesetzt, und der Text besteht aus den Sätzen 1–n.
Solche Analysen im Sinne der vergleichenden Stilistik betrachten die Satzstrukturen wie unter einem Vergrößerungsglas äußerst genau, denn nur so ist der Gefahr eines Verlustes von „lexical and grammatical meaning“ und von „overtranslation or undertranslation“ (NEWMARK 1988a:24Newmark) zu entgehen. Es ist auch ein Kennzeichen der Stylistique comparee, dass ihre Vertreter die reichliche Verwendung von Beispielmaterial propagieren und die abstrakte „reine TheorieTheorie“ ablehnen. So kann GALLAGHERGallagher jeweils aus einer größeren Anzahl gefundener Beispieltexte die Übersetzungsregel herleiten.
Kommentar
Die sprachenpaarbezogene ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft ist mikrostilistisch orientiert und steht dem Sprachvergleich und der kontrastiven GrammatikGrammatik sehr nahe. Sie klassifiziert deskriptiv das Verhalten von Übersetzern und verwendet die gewonnenen Kategorien dann präskriptiv für die Übersetzungsdidaktik. Daher wird hier von einer „Technik des Übersetzens“ anhand des Vergleichs von Oberflächenstrukturen auf der Textebene gesprochen, im Sinne erlernbarer Prozeduren zur Herstellung einer inhaltlich genauen Übersetzung. Die Strukturverschiedenheiten im SprachenpaarSprachenpaar sowie die Interferenzproblematik können damit sehr gut herausgearbeitet werden, und in der konkreten Übersetzerpraxis stellen sie auch oft das Hauptproblem dar.
Die Bindung an die ausgangssprachlichen Strukturen erscheint als ein Garant für die unverfälschte Weitergabe des Textinhalts. Entsprechend steht die Forderung dieser ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft nach der „Herstellung von eigentlichen Übersetzungswörterbüchern“ im Raum. Ein solches Arbeiten mit Oberflächenstrukturen entspringt der Vorstellung, dass mit der Summe der festgestellten, vor allem syntaktischen Einzelmerkmale das dahinterliegende „GemeinteGemeinte“, die gedankliche TiefenstrukturTiefenstruktur, quasi objektiv und restlos gegeben sei. Diese Vorstellung kommt von SAUSSURES TheorieTheorie des unauflösbaren Zeichens (s. Kap. 3.2) sowie von CHOMSKYS Arbeiten über Oberflächen- und Tiefenstrukturen (s. Kap. 3.4) her. Oft wird hier auch CATFORDCatford zitiert, der allerdings eine etwas andere Grundauffassung hatte (s. Kap. 4.4). Die Untersuchungen sind ausschließlich an Wörtern und syntaktischen Fügungen in einem Sprachenpaar orientiert, sodass ein Blick auf satzübergreifende Einheiten noch kaum zustande kommt.
Es darf auch nicht vergessen werden, dass die Ausführungen der einzelnen Autoren jeweils von einem unterschiedlichen Anliegen her erfolgen. So besitzen Ausdrücke wie TranspositionTransposition oder ModulationModulation bei NEWMARKNewmark, JUMPELTJumpelt oder TRUFFAUTTruffaut nicht unbedingt eine identische BedeutungBedeutung. Ganz allgemein wird jedoch die Übersetzung als eine Reproduktion des Originals angesehen, deren Gesetzmäßigkeiten in der sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft beschrieben werden.
Lektürehinweise
Käthe HENSCHELMANN (1999): Problem-bewusstes Übersetzen Französisch-Deutsch. Ein Arbeitsbuch. Tübingen.
Rudolf W. JUMPELT (1961): Die Übersetzung naturwissenschaftlicher und technischer Literatur. Berlin-Schöneberg.
Alfred MALBLANC (41968): Stylistique comparée du français et de l’allemand. Paris.
Peter NEWMARK (1988): A Textbook of Translation. London.
Louis TRUFFAUT (1963): Grundprobleme der Deutsch-Französischen Übersetzung. München.
Jean-Paul VINAY/Jean DARBELNET (1958, 41968): Stylistique comparée du français et de l’anglais. Méthode de traduction. Paris.
Wolfram WILSS (1977): Übersetzungswissenschaft. Probleme und Methoden. Stuttgart; besonders Kapitel V und X.
Wolfram WILSS (1996): Übersetzungsunterricht – Eine Einführung. Tübingen.
Der Blick auf die Texte
6 ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft und Äquivalenzdiskussion
Zur Wahrung von Inhalts- und Wirkungsgleichheit von Texten schlägt NidaNida die ‘dynamische Äquivalenz’ vor, wo mit einer veränderten sprachlichen FormForm die Textbotschaft erhalten werden soll. Als Methode dient die syntaktische Analyse, der TransferTransfer von Grundstrukturen und die stilistische BearbeitungBearbeitung des Zieltextes. KollerKoller nennt normative Äquivalenzforderungen für Texte.
6.1 Ausgangspunkt Bibelübersetzung (NidaNida)
Das ÜbersetzenÜbersetzen soll anhand linguistischer Methoden überprüfbar und lehrbar gemacht werden (s. Kap. 5.4). Doch es genügt nicht, nur sprachliche Strukturen miteinander zu vergleichen: Übersetzt werden nicht Grammatikformen, sondern Texte, die einen gewissen InhaltInhalt und eine Wirkung transportieren. Von den Bedürfnissen der PraxisPraxis her gesehen interessiert daher eher das Verhältnis zwischen Übersetzungstext und OriginalOriginals. Ausgangstext, es geht um das Problem der „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“. Weil der Aufbau der Einzelsprachen verschieden ist, können Übersetzungen nicht identisch sein.
Grundlegend für eine systematische Übersetzungsforschung waren u.a. die Erfahrungen mit der Bibelübersetzung. Die WahrheitWahrheit der geschriebenen Botschaft sollte in vielen Sprachen unverändert den Menschen nahegebracht werden, doch hier stieß man auf vielerlei kulturelle Verständnisbarrieren. Die Adressaten reagierten anders als beabsichtigt. Um eine wissenschaftliche Grundlage für Bibelübersetzungen zu schaffen, hat Eugene A. NIDANida im Auftrag der amerikanischen Bibelgesellschaft 1964 in seinem Buch Toward a Science of Translating versucht, das ÜbersetzenÜbersetzen analytisch zu beschreiben. Seinen Ansatz hatte er schon 1947 in Grundsätzen entwickelt.1Nida Die Begegnung mit CHOMSKYS DenkenDenken (s. Kap. 3.4), führte ihn dann zu einer „wissenschaftlichen“ Grundlegung seiner Überlegungen. Seine Erkenntnisse wurden 1969 zusammen mit Charles R. TABER didaktisch aufbereitet in The Theory and Practice of TranslationTranslation (dt. TheorieTheorie und PraxisPraxis des Übersetzens, 1969). Dieses Buch sollte als Arbeitsgrundlage für „Redaktionskomitees“ der Bibelübersetzung dienen.
Aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten vieler Missionare, die sich in ihrer Verkündigung sehr wörtlichwörtlich an ihre Bibel hielten, wurde wieder deutlich, dass jede SpracheSprache an ihr eigenes WeltbildWeltbild gebunden ist (s. Kap. 2.1). Andererseits hatte aber die LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft betont, dass es eine prinzipielle ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit geben muss (s. Kap. 3.6). Im Sinne des kommunikationswissenschaftlichen Modells der Nachrichtenübermittlung (s. Kap. 4.2) ändert sich beim ÜbersetzenÜbersetzen nur die FormForm, nicht aber der InhaltInhalt. Denn: „Alle Aussagen einer Sprache können auch in einer anderen gemacht werden, wenn nicht die Form ein wesentlicher Bestandteil der Botschaft ist“ (NIDANida/TABER 1969:4). Dies führt auch zu einer neuen Einstellung zu den Ausgangstexten, weg vom ‘heiligen Original’: „Die Sprachen der Bibel unterliegen den gleichen Beschränkungen wie jede andere natürliche Sprache. Die Verfasser der biblischen Bücher erwarteten, verstanden zu werden“ (ebd.:6). Die vordringliche Absicht, die „Botschaft“ (message) wiederzugeben, zwingt freilich zu einer ganzen Reihe von Anpassungen in der Sprache. „Der ÜbersetzerÜbersetzer muß sich um GleichwertigkeitGleichwertigkeit und nicht um Gleichheit bemühen“ (1969:11). So lautet die berühmte Definition des Übersetzens bei NIDA/TABER:
Translating consists in reproducing in the receptor language the closest natural equivalent of the source language message, first in terms of meaning and secondly in terms of style (p. 12).
ÜbersetzenÜbersetzen heißt, in der Empfängersprache das beste natürlichste (sic) Gegenstück zur Ausgangsbotschaft zu schaffen, erstens was den SinnSinn und zweitens was den StilStil anbelangt (S. 11).
Diese in der LiteraturLiteratur wohl am meisten zitierte Definition impliziert das Prinzip der „dynamischen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“. Bei NIDANida werden zweierlei Entsprechungen unterschieden:
Formal equivalence focuses attention on the message itself, in both form and content. In such a translation one is concerned with such correspondences as poetry to poetry, sentence to sentence, and concept to concept. Viewed from this formal orientation, one is concerned that the message in the receptor language should match as closely as possible the different elements in the source language. (…) A translation of dynamic equivalence aims at complete naturalness of expression, and tries to relate the receptor to modes of behavior relevant within the context of his own culture; it does not insist that he understands the cultural patterns of the source language context in order to comprehend the message (NIDANida 1964:159).
NIDANida interessiert sich vor allem für das Funktionieren der Zeichen in der ZielspracheZielspraches. ZS (Appellfunktion, s. Kap. 3.2) und weniger für den Bedeutungsinhalt als solchen. Die „formale ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ erinnert an SCHLEIERMACHERS verfremdende ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode (s. Kap. 2.2), während „dynamische ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ der Methode des Verdeutschens bei LUTHERLuther (s. Kap. 1.4) entspricht. Die geforderte „GleichwertigkeitGleichwertigkeit“ meint natürlichen Klang in der ZielspracheZielspraches. ZS, d.h. dass eine Übersetzung wie ein OriginalOriginals. Ausgangstext klingen sollte, damit die EmpfängerEmpfänger der Botschaft hier möglichst gleichartig reagieren wie die Empfänger in der Ausgangskultur (NIDA/TABER 1969:169). Damit wird im Grunde die ursprüngliche Botschaft auf ihre Funktion reduziert, ihre Gestalt ist nicht mehr so wichtig. So entsteht ein „System von Prioritäten“ für den ÜbersetzerÜbersetzer:
1) kontextgemäße Übereinstimmung ist wichtiger als wörtliche Übereinstimmung; 2) dynamische GleichwertigkeitGleichwertigkeit ist wichtiger als formale Übereinstimmung; 3) die fürs Ohr bestimmte FormForm der SpracheSprache hat Vorrang vor der geschriebenen; 4) Formen, die von den vorgesehenen Hörern der Übersetzung gebraucht und anerkannt werden, haben Vorrang vor traditionellen Formen, auch wenn diese größeres Ansehen genießen (NIDANida/TABER 1969:13).
Das ÜbersetzenÜbersetzen wird sowohl vom AspektAspekt der sprachlichen Formen her, als auch unter Einbezug der Reaktion der EmpfängerEmpfänger und der SituationSituation der Übermittlung betrachtet.
6.2 Die ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode (NidaNida/Taber)
Als ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode wird vor dem Hintergrund der Generativen Transformationsgrammatik (s. Kap. 3.4), die vereinfacht übernommen wird, ein Verfahren empfohlen, das aus drei Phasen besteht: einer Analyse, der Übertragung, und dem Neuaufbau. NIDANida hat gewisse Ähnlichkeiten zwischen Sprachen entdeckt und setzt diese nun mit den Tiefenstrukturen (kernels) gleich.
It may be said, therefore, that in comparison with the theoretical possibilities for diversities of structures languages show certain amazing similarities, including especially (1) remarkably similar kernel structures from which all other structures are developed by permutations, replacements, additions, and deletions, and (2) on their simplest structural levels a high degree of parallelism between formal classes of words (e.g. nouns, verbs, adjectives, etc.) and the basic function classes in transforms: objects, events, abstracts, and relationals (NIDANida 1964:68).
In dem Buch von NIDANida/TABER wird die ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode anhand zahlreicher Beispiele biblischer Texte entfaltet. Das zugrundeliegende Dreischritt-Modell unterscheidet sich vom Zweischritt-Modell KOSCHMIEDERS (s. Kap. 3.7), wo das ‘Gemeinte’ direkt über ein tertium comparationistertium comparationis zugeordnet wird.
Es werden mittels intuitiv begründeter Rückführungen von Sätzen aus der OberflächenstrukturOberflächenstruktur (A) in Elementarsätze einfachere Strukturen (near-kernels) gebildet, die in einem zweiten Schritt in einfache zielsprachliche Strukturen umgesetzt werden, aus denen dann in einem dritten Schritt die Übersetzung (B) wieder aufgebaut wird. NIDANida/TABER (1969:32) verwenden folgende Darstellung:

1.) In der AnalysephaseAnalysephase bedient sich der ÜbersetzerÜbersetzer der intuitiv umschreibenden Rückumformung in Elementarsätze zum Zweck der Erhellung des inhärenten Sinngehalts von Wortverbindungen (Syntagmen), z.B. der bekannten Wendung „der Wille Gottes“:
Was ist die Beziehung z.B. zwischen Gott und Wille in der Wendung der Wille Gottes? Offensichtlich ist es „Gott“, der zweite Bestandteil, der den ersten Bestandteil „will“. Wir können auch sagen: „B tut A“, d.h. „Gott will“. (…) In der Wendung der Gott des Friedens reden wir nicht von einem friedlichen Gott, sondern von Gott, der Frieden schafft oder verursacht. Die Beziehung zwischen A und B in diesem Beispiel ist fast genau das Gegenteil der Beziehung in der Wille Gottes; denn in der Gott des Friedens müssen wir sagen A verursacht B (NIDANida/TABER 1969:34).
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Transformationsgrammatik ist die Tatsache, dass es in allen Sprachen weniger als ein Dutzend syntaktischer Grundstrukturen gibt, aus denen mit Hilfe der Transformationen alle die vielfältigen Konstruktionen gebildet werden.
Im Deutschen z.B. kommen folgende Elementarsatzformen vor:
1. Hans läuft schnell. (HandlungHandlung einer Person)
2. Hans schlägt Willi. (Handlung mit zwei Personen)
3. Hans gibt Willi einen Ball. (Person und Sache)
4. Hans hat einen Hund. (Besitz)
5. Hans ist im Haus. (Ort)
6. Hans ist krank. (Eigenschaft)
7. Hans ist ein Junge. (Klassifizierung)
8. Hans ist mein Vater. (Relation)
Vergleichbare Sätze gibt es in vielen Sprachen. Auf der Ebene der Elementarsätze findet sich mehr Übereinstimmung zwischen den Einzelsprachen als auf der Ebene der Oberflächenstrukturen. „Wenn wir die oben genannten Wendungen im Hinblick auf ihre einfachsten und eindeutigsten Beziehungen gliedern, erhalten wir folgende Reihe“ (NIDANida/TABER 1969:36):
| Biblische Wendung | eindeutig gekennzeichnete Beziehung |
| der Wille Gottes | Gott will |
| der Bau des Hauses | (jemand) baut das Haus |
| der Gott des Friedens | Gott schafft/verursacht Frieden |
| der Heilige Geist der Verheißung | (Gott) verhieß den Heiligen Geist |
| das Wort der WahrheitWahrheit | das Wort ist wahr; das wahre Wort |
| der Reichtum seiner Gnade | Er erweist Gnade in reichem Maße |
| die Männer der Stadt | die Männer wohnen in/ stammen aus der Stadt |
| der Berg des Tempels | der Tempel steht auf dem Berg |
| der Herr des Sabbats, [etc.] | einer, der den Sabbat anordnet, [etc.]“ |
NIDANida geht es also um die Suche nach der inhärenten BedeutungBedeutung syntaktischer Fügungen, ganz anders als etwa beim Vergleich der SyntaxSyntax in der Stylistique comparéeStylistique comparée (s. Kap. 5.1). Bei der Frage nach der Wortbedeutung1 verweisen NIDA/TABER auf die Kennzeichnung durch Syntax und Sinnbeziehungen in Begriffsklassen:
Wie ein Wort zu verstehen ist, d.h. welcher Kategorie es zugeordnet wird, hängt völlig vom jeweiligen KontextKontext ab. Z.B. in dem Satz ich sehe die Sonne bezeichnet die Lautung sonne einen Gegenstand; in ich sonne mich gerne steht sie für ein Ereignis; und in das ist doch sonnenklar dient sie als Teil eines Abstraktums (NIDANida/TABER 1969:35).
2.) In der TransferphaseTransferphase sind dann die gewonnenen Elementarsätze in der ZielspracheZielspraches. ZS stilistisch so zu bearbeiten, dass die Formulierungen für die anvisierten EmpfängerEmpfänger verständlich sind. Dabei werden viele Anpassungen nötig, idiomatische Redewendungen gehen verloren, Bedeutungskomponenten von Wörtern werden verschoben, oft müssen Erläuterungen in den Text eingebaut oder dieser mit Fußnoten ergänzt werden. Durch die Analyse werden komprimierte Wendungen notwendig vereinfacht, aber auch klarer verständlich. Natürlich entgehen solche Vereinfachungen oft nicht dem Vorwurf der Banalisierung, weil einem Text durch die interpretierende Festlegung auf eine BedeutungBedeutung seine Tiefe genommen wird. Andererseits verliert eine dunkle Formulierung auch ihre Wirkung auf den Leser und die Leserin.
Zu welchem Ergebnis solche analytischen Vereinfachungen im TransferTransfer führen, zeigt der Vergleich einer Bibelstelle aus dem Hebräerbrief, Kapitel 11, Verse 1–3 in der Übersetzung Martin Luthers und in anderen Übersetzungen.
Vor allem am Anfang der siebziger Jahre wurde mit neuen Bibelübersetzungen im Gefolge NIDAS versucht, die Botschaft verständlicher zu machen. (Die Übertragungen Luthers und die Einheitsübersetzung sind die gegenwärtig in deutschen Kirchen verwendeten Textfassungen):
LutherLuther , rev. Fassung 2017
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. 2In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. 3Durch den Glauben erkennen wir, daß die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, daß alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.
Kath. Einheitsübersetzung, 1980
Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. 2Aufgrund dieses Glaubens haben die Alten ein ruhmvolles Zeugnis erhalten.
3Aufgrund des Glaubens erkennen wir, daß die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und daß so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist.
Zürcher Bibel, 1942
Es ist aber der Glaube eine Zuversicht auf das, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht. 2Denn auf Grund von diesem [Glauben] haben die Altvordern [ein gutes] Zeugnis empfangen. 3Durch Glauben erkennen wir, dass die Welten durch ein [Allmachts-]Wort Gottes bereitet worden sind, damit nicht [etwa] aus wahrnehmbaren Dingen das Sichtbare entstanden sei.
Ulrich Wilckens, 1970
Glaube aber, das ist die Wirklichkeitsgrundlage für das, worauf man hofft, der Nachweis von Dingen, die man nicht sehen kann. 2Seinetwegen ist unseren Vätern (in der Schrift) ein gutes Zeugnis ausgestellt worden. 3Im Glauben nehmen wir wahr, daß die Weltzeiten durch die Kraft des Wortes Gottes geschaffen sind, so daß das Sichtbare aus dem Unsichtbaren entstanden ist.
Jörg Zink, 1965
Glaube besteht darin, daß das gegenwärtige Leben durch die Hoffnung auf Künftiges bestimmt ist, daß es sich dem unsichtbaren Wirken Gottes aussetzt und sich von ihm prägen läßt. 2Weil sie so glaubten, werden die Alten in der heiligen Schrift erwähnt. 3Weil wir so glauben, haben wir die Fähigkeit, zu erkennen, daß die Welten durch Gottes Wort geschaffen wurden, daß das Sichtbare aus dem Unsichtbaren hervorging.
Die Gute Nachricht, 1967
Gott vertrauen heißt: sich verlassen auf das, was man hofft, und fest mit dem rechnen, was man nicht sehen kann. 2Durch solches Vertrauen haben vorbildliche Menschen früherer Zeiten bei Gott Anerkennung gefunden. 3Weil wir Gott vertrauen, wissen wir: Die Welt ist durch sein Wort geschaffen worden; das Sichtbare ist aus dem Unsichtbaren entstanden. [Übersetzung aus einer amerikanischen Version.]
Neue Genfer Übersetzung, 1995
Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessena, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dingeb. 2Weil unsere Vorfahren diesen Glauben hatten, stellt Gott ihnen in der Schriftc ein gutes Zeugnis aus. 3Wie können wir verstehen, daß die Welt durch Gottes Wort entstanden istd? Wir verstehen es durch den Glauben. Durch ihn erkennen wir, daß das Sichtbare seinen Ursprung in dem hat, was man nicht sieht.
a) Od Er ist die Garantie für die Erfüllung dessen.
b) Od ein Mittel, um die Wirklichkeit unsichtbarer Dinge kennenzulernen.
c) Od stellt ihnen die Schrift.
d) W daß die Welt (aü die Weltzeiten) durch Gottes Wort gebildet wurden.
Gute Nachricht Bibel, 1997
Glauben* heißt Vertrauen, und im Vertrauen bezeugt sich die Wirklichkeit dessen worauf wir hoffen. Das, was wir jetzt noch nicht sehen: im Vertrauen beweist es sich selbst.b 2In diesem Vertrauen haben unsere Vorfahren gelebt und dafür bei Gott Anerkennung gefunden. 3Durch solches Vertrauen gelangen wir zu der Einsicht, daß die ganze Welt durch das Wort Gottes geschaffen wurde und alle sichtbaren Dinge aus Unsichtbarem entstanden sind.
b) Wörtlich: Der Glaube ist ein Festsein des Erhofften und ein Beweis der unsichtbaren Dinge. Die verbreitete Deutung Der Glaube ist eine feste Zuversicht (auf das Erhoffte) und ein Überzeugtsein (von den unsichtbaren Dingen) scheint zwar vom Zusammenhang her passender, ist jedoch von den griechischen Wortbedeutungen her nicht zu rechtfertigen. Der Verfasser will offenbar den festen Grund benennen, der den Glauben trägt und der sich im unerschütterlichen Vertrauen der Glaubenden als dieser tragende Grund bezeugt. [Neuübersetzung in heutigem Deutsch.]
Aus NIDAS ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode ergeben sich Prioritäten, die zusammenfassend genannt werden:
1. Um jeden Preis muß der InhaltInhalt der Botschaft mit kleinstmöglichen Verlusten oder Verzerrungen übertragen werden. Der direkte begriffliche Inhalt der Botschaft hat den höchsten Vorrang.
2. Zweitens ist es sehr wichtig, die Nebenbedeutungen, die gefühlsmäßige Atmosphäre und Eindringlichkeit der Botschaft so gut wie möglich wiederzugeben. Diese Forderung ist schwerer zu erklären als die erste und noch schwerer zu erfüllen; aber sie ist sehr wichtig.
3. Wenn man bei der Übertragung von InhaltInhalt und Gefühlswerten der Botschaft aus einer SpracheSprache in die andere auch etwas von der FormForm bewahren kann, dann sollte man es tun. Aber unter gar keinen Umständen darf die Form Vorrang vor den anderen Aspekten der Botschaft erhalten (NIDANida/TABER 1969:125).
3.) Schließlich sind in der SynthesephaseSynthesephase vor allem die stilistischen Unterschiede und die Sprachebenen zu beachten. Die Strukturgrundlage für die Vielfalt des Stils bilden Umformungen, die alle auf einen Elementarsatz zurückgehen, wie z.B. „Judas verriet Jesus“:
1. Judas verriet Jesus.
2. Jesus wurde von Judas verraten.
3. Judas’ Verrat an Jesus.
4. Jesu Verratenwerden durch Judas.
5. Der Verrat Jesu durch Judas.
6. Der Verrat des Judas an Jesus.
7. Das Verratenwerden Jesu durch Judas.
8. Es war Judas, der Jesus verriet.
9. Es war Jesus, der von Judas verraten wurde usw.
(NIDANida/TABER 1969:47).
Bei der Frage nach dem StilStil ist in diesem „funktionalen Ansatz“ (NIDANida) v.a. rhetorisch auf die Frage nach der Leistung von Stilelementen zu achten, z.B. Steigerung der Wirksamkeit und Erzielen besonderer Wirkungen wie Interesse wecken, Eindringlichkeit verstärken, oder die FormForm der Botschaft ausschmücken (vgl. NIDA/TABER 1969:152ff). Folgerichtig wird für Bibelübersetzer eine stilistische Ausbildung gefordert. Dies ist besonders sinnvoll bei entfernten Sprachen, die eine andere Grammatik haben.
Mit NIDAS Ansatz wurde der Grund für die moderne ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft gelegt, denn mit den syntaktischen Analyseschritten wurden hier erstmals sprachwissenschaftliche Aspekte ins ÜbersetzenÜbersetzen von Texten eingebracht. Dabei wird angedeutet, dass mit der vollständigen Analyse des Ausgangstextes auch die Gesamtintention der Botschaft erfasst würde. Freilich bleibt die sinngliedernde und stilistische Formulierungsentscheidung weitgehend der IntuitionIntuition und Sachkenntnis des Übersetzers überlassen und wird nicht wirklich wissenschaftlich deduziert. Auch gibt es noch keine satzübergreifenden Überlegungen.
Ein solches Sprachverständnis lenkt den Blick verstärkt auf die Notwendigkeit des Wissens um den kulturellen KontextKontext, den SpracheSprache konstituiert und in dem sie ihre BedeutungBedeutung erhält. Kulturverständnis mit Bezug auf die eigene wie auch auf die AusgangsspracheAusgangsspraches. AS ist unerlässlich. Eine weitere Konsequenz dieser Sprachkonzeption ist, dass keine Übersetzung endgültig sein kann: Jede Übertragung ist von ihrer Zeit geprägt, von der jeweiligen Sprache, sowie von der übersetzenden PersonÜbersetzer und der von ihr gewählten, als dominant ausgelegten PerspektivePerspektive.
Das Problem der ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung beschränkt sich allerdings auf die Wahrung von Inhalts- und Wirkungsgleichheit in Bezug auf syntaktische Bedeutungen2NidaBühler. Kritisch ist oft eingewendet worden, daß das Konzept der „dynamischen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ ggf. auch zu weit von der TextvorlageTextvorlages. Ausgangstext, AS, Original wegführe und die Grenze zur „BearbeitungBearbeitung“ überschreite.
6.3 Philologische Genauigkeit (Schreiber)
Die Aporie zwischen „Treue oder Freiheit“ in der Wiedergabe von Textstrukturen ist ein Grundproblem des Übersetzens, wenn man am Invarianzbegriff (s. Kap. 4.2) festhält. SCHLEIERMACHERSchleiermacher hatte hier zweierlei Möglichkeiten gesehen (s. Kap. 2.2), wonach nur die „philologisch genaue“ Übersetzung angemessen sei, weil nur so das Original wirklich durchscheinend werde. Philologische GenauigkeitPräzision in der ÜbersetzungTranslation wurde gefordert, denn die WörtlichkeitWörtlichkeit galt als Garant der Treue.Treue Dies wiederum geht auf die aus der Antike tradierte logische Wahrheitsvorstellung zurück, dass nämlich die WahrheitWahrheit in den ZeichenZeichen eingebunden zu finden sei, und dass damit eine nichtwörtliche Übersetzung sofort auch inhaltlich abweichend sei (s. Kap. 1.3).
SCHLEIERMACHERS zwei „Methoden“ wurden vielfach als reale Alternative missverstanden und wirkten fort; dies wird auch in der Linguistik noch so vertreten.1TranslationReiß Doch die übersetzungswissenschaftliche TerminologieTerminologie ist keineswegs einheitlich, sodass es vielerlei Versuche gab, hier Klärung zu schaffen.2ThomeBegriffWörtlichkeitTranslationMethode Rudolf KASSÜHLKE3 unterscheidet unter Verweis auf SCHLEIERMACHERS zwei Methoden im Problemfeld der Bibelübersetzung fünf „Übersetzungstypen“:
1. Die Wort-für-Wort-ÜbersetzungTranslation. „Solche Übersetzungen werden nie für sich allein gedruckt, sondern immer als sogenannte Interlinearversion“ (ebd.:28); die wörtlicheWörtlichkeit Übersetzung, wo nur aus grammatischen Gründen Abweichungen von der StrukturStruktur der Ausgangssprache zugelassen sind und in einer „begriffskonkordanten Wiedergabe“ die Wörter „nach Möglichkeit immer mit demselben BegriffBegriff übersetzt“ werden (ebd.:29); 3. die philologische Übersetzung, die „der wissenschaftlichen Arbeitsweise der Philologen entspricht. Auch sie versucht, die ausgangssprachlichen Strukturen so weit wie möglich zu imitieren, dabei aber einen eleganteren StilStil zu verwenden, der sich an gehobenen Leseransprüchen ausrichtet. In der Benutzung unterschiedlicher Wörter zur Wiedergabe ein und desselben ausgangssprachlichen Begriffs verfährt sie freier als die wörtliche Übersetzung“ (ebd.:30); 4. die kommunikative Übersetzung mit dem ZielZweck, „den Text zum LeserLeser hinzubewegen“. Solche Übersetzungen „verzichten darauf, die sprachliche Form des Ausgangstextes zu imitieren“, weil ihnen „alles an der KommunikationKommunikation zwischen dem AutorAutor und den Empfängern liegt. (…) Dieser Übersetzungstyp läßt nicht zu, eine mehrdeutige oder schwammige FormulierungFormulieren zu verwenden, was bei einer wörtlicheren Übersetzung möglich ist. Dann läge das Risiko des Verstehens oder Mißverstehens beim Leser oder Ausleger und Prediger“ (ebd.:31f); 5. die bearbeitende Übersetzung, bei der die Empfängergruppe das höchste Gewicht erhält, wie z.B. bei Bibelausgaben für Kinder oder sprachlich Behinderte. „Bearbeitung geschieht auch da, wo ein ausgewählter Text für eine bestimmte Situation aktualisiert wird“ (ebd.:33) und über das jeweilige Ereignis hinaus nicht mehr aktuell und allgemein verwendbar ist.
Nach wie vor kreist also die Diskussion um formale Nähe oder Ferne im interlingualen Transfer. Um endlich die Unterscheidung zwischen „Übersetzung“ und „Bearbeitung“ als einer etwas freieren Wiedergabe zu präzisieren, hat Michael SCHREIBER (1993) ein differenziertes Modell erstellt. Er siehtSchreiber (1993:23) die Übersetzung als VersuchEntwurf „den AS-Text zu ersetzen“ und konzentriert sich daher auf eine Sortierung der VerfahrenVerfahren von „Texttransformationen“ im Blick auf die Zeichenstrukturen, als da wären Übersetzungen, Bearbeitungen, Interlinearversionen, Paraphrasen, Nachdichtungen und andere Arten der interlingualen Textumformung. Die Intention von SCHREIBERS Studie liegt in einheitlichen Kriterien für die Zuordnung der Beschreibung unterschiedlicher Phänomene der Texttransformation, die bislang unter heterogenen Bezeichnungen geführt werden.
Dieser Ertrag kann bei einem deskriptiven Textvergleich angewendet werden, ist jedoch beim praktischen Übersetzen als Prozess nicht fruchtbar zu machen. Der Zirkel zwischen „TreueTreue und FreiheiHermeneutikt“Freiheit des Übersetzens bezieht sich auf Textelemente im Sinne von wörtlich oder auch paraphrasiert als angeblichem Garant für „Informationskonstanz“ der MitteilungMitteilungsgeschehen. Als eine „freie Übersetzung“ gilt dann eine inhaltlich verändernde Aussage durch Ausdrucksverschiebung (Shift), und SCHREIBER diskutiert Invarianzforderungen und Typen der Bearbeitung als Abweichungen hiervon. Er unterscheidet zwischen „Umfeldübersetzung“ (einbürgernde Übersetzung) und „Textübersetzung“ (verfremdende Übersetzung). Dies erinnert an HOUSES „overt“ und „covert translation“ (s. Kap. 4.5). Bei der Umfeldübersetzung diskutiert er den Primat der Intention im Gegensatz zum Primat der Wirkung.
Historisch wurde das philologisch genaue Übersetzen als Dienst am AutorAutor oft als Fron gesehen. Jörn ALBRECHTAlbrecht (1998:67) versteht im Unterschied dazu „treu“ in einem viel allgemeineren SinnSinn als „wörtlich“, nämlich im Sinn von „dem AusgangstextOriginal verpflichtet“, was durchaus im Widerspruch zur WörtlichkeitWörtlichkeit stehen könne. Eine „freie ÜbersetzungTranslation“ bedeutet dann das „Abweichen vom Prinzip der syntagmatischen und paradigmatischen Wörtlichkeit aus rein sprachlichen Gründen“. Dies entspräche der „philologischen Übersetzung“ nach KASSÜHLKE. (Es gibt darüber hinaus ganz andere Arten von „Freiheiten“, die sich ÜbersetzerTranslator herausnehmen.) Für sich kann ALBRECHT (1998:62) jene alte Formel – man solle übersetzen: so treu wie möglich und so frei wie nötig – verteidigen, sie sei „weit besser als der Ruf, den sie unter Übersetzungswissenschaftlern genießt. Sie trifft genau, was sie treffen soll, aber sie ist dunkel.“
6.4 Die normativen Äquivalenzforderungen (KollerKoller)
Stärker textbezogen geht Werner KOLLERKoller in seinem Buch Einführung in die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft (1979, 41992, 82011) an das Problem heran. Wichtig ist für ihn die Klärung der „übersetzungskonstituierenden Beziehung zwischen ZieltextZieltext und Ausgangstext“ (1992:16). Er meint:
Eine Übersetzung ist das Resultat einer sprachlich-textuellen Operation, die von einem AS-Text zu einem ZS-Text führt, wobei zwischen ZS-Text und AS-Text eine Übersetzungs- (oder ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung-)relation hergestellt wird. (…) Eine zentrale Aufgabe der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft als empirische Wissenschaft besteht darin, die Lösungen, die die ÜbersetzerÜbersetzer in ihren Übersetzungen anbieten, zu analysieren, zu beschreiben, zu systematisieren und zu problematisieren (1992:16/17f).
Diese Aufgabe führt KollerKoller anhand sehr reichhaltiger Beispieldiskussion durch, wobei er ausführt:
ÜbersetzenÜbersetzen ist ein sprachlich-textueller Prozeß, bei dem AS-Ausdrücken (Lexemen, Syntagmen, Sätzen) ZS-Ausdrücke zugeordnet werden. Die linguistische ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft beschreibt die potentiellen Zuordnungsvarianten (Äquivalente) und gibt die Faktoren und Kriterien an, die die Wahl von aktuellen Entsprechungen bestimmen. Folgende Teilaufgaben lassen sich unterscheiden:
„1. Erarbeitung der theoretischen Grundlagen der Beschreibung von Äquivalenzbeziehungen, allgemein wie auch bezogen auf bestimmte sprachliche Einheiten.
2. Von Übersetzungstexten ausgehender Sprachvergleich auf der syntaktischen, semantischen und stilistischen Ebene mit dem Ziel der Herausarbeitung von potentiellen Übersetzungsäquivalenten.
3. Sprachenpaarbezogene Beschreibung von speziellen Übersetzungsschwierigkeiten (z.B. Metaphern, kulturspezifische Elemente, Sprachschichten, Sprachspiel etc.).
4. Beschreibung von ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren im syntaktischen, lexikalischen und stilistischen Bereich für Typen von Übersetzungsfällen“ (KOLLERKoller 1992:125f).
Die RedeRedes. parole von „Zuordnungsvarianten“ schließt sich übersetzungstheoretisch wieder an das kommunikationswissenschaftliche Übersetzungsmodell mit den potentiellen Entsprechungen der linguistischen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft (s. Kap. 4.3) an. KOLLERKoller versteht unter „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ etwas anderes als NIDANida. Doch wird gleichfalls in der „Initialphase des Übersetzungsprozesses die AS-Text-Analyse, die zur Feststellung einer eindeutigen Textbedeutung führt“ gefordert (KOLLER 1992:147). Hinzu soll jedoch noch die „stilistische und die pragmatische Analyse treten“, die nach dem Stellenwert entsprechender sprachlicher Mittel im AS-Text fragt.
Weil ÜbersetzenÜbersetzen eine TextREproduktion ist, setzt sich KOLLERKoller klar von TextbearbeitungenDifferenzierungBearbeitung, wie Verbesserung, Umformulierung, Zusammenfassung, adressatenspezifischer AdaptationAdaptation usw. ab und diskutiert das Recht des Übersetzers zu Eingriffen in den Text (1992:195): „Als Übersetzung im eigentlichen SinnSinn bezeichnen wir nur, was bestimmten Äquivalenzforderungen normativer Art genügt“ (1979:79; 1992:200). Nur dann sind potentielle Äquivalente objektivierbar. „Dies bedeutet u.a., daß die Bedingungen herausgearbeitet werden, die die Auswahl unter potentiellen Äquivalenten auf Wort-, Syntagma-, Satz- und Textebene bestimmen“ (1992:205). KOLLER präzisiert:
Mit dem BegriffBegriff der ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung wird postuliert, daß zwischen einem Text (bzw. Textelementen) in einer SpracheSprache L2 (ZS-Text) und einem Text (bzw. Textelementen) in einer Sprache L1 (AS-Text) eine Übersetzungsbeziehung besteht. Der Begriff ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung sagt dabei noch nichts über die Art der Beziehung aus: diese muß zusätzlich definiert werden. (…) Die Äquivalenzforderung läßt sich jeweils in die Formel fassen: die Qualität(en) X des AS-Textes (Qualitäten inhaltlicher, stilistischer, funktioneller, ästhetischer etc. Art) muß (müssen) in der Übersetzung gewahrt werden, wobei sprachlich-stilistische, textuelle und pragmatische Bedingungen auf der Seite der Empfänger zu berücksichtigen sind (1992:215).
Die Äquivalenzforderung richtet sich nach Bezugsrahmen
„Es gibt m.E. fünf Bezugsrahmen, die bei der Festlegung der Art der Übersetzungsäquivalenz eine Rolle spielen:
(1.) der außersprachliche Sachverhalt, der in einem Text vermittelt wird; den Äquivalenzbegriff, der sich am außersprachlichen Sachverhalt orientiert, nenne ich denotative ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung;
(2.) die im Text durch die Art der VerbalisierungVerbalisierung (insbesondere: durch spezifische Auswahl unter synonymischen oder quasi-synonymischen Ausdrucksmöglichkeiten) vermittelten Konnotationen bezüglich Stilschicht, soziolektale und geographische DimensionDimension, Frequenz etc.: den Äquivalenzbegriff, der sich an diesen Kategorien orientiert, nenne ich konnotative Äquivalenz;
(3.) die Text- und Sprachnormen (Gebrauchsnormen), die für bestimmte Texte gelten: den Äquivalenzbegriff, der sich auf solche textgattungsspezifische Merkmale bezieht, nenne ich textnormative ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung;
(4.) der EmpfängerEmpfänger (LeserLesers. Empfänger), an den sich die Übersetzung richtet und der den Text auf der Basis seiner Verstehensvoraussetzungen rezipieren können soll, bzw. auf den die Übersetzung „eingestellt“ wird, damit sie ihre kommunikative Funktion erfüllen kann; die empfängerbezogene ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung nenne ich pragmatische ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung;
(5.) Bestimmte ästhetische, formale und individualstilistische Eigenschaften des AS-Textes: den Äquivalenzbegriff, der sich auf solche Eigenschaften des Textes bezieht, nenne ich formalästhetische ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ (KOLLERKoller 1992:216).
Die beispielbezogene Darstellung der Problematik im Rahmen der normativen Äquivalenzforderungen orientiert sich zunächst im Bereich der „denotativen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ an den linguistisch festgestellten potentiellen Äquivalenzbeziehungen von Wörtern (s. Kap. 4.3) zwischen den Sprachen (vgl. KOLLERKoller 1992:228–266).
1. Die Eins-zu-eins-EntsprechungEntsprechung (Äquivalent)
Übersetzungsschwierigkeiten treten nur auf, wenn in der ZS synonymische Varianten gegeben sind. Es gibt drei Fälle: a) aus dem Textzusammenhang oder aufgrund allgemeinen Wissens kann erschlossen werden, welche der potentiellen Entsprechungen zutrifft (e. car – dt. Auto, Wagen); b) es ist im betreffenden Fall irrelevant; c) es besteht zs eine grammatische Lücke. Als ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren bietet sich hier die Wiedergabe in der ZS des Oberbegriffs als Summe der Unterbegriffe an (dt. Gezeiten – russ. otliv i riliv/Ebbe und Flut), oder es wird auf einen anderen Sammelbegriff ausgewichen (statt Geschwister wird Kinder verwendet).
2. Die Viele-zu-eins-EntsprechungEntsprechung (Neutralisation)
Bei der Übersetzung kann die in der ZS-EntsprechungEntsprechung neutralisierte DifferenzierungDifferenzierung durch adjektivische und Genitiv-Attribute, Zusammensetzungen, adverbiale Zusätze etc. ausgedrückt werden (z. B. sw. morfar – dt. Großvater mütterlicherseits).
3. Die Eins-zu-Null-EntsprechungEntsprechung (Lücke)
Solches sind echte Lücken im lexikalischen System der ZS, in Bezug auf den ÜbersetzungsauftragÜbersetzungsauftrag sind es nur vorläufige Lücken, die zu schließen sind. Es bieten sich fünf ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren an:
a. Übernahme des AS-Ausdrucks; b. Lehnübersetzung; c. Verwendung eines in der ZS bereits in ähnlicher BedeutungBedeutung vorhandenen Ausdrucks; d. Der AS-AusdruckAusdruck wird in der ZS umschrieben, kommentiert oder definiert (Explikation oder definitorische Umschreibung); e. AdaptationAdaptation als Ersetzung des mit einem AS-Ausdruck erfassten Sachverhalts durch einen Sachverhalt, der im kommunikativen Zusammenhang der ZS eine vergleichbare Funktion hat.
4. Die Eins-zu-Teil-EntsprechungEntsprechung
Klassisches Beispiel sind die Farbbezeichnungen verschiedener Sprachen (s. Kap. 2.3), in denen das Farbenspektrum unterschiedlich segmentiert wird. Oft werden auch die sog. charakteristischen, unübersetzbaren Wörter angeführt (dt. Geist, frz. esprit, russ. toská; dt. SinnSinn, Geist, Verstand, Feinsinnigkeit sind Teil-Entsprechungen zu frz. esprit; dt. Sehnsucht, Sorge, Melancholie, Trauer, Niedergeschlagenheit, Langeweile zu russ. toská, und e. mind, intellect, intelligence, thinking faculty, spirit, human spirit zu dt. Geist). Wo die ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit an Grenzen stößt, kommen nur noch kommentierende ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren in Frage, das sind Fußnoten, Anmerkungen oder Zusätze im Text (vgl. die Darstellung bei KOLLERKoller 1992:229ff).
Wenn aufgrund der Entsprechungstypen auf der languelangues. Sprachsystem-Ebene Übersetzungsschwierigkeiten auf der paroleparoles. Rede, Äußerung-Ebene auftreten, sind bestimmte ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren anzuwenden. Sprachliche Ausdrücke haben jedoch nicht nur denotative BedeutungBedeutung, mit ihrem textspezifischen Gebrauch werden auch konnotative Werte vermittelt. Beachtet man den Bereich der „konnotativen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“, so werden die zuvor unter rein denotativem AspektAspekt besprochenen Typen von Eins-zu-eins-Entsprechungen zu Teil-Entsprechungen.
Die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft hat die Aufgabe, die konnotativen Dimensionen und Werte in den Einzelsprachen zu charakterisieren, ihre Merkmale und Strukturelemente herauszuarbeiten und diese in Beziehung zu den Konnotationsdimensionen der jeweiligen Zielsprachen zu setzen. Die Herstellung konnotativer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung gehört zu den meist nur annäherungsweise lösbaren Problemen des Übersetzens (KOLLERKoller 1992:241).
Der StilStil eines Textes ergibt sich aus dem spezifischen Vorkommen, der Frequenz, Distribution und Kombination von konnotativ wertigen sprachlichen Einheiten auf Wort-, Syntagma-, Satz- und Abschnittsebene. Die stilistische Übersetzbarkeitsproblematik resultiert daraus, dass sich die Systeme der stilprägenden konnotativen Werte in den verschiedenen Sprachen nicht eins-zu-eins decken. Der ÜbersetzerÜbersetzer soll optimale konnotative Entsprechungen suchen, er kann auch „konnotative Werte, die nicht erhalten werden können, durch kommentierende Verfahren (…) vermitteln“ (1992:242f).
KOLLERKoller charakterisiert übersetzungsrelevante konnotative Dimensionen. So zum Beispiel:
(a) Konnotationen der Sprachschicht (+gehoben, dichterisch, normalsprachlich, +umgangssprachlich, Slang, +vulgär), vgl. sterben ist normalsprachlich-unmarkiert, entschlafen und das Zeitliche segnen gehören der gehobenen Stilschicht an, abkratzen ist salopp-umgangssprachlich, krepieren und verrecken sind vulgär.
(b) Konnotationen sozial bedingten Sprachgebrauchs (+studentensprachlich, +soldatensprachlich, +SpracheSprache der Arbeiterschicht, Sprache des Bildungsbürgertums). KOLLERKoller erwähnt einen Brief Henrik lbsens an seinen ÜbersetzerÜbersetzer, in dem er auf Übersetzungsschwierigkeiten in „Vildanden“ („Die Wildente“) hinweist: „’Die Wildente’ enthält zudem ganz besondere Schwierigkeiten, indem man mit der norwegischen Sprache sehr vertraut sein muß, um verstehen zu können, wie konsequent jede einzelne Person im Stück ihre eigentümliche, individuelle Art hat, sich auszudrücken, wodurch gleichzeitig das Bildungsniveau der betreffenden Person markiert wird. Wenn zum Beispiel Gina spricht, muß man unmittelbar hören können, daß sie nie GrammatikGrammatik gelernt hat und daß sie den unteren Gesellschaftsschichten entstammt. Und so auf je verschiedene Weise für alle anderen Personen auch. Die Aufgabe des Übersetzers ist also keineswegs einfach zu lösen. (Übersetzung von mir, W.K.)“ (1992:243f).
Der Bereich der „textnormativen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ bezieht sich dann auf das Feld der Gebrauchsnormen. „Vertragstexte, Gebrauchsanweisungen, Geschäftsbriefe, wissenschaftliche Texte usw. folgen hinsichtlich Auswahl und Verwendungsweise sprachlicher Mittel im syntaktischen und lexikalischen Bereich bestimmten sprachlichen Normen (Stilnormen), deren Einhaltung in der Übersetzung Herstellung textnormativer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung bedeutet“ (1992:247). Die Bedingungen der TextsorteTextsorte steuern dabei die Selektion der sprachlichen Mittel und den TextaufbauTextaufbau. Sprachliche Veränderungen sind hier möglich aufgrund der in der ZS geltenden anderen Textnormen.
Schließlich muss die Übersetzung auf die LeserLesers. Empfänger in der ZS „eingestellt“ werden: dies heißt, „pragmatische ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ herzustellen. Dabei ist für den AS- und ZS-Text von unterschiedlichen Rezeptionsbedingungen auszugehen, und der ÜbersetzerÜbersetzer muss sich stets fragen, wie weit er in den Text bearbeitend eingreifen kann und soll. Im Hinblick auf die Wissensvoraussetzungen der ZS-LeserLesers. Empfänger besteht sowohl die Gefahr der Leserunterschätzung als auch der -überschätzung. In der Diskussion der Übersetzungsbeispiele wird eine „übersetzerische Tendenz zur Einebnung, zur Normalisierung“ festgestellt (1992:252), wobei kommentierende ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren zu den „harmlosen Eingriffen“ gezählt werden.
Die Herstellung „formal-ästhetischer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ im ZS-Text bedeutet schließlich „Analogie der Gestaltung“ unter Ausnutzung der in der ZS vorgegebenen Gestaltungsmöglichkeiten. KOLLERKoller definiert:
Aufgabe der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft ist es, die Möglichkeiten formal-ästhetischer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung im Blick auf Kategorien wie Reim, Versformen, Rhythmus, besondere stilistische (auch individualstilistische und werkspezifische) Ausdrucksformen in SyntaxSyntax und LexikLexik, Sprachspiel, Metaphorik etc. zu analysieren. (…) (Solche Formen) finden sich selbstverständlich nicht nur in literarischen Texten; treten sie in nicht-literarischen Texten auf, haben sie dort in der Regel einen anderen Stellenwert. Formal-ästhetische Qualitäten sind konstitutiv für literarische Texte, d.h., ein literarischer Textliterarischer Text, der dieser Qualitäten verlustig geht, verliert seine Literarizität. Das gilt in der Regel nicht für Sachtexte, die auch in „ent-ästhetisierter“ FormForm ihre Sachtextfunktion(en) erfüllen können (1992:253).
Ausführlich wird auf die besonderen Probleme im Zusammenhang mit der Übersetzung von Metaphern und Sprachspielen eingegangen. KOLLERKoller verweist auf statistische Untersuchungen, nach denen in zwei Dritteln der Fälle Metaphern des Originals mit Metaphern übersetzt wurden. Dabei wird eine „okkasionelle MetapherMetapher“ manchmal auch durch eine konventionelle Metapher übertragen oder durch Einfügung einer Metapher an anderer Stelle kompensiert. KOLLER zieht daraus den Schluss, dass „im Durchschnitt nur die Hälfte der okkasionellen Originalmetaphern als okkasionelle, d.h. stilistisch wirksame Metaphern übersetzt sind“ (1992:256), was die verbreitete Behauptung bestätigt, Übersetzungen seien „flacher“ als die Originale. Weil Sprachspiele meistens auch Spiele mit ästhetischen und thematischen Bedeutungen sind, ist hier die Möglichkeit kompensatorischer Verfahren begrenzt, und meist sind sie auch kaum übersetzbar. Zusammenfassend wird festgestellt:
Der ÜbersetzerÜbersetzer (…) hat bei jedem Text als Ganzem wie auch bei Textsegmenten die Aufgabe, eine Hierarchie der in der Übersetzung zu erhaltenden Werte aufzustellen, aufgrund deren er eine Hierarchie der Äquivalenzforderungen bezüglich des betreffenden Textes bzw. des betreffenden Textsegmentes ableiten kann“ (KOLLERKoller 1979:191; 1992:266).
Diese Hierarchie bezieht sich auch auf das einzelne Textsegment, und KOLLERKoller lehnt, ganz anders als noch NIDANida, die Kompensation eines Wertes an anderer Stelle im Text ausdrücklich ab (1992:263). Implizit wird unterstellt, dass eine Übersetzung danach zu beurteilen sei, inwieweit jeweils eine Übersetzungseinheit in jedem der herausgearbeiteten Merkmale optimale ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung erzielt.
Die Ergebnisse können angeblich mit einer „wissenschaftlichen ÜbersetzungskritikÜbersetzungskritik“ (1979:210ff; 1992:127) überprüft werden, die ein Vorgehen in drei Schritten umfasst: die übersetzungsrelevante TextanalyseTextanalyse, den Übersetzungsvergleich und die Übersetzungsbewertung. Der Übersetzungsvergleich gliedert sich in einen praktischen und einen theoretischen Teil1Übersetzungskritik:
Im praktischen Teil werden OriginalOriginals. Ausgangstext und Übersetzung (bzw. repräsentative Textausschnitte) Übersetzungseinheit für Übersetzungseinheit miteinander verglichen, wobei die Übersetzungseinheit umfangmäßig vom Einzelwort bis zum Textabschnitt oder dem ganzen Text reichen kann. Es wird von der Frage ausgegangen, wie die in der übersetzungsrelevanten TextanalyseTextanalyse herausgearbeiteten Merkmale sprachfunktionaler, inhaltlicher, sprachlich-stilistischer, formalästhetischer und pragmatischer Art im ZS-Text realisiert sind und welcher Stellenwert diesen Realisierungen in der ZS zukommt. (…) Im theoretischen Teil geht es um die Rekonstruktion der Äquivalenzforderungen bzw. der Hierarchie von Äquivalenzforderungen, denen der ÜbersetzerÜbersetzer in seiner Übersetzungsarbeit folgt: von welchen Prinzipien läßt er sich leiten, und wie wirken sie sich in der sprachlich-stilistischen Gestaltung des Textes aus? (1979:215).
KOLLERS linguistische ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft geht in der Breite des Ansatzes über NIDANida hinaus. Anhand der Diskussion vorliegender Übersetzungen werden deskriptiv mögliche Übersetzungsstrategien zusammengetragen, die dann einmal normativnormativ operationalisiert werden sollen. Dies erinnert stark an den Ansatz der Stylistique comparéeStylistique comparée (s. Kap. 5.1), auch wenn das Augenmerk hier stärker auf Texte und ihre kontextuellen Bezüge gelenkt wird. So könnte man einwenden, dass damit nur das systematisch gesichtet wird, was ÜbersetzerÜbersetzer ohnehin schon tun. Ihr Verhalten wird so zwar linguistisch untermauert, doch es werden dadurch kaum neue Einsichten, auch für bessere oder andere Übersetzungen, gewonnen. Manche Postulate als „Aufgabe der Übersetzungswissenschaft“ bleiben unerfüllt im Raum stehen. Doch KOLLERKoller erstrebt auch nicht unbedingt eine praktische Anwendbarkeit für die Übersetzungswissenschaft, denn „die sprachenpaarbezogene und die textbezogene Übersetzungswissenschaft beschreiben die Äquivalenzbeziehungen zwischen Sprachen und Texten zunächst unabhängig davon, ob der Übersetzungspraktiker mit diesen Beschreibungen etwas anfangen kann oder nicht“ (1992:133). Zwischenzeitlich hat HOUSE (1997) ein konkretes Beschreibungsmodell vorgelegt (s. Kap. 4.5).
6.5 Der BegriffBegriff „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“
Wie in den vorangehenden Abschnitten deutlich geworden ist, stand die Diskussion um die Zielbeschreibung des Übersetzens lange Zeit im Zeichen des Begriffs „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“. Angesichts zahlreicher Missverständnisse ist es wichtig, die Herkunft dieses in der übersetzungswissenschaftlichen LiteraturLiteratur äußerst umstrittenen Begriffes zu kennen. Der Terminus stammt ursprünglich aus der Mathematik und formalen Logik und meint die „umkehrbar eindeutige Zuordnung“ von Elementen in einer Gleichung, eine Identität in anderer Gestalt. Im Sinne eindeutiger Zuordnung genormter Fachtermini wird er in den Fachsprachen verwendet.
In diesem Sinne ist es einleuchtend, wenn die Leipziger übersetzungswissenschaftliche Schule die BezeichnungBezeichnung ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung für die Gleichung zwischen einlaufender und nach Umkodierung wieder auslaufender InformationInformation im interlingualen KommunikationsvorgangKommunikationsvorgang verwendet hat (s. Kap. 4.2): Hier wird gerade die unveränderte Gleichheit der übermittelten Nachricht postuliert. Bei der Frage, woran dies festgemacht werden könnte, ergaben sich zunächst die mehr oder weniger direkten Entsprechungen zwischen zwei Sprachen, die „potentiellen Entsprechungen“ (s. Kap. 4.3) als Zeichenäquivalente.
In der Stylistique comparéeStylistique comparée, die die oberflächenstrukturelle Nähe und Ferne von Sprachenpaaren untersucht und auch von einer „équation de traduction“ spricht, heißt frz. équivalence aber die ÜbersetzungsprozedurÜbersetzungsprozedur des Ersetzens einer ausgangssprachlichen SituationSituation durch eine kommunikativ vergleichbare zielsprachliche Situation (s. Kap. 5.1). Es steht damit neben adaptation als der Kompensation von soziokulturellen Unterschieden in den beiden Sprachgemeinschaften. In ähnlicher Weise ist bei NEWMARKNewmark (s. Kap. 5.3) das e. equivalent nicht BezeichnungBezeichnung für eine Bedeutungsgleichheit, sondern es benennt eine Übersetzungsprozedur, wie z.B. „cultural equivalent“, „functional equivalent“ oder „descriptive equivalent“, wenn es um die Kompensation kultureller Differenzen geht. Eine „translation equivalence“ im Sinne von übersetzungskritisch absicherbarer Übereinstimmung gibt es seines Erachtens nur bei den außersprachlichen universellen Gegenständen, und in geringerem Maße auf der Ebene einzelner Substantive und Verben, nicht jedoch bei Texten. Demgegenüber sind bei CATFORDCatford (s. Kap. 4.4) die „translation equivalents“ nur dann sprachlich austauschbare Textelemente, wenn sie in einer vergleichbaren Situation funktionieren. Hier geht es nicht um inhaltliche Gleichheit. HOUSEHouse (s. Kap. 4.5) versteht unter „Äquivalenz“ die Identitätsrelation zwischen den Texten auf allen linguistischen Ebenen.
Im Bereich der linguistischen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft hat v.a. NIDAS Postulat der „dynamic equivalence“ Furore gemacht (s. Kap. 6.2). Er verwendet den in der englischen Gemeinsprache unscharfen AusdruckAusdruck equivalence, der hier quantitativ relativierend die BedeutungBedeutung of similar significance (Oxford English Dictionary) hat, und daher nicht mit „dynamischer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ übersetzt werden sollte.1WilssKollerNidaEntsprechungGleichwertigkeit Hier geht es um die funktionale Anpassung der in ihrem InhaltInhalt unverfälschten Botschaft an zielkulturelle Vorstellungen. Solche „GleichwertigkeitGleichwertigkeit“ ist also die eher abstrakte Forderung nach natürlicher Ausdrucksweise und Verständlichkeit, während das „closest natural equivalent“ auf lexikalisch-syntaktischer Ebene die größtmögliche Nähe hinsichtlich SinnSinn und StilStil verlangt. Hier gehen formal viele Ähnlichkeiten verloren. Sprachliche Verfahren der Texttransformation zur Erzielung von Äquivalenz diskutiert SCHREIBER (1993).
Von KOLLERKoller wird dann der BegriffBegriff „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ noch umgedeutet und erweitert zu „Äquivalenzforderungen normativer Art“ auf der Textebene. „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ soll dabei keine absolute Forderung sein, es gibt sie nur im Zusammenhang mit einer Übersetzungsbeziehung. Problematisch ist diese Terminuswahl deshalb, weil im Deutschen „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ nur die eineindeutige Zuordnung meint, sodass der Begriff außerhalb der Maschinellen Übersetzung fast wie selbstverständlich mit „GleichwertigkeitGleichwertigkeit“ identifiziert wurde. KOLLERS normative Aussage kennt fünf Bezugsrahmen, unter denen dann auf der Ebene einzelner Übersetzungseinheiten (Wort, Satz, Text) bestimmte „potentielle Äquivalente“ objektivierbar werden sollen.
Insgesamt wird deutlich, dass „Äquivalenz“ in der LiteraturLiteratur meist eine eher abstrakte Forderung nach Gleichheit bestimmter Aspekte in der TextvorlageTextvorlages. Ausgangstext, AS, Original und der Übersetzung meint, wobei das ungeklärte Verhältnis zwischen Textganzem und einzelnen Übersetzungseinheiten ein inhärentes Problem darstellt. Dagegen werden als „Äquivalente“ diejenigen syntaktischen Elemente bezeichnet, mit denen jene GleichwertigkeitGleichwertigkeit realisiert wird. Diese Unterschiede sind im weiteren Verlauf der übersetzungswissenschaftlichen Diskussion nicht immer genau beachtet worden, etwa wenn manche Autoren pauschal forderten, eine „Übersetzung müsse zu ihrem OriginalOriginals. Ausgangstext äquivalent“ sein2Originals. AusgangstextWilss, oder aber betonten, die ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung sei „eine Illusion“ (SNELL-HORNBYSnell-Hornby 1986:14).
Weil all dies wiederum wenig aussagekräftig ist, wurde der Äquivalenzbegriff ständig verändert. Es traten andere BegriffswörterBegriffswörter auf wie Angemessenheit, AdäquatheitAdäquatheit, GleichwertigkeitGleichwertigkeit, Übereinstimmung, Korrespondenz, sinngemäße EntsprechungEntsprechung, Wirkungsgleichheit usw. Abschließend ist festzuhalten, dass „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ eine Relation zwischen AS- und ZS-Text bezeichnet, die nur übersetzungskritisch, d.h. am konkreten Textbeispiel, festgestellt werden kann. Man kann nicht „äquivalent übersetzen“, sondern ein ZieltextZieltext kann (jeweils nur hinsichtlich bestimmter Textebenen!) als einem Ausgangstext äquivalent gelten. Die einzelnen Elemente auf den verschiedenen Ebenen können aufgrund der Verschiedenheiten der Sprachen und Kulturen in den meisten Fällen nicht invariant und nicht alle zugleich äquivalent gehalten werden.
Kommentar
NIDANida hat aufgrund der missionarischen Ausrichtung der Bibelübersetzung erstmals die Einstellung auf die anvisierten EmpfängerEmpfänger der Übersetzung als außersprachliches Element ins Spiel gebracht. Seine Darstellung legt allerdings den Schwerpunkt auf die Ausgangstextanalyse und hier besonders auf syntaktische Bedeutungen. So beschränkt sich das Problem der ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung auf die Wahrung von Inhalts- und Wirkungsgleichheit im Bereich syntaktischer Bedeutungen. KOLLERS Ansatz steht demgegenüber den Vorstellungen der sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft näher. Am ausführlichsten ist seine Darstellung bezüglich der denotativen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung, und hier werden teilweise ähnliche „ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren“ vorgeschlagen wie bei den „Übersetzungsprozeduren“ der Stylistique comparéeStylistique comparée, z.B. bei einer lexikalischen Lücke.
Mit dem Ansatz von fünf Äquivalenzforderungen wird die PerspektivePerspektive auf ein TextganzesTextganzes angedeutet, jedoch bezieht sich die Beispieldiskussion meist nur auf Wörter und Sätze. Ein größerer Teil der normativen Äquivalenzforderungen bleibt bloße Forderung. Es wird nicht gezeigt, wie eine „Hierarchie der in der Übersetzung zu erhaltenden Werte“ konkret aussieht. So bleibt bei vielem, was als „Aufgabe der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft“ postuliert wird, die Möglichkeit konkreter Forschungsergebnisse zweifelhaft. Insgesamt ist festzuhalten, dass der BegriffBegriff „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ in zahlreichen unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. Angemessen lässt er sich allenfalls zur BezeichnungBezeichnung einer GleichwertigkeitGleichwertigkeit bestimmter Aspekte in Text und Übersetzung verwenden, die in der ÜbersetzungskritikÜbersetzungskritik festgestellt werden kann.
Lektürehinweise
Werner KOLLER (1992, 82011): Einführung in die Übersetzungswissenschaft. Heidelberg; besonders Kapitel 2.3.
Eugene A. NIDA (1964): Toward a Science of Translating. With Special Reference to Principles and Procedures Involved in Bible Translating. Leiden.
Eugene A. NIDA/Charles R. TABER (1969): Theorie und Praxis des Übersetzens, unter besonderer Berücksichtigung der Bibelübersetzung. Weltbund der Bibelgesellschaften.
Michael SCHREIBER (1993): Übersetzung und Bearbeitung. Zur Differenzierung und Abgrenzung des Übersetzungsbegriffs. Tübingen.
7 TextlinguistikTextlinguistik und übersetzungsrelevante Texttypologie
Die TextlinguistikTextlinguistik hat Methoden zur Beschreibung von TextkohärenzTextkohärenz entwickelt sowie textexterne und -interne Merkmale von Textsorten benannt, deren kontrastiver Vergleich beim ÜbersetzenÜbersetzen wichtig ist. Als übersetzungsrelevant unterscheidet ReißReiß den informativen, den expressiven und den operativen TexttypTexttyp, KollerKoller die TextgattungTextgattung Fiktivtexte neben den Sachtexten, die jeweils eine eigene ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode bedingen sollen. Gerzymisch-ArbogastGerzymisch-Arbogast hat eine Methode des wissenschaftlichen Übersetzens entwickelt.
7.1 Textkonstitution durch Satzverknüpfung (Harweg)
In den 1970er Jahren wandte sich die LinguistikLinguistiks. Sprachwissenschaft verstärkt satzübergreifenden Strukturen zu, es entstand die TextlinguistikTextlinguistik. Und spätestens seit NIDAS Bibelübersetzungen (s. Kap. 6.1) wurde die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass beim ÜbersetzenÜbersetzen nicht Wörter und Sätze übertragen werden, sondern ganze Texte. Es liegt daher nahe, dass Übersetzungstheorien sich einer textorientierten PerspektivePerspektive öffnen. Die Textlinguistik fragt nach den Grundbedingungen der Textkonstitution, also nach „den Prinzipien des Textaufbaus und der TextkohärenzTextkohärenz, sowie der TextfunktionTextfunktion und Textwirkung“ (LEWANDOWSKI 1975c:755). Da seit NIDANida eine „TextanalyseTextanalyse“ als unverzichtbare Voraussetzung des Übersetzens gilt, ist es notwendig, textlinguistische Methoden für das Übersetzen fruchtbar zu machen. Einige traditionelle textlinguistische Ansätze sollen deshalb kurz vorgestellt und ihre Anwendbarkeit in der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft aufgezeigt werden. Der „Text“ als Forschungsgegenstand wird unterschiedlich definiert1:
Text (zu lat textus = Geflecht, Zusammenhang; von lat. texere = flechten, zusammenfügen (zu gr. Tékton = Baumeister)) > der eigentliche Wortlaut einer Schrift im Gegensatz zu den Anmerkungen (Glossen, Marginalien, Kommentare); der genaue Wortlaut oder der Wortlaut im Unterschied z.B. zur Illustration [eines Buches], zur Melodie [eines Liedes]; auch Schriftwerk überhaupt.
> in der SprachwissenschaftSprachwissenschafts. Linguistik die hierarchisch an höchster Stelle (also über dem Satz) einzuordnende sprachl. Einheit, charakterisiert durch das gebundene und sinnvolle Vorkommen von Sprachelementen. T. kann unter verschiedenen Aspekten definiert werden. Je nach Eingrenzung und Bestimmung soll T. die Gesamtheit der in einer SpracheSprache vorliegenden ÄußerungenÄußerungs. Rede, parole umfassen, oder alle Äußerungen einer Person bzw. die jeweils abgeschlossenen Teilmengen davon. T. kann die Gesamtmenge der in einer Interaktion, einem Kommunikationsakt auftretenden kommunikativen Signale oder Zeichen sein. Oder T. wird definiert als eine kohärente Folge von Sätzen, eine zweckgerecht geordnete Menge sprachl. Einheiten. Für eine T.analyse werden begrenzte T. benötigt, z.B. solche, bei denen die Grenzen durch Veränderungen in der pragmat. Interaktion der den T. produzierenden und rezipierenden Personen, etwa dem Wechsel der Sprecher- und Hörerrolle, markiert sind, oder durch typograph. (z.B. Absatz) bzw. substantielle (z.B. Buchdeckel) Kennzeichen ausgegrenzte Texte. Der Linguist bemüht sich um das Aufdecken der abstrakten Regularitäten, die einen in einer bestimmten SituationSituation geäußerten Ein-Wort-T., z.B. „Hilfe!“, oder eine Folge von Sätzen als T. ausweisen, der Literaturwissenschaftler hingegen versucht dessen mögliche sekundäre Strukturiertheit auf der Ebene der künstler., der ästhet. Organisation aufzuzeigen. (…)
Die TextlinguistikTextlinguistik sieht, aufbauend auf der SemiotikSemiotik (s. Kap. 3.2), den Text als komplexes sprachliches Zeichen. Als Kommunikationseinheit ist er das originäre Sprachzeichen, und Buchteile, Kapitel, Sektionen, Paragraphen, Sätze, Wörter usw. sind als Textsegmente zu betrachten, die stets in Relation zum Gesamttext gesehen werden.
Das komplexe (Text-)Zeichen wie das einfache sprachliche Zeichen hat drei semiotische Dimensionen: eine syntaktische als Relation der Zeichen untereinander in ihrer Verknüpfung, eine semantische, in der die Relation zwischen Zeichen und BedeutungBedeutung ausgedrückt ist, und eine pragmatische, in der sich die Zeichen-SenderSenders. Autor, Produzent/EmpfängerEmpfänger-Relation spiegelt (s. Kap. 3.3).
Alle drei Dimensionen können auf Wort-, Satz- und Textebene relevant werden; so wird innerhalb der syntaktischen DimensionDimension von Syntagmatik (Wortgruppen unterhalb der Satzgrenze), von SyntaxSyntax (auf Satz- und Gefügeebene), und von Textsyntax (Gliederung) gesprochen, innerhalb der semantischen Dimension von Wortbedeutung (s. Kap. 3.5), Satz- und Textbedeutung, und innerhalb der pragmatischen Dimension von Wort- (Konnotationen), Satz- und Textpragmatik. Zur Textpragmatik gehört auch die außersprachliche SituationSituation. Die Textlinguistik als Wissenschaft von der sprachlichen Konstitution von Texten hat so die Satzgrenze überschritten, um satzübergreifende Strukturen innerhalb der Texte zu untersuchen. Dies hat auch Auswirkungen für die Übersetzungswissenschaft im Blick auf den alten Streit um die „(Un)übersetzbarkeit“ (s. Kap. 2.6).
Einen hervorragenden Überblick über „linguistische Textmodelle“ vermittelt das Buch von Elisabeth GÜLICH und Wolfgang RAIBLE (1977), man vergleiche auch Heinz VATERVater (1992). In der TextlinguistikTextlinguistik ist die Vorstellung weit verbreitet, ein Text sei syntaktisch eine Folge von Sätzen und eine genaue Untersuchung von deren Verknüpfungsregeln führe zu einer Beschreibung der Textkonstitution. Diese Auffassung steht in der Tradition der Generativen GrammatikGrammatik (s. Kap. 3.4). In diesem Sinne lassen sich auf der Textebene viele Gesetzmäßigkeiten feststellen, die auch zu texttheoretischer Modellbildung geführt haben. Die Zielsetzung der linguistischen Textmodelle ist somit die Erforschung der Erzeugungsbedingungen wohlgeformter Texte, wozu heuristisch die Analyse konkreter einzelner Textvorkommen verwendet wird.
Aufgrund der Annahme, dass die Texterzeugung modellhaft beschrieben werden kann, schien es der linguistischen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft zunächst möglich, solche Verfahren auch beim „interlingualen TransferTransfer“ anzuwenden; man vergleiche hierzu die „semiotische TextanalyseTextanalyse“ bei WILSSWilss (s. Kap. 4.6). Während dessen Erörterungen v.a. um den Entwurf eines Transfermodells kreisen, werden bei anderen Autoren – ausgehend vom einzelnen zu übersetzenden Text – bestimmte textlinguistische Analyseverfahren übernommen, wie im Folgenden gezeigt wird.
Roland HARWEG (1968) hat die grundlegende BedeutungBedeutung der Verknüpfung als generell textbildendem Prinzip in die Diskussion gebracht, und es ist sein Verdienst, umfassend dargelegt zu haben, welche Möglichkeiten der Satzverkettung durch syntagmatische Substitution überhaupt vorhanden sind. Er geht von der lückenlosen Ersetzung vorhergehender durch nachfolgende sprachliche Elemente in der Abfolge des Textes aus. Alle Sätze müssen „auf irgendeine – explizite oder implizite – Weise im Sinne syntagmatischer Substitution miteinander verkettet“ sein (HARWEG 1968:148). Beispiel:
| Es war einmal ein König. | |||
| Der hatte drei Töchter. | |||
| Die Töchter (Sie) hießen … | |||
Die Funktion des bestimmten Artikels ist es, (anaphorisch) auf Genanntes zurückzuverweisen, während der unbestimmte Artikel (kataphorisch) auf Nachinformation im Text vorausweist. Unter „Textdelimitation ist die Bestimmung der Grenzen, d.h. die Bestimmung von Anfang und Ende eines Textes-als-Element-im-Textkosmos zu verstehen“ (HARWEG 1968:151). Enthält ein Satz nur Substituenda – wie etwa der Satz „Es war einmal ein König“ –, so delimitiert dieser Satz den Text: Da er nur Substituenda enthält und somit selbst nichts substituiert, würde nichts in einem solchen Satz auf vorhergehende Sätze verweisen. Solche Sätze sind ‘Textanfangssätze’. Das Gegenstück, ein expliziter Schlusssatz, ist auf diese Weise aber nicht zu bestimmen. Denn jeder Satz, der nur Substituentia enthält („Die drei Königstöchter liebten ihren Vater über alles in der Welt“) kann offensichtlich weitere Nachfolgesätze haben.
Komplementär zu dieser Texterzeugung „von links nach rechts“ findet sich bei HARWEG noch eine Erzeugungsform „von oben nach unten“, die der Berücksichtigung der hierarchischen Makrostruktur des Textes entspricht. Er verweist speziell auf zwei Arten von „Hierarchiebildung“ (im Sinne von Absatz- und Kapitelbildung), die wiederum durch das Mittel der Substitution erreicht werden können: Im ersten Fall bezieht sich das Substituens über einige vorhergehende Sätze hinweg auf ein relativ entfernt liegendes Substituendum (zum Beispiel kann von dem König, in dem in Satz 1 und 2 eines Märchens die RedeRedes. parole war, erst wieder in Satz 20 die RedeRedes. parole sein); im zweiten wird eine ganze Anzahl von Vorgängersätzen durch ein Substituens zusammengefasst (z.B. durch Substituentia wie ‘diese Handlungen, Ereignisse, Aussagen’ usw.). In der Literaturwissenschaft bezeichnet man dies auch als „Längsachsen“, wenn sich darin eine auffällige Struktur erkennen lässt.2Frank Bei Texten mit relativ fester Makrostruktur kann angegeben werden, mit welchem Textelement der Text beginnt bzw. endet.
Während die formal-grammatische Ebene die Kohäsion, den sprachlichen Zusammenhalt von Texten bestimmt, hängt deren Kohärenz vom inhaltlich-logischen Zusammenhang ab. Kohärenz und Kohäsion können unabhängig voneinander im Text vorliegen. Fehlende Kohärenz führt jedoch dazu, dass die entsprechenden sprachlichen Gebilde nur eingeschränkt als Texte (defekte Texte) bezeichnet werden.3
7.2 Sprachspezifische Unterschiede der Syntax
Im Anschluss an HARWEG wurden in der TextlinguistikTextlinguistik von verschiedenen Autoren wichtige Elemente der TextanalyseTextanalyse zusammengetragen, wie Satzeröffnungen, Satzendsignale, Enumeratoren, adversative, additive, konzessive, kausale, temporale Modalwörter, Arten der Konjunktionen usw., mit denen sich der sprachliche Zusammenhang von Texten linguistisch beschreiben und einzelsprachspezifische Unterschiede erforschen lassen. Die Berücksichtigung syntaktischer Strukturen auf der Textebene ist ja für das ÜbersetzenÜbersetzen wichtig, denn die Binnenstruktur eines Textes im Blick auf Bedeutungsrelationen zwischen Sätzen ist die Voraussetzung für das Erfassen des Inhalts. Während NIDANida v.a. die inhärente BedeutungBedeutung von Syntagmen untersucht hatte (s. Kap. 6.2), wird nun auf die logische Relation zwischen Satzteilen hingewiesen.
Empirisch beobachtbare ÜbersetzungsproblemeÜbersetzungsprobleme können textlinguistisch erläutert werden. So liegt das bekannte Problem bei der Übersetzung der englischen Partizipialkonstruktionen beispielsweise darin, dass die jeweilige logische Relation zum Bezugssatz nur impliziert ist, im Deutschen muss dagegen ein Nebensatz gebildet werden, der sie explizit macht. Man vergleiche an dieser Stelle auch WILSSWilss’ Überlegungen zur Schemabasierung des übersetzerischen Transfers (s. Kap. 4.7). Außerdem gibt es hier stilistische Unterschiede zwischen den Sprachen. Die Sinnpräzisierung erfolgt anhand des umgebenden Kontexts. Sätze können beim ÜbersetzenÜbersetzen nicht isoliert betrachtet werden (vgl. dagegen die Beispieldiskussion in der Stylistique comparéeStylistique comparée, Kap. 5.1).
Formal sehr ähnlichen Sätzen liegen oft ganz verschiedenartige Bedeutungsrelationen zugrunde, wie HÖNIGHönig/KUßMAULKußmaul (1982:106f) darstellen:
(1a) Having finished his book he emptied his glass and went to bed. (temporal)
(1b) Nachdem er sein Buch ausgelesen hatte, leerte er sein Glas und ging zu Bett.
(2a) Having forgotten his book he went home and fetched it. (kausal)
(2b) Da er sein Buch vergessen hatte, ging er nach Hause und holte es.
Bei der sprachlichen Darstellung logischer Relationen wie kopulativ, temporal, modal, kausal, instrumental, attributiv usw. gibt es syntaktische Varianten. Eine Zeitbeziehung kann im Englischen z.B. wie folgt zum AusdruckAusdruck gebracht werden:
(3a) After he had completed his work he went home.
(3b) After the completion of his work he went home.
(3c) Having completed his work he went home.
Im Deutschen gibt es dafür folgende Möglichkeiten:
(3d) Nachdem er seine Arbeit beendet hatte, ging er nach Hause. (stilistisch neutral)
(3e) Nach Beendigung seiner Arbeit ging er nach Hause. (formell)
Unidiomatisch wäre dagegen:
(3f) *Seine Arbeit beendet habend, ging er nach Hause.
Zum erweiterten Partizip Perfekt aktiv gibt es im Deutschen keine formale EntsprechungEntsprechung. Außerdem sind im Deutschen das erweiterte Partizip Präsens und das erweiterte Partizip Perfekt Passiv sowie das erweiterte Partizip Perfekt Aktiv in elliptischer FormForm stilistisch markiert, während die englischen Partizipien neutral sind. Man vergleiche folgendes Beispiel:
(4a) A voice, like a stone flung into a window, cracked the silence.
(4b) Wie ein Stein, geworfen in ein Fenster, unterbrach eine Stimme jäh die Stille. (wirkt poetisch)
(Vgl. die Darstellung nach HÖNIGHönig/KUßMAULKußmaul 1982:106f).
Syntaxtheoretische Beschreibungsmodelle können sprachenpaarspezifische Unterschiede aufzeigen. Die Untersuchung der Stellung eines Satzgliedes im Hinblick auf seine adäquate Übersetzung in eine andere Sprache hat auch die kommunikative Motivation zu berücksichtigen, weil eine scharfe Trennung zwischen dem reinen Satzbau (Syntax) und den ihm zu Grunde liegenden Bedeutungsrelationen und -markierungen (Semantik) beim Übersetzen nicht möglich ist. Den Übersetzer interessieren syntaktische Strukturen vor allem als Träger einer Mitteilung. Das Deutsche gilt als eine Sprache mit einer relativ freien Syntax.1 Die Anordnung der Satzteile im deutschen Hauptsatz ist, etwa im Verhältnis zur englischen Syntax, permissiv: (1) Andreas liebt Petra. / (2) Die Petra liebt Andreas.
Die Hauptsatzstellung im Deutschen sieht freilich eine wichtige Restriktion vor: Das finite Verb steht immer an zweiter Stelle. Das bedeutet aber nicht, dass der prädikative Teil des Verbs immer das jeweils zweite Wort im Satz bildet. Theoretisch kann vor dem Finitum eine unbegrenzte Anzahl von Wörtern stehen. Praktisch aber wird diese Anzahl durch die Forderung nach Verständlichkeit des Satzes und durch die Grenzen des Kurzzeitgedächtnisses von Sprachbenutzern eingeschränkt. Eine weitere Restriktion für diesen Teil des Satzes ist syntaktischer Natur: Diejenigen Wörter, die vor dem finiten Verb stehen, dürfen zusammen nicht mehr als ein Satzglied bilden.
Das Deutsche lässt sogar zu, dass ein Satzteil auch durch ganze Sätze repräsentiert sein kann:
| (3) Er | singt | ein schönes Lied. |
| (4) Nett | waren | Sie damals nicht. |
| (5) Vor einem Jahrhundert | war | unsere Umwelt viel sauberer. |
| (6) Ein Wald von prächtigen Buchen | konnte | in der Ferne gesehen werden. |
| (7) Meiner Tante, die ich so nett finde, | schicke | ich heute ein Geschenk. |
| (8) Wenn der Frühling kommt, | herrscht | eine gute Stimmung. |
Die angeführten Beispiele zeigen, dass die Erstposition (vor dem Prädikat) im Deutschen von verschiedenen Satzgliedern eingenommen werden kann: ein Subjekt (3), ein Prädikativum (4), eine Adverbialbestimmung (5), ein Objekt (6). Die Reihenfolge Subjekt-Prädikat ist also im Deutschen keineswegs die natürliche oder üblichste Stellung. In vielen anderen Sprachen (darunter auch im Englischen oder im Französischen) ist die Subjekt-Prädikat-Folge dagegen durch die grammatische Funktion der Elemente verbindlich festgelegt (S – P – O).
Die Wortstellungsfreiheit ergibt auch innerhalb eines Satzes eine große Variation der möglichen Abfolge der Satzglieder. Doch auch wenn deren Stellung auf formalem Niveau sehr frei ist, sind sie doch inhaltlich gesehen nicht völlig beliebig. Die Veränderung ihrer Stellung im Satz führt nämlich jeweils zu einer Verschiebung des Satzakzentes. Das heißt, dass diese Veränderung nicht rein syntaktischer Art ist, denn auch pragmatisch-kommunikative Faktoren der Betonung spielen dabei eine Rolle. Für dieses Phänomen der emphatischen Hervorhebung bestimmter Satzglieder durch ihre Frontstellung im Satz wurde der Begriff der Markiertheit geprägt.2
Es bereitet Schwierigkeiten bei der Übersetzung aus dem Deutschen ins Englische, wenn die deutschen Sätze eine von S-P-O stark abweichende Wortstellung aufweisen, aber der englische Satz trotzdem mit dem Subjekt anfangen muss. Der Übersetzer muss dann darauf achten, dass die Initialstellung bestimmter Satzglieder im Deutschen emotional bedingt ist und versuchen, diese Markierung mit den Mitteln der englischen Sprache zum Ausdruck zu bringen.
Die Besetzung der Erststelle im Satz ist in erster Linie textlinguistisch motiviert, indem dadurch oft auf bereits Erwähntes im Text verwiesen wird. Im Deutschen kann diese Erststelle im Satz grundsätzlich durch jedes Satzglied besetzt werden, während die Besetzung der Erststelle im zusammengesetzten Satz durch Satzglieder des untergeordneten Satzes, „Satzverschränkung“ genannt, recht unüblich ist. Sie hat jedoch in anderen Sprachen einen größeren Stellenwert, was zu Übersetzungsschwierigkeiten führen kann,3Snell-Hornby vgl. KVAM 1998:54:
| en. | The issue that I regretted that I had ever discussed,… |
| fr. | Le livre que Jean m’a dit que Paul a écrit, |
| no. | Dette vet jeg ikke om er riktig (‘das weiß ich nicht ob richtig ist’) |
Ein Verschieben wichtiger anaphorischer Elemente im Text würde die thematische Entfaltung in der Übersetzung beeinträchtigen. Dies wird insbesondere mit der „funktionalen Satzperspektive“ untersucht (siehe weiter unten).
7.3 GliederungssignaleGliederungssignale in Texten (Gülich/Raible)
Die syntagmatische Substitution über größere Textsegmente hinweg (s. Kap. 7.1) führt uns zur makrostrukturellen TextanalyseTextanalyse. GÜLICH/RAIBLE (1977) verweisen auf textinterne Aspekte:
Nach dieser Konzeption würde ein Text bzw. ein TextganzesTextganzes aus Teilganzen (im Sinne der Gestalttheorie) bestehen, die als Sinneinheiten eine Funktion im Textganzen haben. (…) Textsorten wären dadurch zu charakterisieren, daß man die Art, die Abfolge und die Verknüpfung ihrer Teiltexte beschreibt (1977:53).
Wenn sich Texte nach Art und Verknüpfung ihrer Teiltexte beschreiben lassen, dann handelt es sich hier um textsyntaktische Invarianten, die vielleicht bestimmte Textsorten kennzeichnen. Die Strukturierung von Teiltexten geschieht mit Sprachelementen, welche die Makrostruktur eines Gesamttextes gliedern und direkt auf der Textebene nachweisbar sind. So meinen GÜLICH/RAIBLE, „daß es analog zu den hierarchisch gegliederten Teiltexten eine Hierarchie sog. Gliederungsmerkmale geben müßte, mit deren Hilfe sich die Teiltexte (formal) gegenseitig abgrenzen“ (1977:54). Das Erkennen von textsortenspezifischen Invarianten und Gliederungssignalen im Text macht solche Texte durchsichtiger und verständlicher.1 Für das ÜbersetzenÜbersetzen interessant sind kontrastive Vergleiche von textsortentypischen Abschnittanfängen und syntaktischen Konnektoren, die in den Einzelsprachen verschieden sind.
Bei der TextsorteTextsorte „Urteil“ ist die Gliederung meistens standardisiert und daher ein wesentliches Erkennungsmerkmal für den ÜbersetzerÜbersetzer:
| amerikanisches Urteil | franz./span. Urteil |
| 1. Urteilseingang | 1. Urteilseingang |
| 2. Verfahrensablauf | 2. Tatbestand |
| 3. Text Zwischenurteil | 3. Rechtsverweise mit Entscheidungsgründen |
| 4. Urteilsformel (oft formularisch) | 4. Urteilsformel |
| deutsches Urteil | italienisches Urteil |
| 1. Urteilseingang | 1. Urteilseingang |
| 2. Urteilsformel | 2. Schlussanträge |
| 3. Tatbestand | 3. Verfahrensablauf (Instruktionsverfahren) |
| 4. Entscheidungsgründe | 5. Urteilsformel |
Diese historisch gewachsenen Unterschiede spiegeln den Verfahrensablauf und die Argumentationsstruktur wider. Während im deutschen Urteil Tatbestand und Entscheidungsgründe als Begründung dem Tenor folgen, erscheint in den romanischen Urteilen die Entscheidung als Folge aus den Entscheidungsgründen.
Ein zentrales Interesse der TextlinguistikTextlinguistik besteht eben darin, die Beobachtung verschiedenartiger Textstrukturen für die linguistische Abgrenzung von Textsorten fruchtbar zu machen. Aus der generellen Situationsgebundenheit von Texten resultiert dabei das Ziel der Textlinguistik, situationsspezifische Texterzeugungsmodelle zu erstellen. Demgegenüber strebt die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft eine Texttypologie an, um daraus bestimmte Übersetzungsprinzipien ableiten zu können. Es ist ja eine Erfahrungstatsache, dass verschiedene Textsorten im ÜbersetzungsprozessÜbersetzungsprozess unterschiedlich behandelt werden. Die Textbestimmung geht hier vom Einzeltext aus und ordnet diesen aufgrund seiner Merkmale einer bestimmten TextsorteTextsorte zu. Es mag an der Unterschiedlichkeit des Forschungsinteresses gelegen haben, dass beide Disziplinen lange Zeit relativ unabhängig voneinander gearbeitet haben. Erst später gab es Versuche, Ergebnisse des jeweils anderen Forschungszweigs zu berücksichtigen.
7.4 Übersetzungsorientierte Texttypologie (ReißReiß)
Besondere Resonanz in der übersetzungswissenschaftlichen LiteraturLiteratur hat die übersetzungsorientierte Texttypologie bei Katharina REISSReiß gefunden. Der Grundgedanke ist dabei, dass die Struktur des Textes die Übersetzung beeinflusst. REISS bewegt sich in ihrer Darstellung nicht mehr nur auf der syntaktisch-semantischen Ebene von Sätzen, sondern betrachtet Texte als größere Einheiten und liefert eine der Textsortenklassifikation vorgeschaltete, abstraktere DifferenzierungDifferenzierung von Texten. Bezugnehmend auf die drei kommunikativen Zeichenfunktionen des BÜHLERSCHEN Organon-Modells der SpracheSprache (s. Kap. 3.2) – BezeichnungBezeichnung, AusdruckAusdruck, Appell – definiert REISS (1971:31ff) zunächst drei Texttypen: den „inhaltsbetonten“, den „formbetonten“ und den „appellbetonten“ TexttypTexttyp, die jeweils einen Einzeltext charakterisieren:
Nun brauchen diese drei Funktionen nicht in jeder sprachlichen ÄußerungÄußerungs. Rede, parole qualitativ gleichrangig zu sein. In dem einen Text (oder Textabschnitt) mag die Darstellung überwiegen, der andere lebt von der Ausdrucksfunktion, wieder ein anderer ist vom Wesen her Appell an den Hörer oder LeserLesers. Empfänger. Selbstverständlich wird nicht immer ein ganzer Text ausschließlich nur eine der Funktionen der SpracheSprache widerspiegeln.
In der PraxisPraxis gibt es zahllose Überschneidungen und Mischformen. Doch läßt sich je nach dem Übergewicht der einen oder anderen Funktion der Sprache in einem gegebenen Text bereits eine Unterscheidung von drei Grundtypen rechtfertigen (1971:32).
Dann sind also unter „inhaltsbetonten Texten“ solche zu verstehen, die das Hauptgewicht auf die Vermittlung von Inhalten, von Informationen legen, während bei den „formbetonten Texten“ die sprachliche FormForm der natürlich auch vorhandenen Inhaltsvermittlung die dominierende Komponente bildet. Bei den „appellbetonten Texten“ ist ein Hauptmerkmal die Erzielung außersprachlicher Effekte. So ergibt sich folgendes SchemaSchema der Zuordnung bei REISSReiß (1971:33):

Als vierter TexttypTexttyp kommt dann noch der „audiomediale Text“ hinzu, dessen Kennzeichen das „Angewiesensein auf außersprachliche (technische) Medien und nichtsprachliche Ausdrucksformen graphischer, akustischer und optischer Art“ ist (REISSReiß 1971:49).
Später verschiebt sich ihre PerspektivePerspektive von BÜHLERS Sprachfunktion zur TextfunktionTextfunktion hin, und REISSReiß arbeitet (1976) dann mit Hilfe empirischer, linguistischer und kommunikationstheoretischer Argumente ihre Texttypologie noch differenzierter aus, wobei den drei Grundtypen jeweils verschiedene Textsorten zugeteilt werden. Die weiter oben genannten, von der TextlinguistikTextlinguistik entwickelten Beschreibungskriterien (s. Kap. 7.1) werden dabei aber nicht verwendet. Stattdessen wird stärker auf die Rolle des Autors und seine IntentionIntention abgehoben. Schon NIDA/TABER (1969) haben eine informative, expressive und imperative Funktion von Texten gesehen (s. Kap. 6.2). Bei einer Einteilung von Textvorkommen nach dieser Typologie ergibt sich etwa folgendes Bild (vgl. REISS 1976:19), wobei Überschneidungen nicht ausgeschlossen werden:
1 Informativer TexttypTexttyp (sachorientiert): Textsorten Bericht, Aufsatz, Urkunde, Gebrauchsanweisung, Kommentar, Sachbuch;
2 Expressiver TexttypTexttyp (senderorientiert): Textsorten Roman, Novelle, Lyrik, Schauspiel, Komödie, Lehrgedicht, Biographie;
3 Operativer TexttypTexttyp (verhaltensorientiert): Textsorten Predigt, Propaganda, Reklame, Demagogie, Pamphlet, Satire, Tendenzroman, Kommentar usw.
REISSReiß vertritt nun die Meinung, dass der TexttypTexttyp infolge seines je spezifischen Charakters über die zu wählende ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode entscheide. Dabei soll die TextfunktionTextfunktion erhalten bleiben:
Aufgrund der ErkenntnisErkenntnis, daß in der Regel informative Texte in der Absicht übersetzt werden, die textimmanente InformationInformation an einen weiteren, zielsprachlichen Empfängerkreis zu vermitteln, expressive Texte in der Absicht, ein Sprach- oder Dichtkunstwerk auch zielsprachlichen Lesern zugänglich zu machen und operative Texte in der Absicht, gleichwertige Verhaltensimpulse bei zielsprachlichen Textempfängern auszulösen, werden also grundsätzlich TextfunktionTextfunktion und Übersetzungsfunktion gleichgesetzt (1976:23).
Die gewonnene „übersetzungsrelevante Texttypologie“ wird so erklärt:
1) Das Kennzeichen des informativen Texttyps ist seine Sachorientiertheit, das Ziel der Übersetzung muss Invarianz auf der Inhaltsebene sein, die Übersetzung ist „schlicht-prosaisch“.
2) Das Kennzeichen des expressiven Texttyps ist seine Senderorientiertheit, Übersetzungsziel ist die Analogie der künstlerischen Gestaltung, die ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode ist „identifizierend“.
3) Das Kennzeichen des operativen Texttyps ist seine Verhaltensorientiertheit. Angestrebt wird die Identität des textimmanenten Appells mit einer „adaptierenden“ Übersetzungsmethode.
Es ergeben sich drei verschiedene Übersetzungsmethoden, die schematisch dargestellt werden (REISSReiß 1976:20):
| TexttypTexttyp | TextfunktionTextfunktion | Kennzeichen | ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung-Maßstab | Übersetzungs-Methode (Primärfunktion) |
| 1. informativ | Vermittlung von InformationInformation | sachorientiert | Invarianz auf der Inhaltsebene | sachgerecht (= „schlicht-prosaisch“) |
| 2. expressiv | künstlerische Aussage | senderorientiert | Analogie der künstlerischen Gestaltung | autorgerecht (= „identifizierend“) |
| 3. operativ | Auslösung von Verhaltensimpulsen | verhaltensorientiert | Identität des textimmanenten Appells | appellgerecht (= „parodistisch“ später: „adaptierend“) |
| 4. audio-medial | (1–3) | (1–3) | (1–3) | medien- bzw. verbundgerecht (= „suppletorisch“) |
Da die Texttypen zunächst funktionalfunktional und nicht linguistisch definiert sind, führt REISSReiß (1976:38–55) zur Beschreibung des „operativen Texttyps“ nun eine reiche Fülle appellwirksamer Sprachelemente aus Werbe-, Propaganda- und missionarischen Texten an, „um festzustellen, wie die ‘funktionsgemäßen’ und ‘funktionsgerechten’ Zeichenmengen aussehen, die den operativen Text konstituieren“ (1976:35).1SpracheHouse
Die Dominanz des Empfängerbezugs beim appellbetonten Text und im operativen TexttypTexttyp bewirkt, dass der ÜbersetzerÜbersetzer sich fragen muss, „ob dieselben sprachlichen Mittel in der ZS ihre Appellwirksamkeit behalten (…). Er kann nur prüfen, ob die textkonstituierenden und textspezifischen Merkmale des Textes bei einer bloßen Substitution der sprachlichen Elemente erhalten bleiben, oder ob andere Übersetzungsoperationen vorgenommen werden müssen“ (1976:91f).
Bei der Übersetzung operativer Texte bestimmen also die Techniken der ModulationModulation und der AdaptationAdaptation von einzelnen Übersetzungseinheiten primär die ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode; und dies immer im Dienste der Erhaltung nicht in erster Linie der InformationInformation oder des expressiven Wertes, sondern im Dienste der Bewahrung des textimmanenten und sprachlich gestalteten Appells. Ohne Operationen dieser Art ist die Appellfunktion nicht zu erhalten (REISSReiß 1976:101) (Unsere Hervorhebung).
Da sich als ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode im Wesentlichen das ergibt, was die sprachenpaarbezogene ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft auch an anderer Stelle beschrieben hat, bleibt der übersetzungstheoretische Ertrag dieses Modells begrenzt. Doch auch wenn sich aus dieser Texttypologie nicht unbedingt direkte Anweisungen zum ÜbersetzenÜbersetzen ergeben, so ist sie ein geeignetes Instrument, um die Grundtendenz von Texten auf einfache Weise zu bezeichnen.
Ursprünglich war die REISSSCHE Texttypologie zum Zweck einer Definition von „Möglichkeiten und Grenzen der ÜbersetzungskritikÜbersetzungskritik“ (1971) entwickelt worden. Der Übersetzungskritiker soll sein Urteil nicht willkürlich nach persönlichem Geschmack, sondern anhand des betreffenden Texttyps fundieren. Hernach kann er es noch mit einer „sprachlichen Kategorie“ (innersprachliche Instruktionen) und einer „pragmatischen Kategorie“ (außersprachliche Determinanten) erhärten. REISSReiß äußert sich zur Übersetzung von Redensarten. Sie meint, dass es bei „inhaltsbetonten Texten“
durchaus legitim ist, zum Beispiel Redensarten, Sprichwörter und Metaphern entweder inhaltlich-begrifflich oder mit analogen Sprachfiguren der ZielspracheZielspraches. ZS wiederzugeben, (doch) gilt es bei formbetonten Texten, die in der AusgangsspracheAusgangsspraches. AS übliche Redensart (bzw. das Sprichwort) in wörtlicher Übertragung und nur, wenn es dann unverständlich und befremdend wirken würde, mit einer in der ZielspracheZielspraches. ZS üblichen Redensart (Sprichwort) wiederzugeben, die in der AusgangsspracheAusgangsspraches. AS sprachübliche MetapherMetapher ebenso zu behandeln und eine vom AutorAutors. Sender selbst geschaffene Metapher wortwörtlich zu übersetzen. Wird also zum Beispiel in einem englischen Text die Redensart ‘a storm in a teacup’ verwendet, dann darf – sofern es sich um einen inhaltsbetonten Text handelt – eine rein begriffliche Übersetzung, etwa ‘zuviel Aufhebens – unnötige Aufregung’ etc. als adäquat gelten. In einem formbetonten Text dagegen wäre als Äquivalent unbedingt ebenfalls – eine gleichermaßen übliche – Redensart, ‘ein Sturm im Wasserglas’, zu fordern. In einem appellbetonten Text könnte – je nach KontextKontext – vielleicht sogar die Wendung ‘künstliche Aufregung’ als Übersetzung angebracht sein, da das ‘künstlich’ stark affektiv wirkt (REISS 1971:43f). (Hervorhebungen von uns.)
Gegen diese Systematisierung wurde eingewendet, die Übertragung mit einer zielsprachlichen Redensart sei in jedem Text, gleich welchen Texttyps, angebracht, weil sonst „die unnötige Erzeugung eines Ungleichgewichts zwischen OriginalOriginals. Ausgangstext und Übersetzung im stilistischen Bereich“ entstehen würde (SEGUÍ)2Reiß. Dies ist wohl richtig, doch ist auch zu bedenken, dass mit jenen Anweisungen eigentlich die ÜbersetzungskritikÜbersetzungskritik gemeint war, die zu wohlwollenden begründeten Urteilen finden sollte. So ist REISSReiß’ übersetzungsrelevante Texttypologie nicht präskriptiv als Anweisung zum ÜbersetzenÜbersetzen zu verstehen, sondern vielmehr als deskriptiv im Sinne einer Beschreibung der möglichen übersetzerischen Reaktion auf Texte.
Von vielen Seiten wurde in sehr lebhafter Diskussion an dem Modell von REISSReiß vor allem kritisiert, dass Texte in der Realität nicht immer eine so deutlich ausgeprägte Primärfunktion aufweisen, wie dies mit den drei Texttypen suggeriert wird.3NidaÜbersetzer Im Bereich der „innersprachlichen Instruktionen“ wird teilweise Ähnliches diskutiert wie früher schon in der Stylistique comparée, auf die REISS selbst ja auch immer wieder ausdrücklich Bezug nimmt. Jedoch wurde damit insgesamt ein wesentlicher Beitrag zur sprachenpaarbezogenen Übersetzungsdidaktik im Deutschen geleistet. In dem Hinweis auf die außersprachlichen Determinanten werden kulturelle Unterschiede nicht explizit genannt, doch ist manches angelegt, was erst viel später fruchtbar weiterentwickelt wurde.
7.5 Übersetzungsrelevante Textgattungen (KollerKoller)
In der 4. Auflage seiner „Einführung“ unterscheidet Werner KOLLERKoller (1992:272ff) „übersetzungsrelevante Textgattungen“.1TextgattungKollerReiß Im Gegensatz zur oben dargestellten Texttypologie von REISSReiß und im Unterschied zu JUMPELTJumpelt (vgl. Kap. 5.2) plädiert er dafür, „die zwei Haupt-Textkategorien Fiktivtexte und Sachtexte anzusetzen. (…) Es handelt sich dabei um eine idealtypische Unterscheidung, und jede der Hauptgattungen könnte unter Anwendung weiterer Kriterien kommunikativer, linguistischer und literarisch-ästhetischer Art weiter untergliedert werden“ (1992:272).
KOLLERKoller geht davon aus, dass zwischen Fiktivtexten und Sachtexten nicht nur graduelle, sondern „qualitative“ Unterschiede bestehen, und er begründet dies im Sinne der Rezeptionsästhetik mit der Erwartungshaltung des Lesers, aus der sich für den ÜbersetzerÜbersetzer bestimmte „Forderungen hinsichtlich der Übersetzungsäquivalenz“ (1992:274) ergeben. Während als „fiktive Texte“ vor allem die literarischen Texte angesehen werden, unterscheidet KOLLER drei Kategorien von Sachtexten:
1 Sachtexte, die überwiegend allgemeinsprachlichen Charakter haben und die primär der nicht-fachlichen KommunikationKommunikation dienen (d.h. Gebrauchstexte verschiedenster Art);
2 Sachtexte, die allgemeinsprachlichen und fachsprachlichen Charakter haben und die der fachlichen KommunikationKommunikation mit und unter Nicht-Fachleuten, zum Teil aber auch mit und unter Fachleuten dienen (Beispiel: populärwissenschaftliche Schriften, Einführungswerke in Fachgebiete) (= Fachtexte im weiteren Sinne);
3 Sachtexte, die spezifisch fachsprachlichen Charakter haben und die der KommunikationKommunikation unter Fachleuten und Spezialisten dienen (Beispiel: wissenschaftlich-technische Fachliteratur) (= Fachtexte im engeren Sinne)2Koller (1992:274f).
Die Unterschiede zwischen den Texten werden mittels vier Kriterien erläutert:
1. Das Kriterium der sozialen Sanktion bzw. der praktischen Folgen besagt, dass eine Textveränderung in der literarischen Übersetzung für den LeserLesers. Empfänger keine konkreten lebenspraktischen Folgen hat (auch wenn dies „höchst ärgerlich“ ist) (1992:275). Anders bei den Sachtexten: Hier haben „Teilnahme bzw. Nicht-Teilnahme an der Sachkommunikation, richtiges, ungenaues oder falsches VerstehenVerstehen soziale Folgen. Dabei kann es sich auch um praktische Folgen handeln, wenn wir beispielsweise an Bedienungsanleitungen denken“ (ebd.:276); KOLLERKoller belegt dies mit drei Beispielen.
2. Das Kriterium der FiktionalitätFiktionalität bezieht sich auf die künstliche Wirklichkeit in diesen Texten: „Aber diesen vom literarischen Text hergestellten Wirklichkeiten steht der LeserLesers. Empfänger auf andere Weise gegenüber als den Inhalten von Sachtexten, (…) Der Sachtextübersetzer, der eine ‚Diskrepanz zwischen Text und Realität’ feststellt, fühlt sich im allgemeinen verpflichtet, den Text zu korrigieren“ (1992:278f). Beim literarischen Text dagegen gelten solche Abweichungen als gewollt und werden nicht korrigiert. Solches würde nämlich „eine den LeserLesers. Empfänger bevormundende ‘Verbesserung’ des Originaltextes“ bedeuten (ebd.:279). Während bei Sachtexten die denotative ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung oberstes Gewicht hat, steht bei literarischen Texten die konnotative ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung im Vordergrund. Vgl. dazu die „Formbetontheit“ literarischer Texte als „Träger des künstlerischen Gestaltungswillens“ nach REISSReiß (1971:38).
3. Das Kriterium der ÄsthetizitätÄsthetizität besagt, dass literarische Texte unter ästhetischem AspektAspekt rezipiert werden, und daher Abweichungen von sprachlich-stilistischen Formen als Stilmittel gelten. Für den ÜbersetzerÜbersetzer ergibt sich dadurch die Notwendigkeit, solche „Sprachexperimente nachzuvollziehen“ (1992:281) – man denke etwa an James Joyces „Ulysses“. Zur Ästhetizität ist auch die latente Vieldeutigkeit literarischer Texte zu rechnen. In einem SachtextSachtext dagegen wird abweichender SprachgebrauchSprachgebrauch kaum mit dem Hinweis auf dessen Ästhetizität „entschuldigt“. Fehler wirken hier vielmehr peinlich und unfreiwillig komisch. So soll der Übersetzer bei Sachtexten „nur die usuell für die betreffende Textkategorie gültigen Ausdrucksmöglichkeiten ausnutzen. Für die Sachtextübersetzung gilt die Forderung nach sprachlich-stilistischer AdäquatheitAdäquatheit“ (ebd.:286). Besonders wichtig ist hier neben grammatischer Korrektheit auch die eindeutige und klare Ausdrucksweise, so dass ggf. Verbesserungen am OriginalOriginals. Ausgangstext erforderlich sind.
4. Intralinguistische, soziokulturelle und intertextuelle Bedeutungen als viertes Kriterium bewirken nur einen „graduellen“ Unterschied zwischen Fiktiv- und Sachtexten: Intralinguistische Bedeutungen ergeben sich z.B. als sprachliche Assoziationen „auf Grund phonetischer, graphematischer, morphologischer und lexikalischer Ähnlichkeiten“ (ebd.:287). Dies wirkt sich „bei der Übersetzung dahingehend aus, daß die Wahrung poetischer Eigenschaften häufig nur unter Veränderung des Denotats möglich ist“ (ebd.:288). Soziokulturelle Bedeutungen sind kulturspezifisch und im Text implizit mitgemeint. „Die Vermittlung von solchen soziokulturellen Bedeutungen ist – wenn überhaupt – oft nur in der FormForm von Kommentaren möglich“ (ebd.:290). „Intertextuelle Bedeutungen, die einen literarischen Text einbetten in der literarischen Textwelt, ergeben sich durch unterschiedliche Techniken des (impliziten oder expliziten) inhaltlichen und formalen Anspielen auf andere (eigene oder fremde) Texte und Autoren“ (ebd.:291). Auch hier ist eine Übersetzung oft kaum möglich.
Insgesamt erscheinen KOLLERS Ausführungen etwas zu kursorisch, um mehr zu sein als eine Erklärung zu den jeweils kurzen Beispieltexten. Bewusst gibt KOLLERKoller kaum konkrete Hilfestellung für den ÜbersetzerÜbersetzer:
Grundsätzlich ist anzumerken, daß sich über die Legitimität kommentierender ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren a priori überhaupt nichts sagen läßt – wie sich denn die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft überhaupt hüten sollte, Anweisungen für die PraxisPraxis zu formulieren. Als empirische Wissenschaft sollte sie vielmehr die angewendeten Verfahren, ihre Funktionen, ihr Vorkommen und quantitative Verteilung in verschiedenen Textsorten, ausgehend von konkreten Übersetzungsfällen beschreiben (1992:271).
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