Kitabı oxu: «Bibel trifft Leben»

Şrift:

Ralf Mühe

Bibel trifft Leben

100 Begegnungen mit dem Alltag

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www.bibellesebund.net

Impressum

© 2014 Bibellesebund e. V., Marienheide

2. Auflage 2017

© 2021 der E-Book-Ausgabe

Bibellesebund Verlag, Marienheide

Alle Rechte vorbehalten

https://shop.bibellesebund.de/

Autor: Ralf Mühe

Lektorat: Burkhard Meißner

Covergestaltung: Julia Neudorf

ISBN 978-3-95568-386-3

Hinweise des Verlags

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.

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Inhalt

Titel

Impressum

Vorwort

In den kleinsten Dingen treu

Gott, wer bist du?

Habsucht ist auch eine Sucht

Bitter im Geschmack, süß in der Wirkung

Entfremdet

„Eine neue Sintflut!“

Von Erde zu Erde

Glaubensgehorsam

Hinkehr erfordert Abkehr

Überwindende Liebe

Geheilt oder durchgetragen

Gott ist treu

Den Menschen nach dem Munde reden?

Zur Freiheit bestimmt

Gott wartet auf unser Ja

Filmschnitt

Barmherzig werden

Barmherzigkeit empfangen

Erkannt!

Nur ein bisschen tot

Bekehrung, nein danke?

Jesus liebt Sünder

Sich selbst verleugnen

Furcht vor der Verantwortung?

Fauler Friede

Unangepasst leben

Jesus, lebendig und erfahrbar

Vollendete Pläne

Gutes tun kann man lernen

Brot des Lebens

Erpressung?

Trotz Unzulänglichkeiten Frieden bekommen

Der Ausweg aus Ohnmacht und Überforderung

Geschenkte Unerschrockenheit

Leben mit einer Berufung

Trottel? Vorbilder!

Leiden um Christi willen

Ein gebrochenes Tabu

Dann wird die Luft rein sein

Eine befreiende Entdeckung

Zum Verschwenden befreit

Gott persönlich erlebt!

Auf Gottes Kraft setzen

Alles ablegen!

Tore der Hoffnung

(Un-)heiliger Zorn

Ich werde ihm noch danken!

Ist eine billige Vergebung genug?

Die Kraft zum Überwinden

Wer wird im großen Weltgericht freigesprochen?

Bewusster leben in Gottes Gegenwart

Wer hat bei uns Zutritt?

Was kommt nach dem Tod?

Der Zusammenhang von Leiden und Liebe

Siebenmal fallen, siebenmal aufstehen

Liebt eure Feinde

Gegen die Herrschaft des Egos

Von Gott zurechtgewiesen

Hilfe voller Liebe

Der Kampf um die Gedankenwelt

Faszinierende Prophetie

Lichttherapie

„Bitte mich!“

An die Wurzel gehen

Wer bin ich, wenn mich keiner sieht?

Einübung ins Gebet

Leiden für Jesus

Erfüllte Prophetie und verändertes Leben

Vorsicht, Fälscher!

Dramatische Kehrtwende

Ununterbrochen beten?

Eine Neugeburt erleben – heute

Kraft, die Gott gibt

Endzeit mit Hoffnungsfaktor

Ein innerer Dammbruch

Atemberaubende Herrlichkeit

Gottes Licht abstrahlen

Bei Jesus abladen

„Ora et labora“

Wie erkenne ich Gottes Führung?

Kein umgehender Dank

Wie kann Gott das alles zulassen?

Angemessene Ehrfurcht

Jesus verändert Menschen

Vorlage fürs eigene Beten

Ich leide (keinen) Mangel

Befreit

Trost aus uralten Quellen

Gott wünscht sich unsere Liebe

Nachhaltig haushalten in der Gemeinde

Endzeit-Fahrplan?

Gekündigt

Bekenntnis mitten unter Spöttern?

Geistliche Hintergründe

Wunder – damit wir glauben

Erhört Gott alle Gebete?

Gott redet

Rangordnungen im Reich Gottes

Wenn wir Gott aus dem Blick verlieren

Entscheidung für Freiheit und Sieg

Der Autor

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

in der Nachfolge hinter Jesus her benötige ich immer wieder neu die Bestätigung, dass er lebt und mir nah ist. Als ich zum Glauben fand, war die Entdeckung der persönlichen Beziehung zu ihm das gewisse „Mehr“ gegenüber meiner übernommenen religiösen Sozialisierung. Diese neue Art zu leben eröffnete mir die aufregend neue Möglichkeit, in Kontakt mit Gott zu sein. Es ist gewissermaßen ein „Sehen mit den inneren Augen“ (Epheser 1,18).

Der Gott der Bibel ist aus der Verborgenheit herausgetreten und hat sich geoffenbart. Dass er redet und sich uns Menschen mitteilt, gehört zu seinen unverwechselbaren Charakterzügen. Satzanfänge der Bibel wie: „Und der Herr redete“ oder „Und des Herrn Wort geschah“ sind dafür überwältigende Belege. In der Lebensgemeinschaft mit dem auferstanden Jesus erwarte ich, dass er hier und heute auch zu mir spricht und sich durch sein Handeln bezeugt. Mit weniger sollten auch Sie sich nicht zufriedengeben.

In den 100 kurzen Beiträgen möchte ich Sie daran teilhaben lassen, wie Gottes Geist in den Alltag hineinwirkt. Er erweitert unsere Wahrnehmungen, formt den Charakter und prägt die persönlichen Wertmaßstäbe. Gottes Reden erreicht uns beim Lesen der Bibel, durch Worte von Mitmenschen, in der Konstellation von Ereignissen oder bei ganz gewöhnlichen Gedankengängen. Oft meinen wir, dass all das mit Gott gar nichts zu tun habe, weil wir nichts Besonderes fühlen. Aber er ist uns an keinem Ort und zu keinem Zeitpunkt fern. Das gibt dem Leben mit ihm eine besondere Qualität.

In den folgenden Beiträgen sind Namen und Orte von Personen verändert, wo das seelsorgerliche Geheimnis gewahrt bleiben muss.

Nun habe ich den Wunsch, dass Sie beim Lesen dazu ermutigt werden, im Alltag bewusster mit Gottes Reden und Handeln zu rechnen. Lassen Sie sich von ihm überraschen!

Ralf Mühe

In den kleinsten Dingen treu

Olaf taugt zu nichts. Zumindest dachte ich das, nachdem ich im Missionsteam die Gaben gecheckt hatte. Wenn er sang, klang es total schief. Und beim Erzählen stotterte er. Ich ärgerte mich darüber, dass er glaubte, bei uns genau richtig zu sein.

Und dann erteilte Gott mir eine Lektion, die ich nicht wieder vergessen habe. Olaf konnte nach wie vor weder beim Singen die Stimme halten noch so erzählen, dass man ihm gern zuhören mochte. Aber er hatte eine überdurchschnittliche Dienstbereitschaft. Wenn ich ihn suchte, fand ich ihn dort, wo gerade Arbeit angefallen war. Er ging vor den Kindern in die Hocke und putzte ihnen die Rotznasen. Er war sich nicht zu schade, ihnen die offenen Schnürsenkel zu binden. Er brachte Ordnung in den Raum, und das in aller Bescheidenheit.

Olaf wurde mein Goldjunge. Als er tatsächlich mal was ansagen sollte, verhaspelte er sich und kam nicht weiter. Aber einem wie ihm sah man es gern nach, denn was er anpackte, tat er mit ganzer Hingabe.

Ich musste vor dem Herrn Abbitte tun. Da habe ich mal wieder einen Menschen vorschnell abgeschrieben. Mir wurde an Olaf deutlich, was Jesus damit meint, im Geringsten treu zu sein. Ein besseres Beispiel als Olaf hätte er mir nicht vor Augen stellen können. Es kommt nicht darauf an, ob wir viel oder wenig Geld oder Begabungen haben. Wichtig ist, wie wir damit haushalten.

Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu.

Lukas 16,10

Gott, wer bist du?

Unser Leben ist oft schweren Erschütterungen ausgesetzt. Ich denke an die Frau, die ihren Mann verlor, als er gerade mal Mitte vierzig war. Für sie verfestigte dieses bittere Erleben das Vorurteil, dass Gott ungerecht sei. Ein Ehepaar verlor sein einziges Kind im Säuglingsalter. Die Frage nach Gott war für beide fortan mit heftigen Aggressionen besetzt.

Ich muss gestehen, dass sich oft mein Empfinden für Gerechtigkeit nicht mit dem deckt, was Gott gerecht nennt. Manchmal schweige ich einfach nur, wenn Menschen in schweren Stunden nach dem Warum fragen. Ich habe keine Antwort für sie, weil ich Gott selbst nicht immer verstehe. Aber ich habe eine Entdeckung gemacht, die mich durchträgt. Ich muss Gott gar nicht begreifen können, ich darf ihm einfach nur vertrauen. Dabei helfen mir die Aussagen der Bibel über Gott.

Achten Sie einmal darauf, mit welchen Worten Jesus in seinem Gebet (Johannes 17) Gott anspricht. Ich habe sie farbig markiert, damit ich sie beim Beten leicht wiederfinde: Vater – heiliger Vater – gerechter Vater … In Zeiten der Anfechtung halte ich sie Gott vor und gesunde daran; denn dabei vollziehe ich den notwendigen Blickwechsel von den trüben Gedanken weg auf ihn.

Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Johannes 17,25-26

Habsucht ist auch eine Sucht

Als Jugendlicher hatte ich Gelegenheit, bei jenem Pastor im Wagen mitfahren zu dürfen, bei dem ich zum Glauben gefunden hatte. Meine Erwartungen schlugen in Enttäuschung um. Statt uns über geistliche Dinge auszutauschen, redete er ständig nur über Autos.

Zu bestimmten Zeiten bin ich in der Lage gewesen, sämtliche unterschiedliche Komponenten an Fahrrädern zu benennen, die für mich zum Kauf infrage kamen. Die Gedanken daran nahmen mich sogar bis hinein in die Gottesdienste gefangen. Ich erkannte die Strukturen einer inneren Abhängigkeit und sagte mich davon vor Gott los.

Als Christen in einer Konsumgesellschaft sind wir sehr gefährdet. Wir setzen unser Vertrauen zu stark auf das Geld, denn es ermöglicht uns, vieles zu haben. Wenn wir uns an anderen orientieren, werden wir ständig stimuliert: Da gibt es das Diktat der Mode und die stets neuere und raffiniertere Technik. Eugen und Christine haben aufgehört, der Gemeinde den Zehnten zu geben, weil sie knapp bei Kasse sind. Ihr Geldproblem hat sich damit nicht gelöst. Als sie deswegen um ein Gespräch baten, hatten sie nicht nur einen Mangel an Geld, sondern auch an Segen. Zufriedenheit ist jedoch keine Frage des Habens, sondern der inneren Haltung. Meist ist ein Blickwechsel notwendig hin auf das, was für die Ewigkeit zählt. Zunächst müssen wir diesen Wechsel wirklich wollen. Dann können wir ihn auch von Gott erbitten und Befreiung erleben.

Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Übels; danach hat einige gelüstet und sie sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viel Schmerzen.

1. Timotheus 6,10

Bitter im Geschmack, süß in der Wirkung

„Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist …“ Diese Worte hatten wir für die Geburtsanzeige unserer ältesten Tochter ausgewählt. Mehr als einmal war ich damals versucht, sie enttäuscht in den Müll zu befördern. Was Gott uns zumutete, war nicht nach meinem Geschmack. Ich hatte das Gefühl, dass Jesus uns vor die Wand laufen ließ. Warum hatte er zugelassen, dass unser Kind krank ist? Weshalb ließ er uns auch noch finanziell auf Grund laufen? Ich haderte heftig mit Gott. Er muss sehr an mir gelitten haben.

Zusagen der Bibel daran festzumachen, dass sich etwas nicht nach unserem Geschmack entwickelt, ist kurzsichtig. Oft ist es gerade die bittere Arznei, die hilft. Der Herr sorgte für uns, als wir dazu nicht mehr fähig waren. Dabei überraschte er uns immer wieder mit seinen Möglichkeiten. Er kann Wunder wirken. Zu ihnen gehören auch die Erfahrungsberichte, wo sich die äußeren Umstände nicht geändert haben.

Wilfried drang ausgerechnet dann zum Glauben an Jesus durch, als er zum Krüppel gefahren wurde. Ja, dieser Umwandlungsprozess war mit Schmerzen und inneren Kämpfen verbunden. Er geht seither an Krücken. Aber er hat das Leben aus Gott erlangt. „Wohl dem, der auf ihn trauet!“ gilt denen, die in der Anfechtung standhalten und ihre eigenen Vorstellungen in Gottes gute Hand legen.

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!

Psalm 34,9

Entfremdet

„Es würde mir weniger ausmachen, wenn mein Sohn Zuhälter geworden wäre. Nun gehört er zu denen, die ständig zur Bibelstunde rennen.“

Die Äußerung meines Vaters gegenüber einem Nachbarn offenbarte den tiefen Riss, der mich nach meiner Hinwendung zu Christus von meiner Kernfamilie trennte. Meine Frömmigkeit entlarvte ihre eigene als eine religiöse Form, der die geistlichen Inhalte fehlten. Nichts, was eine Beziehung zu Gott ausdrückt, war darin zu finden. Sie taten, was „man“ eben gesellschaftlich für angemessen hält. Auf der gleichen Basis hatten einst die Taufen von uns Kindern stattgefunden. Als ich meinem Patenonkel bezeugte, dass ich Gottes Angebot zur Versöhnung bewusst angenommen hätte, distanzierte auch er sich mit scharfen Worten von mir.

Ich hatte als junger Christ schwierige Lektionen zu lernen. Die ablehnende Haltung meiner Eltern enthob mich nicht dem Gebot, sie zu ehren und ihnen grundsätzlich gehorsam zu sein. In diesen spannungsreichen Situationen war mir mein geistlicher Mentor eine unschätzbare Hilfe. Durch seine ruhige Art wies er mich an, in Gottes Lebensschule zu bleiben.

Es war mir nicht vergönnt, meine Eltern zu Gott zu führen. Als meine Mutter starb, erfüllte mich das mit schweren Gedanken. Doch Jesus nahm mir den Druck der Schwermut während eines Augenblicks ab, in dem er sich mir voller Güte offenbarte. Er forderte mich auf, meine Eltern in seine Hand loszulassen. Allein ihm steht es zu, über das Leben der Menschen zu urteilen. Meine Aufgabe als Zeuge war getan. Ich fühlte, wie die Dunkelheit von mir wich und einem anhaltenden inneren Frieden Raum gab.

Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.

Matthäus 10,35

„Eine neue Sintflut!“

Ich erinnere mich an einen sintflutartigen Regen über meiner Heimatstadt. Wir wohnten einige Kilometer vom Rhein entfernt. Dennoch erlebten wir, wie der Fluss derart über die Ufer trat, dass auch unser Stadtteil überschwemmt wurde. Straßen verschwanden in einer Wasserflut. Verkehrszeichen ragten gerade mal über den Wasserspiegel. Keller und Erdgeschosse liefen voll. Und ein Ende war nicht in Sicht. Wir Kinder träumten davon, im Boot auf den Straßen zu paddeln. Die Erwachsenen hatten ganz andere Sorgen. Eine ältere Frau schrie ihre Ängste hysterisch heraus: „Der Herrgott schickt eine neue Sintflut!“ Immer neu wiederholte sie diese Befürchtung und erging sich darin, Stoßgebete zum Himmel zu schicken.

Frömmigkeit ohne ein gutes geistliches Fundament bleibt in vielen Dingen ohne rechte Gewissheit. Hätte die Frau die Bibel gekannt, hätte sie gewusst, dass Gott zugesagt hat, keine erneute Sintflut zu schicken. Dieser sprichwörtlichen Heidenangst hat Gott Verheißungen entgegengesetzt. Es lohnt sich, sie in der Bibel mit einem Markierstift zu kennzeichnen. Sie helfen mir, wenn ich bete. Andersfarbige Markierungen lassen mich Aussagen über Gottes Charakter schneller auffinden. Wenn mich Fluten der Angst oder des Zweifels zu überschwemmen drohen, habe ich an Gottes Wort einen zuverlässigen Anker.

Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.

1. Mose 8,21

Von Erde zu Erde

Der Teenager brüstete sich auf dem Schulhof mit einer Botschaft: „Wenn ich sterbe, dann dematerialisiere ich mich!“ Einige Jungs, die ebenfalls als cool gelten wollten, pflichteten ihm bei. Andere wirkten verunsichert und fragten mich: „Können Sie denn etwas darüber sagen, was passiert, wenn wir sterben?“ Ich tat es gern.

Wissenschaftliche Erklärungen beschreiben, wie Vorgänge funktionieren. Aber sie beantworten keine Fragen nach dem Sinn des Lebens. Auch das Zeugnis der Bibel besagt, dass der Leib zerfällt, doch es unterscheidet den inneren vom äußeren Menschen. Es gibt also jenseits von Sarg oder Urne jene unsichtbare Welt, in der wir als Persönlichkeiten weiterleben – in der Gottesferne („Hölle“) oder in der Gemeinschaft mit Gott („Himmel“).

Für mich war es ein erster vager Schritt, die Aussagen der Bibel zunächst mal nur für wahr zu halten. Inzwischen erlebe ich durch den Glauben die wiederhergestellte Gemeinschaft mit Gott als eine Realität. Der Glaube ist keine mindere Art des Wissens. Er ermöglicht uns vielmehr, jenseits des natürlichen Terrains die übernatürliche Welt zu erkennen.

Die Schüler hörten aufmerksam zu. Das Fehlen an Beweisen störte sie allerdings gewaltig und rief kritische Äußerungen hervor. Ich wies sie darauf hin, dass die Wissenschaft ebenfalls außer Stande sei, „Liebe“ zu beweisen. Und doch erleben wir sie – hoffentlich! – als eine beglückende Realität. Das leuchtete ihnen ein.

Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

1. Mose 3,19

Glaubensgehorsam

Immer wieder beobachte ich, wie abgeklärt wir selbst aufwühlende Sachverhalte aus biblischen Berichten zur Kenntnis nehmen. Wir sind mit den Abläufen der Ereignisse vertraut. Längst schon haben wir ihre geistliche Bedeutung verinnerlicht.

Vor etlichen Jahren spielte ich in einem Familiengottesdienst, wie Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. An der Hand hatte ich meinen Sohn, der damals noch ein Kind war. Seine Rolle war denkbar einfach. Er sollte nur die eine Frage stellen – die nach dem Opfer. Ansonsten musste er sich einfach nur fügen. Aber genau darin bestand der Punkt, der mich am meisten berührte. Diese kindliche Arglosigkeit und das vorbehaltlose Vertrauen brachen mir fast das Herz. Mein Blickwechsel mit ihm ließ aus dem Anspiel ein Nach-Empfinden im wahrsten Sinne des Wortes werden: Ich erlebte geradezu bei der Frage von Isaak den Schmerz der Anfechtung. Da wurde über die Kluft der Zeit hinweg in meinem Herzen lebendig, was Abraham der Gehorsam gegenüber Gott gekostet haben mag: eine bewusste Entscheidung gegen widerstrebende Argumente und gegen jegliche Wohlfühlmentalität. Erst auf diesem Hintergrund erschließt sich mir die Dimension der Stellvertretung. Was Gott dem Abraham mit den Widder ersparte, hat er selbst durch das Opfer seines Sohnes bis zum furchtbaren Tod am Kreuz ausgehalten. Aus Liebe zu uns!

Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, als er versucht wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, als er schon die Verheißung empfangen hatte.

Hebräer 11,17

Hinkehr erfordert Abkehr

Paulus lobt die Christen in Thessalonich für ihre konsequente Lebensführung. Sie haben sich zu Gott bekehrt und dabei die Abgötter hinter sich gelassen.

„Diesen Talisman gebe ich dir nicht“, sagte jemand, „du weißt gar nicht, wie oft er mich gerettet hat. Ich stand schon x-mal mit einem Fuß im Grab.“ Ich machte mein Gegenüber darauf aufmerksam, dass er selbst die Entscheidung treffen müsse, wem er von nun an vertrauen wolle. Jesus und Talisman jedenfalls ginge nicht. Zumindest nicht mit mir. Der Mann riss sich das Ding vom Hals und warf es mir zu. Er hatte seine Entscheidung getroffen.

Ein Ehepaar beklagte sich über eine Atmosphäre des Unfriedens in seiner Wohnung. Es spürte sie seit Ende ihres Urlaubs. Ich besuchte sie zu Hause und entdeckte sofort sakrale Tempelfiguren fremder Religionen. Die hatten sie als Souvenirs mitgebracht. Als ich vorschlug, sich von ihnen zu trennen, rastete die Frau aus. Ich hätte keine Ahnung was sie gekostet hätten. Und außerdem … Ich kannte sehr wohl den Preis dieser Gegenstände: Er kostete die beiden den inneren Frieden.

Eine Ex-Esoterikerin bekannte mir, dass sie Literatur und Schulungsmaterial für mehrere Tausend Euro in die Mülltonne geworfen habe. Sie wollte mit ihrem alten Leben nichts mehr zu tun haben. „Mein Mann muss mich für verrückt halten“, sagte sie. Aber diese Möglichkeit schreckt sie nicht ab angesichts der Freiheit, die sie mit Jesus erlebt.

Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott.

1. Thessalonicher 1,9

Überwindende Liebe

Ich hatte einen Jugendfreund, der ließ sich oft schlagen. Nicht weil er feige war, sondern weil er sich dem Pazifismus verschrieben hatte. Wie oft sah ich ihn leiden: auf dem Schulhof oder in abgelegenen Seitenstraßen. Mich verunsicherte die Herrschaft der rohen Gewalt. Meist ging sie von sehr ungebildeten Mitschülern aus. Mein Verlangen nach Gerechtigkeit suchte nach angemessenen Antworten, deshalb verteidigte ich meinen Freund mit Gegengewalt. Sie gipfelte darin, dass ich mit verbotenen Waffen aufrüstete. Ich befand mich bald in einer Spirale von Aggression und Angst.

Als ich kapierte, dass in Jesaja 50,6 prophetisch von Jesus die Rede ist, verschlug es mir die Sprache. „Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen …“ Sein Konzept der überwindenden Liebe erweckt in mir erneut Unverständnis und das Gefühl, meiner eigenen Bosheit und der anderer ausgeliefert zu sein. Jesus setzte nicht auf Gewalt, sondern auf Tod. Er wurde Mensch, um zu lieben und zu sterben. In den Kopf will mir das nicht. Aber ich bin Nutznießer dieser unbegreiflichen göttlichen Strategie. Und andere sind es auch.

Da ist zum Beispiel Khalid, Angehöriger einer muslimischen Terrorzelle. Er ist in einem Camp für Anschläge gegen Christen ausgebildet worden. Ihm begegnete der Auferstandene mit seiner bedingungslosen Liebe. Sie war stärker als Khalids Hass und überwand ihn. Aus dem Mann, der bereit war zu morden, ist ein Zeuge der Liebe von Jesus geworden.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Jesaja 50,6

Geheilt oder durchgetragen

Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, jenen Geistlichen, wie er voller Enthusiasmus ins Mikrofon brüllte: „Gott will nicht, dass wir krank sind.“ Offenbar hatte er meiner Botschaft die gegenteilige Aussage entnommen. Dabei würde ich mich nie darauf versteifen, zu wissen, was Gott will. Ich erlebe ihn als den, der Kranke heilt. Aber ebenso lässt Gott Blinde in ihrer Dunkelheit. Und Gehbehinderte leben weiterhin mit orthopädischen Hilfen. Etliche Kranke lässt Gott sogar in jungen Jahren sterben. Gott ist mir zu groß, als dass ich ihn begreife. Aber ich kann ihm vertrauen.

Ich sehe auch sie noch vor mir, jene Frau der Diakonie, die eine Körperbehinderte im Rollstuhl durch den Park fuhr. Sie überzeugte mich durch ihre stille zupackende Art.

Machen wir uns nichts vor: Wir sind vom blanken Elend umgeben, wenn wir uns aus der Komfortzone heraus in Krankenhäuser, Unfall- und Rehakliniken begeben. Das Leid macht keine Unterschiede. Christen sind ebenso davon betroffen. Was aber allen hilft, ist die einfühlsame Hilfe, Freundlichkeit und die Geduld mit der krankheitsbedingten Unbeholfenheit.

Ich fragte einen jungen Vater, dem man vor kurzem drei Bypässe gelegt hat: „Welche Bedeutung hatte der Glaube in deiner Situation?“ – „Er hat mich durchgetragen“, antwortete er knapp und voller Dank. Der Freude gehört bereits die Gegenwart!

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.

Jesaja 35 5-6

Gott ist treu

Gott hat alles getan, dass wir wieder in Gemeinschaft mit ihm leben können. Es gilt ihnen und mir: „Ihr seid berufen zur Gemeinschaft seines Sohnes.“ Ist das nicht überwältigend? Für mich bedeutet es, dass ich mit ihm rechne.

Jemand stellte mir die Frage, wie ich damit umgehe, wenn ich in einem seelsorgerlichen Gespräch überfordert bin. „Ich sage es Gott und erwarte von ihm Hilfe“, antwortete ich. „Er sitzt doch sozusagen mit dabei.“

Ich habe mir angewöhnt, den Tag damit zu beginnen, dass ich mir die Gegenwart von Jesus ins Gedächtnis rufe. Dann sage ich etwa: „Jesus, du bist da.“ Mehr oft nicht. Manchmal schreibe ich es mir auch auf: „Er ist da!“ Es hilft mir, in schwierigen Zeiten Kurs zu halten.

Das Gespräch mit ihm ist nicht allein an Gebetszeiten und -orte gebunden. Ich spreche mit ihm, wenn ich Auto fahre oder die Natur entdecke. Ich höre auf ihn, wenn ich Wegweisung benötige. Damit verliert die Unterscheidung zwischen Gottesdienst und Alltag ihre scharfe Grenze.

Lassen Sie sich inspirieren, ihren eigenen Lebensstil zu finden, indem sie trotz Stresszeiten diese innere Verbundenheit einüben. Es wird Ihnen nicht immer gelingen. Dann beginnen Sie eben neu. Ein Freund beendet seine E-Mails stets mit der Zusage, die Paulus an den Anfang seines Satzes stellt: „Gott ist treu!“ Eine größere Zusage benötigen wir nicht.

Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

1. Korinther 1,9

Den Menschen nach dem Munde reden?

Ich suche unter Christen stets das Verbindende und nicht das, was trennt. So habe ich etwa meine feste Meinung zur Tauf-Praxis. Aber ich akzeptiere Glaubensgeschwister, die einer anderen Tradition folgen. Ich schätze Christen in Gemeinden, in denen man den Sabbat hält, während ich selbst den Sonntag achte. Gern danke ich für die Chancen der Christen in Volkskirchen, während ich bewusst Glied einer Freikirche bin. Ich pflege Geistesgaben, ohne zu einer charismatischen Gruppe zu gehören. Ich bete mit Christen darum, dass Gottes Reich komme, obwohl einige von ihnen darüber völlig andere Auffassungen haben. Gern beteilige ich mich an einer ökumenischen Bibelwoche, wenn ich etwas beitragen kann.

Wenn ich aber noch Menschen gefällig wäre, würde ich versuchen herauszufinden, was sie gern hören. Ich würde meine eigenen Überzeugungen verleugnen, um ja nicht anzuecken. Ich würde verschweigen, dass das Verharren in der Sünde Konsequenzen hat. Ich würde vom Himmel reden, aber die bittere Realität der Hölle verschweigen. Ich würde dem Zeitgeist entsprechend für alles Gottes Segen erbitten, was Sünde ist und nicht Gottes Vorstellungen entspricht. Ich würde die Mitte der Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus so verschieben, dass wir einen interreligiösen Konsens fänden. Ich würde damit meiner Berufung untreu.

Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich noch Menschen gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.

Galater 1,10

Zur Freiheit bestimmt

„Rauchen ist ein Genuss.“ Diese Feststellung aus meinem Mund wirkt auf Christen oft schockierend. „Wie kann er nur so etwas sagen?“ Meist entspannen sich die Gesichtszüge, wenn ich anschließend erzähle, warum ich bewusst Nichtraucher bin. Als einstiger Gelegenheitsraucher konnte ich im Nachtdienst den Tabakqualm richtig auskosten. Doch das Verlangen nach mehr empfand ich zunehmend als inneres Diktat. Dem widersetzte ich mich.

Die Freiheit von Abhängigkeiten muss übrigens verteidigt werden! Ein klares Nein ist dabei hilfreich, und zwar auch gegen gesellschaftliche Gepflogenheiten.

Alles, was uns gefangen nimmt, wird zur Sünde. Dabei muss eine Sache an sich nicht schlecht sein. Wer sich fast nur noch mit seinem Hobby, dem Sport, dem Garten … beschäftigt, verliert Jesus aus der Mitte. Auch Gottes gute Gaben können für uns zu Götzen werden.

Ein Gemeindeleiter rutschte von einer Sammelleidenschaft in eine innere Gebundenheit. Es ging so weit, dass er Luxusgüter kaufte und sie vor seiner Frau versteckte. Wie kann man von solch einer Gebundenheit frei werden? Die Lossagung durch einen Seelsorger sowie das Antrainieren neuer Gewohnheiten – wenn nötig, mit Hilfe einer Therapie – sind da hilfreiche Schritte.

Was nimmt in Ihrem Leben einen unangemessenen Platz ein? Erlauben Sie Gottes Geist, diesen Punkt aufzudecken. Leben Sie die Freiheit, die er Ihnen zugedacht hat.

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.

1. Korinther 6,12

Gott wartet auf unser Ja

Die junge Frau hatte eine gewisse Wirkung auf mich. Sie beruhte vor allem auf ihren inneren Werten. Das Leben von Johanna hatte eine geistliche Stabilität – ein Glaube voller Zuversicht. Genau danach suchte ich. Wir trafen uns häufig, um die Bibel zu lesen und darüber zu sprechen. Dabei erlebte ich, welchen Stellenwert die Bibel bei ihr hatte, wie sie mit Weisungen oder Zusagen umging und sie im Alltag umsetzte.

Nun – schließlich verliebte ich mich in Johanna. Ich war pralle 17 Jahre alt – also furchtbar erwachsen, aber ihrer Meinung nach als Partner viel zu jung für sie. Meine Zuneigung benötigte deshalb Überzeugungskünste. Ich warb beharrlich um sie und zeigte ihr, dass es mir ernst war. „Liebe ist ein Kind der Freiheit“ lautet ein französisches Sprichwort. Ich wartete auf ihr Ja, das wir uns schließlich vor dem Traualtar auch gegenseitig zusprachen.

Auch die Liebe, die von Gott ausgeht, zwingt niemanden in seine Gemeinschaft. Sie ist ein Angebot. Er „klopft an“. Und sie wartet auf unsere Erwiderung. Lassen wir ihn ein? Glaube ist das Ja des Menschen als Antwort auf Gottes Angebot zur Erlösung. Wir können da nicht nachhelfen, weder durch kirchliche Handlungen noch mit gut gemeintem Bekehrungsdruck. Gott will mit uns Gemeinschaft haben. Ist das nicht unvorstellbar schön? Er sehnt sich danach, dass wir seine Liebe aus freien Stücken erwidern, und zwar immer wieder neu. Woran wird das in der Gestaltung unseres beruflichen und privaten Alltags erkennbar?

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.

Offenbarung 3,20

Filmschnitt

Für den runden Geburtstag meiner Frau planten wir einen Rückblick mit Fotos und kurzen Filmsequenzen. Es gehörte zu meinen Aufgaben, unpassende Szenen durch Filmschnitte auszumerzen. Während ich am Computer werkelte, wurde ich daran erinnert, dass Gott mich in einer bestimmten Situation mit dem Film meines Lebens konfrontiert hat. Ungeschnitten! Ich wusste damals genau, warum ich diese innere Schau bekommen hatte. Gott wollte, dass ich Jesus an die dunklen Momente ranließ.

Auch wenn wir bei der Umkehr Jesus erlaubt haben, die Regie in unserem Leben zu übernehmen: Er entsorgt nicht ohne unsere Einwilligung jenes Filmmaterial, bei dem die Sünde den Ablauf der Handlung bestimmt hat. „Wenn wir uns selbst richteten, so würden wir nicht gerichtet“, schreibt Paulus. Wir müssen schon wollen, sonst bleibt alles, wie es ist. Muss es erst zu einem Showdown kommen, ehe wir einwilligen, unsere Vergangenheit selbstkritisch zu bereinigen?

„Mit welchen schwachen Momenten Ihres eigenen Lebens möchten Sie in der Ewigkeit nicht mehr konfrontiert werden?“ Bei dieser Frage haben Ratsuchende meist klare Vorstellungen davon, was sie ausgemerzt haben möchten. Wie gut: Wo wir schuldig geworden sind, gibt es Vergebung und den Freispruch durch Jesus! Er sorgt dafür, dass unser Film des Lebens eine bereinigte Fassung sein wird, bei der wir nicht schamrot werden.

Wenn wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet.

1. Korinther 11,31

Barmherzig werden

Der Mangel an Mitgefühl paart sich bei uns oft mit der Selbstgerechtigkeit. Wir neigen dazu, unerbittlich zu urteilen, wenn wir glauben, dass uns etwas niemals betreffen wird. Für Christof kam eine erneute Ehe von Geschiedenen überhaupt nicht infrage. Nicht lange, nachdem er Witwer geworden war, lernte er allerdings eine liebenswerte Frau kennen – eine Geschiedene! Just in dieser Zeitspanne schenkte ihm der Heilige Geist darüber eine völlig neue Erkenntnis. Plötzlich ging, wogegen der frisch Verliebte bisher so bibeltreu gewettert hatte.

Bei Gottesdiensten in Gefängnissen ist mir häufig die eigentliche Dimension unserer Verkündigung bewusst geworden. Wir überwanden durch unsere Einsätze das Freund-Feind-Denken. Gewiss, vor uns saßen Menschen, die straffällig geworden waren. Wer sich jedoch auf die Biografie einzelner einließ, konnte zumindest nachvollziehen, warum sie sozial gestrandet waren.

Wir sind keine Betrüger, keine Diebe oder Totschläger. Von Natur aus heilig sind wir dennoch nicht. Das vergessen wir gern. Ein Blick in die eigenen Gedankenabgründe reicht, um zu wissen, wozu wir fähig sind. Jesus wurde Mensch wie wir, „damit er barmherzig würde“. Er weiß also, dass Mensch zu sein bedeutet, von jeglicher Art von Sünde angefochten zu werden. Vermutlich ist er, der Heilige, mit uns barmherziger, als wir es oft mit anderen sind.

Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes.

Hebräer 2,17

Barmherzigkeit empfangen

Oft staune ich darüber, wie Jesus das Leben von Menschen erneuert. Diese Veränderungen gehören für mich zu den stärksten Erfahrungen seines Handelns. Paulus rechnet damit, dass sein radikaler Zielwechsel andere ermutigen wird. Auch die Art und Weise, wie Gott uns erneuert hat, kann anderen eine Hilfe sein, wenn wir bereit sind, darüber zu reden.

Kürzlich begegnete ich einer Gruppe tätowierter und in Leder gekleideter junger Männer. Es waren von Jesus Christus erneuerte Menschen, die nun den Rockern und Strafgefangenen bezeugten, wie sie durch den Glauben neu geworden waren. Christine erzählte, dass sie und ihre Mitchristen einst schamhaft geschwiegen hatten. Auf einer Klassenfahrt war im Bus ein Film gelaufen, der Jesus am Kreuz veralberte. Christines Reue führte zu einem wunderschönen Lied, das sie zur Ehre von Jesus textete und komponierte.

Felix sollte sterben – aber seine Abtreibung misslang. Felix hörte davon, als seine Mutter auf dem Totenbett lag, aber nicht sterben konnte. Er fuhr zu seiner Mutter und sprach ihr Vergebung zu. Er sei sich gewiss, dass Gott ihn gewollt habe, sagte er ihr. So konnte seine Mutter noch in der letzten Woche ihres Lebens Vergebung von Gott empfangen und dann im Frieden gehen.

Wenn wir an den wunden Punkten unserer Biografie Gottes Eingreifen zulassen, kann er unser Minus in ein Plus verwandeln. Zur Ermutigung und zum Vorbild für andere.

Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.

1. Timotheus 1,16

Erkannt!

Wer Christ wird, vollzieht einen Herrschaftswechsel: weg von der Herrschaft der Sünde hin zum Gehorsam gegenüber Gott. Eine Frau erzählte mir von ihrer Entscheidung für Christus. Zunächst hatte sich für sie überhaupt nichts verändert. Der nächste Termin beim Reiki bot jedoch eine Überraschung.

„Für Sie kann ich nichts mehr tun“, teilte ihr der Meister unvermittelt mit. Die Frau war ziemlich verblüfft. War etwas vorgefallen? Hatte sie ihn beleidigt? Dann begriff sie schlagartig die geistliche Dimension der Situation. Sie gehörte nun zu Jesus. Das vertrug sich nicht mehr mit den Mächten, die hier am Werk waren. Den peinlichen Abgang aus der Praxis verbuchte sie dennoch als Sieg.

Als Jesus den Menschen mit unreinen Geistern begegnete, stand die Herrschaftsfrage nie zur Debatte. Im Gegenteil. Diese Mächte anerkannten seine Autorität, indem sie vor ihm niederfielen und seine Stellung als Sohn Gottes herausschrien. Oft begreifen wir kaum, was hinter den Kulissen menschlichen Verhaltens abläuft. Vorschnell werten wir Ablehnung oder Feindseligkeit ausschließlich als soziale Dissonanzen. Dass sie von Einflüssen aus der unsichtbaren Welt getragen sein könnten, erkennen wir meist nicht. Hier hilft uns die Verfügbarkeit für Gottes Geist, der „ein Geist der Weisheit“ ist (Jesaja 11,2). Er befähigt uns, Situationen neu einzuschätzen und angemessen zu reagieren.

Und wenn ihn die unreinen Geister sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist Gottes Sohn!

Markus 3,11

Nur ein bisschen tot

Der alte Baumbestand des Friedhofs in meinem Heimatort stellt ein ausgezeichnetes Biotop für Vögel dar. Während ich mich ihnen mit der Kamera näherte, fiel mein Blick auf ein frisches Grab. Man hatte dort zunächst nur ein kleines Holzkreuz aufgestellt und daran den Namen des Verstorbenen angebracht: Ralf. Sonst nichts. Ich erstarrte. Für einen Augenblick fühlte ich mich, als ob ich auf mein eigenes Grab schaute. Das flaue Gefühl im Magen signalisierte, dass ich mit der Endgültigkeit des Todes noch nicht fertig war.

Wie sieht es mit den vielen kleinen Sterbevorgängen aus? Jenen, die meinem sündigen Ego die Lebenskraft nehmen? Ich ertappe mich dabei, dass ich theologisch die Sache ganz gut im Griff habe. Aber rein praktisch im Alltag weniger. Da bin ich oft nur ein bisschen tot. Bleibe ich mit hochgelegten Füßen bei meiner Zeitungslektüre oder helfe ich meiner Frau, den Einkauf aus dem Auto ins Haus zu tragen? In solchen Situationen entscheidet sich, was ich davon begriffen habe, „mit Christus gekreuzigt“ zu sein.

Ich versage an diesem Punkt immer wieder. Möglicherweise Sie auch. Da ist es schon mal ermutigend, wenn uns das überhaupt auffällt. Das bewahrt vor Selbsttäuschung. Deshalb bete ich für andere und mich immer wieder um jene konstruktive Unzufriedenheit, die niemals aufhört. Wir wollen mit der Hilfe des Heiligen Geistes das Leben anstreben, das er bereithält.

Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen.

Römer 6,6

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9783955683863
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