Kitabı oxu: «Begleiten statt erobern»

Şrift:

WIR DANKEN René Padilla und seiner Frau Catalina († 2009), dass sie uns nach Argentinien eingeladen, uns vertraut und über die Jahre begleitet haben.

WIR DANKEN den Toba/Qom, dass sie uns als Gäste bei sich aufgenommen und uns Leben und Glauben noch einmal neu gelehrt haben.

WIR DANKEN dem Equipo Menonita, dass sie uns ins Team integriert und in die Arbeitsweise eingeführt haben.

WIR DANKEN unserer OJC-Kommunität und unseren Freunden aus Haiger und anderswo, dass sie über den Ozean hinweg die Bande zu uns erhalten und vertieft haben.

WIR DANKEN unseren Kindern Johannes, Charlotte und Ana, dass sie mit uns gemeinsam das Abenteuer »Inter-Kultur« gelebt haben.

WIR DANKEN unseren Eltern, dass sie uns für die Jahre in Argentinien frei gaben.

UTE UND FRANK PAUL (HERAUSGEBER)

Begleiten statt erobern

Missionare als Gäste im nordargentinischen Chaco


Inhalt

Vorwort von René Padilla

Zu diesem Buch (Von Willis G. Horst)

Vorwort von Siegfried Großmann

Kapitel 1: Mission ohne Eroberung – Philosophie und Praxis eines alternativen Selbstverständnisses im nordargentinischen Chaco (Von Ute und Frank Paul)

1. Einleitung

a) Vorbereitung auf den Chaco

b) Der Chaco und seine Menschen

c) Das Eqipo Menonita – die Geschichte eines Missionsprojektes

2. Evangelisation im Kolonialstil: Ein fundamentales Missverständnis

3. Richtungsweisende Modelle der Mission im Neuen Testament

a) Jesus: Lebensmission – zu Gast bei den Menschen

b) Petrus: Fremdenmission – Paradigmenwechsel im Selbstverständnis

c) Paulus: Gemeindemission – die Eigenständigkeit der jungen Kirchen fördern

4. Zu Gast in den Häusern der Toba/Qom

a) Zeit gelassen

b) Unterwegs erlebt

c) Immer willkommen

d) Für jeden etwas

e) Sie wussten es schon

f) Mittendrin

g) Tisch- und Hausgemeinschaft

h) Erschwerter und beschwerter Alltag

i) Verteidigte Nachtruhe

j) Papa Missionar

k) Nach dem Stammeln kommt das Sprechen

l) Lebensklugheit

m) Mit Hand angelegt

5. Zu Gast in ihren Kirchen

a) Eigenständigkeit fördern und eigenes Profil stärken

b) Unterwegs mit Toba/Qom-Pastoren

c) Gottesdienst miterlebt

d) Reden in ihrer Muttersprache

e) Glaubenszeugnisse

f) Mit indianischen Augen die Bibel lesen

g) Konflikte – was tun?

6. Einsatzbereiche für den begleitenden Missionar

a) Bibellesen reihum

Worum geht es also?

b) Bibelübersetzung zum Lesen und Hören

Audioaufnahmen von biblischen Texten in indianischen Sprachen

c) Veröffentlichung von indianischen Autoren

d) Verbreitung von Literatur

e) Gebiete und Landrechte sichern

f) Einsatz für Menschenrechte

g) Besuche bei Kranken und Inhaftierten

h) Zweisprachige interkulturelle Bildungsarbeit

i) Kontakt zu Indianern in Großstädten

j) Arbeit im Netzwerk mit anderen Organisationen

7. Horizonte für eine zukunftsweisende Mission

a) Rückmeldungen der indianischen Christen

b) Gott war schon vor uns da

c) Durch Jesus vervollständigt

d) Der Balken im Auge des Missionars

Kapitel 2: Anfänge und Entwicklung einer eigenständigen indianischen Kirche. Über die indianische Spiritualität der Toba/Qom-Christen im argentinischen Chaco (Von Willis G. Horst)

1. Die traditionelle Spiritualität der Toba/Qom

2. Die Anfänge einer geistlichen Bewegung in einem Volk

3. Die Iglesia Evangélica Unida

4. Der indianische Gottesdienst (culto)

5. Die indianische Weisheit und Christus

6. Die IEU und die geschichtliche Selbstbestimmung

7. Die Spiritualität der Toba/Qom und ihre Identität – eine neue Bestimmung

8. Die Spiritualität der Toba/Qom als Hoffnung

Anhang

Einblick in die traditionelle Kultur des Toba-Volkes (Von Orlando Sánchez, Toba/Qom)

Einleitung

Die Weltanschauung der Tobas

1. Das soziale Leben

Wohnsitz

Tod

Erntefest

Pubertät

Lieder

2. Lebensunterhalt

3. Geburt und Erziehung

4. Gesundheitswesen

5. Das geistliche Leben

Literaturverzeichnis

Teil 1: Veröffentlichungen von Autoren der Toba/Qom (z. T. in ihrer Sprache)

Teil 2: Veröffentlichungen nicht-indianischer Autoren

Die Mitglieder des Equipo Menonita (Stand 2008)


Argentinien – politische Übersichtskarte (ohne die beanspruchten Gebiete der Antarktis und der Falklandinseln) und Lage in Südamerika.


Lage und Anzahl der selbstständigen indianischen Kirchen in Nordargentinien, die vom Equipo Menonita begleitet werden (Stand: 2000).

Vorwort

VON RENÉ PADILLA

Der Titel des Buches fasst mit wenigen Worten nicht nur seinen Inhalt zusammen, er bringt auch eine neue Art und Weise zum Ausdruck, die missionarische Aufgabe der christlichen Kirche anzugehen: eine Art und Weise, die besser in Einklang mit den Herausforderungen der Guten Nachricht von Jesus Christus ist. Eine Art und Weise, die die Sendung Jesu Christi – das Wort Gottes, das Mensch wurde und unter uns lebte – als Paradigma für die christliche Mission über die Jahrhunderte aufnimmt.

Natürlich muss klargestellt werden, dass diese wesentlichen Charakteristika bereits Teil bisheriger Missionsarbeit gewesen sind. Das Neue besteht vor allem darin, dass die Autoren dieses Buches eine Art und Weise missionarischer Arbeit wieder entdeckt haben, die sich beträchtlich von derjenigen unterscheidet, für die es – seit Kaiser Konstantins Zeiten – zunehmend selbstverständlich wurde, sich durch Vereinbarungen mit den jeweiligen Machthabern politische und wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen.

Ohne Zweifel ist sowohl die evangelische als auch die katholische Mission in anderen Völkern eine Geschichte von Licht und Schatten: des Lichtes, weil sich viele Missionare – vielleicht sogar die Mehrheit – selbstlos und opferbereit eingesetzt haben; aber auch der Schatten, weil sie der Eroberungsmentalität ihrer eigenen kulturellen Prägung verhaftet waren.

In seinem großen Werk El otro Cristo español: un estudio de la historia espiritual de España e Hispanoamérica [»Der andere Christus. Eine Untersuchung der geistlichen Geschichte Spaniens und Lateinamerikas«] hat Juan A. Mackay gezeigt, dass die spanische Eroberungsgeschichte eigentlich als eine religiöse Heldengeschichte anzusehen sei, die von der Mystik der spanischen Könige Fernando und Isabel inspiriert war.

Mit großem missionarischen Eifer hatte Spanien die Eroberung der Neuen Welt in Angriff genommen; man wollte sie zum katholischen Glauben bekehren. Mackay bekräftigt: »Kreuz und Schwert verbanden sich zu einer Einheit.« Später fügt er an: »Ihr Zusammenwirken im Namen der Evangelisation machte es dem Schwert möglich, den Weg für das Kreuz zu ebnen. Darin bestand die Besonderheit des spanischen Christentums.«

Dennoch müssen wir eingestehen, dass auch protestantische Missionare in ihrer Missionsarbeit oft Eroberungsmethoden verwendeten. So sieht es auch David J. Bosch in: Misión en transformación: Cambios de paradigma en la teología de la misión [Mission im Wandel. Paradigmenwechsel in der Missionstheologie] »Wenn man die verschiedenen Arten und Weisen genauer betrachtet, wie – bewusst oder unbewusst – westlich geprägte Glaubens- und Lebensvorstellungen den jungen Christen in anderen Teilen der Welt aufgedrückt wurden, fällt auf, dass sowohl liberale als auch konservative [protestantische Missionare] die Überzeugung vertraten [nicht wenige vertreten diese leider auch heute noch], dass das Christentum [westlicher Prägung] die einzig mögliche Grundlage für eine gesunde Zivilisation sei. Dieser Konsens war so weitreichend, dass er ganz allgemein und unreflektiert vorausgesetzt wurde.«

Das Neuartige, was uns Willis G. Horst sowie Ute und Frank Paul in diesem Buch anbieten, ist die Wiederentdeckung einer Mission ohne Eroberung, also eines alternativen Missionsstils, der sich radikal von dem von Mackay und Bosch beschriebenen unterscheidet, der von einem Geist der Eroberung beseelt ist. Dieser alternative Stil entwickelte sich aus der Erfahrung des gemeinsamen Lebens mit indianischen Gemeinschaften und durch sorgfältige Reflexion über die Bedeutung der Kontextualisierung des Evangeliums in einer fremden Kultur.

Aus biblischer Sicht ist jeder Nachfolger Christi berufen, sich an der Mission Gottes in der Welt zu beteiligen. Der Reichtum dieses Buches besteht darin, dass es ausgezeichnet veranschaulicht, wie diese Aufgabe umgesetzt werden kann. Natürlich bezieht es sich zunächst auf transkulturelle Mission im Zusammenhang von indianischen Gemeinschaften, die in Lateinamerika im Allgemeinen und in Argentinien im Speziellen zu der am meisten benachteiligten Bevölkerungsschicht gehören. Darüber hinaus veranschaulicht das Buch, welche geistlichen Prinzipien jedweder Missionsarbeit zugrunde liegen sollten.

Wenn dieses Werk seine Leser dazu inspiriert, in ihrer jeweiligen Situation die Gute Nachricht von Jesus Christus mit Demut – also nicht in einem Geist der Eroberung – weiterzugeben, werden sowohl seine Autoren als auch die Herausgeber von Herzen zufrieden sein.

Buenos Aires, im September 2009,

zur spanischen Ausgabe

Zu diesem Buch

VON WILLIS G. HORST

Seit Jahrhunderten sucht die christliche Kirche Wege, das Evangelium in der ganzen Welt bekannt zu machen. Dabei geht es ihr nicht nur um Erfolg, sondern auch darum, dem Leben und der Lehre Jesu treu zu bleiben. Es hat sich gezeigt, dass es all das zu vermeiden gilt, was als paternalistisch, kolonialisierend oder erobernd verstanden werden könnte. Die missionarische Arbeit unter indigenen Völkern erfordert im besonderen Maße diese Einfühlsamkeit, weil die Horrortaten im Zuge der Eroberung Amerikas im Namen Christi verübt wurden.

Seit 55 Jahren stellen sich die Frauen und Männer des »Mennonitenteams« im argentinischen Chaco in ihrer missionarischen Aufgabe dieser Herausforderung. Sie lernten dabei, von dem Wunsch Abstand zu nehmen, Kirchen ihrer Denomination zu gründen und »zivilisierend« zu wirken. So entwickelten sie einen alternativen Missionsstil. Einer der ersten Mitarbeiter, der sich auf diesen neuen Weg gemacht hatte, beschrieb es so: »Der Heilige Geist hat uns unsere [mennonitische] Kirche im Chaco weg genommen [um den Indianern ihre eigene zu geben].«

Eine Missionspraxis, die ganzheitlich sein möchte, muss zuerst das ganze Wohl und Heil von Einzelnen und Völkern in den Blick nehmen, wenn es ihr um die Verbreitung der Guten Nachricht von Jesus geht. Jede missionarische Praxis, die das Gegenüber klein macht, ist es nicht wert, Gute Nachricht genannt zu werden.

Es geht uns in diesem Buch darum, christliche Mission als einen Weg zu sehen, mit Jesus selbst unterwegs zu sein, an der Seite von anderen, die auch das Leben suchen. Um andere von der Wahrheit des Evangeliums zu überzeugen, braucht es gerade keine Gesten der Überlegenheit, sondern der Schwachheit und Verletzlichkeit, wie Jesus sie lebte. Gott selbst hält die Geschichte der ganzen Welt und der Missionsarbeit in seiner Hand. Er alleine weiß, wann »der Tag und die Stunde« kommen wird, dass die ganze Erde mit seiner Herrlichkeit erfüllt sein wird. Deswegen hat Gott uns von der Last befreit, seinem Missionsauftrag aus Pflichterfüllung nachzukommen. Im Gegenteil: Wir dürfen aus lauter Freude seine Liebe weitergeben.

Allen, die mit uns auf dieser Suche sind, sei dieses Buch anbefohlen.

Willis G. Horst,

Mitarbeiter im Chaco von 1971 bis 2009

Vorwort

VON SIEGFRIED GROSSMANN

Fast immer, wenn Missionare auszogen, um Menschen das Evangelium zu verkünden, brachten sie eine schwerwiegende »Nebenwirkung« mit. Denn sie importierten auch die westliche Kultur, oft in Verbindung mit den politischen Ansprüchen der Kolonialmächte. Auf der einen Seite befreiten sie die Menschen zu der Freiheit, die im Neuen Testament als Wirkung des Heiligen Geistes beschrieben wird, um sie auf der anderen Seite kulturell und politisch zu knechten. Viele Jahrhunderte lang schien es so, als sei der Heilige Geist nur in westliche Kulturen eingewandert, und so erwartete die Menschen nicht-westlicher Kulturen eine Religion, die von strenger Ordnung, technischer Überlegenheit und der Macht des Kapitals geprägt war.

Eine wirkliche Wende ist bis heute nicht erfolgt, aber langsam erwachsen aus zarten Ansätzen Beispiele, wie es gelingen kann, das Evangelium kontextuell zu verkündigen, also in Übereinstimmung mit der Tradition und Kultur der Menschen, zu denen es gelangen soll. Missionare mit westlicher Kulturtradition müssen dazu einen langen Weg der Selbstverleugnung gehen, ehe ihnen das gelingt. Ich meine damit nicht, dass sie ihre eigene Tradition und Kultur verleugnen sollen, aber sie müssen deren Übergewicht so weit abbauen, dass es den Weg zu den Menschen anderer Kulturen nicht verbaut.

Das heißt nichts anderes, als dass die Gute Nachricht von Jesus Christus im gemeinsamen Denken, in interkultureller Zusammenarbeit und im Versuch gemeinsamen Lebens Gestalt gewinnen muss. Es geht also um eine Metamorphose, wie sie Paulus in Römer 12,2 beschreibt, dem Sinne nach sich zu verändern, indem man sich umformen lässt. Das ist ein langer Weg, den man nicht theoretisch gehen kann. Es ist ein Weg des gemeinsamen Lebens und der sich gemeinsam entwickelnden Spiritualität. Persönlich habe ich das in der Partnerschaft der Baptist Convention of South Africa, in der sich »schwarze« Gemeinden zusammengeschlossen haben, mit dem Bund der deutschen Baptisten, dem ich bei der Entwicklung dieser Partnerschaft als Präsident vorstand, erlebt.

Im Vorwort eines Buches, mit dem wir die kontextuelle theologische Arbeit unserer afrikanischen Freunde in Deutschland bekanntmachen wollen (»Evangelium im Kontext Südafrikas«, Kassel 2006), schrieb ich dazu: »Unsere weltmissionarische Arbeit war lange Zeit von der vermeintlichen Überlegenheit der ›Geberländer‹ bestimmt. Jetzt versuchen wir, die Stärken der Anderen zu finden, damit sie unsere Schwächen ausgleichen, unbeschadet der Tatsache, dass auch wir nach wie vor Stärken haben, die unsere Partner brauchen. Und schnell war es klar, dass die eigenständige Entwicklung der afrikanischen Theologie ein Gut ist, auf das wir nicht verzichten sollten.«

Im vorliegenden Buch meiner Freunde Frank und Ute Paul, deren Arbeit ich immer von weitem begleitet habe, kommt mir nun ein Beispiel entgegen, das schon viel weiter ist als die meisten anderen Bemühungen auf diesem Feld. Denn hier wird nicht nur die Partnerschaft propagiert und vielleicht in einzelnen Ansätzen verwirklicht, sondern mit »Haut und Haaren« gelebt. Eigentlich sollte ich »Haut und Haare« in diesem Zusammenhang nicht in Anführungszeichen setzen, weil es quasi wörtlich gemeint ist. Die Missionare kommen hier nicht und verkündigen, sondern sie besuchen die Menschen, leben mit ihnen, teilen ihre Armut, nehmen ihre herzliche, aber einfache Gastfreundschaft entgegen. Sie »fliegen nicht ein«, sondern kommen zu Fuß und versuchen, die Lebensart, in unserem Fall der Toba-Indianer, zu verstehen, indem sie das Leben mit den Toba/Qom teilen.

Das Buch bringt die Erfahrungen dieses missionarischen Miteinanders nicht theoretisch ein, sondern erzählt Geschichten, berichtet von den Erfahrungen, erklärt, wie die Toba/Qom die Dinge beschreiben und die Arbeit der Missionare verstehen. So macht es den besonderen Wert dieses Buches aus, dass seine Botschaft nicht nur ihrem Inhalt nach, sondern auch in der Art der Darstellung den Leser erreicht. Vielleicht muss er dabei zunächst vom »hohen Ross« seiner westlich geschulten Reflektionsfähigkeit »steigen«, um mit den Toba/Qom leben und denken zu lernen. Und dann wird er nicht nur etwas über evangeliums- und zeitgemäße Mission gelernt haben, sondern vielleicht auch etwas über Lebenskunst in unserer westlichen Industriekultur.

Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung, weil es uns westlich geprägten Christen helfen kann, den Machtmissbrauch bei der Verkündigung des Evangeliums einzustellen. Und damit sage ich Frank und Ute Paul meinen Dank dafür, dass sie sich stellvertretend für viele in die Kultur der Toba/Qom eingelebt haben.

Siegfried Großmann

Kapitel 1
Mission ohne Eroberung
Philosophie und Praxis eines alternativen Selbstverständnisses im nordargentinischen Chaco

VON UTE UND FRANK PAUL

1. Einleitung

In den dreißiger Jahren zogen nordamerikanische mennonitische Missionare in den argentinischen Chaco, um dort der notleidenden Toba/Qom-Bevölkerung beizustehen. In der ihnen bis dahin vertrauten Weise nahmen sie ihre Arbeit auf: Sie kauften Land, begannen es zu bewirtschaften und brachten den dort lebenden Indianern bei, wie man ein Feld bestellt. Später kümmerten sie sich um die Vermarktung, gründeten ein Gesundheitszentrum und bauten eine Schule und ein Kirchengebäude. Innerhalb von zehn Jahren hatten sie drei mennonitische Toba/Qom-Gemeinden gegründet. Die Gottesdienste wurden in spanischer Sprache gehalten.

Den Missionaren wurde nach einiger Zeit bewusst, dass diese Jäger und Sammler – trotz ihres großen Einsatzes – keine Ackerbauern werden würden. Außerdem mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass die Toba/Qom ganz andere liturgische Formen praktizierten, wenn sie unter sich waren. Entgegen der Lehre der Mennoniten tanzten sie in ihren Gottesdiensten und beteten mit lauter Stimme alle gleichzeitig. Das machte die Missionare sehr betroffen. Deshalb unterzogen sie ihre Arbeit einer ehrlichen Bewertung und suchten dazu externe Beratung.

Was da zu Tage trat, traf sie tief: Was gut gemeint gewesen war, hatte die alltäglichen gesellschaftlichen Strukturen der Abhängigkeit noch verstärkt: Die Missionare waren Geldgeber, Pastoren, Lehrer und patrones geworden, ohne es zu merken; die Toba/Qom waren Hilfsarbeiter ohne Stimme geblieben. Auf diese Art und Weise führte offensichtlich kein selbständiger Weg aus der Not. Die Missionare kamen zu der Selbsterkenntnis, dass sie sogar in den Kirchen zu Vorgesetzten geworden waren.

So kam es 1954 zu einer weit reichenden Entscheidung: Die mennonitische Missionsstation wurde geschlossen. Das Land und die Felder wurden den Toba/Qom-Familien übertragen und die Leitung der Gemeinden den Einheimischen anvertraut.

Aber die Missionare kehrten nicht in ihr Heimatland zurück, sondern traten bewusst in die zweite Reihe, um als »geschwisterliche Mitarbeiter« weiter an der Seite der Toba/Qom zu bleiben. Sie waren nicht mehr Pastoren und wollten auch bewusst keinen Einfluss mehr auf die Entwicklung der indianischen Kirchen nehmen. In den vergangenen Jahren waren im ganzen Chaco unter den Indianern durch Spontangründung viele kleine christliche Gruppen entstanden. Die Missionare begannen, umherzureisen und die indianischen Gemeindeleiter durch Besuche zu ermutigen und zu stärken.

Die Toba/Qom-Christen ihrerseits fühlten sich frei, Gott auf ihre eigene Weise zu loben. Sie organisierten ihr Gemeindeleben so, wie es ihrem kulturellen Empfinden entsprach.

Daraus entstand nach einigen Jahren die erste unabhängige indianische Kirche in Argentinien: die Iglesia Evangélica Unida. Bis heute finanziert sie sich selbst, hat eine eigene Struktur und eigene Methoden der Evangelisation. Die Gemeindepastoren werden von den Mitgliedern aus den eigenen Reihen gewählt. Dabei gelten Kriterien, die sich deutlich von denen unserer westlich geprägten Kultur unterscheiden. Wenig entscheidend ist zum Beispiel die Frage nach der formellen theologischen (Aus-) Bildung (siehe Seite 71).

Den ersten Missionaren folgten weitere. Heute, nach über sechzig Jahren, gibt es das Equipo Menonita, das »Mennonitenteam« immer noch. Mittlerweile besteht es aus Christen aus verschiedenen Kirchen und Ländern. Aber die Erfahrungen und Einsichten dieser ersten Jahre prägen nach wie vor alles missionarische Handeln und werden jeweils an die nachfolgenden weitergegeben.

Als wir, Frank und Ute Paul, 1995 zum Team hinzu stießen, lernten wir von den älteren Missionaren, von denen einige bereits viele Jahrzehnte im Chaco lebten. Es erschloss sich uns ein großer Reichtum und wir staunten über das, was wir kennen lernten.

Deshalb möchten wir die hier erarbeitete Form begleitender missionarischen Arbeit auch anderen zugänglich machen. Sie ist zwar im Zusammenhang mit den indianischen Kirchen in Nordargentinien entstanden, wir halten sie aber für allgemein bedeutsam. Wer bei der Vermittlung der biblischen Botschaft an Menschen anderer Kulturen mitarbeitet und feinfühlig und taktvoll sein möchte, dem könnte unsere Darstellung hilfreich sein. Wir möchten Missionare dazu herausfordern, die Menschen, bei denen sie zu Gast sind, zur Entfaltung eigener Ausdrucksformen der Gottesbeziehung zu ermutigen.

Es wäre nur schwer nachzuvollziehen, worin der missionarische Arbeitsstil »geschwisterlicher Mitarbeiter« besteht, wenn er nicht konkret und anschaulich beschrieben würde. Wir versuchen das durch thematisch sortierte Passagen aus den vor allem von Frank geführten Aufzeichnungen der Reisen im Inneren des Chacos zwischen 1996 und 2006.

a) Vorbereitung auf den Chaco

1990 gab uns der Theologe und Pastor René Padilla die Chance, unter seiner Mentorenschaft für zunächst ein Jahr nach Argentinien zu kommen. Gemeinsam mit seiner Frau Catalina Feser öffnete er uns die Augen für die örtliche lateinamerikanische, soziale und kirchliche Situation. Beide ermöglichten uns wertvolle Einblicke und die Mitarbeit in einer jungen sozial-missionarischen Jugendarbeit in einem Stadtviertel im Armutsgürtel um Buenos Aires.

Damals waren wir ein junges Ehepaar mit zwei kleinen Kindern. Es fehlte uns nicht am Mut, mitanzupacken, sehr wohl aber an Erfahrung im Zusammenleben mit Menschen so andersartiger Lebensweise. Nach einem Jahr der Annäherung und regelmäßiger Besuche lud uns die örtliche Gruppe, bestehend aus älteren Jugendlichen und einigen wenigen Erwachsenen mit Kindern, ein, in ihr Stadtviertel zu ziehen. Sie baten uns um Mitarbeit bei der Gründung ihrer Kirche.

Die folgenden vier Jahre wurden zu einer Lebensschule für uns: Wir lernten die unglaublichen Fähigkeiten der Slum-Bewohner kennen, ihre junge Kirche und nachbarschaftliche Gemeinschaft selbst zu organisieren. Sie zeigten dabei langen Atem inmitten großer materieller Nöte. Die Kraft des Evangeliums erneuerte manche ihrer Ehen und Familien.

Wir verstanden uns als ihre Mitarbeiter, brachten aber doch nicht wenige eigene Vorstellungen und Gewohnheiten aus unserer Kultur mit. Trotz guter Vorsätze bereitete es uns einige Mühe, uns als Gäste einzuordnen. Dem guten Selbstwertgefühl der örtlichen Leiter ist es zu verdanken, dass wir immer wieder an die Rolle erinnert wurden, die sie sich von uns wünschten. Wir sollten nicht die Entscheidungen für sie treffen, sondern den Aufbau ihrer Kirche nach eigenen Vorstellungen unterstützend begleiten. Als Zeichen dafür baten sie Frank zwar um Mitarbeit im pastoralen Team, jedoch nicht als Pastor. Konsequenterweise sollte er es den anderen beiden Mitgliedern im Gemeindeleitungsteam gleich tun und einer bezahlten Arbeit außerhalb des Stadtviertels nachgehen.

Gerne waren wir bereit, uns einzuordnen, aber im Rückblick können wir erkennen, wie schwer es uns fiel, unsere gewohnte deutsche Art und Weise nicht als die bessere zu empfinden. Deshalb denken wir auch mit viel Dankbarkeit an diese ersten Jahre in Argentinien zurück. Die Christen in Fe y Vida (»Glaube und Leben«, so heißt die Kirche) gingen großzügig mit uns um. Sie öffneten ihre Häuser für uns, boten uns ihre Freundschaft an und teilten mit uns Glauben und Alltag.

Damals ahnten wir nicht, dass diese Erfahrungen eine gute Vorbereitung für die Herausforderungen im Chaco sein würden.

Als 1994 unsere vereinbarte Mitarbeit in Buenos Aires zu Ende ging, erhielten wir die Einladung vom »Mennonitenteam«, das im Norden Argentiniens die unabhängigen indianischen Kirchen begleitet.

Wir lebten von 1995 bis 2008 im argentinischen Chaco und arbeiteten im Mennonitenteam mit. In diesen Jahren der Zusammenarbeit mit den indigenen Völkern und ihren Kirchen ging es besonders darum, uns nicht für, sondern mit ihnen einzusetzen und die Initiative dabei stets ihnen zu überlassen.

b) Der Chaco und seine Menschen

Der Gran Chaco liegt im Herzen des südamerikanischen Kontinents und erstreckt sich über ein Gebiet von ca. 250 000 Quadratkilometern. Heute gehören Teile seiner Fläche zu drei verschiedenen Ländern: Argentinien, Paraguay und Bolivien. Auf argentinischer Seite sind es vor allem die Provinzen Chaco, Formosa und Santiago del Estero. Man vermutet, dass es sich bei den riesigen, von mächtigen Flüssen eingerahmten Ebenen um urzeitliche, später ausgetrocknete Salzseen handeln. Heute noch ist das Grundwasser im Chaco an vielen Stellen salzig oder sogar arsenhaltig. Das Gebiet war ursprünglich vollständig mit dornigem Buschwald bedeckt. Heute sind zwar große Teile zu land- und forstwirtschaftlichen Zwecken abgeholzt, aber dort, wo der Wald noch steht, zeigt sich die überaus reiche Flora und Fauna, die der Trockenheit und Kargheit der Landschaft trotzt. Von Südosten bis Nordwesten nimmt der Niederschlag ab. In der kalten Jahreszeit kann der Regen für sechs bis acht Monate ganz ausbleiben. Die Versorgung mit Trinkwasser für Mensch und Tier stellt ein großes Problem dar.

Im subtropischen Klima gedeihen große Bäume mit tiefen Wurzeln, beispielsweise Quebracho, Johannesbrotbäume, dornige Itin. Nahe der Lagunen bedecken ausgedehnte Palmenwälder die Flächen. Im Frühling ernähren die Baumblüten eine große Vielfalt von Bienenarten. Riesige Insektenschwärme erschweren Mensch und Tier das Leben, sind aber ihrerseits Nahrungsquelle für Amphibien, Vögel und exotische Säugetiere wie Ameisenbären und Fledermäuse. Giftige Schlangen und Riesenboas, Kaimane, Pirañas, gefährliche Spinnen und Skorpione, auch Pumas prägen nach wie vor das unwirtliche Gesicht des Chaco.

Was von den europäischen Einwanderern »grüne Hölle« genannt wurde, war seit Tausenden von Jahren heimatlicher Lebensraum für verschiedene indigene Völker. Lange nachdem sich die Eroberer über den südamerikanischen Kontinent ausgebreitet hatten, bot der dornige, undurchdringliche Wald noch Schutz- und Rückzugsraum für die Urbevölkerung. Erst relativ spät im 18. Jahrhundert konnten sie den europäischen Invasoren nicht mehr ausweichen, als diese die Wasserstraßen sowohl als Durchfahrtwege in die vermuteteten Reichtümer der Anden als auch als militärische Straßen zu nutzen begannen und ihre Städte an den Ufern des Paraná und des Rio Salado errichteten. Die Gefahr nahm zu, als die Armeen der von Spanien unabhängig gewordenen Staaten im 19. Jahrhundert gezielt gegen die Indios vorgingen. Noch vor rund einhundert Jahren führten argentinische Generäle Vernichtungsfeldzüge gegen die verbleibenden indigenen Völker – mit verherenden Folgen. Selbst 1924 und 1947 hat es in Nordargentinien Massaker der staatlichen Sicherheitskräfte in den indianischen Kolonien Napalpí und Rincón La Bomba gegeben, ohne dass sie juristisch jemals untersucht worden wären.

Die ursprüngliche Lebens- und Wirtschaftsform der indigenen Völker war an den Chaco-Wald angepasst: Seit jeher waren sie Jäger und Sammler. Alles, was sie zum Leben brauchten, bezogen sie aus dem aviaq (toba: Urwald): Nahrung (Fleisch, Wurzeln, Honig, Schoten, Früchte), Brenn- und Baumaterial, Heilpflanzen, Waffen, Kleidung. Als Halbnomaden zogen sie in sogenannten Streifgruppen, also größeren Familienklans, umher. Zu bestimmten Jahreszeiten versammelte man sich zu großen Festen mit anderen Gruppen.

Nicht Vorrats-, sondern Subsistenzwirtschaft prägte ihr Leben. Nach ihrem Verständnis gehört der Wald dem Schöpfer und seinen unsichtbaren Verwaltern, denen Respekt gebührt. Wer jagen geht, muss um Erlaubnis bitten.

Die europäischen Einwanderer, die als Nachhut der Militärs nach und nach den Lebensraum der Ureinwohner besiedelten, kamen mit völlig anderen Vorstellungen. Sie wollten sich ein bestimmtes Stück Land aneignen und es vor fremden Interessen schützen. Dazu stellte man ihnen von der argentinischen Landverteilungsbehörde entsprechende Dokumente aus, ohne auch nur im geringsten die Rechte der indigenen Völker zu beachten. Die hatten keine schriftlichen Nachweise. Übertrug man größere Landstriche an einen neuen Besitzer, wurden die darin lebenden Indianer sozusagen mit übergeben.

Die indigenen Völker im Chaco nahmen das nicht kampflos hin; ihre tapferen Führer nahmen es mit den Soldaten auf. Aber gegen die Übermacht der Feuerwaffen konnten sie nicht lange standhalten. Wann immer es den »Weißen« möglich war, wurden sie außerdem Opfer von Betrug und Scheinabkommen.

Nach und nach zogen die Einwanderer Zäune um ihr Land, zwangen die Indianer zu Sklavenarbeit, bemächtigten sich ihrer Frauen und Kinder und brachten Krankheiten mit, gegen die sie keine Abwehrkräfte besaßen. Die Indianer wurden als Feinde angesehen und waren damit praktisch vogelfrei.

Heute leben in den argentinischen Teilen des Gran Chaco die Nachkommen von mehr als zehn indigenen Völkern. Die größten davon sind die Toba/Qom (ca. 60 000) und die Wichí (ca. 80 000). Die Toba/Qom gehören zusammen mit den Mocoví und den Pilagá zur Sprachgruppe der Guaycurú. Im Mennonitenteam begleiten wir diese drei Völker.

Die Situation der Toba/Qom, Mocoví und der Pilagá (siehe die Karten auf Seite 16/17) ist nach wie vor prekär. Sie gehören zu den Ärmsten und sind im Land und in der Provinz eine ungeliebte Minderheit. Nur zur Zeit der Wahlen werden sie als Wählerstimmen sehr interessant, da Wahlpflicht besteht. Dann versuchen die örtlichen Handlanger der großen Parteien sie durch Geschenke und Versprechungen für ihre Zwecke »einzukaufen«. Die hohe Korruption, Günstlingswirtschaft und ungenügende Gewaltenteilung in Argentinien machen die indianische Bevölkerung zum Spielball verschiedenster Machtinteressen. Die Umsetzung der ihnen national und international zustehenden Rechte gelingt nur sehr schleppend. Es gibt keinen erkennbaren politischen Willen zur Wiedergutmachung für die an ihnen verübten Untaten, nicht einmal für die aus dem 20. Jahrhundert.

Sie werden in den Gefängnissen geprügelt, in den Verwaltungen diskriminiert, auf der Straße offen beschimpft. Indio de mierda (Scheiß-Indianer) ist immer noch ein gängiges Schimpfwort. Die Argentinier erwarten selbstverständlich von ihnen, sich anzupassen, und meinen damit, dass sie ihre fremdartigen Gewohnheiten ablegen.

In der staatlichen Schulbildung extrem benachteiligt, erreichen nach wie vor nur wenige einen höheren Schulabschluss und nur einige Hand voll eine Fachschulausbildung (siehe Seite 117).

Die sanitäre und gesundheitliche Situation ist katastrophal. Armuts- und ernährungsbedingte Krankheiten sind häufig: Tuberkulose, Nierensteine, Bluthochdruck, Chagas-Krankheit, Diabetes; Zahnausfall kommt schon bei Jugendlichen vor. Es gibt so gut wie keine indianischen Krankenpfleger oder -schwestern (siehe Seite 116).

Wenn sie vom Land in die Städte ziehen, leben sie dort meist in ärmlichen Ghettos (siehe Seite 122).

Die meisten Indianer sind Gelegenheitsarbeiter, wie die übrige arme Bevölkerung Argentiniens. Dazu gehören Erntearbeit, einfache Hilfsarbeiten, schwere körperliche Arbeiten im Forstbetrieb, Holzkohleherstellung. Viele beherrschen noch alte Kunsthandwerktechniken, Schnitzkunst und Töpferei, womit sie sich einen Nebenerwerb erwirtschaften können.

Wo sie eigenes Land besitzen, gehen die Männer durchaus noch auf die Jagd oder zum Fischen.

Viele Familien sind von staatlicher Armenhilfe abhängig, die zusätzlich oft an parteipolitische Bedingungen geknüpft ist. Die ausgeteilten Lebensmittelpakete werden zwar gerne genommen, verstärken aber die ohnehin höchst einseitige Ernährung: Sie enthalten nur Kohlehydrate, Fett und Industriezucker.

Trotz dieser katastrophalen Lage ist nach unserer Einschätzung in den letzten zehn Jahren ein wachsendes Selbstbewusstsein bei den indigenen Völkern in Argentinien zu beobachten. Erfreulicherweise sind auch in den unabhängigen Kirchen viele junge indianische Leiter herangereift, die mittlerweile in wichtigen Positionen dafür kämpfen, dass ihr Volk nicht weiter unterdrückt wird. Als Beispiel dafür kann ein monatelanger friedlicher Aufstand gelten, der 2005 im zentralen Park der Provinzhauptstadt direkt vor dem Regierungsgebäude organisiert wurde. Viele Hundert Männer, Frauen und Kinder reisten aus der ganzen Provinz an, zelteten unter Plastikplanen bei winterlichen Temperaturen über vier Monate mitten in der Stadt, um auf Missstände aufmerksam zu machen und lange verschleppte Maßnahmen zu erzwingen. Jeden Tag wurden Gottesdienste gefeiert, gesungen und gebetet. Obwohl die Ergebnisse nicht unbedingt den Hoffnungen entsprachen, entwickelte sich doch eine große innere Kraft aus dieser Aktion, die von Regierung und Bevölkerung deutlich wahrgenommen wurde.

c) Das Eqipo Menonita – die Geschichte eines Missionsprojektes

Das Mennonitenteam ist eine Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu, die einen speziellen Auftrag im argentinischen Chaco haben: sie wollen den indigenen Völkern der Toba/Qom, Mocoví und Pilagá als geschwisterliche Begleiter mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Die Mitglieder des Mennonitenteams verstehen sich als Botschafter von Jesus Christus und als Gäste unter den Menschen im Chaco. Sie möchten ihnen Gottes Nähe und Wirken bezeugen. Wenn sie mit den Indianern gemeinsam die Bibel lesen, dann geht es ihnen nicht darum, die Lebensweise der Menschen der Bibel zu kopieren, sondern darum, einen fruchtbaren Dialog mit der Lebenserfahrung der Indianer zu ermöglichen.

Um glaubwürdig als Christen bei ihnen zu leben, beziehen sie bewusst sowohl die Herausforderungen der heutigen argentinischen und der globalen Gesellschaft als auch die fatalen Folgen der europäischen Eroberung für die Indianer in ihr Handeln ein. Mit ihnen gemeinsam hoffen und arbeiten sie darauf hin, dass Gott mit der Welt und mit jedem einzelnen seiner Völker zu seinem Ziel kommt.

Im Vertrauen auf die Kraft des Heiligen Geistes setzen sie sich an der Seite der indianischen Gemeinschaften dafür ein, dass die Lebensräume und Lebensformen ihrer Kultur respektiert werden. In allen Bereichen geht es dabei um deren Eigeninitiative.

Aus geschichtlichen Gründen heißt die Arbeitsgruppe immer noch »Mennonitenteam«, auch wenn heute nur die Hälfte der Mitarbeiter zu nordamerikanischen mennonitischen Kirchen gehört.

Das Mennonitenteam möchte indigene Völker und ihre Kirchen unterstützen, ohne durch Spendengelder (Projekte) Abhängigkeiten zu schaffen oder eigene konfessionelle Gemeinden zu gründen.

Dazu gehört,

• die indianische Kultur und ihre eigene Lebensform wertzuschätzen und zu respektieren.

• die Entwicklung einer authentisch-indianischen Kirche zu fördern.

• die indigenen Völker darin zu stärken, selbstbewusst im Kontext der argentinischen Gesellschaft zu leben und einen eigenverantworteten Weg in ihre Zukunft zu gehen.

• sie darin zu unterstützen, ihre Rechte zu kennen und einzufordern.

• die Einheit der Christen zu fördern.

• dass die Missionare immer wieder ihre eigene Glaubensprägung kritisch beleuchten und im Dialog mit den indianischen Christen korrigieren und vertiefen.

Konkrete Einsatzbereiche sind

• die Mitarbeit bei der Übersetzung der Bibel in indianische Sprachen.

• die Bibel verbreiten und mit indianischen Christen gemeinsam lesen.

• die Herausgabe der Quartalszeitschrift Qad‘aqtaxanaxanec (»Unser Botschafter«, seit 1955).

• Besuche in indianischen Gemeinschaft und Kirchen und die Beteiligung an ihren Gottesdiensten.

• Hausbesuche.

• die Aufzeichnung von persönlichen Lebensberichten und mündlich überlieferter Geschichte.

• die Beratung beim Kampf um Landrechte.

• die Mitarbeit bei der Alphabetisierung in indianischen Sprachen.

• die Zusammenarbeit im Netzwerk mit anderen Organisationen im Chaco.

2. Evangelisation im Kolonialstil: Ein fundamentales Missverständnis

Wer in einer fremden Kultur lebt, ist zunächst einmal ein Gast und nicht der Hausherr. Im Mennonitenteam respektieren wir ihre Hausordnung und sind »geschwisterliche Mitarbeiter« der indianischen Christen und damit ihre Gäste; nicht Leiter, Chefs oder Direktoren. Wir teilen ihr Leben. Mit der Zeit lernen wir ihre Gewohnheiten, Weisheiten und Fähigkeiten kennen und versuchen, uns so zu verhalten, dass wir keine Probleme oder Spaltungen hervorrufen.

Wir bedauern es, dass in Veranstaltungen christlicher Kirchen in Südamerika die Mission, mit der Jesus uns Christen beauftragt hat, oft als »Eroberung der Welt« dargestellt wird. Jugendlichen Christen wird nach wie vor nahe gelegt, eine »neue Generation von Eroberern« zu werden. Dabei bezieht man sich auf die Eroberungsfeldzüge des Volkes Israel im Alten Testament und überträgt sie (zu Unrecht, wie wir finden) auf die Verkündigung des Evangeliums. In Predigten und Liedern, die von dieser Theologie geprägt sind, finden sich viele militärische Begriffe, die darauf Bezug nehmen: »Besitz ergreifen«, »die Welt für Jesus erobern«, »Kreuzzug«, »die Schlacht gewinnen«, »Soldaten Jesu« und andere.

Im südamerikanischen Kontext springt die damit verbundene mangelnde historische Sensibilität besonders ins Auge. Wer würde, wenn er den Begriff conquista (Eroberung) hört, nicht an die gewaltsame Besetzung eines ganzen Kontinents denken, die seit dem 16. Jahrhundert für alle Völker in Südamerika Tod, Vertreibung, Zwangsarbeit und Zwangschristianisierung mit sich brachte? Über die letzten fünf Jahrhunderte kamen mindestens 50 Millionen Menschen der indianischen Bevölkerung durch Krieg, Versklavung, Zwangsarbeit in Minen und eingeschleppte Krankheiten ums Leben. Ebenso wie der Begriff »Kreuzzug«, kann der Begriff conquista für die missionarische Arbeit nicht verwendet werden, ohne dass völlig falsche Assoziationen entstünden.

Im argentinischen Chaco ist die Mentalität der Immigranten in Bezug auf die indianische Bevölkerung nach wie vor vom Kolonialismus geprägt. Auch viele Christen, die zum Helfen und Missionieren in die indianischen Gemeinschaften kommen, richten durch ihre vermeintliche Hilfe oft eher Schaden und Spaltungen an.

Das folgende Beispiel wurde im Jahr 2006 von einem unserer Teamkollegen berichtet:

»Als wir die indianische Gemeinschaft besuchten, die wir schon viele Jahre kennen, erzählte man uns, eine Gruppe von ›weißen‹ Christen sei vor einiger Zeit bei ihnen aufgetaucht. Sie hätten von der Vision gesprochen, ›ein indianisches Volk zu finden und ihm zu helfen‹. Die örtlichen indianischen Christen sagten uns, die Gruppe sei aus Buenos Aires gekommen, betreibe dort eine Bibelschule.

Schon beim ersten Besuch hätten die Besucher den Indianern finanzielle Hilfe angeboten, um das kleine alte Kirchengebäude aus Holz und Lehm durch ein ›würdiges Gotteshaus‹ zu ersetzen. Die Mitglieder der örtlichen Kirche hatten dieses vor Jahren selbst erbaut.

Die weit gereisten Besucher schlugen vor, Gottesdienste und Veranstaltungen mit biblischer Unterweisung einzurichten. Offensichtlich war es ihnen entgangen, dass es seit fast einem halben Jahrhundert eine unabhängige indianische Kirche an diesem Ort gibt und dass das Neue Testament bereits seit vielen Jahren in der indianischen Sprache existierte.

Später luden die Besucher den Sohn des indianischen Pastors nach Buenos Aires ein, damit er dort in ihrer Bibelschule eine ›angemessene Ausbildung‹ erhielte. Er sollte nach ihrer Vorstellung der zukünftige neue Pastor werden. Uns erzählten die Gemeindemitglieder, dieser junge Mann hielte sich nicht einmal zur Gemeinde und habe sogar seine Frau verlassen, um nach Buenos Aires zu reisen.

Bei zwei weiteren Besuchen der Gruppe aus Buenos Aires hätte man zwei Wochen lang über die Bibel gelehrt. Wer den vollständigen Kurs absolvierte hätte, dem waren schriftliche Zeugnisse versprochen worden. Ihre Lehre besagte, ›eine richtige Kirche habe auch die richtigen schriftlichen Unterlagen und ihre Pastoren einen angemessenen Abschluss an einer anerkannten Einrichtung‹.

Die Besucher begannen zudem, die Tochter des indianischen Pastors dafür zu bezahlen, sonntags eine ›Sonntagsschule‹ für die Kinder zu leiten. Dazu sollte sie Anwesenheitslisten für die Kirchenleitung in der Hauptstadt führen, in denen sowohl die Namen als auch die dazugehörigen Personalausweisnummern der Kinder vermerkt seien. Einige Gemeindemitglieder erzählten uns im Vertrauen, die Sonntagsschule würde zwar nicht immer stattfinden, aber die junge Frau würde die Listen dennoch ausfüllen.

Weiterhin wurde uns erzählt, ein anderer junger Mann habe ein Fernstudium für Pastoren begonnen, was allerdings an die Bedingung einer Heirat geknüpft war. Die aus der Hauptstadt haben das Fleisch für die Hochzeitsfeier bezahlt: zwei Kühe wurden geschlachtet. Als Gäste aus der benachbarten Gemeinde zum Fest kamen, wurden sie nicht eingelassen, weil sie keine Einladungskarte hatten. Das war für die Indianer ein unglaublicher Schock!

Der alte, indianische Pastor wollte auch nach Buenos Aires auf die Bibelschule gehen, wurde aber mit der Begründung abgewiesen, er hätte seine Familie zu versorgen. So war er enttäuscht wieder nach Hause gefahren.

Trotz gegenteiliger Beteuerungen (›Wir werden eure Kultur und eure Traditionen respektieren‹), mischten sich die Christen aus Buenos Aires in den Ablauf der Gottesdienste ein. Für eine Taufe hatten die Gemeindemitglieder schon alle Vorbereitungen getroffen, die Wasserstelle gereinigt und sich zum Taufgottesdienst versammelt. Aber als der Gottesdienst begann, übernahm der fremde Besucher, ohne zu fragen, die Leitung, füllte eine Schüssel mit Wasser und besprengte die Täuflinge. Die Gemeindemitglieder und der örtliche Pastor standen erstarrt daneben. In ihren Taufzeremonien werden die Täuflinge untergetaucht. Sie interpretierten das Verhalten des Besuchers so, dass ihn wohl ihre Wasserstelle angeekelt hätte. Das empfanden sie als große Demütigung.

Durch die Anwesenheit der Fremden verunsichert, fühlten sich die indianischen Christen nicht mehr frei, in ihren Gottesdiensten ihrer Freude durch Tanz Ausdruck zu verleihen. Der Pastor sagte uns: ›Wenn ich nicht tanze, ist es mir, als ob ich geistlich vertrocknen muss.‹ Er nahm die Invasion der Besucher aus Buenos Aires aber dennoch hin, weil ihm den Bau eines neuen Kirchengebäudes versprochen worden war. Dafür nahm er sogar die Demütigung vor den eigenen Leuten in Kauf, als die Fremden wortwörtlich sagten: ›Der Pastor und die Ältesten eurer Gemeinde haben keinen offiziellen theologischen Abschluss, sie können euch gar nichts beibringen.‹

Für die indianischen Christen war es nicht die erste Erfahrung, dass materielle Hilfe von außen an Bedingungen geknüpft war. In diesem Fall machten es die ungebetenen Spender des neuen Kirchengebäudes zur Bedingung, die Gestalt der indianischen christlichen Gemeinschaft ihren eigenen kulturellen Vorstellungen anzupassen. Damit gelang es ihnen, die örtlichen Christen unter Druck zu setzen.

Der alte Pastor meinte allerdings zu uns: »Wir warten jetzt erst mal ab, bis wir mit ihrer Hilfe das Gebäude fertiggestellt haben. Dann versammeln wir uns, um zu entscheiden, wie es mit denen aus Buenos Aires weitergehen soll.«

Leider zeigt dieses Beispiel, wie gut gemeinte christliche Mission unter den Chaco-Indianern interne Konflikte auslösen kann. Diese Art von Mission kann sich nach unserem Verständnis nicht einmal eine »frohe Botschaft« nennen, da sie die örtlichen Leiter tief verunsichert, als unwissend und ungebildet, wenn nicht sogar als »sündig« degradiert.

In diesem Fall führte sie außerdem dazu, dass die Gemeindemitglieder, die keine materiellen Zuwendungen bekamen, der Kirche fernblieben, um etwaigen Verpflichtungen, die damit verbunden sein könnten, zu entgehen.

Auch mit »geistlicher« Motivation und guten Absichten richteten die Besucher aus Buenos Aires großen Schaden an. Sie setzten die Bibel als Machtmittel ein. Ihre finanzielle Überlegenheit benutzten sie dazu, sich der örtlichen Christen zu bemächtigen und sie zu kontrollieren. Ihre offen geübte Kritik an den bestehenden Gemeindeformen war nichts anderes als (geistlicher) Hochmut und ausgeprägter Ethnozentrismus.

Einer der alten weisen indianischen Christen aus der besagten Gemeinschaft konnte sich trotz der Eindringlinge ein klares Empfinden und eine tiefe Verwurzelung im Glauben an Jesus Christus erhalten:

»Seit ich vor 64 Jahren von Jesus gelernt habe, höre ich jeden Morgen Seine Stimme. Wenn ich aufstehe, höre ich Ihn. Als der junge Mann mir sagte: ›Du, Alter, weißt doch gar nichts‹, da war ich einfach still und hörte zu. Ich sagte nichts. Es kann sein, dass dieser junge Mann etwas weiß, aber ich kenne Gott.«

3. Richtungsweisende Modelle der Mission im Neuen Testament

Wer ins Neue Testament schaut, der entdeckt im Leben von Jesus und seinen Aposteln die Grundlagen für angemessenes missionarisches Handeln. Das Beispiel Jesu ist vor allen anderen bis heute maßgeblich für seine Nachfolger: »Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch« (Johannes 20,21).

a) Jesus: Lebensmission – zu Gast bei den Menschen

Johannes schreibt in seinem Evangelium über Jesus: »Er, das Wort, wurde ein Mensch, ein wirklicher Mensch von Fleisch und Blut. Er lebte unter uns« (Johannes 1,14).

Wörtlich heißt es dort, dass das Wort unter den Menschen »zeltete«. So wird Jesus als jemand dargestellt, in dem Gott selbst bei seinem Volk zu Besuch war (Johannes 14,9b, Hebräer 1,1–2). Aber: »Er kam in seine eigene Schöpfung (als Gast), doch seine Geschöpfe, die Menschen, wiesen ihn ab« (Johannes 1,11).

In den ersten christlichen Gemeinden wurde diese einzigartige Sendung Jesu unablässig bedacht und verehrt. Im sogenannten Christushymnus, einem der ältesten christlichen Lieder, heißt es:

»Jesus Christus war in allem Gott gleich,

und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein.

Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich.

Er wurde ein Mensch in dieser Welt

und teilte das Leben der Menschen.

Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief,

dass er sogar den Tod auf sich nahm,

ja, den Verbrechertod am Kreuz.

Darum hat Gott ihn auch erhöht

und ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt.

Vor Jesus müssen alle auf die Knie fallen –

alle, die im Himmel sind, auf der Erde und unter der Erde;

alle müssen feierlich bekennen: ›Jesus Christus ist der Herr!‹ «

(Philipper 2,6–11)

Jesus, der Herr, gibt freiwillig seine Vorrechte auf und teilt das Leben der Menschen. Diese Haltung ist für alle Christen Maß gebend. Nicht nur missiologische Theorien und Ziele, sondern auch die verwendeten Mittel müssen sich daran messen lassen.

Die Evangelien berichten ausführlich von dieser Lebenshaltung Jesu. Sie war sogar für diejenigen, die nah mit ihm zusammen lebten, nur schwer nachvollziehbar. So diskutierten seine Jünger nach Jahren immer noch darüber, wem unter ihnen am meisten Ehre gebühre (Markus 10,35–45). Sie konnten viele Menschen nicht so wertschätzen wie ihr Meister: sowohl Frauen, Kinder und Ausländer (Matthäus 15,23; 26,6–8; Markus 10,13–15) als auch Kranke und Menschen mit Behinderungen (Johannes 9,2–5) hielten sie – wie ihre Zeitgenossen – für minderwertige Menschen.

Von Jesus ist uns überliefert, dass er den unterschiedlichsten Menschen liebevoll begegnen konnte. Auf seinen Reisen, in Dörfern und Städten, war er bei vielen seiner Landsleute zu Gast (Matthäus 8,14; 9,27–28; Markus 3,20; 7,24). Er war bekannt dafür, an den religiösen und privaten Festen seines Volkes teilzunehmen. Als er einmal auf einer mehrtägigen Hochzeitsfeier für Nachschub an gutem Wein sorgte, erregte er Unwillen und Unverständnis unter den geistlichen Führern seiner Zeit (Matthäus 9,10–13; 11,20; Johannes 2,1–12).

Jesus aß auch mit verachteten Zeitgenossen. Er setzte sich zu Tisch bei allen, die ihn einluden, hatte ein offenes Ohr für die Sorgen seiner Gastgeber. Er ließ sich sogar von einer Frau berühren, die einen schlechten Ruf hatte. Kranke waren für ihn keine von Gott gestraften Menschen; er besuchte sie oft an ihrem Bett oder nahm sich ihrer an, wo er sie antraf. Selbst wenn er als Lehrer auftrat, hatte er die menschlichen Bedürfnisse seiner Zuhörer im Blick (Markus 6,34–37).

In den Evangelien wird beschrieben, dass Jesus in den Synagogen und unter freiem Himmel lehrte. Meist finden wir ihn im Gespräch mit Einzelnen, oft auch umringt von anderen Zuhörern. Wenige seiner Predigten wurden überliefert, aber viele seiner Gespräche: kaum theologische Theorie, viel konkrete Lebenshilfe. Nicht wenige der Dialoge, die wir in den Evangelien finden, wurden offensichtlich durch spezielle Fragen seiner Gesprächspartner ausgelöst.

Jesus war offensichtlich ein Mann aus dem Volk und fühlte sich unter seinesgleichen wohl. Er verwendete Beispiele und Vergleiche aus dem täglichen Leben, oft dem der Landbevölkerung. Er kannte sich aus mit den Gegenständen, die in Haus und Hof gebraucht wurden. Die Mühe der täglichen Arbeit war ihm nicht unbekannt, genauso wenig der Rhythmus der Jahreszeiten, Saat und Ernte, Wind und Wetter. Er verstand etwas von den Gepflogenheiten des Wirtschaftslebens, wusste um den Machtmissbrauch der Herrscher seiner Zeit und ihrer Handlanger.

Er wanderte zu Fuß durch sein Land und hatte es offensichtlich dabei nicht eilig. Deshalb hatte er auch Zeit für die Nöte der Menschen, die am Wegrand auf ihn warteten (Matthäus 8,5; 28). Nicht in Hotels und Restaurants, sondern in den Häusern seiner Freunde kehrte er ein (Lukas 10,38–42; Johannes 11,1–5). Er war alles andere als autonom; für seine täglichen Bedürfnissen war er auf die Hilfe anderer angewiesen (Lukas 8,1–3).

Deshalb erstaunt es auch nicht, dass Jesus seine Jünger anweist, genauso auf Reise zu gehen (Matthäus 10,7–12; 24–25a):

»Verkündet: ›Jetzt wird Gott seine Herrschaft aufrichten und sein Werk vollenden!‹

Heilt die Kranken, weckt die Toten auf, macht die

Aussätzigen rein und treibt die bösen Geister aus!

Umsonst habt ihr alles bekommen, umsonst sollt ihr es weitergeben. Beschafft

euch kein Reisegeld, weder Goldstücke noch Silber- oder Kupfergeld! Besorgt

euch auch keine Vorratstasche, kein zweites Hemd, keine Schuhe und

keinen Wanderstock! Denn wer arbeitet, hat ein Anrecht auf Unterhalt.

Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommt, dann findet heraus, wer es

wert ist, euch in sein Haus aufzunehmen. Bleibt dort, bis ihr weiter zieht. Wenn

ihr das Haus betretet, dann wünscht allen, die darin wohnen, Frieden!

Kein Schüler steht über seinem Lehrer und kein Sklave über seinem

Herrn. Der Schüler kann froh sein, wenn es ihm ergeht wie seinem

Lehrer, und der Sklave, wenn es ihm ergeht wie seinem Herrn.«

Jesus war Jude. Ungefähr dreißig Jahre prägte ihn die Lebensform und die Geschichte seines Volkes, bevor er Wanderprediger und Rabbi wurde. Einige der geistlichen und kulturellen Lehren seines Volkes wurden von ihm neu gedeutet. Wenn er an Traditionen seiner Zeit Kritik übte, ging es ihm darum, Gottes ursprüngliche Absichten wieder neu deutlich zu machen: dass die Liebe über dem Gesetz steht, die Barmherzigkeit über dem Recht, die Gnade über dem buchstabentreuen Einhalten der Gebote (Matthäus 5,17–48).

Jesus bewegte sich als Einheimischer in seinem eigenen Volk. Sein Anliegen war es, von innen heraus seine jüdische Kultur neu am Willen seines himmlischen Vaters zu messen, zu läutern und zu beleben. Dieser Erneuerungsprozess ist für jede Kultur wesentlich; allerdings kann niemand die Rolle, die Jesus hier innehatte, in einer ihm fremden Kultur übernehmen; auch ein Missionar nicht.

Wer als Jünger Jesu im Ausland lebt, trägt nicht die Verantwortung dafür, den Willen Gottes für die einheimischen Christen und Kirchen zu interpretieren. Es ist Gott selbst, der sich in jeder Kultur verständlich macht und von innen einen angemessenen Erneuerungsprozess anleitet, so wie es im Alten Testament am Weg des Volkes Israel deutlich wird. Entsprechend möchte er, dass jedes Volk in Jesus seinem Erlöser begegnet und damit persönliche und soziale Gerechtigkeit und Frieden aufblühen.

b) Petrus: Fremdenmission – Paradigmenwechsel im Selbstverständnis

Normalerweise beurteilt jeder Mensch alles Fremde aufgrund dessen, was ihm aus seiner eigenen Kultur vertraut ist. Diese Haltung nennt man Ethnozentrismus.

Nach der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten nahm die christliche Mission ihren Anfang. Die ersten, die zum Glauben an Jesus, den Messias, fanden, waren Menschen, die jüdische Vorfahren hatten. Ihnen fiel es besonders schwer, das Privileg ihrer geerbten Religion und die Überlegenheit der von ihnen gepflegten Frömmigkeitsform zu hinterfragen oder gar zu relativieren. Für sie war eine Gottesbeziehung zu Jahwe nur unter der Bedingung denkbar, dass auch Nicht-Juden ihre Gesetze und Gewohnheiten übernehmen. Diese Haltung machte es den Judenchristen schier unmöglich, unter den Nachbarvölkern die frohe Botschaft weiter zu sagen. Einer, der damit besonders zu kämpfen hatte, war Petrus.

In Apostelgeschichte 10 wird berichtet, dass er sich seines Ethnozentrismus nicht einmal bewusst war. Um ihn davon überzeugen zu können, dass Gott sich auch der Menschen nicht-jüdischer Herkunft annimmt, brauchte es eine drastische göttliche Aktion. Erst danach war Petrus bereit – gegen die jüdische Sitte –, das Haus eines römischen Offiziers zu betreten, der ihn dringend zu sich eingeladen hatte. Petrus hatte mehrere himmlische Visionen, die ihn so aufrüttelten, dass er später im Haus des Soldaten zu der Aussage fähig wurde:

»Ihr wisst, dass ein Jude nicht mit einem Nichtjuden verkehren und vollends nicht sein Haus betreten darf. Aber mir hat Gott gezeigt, dass ich keinen Menschen als unrein oder unberührbar betrachten soll. Deshalb bin ich eurer Einladung ohne Widerrede gefolgt. Aber jetzt möchte ich doch gern erfahren, warum ihr mich gerufen habt!«

(Apostelgeschichte 10,28–29)

Später sagt Petrus noch: » Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott keine Unterschiede macht! Er liebt alle Menschen, ganz gleich, zu welchem Volk sie gehören, wenn sie ihn nur ernst nehmen und tun, was vor ihm recht ist« (Apostelgeschichte 10,34–35).

Bis zu jenem Tag war es für Petrus undenkbar gewesen, dass Menschen jeder Kultur direkten Zugang zum Evangelium und zur Kraft des Heiligen Geistes haben könnten. Nach seiner Überzeugung nahm Gott nur diejenigen an, die zuvor die jüdischen Gesetze erfüllten. Deswegen konnte er sich einfach nicht vorstellen, dass »durch die Macht seines Namens alle Menschen die Vergebung ihrer Schuld empfangen sollen, alle, die auf ihn vertrauen« (Apostelgeschichte 10,43).

Diese neue Lehre war in den Anfängen der christlichen Gemeinden sehr umstritten und brachte viele Streitereien zwischen sogenannten Juden- und Heidenchristen.

c) Paulus: Gemeindemission – die Eigenständigkeit der jungen Kirchen fördern

Der Diasporajude Paulus legte im ersten Jahrhundert nach Christus die theologische Grundlage dafür, dass die Gegenwart Gottes in den nicht-jüdischen Völkern schon vor ihrer Berührung mit dem Evangelium denkbar wurde. Als Missionar setzte er sich für die Eigenständigkeit der entstehenden jungen Kirchen in Europa ein.

In seiner berühmt gewordenen Rede an die Einwohner Athens sagt er (Apostelgeschichte 17,23–31):

»Ich bin durch eure Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angesehen. Dabei habe ich auch einen Altar entdeckt mit der Inschrift: ›Für einen unbekannten Gott‹. Was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das mache ich euch bekannt.

Es ist der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was darin lebt. Als Herr über Himmel und Erde wohnt er nicht in Tempeln, die ihm die Menschen gebaut haben. Er ist auch nicht darauf angewiesen, von den Menschen versorgt zu werden; denn er selbst gibt ihnen das Leben und alles, was sie zum Leben brauchen. Er hat aus einem einzigen Menschen die ganze Menschheit hervorgehen lassen, damit sie die Erde bewohnt. Für jedes Volk hat er im voraus bestimmt, wie lange es bestehen und in welchen Grenzen es leben soll.

Und er hat gewollt, dass die Menschen ihn suchen, damit sie ihn vielleicht ertasten und finden könnten. Denn er ist ja jedem von uns ganz nahe. Durch ihn leben wir doch, regen wir uns, sind wir! Oder wie es einige eurer Dichter ausgedrückt haben: ›Wir sind sogar von seiner Art.‹

Wenn wir Menschen aber von Gottes Art sind, dann dürfen wir nicht meinen, die Gottheit gleiche den Bildern aus Gold, Silber und Stein, die von Menschen mit ihrer Erfindungskraft und Kunstfertigkeit geschaffen wurden!

Nun, Gott ist bereit, mit Nachsicht über das hinwegzusehen, was ihr bisher aus reiner Unwissenheit getan habt. Jetzt aber fordert er alle Menschen überall auf, umzudenken und einen neuen Anfang zu machen. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er über die ganze Menschheit ein gerechtes Gericht halten will, und zwar durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Ihn hat er vor aller Welt dadurch ausgewiesen, dass er ihn vom Tod auferweckt hat.«

Paulus ging davon aus, dass Jahwe jedes Volk geschaffen hatte. Die Gegenwart des Schöpfers in allen Kulturen war für Paulus unabhängig davon, ob sie diesen auch wirklich kannten. Der Apostel redete nicht abschätzig über ihre religiösen Überzeugungen. Außerdem war er davon überzeugt, dass Gott jedem Volk einen Lebensraum zugewiesen hatte, in dem sich seine jeweils eigene Kultur und Sprache entwickeln konnte (siehe Genesis 10,5b; 20,31). Gott war immer schon bei allen Völkern anwesend. Er leitete, begleitete, beschützte, versorgte sie; seine Weisheit spiegelte sich in ihrer Lebenserfahrung wider. Jahwe wollte und will gesucht und gefunden werden, damit alle Menschen in eine Beziehung zu ihm treten können. Dann erfahren sie, dass seine Gebote Leben spenden und erhalten. Der Schöpfer hat sich seinen Geschöpfen nicht unbezeugt gelassen; schließlich offenbarte er sich auf eine besondere und einzigartige Weise in der Person von Jesus Christus. Dem sollen alle Menschen vertrauen, gehorchen und ihn nachahmen.

Dieses Ziel vor Augen, wählte Paulus verschiedene Städte des römischen Reiches aus, um zunächst in den Synagogen, aber auch auf öffentlichen Plätzen und in Privathäusern zu predigen. Viele Menschen begannen, Jesus Christus als Gottes Liebesbotschaft und seinen Botschafter zugleich anzuerkennen. Die neuen Heiden-Christen wurden von Paulus in Hauskirchen versammelt und nicht in die bestehenden Synagogen integriert. Vielmehr organisierte Paulus sie – gemeinsam mit judenchristlichen Glaubensgenossen – in gemischte Hausgemeinden. Gab es mehrere davon an einem Ort, so hatten diese regelmäßig gemeinsame Gottesdienste und Mahlfeiern, an denen sie sich an Tod und Auferstehung Jesu erinnerten.

Paulus ging es nicht darum, eine hierarchisch festgefügte religiöse Institution zu schaffen, die die einzige Tür zum Himmel sein sollte, sondern eine Lebensform einzuüben, die Jesu Art zu leben widerspiegelte. Jede christliche Gemeinschaft sollte eine für Außenstehende offene Gruppe sein, die, eingewurzelt in ihren jeweiligen kulturellen Kontext, die Liebe Gottes zu jedem Menschen glaubhaft vermitteln kann.

Von Anfang an waren diese christlichen Gemeinschaften heterogene soziale Gruppen. Vereint durch den gemeinsamen Glauben an ihren wieder auferstandenen Herrn und Meister, gestalteten sie ihr Gemeindeleben wie das einer großen Familie. Es gab gemeinsame Mahlzeiten und man bemühte sich um allein stehende Witwen. Bald kam es auch zu Armenspeisungen und allgemeiner Armenfürsorge. So begann das Anliegen einer allgemeinen sozialen Gerechtigkeit in den Blick der jungen christlichen Kirche zu treten. Das geschah durchaus im Kontrast zur damaligen Gesellschaft. In den ersten Jahrhunderten meinten die Christen es ernst damit, an einen Gott zu glauben, der das Leben für alle seine Geschöpfe will.

Nach paulinischer Überzeugung (Römer 12,6–8; 1. Korinther 12,4–11) bestimmen nicht Herkunft und soziale Stellung die Aufgaben eines Gemeindemitglieds. Er machte die Erfahrung, dass der Heilige Geist jeden Einzelnen mit Gaben beschenkt, die für das Leben einer Ortsgemeinde gebraucht werden.

Paulus führt einen weiteren Gedanken aus, der für die heutige missionarische Praxis von großer Bedeutung ist:

Er beschreibt im ersten Brief an die Korinther die Gemeinschaft aller Christen weltweit als einen Leib mit einem Haupt, Christus. Alle einzelnen Gemeinden brauchen einander. Keine ist sich selbst genug. Jede hat ihre besondere Ausprägung und leistet ihren speziellen Beitrag.

Außer in Korinth, wo der Apostel länger als ein Jahr blieb, hielt er sich meist nur wenige Wochen an den Orten auf, wo Gemeinden entstanden. Er setzte jeweils Leiter als Verantwortliche ein, zog dann aber weiter. Dabei leitete ihn die Überzeugung, Mitarbeiter Gottes zu sein und nicht sein eigenes Projekt zu verfolgen. Er vertraute darauf, dass Gott sein Werk selbst weiterentwickeln und stärken würde.

Paulus blieb in engem Kontakt mit den Bekehrten, schrieb ihnen pastorale Briefe und besuchte sie gelegentlich. Wenn er nicht selbst reisen konnte, sandte er seine Mitarbeiter.

Seine grundlegende Haltung den jungen Gemeinden gegenüber beschreibt er in 1. Korinther 1,24 so: »Ich betrachte mich nicht als Richter über euren Glauben. Meine Aufgabe ist es doch, zu eurer Freude beizutragen! Im Glauben steht ihr ja fest.«

Der Apostel Paulus wollte den neu gegründeten (Haus-)Kirchen unter keinen Umständen finanziell zur Last fallen, obwohl er als »Missionsarbeiter« um sein Recht auf Lohn wusste. Außerdem wollte er den Vorwurf vermeiden, dass er es auf Spendengelder abgesehen hätte. Deshalb verdiente er seinen Lebensunterhalt als Zeltmacher (1. Korinther 9,11–15).

Für uns als »geschwisterliche Mitarbeiter« der indianischen Kirchen im Chaco hat die Überzeugung und Praxis des Paulus große Bedeutung:

• Wir sind uns dessen bewusst, dass wir Gott niemandem erst mitbringen müssen. Wir vertrauen darauf, dass er schon immer in der Geschichte und Weisheit der indigenen Völker gegenwärtig ist. Er hat sich seit jeher in den Kulturen als schöpferische Kraft und als Heiler der Krankheiten erwiesen. In den Zeugnissen solcher Gotteserfahrungen erkennen wir ihre »Heils«-Geschichte.

• Die indianischen Kirchen sind Gottes Werk, nicht das unsere; er selbst leitet und lehrt sie.

• Wir gehören zum großen Leib Christi in dieser Welt. Deshalb brauchen wir uns auch gegenseitig. Wir haben vom Glauben und Leben der indianischen Christen viel zu lernen. In der Begegnung mit ihnen merken wir, dass wir oft fälschlicherweise davon ausgehen, sie brauchten uns mehr als wir sie.

• Weil wir zum internationalen Leib Christi gehören, wollen wir uns als Mitglieder reicherer Kirchen um Ausgleich bemühen: Der Überfluss der einen muss dem Mangel der anderen aushelfen (2. Korinther 8,9).

• Der Heilige Geist lebt in den indianischen Geschwistern. Er selbst leitet sie. Er verhilft ihnen zu einer authentischen geistlichen Ausprägung, durch die sie ihre eigenen liturgischen Formen entwickeln. In Konflikten ermöglicht er Lösungen, die ihrer Kultur entsprechen.

• Wir Missionare möchten den indianischen Kirchen nicht zur Last fallen und auch keine Abhängigkeiten entstehen lassen, die ihre Kreativität und Freiheit einschränken würden.

• Dort, wo Gott selbst am Werk ist, möchten wir mitarbeiten.

4. Zu Gast in den Häusern der Toba/Qom

1955 übergaben die mennonitischen Missionare ihre Ländereien und ihre drei Kirchengebäude an die indianischen Christen. An vielen anderen Orten der riesigen Ebene des Chaco-Urwaldes waren ganz unabhängig von ihnen kleine Versammlungen entstanden. Am Anfang waren es 30, mit den Jahren wurden es über 250 verschiedene, meist kleine Gemeinden. Die Mennonitenmissionare sehen bis heute eine ihrer Aufgaben darin, sie regelmäßig zu besuchen.

Andere zu besuchen und selbst Besuch zu empfangen, gehört zu den größten Freuden im Leben der indianischen Bevölkerung. Bei ihnen ist ein ständiges Kommen und Gehen, besonders innerhalb der großen Familienklans. Meistens kündigen sie ihre Besuche nicht an, sondern gehen ihrer Intuition nach, tauchen bei ihren Verwandten auf und bleiben solange, wie sie möchten. Mit großer Selbstverständlichkeit werden Gäste in den winzigen Häusern mit untergebracht, verpflegt und betreut.

Unter den indianischen Christen bekommen Besuche noch eine tiefere Bedeutung. Die Gastgeber, aber auch die Gäste erzählen davon, dass sie in unvermuteten Begegnungen Hilfe erhielten, getröstet oder auch einmal ermahnt wurden. Darin erleben sie Gottes Ansprache und Eingreifen.

Wir »geschwisterliche Begleiter« dürfen uns als nicht-indianische Besucher in die Reihe der Gäste einordnen.

a) Zeit gelassen

Oft werden wir gefragt, was wir denn eigentlich tun, wenn wir sagen, dass wir die indianischen Christen begleiten und unterstützen. Dann antworten wir manchmal scherzend, wir säßen mit ihnen zusammen, um Mate-Tee zu trinken.

Tatsächlich gehören diese Zeiten der Begegnung, die sich bei Besuchen ergeben, zu den wesentlichsten Beiträgen, die wir über die Jahre leisten konnten.

Allerdings mussten wir von unseren Team-Kollegen erst lernen, dass es dabei nicht zunächst ums Reden geht, sondern oft eher um geduldiges Warten und Schweigen. Wir sind die Gäste, die indianischen Familien die Gastgeber. Es steht uns nicht an, sie anthropologisch zu erforschen oder auszufragen.

In unserer westlichen Kultur ist es üblich, viele Fragen zu stellen, um Interesse zu bekunden. Bei den Besuchen in indianischen Häusern oder Kirchen wäre das aber völlig unpassend. Um respektvolle Gäste zu sein, übten wir es ein, nach einer üblichen Begrüßungszeremonie auf dem uns zugewiesenen Platz so lange still zu warten, bis die indianischen Gastgeber ihrerseits das Gespräch eröffneten. Das konnte manchmal ziemlich lange dauern.

Beim Warten wurden wir still. Unsere Gedanken konnten zur Ruhe kommen. Zunehmend erlebten wir es als angenehm, nach oft langer und mühsamer Anreise erst einmal landen zu dürfen, ohne nach irgendetwas gefragt zu werden. Die jeweilige Umgebung konnte auf uns wirken. Das Wetter und unseren eigenen körperlichen Zustand konnten wir bewusst wahrnehmen. Während wir im Kreis mit anderen einfach da saßen, gingen die Frauen leise umher, machten Feuer, setzten den Wasserkessel darauf und bereiteten den Mate-Tee zu. Wenn alles fertig war, begann die Zeremonie des Ausschenkens: der Cebador, also derjenige, der für das Ausschenken verantwortlich ist, füllt zu den Mateblättern im Mate-Gefäß heißes Wasser und saugt durch ein Saugrohr den starken grünen Teeaufguss. Danach beginnt er, immer wieder Wasser nachzuschütten und es einem nach dem anderen in der Runde auszuteilen. Das geht immer in derselben Reihenfolge. Wenn einer genug getrunken hat, wird er in der Runde übersprungen. Ruhig und konzentriert geht das Austeilen vor sich. Kühlt das Wasser ab, wird es auf dem Feuer wieder aufgeheizt.

Die Stille beim Matetrinken und Beieinandersein ist gar nicht peinlich, aber für uns am Anfang einfach ungewohnt. So passierte es immer wieder, dass wir mit unseren vielen Fragen diesen Raum der Stille zu laut betraten. Viele unser Gastgeber redeten gewöhnlich aber erst davon, was sie auf dem Herzen hatten, wenn wir still waren. Dann kam es zu echter Begegnung. Darin konnten auch unsere Anliegen eingebracht werden.

Wir lernten auch mit der Zeit, in diesen Begegnungen selbst verletzlich zu werden. Wenn wir von unseren eigenen Sorgen und Nöten erzählten, erlebten wir ihre tiefe Fähigkeit zum Mitfühlen.

Wir wurden uns gegenseitig Weggefährten: Sie beteten über Jahre für unsere Kinder und unsere Eltern. Wenn wir krank oder entmutigt waren, baten sie Gott für uns um Hilfe. Wenn unser Auto nicht fuhr oder unsere Tiere litten, machten sie es zu ihrem Anliegen. Sie freuten sich mit und weinten mit und wir taten das ebenso.

»Im Hof des indianischen Bruders tranken wir stundenlang Matetee. Die Stunden verflogen im Schein des Vollmondes, während wir mit ihm, seiner Frau und ihren drei kleinen Mädchen zusammen saßen ... Ich konnte mich kaum an ihren Lebenserfahrungen und Erzählungen satt hören. Sie brachten mir klare eigene theologische Vorstellungen und Wünsche für die Zukunft ihres Volkes zum Ausdruck. Unmöglich konnte ich, wie geplant, schon nach einer Stunde wieder aufbrechen.«

(Pio‘ Lauac – Puerto Lavalle, 2005)

»Wie immer wurde mir einer der wenigen Stühle angeboten. Einige der Hausbewohner stellten sich an meine Seite und fragten mich, ob ich eine gute Busreise gehabt und ob es bei uns zu Hause in Resistencia geregnet hätte. Anschließend setzten sie sich in meine Nähe. Und ... schwiegen ... Währenddessen bereitete Doña Luisa den Mate. Einige Nachbarn kamen vorbei, um mich mit Handschlag zu begrüßen, und setzten sich in die schweigende Runde. Erst nach einer Weile des stillen Willkommenheißens sprachen sie über Themen, die ihnen auf dem Herzen lagen.

Der Abend war einzigartig. Vor uns das offene Feld am Waldrand. Über uns der fast runde Mond. Wir genossen die stetige leichte Brise, die uns die Moskitos vom Leibe hielt. Stundenlang wurden in dieser Großfamilienrunde die Ereignisse der letzten Woche ausgetauscht: ein tuberkulosekranker Großvater war gestorben, die örtliche Kirche veranstaltete gerade keine Gottesdienste, weil sich zwei Leiter verstritten hatten, neue Familien waren gegründet worden, die Regierung hatte neue Häuser in anderen Siedlungen bauen lassen. Leider ist das Haus ›meiner‹ Toba/Qom-Großfamilie – wegen veruntreuter öffentlicher Gelder – seit zwei Jahren ohne Fenster und Türen.«

(Pioq La‘asat – Pampa Chica, 2005)

»Die Mitglieder der örtlichen indianischen Kirche ließen mich im Abendgottesdienst wissen, dass andere Besucher nie länger bei ihnen geblieben waren. Deshalb brachten sie mir gegenüber ihre große Zufriedenheit zum Ausdruck, dass ich mir vorgenommen hatte, mehrere Tage bei ihnen zu bleiben, ihren (ersten) Pastor bei morgendlichen Hausbesuchen zu begleiten und am Nachmittag an einem offenen Bibelgesprächskreis teilzunehmen. Spontan wurde beschlossen, während dieser drei Tage abendliche Gottesdienste zu veranstalten.«

(Laguna Pato, 1998)

»Gemeinsam mit dem Toba/Qom-Lehrer und Freund Mario besuchten wir eine indianische Kirche. Er erzählte mir, dass er ihrem Pastor schon vor langer Zeit einen Besuch versprochen hatte. Wir wurden sehr herzlich willkommen geheißen. Der Pastor sagte mit Tränen in den Augen: ›Uns hat hier noch nie ein weißer Bruder besucht; wir wohnen halt mitten im Urwald.‹ «

(Colonia Aborigen, 2003)

b) Unterwegs erlebt

Um die indianischen Gemeinschaften zu besuchen, muss man weite Wege zurücklegen.

Im Mennonitenteam leben wir bewusst in verschiedenen Städten der großen Region. Aber auch so liegen die ländlichen Gemeinschaften durchaus noch bis zu 300 Kilometer entfernt, in vielen Fällen an entlegenen Stellen mitten im Chaco-Urwald.

Obwohl die wichtigsten Landstraßen mittlerweile asphaltiert sind, führen nach wie vor Erdwege zu den indianischen Siedlungen, die sowohl bei Regen (Matsch) als auch bei anhaltender Trockenheit (Staub) erhebliche Mühe bereiten.

Frank nutzte in den ersten zehn Jahren seiner Reisen öffentliche Verkehrsmittel. Im Bus konnte er sein Fahrrad mitnehmen, oder auch einfach zu Fuß und »mit dem Daumen« weiterreisen. Den Indianern stehen für ihre Reisen auch keine eigenen Fahrzeuge zur Verfügung. Wenn Frank erschöpft und durstig bei ihnen eintraf, konnten sie das gut nachvollziehen.

In den letzten Jahren erleichterte ein geländegängiges Motorrad die weiten Wege. So konnte Frank auch die mittelschweren Kisten mit biblischen Texten und Toba/Qom-Schriften besser transportieren.

Hier einige Reise-Anekdoten der ersten Jahre:

»Ich lief mit dem Rucksack am Straßenrand entlang und hielt den Daumen raus, wenn sich ein Fahrzeug näherte, das in Richtung Resistencia fuhr. Mehrere Toba/Qom, die auf ihrem Nachhauseweg auf ihren Fahrrädern an mir vorbei fuhren und mich erkannten, stiegen ab, um mich ein Wegstück zu begleiten.«

(Piguiñi Lai‘ – Pampa del Indio, 2001)

»Mein Toba/Qom-Freund schlug mir einen für mich bis dahin unbekannten Weg zu einer Bushaltestelle vor. Außerdem hatte er sich genau ausgedacht, wie ich dorthin gelangen könnte: Sein Sohn sollte die schwere Bibelverkaufskiste tragen, er würde das Fahrrad auf die Schulter nehmen, ich mit meinem Rucksack hinter ihnen hergehen. Wir drei machten uns so auf den Weg, mit den Schuhen in der Hand; sie wären ohnehin im Matsch stecken geblieben. Als wir schließlich die asphaltierte Straße erreichten, fragte er mich, ob ich mir nicht zuerst die Füße ein wenig im Wasser des Straßengrabens reinigen wollte. Als ich damit fertig war, zog er ein Baumwolltuch hervor, das er offensichtlich zum Abtrocknen für mich mitgenommen hatte.«

(Chimole – El Colorado, 2001)

»Der Bus, der morgens um 9 Uhr nach Las Palmas fährt, nimmt normalerweise im Gepäckraum Fahrräder mit. Nachdem ich ausgestiegen war, legte ich die letzten Kilometer bis zur Kolonie Laguna Pato auf Wegen zurück, die Zuckerrohrfelder und Rinderweiden durchqueren. An meinem Ziel angekommen, begrüßte mich die Frau des örtlichen Pastors mit der Frage, ob ich schon gefrühstückt hätte. Im Handumdrehen bereitete sie mir zu, was sie hatte: Spiegeleier und frischen Mate. Einfach köstlich!«

(Laguna Pato, 1998)

»Ich hatte mir vorgenommen, einen Pastor am anderen Ende der Kolonie zu besuchen. Dazu hatte ich einen Fußweg zurückzulegen, zuerst auf staubigen Wegen, die letzten Kilometer auf einer Asphaltstraße. Gerade als ich auf dem befestigten Weg angekommen war, blieb ein mir bekannter junger Toba/Qom stehen. Er machte mir auf dem Gepäckträger seines Fahrrades Platz und nahm mich einfach mit. Das war ein echt geschwisterlicher Transport.«

(Tacai Lapa – Pampa del Indio, 1999)

»Schon mehrmals war ich zum Feiern des Geburtstages der ›Fe y Esperanza‹-Kirche in das Indianerviertel ›La Isla‹ eingeladen worden. Diesmal wollte ich mein Versprechen einlösen, dabei zu sein, auch wenn es gerade geregnet hatte und ich dort erst – wegen eines anderen Besuches – nach Einbruch der Dunkelheit ankommen konnte. Es war nicht ganz einfach, die letzten beiden Kilometer durch den Matsch voranzukommen; mein Rucksack und die Bibelkiste wurden irgendwie immer schwerer. Auf dem letzten Wegstück fiel dann noch der Strom aus, die Straßenlaternen ließen mich im Dunkeln. Zum Glück hatte ich eine Taschenlampe dabei.

Das Gotteshaus traf ich zu meiner Überraschung verschlossen an, kein Mensch weit und breit. Ich überlegte einen Moment und entschloss mich noch, es in einer benachbarten Indianerkirche zu versuchen; ich würde sowieso nicht mehr nach Hause fahren können, denn zu dieser Abendstunde waren schon die letzten Busse und Sammeltaxis nach Resistencia abgefahren. Gott sei Dank hörte ich nach 15 Minuten Fußweg von weitem den Gesang der Geschwister der Iglesia Cuadrangular. Sie empfingen mich freundlich. Aufgrund meines Aussehens nach der Matschwanderung titulierten sie mich zärtlich-zweideutig ›cos qovi lqaic‹ (blondes Wildschwein).«

(Barrio La Isla, La Leonesa, 1999)

»Sonntag morgens ist die Landstraße nach Pampa del Indio normalerweise autofrei. Am Straßenrand marschierend, betete ich darum, dass mich doch jemand mitnehmen möge, damit ich noch vor dem Ende des Gottesdienstes ankommen könnte. Zu meiner Überraschung tauchte auf einmal ein Fahrzeug auf und hielt sogar. Im Dorf angekommen, wollte der Fahrer des Sammeltaxis kein Geld von mir annehmen!«

(Lote 16, Pampa Grande, 2000)

»Ich stellte mich an den Rand der Erdstraße, die ins 40 Kilometer entfernte Villa Río Bermejito führt. Ein hoch bepackter Pick-up hielt. Es waren Musiker auf dem Weg zur einer Wochenendtanzveranstaltung. Sie machten mir auf der offenen Ladefläche zwischen ihren großen Musikboxen Platz. Mein ›Taxi‹ war nicht gerade schnell. Das war gut so, denn die Staubwirbel waren so stark, dass ich sowieso nur mit dem Schutz eines Stofftaschentuches atmen konnte.«

(Piguiñi Lai‘ – Pampa del Indio, 2001)

»Für meine Heimfahrt konnte ich auf einem LKW mitfahren, den ein örtlicher Politiker angeheuert hatte. Auf der Ladefläche mussten wir uns mit insgesamt 50 Leuten einrichten. Die Staubwolken waren so dicht, dass man nichts sehen und nur erschwert atmen konnte. Die mitfahrenden Mütter bedeckten ihre Babys mit Handtüchern. Als wir ankamen, sahen wir wie mumifiziert aus.«

(‘Ele‘ Lpata‘c – El Espinillo, 2003)

c) Immer willkommen

Wenn Toba/Qom in ihrer Sprache von ihrem Haus sprechen, sagen sie yi qarma‘. Damit meinen sie kein Gebäude, sondern den Lebensraum rund um ihre kleinen Häuser, die oft mehreren Generationen Schlafplatz bieten.

Die meisten der indianischen Familien im Norden Argentiniens leben als große Familie zusammen. Dazu gehören viele eigene und oft auch fremde Kinder, Enkel, Urenkel, Onkel, Tanten, Cousins und angeheiratete Verwandte. Dabei ist immer noch Platz für spontanen Besuch, der durchaus länger bleiben kann.

In ländlichen Gegenden liegen ihre kleinen Häuser meistens relativ weit verstreut, gerade noch in Sichtweite der Nachbarn. Das Material für den Hausbau beschaffen sie sich in den umliegenden Wäldern: Holzpfosten, trockenes Gras, Lehm. Rund um ihre Häuser halten sie einen größeren Bereich frei von Bewuchs, um nicht von Schlangen oder anderen gefährlichen Tieren überrascht zu werden. Einige halten eine überschaubare Anzahl von Nutztieren wie Ziegen, Hühner oder Schweine. Das größte Problem ist an vielen Stellen das fehlende Trinkwasser.

In großen Dörfern und in Städten leben die zugewanderten Chaco-Indianer meist auf engem Raum in Slums.

In den ersten Jahren unserer Reisen gab es wegen der fehlenden telefonischen Verbindungen kaum Möglichkeiten, unsere Besuche vorher anzukündigen. Umso erstaunter waren wir über die intuitiven Fähigkeiten unserer indianischen Freunde, die offensichtlich ihre Umwelt aufmerksamer wahrnehmen und deuten, als wir das vermögen. Daran hat sich auch mit dem Einmarsch der Mobiltelefone in ihre Häuser nichts geändert. Sie können nach wie vor den Ruf der Vögel und den ihrer eigenen Gedanken deuten.

In Bezug auf die Versorgung der Gäste könnte man meinen, dass es für eine Familie eine Last sei, noch mehr hungrige Mägen zu füllen, wo sie Lebensmittel ohnehin nur knapp zur Verfügung haben. Ihre kulturellen Gewohnheiten machen es ihnen aber möglich, auch das mit einer gewissen Leichtigkeit zu nehmen. Der größte Wert überhaupt besteht darin, zu teilen. Wer heute gibt, rechnet damit, morgen zu empfangen. Wenn Besuch kommt und man nichts zu essen hat, geht man zu den Nachbarn, damit sie einem aushelfen.

Die Kette des Gebens und Nehmens reißt bis heute nicht ab. In diese Kette wurden auch wir eingereiht. So wie ihre eigenen Verwandten kamen auch wir bei ihnen an, ohne vorgesorgt zu haben. Wir ließen uns auf ihre momentane Lebenssituation ein und waren davon abhängig, dass sie mit uns teilten, was sie hatten. In Zeiten der Ernte war immer genug zum satt werden vorhanden. In jedem Fall gab es wenigstens Mate-Tee, der immer köstlich schmeckte. Gemeinsam essen und trinken, was es gibt, ist ein fast unüberbietbares Zeichen von Zusammengehörigkeit und Annahme. In jedem Fall war es für uns als Besucher gut zu lernen, ohne die gewohnte Fülle auszukommen.

In ihren Häusern lernten wir ihren Lebensstil und die darin anschauliche Lebensweisheit kennen. Sie beschenkten uns großzügig mit Gastfreundschaft. Oft machten sie uns zu ihren Freunden. Das gehört zu den kostbarsten Erfahrungen, die wir gemacht haben.

d) Für jeden etwas

»Sobald mein Zelt in der Sonne wieder getrocknet war, bereitete ich meine Abreise vor. Wie sonst auch wurde ich beschenkt, um nicht mit leeren Händen zu Hause anzukommen: diesmal mit einem großen Kürbis und Mañokwurzeln.«

(Pioq La‘asat – Pampa Chica, 1999)

» ›Meine Toba/Qom-Familie‹ bat mich, ihnen eine neue Grill-Auflage zu basteln. Das Modell, das ich ihnen vorzwei Jahren aus einem alten Fahrradreifen und dickem Draht hergestellt hatte, warinzwischen – aufgrund des täglichen Gebrauchs – gänzlich verrostet. Nur etwas vom Draht war wieder verwertbar. Als Dankeschön schenkten sie mir bei meiner Abreise einen vollen Sack Mañokwurzeln.«

(Pioq La‘asat – Pampa Chica, 1998)

»Beim Verabschieden brachten mir die Besucher der Iglesia Unida mit Bedauern zum Ausdruck, dass sie mir – außer einem Bonbon – nichts mit auf den Weg geben könnten. Umso intensiver beteten sie für mich und meine Reise und dass Gott mir unterwegs etwas zum Essen schenken würde. Ihr Gebet – und mein Wunsch – wurden überraschenderweise beim nächsten Zwischenaufenthalt bei Pastor Horacio beantwortet. Ohne von meinem knurrenden Magen zu wissen, lud er mich zu einem Eintopfgericht ein!«

(Tacai Lapa – Pampa del Indio, 1998)

e) Sie wussten es schon

»Zur Mittagszeit besuchte ich einen der Pastoren in der Kolonie Maipú. Er erzählte mir sogleich, dass er nicht mit den anderen zum Holz holen in den Wald gegangen war, weil er das Gefühl gehabt hatte, dass ihn jemand besuchen kommen würde.«

(La Leonesa, 1998)

»Bei meiner morgendlichen Stillen Zeit kam mir die 20 Kilometer entfernte Indianerkolonie Costa Iné in den Sinn. Ich lud unseren elfjährigen Sohn Johannes ein, mich diesmal zu begleiten. Wir fuhren mit dem Bus und gingen die letzten sieben Kilometer zu Fuß. Auf dem Weg durch Feld und Wald gab es so viel zu beobachten, dass Johannes sich beim Laufen kein einziges Mal fragte, wann wir endlich da seien. Den letzten Kilometer durften wir sogar noch auf einem vorbeifahrenden Pritschenwagen mitfahren!

In der Kolonie angekommen, begrüßte uns der örtliche Pastor. Er bot uns zwei Stühle an und setzte sich zu uns. Nach kurzer Zeit verschwand Johannes mit den Kindern der Nachbarschaft, um die neugeborenen Schweinchen zu besichtigen, zum Spielen mit anderen Haustieren, später auch zum Versteck spielen und Fernsehen.

Als ich mit dem Pastor alleine war, erzählte er mir, dass er unseren Besuch bereits erwartet hatte, da am frühen Morgen ein bestimmter Vogel (vi‘iyin) mit zwei Trillertönen zwei Besucher angesagt hatte. Ich staunte nicht schlecht, hatte ich doch erst gegen Mittag Johannes zum Mitkommen eingeladen!

Im weiteren Gespräch erzählte mir Hilario von den Botschaften anderer Vögel. Es gibt solche, die Gefahren und andere, die erfreuliche Ereignisse ankündigen. Das erinnerte mich an eine ungewöhnliche Definition von Kultur, die ich hier bestätigt fand: ›Kultur besteht aus Gewohnheiten, die Menschen als Antwort auf die Stimmen in ihrer Umgebung prägen‹ (Doyle 1997).«

(Costa iné, 1998)

f) Mittendrin

»Mein erster Besuch galt einem fast 80-jährigen Ehepaar. In ihrem Haus traf ich sehr viele Kinder an. Die alten Leute erzählten mir, dass vor kurzem eine ihrer Töchter verstorben war und sie deswegen alle somit verwaisten Enkel bei sich aufgenommen hatten.«

(Pioq La‘asat – Pampa Chica, 2003)

»Die ganze Großfamilie sammelte sich im Hof des Hauses. Die Halbwüchsigen und die Erwachsenen waren angeregt mit mir im Gespräch. Die Kinder liefen hin und her und tauchten – wenn sie nicht gerade mit den Haustieren beschäftigt waren – immer mal für kurze Zeit neben meinem Stuhl auf, um sich bei mir ein paar Streicheleinheiten auf dem Rücken oder am Kopf abzuholen. Wie schon öfter suchte die kleine Tochter des jüngsten Sohnes der Familie auf meinem Schoß ihren Platz und flüsterte mir dann und wann etwas ins Ohr.«

(Pioq La‘asat – Pampa Chica, 2002)

»Das Haus meines indianischen Freundes Mario am Rande der Kleinstadt kam mir wie eine Herberge vor: ein anderer Freund, die Schwägerin mit einem ihrer Kinder, und auch nicht wenige Freunde der eigenen acht Kinder fanden darin Aufnahme. Aus Platzmangel hatten sie noch ein Zelt im kleinen Innenhof des Reihenhauses aufgeschlagen.

Scheinbar bekommen Mario und seine Frau Inés täglich Besuch aus der benachbarten Indianerkolonie, um einen Rat oder eine andere Hilfe zu erbitten. Ich war beeindruckt, wie die Haus- und Familienfrau die ganze Zeit inmitten des Trubels die Freundlichkeit in Person blieb.«

(Quitilipi, 2003)

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