Kitabı oxu: «Sprachbilder und Sprechblasen»
Ralf Bachmann
Sprachbilder und Sprechblasen
Heitere und ernste Überlegungen eines Sachsen zum Thema Muttersprache

Das Umschlagfoto ist eine Aufnahme des 2008 verstorbenen Colditzer Fotografen Wolfgang Stadler von einer Lesung des Autors, für dieses Buch bearbeitet von Lydia Strauß.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86729-097-5 (Print)
ISBN 978-3-86729-513-0 (EPUB)
ISBN 978-3-86729-514-7 (PDF)
1. Auflage 2012
Alle Rechte vorbehalten.
© Sax-Verlag, Beucha • Markkleeberg 2012
www.sax-verlag.de
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Dank
Zum Autor
Kapitel 1
Die Sache mit dem Sparschwein oder Der mühselige Weg über den Bemmen-Äquator
Kapitel 2
Ist der Übersetzer der Chef vom Untersetzer?
Gedanken über das Wunder der Sprachbilder und über Stilvarianten der Unzucht im Heidekraut
Kapitel 3
Ein lieder-licher Lebenslauf
Was man so alles gesungen hat und was das über die Zeiten verriet
Kapitel 4
Der deutschen Sprache kesse Schwester
Jiddisch – ein Robin Hood unter den Sprachen
Kapitel 5
Über Glaubensworte und Wortglauberei
Wie leere Phrasen das Sprechen erleichtern und das Hören erschweren
Kapitel 6
German for Sie
Zwanzig Lektionen Neudeutsch für Amateure
Kapitel 7
Die Muttersprache ist geweihter Raum
A Wir pfeifen auf die Fahnen, aber wir lieben dieses Land. Am Grab von Kurt Tucholsky in Mariefred-Gripsholm
B Der »Rasende Reporter«. Erinnerungen an Ludwig Renn und Egon Erwin Kisch
C Zuflucht im Gelobten Land. Werner Kraft: Der Stuhl, auf dem Else Lasker-Schüler saß
D Zwischen allen Stühlen. Hans Sahl: Ein Requiem aus geflügelten Worten
Kapitel 8
Ein verdrängtes Thema: Die Sprache und der Tod
Sprich vom Sterben, ohne zu weinen
Literaturangaben
Vorwort
Was das Verhältnis zur Sprache angeht, sind die Menschen sehr verschieden. Dem Linguisten ist sie eine Wissenschaft, die er beherrscht, aber Laien einfach nicht verständlich zu machen vermag. Dem Schriftsteller und dem Mimen erscheint sie als künstlerische Knetmasse, deren starre Regeln es zu überwinden gilt, wenn man wahrhaft Großes schaffen will. Dem Lyriker klingt sie, richtig gehandhabt, am Ende wie eine zauberhafte Melodie. Dem Journalisten und dem Politiker dient sie als manipulierbares Kommunikationsmittel, als Handwerkszeug. Dem Legastheniker bedeutet sie tägliche Höllenqual.
Mir hat sie immer nur Spaß gemacht. Selbst das Grübeln um die beste Formulierung, das Suchen nach einem fehlenden Wort war mir keine Last, sondern spannend wie ein gutes Kreuzworträtsel. Deshalb ist es mir ein Bedürfnis, in – wie ich hoffe – unterhaltsamer Form noch einmal Erlebnisse und Erfahrungen mit verschiedenen Aspekten der Sprache zu Papier zu bringen. Ein solcher Rückblick auf das Beinahe-Jahrhundert meines Lebens konnte keine unpolitische Sprachplauderei bleiben. Leser meiner journalistischen Bilanz »Ich habe alles doppelt gesehen« wird nicht weiter überraschen, dass sich auch hier in allen Kapiteln ein wenig die historische Dramatik dieser meiner Zeit spiegelt – ob es um mein Leben, mein Schreiben, mein Singen, meine sehr säkulare Jüdischkeit, mein Beten und Zweifeln oder meine Begegnungen mit Exil-Literatur und Exil-Literaten geht. Das letzte Kapitel habe ich einem ungeliebten, aber wichtigen Bestandteil unseres Seins, dem Tod, gewidmet. Eigentlich wollte ich den letzten Federstrich dieses Kapitels zum Schlussakkord meines Lebensweges werden lassen. Das ist Gott sei Dank etwas anders gelaufen als gedacht. Ich habe zu schnell geschrieben.
Das Verfassen eines Buches ist am Ende eine einsame Angelegenheit. Man sitzt Auge in Auge mit dem Computer, der sich selten dialogbereit zeigt und niemals geistvoll widerspricht. »Dichter gleichen Bären, die immer an eigenen Pfoten zehren«, scherzt Goethe als höchste Instanz in dieser Sache. Er hat damit Recht und Unrecht. Manche zehren an jeder Pfote, die ihnen begegnet, wem immer sie gehört. Aber in der Tat ist nicht nur Dichten, sondern schöpferisches Schreiben aller Art, vom Brief über den Bericht bis zum Roman oder Vers, ein eigenartiger Umwandlungsprozess, an dem Kopf und Herz, nicht selten schmerzhaft zweifelnd, beteiligt sind. Alle Autoren stehen vor dem Problem, Gesehenes, Empfundenes und Erdachtes in verständliche, sinnvolle und möglichst gut klingende Wörter und Sentenzen umzusetzen. Ist der Schreibende ernsthaft und ehrlich, bringt er so allemal ein Stück von sich selbst auf den Lesemarkt.
Das gilt auch für dieses Buch. Es behandelt das Thema Sprache aus der ganz individuellen Sicht eines Menschen, dem Schreiben zum zweiten Ich geworden ist. Ich habe versucht, mich zu erinnern, wie ich als Sachse dazu kam, wie lustig mein sprachlicher Weg vom Crimmitschauer Straßenjargon zu einem mehr oder minder korrekten Hochdeutsch war, wie mir dieser und jener handwerkliche Trick dabei half. Gleichzeitig wollte ich meine Meinung zu mancher hitzigen Diskussion unserer Tage über vermeintliche und tatsächliche Gefahren für unsere schöne Muttersprache durch das »aggressive Eindringen« von Fremdwörtern, namentlich von jenseits des Ozeans, sagen. In diesem Kontext geht es auch um Fremdenfeindlichkeit und Provinzialismus, um die Nutzlosigkeit des Rufes nach gesetzlichem Sprachschutz und die Notwendigkeit des eigenen täglichen Mühens um ein besseres Deutsch.
Kritischen Lesern könnten zwei »Bruchstellen« auffallen. In den ersten fünf Kapiteln werden zwanglos plaudernd, aber stellenweise durchaus ernsthaft und gründlich bestimmte Themen ausgelotet. Das folgende »German for Sie« ist im Grunde eine Glossensammlung zu Sprachsünden des Alltags, vor allem in den Medien. Hier ließ schon die damals von der Redaktion vorgegebene Kürze keinen Tiefgang zu, dafür konnte man umso eher zuspitzen und dem Affen Zucker geben. Das Echo zeigte: Manche mögen’s am liebsten so. Einen anderen Charakter versuchte ich dem siebenten Kapitel zu geben. Da ist der Humor mit Bitternis gemischt. Über Exilliteratur ist schon viel geschrieben worden, meist ging es um die Brüder Mann, um Feuchtwanger, Brecht und andere Größen der Literaturgeschichte. Ich wollte vier mir besonders vertrauten Autoren ein ganz persönliches Dankeschön dafür sagen, wie sie, verfemt und verbannt, unserer Sprache Treue hielten und in ihr und mit ihr Lebensmut und Lebensfreude gaben.
So viel zum Inhalt. Aber das meiste ist nicht so ernst geschrieben und gemeint. Wenn der Leser am Ende lächelnd nickt und ein paar unterhaltsame Stunden hatte, bin ich schon zufrieden.
Ralf Bachmann
Dank
Zu den Themen rund um unsere Sprache, mit denen ich mich meist nur mit leichter Hand beschäftigt habe, gibt es eine Fülle von fachlich hervorragender und tiefer lotender Literatur, derer ich mich bedienen konnte und ohne die das Buch nicht entstanden wäre. An einigen Stellen habe ich konkret auf sie hingewiesen und ihr Studium empfohlen. Hier sage ich allen Autoren und sonstigen Stichwortgebern Dank, die nicht im Einzelnen genannt sind, aber in vielfältiger Weise ergänzten, was ich selbst in meinem langen Journalisten- und Leseleben zu sammeln vermochte. Es wäre unfair zu verschweigen, wie viel leichter das Bücherschreiben geworden ist, seit es Google und Wikipedia gibt.
Freunde, Familienmitglieder und der Sax-Verlag unterstützten mich durch originelle Vorschläge, Hinweise auf lustige Fehler bei Anderen und weniger lustige in meinem eigenen Manuskript, opferten Zeit für die mühselige Arbeit des Korrekturlesens und halfen bei der Gestaltung, namentlich seien meine Tochter, Fremdsprachendozentin Katrin Hartmann, meine Enkelin M. A. Lydia Strauß, die Linguistin Dr. Claudia Leihkauf, Dr. rer. nat. Wolfgang Hartmann und Verlagsleiterin Dipl.-Ing. Birgit Röhling bedankt.
Zum Autor
Ralf Bachmann
wurde am 29. Dezember 1929 in der sächsischen Industriestadt Crimmitschau geboren. Er ist Sachse in der dritten Generation: Seine Großeltern lebten in Meerane und in Falkenstein (Vogtland), seine Eltern in Crimmitschau und Leipzig, er selbst wuchs in Crimmitschau, Leipzig und Grimma auf. Den heimatlichen Dialekt hat er mit der Muttermilch aufgesogen und konnte ihn nie verleugnen, obwohl ihn sein Beruf als Journalist schon 1953 zunächst nach Frankfurt (Oder) und dann nach Berlin führte, wo er bis heute zu Hause ist. Insgesamt elf Jahre leitete er die Büros der DDR-Nachrichtenagentur ADN in Prag und in Bonn. Im Auftrag der Agentur berichtete er über politische, sportliche und kulturelle Ereignisse in zahlreichen Ländern dreier Kontinente. Er begegnete herausragenden Persönlichkeiten wie »Che« Guevara, Salvador Allende, Willy Brandt, Berthold Beitz und Egon Bahr, interviewte in Lateinamerika und Osteuropa führende Staatsmänner, in Deutschland namhafte Künstler, Schriftsteller und Sportler.
In den Monaten der Wende wurden ihm in den kurzlebigen letzten DDR-Regierungen informationspolitische Aufgaben übertragen. Er war in der Regierung Modrow stellvertretender Pressesprecher und danach Abteilungsleiter für Medienpolitik in der Regierung de Maizière. Als sich die traditionsreiche Verlegerfamilie Bode 1990 zur Neuherausgabe der »Nachrichten für Grimma« entschloss, übernahm Ralf Bachmann die Leitung der Redaktion, aber die kleine Lokalzeitung war der übermächtigen Konkurrenz der Großverlage nicht lange gewachsen. Später belieferte er den in Bonn erscheinenden Artikeldienst Presseplan mit Reportagen vorwiegend über Berlin und die Mark Brandenburg und schrieb viele Jahre heitere Sprachglossen für Zeitschriften. Wiederholt wurden Sprache und Stil seiner Arbeiten gewürdigt, 1986 erhielt er den Journalistenpreis der DDR »für beispielgebende journalistische Leistungen, die in der DDR Maßstäbe setzten«.
Kindheit und Jugend Ralf Bachmanns waren von den Diskriminierungen geprägt, die er als »Halbjude« erlitt. Die Faschisten ermordeten mehrere seiner Angehörigen. Eltern und Bruder überlebten KZ und Zwangsarbeitslager. 1995 erschien seine Autobiografie »Ich bin der Herr«, 2006 »Die Bornsteins. Eine deutsch-jüdische Familiengeschichte«, 2009 »Ich habe alles doppelt gesehen. Erkenntnisse und Einsichten eines Journalisten.« Er ist verheiratet mit der Journalistin Ingeborg Bachmann. Beide haben eine Tochter, einen Sohn und vier erwachsene Enkel.
Kapitel 1
Die Sache mit dem Sparschwein oder Der mühselige Weg über den Bemmen-Äquator
»... es sind die Wörter, die singen, die steigen und fallen ...
Vor ihnen werfe ich mich nieder. Ich liebe sie, ich schätze sie, verfolge sie, zerbeiße sie, lasse sie im Mund zergehen ... So sehr liebe ich die Wörter.«
Pablo Neruda
Im Bermudadreieck des Hochdeutschen zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz geboren, habe ich dort Sprechen, Lesen und Schreiben in einem ständigen Kampf zwischen Schul-, Straßen- und Familiendeutsch gelernt. Letzteres war nur eine Mischung aus Schule und Straße, anders ausgedrückt: ein Kompromiss zwischen Schädel, Birne und Nischel. Mein Weg zum Hochdeutsch war also – soll ich sagen steinig? Aber Stolpersteine im Bermudadreieck? Ein albernes Bild. Vielleicht eher windig. Oder voller Höhen und Tiefen. Schwer zu steuern. Jedenfalls ist mancher in diesem Kampf gescheitert und ward jenseits des Bemmen-Äquators nicht mehr für voll genommen und verstanden.
Das Problem beim Hochdeutschreden war für mich zunächst weniger, dass ich es nicht konnte, sondern dass ich es nicht durfte. Man wurde im südwestsächsischen Crimmitschau bei den Gleichaltrigen als erbärmlicher Streber angesehen, wenn man außerhalb der Schulstunde so redete, wie es die Lehrer verlangten. Schon in den Pausen akzeptierte ich den mir unvergesslichen Tadel eines Klassenkameraden als ehernes Gesetz: »Hasdu ehmd ›nein‹ gesaachd statts ›ne‹? Is denn hier ärchndwo ä Lehrer? Mich gönn die ma. Ich red offm Schulhof nich wie e feiner Binkl, sondern wie mer immr redn, wemmer under uns sin. Du hoffendlich ooch?«
Meine Eltern ermahnten mich manchmal milde, mich doch beim Reden nicht so gehen zu lassen. Aber viel mehr vermochten sie nicht zu tun, sie waren ja auch in diesem Revier aufgewachsen und konnten das all ihren Bemühungen zum Trotz nicht leugnen. Die Meinung gewisser Experten, dazu bedürfte es zunächst einer Kehlkopfoperation, teile ich allerdings nicht.
Vermutlich nur um einer angestrebten Karriere willen, für die einwandfreies Deutsch Bedingung war, überredete mich eines Tages mein sechs Jahre älterer Bruder zu einer finanziell unterfütterten wechselseitigen Sprecherziehungsmaßnahme: Wer im Gespräch die Regeln der korrekten Aussprache verletzt, muss für jede Sünde fünf Pfennige in ein gemeinsames Sparschwein stecken. Ein beiläufig gesprochener Satz »Määr als arbeeden gannsch ooch nich« kostete insgesamt zwei Groschen Strafe. Dazu kamen täglich die Bußgelder für »Gumma her«, »Sooch das nich«, »Geb mer eens«, »Das gammer nich gloom«, »Gwadsch«. Wir merkten bald, dass wir über unsere pekuniären Möglichkeiten sächselten und gaben auf, nicht das Sächseln, aber das Zahlen.
Zarte Liebeslyrik auf Sächsisch?
Immerhin übten wir dann und wann unentgeltlich weiter und lachten uns bei solchen Gesprächen wegen des beim jeweils Anderen gekünstelt anmutenden Klangs der »Hochsprache« gegenseitig aus. Allmählich erwuchs aus dem Spiel schließlich doch so etwas wie Sprachgefühl. Es kostete uns aber weiter Überwindung, gelegentlich »Keine blasse Ahnung« statt »Geen blassen Dunsd« zu sagen. Bis heute passiert es mir von Zeit zu Zeit, dass ich in unkontrollierten Momenten wohlig in die Sprache meiner Kindheit zurückfalle. Ich habe allerdings das Sächsisch, das wir in meiner Gegend sprachen, nie als schön oder gar liebenswert empfunden, sondern als quasi angeborenen Straßenjargon und oft nur als bequeme Schlamperei. Die deutsche Sprache wurde von Sächsisch seit Luther kaum bereichert. Die wenigen saxonischen Eigengewächse wie Bebbermumbe und Motschegiebschen, illern und didschn, Gelumbe und ei verbibbsch haben sich selten über Pleiße und Elster hinaus ausgebreitet. Für die literarische Erhöhung des Sächsischen habe ich nur in der Satire eines Hans Reimann (1889–1969), einer Lene Voigt (1891–1962), vielleicht noch einiger der besten Pfeffermühlen-Kabarettisten und natürlich auch des unvergessenen Sing-mei-Sachse-sing-Schöpfers Jürgen Hart Verständnis. Einen Naturhymnus oder zarte Liebeslyrik auf Sächsisch mag ich mir nicht einmal vorzustellen.
Ganz anders geht es mir mit dem Erzgebirgischen und dem Vogtländischen, deren Klang mir ebenfalls seit meiner Kindheit vertraut ist. Das sind eigene Dialekte mit streckenweise heiterer Exotik und derber Schönheit, die ich ins Herz geschlossen habe. Einmal, als wir von Crimmitschau nach Leipzig übergesiedelt waren, kam es in der Schule zu einem peinlichen Vorfall. Meine Mitschüler, mit dem anspruchsvollen Leipziger Sächsisch gesegnet, machten sich über meinen Chemnitz-Zwickauer Singsang lustig, und das auf der letzten Silbe betonte langgezogene »gellehee« (statt »nischwohr«) nach manchem Satz löste Lachsalven aus. Ich behauptete deshalb völlig zu unrecht, ich spräche eben eher Vogtländisch, weil meine Mutter von dort, aus Falkenstein, stamme. Gefährlich wurde das, als mir der zweifelnde Lehrer daraufhin auftrug, ein paar vogtländische Gedichte, die er gesammelt habe und mitbringen wolle, in der Originalaussprache vorzutragen.
Bemüht buchstabierte ich also in der nächsten Stunde, falls mich die Erinnerung nicht trügt: »Is des e schäss Fleckl, wie kaans af dr Welt, mirs nörgnst sue gut wie im Vuegtland gefellt ...« und »Dem Kanner, dem hamse sei Hosen gestuhln ...«, ein Gedicht, das auf die Lautverschiebung zwischen »a«, »o« und »u« in dieser Mundart abzielt, »wue de Hasen Hosen und de Hosen Huesen haaßen« (wobei man ue nicht als ü spricht, sondern das e nach dem u nur anhaucht). Meine Falkensteiner Freunde mögen Fehler verzeihen, es ist über 70 Jahre her. Ich habe mich wohl trotzdem ganz geschickt aus der Affäre gezogen, denn ich bekam ein Lob.
Warum ich nicht Schauspieler wurde
Aber während ich das Vogtländische bei aller Liebe nie zu lernen vermochte, wurde mir der Großstadtjargon so schnell vertraut wie das Gimmelgörnergaun. In Leipzig näherte ich mich dann auch dem Hochdeutschen an. Die beiden Gründe dafür hießen Oberschule und Größenwahn. In der privaten »Teichmannschen Oberschule für Jungen«, die ich besuchen musste, weil nur sie noch bereit war, »Halbjuden« wie mich aufzunehmen, überwogen in der Schülerschaft Söhne von Fabrikbesitzern und Professoren. Sie waren zwar in der Mehrzahl miserabel erzogen und schrecklich überheblich, sprachen aber selbst auf der Toilette fast akzentfrei, da sie es von zu Hause nicht anders kannten. Ich musste mich dem anpassen, wenn ich mich nicht blamieren wollte. Ohnehin wurde Deutsch bald zu meinem Lieblingsfach, weil ich einmal in einer Stunde zwei Aufsätze statt des einen schrieb, der gefordert war, und für beide »sehr gut« erhielt.
Darüber hinaus lernte ich ziemlich mühelos Gedichte auswendig und meldete mich munter zum Rezitieren. Eine Zeit lang träumte ich, ein großer Schauspieler zu werden. Dieser Traum platzte, als wir mit verteilten Rollen den Osterspaziergang lasen und ein anonymer Mitschüler meinen Part in der Pause danach so an die Tafel schrieb: »Dursch des Frihlinks holten beläbenten Plig.« Das war eine hundsgemeine Übertreibung. Doch sie war tödlich für meine künstlerischen Phantastereien. Ich beschloss auf der Stelle, nur ein gewöhnlicher Schreiber zu werden, bei dem es auf die Rhetorik nicht ankommt.
Kurz vor Kriegsende war wohl ein Lied (Näheres in Kapitel 3) der Anlass dafür, dass ich von der Schule flog, ohne einen Abschluss zu haben. Trotzdem bewarb ich mich 1945 gleich nach der Befreiung als Volontär bei dem Lokalblatt »Nachrichten für Grimma«. Die ersten journalistischen Erfahrungen blieben bescheiden, da die sowjetische Besatzungsmacht, als sie die amerikanische nach ein paar Wochen in Westsachsen ablöste, keine deutsche Lokalzeitung duldete. Noch bis 1948 sollte es dauern, bis ich mein Volontariat in einer »richtigen« Redaktion, der der Leipziger Volkszeitung, fortsetzen konnte. Ungeschult und aus der Provinz kommend fühlte ich mich im Kreise gestandener Journalisten sehr unwohl. Da gab es Meister des Worts wie die späteren Schriftsteller Erich Loest, Bruno Apitz und Carl Andrießen, Redakteure, die schon in der Weimarer Republik, einer sogar im Kaiserreich, an Arbeiter- und Gewerkschaftszeitungen tätig waren, junge Leute mit Uniabschluss oder wenigstens Einserabitur – ich kam mir anfangs vor, wie sich ein Regionalligist unter Bundesligaprofis fühlen mag, schwor mir aber, fleißig zu lernen und zu üben.
Anfänger und Ausbilder zugleich
Doch es blieb keine Zeit für lange Lehrjahre. Ich musste mich von Anfang an jeden Tag bei kleinen und größeren Lokalterminen bewähren: Auftritt des Zauberers Marvelli in der Kongresshalle, Eröffnung einer Zierfischschau, Tauschbörse der Philatelisten, Besuch in einem Metallbetrieb, um für den von Schulabgängern abgelehnten, aber volkswirtschaftlich wichtigen Beruf des Formerlehrlings zu werben, Reportage über den Publikumsverkehr in der größten Leipziger Bibliothek. Wie man Nachrichten und Berichte schreibt, konnte ich nirgendwo nachlesen, sondern nur bei den anderen abgucken oder mir selbst beibringen. Als Lehrbücher dienten mir die zahlreichen Korrekturen der jeweiligen Redaktionsleiter an meinen Manuskripten. Mehr und mehr konnte ich mich aber auch auf meinen Sprachinstinkt und meine Phantasie, meine Freude am Feilen von Formulierungen verlassen. In jeder freien Minute las ich alle Bücher, die mir in die Hände fielen. Mit der gleichen Inbrunst, mit der ich als Schüler die Abenteuer Karl Mays, Jack Londons und Friedrich Gerstäckers und den Liebeskitsch von Hedwig Courths-Mahler und ihrer Tochter Friede Birkner verschlungen hatte, studierte ich nun auf Empfehlung unseres Kulturredakteurs Alfred M. Uhlmann den Stil und die Wortkünste der Romantiker Eichendorff, Novalis und Stifter, vor allem aber die Novellen von Gottfried Keller und immer wieder die Balladen von Goethe und Schiller.
Die Zeitung litt unter Redakteurmangel. Von denen, die in den Nazizeitungen gedient hatten, kam niemand mehr in Frage, die meisten waren ohnehin längst im Westen. Aber auch unter den neuen Redakteuren galten strenge »Kaderkriterien« der Partei (die LVZ war von Anfang an ein Organ der SED): keine Konzentration von Kleinbürgern, keine Konzentration von Intellektuellen, keine Konzentration von früheren Sozialdemokraten und Westemigranten. Bei den Säuberungen wurden immer wieder begabte Journalisten ausgesondert. Der Ersatz sollte nach den Vorgaben der Parteiführung aus der Arbeiterklasse, vor allem aus dem Kreis der »Volkskorrespondenten«, kommen. So ergab sich, dass ich, ehe ich michs versah, vom Anfänger zum Lehrmeister wurde, indem ich einen Traktoristen, eine Putzmacherin und einen Modellbauer in die Geheimnisse des journalistischen Handwerks und der journalistischen Sprache einweihen musste, die ich doch selbst noch nicht richtig beherrschte.
Glücklicherweise zeigte sich, dass in ihnen Talent steckte. Allen Unkenrufen zum Trotz wurden sie mit meiner Hilfe früher oder später tüchtige Redakteure. Darauf war ich als gerade mal 18-jähriger Ausbilder stolz. Es störte mich wenig, dass sie die zahlreichen Fertigteile der marxistisch-leninistischen Parteisprache am schnellsten verinnerlichten. Die brauchten sie ja schließlich. »Unter Führung der siegreichen Sowjetunion und unserer leninistischen Kampfpartei schlagen wir die amerikanischen Imperialisten und Kriegstreiber und ihre westdeutschen Handlanger und eilen einem neuen Morgen in einer Welt des Friedens und des Wohlstands entgegen, in der kein Platz für Ausbeuter und Unterdrücker ist.« Wenigstens diese eine Kostprobe soll hier nicht fehlen, sie hat ja schon wieder Unterhaltungswert. Damals war diese Sprache zu schreiben eine Qual nicht nur für mich. Freiwillig redet und schreibt wohl kein normaler Mensch in dieser Art. Aber wie sich zeigt, verlernt man es auch nicht.
Die Sprache ist eine lebendige Sache
Beim Fernstudium an der journalistischen Fakultät der Leipziger Universität Mitte der 1950er Jahre wurde mir ein theoretisches Gerüst für das verpasst, was ich schon fast zehn Jahre in der Praxis getrieben hatte. In Erinnerung geblieben sind mir Buchtitel wie »Wörter und Wendungen« oder »Stilistische Mittel und Möglichkeiten«. Manche davon stehen noch in meinem Bücherschrank. Ich lese schon lange nicht mehr darin, wie sehr es mir damals auch geholfen hat. Die Sprache ist eine lebendige Sache, verändert sich Tag für Tag, bricht, wenn es sein muss, alle Regeln, oft auch dann, wenn es nicht sein muss. Die stilistischen Korsettstangen dagegen bleiben steif und bleiben zurück. Als Zeitungsschreiber darf man nicht konservativ sein, sondern muss seine Schreibe in der Art weiterentwickeln wie das Volk spricht.
Nicht anders ist Luthers berühmte Forderung zu interpretieren, man solle »dem gemeinen Mann auf dem Markt auf das Maul sehen« (Sendbrief vom Dolmetschen 1530). Dem Sinne nach riet das auch die Moskauer Germanistikprofessorin Elise Riesel, eine damals anerkannte Lehrmeisterin der DDR-Stilkundler, in ihrem Werk »Abriss der deutschen Stilistik«. Seinerzeit war es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich ihre Wertskala der Stilebenen gelesen hatte. Auch beim Wiederlesen staunte ich jetzt ein wenig. Vieles von dem, was sie geschrieben hatte, war gültig wie einst. Aber die international angesehene Philologin war noch in ihrem 1954 erschienenen Buch offenkundig zu einer Ergebenheitsadresse gegenüber dem 1953 gestorbenen großen Stalin genötigt worden.
Schon im ersten Absatz versichert sie, Stalins Arbeit »Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft« zum Ausgangspunkt aller Begriffsbestimmungen gemacht zu haben. Dieses längst vergessene »geniale Werk des großen Lenkers des Weltproletariats« ist insofern bemerkenswert, als es Ende 1950 auf dem Höhepunkt des kalten Krieges erschienen war und alle Welt, die sozialistische voller Hoffnung, die westliche voller Unruhe, auf ein Wort Stalins zu den aktuellen Sorgen der Menschheit um Krieg und Frieden gewartet hatte.
Stattdessen äußerte er sich mit sehr zweifelhaften Thesen – etwa mit der Behauptung, Russisch werde das Englische als Weltsprache ablösen, weil es die fortgeschrittenere Gesellschaftsordnung verkörpere - zu einem in dieser Situation so nebensächlichen Gebiet wie der Linguistik. Ich erwähne das nur deshalb, weil es ein Schock für mich und gewiss auch für die Professorin war. Wenn sich Stalin zu Wort meldete, war das so wichtig und sakrosankt, als habe Gottvater über ihn eine dritte Gesetztafel mit den Geboten 11 bis 15 auf Erden geschickt. Aber was sollte denn das jetzt bedeuten? Jedenfalls mussten alle DDR-Zeitungen den Wortlaut veröffentlichen und jeder Genosse dazu im Parteilehrjahr begeistert Stellung beziehen. Es war eine irre Hoch-Zeit des Dogmatismus, und wir wurden uns dessen nicht einmal so recht bewusst.
Vom Dogmatismus geprägt waren auch manche Lehrmaterialien der Fakultät. Wie sollte man zum Beispiel ein wissenschaftliches Lehrbuch über die 15 Phasen beim Schreiben eines Artikels ernst nehmen? Kein Journalist denkt bei der Arbeit auch nur einen Augenblick über Phasen nach, eher schon über Phrasen. In einem Beruf, in dem es um Schnelligkeit, Beobachtungsgabe und Sprachbeherrschung geht, ist gekonnte Improvisation statt Schreibbürokratismus gefragt.
Das Hohelied auf den Dozenten Bach
Gott sei Dank hatte ich im Fach Deutsch einen Dozenten namens Bach, der die von mir als Fernstudent und Mann der Praxis eingeschickten Texte über mehrere Semester hinweg stets mit feinem Sprachempfinden und pädagogischem Geschick kommentierte. Seine handschriftlichen Anmerkungen habe ich mir aufgehoben. Bachs kritische Hinweise waren fast zärtliche Ohrfeigen. Mit etwas Schmeichelei schmackhaft gemacht, wirkten sie lebenslang nach. Nur drei Beispiele: »Die Lösung der Aufgabe hält sich fern von trockener und abstrakter Diktion. Aber warum am Anfang die Substantivierung ›Das Lesen‹? In Ihrem Text passt hier: ›Die Lektüre‹.«, »Ihr kritisches Stilempfinden steht auch hier auf gewohnter Höhe – bis auf den Satz ›Das erfordert einen besonders lebendigen, lebensvollen Stil ...‹, wäre nicht besser: ›lebensnahen, realistischen Stil‹?«, »Sie schreiben ›sein Hohelied‹. Die nach Duden richtige Form ist ›sein Hoheslied‹. Da aber das ›S‹ das Wort spaltet, bevorzugt man die unflektierte Form, die mit dem bestimmten Artikel gebildet werden kann: das Hohelied.« (Nach der jüngsten Rechtschreibreform wird in dem Fall Getrenntschreibung empfohlen, also »sein Hohes Lied«. – R. B.) Vielleicht bin ich über Bach endgültig in die Fänge der schönen Sprache geraten.
Modeworte begleiten unser ganzes Leben, die meisten bleiben nicht lange, sie kommen und gehen oder sie verändern ihren Sinn. Kurt Tucholsky hat eine Art Nekrolog auf knorke geschrieben. Das Wort tauchte 1916 zum ersten Male in Berlin auf. Woher es kam, ist umstritten. Wie eine Sturmflut überschwemmte es die Stadt. Alles Schöne wurde knorke: knorke Sache, knorker Kerl, knorke aussehen. Nein, nur fast alles. Denn – so Tucholsky – ein ganz kleines Kind ist nicht knorke, ein Marienkäfer ist auch nicht knorke. Knorke ist nicht winzig, sondern bunt, laut, glänzend. Eines schönen Tages verstummte knorke. Lebe wohl, ruhe sanft, verabschiedete es Tucholsky 1924. »Hab keine Angst: Deine Familie stirbt nicht aus. Du bekommst Nachfolger.«
Er irrte sich zwar wegen des Endes von knorke. Das Wort war nur scheintot, es ist bis in die Gegenwart in Wellen wiedergekehrt. Aber recht hatte er, dass es ihm an Nachfolgern nicht fehlen würde, so wie er übrigens auch Vorgänger nennt: dobje, schnieke. Beinahe jedes Jahr danach hat vor allem die Jugendsprache neue Modewörter geboren. Einige davon sind: dufte, prima, urst, sagenhaft, irre, geil, super, galaktisch, Waahnsinn, das ist so was von in, tierisch angesagt, einfach hype. Solche Wörter sind zeitweise derart besitzergreifend, dass man belächelt wird, wenn man andere an seiner Stelle zu benutzen wagt. Aber so stark wie ihre Aggressivität ist auch ihre Vergänglichkeit. Nichts klingt schaler als verblühte Modeworte. Man kann sie weiter verwenden. Jeder versteht sie, ist aber peinlich berührt, dass man dieses angeschimmelte Wortgut noch in den Mund nimmt. Was ist denn das für ein weltfremder Mensch? Hat der nicht mitgekriegt, dass »galaktisch« längst ziemlich out ist?
Wörter, die man nicht mehr braucht
Die Wortwahl wandelt sich nicht allein mit der Mode, sondern auch mit dem Lebensalter, mit dem vorherrschenden Medienjargon, mit den politischen Systemen und Ideologien. Aber Wörter verschwinden auch, wenn kein gesellschaftlicher Bedarf mehr besteht. Das Wort Panzeralarm steht nicht einmal mehr im Duden. 1945 war es das wohl lebenswichtigste Wort für uns. Wenn die Sirenen auf den Dächern, die normalerweise Fliegerangriffe ankündigten, auf eine bestimmte Weise zehn Minuten lang heulten, hieß das: Alliierte Panzer rollen auf die Stadtgrenze vor, aber gleichzeitig: In ein paar Stunden ist der Krieg zu Ende.
Als der Frieden einzog, verschwanden die meisten Kriegsgeburten aus dem Sprachgebrauch. Wer redete noch vom Heldentod für Führer und Vaterland, von Stukapiloten, Gefrierfleischorden, wie die Betroffenen die Auszeichnung für die Teilnahme am Winterfeldzug gegen die Sowjetunion zu nennen pflegten, Kesselschlachten und verbrannter russischer Erde. Auch der Luftschutzkeller und der NS-Blockwart verloren ihren Rang. Der Christbaum war wieder ein reines Weihnachtsattribut und nicht mehr die Gruppe von Leuchtkugeln, mit der die Bombergeschwader ihr Zielgebiet absteckten. Einige Jahre darauf konnte man Lebensmittelkarten, Kleiderkartenpunkte, Bezugsscheine oder Tabakwarenzuteilung aus den Wörterbüchern streichen.
Nach Victor Klemperers berühmter Analyse der Nazisprache »LTI« (Lingua Tertii Imperii – Die Sprache des Dritten Reiches) »glitt ... der Nazismus in Fleisch und Blut der Menge« durch »die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden«. Der Nazijargon lebte folgerichtig noch so lange fort wie die Naziideologie in den Köpfen. Als die Menge aus dem Wahn erwachte, befreite sie sich auch sprachlich. Allmählich entledigte sie sich solcher Denkkategorien und Parolen wie Untermenschentum, Rassenschande, Vaterlandsverräter, Judenschule, Etappenschwein. Überflüssig wurden auch die Bezeichnungen Sturmbannführer, Pimpf, Führerbefehl, Braunhemd, Ariernachweis.
Die Nachkriegsperiode gebar neue Probleme und Wörter. Organisieren, das im Krieg einen ganz neuen Sinn erhalten hatte, wurde das meistbenutzte Tätigkeitswort für das Heranschaffen von allem Möglichen – Kartoffeln, Schubkarren, Kohlen, Künstlern, Alkohol –, meist auf krummen Touren oder mit Vitamin B (Beziehungen). Manch einer »organisierte« sich auch einen Persilschein. So nannte man schriftliche Bestätigungen dafür, dass man eine ganz weiße Weste hat, sich in Nazireich und Krieg nie etwas zu Schulden kommen ließ und deshalb nicht entnazifiziert werden muss. Aktive waren nicht die Aufbauhelfer, sondern Zigaretten aus der Schachtel, im Gegensatz zu den aus Kippen, Eigenbau oder Rauchertee selbstgedrehten. Sowjetsoldaten rauchten meist grob geschnittenen Machorka und stritten, ob sich als Papier dafür besser die »Prawda« oder die »Iswestija« eignet.
Zur Gegenwartssprache verweise ich auf Dutzende Beispiele für das Kommen und Gehen von Vokabeln in den 20 Lektionen »German for Sie«. Ich werde sie mir hier ersparen. Aber der aufmerksame Leser wird merken, dass zu einigen Themen schon wieder neue Wortsterne am Sprachhimmel erstrahlt sind, die dort fehlen, weil sie noch nicht geboren waren. Genannt seien nur Tsunami, Vuvuzela, Geodienste, Apps, googeln, twittern und guttenbergen.
Nie wieder Repermentieren
Die einzige Sportart, die ich mein Leben lang geliebt und betrieben habe, ist die Wortakrobatik. Wortspielereien sind mindestens so alt wie die Narren an den Höfen und die Streiche des Till Eulenspiegel. Wortwitze können sehr geistreich, sehr albern und sehr gequält sein, für die Macher mindestens ebenso unterhaltsam wie Kreuzworträtsel. Was haben wir in feuchtfröhlichen Stunden nach Redaktionsschluss nicht alles ersponnen oder wenigstens kolportiert: Misswahlen in der DDR. Miss Wirtschaft war Frau Mittag, Miss Bildung war Frau Honecker, aber es gab auch eine Miss Ernte, eine Miss Geburt, eine Miss Stimmung, eine Miss Billigung, eine Miss Etat, eine Miss Verhältnis und so fort. Dann kamen die Erfinderwitze in Mode: Garibaldi wurde zum Erfinder des Schnellkochtopfes, Puccini Erfinder des Staatsstreiches, Brecht-Schwiegersohn Schall sollte das Echo, Eisenhower den Schlaghammer entdeckt haben. Die zu DDR-Zeiten viel diskutierte Zittauer Aktivistin Frida Hockauf hielt jemand für die Schöpferin des Plumpsklos. Ihren Lehrsatz »So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben« wandelten wir ab in »So wie wir heute arbeiten, möchten wir morgen gewiss nicht leben«. Sehr beliebt war auch das Ausdenken von Sprüchen über Politiker, bei denen sich jeder denken konnte, was er wollte: Stoph bleibt Stoph, Erich währt am längsten, Sindermann macht’s möglich, Kulturpolitik macht Hager, Grotewohl ist mir am Abend.
Ein besonderer Spaß war die Bereicherung der Sprache durch frei erfundene Wörter wie Flatterbusen oder auch Schni (für die Abschalttempoquote bei gewissen TV-Sendungen wie Schnitzlers »Schwarzem Kanal«). Das Wort Ökologik entstand durch einen Schreibfehler und hat als Zufrühgeburt nicht überlebt, heutzutage wäre es vielleicht Kandidat für das »Wort des Jahres«. Die nicht existierende Muzope machten wir zu einem DDR-Produkt und brachten sie in mehreren Zeitungen unter. Dazu verweise ich auf Kapitel 2 meines Buches »Ich habe alles doppelt gesehen« (Seite 31 ff.). Bei der Erfindung eines so geheimnisvollen Vorgangs wie der reinen Phantasiegeburt »Repermentieren« gab es einen gewissen politischen Zusammenhang. Könnte das nicht nach einer neuen »Abweichung« klingen und wachsamen Gemütern Angst machen? »Beinah hätten se uns nun beim Repermentieren erwischt«, »Der Parteitag hat doch eindeutig Stellung gegen das Repermentieren bezogen«, »Der braucht sich nicht zu wundern, dass er in die Wüste geschickt wird, wenn er dauernd repermentiert«. Wir waren innerlich stolz, schüttelten aber scheinbar bedenklich den Kopf, wenn einer zugab, davon nie gelesen zu haben und gar nicht zu wissen, was das ist.
Manche machten ihre Wortspielchen in Form von »anonymen« Redensarten, die nur aus häufig benutzten Phrasen bestanden, aber Prädikat und Thema ganz wegließen: »Kaum dass se nun, wer’mer doch nich schon wieder«, »Wenn die das nun noch, hamm se uns alle am Arsch«, »Hat der doch glatt, und dann schämt er sich nicht mal«. Das waren manchmal hinterlistige Anspielungen, die Insider verstanden und zu ergänzen vermochten. Meist war es überhaupt nicht zweckbestimmt, kein versteckter Protest, sondern Sprach- und Hirnakrobatik. Oder war es nicht einmal das, sondern einfach nur Geblödel?
Heim ins Bermudadreieck
Will man am Schluss eines Kapitels, das mit dem Widerstreit zwischen Dialekt und Hochdeutsch begann, noch einen Blick auf die Zukunft der Sprache werfen, so ist die Frage erlaubt, ob Deutsch überhaupt eine Überlebenschance hat. Man warte mit dem kollektiven Aufschrei »Selbstverständlich!« ruhig einen Moment. Mehr und mehr Kinder in Europa – Deutschland ist da noch weit zurück – lernen bereits im Kindergarten als Zweitsprache spielend Englisch, schon um später die Cover auf den DVDs lesen zu können. Es wird keine hundert Jahre dauern, bis man in Italien Italienisch und Englisch, in Griechenland Griechisch und Englisch, in Polen Polnisch und Englisch, in der Schweiz Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch fließend spricht. In Deutschland wird Deutsch mit Englisch nicht allein bleiben können. Über 15 Millionen Menschen auf dem Territorium unseres Landes haben schon heute ihre sprachlichen Wurzeln anderswo, allein an die 2,5 Millionen im Türkischen. Kann das Sprachelernen da immer nur die anderen angehen?
»Der deutschen Sprache wird also einiges zugemutet«, fasst der Germanist Karl-Heinz Göttert in »Deutsch – Biografie einer Sprache« die Problematik zusammen. »Von außen kommt das Englische, von innen steht es mit zahlreichen Sprachen aus Europa und der Welt im Wettbewerb.« Aber welche Wettbewerber haben die besten Chancen? Die Muttersprachen von Özil, Podolski und Robben besitzen zumindest keine Vorteile gegenüber der von Müller und Ballack auf dem Weg in ein vielsprachiges Europa und ein mehrsprachiges Deutschland. Göttert ist der Überzeugung, dass Deutsch gut gerüstet in den Sprachenwettbewerb geht, wenn es sich ihm stellt und sich noch mehr für das Neue, für das »Fremde« öffnet.
Vielleicht bringt die Mehrsprachigkeit der globalisierten Welt auch dem Sächsischen, dem Bayrischen, dem Schwäbischen und dem Plattdeutschen Vorteile. Die Rückkehr zu den heimischen Dialekten, wo man die »Nestwärme der Regionalität« findet, wird zunehmen. Also »Heim ins Bermudadreieck«, wenigstens nach Feierabend, und lassen wir uns nicht verdrießen, wenn sich Lene Voigt über unsere »scheißliche Ausschbrahche« und unseren »ähländn Dialäggd« beschwert. Morgen früh bei Arbeitsbeginn heißt es ja doch wieder »Yes, we can« – auch Hochdeutsch.
Kapitel 2
Ist der Übersetzer der Chef vom Untersetzer?
Gedanken über das Wunder der Sprachbilder und über Stilvarianten der Unzucht im Heidekraut
»Jede Sprache, die sich frei betätigen darf, dient allen menschlichen Bedürfnissen, sie dient der Vernunft wie dem Gefühl, sie ist Mitteilung und Gespräch, Selbstgespräch und Gebet, Bitte, Befehl und Beschwörung.«
Victor Klemperer
1945 stand ich als blutjunger Volontär der »Nachrichten für Grimma« hinter unserem ebenerdigen Verlagsschaufenster und wunderte mich über einige Knaben, die obszöne Gesten in unsere Richtung machten und sie mit ebensolchen Rufen begleiteten. Als des Rätsels Lösung erwies sich eine kleine Notiz auf der Lokalseite: »In der Handschuhfabrik M. & P. Händel brach gestern ein Feuer aus, das aber noch vor Eintreffen der Feuerwehr von den männlichen Gliedern der Belegschaft gelöscht werden konnte.« Alles an diesem Text stimmte, nur das Bild nicht. So kam ich eines Tages auf die Idee, komische Bildstörungen zu sammeln und blieb dabei bis heute.
Im Bild sein ist immer, in der Sprache aber besonders wichtig. Die bildliche Wendung ist ihr emotionalster und schönster Teil, vielleicht die ursprünglichste Form der Menschen, sich künstlerisch zu artikulieren. Allerdings kann man sich auch mit kaum etwas so leicht lächerlich machen wie mit dem Verstümmeln und Verdrehen bildhafter Redewendungen, seien sie noch so abgenutzt und verblasst. In der ARD-Dauerserie »In aller Freundschaft« dient ein Pfleger Brunner zeitweise als Witzfigur, weil er alle Sprichwörter verballhornt. (Der tüchtige Buchdrucker Johann Ballhorn, der im 16. Jahrhundert in Lübeck wirkte, ist übrigens ganz ungerechtfertigt zum sprichwörtlichen Urvater aller Verschlimmbesserungen gemacht worden.) Brunner sagt, wenn den Autoren nichts Besseres einfällt, »Schmiede das Glück, so lange es heiß ist« oder »Morgenstunde ist aller Laster Anfang« oder »Steter Tropfen höhlt den Fluss«. Ein beliebter ausgedachter Bildwitz ist: Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht. Ein Klassiker meiner Sammlung übertrifft ihn: Der Zahn der Zeit, der so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.
Trainer unter Zugzwang und eine Nase im Ring
Meist entstehen solche Zerrbilder aber unabsichtlich durch Versprecher oder Denkfehler. Als die reizende TV-Moderatorin Caren Miosga von einer »kläffenden Wunde« sprach, dachte sie vielleicht eher an »klaffende Hunde«. Unter Zugzwang litt als damals Stuttgarter Fußballtrainer Markus Babbel mit der Forderung: »Wir müssen uns selbst bei den Haaren aus dem Schopfe ziehen.« Sein Amtskollege bei der Potsdamer Frauenmannschaft, Bernd Schröder, dämpfte Befürchtungen mit der Versicherung: »Unsere Spielerinnen sind so konstruiert, dass sie nicht in den Himmel wachsen.« Bruno Labbadia aus der nämlichen Zunft schränkte aber mit Recht ein, das dürfe man nicht hochsterilisieren. Franz Müntefering wiederum verwahrte sich im Fernsehen energisch dagegen, die »SPD mit der Nase durch den Ring zu ziehen«. Er hat wohl allzu viele Boxübertragungen gesehen. Das echte Sprachbild geht auf einen anderen Ring zurück, den Ring durch die Nase, mit dem einst Schausteller Tanzbären auf den Jahrmärkten vorführten.
Münteferings Version klingt ähnlich sonderbar wie die Sache mit dem Kamel, das laut Matthäus 19.24 eher durch ein Nadelöhr kommen kann als ein Reicher in den Himmel. Müsste sich ein halbwegs aufgeweckter Leser nicht fragen, wie der begnadete Redner Jesus darauf gekommen sein sollte, ausgerechnet das völlig ungeeignete Wüstentier für so eine Gegenüberstellung zu wählen? Doch Luther bemerkte vielleicht nur bei der Bibelübersetzung nicht, dass da vermutlich ein Schreibfehler unterlaufen war. Die alten irischen Mönche, auf deren Bibelabschrift sich Luther stützte, erkannten wohl als ausgesprochene Landratten die Bedeutung des griechischen Wortes kamilos nicht und lasen es als kamelos, Kamel. Kamilos heißt »Seil«, »Schiffstau«. So ein dicker Strick passt zwar nicht durch ein Nadelöhr, dafür umso besser zu dem biblischen Vergleich. Eine andere, weniger originelle und wahrscheinliche Erklärung bezieht sich auf ein für Kamele zu kleines Tor in der Jerusalemer Stadtmauer.
Auch eine Berliner Tageszeitung ist einmal an einem Sprachbild gescheitert, an »einer Katze, die sich selbst in den Sack beißt« (statt, wie sich’s gehört, in den Schwanz). Vielleicht war die Autorin Feministin und wollte nicht, dass Sprichwortkätzinnen weiter verwehrt bleibt, was Kater seit jeher können, wenn sie nur schmerzresistent sind.
Chinesisch als böhmisches Dorf
Die Schreiber dürfen sich trösten. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Selbst Große verirren sich im dichten Sprachwald dann und wann. Goethe, der im »Faust« den goldenen Baum des Lebens grün sein ließ, schrieb in seinem »Werther«: »Das waren dem Gehirne spanische Dörfer.« In seinem Gehirne hatten sich zwei Redensarten verheddert, wie der Sachse sagt. Da können einem böhmische Dörfer schon mal spanisch erscheinen. Die »Berliner Zeitung« wurde von dem geflügelten Wort zu kühnen geografischen Phantasien angeregt: »Darüber hinaus ist Chinesisch für Mitteleuropäer eher ein böhmisches Dorf.« In Spanien sagt man übrigens: Das kommt mir sehr chinesisch vor.
Gefährlich sind Alltagssprachbilder, deren ursprünglicher Sinn kaum noch wahrgenommen wird. Wer denkt beim Wink mit dem Zaunpfahl noch an einen Zaun – und doch ist es nüchtern betrachtet albern, wenn man das schnurrende Betteln der Katze um einen Leckerbissen als Wink mit dem Zaunpfahl bezeichnet. Komisch wirkte auch, als ein Rundfunkreporter auf einem Schriftstellerkongress bemerkte, dass ein Redner mit einer bestimmten These »die schlafenden Hunde geweckt« habe. Welche Autoren danach zu bellen begannen, erfährt man nicht. Noch schöner war im selben Text: Ihm lag ein flammender Protest bleiern auf der Zunge. In einem Reisefeature aus dem Thüringer Wald meinte der offenbar sehr tierliebende Journalist mitleidig: »Zugpferde im verschneiten Wald sind im Grunde arme Schweine.« Wie wahr! Aber im Schlachthof träumen die armen Schweine davon, wie schön es wäre, lieber Zugpferde im verschneiten Wald zu sein.
Bei mancher Redensart kann man erraten, wie sie entstanden sein dürfte. Hört man »Das ist für die Katz«, so fällt einem ein, wie nutzlos es ist, Katzen zu füttern und nicht Kühe oder Schafe: Katzen legen keine Eier, geben keine Milch, liefern keine Wolle, eignen sich für keinen guten Braten. Bewiesen ist diese Herkunft nicht, dafür erscheint sie logisch. Wer hat sich aber schon einmal den Kopf darüber zerbrochen, was unsere Sprache alles mit der Leber anstellt. Ich denke nicht an »Die Leber wächst mit ihren Aufgaben«, womit Eckart von Hirschhausen die Sprachbilderkette bereichert hat. Da ist der Ursprung klar. Aber warum reden wir – ausgerechnet – frei von der Leber weg? Warum hat jemand etwas auf der Leber? Warum ist ihm eine Laus über die Leber gelaufen? Warum war selbst die beleidigte Leberwurst einst nur eine gekränkte Leber? Warum hängen wir das in drei Teufels Namen nicht der Niere, dem Magen, vielleicht noch der Seele an? Die Leber ist doch eigentlich im Volksmund für Alkoholverarbeitung zuständig – siehe Hirschhausen oder Redensarten wie: Er hat eine trockene Leber, eine Schluckleber usw.
Die Antwort fand ich im vorzüglichen Lexikon »Sprichwörtliche Redensarten« von Lutz Röhricht. In der mittelalterlichen Medizin galt die Leber als der Sitz der Lebenssäfte und des Temperaments, also auch leidenschaftlicher Empfindungen wie des Zorns. Frei von der Leber weg reden ist also eigentlich ein Anachronismus, diese Funktion haben heute nach unserem Empfinden ganz andere Organe. Erst wenn wir unserem Herzen Luft machen und wenn uns die Galle überläuft, sind wir sprachmedizinisch auf der Höhe der Zeit oder, wie man auf Deutsch sagt, up to date.
Zumindest höherer Blödsinn
Ein weiteres markantes Ausdruckselement der Sprache ist der Klang der Wörter. Als Kinder hatten wir in Leipzig eine Geheimsprache: »Dielefi ilefist dulefumm.« Beherrschte man die stereotype Machart, verstand man das Gemeinte auch ohne Dechiffrierung, denn: »Wilefir silefint gelefescheilefeit.« Vor etlichen Jahren las ich, wie ein Gedicht des britischen Kinderbuchautors Lewis Carroll (»Alice im Wunderland«) neu übersetzt worden ist:
Verdaustig wars, und glasse Wieben
Rotterten gorkicht im Gemank;
Gar elump war der Pluckerwank,
Und die gabben Schweisel frieben.
Gereimter Quatsch? Vorsicht. Die wichtigsten Wörter sind zwar ersponnen, aber der Text löst trotzdem Empfindungen aus, er klingt, als ob sich jemand in einer miesen Situation – im Sumpf? – elend fühlt. Wie kommt das? Da sind Laute, da sind Ähnlichkeiten mit Sinnvollem. Zumindest höherer Blödsinn also. Vokale und Buchstabengruppen können hart oder weich, lockend oder drohend, angenehm oder unappetitlich klingen, jeder weiß, dass ein »Aaah« das Gegenteil von einem »Äääh« ist, dass »Oooh« Freude und »Öööh« Protest ausdrückt. Ganz unabhängig von der Bedeutung hört sich Mutschekuh lieb und Ochsenschleim eklig an. Gute Werbeleute wissen und nutzen das.
Der zu Unrecht fast vergessene Dichter und Epigrammschöpfer Friedrich von Logau (1604 –1655) rühmte die Breite der Klangpalette unserer Muttersprache:
Kann die deutsche Sprache schnauben,
schnarren, poltern, donnern, krachen,
kann sie doch auch spielen, scherzen,
lieben, kosen, tändeln, lachen.
Was ist das Gegenteil von a priori?
Aber aufgepasst! Der Klang und andere Ähnlichkeiten können auch irreführen. Dolmetscher sind damit so oft auf die Nase gefallen, dass sie von »falschen Freunden« sprechen. Wie nahe sind sich Amor und Amok. Wie hässlich klingt Gemeinnutz, wie schön dagegen Grünspan und Blausäure. Das Gegenteil von Antithese ist nicht Prothese, der Übersetzer nicht der Chef des Untersetzers. Cappuccino kann man nicht den Kapp-Putsch ankreiden, und der Weg vom Exhibitionisten zum Ausstellungsleiter ist weit. Als mein Sohn mit fünf Jahren zum ersten Male von Aftershave hörte, grinste er hintergründig. Auf die Frage, ob er denn wisse, was das ist, antwortete er prompt: »Na klar, was Scharfes für’n Hintern.« Meine Tochter reagierte im gleichen Alter auf das Wort Kotflügel mit einem spontanen »Iiih!«. A priori bedeutet von vornherein, aber apropos mitnichten von hinten hinein. Genug der Beispiele.
Wer schon mal einen Anzeigentext aufsetzen musste, weiß: Umgangssprachliche Wörter sind dafür meist unbrauchbar. Warum? Es gibt Stilebenen mit vielen Abstufungen: die stilistische Null-Färbung, den gehobenen Stil, die Vulgärsprache. Nehmen wir eine Todesanzeige. Da steht vom so plötzlich Dahingeschiedenen, vom teuren Toten, den der Herr zu sich genommen hat, der von schwerem, tapfer ertragenem Leiden erlöst wurde, der ewig in unserem Gedächtnis leben wird. Das sind die feierlichen Varianten. Der ist krepiert, verreckt, abgenippelt, den hat der Teufel geholt, dem tut kein Zahn mehr weh, der hat ins Gras gebissen, seinen Löffel abgegeben. So hört es sich vulgär an. Neutral wäre gestorben, verschieden, einer langen Krankheit erlegen, den letzten Atemzug getan.
Nicht nur Humoristen leben von der Vermischung der Stilebenen. In der Laienspielgruppe übten wir: Der Riese sprach mit dröhnender Stimme: »Mama, ich muss mal pullern.« Oder nehmen wir bei Kurt Tucholsky die Unterhaltung des Dieners mit der Hausherrin: »Meinen Frau Gräfin nicht auch, dass dies ein rechtes Scheißwetter sein dürfte?« Ein einziges Wort aus dem Gassenjargon verwandelt die höfisch formulierte Frage in einen Witz. Auf einer ähnlichen Basis beruht die Wirkung von Joschka Fischers berühmten Zwischenruf im Bundestag (1984): »Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.«
Wenn Regierungspolitiker von etwas reden, das ihnen gründlich in die Hose gegangen ist, verwenden sie gern die euphemistische Floskel »Es war suboptimal«, die Opposition spricht dagegen von »kläglichem Scheitern«, das Volk denkt an die Hose und wertet klar und deutlich: »Absolut beschissen«. Einschränkend sei bemerkt, dass die Grenzen nicht selten fließend sind. Manchmal ist vom vulgären Anmachgruß »Eh du« zum schwärmerisch gehobenen »Mein Mäuseschwänzchen« inhaltlich und zeitlich nur ein winziger Abstand.
Drei Birken, drei Tage, drei Stile
Wie unterschiedliche Stilebenen die Schilderung des gleichen Vorgangs bis fast zur Unkenntlichkeit zu verändern vermögen, kann man am Beispiel eines Vorkommnisses demonstrieren, das auf das Ende des 19. Jahrhunderts datiert wird. Nehmen wir zunächst die Notiz einer zeitgenössischen Lokalzeitung in relativ emotionsloser, neutraler Form, die gestelzt, aber stilistisch ungefärbt klingt. Dann folgt eine mit Vulgärelementen durchsetzte umgangssprachliche Darstellung. Version drei dürfte zumindest für ältere Leser zum Déjà-vu-Erlebnis werden. So ist das Ereignis in der lyrischen, gehobenen, freilich nicht unumstrittenen Sprache des Natur- und Heimatdichters Hermann Löns in die Literatur eingegangen und wird als Lied noch heute von Fischer- und anderen Chören geschätzt.
Sittenskandal in der Heide – Exklusivbericht des »Lüneburger Stadtanzeigers«
Von unserem Gesellschaftsreporter Graf Otto von Knochenmarck
Im niedersächsischen Amtsbezirk Celle sah sich Mitte Mai der für die öffentliche Ordnung in den nicht landwirtschaftlich genutzten Bereichen der Lüneburger Heide verantwortliche Polizeibeamte gezwungen, ein Pärchen wegen sittenwidrigen Verhaltens und Erregung öffentlichen Ärgernisses festzunehmen. Es hatte bei einer Gruppe von sieben Birken gelagert (in seiner Aussage räumte der inhaftierte Mann nur drei ein, was aber für die Bewertung des Vorfalls nicht von Belang sein dürfte) und unter freiem Himmel wiederholt diverse obszöne Sexualhandlungen vollzogen. Nach drei Tagen geduldiger Beobachtung hielt es der Vertreter der Staatsmacht für unumgänglich einzuschreiten, zumal in dieser Gegend nicht selten Kindergruppen mit ihren Gouvernanten zu wandern pflegen, die möglicherweise unfreiwillig Zeugen der schamlosen Exzesse geworden wären.
Der Ordnungshüter nahm das Paar in vorläufigen Polizeigewahrsam und wies es bis zur Klärung der Identität in das Gefängnis der Stadt Celle ein. Das minderjährige, aber auffallend entwickelte und körperlich frühreife Mädchen wurde sogleich wieder entlassen und in die Obhut seiner besorgten Eltern, Besitzer der in Celle und Umgebung sehr renommierten Nachtbar »Zur scharfen Erika«, gegeben. Sie hatten des Verschwindens ihrer Tochter wegen umgehend Anzeige erstattet. Dagegen wurde der höchst ungepflegt aussehende und gekleidete Mann, der als fahrender Geselle keinen festen Wohnsitz oder Arbeitsplatz anzugeben vermochte, im Schnellverfahren zu einer mehrtägigen Haftstrafe verurteilt.
Der Heidepolizist beobachtete ihn im Spätherbst noch einmal bei der besagten Gruppe von drei bzw. sieben Birken, wo er offenkundig vergeblich ein Wiedersehen mit dem Mädchen erhoffte. Die Enttäuschung über dessen Ausbleiben, verstärkt noch durch die herbstlich triste Witterung und den öden Anblick des leeren Gezweigs lösten bei ihm eine verzweifelte Stimmung und wohl sogar Suizidgedanken aus, wofür der Ausruf »Mein Schatz, ich seh’ dich niemals mehr« sprechen könnte, den der Beamte gehört haben will.
Die wirkliche Wahrheit über die Birkenorgie
Erzählt von Fietes bestem Freund Schnuckenede
Mein alter Kumpel Wacholderfiete, der versaute Bock, hatte nach etlichen Pleiten eine sexversessene Kneipiersgöre aufgegabelt. Beim Kippenstechen an einer Penne hatte er gemerkt, dass ihm ein kesser frühreifer Fratz geile Blicke zuwirft. Da war ihm scheißegal, dass er in der Pause auf dem Schulhof von lauter Bälgern umringt war. Er schmiss sich an die Puppe ran und säuselte: »Um Sechse bei den drei Birken.« Sie wusste auf Anhieb, was das heißt und wo das ist und nickte heftig, ohne rot zu werden.
Die Kleene kam pünktlich und war bloß in einen dünnen Fetzen gehüllt. Fiete hatte sich aber schon oft die Pfoten verbrannt. Er machte aus Daffke erstmal Taschenkontrolle bei ihr. Dabei griff er aber bloß zwei schäbige Zehner, einen Flachmann mit irgendwelchem Fusel, eine Tüte Blaubeeren, ein süß riechendes Parfüm, fünf Gummiüberzieher und, weiß der Deubel wofür, einen feuchten Waschlappen und eine Rotzfahne – alles unverdächtig. Es konnte losgehen. Sie rissen sich hastig die Klamotten vom Wanst und wälzten sich bei Sonnenschein und Vögelgesang vor Wollust im Heidekraut. Großmäulig prahlt Fiete seitdem von seinen drei B-Tagen: nur Beeren, Bechern und Bumsen.
Im Suff, wenn er um anzugeben wie ein Schentelmän quatscht, redete er spitzmäulig von »Schlafen bei Mutter Grün«. Als wir daraufhin laut losbrüllten, kotzen täte er aber im Scheißhaus von Mutter Blau, mimte er auf einmal den großen Manitu: Ihr könnt mich alle am Arsch lecken, ihr seid zu doof, das grüne Wunder zu begreifen. Klugscheißen kann Fiete nämlich, wenn er Lust hat, ganz gut. Grün ist Hoffnung, Grün ist Zukunft, einmal wird Grün die Welt regieren, um sie zu retten, blökte er uns wutschnaubend an. Wir haben uns ausgeschüttet über sein Geschwätz. Mensch, dachten wir, ist der im Tran!
Aber zur Sache: Die drei Birken, der Gerichtshof machte Riesenzoff, weil es vor dem letzten kalten Winter sieben gewesen sein sollen, und die Wacholdersträucher schützten die Beiden, wie Fiete glaubte, ganz gut vor Feindeinsicht. So hätten sie ihre neckischen Sauereien auch länger als 72 Stunden abgezogen, wäre nicht plötzlich ein Bulle mit Pickelhelm aufgekreuzt, dem die Eltern wohl mit Knete Beene gemacht hatten. Er haute Fiete eins aufs Maul, wie er sagte in vorbeugender Notwehr, und packte ihn und das Madamchen brutal am Genick. Abhauen war also nicht. Ehe sie sichs versahen, hatte er ihnen Handschellen angelegt und sie in den Celler Knast abgeschleppt. Das Gör wurde von den Alten schon erwartet und mit viel Gesums und »Armes Kind«-Gejammer weggeschleift.
Fiete aber merkte, dass er wieder einmal mit bloßen Fingern in brauner Stinkbrühe steckte. Mag das Mädchen weiter geil wie Schifferscheiße gewesen sein, nun hatte sie zu Hause verschärften Stubenarrest und er in der Zelle auch. Ein Schnellrichter verknackte ihn wegen Landstreicherei und versuchter Unzucht mit Kindern. Strafverschärfend war, dass er keine Bude und keine Penunzen, dafür aber die große Schnauze hatte und randalierte. Sogar gegen den Befehl, Zelle und Exkrementeneimer selber sauber zu halten, protestierte er großfressig. Das wäre »mittelalterliche Zwangsarbeit« giftete er ganz kommunistisch und: »Scheiße ist Volkseigentum und muss auch vom Volk weggeräumt werden.«
Nach langem Dummtun machte die Exjungfer ihren Erzeugern ein Friedensangebot, das die annahmen. Sie hatten Schiss um ihren schwer bezahlten Bonzenplatz in der ersten Kirchenbank und um die Absatzchancen auf dem Heiratsmarkt. Wenn sie sich für Fietes Freilassung engagierten, könnte sie schwören, dass sie auf ihn künftig pfeift, dass alles fast platonisch war und sie jeder gut betuchte Freier noch unbefleckter als die Jungfrau Maria kriegen würde.
Erst im Herbst ging Fiete wieder mal zu den Birken. Die feixten über das Zifferblatt des alten Sacks: in Falten gelegt wie ein Plisseerock und angesäuert wie ein Rollmops. Na ja, er war frei, aber diese fiese Junghure hatte es doch tatsächlich fertiggebracht, einen Kerl wie ihn sitzen zu lassen. Dazu das Mistwetter hier, das Gezweig kahl wie Kinderarsch und kein neues Heideliebchen weit und breit. So hängte er seine langen Löffel in den Wind, um mitzukriegen, was die Birken rauschten, verstand aber nur: Der Schatz ist verduftet, den siehste nie mehr.
Es stehn drei Birken auf der Heide
Von Hermann Löns (1866 –1914)
1. Es stehn drei Birken auf der Heide,
valleri und vallera,
an denen hab ich meine Freude,
juppheidi heida;
die Lerche sang, die Sonne schien,
da schliefen wir bei Mutter Grün.
2. Drei Birken sind es und nicht sieben,
valleri und vallera,
ein schönes Mädchen tat ich lieben,
juppheidi heida;
drei Tage lang auf grüner Heid,
da war sie aus, die schöne Zeit.
3. Es kam der Spitzhut angegangen,
valleri und vallera,
er hat uns beide eingefangen,
juppheidi heida;
zu Celle steht ein festes Haus,
mit unsrer Liebe ist es aus.
4. O schönes Mädchen, meine Freude,
valleri und vallera,
es stehn drei Birken auf der Heide,
juppheidi heida;
doch ihr Gezweig ist kahl und leer,
o Schatz, ich seh dich niemals mehr.
Der »fremde Etrangeer« aus Treuenbrietzen
In unserer schweren Zeit wird allenthalben zur Sparsamkeit ermahnt, warum nicht auch beim Wortgebrauch? Doppelt moppeln ist eine Sprachuntugend, die vor allem im Berlinischen durch die Mischung des Adelsfranzösisch mit dem heimischen Dialekt eine lange Tradition hat. Wer erkennt noch an »mutterseelenallein«, dass der erste Wortteil den zweiten überflüssig macht. »Mutterseel« ist nämlich dem Klang von »moi tout seul« nachgebildet, was nichts anderes als »Ich ganz allein« heißt.
Ein noch hübscherer Pleonasmus, wie man die weißen Schimmel wissenschaftlich nennt, findet sich in einem Originaltext des beliebten Berliner Küchenlieds: »Sabinchen war ein Frauenzimmer gar hold und tugendhaft.« Dort hieß es nämlich über den Schurken, der »silberne Blechlöffel« klaute: »Da kam aus Treuenbrietzen ein fremder Etrangeer«, also ein fremder Fremder. Der Grund für derlei Doppelungen ist leicht zu erraten: Man wollte so sprechen wie die feinen Herrschaften, hatte aber Angst, es nicht richtig zu können und nicht verstanden zu werden. Also fügte man vorsichtshalber die Erklärung hinzu. Dem gleichen Topf sind »infame Gemeinheit«, »konträres Gegenteil« und »gegenwärtig nicht momentan« entnommen. Wie konstatiert der Berliner Lokaldichter und Erfinder des Eckenstehers Nante, Adolf Glaßbrenner: »Tugend ist nur Mut zur Courage.«
In der ehemaligen DDR spöttelte man gern: »Spare mit jedem Pfennig, koste es, was es wolle.« Ehemalige DDR? Das hätte nur Sinn, wenn irgendwo eine zweite herumläge, die noch existiert. Aber manche haben Angst, als Nostalgiker zu gelten, wenn sie etwas von früher erzählen und dabei einfach DDR sagen, so wie sie in Berlin gar die Erdachse wenden und vom ehemaligen Ostteil der Stadt reden. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck liebt »einander gegenseitig«. Das ist genauso eine Tautologie wie bei RTL das Versprechen der Regierung, einen »neuen Start anzufangen« und im Inforadio Berlin-Brandenburg »der frühere Ex-Präsident Clinton«. Das ZDF berichtet über »gescheiterte Testversuche« von BP im Golf von Mexiko. Kanzlerin Merkel verkündet, Europa sei in der Realität der Wirklichkeit angekommen. Hoffentlich erkennt es dort die tatsächlichen Fakten. Bundespräsident Wulff versichert vor einer Japanreise, es gehe dabei um Zusammenarbeit, gar – welche Sensation – um gemeinsame Zusammenarbeit, wo man doch im Normalfall, schon um Streit zu vermeiden, nur mit sich selbst zusammenarbeitet.
Wenn wir schon bei den Sprachsünden des Alltags sind, sei auch ein Wort zur sogenannten Überfremdung gesagt. Wird die Sprache verhunzt, wenn sie Fremdes aufnimmt? Schon im 17. Jahrhundert entstanden Sprachgesellschaften wie die »Teutschgesinnte Genossenschaft«, die der sich erst herausbildenden deutschen Nationalsprache als einem die ganze Nation umschlingenden Band huldigten und Fremdwörter als Gefahr bekämpften. Das war ein zweischneidiges Schwert. Einerseits war die sprachliche Einheit tatsächlich eine schützenswerte, noch zarte Pflanze, andererseits waren die Nachbarländer wie Italien und Frankreich auf vielen Gebieten Deutschland weit voraus und ein Anschluss an die internationale Entwicklung ohne die Übernahme fremden Sprachguts undenkbar.
Die Bemühungen um »Sprachreinigung« waren also eine Gratwanderung. Mit Spott wurde schon damals auf Übertreibungen wie die Ersetzung von Urne durch Leichentopf, von Fieber durch Zitterweh, Nase durch Gesichtserker, Fenster durch Tageleuchter und Nonnenkloster durch Jungfernzwinger reagiert. Zur Goethezeit wollten »Puristen« Schalkernst für Ironie, Süßchen für Bonbon, Lotterbett für Sofa einführen. Lächerlich waren die Überspitzungen, nicht aber die Bemühungen. Die vernünftigen Vorschläge blieben erhalten, oft neben dem kritisierten Ursprungswort: Abstand und Distanz, Anschrift und Adresse, Mundart und Dialekt, Bücherei und Bibliothek, Zerrbild und Karikatur, Stelldichein und Rendezvous, Feingefühl und Takt. Goethe sah die Sache so: »Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt.«
Geschlechtsleben hat gegen Sex keine Chance
Das gilt heute mehr denn je. Es lohnt sich, um unseren Sprachschatz zu kämpfen. Ob der Kampf Erfolg hat, hängt meiner Meinung nach nicht nur von der Mode, sondern bei jedem Wort vor allem von drei weiteren Faktoren ab: Verständlichkeit, Wohlklang und auch moderne Sprachökonomie. Das langatmige Geschlechtsleben hat am Ende gegen den kurzen und gut klingenden Sex keine Chance. Einchecken ist hässlich, ersetzt aber einen ganzen Satz. Job ist griffiger und knapper als Berufsarbeit. Man muss trotzdem nicht tatenlos zusehen, wie aus ehrlicher Arbeit jobbender Einheitsbrei wird und am Ende alle jobben: der Straßenfeger und der Lyriker, der Zuchtbulle und der Kurienkardinal. Selbst das Kitakid, das einst ein Kindergartenkind war, wird nach dem Topfgang für guten Job gelobt. Bei schlechtem Job halten wir es weiter mit der vertrauten und klangstarken deutschen Scheißarbeit. Die Kitakinder sind da aus Gründen der Logik ein Sonderfall.
Die sogenannte Reinheit der deutschen Sprache zu wahren ist eine schier unlösbare Aufgabe, weil sie selbst darauf pfeift. Die Umgangssprache schnappt alles auf, was ihr über den Weg läuft und gefällt. Kaum sagt einer cool, schon greift sie danach. Dann folgt crazy und sexy, Shopping und Date, Fast Food und Superhit, Event und Homepage, gecastet und gemailt, ausbaldowern und roboten, online und Software. Manches Wort ist so schnell wieder weg, wie es kam, manches wird, wie es Goethe empfohlen hat, einverleibt, bis nichts mehr fremd an ihm klingt.
Auf der vorletzten Seite war von der Zeit die Rede, als Preußens französisch sprechende Adelshäuser – selbst der große Friedrich musste zugeben »Deutsch kann ich nicht gut« – und die Hugenotten, die eine so zahlreiche Minderheit waren wie jetzt die Türken, später auch Napoleons Besatzer in Berlin für eine Frankofonie sorgten, die dem Denglisch von heute durchaus vergleichbar war. Behalten haben wir etwa Bulette und Erbspüree, Filet und Roulade, Bluse und Kostüm, Toilette und elegant, Balkon und Chance, Revanche und Milieu, Malheur und Mayonnaise (die man neuerdings auch Majonäse schreiben darf), Salon und Sabotage, da und dort sogar Esprit. Wir sagen bis heute Charité, Gendarmenmarkt, Budike, Fete, Promenade. Die Berliner fanden Spaß daran, ihre eigenen Wörter mit Endungen zu französisieren: Kneipier, Stellage, Kledasche, schikanös. Bei manchem Wort errät keiner mehr die Herkunft – Grieben (gribelettes), Kinkerlitzchen (quincailleries – wertlose Kleinigkeiten), Muckefuck
(mocca faux = falscher Kaffee). Manches korrigierte das Leben, so wurde aus dem Billett das (englische) Ticket, das wiederum mit der Fahr- und der Eintrittskarte koexistiert. Die deutsche Sprache hat alles überlebt, nichts eingebüßt und sogar noch gewonnen.
Ohne Wortimporte weder Perestroika noch Schokolade
Ein knappes Drittel des deutschen Wortbestands hat einen Migrationshintergrund, wie man heute so korrekt wie unschön sagt. Manches importierte Wort ist ein Schmuckstück unserer Sprache geworden. Wer möchte schon auf Perestroika und Glasnost verzichten, die wir den Russen verdanken, auf den Tollpatsch, der aus Ungarn stammt, die Schokolade, der man Altmexiko nicht mehr ansieht, und gar die Hängematte, gegen die wohl nicht einmal die »Teutschgesinnten« etwas einwenden würden. Das, was sie bezeichnet, ist jedem bekannt. Aber wer weiß, dass die aufgehängten Schlafnetze eine Erfindung der Eingeborenen der karibischen Inseln sind, die von den nässe-, ratten- und mäusegeplagten Matrosen des Kolumbus vor 500 Jahren begeistert aufgegriffen wurde. Bei den Indianern hießen sie »hamaca« (in den karibischen Sprachen heute noch), die Holländer machten daraus zunächst Hangmac, was die Volkssprache der Logik wegen in Hangmat verwandelte. Nun blieb zur deutschen Hängematte nur noch ein Schritt. Ich gestehe gern, dass ich von alledem keine Ahnung hatte, bis ich die spannende Einsendung von Ulrich A. Schmidt aus Castrop-Rauxel im von Prof. Dr. Jutta Limbach herausgegebenen Buch »Eingewanderte Wörter« lesen konnte.
Zusammenfassend darf man für alle ängstlichen Gemüter konstatieren, unsere Sprache wäre arm ohne Griechen (Demokratie, Parallele, Patriot, Philosoph, Muse, Fantasie), Lateiner (Amulett, Zettel, Wein, Lokus, Tempo, Fenster), Italiener (Kredit, Giro, Mosaik, Posse, Adagio, Pizza, Kohlrabi, Trüffeln), Franzosen (Dessous, Pantoffel, Boutique, Resümee, Bonbon, Negligé, Rendezvous, Gourmet), Juden (Dalles, Massel, meschugge, Mischpoche, Schlemihl, beschickert), Russen (Sputnik, Datsche, Apparatschik, Kosmonaut, Wodka, dawai, nitschewo, in der DDR auch in der pikanten Variante Weltnitschewo), Türken (Sofa, Papagei, Tasse, Limonade, Fanfare, Spinat, Jogurt) und all die anderen. Mag mancher Politiker tönen, Multikulti sei endgültig gescheitert – die moderne deutsche Sprache atmet den Geist eines gesunden Multikultismus.
Sie wäre weltweit isoliert, würde sie auf die Anglizismen verzichten. Karl-Heinz Göttert spricht in seiner schon in Kapitel 1 zitierten Biografie der deutschen Sprache von einer Brückenfunktion des Englischen, sie sei eine »Lingua franca«, eine freie Sprache, geworden. Englisch verbindet als internationales Sprachwechselgeld die Kontinente und stellt in manchen Bereichen der Wissenschaft das dar, was früher Latein war. Göttert geht noch weiter. Er schreibt: »Englisch i s t das neue Latein.« Wer hätte die Chance, Computer durch elektronischer Tischrechner zu verdrängen, Link durch Verbindungsstück zu anderen Internetseiten, Laptop durch tragbarer Personalcomputer.
Auch im Zeitungsdeutsch kommt man ohne Anleihen bei Fremdsprachen nicht aus. So hieß es im Wissenschaftsteil einer Zeitung: »Die Simulation bestätigte, dass das Universum zu 70 Prozent aus ›dunkler Energie‹ besteht, einem mysteriösen Kraftfeld, dessen Struktur man noch nicht erfassen kann.« Wäre das klarer mit Nachahmung, Weltall, Antriebskraft, geheimnisvoll und Zusammensetzung? Es wäre nur deutscher. Der Sprache ist das egal. Sie hat kein Nationalgefühl. Wir sind nicht ausländerfeindlich, auch unsere Sprache nicht. Übrigens: Viele der übernommenen Wörter sind in Wahrheit Internationalismen. Und 80 Prozent der sogenannten Anglizismen wurzeln laut Göttert selbst im Griechischen, Lateinischen oder Romanischen.
Zum Orogasmusu nach Nippon
Wir sollten also, wenn wir gescheit sind, die fremden Sprachen vorbehaltlos nutzen, soweit sie Besseres als die eigene bieten. Wie aber ergeht es der deutschen Sprache jenseits der Grenzen, ohne die wärmende Obhut der Sachsen und der Schwaben? Das erwähnte Buch über Wortimporte hat einen Zwillingsbruder. Er heißt »Ausgewanderte Wörter« und bringt eine Auswahl aus 6000 Einsendungen und Belegen aus aller Welt zu einer Ausschreibung des Deutschen Sprachrates, bei der nach deutschstämmigen Wörtern in anderen Sprachen gefragt worden war. Das Lesen dieses Buches macht aus manchen Gründen Freude, nicht zuletzt, da es zeigt, dass unsere schöne Sprache kein Auslaufmodell geworden ist, nur weil man sich in allen Kontinenten vornehmlich des Englischen bedient. Herausgeberin Jutta Limbach bemerkt in einem Vorwort, die deutsche Sprache habe sich »mit ihren einfallfreudig zusammengesetzten Wörtern für andere Sprachen immer wieder als eine reichhaltige Fundgrube erwiesen«. Sie nennt als Beispiele solcher »Kombi-Wörter«, die sich in vielen Sprachen wiederfinden, Fingerspitzengefühl, Zeitgeist, Gratwanderung und Leitmotiv.
Wenn die meisten Einsendungen zu Deutschexporten aus dem englischamerikanischen und dem slawischen Sprachraum kommen, verwundert das kaum. Aber es gibt auch »exotische« Exempel. So ist es doch hübsch, auf Estnisch Lips für Schlips und Naps für Schnaps zu hören. In die westafrikanische Sprache Wolof hat man lecker übernommen. Und was könnte wohl aus unserer Sprache bis nach Japan gekommen sein? Nun zum Beispiel arubaito für Teilzeitarbeit, kirushuwassa für Kirschwasser, noirooze für Neurose und, siehe da, orogasmusu mit der gleichen Bedeutung, wie sie der eine oder andere von uns in Erinnerung hat.
Und nach Israel? Etwa Wischer (Mehrzahl: Wischerim) für Scheibenwischer, Schlafstunde für Siesta und Strudel für das @-Zeichen. Vigéc nennen die Ungarn die Hausierer. Die Redewendung »Was ist das« ist komischerweise zweimal ausgewandert, einmal nach Frankreich, wo es Dachfenster, Oberlicht, Türspion bedeutet, vielleicht eine Erinnerung an die auf der deutschen Rheinseite üblich gewesenen Guckfenster, durch die man vor dem Öffnen der Tür fragte: »Wer ist da? Was ist?« In der ungarischen Umgangssprache dagegen benutzt man es im Sinne von keine Kunst »Ez olyan nagy was-ist-das?«, wenn man fragen will: Was ist das schon? Ist das so schwer?
Auch wer was wo erfunden hat, erkennt man am Sprachgemisch. Wie es damit im Tschechischen aussieht, findet man in Lektion 12 des Kapitels »German for Sie«. Die Ukrainer trauen uns das feijerwerk zu, die Bulgaren den schteker, die Russen den schlagbaum und schtrejkbrechery , dazu buterbrody, rjukzak, galstuk (für Schlips / Halstuch), brandmauer (deutsch firewall), buchgalter und zejtnot (beim Schach). Für die Finnen sind wir der Prototyp des besservisseri und versessen auf kahvi paussi, für die Polen hochsztapler oder szlafmyca, womöglich gar im szlafrok, für die Serben štreber. Die Franzosen nennen einen Spaßvogel loustik, den Handball handball, Kitsch kitch und Nudeln nouilles, kennen aber auch le képi, le schnorchel, les neinsager und le waldsterben . Praktisch sind deutsche Wörter in der ganzen Welt kleben geblieben. In der südbrasilianischen Großstadt Blumenau saß ich im Lokal »Frohsinn« und fand zum Oktoberfest auf der brasilianischen (also portugiesischsprachigen) Karte Eisbein mit Sauerkraut. Man könnte einwenden, hier handle es sich um eine einst deutsche Siedlung. Jedoch Oktoberfeste, sznizil (das ist die türkische Schnitzelvariante), Kuchen, Zwieback, Kümmel und Schnaps kennt man wie Gneis und Zink, Nickel und Quarz auch anderswo, natürlich in unterschiedlicher Schreibweise.
In lederhosen zum beer fest
Dass Deutschland Exportweltmeister ist (besser: war), kann man für die Sprache trotzdem leider nicht sagen. Zwei von Deutschland ausgehende Weltkriege und die Hitlerei sind nicht ohne Folgen für die einst zumindest in Nord-, Ost- und Südosteuropa sehr beliebte Sprache geblieben. Aber zum Trost für jene, die wegen Denglisch um unsere Muttersprache bangen, darf man feststellen, dass selbst in den USA gern auf einige deutsche Vokabeln zurückgegriffen wird. Vom Zeitgeist war die Rede. Mit autobahn und fahrvergnügen, fraulein und fuehrer, pilsner und leberkaes mit sourkraut, waldmeister und pretzel, muesli und pumpernickel braucht man kein wunderkind zu sein, um selbst in lederhosen mit rucksack gemütlich zum coffee-klatsch oder zum beer fest zu gelangen, nicht wahr? Der Ruf »Gesundheit!« gilt in den Staaten als vornehmere Variante zu »bless you«.
Wie finden Sie die folgenden amerikanischen Sätze: »I cannot schlepp your luggage«, »There is a poltergeist in the house.« Bei der Präsidentenwahl 2004 in den USA hielt ein Kandidat dem anderen vor: »You are too wischiwaschi.« Im Time-Magazin hatte man für Bush zum Abschied das Wort shwindler parat. Der Fleischer an Portugals Südwestzipfel, dessen Bude die Aufschrift »Letzte Bratwurst vor Amerika« trägt, informiert unvollständig. Er sollte ehrlich zugeben: An bratwursts wird es in New York nicht fehlen.
Es liegt nahe, dass man vermeintlich typisch deutsche Eigenschaften und Produkte auch im Ausland deutsch benennt. Gemütlichkeit natürlich, und dazu Angst, Schadenfreude, Fernweh, Wanderlust, Weltanschauung, Wirtschaftswunder, Leberwurst, Zwieback, Wiener, Gasthof. Nachdenklich sollte stimmen, dass in diese Reihe auch Blitzkrieg, Übermensch, Lumpenproletariat, Hinterhalt und Berufsverbot gehören. Erwähnenswert erscheint mir auch, dass im Englischen wie im Russischen deutsche Befehlsworte für die Hundekommandos bevorzugt werden: Hier! Platz! Hopp! Aus! Sitz! Pass auf! Pfui! Such!
Rettet den Hubschrauber vor dem Helikopter!
Keine Angst also vor dem Sprachcocktail. Was nach dem Turmbau zu Babel geschah, war nur als Übergangslösung gedacht. Auf die Palme bringen sollten uns nur Verletzungen der Sprache durch Modetorheiten, Prahlsucht, unverdaute Sprachbrocken und inhaltloses Geschwätz. Warum aus den Flugzeugentführern Hijacker werden müssen, der Friseur an der Ecke neuerdings »Cut & Go« (ohne zu zahlen?), der Konditor »Coffee to go« (zum Weglaufen?) anbietet, warum man downloadet statt herunterzuladen und mental pusht statt geistig in Schwung zu bringen, warum ein richtiger Verlierer ein Loser sein muss und ein Spielgewinner ein Matchwinner, warum es keine Freilichtveranstaltungen mehr gibt, sondern nur noch Openair-Events, warum die Direktion die gute alte Putzkolonne in einem großen Berliner Hotel durch ein Cleaningteam ersetzt, wüsste ich schon ganz gern. Und ich wünsche mir sehr, dass der bildhafte Hubschrauber nicht mit dem technokratischen Helikopter totgeschlagen wird.
Meist geht es nur darum, mit Wortbombast kleine Sprachfürzchen zu Donnerschlägen aufzublasen. Besonders beliebt ist das in Parlamentsreden. O-Ton: »Gerade im Angesicht der Komplexität der aktuellen Situation sollten wir keine hektische Betriebsamkeit auf diesem abschüssigen Terrain generieren.« Gemeint ist: »Ehe wir in ein Fettnäpfchen treten, machen wir lieber gar nichts.« Der Chef des Marburger Bundes verkündete vor einem Ärzteausstand: »Die Ärzte wollen eine Streiksituation gestalten.« – »Die Ärzte wollen streiken« hätte auch genügt. Auf der Fanmeile zur Fußball-EM wollten die Händler »im Vorfeld der Veranstaltungen« die Riesenbratwürste nicht schlicht anbieten, sondern »zum Verzehr bringen«. Das teilten sie Journalisten nicht etwa mit, nein, sie brachten es ihnen zur Kenntnis. Nach einigen Spielen gab es Zwischenfälle, die von der Polizei »einer Untersuchung zugeführt« wurden. Manchmal wurden sie auch einfach untersucht. Nicht die Zahl der möglichen Nutzer, sondern »die Größe der Community – möchte ich mal sagen« will die Leiterin einer bedeutenden Berliner Bibliothek den Gebühren für die Buchausleihe an Universitätsinstitute zugrunde legen.
Vom Stadionausrufer bis zum Regierungssprecher
Ist es Ignoranz oder Angeberei, wenn »Ich erinnere mich« von manchen Prominenten durch »Ich erinnere« ersetzt wird, wohl weil im Englischen »I remember« genügt? Im Laufe meines langen Journalistenlebens habe ich Hunderte von Leuten interviewt, die überflüssigerweise meine Fragen bewerten wollten. Ich hörte: Das ist eine schwierige Frage, eine schöne, eine kluge, eine dumme, eine nachdenklich stimmende, eine raffinierte, eine selten gestellte und mehr. Diese Zeiten sind vorbei, all das wird durch die Modefloskel »Das ist eine gute Frage« ersetzt, auch wenn dem Interviewpartner nur keine Antwort einfällt und er zugeben müsste: »Das weiß ich nicht.«
So und ähnlich gestanzt und gestelzt reden sie nun fast alle und fast immer: vom Stadionausrufer bis zum Regierungssprecher, vom Betriebsrat bis zum Minister, vom Bürgermeister bis zur Kanzlerin. Ist es wirklich schon 130 Jahre her, dass ein Münsteraner Pfarrer als Neujahrsgebet sagte: Gib den Regierenden ein besseres Deutsch und den Deutschen eine bessere Regierung. Herr sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen. Aber nicht sofort.
Kapitel 3
Ein lieder-licher Lebenslauf
Was man so alles gesungen hat und was das über die Zeiten verriet
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
Joseph von Eichendorff
Um es mit Udo Jürgens auf heutige Art zu sagen: In allen Dingen lebt ein Lied. Und ist das Lied ein Zauberwort, dann beginnt es in einem ganz von allein zu klingen, ohne dass man einen Ton hören muss. Man mag wollen oder nicht, es verfängt sich in den Gehörgängen und sägt bald sanft, aber dauerhaft an ihnen. Der Volksmund hat dafür keinen so poetischen Namen wie der Romantiker. Ihm ist vom Chorgesang bis zur Liebesschnulze alles oft und gern Gehörte einfach ein Ohrwurm, egal ob es sich um »Freude, schöner Götterfunken« oder »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad«, um »Mausi, süß warst du heute Nacht« oder »Lebt denn dr alte Holzmichl noch?« handelt. Am zählebigsten sind diese Ohrtierchen im Unterbewusstsein. Über ihr Fortleben im Koma fehlen genauere wissenschaftliche Untersuchungen noch. Aber im Traum zählen sie, wenigstens bei mir, zu den Dauergästen.
Wer aus dem Schlaf aufgeschreckt wird und nicht wieder zur Ruhe kommt, dem fallen vielleicht schweißgebadet die Folgen verpasster Termine ein. Andere rekeln sich wohlig bei der Erinnerung an schöne Erlebnisse. Schüler üben noch einmal die Antworten auf Prüfungsfragen des nächsten Tages. Politiker feilen, meist mit wenig Erfolg, an besseren Formulierungen für ihre große Rede. Durch mein Gehirn wabern da stets Lieder. Manchmal ist es ein einzelnes, manchmal kommen Dutzende von allen Seiten, Lieder, die ich nicht vergessen kann, aus längst oder unlängst vergangener Zeit, liebliche Melodien, Chansons, Arien, Schnulzen, Schreckenstöne. Zwanghaft und auf mich selbst wütend quäle ich mich oft stundenlang, aus Liedfetzen Text und Melodie des Originals zu rekonstruieren. Das ist eine Art individuelle Denkmalspflege, denn an vielen der Lieder hängen Geschichten, ja, hängt Geschichte.
Solche Strophen und ihre Zusammenhänge verfolgten mich nächtelang. Bis ich begann, sie aufzuschreiben, damit sie Ruhe geben. So entstand Schritt für Schritt ein lieder-licher Lebenslauf. Für dieses Kapitel habe ich nur einige ausgewählt, die mich an wichtige Abschnitte meiner ersten Lebenshälfte erinnern, die Periode, als ich noch selber sang und als es im Lande brodelte. Ob das für andere Leute Nichtigkeiten sind, die sie gar nicht interessieren oder ob sie an ihnen solchen Spaß haben wie der Schreiber, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich staune jedenfalls immer wieder, was alles sich da in meinem Kopf festgesetzt hat, der doch die eigene Autonummer nicht behalten kann, und schrieb es ganz bewusst fast nur aus dem Gedächtnis nieder. Selbst wo es möglich gewesen wäre, habe ich meist darauf verzichtet, in Büchern nachzuschlagen, wie die korrekten Texte lauten. Mir ging es nur darum, womit die Lieder auf mich gewirkt haben und warum sie in meiner Erinnerung blieben. Wem an Genauigkeit gelegen ist, tut besser daran, mit anderen Quellen zu vergleichen.
Striez Mutter, die Landwehr kommt
Schon wenn ich mich als Kleinkind auf dem Nachttopf mühte, pflegte mich mein Vater mit einem nicht ganz stubenreinen Rundgesang über etwas so wenig Kindliches wie die sächsische Landwehr anzuregen: »Striez Mutter, die Landwehr kommt, der Vater trägt die Fahne, die Kinder laufen nackt herum und wackeln mit dem – striez Mutter ...« Dieses Endloslied liebte er – vielleicht wegen der Wirkung – so, dass er es genau wie ein anderes Landwehrlied fast täglich zu pädagogischen Zwecken einsetzte: »Immer langsam voran, immer langsam voran, dass die preußische Landwehr mal nachkommen kann ...« Das brummte er im Takt des schweren Schrittes von Soldatenstiefeln, wenn er meinte, ich solle nicht so bummeln. Er tat das derart oft, dass es lebenslang haften blieb und ich die Melodien noch heute summen kann. Mir gefielen wohl die lustigen Bilder von der striezenden Mutter, um die lauter kleine Nackedeis mit wackelnden Schwänzchen tanzten. Erst viel später fiel mir auf, dass da auch ein Wort dazugehörte, mit dem ich ganz bestimmt nichts anfangen konnte.
Es waren die letzten Tage der Weimarer Republik und zugleich die Zeit, als die braune Flut Deutschland überschwemmte. Alle möglichen Uniformmänner waren da bei uns in Crimmitschau zu sehen, doch weit und breit keine sächsische Landwehr, geschweige denn eine preußische. Also beschäftigte mich, als ich langsam zu denken lernte, allmählich nicht nur die kindsgemäße Albernheit des Textes, sondern auch die Fragestellung, was eigentlich so eine Landwehr macht, die doch offenbar mit den Liedern auf die Schippe genommen werden sollte.
Als ich meinen Vater danach fragte, wunderte er sich, denn er hatte das »nur so« gesungen. Die gibt es doch schon lange nicht mehr, erklärte er mir. Er kenne die Lieder aus der Zeit, als er selber ein Junge war, und habe sie wohl von seinem Vater gehört. Ja, eine Landwehr existierte bis zum (Ersten) Weltkrieg, früher in den einzelnen Ländern wie Preußen und Sachsen, später im ganzen Reich, klärte er mich schließlich auf, eine bunt zusammengewürfelte Bürgerwehr, die eigentlich gar nicht in die Zeit passte. Alle haben sich über sie lustig gemacht. Verstanden habe ich von seiner wissenschaftlich und historisch ohnehin nicht haltbaren Erklärung natürlich so gut wie nichts, ich wollte ja eigentlich auch nur wissen, was er, der Pazifist, da gesungen hat und was er damit meinte.
Die Marie steht da im Hemd
So kam es, dass ich bei meiner ersten bewussten Begegnung mit dem Lied nicht wie die meisten kleinen Kinder auf »Häschen in der Grube« oder »Alle meine Entchen«, sondern auf, wenn auch recht absonderliche, deutsche Militärmusik traf. Militärlieder begleiteten meine Entwicklung auch danach. Das lag am Zeitgeist und daran, dass wir sehr arme Leute waren, die anfangs weder Radio noch Grammofon besaßen, weshalb meine Musikkenntnisse nur auf dem beruhten, was ich zu Hause (davon wird noch die Rede sein) und auf der Straße hörte. Dort aber ertönten vor allem martialische Marschlieder, die der SA-Kolonnen und die der anderen Uniformierten.
Jedes Regiment hatte seinen eigenen Traditionsmarsch mit einem langweiligen amtlichen, aber, wie sich bald herausstellte, auch einem vom »Soldatenvolk« selbst gemachten höchst anrüchigen illegalen Text. Mich interessierten nur die Laiendichtungen, die nicht im Marschzug, sondern am Straßenrand die Runde machten. Zu schmissiger Marschmusik mit zündenden Melodien schmetterte man gänzlich unmilitärisch: »Dass die Kuh mehr kackt wie die Nachtigall, na das ist doch allemal der Fall. Sie sollten sich was schämen, dafür noch Geld zu nehmen« oder »Die Marie steht da im Hemd, hat vier Finger in den Arsch geklemmt, und sie denkt sich so im Sinn, wo steck’ ich nur den Daum’ noch hin« oder auch nur witzlos »107, 107, auf der Straße wächst der Priem«. Das Regiment 107 hatte seine Kaserne in Leipzig. Von der Landwehr bis zum Kautabak verdanke ich also bedeutende Erkenntnisse meines ersten Lebensjahrzehnts den sozusagen militärkritischen Liedtexten. Dass mir Militärmusik trotzdem vor allem Gänsehaut verursacht, hängt mit der späteren Zeit zusammen.
Übrigens hatten wir noch im Musikunterricht an der Schule Gelegenheit, sogar der 200 Jahre zurückliegenden militärischen Vergangenheit der deutschen Lande nachzuhängen. Das war ein Steckenpferd unseres Musiklehrers. Zuerst kamen die bekannten Gesänge aus dem frühen 19. Jahrhundert mit der Würdigung eines monogamen Angehörigen der Reitertruppe »Es war einmal ein treuer Husar, der liebt’ sein Mädchen ein ganzes Jahr« und der Klage über den Mangel an Wehrpflichtigen in manchem Ort »Lippe-Detmold eine wunderschöne Stadt, darinnen ein Soldat, ei der muss marschieren in den Krieg«. Ei, fallera, trallala, juhu und hurra waren über Jahrhunderte die häufigsten Lückenbüßer in den Texten. Dann aber wurde es für mich als sächsischem Hobbyhistoriker spannend. Was sangen die beiden Seiten im Siebenjährigen Krieg? Da gehörte doch Sachsen wie so oft in der Geschichte zu den Verlierern. Für den Lehrer war das eine Gratwanderung. Wir lebten in einer sächsischen Stadt, und es galt, dem heimatlichen Lokalpatriotismus ebenso genüge zu tun wie der preußischen Vorherrschaft im Reich.
Als erstes lernten wir, schließlich waren die Wettiner aufseiten der Habsburger, eine emphatische österreichische Lobeshymne auf den Kriegshelden Ernst Gideon Freiherr von Laudon, der die Preußen in einer Bataille in Böhmen geschlagen hatte: »General Laudon, Laudon greift an, mit hunderttausend Mann greift General Laudon an, General Laudon, Laudon greift an.« Gleich danach wurden wir mit der Kehrseite konfrontiert: »Und Friederich der Große, der zeigt’s den Feinden an. Er ziehet ein in Sachsenland, zwei Schwerter in der Hand.« Ob ihn beim Einziehen nicht behinderte, dass er keine Hand frei hatte, erfuhren wir nicht, dafür aber, mit welchen Worten Fridericus Rex, unser König und Held, nach der von Carl Loewe vertonten Meinung des Dichters Willibald Alexis (1798 –1871) angehende Kriegswitwen tröstete: »Nun adjö, Luise, wisch ab das Gesicht. Eine jede Kugel die trifft ja nicht, denn träf ’ jede Kugel apart ihren Mann, wo kriegten die Könige ihre Soldaten dann?« Wer auch nach diesem überzeugenden Argument nicht bereit war, frohen Herzens Abschied zu nehmen, dem war wohl wirklich nicht zu helfen.
Wenn Judenblut vom Messer spritzt
Mit den Naziliedern war es noch eine andere Sache. Ich habe die braunen Horden immer nur gefürchtet und gehasst, denn meine Mutter war Jüdin, mein Vater linker Sozialdemokrat. Wenn durch die schmale Leipziger Straße in Crimmitschau, in der wir wohnten, aus den Kehlen von hundert Braunbehemdeten geschmettert wurde »Es zittern die morschen Knochen«, dann zitterten bei mir nicht nur die. Und die Nazis marschierten viel. Fast täglich hörte ich, hinter der Gardine stehend, das drohende Gebrüll: »Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt. Denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.«
In der Phantasie des politisch frühreifen Erstklässlers, der ich war, entstand so eine erste Vorahnung von dem Schrecklichen, das kommen sollte: Um die ganze Welt zu erobern, wollen sie alles in Scherben schlagen. In Klemperers »LTI« kann man lesen, dass offenbar auf Weisung des Goebbelsschen Propagandaministeriums das »gehört uns« entschärft und daraus »da hört uns« gemacht worden ist, aber ich bin bereit zu beschwören: In Crimmitschau haben sie, wie es Klemperer auch aus Dresden kannte, immer »gehört uns« gesungen.
Bei einem zweiten Lied, das mir Grauen verursachte, habe ich mich geirrt – beim Horst-Wessel-Lied »Die Fahne hoch«. Sie sangen: »Kam’raden, die Rot Front und Reaktion erschossen, marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit.« Ich verstand es aber in meiner Angst anders: mit einem Ausrufezeichen hinter dem »erschossen« und weiter mit »Marschiert im Geist«. So wurde aus dem Ganzen ein Befehl, die Aufforderung, »Rot Front und Reaktion« zu erschießen. Erst etliche Jahre später merkte ich meinen Irrtum, der wohl der Wahrheit um vieles näher kam als der richtige Text. Keine festliche Gelegenheit verging, ohne dass ich dieses Lied ertragen musste, da es zur offiziellen Hymne der Nazipartei gemacht wurde und stets im Anschluss an das »Deutschlandlied« ertönte. Jedes Mal hörte ich, wenn auch fälschlich, aus dem ganzen Gesang vor allem die Aufforderung zum Erschießen der politischen (und selbstverständlich erst recht der »rassischen«) Gegner. Selbst wenn man deshalb meine vaterländische Gesinnung in Zweifel ziehen sollte, gestehe ich, dass in mir noch heute schon bei den ersten Tönen der Nationalhymne die schreckliche Erinnerung an die mörderische Kombination von »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt« und »Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen. SA marschiert mit ruhig festem Schritt. Kam’raden, die Rot Front und Reaktion erschossen ...« hochkommt.
Pulsuz fraqment bitdi.