Kitabı oxu: «Mutter Angelica»

Şrift:

Raymond Arroyo

Mutter Angelica

Eine Nonne schreibt Fernsehgeschichte


Titel der amerikanischen Orginalausgabe:

Mother Angelica

The Remarkable Story of a Nun, Her Nerve, and a Network of Miracles

2005 veröffentlicht von The Doubleday Broadway

Publishing Group/Random House, Inc., New York,

www.doubleday.com

© 2005 by Raymond Arroyo

Bibliografische Information: Deutsche Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

© 2009 der deutschsprachigen Ausgabe

Media Maria Verlag, Illertissen

Umschlaggestaltung: Atelier Lehmacher

ISBN 978-3-9811452-7-4

eISBN 978-3-9479317-7-4

Für die Mutter meiner Kinder, Rebecca,

meine Mutter Lynda

und alle Mütter auf der ganzen Welt.

Sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt,

um die Weisen zuschanden zu machen,

und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt,

um das Starke zuschanden zu machen.

1 Kor 1, 27

Inhalt

Einleitung

Prolog

1. Kapitel:Ein unglückliches Leben

2. Kapitel:Der Schmerz als Geschenk

3. Kapitel:Heilung und Berufung

4. Kapitel:Braut Christi

5. Kapitel:St. Klara

6. Kapitel:Leid und Vorsehung

7. Kapitel:Die Gründung

8. Kapitel:Ein Familienkloster

9. Kapitel:Der Geist bewegt …

10. Kapitel:Das Lächerliche tun

11. Kapitel:Eine Kathedrale am Firmament: EWTN

12. Kapitel:Tod und dunkle Nacht

13. Kapitel:Die Äbtissin im Äther

14. Kapitel:Ein Zeuge für die Völker: WEWN

15. Kapitel:Die Verteidigerin des Glaubens

16. Kapitel:Der Hammer der Häretiker

17. Kapitel:Wunder und Züchtigungen

18. Kapitel:Die letzten Dinge

19. Kapitel:Läuterung

Einleitung

Die Leute rund um Hanceville in Alabama nannten es „dieses Nonnengeschäft“, „den Palast“ oder auch „den Wallfahrtsort“, je nachdem, mit wem man darüber sprach. Dieser Ort sollte an den meisten kommenden Samstagvormittagen mein Ziel sein. Nachdem ich die Autobahn I 65 verlassen hatte, ging es weiter an den Rinderherden vorbei, die hier in der Hitze Alabamas vor sich hindösten. Bei Pitts Lebensmittelgeschäft bog ich rechts ab, fuhr schnell an einer Reihe neu erbauter Häuser vorbei, aus deren gepflegten Vorgärten mich Heiligenstatuen aus Gips anstarrten. Im Gegensatz zu den Menschen, die mit Wohnmobilen und klimatisierten Reisebussen hierher gekommen waren, interessierte mich weniger das Kloster Unsere Liebe Frau von den Engeln, sondern vielmehr die Frau, die es gebaut hatte.

Während ich auf mein Ziel zufuhr, auf einem riesigen Gebäude, dessen Fassade mit Sandsteinen verkleidet war, das Mutter Angelica ihr Zuhause nannte, überdachte ich noch einmal im Stillen die Fragen, die ich ihr stellen wollte. Dies war die letzte Chance, mich auf das fünfstündige Treffen mit ihr vorzubereiten: ein Gespräch unter vier Augen mit der freimütigsten kontemplativen Ordensfrau der Welt. Da Ordensschwestern, die in Klausur leben, ein direkter Kontakt mit der Außenwelt nicht erlaubt ist, waren unsere Treffen auf das Sprechzimmer der Gemeinschaft beschränkt, einen schlichten Raum, in dem ein Eisengitter die Nonne vom Besucher trennt.

Eigentlich erschien es mir ungünstig, ganz vertrauliche Details eines Lebens durch Gitterstäbe hindurch zu besprechen. Doch in unserem Fall verlieh diese Ausgestaltung dem Ablauf unseres Zwiegesprächs eine beichtähnliche Atmosphäre. Es war, als ob gerade das schwarze Eisengeflecht zwischen uns die neunundsiebzigjährige Äbtissin befreit hätte. Sie konnte dadurch ihre Vergangenheit mit einer Aufrichtigkeit und Offenheit lebendig werden lassen, die sie sich sonst hätte nicht erlauben können.

Sie kam, bereit zum Gespräch.

„Hey, Landsmann!“, krächzte Mutter Angelica, als sie das Sprechzimmer auf der anderen Seite des Gitters betrat. Sie blieb an der Türschwelle mit ausgebreiteten Armen stehen, geradeso, als würde sie eine Bühne betreten. Sofort durchflutete Herzlichkeit und Wärme das spärlich rosa gekachelte Zimmer.

In ihrem schokoladenbraunen franziskanischen Ordensgewand schien sie heute mit ihren knappen 165 cm noch erstaunlich jung und geschmeidig zu sein. Ihre runden Wangen quollen an beiden Seiten über den Schleier heraus wie ein in eine Schuhschachtel gezwängtes rosarotes Kissen. Durch ihr Lächeln, geschätzt und geliebt von Millionen Menschen, wurden ihre Augen zu durchdringenden grauen Schlitzen zusammengepresst.

Obwohl sie über vierzig Minuten zu spät gekommen war, gab es keine entschuldigende Erklärung. Mutter Angelica lebte einfach im gegenwärtigen Augenblick.

„Na gut, dann fangen wir an“, verkündete sie, als ob ich der verspätete Gesprächsteilnehmer gewesen wäre. Als sie sich den Gitterstäben näherte und ihre Hände durch das Gitter streckte, tänzelte ein Schimmer von Zuneigung und Schalk hinter ihrer Brille. Sobald sie meine Hand ergriff, kam sie auf etwas Wichtiges zu sprechen: „Wie wäre es mit einem Mittagessen? Was haben wir da, Schwester?“, fragte Mutter Angelica über ihre Schulter hinweg. Die stets dienstbereite Schwester Antoinette eilte in die Küche, um sich nach dem klösterlichen Speiseplan zu erkundigen.

Später, bei halbgegessenen Keksen und Tee mit Milch sowie einer unter ihrem Kinn eingesteckten Serviette, legte Mutter Angelica ihre sorgfältig zusammengestellten persönlichen Anekdoten beiseite, die sie im Laufe ihrer zwanzigjährigen Fernsehlaufbahn ganz ohne Manuskripte perfektioniert hatte, und fing an, Dinge aus ihrer Vergangenheit zu erzählen, die zuvor noch niemand, auch nicht ihre Mitschwestern aus dem Kloster, gehört hatte. Ob es nun Fügung oder einfach gerade die richtige Zeit war, jedenfalls traf ich Mutter Angelica zu einem Zeitpunkt, an dem sie bereit war, Rückschau auf ihr Leben zu halten. Soeben hatte sie ein lang ersehntes Ziel erreicht, die Fertigstellung eines mehrere Millionen Dollar teuren neuen Klosters. Sie schien wirklich zufrieden zu sein und war schließlich auch bereit, auf all das zurückzublicken, was sie überstanden und erreicht hatte. Da saß sie nun in einem dick gepolsterten Ledersessel, rang mit ihrem Gedächtnis und der Zeit, um die Wahrheit ans Licht zu fördern.

„Spüren Sie einen Zwiespalt in Ihrem Innern – in Ihrer Persönlichkeit?“, fragte ich sie heute. Immer wenn sie einen langen, fast schon gequälten Seufzer ausstieß und ihren Körper im Sessel in eine andere Position verlagerte – wie sie es auch jetzt tat – wusste ich, dass uns ein aufschlussreicher Moment bevorstand. Sie schob ihren Finger unter den steifen weißen Schleier, der ihr Gesicht umgab und rieb an ihrer Schläfe, als ob sie leibhaftig versuchte, die Vergangenheit aus ihrem Gedächtnis herauszuschürfen. Wie oft sollte ich noch hier sitzen und warten, an den Metallblümchen, mit denen das Gitter übersät war, vorbeistarren und gleichzeitig daran denken, wie sehr sie doch Mutter Angelica selbst ähnelten: Sie waren eisern und doch feminin, zurückhaltend und doch offenherzig, im Feuer gehärtet und unverwüstlich. Doch die Antworten sollten schon noch kommen.

„Habe ich Ihnen schon davon erzählt, wie ich einmal ein Messer nach meinem Onkel geworfen habe? Ich möchte, dass Sie mein wahres Ich kennenlernen, denn weder in dem, was ich mache, noch in dem, was ich habe, findet sich mein wirkliches Ich. Es ist eine Frau von der Straße, die erkrankte und der vieles geschenkt wurde.“ Bedächtig präzisierte sie: „Mein wahres Ich ist nicht das, was Sie hier sehen.“

So habe ich fast drei Jahre lang in dem vergitterten Sprechzimmer ihres Klosters verbracht, um die „wirkliche“ Mutter Angelica aufzuspüren. Von 1999 bis Ende 2001 traf sich der „Superstar des religiösen Fernsehens“, wie Mutter Angelica vom TIME-Magazin genannt wurde, die sicher auch zu den mächtigsten und einflussreichsten Menschen in der römisch-katholischen Kirche zählt, einmal wöchentlich zum verabredeten Termin mit mir. Bei diesen Gesprächen sollte die Vergangenheit wieder lebendig und ein prüfender Blick auf ihr Leben geworfen werden.

Für Mutter Angelica waren diese Besuche Tapferkeitsübungen. Es ist schon eine große Sache, einem Neuling die Erlaubnis zu geben, die eigene Lebensgeschichte zu durchstöbern. Er ist von Anfang an im Nachteil und weiß nur, was das geschriebene Wort ihm vermittelt. Als ich die Gesprächsserie begann, kannte ich Mutter Angelica jedoch bereits persönlich, da ich schon seit fünf Jahren bei ihr angestellt war. Ich war ihr nahe gewesen in guten und in schlechten Zeiten, in der Öffentlichkeit, aber auch im privaten Umfeld. Seit zwei Jahren begleitete ich ab und zu ihre beliebte Fernsehsendung Mother Angelica Live und fungierte als Direktor der Nachrichtenabteilung des von ihr gegründeten Senders. In gewisser Weise war sie wie eine Großmutter für mich – eine Großmutter, bei der ich mich ungewöhnlich wohl und mit ihr verwandt fühlte. Unsere gemeinsame italienische Herkunft hat sicher dazu beigetragen. Wir konnten über alles reden und gingen auch gelegentlichen Reibereien nicht aus dem Weg.

„Wir hatten einmal Streit miteinander“, vertraute Mutter Angelica einem Freund in meiner Gegenwart an, „Raymond hat aber keinen Gebrauch davon gemacht“. Trotz mancher Unstimmigkeiten und Meinungsverschiedenheiten standen wir uns doch nahe. Aus meiner besonderen Stellung heraus konnte ich Mutter Angelica sehen, wie sie wirklich war: eine einfache Frau mit tiefer Spiritualität, die sich bemühte, Gottes Willen zu erfüllen und ihre persönlichen Schwächen zu überwinden.

Allmählich erkannte ich jetzt die andere Mutter Angelica, die sich jenseits des Eisengitters hinter dem engelsgleichen Gesicht verbarg. Rita Rizzo, das kränkliche Mädchen, das lediglich einen Abschluss an der High School geschafft, sich ihren Weg aus der Armut herausgekämpft und EWTN (Eternal Word Television Network), den weltweit größten religiösen Fernsehsender, im Alleingang aufgebaut hatte – ihr war es geglückt, während die gesamten Bischöfe der Vereinigten Staaten (und auch etliche Millionäre) daran gescheitert waren. Dies hier war eine moderne Teresa von Avila, ein brennendes Feuer, die freimütig redete, einen tiefgreifenden Glauben und eine absolute Entschlossenheit besaß, um Hindernisse zu überwinden, die die meisten Menschen lahmgelegt hätten. Sie hatte die Diskriminierung als Frau, Bankrott und Übernahmeversuche von Unternehmen und von kirchlicher Seite abgewehrt, um „den Menschen“ eine moralische Wegweisung zu geben. In körperlicher Hinsicht hatte diese leidgeplagte Dienerin einen mystischen Tanz von Schmerzen und göttlicher Vorsehung durchgestanden. Es war ein ungeheuer hoher Preis, der verblüffende und erstaunliche Belohnungen einbrachte. Diese Frau, die Papst Johannes Paul II. einmal als „schwach im Körper, aber stark im Geist“ bezeichnete, hat um des wahren Glaubens willen Kardinäle und Bischöfe öffentlich herausgefordert und in der nachkonziliaren Phase ein traditionelles und allgemein verständliches Bild der Kirche über den Sender verbreitet. So wurde sie zu einem ökumenischen geistigen Leuchtturm für Millionen.

Und doch bleibt sie selbst für ihre unzähligen Bewunderer ein Rätsel. Wie konnte dieses vernachlässigte, zurückgezogene Kind geschiedener Eltern zu einer der meistverehrten und meistgefürchteten Frauen in der katholischen Welt aufsteigen? Wie konnte eine in Klausur lebende Nonne den Äther erobern, obwohl sie keine Erfahrung auf diesem Gebiet hatte? Wie konnten denn Magenbeschwerden, beschädigte Rückenwirbel, ein vergrößertes Herz, chronisches Asthma, Lähmungen und verbogene Gliedmaßen ihre Mission voranbringen? Woher nahm sie die Kraft für ihre wohlbekannten öffentlichen Kämpfe mit der kirchlichen Hierarchie über Glaubenspraxis und Frömmigkeit? Wie konnten ihr Fernsehsender und ihr Orden so wachsen, während andere zusammenbrachen? Und, am wichtigsten, wie wird ihre Botschaft heute in der katholischen Kirche aufgenommen und welche Auswirkungen wird sie auf die Zukunft haben?

Solche bohrenden Fragen sowie meine Kenntnis von Teilen ihrer noch im Verborgenen liegenden Geschichte brachten mich zu der Überzeugung, dass eine vollständige Biografie über Mutter Angelica notwendig und die Zeit dafür reif war. Voll ängstlicher Erwartung näherte ich mich dieser Frau selbst, weil mir vollkommen klar war, dass ihre Beteiligung an diesem Projekt angesichts der ständigen Anforderungen ihres Senders sowie ihrer Verpflichtungen als Leiterin einer religiösen Gemeinschaft vermutlich nur minimal sein würde. Angelicas Reaktion war typisch für sie und kam unverzüglich: „Warum fangen wir nicht einfach an und sehen, was passiert?“ Da sie schon immer in ihrem Leben jede bedeutende Initiative mit Vertrauen auf die göttliche Vorsehung begonnen hatte, ließ sie sich auch auf dieses Vorhaben, das in ihr Innerstes eindringen sollte, mit totalem Einsatz ein.

Wir beschlossen, dass dies keine autorisierte Biografie werden sollte, und dass ich allein für die redaktionelle Bearbeitung und Interpretation verantwortlich sei. Erwartungsgemäß gewährte mir Mutter Angelica komplette journalistische Freiheit. Sie wollte mir mehrere Stunden lang an den Wochenenden oder nach der Direktübertragung ihrer eigenen Sendung für ausführliche Gespräche zur Verfügung stehen, wenn es ihre Zeit erlaubte. Es sollte keine Frage tabu und kein Thema zu heikel sein. Sie unterstützte mich uneingeschränkt bei meinen Nachforschungen, gewährte mir einen ungehinderten Zugang zum Archiv ihrer Gemeinschaft, zu ihrem persönlichen Briefwechsel, zu ihren Freunden, Ärzten und den Schwestern des Klosters Unsere Liebe Frau von den Engeln. Die Chronistin der Klostergemeinschaft, Schwester Mary Antoinette, wurde meine stärkste Verbündete. Sie beantwortete geduldig meine Fragen, gab mir entscheidende Informationen und erduldete meine Anrufe zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Und dann, nur wenige Wochen nach dem letzten Gesprächstermin für diese Biografie und nach der letzten Direktübertragung ihrer Sendung, erlitt Mutter Angelica einen schweren Schlaganfall. Er beraubte sie ihrer Sprache und versiegelte ihr Gedächtnis, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass sie jemals wieder ein Interview wird geben können. Keinesfalls werden Gespräche mit einer solchen Tiefgründigkeit und Intimität möglich sein, wie wir sie in der Vergangenheit geführt hatten. Ohne es zu wissen, hatte ich Mutter Angelicas letztes Testament aufgenommen, das letzte Wort über ihr ungewöhnliches Leben.

Eines Abends, kurz vor der Direktübertragung ihrer Sendung, gab sie mir nur eine einzige Instruktion mit auf den Weg, die mir bis auf den heutigen Tag nachgeht: „Achten Sie darauf, dass Sie mich so darstellen, wie ich wirklich bin. Es gibt nichts Schlimmeres als ein Buch, das die Wahrheit über eine Person mit einem Zuckerguss überzieht und den wirklichen Menschen verdeckt. Wenn Sie das machen, wünsche ich Ihnen vierzig Jahre im Fegefeuer!“

In der Hoffnung, von diesem schändlichen Ende verschont zu bleiben, habe ich ein Buch geschrieben, das Strittiges oder auch die scheinbaren Widersprüche nicht vermeidet, die zu Mutter Angelicas Charakter dazugehören: die kontemplative, in Klausur lebende Nonne, die zur Welt spricht; die eigenständige Frau, die Regeln bricht und die als „sture Konservative“ verspottet wird; die treffsichere Komikerin, die fast ständig unter Schmerzen leidet; die Klarissin, die ein Multi-Millionen-Unternehmen betreibt.

Dies sind die Erinnerungen von Freund und Feind gleichermaßen, von allen, die ich ausfindig machen konnte und die jemals ihren Weg gekreuzt hatten. Kritische Bemerkungen über Mutter Angelica werden hier ebenso ohne Zögern dargestellt wie ihre erstaunlichen Fernsehproduktionen und deren Weiterentwicklung.

Um einem solchen Leben wie dem von Mutter Angelica gerecht zu werden, ist es notwendig, Rückblicke einzublenden. Nur so kann man die Verflechtungen von Schicksal und Gnade erkennen, die dieses höchst ungewöhnliche Leben formten. Wie bei uns allen geschah auch im Leben von Mutter Angelica nichts in einem Moment. Ihre Geschichte zeigt die äußerst schmerzhaften, verworrenen und für den Außenstehenden verrückten Schritte, die schließlich zu einem glücklichen Ende führten. Der innere Antrieb zu ihrer Lebensgeschichte liegt jedoch im Kämpfen – ein Kämpfen, das zum größten Teil verborgen blieb oder im Laufe der Zeit untergegangen ist.

Während der vergangenen fünf Jahre bin ich ihrem geistlichen und weltlichen Leben von Canton in Ohio bis nach Hanceville in Alabama nachgegangen. Dabei habe ich Menschen und Geschichten zutage gefördert, die Mutter Angelica schon längst vergessen hatte. Ich wog ihre Stärken und ihre Schwächen ab und entdeckte einen Glauben, der heutzutage selten geworden ist. Ich glaube, dass dieses Mosaik das vollständigste Bild von Mutter Angelica abzeichnet – sowohl von innen als auch von außen.

Im April 2001 begann Mutter Angelica, sich nach einem besonders strapaziösen Gesprächstermin sanft in die Ruhe ihres Klosters zurückzuziehen. Damals drehte sie sich auf der Türschwelle wie ein kokettes junges Mädchen noch herum und schlug mit einer Hand auf den runden Türrahmen. „Sie wissen jetzt genauso viel über mich wie der liebe Gott“, sagte sie mit einem spitzbübischen Lächeln. „Aber es gibt noch einige Dinge, die sogar Sie nie erfahren werden.“

„Sie haben aber nichts dagegen, wenn ich weiterhin versuche, sie herauszufinden?“, fragte ich.

Sie kicherte fröhlich und verschwand im Flur.

Hier folgen nun ihre freimütigen Erinnerungen, das Ergebnis meiner Nachforschungen und noch einige Dinge, von denen weder Mutter Angelica noch ich annahmen, sie jemals ans Tageslicht zu bringen.

Raymond Arroyo New Orleans, 2005

Prolog

Im Jahre 2001 ließ sich die zusammengekrümmte Äbtissin am Morgen des Heiligen Abends in dem bereitstehenden Rollstuhl nieder und versuchte, ihre Töchter zu beruhigen. Schon seit Wochen hatten die Schwestern jede einzelne ihrer Bewegungen gespannt verfolgt und immer gehofft, ihre Wachsamkeit könnte die nächste Erkrankung oder einen Rückschlag irgendwie abwehren oder aufschieben. Angefangen von den Blicken der Verzweiflung, die sich die Nonnen gegenseitig zuwarfen, bis hin zu der Fürsorge, die sie ihr zuwandten, wenn sie stolperte oder auch nur zögerte: In all dem konnte sie die Sorge der Schwestern spüren. „Heute kommt Jesus“, verkündete sie an diesem Morgen mit ruhiger und entschiedener Stimme. Sie deutete auf den Gang und wies die Schwester an, sie aus der Zelle zu schieben. „Ich werde in die Kirche gehen, um dort auf Ihn zu warten.“

Lange musste sie dort nicht warten.

Als sie an den verschlossenen Türen des langen Klosterganges vorbeifuhr, in dem man nur das Rascheln der Ordenstrachten der Schwestern vernahm, sah die alte Nonne aus, als ob sie gerade von einem Fronteinsatz aus einer ausgedehnten Schlacht heimgekehrt wäre. Und vielleicht war es ja auch so. Öffentlich ausgetragene Kämpfe mit einem Kardinal und ihrem Ortsbischof, eine Überprüfung vonseiten des Vatikans, der Tod einer neunundvierzigjährigen Freundin aus dem Kloster sowie anhaltende gesundheitliche Probleme hatten Ende 2001 ihren Tribut von Mutter Mary Angelica gefordert. Selbst die Millionen Menschen, die sie jede Woche mit dem Fernsehen in ihre Wohnungen einluden, hätten sie nicht mehr erkannt. Eine Schlinge hielt Mutter Angelicas zerschmetterten rechten Arm. Sie war einige Tage zuvor gestürzt. Eine Augenklappe bedeckte ihr herunterhängendes linkes Auge, das sie seit einem Schlaganfall im vergangenen September nicht mehr schließen konnte. Und ihr Mund, der einmal selbst Bischöfe erbeben ließ und der den Verirrten auf den sieben Kontinenten das Heil brachte, hing traurig herab und entstellte das einst so vergnügte Antlitz. Angelica war nunmehr zu einer lebendig gewordenen Ikone des „heilbringenden Leidens“ geworden, von dem sie ihren Schwestern so oft gepredigt hatte.

Eine der jungen Schwestern, die schon ihre Gelübde abgelegt hatte, schob Mutters Rollstuhl in der Klosterkapelle vorsichtig über den polierten Fußboden aus grünem Marmor und Jaspis. Der vertraute Duft von honigsüßem Weihrauch umfing sie jetzt. Von den bunt verglasten Kirchenfenstern der Kirche schauten die dort abgebildeten Engel auf sie herab und entboten ihren Gruß, als die Sonne von der Ostseite hereinstrahlte. Die Äbtissin war in die sich ständig verändernden Farben dieser Engel getaucht, und so rollte sie ihrem Bräutigam entgegen. An diesem Morgen war sie zu schwach gewesen, um ihre Ordenstracht anzulegen. Deshalb erschien sie pflichtbewusst in einem cremefarbenen Gewand und einer passenden Skimütze, um Ihm zu huldigen. Sie trug die Zeichen, die Er zugelassen hatte.

Trotz ihrer körperlichen Verfassung war keine Bitterkeit bei ihr zu erkennen, als sie sich der fast zweieinhalb Meter hohen Monstranz näherte, in der die konsekrierte Hostie ausgestellt war. Dort war ihr Herr und Erlöser, der hoch über dem Zentrum der Kirche thronte, die sie für mehrere Millionen Dollar für Ihn hatte erbauen lassen. Für ihren Herrn war nichts zu viel. Die jetzigen Wunden waren lediglich neue Opfergaben, die sie Ihm darbrachte. Lange hatten sie miteinander unter Schmerzen kommuniziert, sie und ihr Bräutigam. Sie spürte, wie Er sie berührte, und ließ es zu. Sie hatte ja gelernt, dass sich im Schmerz – durch den Schmerz – Wunder ereigneten, wenn sie es nur fertigbrachte, Ihm vollkommen zu vertrauen und sich den Fügungen Seiner Vorsehung zu unterwerfen.

Nach der Messe und dem Rosenkranzgebet verließen die Schwestern nach und nach die Kirche. Einsam bewegte sie schwach ihren Kopf nach oben, richtete ihr gesundes Auge auf Christus im Allerheiligsten Altarsakrament, wie sie es schon siebenundfünfzig Jahre lang in ihrem Ordensleben getan hatte. Dann kam Er ganz zu ihr.

Ihr Kopf kippte plötzlich zur Seite, als wäre er aus Beton gegossen. Erschöpft und verwirrt wanderten Angelicas Augen zur Decke.

„Mutter Angelica, ist alles in Ordnung?“, fragte Schwester Faustina. „Mutter Angelica?“

Mutter Angelica antwortete nicht. Schwester Faustina fragte sich, warum sie einen solch verstörten Gesichtsausdruck hatte. War ihr Blutzucker abgefallen? Spielte ihr Diabetes verrückt? Warum konnte sie nicht mehr klar schauen? Die Schwestern standen um sie herum, riefen ihren Namen und versuchten, irgendeine Reaktion zu erhalten. Ein großes Glas Orangensaft wurde herbeigebracht, um ihren Blutzucker zu stabilisieren. Sie trank es ganz aus. Aber es half nicht. Die Nonnen brachten Mutter Angelica eilig in ihre Zelle zurück, um ihre lebenswichtigen Funktionen zu überprüfen.

Auf dem Gang trafen sie, noch im Nachtgewand, Schwester Margaret Mary. Sie war zeitweise Mutter Angelicas Krankenpflegerin, da sie für die Ausgabe der Medikamente verantwortlich war und der Neunundsiebzigjährigen mit allgemeinen gesundheitlichen Ratschlägen beistand. Als sie die verwirrte Äbtissin erblickte, brachte sie ihre schlimmsten Befürchtungen zum Ausdruck: „Sie hatte einen Schlaganfall“, sagte Margaret Mary wie benommen.

Zurück in ihrer Zelle, hatte Mutter zwar einen ganz normalen Blutdruck, sie schafften es jedoch nicht, sie durch eine Sauerstoffmaske wiederzubeleben. Schwester Mary Catherine, Mutters Stellvertreterin und damit die Zweite in der Rangfolge hinter Mutter Angelica, entschied, sie in das nahe Cullman-Bezirkskrankenhaus bringen zu lassen. Die einstündige Fahrt nach Birmingham wäre zu lang gewesen. Man lud die Äbtissin in einen Krankenwagen und fuhr schnell zum Krankenhaus.

Außer dem andauernden Nach-Luft-Schnappen und dem unkontrollierten Augenrollen war sie völlig teilnahmslos.

Im Krankenhaus wurden eine ganze Reihe von Tests vorgenommen, während die Schwestern beteten. Endlich betrat Dr. L. James Hoover mit verlegenem Ausdruck den Warteraum. Er trug einen festlich aussehenden roten Pullover, der bei diesem Anlass fast lächerlich wirkte. Mit den Händen in seinen Hosentaschen wirkte er irgendwie hoffnungslos.

„Wir können nichts für sie tun“, sagte Hoover gedehnt, als wollte er sich entschuldigen. „Sie hatte einen Schlaganfall und eine Gehirnblutung.“

„Und was wird jetzt geschehen?“, fragte Schwester Margaret Mary.

Der Arzt wich dem Blick der Nonne aus. „Sie wird einfach hinüberdämmern. Einer von hundert Patienten sind Kandidaten für eine Operation, doch in ihrem Alter und Zustand…“

Die Nonnen begriffen sofort, welche schreckliche Entscheidung sie treffen mussten, entweder nichts zu tun und mit anschauen zu müssen, wie ihre Oberin ihnen entglitt, oder die Fahrt nach Birmingham zu riskieren, um dort eine gefährliche Hirnoperation durchführen zu lassen, die sie womöglich nicht überleben würde. Während die schwerwiegende Entscheidung getroffen wurde, lag die Frau, die das weltweit größte religiöse Medienimperium aufgebaut hatte, im Koma in der Notaufnahme des Krankenhauses. In der Vergangenheit war sie schon so oft durch viele Wunder gerettet worden. Jetzt stand sie selbst an der Schwelle zur Ewigkeit, zu der sie anderen seit Langem den Weg gewiesen hatte.

Irgendwo in den Tiefen ihres angeschlagenen Bewusstseins fasste Mutter Angelica wohl unbewusst den Entschluss, den Kampf aufzunehmen. Wie schon immer wollte sie sich jetzt in der Verzweiflung in die Hände Gottes fallen lassen. Für Mutter Angelica gab es keinen anderen Weg.

1. Kapitel
Ein unglückliches Leben

Mutter Angelica kam unbeachtet und sogar unerwünscht zur Welt, zumindest was ihren Vater betraf. Geboren wurde sie am 20. April 1923 als Rita Antoinette Rizzo in der bescheidenen Stadt Canton in Ohio.

Wenn man davon absieht, dass Präsident William McKinley in Canton gewohnt hatte und auch dort begraben wurde, handelte es sich um eine unbekannte Industrieansiedlung, etwa eine Stunde von Cleveland entfernt. Am Horizont sah man überall dicke braune Rauchschwaden aus den Fabrikschornsteinen hervorquellen, ein Zeichen für die von dieser kleinen Stadt ausgehende Produktivität. Die Stärke Cantons war der Stahl, der Werkstoff des neuen Jahrhunderts, der als Magnet Tausende Einwanderer anzog. Aus Cantons Fabriken und seinen Förderbändern stammten Kugellager, Straßenbahnwagen, Ziegelsteine, Telefone und Rohre, mit denen sich das Land weiterentwickelte und seine großartigste Epoche erreichen sollte.

Doch neben der Industrieansiedlung sticht Canton auch heute noch durch seine grüne Weidelandschaft mit leicht gewellten Hügeln in der Mitte Amerikas hervor. Hier konnte man Kinder aufwachsen lassen ohne das Chaos und die Enge des Stadtlebens. Das traf allerdings nur zu, wenn man nicht gerade im südöstlichen Teil der Stadt wohnte, dort, wo Rita Rizzo geboren wurde.

Im Jahre 1923 war der Südosten von Canton als Rotlichtbezirk bekannt oder auch als „Slumgebiet“, wie manche diesen Teil nannten. Für die Schwarzen und die zahlreichen italienischen Einwanderer, die in den Fabriken arbeiteten, war der Südosten die Heimat. Die Italiener waren an das Viertel durch eine Kombination von Analphabetentum und regelmäßigen Schutzgeldzahlungen gebunden, die von ihren unberechenbaren Landsleuten eingefordert wurden. Es war ein Ghetto, das von der „Schwarzen Hand“ beherrscht wurde, einer kriminellen Organisation, deren Ursprünge in Sizilien lagen. Und obwohl die Bandenmitglieder Revolver mit schwarzen Griffen trugen, während sie im Viertel ihren Geschäften nachgingen, stammte die Bezeichnung „Schwarze Hand“ doch noch aus ihrer alten Heimat. In dieser Zeit nahm die Bandenkriminalität ungeheuer zu. Es gab eine durchgehende Kette organisierter Korruption von Cleveland über Canton und weiter nach Steubenville. In Canton war die Cherry Street das Zentrum, wo kriminelle Banden und Prostituierte sich um die gleichen Seelen bemühten wie die katholische Pfarrei St. Antonius.

Bandenmorde kamen im Südosten von Canton häufig vor. Leute, die früher einmal in der Gegend gewohnt haben, berichten heute noch von Menschen aus ihrer Nachbarschaft, die auf ihrer Veranda in die Luft gesprengt, an Straßenecken erschossen oder in das Flusswasser geworfen wurden. Auch heute noch reden einige der Dorfbewohner, die ja nun mittlerweile weit über achtzig sind, mit gesenkter Stimme über die „Schwarze Hand“, und sie lehnen aus Angst vor Repressalien jede Veröffentlichung ihrer Namen ab.

Dieses ethnische Ghetto – in dem Dirnen an die Fensterscheiben ihrer Bordelle klopften, um ihre Freier anzulocken; in dem Ladenbesitzer in der gleichen Straße zusammen mit Auftragskillern lebten; in dem die Priester der Pfarrei versuchten, kleine Gauner zu einem besseren Leben anzuleiten; in dem sich das Profane mit dem Sakralen vermischte, und jeder sich anstrengte, irgendwie über die Runden zu kommen – dies nun war die Umgebung, die auf Rita Rizzo bei ihrer Ankunft im Jahre 1923 wartete.

Sie kam im Haus von Mary und Anthony Gianfrancesco, ihren Großeltern mütterlicherseits, auf die Welt. Diese wohnten einen Häuserblock entfernt von der berüchtigten Cherry Street. Das Haus in der Liberty Street mit der Hausnummer 1029 grenzte auf der einen Seite an ein offenes Feld mit gepflegten Weinreben. Auf der anderen Seite des Hauses, an der Kreuzung der Liberty Street und der Eleventh Street, befand sich das Lokal von Großvater Gianfrancesco, ein beliebter Treffpunkt für die neu ankommenden Einwanderer und ihre amerikanische Verwandtschaft, die sich dort trafen und etwas tranken oder zu Mittag aßen.

Für ihre Mutter Mae war die Geburt der kleinen Rita eine schmerzvolle Angelegenheit. Es waren mehrere Stunden sowie anschließend fünfzehn Stiche vonnöten, um das fast zwölf Pfund schwere Kind zur Welt zu bringen. Mae Gianfrancesco Rizzo wurde nicht müde, dies ihrer einzigen Tochter immer wieder zu erzählen.

„Meine Großmutter sagte, ich hätte rosige Wangen, einen vollen Haarschopf und die Größe eines sechs Monate alten Kindes gehabt. Es hätte ausgesehen, als ob ich zum Gehen bereit gewesen wäre“, erinnerte sich Mutter Angelica Jahrzehnte später kichernd.

John Rizzo, Ritas Vater, wollte nie ein Kind. Als ihm seine Frau nach zwei Jahren Ehe mitteilte, dass sie schwanger war, „tobte er so vor Wut, dass er sie mit Gewalt packte und an den Haaren zerrte“. Mae Rizzo war überzeugt, dass sie aufgrund dieses Zwischenfalls und der nachfolgenden Angstzustände das Kind nicht stillen konnte.

Als Mae John zum ersten Mal begegnete, schien er der ideale Mann für sie zu sein. Er war groß und schlank, anständig und ruhig im Verhalten, tadellos gekleidet und trug Gamaschen und einen Spazierstock. In einem Ghetto, in dem es von einfachen Arbeitern und Ganoven nur so wimmelte, war John Rizzo die Verwirklichung eines Wunschtraumes. Von Beruf war er Schneider. Er hörte Mae singen, als er einmal die Eleventh Street hinunterschlenderte, und kam so zum ersten Mal an die Küchentür der Gianfrancescos.

Mae sang oft beim Geschirrspülen die italienischen Opernarien mit, die vom Grammofon ihres Vaters aus dem Wohnzimmer erklangen. Seit ihrer Geburt war sie stets von Musik umgeben gewesen. Musik gehörte zu ihrem Leben genauso wie Papas Lokal oder der gusseiserne Herd in der Küche. Mae wollte gerne Sängerin werden und hatte sicher auch das Aussehen dafür. Sie war eine aparte Frau mit dunklen Augen, markanten Gesichtszügen und mit einem ernsten Ausdruck, der die Blicke der Männer in der Nachbarschaft auf sich zog. Familienfotos zeigen eine junge Frau, die sich ihres guten Aussehens bewusst war und die auch wusste, welche Mode zu ihr passte. Übergroße Hüte, bauschige Kleider, Handschuhe und Sonnenschirme schmückten Maes hübsche Figur. Ihre Schönheit nahm John gefangen.

Doch trotz all ihrer Reize war Mae sogar schon als junge Frau davon überzeugt, dass sie vom Leben betrogen worden war. Sie führte ihre Schwierigkeiten auf die fünfte Klasse zurück, als ein männlicher Klassenkamerad sie während einer Brandschutzübung an der Hand nahm. Ob Mae dies als eine Aufdringlichkeit empfand oder einfach nur schlecht gelaunt war, ist nicht bekannt. Jedenfalls riss sie eine Latte aus einem nahe gelegenen Zaun und schlug damit dem Jungen auf den Kopf. Vermutlich haben sich die Lehrer bei der Mutter darüber beschwert. Ihre Mutter, die Konflikten immer aus dem Weg gegangen war, entschied nun, dass Maes Schulbildung jetzt ausreichte. Sie wurde von der Schule genommen und kehrte nie mehr dorthin zurück. Dieses Gefühl, nicht genug gelernt zu haben oder nicht intelligent genug zu sein, hatte tiefe Narben bei Mae Gianfrancesco hinterlassen – Narben, die sich auch später noch bemerkbar machten und letztlich auch ihre Tochter belasteten.

Als John Rizzo an der Küchentür vorbeischlenderte und Komplimente über Maes Stimme machte, muss sie wohl gedacht haben, dass ihr Gebet erhört worden war. Jetzt war nun endlich die Gelegenheit in greifbare Nähe gerückt, diesem beengten und stürmischen Haushalt mit lauter Brüdern zu entkommen, eine Möglichkeit, ganz von vorne zu beginnen und vielleicht sogar eine Ausbildung zu machen. Mit zweiundzwanzig Jahren ergriff Mae ihre Chance zum Glücklichwerden und heiratete John Rizzo am 8. September 1919 gegen die Einwände ihrer Eltern, „die ihn noch nie gemocht hatten“.

Vier Jahre später, am 12. September 1923, trugen die Eheleute ihre fünf Monate alte Tochter zum Taufbecken der St. Antonius-Kirche in der Liberty Street. Es war damals Brauch, Säuglinge innerhalb weniger Tage nach der Geburt taufen zu lassen, doch ein paar säumige Taufpaten hatten diese Verzögerung verursacht. Als die Rizzos dann schließlich mit dem kräftigen Kind an das Taufbecken herantraten, das schon so viel älter als fünf Monate zu sein schien, wandte sich der erstaunte Priester an Mae und fragte: „Weshalb haben Sie nicht gewartet, bis sie von selbst hierher laufen konnte?“

Rita wurde von ihrer Mutter sofort nach der Taufe zu einem Seitenaltar getragen, der der Schmerzensreichen Mutter gewidmet war. Sicher fühlte sie sich von dieser Darstellung Mariens ganz besonders angezogen. Auf diesen Altar der Madonna, deren Herz von Schwertern des Leidens durchbohrt war, legte Mae ihr eigenes Kind. „Sie erzählte mir, sie habe zu Maria gesagt: ‚Ich gebe dir meine Tochter‘“, erinnerte sich Mutter Angelica später etwas wehmütig. „Ich bin mir sicher, sie dachte, sie würde noch weitere Kinder bekommen, aber sie bekam keine mehr.“

Das war auch kein Wunder. Die Ehe der Rizzos war bereits am Zerbrechen. Johns Unfähigkeit, die Familie finanziell zu unterhalten, trug maßgeblich dazu bei.

„Mein Vater hatte nie genügend verdient“, meinte Mutter Angelica. „Meine Mutter bestand darauf, endlich ein Haus zu mieten… Eines Nachts lag ich in meinem Gitterbett und fing an zu weinen, zu schreien und zu brüllen. Mae stand schließlich auf, um nach mir zu sehen. Und dann waren dort überall Kakerlaken, in meinem Bett, auf mir selbst und auch an den Wänden. Die Tapete bewegte sich, auch sie war voll von Kakerlaken.“ Nach einigen bissigen Kommentaren John gegenüber, in denen sie zweifellos ihre Wut über sein Versagen als Ernährer der Familie ausließ, packte Mae ihre kleine Tochter und verbrachte mit ihr die Nacht im Haus ihrer Eltern. Dies sollte in ihrer Ehe zum Normalfall werden.

Zudem wurde die Beziehung auch durch die Mutter von John Rizzo untergraben. Catherine war eine herrische Schwiegermutter. Um das Jahr 1926 konnte Catherine Rizzo keine Wohnung finden. Dabei hatte sie elf Kinder, eines davon war John. Daher wurde beschlossen, dass sie auf Maes Drängen hin bei der jungen Familie Rizzo in Canton einzog.

„Sie besaß einfach nicht genügend Weitsicht, um sich vorstellen zu können, dass etwas nicht stimmen konnte, wenn elf Kinder nichts mit ihrer Mutter zu tun haben wollten“, bemerkte Mutter Angelica mit einem bitteren Lächeln. „So nahm meine Mutter sie also auf, und damit fing der Ärger an.“

Tatsächlich gingen die Schwierigkeiten vermutlich schon sehr viel früher los. John hatte, Gerichtsunterlagen zufolge, Mae seit Jahren mit Wort und Tat misshandelt. Deshalb hatte wahrscheinlich nicht Catherine Rizzo die Ehe zerstört, jedoch war sie sicherlich der Auslöser für viele Ehestreitigkeiten.

Die beherzte Mae traf in der Großmutter Rizzo auf eine Persönlichkeit, die ihr ebenbürtig war. Sie war eine stattliche Frau mit einem entsprechenden Mundwerk. Sie duldete keine Dummköpfe, vor allem nicht in der Küche. Die gastronomischen Ansprüche von Großmutter Rizzo waren hoch. Maes Kochkünste und auch alles andere, was die junge Frau tat, entsprachen jedoch nicht den Erwartungen von Großmutter Rizzo. Sie waren auch nicht gut genug für Catherines Sohn. Die regelmäßigen Nörgeleien wurden für eine ohnehin schon verunsicherte Person wie Mae einfach zu viel.

Eines Nachmittags hatte Mae gerade ein Hähnchen mitsamt den Knochen in den Ofen geschoben, was Großmutter Rizzo nun ganz besonders auf die Palme brachte, denn sie selbst war stolz darauf, Geflügel innerhalb von Minuten entbeinen zu können. Noch ehe die Klappe zum Backofen geschlossen war, fiel die alte Dame über Mae her und beschimpfte sie wegen ihrer Unfähigkeit in der Küche. Die dreijährige Rita klammerte sich an ihre Mutter. Nachdem das Kind mehrere Minuten lang angespannt zugehört hatte, trat es zwischen seine Mutter und Großmutter Rizzo.

„Ich sagte zu meiner Großmutter: ‚Oh, sei still! Immer nur reden, reden, reden!‘ Da hob mich meine Mutter hoch und gab mir hundert Küsse, weil ich sie verteidigt hatte“, erinnerte sich Mutter Angelica. „Mein Vater hätte sie ja nie verteidigt!“

Dies sollte das erste, jedoch nicht das letzte Mal sein, dass Rita ihre Stimme erhob, um fast instinktiv ihre Mutter zu verteidigen. Auch die ersten Anzeichen der in den späteren Jahren für sie charakteristischen Fähigkeit, energisch aufzutreten, machten sich hier bemerkbar. Ihr Eingreifen trug jedoch nur wenig zur Abmilderung der Schärfe im Verhältnis zwischen Mae und ihrer Schwiegermutter bei.

Nach den Worten von Mutter Angelica rannte Mae irgendwann zwischen 1927 und 1928 wie besessen die Treppen ihres Hauses hinauf, um ein Gewehr zu suchen, mit dem sie die alte Frau erschießen wollte. „Wenn die Mutter meines Vaters daheim gewesen wäre, hätte sie es auch getan. Zum Glück war sie aber schon nach Reading in Pennsylvania abgereist, um dort bei ihrer Tochter zu wohnen…“

Ab November 1928 lebte auch John Rizzo anderswo. Er zog nach Kalifornien und ließ zwei Jahre lang nichts von sich hören. Er gab weder einen Grund für seine Abreise an, noch hinterließ er irgendeine Adresse. Ohne Geld und ohne eine Arbeit musste Mae den Rest der Familie versorgen. Wie Flüchtlinge kehrten sie und die fünfjährige Rita in das Haus ihrer Eltern zurück. Dort hieß man sie nicht gerade willkommen. Das Haus der Gianfrancescos war bereits voll belegt. Maes vier Brüder (Tony, Pete, Frank und Nick) und die alten Gianfrancescos bewohnten die beiden Schlafzimmer. Deshalb waren Rita und Mae gezwungen, in einer renovierten Dachkammer zu schlafen. In den letzten Jahren erzählte Mutter Angelica oftmals über den ersten Winter in diesem Haus. Als sie und ihre Mutter in der Dachkammer schliefen, riss ein Sturm die Fenster auf und bedeckte sie mit Schnee. Doch angesichts der damaligen finanziellen Möglichkeiten und des Großmutes der Gianfrancescos erscheint es doch seltsam, dass sie ihre eigene Tochter und Enkelin solch widrigen Umständen ausgesetzt hatten…

Anthony Gianfrancesco war trotz der Armut, die ihn umgab, alles andere als arm. Er besaß drei Häuser in der Nachbarschaft, die er äußerst günstig an Familien sowie an frisch ankommende italienische Einwanderer vermietete. Anthony stammte aus Neapel, wanderte von dort aus und ließ sich zunächst in Colorado nieder, wo er in einer Goldmine arbeitete, bevor er nach Akron in Ohio umzog. Dort begegnete er Mary Votolato und heiratete sie. Konflikte mit seiner Schwiegermutter trieben ihn dazu, nach Canton umzusiedeln. Dort eröffnete er ein Geschäft.

Das Lokal, das Anthony Gianfrancescos Namen trug, wurde zu einem sicheren Hafen für ausländische Familien, die mit dem Schiff in einem fremden neuen Land ankamen. Im Südosten Cantons wurde Gianfrancescos Lokal zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Italiener: Dort konnte man die Muttersprache sprechen, untereinander in Kontakt kommen, sich unter seinesgleichen aufhalten und sich gegenseitig von den Demütigungen erzählen, die man bisweilen durch die Amerikaner erdulden musste. Mutter Angelica erinnerte sich daran, wie ihr Großvater die italienischen Neuankömmlinge mit Kleidung versorgte und ihnen bei der Arbeitssuche behilflich war. Großmutter Gianfrancesco gab den Einwandererfamilien oft in einem Zimmer oberhalb des Lokals etwas zu essen. Dort trafen sich auch manchmal die italienischen Clubs. Es war ein Familienlokal, in dem es verboten war, sich zu betrinken. Wenn die Rechnung zu hoch wurde oder die Stunde vorgerückt war, schickten die Gianfrancescos ihre Gäste nach Hause.

Wahrscheinlich wurde im Lokal der Gianfrancescos auch noch Schnaps oder Bier serviert, als dies durch das staatliche Alkoholverbot nicht mehr erlaubt war, das in Canton ab dem 16. Januar 1920 Gültigkeit hatte und erst im Februar 1933 wieder aufgehoben wurde. Noch lebhaft erinnerte sich Mutter Angelica an ein Ereignis, das sich entweder 1929 oder 1930 abspielte.

„Ich konnte nicht älter als vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, und mein Großvater wollte mich nicht im Lokal haben. Er gab mir einen kleinen Krug mit Bier. Er gab mir außerdem vier oder fünf Brezeln und sagte zu mir: ‚Geh hinaus und setz dich auf den Bordstein und lass es dir schmecken!‘ Ich ging also hinaus, setzte mich auf den Bordstein, trank dieses Bier und aß dazu die Brezeln, als plötzlich die Musikkapelle der Heilsarmee auftauchte. Sie stellten sich also vor mich hin und fingen an, alle möglichen Psalmen aufzusagen und für mein Seelenheil zu beten. Sie müssen total schockiert gewesen sein, als sie sahen, wie dieses kleine Kind Bier trank. Ich erinnere mich noch daran, wie ich meinen Großvater anbrüllte: ‚Da draußen ist eine Musikkapelle!‘“

Das kleine Mädchen mit der Pagenkopf-Frisur hatte jedenfalls die beste Gelegenheit, das Leben in seiner ungeschminkten Form aus nächster Nähe zu kennenzulernen. An der Kreuzung zwischen der Liberty Street und Eleventh Street beobachtete sie die Menschen und den Lauf der Welt, wobei wohl nicht alle so harmlos waren wie die vorbeimarschierende Heilsarmee. Bei ihren Bordsteinausflügen unterhielt sie sich mit Prostituierten, Bandenmitgliedern, mit Männern, die aus den Fabriken heimkehrten, mit Mamooch – einer Italienerin, die betend auf den Straßen umherstreunte – und mit den Schwarzen, die auch in ihrem Viertel wohnten. Dieses sich ständig drehende Karussell vieler verschiedener Menschen flößte dem Kind ein Mitgefühl für Fremde ein und brachte ihm bei, wie man leicht Kontakt zu Menschen verschiedenster Herkunft knüpft. In diesem Laboratorium des Lebens nahm die kleine Rita das Elend der Welt und den verborgenen Humor auf, wie es nur wenigen möglich ist.

Etwa zu dieser Zeit eröffnete Mae Rizzo eine chemische Reinigung neben dem Lokal ihres Vaters, nachdem sie zuvor eine kurze Ausbildung bei einem Schneider und in einer Reinigung gemacht hatte. Es sollte die erste von vielen Bemühungen sein, mit einem Geschäft ohne Unterstützung ihrer Familie für Ritas Unterhalt zu sorgen. Wenn sie schon unter dem Dach ihrer Eltern leben musste, dann war sie auch entschlossen, ihnen zu zeigen, dass sie ihre Tochter auch ernähren konnte, und zwar allein.

Auch in Glaubensdingen bewies Mae denselben Hang zur Eigenständigkeit. Obwohl die Gianfrancescos keine Kirchgänger waren, fing Mae an, die St. Antonius-Kirche regelmäßig zu besuchen. Die Kirche und ihr Seelsorger, Pfarrer Joseph Riccardi, vermittelten der verlassenen Frau ein Gefühl des Trostes und des Friedens. Ehrenamtlich organisierte sie italienische Festlichkeiten für die Pfarrei. Eine dieser Veranstaltungen sollte den Rahmen für Rita Rizzos ersten öffentlichen Auftritt bilden. Einige Jahre, nachdem Al Jolsons Film „Der Jazzsänger“ das Land 1927 im Sturm nahm, imitierte Rita ihn auf der Bühne. Die Sechsjährige trug einen Knabenanzug und spazierte in den überfüllten Gemeindesaal, um „Danny Boy“ zu singen.

„Die Bühne machte auf mich einen gigantischen Eindruck… Meine Mutter war wie zu Stein erstarrt, aber sie sagte: ‚Schau, ich werde dort im Publikum sitzen, sodass du deine Augen direkt auf mich richten kannst, und dann wird schon alles gut gehen! Du singst einfach dein Lied, in Ordnung?‘ Ich sagte: ‚In Ordnung.‘ Und ganz plötzlich schob mich mein Onkel hinaus, die großen Vorhänge hoben sich, und ich stand da. Ich begann also, mein Lied zu singen. Und genau an der Stelle, an der Al Jolson in dem Lied weinte, weil Danny Boy starb, konnte ich meine Mutter nicht finden. Jemand musste sich vor sie hingestellt haben. So fing ich an, erbärmlich zu weinen. Ich sang weiter, aber ich weinte dabei wie ein Baby und wurde selbst zu ‚Oh Danny Boy!‘ Bald weinte das ganze Publikum. Dann sah ich plötzlich meine Mutter, und ich war wieder ganz glücklich und sang weiter. Es war einfach perfekt! Mein Onkel Nick wurde fast verrückt. Er hob mich hoch und warf mich in die Luft, während die Leute johlten und klatschten.

So hatte Rita schon in ihrem zarten Alter nicht unbedingt für ihre Darbietungskünste Beifall bekommen, sondern vielmehr für ihre Fähigkeit, in der Öffentlichkeit aufrichtige Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Die Zuschauer fühlten sich tief verbunden mit den Gefühlskundgebungen dieses Kindes und reagierten darauf mit Zuneigung. Doch diese momentane Freude sollte nicht lange andauern.

In den späten Zwanzigerjahren löste die Bande der „Black Hand“ erneut eine Welle des Schreckens und der Gewalt in Canton aus. Ihr böses Treiben blieb von der Stadtpolizei weitgehend unbeachtet, da diese selbst an den Verbrechen beteiligt war. Bei einem der berühmtesten Mordfälle in dieser Zeit wurde Don Mellett in seiner Garage niedergeschossen. Er war der mutige Herausgeber der Tageszeitung Canton Daily News, in der er eine Artikelserie veröffentlicht hatte, in der Schwarzbrennerei und Prostitutionsringe in der Stadt angeprangert wurden. Der Polizeichef von Canton, Saranus Lengel, ein Kriminalbeamter und noch andere Personen wurden später wegen dieses Mordes verurteilt.

Da Rita, Mae und viele ihrer Nachbarn kein Vertrauen zu den Gesetzeshütern hatten, wandten sie sich lieber an die einzige stabile Institution, die ihnen zur Verfügung stand, die katholische Kirche. Sie war relativ stark in Canton und eine wirksame Kraftquelle im Leben der Gemeindemitglieder.

Bei einer von Mutter Angelica, ihrer Mutter und einigen Einheimischen berichteten Begebenheit entdeckte Pfarrer Joseph Riccardi, dass die Gangster schwarzgebrannten Schnaps an einem über jeden Verdacht erhabenen Ort vergraben hatten: auf dem Pausenhof der St. Antonius-Schule. Dieser Platz sollte einen doppelten Zweck erfüllen: Zum einen diente er den Gangstern als hervorragende Tarnung für ihren schwarzgebrannten Schnaps, zum anderen ergab sich hier eine Möglichkeit, den geradlinigen Priester zu beschämen. Doch Pfarrer Riccardi verteidigte sein Gelände, ließ auf dem Schulhof trotz Morddrohungen Scheinwerfer anbringen und benachrichtigte die städtischen Behörden. Es wäre wohl besser gewesen, wenn jemand dem zweiunddreißigjährigen Priester mitgeteilt hätte, dass die Behörden auf der Gehaltsliste der Mafia standen.

Schließlich war es jedoch die Ankündigung von Pfarrer Riccardi, dass die St. Antonius-Kirche aus dem Zentrum des Mafia-Gebietes in die relativ ruhigere Eleventh Street im Südosten der Stadt verlagert würde, die nun tatsächlich den Zorn der „Schwarzen Hand“ hervorrief. Die Umgebung der Kirche hatte immerhin als Wohngebiet und als „Geschäftsbereich“ der Gangster gedient und diesen einen gewissen Anschein von Ehrbarkeit verliehen. Außerdem war sie sicher auch ein durchaus brauchbarer Treffpunkt, um Geschäfte einigermaßen unbelästigt abzuwickeln. Was immer auch ihr Motiv gewesen sein mag, die Mafia war fest entschlossen, die Umsiedlung zu verhindern. Die neue Kirche sollte lieber in der Liberty Street gebaut werden, und zwar an der Stelle, an der das alte Gotteshaus stand. Unter Druck reichten Pfarrangehörige einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung bei Gericht ein, durch die ein Baustopp erreicht wurde, der die Bauarbeiten an der Eleventh Street für eine gewisse Zeit aufhielt.

Schließlich setzte sich Riccardi durch, und die neue St. Antonius-Kirche erhob sich in einem besseren Viertel im Südosten von Canton. Bischof Schrembs, der Ordinarius von Cleveland, lobte den jungen Priester in den höchsten Tönen: „Pfarrer Riccardi kämpfte für den Aufbau einer anständigen und sauberen italienischen Siedlung, die frei vom Einfluss von Spielhöllen, Schwarzbrennereien und von anrüchigen Etablissements sein sollte, von denen das Viertel des ehemaligen Kirchengeländes geradezu verseucht war.“

Am Sonntag, dem 10. März 1929, kam die Reaktion der „Schwarzen Hand“. Nach der 9-Uhr-Messe ging Pfarrer Riccardi in den hinteren Teil der Kirche, um dort ein Kind zu taufen. Im Vorhof traf er Maime Guerrieri, eine siebenundzwanzig Jahre alte Frau mit fettigen Haaren, die von ihrer fünfjährigen Tochter begleitet wurde. „Ich freue mich, dass Sie Ihre Kleine wieder in die Schule schicken“, sagte der Priester, als er versuchte, mit der Frau ins Gespräch zu kommen. Bevor er noch etwas anderes sagen konnte, zog Guerrieri einen Revolver und feuerte aus kürzester Entfernung fünf Schüsse auf ihn ab. Der Priester wurde von zwei Kugeln getroffen, er verstarb noch am selben Tag.

Bei der Gerichtsverhandlung wurde die Angeklagte Guerrieri „allein wegen Unzurechnungsfähigkeit… des Mordes nicht für schuldig“ befunden und freigesprochen. Die Gläubigen der Pfarrei waren erschüttert, und die sechsjährige Rita war ihrem ersten Märtyrer begegnet.

„Man hat noch nie eine Gemeinde gesehen, die so viel geweint hat. Es war einfach ein schwerwiegender, furchtbarer Verstoß gegen die Gerechtigkeit – niemand wurde jemals bestraft!“, sagte Mutter Angelica, als sie sich an diesen Vorfall erinnerte. Sie zog ihre Augenbrauen hoch und schüttelte verärgert den Kopf. „Ich glaube, dass dies ein großer Verlust in unserem Leben war, denn Pfarrer Riccardi war jemand, der uns verstand.“

Für Rita und Mae war nun also auch noch die letzte Säule, an die sie sich in ihrem Leben anlehnen konnten, zusammengebrochen. Dann verschlang im Oktober 1929 die Weltwirtschaftskrise die kümmerlichen Ersparnisse der kleinen Leute in Canton und anderswo. Für den Rest ihres Lebens lehnte es Mae Rizzo ab, ihr Bargeld auf einer Bank einzuzahlen. Sie hortete ab jetzt ihr Geld in einer Handtasche, damit sie es jederzeit zur Verfügung hatte und auf einen zweiten Crash vorbereitet war. Der Tod ihres Pfarrers und die damalige finanzielle Unsicherheit setzten eine nach unten führende Spirale von Nackenschlägen in Gang, die Mutter und Tochter schwer trafen.

1930 kehrte John Rizzo nach Canton zurück und besuchte seine Familie im Haus der Gianfrancescos. Obwohl Mae noch immer eine gewisse Zuneigung zu John verspürte, war ihr Vertrauen zu ihm schon längst geschwunden. Die peinliche Begegnung führte zu nichts, und Mae bat ihn unvermittelt, das Haus zu verlassen. Am 24. September 1930 reichte sie beim Bezirksgericht in Canton den Antrag auf Scheidung ein. Im Dokument wurde Johns „extreme Grausamkeit“ erwähnt – Schläge, verbale Angriffe und das Unvermögen, für seine Familie zu sorgen und sie zu ernähren. In dem Gesuch wurde das Gericht gebeten, für Mae Unterhaltszahlungen und das Sorgerecht für Rita zu bewilligen.

Das siebenjährige Kind versuchte, all das irgendwie zu verstehen: die herabwürdigende eheliche Beziehung, die lange Abwesenheit ihres Vaters und den emotionalen Zerfall des einzigen Elternteils, den sie wirklich kannte. Eigentlich wäre es für eine Mutter selbstverständlich gewesen, ihrem Kind in dieser Lage Trost zu spenden, jedoch wusste Rita schon mit sieben Jahren, dass dies unmöglich war. Mae war mit der Endgültigkeit der Scheidung innerlich überfordert. Sie wurde zunehmend hysterischer und neigte zu heftigen Weinkrämpfen. Rita war völlig auf sich selbst gestellt.

„Manchmal fragte ich mich, ob es wirklich einen Gott gibt, und wenn ja, dann konnte ich nicht verstehen, weshalb Er mir dann nicht eine Familie wie den anderen Kindern gegeben hatte“, bemerkte Mutter Angelica mit einem in die Ferne gerichteten Blick.

„Sie war schon immer erwachsen“, sagte Angelicas Cousine Joanne Simia. „Sie hatte keine Kindheit.“

In ihrem späteren Leben brachte Rita durch ihren Fernsehsender Licht in die dunklen Orte dieser Welt – Orte, wo die in Vergessenheit Geratenen zusammenkommen: in Bars, Altersheimen, Krankenhäusern und heruntergekommenen Motels. Wenn sie redete, spürten diese Menschen, dass Rita ihren Schmerz, ihre ruinierte Ehe, ihre Alkoholsucht und ihre zerrütteten Familienverhältnisse nachempfinden konnte. Sie schien eine von ihnen zu sein. Sie spürten, dass hinter dem Schleier, den funkelnden Augen und dem verschmitzten Lächeln eine Person steckte, die auch verwundet war. Und das war sie auch tatsächlich.

Der Anfang der Hölle

Am 10. März 1931 wurde ihrer Mutter Mae vom Gericht das Sorgerecht für Rita sowie fünf Dollar wöchentliche Unterhaltszahlungen zugesprochen. „Und damit fing die Hölle an“, stellte Mutter Angelica fest. Das Stigma der Scheidung und die Herausforderung, mitten in der Weltwirtschaftskrise ihren Lebensunterhalt bestreiten zu müssen, erschütterte das Leben von Mae und Rita schwer. Die seltenen Unterhaltszahlungen von John Rizzo waren keine Hilfe. Manchmal ging Rita zum Gericht, ohne dort das vereinbarte Geld vorzufinden. Nach einem derartigen Vorfall suchte die beherzte Neunjährige eines Tages ihren Vater in dem Herrenbekleidungsgeschäft auf, in dem er arbeitete.

„Ich bat ihn um den Unterhalt, da gab er mir fünfzig Cent. In der nächsten Woche ging ich dann wieder zum Gericht. Der Schalter dort sah aus, als wäre er sechs Meter hoch. Ich sagte zu der Frau, dass ich die Unterhaltszahlung abholen wollte. Sie antwortete: ‚Aber Schätzchen, dein Papa hat dir doch letzte Woche fünf Dollar gegeben.‘ Ich widersprach: ‚Nein, das stimmt nicht, es waren nur fünfzig Cent.‘ Dann zeigte sie mir die Quittung, die ich ihm die Woche zuvor unterschrieben hatte. Er hatte einen Punkt und eine zusätzliche Null eingefügt, damit die Summe wie fünf Dollar aussah. Ich bin dann nie wieder dorthin gegangen, um meinen Unterhalt abzuholen.“

Um über die Runden zu kommen, eröffnete Mae wieder eine chemische Reinigung. Nach Auseinandersetzungen mit ihren Brüdern zog Mae aus dem Haus ihrer Eltern aus. Zwischen 1933 und 1937 wohnten Mae und Rita in einer Reihe von verwahrlosten, gelegentlich von Ratten heimgesuchten Ein-Zimmer-Wohnungen, die zur maximalen Nutzung normalerweise jeweils in verschiedene Bereiche aufgeteilt wurden. Der vordere Teil diente als Geschäft, der hintere zum Schlafen. Wenn Rita und ihre Mutter gerade nicht so gut miteinander auskamen, blieb das Mädchen bei einer befreundeten Familie. So wohnte sie zeitweilig bei Victoria Addams, einer Frau, die mit John Rizzo zusammen war. Dieser ständige Wechsel übte auf Rita einen negativen Einfluss aus.

In der St. Antonius-Schule rutschten ihre Noten ab. Manches davon kann sicher der herzlosen Behandlung durch die Nonnen zugeschrieben werden, die Rita als Kind geschiedener Eltern über sich ergehen lassen musste. In den frühen Dreißigerjahren war eine Scheidung für die meisten Katholiken, insbesondere für die italienischen, ein schändlicher Vorgang und galt als schwere Sünde. In der St. Antonius-Schule war Rita Rizzo das einzige Kind aus einer zerbrochenen Ehe.

1933 bat Ritas Klassenlehrerin, eine Ordensschwester, jede Schülerin, ein Abonnement für eine katholische Zeitschrift zu verkaufen. Rita meldete sich und sagte, dass sie zwei übernehmen wollte, weil ihre Tante Rose bestimmt eines davon abnahm. Die Nonne fuhr sie an: „Ach, du nimmst nur eins. Du willst immer so großartig sein und am Ende führt das doch zu gar nichts.“ Über Ritas Wangen kullerten Tränen. „Ich habe diese Nonnen gehasst, ich hasste sie“, sagte sie später einmal. Als Rita nach Hause kam, wusste Mae, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, doch Rita wollte nicht darüber reden. Mae rief die Mutter einer Klassenkameradin an und war ganz außer sich, als sie erfuhr, wie man ihre Tochter behandelt hatte. Als Vergeltungsmaßnahme nahm sie Rita aus der St. Antonius-Schule und schickte sie in die öffentliche Schule.

Später überredete ein Priester Mae, Rita wieder in der St. Antonius-Schule anzumelden. Doch im folgenden Jahr kam es zu einem neuen unerfreulichen Ausscheiden. Am Ende einer Weihnachtsfeier verteilten die Nonnen an Rita und ihre Mitschülerinnen Spielzeug. Die Kinder packten die Geschenke aus und fertigten aus dem Einwickelpapier kleine Papierspielzeuge. Zur Freude der Mitschüler wedelten sie damit herum. Als Ritas Name aufgerufen wurde, trat sie vor, um ihr Geschenk abzuholen.

„Ich bekam nun dieses Jo-Jo. Es war alt und zerkratzt und hatte Knoten in der Schnur – man konnte dieses Ding gar nicht benutzen. Dann ging ich nach Hause. Meine Mutter fragte mich, wo ich das Jo-Jo herhatte. Als ich ihr erzählte, dass die Schwester es mir gegeben hatte, war dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.“

Mae und Rita eilten zum Pfarramt der St. Antonius-Kirchengemeinde, wo Mae dem Pfarrer gründlich die Meinung sagte. Sie betrachtete das gebrauchte Geschenk als eine Demütigung – und ihr Kind ließ sie von niemandem demütigen. Bevor sie das Pfarramt verließ, meldete sie Rita zum letzten Mal von der St. Antonius-Schule ab.

Das Stigma der Scheidung sollte Mae aber bald auch von der Kirche trennen, die doch so lange ihre Stütze gewesen war. Da sie seit ihrer Scheidung nicht mehr gebeichtet hatte, wurde sie von ihren Freunden ermuntert, bei einem Missionar, der in der Pfarrei auf Besuch war, das Bußsakrament zu empfangen. Als Mae die Sünde der Scheidung beichtete, „ging der Priester an die Decke“. „Was haben Sie getan?“, tobte er. „Sind Sie sich bewusst, dass Sie sich mit der Scheidung selbst exkommuniziert haben?“

„Anstatt ihr gütig und liebevoll zu begegnen, ging er hart mit ihr ins Gericht!“, sagte Mutter Angelica. „Er gab ihr nicht einmal die Chance, darauf hinzuweisen, dass sie nicht wieder geheiratet hatte und die Gebote der Kirche hielt.“

Mae stürmte aus dem Beichtstuhl und ging zehn Jahre lang nicht mehr zur Kirche.

Ungefähr zur selben Zeit scheiterte ihr Geschäft. Kunden, die ihre Kleidung abholten, versprachen, in der nächsten Woche zu bezahlen, doch das Geld blieb meistens aus. Mae war zu stolz, zu ihrer Familie zurückzukehren. Mae und Rita kamen nur mit Mühe über die Runden. Manchmal gab es zum Abendessen für beide nur ein Stück Brot mit Wurst, das sie sich teilten. Fest entschlossen, ihr Ideal der Selbständigkeit hochzuhalten, lehnte Mae es ab, die Gianfrancescos um ein Almosen zu bitten, ganz gleich, wie widrig die Umstände auch sein mochten.

Für die Außenwelt schien Mae Rizzo der Inbegriff an Zuversicht zu sein. Noch immer trug sie ihre eleganten Hüte und hielt die etwas herrische Fassade aufrecht, die jeden Fremden auf Distanz hielt. Alle, die sie kannten, erinnern sich an sie als eine hinreißende Geschichtenerzählerin. Sie konnte die Aufmerksamkeit des Publikums fesseln, wobei es egal war, welche Geschichte sie gerade erzählte. Ihre Tochter hatte dieses Talent geerbt. Doch im Gemüt wurde Mae Rizzo krank. Um das Jahr 1934 brachten sie Armut und eine chronische Depression beinahe um den Verstand. Vor ihrer fassungslosen elfjährigen Tochter brach Mae dann zu Hause in Tränen aus, jammerte über das Leben, das sie ihrem Kind zumutete, den Mangel an Bildung, der Ritas Berufsmöglichkeiten beschränken würde und über den Ehemann, der ihr Unrecht angetan hatte. Drei Jahre nach der Scheidung war Mae noch immer außerstande, John Rizzo aus ihrem Herzen zu entreißen. Wenn sie ihn nur mit einer anderen Frau sah, wurde sie schon wütend.

John Rizzos neue Partnersuche machte Maes Depressionen nur noch schlimmer und rief düstere, verheerende Gedanken bei ihr hervor. „Ständig drohte sie mit Selbstmord“, verriet Mutter Angelica, „und wenn ich von der Schule nach Hause kam, wusste ich nie, ob ich sie lebend oder tot antreffen würde. Ich konnte nicht mehr lernen oder mich konzentrieren.“

Für Rita hatten die ständige Sorge um Maes Gemütsverfassung und der endlose Kampf ums Überleben jede Beziehung zur Außenwelt unmöglich gemacht. Das tief in ihr sitzende Gefühl, dass sie selbst irgendwie zur Situation ihrer Mutter beigetragen hätte, verstärkte nur noch ihre Anhänglichkeit an Mae, auf die sich ihr ganzes Augenmerk richtete. „Einen Großteil der Zeit passte ich nur auf sie auf“, erzählte mir Mutter Angelica. „Deshalb hatte ich auch nie Freunde und spielte auch nie mit Puppen. Für mich war das Leben bitterernst.“

Die Rollen wurden vertauscht. Rita wurde für Mae zur Mutter und zur emotionalen Pflegerin. Mit elf Jahren, kaum fähig über das Armaturenbrett zu schauen, fuhr Rita bereits mit Maes Auto, um den Kunden ihrer Mutter die gestärkte Kleidung auszuliefern und an Samstagen die Zahlungen einzukassieren. Manchmal brachte sie sogar einen Gewinn mit nach Hause. Dies wurde dann in der Stadtbibliothek gefeiert, wo Mae Bücher wälzte und Rita in Comics schwelgte und die mitgebrachten Karamellbonbons genoss. Doch in den meisten Fällen kehrte das Mädchen mit leeren Händen von ihren Auslieferungsfahrten zurück, und dann flossen bei Mae die Tränen. Rita stand der Traurigkeit ihrer Mutter völlig hilflos gegenüber.

„Wenn mich der Herr nicht herausgezogen hätte, dann wäre es nur ein unglückliches Leben gewesen“, bemerkte Mutter Angelica nachdenklich. „Nie sah ich, dass sich etwas änderte. Es kam mir vor, als sei ich so geboren worden und als würde ich auch so sterben. Ich war nicht verbittert, ich hatte nur resigniert.“

Und dann drang das Übernatürliche zum ersten Mal in Rita Rizzos Leben ein. Das schmächtige Mädchen wollte nach einem Besuch beim Zahnarzt in der Innenstadt wieder mit dem Bus nach Hause fahren. Sie musste eine breite Straße überqueren, um ihren Bus zu erreichen. Sie schaute nach rechts und nach links, über ihre Knöchel hingen ausgeleierte Socken. Rita lief geradewegs auf den Mittelstreifen der Straße zu, als eine Frau aufschrie. Sie blickte flüchtig über ihre rechte Schulter zurück und bemerkte zwei Autoscheinwerfer, die direkt auf sie zukamen. Wie erstarrt blieb sie stehen. Das Motorengeräusch wurde immer lauter. Nur noch Sekunden bis zum Aufprall, Rita schloss ihre Augen, gelähmt vor Angst.

„Ganz plötzlich hatte ich das Gefühl, als hätten zwei Hände unter meine Arme gegriffen, mich emporgehoben – ich kann es jetzt, wenn ich darüber spreche, fast immer noch spüren – und mich auf die Verkehrsinsel gestellt, wo die Autos parkten“, erzählte mir Mutter Angelica mit einem fast ehrfürchtigen Flüstern. Sie bemerkte, dass die Passanten sich über das Unglaubliche wunderten, das sie gesehen hatten und sie anstarrten.

Als Mae am nächsten Tag mit dem Bus fuhr, berichtete ihr der Fahrer, dass er gestern „ein Wunder“ miterlebt und noch nie „zuvor jemanden so hoch emporspringen“ gesehen habe. Mutter und Tochter schrieben dieses „Hochheben“ einer Gnade zu, die sie in einem sonst so trostlosen Zeitpunkt ihres Lebens berührt hatte.

Als die vierzehnjährige Rita um das Jahr 1937 die High School besuchte, konnten sie und ihre Mutter es nicht mehr alleine schaffen. Der finanzielle Druck zwang sie, in den Haushalt der Gianfrancescos zurückzukehren, wo noch immer Großmutter, Großvater, Onkel Pete und Onkel Frank wohnten. Doch das Heim war nun nicht mehr dasselbe. Anthony Gianfrancesco hatte einen Schlaganfall erlitten. Zuvor hatte er einen Streit mit einem Gast, geriet in Wut und verlor die Beherrschung. Halbseitig gelähmt, humpelte er mit einem Stock im Haus herum. Sein Zustand wurde durch sein ohnehin heißes italienisches Temperament noch verschlimmert. Dadurch wurden die Ängste der im Haushalt lebenden Personen erst recht geschürt. Aber trotz dieser Probleme und Maes Stolz, der durch die unvermeidliche Rückkehr verletzt worden war, konnten sie und Rita doch wenigstens mit regelmäßigen Mahlzeiten und einem Dach über dem Kopf rechnen.

Um ihrer Mutter jeden zusätzlichen Kummer zu ersparen, bemühte sich Rita, ihre Noten an der McKinley High School zu verbessern, was ihr allerdings nur mit mäßigem Erfolg gelang. In ihrem zehnten Schuljahr entdeckte Frau Thompson, ihre Lehrerin für Wirtschaftslehre, etwas in dieser hageren, verschlossenen und schlechten Schülerin. Vor der Klasse verkündete die Lehrerin, dass es jemanden in diesem Raum gäbe, der lauter Einsen und Zweien schreiben und auch die beliebteste Schülerin der ganzen Schule sein könnte, wenn sie sich nur anstrengen wollte. Nach dem Unterricht rief Frau Thompson Rita zu sich.

„Du weißt, dass ich über dich gesprochen habe“, sagte die Lehrerin.

„Ja“, entgegnete Rita.

„Und nun, was gedenkst du zu tun?“

„Nichts“, sagte Rita trotzig. „Ich mag die Menschen nicht, und ich mag auch Sie nicht.“

Auf ihrem Heimweg bereute Rita ihre garstige Bemerkung, aber es fiel ihr schwer, ihr cholerisches Temperament zu bändigen. Sie konnte ohnehin keine Freunde haben. Mae hätte dies als unangenehm empfunden. Außerdem wäre jeder, der Ritas Aufmerksamkeit beansprucht hätte, von ihrer Mutter als Bedrohung wahrgenommen worden. Mae zuliebe war aus Rita eine überzeugte Einzelgängerin geworden.

Ein paar Tage nach ihrem Gespräch mit der Wirtschaftslehrerin sprach der Bandleader der zur Schule gehörenden Musikgruppe Rita an und fragte sie, ob sie gerne Tambourmajorette werden wollte. Als Wiedergutmachung für ihre freche Antwort, die sie Frau Thompson gegeben hatte, und ohne sich irgendwie mit Musik auszukennen, nahm sie die Herausforderung an. Im Rückblick glaubt Mutter Angelica, dass Frau Thompson und die anderen Lehrer sich vielleicht zusammengetan hatten, um ihr zu helfen. Im Sommer des Jahres 1939 übernahm sie den Taktstock.

„Sie konnte sehr gut wirbeln“, erinnerte sich Blodwyn Nist, die mit ihr zusammen Tambourmajorette war. „Sie hatte diese großen Hände und machte es richtig gut.“ Blodwyn und Rita waren die ersten weiblichen Majoretten in der Geschichte der Schule. Sie traten zusammen bei Sportveranstaltungen, Paraden und anderen Gemeindefesten auf. Nist zufolge war Rita sehr leutselig und hatte ein feines Gespür für das, was richtig und falsch war.

Es scheint jedoch, dass in dieser Zeit ein gewisser Zwiespalt bestand zwischen Angelicas Erinnerung an ihr eigenes Selbstbild und der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Person. Entweder hatte sich Rita von ihrer Mutter inspirieren lassen und in der Öffentlichkeit eine fröhliche Maske aufgesetzt, um die Ängste und Sorgen zu verbergen, die ihren Alltag verdüsterten, oder aber die neue Aufgabe, die ihr als Majorette zugefallen war, brachte die leichtere, die beschwingtere Seite ihres Charakters zum Vorschein. Was auch immer nun der Fall gewesen sein mag, keine ihrer Mitschülerinnen stand ihr nahe genug, um die Wahrheit zu erkennen. Die Gespräche mit Klassenkameradinnen ergaben, dass Rita in der Schule keine engen Freundschaften pflegte und, abgesehen von ihren Pflichten als Majorette, für sich alleine blieb. Wie ihre Mutter konnte Rita beharrlich eigenständig und argwöhnisch gegenüber Außenstehenden sein.

Bei Tanzveranstaltungen in der Schule machte sie nie mit, und niemand konnte sich daran erinnern, dass sie jemals mit einem Jungen ausgegangen war. „Ich hatte nie eine Verabredung und wollte auch keine“, vertraute Mutter Angelica mir an. „Ich hatte einfach überhaupt kein Verlangen danach. Vermutlich hatte dies alles keinen Reiz für mich, weil ich die schlechteste Seite einer Ehe miterlebt hatte.“

Im Jahr 1939 ging das Getöse um die Fußballspiele Rita sehr auf die Nerven. Die lärmenden Massen und sogar schon das Geschwätz in der Schule störten die Sechzehnjährige. Es kam ihr vor, als stürze die ganze Welt auf sie ein. Um dem ganzen Krach zu entkommen, ergriff sie an den Nachmittagen im wahrsten Sinne des Wortes die Flucht aus der McKinley High School. Als sie ihren nervösen Zustand schließlich satthatte, suchte sie einen Arzt auf. Der Doktor diagnostizierte einen Calcium-Mangel, der zu ihrer reizbaren Verfassung beitrug. Er verschrieb Calcium-Spritzen und Medikamente für ihre Nerven. Doch die Ursache ihrer Probleme lag vermutlich nicht im Mangel an Mineralstoffen.

Mae hingegen erlebte daheim ihre eigene Nervenkrise: Ihre Weinkrämpfe nahmen zu, ebenso auch ihre Selbstmorddrohungen. Die Taktiken, die Rita normalerweise anwandte, um Mae aus ihrer tiefen Depression herauszureißen, erwiesen sich als unwirksam. Besorgt darüber, dass ihre Mutter nicht mehr „sie selbst“ war und an „totaler Erschöpfung“ litt, beschloss Rita, dass Mae eine gewisse Zeit außerhalb von Canton verbringen sollte. Mit dem Segen ihrer Großeltern schickte Rita ihre Mutter, die nun ihren ersten regelrechten Nervenzusammenbruch erlitt, nach Philadelphia, damit sie dort eine Zeitlang bei ihrer Schwester Rose verbringen konnte.

Zurückgelassen mit Angst- und Schuldgefühlen, versuchte Rita ihren normalen Alltag aufrechtzuerhalten. Sie ging in den Unterricht, verdiente Geld damit, dass sie anderen zeigte, wie man den Tambourstock schwingt, und lebte bei den Gianfrancescos. Doch bald schon stellte sich eine gewisse Niedergeschlagenheit ein, ein schreckliches Gefühl, dass sich ihr Schicksal nie mehr zum Guten wenden und ihre Mutter sich vielleicht nicht mehr erholen würde. Aus diesem Hexenkessel der Apathie und des Elends ging großer Kummer hervor, der Rita Rizzo verändern und sie zu einem Leben hinziehen sollte, wie sie es sich zu jener Zeit noch nicht vorstellen konnte.

2. Kapitel
Der Schmerz als Geschenk

In jener Nacht des Jahres 1939 lag viel Schnee auf den Eingangstreppen der Häuser in der Eleventh Street. Dicke Flocken fielen vom Himmel und bedeckten den unteren Teil des verwitterten Lattenzaunes, der vor dem Haus der Gianfrancescos stand. In der geräumigen und schön tapezierten Küche ihrer Großmutter – der Duft von Oregano und Knoblauch schwebte wie Weihrauch in der Luft – stocherte Rita Rizzo in den hart gewordenen Nudeln herum. Sie war jetzt an einem Punkt in ihrem Leben angelangt, an dem sich ein Teil ihres Charakters entwickelte, der den Rest ihres Lebens überschatten sollte.

Obwohl ihre müden braunen Augen nichts davon verrieten, stiegen doch widerstreitende Gefühle in ihr auf, einerseits der Erleichterung und andererseits der Sehnsucht, als sie an ihre abwesende Mutter dachte, mit der zusammen sie so oft an diesem schon so abgenutzten Tisch gesessen war. Ihr gegenüber saß Onkel Pete über seinen Teller gebeugt, der als Einziger der Gianfrancescos unverheiratet war. Er ahmte die Komiker nach, die er im Radio hörte. Großmutter Gianfrancesco winkte mit ihrer langen, dünnen, nach oben gewandten Hand, die so gar nicht zu ihrem rundlichen Körper passen wollte, und zeigte mit ihr auf den Teller des Mädchens, um sie zum Essen zu ermuntern. Rita schob das Essen auf dem Teller hin und her, aß jedoch nur sehr wenig. Ob es nun an den Medikamenten für ihre Nerven oder an der Anspannung lag – jedenfalls hatte sie ein komisches Gefühl im Magen. Hin und wieder stellte sich eine flaue Übelkeit bei ihr ein, die dann so manche Mahlzeit vorzeitig beendete. Doch Rita kümmerte sich nicht darum.

Die Siebzehnjährige war viel zu beschäftigt, um an sich selbst zu denken. Ihre Freizeit nutzte sie zum Geldverdienen. Sie gab weiterhin Unterricht im Tambourstockschwingen und arbeitete außerdem in einer Fabrik, die Kerzenständer für den liturgischen Gebrauch herstellte. Jede Woche sandte Rita ihrer Mutter, die sich bereits seit einem Monat in Philadelphia aufhielt, pflichtbewusst einen Dollar ihres Einkommens.

Ritas Onkel konnte es sich nicht verkneifen, darüber einen Kommentar abzugeben. „Wann kommt denn deine Mutter nach Hause?“, fragte Onkel Pete mit halbvollem Mund. Rita zuckte am anderen Ende des Tisches nur mit den Schultern. „Warum kommt denn diese faule Frau nicht nach Hause?“, schob Pete nach, während er kichernd die Gabel in die rote Masse auf seinem Teller stieß. „Das ist eine tolle Sache – du arbeitest und schickst ihr Geld, während sie in Philadelphia Urlaub macht.“

Rita blickte kein einziges Mal von ihren Nudeln auf. Doch ihr gesenkter Blick war jetzt voll von Zorn, Kränkungsschmerz und einer instinktiven Abscheu vor dieser ungerechten Beurteilung. Nur sie allein wusste, was ihre Mutter durchlitten hatte. Sie hatte mitbekommen, wie Mae wegen ihrer Scheidung verhöhnt wurde, hatte zugesehen, wie sie anderer Leute Wäsche bis spät in die Nacht gebügelt hatte, hatte beobachtet, wie die ansehnliche Frau zuversichtlich zu Vorstellungsgesprächen marschiert war, nur um dann niedergeschlagen und in Tränen aufgelöst wieder nach Hause zurückzukehren.

„Was für eine faule Frau! Tja, so ist das Leben“, machte Onkel Pete weiter.

Ohne ein Wort zu sagen, stieß Rita das spitze Ende des Brotmessers auf den Tisch und schleuderte es an den Kopf ihres Onkels. Das Messer blieb in der Tapete stecken, nur wenige Zentimeter von seinem fassungslosen Ziel entfernt. Bleich und erschüttert konnte Onkel Pete zunächst kaum mehr atmen. Großmutter Gianfrancesco legte langsam ihre Gabel nieder, als ob eine schnelle Bewegung noch mehr fliegendes Besteck hervorrufen würde. Da die Kritik an ihrer Mutter verstummt war, rannte Rita wutentbrannt vom Tisch weg und flüchtete in den Schnee hinaus. Hier sah man bereits ein erstes Aufglimmen der Empörung, die später dann immer auftrat, wenn jemand angegriffen wurde, der ihr nahestand.

„An jenem Abend ging ich und ging ich. Und es wurde mir bewusst, dass es da irgendetwas in meinem Inneren gab, das imstande war, Böses zu tun – jemanden umzubringen“, erinnerte sie sich später. „Jetzt war ich entschlossen, dies vollständig in den Griff zu bekommen, was auch immer es sein mochte – vermutlich würde man es als Zorn bezeichnen. Man kann hier Gottes Vorsehung entdecken, weil Er mich erkennen ließ, wozu ich fähig war. Und ich wusste, ich musste mich ändern, aber ich wusste nicht, wie.“

Ritas Schulnoten spiegelten ihre aufgewühlten Gefühle wider. Am Ende der elften Klasse hatte sie die Schule fast zwei Monate lang versäumt und war in drei Fächern durchgefallen. All dies wurde ihrer Mutter vorenthalten, deren Tränen Rita mehr als alles andere fürchtete. So begann sie heimlich, Ferienkurse zu absolvieren und erzählte erfundene Geschichten, um ihre Abwesenheit von zu Hause plausibel zu machen.

Durch die Teilnahme an den Sommerkursen wurde Ritas Laufbahn als Tambourmajorette schließlich beendet. Obwohl sie später erklärte, dass dies die „dümmste Sache“ war, die sie jemals angefangen hatte, erlangte Rita durch die Führung der Musikkapelle vor einem großen Publikum eine derartige Ungezwungenheit und innere Ruhe, die sie auf andere Weise vielleicht gar nicht erreicht hätte. Das einzige bekannte Foto von Rita, das sie in der Uniform der Tambourmajorette zeigt, lässt eine natürlich wirkende Darstellerin erkennen, sehr selbstbewusst und keck, die mit großer Freude eine perfekte Pose einnimmt, den Kopf nach hinten geworfen und ein Bein stilbewusst angewinkelt.

Seit ihrer Rückkehr aus Philadelphia ging es Mae Rizzo besser, ja, sie schien sogar geheilt und hatte ein neues Lebensziel vor Augen. Sie versuchte, eine feste Anstellung zu finden, was ihr jedoch nicht gelang.

Rita machte sich Maes Enttäuschung zu eigen und beschloss, trotz ihrer eigenen schulischen Schwierigkeiten, selbst aktiv zu werden. Mutig marschierte sie ins Rathaus, um den republikanischen Bürgermeister von Canton, James Seccombe, aufzusuchen. Sie ging taktisch geschickt vor und erkundigte sich, welche Möglichkeiten es für eine Anstellung gebe. Ohne das Wissen ihrer Mutter gab sie dann in Maes Namen die Bewerbung für eine Stelle bei der Stadt ab.

„Meine Mutter hat ihr ganzes Leben lang im Wahlbereich für die Republikanische Partei gearbeitet“, erklärte Rita Bürgermeister Seccombe. „Momentan kann sie nur keine Arbeit finden. Ich glaube, dass sie sich für ihren Einsatz etwas verdient hat.“

„Das meine ich auch“, sagte der Bürgermeister, von der Hartnäckigkeit des Mädchens beeindruckt. „Sie muss aber eine Prüfung für den öffentlichen Dienst ablegen.“

„Das geht schon in Ordnung.“

„Deine Mutter soll einen Brief an den Verwaltungsausschuss schreiben,“ wies der Bürgermeister Rita an. Sie rannte nach Hause und überbrachte ihrer Mutter die gute Nachricht.

Mae war begeistert, bis sie von der Prüfung erfuhr. Dann setzte Panik bei ihr ein. Geplagt von ihren alten Ängsten, war Mae nahe daran aufzugeben. „Ich kann keine Prüfung mehr bestehen,“ sagte sie.

„Dann versuche es, versuche es einfach“, wurde sie von Rita ermutigt. Und tatsächlich schaffte Mae es und bekam die Stelle.

An der McKinley High School stand Rita vor einem beschwerlichen Abschlussjahr, das mit zusätzlichen Kursen vollgepackt war, in denen sie den versäumten Stoff nachholen musste, den sie im Jahr zuvor nicht geschafft hatte. Aus den Zeugnissen ist zu entnehmen, dass sie Kurse in Wirtschaftslehre, Buchführung, Verkaufsmethodik, Maschinenschreiben und sogar in Technischem Zeichnen belegt hatte. Mit jedem dieser Kurse sollten ihr Fähigkeiten vermittelt werden, die für ihr späteres Leben sehr nützlich waren, doch damals war es einfach nur eine zusammenhangslose Ansammlung von Kursen, die von ihr gewählt wurden, um ein Abschlusszeugnis zu erlangen.

Ohne ihre Aufgabe als Majorette zog sich Rita nun in ihr Schneckenhaus zurück, ganz darauf konzentriert, den Schulabschluss wie die anderen auch zu schaffen.

Das Geschenk

Eines Tages im Dezember 1940 befand sich Rita auf ihrem Heimweg von der Schule, als sie, wie sie es später bezeichnete, „das größte Geschenk, das ich von Gott jemals erhalten habe“, bekam. Ihr Magen schnürte sich zusammen, als sie das Haus der Gianfrancescos erreichte. An der Türschwelle konnte sie kaum noch auf den Beinen stehen. Ihre Knie und Ellbogen wurden wachsweich. Ihre Großmutter gab ihr einige Gläser warmes Wasser, die sie mit Schweißperlen im Gesicht austrank. Dies brachte jedoch keine Besserung. Die Krämpfe hielten eine ganze Stunde lang an.

Danach wurde Rita in den folgenden vierundzwanzig Stunden von Durchfall geplagt. Ihre einst fülligen Wangen hingen nun wie Satteltaschen an den Schläfen ihres Porzellangesichts. Jedes Mal, wenn sie den Versuch unternahm, etwas zu essen, kam es ihr vor, als zerschnitten Glasscherben ihre Eingeweide. In den folgenden Tagen verweigerte ihr Körper die Aufnahme jeglicher Nahrung, und so war sie gezwungen, eine eingeschränkte Diät mit Zwieback, Tee und weichen Nahrungsmitteln, die ihr Organismus aufnehmen konnte, einzuhalten.

Bis Anfang 1941 befielen die Krämpfe die Achtzehnjährige oft dreimal in der Woche. Doch selbst inmitten dieser körperlichen Belastung blieb Ritas Hauptanliegen die Sorge um das Wohlergehen ihrer Mutter.

Selbst Wochen nach der Ablegung ihrer Prüfung für den öffentlichen Dienst hatte Mae noch immer nichts vom Rathaus gehört. Das angespannte Warten auf das Ergebnis hatte wahrscheinlich ihren zweiten Nervenzusammenbruch verursacht – was zu einem erneuten sechswöchigen Aufenthalt in Philadelphia führte.

Jetzt stand Rita am Vorabend ihres Schulabschlusses vor einem ernüchternden Erwachsenendasein und war erneut mutterseelenallein. Obwohl sie Mae deren Abwesenheit nicht übel nahm, erzählte mir Mutter Angelica dennoch, dass diese Erfahrung sie zu der Erkenntnis führte, dass sie von niemandem Unterstützung erwarten konnte – weder von ihrer Mutter noch von ihrem Vater, noch nicht einmal von ihren Großeltern. Die Zukunft würde gänzlich von ihrem eigenen Einfallsreichtum abhängen. Mit dieser Einsicht fing Rita ganz allein mit der Arbeitssuche an.

Mae Rizzo war emotional ausgebrannt, ohne Arbeit und wieder knapp bei Kasse nach Canton zurückgekehrt. Am 22. Mai 1941 reichte sie beim Bezirksgericht einen Antrag auf Auszahlung ausstehender Unterhaltszahlungen in Höhe von 2098,50 Dollar ein, die sie von ihrem früheren Ehemann einklagte. Ob ihr das Gericht das Geld zusprach, ist zwar nicht klar, doch erhielt Mae am 1. Juli 1941 eine Stelle als Buchhalterin im Büro der Wasserwerke von Canton. Die Prüfung für den öffentlichen Dienst hatte sie ja bestanden. Die Arbeit brachte Maes Leben wieder ins Gleichgewicht, und ein Gefühl der Sicherheit erfüllte sie. Um ihren finanziellen Überfluss zu zeigen, putzte sie den Raum, den sie im Haus der Gianfrancescos mit Rita teilte, fein heraus mit Bettdecken aus Satin, die zudem noch rundherum mit Volants abgesteppt waren, mit Vorhängen an den Fenstern und mit neuen Lampen. All dies hätte sie sich zuvor niemals leisten können. Diese neuen Annehmlichkeiten boten Rita indes nur wenig Trost, denn ihr Magenleiden verschlimmerte sich.

Ende Juli baten Ritas besorgte Großeltern ihren Arzt, Dr. James J. Pagano, den Magen ihrer Enkeltochter zu untersuchen. Seit Anthony Gianfrancescos Schlaganfall hatte Pagano regelmäßig Hausbesuche in der Liberty Street gemacht. Anfangs dachte der Arzt, Rita würde an Magengeschwüren oder einer Entzündung der Gallenblase leiden. Daher verschrieb er zunächst entsprechende Medikamente, doch diese halfen nicht im Geringsten, den Schmerz zu mildern oder die Krämpfe zu beenden – ein Beweis dafür, dass die Diagnose falsch war.

Als Dr. Pagano Rita im November 1941 zur Röntgenuntersuchung ins Mercy Hospital schickte, hatte sie bereits zwanzig Pfund an Gewicht verloren. Schließlich ergaben die Untersuchungen eindeutig, dass Rita an einer Gastroptose litt, was üblicherweise auch als „Magensenkung“ bezeichnet wird. Durch diesen Zustand wird der Mageneingang abgeschnürt. Dies führt zu einer Blockierung der Nahrungsaufnahme. Ein für sie individuell angepasster Gürtel sollte nun Ritas Magen stützen und heilen. Durch diesen Gürtel wurde Ritas Leben erträglich, sogar dann, als die Welt auseinanderfiel.

Im Dezember 1941 griffen die Japaner Pearl Harbor an und zogen damit die Vereinigten Staaten in den weltweiten Konflikt mit hinein. Für eine Stahlstadt wie Canton brachte der Krieg Arbeit und entsprechend auch Arbeitsplätze. Rita schloss sich den Reihen der mehr als fünfzehntausend Frauen von Canton an, die auf der Gehaltsliste der Rüstungsindustrie standen. Ihre zuversichtliche Einstellung und ihre im Abschlussjahr gewählten Kurse ermöglichten es ihr, Anfang 1942 eine Stelle in der Werbeabteilung der Firma Timken Roller Bearing zu bekommen. Zu dieser Zeit war Timken ein regelrechtes Machtzentrum, das innerhalb von zwei Jahren 100.000 nahtlose Kanonenrohre für 37-, 40- und 75-mm-Geschosse herstellte.

Als Sekretärin des Abteilungsleiters der Werbeabteilung, Peter Poss, hatte Rita viele verschiedene Aufgaben. Sie schrieb und korrigierte Texte und gestaltete Entwürfe für Werbekampagnen und lernte sogar, manche Maschinen zu bedienen. „Herr Poss meinte, sie sei spitze“, erinnerte sich Elsie Machuga, die mit Rita bei Timken arbeitete. „Sie war so eine Art Allroundsekretärin.“

Im April 1942 ruhte sich Rita eines Tages im Aufenthaltsraum der Frauen bei Timken aus. Sie lag auf dem Sofa, legte ihre Füße hoch und versuchte dadurch, die Magenkrämpfe, deren Kommen sie bereits spürte, aufzuhalten. Kurz darauf fuhr ein stechender Schmerz durch ihren Unterleib. Selbst der für sie angefertigte Gürtel konnte ihren sich aufbäumenden Magen nicht mehr länger unter Kontrolle halten.

Am 13. Mai untersuchte Dr. Wiley Scott Rita zum ersten Mal. Er entschied, dass der Gürtel zu einer Art Korsett erweitert werden sollte, und empfahl ihr gleichzeitig, beim Schlafen die Füße ungefähr zwanzig Zentimeter hochzulagern, um den Magen zu stützen. Das Korsett durfte sie erst dann ausziehen, wenn sie im Bett die Füße hochgelagert hatte. Sie befolgte die ärztlichen Anweisungen, und ihre Magenschmerzen ließen nach. Rita kehrte zur Arbeit zurück.

Am 10. Juli 1942 wechselte Mae Rizzo gerade die Bettwäsche ihres Vaters, als „zwei große Männer ganz in weiß“ den Raum betraten. Die Männer riefen nach Anthony Gianfrancesco, während Mae ein Ende des Kissens mit den Zähnen festhielt und nur stumm zuschaute. Als sie sich noch damit abmühte, das Kissen in einen frischen Bezug hineinzustopfen, richtete sich der Vater auf. Anthony blickte die Fremden unverwandt an, murmelte ein „Ja“ und fiel zurück in die Arme des Todes. Es wird immer ein Geheimnis bleiben, ob diese weißgekleideten Männer tatsächlich engelhafte Erscheinungen waren. Doch Mae war sich sicher, sie gesehen zu haben. Sie erzählte diese Geschichte in den kommenden Jahren immer wieder.

Wenn jemand zu dieser Zeit Engel gebraucht hätte, dann wohl Rita. Als der November kam, waren ihre „Nerven schlimmer als je zuvor“, und die Krämpfe waren zurückgekehrt. „Ich konnte weder schlafen noch essen. Meine Hände zitterten, und mein linker Arm wurde taub“, schrieb Rita über ihre Krankheit. Ihre einzige Entlastung, das Korsett, fing an, in ihre Hüften einzuschneiden, was Blasen hervorbrachte, die bei fortgesetztem Tragen des Teiles mit der Zeit aufbrachen. Damit die Haut wieder ausheilen konnte, legte sie das Korsett ab und blieb zu Hause im Bett liegen. Während dieser Isolation beschäftigte sich Rita eifrig damit, ihre Lage ernsthaft zu überdenken. Eines Tages beschloss sie, ohne das Korsett aus dem Bett zu steigen. Sie wollte testen, ob sie wieder gesund wäre. Sofort wälzte sich ein widerwärtiger Schmerz durch ihren Magen. Als sie flüchtig nach unten schaute, versetzte ihr das, was sie sah, einen großen Schrecken: Die Haut ihres Unterleibes hatte einen bläulichen Farbton angenommen, als handle es sich um einen verblassenden Bluterguss. Doch noch mehr erschreckte sie, dass an der linken Seite des Unterleibs eine Geschwulst von der Größe einer Zitrone herausragte.

3. Kapitel
Heilung und Berufung

Die Mittel der göttlichen Vorsehung sind oftmals ganz alltäglich und zumeist unspektakulär. Für Rita Rizzo kam der Ruf Gottes nicht von einem Stern im Osten oder einer Feuersäule, sondern aus dem Mund einer Raumpflegerin, die im Außenbezirk von Canton arbeitete.

Mae Rizzo saß am 8. Januar 1943, einem Freitagnachmittag, in einem Bus und war auf ihrem Heimweg in Gedanken ganz mit den qualvollen Magenkrämpfen ihrer Tochter beschäftigt. Mit steifem Rücken, ihr Haar wie eine fein gemeißelte Skulptur zurechtgemacht, starrte sie aus dem Fenster und fragte sich, wohin diese Krankheit noch führen sollte. Rita sah gar nicht gut aus. Wie lange konnte sie noch mit Zwieback, Tee und altbackenem Brot überleben? Rita schrumpfte buchstäblich vor ihren Augen zusammen, und es gab nichts, was sie dagegen hätte tun können. Maes Vater war erst vor Kurzem gestorben. Dieser Tod beschwor bei ihr morbide Gedanken herauf. Sie hätte es nie ertragen können, auch noch Rita zu verlieren. Rita war alles, was Mae noch hatte.

Diese insgeheime Angst kam jetzt offen heraus, als Catherine Barthel den Bus bestieg und sich neben Mae setzte. Die zierliche Barthel war eine Freundin, die für ihren Lebensunterhalt in Häusern putzte, darunter auch in einer maroden Unterkunft im Nordosten von Canton. Mae erzählte der Frau von ihren Ängsten und beschrieb lebhaft Ritas derzeitige Leiden. Der Bus schlingerte hin und her. Gerade fuhren sie am Gerichtsgebäude vorbei, auf dessen Turmspitze zwei Engel goldene Trompeten bliesen.

„Warum gehst du mit Rita nicht einmal zu Frau Wise?“, schlug Barthel vor.

Mae hatte noch nie von Rhoda Wise gehört. Als Stigmatisierte, die angeblich Wunder wirkte, lebte Frau Wise in einem weißen, mit Schindeln bedeckten Holzhaus, gerade einen Häuserblock von der städtischen Mülldeponie entfernt. Dies war eines der Häuser, die Catherine Barthel einmal wöchentlich putzte. Frau Wise glaubte von sich selbst, auf wunderbare Weise geheilt worden zu sein – eine Heilung, die eine Kette von übernatürlichen Vorkommnissen zur Folge hatte.

Die schönen blauen Augen der korpulenten Frau ließen die körperlichen Höllenqualen nicht erkennen, die sie fast ein Jahrzehnt lang durchlitten hatte. In den frühen Dreißigerjahren schwoll der Bauch von Rhoda Wise so stark an, dass sie dachte, sie sei schwanger. Die Ärzte stellten später fest, dass sie eine neununddreißig Pfund schwere Zyste am Eierstock hatte. Der Krankenhausaufenthalt, der notwendig war, um die Geschwulst zu entfernen, sollte nicht ihr letzter gewesen sein. Depressiv und suizidgefährdet wurde Rhoda Wise 1933 in eine staatliche Heilanstalt eingewiesen. Verwachsungen im Unterleib zwangen sie wiederholt in den Operationssaal zurück.

Während einer der seltenen Phasen, in der sie sich guter Gesundheit erfreute, trat Rhoda Wise im Dezember 1936 auf ihrem Heimweg von einer Weihnachtsfeier unglücklicherweise in einen offenen Kanalisationsschacht. Das zerfetzte rechte Bein entzündete sich und begann, sich während der nächsten Monate nach innen zu drehen. Eine Reihe von Gipsverbänden, die das Bein wieder begradigen sollten, hatte keinen Erfolg.

Im Jahre 1938 dann wurde Frau Wise anlässlich einer weiteren Serie von Unterleibsoperationen im Mercy Hospital von einer Barmherzigen Schwester des hl. Augustinus besucht. In einer weißen Ordenstracht betete Schwester Clement mit der von Schmerzen geplagten Frau und machte sie mit dem Rosenkranz und anderen katholischen Andachtsgebeten bekannt. Als Protestantin lehnte sie alle diese Vorschläge der Nonne ab, insbesondere den Vorschlag, neun Tage zur hl. Theresia vom Kinde Jesu um ihre Heilung zu beten. Aber ihre Schmerzen überzeugten sie schließlich doch.

Bei einem darauffolgenden Krankenhausaufenthalt betete Rhoda Wise die neuntägige Novene zur hl. Theresia und konvertierte alsbald zum katholischen Glauben. Sie verließ das Mercy Hospital mit einem neuen Glauben und einer offenen Wunde, die einen Teil ihres Darmes freilegte. Der aufgebrochene Darm entleerte sich häufig und sonderte eine Flüssigkeit ab, die beim Heraustreten die Haut von Rhoda Wise verätzte.

In der Nacht des 27. Mai 1939, versicherte Wise, betrat Jesus ihr Zimmer und setzte sich auf einen Stuhl, der neben ihrem Bett stand. Der Erlöser erschien in leuchtender Gestalt. Sein Licht erfüllte den ganzen Raum. Bevor er ging, versprach Christus wiederzukommen.

Rhoda Wises Schmerzen waren so groß, dass sie bis zum Abend des 27. Juni 1939, als das Licht in ihr Zimmer zurückkehrte, um ihren Tod betete. Ihrem Tagebuch zufolge stand Jesus in der Tür und die hl. Theresia näherte sich ihrem Bett. Die Heilige legte ihre Hand auf ihre offene Wunde und sagte: „Früher hast du an mir gezweifelt. Du bist im Feuer erprobt und nicht für zu leicht befunden worden. Der Glaube heilt alles.“ Als sich das mystische Paar zurückgezogen hatte, war Rhoda Wise „überrascht zu sehen, dass die Wunde an meinem Unterleib… vollkommen geschlossen… und auch der durchgebrochene Darm völlig verheilt war“.

Frau Wise versicherte auch, dass die hl. Theresia sie später noch einmal besucht und dieses Mal ihren Gips entzweigebrochen hatte, bevor sie ihr rechtes Bein heilte. Nach langwierigen Untersuchungen und Befragungen berichtete der zurückhaltende geistliche Führer von Rhoda Wise, Monsignore George Habig, Freunden und Amtsträgern der Kirche, dass er die Heilungen für echt und übernatürlich halte. Die Nachricht von den wunderbaren Heilungen lockte jede Woche drei- bis fünfhundert Menschen zum Haus von Rhoda Wise. Schaulustige, Skeptiker und Pilger standen Schlange, um in das kleine ärmliche Haus einzutreten und eine Gelegenheit zu bekommen, die Seherin zu berühren. Rhoda Wise wurde zu einer Kultfigur.

Am Karfreitag 1942 quoll aus der Stirn von Rhoda Wise Blut. Im Laufe der nun folgenden Jahre sollte sie immer wieder die Passion Christi erleiden. Es traten dann freitags zwischen zwölf und fünfzehn Uhr starke Blutungen am Kopf, an den Händen und Füßen auf. Ihre Anhänger wussten damals noch nicht, dass Rhoda Wise sich zwei Jahre zuvor selbst als „Opferseele“ (wie die hl. Theresia) für gute Priester und Ordensleute Gott angeboten hatte. Sie ging dabei von der in der katholischen Tradition verwurzelten Vorstellung aus, dass man sein Leiden als Wiedergutmachung für die Fehler anderer Gott aufopfern kann.

Von 1940 bis zu ihrem Tode sollte Rhoda Wise ein Werkzeug für zahllose Wunder sein. Es gibt Berichte aus dieser Zeit, die Zeugnisse von Menschen enthalten, die an Krebs, Ohrenentzündungen, psychischen Krankheiten und Kropferkrankungen litten – und geheilt wurden, nachdem sie die beleibte Mystikerin besucht hatten. Während ihrer Busfahrt schilderte Catherine Barthel dies alles Mae Rizzo.

Barthels wunderbare Erzählung erweckte neue Hoffnung in Mae. Denn schließlich kannte Catherine diese Frau und arbeitete für sie. Dann musste es ja stimmen. Auf ihrem Weg nach Hause machte sie der Gedanke richtig froh, dass Rhoda Wise vielleicht Rita von ihrem Magenleiden befreien konnte. Auch wenn die Chancen vielleicht nur gering waren, so war es dennoch einen Versuch wert.

Rita war sich da gar nicht so sicher, und die angeblichen Zeichen und Wunder von Rhoda Wise waren alles andere als überzeugend: „Ich war mit meinem Überleben viel zu sehr beschäftigt, um mich um die Religion zu kümmern… Mein Glaube befand sich auf keinem hohen Niveau, wenn er sich überhaupt auf irgendeiner Stufe befand. Jedoch war ich froh darüber, dass meine Mutter hingehen wollte. Deshalb dachte ich mir: Was kann ich schon verlieren?“

Am selben Abend im Januar trotzten Rita und Mae einem Schneesturm und bestiegen ein Taxi, um Rhoda Wise zu besuchen. Als sie das Haus erreichten, stand die untersetzte, joviale Hausbesitzerin mit rosafarbener Gesichtsfarbe, die an eine Nelkenblüte erinnerte, bereits an der Tür.

Frau Wise bat Rita und ihre Mutter in ihr Schlafzimmer. Ein großer Altar beherrschte den Raum, auf dem Statuen der hl. Theresia, der Muttergottes und eine Herz-Jesu-Statue standen. Vor dem Altar an der rechten Seite stand der Küchenstuhl aus Holz, auf dem Jesus, wie Rhoda Wise berichtet hatte, während seiner Besuche bei ihr saß. Sie schlug Rita vor, sich auf den „Stuhl unseres Herrn“ zu setzen, während sie sich mit Mae unterhielt. Bevor der halbstündige Besuch zu Ende war, gab Frau Wise Rita „Gebete zur Kleinen Blume“ mit und sagte ihr, sie solle „irgendeine Art von Opfer bringen und versprechen, nach ihrer Heilung die Verehrung der hl. Theresia zu verbreiten“. Das war alles. Frau Wise hatte Rita weder berührt noch über sie ein Gebet gesprochen. Sie schenkte ihr lediglich ein Gebetskärtchen für die Novene und begleitete dann ihre Gäste hinaus.

Rita ging nach Hause und tat alles, was Frau Wise ihr aufgetragen hatte. Jeden Tag beteten ihre Mutter und Großmutter mit ihr die neuntägige Novene. Ritas Krämpfe hörten nicht auf, auch nicht die Schmerzen.

Bis zu den frühen Morgenstunden des 17. Januar 1943, als der neunte Tag der Novene vorüber war, geschah nichts. In der Dunkelheit jener morgendlichen Stunden spürte Rita die „stechendsten Schmerzen“, die sie je empfunden hatte. „Es war, als zöge etwas meinen Magen aus dem Leib heraus“, sagte sie. Um dem Schmerz zu begegnen, den sie erfahrungsgemäß ja schon erwartete, wollte sie vor dem Aufstehen das Korsett anlegen. Doch dann hörte sie eine Stimme, die ihr befahl, ohne das Korsett aufzustehen und zu gehen.

„Ich wusste nun, dass ich dieses Stützband nicht mehr brauchte, und ich wusste auch, dass ich geheilt war“, sagte Mutter Angelica, auch wenn ihr Magen noch immer wehtat. „Ich hatte zwar tatsächlich immer noch Schmerzen, aber sie waren anders.“

Zaghaft schlenderte sie in die Küche, in der Großmutter Gianfrancesco gerade beim Kochen war. „Oma, ich möchte gerne ein Schweinekotelett“, sagte sie.

Die abgespannte Frau drehte sich schnell um. „Testadura! [„Dickkopf!“] Du kannst doch keine Schweinekoteletts essen!“

„Doch, Oma, das kann ich.“ Rita schob das Oberteil ihres Schlafanzuges hoch und zeigte ihren Bauch. Die blaue Färbung war verschwunden, ebenso die Schwellung. „Ich bin geheilt!“

Die alte Dame wandte sich wieder ihrer Bratpfanne zu und fing an, ein Schweinekotelett zu braten. Als Mae in die Küche kam und die Neuigkeit erfuhr, wurde sie hysterisch. Zwischen Begeisterungsstürmen und ängstlichen Befürchtungen hin- und hergerissen, regte sich Mae derart auf, dass Großmutter Gianfrancesco ihr erst einmal eine Ohrfeige geben musste, um sie in ihren Gefühlsausbrüchen zu beruhigen. Mae schleuderte die Küchentür auf und brüllte über die Weinstöcke zum Haus ihres Bruders Nick hinüber: „Rita ist geheilt. Rita ist geheilt. Es ist ein Wunder!“

Rita strahlte, als sie auf dem freien Platz neben dem Haus stand, umringt von den Gianfrancescos. Um die Echtheit des Wunders zu überprüfen, ermunterte sie ihre zehnjährige Cousine Joanne, mehrmals auf ihren Bauch zu schlagen. Das machte das Kind auch. Heute ist Joanne noch immer überzeugt: „Der Bauch war völlig geheilt.“

Am 6. Februar 1943 wurde eine Röntgenaufnahme von Ritas Magen gemacht, vermutlich um die Heilung zu bestätigen. In einem Brief an Monsignore Habig vom 19. März 1943 beschrieb der Arzt Dr. Wiley Scott das Mädchen als „eine neurotische Frau mit einer Mentalität, die jederzeit offen ist für Suggestionen“. Wie Mutter Angelica selbst zugab, litt sie zu dieser Zeit zwar an einer bestimmten Form der Neurose, doch ihr cholerisches Temperament und ihr starker Wille schienen indes kaum anfällig für solche äußeren Einflüsse zu sein.

Dr. Scott argumentierte, dass seine Änderungen an Ritas Korsett im Mai 1942 eine „mentale Suggestion“ hervorgerufen hätte, weshalb sie meinte, ihr Zustand hätte sich verbessert. Das war nicht gerade überzeugend, denn sonst hätte sich Rita wohl weder darüber beklagt, dass ihre Schmerzen acht Monate später noch schlimmer wurden, noch hätte sie die Dienste von Rhoda Wise in Anspruch genommen, um durch ein Wunder geheilt zu werden. Es wäre auch schwer vorstellbar, dass eine bloße „mentale Suggestion“ die Kraft hätte, eine verfärbte Unterleibsgeschwulst zu beseitigen.

Gegen Ende seines Briefes verwarf Dr. Scott die Möglichkeit einer Heilung, wobei er eindeutig feststellte, dass „keine anatomische Veränderung im Röntgenbefund vom 6. Februar 1943“ vorhanden sei. Doch eine solche Diagnose ist zu bezweifeln. Denn Dr. Scott widersprach sich selbst zuvor im gleichen Brief, als er nämlich schrieb: „Ich hatte mir die Röntgenbilder angesehen, die von ihr zuerst im Mercy Hospital gemacht wurden. Die Aufnahmen vom 6. Februar 1943 habe ich nicht gesehen.“ (Hervorhebung als Kursivschrift durch den Autor). Wenn er also diese nach der vermuteten Heilung aufgenommenen Bilder nicht gesehen hatte, wie konnte der Arzt dann Ritas gegenwärtigen Zustand glaubwürdig einschätzen oder ein ehrliches, auf einer Vergleichsstudie beruhendes, medizinisches Gutachten erstellen? Entweder war das nun ein eklatanter Druckfehler, oder aber es deutet alles darauf hin, dass Dr. Scott die Röntgenaufnahmen nach der Genesung niemals zu Gesicht bekam und somit ein Urteil abgab, das sich weitgehend auf Ritas emotionalen Zustand und frühere Besuche stützte. Doch da Ritas medizinische Akten vernichtet wurden, gibt es keine Möglichkeit mehr, ein unabhängiges Urteil einzuholen.

„Ich weiß nur, dass ich wieder so viel an Gewicht zunahm, wie ich vorher verloren hatte. Der ärztliche Befund interessierte mich überhaupt nicht. Er war mir egal“, sagte Mutter Angelica. Für Rita war die Heilung eine umwerfende Erfahrung, ein Meilenstein, der ihrem Leben eine ganz neue Richtung gab.

Die Liebesbeziehung

„Als der Herr zu mir kam und mich auf die Fürsprache der Kleinen Blume heilte, hatte ich eine ganze andere Einstellung. Ich wusste, dass es einen Gott gibt. Ich wusste, dass Gott mich kennt und liebt und an mir interessiert ist. Das wusste ich vorher nicht. Nach meiner Heilung wollte ich mich aber nur noch Jesus hingeben und nichts anderes mehr.“

Da sich Rita nicht sicher war, wie sie das tun sollte, wandte sie sich an den heiligsten Menschen, den sie kannte, Rhoda Wise, die für sie zu einem Vorbild an Heiligkeit wurde und sie wesentlich in ihrer Spiritualität beeinflussen sollte. Jeden Sonntag schlossen sich die Rizzos den Menschenmengen an, die das Haus von Rhoda Wise bevölkerten. Dort saß Rita zu Füßen von Rhoda Wise und lernte tatsächlich, wie man heilig wird. Sie erinnerte sich daran, wie sie neben der Mystikerin auf einem „kleinen Schemel saß und ihre Füße hochhielt, weil manche Leute auf die Stigmata drücken wollten“.

Von Frau Wise lernte sie auch, geduldig mit übereifrigen Menschen umzugehen, die manchmal das Objekt der Gnade Gottes mit Gott selbst verwechselten.

Ihr Versprechen, die Verehrung der Kleinen Blume und des Heiligsten Herzens Jesu zu verbreiten, hat Rita eingelöst. Sie verschickte persönliche Briefe, Gebetskärtchen und Herz-Jesu-Medaillen an jeden, der an Frau Wise geschrieben hatte. Einer dieser Briefe vom September 1943 enthüllt die Tiefe der Bekehrung Ritas: „… bevor ich geheilt wurde, war ich eine laue Katholikin. … jetzt liebe ich [unseren Herrn] so sehr, dass es Zeiten gibt, in denen ich meine, sterben zu wollen. Wenn ich an all das denke, was Er für mich getan hat, und daran, wie wenig ich für Ihn tat, dann könnte ich nur noch weinen.“

In ihrem privaten Leben übernahm Rita jetzt eine Reihe von Frömmigkeitsübungen, die in der Rückschau wie eine Generalprobe für das Ordensleben anmuten. Als Dank und zur Erinnerung an ihre Heilung beschränkte sie sich samstags auf Zwieback und Tee. Sie begann mit der Lektüre geistlicher Literatur, wie etwa dem Buch Die mystische Stadt Gottes von Maria von Agreda. Auf ihrem Heimweg von der Arbeit blieb Rita häufig noch im Bus und fuhr am Haus ihrer Großmutter vorbei, um zu der St. Antonius-Kirche zu gehen, wo sie den Kreuzweg betete. Durch den Kontakt zu Rhoda Wise und ihren Wundmalen wurde für sie die Passion Christi zur Realität. Sein Leiden war nicht mehr eine Theorie oder eine Erzählung aus vergangenen Zeiten, sondern sie war reale Gegenwart. An jedem Werktag betrachtete sie das Leiden Christi. Dabei konnte sie durch das aufgenommene Licht ihre eigenen Wunden auf eine ganz neue Weise betrachten.

Im Büro bei Timken stand an der Ecke ihres Schreibtisches ein Bild von Jesus mit der Dornenkrone. Auf den Vorwurf eines Arbeitskollegen, „Werbung für ihre Religion zu machen“, entgegnete sie: „Wenn Sie ein Bild eines Filmstars oder eines von Ihnen geliebten Menschen haben, dann stellen Sie es doch auch auf. Das ist nun eben mein Geliebter, und deshalb bleibt es auch hier stehen.“

Alles deutete darauf hin, dass Jesus ihre große Liebe war. Die einzige mögliche Anfechtung war nur noch ein Mann namens „Adolph“ Gordon Schulte, der in Rhoda Wises Haus wohnte und Rita öfters zum Essen in das Restaurant Purple House in Canton einlud. Die gelegentlichen Ausflüge ließen manche Leute, so auch die Tochter von Rhoda Wise – Anna Mae – vermuten, dass die beiden „miteinander gingen“. Schulte bestritt dies jedoch. „Sie war eine reizende und interessante Person, und man konnte sich nett mit ihr unterhalten“, erzählte er mir. „Aber es war nichts Ernstes, sondern wir waren immer ganz zwanglos zusammen.“

Ritas beste Freundin zu dieser Zeit, Elsie Machuga, stimmte dem zu: „Ich glaube, er traf sich gerne mit ihr und brachte ihr auch immer wieder Devotionalien mit. Aber sie war zu jedem freundlich.“

Über ihr Verhältnis zu Schulte befragt, sagte Mutter Angelica ganz offen: „Ich war nie verrückt auf Sex und wollte mich auch nie verabreden. In dieser Hinsicht bin ich ein Eunuch. Es war mir überhaupt nicht wichtig. Das war einfach nichts für mich.“

Nur einmal zeigte Rita in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung. Steven Zaleski, der aus Canton stammte und mit Rita seit dieser Zeit bekannt war, erinnerte sich an eine Mission in der Herz-Jesu-Kirche in der Clark Avenue. Als die Gläubigen nach vorne gingen, um den aus Holz geschnitzten gekreuzigten Christus zu verehren und anzubeten, „küsste Rita Ihn auf sein Herz mit großer Inbrunst, sehr persönlich, als ob Er ihr Geliebter wäre“.

In ihrem Schlafzimmer hatte Rita, ganz nach dem Vorbild von Rhoda Wise, einen Altar am Fuß ihres Bettes aufgestellt. Er war mit hellem Stoff bedeckt. Darauf standen zwei große Statuen des Heiligsten Herzens Jesu und der Muttergottes, umgeben von kleinen Bildern des Prager Jesulein, des hl. Antonius von Padua sowie genau in der Mitte der hl. Theresia von Lisieux. Vor dem Altar befand sich eine schlichte Kniebank, auf der Rita in den frühen Morgenstunden betete – eine Gepflogenheit, die ihre Mutter verhindern wollte. Eines Morgens stellte Mae zu ihrem Entsetzen fest, dass unter Ritas Schlafanzug ein Bußgürtel herausschaute.

„Sie bekam damit einen dezenten Hinweis, dass irgendetwas im Gange war, und darüber war sie nicht gerade froh“, erinnerte sich Mutter Angelica lachend mehr als fünfzig Jahre später. Die Liebe zu Christus nahm in Ritas Leben jetzt die vorrangige Stellung ein und nahm langsam allen anderen Beziehungen ihren Stellenwert, selbst der Beziehung zu Mae Rizzo.

Vielleicht fühlte sich Mae bedroht, jedenfalls warnte sie Rita davor, „allzu fromm“ zu werden. Sie brachte dies auch der Großmutter Gianfrancesco gegenüber zum Ausdruck. „Sie gehört uns jetzt nicht mehr“, sagte die runzlige alte Frau, als ob sie eine Vorahnung hätte. Das wollte aber Mae nicht hören. Etwa zur selben Zeit erhielt sie weitere schlechte Nachrichten.

Im Sommer 1943 heiratete John Rizzo zum zweiten Mal. Mit fünfzig Jahren heiratete er eine vierundzwanzigjährige Frau, eine Schulkameradin von Rita. Es gibt zwar keine Aufzeichnung über Maes Reaktion, aber Ritas Heilung, verbunden mit Maes Festanstellung, milderten den Schlag vermutlich ab. Mae hatte zu dieser Zeit den Namen Rizzo bereits abgelegt und nannte sich nunmehr Mae Francis. Sie bestand darauf, dass auch Rita diesen neuen Namen annahm.

An einem Nachmittag im Herbst 1943 hatte die einundzwanzigjährige Rita Francis gerade ihren gewohnten Kreuzweg in der St. Antonius-Kirche beendet. Sie kniete am Seitenalter vor der Statue der Schmerzensmutter – es war übrigens dieselbe Statue, die am Tag ihrer Taufe auf sie herabgeschaut hatte. Als Rita das Abschlussgebet der Danksagung anstimmte, überkam sie eine „tiefe Erkenntnis“, dass sie „eine Berufung habe“. Ganz plötzlich spürte sie, dass sie „dorthin gehen müsse, wo immer der Herr sie hinsenden sollte“. Sie wurde immer noch von den Gedanken an die harten Nonnen aus der Grundschule geplagt. Deshalb zögerte sie zunächst, bevor sie sich ihrer Eingebung wieder zuwandte. Mutter Angelica erzählte mir: „Ich habe immer gedacht, wenn der Herr mir etwas befiehlt, dann mache ich das auch.“ Und so geschah es.

Sie suchte Monsignore Habig, den Seelenführer von Rhoda Wise, auf, um seinen Rat einzuholen. Er bestätigte ihre religiöse Berufung und war damit einverstanden, sie geheim zu halten, um Mae Francis nicht übermäßig zu beunruhigen. Zur Festigung ihrer Berufung verbrachte Rita nun mehr Zeit im Haus der Rhoda Wise.

Es war in jeder Hinsicht ein seltsames Haus. Besucher beschrieben ein helles Licht, das im vorderen Schlafzimmer immer dann auftauchte, wenn Rhoda mit Jesus sprach. Sie berichteten außerdem auch, gelegentlich ein Geräusch zu hören, das durch das ganze Haus hallte, und das Frau Wise der Erscheinung der hl. Theresia zuschrieb. In den Vierzigerjahren zogen solche unerklärlichen Vorgänge und natürlich auch die Mystikerin selbst einen andauernden Strom von Menschen an. Darunter waren auch Nonnen. Rhoda Wise war mit vielen Ordensfrauen befreundet. So wurde sie für Ritas Berufung eine stärkende Quelle. Da die Mystikerin von Ritas Absicht erfuhr, in einen Orden einzutreten, beschaffte sie der jungen Frau eine Liste mit Ordensgemeinschaften sowie den jeweiligen Oberinnen, die sie anschreiben konnte.

Doch Ritas Schulzeugnisse waren so schlecht, dass sie von keinem Schulorden angenommen wurde. Später begegnete sie im Haus von Rhoda Wise einer Gruppe von Josephitinnen, die in Buffalo mit den Taubstummen arbeiteten. Dies weckte Ritas Interesse und sie beschloss, die Josephitinnen im Staat New York zu besuchen.

Der Schwindel mit Buffalo

Um nach Buffalo zu fahren, ohne dass es bekannt wurde, musste Rita die Stadt heimlich verlassen. Ritas Freundin Elsie Machuga und deren Mutter Anna unterstützten Ritas religiöse Berufung. Sie ermutigten sie, Gottes Anruf zu folgen, auch wenn es bedeutete, Mae zurückzulassen. So wurden die Machugas Ende 1943 zu ihren Komplizinnen.

Für Mae ersann man daher folgende Geschichte: Rita und Elsie sollten am Wochenende nach Cleveland fahren. Mae misstraute dieser Geschichte, da Rita damals kaum jemals eine Nacht außer Haus verbrachte. Doch schließlich war sie mit dem Vorhaben einverstanden. Der Trick mit Cleveland würde Rita die Gelegenheit bieten, die Schwestern in Buffalo zu besuchen und am Sonntagabend wieder zurückzukehren, ohne dass Mae etwas davon bemerkte. Zumindest war das der Plan.

Am Sonntagabend klingelte um 22 Uhr im Haus der Machugas das Telefon. Elsie hob den Hörer ab, weil sie dachte, es sei Rita, die von ihrem Abenteuer aus Buffalo zurück wäre. Doch stattdessen hörte sie die wütende Stimme von Mae Francis:

„Wo ist Rita? Wie kommt es, dass du bereits zu Hause bist?“ herrschte Mae Elsie an.

„Sie wird bald da sein“, erwiderte Elsie.

„Du hast das alles angezettelt und bist verantwortlich für alles, was mit ihr geschieht“, brüllte Mae. „Ich werde kommen und dich in Stücke schneiden, wenn ihr irgendetwas passiert ist.“ Plötzlich trat eine Pause ein. Im Hintergrund konnte Elsie Ritas Stimme hören.

„Sie ist da“, verkündete Mae schroff, und dann war die Leitung tot.

Am nächsten Tag entschuldigte sich Rita vom Büro aus bei Elsie für das Betragen ihrer Mutter.

Obwohl Mae noch immer nichts von der Berufung ihrer Tochter wusste, musste sie gespürt haben, wie sich ihre Tochter von ihr löste. Maes fast verzweifelte emotionale Bindung erdrückte die junge Frau. „Ich glaube, dass das, was ihr Leben belastete, auch begann, mein Leben zu überschatten“, erklärte mir Mutter Angelica später.

Maes andauernde Beschäftigung mit Verletzungen aus ihrer Vergangenheit und ihr krankhafter Argwohn gegenüber jedem Menschen, der im Leben ihrer Tochter auftauchte, hemmte die Persönlichkeitsentwicklung von Rita. Obwohl Mae nach Ritas Heilung sogar selbst ihre eigene Bekehrung erlebte und eine aufrichtige Vertiefung ihres Glaubens erfuhr, konnte sie sich doch nicht zu einer völligen Unabhängigkeit durchringen. Ihre einundzwanzigjährige Stütze wurde immer noch gebraucht, wie man es an einer oft zitierten Geschichte erkennen kann. Mae behauptete, dass Rita ihr als Kind einmal sagte: „Irgendwann werde ich ein Schloss bauen und dich mit mir nehmen, damit wir dann beide darin wohnen.“ Nicht einmal zwanzig Jahre später sollten diese gehegten und gepflegten Worte prophetische Dimensionen annehmen. Zu jener Zeit wiesen sie jedoch auf eine Frau hin, die für ihr Überleben und für ihren Lebensunterhalt fast wie ein Parasit von ihrer Tochter abhängig war.

Unterdessen folgte Rita heimlich ihrer religiösen Berufung, zu der sie sich von Gott berufen fühlte. Ein Brief von den Josephitinnen wurde aufgeregt an Monsignore Habig weitergegeben. Darin stand, dass einige der Schwestern glaubten, dass Rita einen Ruf zum kontemplativen Leben habe, dass sie aber dafür stimmten, Rita trotzdem in den aktiven Orden aufzunehmen. Mit einem dünnlippigen Grinsen legte der alte Monsignore das Schreiben beiseite. „Nein, da kannst du nicht hingehen“, sagte er zu Rita. „Aber ich weiß, wohin du gehen solltest.“ Natürlich passte ein kontemplatives Leben besser zu ihr. Und da er vermutlich eine Einmischung durch Mae Francis befürchtete, gab er Rita die Adresse des Klosters St. Paul in Cleveland. „Da will Gott dich haben“, sagte ihr Monsignore Habig. Es war ein Klausurkloster der kontemplativen Franziskanerinnen.

Später sagte Mutter Angelica, „ich hatte nicht die leiseste Ahnung davon, was ein kontemplatives Kloster überhaupt war“, doch sie nahm das Wort des Monsignore im Glauben an und traf Vorbereitungen, das Kloster in Cleveland aufzusuchen.

Die Besichtigung

Peter Poss, Ritas Vorgesetzter bei Timken, gab ihr einen Tag frei und brachte sie zur Bushaltestelle. Er befürwortete ihre Reise. Er war ebenfalls damit einverstanden, sie um 17 Uhr wieder abzuholen und rechtzeitig zum Abendessen zu Hause abzuliefern, damit Mae keinen Verdacht schöpfen konnte.

Der Besuch der Wallfahrtsstätte St. Paul war einfach überwältigend. Die gotische Kirche im Stil der Gründerjahre stand an der Kreuzung der Euclid Avenue und der East Fortieth Street in Cleveland und war eine Festung des alten Glaubens in der modernen Welt. Die massive Kirche aus Sandstein, die im Jahr 1875 erbaut worden war, sah mit ihrem spitzen Glockenturm und den Türmchen, die Minaretten ähnelten, aus, als würde sie in den Himmel hineinragen. An der Seite der Kirche stand ein fünfstöckiges Backsteinkloster, das 1931 angebaut worden war. Rita betrat das imposante Gebäude mit einigem Zögern.

Schwester Magdalene, eine sympathische Nonne, führte sie in ein Sprechzimmer mit dunklen Vorhängen. Die ausgeprägte Stille und das dicke Metallgitter beunruhigten Rita wahrscheinlich. Als sie versuchte, ein Gespräch zu beginnen, auf das jemand auf der anderen Seite antworten würde, öffnete sich in dem Eisengitter eine Tür. Schweigend, wie Gespenster, standen zwei Nonnen auf der anderen Seite des geöffneten Eisengitters. Sie trugen dunkelbraune Ordenstrachten und einen schwarzen Schleier vor ihrem Gesicht. Rita starrte die schattenhaften Gestalten an. Sie war noch nie zuvor im Innern eines solchen Klosters gewesen, und sie war auch noch nie solchen Nonnen begegnet. Die Schwestern hoben ihre Schleier leicht hoch und stellten sich selbst in gedämpfter Stimme und mit deutschem Akzent vor. Eine der Schwestern war Mutter Mary Agnes, die Äbtissin des Klosters. Die andere, Mutter Mary Clare, war ihre Stellvertreterin. Einige Zeit sprachen die Nonnen über ihre Lebensweise und die Erwartungen, die sie an eine Postulantin stellten.

Rita sah sich das Umfeld und die seltsame Art der Nonnen genau an und kam dann schließlich, vielleicht ohne es selber völlig zu verstehen, zu einer Entscheidung: „Ich dachte mir, nun gut, Herr, hier willst Du mich also haben, hier soll ich eintreten.“

Bevor Rita wieder ging, erkundigte sich Mutter Agnes bei ihr, ob sie eine erste oder eine zweite Chorschwester werden wollte. Die ersten Chorschwestern sangen das tägliche Chorgebet und legten die feierlichen Gelübde ab, während die zweiten Chorschwestern Laienschwestern waren und sich tagsüber an der Reinigung des Klosters beteiligten. Da Rita den Unterschied nicht ganz verstanden hatte, antwortete sie: „Ich versuche es mit dem Singen.“

„Oh, haben Sie eine Altstimme?“, strahlte Mutter Agnes. „Wir bräuchten so dringend eine solche.“

Obwohl Mae einmal gesagt hatte, dass Rita „keinen Ton halten“ konnte, sagte sie zu, Alt zu singen, und wurde so eine erste Chorschwester.

„Das war eine weitere Fügung der Vorsehung“, erzählte mir Mutter Angelica. „Wenn ich nämlich nicht eine erste Chorschwester gewesen wäre, hätte ich niemals Äbtissin werden können. Laienschwestern konnten nicht Oberinnen werden – und wenn man sich einmal für etwas entschieden hatte, war der Wechsel in einen anderen Stand nicht mehr möglich.“

Rita versprach, am 15. August 1944 im Alter von einundzwanzig Jahren in das Kloster einzutreten.

Bei ihrer Rückkehr nach Canton beschrieb Rita ihrer Freundin Elsie das wunderbare Kloster in Cleveland und teilte ihr ihre Pläne für die Abreise mit. „Ich dachte einfach, na gut, Mädchen, dann geh!“, erinnerte sich Machuga später.

An einem Freitagnachmittag des Jahres 1944 lag Rhoda Wise im Bett und erlebte eine schmerzhafte Ekstase. Während ihre Wunden bluteten, fing sie an zu sprechen. Es war nach der Erinnerung von Catherine Barthel das einzige Mal, dass Rhoda Wise während einer ihrer übernatürlichen Agonien irgendetwas herausbrachte. „Rita? Meine Rita?“, war alles, was sie sagte. Als Barthel sich nach dieser Aussage zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal genauer erkundigen wollte, meinte Frau Wise, sie habe auf etwas geantwortet, was Jesus ihr über Rita Francis erzählt habe. Als Barthel in den Achtzigerjahren gefragt wurde, was dieses „Etwas“ gewesen sein könnte, konnte sie keine Auskunft darüber geben. Besucher im Haus von Rhoda Wise erinnerten sich daran, dass die Mystikerin prophezeit hatte, „Rita würde einmal Großes für die Kirche tun“. Mutter Angelica selbst erfuhr ebenfalls von dieser Prophezeiung. Obwohl sich diese Aussagen heute natürlich nicht mehr überprüfen lassen, sind sie letztlich auch nicht so bedeutsam wie der Einfluss von Rhoda Wise, durch den Rita Rizzo geprägt wurde.

Von Frau Wise selbst lernte Rita, dass Leiden ein Geschenk Gottes sein kann. Diese Lektion sollte ihr religiöses Leben und das zahlreicher anderer Menschen stark formen. Obwohl von den meisten Menschen eine direkte Kommunikation mit dem Göttlichen skeptisch betrachtet und auch abgelehnt wurde, war dies für Rita etwas ganz Natürliches, ja sogar etwas Selbstverständliches, nachdem sie Rhoda geistlich so nahegekommen war. Für die junge Rita durften mystische Erfahrungen mit den Heiligen oder Christus selbst nicht einfach abgetan oder infrage gestellt, sondern mussten beherzigt und befolgt werden.

Im August 1944 besuchte Rita das Haus von Rhoda Wise, wie sie vermutete, zum letzten Mal. Jahrzehnte später sollte sie es erben und dort eine Pilgerstätte errichten. Obwohl diese heute kaum mehr besucht wird, stehen das Haus und die Frau, die es einst besaß, dem Herzen von Rita Rizzo noch immer sehr nahe.

Im Haus der Gianfrancescos genoss Rita ihre letzten Augenblicke und nahm heimlich Bilder von ihrer Familie auf, die ein Leben lang vorhalten mussten. Rita konnte ihren Entschluss, dem Ordensleben beizutreten, zwar Freunden und Fremden mitteilen, brachte es aber nicht fertig, es Mae zu sagen. Sie konnte die Reaktion ihrer Mutter nicht einschätzen. Deshalb sagte sie gar nichts, als sie wie gewöhnlich am 15. August 1944 das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen. Peter Poss fuhr sie zur Bushaltestelle und bezahlte wieder ihre Fahrt nach Cleveland. Er versprach, einen an Mae Francis geschriebenen Brief per Eilboten abzuschicken. Für Rita war dies die einzige Möglichkeit, ihre Entscheidung zu verwirklichen.

Als sich die Bustüren hinter ihrer schwierigen Kindheit, der zerbrochenen Familie und der schweren Belastung durch Mae schlossen, blickte Rita auf eine heitere Zukunft, die sie zusammen mit ihrem Geliebten, mit Jesus, verbringen würde. Im Gebet und in der Stille kämpfte sie in Gedanken mit den Schuldgefühlen, ihre beste Freundin auf Erden verlassen zu haben. Aber sie musste ihren eigen Weg gehen. Das wollte Gott. Bald schon würde sie ganz von dieser Welt abgeschlossen sein. Rita erwartete, von all ihren Sorgen befreit zu werden. Als sie die sechzig Meilen weite Reise zu ihrer neuen Heimat hinter sich gebracht hatte, verblasste Canton in ihrem Gedächtnis. Sie stellte sich vor, die Stadt niemals wiederzusehen und glaubte, sanft in ein neues Leben der Demut und der Anonymität hinüberzugleiten.

4. Kapitel
Braut Christi

Der Brief mit der Aufschrift „per Eilboten“ erwartete Mae Francis bereits, als sie am 15. August 1944 das Wohnzimmer im Haus der Gianfrancescos betrat. Mit der rechten Hand riss sie den Umschlag auf und holte das Blatt heraus. Mae erstarrte, als sie die vertraute Handschrift erkannte. Ihre Augen überflogen den Brief bis zu den unterstrichenen Sätzen am unteren Ende der Seite. Die Schrift sah aus, als ob der Briefinhalt in angespannter Eile geschrieben worden wäre.

14. August 1944

Meine allerliebste Mutter,

wenn Du diesen Brief bekommst, werde ich in Cleveland sein. Ich bin in das Anbetungskloster an der Kreuzung zwischen Fortieth Street und der Euclid Avenue eingetreten. Du kennst es besser unter dem Namen Kloster St. Paul. Ich weiß, meine liebste Mutter, dass dies ein Schock für Dich sein wird. Doch wenn ich Dich um Erlaubnis gebeten hätte, wärst Du mit diesem Schritt nie einverstanden gewesen. Auf diese Weise eintreten zu müssen, hat mir furchtbar wehgetan. Ich wünschte mir, Du würdest mich Unserem Herrn als Seine Braut übergeben. Es wird für Dich schwierig sein, all das zu verstehen, doch dies ist Sein heiligster Wille. Seit meiner Genesung hast Du viele wundervolle Dinge für Unseren Herrn getan. Er hat jetzt eine Aufgabe für Dich. Es gibt viele Seelen, die Du zur richtigen Herde zurückführen kannst. Deine Aufgabe ist es, draußen Seelen für Ihn zu gewinnen. Befolge seine Bitte und übergib alles großzügig und ohne Vorbehalt Seinem Heiligsten Herzen. Weil ich Seine Braut sein werde, wird Seine Liebe für Dich außerordentlich wachsen. Er liebt Dich so sehr, dass er dieses Opfer von Dir erbittet. Er möchte in Deinem Herzen an erster Stelle stehen. Bisher hast Du mich vor Ihn gestellt. Unser Herr hat versucht, Dir all dies schon während Deines ganzen Lebens verständlich zu machen. Binde Dich nicht, meine liebste Mutter, an irgendjemanden oder an irgendetwas auf dieser Erde, sondern nur an Gott allein, der geduldig auf Deine ganze Liebe wartet. Ein Kloster, meine Mutter, ist ein Himmel auf Erden. Es ist das größte Privileg, das einem Menschen auf Erden geschenkt werden kann. Dies sagte unsere liebe Muttergottes zur seligen Maria von Agreda. Ich will Ihm dort mit jedem Atemzug sagen, dass ich Ihn liebe. Dort will ich Wiedergutmachung leisten für all die kalten Herzen auf der Welt. Nach meiner Heilung geschah etwas in mir. Was es war, weiß ich nicht. Ich verliebte mich ganz und gar in Unseren Herrn. Es war schwer für mich, in den vergangenen neunzehn Monaten in der Welt zu leben. Ich liebe Dich sehr und habe nicht vergessen, was Du alles für mich getan hast. Meine Liebe für Dich ist seit meiner Heilung noch gewachsen, doch wenn ich noch einen Monat länger in der Welt hätte leben müssen, hätte ich sie ganz verlassen und wäre in unsere ewige Heimat eingegangen. Ich gehöre der Welt nicht. Bitte vertraue Ihm. Du kannst mir immer schreiben und mich alle zwei Monate einmal besuchen. Du kannst mich am geöffneten Gitter sehen. Ich werde Dir einmal monatlich schreiben. Zuerst gehören wir Gott, dann erst unseren Eltern. Wir sind Seine Kinder. Ich bitte um Deinen Segen, dass ich die Höhen erreichen kann, die ich anstrebe. Ich liebe Dich sehr. Ich möchte Großmutter für alles danken, was sie für mich getan hat. Mein Geliebter wird sie reich belohnen. Auch sie kann mich bei geöffnetem Gitter besuchen. Ich hab Dich lieb!

Für immer Deine

Rita xxxxxx

Tränen strömten über Maes Gesicht. Zuerst hatte der Mann, den sie liebte, sie verlassen, und jetzt war ihr Kind, ihr Fels, seinem Beispiel gefolgt. Die Schmerzen gingen in Zorn über. Ein stundenlanges Selbstgespräch mit einer Schimpftirade des Selbstmitleids setzte ein. „Mein einziges Kind ist von mir gegangen“, schrie sie hysterisch. Als sie Großmutter Gianfrancesco und Onkel Pete den Brief zeigte, schlossen sie sich Maes wildem Gebaren an und waren beide außer sich.

„Es war, als wäre ich gestorben“, erläuterte Mutter Angelica. „Man erzählte sich, dass man meine Mutter auf der ganzen Straßenzeile schreien hörte. Sie rannte die Straße hinunter und wollte den Pfarrer aufsuchen, weil sie vermutete, ich hätte von ihm den Taufschein und die Geburtsurkunde bekommen. Der Pfarrer bejahte dies, machte aber meiner Mutter verständlich, dass er es nicht als seine Aufgabe betrachtet hätte, meiner Mutter meinen Entschluss mitzuteilen.“

In den darauffolgenden Monaten kam bei Mae immer ein tiefes Gefühl der Enttäuschung und der Wut auf, wenn sie an Rita dachte. Freunden erzählte sie, dass Rita „undankbar“ gewesen sei und sie „mutterseelenallein“ zurückgelassen habe.

Eine äußerst strenge Lebensweise

Am Abend des 15. August 1944 schritt Rita von der Euclid Avenue in Cleveland in die Dunkelheit des Klosters St. Paul von der Ewigen Anbetung hinein. Innen wurde sie angewiesen, sich vor der riesigen Holztüre zur Klausur niederzuknien. Dann öffnete sich das Portal zu ihrem neuen Leben. Dort, auf dem dämmrigen Flur, der durch einige paar Glühbirnen beleuchtet war, standen sich Mutter Mary Agnes, Mutter Mary Clare und die anderen Ordensschwestern in zwei Reihen gegenüber. Die Schleier verdeckten die einzelnen Nonnen. Als Rita sich wieder erhoben hatte, wandten sich die Schwestern dem Innenbereich des Klosters zu und geleiteten sie singend zur Kapelle. Diese Zeremonie mit ihrer Feierlichkeit erschien Rita überirdisch und erfüllte sie mit Staunen. Sie war begeistert. Schon bald sollte sie zu einer Gefangenen der göttlichen Liebe werden, zu einer Franziskanerin vom Allerheiligsten Altarsakrament.

Der französische Orden der Armen Klarissen wurde 1854 von Pater Bonaventure Heurlaut und Joséphine Bouilleveaux (der späteren Mutter Marie de St. Claire) gegründet. Pater Bonaventure, ein eifriger Priester, stellte sich einen religiösen Orden vor, der sich der Anbetung Jesu Christi im Allerheiligsten Altarsakrament widmen sollte. (Gemäß der katholischen Glaubenslehre ist die konsekrierte Hostie, das Sakrament der Eucharistie, das auch „Allerheiligstes Altarsakrament“ oder einfach „Allerheiligstes“ genannt wird, kein Symbol, sondern tatsächlich Leib, Blut, Seele und Gottheit Christi). Pater Bonaventure fehlte jedoch noch eine weibliche Superiorin. Als er die älteste Tochter des Bürgermeisters von Maizières, Joséphine Bouilleveaux, kennenlernte, hatte er seine Gründerin gefunden.

Bouilleveaux war bekannt für ihren starken Willen. Wie auch Pater Bonaventure hörte sie Stimmen und empfing Botschaften von Gott. Gemeinsam gründeten sie am 8. Dezember 1854 in einer Pariser Wohnung den Orden der Schwestern der Unbefleckten Empfängnis. Der Orden verdankt seinen Namen dem Dogma der Unbefleckten Empfängnis, das genau am selben Tag von Papst Pius IX. verkündet worden war. Dieses Dogma legt fest, dass die Jungfrau Maria von der Empfängnis an von jedem Makel und von jeder Sünde bewahrt blieb. Zur Ehre der Jungfrau Maria nannte sich Bouilleveaux jetzt Schwester Marie de St. Claire und weihte sich und alle ihre zukünftigen Töchter der Gottesmutter. Sie bestimmte, dass fortan jede Nonne des Ordens den Namen Maria annehmen sollte.

Schließlich zogen die Schwestern nach Troyes in Frankreich um. Unter dem Patronat des Ortsbischofs errichteten sie dort ein festes Kloster und bezeichneten sich nun als Franziskanerinnen vom Allerheiligsten Altarsakrament. In der Tradition des hl. Franziskus und der hl. Klara von Assisi pflegte der Orden einen starken Glauben und ein kindliches Vertrauen auf Gott in allen Dingen.

Unter der Oberin Mutter Marie de St. Claire bestand die Mission des Ordens in der immerwährenden Danksagung und Anbetung des Allerheiligsten Altarsakraments, um für die Undankbarkeit der Menschheit Gott gegenüber Wiedergutmachung zu leisten. Ein Schritt, der noch eine besonders große Bedeutung für Mutter Angelica bekommen sollte, war die Erhebung des Ordens zu einem Päpstlichen Institut durch Papst Pius IX. am 15. September 1868. Seit dieser Zeit war dieser religiöse Orden nur noch dem Heiligen Stuhl in Rom unterstellt.

Vom Mutterhaus in Frankreich aus wurde von Mutter Marie vom Kreuz ein neues Kloster in Polen und später in Wien in Österreich aufgebaut. Mutter Marie vom Kreuz starb 1906, kurz nachdem sie an der Feier teilgenommen hatte, bei der eine österreichische Nonne namens Schwester Maria Agnes die ewigen Gelübde abgelegt hatte. 1921 überquerte diese Nonne den Ozean und begründete den ersten amerikanischen Zweig des Ordens in Cleveland in Ohio.

Es war dieselbe Nonne, nunmehr Mutter Mary Agnes genannt, die in der Kapelle in Cleveland, deren Decke aus Mahagonibalken gefertigt war, im Sommer 1944 Ritas Versprechen, den Franziskanerinnen beizutreten, entgegennahm.

Im Anschluss an die Zeremonie führte Schwester Veronica, die Novizenmeisterin, die so leise sprach, als würden Engel ihre Gespräche belauschen, Rita in das im zweiten Stockwerk gelegene Noviziat. Hier sollte Rita, abgeschlossen von der größeren Gemeinschaft, als Postulantin herausfinden, ob das klösterliche Leben für sie das Richtige wäre.

Traditionsgemäß war eine Frau in einem Orden sechs Monate lang Postulantin. Nach dieser Zeit wurde sie Novizin, wurde eingekleidet und bekam einen neuen Namen. Noch später, wenn feststand, dass sie das Leben aushielt, erlaubte man der Schwester, die zeitlichen Gelübde abzulegen. Mit Zustimmung der Nonnen, die ihre ewigen Gelübde bereits feierlich abgelegt hatten, wurden die Gelübde dann drei Jahre lang jedes Jahr durch die Anwärterin erneuert. Dann konnten die Schwestern nach sechs Jahren ihre ewigen Gelübde ablegen. Ein solcher Prozess war anstrengend. Rita hatte damit von Anfang an Probleme.

Der normale Alltag im Kloster St. Paul erlaubte nur wenig Abwechslung. Die Nonnen hielten einen strengen Zeitplan ein, um die täglichen Chorgebete zu verrichten. Diese wurden viermal täglich gesungen, zwei Stunden lang wurde Eucharistische Anbetung gehalten, die gemeinsame hl. Messe wurde gefeiert und auch zusammen der Rosenkranz gebetet. Geistliche Lesung, Freizeit, Haushaltsarbeiten und Mahlzeiten rundeten ihren Tagesablauf ab. Alle Tätigkeiten waren streng geregelt, auch das pflichtgemäße morgendliche Aufstehen um 4.50 Uhr. Sobald die Holzklapper morgens im Gang ertönte, musste die Nonne, wie es in der Ordensregel vorgeschrieben war, ihr Ecce adsum („Siehe, hier bin ich, oh Herr, Deinen heiligen Willen in allen Dingen zu erfüllen!“) rufen, sich bekreuzigen und den Boden dreimal zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit küssen. Beim Waschen musste man sich auf den Boden knien. Diese und andere Regeln wurden strengstens befolgt. Abweichungen waren nicht erlaubt. Wer den hohen Anforderungen nicht gerecht werden konnte, wurde zum Verlassen des Ordens aufgefordert.

Rita trug ein einfaches schwarzes Kleid und eine Mütze und versuchte, sich dem klösterlichen Leben anzupassen. Zu ihren Anfangsaufgaben gehörte es, Fußböden zu reinigen und Hostien zu backen. Schon in den ersten Wochen im Kloster kam sie zu spät zum Gebet und ließ es sich zur Gewohnheit werden, die älteren Schwestern zu stören, indem sie gegen die Klausurtüren rempelte.

Nichts davon entging dem wachsamen Auge von Mutter Agnes. Mit ihrer deutschen Gründlichkeit begann die Äbtissin, Schwester Rita zurechtzustutzen, indem sie der jungen Postulantin eine Reihe von Demütigungen auferlegte, die ihr den Gehorsam beibringen sollten. Bei jeder zufälligen Begegnung mit der Äbtissin musste Rita sofort jede Tätigkeit einstellen, niederknien und das Skapulier der Mutter Oberin küssen. Doch dabei ließ es Mutter Agnes noch nicht bewenden. In Gegenwart der gesamten Gemeinschaft wies die Äbtissin auf Schwester Ritas Vergehen hin, ganz besonders auf die Flatterhaftigkeit, mit der sie jedes Mal zur Türe hereinkam. Zur Buße musste die beherzte Schwester in der Mitte des Refektoriums, wo die Nonnen aßen, niederknien und ein Gebet aufsagen, das mit den Worten begann: „Ich bin nichts, ich kann nichts, ich bin nichts wert. Ich habe nichts außer meinen Sünden.“

„Apfelmus“, sagte Schwester Rita insgeheim manchmal zu sich, nachdem sie diese Litanei beendet hatte. Diese Buße sollte nun „Montag für Montag für Montag“ wiederholt werden, bis die Nonne das Gesagte als Wahrheit anerkannte. Während diese Prüfungen ihre Gefährtinnen zu Tränen rührten, ließ sich Schwester Rita durch sie weder kleinkriegen noch besonders beeindrucken.

„Mein ganzes Leben stand im Zeichen des Überlebens, und ich glaubte, dass dieser Überlebenskampf jetzt einfach nur an einem anderen Ort stattfand“, erzählte mir Mutter Angelica. „Im Kloster hatte ich viel Sicherheit, und ich musste mich um nichts kümmern.“

Doch nach nur einem Monat Aufenthalt im Kloster erkrankte Rita an einer Lungenentzündung. In den Akten des Klosters steht, dass sie „die Erlaubnis bekam, ins Krankenhaus zu gehen“. Einige Zeit später verließ sie nach einer Halsentzündung die Klausur zum zweiten Mal, um sich die Mandeln entfernen zu lassen. Die schwache Gesundheit der Postulantin wurde für ihre Vorgesetzten allmählich ein Grund zur Besorgnis.

Gegen Ende des Monats September 1944 wurde Rita in das Sprechzimmer gerufen. Da es vorgeschrieben war, bei Besuchen von Gästen immer eine Aufsichtsperson bei sich zu haben, kam Rita in Begleitung von Schwester Veronica. Auf der anderen Seite des geöffneten Gitters saß Onkel Nick Gianfrancesco. In seinen tief eingesunkenen Augen war ein Schimmer von Trauer zu bemerken. Er war gekommen, um Rita mitzuteilen, dass Großmutter Gianfrancesco verstorben war und versuchte als Maes Abgesandter, sie zu überreden, nach Hause zurückzukehren. Doch irgendwie fand er nicht die richtigen Worte. Fast eine Stunde lang, während Rita über den neuen gekürzten schwarzen Schleier sprach, den sie gerade erst erhalten hatte, sowie über die Schönheiten des Klosters, weinte Onkel Nick, als wäre er bei einer Beerdigung. Auf Nick Gianfrancesco musste die ungewohnte Umgebung wie ein Gefängnis gewirkt haben.

„Bist du denn hier glücklich?“, fragte er schluchzend.

„Oh ja, Onkel Nick!“

Beruhigt tupfte er sich die Tränen ab und fuhr wieder zurück nach Canton.

Dort konnte Mae Francis Ritas Entschluss noch immer nicht begreifen und akzeptieren. Die erfahrene Äbtissin, die die Familiensituation ganz richtig einschätzte, schrieb an Mae und lud sie ein, das Kloster anlässlich der Feier der Einkleidung einer anderen Schwester zu besuchen. Die Äbtissin beabsichtigte, der Mutter das klösterliche Leben vorzustellen, um langsam ihre ablehnende Haltung zu ändern.

Im November 1944 gab Mae schließlich ihre Ablehnung auf und fuhr nach Cleveland. Sie durfte zwar Mutter Agnes, aber nicht Rita, sehen. Um Maes Enttäuschung ein wenig abzumildern, bemühte sich die Äbtissin „außergewöhnlich um sie“. Mit Güte und Freundlichkeit versuchte sie, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Allmählich ließ Maes Widerstand gegenüber Ritas Berufung nach. Bei ihren Aufenthalten im Kloster bewohnte Mae ein Zimmer außerhalb der Klausur. Sie fühlte sich als Teil der Klosterfamilie und fing langsam an, Ritas Entscheidung zu verstehen.

Während ihrer ganzen Postulatszeit vertiefte sich Rita in geistliche Schriften. Sie studierte einfach alles, angefangen von den Lebensbeschreibungen der Heiligen bis hin zu der Regel ihres Ordens. Diese Werke, gepaart mit „einer äußerst strengen Lebensweise“, formten Rita in ihrer neuentdeckten franziskanischen Spiritualität. Sie passte sich an das Leben hinter den Klostermauern an und bemühte sich, den starken Charakter zu unterdrücken, mit dem sie sich bei ihren Arbeitskollegen und Freunden in Canton so beliebt gemacht hatte. Doch nun kamen Risse zum Vorschein.

Am 28. Dezember, dem Fest der Unschuldigen Kinder, gingen die älteren Schwestern nach oben in das Noviziat, um mit den Postulantinnen und den Novizinnen zusammenzusein. „Meine Güte, bist du ruhig“, sagte eine der Nonnen zu Schwester Rita. „Ja, und ich muss auch nichts bereuen“, gab Rita schlagfertig zurück und spielte auf die im Kloster üblichen Selbstbeschuldigungen an.

Es war für sie eine Herausforderung, die barsche Seite ihrer Persönlichkeit im Zaum zu halten. Dazu kam ein gesundheitliches Problem, das ihr seit Anfang Dezember zusetzte. Dies verstärkte nur noch Schwester Ritas Wunderlichkeit. Durch das ständige Knien während der täglichen Gebetszeiten, bei den Bußübungen und bei diversen Arbeiten sammelte sich Flüssigkeit in Ritas Knien, die anschwollen. Später beschrieb Mutter Angelica sie als „zwei aufgeblähte, mit Wasser gefüllte Pampelmusen“. Sie konnte zwar einigermaßen gehen, doch das Hinknien wurde unmöglich – und Knien war zu dieser Zeit ein wesentlicher Bestandteil des kontemplativen Lebens.

Eine Konferenz der Professschwestern, bei dem über Schwester Ritas Aufnahme in das Noviziat abgestimmt werden sollte, war für Februar 1945 vorgesehen. Doch ihre schlimmen Knie und andere Gesundheitsprobleme machten eine Verschiebung der Abstimmung nötig.

„Damals bedeutete Gesundheit einfach alles“, bemerkte Mutter Angelica. „Wenn man gesund war, war man auch berufen.“

Für den Augenblick war Schwester Ritas Berufung ernstlich gefährdet.

Mehr Sterne

Jeden Freitag wurden die Botschaften, die Rhoda Wise bei ihren schmerzhaften Ekstasen empfing, von ihren Anhängern gierig verschlungen. Wie menschliche Telegrafen verbreiteten ihre Verehrer die wöchentlichen Botschaften weit über die Grenzen Cantons hinaus. Für Gläubige waren es Mitteilungen des Allmächtigen. Mutter Agnes, die Äbtissin des Klosters St. Paul, hielt sich selbst auch für eine solche Gläubige.

Eines Nachmittags, als Schwester Rita noch Postulantin war, wurde sie ins Büro der Äbtissin gebeten.

„Beleidigt dich hier jemand?“, fragte Mutter Agnes besorgt und schaute dabei prüfend durch ihre mit Draht eingefasste Brille.

„Nein, Mutter Oberin.“

„Denk nach“, hakte die Äbtissin mit ihrem abgehackten deutschen Akzent nach. „Beleidigt dich hier irgendjemand?“

„Nein“, erwiderte Schwester Rita. Es klang, als würde sie eines Verbrechens angeklagt, das sie nicht begangen hatte.

„Bist du ganz sicher?“

„Ja, Mutter Oberin.“

„Nun, dann weiß ich auch nicht weiter.“ Mutter Agnes zeigte einen besorgten Gesichtsausdruck.

„Schwester Agnes hatte Frau Wise besucht, als diese die Todesqualen der Passion Christi erlitt, und der Herr sagte zu ihr: ‚Sag‘ Rita, jeder kleinste Kummer wird aus ihrem Herzen getilgt werden. Für jede Beleidigung, jeden Herzenskummer gibt es mehr Sterne.‘“ Weder Schwester Rita noch Mutter Agnes konnten zu dieser Zeit die Botschaft entschlüsseln, doch die Sterne tauchten auf.

Im Frühling 1945, an Ritas zweiundzwanzigstem Geburtstag, besuchte Mae Francis ihre Tochter endlich und konnte mit ihr durch das Fenstergitter im Empfangszimmer sprechen. Sie erzählte von zu Hause, sprach von den Kämpfen, die sie beide überstanden hatten und über das Leben, das Rita gewählt hatte. Mae vermisste ihre Tochter, doch sie erkannte die Sinnlosigkeit, gegen Ritas Berufung anzukämpfen. In einem Tagebucheintrag, den sie noch am selben Abend verfasste, gab sie ihre Tochter frei:

20. April 1945

An den König der Könige im Allerheiligsten Altarsakrament Eure Majestät,

heute übergebe ich Dir meine geliebte Tochter an ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag. Ich gebe Dir frohgemut, was Du wolltest und was Du in meine Obhut gegeben hast. Ich habe versucht, mein Bestes zu geben, als ich sie großzog, so gut ich es konnte. Vergib mir, lieber Herr, heute all die Beleidigungen, die ich Dir angetan habe. Ich danke Dir auch für die tiefe Wunde, die Du in mein Herz gesenkt hast. Ich bitte Dich, schütte an allen Tagen ihres Lebens viele Gnaden und viel Segen über sie aus und segne auch all jene, die Du als ihre Vorgesetzten ausgewählt hast. Ich segne sie auch, denn ich bitte Dich demütig nur um die Brosamen, denn ich weiß, dass Du mich liebst. Ich bitte Dich heute demütig um die Gnade, Dich immer mehr zu lieben und um die Gnade, viele Seelen für Dich zu gewinnen.

Deine Neue Mutter

Nachdem Rita Maes Segen bekommen hatte, sehnte sie sich nach ihrem Hochzeitstag. Monate vergingen, doch die Erlaubnis kam einfach nicht. Mutter Angelica glaubt, sie wäre zumindest bei zwei Anlässen fast aus dem Kloster hinausgeworfen worden. Jeden Monat stellten die Schwestern ihre Hingabe zum klösterlichen Leben wieder infrage. Und jeden Monat war Rita fest entschlossen, ihre Absicht, im Kloster zu bleiben, durchzusetzen und zu verfechten.

Als der erste Jahrestag ihres Eintritts in den Konvent immer näherrückte und ihre Knie wie Melonen angeschwollen waren, beschloss Mutter Agnes, dass der Ortsbischof über ihr Schicksal entscheiden sollte. Normalerweise hätten die Professschwestern bei einer Kapitelwahl entscheiden müssen, ob Rita für das Noviziat geeignet war. Doch in diesem Fall wusste Mutter Agnes wohl, dass Rita die erforderliche Dreiviertelmehrheit nicht bekommen würde, damit sie Novizin werden konnte. Deshalb schritt sie persönlich ein und verschob die Kapitelwahl, indem sie eine Stimme von außerhalb hinzuzog.

Pfarrer Floyd Begin, Beauftragter des Bischofs und späterer Weihbischof von Cleveland, traf Schwester Rita im Sprechzimmer. Er fragte sie, weshalb sie im Kloster bleiben wollte. Rita betonte, dass sie ihrer Berufung folgen wolle und dass sich ihre angeschwollenen Knie zu gegebener Zeit schon bessern würden. Offensichtlich war Pfarrer Begin von ihrer Ernsthaftigkeit beeindruckt. So erlaubte der Bischof Schwester Rita, weitere sechs Monate im Kloster zu bleiben. Während dieser Zeit sollte sie von den Nonnen genauer geprüft werden.

Um ihre Knie zu schonen, benützte Rita sie so wenig wie möglich und ging ihren Verpflichtungen nach. Aber einige der Professschwestern bemerkten doch, dass sich nichts verbesserte.

In dieser sechsmonatigen Probezeit rief Mutter Luka einmal Rita zu sich ins Krankenzimmer. Sie war eine kleine Frau mit einer bedauernden Miene, die vor ihrem Ordensleben Apothekerin gewesen war und nun die Krankenstation betreute. Sie war gebildeter als die anderen Professschwestern, sprach aber Englisch mit demselben deutsch gefärbten starken Akzent.

Mutter Luka warnte sie: „Schwester Rita, Sie müssen sich hinknien, sonst werden Sie nach Hause geschickt.“

„Aber schauen Sie sich doch nur meine Knie an!“, flehte Rita.

„Sie sehen furchtbar aus, aber da kann ich wirklich nichts tun.“ Die alte Nonne hatte Mitleid, blieb aber hart. „Bitte, knien Sie hin!“

Schwester Rita befolgte den Rat. Indem sie ihr Gewicht auf ihre Schienbeine verlagerte, schaffte sie es, während der täglichen Gebetszeiten und auch sonst immer wieder zu knien. Ohne Rücksicht auf die Schmerzen, die sie als Preis ertragen musste, war sie entschlossen, ihren Platz in der Gemeinschaft zu halten.

Ihre Strategie ging auf. Im Oktober 1945 stimmten mehr als drei Viertel der Professschwestern für Schwester Rita, sodass sie den Schleier nehmen und ins Noviziat eintreten konnte.

Später mutmaßte Mutter Angelica: „In meinem Herzen glaube ich, dass Mutter Agnes so handelte, weil sie Frau Wise vertraute und sie gerne mochte. Sie hatte diese Worte ‚je mehr Beleidigungen, desto mehr Sterne‘ gehört. Ich glaube, das war der einzige Grund, warum das Kapitel für mich stimmte und ich die Ordenstracht bekommen konnte.“

Die Hochzeit begann am 8. November 1945. Mae Francis traf früh ein und brachte eine Torte und Blumen mit. Ihre Schwägerin Rose hatte für diesen Anlass ein Hochzeitskleid genäht. Als besondere Würdigung verzichtete Mutter Agnes auf ihr Recht, Ritas Ordensnamen auszusuchen und gewährte Mae diese Ehre. Mae wählte den Namen Angelica, weil Rita nach ihren Worten eine „engelhafte und gehorsame Tochter“ gewesen war.

Bischof Joseph Schrembs war der Zelebrant bei der Einkleidung. Dies verlieh der Feier einen entsprechenden Glanz. Im vorletzten Augenblick erhob sich die Äbtissin mit einer Schere in der Hand, um Ritas letzte Verbindung mit der Welt zu zerschneiden. Ihre braunen Locken fielen auf den Boden der Kapelle. Die Nonnen streiften nun Ritas Hochzeitskleid ab und ersetzten es durch eine braune Kutte, ein Skapulier und einen weißen Schleier. Das heilige Gewand hüllte jeden einzelnen Teil von Rita Rizzo ein, ebenso die Liebe, die sie für ihren Bräutigam empfand. Für Rita war dies keine bloße verstandesmäßige Verbindung, sondern der Beginn eines lebenslangen Bundes – einer innigen persönlichen Erfahrung der Vereinigung mit Jesus Christus. Ihre Mutter, ihr Onkel und die Freunde saßen auf der Seite der Kapelle, die für die Öffentlichkeit zugänglich war. Als eine Art Zeichen der Zustimmung schluchzten sie alle. Wie sie nun hinter dem Gitter stand, sah sie bis auf ihr strahlendes Antlitz aus wie alle anderen.

Rita Rizzo gab es nun nicht mehr. An ihrer Stelle stand jetzt Schwester Mary Angelica von der Verkündigung.

Um dies zu feiern, verbrachte Schwester Angelica den Nachmittag mit ihrer Mutter im Sprechzimmer. Dieses Treffen gab den Anstoß zu dem nachstehenden Brief, der in der darauffolgenden Nacht geschrieben wurde:

An die Mutter der Braut Jesu, meine eigene liebe Mutter,

heute wurde Dir und mir die größtmögliche Ehre zuteil. Es wäre schon eine Ehre, mich mit einem irdischen König zu verheiraten, doch mit dem König der Könige vermählt zu werden, ist eine Ehre, die nicht einmal die Engel erfassen können. Wir werden bis zu dem Tag warten müssen, an dem die Ewigkeit für uns beide anbricht, um zu erkennen, was das bedeutet. Er hätte so viele andere Seelen auf der Welt erwählen können, die weitaus besser sind als ich, doch Seine Augen hat Er auf Dich und auf mich gerichtet. Es ist so, als wäre Er durch eine Wiese mit wunderschönen Blumen gegangen und hätte sich im Vorübergehen viele schöne Blumen angesehen und dann plötzlich innegehalten und ein Blümchen gepflückt, das so schwach war und kaum sein Köpfchen hochhalten konnte. Und dann ging Er weiter, denn Er hatte Seine Wahl getroffen. Es muss so sein, denn niemand auf Erden braucht Ihn jeden Augenblick des Tages mehr, als wir Ihn brauchen. Lass uns daher den Rest unseres Lebens damit zubringen, Ihm zu danken, Ihn zu loben und Ihn zu lieben. Kann irgendein Opfer jemals für uns, da Er uns immer in Seinen Armen hält, zu schwer sein?

Sollten wir nicht mit geistlicher Freude erfüllt sein, wenn wir wissen, dass die liebenden Augen Gottes auf uns ruhen?

Möge mein süßer Bräutigam Dich ganz nahe an Seinem Heiligsten Herzen halten. Es gibt keine Einsamkeit für Dich, wenn Du Seiner süßen Gegenwart und der Deines Engels gewahr wirst.

Noch einmal möchte ich Dir Dank sagen, dass Du mich auf die Welt gebracht hast, dass Du so gut für mich gesorgt hast, für Deine vielen Opfer, für all Deine Liebe und Hingabe, danke für alles. Möge ich mich einer solchen Mutter würdig erweisen. An diesem Tage der Tage bitte ich um Deinen Segen, dass ich zu dem werden möge, wozu Jesus mich bestimmt hat.

Dein Dich liebendes Kind und Braut Jesu,

Schwester Mary Angelica

Das auf das Kloster beschränkte Leben brachte die Unzulänglichkeiten der dort Eingeschlossenen zutage. Die einzelnen Temperamente, der familiäre Hintergrund, die Bildung und die Begabungen unterschieden sich von Schwester zu Schwester so sehr, dass es immer wieder zu Auseinandersetzungen kam. Es wurden Gefühle verletzt und Missgunst gesät. In diesem Mikrokosmos des Lebens bemühten sich die Nonnen, ihre persönlichen Schwächen zum Wohl der Gemeinschaft zu bekämpfen. Schwester Angelica bildete da keine Ausnahme. Um ihren Zorn und ihre schnelle Zunge unter Kontrolle zu halten, war sie zu Bußübungen bereit. Es war jedoch eine strengere Disziplin erforderlich, um ihre Ungeduld zu zügeln, vor allem, wenn sie bestimmten Schwestern begegnete.

„Einmal sagte ich zum Herrn: ‚Egal, was heute passiert, ich werde auf Biegen und Brechen meine Geduld nicht verlieren‘“, erinnerte sich Mutter Angelica. „Und um 9 Uhr kam es dann zum Biegen und Brechen. Ich habe es nicht geschafft. Ich versagte!“

Im Herbst 1945, als bereits Pläne gemacht wurden für ein neues Kloster in New Orleans, rief der Bischof der Diözese Youngstown, James McFadden, Mutter Agnes zu sich. Er hatte einen anderen Vorschlag.

John O’Dea, der im Ruhestand lebende Eigentümer eines Stahlwerks in Canton, wollte sein Haus und seinen Besitz an einen kontemplativen Orden verschenken. John und Ida O’Dea stellten nur eine Bedingung: Im Haus sollte die ewige Anbetung des Allerheiligsten Altarsakramentes gehalten werden. Nach reiflicher Überlegung nahm Mutter Agnes das Angebot an, ließ die Pläne für das Kloster in New Orleans fallen und machte sich daran, sechs Nonnen auszuwählen, die sie mit der Neugründung in Canton betrauten wollte. Mutter Mary Clare, die Vizeoberin in Cleveland, sollte Äbtissin des Klosters in Canton und Mutter Luka ihre Stellvertreterin werden.

Die Äbtissin rief Schwester Angelica „von den geschwollenen Knien“ in ihr Büro. Mutter Agnes wandte sich mit ernster Miene an die Nonne und sagte: „Mutter Clare und ich haben eine Entscheidung getroffen.“ Schwester Angelica stellte sich schon die schrecklichsten Dinge vor, wie zum Beispiel: Sie müssen nach Hause zurückkehren. Sie haben keine Berufung. Ihre Gesundheit ist ein Punkt… Die Äbtissin fuhr fort: „Mutter Clare glaubt, dass die Treppen der fünf Stockwerke hier im Haus Ihre Knieprobleme verursachen, sodass wir entschieden haben, Sie in unsere Neugründung nach Canton zu schicken.“

Unter normalen Umständen kamen nur Professschwestern für eine Neugründung infrage, und eine Schwester in ihre Heimatstadt zu versetzen, war streng verboten. Doch dies waren eben keine normalen Umstände. Entweder verbesserte sich Angelicas Zustand, oder sie würde aus dem Ordensleben ausgeschlossen.

Canton sollte demnach ihre letzte Chance sein: die Arena, in der ihre Berufung auf die Probe gestellt und ein abschließendes Urteil gefällt werden würde. Mit Befürchtungen, jedoch im Gehorsam nahm Schwester Angelica die Versetzung an.

5. Kapitel
St. Klara

Schwester Angelica verspürte stechende Schmerzen in ihren Knien, als sie gemeinsam mit den anderen fünf Schwestern am 1. Oktober 1946 in John O’Deas Limousine stieg und das Kloster verließ. Mit Schwester Angelica zusammen fuhren noch Mutter Clare, Mutter Luka, Schwester Veronica, die Novizenmeisterin, Schwester Mary vom Kreuz, eine Schwester, die aus einem anderen Orden übergetreten war, sowie Schwester Joanne, eine Postulantin, nach Canton.

Besonders für Mutter Clare war es ein schwerer Abschied. Die dreiundsiebzigjährige Äbtissin ließ Mutter Agnes, ihre beste Freundin, zurück, die sie 1921 im Kloster in Wien kennengelernt hatte. Während der Fahrt ließ die Äbtissin keinerlei Gefühlsregung erkennen, stattdessen hielt sie schon wegen der anderen Schwestern ihren Kopf wie eine Marmorbüste hoch.

Schwester Angelicas neues Heim hatte keine Ähnlichkeit mit ihrer Kammer im Südosten Cantons. Die Villa mit den vierundzwanzig Zimmern lag auf einem üppig bepflanzten Grundstück von sechs Hektar Land in einem vornehmen Viertel an der Market Avenue North, Hausnummer 4200, in Canton. Das Haus des Ehepaars O’Dea mit seinen vielen offenen Kaminen und den aufwendigen Wandvertäfelungen, erbaut im Tudor Stil, war von einem kleinen Wald umgeben, der immer wieder von gepflegten Rasenflächen unterbrochen wurde. Es schien für die Armen Klarissen doch zu protzig. Da musste manches geändert werden.

Als erste Aufgabe wurde die Errichtung einer provisorischen Kapelle im großen Wohnzimmer in Angriff genommen. Die übrige Villa sollte aufgeteilt werden in ein Refektorium, ein Krankenzimmer sowie Arbeits- und Schlafzimmer. Am ersten Abend wurden mehrere Betten nach Art eines Schlafsaals aufgestellt und Bettlaken zwischen die Betten gehängt, damit die Privatsphäre gewahrt blieb. Um keine weiteren Probleme und Schmerzen mit ihren geschwollenen Knien zu bekommen, rollte Schwester Angelica Decken zusammen, legte sie unter ihre Beine und suchte eine bequeme Position im Bett.

Als Angelica am Morgen des 2. Oktober aufwachte, warf sie die Bettdecke zurück und konnte kaum glauben, was sie da sah: „Beide Knie waren wieder normal.“ Die Schwellung war abgeklungen, das Wasser war verschwunden. „Und dies überzeugte die Schwestern nun, dass ich eine Berufung hatte“, erzählte mir Mutter Angelica mit Erstaunen. „Das überzeugte auch Mutter Clare. Und so wartete ich nur noch zwei Monate, bis ich meine Profess ablegte.“ Die rasche Besserung ihrer Knie wurde von Angelica als Zeichen der Gnade Gottes betrachtet, als eine Bestätigung, dass sie in den Orden gehörte und in das Kloster in Canton.

Einstweilen befand sie sich aber noch inmitten ihres kanonischen Jahres. Dieser Zeitabschnitt war besonders dafür bestimmt, sich an die Gepflogenheiten des kontemplativen Lebens zu gewöhnen. In diesem kanonischen Jahr war es der Schwester nicht erlaubt, mit irgendjemand von der Familie oder Freunden und Bekannten Kontakt zu haben.

Da die hausinterne Kapelle immer noch nicht fertiggestellt war, wurden Schwester Angelica und die anderen Nonnen zur St. Peter-Kirche gefahren. Dort besuchten sie die Frühmesse von Monsignore Habig. Gegen Ende des Gottesdienstes erregte ein Angelica vertrautes Hustengeräusch ihre Aufmerksamkeit. „Ich hörte meine Mutter. Und weil ich meine Mutter und ihre Gefühlsausbrüche kannte, wusste ich nicht, was ich tun sollte.“ Schon wieder drängte Rita Rizzos Sorge über Maes Gefühlszustand alle anderen Gedanken beiseite.

Nach dem Schlusssegen gingen die Nonnen hintereinander aus der Kirche, als letzte folgte Schwester Angelica. Aus den Augenwinkeln konnte sie neben den Beichtstühlen eine verwirrt aussehende Mae wahrnehmen. Es war nicht schwer zu erraten, was Mae tun würde. Obwohl es Angelica das Herz zerriss, blieb sie doch der Ordensregel gehorsam, wich den Augen ihrer Mutter aus und blickte stattdessen geradeaus. Mae machte eine Bewegung mit der offenen Hand. Im Gesicht zeigte sich ein flüchtiger Ausdruck der Trauer. Sie bewegte sich jedoch nicht, als Rita an ihr vorbeiging.

Später an diesem Nachmittag bekannte Mutter Clare, dass sie und die anderen Schwestern von Angelicas Zurückhaltung bei der Messe „erbaut“ waren. Dieser Vorfall hatte doch bestätigt, dass die Nonne für die ersten Gelübde bereit war, verschaffte ihr gleichwohl in der Zukunft keine besondere Behandlung.

In den ersten Wochen im Haus der O’Deas ließ Schwester Angelica ihr Badewasser in eine der wuchtigen Wannen mit Füßen einlaufen. Als sie den Hahn zudrehen wollte, zerbrach der Porzellangriff in ihrer Hand und schnitt dabei eine klaffende Wunde zwischen ihren Ring- und Mittelfinger. Mutter Luka legte einen Verband an, um die Blutung zu stillen, doch die rechte Hand schwoll trotzdem an. Da ihre erste Profess gerade erst einige Monate zurücklag, konnte Angelica jetzt an nichts anderes denken als an ihren rechten Ringfinger. Nach der europäischen Tradition wurden die Eheringe im Orden an der rechten Hand getragen.

Am nächsten Tag war Mutter Clare „wütend“ bei den Culpas. Die Culpas, lateinisch für „Schuld, Verfehlung“, waren die besondere Zeit vor den Mahlzeiten, jeweils montags, zu der jede Schwester irgendein Vergehen vor der gesamten Gemeinschaft bekennen musste. Die Äbtissin ordnete dafür eine gerechte Buße an.

„Mutter, ich klage mich an, den Porzellangriff an der Badewanne zerbrochen zu haben“, erklärte Schwester Angelica, auf dem Boden des Refektoriums kniend.

„Ich weiß! Jetzt sind wir gerade ein paar Wochen hier, und Sie machen hier schon alles kaputt“, schimpfte Mutter Clare mit einem starken deutschen Akzent.

Als Schwester Angelica an ihren Tisch zurückkehrte, fing sie ohne Umschweife an zu essen. Eine zu Tränen gerührte, schwer erschütterte Postulantin fragte sie: „Wie können Sie nach all dem überhaupt noch essen?“

Angelica zuckte mit den Achseln und antwortete: „Ich habe Hunger.“

Durch ihre schwere Kindheit hatte Schwester Angelica Vorteile gegenüber ihren Altersgenossinnen: eine dicke Haut und die Fähigkeit, auch in schweren Zeiten standhaft zu bleiben.

Bei der Weihezeremonie in der O’Dea-Villa am 4. Oktober setzte Bischof James McFadden das Allerheiligste in einer Monstranz aus – zur Anbetung in der vorläufigen Kapelle. Von jetzt an sollte das Kloster den Namen St. Klara tragen, zum Gedenken an die hl. Klara von Assisi.

Trotz all seines Prunks war das Haus eigentlich recht klein. Nachdem man es in zwei Hälften aufgeteilt hatte – die Externen wohnten auf der einen, die Schwestern in Klausur auf der anderen Seite des Hauses – bot es nur wenig Raum für eine Nonne, die sich zurückziehen wollte, um Schwestern aus dem Weg gehen zu können, die ihr unangenehm waren.

Schwester Mary vom Kreuz machte ihrem Namen alle Ehre: Sie war eine hochgewachsene, grobknochige Nonne mit breiten Wangenknochen und schönen blauen Augen. Als Bibliothekarin der Gemeinschaft war sie derart herrschsüchtig, dass sich Schwester Angelica darüber ärgerte.

Schwester Angelica war schon immer eine Leseratte gewesen. Sie verschlang mehrere Bände von Johannes vom Kreuz, ebenso von Teresa von Avila, von Bruder Lorenz von der Auferstehung, von Paul vom Kreuz und anderen. Im Kloster St. Klara las sie diese Werke sogar mehrmals und speicherte sie in ihrem fast fotografischen Gedächtnis ab. Da die Bücher bis zum Ende der Woche immer wieder in der Bibliothek abgegeben werden mussten, lernte die Nonne auch, ihre Lesegeschwindigkeit zu beschleunigen.

Schwester Mary vom Kreuz nun hielt die Bibliothek hinter Schloss und Riegel verwahrt. Ihr System gestattete den Nonnen nur, Bücher aus einer Titelliste auszuwählen, die jede Woche neu aufgehängt wurde, doch niemand durfte zu den abgeschlossenen Bibliotheksregalen gehen und die Bücher dort ansehen.

„Das hat mich geärgert“, erzählte Mutter Angelica, als wäre es gerade letzten Mittwoch geschehen. „Mir war nicht klar, warum man nicht einfach ein Buch herausnehmen konnte! Es gibt doch einen großen Unterschied zwischen einem Titel und dem Buch selbst. Wenn man statt eines geistlichen Buches an ein Kochbuch geriet, musste man eine ganze Woche warten, bis man ein anderes bekam. Deshalb habe ich immer gleich drei bestellt und mir ausgerechnet, dass wenigstens ein gutes Buch dabei wäre. Mein italienisches Temperament war immer noch vorhanden.“

Dies sollte nicht das letzte Mal sein, dass Angelica mit Schwester Mary vom Kreuz aneinander geriet.

Es liegt in der Natur des Klosterlebens, dass kleine Mängel übertrieben und unbedeutende Konflikte aufgebauscht werden. Das nahe Beisammensein ausgeprägter und verschiedenartiger Charaktere verwandelte das Kloster St. Klara zu einem Brutkasten von unterdrücktem Ärger und unausgesprochenen Rivalitäten.

Mutter Angelica sagte nachdenklich: „Es war ein Kreuz zu lernen, mit den anderen auszukommen und mit ihnen zusammenzuleben… ein Kreuz zu lernen, die anderen zu lieben. Das Kreuz hieß auch: Wie lebt man mit Menschen zusammen, die das genaue Gegenteil von einem selbst sind und die ganz andere Ansichten haben?“ Einem anderen Biografen erzählte sie: „Ich muss zugeben, manchmal war ich an der Grenze meiner Toleranz angekommen.“

Bürgerkriege und Bürgerrechte

Exzentrische Verhaltensweisen innerhalb der Gemeinschaft führten an dem Tag, an dem Schwester Angelica ihre erste Profess ablegte, zu einer Explosion an Gefühlsausbrüchen. Ein Schneesturm brachte am 2. Januar 1947 Schnee und Eis. Ganz Canton war betroffen, sodass sich die Gäste verspäteten und die Ankunft von Bischof James McFadden verzögert wurde.

Mae Francis, Rhoda Wise und andere Gäste beobachteten durch das provisorische Holzgitter im Wohnzimmer der O’Dea-Kapelle, wie sich die Nonnen auf der Klausurseite versammelten. Schwester Angelica kniete mit fromm geneigtem Kopf an einem Betpult.

Die Ruhe wurde allerdings schon bald gestört, als sich die Chorleiterin, Schwester Mary vom Kreuz, mit der Schwester Organistin über die Spielweise stritt. Langsam eskalierten die Stimmen und die beiden Nonnen gerieten aneinander. Die Organistin weigerte sich zu spielen, Mary vom Kreuz drohte ihr, sie in den Schnee hinauszuwerfen, falls sie nicht spielen würde.

Mutter Angelica erzählte mir: „Und ich saß nun da und versuchte, mich für meine Gelübde zu sammeln. Die Leute mussten gedacht haben, dass wir alle verrückt seien.“

Die Nonnen kehrten wieder auf ihre Plätze zurück, die Organistin spielte wieder ihre trauervolle Melodie, und Mary vom Kreuz kniete sich an ein Betpult an ihrem Platz. Wenige Augenblicke später sauste ein Käfer über den Holzfußboden. Mary vom Kreuz stand auf, hob die Kniebank mit beiden Händen hoch und ließ sie zu Boden fallen in dem Versuch, dem Insekt den Garaus zu machen. Wie eine Verrückte schwang sie den Betstuhl wie einen Presslufthammer mehrmals hin und her und schleuderte ihn und sich selbst auf das Krabbeltier. Die Organistin, die diese Vorführung für eine hinterhältige Kritik an ihrem Orgelspiel hielt, schlug dafür umso stärker in die Tasten. Schwester Angelica konnte es einfach nicht fassen, was sie da sah und dann als „Blödsinn“ bezeichnete. Dann kam der Bischof herein.

Der Bischof war klatschnass und schimpfte über sein Auto, das mehrere Häuserblocks entfernt im Schnee stecken geblieben war. Er bat um frische Socken. Mutter Clare schickte Schwester Angelica, um für ihn ein neues Paar zu holen. Als sie wieder auf ihren Platz am offenen Gitter zurückkam, legte der Bischof eine genau passende Dornenkrone auf Angelicas Kopf.

Während der Feier der Profess sollte der Bischof Mutter Angelica den Professring anstecken. Es gelang ihm jedoch nicht, den Ring über das geschwollene Fingergelenk zu schieben. Deshalb tat er nur so, als ob es ginge und sprach dabei die Worte: „Ich vermähle Dich mit Jesus Christus, dem Sohn des höchsten Gottes.“

„Bei alldem, was hier vor sich ging, dachte ich wirklich, dass mich Jesus nicht lieben würde. Verstehen Sie? … Ich meine, das war wirklich eine geistliche Erfahrung!“, erinnerte sich Mutter Angelica sarkastisch. „Aber so arbeitet Gott nun einmal mit mir zusammen. Wenn ich zurückschaue, dann ist mir immer zuerst etwas zugestoßen, bevor etwas Großes geschah.“

Doch trotz dieser grotesken Atmosphäre, die während der Feier in der Kapelle herrschte, nahm Schwester Angelica ihre ersten Gelübde ernst. In einem nach der Ablegung der Gelübde maschinengeschriebenen Brief an ihre Mutter bezeichnete sie sich und Jesus als „Vermählte“ und als „königliches Paar“. Dieses Paar, so schrieb sie, „möchte gerne seine Dankbarkeit gegenüber seiner Freundin und den Angehörigen des königlichen Hofstaates zum Ausdruck bringen“. Weiter unten schrieb sie: „Die Braut hat den Bräutigam gebeten, Dich mit seinem Frieden und seinem Trost zu erfüllen.“ Sie unterzeichnete den Brief mit „Jesus und Angelica.“

Man spürt, wie freimütig und konsequent Angelica über ihre eigenen Gefühle und die des Messias schrieb. In ihrem Brief kam vor allem ihr starker Glaube, nicht mit einem abstrakten Begriff oder einer Idee vermählt zu sein, sondern mit einer Person, zum Ausdruck. Diese tiefe Überzeugung und die Liebe zu ihrem Bräutigam sollten von nun an all ihre Handlungen leiten. Während ihrer Flitterwochen kam sie ihrem „Bräutigam“ noch viel näher, als sie es jemals für möglich gehalten hätte.

Angelica litt unter einer Reihe von unbedeutenden Krankheiten – Kopfschmerzen, eingewachsenen Fußnägeln und Ähnlichem. Obwohl es sich um banale Unpässlichkeiten handelte, reichten sie doch aus, um sie mürrisch werden zu lassen, wenn Mutter Clare sie dann zur Anbetung für drei Uhr morgens einteilte. Angelica kam widerwillig zur festgesetzten Zeit, „war jedoch nicht gerade glücklich, dort zu sein“. Sie teilte ihren Unmut auch Jesus mit: „Ich habe all diese schmerzhaften Dinge und obendrein noch die Anbetung. Glaubst du etwa, ich bin ein Pferd?“

„Nein, du bist meine Braut“, glaubte sie, Seine Antwort in der Stille zu hören.

„Mein Gott, ich habe das nie wieder zu Ihm gesagt, das können Sie mir glauben!“

Obwohl Mae Francis Rita regelmäßig besuchte, fehlte ihr doch die Tochter zu Hause sehr. Dafür hatte Rita Verständnis. Aus einigen undatierten Briefen aus dieser Zeit geht hervor, dass sich Angelica andauernd Sorgen um ihre Mutter machte. In einem dieser Briefe bat sie Mae inständig: „Fühl‘ Dich nicht einsam, mein Liebes. Ich liebe Dich so sehr. Nur Menschen, die niemanden haben, der sie liebt, können einsam sein. Du dagegen hast Jesus und mich und die Schwestern.“

In einem anderen Brief nahm Schwester Angelica die Rolle der Lehrerin ein und gab Mae geistlichen Rat:

Liebste Mutter,

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Jesus für eine solch liebende und aufopfernde Mutter Dank sage. Mag auch manchmal Dunkelheit über Dich hereinbrechen, dann geschieht dies doch nur, damit Du nur einmal das ewige Licht umso mehr genießen kannst… Hör nicht auf zu lieben, denn das gefällt Jesus, es ist das einzig Wichtige…

In Liebe,

Schwester Angelica

Nach dem Eintreffen der neuen Postulantinnen waren sie nunmehr dreizehn Schwestern in dem überfüllten Kloster. Um die beengte Wohnsituation zu beheben, sollten neue Gebäude und eine schöne Kapelle angebaut werden.

Die Bautätigkeit brachte Rückschläge mit sich. Bei den Ausschachtarbeiten im März 1950 zerstörte die Baukolonne eine Abwasserleitung, durch die die Hausabwässer entsorgt wurden. Außerdem verrechnete man sich bei der Größe der neuen Gebäude. Im Hof wurde dadurch eine Gruppe von Bäumen unnötigerweise gefällt. Wenn sie auf die vorlaute sechsundzwanzigjährige Nonne gehört hätten, als diese gelegentlich die Blaupausen der Pläne überprüfte, hätten sie diese Fehler vermeiden können. Schwester Angelica schaute häufig bei den Arbeitern vorbei und war dafür bekannt, dass sie sich mit ihnen auf fachliche Dispute einließ. Ab Mai gab es dann niemanden mehr, mit dem sie sich hätte auseinandersetzen können. Durch einen von der Gewerkschaft ausgerufenen Streik blieben die Bauleute zu Hause. Der Bau kam zum Stillstand. Aus den Kalendereinträgen der Gemeinschaft ist zwar die Enttäuschung der Nonnen über die Verzögerung ihrer Pläne zu entnehmen, doch da gab es bereits ein anderes Projekt, das ihre Stimmung hob.

Das Kloster St. Klara veranstaltete im August sein erstes Treffen zwischen Schwarzen und Weißen. Bischof McFadden zelebrierte auf dem Rasen vor dem Kloster die Messe. Es waren drei Busladungen schwarzer und weißer Pilger aus Cleveland gekommen. Frau Dr. Norma Marcere, eine schwarze Freundin von Mae Francis, organisierte die Veranstaltung, die wahrscheinlich wenig Anklang bei den meisten Nonnen der Gemeinschaft fand. Dennoch betrachteten die Schwestern dieses Treffen als einen Erfolg.

Dass vom Kloster überhaupt eine solche Veranstaltung zu einer Zeit stattfand, in der die Rassenintegration noch ein Tabu war, verdeutlicht die Geisteshaltung, eine Art „Gegenkultur“ des Klosters und seiner Bewohner. Die Schwestern vom Kloster St. Klara verfolgten die Rassenproblematik mit großem Interesse ungeachtet der Tatsache, dass es in der Stadt nur wenige schwarze Katholiken und in der Gemeinschaft keine einzige schwarze Schwester gab. Schwester Angelica war besonders aufmerksam und interessiert, da sie zusammen mit Schwarzen im selben Wohnviertel gelebt und selbst erfahren hatte, wie man auch Italienern gegenüber voreingenommen war.

Zwischen 1950 und 1953 traten eine Reihe junger Aspirantinnen in das Kloster ein in der Hoffnung, der Schwesterngemeinschaft beitreten zu können. Insbesondere drei von ihnen sollten lebenslange Bande mit Schwester Angelica knüpfen.

Elizabeth Olson oder Schwester Mary Joseph, wie sie als Ordensschwester hieß, besaß eine Gelassenheit und ein ungezwungenes Lächeln, das sie bereits im Jahr 1950 beim Überschreiten der Türschwelle bei den Nonnen beliebt machte. Die versierte Schneiderin deutsch-schweizerischer Herkunft widmete sich ganz der Anfertigung der Ordenstrachten, wenn sie nicht gerade beim Gebet war. Ob bei der Arbeit oder in der Freizeit, in der Kapelle oder außerhalb: Schwester Joseph hatte immer einen staunenden Gesichtsausdruck und weit geöffnete Augen, als wären ihr soeben die Engel mit all ihrer Glorie erschienen.

Im Januar 1951 trat Kathleen Myers aus Louisville, Ohio, in das Kloster St. Klara ein. Dieses hübsche Mädchen mit dem schmalen Kinn und breiten Lächeln, bei dem man ihre schönen Zähne sah, hatte etwas Nervöses an sich. Vor ihrem Eintritt ins Kloster hatte Kathleen das College abgeschlossen und in einer Kunsthandlung als Sekretärin gearbeitet. Wäre sie nicht Nonne geworden, hätte sie sich wahrscheinlich weiter mit der Kunst beschäftigt. Nachdem sie den Schleier genommen hatte, wurde sie die Schreiberin, Zeichnerin und Dichterin der Gemeinschaft und sang die erste Sopranstimme. Im Ordensleben wurde sie als Schwester Mary Raphael bekannt.

Raphael hörte Schwester Angelica schon lange, bevor sie sie erstmals zu Gesicht bekam. Sie arbeitete als Externe, das heißt als Schwester, die Botengänge außerhalb des Klosters machte. Sie brachte die Lebensmittel zu einer Art Drehschalter (ähnlich dem Nachtschalter einer Bank), durch den die Waren ohne menschlichen Kontakt in die Klausur gelangen konnten. Raphael hatte gerade einige Lebensmittel in diesen Kasten gelegt, als eine muntere Stimme herausrief: „Ist Gott nicht gut?“ Die Worte hallten wie ein Echo aus dem Gitter und der dahinterliegenden Metalltrommel. „Sie sind die neue Postulantin, nicht wahr? Ist Gott nicht gut?“ Bald sollte sie die Antwort auf diese Frage bekommen mit Hilfe derjenigen, deren Stimme sie gehört hatte.

Evelyn Shinosky, später Schwester Mary Michael genannt, kehrte zum katholischen Glauben zurück, nachdem ihre Eltern aus der katholischen Kirche ausgetreten waren, um sich einer polnischen Splittergruppe anzuschließen. Sie war klein von Gestalt, beherzt und unkompliziert und eine unermüdliche Arbeiterin. Ihr Kochtalent und ihre Hilfsbereitschaft zeichneten sie in der Gemeinschaft aus. Auch heute noch besitzt Schwester Michael mit ihren großen Augenlidern eine unerschütterliche Anmut. Sie beschrieb die Schwester Angelica, die ihr in den frühen Fünfzigerjahren begegnete, als einzigartig und fleißig: „Sie war ungewöhnlich und kümmerte sich um alles.“

Die Feuerprobe

Für Schwester Angelica gab es jetzt im neuen Kloster viel zu tun. Im Oktober 1951 waren der Altar für das Eucharistische Altarsakrament und die weiträumigen Wohnbereiche zwar fertiggestellt, doch die Folgen der schnell ausgeführten Arbeiten wurden nun sichtbar. Bei jedem Regen sah man an den Kellerwänden dunkle feuchte Stellen an den Wänden. Schließlich bildeten sich am Putz Wassertropfen, die auf den Boden tropften. Der Architekt hatte versäumt, zwischen der Außenwand aus Ziegelsteinen und der Innenwand einen kleinen Zwischenraum zu lassen. So konnte die Feuchtigkeit nicht entweichen. Schwester Angelica hatte diesen Konstruktionsfehler schon früh in den Plänen entdeckt, doch ihre Warnungen hatte man ignoriert. Angelica hatte nun greifbare Beweise in der Hand und trug ihre Kritik erneut Mutter Clare vor.

„Mutter, wir müssen dieses Haus hier in Ordnung bringen, es fällt sonst zusammen.“

„Wir haben dafür kein Geld, Schwester Angelica“, erwiderte Mutter Clare.

Angelica hatte bereits eine Lösung parat: „Ich werde ein paar von den Jungs holen“, kündigte sie an.

Die „Jungs“ aus ihrer alten Wohngegend aus dem Südosten von Canton wurden überredet, sich den Arbeitern der Nonne anzuschließen. Größtenteils arbeiteten sie ohne Entgelt.

„Ich habe so viele ehrliche Jungs bekommen, wie ich wollte, aber darunter waren auch ein paar andere“, sagte Mutter Angelica mit einem verständnisvollen Lächeln. Damit begann das erste von Angelicas vielen Bauprojekten.

Einfache Arbeiter und Hilfsarbeiter schlenderten durch die Flure des Klosters St. Klara, nachdem ihre Tagesarbeit beendet war. Onkel Nick Francis wurde zum Nachtschichtleiter ernannt. Rings um das Kloster nannte man die Männer Angelicas „Tonys“.

„Lasst es uns diesmal richtig machen, Jungs“, rief die Nonne mit der Brille ihrer Truppe im Untergeschoss zu.

Durch ihren Kurs im Technischen Zeichnen und die regelmäßige Lektüre des Technikmagazins Popular Mechanics sowie weiterer Fachzeitschriften für Architekten und Zimmerleute war Schwester Angelica gut vorbereitet und die perfekte Vorarbeiterin in Ordenstracht. Die geschickte Nonne wusste, wie man mit Werkzeugen umgeht. Sie konnte bei Bedarf undichte Wasserhähne reparieren und Schränke aufbauen.

„Sie war eine Art Alleskönnerin“, erinnerte sich Schwester Mary Anthony, eine damalige Externe. „Wenn irgendetwas nicht mehr funktionierte, dann rief man einfach nach Schwester Angelica.“

Doch ihre Aufgaben beschränkten sich nicht auf den technischen Bereich. Die junge Schwester war im Kloster für eine ungewöhnliche Vielzahl von Arbeitsbereichen zuständig, indem sie gleichzeitig Schatzmeisterin (Buchhalterin), Pförtnerin und Wirtschafterin (Einkäuferin der Vorräte) war.

Zur gleichen Zeit blieb sie oft bis zwei Uhr morgens bei ihren „Tonys“, gab ihnen Arbeitsanweisungen und altbackenes Gebäck. Drei Stunden später stand sie schon wieder mit der übrigen Gemeinschaft auf und begann erneut ihren Gebetstag.

Bei all diesen beachtlichen Aktivitäten waren Schwester Mary vom Kreuz und ihre „fast gewalttätigen“ Zornesausbrüche nur eine kleine Ablenkung. Es schien mehr zu sein als ein persönlicher Konflikt. Schwester Angelica war in höchstem Maße beunruhigt über den Ungehorsam, den sie bei der frechen Schwester erkannte. Mehrere Nonnen bestätigten, dass Mary vom Kreuz sogar Mutter Clare widersprochen hatte, und dass sie sogar mit Schreien versuchte, ihren Willen durchzusetzen. In einem Kalendereintrag vom 22. Mai 1959 erwähnte Mary vom Kreuz eine Zurechtweisung, höchstwahrscheinlich von Mutter Clare: „Heute kam es öffentlich knüppeldick – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Ich ‚grabe mir mein eigenes Grab‘ – werde öffentlich ‚gezüchtigt‘ werden müssen… und das war es für mich! … Maria, ich klammere mich an Dich mit meiner ganzen Liebe. Rufe mich bald heim, Mutter!“

Dieser Eintrag lässt die Situation im Kloster einigermaßen erkennen und zeigt den Grund für Angelicas Beunruhigung über diese Nonne.

Im Frühling 1952 wurde Schwester Angelica von Mutter Clare in das Sprechzimmer gerufen, in dem Besucher warteten. Angelica hoffte, dort ihre Mutter oder vielleicht ihre Onkel zu treffen. Doch auf der anderen Seite des Doppelgitters saß die hagere Gestalt ihres Vaters, John Rizzo. Man hätte ihn malen können, wie er schuldbeladen und zusammengesunken in dem kleinen Zimmer saß in Begleitung seiner Schwester Mary aus Pennsylvania. Mit seinen sechsundfünfzig Jahren sah er noch immer gut aus und war freundlicher, als Angelica ihn in Erinnerung hatte.

„Deine Tante ist hier“, nahm John Rizzo zögernd das Gespräch auf und wies dabei auf die unbekannte Frau neben ihm. „Sie kam zu Besuch. Da dachte ich, dass ich sie zu dir mitbringen kann.“

Ein paar Augenblicke später ging seine Stimme in Schluchzen über. Damit Angelica seine Tränen nicht sah, presste er seine Handballen fest auf seine Augenhöhlen. Vielleicht weinte er wegen seiner zerbrochenen Ehe und der zerstörten Familie, oder er war traurig über die Jahre, in denen er in der Ferne gewesen war und nicht bei der verschleierten Fremden, die seine dunklen Augen hatte – einer Fremden, die John nun nie mehr kennenlernen würde. Als er seine Fassung wiederfand, fragte er Angelica, ohne sie anzuschauen: „Bist du hier glücklich?“

„Ja“, entgegnete die Nonne.

„Er tat mir leid“, gestand Mutter Angelica. „Aus irgendeinem unerfindlichen Grund konnte ich mich nicht daran erinnern, irgendeinen Groll gegen ihn gehegt zu haben. Ich hasste ihn nicht und liebte ihn nicht.“

John bemerkte einige Fettflecke auf Angelicas Ordenstracht und fragte, ob er ihr einen Fleckenentferner bringen könnte. Sie nannte ihm die Marke, die sie am liebsten hatte, und John versprach wiederzukommen.

Ein paar Wochen später tauchte er erneut im Sprechzimmer auf, diesmal mit einem Behälter von etwa drei Litern Fleckenentferner.

„Brauchst du noch irgendetwas anderes?“, fragte Rizzo.

Angelica versprach, die Genehmigung einzuholen, da sie sich wegen der Besuchsregelung unsicher war. Fast wollte John schon gehen, dann setzte er sich wieder hin. „Ich möchte dir sagen, dass es mir leidtut und ich möchte auch, dass deine Mutter weiß, dass es mir leidtut.“

Schwester Angelica war völlig überrascht, als sie diese Worte hörte: „Für mich war das wie ein Gewinn von einer Million Dollar, denn ich kannte ihn nicht gut genug, um bis dahin anzunehmen, dass es ihm wirklich leidtun konnte… und ich wollte ihn tatsächlich gerne wiedersehen.“

Doch die Klosterregel gestattete den Besuch der Eltern nur einmal alle zwei Monate, sodass Angelica gezwungen war, sich zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater zu entscheiden. Als Mae erfuhr, dass John Rizzo das Kloster besuchte hatte, stellte sie ein Ultimatum: Falls er ihre gemeinsame Tochter noch einmal besuchen sollte, würde sie selbst nie mehr kommen. Angelica war sich nun nicht sicher, was sie tun sollte und überließ die Entscheidung der Äbtissin.

Mutter Clare erläuterte in einem Brief an John Rizzo die Besuchsbeschränkungen des Klosters und fällte ein Urteil: Da Mae Rita allein aufgezogen hatte, entschied Mutter Clare, dass sie der einzige Elternteil sein sollte, der Angelica besuchen durfte.

Der Brief hatte, den Worten seiner Schwester zufolge, eine niederschmetternde Wirkung auf John Rizzo. Sechs Monate später, am 29. Oktober 1952, starb er an einem Herzinfarkt. Schwester Angelicas einziger Trost war die Tatsache, dass er im Krankenhaus die Sterbesakramente empfangen hatte.

Im Kloster fuhr Schwester Mary vom Kreuz weiter fort, Angelica auf die Nerven zu gehen. „Ich dachte, sie sei das Schlimmste, was es überhaupt geben konnte“, erinnerte sich Mutter Angelica noch Jahre später. „Jeden Tag war ich wütend über irgendetwas Neues, das sie schon wieder angestellt hatte. Zu dieser Zeit war ich überhaupt nicht andächtig, weil sie mir immer im Kopf herumging.“

Während achttägiger Exerzitien im Jahre 1952 beichtete Angelica bei einem Pater Paulinus und bekannte ihre Abscheu gegenüber Mary vom Kreuz. Soweit sie sich erinnern konnte, endete die Beichte so:

„Wie heißen Sie?“, fragte der Priester.

„Schwester Angelica.“

„Angelica, Sie sind ein Esel.“

„Was bin ich?“, fragte die Nonne ungläubig nach.

„Sie haben richtig gehört. Ich sagte, Sie sind ein Esel.“ Dann wechselte der Priester seine Taktik. „Warum sind Sie hierhergekommen?“

„Ich bin hierhergekommen, um heilig zu werden.“

„Und warum lieben Sie sie dann nicht?“

„Selbst Gott dem Allmächtigen muss es schwerfallen, sie zu lieben.“

„Ich habe aber gefragt, warum Sie sie nicht lieben?“, bohrte der Priester weiter. „Wenn Sie heilig werden wollen, müssen Sie damit rechnen, dass es jemanden gibt, mit dem Sie nur schwer zurechtkommen. Sie sollten diese Art des Leidens erwarten – und sich alle Mühe geben, sie zu lieben.“

Schwester Angelica fing an einzusehen, dass die Befolgung der Ordensregeln nicht ausreichte, um zur Heiligkeit zu gelangen. Angesichts schmerzlicher Schimpftiraden und eines Verhaltens, das sie als „schizophren“ bezeichnete, unternahm Angelica nun einen ernsthaften Versuch, sich mit Schwester Mary vom Kreuz anzufreunden.

„Als ich mir Mühe gab, sie zu mögen, ertappte ich mich plötzlich dabei, dass ich allen anderen gegenüber geduldiger und liebenswürdiger sein konnte“, sagte Mutter Angelica. „Wenn man sich nämlich auf alles konzentriert, was einen im Leben stört, dann kann man wirklich niemanden mehr lieben.“

Auf ihrem Weg zu den ewigen Gelübden machte sich Angelica die Selbstvergessenheit und die Selbstverleugnung des Ordenslebens zu eigen. Sogar die Demütigungen von Mutter Clare waren nun leichter zu ertragen.

Da sie der Überzeugung war, dass „diejenigen, die Leitungsaufgaben übernehmen werden, gedemütigt werden müssen“, musste die neunundsiebzigjährige Äbtissin bei Schwester Angelica wohl schon Führungsqualitäten entdeckt haben. Einmal sagte sie zu ihr: „Schwester, wenn Sie Ihr Betragen nicht ändern, werde ich Ihren Namen ändern.“

„Wenn Mutter Clare etwas gegen die Gemeinschaft vorzubringen hatte, musste Angelica ihren Kopf hinhalten“, erinnerte sich Joan Frank, eine ehemalige Nonne des Klosters St. Klara. „Wenn alle das Gleiche getan hatten, wurde Angelica als Einzige herausgegriffen.“

Doch trotz einer solch strengen Behandlung hatte die Äbtissin eine große Achtung vor der neunundzwanzigjährigen Nonne. Als Zeichen des Vertrauens in Angelicas Führungsqualitäten beauftragte Mutter Clare sie mit der Organisation der Arbeitseinteilung für die Schwestern. Auf eigene Faust führte Angelica einmal eine Gruppe von Nonnen als Putzkolonne in den Keller. Eine der Schwestern, die von einem anderen Orden übergetreten war, protestierte gegen diese Arbeit und beschwerte sich bei Mutter Clare.

Die Äbtissin entzog Schwester Angelica umgehend ihren Posten. Die Nonne vergoss in ihrer Zelle wütende Tränen wegen dieser Zurückweisung. „Ich meinte, das getan zu haben, was Mutter Clare von mir wollte, und nun war ich arbeitslos“, erzählte mir Mutter Angelica.

Die Stellvertreterin von Mutter Clare, Mutter Luka, schob sich leise in Schwester Angelicas Zimmer mit dem üblichen mitfühlenden und zerknirschten Gesichtsausdruck. Die alte Nonne setzte sich auf den Bettrand und tröstete sie: „Angelica, eines Tages werden Sie eine gute Oberin sein, aber eben jetzt noch nicht.“

Angelica wäre schon damit zufrieden gewesen, wenn sie endlich den Rang einer Professschwester erreicht hätte. „Es war mir völlig egal, ob ich jemals Oberin werden würde. Das war damals meine Einstellung.“

Nach fast neun Jahren im Kloster erreichte Angelica ihr Ziel und legte am Freitag, dem 2. Januar 1953, ihre ewigen Gelübde in der neuen Kapelle ab. Ihr alter Seelenführer, Monsignore George Habig, fungierte als Zelebrant. Angelica versprach „während des (ihres) ganzen Lebens… in Gehorsam, Armut und Keuschheit zu leben“. Auf dem Höhepunkt der Feier lag Angelica ausgestreckt auf dem Boden, und die Schwestern breiteten ein schwarzes Tuch über sie aus. Die Symbolik dieses Sterbens für diese Welt und des Eintretens in ein neues Leben hinterließ einen tiefen Eindruck bei der Nonne, die die feierliche Profess abgelegt hatte – auch wenn ihr Magen zu dieser Zeit flatterte.

„Irgendjemand beschloss, einen jener Geldgürtel mit all diesen Gebetsanliegen an meinem Bauch zu befestigen. Meine Mutter hatte welche hineingepackt, meine Tante und mein Onkel, die Schwestern und alle meine ehemaligen Schulkameraden“, sagte Angelica. „Ich habe mich gebückt, doch mein Bauch berührte nicht einmal den Boden.“

Am 12. August 1953 reiste Schwester Angelicas Freundin, Mutter Veronica, von Canton ab, um in Washington ein neues Kloster zu gründen. Wie Waisenkinder wurde die Gruppe der Novizinnen in den Händen von Mutter Mary Immaculata zurückgelassen. Die Schwestern vermissten die mütterliche Wärme Veronicas. Sie waren jetzt einer Nonne ausgeliefert, die sie als „stur“, „melancholisch“, „sarkastisch“ beziehungsweise als „hartnäckige Perfektionistin“ schilderten.

Als Lehrerin aus Irland trug Mutter Mary Immaculata tatsächlich den treffenden Namen. In ihrer Kleidung und ihrem Benehmen war sie makellos. Von ihren Schützlingen erwartete sie nichts Geringeres als absolute Perfektion. Obwohl sie in Canton eines Tages eine beliebte Äbtissin werden sollte, konnte sie zu dieser Zeit jedenfalls noch ungewöhnlich streng zu den Novizinnen sein.

„Mutter Immaculata ließ mich glauben, dass ich eines Tages in die Hölle käme“, erinnerte sich Mutter Angelica klagend.

Der Sturz

Mutter Veronicas Weggang und ihr Vorhaben, in Washington ein neues Kloster aufzubauen, gaben Schwester Angelica schon 1953 den Anstoß, über ein neues Kloster nachzudenken, das eine besondere Ausrichtung haben sollte. Joan Frank erinnerte sich, wie sie mit Angelica im Garten arbeitete, als die junge Schwester zum ersten Mal die Möglichkeit erwähnte, „ein Kloster für kleine Neger [sic!] unten im Süden“ zu gründen. Sie stellte sich vor, dort gezielt schwarze Schwestern für das kontemplative Leben anzuwerben. „Sie war alles andere als rassistisch eingestellt. Über schwarze Menschen sprach sie immer sehr liebevoll“, erinnerte sich Frank.

„Ihre Mutter mochte die Schwarzen gern“, erzählte Schwester Michael. „Ich glaube, dies färbte sich vermutlich auch auf Schwester Angelica ab.“ Die Beobachtung, wie Mae Francis völlig ungezwungen mit den Schwarzen umging und mit ihnen befreundet war, bevor es überhaupt Ansätze zu einer gesellschaftlichen Integration gab, legte sicher das Fundament für Angelicas Idee. Wie die von der Gemeinschaft abgehaltene Veranstaltung zur Rassenintegration zeigte, bestand im Kloster St. Klara ein Interesse an der Rassenfrage. Dies bestärkte Schwester Angelica sicher noch in ihrer Vision. Sie erwähnte gegenüber den ihr freundlich gesinnten Nonnen vorsichtig die Möglichkeit einer Neugründung im Süden, doch vorläufig blieb es beim Gespräch und ging nicht darüber hinaus.

Dann sollte eines Nachmittags im Jahre 1953 die Vorsehung abermals schmerzvoll in das Leben von Schwester Mary Angelica einwirken, und zwar mit nachhaltigen Folgen. Sie war mit der Reinigung des Ganges und der Schlafzimmer in der Novizinnenabteilung im zweiten Stock beauftragt und wählte eine moderne Reinigungsmethode. Um die Arbeit zu beschleunigen, goss sie Seifenwasser auf den Fußboden und steuerte eine elektrische Scheuermaschine darüber. Sie besaß die nötige Körpergröße und war wohl auch kräftig genug, um diese bockige Maschine zu beherrschen. Als sie dieses Gerät in engen Streifen hin und her durch den Schaum schob, verfing sich das Kabel in den Bürsten. Die schwere Maschine bockte und zitterte, und Angelica verlor das Gleichgewicht.

„Die ganze Maschine ging hoch, der Haltegriff traf mich in den Magen und warf mich auf diesen rutschigen Fußboden“, erklärte Angelica und zuckte zusammen, als sie daran dachte, was danach geschah. „Ich fiel also hin und verspürte einen großen Schmerz.“ Die linke Seite ihres Rückens tat weh. Der Schmerz strahlte unten vom Rücken bis auf die Mitte ihres linken Beines aus. Angelica stützte sich an der Wand ab, um wieder auf die Beine zu kommen. Sie schaffte es auch. Dann schleppte sie sich zu der umgekippten Maschine, stellte sie wieder auf und beendete ihre Arbeit. Sie dachte, die Rückenschmerzen würden schon von alleine wieder verschwinden. Drei Jahre später wartete sie noch immer darauf.

Ende 1953 litt Mutter Clare wieder unter ihren alten gesundheitlichen Problemen. Die Äbtissin erlitt zwei Herzinfarkte und kam schwer angeschlagen in die Gemeinschaft zurück. In ihrem geschwächten Zustand wandte sie sich ruhig an Schwester Angelica, ihre so oft gedemütigte Tochter, damit diese bei der Führung einsprang.

Die Befreiung der Gefangenen

Im Herbst 1953 hatten elf Novizinnen St. Klara verlassen, um dem strengen Regiment von Schwester Mary Immaculata, der Novizenmeisterin, zu entkommen. Die Nonnen, die in dieser „extrem strengen“ Umgebung zurückgeblieben waren, litten an Darmerkrankungen, Weinkrämpfen und Gefühlen des Unwürdigseins. Die dauernden Verweise und das unnötige Hervorheben von kleinen Schwächen führte bei einer der Schwestern zu einem Nervenzusammenbruch und ebnete den Weg für einen weiteren. „Es war so eine Art Sklaverei“, wie es Schwester Raphael nannte.

Als Schwester Mary Immaculata zu achttägigen Exerzitien fuhr, bat die Äbtissin Schwester Angelica, ihre Stelle einzunehmen.

Im November 1953 schritt Angelica mit einem frohen Optimismus in das Noviziat, der genau das Gegenteil der gedrückten Stimmung war, die normalerweise auf der zweiten Etage in St. Klara herrschte. Acht Tage lang war Schwester Angelica für die religiöse Unterweisung und Ausbildung sowie für den Tagesablauf der Novizinnen verantwortlich. Sie betonte Gottes Liebe für die Schwestern und ermutigte jede Einzelne, sich Ihm ganz hinzugeben.

Schwester Raphael, die damals Novizin war, „war sehr erbittert“ darüber, dass Angelica die Novizenmeisterin ersetzte. Nachdem sie versucht hatte, sich an die starre Struktur des Ordenslebens anzupassen, wie diese von Mutter Mary Immaculata aufgebaut wurde, hatte man es nun mit der Außenseiterin der Gemeinschaft zu tun, die etwas völlig anderes einführte. Schwester Raphael wollte nichts damit zu tun haben, und sie benahm sich „unmanierlich, um es gelinde auszudrücken“.

In dieser ersten Woche ließ Angelica nichts unversucht, um das Vertrauen der Novizin zu gewinnen, jedoch hatte dieses Bemühen wenig Erfolg. „Lassen Sie mich in Ruhe“, konnte Schwester Raphael sagen. „Ich will Ihre Hilfe nicht.“ Wenn die Anforderungen des Klosterlebens zu anstrengend wurden, zog sich Raphael in ihr Schneckenhaus zurück und verbarg sich in ihrer Zelle. Schwester Angelica hatte das schon vorher einmal gesehen. Um die junge Frau herauszuholen, schob sie eines Tages einen Zettel unter Raphaels Tür. Als sie keine Antwort erhielt, griff sie zur Selbsthilfe und betrat das Zimmer der Novizin. Raphael lag zusammengerollt unter ihrer Zudecke und weinte vor Selbstmitleid. „Sie kommen jetzt hier raus“, sagte Angelica, riss ihr die Betttücher weg und zog auch noch die Matratze unter ihr heraus. Raphael, hingestreckt auf dem Fußboden, fing an zu lachen – und damit war der Funke für eine lebenslange Freundschaft entzündet.

Angelica führte Raphael und die anderen Novizinnen in die Welt der geistlichen Klassiker ein, mit denen sie sich in ihrem Ordensleben beschäftigt hatte. Einen besonderen Schwerpunkt legte sie auf den hl. Johannes vom Kreuz und seine „dunkle Nacht der Seele“ – eine Zeit der geistlichen Trockenheit auf dem Weg zu einer tieferen mystischen Vereinigung mit Gott. Ganz nach dem Geist von Bruder Lorenz von der Auferstehung wurden die Schwestern angeleitet, die „vollständige Hingabe an Gott“ zu praktizieren und „das Glück im Tun Seines Willens zu finden, ganz gleich, ob Er uns führt… durch Leiden oder durch Tröstung.“ Sie führte Beispiele aus dem Leben der Heiligen als Vorbilder für ein religiöses Leben an. Schwester Angelica lehrte, dass die Heiligen „nicht gegen die Regeln verstießen, sondern einfach über sie hinauswuchsen“. Joan Frank dachte darüber nach: „Und anscheinend sah sie sich auch selbst so: Sie ragte über die Norm hinaus.“

In den acht kurzen Tagen trat eine Veränderung im Noviziat ein. Ein befreiendes, mitreißendes Licht drang plötzlich in das verkrampfte Leben der jungen Nonnen ein. Mit ihren lebendigen Vorträgen über die Hingabe an die göttliche Vorsehung und über das tägliche und fortwährende Gespräch mit Gott schmiedete Schwester Angelica dauerhafte Freundschaftsbande mit Schwester Joseph, Schwester Raphael und den anderen.

Als die Exerzitien von Mutter Mary Immaculata zu Ende gingen und sie wieder ins Kloster zurückkehrte, gaben einige der Novizinnen an, sich mitten auf dem „Weg der Reinigung“ in ihrem Gebet zu befinden, während andere gerade die „dunkle Nacht der Seele“ durchlitten. Angelica hatte also ihre Spuren hinterlassen. Doch Mutter Mary Immaculata war nicht gerade begeistert.

Bei der Rückkehr von Mary Immaculata und der Wiedereinführung ihrer harten Methoden erlitt Schwester Raphael „einen kleinen Nervenzusammenbruch“, der im Krankenzimmer endete. Zu dieser Zeit war Angelica gerade für die Kranken zuständig. In dieser Zeit war den Schwestern nach der Ordensregel jeglicher Kontakt mit den Novizinnen untersagt. Doch wer kümmerte sich schon im Krankenzimmer darum? Dort überwachte Angelica auch weiterhin Schwester Raphaels geistliches Leben. Wie die Novizin selbst zugab, half Angelica ihr, den „Fallstricken, in denen sie gefangen war“ zu entkommen.

Da sie um die Probleme im Noviziat wusste, fing Schwester Angelica ruhig an, auch die anderen Novizinnen zu bemuttern. Wenn ihr eine junge Schwester deprimiert vorkam, flüsterte sie ihr beim Vorbeigehen im Gang zu: „Jesus liebt dich.“ Wenn eine Novizin von Mutter Mary Immaculata zurechtgewiesen wurde, bemerkte Schwester Angelica: „Mir passierte das andauernd, als ich Novizin war“, erinnerte sich Joan Frank.

Um das Elend der Novizinnen ein wenig zu lindern, erlaubte Mutter Clare insgeheim, dass Angelica die geistliche Führung einiger der jungen Schwestern übernahm. Da sie wusste, dass die älteren Nonnen eine solche Ausnahme von der Ordensregel infrage stellen würden, bestand sie auf einer diskreten Abwicklung.

Schwester Michael erinnerte sich daran, dass Mutter Clare sie 1953 persönlich gefragt hatte, ob sie eine geistliche Führung von Schwester Angelica wünschte. Die junge Nonne lehnte das Angebot ab und kehrte zu ihrem normalen Tagesablauf zurück.

Es war die freundliche Schneiderin, Schwester Joseph, die Angelicas erste geistliche Tochter werden sollte. Sie trafen sich heimlich hinter einer Gartenlaube, dort, wo der Rasen aufhörte. Auch der Holzschuppen auf dem Grundstück der O’Deas diente als Treffpunkt, denn Schwester Michael zufolge „kam normalerweise kaum eine der Schwestern dorthin“.

Selbst mit ihrem verletzten Rücken, der nun auch ihre Körperhaltung in Mitleidenschaft zog, rannte Schwester Angelica durch das Klostergebäude, um Termine mit ihren geistlichen Schützlingen einzuhalten. Schwester Raphael und Schwester Assumpta kamen von dem im oberen Stockwerk gelegenen Nähzimmer zu Unterweisungen in Angelicas Zelle. Schwester Joseph saß dann im Nähzimmer, ließ ruhig ihre Nadel durch den Stoff gleiten und hielt Ausschau. „Ich sollte der Wachhund sein, während sie geistliche Anleitung gab“, verriet Schwester Joseph.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bemerkte Mutter Mary Immaculata aufgrund eines Hinweises bald die geheimen Sitzungen. Sie hielt der Äbtissin vor, dass Angelica im Geheimen die geistliche Führung der Novizinnen übernommen hatte. Dies war ein Verstoß gegen die Ordensregel. Mutter Clare verschwieg die Wahrheit und leugnete, Angelica angewiesen zu haben, die Nonnen zu unterweisen und rief die Beschuldigte in ihr Büro.

Bei einem Gespräch, das jemand mitgehört hatte, erzählte Schwester Angelica Mutter Clare unter Tränen, dass die älteren Schwestern „über sie herfielen“ und sie sehr verletzt hatten. Die Äbtissin tröstete Angelica, forderte sie auf, sich die Tränen abzuwischen. Dabei gestand sie vertraulich, dass „Gott aus irgendeinem Grund die Gemeinschaft nicht segnete“. Wohl um die Situation zu retten und die Novizinnen zu schonen, erlaubte die Äbtissin Angelica, ihre geistliche Führung weiter auszuüben.

In aller Ruhe und trotz der Beschwerden bestimmte Mutter Clare Schwester Angelica für den Weg der Führungsrolle innerhalb der Gemeinschaft. Ihr Vorankommen wurde nur durch die zunehmende Verschlechterung ihres Rückenproblems und durch Rivalitäten innerhalb des Klosters behindert. Doch im Glauben sollten diese offenkundigen Hindernisse sie zu einem Lebenswerk und einem Ziel leiten, das so unergründlich war wie Gott selbst.

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