Kitabı oxu: «Nibelungenweg»

Şrift:

Rainer Schöffl

Nibelungenweg

Eine Wanderung von Xanten nach Esztergom

Reiseerzählung

Verlag Josefine Rosalski, Berlin 2013

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Rainer Schöffl, Nibelungenweg. Eine Wanderung von Xanten nach Esztergom

Literaturverlag Josefine Rosalski, Berlin 2013

1. Auflage 2013, © edition ♦ karo

Literaturverlag Josefine Rosalski, Berlin

www.edition-karo.de, alle Rechte vorbehalten

Umschlagfoto außen: Nibelungendenkmal zu Tulln

Alle Fotos: © Rainer Schöffl

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

ISBN 9783937881287

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Das Nibelungenlied als Wanderführer

Die Rheingold-Etappe

Durch das Niederrheinische nach Köln

Auf dem Rheinhöhenweg nach Bingen

Durch Weinberge nach Worms

Die Kaplan-Etappe

Durch den Odenwald zum Kocher

Ochsenstraßen und Rätischer Limes

Auf Römerstraßen zur Donau

Die Donau-Etappe

Niederbayern und die Donausteig-Südroute

Durch den Strudengau und Nibelungengau

Der Dunkelsteiner Wald und das Tullner Becken

Die pannonische Etappe

Von Wien nach Ungarn

Über die Szigetköz und das Gerecse-Gebirge

Literatur

Das Nibelungenlied als Wanderführer

Uns ist in alten maeren wunders vil geseit

von helden lobebaeren, von grôzer arebeit,

von froeuden hôchgezîten, von weinen und von klagen,

von kuener recken strîten muget ir nu wunder hoeren sagen.

Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit

von preiswerten Helden, von großer Kühnheit,

von Freud und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,

von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen

So beginnt das Nibelungenlied, im 19. Jahrhundert zum Nationalepos der Deutschen erhoben.

Als ich den Entschluss fasste, den Weg der Nibelungen nachzuwandern, kannte ich zwar die Geschichte von Siegfried, Kriemhild und den Nibelungen, aber Einzelheiten über deren Route zu Attilas Burg in Ungarn wusste ich nicht. Deshalb begann ich mich in die Literatur des Nibelungenlieds einzuarbeiten.

Es mangelt beileibe nicht an Beiträgen zum Nibelungenlied: Historiker haben versucht, es in einen geschichtlichen Zusammenhang zu bringen, Dichter haben es zu Romanen verarbeitet und Richard Wagner hat daraus die bombastische Operntetralogie Der Ring des Nibelungen geschaffen.

Das Nibelungenlied wurde von Kaiser Wilhelm II. und seinen Zeitgenossen sowie anschließend in der Weimarer Republik ideologisch missbraucht, und es wundert nicht, dass die Führer Nazideutschlands genauso gehandelt haben. Dabei hat sich Hermann Göring besonders hervorgetan. Kurz vor Kriegsende gab es dann, gewissermaßen als letztes Aufgebot, eine SS-Panzer-Grenadier-Division namens Nibelungen, die ihrer Vernichtung nur durch Kapitulation entging. Nicht vergessen sollte man das Führerhauptquartier Siegfried (vorher Hagen) in Pullach bei München, dem späteren Sitz des Bundesnachrichtendienstes.

Als Wanderführer scheint das Nibelungenlied bislang nicht gedient zu haben. Zwar hat schon 1929 Robert Sommer das Buch Die Nibelungenwege von Worms über Wien zur Etzelburg herausgebracht, dessen dritten Teil er als Wanderbuch bezeichnet. Er untersucht in diesem Buch im Detail die mögliche Route der Nibelungen auf der Basis topografischer Gegebenheiten, von Römerstraßen und sogenannten Rennwegen, die früher durch Deutschland verliefen. Aber der Autor schreibt, dass die Entfernungen für eine Wanderung zu groß seien und empfiehlt deshalb die Benutzung der Eisenbahn oder der Kraftpost (seinerzeit die Buslinie der Post). Das Kulturgeschichtliche Wanderbuch Die Nibelungenstraße von Oskar Vinzenz Ludwig aus dem Jahre 1927 beschränkt sich auf die Orte und Sehenswürdigkeiten entlang der Donau zwischen Passau und Hainburg und enthält keine Aussagen zur Route der Nibelungen. Julius Kolb beschreibt in seinem Buch Vom Rhein zur Donau. Auf den Spuren der Nibelungen die im Nibelungenlied erwähnten Orte und gibt an, auf welcher Autobahn oder Bundesstraße man am besten dorthin kommt. Für meinen Zweck, den Weg der Nibelungen, so wie im Nibelungenlied beschrieben, entlang zu wandern, konnte ich daraus keine nützlichen Informationen gewinnen. Ich habe deshalb zunächst zahlreiche Nibelungenbücher gelesen (einige davon sind im Literaturverzeichnis aufgeführt), aber es hätte eigentlich genügt, nur die Simrock’sche Übersetzung zu studieren, um mein Vorhaben planen zu können. Obwohl die im Nibelungenlied enthaltenen Wegbeschreibungen streng betrachtet teils nicht korrekt sein können, habe ich sie wörtlich genommen. Alles andere wäre vergebliche Liebesmüh, denn die Nibelungen, die es so überhaupt nicht gegeben hat, haben ja keine Spuren hinterlassen. Will man anhand des Nibelungenlieds dem Weg der Nibelungen folgen, so ist dies ab Plattling an der Donau kein Problem. Das Nibelungenlied enthält von dort an eine recht genaue Wegbeschreibung. Ganz anders ist es hinsichtlich der Strecke zwischen Worms und der Donau. Dort weist das Nibelungenlied als Wanderführer große Lücken auf. Auch Robert Sommer konnte in seinem Buch zu diesen Streckenabschnitten keine brauchbaren Hinweise geben. Deshalb habe ich hierfür eine Route nach eigenem Gutdünken gewählt.

Das Nibelungenlied muss in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts nach Christus spielen, denn es gilt als historische Tatsache, dass König Gunther 436 (oder 437) nach Christus zusammen mit dem Großteil der Burgunden (Nibelungen) von hunnischen Hilfstruppen des römischen Heermeisters Aëtius niedergemacht wurde. Für diesen Sieg wurden allerdings nicht die Hunnen geehrt, sondern Aëtius, den Rom auf einer Bronzestatue als » … peremptisque Burgundionibus« (» … Vernichter der Burgunden«) feierte. Und der Hunnenkönig Attila (Etzel) hauchte nach der Hochzeit mit der Germanin Hildike (Ildiko) 453 nach Christus sein Leben aus. Angeblich war daran übermäßiger Alkoholgenuss in der Hochzeitsnacht schuld. Es kann aber auch ganz anders gewesen sein.

Wenn man den Weg der Nibelungen in diese Zeit verlegt, dann bleibt es nicht aus, dass man oft auf die Römer bzw. deren Hinterlassenschaften stößt. So auch bei meiner Wanderung. Dies ist der Grund dafür, dass ich mich bei den Vorbereitungen zu meinem Unterfangen auch mit Literatur über den Limes beschäftigt habe.

Wenn ich in diesem Buch auf das Nibelungenlied zu sprechen komme, dann so, als würde es sich darin um reale Personen und Ereignisse handeln. Ortsnamen verwende ich in ihrer heutigen Form. Ihre Entsprechungen im Nibelungenlied sind in Klammern wiedergegeben.

Die Rheingold-Etappe

Xanten – Köln – Koblenz – Mainz – Worms; 433 km, 17 Tage

DURCH DAS NIEDERRHEINISCHE NACH KÖLN

Nach dem Frühstück verlasse ich das Hotel »Nibelungen Hof«, in das ich mich standesgemäß einquartiert hatte, und begebe mich auf meine Nibelungenwanderung. Es ist Ostermontag und der Marktplatz von Xanten ist noch frei von Autos und fast menschenleer.

Xanten liegt weit im Westen Deutschlands, am Niederrhein, dort, wo man eigentlich schon die Holländer vermutet. Im Nibelungenlied heißt es, dass Xanten (Sántén) »im Niderlande« liegt, aber das darf nicht mit den heutigen Niederlanden verwechselt werden.

Xanten ist der Geburtsort unseres Helden und Drachentöters Siegfried. Nur – er war gar kein Burgunde, kein Nibelunge. Weshalb also meine Nibelungenwanderung in Xanten beginnen? Es ist ganz einfach: Siegfried freite erfolgreich die burgundische Königstochter Kriemhild aus Worms und kehrte mit ihr als seine Gemahlin und spätere Königin nach Xanten zurück. Jahre später reisten Siegfried und Kriemhild gewissermaßen zu einem Familientreffen nach Worms, so dass Xanten sehr wohl als Ausgangspunkt des Weges der Nibelungen gelten kann. In Worms kam es bekanntlich erst zum Streit zwischen den Königinnen und schließlich zur Ermordung Siegfrieds.

Xanten wurde im Jahre 98 nach Christus von den Römern als Colonia Ulpia Traiana, kurz »CUT«, gegründet, nachdem es dort schon seit 12 vor Christus ein römisches Militärlager namens Vetera gab. Die Besatzung von Vetera musste im Jahre 9 nach Christus einen hohen Blutzoll entrichten. Zwei der drei römischen Legionen, die in der sogenannten Varusschlacht von Cheruskern unter der Leitung von Arminius (Hermann der Cherusker) vernichtet worden waren, stammten aus Vetera. Moderne Historiker sehen in Arminius gar die Vorlage für den Sagenhelden Siegfried. Der Drache (Lindwurm) symbolisiert demnach den Heereswurm der drei Legionen des Feldherrn Varus. Siegfrieds Schwert Balmung sei gleichzusetzen mit dem hochwertigen römischen Kurzschwert, welches Arminius als römischer Präfekt und Auxiliaroffizier sicherlich auch besaß. Den Nibelungenschatz soll die Beute aus der Varusschlacht darstellen.

Mir erscheint dies ziemlich weit hergeholt, dem deutschen Fernsehen war es 2010 immerhin zwei Abendsendungen wert.

Die Stadt Xanten präsentiert heutzutage die Relikte aus der Römerzeit auf hervorragende Weise im Archäologischen Park Xanten mit dem neuen Römermuseum. Die Römer sorgten Anfang des 4. Jahrhunderts dafür, dass Xanten auch einen Märtyrer bekam, nämlich den Heiligen Viktor, zu dessen Verehrung der das Stadtbild beherrschende Dom errichtet wurde. Xantener Lokalpatrioten wollen denn auch in Viktor den Helden Siegfried erkennen, indem sie »Siegfried« aus dem Wort für »Sieger« herleiten, welcher auf Latein eben »Victor« heißt. Der Grund dafür ist verständlich, denn in Xanten deutet rein gar nichts auf Siegfried und sein Königreich hin. Lediglich die Kriemhildmühle aus dem 18. Jahrhundert hielt durch ihren Namen für lange Zeit allein die Erinnerung an Siegfried und Kriemhild wach.

Auf dieser Mühle hätte ich vor etlichen Jahren in Begleitung einer jungen Isländerin beinahe den Kopf verloren. Jedenfalls kam es uns so vor. Als wir nämlich die Windmühle außen auf der Galerie umrunden wollten, versperrte uns ein gespanntes Seil den Weiterweg. Neugierig reckten wir uns weit darüber, um zu sehen, was hinter der nächsten Ecke war und – Wusch! – rauschte ein Windmühlenflügel knapp vor unseren Köpfen vorbei. Erschrocken fuhren wir zurück, froh, dass uns das Schicksal der Nibelungen erspart geblieben war.

An der Stadtmauer neben der Kriemhildmühle zeigt eine Bronzetafel drei Szenen aus dem Nibelungenlied, offensichtlich nicht in der richtigen Reihenfolge. Aber immerhin taucht hier das Nibelungenlied erstmals auf.

Inzwischen hat sich Xanten werbewirksam der Nibelungen bemächtigt und im Herbst 2009 das Museum NIBELUNGEN[H]ORT eröffnet. Außerdem gibt es vor den Mauern der Stadt auch eine Siegfriedmühle, die aber noch nicht vollständig renoviert ist. Diese späte Erinnerung an die mythische Vergangenheit Xantens als »Siegfriedstadt« mag wohl auch an deren Verklärung in der Zeit des Nationalsozialismus liegen. Es begann 1934 mit der Ausgrabung des römischen Ruinenfeldes, der CUT-Grabung, publizistisch werbewirksam auch als »Siegfriedgrabung« bezeichnet. Während die Ausgräber um wissenschaftliche Neutralität bemüht waren, erhoffte sich das deutschtümelnde Umfeld die Aufdeckung der Burg Siegfrieds, des »Edelsitzes« von Siegfried. Als dies nicht der Fall war, kürte man gar das ausgegrabene römische Amphitheater zur »Jungsiegfried-Kampfbahn der Hitlerjugend«. Es ist nur allzu verständlich, dass sich zunächst niemand mehr mit den Nibelungen hervortun wollte.


Die Kriemhildmühle in Xanten

Das Museum NIBELUNGEN[H]ORT suchte ich am Vortag zunächst vergeblich, denn dieser Name taucht auf keinem Haus auf. Dafür sah ich an einem Gebäude in großen Lettern »Das Siegfried Museum«, und eine Schrottplastik an der Gebäudewand sollte Siegfried mit dem Drachen darstellen. Weil ich den Eingang zum Museum nicht finden konnte, fragte ich im Museumsshop nach und erfuhr, dass er hier versteckt war. Im Museum erwartete mich eine absolut sehenswerte Ausstellung. Dies ist umso bemerkenswerter, als es ja keine Hinterlassenschaften der Nibelungen gibt.

Eine Replica von Siegfrieds Schwert Balmung lieferte mir eine Vorstellung, wie dieses Sagenschwert ausgesehen haben könnte. Von der Form her war es eine Spatha, ein Langschwert, wie es schon die Kelten in vorrömischer Zeit benutzten und wie es bis ins 12. Jahrhundert in Gebrauch war. Wie Siegfrieds Schwert aussah, ist im Nibelungenlied beschrieben: ein goldener Griff und im Knauf ein Jaspis, »grüner als Gras«.

Mich interessierte im Museum aber ganz besonders die große Schautafel, welche die Schauplätze des Nibelungenlieds zeigte. Diese Schautafel gab es im Museumsshop auch als Postkarte zu kaufen. Ich erhielt sie dort als Geschenk, als ich erzählte, dass ich genau den auf der Karte gezeigten Weg gehen wollte.

Ich gehe also über den Marktplatz und dann weiter auf einer Straße, die mich Richtung Alpen führen soll. Damit sind nicht die Berge im Süden Deutschlands gemeint, sondern ein Ort am Niederrhein. Ich sehe hier auch Markierungen und Wegweiser des Europäischen Fernwanderweges und des Jakobsweges, die beide über Köln führen sollen. Da ich aber deren Verlauf nicht kenne, bleibe ich bei der von mir gewählten Route. Der einfachste Weg nach Köln und dann weiter nach Worms wäre, den Rhein entlang auf dessen Deich zu gehen. Zur Zeit der Nibelungen konnte man aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dem Verlauf des Rheins folgen, denn damals gab es noch viele tote Flussarme, und es lässt sich vermuten, dass die Flussniederung sumpfig und mit Schilf bestanden war. Deshalb entschließe ich mich für eine Route, welche dem Rhein in einem westlichen Abstand von 10 bis 15 Kilometern folgt. Damit umgehe ich später auch die größeren Städte wie Duisburg, Krefeld oder Neuss.

Hinter dem Ortsausgang von Xanten fällt mir völlig unpassend Goethes Osterspaziergang ein:

»Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,

Im Tale grünet Hoffnungsglück;

Der alte Winter, in seiner Schwäche,

Zog sich in rauhe Berge zurück […]«

Trotz Ostermontag unpassend, weil schon seit gut zwei Wochen in Deutschland sommerliche Hitze herrscht, und auch heute steigen die Temperaturen schnell auf nahezu dreißig Grad. Diese Hitze spüre ich umso mehr, weil mein Weg auf asphaltierten Radwegen durch eine Landschaft verläuft, welche keinerlei Abwechslung bietet, ausgenommen die vielen Pferde auf den Weiden. Auf einer Koppel zähle ich gar 72 Stück. Glücklicherweise ersparen mir einzelne Baumgruppen und Wäldchen oft den trostlosen Ausblick. Auch schränken vereinzelnde Hügel und Hügelketten, maximal sechzig Meter hoch, den Fernblick ein. Diese Hügel heißen hier in maßloser Übertreibung »Berg«. Zum Ausgleich werden dafür Schlösser meist nur als »Haus« bezeichnet. Vor dem Ort Alpen studiere ich das Angebot des »Hundetreff Alpen«, welches eher an das Programm eines Sportvereins erinnert. Da gibt es Vormittagsgruppen, Junghundgruppen, Sport-Spiel-Spaß, Einzeltraining, Seminarabende und vieles mehr. Alpen scheint eine sehr aktive Hundepopulation zu haben. Der Ort selbst, obwohl historisch nicht unbedeutend und wohl schon im 7. Jahrhundert existent, erweist sich als reichlich nichtssagend. Immerhin gibt es eine Eisdiele, wo ich bei Eiskaffee Pause mache.

Nach acht Stunden komme ich schließlich in Kamp-Lintfort an, wo ich mich von meinem Navi zum nächstgelegenen Hotel führen lasse. Es ist ein großes, vornehmes Haus, und die Eingangshalle glänzt durch vollkommene Leere. Erst nach einiger Zeit taucht eine verhuschte Rezeptionistin auf, die auf meinen Wunsch nach einem Zimmer hin erst umständlich lange den Computer befragt. Völlig überflüssig, wie ich am nächsten Morgen beim Frühstück feststelle, denn es gibt nur vier Gäste. Offenbar mache ich keinen zuverlässigen Eindruck, denn ich muss das Zimmer gleich bezahlen. Beim Duschen spüre ich aufkeimenden Muskelkater, und Sonnenbrand habe ich auch.

Abends ist das Hotelrestaurant recht gut besucht. Ich wähle auf der Speisekarte aus der Rubrik »Typisch Niederrhein« Welsfilet in der Senfkruste auf Kartoffelpüree mit gebratenen Apfel- und Blutwurstscheiben und roter Zwiebelmarmelade. Diese in meinen Augen unmögliche Kombination hat mich neugierig gemacht. Im Nachhinein kann ich nur hoffen, dass selbiges Rezept auch in Zukunft auf den Raum Kamp-Lintfort beschränkt bleibt oder, noch besser, ganz in Vergessenheit gerät.

Der heutige Wandertag sieht mich wieder auf schattenlosen Radwegen und Landstraßen und in gesichtslosen, backsteinbraunen Orten mit stets gleich aussehender Kirche. Nur das »Haus Eyll«, eine ehemalige Wasserburg und alter Rittersitz in idyllischer Lage, bietet etwas Abwechslung.

Als ich einmal nicht aufpasse, weiche ich vom gewählten Weg ab und gerate dadurch, welch ein Glück, zur Tönisberger Mühle. Diese Mühle ist eine Besonderheit, denn es handelt sich um eine Kastenbockmühle, bei der die gesamte Mühle passend zum Wind gedreht wird. Die meisten Windmühlen in Deutschland sind Holländermühlen, bei denen nur die Haube mit den Flügeln gedreht wird, wie zum Beispiel bei der Kriemhildmühle in Xanten.

Als ich wieder auf meiner Planroute bin und lustlos die schnurgerade Straße vor mir in der Hitze flimmern sehe, steige ich in den gerade nahenden Linienbus und bin in wenigen Minuten in Kempen, meinem heutigen Zielort. Es ist ein überraschend nettes Städtchen mit vielen denkmalgeschützten Häusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Natürlich darf auch eine Windmühle nicht fehlen. Die autofreie Zone ist belebt von schwarzen Hollandfahrrädern, auf denen die Radler völlig aufrecht sitzen, einige sogar mit leichter Rücklage. Für mich aus München, wo Mountainbikes überwiegen, ein ungewohnter Anblick. Manche Frauen sehen in dieser Haltung fast schon sexy aus. Zumindest in meinen Augen.

Am nächsten Tag hat eine neue Marotte von mir Besitz ergriffen: Ich lese Busfahrpläne. Nicht, dass ich ständig einen Bus benutzen will. Aber es verleiht mir ein bestimmtes Gefühl der Sicherheit, zu wissen, wann ein Bus in meine Richtung fährt. Umgekehrt erhöht es meinen Stolz, auf eine günstige Fahrgelegenheit zu verzichten und stattdessen zu Fuß zu gehen. Wie gesagt: eine Marotte, die ich nebenbei bis zum Schluss beibehalten habe.

Die Morgenluft ist kühl und da wäre ein langärmliges Outdoorhemd, wie in einschlägigen Geschäften oft zu hohen Preisen angeboten, die richtige Kleidung. Da ich aber nicht alle Trends mitmache, fällt meine Wanderkleidung sehr einfach aus: T-Shirt und bei Bedarf Regenjacke. Als ich daheim meinen Rucksack packte, stand ich vor der Wahl, meine sündhaft teure High Tec-Allzweckjacke mitzunehmen oder ein älteres Modell, in Form und Farbe längst nicht mehr aktuell. Trotzdem fiel meine Wahl aus einem sehr einfachen Grund auf letzteres Stück: es ist 150 Gramm leichter als die High Tec-Jacke. An einem kühlen Tag wie heute hat meine einfache Kleiderordnung zur Folge, dass ich an den nackten Armen friere. Aber für die Jacke ist es weder ausreichend kalt noch nass genug. Den Rücken wärmt ohnehin der Rucksack. Ich habe mit dieser Kombination die gesamte Nibelungenwanderung ausgezeichnet überstanden. Tiefe Bräune an den Armen ist das Ergebnis.

Bald komme ich auf einen schattigen, unbefestigten Radweg, so wie ich ihn mir die letzten zwei Tage gewünscht hätte. Aber prompt meldet sich schon mein Navi mit einem Piepston um mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich zwanzig Meter vorher hätte abbiegen müssen. Also wieder nichts mit unbefestigten Wegen, sondern weiter auf asphaltierter Straße. Ab und zu komme ich an großen Bauernhöfen vorüber, die wie Trutzburgen wirken und in die man nur durch eine einzige Toreinfahrt gelangt. Auf den ausgedehnten Ländereien werden hier statt Pflanzen für Diesel und Superbenzin noch Produkte für den menschlichen Verzehr angebaut, wie zum Beispiel auf schier endlosen Feldern grüner Salat. Statt »Brot zu Benzin« werden hier noch ganz offensichtlich Arbeitsplätze für Erntehelfer geboten.

Ich lese inzwischen nicht nur Busfahrpläne, sondern auch die Inschriften auf Gedenksteinen, Wegkreuzen und Infotafeln. Auf einer Infotafel des Pumpwerks Tönis erfahre ich deshalb im schönsten Amtsdeutsch, was man bei »größeren Regenereignissen« unternimmt. Ein solches Ereignis ereilt mich dann in Sankt Tönis, und der restliche Tag verläuft einigermaßen feucht. Es gibt hier viele Fasane, und wenn ich auch nicht alle zu Gesicht bekomme, so höre ich doch die lauten Rufe der Hähne. Irgendwann höre ich auch meinen ersten Kuckuck in diesem Jahr.

In der Nähe von Krefeld befasse ich mich längere Zeit mit dem Studium eines Denkmals, welches zur Erinnerung des Sieges der Truppen unter Prinz Ferdinand von Braunschweig über die Franzosen am 23. Juni 1758 errichtet worden war. Diese Schlacht war einer der Höhepunkte im Rheinland während des Siebenjährigen Krieges 1756 bis 1763. Beide Seiten hatten so viele Truppen zusammen gezogen (die Alliierten 32 000 Mann, die Franzosen 47 000 Mann), dass man erst einen geeigneten Platz suchen musste, um das Gefecht auszutragen.

Hierfür bot sich der Großraum um Krefeld an, der damals noch geräumiges Heideland mit wenigen Bäumen war. Im Gegensatz zu heute, wo hier ausgedehntes Waldgebiet vorherrscht. Man stelle sich vor, die Feldherren hätten kein passendes Gelände gefunden – was dann? Das Los entscheiden lassen oder wieder heimziehen? Nun, hier hatten sie also genug Raum für die übliche Schlachtordnung, die da hieß: sich einander gegenüberstellen und dann so lange aufeinander schießen, bis einer genug hat. Ferdinand von Braunschweig war jedoch so unfair, dass er den Gegner einfach umgangen und von hinten angegriffen hat. So also kam es zum Sieg über die zahlenmäßig überlegenen Franzosen und zu diesem Denkmal, dessen Adler finster nach Westen blickt.

Das letzte Stück meines Weges nach Korschenbroich muss ich mir im Regen mit Autos auf einer Bundesstraße teilen, auf der mich eine Leitplanke daran hindern würde, im Notfall auszuweichen. Vor meinen geistigen Augen sehe ich mich mit zerquetschten Beinen an der Leitplanke kleben. Wie sehr wünsche ich mir die Radwege zurück!

Der Weg ab Korschenbroich beginnt mit Wald, einem sehr schönen Laubwald voller Vogelstimmen. Die wenigen Spaziergänger, die mir begegnen (meist mit Hund), erwidern meinen Gruß nur unwirsch. Von rheinischer Fröhlichkeit ist hier nichts zu spüren.

Ich komme zuerst durch Liedberg, einem netten Ort mit Burgruine und Schloss. Letzteres leider eingerüstet, wie derzeit so viele öffentliche Gebäude in Deutschland, als Folge des staatlichen Konjunkturpaketes. Der Hügel, auf dem Liedberg liegt, war schon bei den Römern bekannt, denn sie bauten hier Quarzit ab.

Bei leichtem Nieselregen mache ich einen Umweg über das Haus Fürth, welches ein sehenswertes Wasserschloss sein soll. Was ich dort aber vorfinde, ist geradezu ein Märchenschloss! Ich darf zwar nicht den Schlosshof betreten, denn hier ist Privatbesitz, aber ein Schild erlaubt ausdrücklich, über die Wiese des gepflegten Parks zu gehen, um so das Schlösschen aus Backsteinen und Fachwerk besser betrachten zu können. Es ist die letzte im Rheinland erhaltene, in Fachwerk errichtete Wasserburg, die auf der Toreinfahrt schlicht als »Wasserumwehrter Gutshof aus dem 15. bis 17. Jahrhundert« bezeichnet wird. Ich bin trotz Nibelungenwanderung kein Mittelalterfan, aber in diesem Wasserschlösschen möchte ich gerne einmal wohnen.

Das nächste Wasserschloss auf meinem Weg ist Schloss Dyck, eine wuchtige Anlage mit neunhundertjähriger Geschichte. Aus der einst einfachen Befestigungsanlage ist heute ein Zentrum für Gartenkunst und Landschaftskultur geworden – das eigentliche Schloss ist leider teilweise eingerüstet. Dafür bekomme ich im Besucherbistro Kaffee und Kuchen und kann mir Gedanken über meinen geschwollenen, schmerzenden rechten Fuß machen. Vielleicht sind die Wanderschuhe, die ich für diese Tour gewählt hatte doch nicht gut geeignet. Daran lässt sich jetzt nichts mehr ändern und so gehe ich weiter nach Grevenbroich, das sich »Bundeshauptstadt der Energie« nennt. Hier liegen einige der riesigen Kraftwerke des rheinischen Braunkohlereviers, deren Kühltürme ich schon von weitem sehen konnte. Standesgemäß ziert den Ortseingang ein großes Laufrad einer Dampfturbine. Zum Verweilen lädt der Ort nicht gerade ein und so gehe ich weiter, auf Fuß- und Radwegen und, so will es mir erscheinen, stundenlang an einem Aluminiumwerk entlang. Da sehe ich einen Jungen zu einer Bushaltestelle eilen. Weil ich heute schon 23 Kilometer gegangen bin und keine Übernachtungsmöglichkeit sehe, gehe ich auch schnell zur Haltestelle, und wenige Minuten später sitze ich im Bus nach Rommerskirchen. Ich ärgere mich etwas, als der Bus nach nur etwa einem Kilometer an einem großen Landhotel vorbei fährt – bis dahin hätte ich ja noch locker gehen können! In Rommerskirchen frage ich einen Taxifahrer nach Hotels. Er erwähnt als Erstes dieses Landhotel, meint aber, das sei immer ausgebucht durch die vielen Monteure, die in den Kraftwerken arbeiten. Mein Ärger verfliegt und ich mache mich gemeinsam mit dem Taxifahrer auf Hotelsuche, die bald von Erfolg gekrönt ist. Nach meiner Ankunft in Hotels oder Gasthäusern spule ich inzwischen immer die gleiche Prozedur ab:

Duschen,

Hinlegen und die Beine ausstrecken oder vorher noch die Sehenswürdigkeiten des Ortes aufsuchen,

Abendessen so spät wie möglich, um den Abend zu verkürzen,

Frühstücken, in der Regel zwischen sechs und sieben Uhr

Abmarsch deshalb zwischen sieben und acht Uhr

Meinen Rucksack packe ich schon vor dem Frühstück, sodass ich immer schnell abmarschbereit bin. Tagsüber esse ich nichts, sofern ich nicht zufällig an einem Café vorbeikomme. Mein Trinkvorrat besteht lediglich aus knapp einem halben Liter Leitungswasser. Das erscheint wenig, aber ich bin daran gewöhnt und gehe davon aus, meine Trinkflasche bei Bedarf nachfüllen zu können (was sich schon früh als Irrtum erweisen sollte). Der Vorteil ist, dass ich nicht so viel tragen muss.

Der Weiterweg nach Köln verläuft zwischen Feldern, mit ständigem Blick auf die Kraftwerke und auf Hügel, die etwa zweihundert Meter hoch sind und hier nicht mehr »Berg« sondern »Höhe« heißen. Zu Siegfrieds und Kriemhilds Zeit gab es diese »Höhen« noch nicht, denn es handelt sich um Abraumhalden des Braunkohletagebaus.

Bald schon sehe ich in der Ferne die Türme des Kölner Doms und die Windmühle von Stommeln. Und dann taucht der Kirchturm von Brauweiler auf.

Brauweiler liegt gewissermaßen schon vor den Toren Kölns. Die Nikolauskirche, die ich schon von weitem gesehen hatte, gilt als einer der »bedeutendsten Bauten der rheinmaasländischen Romanik«. Die danebengelegene ehemalige Benediktinerabtei muss sich nicht dahinter verstecken, wurde sie doch bereits 1024 gegründet. Mit ihrer Auflösung unter Napoleon begann eine wechselvolle Geschichte als Bettleranstalt, Arbeitsanstalt, KZ und Gestapogefängnis und psychiatrisches Landeskrankenhaus. Heute ist sie Sitz verschiedener Landesbehörden. Unbeeindruckt davon wuchert im Abteipark seit angeblich mehr als tausend Jahren ein Maulbeerbaum. Mir waren Maulbeerbäume bislang nur als Futter für Seidenraupen bekannt, aber dieser Baum ist wohl nur wegen seiner Früchte angebaut worden. Bei dem Wort »Baum« erwartet man eigentlich ein Gewächs mit einem ordentlichen, aufrechten Stamm, aber nicht so der Brauweiler Maulbeerbaum: schlangenartig kriecht sein Stamm nahe am Boden. Es hat für mich fast den Anschein, als wäre der ihn umgebende Metallzaun nur dazu da, ihn daran zu hindern, von Brauweiler fortzukriechen. Zu meinem Leidwesen hindert mich dieser Zaun daran, den Stamm zu berühren. So wie andere Menschen das Bedürfnis haben Tiere zu streicheln, habe ich das Verlangen, besondere Bäume anzufassen. Paolo Coelho beschreibt in seinem Buch Auf dem Jakobsweg, dass ausgewachsene Bäume imstande sind, Harmonie auf den Menschen zu übertragen. Er lehnte sich deshalb erschöpft mit nacktem Oberkörper an einen Baum und fühlte sich schon nach wenigen Minuten besser. Das musste ich natürlich auch einmal ausprobieren. Geeignetes Versuchsobjekt war vor einigen Jahren eine etwa dreitausend Jahre alte Zypresse im tiefsten Süden Algeriens. Das Ergebnis meines Experiments waren verständnisloses Kopfschütteln der Reisegruppe und ein heftiger Juckreiz am Rücken. Mehr war nicht. Aber vielleicht befand ich mich mental nicht auf der richtigen Ebene. Daheim hat ein Versuch mit einer alten Fichte zu einem besseren Ergebnis geführt.

Ich mache es mir gegenüber der Abtei in einem Eiscafé gemütlich und rufe bei meiner Tochter in Köln an, um mich abholen zu lassen. Ich hätte auch den Vorortbus nehmen können, aber als Vater kann ich auch einmal Ansprüche stellen, und sei es nur eine kurze Fahrt nach Köln.

Als Siegfried und Kriemhild nach Köln kamen, war die Römerherrschaft am Rhein bereits beendet, lediglich Köln war noch so etwas wie eine römische Enklave. Aber auch nicht so richtig, denn seit Mitte des 4. Jahrhunderts wechselten sich Franken und Römer in der Stadtherrschaft ab. Es war möglicherweise diese wechselhafte Geschichte, die den Kölschen Klüngel hervorbrachte, den Konrad Adenauer sehr präzise definierte: »Mer kennt sisch, mer hilft sisch.« Egal welche Partei gerade das Sagen hat.

Anfang des 5. Jahrhunderts gab es in Köln bereits Märtyrerkirchen, eine davon die der Heiligen Ursula. Zu Siegfrieds und Kriemhilds Zeit aber waren es erst elf Jungfrauen, die zusammen mit Ursula den Märtyrertod erlitten hatten. Erst später wurde daraus die unvorstellbare Zahl von Elftausend Jungfrauen, als deren Mörder man im Laufe der Jahrhunderte die Hunnen und sogar Attila (Etzel) persönlich verantwortlich machte. Zwar waren weder die Hunnen und schon gar nicht Attila jemals in Köln, aber für ein derartiges Massaker gaben sie die idealen Sündenböcke ab.

Mit der inflationären Zunahme der Zahl der getöteten Jungfrauen, deren Gedenktag der 21. Oktober ist, stieg auch deren Verehrung in den katholischen Ländern Europas. Als Magellan 1520 in Südamerika die Einfahrt zu der später nach ihm benannten Meeresstraße erreichte, schrieb man gerade den 21. Oktober. Deshalb gab Magellan der dort gelegenen Landzunge den Namen »Cabo Virgenes«, also »Kap der Jungfrauen«. So wurden die elftausend Kölner Jungfrauen zu Namenspatroninnen eines einsamen Kaps im fernen Feuerland.

Siegfried und Kriemhild haben Köln wegen der hier herrschenden, unklaren Machtverhältnisse vielleicht gar nicht betreten, sondern sind westlich davon vorbei geritten. Dort, wo heute der Ortsteil Weiden ist, in den auch ich komme. Dabei haben die beiden möglicherweise einige Kilometer vor dem Westtor Kölns die Reste eines römischen Gutshofes gesehen, von dem heute noch eines der kuriosesten römischen Bodendenkmäler erhalten ist: die Grabkammer von Weiden. Kurios wegen der Art und Weise, wie man hineinkommt. Ich klingle am Haus Aachener Straße 1328, und gegen den Eintrittspreis von einem Euro wird mir der Zugang zur Grabkammer aufgeschlossen (mein dringender Rat: aktuelle Öffnungszeiten im Internet nachsehen). Ich steige hinab in den düsteren Raum, der Verkehrslärm verebbt und ich bin allein mit den Seelen verstorbener Römer, den Marmorbüsten, den Steinsesseln und dem wuchtigen Sarkophag aus Marmor. Alles noch original! Als Weintrinker gefällt mir besonders die Kelterszene an der Vorderseite des Sarkophags, auf der drei Eroten in einem Trog Weintrauben einstampfen. Pralles Leben im Angesicht des Todes!

Ich kehre zurück ans Tageslicht, melde mich bei der Kustodin im Haus 1328 ab und »eines der bedeutendsten Denkmäler römischer Zeit in Europa nördlich der Alpen«, so Rudolf Pörtner in seinem Buch Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit, versinkt hinter mir wieder in seinen Dornröschenschlaf an der Aachener Straße.

So endet ein fauler Tag mit nur 15 Kilometer Fußmarsch, drei Eroten und einem Grillabend in Köln-Weiden.

AUF DEM RHEINHÖHENWEG NACH BINGEN

Den Weg von Köln nach Bingen zu finden, ist eigentlich ganz einfach: immer am Rhein entlang. Ich könnte aber auch in die entgegengesetzte Richtung nach Leverkusen gehen und dabei meine Reise gleichzeitig erheblich abkürzen. Dazu müsste ich mir nur die Theorie von Heinz Ritter-Schaumburg zu eigen machen. Dieser Publizist siedelt die Nibelungen nicht in Worms, sondern westlich von Bonn nahe Zülpich an und lässt sie dann über Leverkusen und Altenberg im Bergischen Land bis nach Soest ziehen, wo sie schließlich ihr Ende finden. Bis dorthin wäre das nur noch eine Woche Fußwanderung. Ritter-Schaumburg beruft sich bei seinen Überlegungen auf die Thidrekssaga, die er für einen Tatsachenbericht hält. Auf dieser Basis konstruiert er eine lückenlose Indizienkette und liefert auch eine Begründung dafür, warum Siegfried tatsächlich die Sprache der Vögel verstanden haben kann. Ich brauche mich allerdings mit der Theorie von Ritter-Schaumburg nicht auseinanderzusetzen, da ich ja auf der Basis des Nibelungenlieds wandern will. Also muss ich zunächst weiter nach Bad Godesberg. Dorthin lasse ich mich von Köln-Weiden aus von meiner Tochter mit dem Auto bringen, bevor ich meine Fußwanderung wieder aufnehme. Wie schon bei der Strecke Xanten – Köln wähle ich nicht die Rheinuferstrecke, sondern Wege auf den Höhenzügen westlich des Rheins. Etwa dort, wo früher auch die Fernstraßen bzw. Handelswege liefen. Es ist dabei für mich sehr hilfreich, dass es zwischen Bonn und Mainz den markierten linksrheinischen Höhenweg gibt. Ich hatte mir hierüber bei der Vorbereitung der Tour einen Wanderführer gekauft, dem ich folgen will. Das Navi erweist sich aber bald schon als gute Hilfe, denn der linksrheinische Höhenweg ist teilweise äußerst dürftig markiert. Da ist es von Vorteil, dass mich auf der ersten Tagesstrecke ab Bad Godesberg meine Tochter und ihr Ehemann begleiten, denn sechs Augen sehen mehr als zwei. Trotzdem müssen wir öfters den Weg suchen oder nach ihm fragen.

Wir parken das Auto am Bahnhof von Bad Godesberg und gehen von dort auf zunehmend steilen Straßen hinauf auf den Höhenzug oberhalb des Rheins, wo wir nach einigem Suchen endlich den Rheinhöhenweg finden. Dieser erste Anstieg lässt mich erahnen, was in den nächsten Tagen auf mich zukommen wird. Auf schönen Waldwegen kommen wir zum Heinrichsblick, von wo aus wir einen wunderbaren Blick über den Rhein auf den Drachenfels und das Siebengebirge haben. Für zum Tode Verurteilte war dies früher einmal der letzte Blick auf Erden, denn es handelt sich hier um eine historische Richtstätte.

Bald darauf erreichen wir den beliebten Aussichtspunkt »Rolandbogen«, den Rest einer Burgruine aus dem 12. Jahrhundert. Diese Ruine ist auf allen Bildern als efeuumrankter, malerischer Bogen zu sehen, jetzt aber ist es nur nacktes Mauerwerk. Der Rolandbogen war nämlich einsturzgefährdet, und bei der Sanierung vor einem Jahr musste der Bewuchs entfernt werden. Es wäre nicht der erste Einsturz gewesen, denn der Rolandbogen ist schon einmal in sich zusammengefallen, nämlich 1839. Beim Wiederaufbau hat man dann das Bauwerk so gedreht, dass man nicht mehr auf die Insel Nonnenwerth sondern auf den Drachenfels schaut. Das ist eigentlich schade, denn um Rolandbogen und Nonnenwerth dreht sich eine romantische Sage, in der sich schließlich der Ritter Roland im Fensterbogen erhängt. Ein überaus starkes Finale.

Wir machen auf der Terrasse Mittagspause, die durch starken Wind etwas getrübt wird. Für den Wind kann das Personal nichts, für den miserablen Service ist es allerdings voll verantwortlich.

Nach etlichen Auf- und Abstiegen auf waldreichen Wegen gehen wir schließlich zwischen ehemaligen Weinbergen einen steilen Fußpfad hinunter nach Oberwinter. Dort stellt sich heraus, dass es hier im Ort kein freies Hotelzimmer gibt. Man empfiehlt mir ein Hotel zwei Kilometer weiter in Richtung Remagen. Ich verabschiede mich von meinen zwei Begleitern und gehe allein weiter zum Hotel in Unkelbach. Unterwegs komme ich an einem knallroten Haus mit B&B, ungarischem (!) Essen und Live-Musik vorbei. Das wäre eigentlich die richtige Absteige für mich als Vorbereitung auf Ungarn gewesen! Aber das gewählte Hotel ist auch nicht schlecht: Es wurde nämlich vollkommen renoviert, und ich bin der erste Gast in einem völlig neuen Zimmer.

Der Ausblick auf Unkel in der Abendsonne ist schließlich der ideale Abschluss eines Tages, an dem ich zwanzig Kilometer gegangen bin mit insgesamt achthundert Höhenmetern Anstieg.

Ab heute bin ich wieder allein auf der Jagd nach dem schwarzen »R« auf weißem Grund – der Markierung des linksrheinischen Höhenweges.

Da ich nun den Weg ohne Hilfe finden muss, programmiere ich mein Navi mit mehreren Wegpunkten entlang des linksrheinischen Höhenwegs, und tatsächlich führt mich das Gerät fast ausschließlich auf diesem Wanderweg. Offenbar ist er irgendwo auf der digitalen Karte hinterlegt. Nach einem mehr oder weniger steilen Anstieg auf Straßen wandere ich durch schöne, einsame Wälder. Ein Ort, wo ich mich so richtig wohlfühle. Das mag an meiner Kindheit liegen, in der unser Spielplatz die dunklen Wälder Oberfrankens waren. Wald flößt mir keinerlei Angst ein, auch nicht bei Dunkelheit. Mich begleitet Vogelgezwitscher, das jetzt in den Morgenstunden besonders intensiv ist. Es raschelt hin und wieder im Gestrüpp, und in der Nähe schreckt ein Rehbock, was einem Hundegebell entfernt ähnlich klingt. Der Wald bleibt auch grün, als die Buchen zunehmend von Fichten abgelöst werden, denn deren Stämme sind fast ausschließlich mit Efeu umrankt. Ob dies ein gutes oder schlechtes Zeichen für den Zustand des Waldes ist, weiß ich nicht. Es sieht jedenfalls schön aus.

In einem Talgrund komme ich am Schloss Calmuth vorbei, das weniger wie ein Schloss als vielmehr wie ein großes Jagdhaus aussieht. Es wird derzeit renoviert, und der Bautafel entnehme ich, dass es einem bekannten Unternehmer der Solarbranche gehört. Ich gönne ihm dieses Schlösschen, denn schließlich steckt er viel Geld in seine Erhaltung.

Nicht weit danach treffe ich eine Wanderin mit Hund, die den Eindruck erweckt, als suche sie den rechten Weg. Ich vermute richtig: Die Frau sucht das berühmte schwarze »R« auf weißem Grund. Schnell stellt sich heraus, dass es eine Holländerin ist, die zusammen mit ihrem Hund auf dem Weg von Amsterdam nach Rom ist. Keine Pilgerin, sondern eine Weitwanderin. Der Hund hat zwei Packtaschen umhängen, in denen er sein eigenes Futter tragen muss – bei vollen Taschen immerhin fünf Kilogramm. Und dabei handelt es sich um einen eher schwächlich aussehenden Jagdhund, nämlich einen recht seltenen ungarischen Drahthaar-Vizsla.

Während wir uns unterhalten, entdecke ich hinter dem Rücken der Holländerin die Markierung, versteckt im dichten Gestrüpp. Wir gehen los, und kurz darauf finden wir ein »R« nach dem anderen. Es ist wie beim Pilze suchen: Hat man endlich den ersten Pilz gefunden, dann findet man bald weitere und zwar auch dort, wo vorher keine zu sehen waren.

Die Frau benutzt für ihren Weg durch Deutschland den Europäischen Fernwanderweg E8, der in diesem Bereich mit dem Rheinhöhenweg identisch ist. Sie hat wegen mangelnder Deutschkenntnisse Probleme, den deutschen Wanderwegführer zu verstehen und fragt mich, was der Unterschied zwischen Weg, Wanderweg, Pfad, Fußpfad und Steig sei – alles Ausdrücke aus ihrem Büchlein. Ihr erkläre ihr kurz und bündig: »Everything is a trail«. Wir haben uns nämlich darauf geeinigt, miteinander Englisch zu sprechen.

Der Hund scheint froh zu sein, endlich einmal eine weitere Begleitperson zu sehen und versucht mit mir zu spielen. Es sieht ausgesprochen lustig und unbeholfen aus, wie er vor mir, mit seinen Packtaschen behängt, hin und her springt. Sein Frauchen sagt, dass sie ihm schon oft erklärt habe, seine Kräfte zu sparen, weil der Weg nach Rom noch weit sei. Er scheint es aber nicht zu verstehen.

Oberhalb der Kirche St. Apollinaris machen wir Rast auf einer Bank mit schönem Blick auf Remagen. Als wir wieder aufbrechen wollen, ist der Hund plötzlich von völliger Taubheit befallen. Er schaut konzentriert in eine andere Richtung und reagiert überhaupt nicht. Offenbar versucht er auf diese Weise die Pause zu verlängern. Schließlich zieht ihn die Holländerin hoch und schon kehrt sein Gehör wieder zurück.

Nach der Apollinariskirche geht es wieder bergan und bergab nach Bad Bodendorf, einem menschenleeren, netten Fachwerkdorf, aus irgendeinem Grund beflaggt. Es ist gerade Mittagszeit und es gibt ein Café. Und zwar eines mit einer derart großen Kuchenauswahl, wie ich sie fast noch nie gesehen habe. Hier scheint der ganze Landkreis versorgt zu werden. Auf meine Empfehlung hin nehmen wir beide Eissplittertorte. Die Holländerin kennt sie nicht, aber bei mir hat diese Torte Tradition. Mit einer Eissplittertorte begann eine langjährige Freundschaft, die heute noch andauert, auch wenn wir längst nicht mehr miteinander Torte essen. Die Bekanntschaft mit der Holländerin allerdings endet bald darauf in Sinzig, von wo aus sie wegen Erkrankung ihres Vaters mit dem Zug vorübergehend nach Hause fahren muss.

Auf dem Weg durch Sinzig komme ich am Sinziger Schloss vorbei, dann an einem Denkmal für Kaiser Barbarossa und am »Sinziger Löwe«, einem Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Das »Highlight« von Sinzig ist aber die romanische Kirche St. Peter aus der Stauferzeit. Außen wie innen ein Schmuckstück.

Beim Weiterweg treffe ich auf einen alten Meilenstein aus der Zeit, als das Rheinland preußisch und die Rheintrasse ausgebaut wurden. Demnach ist Mainz noch 16 ½ Meilen entfernt, wobei die preußische Meile 7,5 Kilometer entspricht. Also noch etwa 124 Kilometer und zwar entlang des Rheins. Auf dem Rheinhöhenweg sind es allerdings deutlich mehr. Der führt mich wieder steil bergauf, bis ich das Höhenplateau erreiche und durch herrliche Buchen- und Eichenwälder wandere. Schon die Kelten hatten sich hier oben wohlgefühlt und eine Höhensiedlung errichtet, die durch eine ausführliche Infotafel erläutert wird. Von der Anlage jedoch ist praktisch nichts zu sehen.

Mitten im Wald mache ich auf einer Bank Rast und esse, passend zu dem mich umgebenden Eichenwald, ein Stück Speck vom »Eichelschwein«. Dies ist eine fränkische Spezialität von Schweinen, die frei in Eichenwäldern auf Futtersuche herumlaufen dürfen. Das Stück Speck ist ein Geschenk meiner Schwester für meine Wanderung. Nachdem es aufgebraucht war, habe ich mich mit keinem Proviant mehr bepackt. Lieber habe ich tagsüber nichts zu essen, als etwas zusätzlich tragen zu müssen.

Am späten Nachmittag geht es in steilen Serpentinen, mit Blick auf Schloss Arenfels, hinunter nach Bad Breisig, wo ich mich in einem Hotel einquartiere, dessen Inhaberin aus Budapest stammt. Sie ist deshalb mit meinem Zielort Esztergom sehr vertraut und weiß, welche weite Strecke noch vor mir liegt.

Am Morgen, wie könnte es anders sein, wieder ein steiler Anstieg. Sehr bald finde ich die Markierung nicht mehr und gehe einfach auf einem gut gepflegten Waldweg in Serpentinen bergan. Ich mache mir zunächst keine Gedanken darüber, warum viele Bäume Nummern tragen. Erst als an etlichen Bäumen auch Namensschilder befestigt sind, geht mir ein Licht auf: Ich befinde mich in einem Friedwald, also einem Wald, in dem Urnen bestattet sind. Mithilfe von zwei Spaziergängern finde ich wieder zurück zu der Stelle, an der ich die Markierung verloren hatte. Diesmal aber prangt sie unübersehbar an einem Baum. Irgendwie muss sie sich vorher versteckt haben, was mich nicht nur eine dreiviertel Stunde Umweg, sondern auch einen unnötigen Aufstieg zum Hochplateau gekostet hat. Jetzt muss ich wieder hinunter ins enge Vinxtbachtal gehen, wo mich die Markierung auf die Straße hinauf zur Burg Rheineck führt. Diese ist eine der ältesten Burgen des Rheinlandes. Da sie bereits 1151 zum ersten Mal zerstört wurde, war sie auch die erste Burgruine am Rhein. Heute ist sie in Privatbesitz.

Im nächsten Taleinschnitt liegt Brohl. Als man vor vielen Jahrhunderten noch nicht am Rheinufer entlang reisen konnte, mussten diese steil abfallenden Täler ein großes Hindernis gewesen sein. Für mich sind sie es heute noch. Da hilft es wenig, dass von Brohl hinauf der Pfad an einer Stelle sogar mit Stahlseilen versehen ist, mehr als Aufstiegshilfe denn als Absturzsicherung. Der Ausblick vom »Gipfel« auf Brohl mit Schloss Augustaburg und über das Rheintal lohnt die Mühe, und selbstverständlich ist außer mir niemand unterwegs. In einem dunklen Waldstück liegt ein historischer Steinbruch, der von der Römerzeit bis in die Neuzeit hinein benutzt war. An mehreren Steinblöcken kann man noch Kerben sehen, die geschlagen wurden, um den Stein zu spalten. Das Ganze ist gespickt mit Infotafeln über die Arbeit im Steinbruch und über Vulkanismus. Wer alle Tafeln lesen und verstehen will, sollte dafür reichlich Zeit einplanen.

Die vielen Aufstiege haben mir Durst gemacht, und meine Wasserflasche ist inzwischen leer. An einem Gehöft bitte ich eine Frau, sie aufzufüllen. Dergleichen scheint sie schon zu kennen, denn sie meint, dass ihr gewöhnlich wesentlich größere Trinkflaschen gereicht werden.

Das Hochplateau ist eine äußerst reizvolle grüne Landschaft durchbrochen von hellbraunen Äckern und gelben Rapsfeldern. Als Folge der staatlich geförderten Biokraftstoffe wird in Deutschland immer mehr Raps angebaut, was in der Blütezeit sehr schön aussieht. Fängt der Raps dann aber an zu reifen, nimmt er eine schmutzig braune, unschöne Farbe an. Gut, dass ich so früh im Jahr unterwegs bin.

Vor dem Abstieg ins Rheintal stoße ich auf drei wunderliche Wegweiser, die alle nach Andernach weisen, allerdings in drei verschiedene Richtungen: Nach links, nach rechts und geradeaus. Ich wähle letztere und liege damit richtig. Bevor ich ein Hotel suche, besichtige ich den spätromanischen Mariendom »Liebfrauenkirche« mit dem sogenannten »Ungarnkreuz«. Dieses Gabelkreuz aus dem frühen 14. Jahrhundert wurde angeblich von Pilgern aus dem Donauraum gestiftet, die auf der alle sieben Jahre stattfindenden Wallfahrt nach Aachen hier Station machten und versorgt wurden. Ich stelle mit Erstaunen fest, wie oft ich schon jetzt Kontakt mit etwas Ungarischem hatte: ein ungarisches Restaurant, ein ungarischer Hund, eine ungarische Wirtin und jetzt ein ungarisches Kreuz. Und dabei bin ich noch so weit weg von Ungarn.

Nach Besichtigung der Kirche quartiere ich mich in einem historischen Gebäude ein, welches 1677 als Ratsherrn- und Gerichtsschreiberhaus errichtet und erst ab 1980 zu einem Hotel umgebaut wurde. Aus irgendeinem Grunde bekomme ich einen Preisnachlass. Vielleicht wirke ich als Wanderer nicht zahlungskräftig genug. Anschließend durchstreife ich den historischen Ortskern und informiere mich über den Geysir. Man darf nicht vergessen, dass dieser Teil Deutschlands geologisch gesehen noch sehr jung ist, und wer hier wohnt, wohnt auf einem Vulkan. Das beredte Beispiel dafür ist ein Geysir, welcher circa sechzig Meter hoch spritzt und damit der höchste Kaltwassergeysir der Welt ist. Es ist gewissermaßen ein Sprudelwasserstrahl, denn ihn treibt Kohlensäure an. Leider ist es für mich schon zu spät, das vor zwei Jahren entstandene Geysir-Erlebniszentrum samt Geysir zu besuchen.

Die heutige Wanderung war mit etwas mehr als 16 Kilometer ein sehr kurzes Teilstück, aber ich habe heute in der Summe 990 Höhenmeter zurückgelegt – bergauf, wohlgemerkt!

Da Andernach im Neuwieder Becken liegt, habe ich vorerst mit keinen großen Steigungen mehr zu rechnen. Gleichbleibend schlecht ist aber die Markierung des Rheinhöhenwegs, die ich im Ort Miesenheim verliere. Deshalb verlasse ich mich auf mein Navi, dessen gespeicherte topografische Karte (angeblich die aktuellste Version von Deutschland) mich zu einem Weg führt, den es nicht (mehr) gibt. Ich gehe deshalb nur noch nach Kompass und gelange letztlich wieder auf den markierten Weg. Schon bald sehe ich das Kernkraftwerk Mühlheim-Kärlich, genauer gesagt dessen Kühlturm. Dieses 1986 in Betrieb genommene Kernkraftwerk wurde nach nur zwei Jahren auf richterlichen Beschluss hin still gelegt, weil es in einem Erdbebengebiet liegt. Auf dieses Erdbeben wartet man inzwischen seit über zwanzig Jahren – dafür wurden etwa vier Milliarden Euro in den Sand gesetzt.

Dass im Neuwieder Becken Erdbeben nicht unwahrscheinlich sind, zeigt der latente Vulkanismus in dieser Gegend. Zeugen dafür sind die bekannten, meist nach Schwefel riechenden Mineralwasserquellen, die stets aus dem Laacher See aufsteigenden Gasblasen und natürlich der Geysir von Andernach. Mich wundert nur, dass die Bevölkerung hier in Häusern lebt und arbeitet, die in meinen Augen nicht unbedingt erdbebensicher sind. Gelten etwa für die eigene Sicherheit andere Maßstäbe als bei Kernkraftwerken?

In wenigen Jahren soll das Kraftwerk vollständig rückgebaut sein und dann wird der dominante Kühlturm Geschichte sein. Nicht aber die Erdbebengefahr.

Das Höhenplateau ist Ort ausgedehnter Obstplantagen, allerdings habe ich nicht damit gerechnet, hier eine Holunderplantage zu sehen. Eine Bäuerin, die gerade vorbei fährt, sagt mir, dass das hier die größte Holunderplantage sei. Der Holunderstrauch oder -baum gehört zu den häufigsten Straucharten in Europa und deshalb bin ich bislang davon ausgegangen, dass seine Produkte von Wildpflanzen stammen. Er ist äußerst vielfältig als Nahrungsmittel zu verwenden. Das fängt schon mit den Blüten an, aus denen Küchlein gebacken werden können oder die man zu Sirup oder Holunder»Sekt« verarbeiten kann. Auch gibt es leckeren Holunderlikör aus Blüten, und die Früchte werden zu Marmelade oder Getränken verarbeitet. Nur roh essen sollte man sie nicht. Auf alten, absterbenden Holunderbäumen wachsen schließlich essbare Pilze, die Judasohren. Das sind violett gefärbte, an abgeschnittene Ohren erinnernde muschelförmige Pilze, die eigentlich keinen Eigengeschmack haben. Trocknet man sie, dann schrumpfen sie auf einen Bruchteil der ursprünglichen Größe. Ich mische getrocknete Judasohren, die sich in einem geschlossenen Behältnis lange halten, gerne Suppen oder Soßen bei, in denen sie sich mit der Brühe vollsaugen und so wieder zur ursprünglichen Größe anschwellen. Sie haben dann den Geschmack der Brühe angenommen und verleihen dem Gericht optisch eine chinesische Note.

Da ich keine Lust habe, durch die Industriegebiete vor Koblenz zu wandern, fahre ich von Mühlheim-Kärlich mit dem Bus zum Koblenzer Hauptbahnhof und lasse mir in der Tourist Information ein Hotelzimmer besorgen. Ich habe die Wahl zwischen einem Hotel ganz in der Nähe oder etwa zweieinhalb Kilometer entfernt beim Deutschen Eck. Da ich heute nicht weit gegangen bin, entscheide ich mich für letzteres und ziehe los. Auf halbem Weg stoße ich auf das bekannte »Weindorf Koblenz«, ein großes Gaststättenareal, in das ich zunächst einkehre. Da erst früher Nachmittag ist, gönne ich mir nur einen kleinen Imbiss zu einem Glas Riesling. Vor dem Weitermarsch zum Hotel probiere ich dann, gewissermaßen als Nachtisch, einen Riesling-Perlwein, einen Secco Antonio. Er beflügelt meine letzten Schritte zum Hotel.

Von dort aus gehe ich zum nahe gelegenen Deutschen Eck, dem deutschesten aller deutschen Ecke. Es wird überragt vom Denkmal von Kaiser Wilhelm I. Ich hatte fast während meines gesamten Berufslebens regelmäßig in Koblenz zu tun und hatte anfangs selbstverständlich auch das Deutsche Eck besucht. Später natürlich nicht mehr. Deshalb war es mit völlig entgangen, dass das nach 1945 wegen seiner Kriegsschäden abgebaute Denkmal 1993 nach einer privaten Schenkung wieder hergestellt werden konnte. Hoch zu Ross sitzt da der Kaiser in Begleitung eines Siegesengels. In Erinnerung an den Krieg 1870/​71 war das verständlich, auch wenn nicht der Kaiser sondern die Soldaten den Krieg ausgefochten haben.

Ich verlasse Koblenz mit dem Taxi, das mich bis zum sogenannten Rittersturz bringt, einem Aussichtspunkt südlich von Koblenz. So vermeide ich einen öden Marsch durch die Stadt und erspare mir gleichzeitig einen Aufstieg.

Der Aussichtspunkt Rittersturz hat seinen Namen von einer Legende, nach der sich ein Ritter aus Liebeskummer von dem Felsen hinabgestürzt haben soll. Was war nur mit den rheinischen Rittern los? Erst erhängt sich einer im Rolandsbogen und jetzt stürzt sich ein anderer von einem Felsen!

Am Rittersturz beginnt wieder der markierte Rheinhöhenweg, diesmal mit gut sichtbarer, neuer Markierung. Diese Markierung weist aber in eine andere Richtung, als auf der Karte verzeichnet, und so folge ich lieber dem bisherigen Weg. Dort wurde zwar das Markierungs-»R« von den Baumstämmen geschabt, zurück blieb aber ein gut sichtbares »R« in der Rinde. Hier im Koblenzer Stadtwald verläuft auch eine Römerstraße, auf die ich irgendwann stoße und auf der ich entlang gehe. Aus ihr ist inzwischen eine asphaltierte Landstraße geworden. Einmal treffe ich auf eine größere Ausflugsgruppe, die nicht so recht weiß, welches der richtige Weg sei. Einige sind ziemlich skeptisch, als ich mithilfe des Navis den Weg vorgebe, aber dann folgen sie mir doch und gelangen mit mir zu den Resten eines römischen Tempels, welcher Rosmerta und Merkur geweiht war. Danach erreiche ich die offene Hügellandschaft, sehe in der Ferne die berühmte Marksburg und wandere zwischen blühenden Rapsfeldern und durch Buchen- und Eichenwälder, die mich immer wieder begeistern. Es muss hier offenbar einen Künstler geben, der aus Baumstämmen Skulpturen schnitzt, die am Wegesrand stehen. Besonders gut gefällt mir eine aus einem liegenden Baumstamm herausgearbeitete, liegende Frau, die ein Buch liest. Nach weiteren romantischen Ausblicken auf Täler und Höhen komme ich zum vielgepriesenen Vierseenblick, wo man allerdings keine Seen sieht, sondern eine Rheinschleife. Der Blick hinab ist dabei mehrfach unterbrochen, so dass man den Eindruck haben könnte, vier Seen zu sehen. Das ist eher ein Touristengag und hat vielleicht damit zu tun, dass es hier ein Ausflugslokal gibt, welches etwas Besonderes bieten will. Ich mache Pause bei Kaffee und Kuchen und wenig später kann ich am Gedeonseck die Rheinschleife bei Boppard ohne störende Unterbrechungen sehen, was mir viel besser gefällt. Und ich sehe ein Schild »Sessellift 200 m«. Die Existenz dieses Sesselliftes hat mir der Rheinhöhenweg-Wanderführer verschwiegen. Deshalb ist meine Freude umso größer und statt den Serpentinenweg nach Boppard hinunterzustolpern, schwebe ich auf einem Sessel zu Tal. Ich quartiere mich in einem Weinhaus ein, welches vorzügliche Rieslingweine aus eigenen Steillagen hat. Mir haben es die trockenen Spätlesen dieses Winzers angetan. Da ich heute recht wenig gelaufen bin, bleibt mir genügend Zeit und Energie in Boppard die gut erhaltenen Reste des römischen Kastells Boudobrica anzuschauen.

Abends mache ich mir Gedanken über die weitere Route für die kommenden drei Tage. Von Boppard nach Oberwesel sind es laut Wanderführer fast dreißig Kilometer, und dann folgt eine Etappe, die nach 22 Kilometern im Wald ohne Übernachtungsmöglichkeit und ohne öffentliche Verkehrsmittel endet. Die darauffolgende Etappe beginnt dann wieder an derselben Stelle. Keine realistische Wegführung! Ich brüte deshalb eine neue Route aus: Von Boppard mit der Bahn nach Oberwesel und von dort abweichend vom Rheinhöhenweg tiefer in den Hunsrück hinein, wo es eine Übernachtungsmöglichkeit geben soll. Anschließend Richtung Bingen, wobei ich zwischendurch wieder auf den Rheinhöhenweg stoßen müsste. Die Grundlagen meiner Routenplanung sind die Generalkarte 1 : 200 000, die im Navi gespeicherte topografische Karte 1 : 25 000 von Deutschland, der Wanderführer Rheinhöhenweg und mein Logbuch. Das Logbuch habe ich vor Antritt der Reise geschrieben. In einem A5-Heft habe ich die wesentlichen Orte notiert, durch die ich auf der Wanderung kommen müsste und was ich mir dort anschauen sollte. Außerdem habe ich Hinweise auf Hotels und Pensionen eingetragen, allerdings ohne Anschrift oder Telefonnummer, denn das passt nicht zum Charakter einer solchen Tour. Ein wenig Abenteuer sollte schon noch dabei sein, und wenn es nur die Suche nach einer Unterkunft ist. Das Logbuch schreibe ich jetzt täglich als Tagebuch weiter.


Rheinschleife bei Boppard

Der neue Routenplan erfordert, dass ich mir an einem Automaten der Deutschen Bahn eine Fahrkarte kaufe, wozu in meinem bisherigen Leben als eingefleischter Autofahrer keine Notwendigkeit bestand. Deshalb gehe ich hinüber zum Bahnhof und vertiefe mich in die Bedienung eines Kartenautomaten. Erfreut stelle ich fest, dass es selbst einem mäßig begabten Senior nach zwei Vierteln Riesling möglich ist, eine Fahrkarte für einen gewünschten Bestimmungsort zu erwerben. Beruhigt und weinselig gehe ich zu Bett.

Planmäßig bringt mich die Bahn nach Oberwesel, und mit Elan beginne ich den Aufstieg zur Burg Schönburg hoch über dem Rheintal. Als ich durchschwitzt die Hochebene erreiche, habe ich schon circa 350 Höhenmeter geschafft. Von hier oben habe ich einen schönen Blick über die steilen Weinberge hinab zum Rhein mit der fernen Pfalz bei Kaub im Morgendunst. Der Wanderführer hat dafür die Bezeichnung »Tiefblick«.

An einem Bauernhaus lerne ich die dort verewigten Wetterregeln für den Weinbau:

Sind im Januar die Bäche klein, gibt im Herbst es guten Wein Pfingstregen – Weinsegen

Mariä Himmelfahrt Sonnenschein, bringt uns viel und guten Wein Wenn gedeihen soll der Wein, muss der Juli trocken sein

Einer Traub’ und einer Geiß, wird’s im September nie zu heiß

(anstelle einer Geiß zeigt die zugehörige Zeichnung allerdings eine Bäuerin)

Überaus störend sind heute Schwärme von kleinen, schwarzen Fliegen um mich herum, die sich, wenig angenehm, in Nase und Ohren niederlassen.

Ich wandere auf einsamen Asphaltstraßen. Keine Autos – nur ein Reh kreuzt in der Mittagshitze den Weg. In Erbach mache ich Rast bei einem Springbrunnen. Ein kühlender Wind macht die Sonne erträglich und ich schlafe kurz ein. Das ist genau die richtige Art zu wandern.

Als ich in den Ort namens Dichtelbach erreiche, gehe ich einfach in Richtung Kirche und komme dadurch direkt zu einer Pension, deren Wirtin gerade vor der Tür steht. So bekomme ich schon am frühen Nachmittag eines der wenigen freien Zimmer. Bis hierhin hat sich also mein neuer Routenplan bewährt.

Ich unterhalte mich mit der Wirtin über den Räuber Johannes Bückler alias Schinderhannes, der im Hunsrück bei vielen Menschen noch allgegenwärtig ist. Die gute Frau hat eine sehr abgeklärte Meinung über diesen Räuber, der ihrer Ansicht nach den Armen gar nicht geholfen hat, sondern eben nur ein ganz gemeiner Verbrecher war. Geköpft wurde er übrigens am 21. November 1803 in Mainz. Wer seine Biografie liest, wird feststellen, dass es ein überaus grausiges Ende war.

Beim Frühstück sitzen am Tisch gegenüber fünf junge Männer in Arbeitskleidung und unterhalten sich in einer mir unbekannten Sprache. Sie verabschieden sich beim Gehen höflich von der Wirtin, und ich frage sie anschließend nach der Herkunft dieser Männer. Es sind Letten, die in einer Fabrik in der Nähe arbeiten und hier wohnen. Sie kennt jeden mit Namen, und da sie offenbar stets die selbe Sitzordnung einnehmen, geht die Wirtin von Stuhl zu Stuhl und sagt: »Hier sitzt der … und hier der …«. So hat jeder leere Stuhl einen Namen. Ich komme mir vor wie bei Schneewittchen und den sieben Zwergen. Die fünf Letten sind bei dieser Wirtin sicherlich gut aufgehoben.

Sie berichtet mir auch, dass es im Hunsrück – wie auch in Bayern – immer schwieriger wird, der zunehmenden Anzahl von Wildschweinen Herr zu werden. Sie finden in den Wäldern genügend Eicheln, und im Sommer machen sie sich in den Maisfeldern breit. Vor die Flinte geraten sie deshalb immer seltener, und so gibt es die auf der Speisekarte aufgeführte Wildschweinsülze schon seit längerem nicht mehr.

Meinen Weiterweg habe ich im Navi programmiert, nur endet der auf der topografischen Karte verzeichnete Pfad, auf dem ich zahlreiche Wildschweinfährten sehe, irgendwann im Nichts. Da ich nicht wieder zurückgehen will, muss ich mich durch dichten, weglosen Fichtenwald kämpfen. Mit Hilfe des Navis und seines Kompasses komme ich schließlich auf einen guten Waldweg und bald auf eine Anhöhe mit weitem Rundblick. Irgendwo zwischen den Hügeln fließt der Rhein, von hier aus unsichtbar. An einer Wegkreuzung stehen zwei Wegweiser mit insgesamt elf Richtungsschildern. Darunter glücklicherweise eines, das zu meiner Zwischenstation zeigt, der Lauschhütte. Dort informiert eine große Tafel über das »Ökosystem Freileitungstrasse«. Der Binger Wald wird hier nämlich von Hochspannungsleitungen durchschnitten. Der zuständige Energieversorger hat dies zum Anlass genommen, darüber zu informieren, dass eine solche Trasse das Ökosystem nicht etwa zerstört, sondern dass die Natur sich hier ein neues Ökosystem geschaffen hat. Natürlich ist das Ganze sehr positiv dargestellt. Andererseits wird aber anhand einfacher Beispiel aufgezeigt, dass sich notwendige Infrastrukturbauten mit der Umwelt in Einklang bringen lassen. Ich halte diese Form der Unterrichtung der Allgemeinheit für eine gute Idee und ein nachahmenswertes Beispiel.

Kurze Zeit später komme ich zum Salzkopf mit einem beeindruckenden Aussichtsturm, ganz aus Holzbalken gebaut. Er bietet einen Panoramablick über die Baumwipfel hinweg bis zur Eifel und zum Taunus. Auch ein Stück vom Rhein ist tief unten zu sehen.

Das ist das Besondere am Rheinhöhenweg: Man geht Stunden lang durch tiefe Laubwälder und stößt dann immer wieder auf unerwartete, schöne Aus- und Fernblicke. Über die öfters unzulängliche Markierung muss ich nicht meckern, denn schließlich ist es mein primäres Ziel, den Weg der Nibelungen nachzugehen. Dass ich dabei den Rheinhöhenweg benutze ist reine Bequemlichkeit, denn sonst hätte ich eine eigene Route ausfindig machen müssen, die vielleicht nicht viel anders gewesen wäre.

Wie ich da oben auf dem Turm stehe, fällt mir auch ein, wie leichtsinnig es eigentlich ist, meinen Rucksack mit allen Wertsachen unten liegen zu lassen. Jeder, der vorbeikommt, könnte mit ihm davonlaufen, und ich müsste von oben herab hilflos zusehen. Aber es gibt hier keine Räuber. Es gibt nicht einmal Wanderer, denn ich habe schon seit Tagen unterwegs keinen Menschen mehr getroffen.

Der Wald wird hier offenbar stark forstwirtschaftlich genutzt, aber verrottende Eichenstämme am Wegesrand sollten es nicht sein! Mir will sich der volkswirtschaftliche Nutzen nicht erschließen, der darin liegen soll, stattliche Eichen zu fällen, die Äste zu entfernen, die Stämme aus dem Wald herauszuschaffen und auf gleiche Länge zu sägen, nur um sie anschließend auf einem Stapel verfaulen zu lassen. Hinzu kommt, dass Holz beim Verfaulen ebensoviel CO2 frei setzt wie der Baum in seinem Leben aus der Atmosphäre gebunden hat. Da hätte man die Eichen gleich verbrennen und die dabei entstehende Hitze nutzen können.

Mein Gedankengang wird durch eine Bronzetafel an einem Findling unterbrochen, die zum Andenken an einen Waidmann vor über einhundert Jahren hier angebracht wurde. Woran mag der Jäger wohl gestorben sein? Ich verkürze mir die Zeit damit, mir verschiedene Todesarten auszudenken und beschließe endlich, dass der Jäger von einem waidwunden Hirsch zu Tode geforkelt wurde. Ich bin richtig stolz auf diesen Einfall, auf den Ludwig Ganghofer wahrscheinlich neidisch gewesen wäre. Wer Ganghofer nicht kennt: Der lebte in der Zeit, in der dieser Waidmann hier zu Tode kam, und hinterließ der Menschheit so bedeutsame Werke wie Der Edelweißkönig, Der Jäger von Fall oder Der Dorfapostel, um nur einige zu nennen.

Vor dem Abstieg nach Bingen gibt es eine weitere Gedenktafel für einen Jäger. Diesmal ist die Todesursache angegeben: Er wurde 1920 »durch ruchlose Hand erschossen«. Das erspart mir, erneut eine Todesart erfinden zu müssen.

In Sichtweite der tausendjährigen Drususbrücke überquere ich die Nahe und gelange so nach Bingen, wo ich direkt am Rhein ein Hotelzimmer bekomme. Da die Geschäfte noch offen haben, beschließe ich, mir bei einem Friseur einen pflegeleichten Kurzhaarschnitt verpassen zu lassen. Als ich bezahle und der jungen Friseurin ein Trinkgeld gebe, bedankt sie sich zu meiner Verblüffung mit einem Knicks. Noch nie hatte eine Frau vor mir einen Knicks gemacht! In gehobener Stimmung verlasse ich das Geschäft und suche mir ein Gasthaus für ein frühes Abendessen.

Ich bin jetzt zwölf Tage unterwegs. Eigentlich kein Grund, darauf besonders hinzuweisen. Wenn es nicht die Zahl Zwölf wäre, denn die kommt im Nibelungenlied so oft vor, dass es kein Zufall sein kann. So sieht es für mich jedenfalls auf den ersten Blick aus.

Fast alle Strecken wurden innerhalb von zwölf Tagen zurückgelegt, sei es die Fahrt nach Island oder der Ritt von Pöchlarn nach Worms durch Rüdiger von Bechelaren. Und jeweils zwölf Recken begleiteten Siegfried und Dietrich von Bern. Also eine versteckte Zahlensymbolik im Nibelungenlied? Bei den zwölf Begleitern lässt sich das sofort verneinen. Man denke nur an die zwölf Apostel, die zwölf Liktoren, welche die römischen Konsuln begleitet haben, oder an Karl den Großen mit seinen zwölf Paladinen.

Mit den Zeitangaben ist es auch einfach, denn die kann man ja überprüfen. Von Pöchlarn nach Worms sind es etwa siebenhundert Kilometer, was bei zwölf Tagen einen Tagesdurchschnitt von 58 Kilometern macht. Das wäre laut Norbert Ohler Reisen im Mittelalter die Tagesleistung eines sehr eiligen Reiters. Könnte man also gelten lassen. Wenn ich das Nibelungenlied richtig verstehe, haben Wärbel und Swemmel sogar die gesamte Strecke von Esztergom bis Worms in zwölf Tagen geschafft – das wären mehr als eintausend Kilometer. Joachim Fernau kommentiert dies in seinem Buch Disteln für Hagen ironisch mit den Worten: »Schade, dass diese Pferderasse ausgestorben ist.«

Fußgänger kommen im Nibelungenlied nicht vor, wenn man von dem Kaplan absieht. Da muss ich schon auf die Sage von Walther und Hildegund zurückgreifen, die von Attilas Hof geflohen und zu Fuß unterwegs waren. Die Gegend um Worms erreichten sie nach vierzig Tagen, was einer Tagesleistung von knapp 27 Kilometern entspricht. Das ist sehr stramm aber nicht unmöglich, besonders wenn man von hunnischen Häschern verfolgt wird. Mal sehen, wie lange ich brauchen werde. (Ich kann es an dieser Stelle schon verraten: Ich habe 51 Tage gebraucht, musste aber auch nicht um mein Leben rennen)

Fazit: Im Nibelungenlied scheint sich keine Zahlensymbolik zu verbergen, und ich kann mich an meinem zwölften Wandertag ohne schwerwiegende Gedanken zur Ruhe begeben.

DURCH WEINBERGE NACH WORMS

Bingen darf man nicht verlassen, ohne auf der Burg Klopp gewesen zu sein, heute Sitz der Stadtverwaltung. Da Samstag ist, treffe ich hier auf keine Menschenseele und habe den Blick auf Bingen mit Mäuseturm und Ruine Ehrenfels für mich ganz allein. Oberhalb von Rüdesheim grüßt das monumentale Niederwalddenkmal herüber, das anlässlich des siegreichen Krieges 1870/​71 und der Reichsgründung errichtet wurde.

Nach der Burg Klopp beginnt der allmorgendliche steile Aufstieg, heute zur Rochuskapelle, gefolgt von einem leicht abfallenden Weg zwischen ausgedehnten Weinfeldern. Junge Weinsetzlinge sind durch Getränkekartons geschützt, die eigentlich für Apfelsaft gedacht waren. Eine praktische Methode, die aber fast wie eine Tarnung wirkt.

Der Ort Ockenheim wartet gleich mit zwei Kriegsdenkmälern auf: Einem für die zwei Weltkriege und das andere für den Krieg 1870/​71. Für letzteren sieht man hier im Rheinland, im Gegensatz zu Bayern, viele Denkmäler. Dieser Krieg gab nicht nur für die Reichsgründung den Ausschlag, sondern hat Deutschland auch einen bedeutsamen Ingenieur beschert: Rudolf Diesel, dessen Familie ursprünglich in Paris lebte, kam als Folge des deutsch-französischen Krieges als Kind nach Augsburg und wurde später der Erfinder des nach ihm benannten Motors.

Der Friedhof von Ockenheim liegt mitten im Dorf und nicht weit entfernt, noch immer im Dorf, spendet ein kleiner Weinberg gewissermaßen Trost. Da hier einer der vielen Jakobswege hindurch geht, gibt es auch ein Pilgerdenkmal, und ein Weingut bietet gar »echten Pilgerwein« an, was immer das ist.

Nun geht es wieder bergauf, was wegen der Hitze umso beschwerlicher ist. Oben lande ich bei der 1985 angelegten »Jakobsberger Weinlaube«, in der einhundertsiebzig Sorten Wein angebaut werden. Aber ist es noch zu früh im Jahr, um deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Rebsorten feststellen zu können. Ich habe hier einen guten Fernblick und kann den gesamten Weg verfolgen, den ich seit der Rochuskapelle gegangen bin. Kurz darauf umrunde ich einen Galgenberg, auf dem jetzt Wein angebaut wird. Im Laufe meiner Wanderung entdecke ich auf der topografischen Karte nahezu bei jeder größeren Ortschaft einen Galgenberg. Der Henkerberuf muss einmal sehr gefragt gewesen sein.

Beim Bismarckturm auf der Höhe zwischen Gau-Algesheim und Ingelheim gibt es nicht nur ein Ausflugslokal, sondern merkwürdigerweise auch ein Gehege mit sechs Tigern. Laut Info-Schild will man auf diese Weise zur Rettung dieser bedrohten Tierart beitragen. Die Tiger fragt aber niemand, ob ihr Leben hinter Gittern ein erhaltenswertes Leben ist.

Nach Ingelheim geht es dann stetig hinab, teilweise durch einen richtig romantischen Hohlweg.

Ingelheim besteht aus zwei Ortsteilen, nämlich Nieder- und Ober-Ingelheim. Mir war dieser Ort bislang nur als Sitz eines bekannten Pharmaunternehmens bekannt und ich bin deshalb überrascht, einen historischen Weinort vorzufinden. Ebenso überrascht bin ich, dass ich auch beim dritten Versuch kein Zimmer für die Nacht finde. Die Juniorchefin des zuletzt angesteuerten Hotels, welches auch Weingut ist, meint vorwurfsvoll, wie ich ohne Reservierung glaube, eine Unterkunft zu finden. Sie bemüht sich aber sehr, mir zu helfen und schickt mich erst einmal in den Innenhof, damit sie in Ruhe arbeiten könne. Nach knapp zehn Minuten kommt ein Aufschrei »Ich habe etwas für Sie!« Die junge Frau stürzt in den Hof, fordert mich auf, schon einmal in ihrem Auto Platz zu nehmen, während sie die Schlüssel holt, und dann fegt sie mit mir um viele Ecken durch Ingelheim. Schließlich hält sie vor einem Tor, weist mich an, hier zu klingeln, und ich habe gerade noch Zeit mich zu bedanken, da braust sie schon davon. Eine sehr effektive Dame, die mir selbstlos zu einer Übernachtung in einem Privatquartier verholfen hat. Den Namen des Hotels bzw. Weingutes habe ich mir für spätere Gelegenheiten gemerkt.

Durch die günstige Lage meines Quartiers in Ober-Ingelheim bekomme ich Gelegenheit, die beachtlichen Reste der alten Ringmauer zu besichtigen und vor allem die gotische Wehrkirche (Burgkirche) mit ihrem Turm aus dem 12. Jahrhundert. Leider nur von außen, denn das Tor ist verschlossen.

Der Rheinhöhenweg führt am neuen Tag nochmals an dieser Kirche vorbei. Heute bin ich schon sehr zeitig auf den Beinen, weil es kein Frühstück gibt. Obwohl es erst 07:15 Uhr ist, beginne ich schon die Hitze des Tages zu spüren. Bald schon verliere ich die Markierung, und die Wegbeschreibung im Wanderführer steht nicht im Einklang mit dem, was ich sehe. So gehe ich nach Kompass und Karte. Das darf man nicht wörtlich nehmen, denn eine Karte im eigentlichen Sinn habe ich nicht. Lediglich das Display meines Navis, 3,5 mal 5,5 Zentimeter groß. Damit lässt sich bei einem Maßstab von 1 : 25 000 kein Überblick gewinnen, im Vergleich zu »echten« Karten, die in der Regel ein einigermaßen großes Gebiet abdecken. Ich liebe es, nach Karte und Kompass zu gehen. In jungen Jahren habe ich damit nördlich des Polarkreises in Lappland große Strecken zurückgelegt und bin stets am gewünschten Ort angekommen. Inzwischen habe ich mich dem modernen Standard angepasst und komme mit der Miniaturkarte des Navis leidlich zurecht.


Burgkirche mit Ringmauer in Ober-Ingelheim

Mal treffe ich auf den Rheinhöhenweg, mal wieder nicht, aber ich komme zügig vorwärts. Der Boden ist hier sehr sandig. Es handelt sich um die Reste eiszeitlicher Flugsanddünen, wie es sie in verschiedenen Gebieten Deutschlands gibt, vor allem in Norddeutschland. Ich freue mich schon auf das Lokal »Rheingoldruhe« an der Autobahn A60. Aber hier ruht nicht nur das Rheingold, sondern auch der Wirtschaftsbetrieb, obwohl schon später Vormittag ist. Also gehe ich weiter durch den Lennebergwald zum Lennebergturm, einem Ausflugsziel von Mainz. Im Vorort von Mainz will ich mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof fahren, weil ich dort die Tourist Information vermute. Die Straßenbahnlinie ist jedoch unterbrochen, weil heute ein Stadtmarathon ausgetragen wird, und ich muss in einen Bus umsteigen. Am Bahnhof erfahre ich dann, dass die Tourist Information in der Stadtmitte liegt, und ich beginne meinen langen Marsch durch Mainz. Die Wegweisung zur Tourist Information ist, milde ausgedrückt, wenig optimal und ich benötige einige Zeit, sie zu finden. Ich bin der einzige Besucher und trage der Dame meinen Wunsch nach einem Hotel vor. Sie zieht unter dem Tresen ein umfangreiches Heft hervor mit den Worten: »Hier sind alle Unterkünfte von Mainz verzeichnet und vorne finden Sie einen Stadtplan.«

Ich sage verwundert: »Ist das Ihr ganzer Service?«, und sie antwortet mit einem unfreundlichen »Ja!«

Kopfschüttelnd verlasse ich die Tourist Information und suche mir ein schattiges Plätzchen in der Fußgängerzone. Dort setze ich mich nach Art eines Penners auf das Pflaster und studiere das Hotelverzeichnis. Dann schalte ich mein Handy ein und beginne zu telefonieren. Glücklicherweise finde ich schnell ein Quartier, aber es fährt kein Bus in diese Richtung, weil noch immer Marathon ist. Also marschiere ich wieder los, geführt vom Navi. Unterwegs lasse ich mir an einer Verpflegungsstelle für die Marathonläufer etwas zu Trinken geben. Als ich am Hotel ankomme, bin ich letztlich insgesamt vier Kilometer durch Mainz gelaufen. Eine recht beachtliche Strecke!

Mainz ist der Ort meines ersten Ruhetages (ich will etwa alle dreihundert Kilometer einen Ruhetag einlegen), den ich nach dem Erlebnis mit der unfreundlichen Dame aus der Tourist Information mit negativer Einstellung beginne. Zu viel will ich am Ruhetag nicht herumlaufen, denn der Zweck des Ruhetages ist vornehmlich, meinen Beinen und Füßen eine Pause zu gönnen. Deshalb beschränke ich meinen Stadtrundgang auf das Gebiet um Dom und Marktplatz, in dessen Mitte die sogenannte Heunensäule steht. Diese wuchtige Säule aus rotem Mainsandstein ist ein Geschenk der Stadt Miltenberg anlässlich des tausendjährigen Domjubiläums. Darauf weist eine Inschrift auf dem Bronzefuß der Säule hin. Man nimmt nämlich an, dass die Heunensäule ursprünglich für den Wiederaufbau des Mainzer Doms gedacht war, der unglücklicherweise bei der Einweihung im Jahre 1009 abbrannte und dann auch gleich wieder aufgebaut wurde, was allerdings 27 Jahre gedauert hat. In einem Wald bei Miltenberg am Main liegen heute noch sechs von ursprünglich zehn derartigen Säulen.

Vor dem Dom versammelt sich gerade eine größere Besuchergruppe, die dann in den Bau drängelt, ohne auf die bronzenen Torflügel des Marktportals zu achten, die immerhin schon eintausend Jahre alt sind und damals jeweils aus einem Stück gegossen wurden.

Am Marktbrunnen, dem ältesten Renaissancebrunnen Deutschlands vorbei komme ich zur Nagelsäule. Sie wurde 1916 während der Hungerjahre im Ersten Weltkrieg aus Eichenstämmen zusammengesetzt, und jeder Bürger durfte für eine Geldspende einen Nagel einschlagen. Dabei wurden kunstvolle Verzierungen und Reliefs genagelt.

Wie ich so um den Dom herumstrolche, fällt mein Blick auf ein Schild, und ich bleibe wie angewurzelt stehen. Ich stehe nämlich vor der Martinusbibliothek, mit der es eine besondere Bewandtnis hat: Buchbinder haben in früheren Jahren häufig Reste alter Pergamenthandschriften für neue Einbände benutzt. 1988 fand Kurt Hans Staub in der Martinusbibliothek solcherart verarbeitete Pergamentstreifen einer Nibelungenhandschrift, die in Fachkreisen als die »Handschrift L« bezeichnet wird. Derselbe Wissenschaftler entdeckte dann 2003 in Mainz nochmals weitere Reste dieser Handschrift. Mir ist diese Geschichte aus einem Buch bekannt, und deshalb ist für mich Mainz natürlich ein Nibelungenort, auch wenn die Stadt im Nibelungenlied nicht erwähnt wird. Am Eingang zur Bibliothek sind in einem Schaukasten Schriften und Postkarten ausgestellt, die man an der Information der Bibliothek kaufen kann. Darunter auch eine Ansichtskarte mit einem Bild der »Nibelungen-Schnipsel«. Ich gehe sofort hinein, kaufe die Karte und erzähle den beiden Damen an der Kasse den Grund meiner Reise. Ein abseits stehender, älterer Herr hört interessiert zu, und als ich schon fortgehen will, sagt er: »Dann wollen Sie doch sicher auch das Original sehen?« Verwundert antworte ich: »Ja, natürlich!«

Er fordert mich auf zu warten, bis er den Schlüssel holt, und dann führt er mich in das Allerheiligste der Bibliothek, den Tresorraum. Dort breitet er vor mir die Originalfragmente der Nibelungenhandschrift aus.

Ich stehe fasziniert davor und kann nicht fassen, wie mir geschieht.

Die Fragmente sind senkrecht durch die Handschrift geschnittene Pergamentstreifen. Somit kommen immer nur einzelne Wörter oder Teile von Wörtern vor. Da muss einer schon sehr gut das Nibelungenlied auf Mittelhochdeutsch und die Handschriften kennen, um die Streifen als Teile des Nibelungenlieds zu erkennen und sogar die passende Strophe zu finden. Zum Glück betrifft der Text eines Streifens Teile der ersten Aventiure, des ersten Abenteuers, so dass sogar ich die erste Strophe identifizieren kann. Ich kann nämlich dreißig Strophen des Nibelungenlieds auf Mittelhochdeutsch auswendig. Das habe ich nur so zum Spaß gelernt, als ich anfing über die Nibelungen zu recherchieren. Als mir die Idee zur Nibelungenwanderung kam, hatte ich noch kein spezielles Verhältnis zu diesem Thema. In meinem Bücherregal stehen zwar schon seit Jahren drei Bücher über die Nibelungen, aber ich habe da sehr viele Bücher zu zahlreichen Themen stehen. Erst durch die Vorbereitungen auf meine Tour erwarb ich mir vertiefte Kenntnisse über das Nibelungenlied. Und hier kann ich sie auch einmal anwenden.

Ich bekomme dann noch ein Buch zu sehen, auf dessen Innendeckel sich in Spiegelschrift der Text des Nibelungenlieds abgedrückt hat. Offenbar war hier einst eine Seite der Nibelungenhandschrift dazu benutzt worden, den Innendeckel zu kaschieren. Das Original gibt es nicht mehr, aber sein Abklatsch ist geblieben.

Geradezu beglückt verlasse ich die Martinusbibliothek. Jetzt bin ich wieder mit Mainz versöhnt, und der heutige Tag wird sicherlich ein Höhepunkt meiner Wanderung sein.

Im Staatstheater Mainz werden am Abend Die Nibelungen aufgeführt, eine Inszenierung in Anlehnung an Wagners Ring des Nibelungen. Da ich aber nur Wanderkleidung mit abgetragenen T-Shirts habe, erübrigt sich eine Überlegung, die Aufführung zu besuchen.

Stattdessen kehre ich in der Altstadt zum Abendessen in einem Weinlokal ein, welches Schoppenweine aus dem Weingut in Ingelheim anbietet, wo man mir so hilfsbereit bei der Suche nach einem Zimmer geholfen hatte. Ich erzähle dem Wirt davon, und dieser meint, wenn er die nächste Lieferung des Weingutes erhält, will er dem Winzer darüber berichten. »So wird sich der Kreis schließen«, fügt er hinzu.

Mainz verlasse ich mit der S-Bahn. Statt nur bis zu einem Vorort zu fahren, gönne ich mir weitere sechs Minuten Bahnreise und steige erst in Nackenheim aus. In wenigen Minuten habe ich bereits dreiviertel eines Tagesmarsches zurückgelegt. Da es noch früh am Tag ist, kann ich jetzt noch ein längeres Wegstück anhängen und beschließe, die fast 25 Kilometer bis Alsheim zu gehen.

Nackenheim ist ein typischer Weinort und Geburtsort von Carl Zuckmayer, dem hier ein Denkmal gesetzt ist. Ich wandere auf die Höhen der Rheinterrasse und studiere hier ein altes Steinkreuz. Der Sockel zeigt einen sterbenden Menschen, über dem Blitze aus Wolken zucken. Es soll sich um den Heiligen Franz Xaverius handeln, der 1552 während eines Unwetters auf der Insel Sansibar starb. Er gilt seither als Schutzpatron gegen Unwetter und Hagelschlag. Was mich beeindruckt ist, dass man im Jahre 1767, als dieses Bergkreuz errichtet wurde, von einer Begebenheit wusste, die sich zweihundert Jahre früher im fernen Afrika zugetragen haben soll. Auch ohne Zeitung, Rundfunk und Telefon haben unsere Vorfahren bereits Nachrichten aus aller Welt erhalten. Möglicherweise nicht ganz korrekt, denn in der Vita des Heiligen Xaverius heißt es übereinstimmend, dass er auf einer chinesischen Insel gestorben sei. Merkwürdig ist dabei, dass sein Grab in Goa sein soll. Egal wo, jedenfalls weit weg von Nackenheim.

Von hier oben habe ich einen weiten Blick über die von Weinfeldern bedeckten Rheinterrassen und auf den Rhein, dessen Ufer von Bäumen gesäumt sind. Deshalb kann man von der Rheinuferstraße aus den Rhein nur selten sehen. Als Folge der schon lange andauernden Trockenheit führt der Rhein wenig Wasser, und daher ragen die Sandbänke weit in den Fluss hinein.

Mein Weg führt unterhalb des Hochplateaus, parallel zum Hang, durch die ausgedehnten Weinfelder. Bald tauchen in der Ferne die Kühltürme des Kernkraftwerks Biblis und, ganz schwach, die Türme des Wormser Doms auf.

Bevor ich nach Nierstein hinabgehe, besuche ich einen Signalturm aus dem Mittelalter. Der stellt sicherlich eine gute Aussichtsplattform dar, ist aber leider verschlossen. Mein Weg bringt mich dann weiter über den Marktplatz von Nierstein und an einer Wehrkirche vorbei wieder zurück auf das Höhenplateau. Es ist heiß hier oben zwischen den Weinfelder, und ich bin wieder völlig allein. Bussarde und Gabelschwanzweihen wechseln sich darin ab, über mir ihre Kreise zu ziehen. Kein sicherer Ort für die Kaninchen, die vereinzelt über den Weg hoppeln. In der Tageshitze bildet sich in einem Weinfeld sogar eine kleine Windhose, die den ausgetrockneten Boden aufwirbelt und als Staubwolke vor mir tanzt, bis sie wieder in sich zusammenfällt.

Später treffe ich einen alten Winzer, mit dem ich mich über die Frostschäden dieses Frühjahrs und das Wandern unterhalte. Und über das Alter – ein Thema, das ich gerne vermeide.

Oberhalb von Oppenheim steht am Rande einer Wiese eine Bank unter schattigen Birken. Sehr einladend! Ich lege mich darauf, nehme den Rucksack als Kopfkissen und schlafe bald ein, während ein leichter Wind über mich hinwegstreicht.

Ich schlafe gerne im Freien und bin da bei der Platzwahl nicht wählerisch. Ende der Achtzigerjahre wanderte ich während eines total verregneten Sommers von Bonn zum Bodensee. Die einzigen trockenen Plätze waren damals oft nur die Wartehäuschen an Bushaltestellen, die damals, im Gegensatz zu heute, noch durchwegs Sitzbänke hatten. Während ich auf das Ende von Regenschauern wartete, legte ich mich öfters für ein Nickerchen auf eine dieser Bänke. Meine Rolle als Landstreicher habe ich seinerzeit offenbar gut verkörpert, denn in einem Wohnwagenlager für fahrendes Volk boten mir Zigeunerinnen sogar etwas zu Essen an. Die Erfahrung, dass Leute, die wenig besitzen, besonders freigiebig sind, habe ich in meinem Leben häufiger gemacht.

Nachdem ich meinen Zehn-Minuten-Schlaf beendet habe, breche ich wieder auf, erspare mir aber den Abstecher nach Oppenheim hinab. Die Ruine Landskron und die sicherlich sehr bedeutende Katharinenkirche kann ich auch von hier oben sehen. Im Hintergrund lassen sich sogar die Bürotürme von Frankfurt ausmachen.

Später gehe ich doch noch einmal in die Rheinebene hinunter und durch Guntersblum mit seiner malerischen Kellerstraße, wo viele Winzer ihre Weinkeller haben.

Wieder auf dem Höhenweg, gelange ich zum Weiler Hangen-Wahlheim, dessen Geschichte bis ins frühe Mittelalter zurückreicht. Davon zeugt noch heute der Dahlberger Hof. Sehenswert ist aber die Ruine der spätgotischen Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die wahrscheinlich schon im 17. Jahrhundert zerstört worden war. Erst vor wenigen Jahren wurde sie aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen, renoviert und gesichert. Es ist ein stiller, einsamer Ort, an dem ich den Atem der Geschichte zu spüren glaube.

In Alsheim endet der heutige Tag, und hier endet auch der Rheinhöhenweg. Nun muss ich nicht mehr das »R« suchen, dafür aber meinen Weg selbst planen und finden.

Erst im dritten Anlauf, und mit Hilfe von Anwohnern, finde ich ein Zimmer, angenehmerweise in einem Weingut. Ich kann mich selbst aus dem Kühlschrank bedienen – pro Glas Wein ein Euro. Ich nutze dieses Angebot für eine Weinprobe, die ich mit einer Huxelrebe Auslese 2009 abschließe. Dies aber erst nach dem Abendessen in einer Gaststätte, in der ich erstmals in Deutschland einen Rotwein bekomme, der mir wirklich schmeckt. Es ist ein Blauer Portugieser. Damit will ich nicht behaupten, dass es in Deutschland keine guten Rotweine gäbe – nur waren mir diese bislang offensichtlich noch nicht begegnet.

Am frühen Morgen wandere ich am niedlichen Rathaus von Alsheim und einer orientalisch wirkenden Kirche vorbei und durch einen tief eingeschnittenen Hohlweg wieder hinauf auf die Höhen über dem Rhein. Im Osten tauchen aus dem Dunst der Odenwald und einer seiner höchsten Berge, der Melibocus, auf. Den Rhein kann ich nicht sehen, weil er durch Baumgruppen am Ufer verdeckt ist. Das ist schade, denn ich blicke genau dorthin, wo der Rhein zwischen Gernsheim und Biebesheim gewissermaßen eine Haarnadelkurve beschreibt. Dort soll im Mittelalter das tiefe Loch gewesen sein, in dem Hagen den Nibelungenhort versenkt hatte. An dieser Stelle lag der Ort Lochheim (im Nibelungenlied »ze Lôche«), der vor über siebenhundert Jahren in den Rheinfluten unterging. Der Nibelungenschatz bewegt seit Langem die Gemüter und noch immer hoffen Schatzsucher auf einen großen Fund. Mehr noch als der Nibelungenschatz hat aber das Gold im Rhein, das Rheingold, die Menschen beschäftigt. Tatsache ist, dass der Rhein Gold enthält, welches mit dem goldhaltigen Kies aus den schweizerischen Bergen und den kleineren Zuflüssen im Oberlauf in den Strom geschwemmt wird. Viel war es allerdings nie und vor allem waren es nur kleine Goldkörner und dünne Flitterchen, die sich an Inseln und sandigen Uferstellen ablagerten. Flussabwärts wird das Goldvorkommen immer dürftiger, weil die Flusskiesel die Goldpartikel immer weiter zermahlen, bis nur noch mikroskopisch kleine Teilchen übrig sind. Bei Xanten konnte man deshalb kaum Gold finden, zumal der Niederrhein durch die Zuflüsse entsprechend »verdünnt« ist.

Trotz des geringen Goldgehaltes wurde am Oberrhein immerhin genügend Gold gewaschen, um 1813 Teile eines Prunk-Toilettenservices der Großherzogin Stefanie von Baden aus massivem Rheingold anfertigen zu können, zu sehen im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe.

Seit seiner Regulierung und Begradigung hat sich die Fließgeschwindigkeit des Rheins so erhöht, dass sich kein goldhaltiger Sand mehr am Ufer ablagert. Trotzdem haben die Nazis zwischen 1938 und 1943 mit viel Aufwand nach Rheingold gebaggert. Das dürftige Ergebnis dieser jahrelangen Bemühungen waren ganze dreihundert Gramm Gold. Davon hatte Hermann Göring dreißig Gramm abgezweigt, um sich daraus einen Nibelungenring schmieden zu lassen. Vielleicht hatte der Reichsmarschall die Worte der Rheintöchter in Wagners Rheingold für bare Münze genommen:

»Der Welt Erbe

gewönne zu eigen,

wer aus dem Rheingold

schürfe den Ring,

der maßlose Macht ihm verlieh’.«

Geholfen hatte ihm der Ring bekanntlich nicht. Auch eine gegen Kriegsende entwickelte Lenkrakete namens »Rheintochter« konnte den Endsieg nicht herbeiführen.

Noch heute zeugt ein über einen Kilometer langer Baggersee, der »Goldkanal« bei ElchsheimIllingen südlich von Karlsruhe, von der Goldsuche aus der nationalsozialistischen Ära.

Jedenfalls geht damals wie heute vom Rheingold eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Deshalb habe ich auch das Wegstück zwischen Xanten und Worms »Rheingoldetappe« getauft.

Aber noch bin ich nicht in Worms, denn mein gewählter Weg verläuft auf der Höhe nur ein kleines Stück parallel zum Hang, um dann wieder in die Ebene hinabzuführen. Nach etwa einer Stunde Wanderung stelle ich fest, dass ich zwar viel auf und ab gegangen bin, mich aber von Alsheim kaum entfernt habe. Sehr frustrierend! Dann folge ich einem Nordic-Walking-Pfad, leider mit dem gleichen Ergebnis. Wie schon gestern kreisen Bussarde und rütteln Falken über den Weinfeldern, und Kaninchen flüchten vor mir. Ich entdecke auch eine Spezies, die ich bereits für ausgestorben hielt: klassische Vogelscheuchen aus einem Holzkreuz, über das man ein flatterndes Hemd oder eine alte Jacke gezogen hatte.

Bislang habe ich mich heute nur am Sonnenstand und dem Kernkraftwerk Biblis orientiert. Weil ich einfach nicht vorwärtskomme, gebe ich im Navi zwei Wegpunkte ein, aber auch dieses Gerät weiß nichts Besseres, als mich wieder den Hang hinaufzuführen. Gegen Mittag komme ich so zu dem etwas abseits in einer Senke gelegenen Ort Bechtheim, wo ich mich in einer Bäckerei verpflege und am Dorfbrunnen Mittagsrast mache. Auf einem Obelisk werden alte Maßeinheiten angezeigt und erläutert, wie zum Beispiel »gewöhnliche Landesrute«, »Dezimalschuh«, »Gran« und »Skrupel«. Wie einfach haben wir es heute mit »Meter« und seinen Unterteilungen.

Der Marktplatz von Bechtheim dient gleichzeitig als Pausenhof für die Schule, und während ich hier raste, kann ich die Kinder während der Pause beobachten. Es ist so, wie ich es aus meiner Schulzeit in Erinnerung habe: Die Kinder spielen Fangen, üben auf Stelzen zu gehen, spielen Ball, toben herum und einige Buben raufen miteinander. Ich sehe weder Handys noch MP3-Player. Das Ende der Pause kündigt die Lehrerein dadurch an, dass sie mit einem Fähnchen wedelt. Sie schnappt sich eine herumliegende Jacke, zerrt einen noch am Boden liegenden Jungen hoch und verschwindet mit ihm ohne viel Federlesens in der Schule. Es kann sein, dass hier keine Spitzenplätze bei PISA-Studien errungen werden, aber das Sozialverhalten wird in dieser Schule meiner Meinung nach sehr praxisgerecht vermittelt.

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