Kitabı oxu: «Flucht durch Schwaben»

Şrift:

Rafael Wagner

Flucht durch Schwaben

Historischer Roman


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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Verwendung der Kartenvorlage mit freundlicher Genehmigung durch den Schweizer Weltatlas

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Bilder von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fibule_polylobée_2.jpg und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hans_Holbein_the_Younger_-_The_Ambassadors_-_Google_Art_Project.jpg

ISBN 978-3-8392-6888-9

Widmung

Für Tina

Westliches Herzogtum Schwaben


Östliches Herzogtum Schwaben


Glossar

Albgau: Das frühmittelalterliche Allgäu gehörte zu den besser besiedelten Regionen des Herzogtums Schwaben an der Grenze zu Bayern.

Alemannia: Die Bezeichnung Alemannien bezeichnet sowohl die Region des erweiterten Bodenseeraums als auch das alte Herzogtum der Alemannen, das in den Jahrhunderten nach dem Abzug der römischen Truppen entstanden ist. Es wurde von weiterhin dort lebenden Romanen und neu zuwandernden germanischen Alemannen gleichermaßen in meist friedlicher Koexistenz besiedelt.

Alsaza: Das Elsass – dazu gehören der Nord- und der Suntgau – war im frühen Mittelalter offiziell Teil des Herzogtums Schwaben. Aus mangelndem Zugehörigkeitsgefühl verweigerten die Elsässer aber nicht selten die schwäbische Heeresfolge, so auch im Jahr 926.

Alpes: Die Alpen waren seit jeher eine natürliche Barriere und Grenze. Wer die Königskrone von Italien erlangen wollte, hatte erst die gefährlichen Bergpässe zu überwinden und musste sich mit den lokalen Herrschern gut stellen, um beispielsweise an Vorräte, Bergführer und zusätzliches Equipment für den Warentransport zu kommen.

Ara: Die Aare gehört zu den größten Flüssen der heutigen Schweiz und war bereits in Antike und Mittelalter eine wichtige Lebensader Hochburgunds. Als Zufluss des Rheins war sie seit jeher prädestiniert für den Waren- und Personentransport zwischen dem Alpenvorland und Schwaben. Die Aare war namensgebend für den bedeutenden frühmittelalterlichen Aargau.

Arbona: Das römische Militärkastell Arbor Felix am südlichen Bodenseeufer verblieb nach dem Abzug der römischen Soldaten wie viele andere provinzialrömische Siedlungen und Kastelle in Alemannien mehrheitlich romanisch geprägt. So wurden die hohen Amtsträger in Arbon – wie das Kastell schließlich vereinfacht genannt wurde – in den mittelalterlichen Quellen weiterhin mit den alten römischen Militärtiteln bezeichnet.

Augia: Das Kloster Augia (Monasterium Augiensis) auf der Bodenseeinsel Reichenau wurde im Jahr 724 vom heiligen Pirmin gegründet und gehörte in Konkurrenz zur Abtei Sankt Gallen zu den größten karolingischen Reichsabteien.

Augusta: Die schwäbische Bischofsstadt Augsburg wies sämtliche Angriffe der feindlichen Ungarn erfolgreich ab.

Baiuvaria: Bayern war im frühen Mittelalter ein mächtiges Stammesherzogtum, das sich ebenso wie Alemannien/Schwaben mehrfach dem fränkischen Einfluss zu widersetzen wagte. Kein anderes ostfränkisches Herzogtum litt mehr unter den Einfällen der Ungarn.

Basala: Basel stand in römischer Zeit stark im Schatten der Colonia Augusta Raurica, wuchs im frühen Mittelalter aber immer mehr zu einem Zentralort zwischen Alemannien, Elsass und Burgund heran und wurde schließlich Sitz eines Bischofs.

Bodamansee: Der Bodensee wurde in römischer Zeit hauptsächlich als »Bregenzersee« bezeichnet, benannt nach dem damaligen Zentrum Bregenz (Kastell und Flottenstützpunkt). Als sich das Zentrum zunehmend zum Bischofssitz Konstanz (»Konstanzersee«) und der Königspfalz Bodman (»Bodensee«) verlagerte, änderte sich auch die Bezeichnung dieses schwäbisch-alemannischen Identifikationsgewässers.

Brezalauspurc: Der dauernden ungarischen Angriffe überdrüssig, zwang ein Großaufgebot schwäbischer und bayerischer Aristokraten und Krieger diese bei Pressburg, dem heutigen Bratislava, im Jahr 907 zu einer Entscheidungsschlacht. Die ostfränkischen Truppen unterlagen jedoch klar, unzählige Grafen und Krieger fielen, und die ganze Ostmark sowie Teile Karantaniens (Kärnten) ging verloren.

Burg des heiligen Gallus: Die Flur Waldburg bei Häggenschwil im Kanton Sankt Gallen (CH) ist der vermutliche Standort einer sogenannten Ungarnburg des Sankt Gallener Abtes aus dem Jahr 926.

Burgundia: Das Königreich Hochburgund war der Teil Burgunds nördlich der Alpen, während Niederburgund die südlichen Teile umfasste. Insbesondere König Rudolf II. hatte vermehrt eine Machterweiterung auf Kosten von Alemannien versucht, was erst durch die Entstehung des angrenzenden ostfränkischen Herzogtums Schwaben und dem vehementen Einschreiten seines Herzogs Burchard in der Schlacht bei Winterthur 917 unterbunden werden konnte. Durch die Verheiratung von Burchards Tochter Berta mit Rudolf II. gelang nach 922 erstmals eine friedliche, wenn auch unsichere, Nachbarschaft.

Cervisa: Bier gehörte aufgrund der nicht immer keimfreien Wasserqualität zu den Hauptgetränken des Mittelalters. Sehr viel weniger alkoholisch als heutiges Bier, wurde es auch von Kindern getrunken. Aufgrund der Herstellungsprozesse und verwendeten Ressourcen stand es meist im Zusammenhang mit der Brotherstellung. Beides war im Mittelalter Frauensache.

Chanstada: Das heutige Bad Cannstatt (Stuttgart) war im Jahr 746 Schauplatz einer Massenhinrichtung der alemannischen Aristokratie durch den fränkischen Hausmeier Karlmann (Blutgericht von Cannstatt), wodurch das alte Stammesherzogtum Alemannien verschwand und diese Region von nun an durch fränkische Grafen verwaltet wurde.

Constantia: Konstanz war durch seine besondere Lage mindestens seit römischer Zeit ein zentraler politischer und ökonomischer Ort im Bodenseeraum. Als Sitz eines Bischofs wurde es im Laufe des Mittelalters zum Zentrum eines der größten und mächtigsten Bistümer des Ostfrankenreichs.

Francia: Das nördlich von Schwaben gelegene Franken gehörte als fränkisch verwaltete Region – ohne Herzog, allerdings in Grafschaften unterteilt – zum Ostfrankenreich.

Francen: Die Franken hatten sich besonders unter Karl dem Großen ein Reich geschaffen, das seinesgleichen suchte. Ihre Könige und Kaiser sahen sich in der Pflicht der Fortführung des alten Römischen Reiches und weiteten ihre Macht innert kurzer Zeit über das heutige Frankreich, Deutschland und Italien aus. Im Vertrag von Verdun 843 kam es zu einer Teilung des Reiches, an deren Ende sich die Wege des Ost- und Westfrankenreiches sowie Burgunds und Italiens in unterschiedliche Richtungen entwickelten.

Frichgau: Der Frickgau ist eine vergleichsweise kleine politische Landschaft am Rhein östlich des Sisgaus und des Augstgaus. Laut der Chronik von Ekkehart IV. führte ein Hirminger aus dem Frickgau eine Gruppe lokaler Kämpfer in den Kampf gegen die Ungarn.

Galluskloster: Das Kloster Sankt Gallen wurde im Jahr 719/720 durch den heiligen Otmar an der Stelle der einstigen Mönchszelle des heiligen Gallus (um 612) gegründet und gehörte zu den mächtigsten ostfränkischen Reichsklöstern. Durch Sorgfalt, eine einzigartige Archivordnung und eine Menge Glück ist vom ursprünglichen originalen Schriftgut dieser Abtei mehr erhalten geblieben als in jedem anderen Kloster. Das Weltkulturerbe Stiftsarchiv Sankt Gallen bewahrt unter anderem über 870 Originalurkunden aus der Zeit vor dem Jahr 1000 auf, was mehr als zwei Drittel aller weltweit überlieferten Schriftstücke dieser Art für das europäische Mittelalter ausmacht.

Hertun: Herten ist heute Teil der baden-württembergischen Stadt Rheinfelden und gehörte im frühen Mittelalter zu den Besitztümern der Abtei Sankt Gallen im südlichen Breisgau.

Huninga: Nahe der Mündung des Flüsschens Wiese in den Rhein befand sich seit mindestens dem frühen Mittelalter eine kleine Siedlung namens Hüningen. Das heutige Kleinhüningen ist Teil der Schweizer Stadt Basel.

Italia: Durch die Alpen vom Frankenreich abgeschirmt, gehörte das Königreich Italien (Reichsitalien) dennoch meist zu dessen Herrschaftsbereich, ging vereinzelt aber auch eigene Wege.

Laeceboc: Bald’s Leechbook (Balds Arzneibuch) in der British Library in London entstand im frühmittelalterlichen Wessex und enthielt bereits erstaunliches medizinisches Wissen. Darunter befindet sich auch das Rezept einer Salbe, der modernen Tests zufolge tatsächlich eine antibiotische Wirkung nachgesagt werden darf.

Legat: Unter einem Legaten ist im frühen Mittelalter meist ein Gesandter oder ein Bote zu verstehen.

Liubmans Haus: Das heutige Dorf Lömmenschwil im Kanton Sankt Gallen (CH) wird urkundlich bereits im 9. Jahrhundert in den Sankt Gallener Urkunden erwähnt. Hinter dem Namen wird – wie auch sonst häufig anzutreffen – der Gründername (Liubman) mit dem Siedlungszusatz »-wil« vermutet. In diesem Fall wird in einer Urkunde aus dem Jahr 854 gar wörtlich vom »domus Liubmanni«, dem Haus des Liubman, gesprochen.

Loufanperc: Das am Rhein gelegene Laufenburg im Kanton Aargau (CH) war im frühen Mittelalter ein bedeutender Zentralort des Klosters Säckingen.

Niuvora: Das Dorf Neunforn im Kanton Thurgau (CH) wird zwar erst im Jahr 962 urkundlich erwähnt, existierte aber mit Sicherheit schon Jahrzehnte länger.

Ouges: Kaiseraugst, nordöstlich der römischen Koloniestadt Augusta Raurica, hatte als befestigtes Militärkastell die Unruhen der Völkerwanderungszeit ebenso wie Arbon gut überstanden und verblieb mehrheitlich romanisch. Es wurde dank seiner geschützten und ökonomisch vorteilhaften Lage zum Sitz eines Bischofs (später Basel) und Zentrum des Augstgaus.

Ougesgau: Der Augstgau ist die Landschaft rund um den Zentralort Augst (heute Augst und Kaiseraugst) und war des Öfteren Streitpunkt der ostfränkischen und burgundischen Interessen.

Ouwa: Eglisau ist eine Kleinstadt im heutigen Kanton Zürich (CH) am Rhein. In der Antike stand dort ein römischer Wachturm zur Überwachung der Rheingrenze.

Phina: Das Dorf Pfyn im Kanton Thurgau (CH) kann seinen Ursprung auf das römische Militärkastell Ad Fines an der Thur zurückführen. Trotz einer möglichen Fortnutzung der Kastellmauern wird in vorliegender Geschichte von Kastellruinen ausgegangen.

Prisigau: Wie der Thurgau oder die Baar gehörte der Breisgau zu den bedeutendsten politischen Regionen des frühmittelalterlichen Alemanniens und des Herzogtums Schwaben. Er umfasste die Gebiete zwischen Rhein und Schwarzwald sowie zwischen Basel und dem heutigen Freiburg im Breisgau und darüber hinaus.

Puachhorn: Friedrichshafen hieß bis 1811 Buchhorn und gehörte als solches mindestens seit dem 9. Jahrhundert zu den bedeutendsten politischen Zentren im Bodenseeraum. Zudem war Buchhorn ein wichtiger Warenumschlagplatz für den Bodenseehandel.

Pussanwang: Das heutige Dorf Bussnang im Kanton Thurgau (CH) war im Frühmittelalter ein wichtiger Ort der Abtei Sankt Gallen. Wie die Funde von Brückenpfeilern nahelegen, wurde Bussnang bereits in der römischen Antike zur Überquerung des Flusses Thur genutzt. Für das Mittelalter lässt sich der Betrieb einer Fähre vermuten.

Rîn: Der Rhein war zusammen mit der Donau eine der Lebensadern Alemanniens und wird bis heute für den Waren- und Personentransport sowie als Grenzfluss genutzt.

Rînfeldun: Das aargauische Rheinfelden südlich des Rheins ist eng mit dem badischen Rheinfelden gegenüber verknüpft. Neben den heute zur Stadt Rheinfelden (Baden) gehörigen Siedlungen Herten, Nollingen, Warmbach und anderen Höfen wurden die »Felder am Rhein« bereits im 8. und 9. Jahrhundert erwähnt.

Sax: Neben dem Langschwert war unter der vermögenderen Kriegerschaft meist eher ein als »Sax« bezeichnetes Kurzschwert im Einsatz. Dieses war einschneidig und konnte vom einfachen Dolch bis zur Länge einer Spatha verschiedene Zwecke erfüllen.

Seckinga: Das durch den heiligen Fridolin vermutlich um das Jahr 522 gegründete Kloster Säckingen befand sich im frühen Mittelalter auf einer Rheininsel. Lange Zeit wurde Säckingen als Doppelkloster (Herrenkloster und Damenstift) geführt, bis vermutlich im 10. Jahrhundert ein reines Damenstift dort verblieb. Die Gründe hierfür sind unklar. Das heutige Bad Säckingen ist Teil des baden-württembergischen Landkreises Waldshut.

Sisigau: Der frühmittelalterliche Sisgau, westlich des Frickgaus, wird häufig als Teil des Augstgaus gesehen und ist geografisch im Raum Sissach (Kanton Basel-Landschaft) zu verorten. Als Durchmarschgebiet der Ungarn dürfte diese Gegend ebenfalls stark verwüstet worden sein.

Sisla: An der Sissle, einem Flüsschen, das beim aargauischen Sisseln in den Rhein mündet, soll im Mündungsgebiet – dem Sisselfeld – eine aufreibende Schlacht zwischen lokalen Kämpfern unter Hirminger und ungarischen Kriegern stattgefunden haben.

Sitteruna: Der kleine Fluss Sitter durchfließt, aus dem Appenzellerland (CH) kommend, vier heutige Schweizer Kantone und einen wichtigen Teil der frühmittelalterlichen Kernbesitztümer der Abtei Sankt Gallen. Die Sitter mündet beim thurgauischen Bischofszell (CH) in die Thur.

Spatha: Die Krönung der frühmittelalterlichen Bewaffnung stellte das doppelschneidige Langschwert, die Spatha, dar. Als Standessymbol wurde es an wichtigen Versammlungen getragen. Seine volle Kraft konnte diese schwere Waffe vom Rücken eines Pferdes entfalten. Der Umgang setzte einiges an Training voraus.

Steinaun: Das am südlichen Bodenseeufer gelegene Dorf Steinach im heutigen Kanton Sankt Gallen (CH) liegt nur etwa einen Kilometer von Arbon entfernt. Seit der Mitte des 8. Jahrhunderts taucht Steinach in der Überlieferung des Klosters Sankt Gallen auf, dessen wichtigster Bodenseehafen die Anlegestelle in Steinach war.

Suntgau: Als südlicher Teil des frühmittelalterlichen Elsass gehörte der Sundgau ebenfalls zum Herzogtum Schwaben, verweigerte allerdings im Jahr 926 die herzogliche Heeresfolge.

Swarzwald: Mehr noch als die meisten Hügel und Flüsse stellte der Schwarzwald eine besonders schwer zu überwindende Barriere dar. Dennoch sind dort seit dem frühen Mittelalter zahlreiche bewohnte Täler und Siedlungsinseln überliefert, nicht zuletzt dank der Gründung verschiedener Klostergemeinschaften in der Abgeschiedenheit der zerklüfteten Hügel und Wälder.

Toissa: Der Fluss Töss durchfließt das Zürcher Oberland, vorbei an Winterthur, und mündet bei Tössegg in den Rhein, der exakt an dieser Stelle eine starke Biegung nach Nordwesten vollzieht. Aufgrund dieser besonderen Lage wurde hier bereits in römischer Zeit ein Wachturm als Teil des Donau-Iller-Rhein-Limes errichtet.

Tura: Die Thur ist ein wichtiger Zufluss des Rheins und Namensgeberin des Thurgaus.

Turagau: Zusammen mit dem Breisgau gehörte der Thurgau zu den wichtigsten und größten Regionen im frühmittelalterlichen Herzogtum Schwaben. Ursprünglich gehörte auch der Zürichgau dazu, womit der Thurgau das ganze Gebiet zwischen Bodensee, Rhein, Aargau und Rätien umfasste. Als mächtigste Reichsabtei in dieser bedeutenden alemannischen Region hatte Sankt Gallen ein nicht unbedeutendes Mitspracherecht in schwäbisch-alemannischen Fragen, und die Grafen des Thurgaus gehörten zur Elite der ostfränkischen Aristokratie.

Ungrer/Ungri: Die Ungarn oder Magyaren – wie sie sich selbst nannten – führten im Karpatenbecken ein nomadisches Leben, das sie aus beuteökonomischen Gründen immer weiter nach Westen führte. Aufgrund der lange Zeit vorherrschenden Unfähigkeit der fränkischen Königreiche, angemessen auf diese Bedrohung zu reagieren und wegen fehlender Befestigungen, galten die reichen Städte Italiens und sämtliche Klöster des Westens als einfache Beute. Die Stärke der Ungarn lag in ihrer Geschwindigkeit und dem – in der westlichen Kriegsführung als feige geltenden – Kampf als berittene Bogenschützen. Die auf statische Feldschlachten spezialisierten fränkischen Heere waren dagegen meist zu Fuß unterwegs und bevorzugten Blankwaffen.

Wazzarburg: In Wasserburg, einer damals noch vollends vom Bodenseeufer abgetrennten Bodenseeinsel nahe des nördlichen Bodenseeufers im heute bayerischen Landkreis Lindau, unterhielt das Kloster Sankt Gallen eine kleine Klosterfiliale mit nur wenigen Brüdern. Die Kirche stand unter dem Patronat des heiligen Georg. Als der Sankt Gallener Abt vom Nahen der Ungarn hörte, soll er angeordnet haben, alle altersschwachen Mönche sowie die noch sehr jungen Novizen nach Wasserburg in Sicherheit zu bringen. Aus Furcht sollen die Wasserburger beim Herannahen der Ungarn aber dennoch Schutz auf einigen Schiffen fernab vom Ufer des Bodensees gesucht haben.

Werra: Das Flüsschen Wehra mündet zwischen Säckingen und Rheinfelden in den Rhein. Gespeist aus unzähligen Quellen des südwestlichen Schwarzwaldes, stellte ihr Verlauf im frühen Mittelalter auch eine Möglichkeit dar, den Schwarzwald quellaufwärts immer weiter zu erschließen.

Westseaxe: Wessex wurde als eines von vier sächsischen Königreichen besonders unter seinem König Alfred dem Großen zur führenden Macht auf der britischen Insel. Sich stets normannischer Invasionen sowie walisischer Einfälle erwehrend, gelang hier aus wissenschaftlicher und religiöser Sicht eine kulturelle Blüte, welche die Grundlage eines späteren Englands legte.

Wisun: Das Flüsschen Wiese durchfließt von seiner Quelle am Feldberg den Südschwarzwald und mündet beim baslerischen Kleinhüningen in den Rhein. Derartige Flüsschen dienten während Jahrhunderten dem Abtransport von Holz und anderer Waren aus dem Schwarzwald zu den Zentren am Rhein.

Zurzacha: Zurzach im heutigen Kanton Aargau (CH) war in der römischen Antike ein wichtiger Militärstützpunkt zur Sicherung der Nachschubwege für die nahegelegenen Legionslager. Aufgrund der Grablege der heiligen Verena entstanden hier im frühen Mittelalter ein Klosterkonvent und eine ausgedehnte Siedlung.

Cap. I

»In jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen, aber nicht finden; sie werden sterben wollen, aber der Tod wird vor ihnen fliehen.« Der Mann neben mir murmelt mit leerem Blick vor sich hin. Ich umklammere den Griff meines Kurzschwertes und wünsche mir das Ende unserer Wache herbei. Inzwischen ist die Sonne aufgegangen. Dennoch lässt uns der feuchte Morgennebel auf der alten Romanenmauer erzittern. Ich höre, wie die Wellen des Sees im langsamen Takt gegen die Uferbefestigungen brechen. Das Wasser ist unruhig. Ein starker Wind kommt auf und treibt weitere Nebelschwaden über uns hinweg. Ich beobachte, wie sich ein kleines Boot, nicht weit von der Mauer entfernt, mit jeder Welle aufs Neue leicht hebt und senkt. Ein pfeifender Wind sucht sich seinen eiskalten Weg meinen Nacken hinab. Trotz allem stehe ich regungslos hier oben auf der Mauer und versuche, neben dem plätschernden Wasser noch andere Geräusche wahrzunehmen. Die Sicht reicht nur knapp bis zum Wassergraben, der die Halbinsel mit Ausnahme eines schmalen Durchgangs beinahe zur Insel gemacht hätte. Höre ich da leises Gemurmel? Schritte?

Plötzlich erschallen aus dem Nebel vor uns verzweifelte Rufe und Schreie. Wie aus dem Nichts taucht eine Gruppe von acht oder neun Personen auf. Sie treffen auf den Graben und folgen diesem bis zur kleinen Holzbrücke. Die zwei Personen an der Spitze haben den Übergang schon fast erreicht. Unsere Turmwache schlägt die Sturmglocke. Aus allen Gebäuden und Unterständen hallen nun Rufe wider, und Männer machen sich bereit für den Kampf. Ich konzentriere mich weiterhin auf die Menschen vor unserem Tor. Ist das eine List? Plötzlich ertönt lautes Hufgetrappel, und aus dem Nebel jagt ein zentaurenähnliches Wesen hervor. Eine Klinge schnellt blitzartig herum und hinterlässt auf dem feuchten Gras einen Schwall von Blut. Die Person am Ende der Flüchtlingsgruppe sackt zuckend in sich zusammen. Zwei weitere werden von Pfeilen niedergestreckt. Ich höre das verzweifelte Hämmern von Fäusten gegen unser Tor. Die ersten Flüchtlinge haben unsere Doppeltoranlage erreicht.

»Tribun, was sollen wir tun?«

»Keiner öffnet die Tore! Das ist eine Falle.«

Es schwirren noch drei weitere Pfeile aus unterschiedlichen Richtungen auf unser Tor zu, doch gehen sie ins Leere. Stille. Wir warten. Wie ein Geist ist der Tod diesen Morgen aus dem Nebel aufgetaucht, und wie ein Geist ist er auch wieder verschwunden.

»Mein Gott, öffnet endlich die Tore!«

Mit einem kurzen Nicken gibt der Tribun den Wachen im Hof die Erlaubnis. Einer der Torflügel wird knarrend aufgezogen, und die Überlebenden retten sich mit letzter Kraft hinter die festen Steinmauern. Der grausame Klang eines Horns lässt uns erschauern. Sofort wird das Tor wieder geschlossen. Gebannt blicken wir in den Nebel. Ein zweites Mal ertönt das grausige Horn. Und plötzlich tauchen aus dem Nebel schemenhaft vier fremdartige Reiter auf. Vier Krieger in aufgebauschter Kleidung sitzen dort auf ungewöhnlich kleinen Pferden. Dieses Zusammenspiel von Ross und Reiter erklärt auch das merkwürdige Erscheinungsbild des säbelschwingenden Angreifers von vorhin. Eine gefühlte Ewigkeit stehen sie dort hinter dem Graben und beobachten uns. Dann ertönt das Horn ein drittes Mal. Das ganze Ufer entlang erscheinen wie von Zauberhand grelle Lichtkegel.

»Was ist das für ein Teufelswerk?«

»Was haben sie vor?« Überall auf den Mauern ertönen angsterfüllte Rufe, und Menschen sinken zum Gebet auf die Knie.

»Selbst Gott kann uns jetzt nicht mehr retten«, höre ich erneut die zittrige Stimme meines Nebenmanns.

»Ruhe!«, erhebt der Tribun seine kräftige Stimme. »Das sind Menschen. Sie bluten wie wir, sie sterben wie wir. Ich habe diese Teufel schon in jungen Jahren bei Brezalauspurc bekämpft.« Auf den Mauern ist inzwischen Ruhe eingekehrt. »Seit Tagen haben wir Kunde von fremden Horden, die über die östlichen Marken herfallen. Nun sind sie hier. Doch wir sind bereit, und ich werde sie jederzeit aufs Neue bekämpfen.« Mit seiner tiefen, hallenden Stimme schafft es der Tribun, selbst meinen zitternden Nebenmann zu beruhigen. »Jeder, der es wagt, unsere Mauern zu erklimmen, soll in seinem eigenen Blut ertrinken. Arbona ist noch nie gefallen, Arbona wird nie fallen, solange tapfere Männer seine Mauern verteidigen.« Die neuesten Ereignisse beflügelten die Moral ja nicht gerade, doch der Tribun hat recht: Wir befinden uns gut geschützt auf einer Halbinsel hinter dicken Steinmauern. Zwar weisen die Mauern an gewissen Stellen Lücken auf, und zwei der Halbrundtürme sind teilweise zugunsten eines Kirchenbaus abgetragen worden, doch verfügen wir über ausreichend Männer, um unser Bollwerk über längere Zeit zu halten, und die besonders gefährdeten Stellen sind längst mit Holz verstärkt worden.

»Folge mir, der Centenar versammelt gerade die Wachen der letzten Nacht«, raunt mir einer der Torwächter schulterklopfend zu. Erleichtert folge ich meinem Kameraden die Leiter hinunter in den Hof.

»Ihr habt heute guten Dienst geleistet«, setzt der Centenar an und nickt der Turmwache, die als Erste Alarm geschlagen hatte, anerkennend zu. »Wir müssen sie weiterhin mit unserer Präsenz auf den Mauern von einem Angriff abhalten. Unsere geschützte Lage im Bodamansee und die dicken Mauern scheinen diesen Feiglingen die Lust zum Angriff zu nehmen. Den verdammten Romanen sei’s gedankt!« Der Centenar grinst in die Runde, merkt, dass seine kleine Ansprache auf nur wenig Zuspruch stößt, und fährt dann mit ernster Miene fort: »Lasst euch nicht von ihren billigen Tricks entmutigen. Die zahlreichen Fackeln am Ufer sollten nur eine zahlenmäßige Überlegenheit demonstrieren und euch einer ausweglosen Situation bewusst werden lassen. Doch wir befinden uns zweifellos in der besseren Position als sie. Wir haben schließlich den See.« Noch immer scheinen ihm unsere müden Gesichter nicht ausreichend motiviert. So fährt er resigniert zum eigentlichen Punkt seiner kleinen Ansprache fort: »Ich weiß, ihr seid erschöpft und habt euch euren Schlaf redlich verdient. Doch muss ich euch noch um eine letzte Sache bitten. Den Menschen, die heute zu uns gestoßen sind, ist Schreckliches widerfahren. Gebt ihnen zu essen. Zeigt ihnen einen Platz zum Schlafen.«

Währenddessen haben uns die Überlebenden, die in der Nähe des Tors erschöpft am Boden sitzen, aufmerksam beobachtet. Besonders der Blick einer kleinen Gestalt unter einem dicken Umhang erregt dabei meine Aufmerksamkeit. Müde nähern wir uns der Gruppe von Flüchtlingen, und ich erkenne unter der Kapuze das feine, blasse Gesicht eines Mädchens, kaum älter als ich. Ich weiß nicht, wie lange sie mich während der Ansprache des Centenars bereits beobachtet hat, doch in ihrem Blick liegt etwas angenehm Vertrautes. Kenne ich sie? Ihr scheint es ebenso zu gehen. Sie kann die Augen kaum von mir abwenden. Als die Gruppe unser Tor passierte, ist sie mir gar nicht aufgefallen. Sie mustert mich eingehend, wendet dann jedoch den Blick von mir ab, als sich einer meiner Wachkameraden ihrer annimmt und ihr den Weg in die Küche weist. Zwar verfügen wir über ausreichend Männer zur Bemannung der Festung, doch können wir jedwede Unterstützung gebrauchen, ob auf der Mauer oder in der Küche. Wir geleiten die Gruppe zur Feuerstelle und stillen dabei auch unseren Hunger. Meine Gedanken sind noch beim geheimnisvollen Mädchen. Gibt es so etwas wie Seelenverwandte? Vielleicht habe ich sie auch einfach so unangenehm lange angestarrt, dass sie irgendwann zurückblicken musste. Ich schüttle meinen Kopf frei von all diesen Überlegungen. Es sollten mich nun ganz andere Dinge kümmern. Gedankenverloren bin ich als Erster mit meinem Haferbrei fertig und eile zu den Stallungen, um mir einen guten Schlafplatz im Stroh zu suchen, möglichst nahe beim Vieh. Hier ist zwar nicht alles perfekt, doch bin ich lieber hier als draußen bei diesen schwertschwingenden Teufeln.

Cap. II

Bei Tag Schlaf zu finden, kann trotz langer Wachdienste schwerfallen. Besonders heute habe ich kaum ein Auge zugetan. Verträumt stehe ich vor den Stallungen. Übermüdet und dennoch angespannt verharre ich in Gedanken an die Ereignisse des Morgens. Steht der Feind noch vor unseren Toren? Und dieses Mädchen will mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Vermutlich erschien sie mir heute Morgen nur wegen der Situation so vertraut. Denn nicht selten werde ich von den älteren Wachen als »Marcus aus dem Albgau« bezeichnet. Niemand spricht diesen Zusatz mit Verachtung oder Groll aus. Es kann aber auch niemand mehr dazu äußern. Man sagte mir einmal, dass ich als kleines Kind an eine einflussreiche Familie am Bodamansee verkauft wurde. Was mit meinen Eltern passiert ist, weiß ich nicht. Habe ich Geschwister? Ich kann mich an nichts erinnern. Ich kenne bloß Arbona und einige nahe Siedlungen. Seit ich denken kann, stand ich hier in der Küche, in den Ställen und in der Rüstkammer; zumindest bis ich alt genug war, um bei der Ausbesserung des Wassergrabens zu helfen und schließlich für den Wachdienst auf den Mauern eingesetzt wurde.

»Hey, du da, hörst du überhaupt zu? Hol dir was zu essen und mach dich dann zur nächsten Wache bereit!« Völlig überrascht blicke ich in das bärtige Gesicht eines älteren Kriegers. »Nun, was ist los?« Ich wage nicht zu widersprechen, schnalle mir meinen Sax, also mein einschneidiges Kurzschwert, um und marschiere los. Wie lange ich wohl in Gedanken dagestanden habe? »Falsche Richtung, Idiot!« Noch immer wage ich nicht, den Mund zu öffnen. Stattdessen schlage ich einen Bogen, um die Richtung zu ändern, so als ob dies von Anfang an beabsichtigt gewesen wäre. Vor mir erhebt sich eine stattliche Steinmauer, der ich folge, bis ich an eine offene Feuerstelle gelange, wo bereits einige Männer sitzen. Ich kenne jeden Winkel dieser Siedlung und seiner Festungsmauern, und doch haben mich die Ereignisse der letzten Stunden und Tage so aus der Bahn geworfen, dass ich mich beinahe verirrt hätte.

»Nimm dir eine Schale, unsere neueste Errungenschaft bringt dir gleich was zu essen«, grinst mich einer meiner Wachgefährten an. Jemand berührt meine Schulter, und ich zucke, wie vom Blitz getroffen, zusammen, drehe mich um und blicke in das Gesicht des Mädchens von heute Morgen. Ihr Gesicht erstrahlt frisch gewaschen, und ihr dunkles Haar ist zu festen Zöpfen zusammengebunden. Wunderschön. Es gelingt mir nicht, auch nur ein Wort mit ihr zu wechseln. Stattdessen schließe ich mich bald darauf meinen Kameraden für den Dienst auf den Mauern an.

Als wären meine Gedanken der Schlaflosigkeit von heute Nachmittag erhört worden, nähert sich schon nach zwei Stunden der Centenar: »Deine Wache endet heute früher, der Tribun sucht nach Männern.« Ich weiß, was das heißt. Bestimmt wieder ein Auftrag mit ungewissem Ausgang. Und dabei möchte er keinen seiner erfahrenen Krieger einsetzen. Vielmehr nutzt er den jugendlichen Ehrgeiz der Jüngeren und die Schuldgefühle der unerwünschten Neuankömmlinge. Das war’s wohl mit dem zusätzlichen Schlaf. Ich werfe einen letzten Blick in die Nacht hinaus. Der Nebel ist bereits am späten Nachmittag verschwunden und hat uns die Sicht auf ein nicht sehr weit entferntes Lager eröffnet. Seit meinem Wachantritt am frühen Abend habe ich immer wieder kleine Schwadronen zum Lager reiten sehen, beladen mit reicher Beute. Der Feind will uns wohl verhöhnen oder aber zu einer dummen Handlung verführen, indem er sich vor unseren Augen häuslich einrichtet und uns dabei zusehen lässt, wie unsere heimatliche Umgebung geplündert wird. Ich folge dem Centenar hinunter in den Hof, wo bereits drei andere Männer warten. »Holt euch was zu essen und wartet am Feuer bei der Küche, der Tribun persönlich wird euch instruieren.« Was für eine Ehre, hätte ich am liebsten geantwortet, doch möchte ich mir keinen zusätzlichen Ärger einhandeln.

Als wir uns der Feuerstelle nähern, erkenne ich schon von weitem die schlanke Gestalt des Mädchens von heute Morgen. Allzu viele Pausen werden ihr offenbar auch nicht gegönnt. Ihr Leinengewand ist um die Hüften durch eine einfache Hanfschnur tailliert. Woher sie wohl kommt? Sie schenkt mir ein kleines Lächeln, das ich jedoch nicht zu erwidern wage. Ich möchte nicht das Gesicht vor den anderen verlieren, und in der Dunkelheit hätte man es vielleicht ohnehin nicht gesehen. Von meiner Reaktion enttäuscht, füllt sie erst die Schalen der anderen, dann die meine auf.

»Tribun!«

Wir erheben uns alle, doch der Tribun weist uns per Handzeichen auf unsere Plätze zurück und kommt ohne Umschweife zum Punkt: »Noch halten wir sie uns vom Leib. Und ich weiß, dass wir das auch weiterhin können. Doch dafür brauchen wir zwei Dinge: Vorräte und Informationen. Der Landweg ist versperrt, doch können wir uns immer noch über den See bewegen. Steigt heute Nacht hinab zum Ufer und bereitet ein Boot vor. Bei der ersten Dämmerung brecht ihr auf über den See nach Wazzarburg. Obwohl unsere Feinde jenen Ort vor uns erreicht haben, konnten wir bisher weder Rauch noch Flüchtlinge ausmachen. Der Abt des Gallusklosters scheint seine Leute dort gut ausgestattet zu haben. Findet heraus, was im nördlichen Teil Alemanniens vor sich geht und ob schon bald Hilfe naht. Und bringt ja Vorräte mit.«

Der Tribun möchte sich gerade umdrehen, da beginnt einer meiner Kameraden: »Wird uns denn nicht unser Herzog zu Hilfe eilen?«

Der Tribun spuckt verächtlich aus und fügt hinzu: »Unser selbst ernannter Landesherr führt noch immer seinen nutzlosen Krieg in Italia. Selbst wenn ihn Kunde von unserem Schicksal ereilt, wird er es unmöglich rechtzeitig hierher schaffen. Viel Glück euch allen.« Er dreht sich um und stapft davon.

Natürlich hatte er recht. Das Gros der kampffähigen Männer aus allen Teilen der Alemannia hatte vor vielen Tagen und Wochen dem Herzog Heeresfolge geleistet. Im Bestreben, seinen Einflussbereich weiter nach Süden zu vergrößern, war dieser zusammen mit seinem burgundischen Schwiegersohn nach Italia gezogen. Kaum waren die meisten Verbände in Richtung Alpes abgezogen, ereilten uns die ersten unheimlichen Nachrichten von Sichtungen fremdartiger Reiter. Ausgerechnet in der größten Not bleibt die lokale Bevölkerung ihrem eigenen Schicksal überlassen. Ohne Krieger und ohne Festungen. Einzige Ausnahmen bleiben jene Befestigungen, die noch aus alter Zeit stammen, wie eben unser Arbona.

»Was, wenn wir stattdessen nach Constantia segeln?«

»Viel zu weit weg.«

Ich erwache aus meinen Gedanken und lausche der neu entbrannten Diskussion unter meinen Gefährten.

»Außerdem ist es ein direkter Befehl des Tribuns. Und der Bischof wird uns ohnehin nicht helfen. Seit er die noch verbliebenen Krieger zu sich gerufen hat, soll er sich hinter seinen Mauern verstecken.«

»Also wie ihr?«, höre ich aus der anderen Ecke eine sanfte, jedoch zugleich beherzte Stimme antworten. Das Mädchen hatte uns offenbar die ganze Zeit belauscht.

»Was weißt du schon? Wegen dir und deinen Freunden sind wir doch erst in dieser Situation! Wir öffnen gnädig unsere Tore, und ihr fresst uns die letzten Vorräte weg«, gibt Strello, einer der Gefährten unserer Mission, wutentbrannt zurück.

»Was ist aus unserer christlichen Nächstenliebe geworden«, schalte ich mich dazwischen, »wenn wir nicht einmal mehr unseren Nachbarn helfen? Diesem Feind müssen wir alle geschlossen entgegentreten. Und wir alle leisten unseren Teil auf eine andere Art und Weise.«

Statt Dankbarkeit erhalte ich seitens des Mädchens jedoch nur ein schnippisches Schnauben: »Ach, du meinst, ich könne also glücklich sein, in der Küche untergekommen zu sein?« Nun lachen die anderen und machen sich auf etwas Unterhaltung gefasst. »Ich weiß durchaus, ein Schwert zu führen«, setzt sie zum zweiten Stoß an, »und wenn ihr’s wissen wollt, Wazzarburg ist bei Weitem nicht so gut ausgestattet, wie ihr alle zu wissen glaubt. Ich wollte erst dort Schutz suchen, doch wurde ich von den Mönchen abgewiesen. Entweder, sie leiden bereits seit Tagen Hunger, oder sie zeigen ebenso wenig Nächstenliebe wie ihr.« Das Mädchen wirft nun Strello einen strengen Blick zu und fährt fort: »Der Abt des Gallusklosters hat in seiner unendlichen Weisheit alle wehrlosen Greise und Knaben nach Wazzarburg geschickt, während er seine wertlosen Bücher bei den Mönchen in Augia in Sicherheit gebracht hat. Auf jener großen Insel hätten sowohl mehr Menschen als auch mehr Vorräte Platz gefunden.«

»Woher weißt du das alles?«, möchte ich von ihr wissen.

Sie zieht ihre Augenbrauen hoch und will gerade zu einer Antwort ansetzen, als sie von meinem Nebenmann Sindolt unterbrochen wird: »Wie eine Spionin sieht sie jedenfalls nicht aus.«

Verärgert will sie sich von unserer Gruppe wegdrehen, wird jedoch sogleich von Strello am Arm zurückgezogen: »Nein, im Ernst, warum sollten wir dir vertrauen? Woher weißt du das alles? Wir kennen nicht einmal deinen Namen.«

Widerwillig beginnt sie zu sprechen: »Man nennt mich Anna. Bis vor wenigen Tagen war ich noch als Magd des Praeses Wolfbert in Puachhorn tätig. Da konnte ich so manche Unterhaltung der Dienstboten des Gallusklosters belauschen. Vor Wochen ist mein Herr jedoch dem Ruf unseres Herzogs Burchard gefolgt. So musste ich auf eigene Faust fliehen, als sich die Schreckensnachrichten von fremden Reiterhorden verdichteten und aus der Ferne bereits die ersten Rauchsäulen zu sehen waren.«

»Sie sollte uns bei Sonnenaufgang begleiten«, meldet sich nun erstmals Milo, der älteste von uns vieren zu Wort. »Das Mädchen kennt sich am nördlichen Ufer besser aus als wir, und als ehemalige Magd des Wolfbert dürfte sie dem einen oder anderen Wortführer bekannt sein.«

»Ist das nicht zu riskant für sie?«, werfe ich ein.

»Gefährlicher als hier?«, entgegnet Anna.

Innerlich muss ich ihr recht geben. Zudem möchte ich ihre Nähe nicht mehr missen.

»Also ist es beschlossen«, folgert Milo. »Wir fünf brechen beim ersten Anzeichen der Dämmerung auf. Sindolt, Strello, bringt einige Vorräte hinunter zum Boot. Ich melde dem Centenar unsere neue Ausgangslage und folge euch nach.« Er wendet sich an uns: »Wir sehen uns gleich außerhalb der Mauern, seid bloß leise.«

Während die drei sich entfernen, bleiben Anna und ich zurück und schweigen noch kurze Zeit das Feuer an. »Hat dich dein Weg schon früher einmal nach Arbona geführt?«, setze ich schließlich zum Gespräch an.

»Ich glaube nicht«, flüstert Anna sehr knapp und in Gedanken versunken vor sich hin.

Um die peinliche Stille zu durchbrechen, nicke ich ihr zu und tue so, als müsste ich mir noch meine Sachen aus den Stallungen holen. Trotz meines kleinen Umwegs laufen wir uns jedoch kurze Zeit später wieder über den Weg. Mit einem kurzen Seitenblick auf meine bescheidene Ausrüstung, der ich offensichtlich nichts hinzugefügt habe, machen wir uns schweigend auf zur Mauer. Wir erreichen das plätschernde Ufer über eine kleine verbarrikadierte Öffnung in einem zusammengefallenen Halbrundturm an der nördlichen Festungsmauer. Dort warten bereits unsere Gefährten ungeduldig auf die Morgendämmerung. Wir hatten schon seit Längerem nichts mehr von den anderen Siedlungen am Bodamansee gehört. So waren viele der hiesigen Wachmannschaft über den Verbleib von Freunden und Verwandten im Unklaren. Und viele schlossen aus den täglich näherkommenden Rauchsäulen am Horizont schon länger auf das eigene Schicksal. Doch wir werden uns nicht kampflos ergeben. Wir nehmen es selbst in die Hand.

»Marcus und Strello, ihr übernehmt die Ruder. Machen wir uns bereit zum Aufbruch.« Milo verstaut die Vorräte im hinteren Teil des Bootes und heißt uns, über die Bordwand zu steigen.

Am Horizont erscheint ein dünner Streifen Licht. Milo stößt uns vom Ufer ab, und unser Boot gleitet in den endlos wirkenden See hinaus, während Strello und ich unsere Ruder im Einklang durchs schwarze Wasser ziehen. Wir entdecken am Ufer jenseits des Wassergrabens zahlreiche Lagerfeuer und können davor die Schatten vereinzelter Krieger wahrnehmen. Die Fackeln von Arbona werden hinter uns immer kleiner. Milo steht am Bug und versucht angestrengt, in der Dunkelheit potenzielle Gefahren auszumachen. Sindolt summt leise ein Lied in die kühle Morgenluft hinaus; so als wollte er den See günstig stimmen. Und das Gewässer ist uns diesen Morgen tatsächlich geneigt. Eine leichte Brise kommt auf, und wenige Momente später befiehlt Milo schon das Aufziehen des kleinen Segels. Wir legen die Ruder zu unseren Füssen nieder und überlassen dem Wind die Arbeit.

Das Morgenlicht reicht nun aus, um die Hügelkette am gegenüberliegenden Ufer zu erkennen, als Milo zu erzählen beginnt: »Ich war in deinem Alter, Marcus, als ich das erste Mal im Auftrag meines Herrn den See überquert habe. Wir fanden uns damals in Steinaun ein, nicht weit von Arbona entfernt. Obwohl erst seit Kurzem schwurberechtigt, war mir die Ehre zuteil geworden, als einer von über einem Dutzend Männern an der Seite des großen Grafen Burchard eine feierliche Landschenkung mit zu bezeugen. Ich werde den Tag nie vergessen.«

»Ihr meint doch nicht etwa dieses diebische Stück Scheiße?«, fährt ihm Strello dazwischen.

»Ich spreche von seinem Vater. Niemand hätte gedacht, dass sein Sohn diesen Weg einschlagen würde.«

»Während der Rebellion, auf wessen Seite standet Ihr damals?«, unterbricht ihn Strello ein zweites Mal.

»Es gab keine Seiten, kein Richtig oder Falsch«, gibt Milo verärgert zurück. »Man hatte den älteren Burchard beschuldigt, er wolle die alte Herzogswürde erlangen. Als hätte er dies nötig gehabt. Salomo, der machthungrige Bischof von Konstanz, schaffte es, geschickt gegen Burchards Familie zu intrigieren. Als Abt des Gallusklosters und Erzkanzler träufelte er mit seiner spitzen Zunge stetig Gift in des Königs Ohr. Am Ende fiel der ältere Burchard einem Mordanschlag zum Opfer, und beinahe seine ganze Sippe wurde gejagt und getötet. Einzig sein gleichnamiger Sohn konnte nach Italia fliehen. Unsere Hoffnung ruhte ausnahmslos auf ihm. Niemand hätte erwartet, dass seine von uns so ersehnte Rückkehr einen derartigen Bruderkrieg auslösen würde. Und auch wenn man es ihm nicht verübeln kann, nach allem was seiner Familie widerfahren ist, so hätte ich doch nicht mit einem solch rigorosen Handeln durch den jüngeren Burchard gerechnet. Nach seinen militärischen Siegen über Salomo und den König wurde das, was selbst für ihn undenkbar schien, schließlich Wirklichkeit. Noch auf dem Schlachtfeld erhob ihn die alemannische Kriegerelite zu ihrem Herzog. Seither haben sich die Machtverhältnisse drastisch verändert. Sein Vater hätte den Ungrern ein geeintes alemannisches Heer entgegengeworfen. Er hätte sich niemals mit den verräterischen Burgundern verbündet. Und«, Milo seufzt, »sein Vater hätte die Alemannia nie in solcher Not im Stich gelassen. Es gibt niemanden mehr, der genügend Mut aufbringt, sich diesen Horden entgegenzustellen. Denn selbst jene, die das könnten, verstecken sich lieber hinter ihren Mauern.« Und als würde Milo erneut eine Entgegnung von Anna erwarten, fügt er hinzu: »Wir sind einfach zu wenige.«

Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, als das nördliche Ufer des Sees in unmittelbare Nähe rückt. »Nun müssen wir dem Ufer in östlicher Richtung folgen. So können wir Wazzarburg nicht verfehlen.« Wir lassen unsere Blicke nach Osten schweifen und sehen dort in der Ferne eine dichte schwarze Rauchwolke aufsteigen. Wazzarburg ist gefallen.

Cap. III

Donnerstag, 27. April 926

»Legt euch in die Riemen! Wir steuern direkt drauf zu«, ruft uns Milo zu. Wir nähern uns den zahlreichen Booten, die zuvor das vom Rauch eingehüllte Wazzarburg verlassen hatten. Selbst wenn oder gerade weil diese äbtische Bastion am Bodamansee gefallen war, müssen wir von den Leuten des Abtes mehr erfahren. Offenbar waren vor dem Eintreffen der Ungrer sämtliche Boote der Umgebung zusammengezogen worden, denn vor uns lag mittlerweile eine regelrechte Flottille. Als wir uns einem der größeren Boote nähern, hebt Milo mit gestrecktem Arm die Hand zum Gruß: »Wir kommen als Freunde! Benötigt Ihr Hilfe?« Was für eine schöne Art und Weise, zu verbergen, dass man eigentlich selbst der Hilfe bedarf.

»Wer seid Ihr?« Ein großgewachsener älterer Mann in Mönchskutte steht am Bug des angesteuerten Bootes und beschwichtigt mit einer kurzen Handbewegung seine mit Bogen bewaffneten Begleiter.

Milo senkt unmerklich den Kopf zum Gruß: »Ich bin Milo, Abgesandter des Tribuns von Arbona und überbringe Euch die Grüße meines Herrn.« Wir hören auf zu rudern, holen das Segel ein und treiben langsam auf das Boot des Mönchs zu. »Wie haben sie Eure Mauern überwunden? Habt Ihr viele Opfer zu beklagen?«

Grinsend mustert uns der Mönch reihum: »Bislang hat keiner dieser Teufel unsere Insel lebend erreicht. Und es sind auch noch keine Opfer zu beklagen.« Anna schaut finster in die Richtung des Mönchs, Milo mahnt sie mit einem scharfen Blick, nun bloß keine Geschichten aufzurollen.

»Aber Wazzarburg steht in Flammen!«, spricht Milo das Offensichtliche aus.

Den Mönch scheint dies nicht zu kümmern: »Das soll es auch.«

»Wie bitte?«

»Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der Feind eine Möglichkeit gefunden hätte, uns trotz des kleinen Streifens Sees zwischen ihm und der Insel des heiligen Georg zu erreichen. Unser Herr Abt hat uns die Alten, Kranken und Jungen geschickt, um sie in Sicherheit zu wissen. All jene, die außerstande wären, zu kämpfen. Unsere einzige Aufgabe ist es, am Leben zu bleiben, bis alles vorbei ist. Den Brand haben wir gelegt, um den Anschein zu erwecken, dass alles, was an Wert zu holen wäre, bereits verbrannt ist. Außerdem ist diese Rauchsäule überall an den Ufern des Bodamansees zu sehen. Damit sind alle gewarnt. Sobald sie weitergezogen sind, kehren wir zurück.«

»Das ist Wahnsinn«, setzt Milo zu einer Entgegnung an, wird aber vom Mönch mit strengem Blick zum Schweigen gebracht.

»Weder brauchen wir Eure Hilfe noch können wir Euch welche beikommen lassen. Unsere Vorräte reichen gerade mal für uns.« Wie erwartet, hat er Milos Heuchelei von Beginn an durchschaut.

Wir lassen die Flottille an Flüchtlingsbooten hinter uns und bewegen uns das nördliche Ufer entlang. »Vielleicht finden wir woanders Hilfe«, erklärt sich Milo.

»Wenn die Ungrer bereits in Arbona sind, zeigt das, dass sie bereits den Rîn überschritten haben. Bestimmt sind sie schon bis nach Constantia vorgedrungen. Wir sollten umdrehen.« Milo lauscht meinem Vorschlag, geht jedoch nicht darauf ein.

»Ich gebe dem Jungen recht«, hören wir plötzlich Sindolts Stimme. »Das Ufer des Bodamansees ist verloren, und die Bewohner der Inseln sind zu sehr auf ihre Vorräte angewiesen. Viel Erfolg versprechender wäre es, weiter im Landesinneren nach Hilfe zu suchen.«

»Sprich!«, ermutigt ihn Milo nun etwas aufmerksamer.

»Nun, hat der Mönch nicht davon gesprochen, dass lediglich die nicht Kampffähigen evakuiert wurden? Das würde bedeuten, dass der Abt des heiligen Gallus trotz Burchards Feldzug über einige Kämpfer verfügt. Vielleicht sollten wir ihn besser direkt um Hilfe bitten, als bei seinen Untergebenen zu hausieren.« Sindolts Vorschlag scheint Gehör gefunden zu haben, sodass Milo das Ruder herumreißt und Kurs auf Arbona nimmt.

»Euch ist schon klar«, kommt es nun gehässig von Strello, »dass wir eine erneute Erkundungsfahrt vergessen können, wenn wir bei Tag in Arbona anlegen und den Ungrern somit unser Boot zeigen?« Milo entschließt sich, etwas westlich von Arbona auf die Nacht zu warten.

Auch wenn ich Strello ebenfalls recht geben muss, fühle ich bei der ganzen Sache ein unerklärliches Unbehagen. Strello verbessert diesen Umstand zudem nicht gerade. Seit er durch Milo bestätigt wurde, hört er nicht mehr auf zu reden. Ich wünsche mir unsere ruhige morgendliche Überfahrt zurück. Bestärkt durch unser Schweigen werden seine Kommentare immer gehässiger, und schließlich erklärt er, wie froh er sei, dass wir nicht auch noch auf die Idee gekommen seien, die Flüchtlinge aus Wazzarburg nach Arbona einzuladen: »Wir haben schon genügend Fremdlinge aufgenommen, die uns das letzte Brot wegessen, als dass wir noch weitere Schmarotzer bräuchten.« Ohne Umschweife blickt er dabei Anna direkt ins Gesicht.

»Nun ist es aber genug«, bringt ihn Milo endlich zum Schweigen. »Du darfst gerne zurück nach Arbona schwimmen.« Die weitere Zeit verbringen wir schweigend. Am späteren Nachmittag legen wir westlich von Arbona an. »Nehmt nur das Nötigste vom Boot, wir werden weiterfahren, sobald die Nacht hereinbricht«, gibt Milo eine kurze Anweisung.

»Hast du gehört? Nur das Nötigste!«, blafft Strello Anna an, die sich beim Aussteigen eine wärmende Decke geschnappt hat.

»Noch ein Wort, Strello, und ich schicke dich hier und jetzt ohne jegliche Ausrüstung auf den Weg zum Kloster des heiligen Gallus«, knurrt Milo. Das wäre nicht einmal die dümmste Idee. Bestimmt wäre es von hier aus einfacher, unbemerkt durch die feindlichen Linien zu kommen, als vom belagerten Arbona aus. Mit meinem Sax bewaffnet und einem Stück Brot in der Hand setze ich mich in Annas Nähe. Ich habe das Gefühl, sie beschützen zu müssen, selbst wenn es gegen meine eigenen Leute ist. Unsere drei Gefährten stehen währenddessen direkt am Ufer, und ich vernehme den unzufriedenen Tonfall Strellos, Milos Ärger darüber und einen schlichtenden Sindolt dazwischen. Sollte ich mich ebenfalls einmischen und die drei daran erinnern, wie wichtig im jetzigen Moment absolute Ruhe ist? Ich setze mich näher zu Anna und möchte gerade einen Spruch loswerden, um die Situation etwas aufzulockern.

Doch Anna stößt mich mit voller Kraft zur Seite und schreit: »Achtung!« Ich stürze zu Boden und höre knapp hinter mir das dumpfe Geräusch von Metall auf Holz. Wir waren mitten in eine Gruppe ungrischer Späher geraten. In letzter Sekunde hatte mich Anna zur Seite gestoßen und dabei geistesgegenwärtig meinen blanken Sax an sich gerissen. Dadurch hatte der Angreifer ins Leere geschlagen, während Anna blitzschnell reagiert und ihm meinen Sax zwischen die Rippen gestoßen hat. Der Todesschrei des fremdartigen Kriegers vermag allerdings kaum das Schreien zu überdecken, welches fast gleichzeitig vom Ufer ertönt. Ich sehe, wie Sindolt den schwer verletzten Milo über einen gefallenen Ungrer ins Boot hievt, während Strello einem weiteren Feind den Gnadenstoß versetzt.

»Schnell zum Boot!«, rufe ich Anna zu, die den Sax inzwischen wieder frei bekommen hat. Doch stürmt bereits ein weiterer dieser Teufel auf uns zu. Ich kriege gerade noch einen dicken Ast zu greifen, um ihn auf Distanz zu halten. Anna steht dicht an meiner Seite und hält ihm herausfordernd die vom Blut seines Kameraden tropfende Schwertklinge entgegen. Von rasender Wut ergriffen, wagt er einen Schritt nach vorn, doch zertrennt im selben Augenblick die Klinge einer Axt Muskeln und Sehnen seiner Schulter und zertrümmert den Knochen des Schlüsselbeins. Hinter dem zusammensackenden Krieger erscheint Sindolts triumphierendes Gesicht, das sich jedoch fast im gleichen Moment zu einer schmerzerfüllten Fratze verzerrt. Von einem Pfeil getroffen sinkt er zu Boden. Während Anna dem Ungrer den Gnadenstoß versetzt, werfe ich einen Blick ins umliegende Dickicht und sehe den Schützen im Wald verschwinden. »Bestimmt warnt er seine Leute. Wir müssen hier weg!« Ich packe Anna am Arm und möchte zum Boot eilen, doch liegt dieses längst nicht mehr am Ufer. Um seine eigene Haut zu retten, hat sich Strello vom Ufer abgestoßen und ist für uns bereits unerreichbar.

Auf unsere Rufe reagiert er lediglich mit einem selbstzufriedenen Winken und dem Satz: »Das Boot war ohnehin zu voll«.

»Dieser Bastard!«

»Hoffentlich hat es immerhin Milo geschafft«, flüstert mir Anna zu, wischt die Klinge an der Kleidung ihres letzten Opfers ab und beobachtet, wie der Verräter in den See hinaus rudert. Sie reicht mir den Sax und packt die wenigen zurückgelassenen Sachen zusammen.

Wir durchstreifen den Wald im Hinterland von Arbona, kommen in der zunehmenden Dunkelheit aber nur sehr schwer voran. Schließlich geben wir auf und machen es uns in besonders dichtem Buschwerk für die Nacht bequem. Im morgendlichen Licht werden wir hoffentlich besser vorankommen. Und vielleicht suchen sie dann nicht mehr nach uns. »Wie kommen wir morgen bloß nach Arbona?«, überlege ich laut.

»Nach all dem möchtest du wirklich dahin zurück?« Ich denke über Annas Frage nach und vermag, keine Antwort zu finden. »Besser, wir schlagen uns allein durch und suchen die Krieger des heiligen Gallus.«

Darauf entgegne ich: »Aber im Wald wird es doch ebenso von Spähern wimmeln.«

»Dann müssen wir eben auf der Hut sein. Außerdem konnten wir uns vorhin doch ganz gut gegenseitig beschützen.«

Damit habe ich meine Antwort. »Einverstanden.« Ich würde nicht von ihrer Seite weichen. Zusammen sehen unsere Überlebenschancen gar nicht so schlecht aus.

Wir sitzen nah beieinander. Anna hat die Decke vom Boot über uns geworfen, und so warten wir auf die vollkommene Dunkelheit. Damit erübrigt sich auch das abwechselnde Wache halten. Wer würde uns im dunklen Wald schon finden? »Ich bin dir noch immer eine Antwort schuldig«, spricht Anna leise.

»Eine Antwort worauf?«, frage ich ehrlich verwundert.

Anna fährt fort: »Ich war, soweit ich mich erinnern kann, nie in Arbona, aber ich scheine dir vertrauen zu können, als wären wir uns schon einmal begegnet. In deiner Nähe fühle ich mich sicher.«

»Mir geht es genauso«, stimme ich ihr zu, »und dies nicht nur, weil du mich heute vor dem sicheren Tod bewahrt hast. Ich schulde dir etwas.«

»Woher kommst du? Und sag jetzt bloß nicht Arbona. Ich weiß selbst, wo ich dich gefunden habe«, setzt Anna belustigt nach und ignoriert damit besonders meinen letzten Satz ganz geschickt.

»Du wirst es mir nicht glauben, aber ich weiß es nicht. Ich kann dir weder sagen, woher ich komme, noch wer meine Eltern sind«, versuche ich meine wirren Gedanken zu ordnen. »Ich kann mich bloß an Arbona erinnern. Man nannte mich aber auch einmal ›Marcus aus dem Albgau‹. Damit konnte ich noch weniger anfangen.« Wir schweigen uns an. Nun hält sie mich wohl endgültig für verrückt.

Doch dann beginnt Anna zu erzählen: »Es ist wohl einfach zu viel passiert in den letzten Tagen. Meine Erinnerungen sind wie von einem dunklen Schatten überzogen.«

»Und deine Geschichte als Magd des Wolfbert?«, frage ich vorsichtig.

Anna möchte antworten, hält dann kurz inne und versucht es erneut: »Nicht alles war erfunden.« Dachte ich es mir doch. »Tatsächlich verbrachte ich einige Zeit am Hof des Wolfbert, doch ist alles, was vorher passierte, nicht von Belang.« Ich beobachte sie stirnrunzelnd. Schließlich ringt sie sich zu einer Erklärung durch: »Meine Eltern habe ich nie kennengelernt. Stattdessen wuchs ich am Hof eines Bauern des Wolfbert auf.« Anna hält kurz inne. Ihr tiefes Schlucken und die bebenden Lippen lassen nichts Gutes erahnen. »Der Kampf um die Herzogsherrschaft über die Alemannia hat viel Tod und Verderben über uns gebracht.« Ich blicke schweigend auf meine Füße. »Wenn wir morgen überhaupt eine Chance auf Rettung durch das Galluskloster erhoffen möchten, sollten wir jetzt schlafen«, beendet Anna unser Gespräch. Sie dreht sich leicht mit dem Rücken zu mir, sodass ich nicht anders kann, als meinen Arm um sie zu legen. Für einen kurzen Augenblick vergesse ich die Gefahr und bin einfach nur froh, dass das Schicksal uns zusammengeführt hat. Gemeinsam schlafen wir ein.

Cap. IV

Freitag, 28. April 926

Ein unsäglicher Schmerz durchfährt meine rechte Schulter, sodass ich hochschnelle und sogleich die Kraft aus meinem Körper schwindet. »Runter!« Anna reißt mich zur Seite und drückt mich hinter einem Busch zu Boden. Ihre Hand presst sie auf meinen schmerzverzerrten Mund, sodass ich keinen Laut mehr herauskriege. In der Ferne ertönt ein schriller Pfiff, der von lautem Hufgetrappel beantwortet wird. »Er zieht sich zurück. Was für ein Glück! Nach den zwei Spähern heute Morgen, die unser Nachtversteck, ohne Verdacht zu schöpfen, passiert haben, habe ich nicht mit einem dritten gerechnet. Schön, dass du auch endlich wach bist. Da hatten wir echt noch einmal Glück«, flüstert mir Anna zu, doch sind die letzten Silben nur noch als unverständliches Glucksen zu verstehen. Das Glück hat sich gerade etwas relativiert. Ein dicht befiederter Pfeil steckt in meiner Schulter.

»Warum kommt er nicht zurück und erledigt mich endgültig«, stöhne ich mit bleichem Gesicht.

»Halte still«, befiehlt mir Anna, die ihre Stimme mittlerweile wiedergefunden hat. »Du blutest zum Glück nur schwach, doch kann ich den Pfeil nicht entfernen, ohne dass du zu viel Blut verlierst. Du musst ruhig bleiben.« Wie soll ich denn jetzt ruhig bleiben? Ich wurde grade von einem dieser berittenen Bastarde wie Wild erlegt. Kraftvoll drückt sie mir ein Bündel aus Moos und einem Stück Holz auf den Teil der Wunde, der von der Pfeilspitze neben der eigentlichen Einschussstelle zusätzlich aufgerissen wurde. Ich reiße den Mund auf zum Schrei, übergebe mich vor Schmerz aber ins dichte Unterholz des Waldes. Mit einem Stück ihres Leinengewandes legt Anna einen straff gezogenen Druckverband über meine verletzte Schulter. »Ich habe den Pfeil etwas stabilisiert. Der Verband sollte verhindern, dass zu viel Schmutz in die Wunde kommt. Jemand mit Erfahrung sollte sich das anschauen. Ich wage nicht, den Pfeil selbst zu entfernen.«

Einige Minuten bleiben wir beide an Ort und Stelle liegen. Momente der Ruhe, die ich bitter nötig habe. »Sie sind wohl endgültig weitergezogen. Wahrscheinlich halten sie dich ohnehin für tot. Für einzelne Personen scheinen sie sich nicht sonderlich Zeit zu nehmen. Die sind auf unbewachte Höfe, schwach befestigte Siedlungen und schnelle Beute aus.«

Langsam kehren meine Sinne zurück, doch wage ich nicht, mich zu bewegen. Ein stechender Schmerz durchfährt mich beinahe bei jedem Herzschlag. Doch steigt mir ein unangenehmer Geruch in die Nase: »Riechst du das?«

»Na, dein Erbrochenes ist es jedenfalls nicht«, entgegnet Anna, die – aufgeputscht vom Schrecken – schon wieder zu ersten Scherzen aufgelegt ist. »Aber ich weiß, was du meinst. In der Nähe brennt es wohl. Diese Richtung.« Sie weist mit ihrer Hand in irgendeine Richtung, doch kann ich weder erklären, woher sie das nun wieder weiß, noch ob es wirklich eine gute Idee ist, sich in Kriegszeiten einem Brandherd zu nähern.

»Aber Feuer ist im Moment gleichbedeutend mit der Präsenz ungrischer Krieger.«

Während sie mir beim Aufstehen hilft, entgegnet Anna harsch: »Was sollen wir sonst tun? Wir müssen schnellst möglich deine Wunde versorgen. Zurück zum Kastell können wir nicht. Die erwarten uns sicher. Und wer weiß, was Strello dem Tribun alles über unseren Verbleib erzählt hat.«

Wir kämpfen uns durch den fast undurchdringlichen Wald und nähern uns einer Lichtung. Hätten wir bloß eines der Schwerter der gestern getöteten Feinde mitgenommen. Anna lässt mich an einen Baum gelehnt zurück und sondiert die Lage. Mitten auf der Lichtung steht ein stattliches Gehöft in Flammen. Die Tiere wurden bestimmt schon alle weggeführt und die Menschen getötet oder versklavt. Hat der Späher deshalb von mir abgelassen? Der hat sich bestimmt lieber auf die schon fast offen dargebotene Beute gestürzt. Außer dem römischen Kastell sind mir kaum irgendwelche Befestigungsmaßnahmen aufgefallen. Ein wahres Freudenfest für eine solche Horde auf Raubzug.

»Bitte helft uns«, höre ich plötzlich eine zittrige Stimme von hinten. Ich versuche, den Kopf zu drehen, und blicke in die verschmutzten kleinen Gesichter zweier Kinder.

»Wer seid ihr? Was ist hier passiert?« Offenbar handelt es sich um die zwei Söhne des Bauern, der einst diesen Hof bewirtschaftet hat. Die beiden blicken sich ängstlich um und erklären sich mir mit wenigen Worten. Der Ältere, Liubman, ist nur wenige Jahre jünger als ich, der Jüngere, Jacob, zählt in etwa die Hälfte meiner Lebensjahre. Ich mustere die beiden, pfeife dann laut, um Anna zurückzurufen, und bitte den Älteren um Aufklärung. Ihre Mutter weilt anscheinend schon länger nicht mehr unter den Lebenden, während ihr Vater vor zwei Tagen losgezogen ist, um beim Abt von Sankt Gallen wegen der drohenden Gefahr um Hilfe zu bitten. Heute Morgen seien plötzlich vier Reiter aufgetaucht. Sie hätten gerade noch aus dem Haus in den Wald rennen können, während der Knecht ihres Vaters auf der Stelle niedergestreckt worden sei.

»Er liegt hinter der Scheune«, bestätigt Anna, die soeben zu uns zurückgekehrt ist. »Wir haben leider nicht die Zeit, ihn ordentlich zu begraben. Du musst versorgt werden, und es könnten jederzeit weitere Reiter auftauchen.«

»Lasst uns nicht zurück«, beginnt plötzlich Jacob zu wimmern, und Liubman fügt, an Anna gewandt, hinzu:

»Wir können euch helfen. Mit dem Pfeil da kommt er nicht weit. Der Abt des Gallusklosters muss ganz in der Nähe sein. Er soll unten an der Sitteruna eine kleine Befestigung errichtet haben. Unser Vater wollte uns holen kommen, sobald er sich dessen sicher war. Ich kann euch dorthin führen.« Was bleibt uns anderes übrig?

Während Stunden kämpfen wir uns nun schon durch den dichten Wald. Ich muss meine letzten Kräfte mobilisieren, der Schmerz ist schier unerträglich geworden. Plötzlich hören wir vor uns Schritte und das Knacken von Ästen. »Noch mehr Späher?«, flüstert mir Anna zu. Doch das konnten keine Ungrer sein, dann wären wir längst tot.

Vor uns treten drei Mönche, zwei mit übermannsgroßen Stöcken, der dritte mit einem einfachen Jagdbogen und eingenocktem Pfeil. »Wer seid ihr? Woher kommt ihr? Was glaubt ihr, auf der terra sancti Galli zu finden?« Wir erklären uns hastig, froh, den Vertretern des heiligen Gallus begegnet zu sein, und sichtlich erleichtert, dass der zittrige Mönch mit dem Bogen endlich den Pfeil zurück in den Köcher steckt. Die Mönche, die zur Nahrungsbeschaffung ausgeschickt wurden, führen uns in ihr Refugium an der Sitteruna.

Schon während des Aufstiegs zum Torverhau hören wir eine halb belustigte, halb besorgte Stimme rufen: »Dachtet ihr, wenn es schon keine Nahrung mehr gibt, bringen wir stattdessen einige weitere hungrige Mäuler mit?« Ein respekteinflößender Mann von 30 bis 40 Jahren mit Kutte und Tonsur tritt vor das Tor hinaus. Sein Blick wird sogleich milder, als er die zwei Jungen in unserem Gefolge entdeckt. Er stellt sich uns als Dekan der Gemeinschaft des heiligen Gallus vor und führt uns hinein in die – wie er es nennt – »Burg«. Nun ja, Burg ist übertrieben. Arbon ist eine Burg, aber wir wollen die unerwarteten Gastgeber nicht schon bei unserer Ankunft beleidigen.

Stattdessen fragt ihn Anna besorgt: »Sind wir hier sicher?«

Bevor der Dekan antworten kann, hören wir eine andere Stimme: »Locus a Deo oblatus.«

»Eine Stelle wie von Gott dargeboten«, versuche ich mit inzwischen leiser und schwacher Stimme Anna die Aussage zu übersetzen, die von einem Mann kam, vor dem selbst der Dekan ehrerbietig einen Schritt zurücktrat.

»Der junge Herr spricht Latein. Welchem Konvent gehörst du an?« Bevor ich darauf reagieren kann, sacke ich zu Boden, und alles wird schwarz.

»Haltet ihn so fest ihr könnt!« Ich spüre, wie ich an Armen und Beinen mit festem Griff zu Boden gedrückt werde. Alles ist verschwommen. Ich kann weder einordnen, wo ich bin, noch was gerade vor sich geht. Wer sind all die Menschen um mich herum?

Da spüre ich eine warme Hand sanft über meine Stirn streicheln. »Sei jetzt stark, ich bin hier. Ich bleibe an deiner Seite«, höre ich Annas sanfte Stimme, während ich im schummrigen Licht ein glühendes Licht aufblitzen sehe.

»Jetzt!« Das Glühen verschwindet aus meinem Blickwinkel, und in meine rechte Schulter bohrt sich ein stechender Schmerz. Erneut verdunkelt sich alles.

Ich glühe und friere zugleich am ganzen Körper. Beim Versuch, mich wegzudrehen, schaffe ich es bloß, den Kopf hin und her zu werfen. »Alles ist gut. Bleib ganz ruhig. Ich bin da.« Annas Stimme gibt mir die nötige Zuversicht, dass wirklich alles in Ordnung ist. Mit einem kalten, nassen Tuch wischt sie mir den Schweiß aus dem Gesicht. Ich habe keine Vorstellung davon, wie lange ich schon hier liege oder wo ich bin. Zudem fehlt mir die Kraft, Anna zu fragen. Immer wieder schlafe ich ein und höre aus weiter Ferne besorgte Stimmen und Gespräche. Und immer wieder spüre ich Annas umsorgende Wärme und höre ihre Stimme. Alles ist gut.

»Was ist mit meinem Arm?«, vermag ich einmal, Anna zu fragen.

»Der Pfeil konnte entfernt werden, doch die starke Blutung musste sofort gestoppt werden. Der Infirmar hat deine Wunde mit einem glühenden Eisen ausgebrannt. Du wirst wieder gesund.« Anna flößt mir etwas Haferbrei und verdünnte Cervisa ein. Alles wird gut.

Dazwischen plagen mich wilde Träume. Vieles davon erscheint mir so wirr, dass ich mit einem Schrei aufschrecke. Einmal befinde ich mich wieder auf den Mauern in Arbona. Ich wandle durch Dörfer voller Blut und Feuer. Ich falle in ein schwarzes Nichts und warte auf den Aufprall, doch nie erreiche ich den Grund. Ein weißes Pferd bäumt sich vor mir auf. Hunderte Pfeile verbergen das Licht der Sonne. Und Anna. Immer wieder sehe ich Anna. Sie streichelt mein Gesicht. Einsam steht sie im finsteren Wald, in ihrer Hand ein rotes Stück Stoff. Um den Hals trägt sie ein merkwürdiges längliches Stück Knochen. Vertraute Gesichter blicken mich an. Immer wieder ist es derselbe Mann, dieselbe Frau. Ich kenne sie, aber woher? Dann plötzlich treibe ich einsam auf einem See. Das Ufer rundherum glüht. Es gibt kein Entkommen. Anna entfernt sich von mir. Ihr dunkles Haar fällt ihr in den Nacken. Fest umklammere ich mein Schwert. Überall stehen pferdeköpfige Gestalten. Aus der Ferne höre ich Annas Schreie. Ich kann nichts tun. Ich bin gefangen. Immer wieder schrecke ich hoch, mal ist es hell, mal ist es dunkel. Doch immer ist sie bei mir, hält meine Hand, hält meinen Kopf, tröstet mich. Alles wird besser.

Cap. V

Montag, 1. Mai 926

Ich blicke auf und sehe in die tiefblauen Augen derjenigen Person, die ich in diesem Moment an meiner Seite haben wollte. »Na, gut geschlafen?« Um Annas Mundwinkel kräuselt sich ein Lächeln. Sie selbst scheint erschöpft und besorgt, will sich aber offenbar nichts anmerken lassen.

Das Strahlen ihres wundervollen schmalen Gesichts lässt Wärme in mir hochsteigen: »Wie lange liege ich schon hier?«

»Wir sind vor drei Tagen hier angekommen, du hattest Fieber.« Ich versuche, mich von meinem Bettlager aufzurichten, doch sogleich durchfährt ein stechender Schmerz meine Schulter bis in die Brust. Augenblicklich lasse ich mich zurück aufs feuchte Moos und Stroh zurückfallen, wobei mir auffällt, dass ich nun in einem einfachen Hemd aus Hanf stecke. »Keine Sorge, die Mönche haben dir das übergezogen«, fällt mir Anna in die Gedanken. Mein Blick verriet offenbar mehr Unbehagen, als ich wollte. »Das neue Hemd hat leider nichts an deinem Gestank geändert. Ich helfe dir hoch«, spottet Anna mit gerümpfter Nase. Vorbei am steinernen Gebetshaus und dem Lager der Bediensteten des Abtes gehen wir langsam hinab in den unteren Teil der Befestigung, wo gerade drei Mönche mit der Hilfe der zwei Jungen, die uns vom abgebrannten Gehöft hierher geführt haben, einen Brunnenschacht ausheben. Jacob, der jüngere von beiden, winkt mir im Vorbeigehen fröhlich zu, bis er sich unter dem strengen Blick seines Bruders wieder seiner Arbeit widmet.

»Bis die Brunnen fertig sind, müssen wir wohl das Risiko auf uns nehmen, den sicheren Hafen des heiligen Gallus zu verlassen«, spöttelt Anna leise in meine Richtung. »Der Fluss ist mir ohnehin lieber. Seit du fiebernd auf deinem Bett lagst, habe ich nichts anderes mehr getan, als Essen zu holen. Dein Blut klebt wahrscheinlich immer noch an mir. Ich muss mich waschen.« Nur zu gerne würde ich ihr sagen, wie wunderschön sie aussieht. Ein Engel, der zwei Tage und Nächte über mich gewacht hat. »Wir wollen zum Fluss!«, ruft Anna, als wir uns dem südlichen Wallabschnitt nähern.

»Auf eure eigene Verantwortung«, hören wir hinter uns die gewohnt strenge Stimme des Dekans, »außerhalb der Wälle können wir euch nicht mehr beschützen. Öffnet das Tor!«

»Schnell, bevor er seine Meinung ändert«, zischt Anna in mein Ohr und drängt mich vorwärts. Die Bäume sind zur Errichtung der kleinen Festung und der zahlreichen Annäherungshindernisse in der ganzen Flussschleife gefällt worden. Flink eilt Anna Richtung Fluss. Am Rand der äußersten Biegung des Flusses entdecken wir einige niedrige Büsche, die uns vor den Blicken der Wachen auf dem Wall verbergen dürften. Das Flussbett ist jetzt im Frühling wegen der Schneeschmelze wohl breiter als sonst. Also dürfte der Randbereich hoffentlich eine Sandbank mit langsam fließendem Wasser bereithalten. Ich begebe mich langsam in das etwas breitere und flachere Wasser des Flusses, während Anna das tiefere Wasser der Flussbiegung bevorzugt.

»Lass dich bloß nicht mitreißen!«, rufe ich ihr noch durch die Büsche hinterher, welche uns im Uferbereich die Sicht nehmen. Auf beiden Knien im Wasser schöpfe ich mit meinen Händen Wasser aus dem Fluss und möchte das kühle Nass über mein Gesicht gießen. Doch der pochende Schmerz in meiner linken Schulter lässt mich schnell davon absehen, sodass ich mich entschließe, einfach meinen ganzen Kopf unterzutauchen. Was für ein Segen! Am liebsten würde ich gleich ganz ins Wasser springen, doch weiß ich nicht, ob ich mich notfalls wieder allein aus dem Fluss würde schleppen können. Anna möchte ich nicht schon wieder um Hilfe bitten. Sie hat schon zu viel für mich getan.

Ich wasche mich mehr schlecht als recht und klettere dann etwas unbeholfen einige Meter den kleinen Abhang hoch, um mich auszuruhen. Als ich mich zum Setzen umdrehe, stockt mir der Atem. Nun etwas erhöht sitzend, fällt mein Blick durch die Büsche auf Anna. Anders als ich traut sie sich an die tiefen Stellen, wofür sie sich ihr Leinengewand abgestreift hat. Sie steht nackt und mit dem Rücken zu mir bereits knietief im Wasser. Mein Blick wandert ihre schlanken Beine hoch zu ihrem festen Hintern, weiter über ihre schmale Taille bis zum Nacken, der zur Hälfte von ihrem langen dunkelbraunen Haar verdeckt wird. Ich bewundere ihre schneeweiße zarte Haut, welche die nun hervorkommenden Sonnenstrahlen beinahe einzusaugen scheint. Was für ein perfektes Wesen. Vorsichtig lässt sie sich ins eiskalte Wasser der Sitteruna gleiten, was ihren Körper kurz zusammenzucken lässt. Erst macht sie einen, dann einen weiteren Schwimmzug, bevor sie vollständig untertaucht. Dann dreht sie sich auf den Rücken und lässt sich kurz von der Strömung treiben. Ihre kleinen weißen Brüste scheinen kaum weiter aus dem Wasser zu ragen als ihr flacher Bauch und werden in regelmäßigen Abständen von den kleinen Strudeln des Flusses umspült. Völlig gebannt sitze ich hinter den Büschen und vermag kaum zu atmen. Alles fühlt sich schwer an. Mein Puls rast. Was tue ich da nur? Ich möchte mich abwenden, doch gelingt es mir nicht. Mittlerweile ist sie wieder untergetaucht und kommt einige Meter flussabwärts langsam ans Ufer des Flusses, wo sie sich aufrichtet und sich mir ihre ganze Vollkommenheit offenbart. So schnell hätte ich sie nicht zurück am Ufer erwartet, woraufhin ich mich augenblicklich zur Seite drehen möchte. Doch scheint mein Körper nicht ganz gehorchen zu wollen, und gerade, als ich ihren Blick langsam die Böschung hochwandern sehe, wird alles schwarz.

Ich öffne die Augen, und erneut erwartet mich ein Augenpaar. Doch ist es diesmal jenes von Jacob. »Er ist wach!«, höre ich seine Stimme dumpf aus der Ferne, obwohl er doch ganz offensichtlich über mir kniet. Sein Gesicht verschwindet aus meinem Blickfeld, und stattdessen erscheint Annas besorgter Blick.

»Kannst du aufstehen? Wir sind schon viel zu lange außerhalb des Walls.« Ihre Stimme klingt nun viel klarer, und mir schießen urplötzlich die letzten Erinnerungen vor der Ohnmacht ins Bewusstsein.

»Ich … ich …«

»Keine Zeit!«, schneidet mir Anna das Wort ab. Mittlerweile trägt sie wieder ihr Leinengewand. »Die Späher berichten von einer Gruppe Ungrer, die hierher unterwegs sind.« Zusammen mit Jacob gelingt es Anna, mich hochzuziehen, und plötzlich spüre ich die Kraft zurückkommen. Wir begeben uns zurück zum Tor, und ich versuche, das Thema in eine andere Richtung zu lenken.

»Was machst du hier draußen?«, richte ich meinen Blick nun auf Jacob, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Doch nun spüre ich sein Unbehagen und verstärke den Druck meiner Hand auf seiner Schulter, mit der er mich zu stützen versucht. »Jacob?«

»Ich wäre doch nicht gegangen, ohne euch Lebwohl zu sagen!«

»Gehen? Du wolltest von hier weg?«

Jacob wird schlagartig klar, dass wir wohl nicht im Traum auf diese Idee gekommen wären, und bereut seine vorschnelle Antwort. Er versucht, sich zu rechtfertigen, und berichtet von einer Gruppe Flüchtlinge, welche ebenfalls in der Burg der Mönche Schutz gefunden hat. Diese erzählten ihm von einer Handvoll Bauern, welche den Ungrern heimlich nachsetzen, um sich ihre gefangenen Angehörigen zurückzuholen, vielleicht auch nur, um sich an diesen Unheilbringern zu rächen. »Bestimmt ist mein Vater einer dieser Männer. Er ist so mutig!«

»Und du wolltest ganz allein und ohne Orientierungsmöglichkeiten durch den Wald streifen?«

Etwas ungläubig guckt mich Jacob von unten an: »Natürlich nicht! Ich wollte zu dem Floß, das ich gestern weiter flussabwärts entdeckt habe. Vater hat uns immer wieder eingeschärft, stets den Flüssen zu folgen, um nicht verloren zu gehen. Doch dann habe ich dich hier unten sitzen und aufs Wasser glotzen sehen und habe mich nicht weiter vorgewagt. Und dann bist du plötzlich umgekippt. Was hast du denn da unten gemacht?«

Damit wären wir also doch wieder bei dem Thema, von dem ich eigentlich ablenken wollte. Abwehrend entgegne ich: »Na, jedenfalls wollte ich mich nicht ohne Abschied aus dem Staub machen!«

Im Tordurchgang werden wir bereits ungeduldig von einem Mönch erwartet: »Was, bei Gallus und Otmar, habt ihr euch eigentlich dabei gedacht? Schnell, folgt mir.« Wir hören, wie der hölzerne Verhau, der im südlichen Abschnitt als eine Art Tor dient, erneut vorgeschoben und verankert wird. Mit schnellen Schritten, die mich beinahe erneut zusammenbrechen lassen, führt uns der etwas zu kurz geratene Mönch in den höher gelegenen Teil der Befestigung hinter das Gebetshaus. »Was war los mit ihm?« Verwirrt blicke ich auf und frage mich, warum er nicht gleich mit mir spricht.

Bevor ich reagieren kann, erwidert Anna: »Seine Wunde ist erneut aufgegangen. Ich konnte die Blutung stoppen und habe die Wunde notdürftig mit einem Stück Leinen verbunden.« Mein Blick wandert nach links, und tatsächlich entdecke ich dort frisches Blut an meinem Hemd. »Und, Bruder Infirmar –«, Anna zögert, »seine Wunde hat angefangen zu eitern.« Besorgt mustert mich der kleine Mann, der offenbar nicht einfach nur Mönch, sondern wohl gar der Sankt Gallener Klosterarzt ist. Er muss mich bereits bei unserem Eintreffen versorgt haben.

»Für ein erneutes Ausbrennen der Wunde ist es bereits zu spät. Die Öffnung beginnt, sich zu entzünden. Das Fleisch beginnt zu faulen. Ich sehe das nicht zum ersten Mal. Wenn nicht bald etwas geschieht, stirbt er.« Erneut erstarre ich zu Eis. Aber dieses Mal liegt es nicht an Anna; vielmehr ist es der blanke Horror, der mich mit offenem Mund und leerem Blick langsam zu Boden sinken lässt.

»Gibt es nichts, was ihr tun könnt?« Annas Stimme klingt nun bei Weitem nicht mehr so ruhig, wie ich es von ihr kenne.

»Das übersteigt meine Fähigkeiten und mein Wissen. Zudem fehlen mir hier draußen sämtliche Mittel.« Der Infirmar hält kurz inne und fährt dann fort: »Es sei denn …«, er schüttelt den Kopf, »nein, das schafft er nie.«

»Bitte sprecht!« Anna ist näher zum Mönch gerückt. Ihre Hände zittern.

»Es sei denn, ihr schafft es, den Infirmar unserer Brüder in Seckinga um Hilfe zu bitten. Ein weit gereister Mann, der einst bei den Sachsen auf der anderen Seite des Meeres, fernab vom Reich der Francen in den Diensten des großen Königs Alfred stand. Ich habe gesehen, wie er einst einen übelriechenden faulenden Fuß mit dem bloßen Auftragen einer geheimen Salbe geheilt hat. Das übersteigt meine Fähigkeiten bei Weitem. Ich kann lediglich etwas zur Schmerzlinderung beitragen und hoffen, dass der Faulungsprozess damit etwas aufgehalten wird«, ergänzt der Infirmar und reicht mir dabei ein kleines Tontöpfchen mit einer cremigen Substanz.

»Was ist das?«

»Das ist eine Salbe, die ich vor wenigen Tagen aus der Wallwurz, die hier unten am Ufer der Sitteruna wächst, hergestellt habe. Viel ist nach deiner Ankunft jedoch nicht mehr übrig geblieben. Hätte ich bloß meine Kräuter aus dem Infirmarium im Kloster.« Vorsichtig hilft mir Anna, etwas von der Salbe auf die Wunde aufzutragen, die nach anfänglichem Brennen schon nach kurzer Zeit meine Schmerzen etwas lindert.

»Wie kommen wir am schnellsten nach Seckinga?« Annas Tatendrang ist ansteckend, doch vermag ich gerade nicht klar genug zu denken.

Der Infirmar schüttelt nachdenklich den Kopf. »Das schafft ihr nie! Unser junger Freund ist viel zu schwach. Abgesehen davon: Woher wollt ihr wissen, dass Seckinga nicht ebenfalls schon von den Ungrern heimgesucht wurde?«

Während unseres Gesprächs eilen immer mehr Klosterbrüder hoch zum nördlichen Tor. Als das Stimmengewirr immer lauter wird, beschließen wir, uns den anderen anzuschließen, und begeben uns in den höher gelegenen Abschnitt der Burg. »Das ist unmöglich! Man hat uns gesagt, er sei tot.« Nicht nur dem Infirmar ist das Erstaunen ins Gesicht geschrieben.

»Bruder Heribald, du lebst!« Eine etwas dümmlich wirkende Person mit verwirrtem Blick kommt gerade durch das nördliche Tor geschritten. In seinen Armen hält er ein kleines Weinfässchen, und an der Kordel seines Mönchsgewands hängen einige kleine Beutel. Nun ist tragen etwas untertrieben. Vielmehr umklammert er dieses Fässchen, als wäre es sein Erstgeborener, was bei einem Mönch nun doch ein leicht ungeschickter Vergleich ist.

Der Infirmar ist stehen geblieben, doch Heribald, der ihn in der Menge offenbar sogleich erkannt hat, geht geradewegs auf diesen zu. »Wie geht es dir? Wie hast du es hierher geschafft? Was ist geschehen?«

Als hätte er gar nicht zugehört, versucht Heribald, einen der Beutel von seiner Kordel zu lösen, ohne sich dabei vom Fässchen zu trennen. Als dies endlich gelingt, schleudert er dem Infirmar das kleine Beutelchen vor die Füße und klagt: »Die sind völlig nutzlos! Ich wollte den Wein für unsere fremdländischen Brüder etwas schmackhafter machen. Die habe ich bei deinen Sachen gefunden.« Heribald deutet auf den kleinen Beutel im Dreck. »Hat ihnen nicht geschmeckt. Mir war’s auch zu bitter.«

Der Infirmar beugt sich hinab zum Beutel, hebt ihn hoch und begutachtet seinen Inhalt: »Das sind auch keine Gewürze, sondern Heilkräuter!« Er dreht sich zu uns um und strahlt: »Hier drin sind auch Blüten der Johannisblume! Die werden euch helfen.« Wieder an Heribald gewandt, ergänzt er: »Nur gut, hast du nichts davon getrunken. Das wäre dir gar nicht gut bekommen. Du hast doch nichts davon in den Wein gemischt?«

»Bei allen Heiligen! Unseren Gästen habe ich davon gegeben. Was passiert jetzt mit ihnen? Ich muss schnell zurück und sie warnen!«

»Das sind nicht unsere Gäste, und keinesfalls gehst du auch nur einen Schritt zurück!«

Der Dekan drängt sich nach vorne, legt seinen Arm um Heribald und führt ihn fort, weg von der Menge. »Geht wieder an die Arbeit, Brüder!«

Der Infirmar eilt mit dem Kräuterbeutel davon. Wir können ihm kaum folgen. Aus einem Topf, worin gerade die Überreste eines der letzten mitgeführten Schweine ausgekocht werden, schöpft er mehrmals die obenauf schwimmende Fettschicht ab und sammelt den trüben, dickflüssigen Saft in einem kleinen Töpfchen. Zurück bei unserem Schlafplatz der letzten Nächte, der sich gerade als mobile Krankenstatt des Infirmars herausstellt, erhitzt dieser das Schweinefett auf kleinem Feuer, zerpflückt die Blüten aus Heribalds Beutel und gibt sie ins kochende Fett.

»Was wird das, wenn es fertig ist?«

»Eine schmerzlindernde Salbe«, kommt Anna dem Infirmar zuvor und zwinkert mir dabei stolz lächelnd zu.

»Sehr gut, junge Dame. Ihr kennt euch aus. Sobald das Gemisch ausgekühlt ist, können wir es durch diesen Leinenbeutel abtropfen lassen.« Der Infirmar hält einen kleinen Beutel hoch und versichert mir, dass die schmerzstillende Wirkung ein gemächliches Reisen zulassen wird. »Bis morgen früh sollte die Tinktur ausreichend eingedickt sein.«

Urplötzlich zerreißen angsterfüllte Stimmen und Rufe die Ruhe der sich senkenden Abenddämmerung: »Seht dort! Rauch!«

»Herr im Himmel, unser Kloster! Es steht in Flammen!« Entsetzt wenden sich alle Blicke in die Richtung, in der das Kloster des heiligen Gallus zu stehen scheint, und tatsächlich erheben sich gleich mehrere schwarze Rauchsäulen gen Himmel. Aufgrund der fortgeschrittenen Dämmerung wären diese nicht mehr ohne Weiteres zu entdecken gewesen, hätte nicht ein fernes Glimmen das aufziehende Übel angekündigt. Und das Übel war nah.

»Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hatte einen Bogen; und ihm ward gegeben eine Krone, und er zog aus sieghaft, und dass er siegte.« Ich drehe mich um und erblicke einen hochgewachsenen Mann. Mit entschlossenen Schritten marschiert er an uns vorbei zum unteren Abschnitt der Befestigung. Sein Blick ist fest auf eine Stelle am anderen Ufer der Sitteruna gerichtet. Seiner Tonsur und dem Mönchsgewand nach zu urteilen, gehört er wohl ebenfalls zu den Mönchen. Erst das große hölzerne Kreuz um seinen Hals lässt mich ihn als den Abt erkennen. An seiner linken Seite hängt ein beeindruckendes Langschwert mit edel verziertem Knauf, und am Hals ragt ein Kragen aus feinen Eisenringen unter der Mönchskutte hervor. Plötzlich bleibt der Abt stehen und zeigt nun in jene Richtung, die er gerade so konzentriert beobachtet hatte. Ich folge seinem Blick und sehe ein weißes Pferd, und der, der darauf sitzt, hat einen Bogen. Sie haben uns gefunden.

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22 dekabr 2023
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