Kitabı oxu: «Auf phantastischen Pfaden»

Thomas Le Blanc (Hrsg.)
Auf phantastischen
Pfaden
Eine Anthologie mit den
Figuren Karl Mays
KARL - MAY - VERLAG
BAMBERG • RADEBEUL
Herausgeber der Reihe „Karl Mays Magischer Orient“:
Thomas Le Blanc und Bernhard Schmid
In der Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ sind bisher erschienen:
Band 1 – Alexander Röder Im Banne des Mächtigen
Band 2 – Alexander Röder Der Fluch des Skipetaren
Band 3 – Alexander Röder Der Sturz des Verschwörers (2017)
Band 4 – Alexander Röder Die Berge der Rache (2017)
Thomas Le Blanc (Hrsg.) Auf phantastischen Pfaden
Eine Anthologie mit den Figuren Karl Mays
Weitere Informationen finden Sie im Internet auf
www.magischer-orient.karl-may.de
© 2016 Karl-May-Verlag, Bamberg
Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten
Illustration: Elif Siebenpfeiffer
Umschlaggestaltung: Petry & Schwamb, Freiburg
ISBN 978-3-7802-1499-7
www.karl-may.de
Inhalt
Vorwort
Als Karl May in den 1880ern und 1890ern seine beliebten und erfolgreichen Reiseerzählungen verfasste, da konnte er seine Helden in exotischen Kulissen wie der Prärie, den Kaktuswüsten und den Felsengebirgen des amerikanischen Westens, den argentinischen Pampas, den nordafrikanischen und arabischen Sandwüsten sowie dem wilden Kurdistan und einigen hinterindischen Inseln frei agieren lassen, da alle diese Schauplätze dem damaligen Leser wie Traumwelten erschienen, weil es seine finanziellen wie logistischen Möglichkeiten überstieg, diese Weltgegenden selbst zu besuchen. Heute bieten ungezählte Reiseveranstalter an, für erschwingliche Preise uns in jeden Winkel dieses Planeten zu transportieren, außerdem können wir mittels Google Earth jeden beliebigen Ort der Erde am heimischen PC aus der Vogelperspektive betrachten.
Wenn Karl May heute noch leben würde und seine Leser heute zu literarischen Abenteuern in unbekannte Regionen entführen wollte, dann müsste er Fantasy schreiben und seine Geschichten in magisch verfremdeten irdischen Gegenden oder gar in parallelen Welten mit fiktiver Geografie ansiedeln. Wie solch phantastische Geschichten mit den uns vertrauten Helden aussehen könnten, das zeigen wir in dieser Anthologie, mit der wir quasi auf phantastischen Pfaden wandeln wollen. Wir haben deshalb einige moderne deutsche Autoren gebeten, Karl Mays literarisches Universum nicht bloß um neue Abenteuer, sondern um neue phantastische Abenteuer zu bereichern.
Die Autoren haben sich auf Karl Mays bevorzugte Weltgegenden beschränkt – auf den Orient des Osmanischen Reichs und auf den Wilden Westen – und haben einerseits die Fabelwesen aus 1001-Nacht-Geschichten und andererseits das schamanische Denken der nordamerikanischen Indianer in ihre Abenteuer eingebracht. Aber sie sind auch noch einen Schritt weitergegangen und haben das Vermischen von Welten, das Karl May so virtuos beherrschte, aufgegriffen und Karl May selbst in sein imaginiertes Universum hineingetragen und somit seine literarischen Träume neu geträumt.
So sind 23 abenteuerliche Erzählungen von 20 Autoren entstanden, humorvolle wie auch dramatische Geschichten, Geschichten, die nahe am Karl-May-Feeling geblieben sind, sowie einige sehr bemerkenswerte Phantasien, die die Barriere zwischen Erzähler und Held durchbrochen haben – auf diesem literarischen Pfad bewegte sich Karl May sein Leben lang. Durchweg sind es Geschichten geworden, bei denen man von der ersten bis zur letzten Zeile spürt, mit welchem Vergnügen sie geschrieben wurden.
Ich wünsche deshalb allen Lesern, dass sie mit eben solcher Freude die hier präsentierten Abenteuer lesen werden.
Thomas Le Blanc
Maike Braun
Die Weisheit des Hadschi Halef Omar
Ich riss mich wahrlich nicht darum, den Schott noch einmal zu durchqueren. Aber wenn wir unsere Verabredung einhalten wollten, blieb uns nichts anderes übrig. Der Weg von der kleinen Oasenstadt im Süden des Landes, von woher wir kamen, um den See herum bis nach Tozeur war wesentlich länger als die direkte Durchquerung. Unser Freund Omar begleitete uns auch dieses Mal, doch ich merkte gleich, dass er sich nicht wohl dabei fühlte. Vielleicht lag es an dem weiteren Reisenden, einem Korbhändler, der sich uns mit seinen mit sperrigen Palmwedeln und Körben aller Art bepackten Lastkamelen angeschlossen hatte. Jedenfalls schien unsere Reise unter keinem guten Stern zu stehen.
Kaum hatten wir die Oasenstadt hinter uns gelassen, als eines der Lastkamele des Händlers zu lahmen begann. Wir debattierten, ob wir zurückkehren sollten, doch der Korbhändler hatte es genauso eilig wie wir, und Omar war auf das Geld angewiesen.
Gerade passierten wir eine Felsengruppe, die den Beginn des Sees markierte. Irgendwer spielte auf einer Flöte ein einsames Lied. Es klang, als wehte es vom Jenseits herüber. Mein kleiner Berberhengst warf aufgeregt den Kopf in den Nacken. Selbst Halef, der sonst kaum in seinem Redefluss zu bremsen war, starrte finster vor sich hin.
„Was hast du?“, fragte ich ihn.
„Ich glaube, wir fordern das Schicksal heraus“, antwortete er und sprach aus, was mir schon die gesamte Zeit schwer auf der Seele lag. Er sei die Schluchten des Dschebel Aures hinunter- und wieder hinaufgeklettert, habe den Dschebel Chelia erklommen – was nicht stimmte, da uns der Führer zum höchsten Gipfel des Gebirges kurzfristig abgesprungen war – Allah sei Dank immer wohlbehalten, und noch immer habe er seiner Pflicht als Rechtgläubiger nicht Genüge getan, schlimmer noch, er befinde sich bald weiter denn je von Mekka entfernt.
„Ich verspreche dir, mein lieber Halef, du wirst deine Pilgerreise bald antreten können. Ich werde dich nach Kräften dabei unterstützen.“
„Das würdest du, ein Ungläubiger, für mich tun?“
„Wenn ich es dir doch sage.“
Sofort trat ein munteres Glitzern in die Augen meines Dieners und er schlenkerte mit den kurzen Beinen auf seinem klapprigen Gaul.
Dann ließen wir den letzten sicheren Grund hinter uns und vor uns breitete sich eine weiße Ödnis aus, die sich über den gesamten Horizont erstreckte. Tiefe Risse durchzogen die Salzkruste, als ob sich die Erde selbst schuppte, darüber spannte sich ein ausgebleichter Himmel. Niemand sprach.
Vorsichtig betrat Omar den Schott, gefolgt von dem Korbhändler, der nervös um sich blickte. Ich bildete den Abschluss.
Plötzlich veränderte sich der Untergrund rechts und links unseres schmalen Pfades. Eine in giftigem Rosa gefärbte Salzlake leckte an dem schmalen Streifen begehbaren Untergrunds. Omar erzählte, wie einmal ein Verzweifelter davon Wasser geschöpft hätte und wenige Stunden später an den Krämpfen in seinem Leib verendet sei.
„Allmächtiger Gott, bewahre uns vor solchem Schicksal“, hörte ich Halef vor mir.
Schweigend ritten wir voran. Mein kleiner Diener drehte sich immer wieder um, um sich anhand der schwindenden Felsbrocken am Eingang des Salzsees zu überzeugen, dass wir uns vorwärtsbewegten. Der Horizont gab uns keinerlei Anhaltspunkte. Wir hätten genauso gut auf der Stelle treten können.
Die Farbe der Salzkruste veränderte sich. Auf der Oberfläche hatte sich Wasser angesammelt. Omar hielt an, um den Untergrund zu prüfen.
Der Korbhändler drängte ihn weiterzugehen. „Ich sehe keinen Unterschied zwischen hier“, er deutete auf die Stelle, vor der Omar stehengeblieben war, „und dort“, er deutete auf den Pfad, den wir gekommen waren.
„Du kannst geradeaus weitergehen, wenn es dir beliebt“, sagte Omar. „Ich aber werde einen Bogen um diese Pfütze einschlagen.“
Mürrisch folgte ihm der Händler.
„Der Mann gefällt mir nicht, Sihdi. Ich glaube, ihm folgt ein böser Geist, ein Dschinn.“
„Wir können ihn aber nicht zurücklassen.“
Darauf wusste Halef keine Antwort. Aber es erging mir genauso wie ihm. Entweder der Mann war wirklich in großer Eile, oder er führte etwas im Schilde. Wie dem auch sei, jetzt war es zu spät, darüber nachzudenken. Auf dem Schott galt es zusammenzuhalten, sonst war man verloren.
Ich weiß nicht, wie lange wir so weitergingen. Ich hing meinen Gedanken nach, sah mich im Schatten von Palmen Datteln verzehren, mich in meinem Lieblingskaffeehaus in Tozeur an der köstlichen Flüssigkeit laben, malte mir aus, auf einer Dehabïe den mächtigen Nil entlangzusegeln ...
... und fiel fast vom Pferd. Die Hitze musste mir mehr zugesetzt haben als gedacht, und ich war kurz weggetreten. Mein kleiner Diener stand neben mir und richtete mich wieder auf. Ich lächelte ihm dankbar zu, als mir das grünlich schimmernde Wasser um die Fesseln seines Pferdes auffiel. „Halef!“, rief ich und klopfte seinem Gaul auf den knochigen Hintern, als er nicht sogleich reagierte und weiterritt. Seiner Mähre hatte die Hitze wohl auch zugesetzt, denn sie bäumte sich auf, und Halef, völlig von dieser unerwarteten Kraftanwandlung seines Pferdes überrascht, stürzte zu Boden. Ich sprang sogleich von meinem Berberhengst, um ihm zu Hilfe zu eilen.
Ich weiß nicht, was in diesem Moment in Halefs Kopf vorging, doch er trat einen Schritt zur Seite von mir weg, statt auf mich zu.
Sofort brach er ein. Grünes Salzwasser schnappte nach seinen Knöcheln, seinen Waden – ein Ruck, und nur noch sein Oberkörper ragte heraus. Ich warf mich flach auf die Salzkruste, der Riss vergrößerte sich, öffnete sich wie das Maul eines hungrigen Ungeheuers, Halefs Hand verschwand und dann sah ich nur noch die angstgeweiteten Augen meines Dieners.
Das alles geschah schneller als ein Wimpernschlag.
Allah ïa Sahtir, o du Bewahrer, so hilf mir!, rief Halef und ruderte mit den Armen. Für einen Moment schöpfte er Hoffnung, als sich sein Turban in der Salzkruste über ihm verhakte und sein Fall sich verlangsamte – allah kerim, Gott ist gnädig –, bis das Tuch riss und er mit halb entblößtem Haupt tiefer hinabsank. Der letzte Lichtfleck schrumpfte auf einen Punkt, dann war auch dieser erloschen.
Ich griff nach dem Seil, das mir Omar reichte, und warf es Halef hinterher. „Halt dich fest, Halef!“, rief ich, obwohl ich wusste, dass er mich nicht hören konnte. Es verschwand in dem grün schillernden Loch. Nur die Spitze von Halefs Turban war noch zu sehen. Doch dann – dem Herrn sei Dank! – blieb Halef stecken, hatte vermutlich festen Grund unter den Füßen gefunden, jedenfalls sank er nicht tiefer.
Ich robbte ein paar Zentimeter weiter, um ihn am Arm zu greifen, als das Loch weiter aufbrach und mich ebenfalls in den Abgrund zu ziehen drohte. Ein Stück von Halefs Turban löste sich, ich griff danach, versuchte die Stoffbahn und damit meinen treuen Diener einzuholen wie ein Fischernetz, doch das Tuch riss.
Von Halef keine Spur. Nicht einmal Luftblasen.
Er sank weiter, das Salz brannte auf seinen Lippen und in seinen Augen, sein Herz hämmerte gegen den Brustkorb, verlangte hinaus, drohte die Lunge zu sprengen, als er Boden unter den Füßen spürte. Allah akbar, Gott ist groß, presste er in Gedanken hervor und versuchte sich abzustoßen. Doch es gelang ihm nicht. Stattdessen fiel er auf die Knie und der letzte Rest Luft entwich ihm. Da wusste er, das Ende war gekommen, und er bereitete sich auf das Sterben vor. La illah illa e llahu, es gibt keinen Gott außer Gott.
Hinter dem kalten Schleier des Salzwassers sah er ein grünliches Licht aufleuchten.
O Allah, Allmächtiger, ist das der Eingang zur Hölle, sollte es tatsächlich so weit sein?
Er schmeckte das bittere Salz seiner Tränen, als sich eine Gestalt aus der phosphoreszierenden Finsternis schälte. Es war ein Mann nach Art der Türken gekleidet. Er trug eine Pumphose und einen Spitzbart. Der Schnurrbart war dünn und schmal wie auch sein Träger. Seine Augen funkelten wie Smaragde im Kerzenschein. Er beugte sich zu Halef hinunter und reichte ihm die Hand.
„Ich brauche ein paar Palmwedel, schnell“, sagte ich zu Omar, „wir müssen mein Gewicht auf eine größere Fläche verteilen.“ Im Hintergrund hörte ich den Händler erst Stoßgebete aussenden und dann Omar beschimpfen. Der ließ sich davon nicht von seinem Vorhaben abbringen und löste rasch ein Bündel Palmwedel von einem der Kamele.
„Gott erbarme dich, genauso habe ich es in meinem Traum gesehen“, rief der Händler. „Wir können nichts mehr für ihn tun, lasst uns weitergehen, damit uns nicht dasselbe Schicksal ereilt“, fuhr er fort und zerrte an meinem Arm.
„Mach dich nützlich“, herrschte ich ihn an, „und führe die Tiere ein Stück vor und wieder ein Stück zurück.“ Die Gefahr, dass er sich auf eigene Faust durchkämpfen würde, schätzte ich als gering ein. Mut war nicht seine Stärke. Aber es war wichtig, dass die Tiere nicht zu lange auf der Stelle verharrten, weil sonst die Gefahr bestand, dass ihr Gewicht die tragende Salzschicht durchbrach. Außerdem konnte ich das Gejammer des Mannes nicht länger ertragen.
„Versuch es damit“, sagte Omar, der in der Zwischenzeit ein paar der Palmwedel notdürftig miteinander verflochten hatte.
Ich ging ein Stück um die Einbruchstelle herum und robbte mich Zentimeter für Zentimeter auf der behelfsmäßigen Unterlage dichter an die Stelle heran, an der ich Halef vermutete. Zwar sank ich auch hier einen Daumen breit ein, doch die provisorische Matte trug mein Gewicht. Omar wies ich an, in der Zwischenzeit das Seil an einem der Wedel zu befestigen. Als ich mich so weit auf das Salz hinausgewagt hatte, wie mir möglich schien, stocherte ich mit diesem Wedel in dem grün schillernden Spalt.
Dankbar ergriff Halef die ausgestreckte Hand, und im selben Moment konnte er nicht länger an sich halten und riss den Mund auf. Doch maschallah, Wunder Gottes, statt brackigem Salzwasser strömte herrliche, klare Luft in seine Lunge hinein. Fast meinte er den Duft von Jasmin einzuatmen. Er blähte die Nasenflügel auf und sog das köstliche Nass in sich hinein.
Hamdulillah, Preis sei Allah, rief er und ließ die Hand des Fremden los, um auf die Knie zu sinken und Allah, dem Barmherzigen, dafür zu danken, seine Sünderseele gerettet zu haben. In dem Moment schnürte sich seine Kehle zusammen, ein Hustenanfall rüttelte seinen Leib und er versuchte mit der letzten ihm verbleibenden Kraft, das Wasser, das plötzlich wieder in ihn hineinströmte, hinauszupressen.
Oh, du Hund, Verfluchter, welch übles Spiel spielst du mit mir?, wollte er dem Fremden zurufen, doch er stieß nur Wolken braunen Wassers aus.
Der Fremde griff nach ihm, und im selben Moment vermochte Halef wieder zu atmen. Willig folgte er seinem Retter durch das grüne Dämmerlicht.
Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter. Es war Omar. Er sah mich schweigend an. Er hatte seinen Vater an den Schott verloren, und wir hatten ihn überzeugen müssen, ihn dem Salz zu überlassen. Jetzt war es an ihm, mich im Leben zu halten.
Aber ich wollte nicht aufgeben, noch nicht.
„Ich will es nur noch einmal etwas weiter hier drüben versuchen“, sagte ich, erhob mich vorsichtig und ging ein paar Schritte weiter.
„Sihdi, es ist genug“, sagte Omar und fasste mich sanft am Arm. „Wir können nichts mehr für ihn tun.“
Halef konnte nicht sehen, wohin er trat, doch spürte er Steine unter seinen Sandalen, dann wieder weichen Untergrund, als ob unter dem Salzsee ein weiterer verborgen sei. Vielleicht befand er sich doch in der Dschehenna, der Hölle, und sein Führer brachte ihn lediglich zu dem ihm vorherbestimmten Platz. Die Angst legte sich um Halefs Brust wie Lederriemen, und mit jedem Schritt schnitten sie stärker ein. Er wurde langsamer und langsamer.
Der Fremde blieb stehen und musterte ihn.
So schnell gibst du auf?, schien sein Blick zu sagen.
Irgendetwas an seinem Retter erinnerte ihn an den Effendi, vielleicht der spöttische Blick. Halef gedachte all der Abenteuer, die sie zusammen ausgestanden hatten, und ihm wurde warm dabei ums Herz. Ich werde dich nicht enttäuschen, Sihdi, sagte er und spürte, wie sich das Lederkorsett um seine Brust lockerte und sein Atem wieder leichter ging. Mit der Luft strömte Hoffnung ein, und er nahm sich fest vor, den Weg tapfer und aufrecht bis zum Ende zu gehen, ganz gleich, was da noch kommen mochte.
Ich richtete mich auf, als plötzlich der Boden zu schwanken schien. Wie auf einer Eisscholle trieb ich ein Stück nach links. Auch die Tiere bemerkten die Veränderung und begannen unruhig zu werden. Etwas bewegte sich im Untergrund, als ob ein riesiger Lindwurm seine Kreise unter uns zog, bereit, jederzeit zuzuschnappen.
„Allah ïa Sahtir, o du Bewahrer, hilf uns!“, rief der Händler und warf sich auf die Knie. „Es geschieht genau wie in meinem Traum. Nur ein Baum kann uns jetzt noch retten.“
„Ein Baum, bist du verrückt geworden?“ Omar deutete auf das gleißende Weiß um uns. Er hatte Mühe, die Tiere beieinanderzuhalten. Wenn wir nicht bald festeren Untergrund finden würden, wären auch wir verloren.
Sie kamen an eine düstere Burg. In dem schummrigen Licht konnte Halef nur die Umrisse ausmachen. Zwischen zwei Toren stand ein Wächter mit gekreuzten Armen und einem Krummsäbel an der Seite. Er nickte Halefs Retter finster zu.
Der verneigte sich und schickte sich an zu gehen. Halef lief ihm hinterher. Noch einmal würde er nicht die Hand seines Retters loslassen und erneut eisiges und zugleich in der Kehle brennendes Wasser einatmen.
Doch der Wächter hielt ihn am Arm fest. Er deutete auf einen Teppich vor ihm.
Solange du dich darauf befindest, passiert dir nichts, hörte Halef eine tiefe Stimme in seinem Kopf. Und jetzt erkläre mir, warum ich dich nicht zu den anderen schicken soll.
Er stieß mit der Hand eines der Tore auf. Dahinter befand sich eine Höhle, in der eine dreiköpfige Bestie, eine Mischung aus Atlasbär und Schakal, an seinen Ketten rüttelte. Vor ihm lagen die zerrissenen Leiber anderer Opfer des Schott. Manche waren bereits bis auf die Knochen abgenagt, andere schienen erst vor Kurzem diesem Ungetüm zum Fraß vorgeworfen worden zu sein.
Halef wusste keine Antwort auf die Frage des Wächters.
Sollte das die Hölle sein? Aber wo befand sich dann Ssirath, die Brücke, die so schmal war wie die Klinge eines Schwertes, und das Kitab, das Buch der guten und der bösen Taten?
Der Wächter schien seine Gedanken zu hören, denn er sagte: Das hier ist der Seiteneingang, und drückte mit seiner Pranke das zweite Tor einen Spaltbreit auf.
Halef erblickte einen lieblichen Garten. Jasmin rankte sich an einem Holzgatter, in einem Brunnen plätscherte das Wasser, Palmen spendeten Schatten.
Ist das Dschennet, das Paradies?, fragte Halef.
So ist es, aber in deinem Fall ist wohl eher die Dschehennah, die Hölle hier links, angemessen, sagte der Wächter, und sein Lachen schepperte in Halefs Kopf.
Halef fiel auf die Knie. Allah akbar, Gott ist groß, ja, ich habe gesündigt, gewiss habe ich dem einen oder anderen Dummkopf mehr Piaster abgeschwatzt als angemessen, aber das ist doch keine Sünde.
Schweig!, donnerte es in seinem Schädel, und Halef presste die Hände gegen die Ohren.
Als die Stimme des Wächters verhallt war, fragte er kleinlaut: Was also wirfst du mir vor?
Du nennst dich Hadschi Halef Omar, sagte der Hüne. Ist es nicht so?
Halef nickte.
Wie der Vater und der Vater deines Vaters?
Wiederum nickte Halef. Er wusste, was jetzt kam, doch er wagte nicht zu sprechen.
Das ist auch gut so, sagte der Hüne in seinem Kopf, der offensichtlich Halefs Gedanken hören konnte.
Was geschieht mit Lügnern und Heuchlern?, fragte der Wächter und Halef schwieg.
Nicht einmal das weißt du?
Der siebente Höllenkreis ist für die Lügner vorgesehen, flüsterte Halef.
Wie bitte? Sag es laut, ich will es hören, tönte es in Halefs Kopf.
Lügner und Heuchler brennen im siebenten und tiefsten Höllenkreis, sagte Halef.
So ist es. Bist du also bereit, durch das linke Tor in den Vorhof der Hölle zu treten?
Die Frage des Wächters erklang nun so laut in Halefs Kopf, dass er Angst hatte, sein Kopf werde bersten.
Ich bitte dich, o Herr, mir noch so lange Atemluft zu schenken, bis ich dir meine Erklärung unterbreitet habe, sagte Halef. Dann werde ich mich willig durch das linke Tor begeben und mich dieser dreiköpfigen Bestie zum Fraß vorwerfen, und die abscheulichsten Kreaturen, die hier unten hausen, Würmer und Krebse und wer weiß noch welches Teufelsgetier, sollen sich an mir weiden, und ich werde es klaglos hinnehmen. Den schlimmsten Tod will ich willig ertragen und Allah dafür preisen, denn gerecht ist er, wenn du denn so entscheidest, nachdem du meine Rede empfangen hast.
Der Hüne verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Halef misstrauisch.
Nun gut, sagte er schließlich, du hast einen Versuch, mich davon zu überzeugen, dich nicht in die Hölle zu schicken. So lautet das Gesetz.
Du Herrlicher, allah, allah maschallah – Gott tut Wunder, ihm sei Dank, ich danke dir für diese Gelegenheit.
Der Hüne winkte ab. Komm zur Sache, ich habe nicht alle Ewigkeit.
Es stimmt, o Herr, du sollst mein Richter sein, sagte Halef und warf sich auf die Knie. Ich habe die Hadsch nicht vollendet …
Du gibst es also zu, eine Lüge. Der Wächter stieß das linke Tor weit auf, ein fauler Geruch nach Gerbstoffen und Gülle drang heraus. Er bedeutete Halef hindurchzutreten. Halef winkte mit beiden Händen ab.
Keine Lüge, Effendi, keine Lüge, wenngleich mir bewusst ist, dass es an der Oberfläche wie eine aussehen könnte.
An der Oberfläche, sagst du? Da bin ich ja gespannt. Aber fasse dich kurz. Meine Ohren sind langes Zuhören nicht mehr gewohnt.
Suchend sah sich Halef nach etwas um, das ihm in dem dämmrigen Grün eine Hilfe sein könnte. Dann hatte er einen Einfall.
Es ist wie der Schott el Dscherid, o Effendi, fuhr er fort. Von Weitem betrachtet sieht er aus wie ein großer, flacher und ausgetrockneter See. Eine Kruste aus Salz glitzert in der Sonne, der Wanderer macht sich dafür bereit, Schrunden an den nackten Füßen zu bekommen, sich vielleicht die Zehen aufzuschürfen …
Du sollst dich kurz fassen, habe ich gesagt. Ich bin nicht von gestern. Er rieb sich die Ohrmuscheln, als schmerzten sie von Halefs Rede.
Halef nickte eifrig.
Unter diesem See, dem Schott, verbirgt sich eine ganze Welt, er beschrieb mit dem Arm einen Bogen, diese, deine Welt. Es ist ganz anders hier unten, als man sich das oben jemals vorstellen könnte. Genauso, mein Herr, verhält es sich mit meiner Pilgerfahrt.
Der Wächter rollte mit den Augen und steckte sich einen Finger in das Ohr. Nachdem er ihn ein paar Mal hin- und hergedreht hatte, forderte er Halef auf, weiterzusprechen.
Du bist doch hier schon eine Ewigkeit, Herr?
Vom Anbeginn der Zeiten bis zu deren Ende.
Es gibt also keine Zukunft und keine Vergangenheit wie für uns Sünder, habe ich Recht?
Da magst du richtig liegen.
Siehst du, so ist es mit meiner Pilgerreise. Es ist nicht so, dass ich sie nicht gemacht hätte.
Sofort verfinsterte sich das Gesicht des Wächters. Willst du mich zum Narren halten? Komm zur Sache!
Nein, o Herr, selbstverständlich nicht. Deine Weisheit ist unermesslich. Aber ich habe die Hadsch gemacht – in der Zukunft. Ich habe die Pilgerreise schon so oft in Gedanken durchgeführt, dass es mir zur Gewissheit wurde. Ich habe die Wahrheit gesagt, aber eine Wahrheit, die in der Zukunft spielt. Wenn du aber, o weiser, gnädiger, geduldiger Wächter dieser Tore, mich jetzt schon dieser Bestie zum Fraß vorwirfst, muss der Eintrag ins Kitab, das Buch der guten und bösen Taten, gestrichen werden. Wenn du mich jetzt meines Lebens beraubst, dann bist du es, der mich zum Lügner macht. Denn erst am Ende meiner Tage, am Ende eines vollen Lebens wird sich zeigen, ob ich gelogen habe. Du bist also derjenige, der das, was schon ins Kitab eingetragen war, mein Lobpreisen zu Ehren Allahs, zunichte macht. Das kannst du doch nicht wollen?
Doch der Wächter hörte gar nicht hin, sondern hielt sich die Ohren zu.
Wäre es nicht gerechter, mich zurückzuschicken, damit ich die Zukunft erfülle, die Gewissheit gewiss werden lasse, statt mich hier unten verrotten zu lassen?, fuhr Halef fort.
Oh, verflucht, unterbrach ihn da der Wächter, schlimm genug, dass ich dir in deinem Kopf zuhören muss. Aber du bist auch in dem meinen. Hör auf damit und mach, dass du davonkommst. Das Höllentor fiel mit einem lauten Krachen zu.
So lässt du mich also in das Paradies eintreten?
Nein, du Dummkopf, ich schicke dich wieder nach oben, damit du deine Zukunft erfüllen kannst.
In dem Moment schloss sich auch das Tor zum Paradies wieder.
Halef warf sich zu Boden. Hamdulillah, Preis sei Allah, rief er wieder und wieder.
Sei endlich still!, rief der Wächter und legte den Arm über den Kopf, um seine Ohren zu schützen.
Für eine Weile hing unser aller Schicksal in der Schwebe. Jeden Moment konnten wir einbrechen. Schritt für Schritt tasteten wir uns vor, bis wir wieder festen Untergrund unter den Füßen spürten. Dennoch fühlte ich keine Erleichterung. Im Gegenteil, ich hatte meinen treuen Diener im Stich gelassen und nun auch meine Reisegefährten mit in den Tod gerissen, denn wir hatten jegliche Orientierung verloren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir in der glühenden Sonne eines qualvollen Todes starben.
Der Korbhändler drehte sich im Kreis und faselte von seinem Traum, nach dem nur ein Baum uns retten könne. „Mitten auf dem Schott“, rief ich, „denk doch mal nach: Wo soll denn hier ein Baum herkommen?“
Omar schirmte mit der Hand die Augen ab und suchte den Horizont nach Markierungen oder anderen Reisenden ab. Nichts. Nichts außer Salz und Sonne.
Nur noch eine Frage, sagte Halef, der Morgenluft witterte.
Du versprichst: eine und keine mehr?, fragte der Wächter gequält. Halef nickte.
Der Effendi und seine Gefährten haben womöglich den Weg aus den Augen verloren…
Die Frage!
Wie finden wir sicher über den Schott?
Weiter nichts?
Jetzt war es an Halef, den Kopf zu schütteln.
Nicht grundlos heißt der Schott ‚See der Markierungen‘, erklärte der Hüne. Du folgst den Baumstämmen. Vier einzelnen Baumstämmen folgt ein Paar von Baumstümpfen, dann wieder vier einzelne im Abstand von 60 Schritt.
Allah segne dich, o Herr, in deiner Güte und Weisheit … Mach, dass du verschwindest!
Der Hüne packte Halef am Burnus und schleuderte ihn nach oben.
Und in diesem Moment schoss Halefs Kopf durch das krustige Salz nach oben. Grelles Licht blendete seine Augen und für einen Augenblick glaubte er sich im Paradies oder doch zumindest auf dem Weg dorthin, als er eine rettende Hand spürte.
Da entdeckte der Korbhändler einen Baumstumpf und lief ohne darüber nachzudenken darauf zu.
Omar folgte ihm vorsichtig. „Sihdi, eine alte Wegmarkierung“, rief er, als er ihn erreichte.
Keine zwei Armlängen von mir entfernt begann das Salzwasser zu brodeln, und ein Kopf schoss in die Höhe. Halef! Mein lieber kleiner, treuer, mutiger, tapferer Halef! Sogleich lief ich auf ihn zu und streckte beide Hände nach ihm aus.
Ich glaube, in diesem Moment wäre es mir egal gewesen, wenn ich mit ihm versunken wäre. Ich zog ihn heraus, auf den festen Boden direkt neben dem Baumstamm.
Halef prustete und hustete, und als er wieder sprechen konnte, deutete er auf die Markierung und sagte: „Wahrhaft, Effendi, du bist der größte Weise unter der Sonne Allahs, des Allmächtigen. Woher hast du von dieser Markierung gewusst?“
Der Händler kniete fassungslos neben dem Baumstamm und betastete ihn, um sicherzugehen, dass es sich nicht um eine Fata Morgana handelte.
Wir sollten noch einige Abenteuer durchstehen, bevor wir uns auf den Weg nach Mekka machten. Die Reise über den Schott jedoch verlief ohne weitere erwähnenswerte Ereignisse.
Hans-Dieter Furrer
Fata Morgana
Um die Mittagszeit rasteten wir im Wadi Tarfaui im Schatten eines mächtigen Felsbrockens.
„Sihdi, da drüben ist der Schott!“ Halef deutete nach Osten, in die Ebene hinaus, wo etwas glitzerte und glänzte wie flüssiges Blei.
„Mein lieber Halef, von hier aus kann man den Schott el Dscherid noch nicht sehen. Es muss sich um eine Fata Morgana handeln, eine Sinnestäuschung. Du wirst sehen, der Salzsumpf wird sich, wenn wir ihn erreichen, in Luft aufgelöst haben.“
Da es ohnehin meine Absicht war, das Wadi zu verlassen und nach Osten abzubiegen, ritten wir eine Stunde später direkt auf die Erscheinung zu. Doch je näher wir dieser glänzenden und gleißenden Luftspiegelung kamen, umso genauer konnte ich erkennen, dass es gar keine Fata Morgana war. Unzählige wannenförmige Spiegelflächen blitzten in langen Reihen vor uns im Sonnenlicht. Und kurz vor dem rätselhaften Spiegelfeld scheute mein kleiner Berberhengst, stellte sich auf die Hinterbeine und hätte mich beinahe abgeworfen.
Auch Halef bekundete große Mühe, seine Stute zu beruhigen. „Was ist das, Sihdi? Ich glaube, wir sollten uns einen anderen Weg suchen.“
Doch meine Neugier war geweckt, mein Entschluss gefasst. Ich stieg ab, riet Halef das Gleiche, und wir führten unsere unruhigen Pferde am Zügel weiter.
Da! – Es fühlte sich an, als ob man durch einen unsichtbaren Vorhang aus Spinnweben treten würde. Ich blieb stehen und entdeckte die seltsamen Radspuren. Sie mussten von einem Gefährt mit breiten Rädern stammen, die regelmäßige Zackenmuster in den Sand gedrückt hatten.
Halef machte große Augen. „Sihdi, kannst du diese Spuren lesen? Mir erscheinen sie wie die von Riesenschlangen aus der Dschehenna.“
„Ich glaube nicht, dass uns diese Spuren geradewegs in die Hölle führen“, beruhigte ich meinen treuen Begleiter. „Doch wir werden ihnen folgen und herausfinden, wovon sie stammen.“
Wir ritten dem Spiegelfeld entlang, und nach wenigen hundert Metern hatten wir das gesuchte Objekt vor uns, ein weiß lackiertes, mannhohes Ungetüm auf vier breiten Rädern, mit dunklen Fenstern und der Aufschrift SOLAR POWER BY DESERTEC.
Was bedeutete das? Wir stiegen ab und näherten uns vorsichtig dem seltsamen Gefährt.
„Was zum Teufel macht ihr hier?“ Ein großgewachsener Mann, ganz in weißes Tuch gekleidet, kam zwischen den Spiegelwannen auf uns zu. „Wie seid ihr überhaupt hier hereingekommen?“
„Es selâm alejkum“, grüßte ich. „Mein Name ist Kara Ben Nemsi. Und das hier ist mein Begleiter Halef.“
Der Mann starrte uns verwundert an. Unser Aufzug schien ihn zu verblüffen. Ich hatte meinen Henrystutzen und den schweren Bärentöter umgehängt und Halef seine langläufige Flinte.
„Sie müssen dieses Werksgelände verlassen! Sie befinden sich hier im größten solarthermischen Kraftwerk der Sahara. Wir beliefern halb Europa mit elektrischem Strom.“ Ich musste ihn völlig verständnislos angeblickt haben. Er zog ein flaches, handtellergroßes Ding aus der Tasche und tippte kurz darauf herum. „Hier, schauen Sie!“
Auf dem kleinen Gerät war eine farbige Landkarte zu sehen. Von der Sahara führte eine rote Linie durchs Mittelmeer und verzweigte sich in die Länder Europas. „Mit der Sonnenenergie betreiben wir Dampfturbinen, die elektrischen Strom erzeugen.“
Fasziniert schaute ich auf das kleine Gerät. Ich versuchte zu verstehen. In was für eine Welt waren wir geraten? Und dann entdeckte ich rechts unten das Datum:
JUNE:14:2036.
Die Erkenntnis ließ mich in der Gluthitze frösteln. Wir befanden uns in der Zukunft. Hatte uns der unsichtbare Vorhang in eine zukünftige Welt geführt?
Ich blickte mich nach Halef um, der abwartend hinter mir stand. Es gab nur einen Weg! Wir mussten zu der Stelle zurück, wo die Wagenspuren begannen, um dieser seltsamen Fata Morgana zu entkommen!
Wie zur Bekräftigung meiner Fluchtgedanken war jetzt über uns ein dröhnendes Geräusch zu hören. Zwei ungeheure fliegende Maschinen, die aussahen wie riesige Heuschrecken, donnerten über unsere Köpfe hinweg und gingen in rund fünfzig Metern Entfernung in einer wirbelnden Sandwolke zu Boden. Halef war beim Anblick der fliegenden Ungeheuer bereits auf sein Pferd gesprungen und losgeprescht, und ich tat es ihm nun gleich. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie vier Gestalten aus der Sandwolke gerannt kamen.
In gestrecktem Galopp erreichten wir das Ende des Spiegelfeldes und den Spinnwebenvorhang. Dann waren wir draußen und unsere Pferde wieherten vor Aufregung. Erst nach einem schnellen Ritt über rund zwei Kilometer wagte ich mich umzublicken.
Die Fata Morgana war verschwunden!
Erleichtert stiegen wir ab und ließen unsere Tiere ausruhen.
Durch die Wüste ritten wir dann gleichentags weiter nach Seddada. Am nächsten Tag führte uns Sadek, ein Freund von Halef, über den lebensgefährlichen Schott el Dscherid.
Thomas Le Blanc
Merhamehs Tochter
Wer ihr Vater war, wusste sie nicht. Natürlich war auch ihr das Gerücht zu Ohren gekommen, dass, als der greise Kara ein letztes Mal in Ardistan gewesen war, er sich vom Liebreiz Merhamehs hätte verzaubern lassen. Aber ihre Haut war zu dunkel, um Nemsi-Blut in sich zu haben. Sie war wohl eher der Spross eines arabischen Scheik oder eines persischen Mirza, den Merhameh nicht nur mit Worten besiegt hatte und der dann erfahren hatte, dass Frieden stets mit Liebe zu besiegeln ist.
Merhameh war bei der Geburt ihrer Tochter gestorben, und so hatte man den Säugling wiederum Merhameh getauft – in der Erwartung, dass das Mädchen die Stärke der engelsgleichen Mutter in sich tragen würde. Die Stärke und die Fähigkeit jener unvergleichlichen Frau, die mit bloßen Worten die erbittertsten Feinde zur Versöhnung bewegen konnte, deren Blick kein Hass standhielt, deren sparsame Gesten stärker waren als jedes Gewehr und jedes Schwert.
Als nun die ersten Orks aufgetaucht waren, eingewandert von Ard nach Ardistan, da rief man sie deshalb, obschon sie erst sieben Jahre alt war.
„Geh zu deinem Dunklen Herrn zurück und sag ihm, dass in unserer Welt kein Platz für euch und euresgleichen ist.“ Mit diesen Worten trat sie vor den gewaltigen Ork, der an der Grenze ihres Landes aufragte und es nun mit Krieg und Terror überziehen wollte.
Ein siebenjähriges Mädchen, kaum größer als ein Halbling, mit hüftlangen braunen Haaren und einem leisen Stimmchen, das in Kontrast zur Kraft seiner Worte stand. Das Mädchen verschwand fast vor der Masse des zottigen, acht Fuß hohen und dreihundert Pfund schweren Monsters, dessen grollende Stimme wie ein unterirdischer Donner klang. Einer verständlichen Sprache war der Ork nicht mächtig, er gab lediglich gutturale Laute von sich, die in tiefem Bass drohten, die jeden Gegner niederbrüllten, die angriffen und vernichteten, die namenlose Angst verbreiteten: die Urangst vor dem Bösen.
Doch nicht bei dem Mädchen, das unverrückbar vor dem Monster stand und sich nicht beeindrucken ließ. „Geh wieder“, wiederholte es. „Verlass unsere Welt wieder.“ Merhamehs Stimme war um keinen Grad lauter geworden, aber jedem Zuschauer schien es, als ob ein rosiger Äther um die Gestalt entstanden war.
Mit einem einzigen Fußtritt hätte der Ork das Mädchen zerschmettern können, seine mächtigen Hände hätten den kleinen, zarten Körper mühelos zerreißen können, und der Kopf des Kindes wäre mit einem einzigen Zubeißen zwischen den mächtigen Hauern in seinem Schlund verschwunden.
Doch er griff nicht an. Er brüllte noch einmal, doch diesmal bereits merklich kraftloser.
Merhameh bewegte sich zunächst nicht, nur ihr lang herabwallendes Haar spielte im leichten Wind. Dann hob sie die Hand in einer sanften, aber unnachgiebigen Abwehrgeste.
Dass jemand keine Angst vor ihm hatte, machte das Monster plötzlich schwach und hilflos. Seine schwarzgraue Haut wurde blass und fahl, Haare und Horn weichten auf, der Körper verlor an Konsistenz, wurde milchig, schließlich durchsichtig und leicht wie verfliegender Rauch. Dann war er weg. Und einen Augenblick später verschwand auch sein Schatten.
Merhamehs Tochter drehte sich nun um zu denen, die sie gerufen hatten. „Da das Böse allein von der Angst lebt, ist es auch einfach zu besiegen“, sagte sie. „Indem man ihm ohne Angst entgegentritt und nicht weicht. Wenn man das weiß, ist es ganz leicht.“
Jacqueline Montemurri
Das Vermächtnis des Kara
„Es selâm ’alejkum! Darf ich mich ans Feuer setzen?“, fragte ich die Gesellschaft.
Der flackernde Schein beleuchtete sonnengegerbte, zerfurchte Gesichter. Die hellen Turbane leuchteten im Dunkel der Wüstennacht. Einer der Araber erhob sich. Er war recht klein und dürr. Sein nicht mehr weißer Burnus war sichtlich für einen viel größeren Mann gefertigt. Ein paar Fasern am Kinn und einige Spinnfäden rechts und links der Nase deuteten wohl einen Bart an, der die Lippen frei ließ, die sich nun zu einem freundlichen Lächeln verzogen. Mit der Hand beschrieb er eine einladende Geste.
Ich nickte dankend und setzte mich ans wärmende Feuer. War die Wüste bei Tage ein brennender Glutofen, so war es des Nachts sehr kalt unter dem leuchtenden Sternenband.
„We ’alejkum es selâm!“, antwortete nun der Araber. „Wer seid Ihr?“
„Mein Name ist Albin Wadenbach.“
Jemand bot mir einen Korb mit Datteln. Ich nahm einige in die Hand und reichte ihn weiter. Die Kamele der Reisenden lagerten nahe der Wasserstelle und ich konnte ihr Schnauben und Brummen hören.
„Was führt Euch durch dieses Land, Sihdi?“, fragte mich der Bärtige. Seine Augen funkelten wissbegierig im Licht des Lagerfeuers.
„Ich bin Reporter und schreibe einen Reisebericht über den Orient“, antwortete ich.
„Oh. So kommt Ihr aus dem Abendland?“
„Ja. Das ist wahr ... Und wohin führt Euer Weg?“
Der Mann steckte sich eine Dattel in den Mund und begann bedächtig zu kauen. Dann antwortete er: „Wir bringen Waren von Bagdad nach Stambul.“
Ich blickte ins Feuer. Die Auskunft kam mir seltsam vor, denn diese Oase hier lag gewiss nicht auf der beschriebenen Route. Doch hütete ich mich, einen Verdacht laut zu äußern. Ich kannte diese Leute nicht und war lieber vorsichtig.
„Habt Ihr, Sihdi Wadenbak, schon Berichtenswertes erlebt?“ Das Männchen stopfte sich wieder eine Dattel in den Mund. Seine Gefährten saßen still daneben und lauschten unserem Gespräch.
„Ich weiß nicht“, gestand ich leise, „ob es berichtenswert ist. Doch ich hatte vor wenigen Tagen eine seltsame Begegnung.“
„Oh, wenn es Euch gefällt, so erzählt uns davon. Wir lauschen gern seltsamen Geschichten. Dies verkürzt uns die Nacht.“
Nun stopfte ich mir meinerseits eine der süßen Datteln in den Mund, um Zeit zu gewinnen, und kaute lange auf ihr herum. Ich überlegte, wo ich beginnen sollte.
Die Wasser des Nils ließen das Schiff kaum merklich hin- und herschwanken. Die Segel waren gebläht. Die Frau stand an der Reling und blickte zurück nach Süden. Seit wir in Luxor abgelegt hatten, hatte sie sich kaum von der Stelle bewegt. Ich wusste, dass sie in Begleitung ihres Gatten und eines befreundeten Ehepaares war. Vielleicht war es unschicklich, sie anzusprechen, doch ihr betrübter Blick rührte mich zutiefst. Zumal ich wusste, dass ihre Gesellschaft Landsleute von mir waren.
„Darf ich mich vorstellen?“, begann ich zögerlich. „Albin Wadenbach.“
Sie blickte mich an, als hätte ich sie aus einem Traum gerissen. Ich hielt ihr die Hand entgegen. Sie blinzelte, als wäre sie gerade aufgewacht.
„Oh.“ Sie ergriff zaghaft meine Hand. „Angenehm. Klara Plöhn.“
„Gefällt es Ihnen hier nicht?“ Sicherlich war es recht anmaßend von mir, dies zu fragen. Doch ich wollte gern mehr über ihren Kummer erfahren.
„Es ist wunderschön hier. All die antiken Stätten. Sehr anregend.“
„Aber was betrübt Sie dann so?“
Sie blickte mich verwirrt an. Doch dann flog ein Lächeln über ihr Gesicht wie ein verschreckter Vogel. „Nun“, antwortete sie offen. „Er ist es, der mich betrübt.“
„Er?“
„Ja, unten in der Kajüte. Diese Reise war sein Lebenstraum, aus dem er böse zu erwachen scheint.“
„Hat er sich ein Fieber geholt?“
„Mag sein, dass man es so nennen könnte.“
Ich verstand ihre Worte nicht. „Was meinen Sie damit?“
„Ich befürchte, wir müssen ihn einer Irrenanstalt zuführen.“
„Wieso? Was ist mit ihm geschehen? Welches Fieber kann das bewirken?“
„Ich würde es Realität nennen“, antwortete sie. Ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz und sie wendete sich von mir ab, blickte hinaus in die Wüste.
„Realität?“, bohrte ich weiter.
„Ja. Er kann es nicht verwinden. Hatte er doch solch Reisen schon viele Jahre unternommen. Hatte Abenteuer erlebt und glaubte, das alles zu kennen. Doch nun ...“
„Doch nun?“
„Es ist nicht so, wie er erwartet hatte.“ Sie verstummte.
Als Reporter war ich es gewohnt, Menschen auszufragen.
Diesmal tat ich mich schwer damit. Sie war eine attraktive Frau von zarter Gestalt, und ihre Traurigkeit betrübte mich.
„Darf ich Ihren Gatten sprechen?“, kam es über meine Lippen.
„Es geht nicht um meinen Gatten.“ Ihr Ton war fast ein wenig entrüstet. „Es ist Karl, der Freund meines Mannes, der uns Sorge bereitet.“
„Oh, verzeihen Sie“, entgegnete ich.
„Schon gut. Sie können es gern versuchen. Doch ich glaube, er ist im Moment niemandem zugänglich.“
Sie stieß sich von der Reling ab, als hätte sie einen wichtigen Entschluss gefasst, und führte mich hinab in den Bauch des Schiffs. Zaghaft klopfte sie an einer Kajütentür. Von drinnen war ein unwirsches Gebrüll zu hören.
„Gehen Sie besser allein hinein. Doch seien Sie auf der Hut. Er ist derzeit nicht er selbst.“
Ich nickte und sie wendete sich ab. Ich blickte ihrer zarten Gestalt nach, bis sie wieder die Treppe hinaufgestiegen und aus meinem Sichtfeld entschwunden war.
All meinen Mut zusammennehmend öffnete ich nun die Tür. Drinnen erblickte ich einen Mann, an einem kleinen Tisch sitzend, der über und über mit Büchern bedeckt war. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und bot ein elendes Bild.
Als ich eintrat, blickte er auf. „Wer sind Sie?“, herrschte er mich an.
„Ich hörte, wir seien Landsmänner, und wollte Ihnen meine Aufwartung machen“, erklärte ich.
„Pshaw!“, kam es verächtlich aus seinem Mund.
Ich betrachtete ihn interessiert. Sein stellenweise ergrautes Haar war nach hinten gekämmt. Er trug einen Oberlippenbart, der im Augenblick ein wenig ungepflegt erschien, und unter der Unterlippe einen kleinen Kinnbart.
„Was wollen Sie?“, brüllte er mich an.
„Entschuldigen Sie mein Eindringen. Doch ich bin Reporter und schreibe einen Bericht über eine Orientreise. Da Sie weit gereist sind, dachte ich, Sie ...“
Weiter kam ich nicht.
Er war aufgesprungen und warf mit einem Baedeker nach mir. „Hier haben Sie Ihren Reisebericht!“ Ich konnte mich in letzter Sekunde unter dem anfliegenden Reiseführer ducken und er prallte gegen die Kajütentür.
Der Mann sank wieder auf dem Stuhl zusammen. „Ich bin dessen nicht würdig. Nicht dieser historischen Schätze.“
„Warum denken Sie das?“
„Goethe würde ganz anders sehen, denken und empfinden als ich. Das ist nun leider hier im Leben nicht mehr nachzuholen.“
Dieser Mann musste wahrlich verwirrt sein, ging es mir durch den Kopf. Was hatte er mit Goethe zu schaffen?
Als hätte er meine Gedanken erraten, zog er den „Faust“ aus dem Bücherstapel und schleuderte ihn durch die Kajüte. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, schrie er in wilder Verzweiflung. „Oder sind es gar drei oder vier?“
„Haltet ein, werter Herr“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Das ist nicht meine Welt“, schluchzte er. „Das ist nicht die Welt von Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar.“
Sein Elend rührte mich zutiefst, auch wenn ich nicht verstand, wovon er sprach. „Wer ist Kara Ben Nemsi?“, fragte ich.
„Kara Ben Nemsi ...“, murmelte er, als müsse er sich erst entsinnen. Dann blickte er auf, und seine wasserblauen Augen wirkten plötzlich, als sei er wieder klaren Verstandes.
„Durch die Wüste ...“, begann er seine Erzählung.
Durch die Wüste ritt ich mit meinem treuen Gefährten. Seine kleine, dürre Gestalt auf dem großen Pferd mag für manch einen lächerlich gewirkt haben. Doch wer ihn kannte, wusste seinen Scharfsinn, seinen Mut und seine Gewandtheit und Ausdauer zu schätzen. Keinen anderen Gefährten hätte ich mir an meiner Seite gewünscht.
Nie habe ich jemandem davon erzählt, wie Halef in mein Leben trat. Ich hatte mich auf meiner Reise einer Karawane angeschlossen. Der halbwilde Berberhengst, so klein von Gestalt, dass meine Füße fast auf dem Boden schleiften, trabte gemächlich neben einem für ihn gewaltigen Tuareg-Hedschîn. Damals besaß ich noch nicht Rih, meinen legendären Rappen, den ich erst viel später als Geschenk von Scheich Mohammed Emin erhielt. So musste ich mich noch mit dem kleinen Berber begnügen.
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu. Das Abendrot tünchte die Wüste in die Farbe des Blutes. Die Kamele trotteten in gerader Linie, eins hinter dem anderen. In der Ferne glaubte ich schon eine Oase zu erkennen, die sicherlich das Ziel für die Nacht sein sollte. Doch plötzlich beschrieb der Treck einen Richtungswechsel, den ich mir nicht erklären konnte. Von meinem kleinen Pferd aus hatte ich zudem kaum Überblick über unseren Weg.
Also sprach ich den Reiter neben mir an: „Was hat das zu bedeuten?“
„Dieser Pfad ist verdorben“, antwortete der Targi von seinem Hedschîn herunter.
Ich runzelte die Stirn. Was mochte das bedeuten? Doch anstatt weiterzufragen, drückte ich meine Fersen in die Flanken des Pferdes, und das Tier machte einen erschreckten Satz nach vorn. Dann verfiel es in zügigen Trab.
„Wo wollt Ihr hin, Effendi?“, rief der Wüstenmann mir nach.
„Ich möchte mich selbst überzeugen“, erwiderte ich.
Dies schien ihm nicht zu gefallen, denn er war schnell aufgerückt. Ein Schritt seines Kamels waren fünf Schritte meines Pferdes. Schon ritt er wieder neben mir.
„Ihr solltet Euch diesem Ort nicht nähern“, warnte er mich. Nun, da wir uns vom Weg der Karawane entfernt hatten und ich über die sandigen Dünen zu blicken vermochte, gewahrte ich einen dunklen Fleck im Boden.
„Was ist das?“
„Ein Unglücklicher, ein Todgeweihter.“
Wir kamen rasch näher und ich musste mit Entsetzen feststellen, dass da ein Kopf aus dem Sand schaute. Er war mit einem großen Turban bedeckt, der ihm wohl das Leben gerettet hatte. Denn die unbarmherzig vom Himmel herniederbrennende Sonne des Tages hätte ihn sonst gebraten wie ein rohes Ei.
Ich stieg von meinem Pferd und kniete mich vor dem Kopf nieder. Da ich bemerkte, dass die geschlossenen Augen leicht zuckten, durfte ich noch Leben in dem Eingegrabenen vermuten, und ich machte mich sogleich ans Werk, ihn aus dem Sand zu befreien.
„Könnt Ihr mir nicht zur Hand gehen?“, bat ich den Araber auf dem Kamel.
„Bei Allah. Dies ist nicht möglich, Effendi. Dies ist ein Verurteilter vor Allah. Ich darf mich nicht gegen dieses Urteil wenden.“
„Woher wollt Ihr wissen, dass es rechtens war?“
„Dies spielt keine Rolle. Nur der Herr weiß es.“
„Nun, da ich es nicht weiß, werde ich dieser armen Seele helfen“, erwiderte ich.
„Dann seid auch Ihr des Todes. Die Karawane wird Euch verstoßen.“
Während wir so sprachen, hatten meine Hände schon das halbe Männlein ausgegraben. Denn dieser Mann war von sehr kleiner Statur, fast wie ein Kind und äußerst dürr. Aber er lebte, und das war die Hauptsache.
„Sei’s drum“, entgegnete ich.
Der Araber auf dem Hedschîn stöhnte: „Ihr seid ein seltsamer Mann.“ Sodann wendete er sein Reittier und ritt von dannen.
Ich grub und wühlte und schaffte es schließlich, den armen Kerl aus dem Wüstenboden zu ziehen. Dann nässte ich ihm das Gesicht mit Wasser, und die Lebensgeister kehrten in ihn zurück.
„Wer seid Ihr?“, fragte er noch ganz benommen. Unterdessen war die kurze Dämmerung der Wüste hereingebrochen und von der Karawane war keine Spur mehr zu erblicken. Doch dies stimmte nicht ganz. Denn im Osten sah ich einen Punkt in den Dünen, der rasch größer wurde. Bald konnte ich zwei Reittiere unterscheiden. Und schließlich erkannte ich meinen freundlichen Weggenossen, den Araber auf dem Hedschîn. Am Zügel führte er ein großes, dünnes Pferd hinter sich her.
Ich erhob mich, um ihn zu begrüßen. Kurz vor mir blieb er stehen, stieg jedoch nicht ab. Er warf mir die Zügel des Pferdes entgegen. Geschickt fing ich sie auf.
„Effendi“, begann er. „Ihr seid ein guter und gerechter Mann. Dem da möchte ich nicht helfen. Doch Euch wünsche ich nicht den Tod. Deshalb gebe ich Euch dieses Pferd. Es ist nichts wert und bedarf keines Dankes. Sodann mögt Ihr mit Eurem neuen Gefährten wohlbehalten Euer Ziel erreichen.“
„Ich danke Euch. Wollt Ihr mir zum Abschied noch Euren Namen nennen?“
„Mein Name ist Hassan, das soll Euch genügen.“
„Ich danke Euch, Hassan. Allah sei mit Euch.“
„Und mit Euch.“ Dann sprintete er auf seinem Kamel davon und ich sah ihn nie wieder.
Sodann wand ich mich meinem Schützling wieder zu. „Wer seid Ihr?“
„Mein Name ist Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah“, sprudelte es aus ihm heraus.
Ich lächelte amüsiert. „Ein wohlklingender Name. Was hat Euch edlen Herrn in diese Lage gebracht?“
Halef rückte seinen Turban zurecht und glättete seine Fransen, die er als Bart im Gesicht trug. „Ich muss Euch enttäuschen, Sihdi. Ich bin kein edler Herr. Ich wurde wegen Prahlerei und Aufschneidens bestraft.“
„Und seid Ihr dessen schuldig?“
Halef lächelte verschmitzt. „Das, lieber Sihdi, wird uns die Zeit lehren.“ Er zwinkerte mir verschwörerisch zu. „Wie ist Euer Name?“, fragte mich der kleine Muselmann dann.
„Karl.“
„Von wem stammt Ihr ab, Kara?“
Ich wollte ihn nicht beleidigen und ließ es bei Kara. Denn ich wusste sehr wohl, dass er meinen Namen nicht recht auszusprechen vermochte.
„Ich komme aus Deutschland.“
„So bist du denn Kara Ben Nemsi“, beschloss er kurzerhand. Ich ließ ihn gewähren. War es doch ein vortrefflicher Name für mich in diesem Land.
Dies war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Wir machten uns auf, in die Klüfte des Dschebel Aures, stiegen zum Dra el Haura hinunter, um über den Dschebel Tarfaui nach Seddada, Kris und Dgasche zu gelangen, wo wir von einem Abenteuer ins nächste stürzten. Halef war stets an meiner Seite und hatte nur eine Sorge:
„Und ist es wirklich wahr, Sihdi, dass du ein Giaur bleiben willst ...?“
So beendete er seine Geschichte. Mit einem tiefen Seufzer stützte er wieder den Kopf auf die Hände.
„Und Sie sind dieser Kara Ben Nemsi?“, fragte ich verblüfft.
„Nehmen Sie es, wie Sie wollen“, antwortete er leise. „Gehen Sie nun. Lassen Sie mich allein.“
So erhob ich mich. Ein Ruck ging durch das Schiff. Konnte dies schon die abendliche Anlegestelle sein? Waren tatsächlich schon so viele Stunden vergangen? Stunden, in denen ich mit Kara Ben Nemsi durch die Wüste geritten war. Ich blickte den Mann am Tisch an und wusste nicht, was ich von seiner Erzählung halten sollte. Also verließ ich ihn – den Abenteurer, den Erzähler, den Irren? – und machte mich selbst auf, um durch die Wüste zu reisen.
Die Gesellschaft am Lagerfeuer hing gebannt an meinen Lippen. Erst jetzt, da ich aus den Tiefen meiner Erinnerung auftauchte, wurde mir dies gewahr. Das dürre Männlein warf einen Palmzweig ins Feuer. Funken stoben auf und wanderten gen Himmel, als wären es Sterne, die sich mit den Glanzlichtern der Milchstraße vereinen wollten. Ich blickte ihnen versonnen hinterher.
„Dies war eine schöne Geschichte, Sihdi. Habt Dank dafür.“
Ich lächelte großzügig. Doch war mein Geist noch gefangen in meiner Erzählung.
Der dürre Araber erhob sich. „Nun denn, lasst uns Allah preisen und uns zur Ruhe begeben.“
Die anderen erhoben sich nun auch. Sie hatten sich unter den Palmen Schlafplätze gerichtet, die sie nun aufsuchten. Ich selbst verweilte noch am verglühenden Feuer.
Unverhofft legte jemand eine Hand auf meine Schulter. „Ich hoffe, Euer Freund hat den Weg zurück ins Leben gefunden.“
Ich blickte mich um. Es war der dürre Araber.
„Er war nicht mein Freund“, entgegnete ich. Die Stille der Wüstennacht wirkte erdrückend.
„Aber der meine, Sihdi“, antwortete er leise.
Ich stutzte und blickte ihn verwirrt an. „Wer seid Ihr?“, entfuhr es mir.
Der Mann lächelte verschmitzt. „Dies ist mein Sohn, er heißt Kara“, stellte er mir einen jungen Burschen vor, der still an seiner Seite stand.
Ein kalter Schauer überlief mich.
Dann deutete er eine Verbeugung an und stellte sich selbst vor mit den Worten: „Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.“
Monika Niehaus
Das Auge des Zyklopen
„Und du glaubst wirklich nicht an Magie, Sihdi?“
Halef, mein Führer und Gefährte, der ein paar Pferdelängen vor mir ritt, drehte sich zu mir um, sein dünner Bart ob so viel Begriffsstutzigkeit empört gesträubt.
„Das meiste, was abergläubische Leute für Magie halten, lässt sich wissenschaftlich erklären. Und was uns heute noch phantastisch erscheint, werden wir morgen verstehen“, entgegnete ich ihm.
„Sihdi, du bist so klug; wenn du nur auf mich hörtest, könnte aus dir der größte Magier von allen werden. Also werde ich dich überzeugen, du magst wollen oder nicht …“ Er trieb sein Pferd zu einem flotten Trab an.
Diese Diskussion hatten wir schon häufiger geführt, daher hörte ich nur mit halbem Ohr zu und studierte den Ring an meiner linken Hand. Wir befanden uns auf dem Weg von Djelfa nach El Oued und wollten nach einem Abstecher über den Schott el Dscherid weiter nach Kairo. Unterwegs hatten wir in einer Karawanserei in Touggourt Rast gemacht. Dort hatte ich einem Ägypter einen Dienst erwiesen und er hatte darauf bestanden, sich erkenntlich zu zeigen. Ich bin eigentlich kein Freund von Schmuck, doch um den alten Mann nicht zu kränken, hatte ich den Ring angenommen. Es war ein schmaler Silberreif mit einem Onyx, aus dem ein Relief herausgearbeitet war.
Ein Ausruf Halefs ließ mich auffahren. „Sihdi, ein Reiter nähert sich …“
Wir zügelten unsere Pferde und ich versicherte mich, dass mein Revolver griffbereit war. Dies waren unsichere Gegenden und unsichere Zeiten.
Der Reiter kam in gestrecktem Galopp auf uns zu. Kurz vor uns stoppte er sein Pferd und grüßte höflich. „As-salama alaykum, ich suche einen Franken, der ein großer Gelehrter sein soll …“
„Wisse, Fremder, mein Sihdi ist der weiseste aller Männer und …“ Halef verstummte verblüfft, denn der Reiter hatte den Teil seines Burnus, der sein Gesicht bis auf die Augen verhüllte, fallen lassen, und wir sahen in das Gesicht einer jungen Frau mit ebenmäßigen Zügen und dunklen, fast nachtschwarzen Augen.
Ich trieb mein Pferd einen Schritt vor. „Ich bin Franke, man nennt mich Kara Ben Nemsi, und das ist mein Gefährte Halef, aber woher weißt du von mir?“ Sollte sie von unserem kleinen Abenteuer in Touggourt gehört haben? Das war eigentlich unmöglich …
Die junge Reiterin lächelte. „Nachrichten wandern oft schneller durch die Wüste als der Wind. Mein Name ist Asifa. Der Scheik der Uëlad Sebira, die in der Nähe ihre Herden weiden, bietet euch seine Gastfreundschaft an. Er braucht deinen Rat.“
„Und er hat dich ausgeschickt, mich um Hilfe zu bitten?“
„Mich schickt niemand!“ Ihre Augen blitzten selbstbewusst. „Ich bin Binti Riih, die Tochter des Windes, und ich komme und gehe, wie es mir gefällt.“ Sie wies auf den Himmel hinter uns. „Und momentan seid ihr auf meine Hilfe angewiesen.“
Ich drehte den Kopf. Der Himmel im Westen hatte sich verfinstert, und als Vorboten eines Sandsturms prasselten die ersten scharfkantigen Sandkörner auf die Kruppen unserer Pferde, die sichtlich unruhig wurden und schnaubten.
Halef drängte sein Pferd an meine Seite. „Sihdi, und was ist, wenn dieses schöne Weib eine Dschinnīya1 ist, die uns in die Irre führen will?“, flüsterte er besorgt. „Der Sturm kommt aus dem Nordwesten, wenn wir scharf nach Osten abbiegen, müssten wir ihm auch ohne ihre Hilfe entkommen.“
Asifa, die offensichtlich ein feines Gehör hatte, lachte. „Du hast Recht, vorsichtig zu sein, aber ihr werdet einen Führer brauchen, denn direkt im Osten liegt das Sandmeer, das wir durchqueren müssen.“
Von dieser Region aus Treibsand und Geröll hatte ich gehört, sie galt als höchst gefährlich. „Du kennst den Weg?“, fragte ich Asifa.
„Ja, aber noch viel besser kennen Rasad und Ifrit die sicheren Pfade!“ Sie steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Wenige Augenblicke später galoppierten zwei Hyänen heran und umkreisten ihre Herrin hechelnd.
Halef fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Sihdi, wir können unmöglich …“
„Um den Geistern des Sandmeeres zu entkommen, müssen wir sehr schnell reiten, sonst ziehen sie uns in die Tiefe“, unterbrach Asifa seinen Protest und ließ sich von ihrem Pferd gleiten. „Daher werde ich mein Pferd mit dem deines Effendi tauschen, denn ich bin viel leichter als er – vertraust du mir jetzt?“
Asifa ritt eine milchweiße Araberstute reinsten Geblüts, die ich schon die ganze Zeit bewundert hatte und gegen die unsere kleinen, struppigen Berberpferde wie Klepper wirkten. Dieses großmütige Angebot ließ Halefs Zweifel auf der Stelle schwinden. „O Sihdi, Asifa ist eine edle Tochter der Wüste. Keine Dschinnīya würde ein solches Pferd aufs Spiel setzen!“
Ich zögerte einen Augenblick, auf den Tausch einzugehen, aber sie legte mir die Hand auf den Arm. „Effendi, vertrau mir“, bat sie.
Für weitere Diskussionen blieb keine Zeit. Es war auf einmal drückend schwül geworden; die Vorläufer des Sturms hatten uns erreicht und mit ihnen ein feiner roter Staub, der uns einhüllte wie Mehltau und die Sonne wie eine von violetten Schlieren durchzogene Kupferscheibe erschienen ließ. Es war höchste Zeit – wir mussten fliehen, bevor uns die schreckliche Sandwolke einhüllte. Also folgten wir unserer Führerin, die rasch voranritt, die Hyänen immer an ihrer Seite.
Schließlich wandte sie sich um. Vor uns erstreckte sich ein breiter, mehrere Kilometer langer und ungewöhnlich tiefer Talkessel mit von Sand und Wind polierten Wänden, in deren Spalten verkrüppelte Dornengewächse vegetierten. Gefüllt war dieser Kessel mit feinem, hellem Sand, durch den sich ein Labyrinth aus dunkleren Bahnen zog, die im Abendlicht blutrot leuchteten. Nur diese Adern waren fest genug, um kurze Zeit das Gewicht eines Reiters zu tragen.
„Hier beginnt das Sandmeer“, erklärte unsere Führerin und warf einen besorgten Blick auf den Himmel, dessen Kupferton inzwischen in ein schmutziges Orange übergegangen war. „Möge Allah uns gnädig sein!“ Sie machte Rasad und Ifrit ein Zeichen. „Vorwärts! Bleibt in meiner Spur, aber nicht zu nah, sonst trägt der Sand nicht!“ Asifa setzte den Hyänen, die ein erstaunliches Tempo vorlegten, in gestrecktem Galopp nach, gefolgt von Halef, und ich bildete die Nachhut.
Angefeuert von den lauten „Jalla-jalla“-Rufen unserer Führerin jagten wir über die Sandfläche, wohl wissend, dass jeder falsche Schritt unser Verderben sein konnte. Und wir durften keinesfalls langsamer werden, sonst würde uns der Sand verschlingen. Hinter uns heulte der Sandsturm, und getrieben von seinem Gluthauch hetzten wir keuchend vorwärts.
Ich weiß nicht, wie lang dieser Höllenritt schon gedauert hatte, als Asifa sich in den Steigbügeln erhob, einen Schrei ausstieß und nach vorne deutete. Dort war der Ausgang des Talkessels, wir hatten es gleich geschafft – als uns eine heftige Sandbö einholte und Halefs Pferd ins Straucheln geriet. Es kam vom sicheren Pfad ab, fing sich wieder, strauchelte erneut, brach in den tückischen Treibsand ein.
„Sihdi!“, brüllte Halef in höchster Not.
Ich spornte die Stute an und hielt auf Halef zu, riss den Kleinen zu mir auf den Sattel und stürmte auf das Ufer des Sandmeeres zu. Halefs Pferd, von seiner Last befreit, rappelte sich auf und rammte im Vorbeistürmen die Stute, die nun doppeltes Gewicht zu tragen hatte. Diese stolperte und drohte wenige Schritt vor Erreichen des rettenden festen Bodens mit der Hinterhand einzusinken. Das edle Tier so kurz vor dem Ziel aufgeben? Niemals! Es gab nur eine Möglichkeit, die Stute zu entlasten, und ich stemmte mich in den Steigbügeln ab – ein gewaltiger Purzelbaum über den Hals des Pferdes, und Halef und ich landeten auf festem Boden. Einen Moment später gesellte sich die Stute zitternd und schnaubend, aber unversehrt zu uns.
„Sihdi, das war ein schrecklicher Ritt“, stöhnte Halef, während er sich aufrappelte. „Und wenn du nicht Asifas Stute geritten hättest, hätten die Sandgeister mich wohl ins Verderben gezogen.“
Die junge Frau war neben uns getreten. Ihr Gesicht war bleich unter der Sonnenbräune, während sie ihre Stute streichelte, um sie zu beruhigen. „Effendi, so wütend habe ich die Geister des Sandmeeres selten erlebt – es ist fast, als wollte eine böse Macht euch von hier fernhalten. Aber die Zelte der Uëlad Sebira sind nicht mehr fern.“
Sie bestieg ihre Stute, und als ich mich in den Sattel meines Berberpferdes schwang, konnte ich ein Stöhnen kaum unterdrücken.
Meinem aufmerksamen Halef war das nicht entgangen. „Sihdi, hast du dich verletzt?“
„Mein Fuß. Nur eine kleine Verstauchung, die ich mir wohl beim Sturz zugezogen habe“, entgegnete ich beschwichtigend.
„Maschallah, und du hast deinen Ring verloren!“
Ich sah auf meine Hand. „Er muss mir vom Finger geglitten sein, als ich dich zu mir herüberzog.“
Der Kleine grinste. „Dein guter Halef gegen einen Ring? Da haben die Sandgeister einen schlechten Tausch gemacht, findest du nicht?“
Wir hatten die Ausläufer des Sandsturms hinter uns gelassen, und über uns wölbte sich ein Sternenhimmel, so klar und rein, wie man ihn nur in der Wüste findet. Da es fast Vollmond war und der helle Sand das Licht zurückstrahlte, bereitete uns die Sicht keine Schwierigkeiten. Die Hyänen trabten voraus, sie schienen den Weg genau zu kennen. Manchmal ließen sie ein Wimmern hören, dem ein boshaftes Kichern folgte, und sie erhielten aus der Weite der Wüste vielstimmig Antwort.
„Wie kommt es, dass du ausgerechnet mit Hyänen jagst, Asifa?“, wollte ich wissen.
Die junge Frau wandte mir ihr Gesicht zu und um ihren Mund spielte ein sonderbares Lächeln. „Rasad und Ifrit sind mir gute Gefährten. Sie sind treu und klug, und die Jagd mit ihresgleichen hat eine lange Tradition.“
„Diese Aasfresser haben im Allgemeinen keinen sehr guten Ruf“, wandte ich ein.
Ihre Augen blitzten. „Effendi, ihr Franken nennt den Löwen edel und die Hyäne feige. Doch es sind meist die Löwen, die diese von euch so genannten Aasfresser von ihrem Riss vertreiben und sich den Bauch mit fremder Beute vollschlagen, weil sie die Stärkeren sind.“
Ich musste ihr im Stillen Recht geben, aber so richtig anfreunden konnte ich mich mit ihren Jagdgefährten dennoch nicht – sie waren einfach zu hässlich. Und unheimlich, wie ich mir eingestand.
Einer Antwort wurde ich enthoben, denn der scharfäugige Halef, der vorausgeritten war, drehte sich um. „Sihdi, ich glaube, ich erkenne das Lager der Uëlad Sebira!“
Und richtig, vor uns hoben sich die Silhouetten von ein paar Dutzend Zelten gegen den Nachthimmel ab, und wir konnten auch einige Lagerfeuer flackern sehen, in deren Schein Pferde und auch einige Kamele dösten. Nicht weit entfernt blökte ein Schaf, und Halef schnüffelte. „Hamdullilah, Sihdi, ich rieche den Duft gebratenen Hammels!“, meinte er und rieb sich erwartungsvoll über den Bauch.
Die Hyänen waren uns derweilen vorausgeeilt und hatten das Lager mit ihrem heiseren Jaulen von unserer Ankunft unterrichtet. Achmed es Sallah, der Scheik der Uëlad Sebira, hieß uns persönlich vor seinem Zelt willkommen und bat uns hinein. Er war ein Mann in den besten Jahren mit graumeliertem Bart und einem strahlend weißen Burnus, und wie es die Gastfreundschaft erforderte, bewirtete er uns zunächst einmal mit süßem schwarzem Tee und zu Halefs großer Freude mit Hammelpilaw. Erst als Gebäck und Datteln gereicht wurden, kam er zur Sache. Dass Asifa ganz selbstverständlich im Kreis der Männer saß und von ihnen respektvoll mit Binti Riih angeredet wurde, zeugte von ihrer besonderen Stellung in dieser Beduinengesellschaft, in der das Wort von Frauen im Allgemeinen wenig gilt.
„Effendi, der Ruhm deiner Weisheit ist bis in unsere Zelte gedrungen, und als die Binti Riih erfuhr, dass euch eure Schritte in diese Gegend führen, erbot sie sich, euch unsere Gastfreundschaft anzubieten. Denn wir brauchen deinen Rat, ein Fluch hat uns getroffen. Und falls du nicht nur ein großer Gelehrter, sondern auch ein Magier bist …“
„Mein Sihdi könnte der größte Magier von allen sein, wenn er nur wollte“, fiel Halef ein. „Aber meist findet er es unter seiner Würde, seine magischen Fähigkeiten einzusetzen, und löst Rätsel lieber mit der Schärfe seines Verstandes.“
Ich warf dem Kleinen einen tadelnden Blick zu. Dann wandte ich mich wieder dem Scheik zu. „Erzähl mir von dem Fluch.“
„Herr, du hast Asifas Stute gesehen, sie stammt von meinem berühmten Hengst Falasch2, ein Pferd, wie es Allah nur alle hundert Jahre einmal erschafft. Nun hat auch ein reicher Heilkundiger namens Iskander vom Ruhm meines Hengstes gehört. Die Leute sagen, der Mann stamme von einem einäugigen Riesen ab, dessen Schädel den Eingang seines Zeltes bewacht, deshalb wird er auch Abu Sikulus3 genannt. Er wollte Falasch unbedingt kaufen, doch ich weigerte mich. Daraufhin prophezeite er mir, sämtliche Nachkommen meines Hengstes würden sein Zeichen tragen … und sieh her …“
Er nickte zweien seiner Männer zu, die aufstanden und kurz darauf mit einer Decke zurückkehrten. Der Scheik schlug sie auf. Darin lag ein wunderschönes schwarzes Fohlen mit seidigem schwarzem Fell und langen schlanken Beinen.
„Maschallah!“, entfuhr es Halef. „Welch ein Unglück!“
Mitten auf der Stirn des Fohlens prangte ein einziges, großes Auge.
„Wir haben es töten müssen, denn sein Fluch hat sich bewahrheitet!“ Der Schmerz über den Verlust des Fohlens war dem Scheik anzuhören.
„Hm.“ Ich runzelte nachdenklich die Stirn. „Solche Missbildungen kommen vor. Es könnte Zufall sein …“
Achmed es Sallah schüttelte den Kopf. „In unseren Herden sind seit dem letzten Regen auch mehrere Zicklein und Lämmer mit diesem Zeichen geboren worden. Es ist ein Fluch! Und Abu Sikulus hat mir einen Boten geschickt, als er von dem Füllen hörte. Er wiederholte sein Kaufangebot, aber zu einem deutlich geringeren Preis, da er dem Hengst zunächst den Scheitan austreiben müsse, der in ihn gefahren sei. Er hält morgen eine Mawaaid5 im Wadi Messuwar ab und hat mir bis dahin Bedenkzeit gelassen.“
Während der Scheik sprach, hatten die Hyänen, die bislang zu Asifas Füßen geschlafen hatten, den Kopf gehoben und die Ohren gespitzt. Offensichtlich hatten sie etwas vernommen …
„Vorwärts!“ Draußen war das Knallen von Halefs Kurbatsch zu hören, gefolgt von einem Wehlaut, und dann stolperte ein Schwarzer ins Zelt, gefolgt von einem aufgebrachten Halef.
„Sihdi, ich bin hinausgegangen, um nach unseren Pferden zu schauen, als ich diese schwarze Kröte entdeckte, die offensichtlich eure Unterhaltung belauschte!“
„Nun, was hast du uns zu sagen?“, herrschte der Scheik den Mann an, der sich vor ihm auf die Knie geworfen hatte. Der schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. Der Scheik wiederholte seine Frage auf Türkisch, erntete aber wieder nur ein Kopfschütteln.
„Effendi, willst du es probieren?“, wandte er sich an mich.
Ich versuchte es mit einigen Dinka- und Nuba-Dialekten – ohne Erfolg. Schließlich kam mir ein schlimmer Verdacht und ich bedeutete dem Schwarzen, den Mund zu öffnen. Und meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. „Man hat dem armen Kerl die Zunge herausgeschnitten. Und da er sicher nicht lesen und schreiben kann, können wir ihn nicht fragen, wer ihn geschickt hat. Durchsuch ihn, Halef!“
Schnell lagen die wenigen Habseligkeiten des Schwarzen vor uns auf dem Boden. Eine kleine Pfeife, ein schmieriger Geldbeutel mit wenigen Piastern, ein paar Datteln und eine kleine, silberne Tabakdose.
Neugierig öffnete Halef die Dose. „Sie trägt im Deckel ein hübsches Muster, ist aber so gut wie leer …“ Er steckte seine Nase hinein und schnüffelte. „Der Tabak riecht wie … hatschi!“ Er schnäuzte sich. „Sihdi, das ist kein gewöhnlicher Tabak! Dieses Zeug fährt einem wie ein Blitz durch die Nase ins Gehirn und wieder hinaus!“, staunte er.
Ich lachte. „Ja, ich kenne es, die Almani5 nennen es Schnupfpulver. Aber wie es hierhin in die Wüste kommt …“ Ich untersuchte die Dose genauer. „Kann es sein, dass dieser Heilkundige kein Ibn al-Arab6 ist?“
„Maschallah, Effendi, woher weißt du das?“, fragte der Scheik verblüfft. „Man munkelt, er sei Grieche!“
„Sieh her, das, was Halef für ein Muster gehalten hat, sind griechische Schriftzeichen. Sie bilden das Wort Alexandros, die griechische Form des arabischen Iskander.“
Asifa, die offenbar nichts von der Schwatzhaftigkeit vieler ihrer Geschlechtsgenossinnen hielt, hatte bisher schweigend zugehört. Nun lächelte sie und in ihren Augen glomm ein seltsames Feuer. „Ich denke, Scheik Achmed, wir sollten der Mawaaid dieses Vaters der Zyklopen morgen einen Besuch abstatten!“
Das Wadi Messuar war ein tief eingeschnittenes, weitgehend ausgetrocknetes Flussbett, das sich etwa zwei Kilometer weit in ostwestlicher Richtung erstreckte. Um eine kleine Senke, in der sich ein flacher See gesammelt hatte, drängten sich unter einem kleinen Hain aus Dattelpalmen und Olivenbäumen einige Lehmhäuser und zumeist ärmliche Zelte. Eines dieser Zelte war hingegen mit Troddeln und Wimpeln verziert und gehörte offenbar einem reichen Mann.
Während sich Neugierige und Bittsteller um den kostbaren Teppich drängten, auf dem der vorgebliche Heilkundige seine Audienz gab, hatte ich Zeit, ihn unauffällig zu betrachten. Iskander war ein fetter, kleiner Mann um die Vierzig. Er trug einen langen, blütenweißen Kaftan und einen roten Fes, unter dem ölige schwarze Locken hervorquollen. Seine eng zusammenstehenden Augen hatten einen stechenden Blick, und das ständige Lächeln, das um seinen vollen Mund spielte, wirkte falsch.
„Iskander gilt als großer Hekim“, flüsterte Asifa mir zu. Wir hatten verabredet, dass sich Scheik Achmed und seine Beduinen im Hintergrund halten sollten, bis wir klarer sahen. Asifa und ihre Tiere waren im Wadi hingegen offenbar ein gewohnter Anblick und man grüßte sie auch hier respektvoll als Binti Riih.
Nun, die medizinischen Ratschläge, die dieser falsche Hekim gab, schienen sich auf das Austeilen von Amuletten und die Entgegennahme von Piastern zu beschränken. Einem kleinen Jungen, der an Räude litt, hätte ein Bad wohl mehr geholfen als ein Talisman gegen den Bösen Blick. Als der Hekim einem jungen Mann, der sich offensichtlich eine Maulsperre zugezogen hatte, ein weiteres Amulett in die Hand drücken wollte, hielt ich es nicht länger aus. Ich warf Asifa einen raschen Blick zu. Sie nickte nur – ein Handzeichen, und Ifrit und Rasad bahnten mir einen Weg durch die Menge.
Dann trat ich auf den jungen Mann zu – „Du erlaubst?“ – und versetzte ihm eine kräftige Ohrfeige.
Der Geschlagene taumelte zurück. „Was fällt dir ein … oh!“ Er bewegte seine Kinnlade. „Ich kann wieder sprechen! Du hast mich geheilt! Bist du ebenfalls ein Hekim, Effendi?“
Ich lächelte. „Solche einfachen Handgriffe kennt bei uns in Frankistan jedes Kind. Aber lass sehen, was in dem Amulett steckt, das Iskander dir gegeben hat.“
Der Grieche war aufgesprungen, das Gesicht gerötet. „Ich verbiete es! Darin wohnt ein mächtiger Dschinn …“
„… der die Gestalt einer toten Fliege angenommen hat“, vollendete ich seinen Satz. Und schnippte das Insekt in den Sand, wo es blitzschnell von einer kleinen Eidechse verschlungen wurde.
Iskander riss sich zusammen. „Effendi, Unheil wird über dich kommen!“, versicherte er mir. „Und es wird noch schlimmer werden, wenn du mir nicht sofort meinen Sklaven Abdul auslieferst, den dein Diener festhält.“
„Gern, wenn du mir sagst, was er tief in der Nacht bei den Uëlad Sebira zu suchen hatte!“
„Frag ihn doch selbst!“, spottete der Dicke. „Aber wenn du mir mein Eigentum nicht wiedergibst, bist du ein Dieb.“
Weiter kam er nicht, denn der kleine Halef war auf den Teppich gesprungen und hatte seine Peitsche gezogen. „Wer meinen Sihdi einen Dieb nennt, macht mit meiner Kurbatsch Bekanntschaft!“, rief er.
„Und wer meinem Herren droht, mit mir!“ Aus dem Schatten des Zeltes war ein Koloss getreten, kahlgeschoren und nackt bis zur Hüfte. Auf seiner Stirn trug er ein aufgemaltes drittes Auge. Er hätte für den antiken Polyphem Modell stehen können. „Ich diene dem Vater der Zyklopen. Willst du es mit mir aufnehmen, Zwerg?“
Wenn Halef etwas nicht leiden konnte, dann, wenn man ihn auf seine geringe Körpergröße ansprach. „Nichts lieber als das, Großmaul!“
„Nein, Halef, ich verbiete es, du rennst in dein Unglück!“, protestierte ich und wollte mich zwischen ihn und den Riesen stellen, doch die schöne Araberin hielt mich zurück. „Effendi, du humpelst, dein Fuß ist verletzt. Vertrau deinem Gefährten. Kopf und Herz sind oft wichtiger als rohe Kraft!“ Diesen Augen war schwer zu widerstehen, und schließlich gab ich nach, woraufhin Asifa Halef aus seinem Überwurf half und seinen Oberkörper auf seine Bitte hin mit Talg einrieb.
Dann stellte sich der Kleine seinem Gegner. Ein Raunen ging durch die Menge und mein Magen zog sich zusammen. Der Kerl war nicht nur einen Kopf größer als Halef, sondern auch muskelbepackt wie ein Stier. Er griff ohne Vorwarnung sofort an, aber Halef wich ihm geschickt aus und zielte mit heftigen Tritten immer wieder nach den Knien seines Gegners. Einmal gelang es dem Riesen, Halef zu packen, und die Menge hielt den Atem an, aber dank des Talgs gelang es dem Kleinen, sich ihm wie ein Aal zu entwinden. Plötzlich ging Halef in die Hocke, schleuderte dem Riesen eine Handvoll Sand ins Gesicht und sprang ihm an die Kehle. Der taumelte einen Moment, wischte sich den Sand aus den Augen, schüttelte Halef ab und lachte heiser. Nun hatte der Kleine seinen Trick ausgespielt und würde bald die Nerven verlieren. Und tatsächlich, Halef sah sich gehetzt um, machte auf der Ferse kehrt und flüchtete. Sein Verfolger setzte ihm nach wie ein gereizter Stier. Wie blind vor Angst lief Halef direkt auf die riesige Palme zu, die den Platz beschattete. Nur noch einen Moment, dann würde der Riese ihn zwischen sich und dem Stamm zerquetschen. Aber statt seine Richtung zu ändern, griffen Halefs nackte Füße in die Rinde der Palme. Er rannte den Stamm zwei volle Schrittlängen empor und machte dann einen geschmeidigen Salto rückwärts. Der Koloss hatte keine Chance mehr zu bremsen und streckte die Hände vor, um den unvermeidlichen Aufprall abzumildern. Halef landete direkt hinter ihm, und mit der vollen Wucht, die ihm sein Schwung verlieh, trat er den Koloss ins Gesäß. Dessen Schädel prallte mit einem dumpfen Ton gegen den Stamm und er brach zusammen, ohne einen weiteren Laut von sich zu geben.
Einen Moment herrschte Totenstille, dann brach die Menge in Jubel aus. Auch wenn die Umstehenden dem falschen Heilkundigen bisher freundlich gesonnen waren, konnten sie nicht anders, als dem Sieger dieses ungleichen Kampfes Respekt zu zollen. Und Asifa zwinkerte mir zu. Hab’ ich es dir nicht gesagt?
„Halef, mein lieber Halef, du hast es tatsächlich geschafft!“ Erleichtert nahm ich den Kleinen in den Arm.
„Sihdi, du wirst doch nicht an deinem Hadschi Halef Omar gezweifelt haben?“ Er schnüffelte. „O Allah, ich dufte wie ein Hammel, der gleich aufgetischt werden soll!“
Der Grieche war unterdessen aus seiner Erstarrung erwacht.
„Das war ein übler Trick!“, heulte er. „Diese Fremden sind böse Zauberer, die ihr schleunigst fortjagen solltet, wenn euch nicht der Fluch des Zyklopen treffen soll!“ Er wies auf den Schädel, der wie ein Wächter über dem Eingang seines Zeltes hing.
„Den sollten wir uns einmal genauer ansehen!“ Bevor er mich daran hindern konnte, hatte ich den Schädel von seiner Aufhängung geangelt.
Der Grieche wollte sich auf mich stürzen, doch die beiden Hyänen knurrten drohend. Dabei entblößten sie ein Gebiss, das einem Leoparden Ehre gemacht hätte, und er blieb wie angewurzelt stehen.
Ich untersuchte den etwa kürbisgroßen Schädel genauer. Der Unterkiefer fehlte, aber der Schädel war eindeutig natürlichen Ursprungs, keine Fälschung, wie ich zunächst vermutet hatte. Und mitten auf der Stirn prangte ein großes Loch.
„Der Schädel ist echt!“, musste ich zugeben.
„Seht, hier saß das Auge des Zyklopen!“, erklärte der Grieche, der wieder Oberwasser spürte, eilfertig. „Er war einer meiner Vorfahren, und sein Geist ist mein Diener.“
Halef, Asifa und der Scheik, der inzwischen mit seinen Männern vorgetreten war, sahen mich besorgt an. Wenn der Grieche tatsächlich kein Betrüger war … Ich drehte den Schädel herum. Der Unterkiefer fehlte, aber die Zahnreihe im Oberkiefer war intakt. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
„Einem Effendi aus Almania7 kann man nicht so leicht etwas vormachen“, erklärte ich den Umstehenden. Ich griff nach dem vermeintlichen Zyklopenschädel und hob ihn hoch. „Seht her, hat sein Vorfahr etwa Stoßzähne gehabt? Das Loch in der Mitte, das ihr für den Sitz des Auges haltet, ist die Nasenöffnung, dort setzt der Rüssel an! Er hat euch den Schädel eines jungen Zwergelefanten, wie sie in grauer Vorzeit auf den Inseln vor der Küste lebten, als Kopf eines Zyklopen verkauft!“
„Maschallah!“ Die Umstehenden drängten sich neugierig heran, um den Schädel näher zu betrachten.
Aus der Menge löste sich ein älterer Beduine, der einen respektheischenden Eindruck machte. Er wandte sich an den Scheik. „Scheik Achmed es Sallah, wir wissen, dass dein Hengst Falasch ein Fohlen mit einem einzigen Auge auf der Stirn gezeugt hat – genau, wie von Abu Sikulus prophezeit. Wie kann das sein, wenn er nicht wirklich dem Geist dieses Zyklopen befiehlt?“
Der Scheik warf mir einen hilfesuchenden Blick zu.
Ich lächelte.
„In meiner Heimat gibt es eine Pflanze, sie wird Nieswurz genannt und führt, wenn Muttertiere sie während ihrer Trächtigkeit fressen, zu Missbildungen bei der Frucht – einem einzigen, großen Auge auf der Stirn.“
Der Alte nickte. „Ich habe von dieser Pflanze gehört, wir nennen sie Kharabaq. Aber sie wächst nicht in unserer Gegend …“
„Nein, aber ihre unterirdischen Teile werden seit eh und je pulverisiert und zu Schnupfpulver verarbeitet, daher der Name …“ Ich zog die silberne Dose aus der Tasche. „Diese Dose haben wir Abdul abgenommen, und Iskander hat öffentlich zugegeben, dass der Stumme sein Sklave ist. Es war ein perfider Plan. Ein paar Dutzend Datteln, mit Schnupfpulver gefüllt, auf der Weide der Uëlad Sebira verteilt – und Monate später bringen die Stuten missgebildete Fohlen zur Welt. Niemand denkt an eine lange zurückliegende Vergiftung – alle glauben an einen mächtigen Zauber.“
Aus der Kehle der Menge stieg ein tiefes Grollen. Scheik Achmed es Sallah ergriff meine Hände. „Mein Hengst ist also nicht verflucht?“
Ich bejahte durch Kopfschütteln. „Er ist völlig gesund.“
„Al-hamdu-lillah! Aber, o Allah, was für ein Schurke. Dafür soll er in der tiefsten Dschehenna8 schmoren!“
Zustimmendes Gemurmel ringsum. Die Verstümmelung eines Sklaven nahmen diese Wüstenbewohner nicht besonders schwer, die Vergiftung edler Pferde war in ihren Augen hingegen ein todeswürdiges Verbrechen.
Der Grieche klammerte sich an mich. „Effendi, Gnade! Du bist ein Franke wie ich und darfst nicht zulassen, dass sie mich umbringen!“
Ich stieß ihn von mir. „Abu Sikulus, du bist ein Vater der Lügen, ein gemeiner Schurke und Feigling und hast keine Gnade verdient. Doch du bist es nicht wert, dass wir uns die Hände mit deinem Blut beflecken! Lasst Allah sein Richter sein!“
Rundum erhob sich Protest, doch Asifa gebot mit einer Handbewegung Schweigen. „Wenn der Effendi verlangt, dass niemand von uns Hand an ihn legt, dann sollten wir dem Schurken sein elendes Leben lassen. Gebt ihm ein Pferd und Wasser für drei Tage und jagt ihn in die Wüste. Allah wird sein Urteil sprechen!“ Sie klopfte den Hyänen auf den Rücken. Die Tiere kicherten heiser wie über einen guten Witz und ihre grünlichen Augen funkelten.
Nachdem wir einen leichten Imbiss eingenommen und uns herzlich von Scheik Achmed es Sallah und den übrigen Uëlad Sebira verabschiedet hatten, schwangen wir uns auf unsere Pferde und nahmen unseren Ritt in Richtung Osten wieder auf.
Halef war bester Laune. „Sihdi, dieses Abenteuer wird unseren Ruhm im ganzen Reich des Padischah verbreiten! Diesmal hattest du ausnahmsweise Recht, der Zauber war ein fauler Zauber. Das heißt aber nicht, dass es keine Magie gibt. Das werde ich dir beweisen, so wahr ich den Riesen dieses Vaters der Lügen besiegt habe!“
„Halef, du bist ein tapferer kleiner Kerl und ein treuer Freund, aber du bist und bleibst ein Großmaul!“, wies ich ihn lächelnd zurecht. „Besser ist es manchmal, über das Erlebte zu schweigen.“
Und so verschwieg ich ihm auch, wie mich die glutäugige Asifa verabschiedet hatte. Bevor sie mir einen Kuss auf die Wange hauchte, hatte sie mit einem spitzbübischen Lächeln mir etwas in die Hand gedrückt. Als ich sie öffnete, lag darin der Ring, den ich im Sandmeer verloren hatte. Das Relief auf dem Stein zeigt Imentet, die antike Göttin mit dem Hyänenkopf.
Alexander Röder
Die Zedern des Libanon
I.
Schüsse brüllten durch den Schankraum! Kugeln summten wie Hornissen in alle Richtungen und bohrten sich in Wände, Balken, Leiber!
Ich, Kara Ben Nemsi, duckte mich hinter einen umgestürzten Tisch, dessen grobe Bretter mich schützen konnten, solange die Feinde nicht in meine Flanke gelangten! Mein Revolver spie sein letztes Blei, dann klickte der Hammer auf eine bereits abgefeuerte Patrone. Rasch griff ich an den Gürtel, um die Trommel nachzuladen. Neben mir erwiderte mein Gefährte Halef das Feuer der Banditen. Auch er hatte hinter dem Tisch Deckung gefunden, sein Knie und seine Stiefel pressten sich auf den gestampften Lehmboden, ringsum die Schüsseln und Teller unserer Mahlzeit, die wir vor wenigen Augenblicken noch genossen hatten, nach langem Ritt durch die Bekaa-Ebene des Libanon. Jetzt aber lieferten wir uns ein heftiges Feuergefecht mit vier brutalen Gesellen – und einer davon war ein Widersacher, den wir nur zu gut kannten! Doch niemals hätten wir erwartet, ihm hier zu begegnen, im kleinen Dorf Dschead, von dem aus man schon die Hänge des Gebirges sehen konnte, hinter welchem die Gestade des levantinischen Mittelmeers liegen.
Erneut bellten die Schüsse der Banditen! Ich hatte meinen Revolver wieder im Anschlag, und doch schielte ich hinüber, dorthin, wo neben dem umgestürzten Hocker mein Henrystutzen lag. Dessen Feuerkraft hätte ich nur zu gerne genutzt – allein, er lag außer Reichweite! Und in diesem Kugelsturm wäre es Selbstmord gewesen, einen Ausfall zu wagen! Halef und ich saßen in der Falle, und unsere Munition ging zur Neige. Waren wir tatsächlich verloren?
II.
Es begab sich im Frühsommer des Jahres 1874, dass ich mit Halef von der Syrischen Wüste aus nach Westen geritten war. Wir kamen von den Lagergründen der Haddedihn-Beduinen in der Dschesireh, also der Wüste nördlich des Stromes Euphrat im alten Mesopotamien. Wie meine treuen Leser wissen, war Halef nicht nur trotz seiner jungen Jahre bereits Mitglied im Stammesrat der Haddedihn. Mit dessen Scheik, Amad el Ghandur, der seit Mohammed Emins Tod vor drei Jahren der Führer des Stammes war, verband uns eine Freundschaft, die aus gemeinsamem Kampf für Gerechtigkeit geboren war. Ihm zur Seite stand Malek, ehemals Scheik der Ateibeh, welche sich vor ebenfalls drei Jahren den Haddedihn angeschlossen hatten. Dieser war der Vater von Amscha, und dessen Tochter Hanneh war wiederum Halefs Ehefrau, deren beider kleiner Sohn, Kara Ben Halef, nach mir benannt worden war. Welche Abenteuer uns jüngst zu den Haddedihn geführt hatten, will ich hier nicht referieren – ich verweise meine Leser auf meinen längeren Reisebericht9, der bei meinem deutschen Verleger in Bamberg erschienen ist. Auf den Seiten jenes Buches habe ich getreu geschildert, was Halef und mir in der Stadt Basra und in der Wüste Al-Badiya, in Oasen, alten Tempeln und mächtigen Burgen widerfahren ist und welche schier unglaublichen Dinge wir gesehen und erlebt haben. Uns zur Seite war damals unser alter Freund Sir David Lindsay gestanden,der unermesslich reiche und spleenige englische Lord. Er hatte sich kurz nach unseren gemeinsamen Erlebnissen nach Istanbul verabschiedet – allerdings mit der Verabredung, uns nach dem Besuch der Haddedihn mit Sir David in der Metropole am Bosporus zu treffen. Denn das Abenteuer in der Wüste hatten wir wohl überstanden, jedoch konnte unser Widersacher, der machtgierige Al-Kadir, seiner gerechten Strafe entfliehen. Wir mutmaßten, dass sein Weg ihn nach Westen führen würde, aus dem Maschrik heraus, welches der östliche Teil des arabischen Orients ist, und dass er im europäischen Teil des Osmanischen Reiches, jenseits von Stambul, in den Bergen und Schluchten des Balkans sein weiteres Unwesen treiben würde. Denn dort besaß er einen Verbündeten, dessen Namen ich hier nicht nennen will. Nicht nur, weil ich meinen treuen Leser das spannende Lesevergnügen meines Berichts10 nicht vergällen möchte – es verhielt sich so, dass Halef und ich kaum glauben wollten, um welchen Mann es sich hierbei handelte.
Hingegen standen wir hier in Dschead einem leibhaftigen Gegner gegenüber! Und diesen kannten wir wohl – oder vielmehr trugen wir in uns üble Erinnerungen an ihn! Denn er hatte uns entführt, gefesselt durch die Wüste getrieben, geschlagen und geschunden. Was für eine Vorsehung nun, dass wir ihm erneut begegnet waren – doch wer hätte dies erwartet, hier und jetzt!
Halef und ich waren also nach Westen gereist, um von Tripolis im Libanon aus – welches auch Tarablus heißt – per Schiff das Meer zu durchmessen, bis hin nach Istanbul am Bosporus. Nachdem wir die Syrische Wüste hinter uns gelassen und die Vorhöhen der Bergkette des Antilibanon überwunden hatten, erreichten wir endlich die reiche und grüne Ebene von Bekaa. Die beiden Ströme des Orontes, der auf Arabisch Nahr al-Asi genannt wird, und des Litani spenden hier reichlich Wasser für die Felder und Gärten, welche das Land mit prächtigen Ernten versorgen. Und selbst in den kargeren Gefilden reihten sich herrliche Weinberge aneinander, umfriedet mit Hecken, an welchen Rosen mit weißen und rötlichen Blüten prangten.
Der lange Ritt und auch der schöne Anblick steigerten unseren Appetit und Durst, und so kehrten Halef und ich im Dorf Dschead ein, welches wir bereits bei unserer früheren Reise durch diese Gegend genutzt hatten, um uns für die Überquerung des nahen Gebirges zu stärken. Das Gasthaus war ein wenig schäbig, aber die Speisestube mit allerlei Reisenden bevölkert, ein stetes Zeichen, dass die Küche gut und die Preise günstig waren.
Der Wirt erkannte uns wieder, und da wir es dieses Mal nicht ganz so eilig hatten wie damals, tischte er uns reichlich auf: Aus einem großen Kessel schöpfte er persönlich zwei Näpfe mit einem kräftigen Eintopf, der hauptsächlich aus dem bestand, was man auf Arabisch Burgul, auf Türkisch jedoch Bulgur nennt und jeweils schlichte Weizengrütze darstellt. Weiterhin wurde dies Gemengsel nahrhaft gemacht durch Felderbsen, welche man auch als Kichern kennt, durch reichliche Beigabe von Zwiebeln und ein wenig Hammelfleisch. Dazu erhielten wir als Zukost einen Salat von weißem Kopfkohl, Salata Malfuf, sowie Hindbeh Bilzeyt, gekochten Löwenzahn in Öl, Knoblauch und Zitrone. Es mag nun niemand scherzen, im Libanon äßen die Menschen das, was in Deutschland als Futter für Hasen und Kaninchen gälte. Vielmehr ist diese Speise recht gesund und auch anregend durch ihre herbe Bitternis, die gerade dem europäischen Gaumen einen Gegensatz zur allgegenwärtigen Süße des Orients bietet und auch dem überreichlichen Fett in den Speisen trefflich entgegenwirkt. Die kluge Hausfrau setzt ja auch dem feisten Gänsebraten das bittere und der Verdauung zuträgliche Kraut des Beifuß zu.
Halef und ich schmausten also und waren heiter, trotz des ernsten Hintergrundes unserer Reise. Da wir aber klug den Landweg durch die Weite Kleinasiens vermieden hatten, also nicht aus dem Hinterland Osmaniens nach der Hauptstadt reisten, sondern stattdessen den Seeweg nehmen wollten, würden wir ein wenig Zeit gewinnen und uns dennoch pünktlich mit Sir David in Stambul treffen können. Ich hatte nämlich bei unserem früheren Besuch durchaus bedauert, den Höhenzug der Libanon-Berge, welche man nicht von ungefähr als eines der berühmtesten Gebirge der Welt erachtet, nicht so recht sinnlich erfahren zu können. Ebenso wenig hatten wir die Wälder der Zedernbäume besuchen können, welche dem Libanon seit der Antike sein besonderes Gesicht geben und ihm ein Wahrzeichen sind. Den Anblick dessen würden wir uns dieses Mal nicht nehmen lassen. Denn auch wenn Halef und ich stets eifrige und eilige Kämpfer für die Gerechtigkeit und die gute Sache sind, so sind wir doch auch Männer der Weiten und der Höhen und der Natur, die kaum etwas mehr genießen als den Ritt im Sattel unserer Pferde durch schöne Landschaften. Nicht ohne Grund habe ich mir als Reisender und Schriftsteller gleichermaßen einen Namen gemacht. Und als dieser, der ich zwischen Tagen und Wochen im Sattel über Land und Tagen und Wochen auf dem Stuhl am Schreibtisch wechsele, schätze ich auch einen warmen trockenen Platz in einer Schänke, mit Speise und Trank und einem Plausch mit meinem Gefährten.
III.
„Ach, Sihdi“, sagte Halef und schob mit einer Krume Brot das dunkelgrüne Löwenzahngemüse beiseite, welches er im Gegensatz zu mir verschmähte, aber durchaus nicht die Tunke aus Öl und Zitronensaft. „Du willst also wirklich das Gebirge an jener Stelle überqueren, die uns durch die Zedernwälder führt? Waren die Pfade, die wir damals nahmen, nicht viel bequemer und rascher zu bereisen?“
„Guter Halef“, meinte ich, „sei doch so edel und denke nicht allein an dich selbst. Unsere Pferde, dein treues Ross und mein edler Rappe Rih, die nun im Stall des Wirts ruhen und sich ebenso wie wir laben und stärken …“
„Ja, gerade so wie wir, Sihdi“, klagte Halef. „Sie haben Heu, von dem ich glauben mag, dass es nicht viel schlechter schmeckt als dieses libanesische Kraut ...“
„Sei nicht ungerecht, Halef“, mahnte ich scherzhaft. „Du bist ein stolzer Beduine, aber solltest deine Brüder in Allah nicht ob ihrer speziellen Kost schmähen. Zudem darf ich dir eröffnen, dass auch eine der großen Kulturnationen Europas, die Italiani, hier und da den Löwenzahn nicht verschmähen. In Neapel nennt man ihn schlicht verdura, Gemüse, anderen Ortes aber catalogna, und er wird kaum anders bereitet als dieser hier. Du erinnerst dich, die Italiani sind jene in Europa, die es auch den frommen Muslimen möglich machen, köstliche Salamiwürste zu verzehren, weil sie diese nicht aus dem verbotenen Fleisch der Schweine herstellen, sondern aus …“
„Pferden, Sihdi!“, rief Halef empört. „Ein Frevel für jeden Araber, schlimmer noch vielleicht als die Sünde des Schweinefleischs!“
„Esel, Halef. Man nutzt das Fleisch der Esel, der treuen Nutztiere. Nicht etwa jenes von feurigen Rössern ...“
„Ach so“, meinte Halef. „Das ist etwas anderes. Dennoch ...“ „
Ich will es dir einfach machen, Halef, und dir etwas vorschlagen, was mir noch lieber ist. Ich werde irgendwann, wenn ich von Deutschland wiederkehre, dir etwas mitbringen, mit dem du dennoch den Wert der Wurst schätzen lernen kannst. Und der deutschen Wurst zudem. In Frankfurt nämlich werden auch Würste aus Rindfleisch hergestellt, und da ich vermute, dass du nicht heimlich ein indischer Hindu bist, denen die Kuh heilig ist, wirst du diese Würste nicht nur mit ruhigem Gewissen verzehren dürfen, sondern auch mit Freude.“
„Nun, Sihdi, mir ist ja ohnehin nicht ganz wohl bei dem Gedanken, etwas zu essen, was im Grunde eine mit Fleisch gefüllte Kurbatsch ist.“ Halef klopfte auf den Griff seiner Peitsche aus Nilpferdhaut, die er stets im Gürtel trug.
„Aber nein, Halef“, sagte ich kopfschüttelnd. „Es verhält sich dann doch etwas anders.“ Ich lachte kurz auf. „Und selbst wenn – mit einem guten Mostrich könnte man wohl auch eine Kurbatsch verspeisen ...“
„Was ist denn Mostrich, Sihdi?“, fragte Halef neugierig.
„Das erzähle ich dir ein anderes Mal“, versprach ich. „Nun sollten wir die Tischgespräche beenden und uns zur Ruhe begeben, denn morgen reisen wir ins Gebirge!“
„Nun gut, Sihdi“, meinte Halef. „Dich als Deutschen verlangt es ja dann und wann nach Bergen und Wäldern. Ich schätze den Schatten eines Palmenhaines in der Wüste ja durchaus, aber allzu viele Bäume auf einmal?“
„Ach, Halef“, schalt ich meinen kleinen Freund im Scherz, „nun tu doch nicht so, als würdest du dich vor Bäumen und Wäldern fürchten. Du bist doch kein gar so schlichter Wüstensohn! Wie tapfer hast du mich doch begleitet, als wir damals die Schluchten des Balkan und das Land der Skipetaren bereisten. Und da gab es ja nun nicht nur Felsen, sondern Bäume, Bäume, Bäume – die allesamt keine Palmen waren.“
Halef klopfte auf den Tisch. „Na denn, Sihdi! Da du darauf bestehst, die Zedern des Libanon zu bestaunen, will ich dir gern folgen. Dann musst du mir aber auch genau erklären, was du und deine Deutschen denn mit dieser Waldeslust meinen, von der ich einmal gehört habe.“
Ich erinnerte mich nun nicht, dieses Dichterwort gegenüber Halef erwähnt zu haben, aber dann wiederum habe ich meinem Freund und Gefährten doch bereits sehr viel von der europäischen und in Sonderheit der deutschen Kultur vermitteln können.
„Sehr gern, mein lieber Halef“, sagte ich. „Und …“
Ich stutzte, denn Halefs Augen waren schmal geworden. Und im selben Augenblick begriff ich warum. Wir hatten uns in einer Nische des Schankraums eingerichtet, jenseits der Eingangstür. Diese hatte sich nun geöffnet und vier Männer waren eingetreten. Ihrer Kleidung nach waren sie Männer der Wüste. Jedoch keineswegs stolze Beduinen oder ehrbare Karawanenkaufleute. Sie waren schäbig und abgerissen, was Hemden und Beinkleider betraf. Doch ihre Westen und ihre Stiefel waren von edlem Stoff und gutem Leder, auch trugen sie einiges an Ringen und Armreifen aus edlem Metall. Dennoch waren sie offenkundig einmal reicher geschmückt gewesen, denn ich erkannte helle Stellen an ihren Fingern und Handgelenken, welche über längere Zeit vor der Sonne geschützt gewesen waren. Die Männer hatten einige Schmuckstücke gegen Geld eingetauscht – und dies sicher nicht freiwillig. Ein solches Verhalten zeugt oftmals von Not und Flucht – die Frage war, aus welchem Grunde dies eingetreten war. Eine Erklärung gab mir die Bewaffnung der Männer. Ein jeder trug Säbel, Dolch und Revolver – Letztere alt, doch gewissenhaft gepflegt, ein Zeichen für lange Benutzung und damit Erfahrung und Können.
Und aus eigener Erfahrung wusste ich:
Dies waren Banditen! Die Männer polterten in die Schänke und verlangten laut und roh nach Mahlzeit und Trunk. Der Wirt kam eilig heran, in seinem Gesicht stand Furcht. Sogleich wurde er beschimpft und bedroht.
Das konnten Halef und ich nicht zulassen. Wir erhoben uns und wandten die Gesichter den Neuankömmlingen zu, wobei wir die Hände auf die Revolverkolben legten.
Ich räusperte mich lautstark.
Die Männer wandten sich um.
Und dann erkannten wir einander!
IV.
Ich blickte in das Gesicht eines Mannes, dem mittlerweile all mein Hass galt. Er hatte mich und meine Gefährten in der Wüste gefangengenommen, nach einem heimtückischen, schäbigen Überfall auf unser Lager in der Nacht, während wir alle schliefen. Wir waren gefesselt und geknebelt worden, selbst die Augen waren uns verbunden worden. Und dann hatte man uns durch die Wüste getrieben, angeleint an die Kamele der Räuber. Man hatte uns zu Al-Kadir bringen wollen, zu jenem Mann, der sich selbst „der Mächtige“ nannte und der somit auch den Machthunger verspürte, sich den arabischen Teil des Osmanischen Reiches untertan zu machen. Und sein Helfer, sein Wesir, war der Anführer seiner Truppen, jener Mann, der Rasin hieß und der nun wieder vor mir stand!
Rasin schaute finster – und doch wirkte er ausgezehrt und fahrig, eben wie ein Mann auf der Flucht, ein Mann, der alles verloren hatte. Sein Herr und Meister war besiegt, geflohen, die Pläne waren vereitelt – durch mich und meine Gefährten! Erst hatten wir aus der Gefangenschaft Rasins fliehen können, was ihm selbst Schmach bereitete und ihn in Ungnade fallen ließ. Und dann hatten wir Al-Kadir in seiner eigenen Festung gestellt, ich hatte ihn in einem eigenartigen Duell besiegt. Rasin war nicht zugegen gewesen, hatte im Auftrag seines Herren andere Dinge an anderem Ort erledigen müssen – umso schrecklicher musste es für ihn gewesen sein, von der Niederlage Al-Kadirs Kunde zu erhalten.
Nun schien Rasin sich wohl zum Balkan hin durchschlagen zu wollen, dorthin, wo auch Al-Kadir Zuflucht suchte. Aber das konnte ich nicht sicher wissen. Hatte Al-Kadir überhaupt wieder Kontakt zu seinem Wesir aufgenommen? Oder war es ihm genug gewesen, sein eigenes Leben zu retten, und hatte er seinen Vertrauten vergessen?
Aber dies war einerlei – nun standen Rasin und ich uns gegenüber, in einem Dorf am Fuße des Libanon-Gebirges.
Rasin erkannte mich. „Kara Ben Nemsi“, krächzte er. Seine Stimme war harsch, als würde ein schartiger Säbel über rostiges Eisen fahren. Ich wusste, dass sich unter seinem zerzausten, schmutzigen Bart eine wulstige Narbe befand, dort wo ihm irgendjemand einmal die Kehle hatte zerschneiden wollen. Rasin hatte überlebt, doch seine Stimme hatte seitdem wohl jenen schaurigen Klang erhalten.
Doch er sprach nicht weiter. Stattdessen riss er den Revolver aus dem Gürtel und feuerte. Halef und ich sprangen aus der Schussbahn. Ich hatte vor unserem Tisch gestanden, packte sogleich in einem Hebelgriff nach der Kante und warf die Platte nach hinten. Das Geschirr krachte und klirrte zu Boden, dann schlug der Tisch um. Flugs nahmen Halef und ich Deckung und zogen selbst die Revolver. Mein erster, rascher Schuss traf einen der Banditen in die Schulter. Ich schrie laut durch den Schankraum zum Wirt hin, dass er sich und seine Frau, die ich in der Küche wusste, in Sicherheit bringen sollte. Die anderen Gäste waren schon beim Eintritt der Banditen aufmerksam geworden, waren bei Rasins Worten zusammengezuckt, weil sie ahnten, was nach einer solchen Namensnennung in derartigem Tonfall gemeinhin geschah, und dann hatten sie sich ebenfalls geduckt und Schutz gesucht.
Jedoch nicht rasch genug! Die feigen Banditen griffen sich zwei harmlose, unbescholtene türkische Handelsreisende, die unglücklicherweise in nächster Nähe gesessen hatten, und nutzten die entsetzten Männer als menschliche Schutzschilde. Hinter den in Schrecken erstarrten Türken, die ich an ihrem Fes erkannt hatte, schossen nun auch Rasins Kumpane auf uns. Rasin selbst verschanzte sich hinter einem umgeworfenen Tisch. Die Schüsse donnerten, panische Schreie gellten durch den Raum, der Lärm war infernalisch, geradeso wie der schweflige Pulverdampf, dessen Nebelschwaden nach wenigen Augenblicken die Sicht erschwerten. Durch die beiden kleinen Fenster fiel das letzte Tageslicht in feurigen Strahlen, die sich durch die grauen Wolken bahnten, welche die Schussentladungen hervorriefen.
Hätte sich nun die Tür geöffnet, wäre die Sicht verbessert worden und die Gäste hätten fliehen können – doch niemand kam von draußen herein, und drinnen wagte niemand, durch den Bleischauer des Gefechts einen Ausfall zum Ausgang zu versuchen.
Fast hoffte ich, einer der anderen Reisenden wäre bewaffnet und würde sich am Schusswechsel beteiligen – auf Halefs und meiner Seite natürlich – oder der Wirt hätte eine alte Flinte zur Hand. Doch Halef und ich waren auf uns allein gestellt. Unter den üblichen Umständen wäre dies kein Problem gewesen, denn unsere Schießkünste waren gemeinhin jenen von schlichten Banditen überlegen. Doch da diese sich skrupellos hinter Unbeteiligten versteckten, war es uns nicht vergönnt, sichere Treffer zu landen. Und die Patronen gingen zur Neige! Weitere befanden sich in unseren Satteltaschen, doch diese lagerten bei den Pferden. Und mein Henrystutzen, den ich – wohl in einer Ahnung – mit in die Schankstube genommen hatte, lag, wie erwähnt, außer Reichweite! Mit diesem hätte ich sogar durch das Schanzwerk der Tischplatten schießen und auch sonst viel akkurater treffen können – an den Geiseln vorbei!
Ich dachte jedoch nicht allein wie ein Kunstschütze oder Revolverheld – stattdessen machte ich mir auch ernstliche Sorgen um die verschreckten Menschen im Raum, die um ihr Leben fürchteten. Mit jedem Schuss wuchs die Gefahr eines Querschlägers, einer verirrten Kugel, die einen der Gäste treffen konnte. Und wenn die Verzweiflung oder Verdrossenheit der Banditen zunahm, mochten sie auch den letzten Rest Menschlichkeit fallen lassen und ihre Geiseln töten, um den Rückzug zu decken. Gewiss würde ihnen dies nichts nutzen – Halef und ich würden sie draußen stellen können. Jedoch handeln Banditen erfahrungsgemäß nun mal nicht klug, wenn sie in die Enge getrieben werden. Sie wären tot, doch die bedauernswerten Geiseln ebenfalls, und dies konnte ich nicht zulassen.
Also musste ich die Besonderheit dieser Situation nutzen, vielmehr die Besonderheit dieser Banditen. Sie waren Schergen Al-Kadirs gewesen, des vorgeblichen Zauberers, vor dem sie eine abergläubische Scheu empfanden und dem sie deshalb gedankenlos ergeben waren.
Ich hatte nun ein Amulett erbeutet, in dem sich angeblich die Macht Al-Kadirs manifestierte. Ich will die genauen Umstände nicht erläutern, noch weniger den leichtgläubigen Unsinn, mit dem jener Scharlatan, welcher sich „der Mächtige“ nannte, seine Untergebenen geistig unterjochte, auch indem er seinen Unterführern jeweils eines dieser Amulette zu tragen befahl. Dies mochte ich nun für mich nutzen. Mir schien es in diesem Moment leichter, Rasin und seine Kumpane mit einem Trick statt mit Kugeln zu besiegen. Und nun war dies auch nötig. Ich hatte nur noch eine Kugel im Revolver und Halef ebenso, wie er mir bitter zuraunte. Immerhin sparten nun auch die Banditen Munition und schossen weniger als zuvor.
„Rasin!“, rief ich, als die Revolver für einen Augenblick schwiegen. Währenddessen schob ich meine Finger in die Westentasche, in der ich jenen sechseckigen Goldreif verwahrte und zog ihn an der Kette hervor. „Du warst nicht bei deinem Herren Al-Kadir, als ich ihn besiegte. Bevor er feige floh, hat er dich geschmäht!“
Ich kehrte die Tatsachen um, damit ich Rasin verwirren konnte. Dann versuchte ich es mit einer Mutmaßung. „Und er hat dich vergessen! Hat dir keine Botschaft gesandt! Weil er weiß, dass du nutzlos bist! Denn seine Macht hat er verloren. Wer bist du, Rasin, wenn du einem Manne dienst, der keine Macht mehr hat, nicht mehr der Mächtige ist, als der er sich ohnehin nur selbst bezeichnet hat?“
Rasin knurrte und dann raspelte er eine kurze Entgegnung. „Du lügst! Al-Kadir hat uns nicht vergessen. Er weiß stets, was wir tun. Er muss uns keine Botschaft senden. Wir gehen zu ihm, um Befehle zu erhalten.“
Es mochte sein, dass Al-Kadir seinen Wesir so weit in die Machtpläne eingeweiht hatte, dass Rasin tatsächlich auf dem Weg nach dem Balkan war, dorthin, wo Al-Kadir Zuflucht und Beistand suchte. Gut, das konnte ich nutzen!
„Rasin! Auch ich weiß, was du tust. Denn ich habe Al-Kadir besiegt und er hat alle Macht verloren! Ich kenne seine Pläne. Ich kenne deine Pläne. Du willst nach Stambul und dann in die Berge des Balkan, wo du glaubst, dass Al-Kadir dich empfangen wird.“
Rasin entgegnete nichts, mein Wissen verblüffte ihn wohl. Und nun wagte ich die kühne Finte: Ich stand auf, verließ meine Deckung!
„Sihdi!“, zischte Halef und ächzte entsetzt. Das war verständlich. Aber ich hatte gewissenhaft die Schüsse der Banditen gezählt. Und da ich an ihren Gürteln keine weiteren Patronen gesehen hatte, wusste ich, dass ihre Revolvertrommeln leer sein mussten. Sie würden sich also bald mit Dolchen und Säbeln wehren – und diese zunächst gegen die bedauernswerten Geiseln richten!
Ich hob die Hand mit dem Sechseckreif.
„Schau, Rasin! Das Amulett ist nur noch ein Schmuckstück.
Al-Kadir hat keine Macht mehr, keine Macht über dich. Spürst du es nicht? Er hat auch dich verlassen. Du bist nicht mehr der Wesir des Mächtigen. Du bist nur noch ein Bandit.“
Halef stöhnte leise auf. „So reize ihn doch nicht, Sihdi!“ Aber ich sah aus dem Augenwinkel, wie Halef sich in eine bessere Schussposition brachte.
Ich schien mit meinen Worten erreicht zu haben, was ich wollte – es fiel kein Schuss von Seiten der Banditen. Rasin mochte seine Kumpane unter Kontrolle haben, vielleicht hatte er ihnen einen Wink gegeben. Aber es schien mir vielmehr, dass sich Furcht und Verzweiflung in ihnen ausbreiteten – jedoch von solcher Art, die lähmt und nicht zu unüberlegten Taten führt.
Jetzt brachte ich meine Vorstellung zum Finale. „Hier, Rasin! Für deine Überfahrt!“
Dann warf ich den Sechseckreif samt der Kette zu Rasin hin. Die feurige Abendsonne ließ das Gold aufblitzen, als der Reif durch die Lichtstreifen der Fenster glitt.
Die Banditen schraken zusammen, Rasins geschundener Kehle entrang sich ein Angstlaut. Was genau ich bei ihnen mit meiner Tat ausgelöst hatte, vermochte ich kaum zu sagen – wer kennt schon den Spuk im Kopf von Abergläubischen?
Die Banditen sprangen umeinander – ich wusste nicht, ob sie dem Amulett ausweichen oder es doch auffangen wollten. Aber sie ließen ihre Geiseln los, Rasin gab seine Deckung auf. Diese Narren!
Dann schoss ich, auch Halef schoss. Unsere letzten beiden Revolverkugeln fanden ihre Ziele. Die Revolver der Banditen fielen zu Boden, mit Schmerzensschreien umklammerten zitternde Finger die blutigen, zerschmetterten Fäuste.
Dann geschah, was ich geahnt hatte! Der Bandit, dessen Schulter ich getroffen hatte, setzte zur Tür und stieß sie auf, er fiel mehr nach draußen, als dass er lief. Rasin reckte kurz den Hals nach dem Goldreif, der auf dem Boden lag, sandte mir einen hasserfüllten Blick zu und sprang dann ebenfalls ins Freie.
Als Halef und ich nach vorn liefen, klang von draußen schon eiliger Hufschlag auf! Ich sah vier Pferde davonpreschen. Rasin und sein Kumpan hatten die Reittiere der anderen mit sich genommen. Dass sie so eilig hatten fliehen können, lag an der Tatsache, dass die Banditen ihre Pferde nicht abgesattelt und untergestellt hatten, wie es für anständige Reisende eine Selbstverständlichkeit ist, bevor sie sich selbst zur Rast begeben!
Rasin und sein Kumpan verschwanden in einer Wolke von Staub. Sollten sie sich nur einen Vorsprung ergaunern! Wir würden sie dennoch einholen.
Jetzt aber kümmerten wir uns um die armen Reisenden, die dieser Zwischenfall in Mitleidenschaft gezogen hatte. Die beiden türkischen Kaufleute waren verschreckt, jedoch unverletzt und nicht weiter verwundert. Sie hatten Ähnliches wohl schon häufiger erlebt, wenngleich mit anderem Verlauf und Ausgang. Ich nahm den Goldreif vom Boden auf und verstaute ihn wieder in der Westentasche – obgleich einer der Händler mir einen durchaus angemessenen Betrag dafür anbot. Aber ich wollte dieses seltsame Ding nun durchaus als Andenken an die Abenteuer mit Al-Kadir behalten – an die bisherigen Abenteuer, muss ich wohl beifügen.
Der Wirt und seine Frau waren wohlauf, wenngleich entsetzt über die Schäden in ihrer Schankstube. Ich griff nach meiner Geldbörse, um sowohl meine Zeche zu zahlen, als auch meinen Obolus für die zerstörten Geschirre und das Mobiliar zu geben, als die beiden türkischen Handelsreisenden mit eifrigen Gesten und ernstem Blick forderten, ich solle meine Münzen behalten. Stattdessen wollten sie mich entlohnen, weil ich ihnen das Leben gerettet hatte. Ich entgegnete, dass es für mich eine Selbstverständlichkeit sei, Menschen in Not beizustehen – und jeglichen Banditen die Stirn zu bieten. Um aber die Türken nicht zu beleidigen, verkündete ich, mir sei es der schönste Lohn, wenn der gute Gastwirt für seine Verluste entschädigt würde. Und wir würden gern eine Wegzehrung annehmen, die uns Kraft für die Verfolgung der Schurken geben würde. Wirt und Weib sollten diese rasch herrichten, während wir unsere Pferde satteln würden. Die Türken und die Wirtsleute nickten eifrig, während Halef und ich eilig zum Stall hinter dem Haus liefen. Zuvor hatte ich mir den Henrystutzen gegriffen – er würde noch reichlich Gelegenheit haben, seine formidable Treffsicherheit und Feuerkraft zu zeigen.
V.
Nach scharfem Ritt und gelegentlichem Halt zur Fährtensuche erreichten wir bei Einbruch der Dunkelheit den Ort Ain Ata, der gewissermaßen im Schatten des höchsten Berges des Libanon, des Kurnat as-Sauda, liegt. Dieser Gipfel erhebt sich unweit im Nordosten bis auf eine Höhe von dreimal tausend Metern und ist im Winter von dichtem Schnee bedeckt. Manche sagen, der Libanon trage seinen Namen von einem alten aramäischen Begriff für die Weiße ebendieses Schnees her. Jedoch war bereits der Sommer gekommen, und so war der Name des Gipfels wesentlich treffender, den man mit Schwarzes Horn übersetzen mag. Und finster waren auch die Nacht und unsere Gedanken. Wir fragten in Ain Ata nach zwei eiligen Reisenden von üblem Aussehen, einer davon verletzt, und tatsächlich erfuhren wir, dass diese sich bei einem bedauernswerten Krämer gewaltsam mit dürftigen Vorräten versorgt hatten. Immerhin waren sie in solcher Eile gewesen, dem Manne nichts Schlimmes anzutun. Dann seien sie ins Gebirge geritten – in der Nacht, was ein deutliches Zeichen für ihre Bosheit und Dummheit zugleich war, wie man urteilte. Uns hingegen warnte man: Man solle nicht in die alten Wälder der Berge reiten, dort sei es nicht geheuer!
Ich lachte ein wenig in mich hinein: die Abergläubischen! Allerorten diese Furcht vor Finsternis und dunklem Tann! Wobei zudem anzumerken ist, dass die Zeiten lange verflossen sind, in denen die Gebirge des Libanon von dichten Wäldern aus Eichen und Pinien bedeckt waren. Denn die Römer, die Phönizier und all die anderen großen Seefahrernationen der Antike hatten die Stämme der Bäume zu ihren Flotten verbaut, und das edle Zedernholz hatte seinen Weg gar in die Paläste des alten Ägyptens gefunden.
Heute jedoch erscheinen die Berge des Libanon dem Betrachter kaum anders als andere Höhenzüge rund um das Mittelländische Meer: steile Hänge aus verkarstetem Kalkstein, hier und da von Höhlen durchsetzt, alles mit Buschwerk und gelegentlichen Wäldchen bewachsen, somit ein Terrain, das ich auch vom Balkan her nur allzu gut kannte. Und dies war mir ein Vorteil – im Gegensatz zu den Banditen, die bislang ihr Unwesen in der Wüste getrieben hatten. Deshalb ging ich mit Halef die Verfolgung gelassen an. Am Morgen würden wir die Spuren der Fliehenden leicht ausmachen können, und wir würden im Gegensatz zu jenen auch wohlausgeruht sein. Ich hatte sehr wohl erkannt, dass die Warnungen vor den nächtlichen Bergen auch der Tatsache geschuldet waren, dass die örtlichen Gastwirte nur allzu gern Kost und Logis für Reisende bereitstellten, und sei es nur für eine Nacht. Nun, wir nahmen das Angebot an. Es war allemal besser, kurz in einer schlichten Bettstatt zu schlafen als auf dem felsigen Grund, mochte er noch so dicht mit den weichen Nadeln von Pinie und Zeder bedeckt sein.
Pulsuz fraqment bitdi.