Kitabı oxu: «Alter und Devianz»

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Der Herausgeber

Stefan Pohlmann ist Professor für Gerontologie an der Hochschule München. Der habilitierte Psychologe leitet dort die Abteilung für interdisziplinäre Gerontologie und vertritt als Dekan die Interessen der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften.

Stefan Pohlmann (Hrsg.)

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038773-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-038774-4

epub: ISBN 978-3-17-038775-1

Inhaltsverzeichnis

1  Einführung

2  Das Phänomen der Devianz im Alter

3 Stefan Pohlmann

4  Gebot der Differenzierung

5  Forschungs- und Praxisallianzen

6  Struktur des Sammelbands

7  Danksagung

8  Literatur

9  TEIL I Alterswissenschaft trifft Kriminalitätsforschung

10  1 Theoretische Impulse zu alterssensiblen Normabweichungen

11 Stefan Pohlmann

12  1.1 Kriminelle Energie und Alterskriminalität

13  1.2 Theorien der Alterskriminalität auf dem Prüfstand

14  1.3 Fazit: Theoriebedarf

15  Literatur

16  2 Methodische Herausforderungen altersdifferenzierter Kriminalitätsstatistiken

17 Gerhard Spiess

18  2.1 Womit wir rechnen müssen – womit können wir rechnen?

19  2.2 Altersdifferenzierungen im System der Kriminalstatistiken

20  2.3 Zahlen sprechen nicht für sich: Kriminalstatistische Messgrößen

21  2.4 Fazit: Was fehlt, was gut ist, was besser werden könnte

22  Literatur

23  3 Straftaten älterer Menschen – ein Überblick

24 Dirk Baier & Arne Dreißigacker

25  3.1 Einleitung

26  3.2 Seniorenkriminalität im polizeilichen Hellfeld

27  3.3 Befunde einer Dunkelfeldbefragung

28  3.4 Fazit: Zentrale Befunde

29  Literatur

30  4 Brauchen wir ein besonderes Strafrecht für ältere Straftäter?

31 Frieder Dünkel

32  4.1 Alterskriminalität – ein Problem?

33  4.2 Kriminologische Aspekte: Kriminalität und Lebenslauf

34  4.3 Erscheinungsformen der Alterskriminalität

35  4.4 Sanktionspraxis der Staatsanwaltschaften und Gerichte

36  4.5 Ältere Menschen im Strafvollzug – sozial- und legalbiografische Merkmale

37  4.6 Systematische Fragen zum Sanktionensystem und zur Strafzumessung

38  4.7 Anleihen beim Jugendstrafrecht

39  4.8 Ziel und Ausgestaltungen der Freiheitsstrafe

40  4.9 Fazit: Anderes Strafrecht, anderer Strafumgang oder alternative Lösungen?

41  Literatur

42  5 Altersbilder und Alterskriminalität

43 Theresa Grüner & Stefan Pohlmann

44  5.1 Altersbilder – ein klassisches Untersuchungsfeld der Gerontologie

45  5.2 Alterskriminalität und kriminologische Erklärungsansätze

46  5.3 Altersbilder in der kriminologischen Forschung

47  5.4 Fazit: Einfluss von Altersstereotypen

48  Literatur

49  TEIL II Altersrelevante Strafverfolgung und Strafverurteilung

50  6 Taxonomie von Straftaten im hohen Lebensalter

51 Stefan Pohlmann

52  6.1 Kriminalitätsverlaufsformen – erste Clusterungsversuche

53  6.2 Zeitpunkt von Straftat und Verurteilung

54  6.3 Subjektive Tatmotive im Alter

55  6.4 Fazit: Heterogenität des Phänomens

56  Literatur

57  7 Delikte von Konsumierenden illegalisierter Substanzen

58 Daniela Jamin & Christina Padberg

59  7.1 Hintergrund

60  7.2 Lebenslagen älterer Drogengebrauchender

61  7.3 Straffälligkeit und Hafterfahrung von Drogengebrauchenden

62  7.4 Delikte im Umfeld von Abhängigkeitserkrankungen bei älteren Drogennutzenden

63  7.5 Fazit: Veränderungen delinquenter Verhaltensweisen bei älteren Drogengebrauchenden

64  Literatur

65  8 Alkoholkonsum und Straffälligkeit älterer Menschen

66 Martin Schmid & Irmgard Vogt

67  8.1 Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen im Lebenslauf

68  8.2 Straftaten im Alter unter Alkoholeinfluss

69  8.3 Fazit: Plädoyer für genauere Untersuchungen

70  Literatur

71  9 Sexualdelinquenz im Alter

72 Martin Rettenberger

73  9.1 Datenlage

74  9.2 Altersbezogene Typen der Sexualkriminalität

75  9.3 Alterspädophilie aus Sicht der sexualforensischen Entwicklungskriminologie

76  9.4 Rückfälligkeit bei Fällen sexualisierter Gewalt

77  9.5 Alterseinfluss und Rückfälligkeit sexuell motivierter Straftaten

78  9.6 Fazit: Kriminalprognose und Alter bei Sexualdelinquenz

79  Literatur

80  10 Straffällige ältere Menschen in den Medien

81 Stefan Pohlmann & Theresa Grüner

82  10.1 Gefährdungen im Straßenverkehr

83  10.2 Übergriffe im Rahmen von #MeToo

84  10.3 Straftaten im Umfeld von Kirchen und spirituellen Gemeinschaften

85  10.4 Beziehungstaten und Gewalt in der Pflege

86  10.5 Clan- und Familienkriminalität

87  10.6 Sonstige Fälle

88  10.7 Fazit: Auswirkungen öffentlicher Berichterstattung

89  Literatur

90  11 Schuldfähigkeit älterer Straffälliger

91 Jan Lange & Robert Haußmann

92  11.1 Schuldfähigkeit und Schuldfähigkeitsbegutachtung

93  11.2 Relevante Störungen

94  11.3 Ältere Straffällige in forensisch-psychiatrischer Literatur

95  11.4 Neurobiologie delinquenten Verhaltens

96  11.5 Schuldfähigkeitsbedeutsame Demenz-Symptome und -Syndrome

97  11.6 Fazit: kognitive und nicht-kognitive Ursachenbestimmungen

98  Literatur

99  12 Bestrafung Älterer in der Rechtsprechung und aus Laiensicht

100 Theresa Grüner & Stefan Pohlmann

101  12.1 Retributive Gerechtigkeit und Strafzumessung

102  12.2 Forschung zu Strafeinstellungen und Bestrafungswünschen von Laien

103  12.3 Explorative Studie zu Bestrafungswünschen von Laien

104  12.4 Fazit: Alter als Indikator für alternative Strafformen

105  Literatur

106  TEIL III Ältere Menschen in Haft

107  13 Alter und Strafvollzug

108 Thomas Görgen

109  13.1 Ältere Menschen im Strafvollzug: Fallzahlen und Entwicklung

110  13.2 Ältere Gefangene – Herausforderung für den Strafvollzug

111  13.3 Fazit: erforderliche Neubewertungen

112  Literatur

113  14 Physischer und psychischer Gesundheitszustand von inhaftierten Senioren

114 Norman Meuschke

115  14.1 Rechtliche Grundlagen

116  14.2 Physische Gesundheit

117  14.3 Psychische Gesundheit

118  14.4 Implikationen für die Betreuung

119  14.5 Screeningvariablen

120  14.6 Fazit: Betreuungsbedarfe und Behandlungsprogramme

121  Literatur

122  15 Ältere Menschen in Haft – Herausforderungen an die Vollzugsgestaltung am Beispiel Bayerns

123 Frank Arloth & Tobias Geiger

124  15.1 Demografische Entwicklung

125  15.2 Unterbringung von älteren Gefangenen

126  15.3 Versorgung von pflegebedürftigen Gefangenen

127  15.4 Behandlung von älteren Gefangenen im Vollzug

128  15.5 Umgang mit schwerstkranken und sterbenden Gefangenen

129  15.6 Fazit: Modellprojekte gefragt

130  Literatur

131  16 Gestaltungsoptionen eines altengerechten Haftvollzugs

132 Norman Meuschke

133  16.1 Bauliche Aspekte

134  16.2 Beschäftigungs- und Freizeitangebote

135  16.3 Vermeidung sozialer Isolation

136  16.4 Wiedereingliederungsangebote

137  16.5 Hospiz- und Palliativversorgung

138  16.6 Fazit: Vielfalt der Anpassungserfordernisse

139  Literatur

140  17 Behandlung von lebensälteren Gefangenen

141 Kerstin Höltkemeyer-Schwick & Jens Seidler

142  17.1 Vollzugsstruktur in Nordrhein-Westfalen am Beispiel Bielefeld-Senne

143  17.2 Fazit: Perspektiven und Vernetzungsbedarfe

144  Literatur

145  TEIL IV Wege aus und Umgang mit der Alterskriminalität

146  18 Haftfähigkeit im Alter

147 Liane Meyer

148  18.1 (Multi) Morbidität älterer Inhaftierter

149  18.2 Gesundheitsversorgung im Strafvollzug und Haftunfähigkeit

150  18.3 Eingeschränkte Präventionsmöglichkeiten – das Beispiel Mobilität

151  18.4 Hilfe und Unterstützungsbedarfe – die Bedeutung eingeschränkter Möglichkeiten im Strafvollzug

152  18.5 Fazit: Herausforderungen für die Haftfähigkeitsprüfung

153  Literatur

154  19 Strafe trotz Demenz

155 Sandra Verhülsdonk

156  19.1 Demenz – ein Exkurs

157  19.2 Demenzielle Erkrankungen im Strafvollzug

158  19.3 Intraindividuelle Risikofaktoren

159  19.4 Haftalltag und Demenz

160  19.5 Fazit: Zunehmende Herausforderungen

161  Literatur

162  20 Der Weg nach draußen – Wiedereingliederungshilfe für ältere Gefangene

163 Sabine Oswald

164  20.1 Vollzug, Übergangsmanagement und Nachsorge – ein Blick auf den demografischen Wandel und die damit verbundenen Herausforderungen

165  20.2 Das Projekt zur »Wiedereingliederung von älteren Gefangenen« in Baden-Württemberg

166  20.3 Fazit: Übergangsmanagement

167  Literatur

168  21 Kriminalitätsfurcht im Alter: Differenzielle Verlaufsformen und ihre Korrelate

169 Arne Dreißigacker, Merten Neumann & Thomas Bliesener

170  21.1 Das Kriminalitätsfurcht-Alters-Paradox

171  21.2 Korrelate von Kriminalitätsfurcht im Alter

172  21.3 Befunde zweier Dunkelfeldbefragungen

173  21.4 Fazit: Komplexes Konstrukt

174  Literatur

175  22 Delinquente Alt-Rocker – Ergebnis von Lebensstil oder Stigmatisierung?

176 Thomas Feltes & Lutz Schelhorn

177  22.1 Rocker als Täter und Opfer

178  22.2 Gefahren der Stigmatisierung

179  22.3 Fazit: Der Zweck darf in einem Rechtsstaat nicht die Mittel heiligen

180  Literatur

181  Ausblick

182  23 Gerontokriminologische Handlungsbedarfe heute und morgen

183 Stefan Pohlmann

184  23.1 Alterskriminalität: ein neues und wachsendes Phänomen?

185  23.2 Fazit: Es ist noch viel zu tun!

186  Literatur

187  Autorinnen und Autoren

Einführung

Die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach1 hat in ihren Schriften immer wieder darauf hingewiesen, dass man sich bietende Gelegenheiten nicht versäumen dürfe. Dieser Sammelband ist eine solche Möglichkeit, um lange ignorierte Herausforderungen und Anpassungserfordernisse in den Blick zu nehmen, die mit der Straffälligkeit, Verurteilung oder Inhaftierung älterer Menschen bislang einhergegangen sind.

1 Ebner-Eschenbach, M. (1893). Gesammelte Schriften. Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte. Berlin: Paetel.

Das Phänomen der Devianz im Alter
Stefan Pohlmann

Dieser Sammelband hat den Zusammenschluss unterschiedlicher Expertinnen und Experten ermöglicht. Aus der Perspektive diverser Disziplinen und professioneller Handlungsfelder bezieht diese Publikation dezidiert Stellung zu Themen der Alterskriminalität. Als Alterskriminalität bezeichnet man gemeinhin alle Formen von Straftaten, die von Personen über 60 Jahren verübt werden oder die zu einem Strafprozess im höheren Alter führen (vgl. Pohlmann, 2009). Auf den nachfolgenden Seiten richtet sich der Blick darüber hinaus aber auch auf diejenigen Straftaten, die bei einer Verurteilung in jüngeren Jahren zu einer Verweildauer in Haft bis in das höhere Lebensalter beitragen. Hinzu kommen Normabweichungen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht strafrechtlich geahndet, gleichwohl auch jenseits von Strafrechtsnormen als deutliche Regelverstöße von Sozialnormen zu gelten haben. All diese Aspekte sind unter das Dach der Devianz im Alter zu fassen. Devianz ist dabei als zunächst neutraler Begriff für sämtliche Regelabweichungen zu verstehen, deren konkrete Ursachen, Hintergründe und Folgen es im Detail zu klären gilt.

Das Phänomen der Devianz im Alter ist nicht neu. Hinweise auf Straffälligkeit und Verbrechen im Alter gibt es in der Geschichte viele (vgl. Radbruch & Gwinner, 1951). Allerdings sind sowohl die Datenlage als auch der Forschungseifer für eine aktuelle und akkurate Einschätzung der Devianz im Alter weiterhin ausbaufähig.

In den einschlägigen forensischen Fachpublikationen stehen noch vor allem junge Straftäter und Straftäterinnen im Mittelpunkt. Dies trifft ebenso auf die deutsche wie auf die internationale Berichterstattung zu. Dennis Howitt umschreibt diesen Umstand wie folgt:

»For many offenders, the roots of their criminality are manifested in childhood. Important differences between the childhood of criminals and that of others may exist even at birth – perinatal factors may be involved in future criminality. Criminality can result from poor parenting, can be learnt from parents or others, can be encouraged by some types of community and can be affected by the greater opportunities for crime available in some types of community« (vgl. Howitt, 2008, S. 83).

Was hingegen ältere Täterinnen und Täter auszeichnet, darüber schweigen sich einschlägige Veröffentlichungen in diesem Feld bis heute mit wenigen Ausnahmen fast gänzlich aus (Farrington, 2019). Dieser Band wird mittels zahlreicher Belege gründlich dokumentieren, inwiefern es neben belastbaren Studien und praxisorientierten Handlungsansätzen noch vieler neuer Einsichten, überarbeiteter Methoden, innovativer Praxisansätze und grundlegender Überzeugungsversuche bedarf. Er wird zugleich aufzeigen, welche Erkenntnisse und Best-Practice-Modelle bereits vorliegen, denen aber die hinreichende Beachtung bislang versagt geblieben ist.

Gebot der Differenzierung

In diesem Sammelband soll nicht der Eindruck vermittelt werden, dass von älteren Personen eine gravierende oder neuartige Gefahr ausgeht. Eine Stigmatisierung oder Verunglimpfung dieser Altersgruppe ist ausdrücklich nicht intendiert. Zudem soll nicht durch unbelegte Vermutungen oder durch reißerische Überzeichnungen ein falsches Bild entstehen. Vielmehr gilt es, einen Beitrag für eine differenzierte und ausgewogene Sicht auf das Alter zu liefern und damit verbundene Implikationen abzuleiten. Dafür braucht es auch einen Blick in Nischen und Schattenbereiche des Alters. Eine verantwortungsvolle Gesellschaft ist auf eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung in genau dieser Hinsicht angewiesen, um vermeidbare und schädliche Formen der Devianz im Lebenslauf möglichst vereiteln oder doch zumindest auffangen zu können. Hierbei sind aus kriminologischer Sicht sowohl idiografische Methoden im Sinne von Einzelfallbetrachtungen anzuwenden wie auch nomothetische Erklärungen für übergreifende Verhaltensmuster (Schneider, 2012, S. 1165) und gerontologische Erkenntnisse über den Altersverlauf (Pohlmann, 2011) systematisch einzubeziehen. Dazu ist eine ergebnisoffene und vorurteilsfreie Herangehensweise an einen Gegenstandsbereich unerlässlich. Dies ist gerade bezogen auf die Kriminalität älterer Menschen bislang noch nicht ausreichend geschehen.

Einer Differenzierung bedarf es aber nicht nur im Hinblick auf die Zielgruppe, sondern auch auf die Kriminalitätsforschung selbst. Welche wissenschaftliche Erklärung ist für die Kriminalität älterer Menschen heranzuzuziehen? Als Pionier auf der Suche nach einer umfassenden Begründung gilt Émile Durhkeim, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts seine Anomietheorie aufgestellt hat, um die Ursachen von Kriminalität zu bestimmen (Durhkeim, 1984). Nach seinem Dafürhalten ist Kriminalität Ausdruck eines Schwindens von Struktur- und Ordnungsprinzipien, die er in der Industrialisierung und Landflucht begründet sah ( Kap. 5). Dies könnte auch nach Beendigung der Familienarbeit oder dem Ausscheiden aus dem Berufsleben im Alter relevant sein. Wie würde sich nach diesem Ansatz die aktuelle Krisensituation durch die Covid-19-Pandemie und die im Hintergrund verlaufenden, rasanten gesellschaftlichen Transformationen bedingt durch demografische, epidemiologische, technologische, globale, kulturelle, ökologische und ökonomische Wandlungsprozesse auf regelkonformes Verhalten auswirken und welche Unterschiede würde dies in den jeweiligen Altersklassen der Bevölkerung mit sich bringen? Nun ist man sich einig, dass Durkheims Theorie zwar einen Verlust ethischer Orientierungen erklären kann, nicht aber die Vielfalt von Verbrechen und Vergehen in einer modernen Welt (vgl. Vito, Maahs & Holmes, 2007). Es braucht also zum einen robuste Daten, die jegliche Formen der Kriminalität repräsentativ wiedergeben (vgl. Bundeskriminalamt, 2020), und zum anderen passende Erklärungsmodelle, die auch die Motive und Auslöser solcher Normabweichung heranzuziehen in der Lage sind. Dieses Ziel liegt allerdings noch in deutlicher Ferne. Umso wichtiger sind die Anstrengungen, vorliegende Befunde zu verstehen und neues Datenmaterial zu sammeln und zu bündeln.

Eine feinmaschige Herangehensweise benötigen wir darüber hinaus auch im Hinblick auf den Umgang mit der Kriminalität Älterer. Dies gilt für Strafverfahren ebenso wie für Haftbedingungen (vgl. Kenkmann et al., 2020) und für angemessene Schritte einer gelingenden Resozialisierung. Hierzu finden sich zwar erste Ansätze – von einer Gesamtstrategie kann aber keine Rede sein.

Vor diesem Hintergrund zielt der vorliegende Sammelband darauf ab, Grundlagen für fundierte Aussagen zu erarbeiten. Zugleich sollen Fehler und Defizite aufgedeckt und kritische Aufgaben identifiziert werden. Dafür sind neue Ideen ebenso unerlässlich wie die Würdigung früher Ansätze. Daher sei dieser Sammelband einem der berühmtesten Universalgelehrten der Menschheitsgeschichte zugeeignet: Leonardo da Vinci, dem Visionär und Mitbegründer einer modernen Wissenschaft. Einer seiner Leitsprüche lautete:

»Wer forscht, indem er sich allein auf Autoritäten beruft, verwendet nicht seinen Geist, sondern nur sein Gedächtnis« (Codex Leicester, o. S.)

Neben dem hier zum Ausdruck kommenden Gebot für Sachverstand und der Forderung nach Offenheit ist für das Thema der Devianz im Alter vor allem eine gesteigerte Einsatzbereitschaft, Innovationsbereitschaft und viel Überzeugungsarbeit von Nöten. Eine Widmung für Leonardo da Vinci ist an dieser Stelle wohl zudem deshalb passend, weil er selbst im Zuge seiner vermutlichen Homosexualität im Jahre 1476 angeklagt wurde und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch einige Tag in Haft verbracht hat. Durch den schützenden Einfluss der damals herrschenden Medici blieb ihm auch später eine Verfolgung im Alter glücklicher Weise erspart (vgl. Bramly, 1995). Ferner zeigt das Beispiel da Vincis, dass eine Einschätzung von Kriminalität auch stets Ausdruck der zeitgenössischen Moral und kulturellen Wertvorstellungen ist. Fataler Weise gelten auch noch heute, Jahrhunderte später, in einigen homophoben Ländern die vermeintlich falsche sexuelle Ausrichtung als Straftatbestand. Gesellschaftliche Deutungen von Recht und Unrecht verdienen fraglos eine eigene Publikation. Sie sind daher nicht primärer Bestandteil dieses Sammelbands. Allerdings werden die herrschenden Vorstellungen über die Alterskriminalität sehr wohl eingehender zu betrachten sein. Dies soll mit dazu beitragen, Straftaten älterer Menschen in all ihren Facetten zu begreifen und ihnen mit unterschiedlichen Maßnahmen altersgerecht zu begegnen.

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Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
19 dekabr 2025
Həcm:
665 səh. 60 illustrasiyalar
ISBN:
9783170387751
Redaktor:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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