Kitabı oxu: «Das Hatschepsut-Puzzle»

Şrift:

Die Inschrift wünscht Hatschepsut, alles Leben, alle Dauer und alles Glück'. Luxor, Karnak-Tempel, Open-Air-Museum, Rote Kapelle der Hatschepsut.


„Salute some new conclusion

Which all of us have missed.”

Leonard Cohen

A Street, 2014

„Hatschepsut, solange der Himmel existiert, existierst auch du!”

Verehrungstempel der Hatschepsut,

Theben-West, Deir el-Bahari,

Hathor-Kapelle

MICHAEL HÖVELER-MÜLLER (Hrsg.)

Das

Hatschepsut-Puzzle

Die Pharaonin und ihr rätselhafter Flakon – hautnah

mit Beiträgen von

HELMUT WIEDENFELD, DONALD P. RYAN und ZAHI HAWASS

160 Seiten mit 64 Abbildungen

Titelbild: Seated Statue of Hatshepsut as King, bpk | The Metropolitan Museum of Art

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2015 Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz am Rhein

ISBN E-Pub 978-3-945751-25-1

Gestaltung: Manuela Wirtz, www.manuwirtz.de

Lektorat: Mascha Schnellbacher, Antonia Pohl, Natalia Thoben

Gestaltung des Titelbildes: Sebastian Ristow

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

Weitere Titel unseres Verlagsprogramms finden Sie unter: www.na-verlag.de

Inhalt

Cover

Zitate

Titel

Impressum

– Danke!

Statt einer Einführung: Warum ein weiteres Buch über Hatschepsut?

Hatschepsut

Die Pharaonin in neuem Licht von Michael Höveler-Müller

KV 60 – Ein rätselhaftes Grab im Tal der Könige von Donald P. Ryan

Die Entdeckung der Mumie von Königin Hatschepsut von Zahi Hawass

Der Flakon

Das Fenster zur Pharaonin von Michael Höveler-Müller

Dem Inhalt des Flakons auf der Spur von Helmut Wiedenfeld

Das letzte Wort ... von Michael Höveler-Müller

Anhang

Anmerkungen

Abbildungsnachweis

Literatur (in Auswahl)

Abkürzungen

Epochen und Dynastien

Weitere Bücher


Danke!

Im Ägyptischen bedeutet „danken“ dw3-ntr (gesprochen: „dua-netscher“) so viel wie „Gott preisen“. Ich habe an dieser Stelle Gott für eine ganze Reihe von Menschen zu preisen, denn die Veröffentlichung des „Hatschepsut-Puzzles“ war zwar seit 2011 geplant, aber ohne das Zutun der folgenden Personen hätte es nicht realisiert werden können.

Ich hatte zwischen 2011 und 2013 mit diesem Projekt an so ziemlich jede Verlagstür in Deutschland geklopft, aber die Antwort war jedes Mal abschlägig und die Begründung immer dieselbe: „Hatschepsut ist einfach nicht bekannt genug. Und das, was über sie geschrieben wurde, reicht bereits aus.“ Erstens empfand ich das nicht so und zweitens könnte man dann mit diesem Buch ja etwas zur Steigerung ihrer Bekanntheit tun, argumentierte ich. Schließlich konnte ich unsere Forschungen nicht Tutanchamun unterschieben, nur weil die Welt scheinbar nicht satt wird an Büchern über ihn. Aber meine Einwände halfen nichts und langsam befürchtete ich, dass ich das „Hatschepsut-Puzzle“ würde allein puzzeln müssen, dabei war die Geschichte so gut und die Forschungsergebnisse so aufregend, dass man sie einfach mit vielen Interessierten teilen musste. Dann erfuhr ich schließlich über eine gemeinsame Bekannte, dass Dr. Annette Nünnerich-Asmus, die Verlegerin, die 2005 mein erstes Buch „Am Anfang war Ägypten“ herausgebracht hatte, inzwischen einen eigenen Verlag gegründet hat. Sofort meldete ich mich bei ihr und rannte offene Türen ein. So kam es, dass „meine Hatschepsut“ schließlich doch noch ein Zuhause fand – in einem neuen Verlag, in dem ich mich fantastisch betreut fühlte. Und so gilt mein erster Dr. Annette Nünnerich-Asmus, Mascha Schnellbacher M. A. und Natalia Thoben M. A., stellvertretend für die vielen an der Produktion beteiligten, fleißigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nünnerich-Asmus-Verlags für die Möglichkeit, meine Sicht auf Hatschepsut mit vielen Menschen teilen zu dürfen.

Meinen drei Mitstreitern in diesem Buch möchte ich herzlich danken: Dr. Helmut Wiedenfeld (Bonn), der schon seit 2009 das „Flakon-Abenteuer“ mit mir besteht, und der dem Gefäß seine verborgenen Geheimnisse entlockt hat; Dr. Donald P. Ryan (Tacoma, Washington), der 1989 die mutmaßliche letzte Ruhestätte der Hatschepsut erneut lokalisiert hat, nachdem sie über 80 Jahre lang verschollen gewesen ist; und Dr. Zahi Hawass (Kairo), der das Forschungsteam leitete, das 2007 die noch in dieser Grabanlage befindliche Mumie als die der Hatschepsut identifizierte und danach untersuchte. Sie alle haben dieses Buch durch die Preisgabe ihrer Forschungsergebnisse bereichert und erheblich zum Zusammensetzen der Puzzlesteine beigetragen.

Ohne den heutigen Eigentümer des Flakons der Hatschepsut, einem privaten Sammler aus Deutschland, hätten wir alle nichts zu forschen und zu schreiben gehabt. Mein tief empfundener Dank gilt deshalb ihm und seiner Familie für die Publikationserlaubnis und das Vertrauen, das sie alle in mich gesetzt haben.

Wertvolle Hinweise zu Hatschepsuts Krankheiten, der Untersuchung ihrer Mumie und zu ihrer letzten Ruhestätte im Grab ihrer Amme verdanke ich Dr. Carsten Pusch (Tübingen), Dr. Yehia Gad (Kairo) und Dr. Donald P. Ryan (Tacoma, Washington). Karlheinz Weiler (Hemsbach/​Bergstraße) sei für die Übersetzung des Beitrags von Zahi Hawass gedankt und für tapferes Korrekturlesen bin ich wieder meiner lieben Frau Nadine Höveler, die ebenfalls eine große Verantwortung bei der Bildauswahl übernommen hat, zu großem Dank verpflichtet.

Ihnen – und vielen weiteren Personen, die hier gar nicht alle einzeln aufgeführt werden können – !

Michael Höveler-Müller

www.faszination-hieroglyphen.de

Statt einer Einführung: Warum ein weiteres Buch über Hatschepsut?

Der ehemalige Direktor des Ägyptischen Museums Berlin, Prof. Dr. Dietrich Wildung, sagte einmal während eines Vortrags: „Vielleicht ist schon alles einmal geschrieben worden, aber noch längst nicht von jedem.“

Das in dieser Aussage indirekt formulierte Recht nehme ich mir für das vorliegende Buch augenzwinkernd ebenfalls heraus. Es ist aber keine reine Biografie der Hatschepsut – dazu liegen tatsächlich bereits etliche vor. Es ist eine Annäherung an den Menschen Hatschepsut.

An die Persönlichkeiten der meisten Pharaonen kommen wir heute nicht mehr heran, weil sie sich hinter dem Ornat, dem Protokoll, den Konventionen und Reglements ihres Amtes verstecken. Sie sind wenig individuelle Bausteine in der beeindruckenden Kontinuität des ägyptischen Pharaonentums. Nur einige Persönlichkeiten waren derart stark, dass das königliche Korsett sie nicht einzuengen vermochte – zu diesen zählten Amenophis IV., der sich Echnaton nannte, Ramses II. und eben Hatschepsut. Doch während Abhandlungen über die beiden Erstgenannten ganze Bücherwände füllen (etwa ein Drittel der gesamten ägyptologischen Literatur über die mehr als 3.000 Jahre währende pharaonische Kultur befasst sich mit der lediglich 17-jährigen Herrschaft des Echnaton, der sog. Amarnazeit), ist die Literatur über Hatschepsut noch durchaus überschaubar.

Die jüngere Vergangenheit war reich an Entdeckungen zum Thema „Hatschepsut“: 2007 konnte in Ägypten überraschend eine seit über 100 Jahren bekannte Mumie als die sterbliche Hülle der großen Pharaonin identifiziert werden, nachdem man lange Zeit der Meinung gewesen war, dass ihre Leiche nicht mehr existiere. Und in Bonn war es mir als ehemaligem Leiter des dortigen Ägyptischen Museums vergönnt, die Untersuchung eines einzigartigen Flakons (Abb. 1) mit dem Namen der Hatschepsut in Gang zu setzen, die uns ein großes Stück näher an den Menschen Hatschepsut herangebracht hat.

Wie ein Puzzle setzen sich die einzelnen Analysen zu Hatschepsut zusammen und es stellte sich heraus, dass der Flakon sogar einer der zentralen Puzzlesteine ist, denn er schließt an viele andere an und hilft dabei, ein klareres, deutlicheres, intensiveres, sensibleres und unmittelbareres Bild der berühmten Königin zu zeichnen, als es zuvor möglich war. Heute können wir Hatschepsut sehr realistisch und menschlich erkennen, wir können einen Blick hinter die ansonsten stereotype Fassade der ägyptischen Pharaonen werfen und begegnen einer Frau, die an der Macht zerbrach.


Abb. 1 Der Flakon mit der Namenskartusche der Pharaonin Hatschepsut befand sich zwischen 1998 und 2012 unter der Inventar-Nr. L 943 im Ägyptischen Museum der Universität Bonn. Er war durch einen Lehmverschluss, der als „Dreck“ missinterpretiert worden war, original verschlossen. In seinem Innern befanden sich Reste des ursprünglichen Inhalts, die zwischen 2009 und 2011 naturwissenschaftlich untersucht wurden. Höhe: 11,8 cm; maximale Breite: 3,3 cm.

Ich habe mit diesem Buch versucht, die Palasttore aufzustoßen und Hatschepsut ohne Make-up in ihren Privatgemächern aufzusuchen. Mit viel Empathie bin ich der berühmten Pharaonin von ägyptologischer Seite nahegekommen und hatte dabei unschätzbare Unterstützung von naturwissenschaftlicher Seite. Und plötzlich zeigte sich Hatschepsut als verletzlicher und sogar verletzter Mensch. Hatschepsut ungeschminkt. Hatschepsut hautnah. Eine Frau, die – nicht grundlos! – einen Schritt weiter gegangen war als jede Frau vor ihr, und die dafür einen extrem hohen Preis zu bezahlen hatte.

Neue Betrachtungen, neue Ideen und neue Fragestellungen lassen auch die bislang als bekannt geltenden Fakten vielfach in einem völlig neuen Licht erscheinen. Die Auslotung neuer Möglichkeiten bietet eine ganz persönliche Sicht auf die Frau unter der Doppelkrone.

War sie tatsächlich machtbesessen? Eine Despotin? Ich muss zugeben, dass ich sie früher für eine solche hielt, und auch die Meinung teilte, die einmal ein ägyptischer Inspektor auf der Grabung in Qantir, an der ich teilgenommen hatte, schnörkellos zusammengefasst hat: „She was a bitch!“ Heute sehe ich das anders, denn ein kleiner Flakon, der damals im Ägyptischen Museum in Bonn ausgestellt war, brachte mich dazu, sehr nahe an diese besondere Frau herankommen zu wollen.

Jahrelang habe ich mich mit Hatschepsut beschäftigt, ihre Hinterlassenschaften studiert, über schwer interpretierbaren Inschriften gebrütet und bin zu den Schauplätzen ihres Wirkens gereist. Inzwischen bin ich zu einer gegensätzlichen Überzeugung gelangt, denn ich habe sie als einen völlig anderen Menschen kennengelernt, als der, der die Geschichtsbücher beherrscht.

Ich zitiere immer wieder gerne eine Aussage von Leonard Cohen: „Es gibt keine Heiligen. Wir sind alle nur Pfadfinder.“ Es gibt keine absolute Wahrheit in Bezug auf das alte Ägypten, es gibt nur ägyptologische Pfadfinder, die Ihnen das Konzept von der Wahrheit anbieten, das ihnen selbst am sinnvollsten erscheint. In diesem Sinne lade ich Sie ein, mich auf den Weg zu begleiten, den ich zu Hatschepsut, der „Edelsten von allen“, gefunden habe.

Einiges war über sie bekannt, aber offenbar nicht genug, um sie als sog. erste Riege der heute gefeierten Herrscherpersönlichkeiten des Alten Ägypten zu zählen. Noch immer laufen ihr Echnaton, Nofretete und Tutanchamun – aus ihrer eigenen Familie – diesen Rang ab: Hatschepsut wird nicht wie Echnaton, einer ihrer Nachkommen, (übrigens völlig zu Unrecht!) mit der Durchsetzung eines monotheistischen Glaubens in Verbindung gebracht. Von Hatschepsut existiert keine bunte Büste wie von Nofretete, die ein völlig ebenmäßiges und zeitloses Schönheitsideal verkörpert. Auch wurde Hatschepsuts Grab nicht wie das des Tutanchamun fast völlig unberührt vorgefunden und blendete die Welt auch nicht mit seinem Goldglanz.

Hatschepsuts Leben und Schicksal unterscheiden sich vollkommen von denen der genannten Persönlichkeiten: Ihre Reformen setzen sie nicht (fälschlicherweise) in eine Reihe mit den großen Stiftern der Weltreligionen, ihre Darstellungen rauben der Welt nicht den Atem, ihre Schätze blenden die Menschen keinesfalls. Aber was wir von Hatschepsut besitzen, ist eine Kostbarkeit, die die Schätze des Tutanchamun und die konstruierte Schönheit der Nofretete zu blassen Schatten werden lässt: In der Gestalt eines auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar wirkenden Gefäßes (vgl. Abb. 1) hat ein Objekt aus ihrem Besitz die Zeiten überdauert. Nach interdisziplinären Untersuchungen von Ägyptologie, Anthropologie, Archäometrie, Genforschung, Pharmazie und Medizin spricht dieses eine Gefäß inzwischen mehr als alles Gold aus dem Grab des Tutanchamun und öffnet uns dadurch ein Fenster in die Zeit und mitten hinein in das Leben der ersten Pharaonin der Weltgeschichte. Es ist der Kronzeuge in einer kriminalistischen Spurensuche.


Abb. 2 Pharaonin Hatschepsut blickt in ihrem Verehrungstempel zwischen zwei Pfeilern mit dem Kopf der Göttin Hathor in Richtung des großen Amun-Tempels von Karnak, jenseits des Nils. Luxor, Theben-West, Deir el-Bahari.

Hatschepsut – schon allein der Name beflügelt die Fantasie und scheint in sich alle Geheimnisse eines Ägyptens der Pharaonenzeit zu bergen.1 Er steht für kaum vorstellbaren Mut, für Selbstbewusstsein, Stolz und Trotz, für Zielstrebigkeit, Pflichtbewusstsein und für selbstaufopfernde Liebe. Und er steht für eine beispiellose Persönlichkeit – für die mächtigste Frau der antiken Welt.

Zu Lebzeiten hatte Hatschepsut die Menschen polarisiert und nach ihrem Tod wurde sie dafür – nach altägyptischer Weltanschauung – vernichtet.

Die Ägypter löschten das Andenken an Menschen aus, die gegen ihre Weltordnung, die Maat, verstoßen hatten, damit sie nicht in der Erinnerung der Zukunft weiterleben würden. Die Einnahme des pharaonischen Throns durch eine Frau war definitiv ein Verstoß gegen die Maat. Was Hatschepsut gewagt hatte, musste sie bitter bezahlen – mit der höchsten im Alten Ägypten denkbaren Strafe: der Auslöschung der Erinnerung an sie. Ihre Gebäude wurden geschliffen und in anderen Bauwerken verbaut, ihre Statuen wurden zerschlagen (Abb. 2), ihre Obelisken niedergerissen oder eingemauert, ihre Namen zerkratzt. Die königlichen Annalen führten sie nicht.

Hatschepsut wurde nach ihrem Tod vergessen. Dunkelheit legte sich über das Andenken an diese mutige Frau, die so viele Innovationen für Ägypten auf den Weg gebracht hatte. „Und was nicht in Vergessenheit hätte geraten dürfen, ging verloren. Geschichte wurde Legende, Legende wurde Mythos“, heißt es in J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“, aber Hatschepsut lebte in diesem Mythos nicht weiter. Die Welt hatte diese mutige Frau vergessen und es war, als ob es sie nie gegeben hätte.


Abb. 3 Der Verehrungstempel der Hatschepsut im frühen 20. Jh., nicht lange nach seiner Wiederentdeckung. Luxor, Theben-West, Deir el-Bahari.

Erst am Ende des 19. Jhs. christlicher Zeitrechnung – rund 3.300 Jahre nach ihrem Tod – stieß man in Hatschepsuts stark verfallenem Verehrungsstempel auf dem Westufer der heutigen Stadt Luxor (Abb. 3) auf die Überreste ihrer Hinterlassenschaften. Die Entdecker waren überrascht, dass man hier offenbar einen Pharao vor sich hatte, den die Geschichte nicht erwähnt hatte – und der außerdem einen eigentümlichen Namen mit einer weiblichen Endung besaß! Langsam begann man angesichts der Trümmer von Gebäuden und Bildwerken zu erahnen, dass bei diesem König offenbar mehr als nur der Name weiblich war … Ein ähnliches Erstaunen, das um 1490 v. Chr. die Landung eines weiblichen Falken auf einem bis dahin seit mehr als 2.000 Jahren fest in Männerhänden befindlichen ägyptischen Throns bei den Ägyptern ausgelöst haben dürfte, hat wohl auch die Forscher erfasst. Wie konnte das sein? Die weiteren Entdeckungen bestätigten die zunächst noch zögerlich geäußerten, vorsichtigen Vermutungen: Einige der zerschlagenen Statuen zeigten einen Pharao mit besonders zarten Gesichtszügen und Brüsten (s. Titelbild) – König Hatschepsut war eine Frau!

HATSCHEPSUT

„Ich habe vorher bedacht, was die Menschen reden werden.“

Die Pharaonin in neuem Licht

von Michael Höveler-Müller

Hatschepsut brach nicht radikal mit allen Regeln, die die ägyptische Kultur aufgestellt hatte – sie ging nur einen Schritt weiter als die Frauen vor ihr. Die dynastische Regelung, dass „Große königliche Gemahlinnen“, die Hauptfrauen eines Königs, zwischen dem Tod des Ehemanns und der politischen Reife des Sohnes übergangsweise die Regierungsgeschäfte am Nil übernehmen sollten, ist älter als die Pyramiden. Zudem waren die Ägypter an Zeiten temporärer matriarchalischer Machtausübung durchaus gewöhnt und Frauen, die vorübergehend auf dem Königsthron Platz nahmen, waren ihnen nicht fremd: Spätestens in der Frühdynastischen Zeit (um 3000 v. Chr.) erkennen wir, rund 1.500 Jahre vor Hatschepsut, in der Königin Merit-Neith eine mächtige Frau, die offenbar die Geschicke des Landes nach dem Tod ihres Mannes Djer und vor dem Heranwachsen ihres Sohnes Den gelenkt hatte. Im Alten Reich (ca. 2707 – 2202 v. Chr.) sehen wir gleich eine ganze Reihe außergewöhnlicher königlicher Frauen mit ungewöhnlichen Machtbefugnissen – unter ihnen Chenet-kau-es I. und II. sowie Anch-en-es-Pepi II.

Herodot berichtet sogar von der Regierung einer Frau am Ende des Alten Reiches: „Unter allen diesen Königsgeschlechtern befand sich … eine einzige Frau. … Sie rächte, wie es heißt, ihren Bruder, der vor ihr König war und den die Ägypter ermordeten, wodurch sie selbst auf den Thron gelangte.“ (Herodot, Historien II, § 100) Doch diese Herrscherin („Nitokris“) hatte es nie gegeben. Von der real existierenden Hatschepsut hingegen ist Herodot auf seiner Reise nichts berichtet worden, denn ihr Name bzw. ihr Geschlecht war ja erfolgreich aus den Annalen getilgt worden.

Im Mittleren Reich (ca. 2014 – 1794 v. Chr.) war es Neferu-Sobek, die am Ende der 12. Dynastie versuchte, das Herrscherhaus nach dem Tod ihres Bruders und Gemahls Amenemhet IV. vor dem Untergang zu bewahren.

Lange vor Hatschepsuts Regierung hatten also bereits einige Male Frauen die Regierungsgeschäfte übernommen. Zugegeben, vor dem Hintergrund der langen Zeitspanne von nahezu 2.000 Jahren ist die Zahl nicht besonders hoch, aber sie zeigt uns, dass die alten Ägypter – schon allein historisch bedingt – offenbar kein Problem damit hatten, vorübergehend von einer Frau regiert zu werden.

Der Beginn einer neuen Epoche: Das Neue Reich wird geschmiedet

Verschiedene Umstände führten dazu, dass die Zentralgewalt der Könige am Ende des Mittleren Reiches kollabierte und die sog. Hyksos eine nahezu 100 Jahre andauernde Fremdherrschaft über große Teile des gespaltenen Landes ausüben konnten. Die Hyksos kamen aus dem Norden und ihre heutige Bezeichnung geht auf den schon im pharaonischen Zeitalter verwendeten Sammelbegriff Heqau-chasut („Herrscher der Fremdländer“) zurück. Bereits während der 12. Dynastie (ca. 1976 – 1794 v. Chr.) kamen sie nach Ägypten und setzten sich im Delta fest. Als die Schwäche des ägyptischen Königtums seinen Höhepunkt erreicht hatte, die Hauptlinie des amtierenden Herrscherhauses mangels Nachkommenschaft dynastisch erloschen war und rund 50 Jahre andauernde Thronwirren das inzwischen zersplitterte Land ins Chaos gestürzt hatten, schlug die Stunde der Fremden. Die Hyksos dehnten ihre Macht über das Delta aus und regierten als 15. Dynastie. Ihre Vasallen waren Kleinfürsten in Mittelägypten, die heute als zeitgleiche 16. Dynastie bezeichnet werden. Die Opposition befand sich im Süden des Landes: Der Fürst des vierten oberägyptischen Gaues regierte ein Gebiet, das von der Südgrenze des Reiches bei der Nilinsel Elephantine bis tief nach Mittelägypten hinein reichte.2 Er weigerte sich, die bestehenden Machtverhältnisse anzuerkennen und hatte die (ebenfalls zeitgleiche) 17. Dynastie ausgerufen. Offenbar wurde dieser Status quo von den ausländischen Herrschern im Norden zunächst anerkannt, denn es gab keine direkten Konfrontationen, sondern alles deutete auf ein gegenseitiges laisser-faire hin. Die Hyksos durften die südlichen Steinbrüche nutzen und durch Oberägypten Handel mit Nubien treiben (HÖVELER-MÜLLER 2013: 157).

Erst unter Seqen-en-Ra Taa,3 einem Fürsten der südlichen 17. Dynastie, scheint ein vielleicht bis dahin unterschwellig schwelender Konflikt offen zutage zu treten und regelrecht zu eskalieren. Spätere Geschichten überliefern den Hyksos-Herrscher Apophis als üblen Aggressor, der keine Provokation ausließ, um Seqen-en-Ra herauszufordern. Ein Bote aus dem Norden erreichte Seqen-en-Ra im südlichen Theben, das hier als die „südliche Hauptstadt“ bezeichnet wird:

„Es ist König Apophis, der dir folgende Botschaft sendet: ‚Sorge dafür, dass man den Kanal der Nilpferde stilllege, der im Osten der (südlichen) Hauptstadt liegt! Denn sie lassen den Schlaf bei Tag und bei Nacht nicht zu mir kommen.‘ Denn der Lärm, den sie machen, erfüllt Seine Ohren.‘ … Schließlich sagte der Fürst der südlichen Hauptstadt zu ihm: ‚Sollte denn dein Herr etwas von dem Kanal der Nilpferde gehört haben, der im Osten der südlichen Hauptstadt liegt? … Kehre zurück zu König Apophis, deinem Herrn, und melde ihm: ‚Alles, was du mir gesagt hast, tue ich!‘ So sollst du ihm sagen.‘‘ (BRUNNER-TRAUT 1991: 196 f.)4

Der Bote kehrte nach Auaris, der nördlichen Hauptstadt im Ostdelta, zurück, in der die 550 km (Luftlinie) entfernten Nilpferde des Seqenen-Ra Apophis den Schlaf raubten (Abb. 4). Der Text gibt klar an, dass Apophis seinen südlichen Gegenspieler zu provozieren gedachte, aber nicht gewusst hatte, wie. Seine Berater hatten ihm die Idee mit den Nilpferden vorgeschlagen, die neben der offensichtlichen und banalen eine zweite, tiefergehende Dimension hatte: Apophis huldigte nach Aussage des Textes dem (bösen) Gott Seth und Nilpferde waren Tiere dieses Gottes. In Theben wurden sie gehalten und wahrscheinlich rituell gejagt. Man erkennt, dass offenbar sowohl gewöhnliche als auch ideologische Diskrepanzen zwischen den beiden Machthabern den vordergründig politischen Konflikt noch geradezu befeuerten. Nach einiger Zeit wurde ein weiterer Bote von Apophis an den Hof des Seqen-en-Ra gesandt, doch leider endet hier die Abschrift des Textes, sodass wir nicht wissen, wie die Geschichte in der Erinnerung des Volkes weiterlebte. Wir wissen nur, dass Seqen-en-Ra schließlich gegen die Fremdherrscher in den Krieg zog. Vermutlich wurde er gefangen genommen oder verschleppt und im Verborgenen brutal hingerichtet: Seine entstellte Mumie zeigt, dass er kniete, als eine Streitaxt in seinen Schädel geschlagen wurde, liegend erlitt er tiefe Hiebe von Waffen, die vier verschiedene Männer geführt haben müssen. Noch heute ist zu erkennen, dass sich die Arme und Hände in einer Abwehrhaltung vor dem Kopf befinden. Danach wurde er tot zurückgelassen, Tierfraß und einsetzende Verwesung konnten ihr Zerstörungswerk beginnen, bevor die Seinen ihn fanden. Wenn er auf dem Schlachtfeld gestorben wäre, hätte man sich unverzüglich darangemacht, seine sterblichen Überreste zu konservieren. Doch seine Mumifizierung begann erst, nachdem der Verwesungsprozess schon fortgeschritten war.


Abb. 4 Ägypten und seine Nachbarländer.

Mit dem Tod Seqen-en-Ras war der Befreiungskampf der Thebaner zunächst verloren, doch das Einigungswerk war eingeleitet und sollte durch seine Nachfolger weitergeführt und vollendet werden. Diese waren zunächst Kamose und nach dessen Tod Ahmose (Abb. 5).

Kamose, vermutlich der Bruder5 des gefallenen Seqen-en-Ra, ließ auf zwei Stelen, die im Hauptheiligtum des Gottes Amun im heutigen Dorf Karnak bei Luxor aufgestellt wurden, seine diesbezüglichen Erfolge festhalten.6 Der Gott Amun (Abb. 6) war von seiner Natur her ein Windgott, auf dessen ursprüngliche Funktion seine Krone mit den beiden hohen Federn hinweist, in denen die Bewegungen des Windes sichtbar werden. Sein Name bedeutet „der Verborgene“, was eine hervorragende Beschreibung für den Wind ist. Amun war etwa um 2014 v. Chr. der Gott der Einheit und sogar zum Reichsgott geworden, als Mentu-hotep II. rund 470 Jahre zuvor das politisch und verwaltungstechnisch zersplitterte Reich erfolgreich wieder zusammenführte. Dieser Erfolg wurde zu einem großen Teil dem Gott Amun zugeschrieben, der in dieser Zeit ein Heiligtum in der Nähe des heutigen Dorfes Karnak erhielt. Es war ein Gebiet, das vorher vom thebanischen Kriegsgott Month und vermutlich von Kulten für Widder und Gänse geprägt war. Im Laufe der Zeit wurde Amun der beherrschende Gott dieses Areals, Widder und Gänse wurden zu seinen heiligen Tieren und Month erhielt einen separaten Tempelbereich nördlich des sich stetig entwickelnden Hauptheiligtums von Karnak. Auch während der Geburtswehen zur neuerlichen Einheit des ägyptischen Staates war Amun der Schutzpatron der thebanischen Bemühungen, deren Teilerfolge ihm zu verdanken waren.

Abb. 5 Modifizierter und vereinfachter Stammbaum der 17./​18. Dynastie.


Abb. 6 Amun war als Reichsgott, also höchster Gott des ägyptischen Pantheons, auch der Gott der neuerlichen Einheit Ägyptens. Luxor, Karnak-Tempel.

Nach Aussage der Stelen des Kamose eroberte dieser strategisch bedeutsame Städte und drang immer tiefer in das Gebiet der ägyptischen Vasallen der Fremdherrscher vor. Seine Siege erschütterten die Hyksos-Treuen, die erkennen mussten, dass ihre Herren die angegriffenen Städte und Gebiete nicht hatten schützen können. Dadurch hatte Kamose die Oberherrschaft der Hyksos nachhaltig ins Wanken gebracht und die nördliche Grenze des thebanischen Einflussbereiches um etwa 100 km weiter in Richtung Delta bewegt. Doch bevor die Fremdherrscher besiegt werden konnten, starb Kamose nach einer kurzen Regierungszeit – vermutlich ebenfalls in einer Schlacht.

Nach Kamoses Tod war es ein Kind, der vermutlich nicht einmal 10-jährige Sohn Seqen-en-Ras mit dem Namen Ahmose, das nun die Geschicke seines Volkes leiten sollte. In dieser politisch besonders sensiblen Situation traten nun zwei Kräfte auf, die dem jungen König unter die Arme griffen: Zum einen die Frauen aus Ahmoses Familie – seine Großmutter Teti-scheri, seine Mutter Ahhotep und seine Schwester-Gemahlin Ahmes Nefertari. Zum anderen eine Gruppe von Beamten, die ich als die „Elkab-Connection“ bezeichnen möchte und auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Beschäftigen wir uns zunächst mit den einflussreichen Frauen hinter Ahmose.

Hinter den Kulissen – Pharaos starke Frauen
TETI-SCHERI

Teti-scheri war zusammen mit Ahhotep und Ahmes-Nefertari eine der Grandes Dames der späten 17. Dynastie, die eine außergewöhnliche Machtstellung und eine intensive Verehrung genossen. Heute wird sie vielfach als „Stammmutter der Ahmosiden“ (GRIMM/​SCHOSKE 1999: 37) bezeichnet, kam aber aus bürgerlichen Verhältnissen. Ihr Vater Tjenena führte einen Ehrentitel („sab“), der nur für Privatpersonen vorgesehen war. Auch ihre Mutter Neferu entstammte keiner königlichen Linie. Teti-scheri war eine „Große königliche Gemahlin“, also eine königliche Hauptfrau, und vermutlich mit Ahmose Senacht-en-Ra, dem Vorgänger und Vater von Seqen-en-Ra, verheiratet (vgl. Abb. 5). Teti-scheri trug ferner den Titel einer „Königsmutter“, was bedeutet, dass sie ihren Mann über- und die Regierung ihres Sohnes miterlebt hat – ein Umstand, den es im alten Ägypten nicht allzu häufig gab. Dieser Sohn war offenbar Seqen-en-Ra, den sie ebenfalls überlebte und erst in der Regierungszeit ihres Enkels Ahmose, dem Begründer der 18. Dynastie und des Neuen Reiches, verstarb. Dass neben Seqen-en-Ra auch Kamose ihr Sohn war, halte ich für unwahrscheinlich, da Teti-scheri in diesem Fall die Regierungen ihrer beiden Söhne begleitet und demnach den Titel einer „Mutter zweier Könige“ geführt hätte7 – was sie jedoch nicht tat. Kamose muss deshalb m. E. aus der Ehe ihres Mannes mit einer anderen Frau stammen.

Zweifellos war Teti-scheri, die Witwe, Mutter und Großmutter eines Königs, eine bedeutsame Regentin und Ratgeberin für ihren Enkel. Ahmose verehrte seine Großmutter sehr und ließ den Beweis seiner Verehrung auf eine Stele in einer Kultstätte meißeln, die er ihr posthum in Abydos errichtete. Aufgezeichnet ist hier ein aufschlussreiches Gespräch zwischen dem jungen König und seiner Schwester-Gemahlin Ahmes Nefertari, das nach dem Tod der Teti-scheri in der Säulenhalle des Palastes stattgefunden haben soll: „Einer redete zum anderen, indem sie nachdachten, was für die Verstorbene nützlich sei: Wasser zu spenden, auf dem Altar zu opfern, den Opferstein frisch zu halten an jedem Festtag … Es sprach seine Schwester, indem sie ihm antwortete: ‚Warum gedenkt man (der König) dieser Dinge? Weswegen spricht man (der König) diese Worte? Was ist es, das in dein Herz eingetreten ist?‘ Der König selbst sprach zu ihr: ‚Ich bin es, der der Mutter meiner Mutter und der Mutter meines Vaters gedacht hat, der Großen königlichen Gemahlin und Königsmutter Teti-scheri, der Gerechtfertigten. Ihr Grab und ihr Scheingrab sind noch jetzt auf dem Boden des thebanischen und des thinitischen Gaues. Ich habe dies zu dir gesagt, denn Meine Majestät hat gewünscht, ihr eine Pyramide und einen Tempel in Ta-djeser (Abydos) zu erbauen, in der Nachbarschaft der Denkmäler Meiner Majestät. Gegraben wurde ein See, gesetzt wurden seine Bäume, festgesetzt wurden seine Opfer, ausgestattet wurde er mit Menschen, versehen wurde er mit Äckern, ausgerüstet wurde er mit Herden, Totenpriester und Vorlesepriester sind bei ihrer Pflicht, jeder Mann kennt seine Dienstvorschriften.‘ … Seine Majestät hat dies gemacht, weil er sie (Teti-scheri) über alles liebt. Niemals haben frühere Könige Ähnliches für ihre (Groß-)Mütter getan.“ (SETHE 1906: 26 - 28)8

Diese reizende und höchst lehrreiche Darstellung endet damit, dass der König persönlich das Totengebet für seine Großmutter spricht. Der Text ist in vielerlei Hinsicht äußerst aufschlussreich und erklärt die generelle Stellung der Frau zur Zeit der späten 17. Dynastie: In der Unterhaltung zwischen Ahmose und seiner Frau Ahmes Nefertari setzt die Königin zuerst – vor dem König! – mit der wörtlichen Rede an und auch die Reihenfolge, in der Ahmose die Mutterschaft der Teti-scheri erklärt, ist aufschlussreich: Er nennt seine Mutter vor dem Vater („die Mutter meiner Mutter und die Mutter meines Vaters“). Das sind extrem bemerkenswerte Details, die deutlich machen, welchen einzigartigen Stellenwert die Frau innerhalb der königlichen Familie jener Zeit hatte.

Teti-scheri ist nach Aussage dieses Textes zweifelsfrei die Großmutter des Königs Ahmose, unter dessen Regierung sie verstarb. Allerdings erfahren wir auch, dass sie sowohl die Mutter seiner Mutter (Ahhotep) als auch die seines Vaters war (vgl. Abb. 5). Von einer Statueninschrift, die König Ahmose gemeinsam mit seinen Eltern zeigt, geht einmal mehr hervor, dass Ahmoses Vater Seqen-en-Ra war (SETHE 1906: 12). Dieser und Ahhotep I. waren Vollgeschwister und die Eltern von Ahmose: Das ist in der Tat außergewöhnlich, denn das ägyptische Königshaus war – soweit es sich heute verfolgen lässt – ansonsten stets darauf bedacht, eine solche Verbindung tunlichst zu verhindern. Zwar stammte im Idealfall das nachfolgende Königspaar von demselben Vater ab, aber beide Kinder hatten verschiedene Mütter. Teti-scheri führte zudem den unmissverständlichen Titel „Königsmutter“, der aussagt, dass sie tatsächlich auch den Vater des Ahmose auf die Welt gebracht hatte.

Die heute der Teti-scheri zugeschriebene Mumie zeigt eine sehr sympathisch wirkende, feingliedrige, betagte, zahnlose Dame, die versuchte, ihr dünn gewordenes weißes Haar durch eingeflochtene Zöpfe aus Fremdhaar zu kaschieren (SMITH 1912: 14 f.).9

AHHOTEP

Wie wir bereits im Stelentext von König Ahmose erkennen konnten, gab es in der 17. Dynastie mindestens einen Fall der ansonsten ungewöhnlichen Praxis der Eheschließung unter Vollgeschwistern. Ahhotep ist die Tochter von Teti-scheri, die Schwester-Gemahlin von Seqen-en-Ra und die Mutter von König Ahmose. Als weiterer Bruder der Ahhotep kommt noch Kamose infrage, der jedoch sehr wahrscheinlich von einer anderen Mutter geboren wurde (vgl. Abb. 5). Mit Seqen-en-Ra hatte Ahhotep allem Anschein nach außer dem späteren König Ahmose noch einen weiteren, aber früh verstorbenen Sohn gleichen Namens sowie wahrscheinlich sieben Töchter, die alle auf den Namen Ahmes hörten und von denen sich sechs lediglich durch ihre Beinamen voneinander unterschieden: Ahmes, Ahmes-scheri, Ahmes Nefertari, Ahmes Nebetta, Ahmes Henut-empet, Ahmes Merit-Amun I. und Ahmes Tumerisi. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass Ahhotep nach dem Tode ihres Gemahls Seqen-en-Ra ihren Halbbruder Kamose in zweiter Ehe heiratete, um ihm zur Nachfolge zur verhelfen. Wenn dem so wäre, wäre Ahhotep auch noch die Mutter einer achten Tochter mit Namen Ahmes, die auf den Zusatz Sat-Kamose („Tochter des Kamose“) hörte.10

Offenbar spielte der Mond (ägyptisch gesprochen „iah“ [mit einem gehauchten „h“], in unsere Sprache oftmals als „ah“ übertragen) in dieser Familie eine übergeordnete Rolle und genoss speziell in der Namensbildung dieser Zeit eine besondere Vorliebe im Königshaus der späten 17. Dynastie, aber auch – und damit korrespondierend – in der Bevölkerung. Was genau mit diesem Namen ausgesagt werden sollte, bleibt für uns unklar, aber sicher war der Mond ein familiärer Schutzpatron und gleichzeitig ein Symbol, das darauf abzielte, eine gewisse Uniformität und Geschlossenheit zu demonstrieren und sich gegenüber den fremden Kräften im Land abzusetzen. Nicht nur die vermutlich zehn Kinder der Ahhotep hießen alle identisch, sondern auch noch mindestens zwei weitere Kinder des Seqen-en-Ra mit anderen Frauen präsentieren diesen König bei der Namenswahl seiner Kinder als wenig fantasiebegabt. Um hier eine bessere Unterscheidung der im hieroglyphischen Schriftbild identischen Schreibweise des Namens „Ah-mes“ („Mondkind“11) zu gewährleisten, der sowohl für Männer als auch für Frauen verwendet worden ist, sind hier die männlichen Träger als „Ahmose“ und die weiblichen als „Ahmes“ wiedergegeben.

Auch der Name „Ahhotep“ („Der Mond ist zufrieden“) geht auf eine Bildung mit „(i)ah“ zurück und selbst die Namen von Mitgliedern der Königsfamilie, bei denen man auf den ersten Blick keine Verbindung zum Mond erkennen kann, geben indirekt einen Bezug zu diesem an: Beispielsweise führt Kamose den Beinamen „Sohn des Mondes, geschaffen vom (Mondgott) Thot“ (SETHE 1906: 13) und eine Tochter von Senacht-en-Ra und Teti-scheri hieß Sat-Djehuti („Tochter des [Mondgottes] Thot“) (GRIMM/​SCHOSKE 1999: 2 – 34).

Nachdem Ahhoteps Gemahl Seqen-en-Ra einen grausamen Tod gestorben war und auch dessen direkter Nachfolger, der gemeinsame Bruder Kamose, sein Leben im Kampf gegen die Hyksos gelassen hatte, kam Ahhoteps Sohn im Knabenalter auf den Thron. Die Regierung lag in dieser schweren und verlustreichen Zeit in den Händen von Teti-scheri und deren Tochter, der Königstochter, Königswitwe und Königsmutter Ahhotep, die mindestens im südlichen Oberägypten eine zentrale Gestalt des neu anbrechenden Zeitalters wurde und die die innenpolitischen Zügel fest in den Händen hielt. Offenbar war Ahhotep in Krisensituationen nach dem Tod von Seqen-en-Ra und Kamose eine Art Fels, als viele Ägypter womöglich den Mut verloren und das Land verlassen hatten oder dies vorhatten. Ein Text, der auf Veranlassung ihres Sohnes verfasst worden ist, spricht von ihr als diejenige, „die das Volk leitete, … die Herrliche, die die Dinge kennt, die für Ägypten sorgt; sie bemächtigte sich seiner (Ägyptens) Infanterie, sie sicherte es, sie brachte seine Flüchtlinge zurück und gliederte seine Deserteure wieder ein; sie besänftigte Oberägypten und vertrieb seine Verräter … “ (SETHE 1906: 21)

Zu diesen „Deserteuren“ (auch „Opponenten“ oder „Rebellen“) finden wir einen weiteren Hinweis in der Biografie des Beamten Ahmose aus Elkab. Er nennt sie sogar beim Namen – Aatiu und Teti-an: „Es kam Aatiu aus dem Süden, sein Schicksal ließ sein Ende herannahen, die Götter Oberägyptens packten ihn. … Seine Majestät (Ahmose) brachte ihn als Gefangenen und alle seine Leute als Beute … Und es kam dieser Feind – Teti-an ist sein Name. Er hatte für sich verschlagene Feinde zusammengerufen. Seine Majestät tötete ihn, seine Bande existierte nicht mehr.“ (SETHE 1906: 5 f.)

Königin Ahhotep erhielt für ihre Leistungen das Ehrengold (auch „Fliegenorden“ genannt), das höchste militärische Tapferkeit und Unerschrockenheit symbolisiert. Es besteht aus einer Kette mit drei überdimensionalen, 9 cm großen Fliegen aus Gold, die zum Ausdruck bringen, dass ihr Träger so hartnäckig am Feind blieb wie dieses Insekt, das sich einfach nicht abschütteln lässt. Allein diese seltene Auszeichnung, die zudem für Frauen untypisch war, lässt erahnen, welche bedeutende Rolle Ahhotep während krisenreicher Zeiten für die Dynastie spielte.

Ahhotep sollte es – anders als Seqen-en-Ra und Kamose – vergönnt sein, die Früchte ihrer Anstrengungen genießen zu können, denn sie war noch im 10. Regierungsjahr ihres Enkels Amenophis I. am Leben, wie eine Stele ihres Hausvorstehers Kares bezeugt, dem gegenüber sie sich höchst großzügig erwiesen hat (SETHE 1906: 45 ff.).


Abb. 7 Ahmes Nefertari war die überragende Frauengestalt zu Beginn der 18. Dynastie, die die höchstmöglichen Titel in Personalunion führte, wie es nach ihr erst wieder Hatschepsut tun sollte. Die schwarze Hautfarbe steht bei ihr nicht für eine nubische Herkunft, sondern für die Wiederauferstehung, die man sich durch sie als einer Schutzpatronin der Nekropolen von Theben erhoffte.

AHMES NEFERTARI

Ahmes Nefertari war eine Tochter von Ahhotep und Seqen-en-Ra sowie Gemahlin ihres Vollbruders Ahmose (vgl. Abb. 5 und s. Abb. 7). Zu Beginn der 18. Dynastie war sie die Königin, die die höchsten Titel führte, die für eine Frau in ihrer Position überhaupt möglich waren. Ahmes Nefertari war

 „Königstochter“ und nannte sich explizit „Tochter einer ‚Großen königlichen Gemahlin‘“, also einer Hauptfrau,

 „Königsschwester“ ihres Bruders Ahmose,

 „Große königliche Gemahlin“, also Hauptfrau, ebenfalls ihres Bruders Ahmose, der die Hyksos aus Ägypten vertreiben und die Fremdherrschaft beenden sollte,

 „Königsmutter“ ihres Sohnes Amenophis I., was uns darüber informiert, dass auch sie – wie Teti-scheri und Ahhotep – ihren Mann über- und die Regierung ihres Sohnes miterlebt hat.

 Des Weiteren wird sie als „Herrin der Beiden Länder“, also von Ober- und Unterägypten, bezeichnet, was zum Ausdruck bringt, dass auch sie nach dem Tod ihres Mannes als Regentin für ihren noch unmündigen Sohn die Amtsgeschäfte übernommen hatte.

 Außerdem war sie die erste Frau, die das dynastisch bedeutsame Amt einer „Gottesgemahlin des Amun“ bekleidete und zudem noch den Priesterinnentitel „Gotteshand des Amun“ führte.

GOTTESGEMAHLIN DES AMUN

Die Aussicht auf eine politische Einheit des Reiches war untrennbar mit jener Familie der Ahmosiden verwoben. Das gesamte Land hielt seinen Blick fest auf das noch junge Königshaus gerichtet, dessen dynastische Beständigkeit so zerbrechlich wie Glas war. Die Ahmosiden hatten nicht seit Jahrhunderten ihre Macht über ganz Ägypten ausgeübt – nein, sie hatten nur wenige Jahre zuvor ein Gegenkönigtum zu den Hyksos ausgerufen und lediglich vorgegeben, Könige über das ganze Reich zu sein. Tatsächlich regierten sie als eine Art Großfürstenfamilie nur einen Teil davon. Ihre Gegner waren mächtiger, verschlagen und hatten eine Menge lokaler Sympathisanten, deren Stellungen als „Kleinkönige“ und deren Machtbereiche von den Hyksos nicht infrage gestellt worden waren und die deshalb als Vasallen der Fremden fungierten. Doch deren Status, Macht und Einfluss mussten nach der Vertreibung der Hyksos einem gesamtägyptischen Königtum untergeordnet und diesem nicht gefährlich werden.

Die Mitglieder der Königsfamilie wussten, dass es keine Einheit geben würde, wenn die neue Dynastie versagte. Die politische Einheit war instabil und die neue Homogenität wurde nicht von allen Bevölkerungsgruppen uneingeschränkt getragen – von der großen Masse zweifellos, aber nicht von den Opportunisten und deren Anhängern, die unter den Hyksos Karriere gemacht hatten. Und bekanntlich genügt schon ein einzelner Tropfen Galle, um ein ganzes Fass Wein ungenießbar werden zu lassen. Dass es Widerstände gegen die neue politische Situation gegeben hat, steht außer Frage – die kurzen Hinweise auf Rebellionen und Aufstände des Aatiu und des Teti-an scheinen nur die buchstäbliche Spitze des Eisberges gewesen zu sein. In diesen unsicheren Zeiten befand sich mit Ahmose ein etwa 10-jähriger Junge an der Spitze des ägyptischen Staates. Es steht außer Frage, dass dieser König in den Anfangsjahren seiner Regierung noch nicht über genügend strategisches, diplomatisches und politisches Verständnis verfügt haben dürfte, um die verworrenen Verhältnisse zu überblicken, geschweige denn um die jahrelang andauernden Befreiungskämpfe befehligen zu können.

Aber seine Familie stützte ihn – allen voran seine Großmutter Teti-scheri und seine Mutter Ahhotep. Bereits unter seinem Vater Seqen-en-Ra war man dazu übergegangen, eine gewisse innere Geschlossenheit und Uniformität nach außen zu demonstrieren: Die kollektive Namensbildung mit „ah“ („Mond“) spricht hier Bände. Weil man offenbar auch nur diesem inneren Kern – der Familie – trauen konnte, sind spätestens seit Senacht-en-Ra und Teti-scheri eheliche Verbindungen von Vollgeschwistern nachweisbar, die die Reinheit des ahmosidischen Blutes erhalten sollten. Nichts sollte diese Familie und mit ihr die Einheit des Landes gefährden und das Reich in eine erneute Zeit des partikularistischen Chaos stürzen können.

Eine zusätzliche dynastische Sicherung bildete das neu eingerichtete priesterliche Amt der „Gottesgemahlin des Amun“, das aber vermutlich schon seit Seqen-en-Ra mit einem hochstehenden weiblichen Mitglied der Königsfamilie bekleidet wurde. Diese „Gottesgemahlin“ war im idealen Fall gleichzeitig sowohl die Tochter als auch die Schwester eines Herrschers – bei den vorherrschenden Familienverhältnissen unter den Ahmosiden stellte diese Voraussetzung kein nennenswertes Problem dar. Die Gottesgemahlin ging eine sakrale Ehe mit dem Gott Amun ein, lebte aber zur Zeit der Ahmosiden noch nicht zölibatär – das wäre ganz und gar kontraproduktiv gewesen. Sie wurde auch mit ihrem königlichen Bruder verheiratet, der durch die Ehe mit der Gottesgemahlin eine zusätzliche Legitimation erhielt. Die Gottesgemahlin war somit die irdische Gespielin des Gottes Amun sowie eine irdische Spiegelung seiner göttlichen Gefährtin Mut. Und sollte die Priesterin einen Sohn gebären, hatte dieser sozusagen zwei Väter: Amun auf göttlicher und den Pharao auf politischer Ebene.

Noch zu Lebzeiten führte die Gottesgemahlin eine Nachfolgerin – idealerweise ihre eigene Tochter – in ihr Amt ein, um dessen Fortbestand zu sichern. Die Gottesgemahlin wurde so zu einem Instrument der Legitimation des zukünftigen Herrschers, denn sie konnte auch einem ihrer Halbbrüder zum Thron verhelfen, wenn aus der Hauptehe ihres Vaters kein Sohn hervorgegangen sein sollte. Dieses Amt bedeutete auch eine gewisse wirtschaftliche Macht mit eigenen Ländereien, Beamten und der tatsächlichen Kultausübung bestimmter Rituale gemeinsam mit dem König als oberstem Kultherrn.

Die erste sicher zu belegende Gottesgemahlin war die Königin Ahmes Nefertari, Tochter des Seqen-en-Ra, Schwestergemahlin von König Ahmose und Mutter von Amenophis I.

Durch dieses familiäre Sicherheitsnetz war Ahmose auf vielfache Weise und gleich auf mehreren Ebenen geschützt.

Die Elkab-Connection

Neben der eigenen Familie trat in dieser Zeit auch eine Reihe von besonderen Männern ins Licht der Geschichte – Beamte und höchste Offiziere, die an den entscheidenden Freiheitskämpfen unter König Ahmose gegen die Hyksos teilgenommen hatten und die zum Teil auch fast 30 Jahre später unter Thutmosis I., Hatschepsuts Vater, noch politisch aktiv waren. In Elkab, etwa 60 km südlich von Luxor, haben einige von ihnen Grabmäler errichten lassen, in denen ihre überaus bemerkenswerten Biografien Aufschluss über Persönlichkeiten geben, die auf außergewöhnliche und langfristige politische Wichtigkeit schließen lassen.

Hier erfahren wir zum Beispiel von einem hohen Offizier Ahmose, dem Sohn der Ibana (SETHE 1906: 1 ff.), der für Ahmose vor den Toren der Hyksos-Hauptstadt Auaris im Delta gekämpft hatte und auch noch mit Thutmosis I. über die Grenzen der damals bekannten Welt hinaus gegangen war. Schon sein Vater Baba war an der Seite von König Seqen-en-Ra in den Krieg gegen die Fremdherrscher gezogen. Ein anderer dieser Männer war Ahmose, genannt Pen-Nechbet (SETHE 1906: 32 ff.) – er bekleidete das wichtige Amt des Schatzmeisters und war ebenfalls ein Akteur in den Freiheitskämpfen unter König Ahmose (ca. 1547 – 1525 v. Chr.). Des Weiteren diente er Amenophis I. (ca. 1525 – 1504 v. Chr.), Thutmosis I. (ca. 1504 – 1492 v. Chr.) und Thutmosis II. (ca. 1492 – 1489 v. Chr.), dessen Tochter Neferu-Ra er erzog. Nach dem Tod Thutmosis’ II. erlebte der Beamte noch die ersten Regierungsjahre von Thutmosis III. vor der Machtübernahme von Hatschepsut mit, bevor er fast achtzigjährig verstarb. Seine Gemahlin Ipu war die Amme Thutmosis’ III. und beide waren die Eltern von Sat-iah, einer späteren Königin dieses Herrschers.

Pa-heri war der Enkel von Ahmose, Sohn der Ibana, Bürgermeister von Elkab und gleichzeitig der Erzieher des Kronprinzen Wadj-mose, einem früh verstorbenen Bruder von Hatschepsut (vgl. Abb. 5).12 Und selbst Ineni, Bürgermeister der Hauptstadt Theben und Baumeister unter Thutmosis I., ist offenbar dieser bedeutenden Gruppe zuzurechnen (HELCK 1994: 38 f.). Inenis Schwester, Ta-ametju, war mit dem Wesir Ahmose, dem höchsten Beamten des Reiches, verheiratet, wodurch auch dieser zum Einflussbereich der Elkab-Connection zu zählen ist.

Aber schon unter Kamose ist eine Beobachtung zu machen, die aufhorchen und an der uneingeschränkten Macht der Pharaonen zweifeln lässt: Auf der Siegesstele des Königs mit höchst brisantem politischen Inhalt (Luxor Museum; Inv.-Nr. J. 43), die im damals bedeutendsten Heiligtum des Landes aufgestellt worden ist, findet sich nur die Darstellung einer einzigen Person. Doch diese ist weder der König noch ein Mitglied seiner Familie – es ist der Schatzmeister Neschi, dessen Bild hier verewigt ist. In ihm und seiner bedeutungsvollen Position ist die eigentliche Macht jener Zeit zu vermuten und obwohl seine Herkunft nicht sicher belegt ist, dürfen wir ihn mit einiger Sicherheit zur Elkab-Connection zählen.

Auch in der ganz frühen Phase von Ahmoses Regierung kann man erkennen, welche Mächte noch auf den blutjungen König einwirken. Schon in seinem ersten Regierungsjahr werden wir durch die sog. „Gewitterstele“ Zeugen einer raffinierten und erfolgreichen Manipulation des Pharaos, deren Akteure sich nicht scheuten, Naturereignisse umzudeuten, um ihre Ziele durchzusetzen. Ahmose residierte zu dieser Zeit noch im Palast seiner Vorfahren in Sedjefa-taui südlich von Dendera und rund 60 km nördlich von Theben. Doch eine mächtige Gruppierung (zu denken ist etwa an die Priesterschaft des Amun, die Elkab-Connection oder beide gemeinsam) war davon überzeugt, dass der junge König die Stadt Theben, das heutige Luxor, erneut zur Hauptstadt machen müsse, was allerdings ganz und gar nicht in dessen Sinne war.

Hintergrund war, dass Ahmose seine Residenz südlich von Dendera verlassen hatte und nach Theben gekommen war, um hier dem Gott Amun Opfer darzubringen. Als Ahmose die Stadt wieder verließ, wollten Amun und die anderen Götter der Region, dass er bleiben sollte, was Ahmose nicht tat. „[Da ließen] die Götter am Himmel einen Regensturm aufziehen: [Dunkelheit] in der westlichen Gegend, der Himmel bewölkt, ohne ein [Loch in der Wolkendecke] … [Das Unwetter tobte] über der Wüste (lauter) als das Tosen der Nilquellen in Elephantine. Jedes Haus und jedes Lager, das sie (der König und sein Gefolge) erreichten – es war eingestürzt, und die, die sich darin befunden hatten, waren umgekommen; ihre Leichname trieben auf dem Wasser wie Papyrusnachen. … Nun konsolidierte seine Majestät die Beiden Länder und sorgte (selbst) für die überfluteten Gebiete; er hielt nicht inne bei ihrer Versorgung mit Silber und mit Gold, mit Bronze, mit Salben und Kleidung und mit allem, was an Gewünschtem noch fehlte. Seine Majestät ruhte im Palast (…).“ Der letzte Satz zeigt deutlich, dass Ahmose nach der Beseitigung der Schäden wieder in seine nicht allzu weit entfernte nördliche Residenz zurückgekehrt war, doch „da machte man Seine Majestät auf das Eindringen (in) die heiligen Bezirke aufmerksam, das Niederreißen von Gräbern, die Zerstörung der (Verehrungs)tempel, und die Schändung der Gräber, (kurz auf alles) Geschehene, das sich (zuvor) nie ereignet hatte.“ (HELCK 2002: 104 ff.) Mit dem hier mitschwingenden Argument, dass allein seine Gegenwart solche Frevel verhindern würde, stellte Ahmose zunächst die Ordnung in Theben wieder her und die Geschichte zeigt uns, dass er auch bald die Residenz hierhin verlegte. Es steht völlig außer Frage, dass hier eine politische Kraft erfolgreich versucht hat, ihre Interessen – den Umzug der Hauptstadt nach Theben – durchzusetzen und dass dafür sogar Naturkatastrophen und Vandalismus uminterpretiert worden sind.

Das Ende des Anfangs
AHMOSE (ca. 1547 – 1525 v. Chr.)

Fast 20 Jahre sollte es dauern, bevor Ahmose den letztendlichen und endgültigen Befreiungskampf gegen die Hyksos führen sollte. Der Augenblick dafür war günstig, als Apophis, der starke Gegenspieler seiner Vorgänger, verstorben und dessen deutlich schwächerer Nachfolger Chalmudi einige Jahre im Amt war.

Als die militärische Aufmerksamkeit der Hyksos in deren vorderasiatisches Kerngebiet gelenkt worden war, zog Ahmose gegen die ägyptische Hauptstadt der Fremdlinge in Auaris, dem heutigen Tell ed-Daba im Ostdelta, und überraschte die Fremdherrscher.

Von den genauen Geschehnissen im 18./​19. Regierungsjahr des Ahmose bei Auaris wissen wir nicht viel. Nach der Einnahme von Auaris ließ Ahmose das Delta sichern und verfolgte die flüchtenden Hyksos nach Scharuhen, einer südpalästinischen Stadt, 25 km südlich von Gaza, die die Ägypter drei Jahre lang belagerten. Ägypten war nach 100 Jahren wieder vollständig in ägyptischer Hand, der Sinai stand unter pharaonischer Kontrolle und das Land am Nil begann in Vorderasien erneut an Bedeutung zu gewinnen.

Ahmose wurde aufgrund der erfolgreichen Vertreibung der Hyksos bereits im Altertum als Begründer eines neuen Herrscherhauses (18. Dynastie) und eines neuen Zeitalters (Neues Reich) verstanden.

Nachdem Ägyptens Vormachtstellung im eigenen Land und im Norden gesichert war, erlangte Ahmose auch die Oberherrschaft über Nubien zurück – und damit den Zugang zu den begehrten Goldminen und Steinbrüchen.

In Ägypten begannen die Restaurierungsarbeiten, da in der Zeit der Hyksos viel vernachlässigt worden war: Verwaltung, Ackerbau, Handel und religiöser Kult mussten z. T. wiederbelebt und sowohl auf die neu gewonnene Einheit als auch auf ein neues globales und international orientiertes Denken ausgerichtet werden. Ahmose ersetzte Hyksostreue gegen loyale Beamte, ließ die völlig vernachlässigten Kanalsysteme wieder instand setzen und knüpfte an Handelskontakte der Vergangenheit an. Schließlich verfügte Ägypten erneut über Lapislazuli aus Zentralvorderasien, Türkis aus dem Sinai und Zedernholz aus dem Libanon.

Bei der Wiederherstellung der vernachlässigten Kulte scheint Ahmose in Oberägypten begonnen zu haben und die wenigen ihm noch verbliebenen Jahre reichten nicht aus, um das geistliche Leben wieder flächendeckend zu alter und neuer Blüte zu führen.

Besondere Aufmerksamkeit wurde in religiöser Hinsicht dem Gott Amun und seinem Tempel im heutigen Dorf Karnak bei Luxor entgegengebracht, denn in Amuns Namen war der Krieg gegen die Hyksos geführt und gewonnen worden, weshalb ihm dafür außergewöhnliche Dankbarkeit gebührte. Schon Kamose errichtete seine berühmten Stelen im Tempel von Karnak, Ahmose fügte eine weitere hinzu und ließ ihm reiche Kriegsbeute zukommen.

Nach Jahrzehnten des Krieges und vielfältiger schmerzhafter, persönlicher Opfer hatten die Ahmosiden endlich die Einheit des Landes wiederhergestellt – das war ein Ziel, das dieser Familie so wichtig war, dass sowohl Seqen-en-Ra als auch Kamose ihr Leben für die Umsetzung gegeben hatten. Aber der Fortbestand der Dynastie ruhte auf tönernen Füßen.

AMENOPHIS I. (ca. 1525 – 1504 v. Chr.)

Als Amenophis I. den Thron seines Vaters erbte, war Ägyptens Einheit erst drei bis vier Jahre jung und damit noch instabil. Aber tendenziell war das Land auf dem Weg, wieder ein selbstbestimmtes und geeintes Reich zu werden. Es verfügte über seine alten Grenzen und hatte auch seine Bedeutung im vorderasiatischen und nubischen Ausland wiedererlangt. Nachdem das Innere soweit wie möglich konsolidiert war, war es nun Amenophis’ Aufgabe, den Einfluss Ägyptens auf seine Nachbarländer zu sichern und auszubauen und das begonnene innere Einigungswerk weiter voranzutreiben. Ägypten war wieder in zwei große Verwaltungsbereiche (Ober- und Unterägypten) aufgeteilt, denen jeweils ein Wesir vorstand. Die außenpolitische Situation Ägyptens war gefestigt.13

Amenophis I. gründete die Arbeitersiedlung Deir el-Medina (Abb. 8), in der die Männer mit ihren Familien lebten, die bis zum Ende der 20. Dynastie (um 1100 v. Chr.) die Gräber von Theben-West schufen. Die Menschen hier verehrten ihn und seine Mutter Ahmes Nefertari als Gründer und Schutzpatrone ihrer Stadt.

Amenophis I. starb etwa im Jahre 1504 v. Chr. Er hinterließ keine lebenden Kinder, die die Dynastie der Ahmosiden direkt fortsetzen sollten. Seine Mutter Ahmes Nefertari hatte ihren Sohn überlebt und war nun die mächtigste Frau im Reich. Es war offenbar an ihr – in Abstimmung mit der Elkab-Connection – den Mann zu bestimmen, der von nun an die Geschicke Ägyptens lenken sollte, und der es schaffen würde, in einer politisch schwierigen Situation klug zu handeln. Einen Mann, von dem Großes zu erwarten war. Diesen Mann fand sie in Thutmosis I., Hatschepsuts Vater.

Abb. 8 Die Arbeitersiedlung von Deir el-Medina gilt als eine Gründung von Amenophis I. Hier lebten die Männer mit ihren Familien, die die Königsgräber der 18. bis 20. Dynastie im thebanischen Westgebirge schufen. Luxor, Theben-West, Deir el-Medina.

Die Familie
DER VATER

Obwohl Hatschepsuts Vater, Thutmosis I. (Abb. 9), heute als dritter Herrscher der 18. Dynastie gezählt wird, war er doch tatsächlich deren biologischer Begründer. Es steht außer Frage, dass er – oder sein Vater – bereits zu Lebzeiten von Amenophis I. eine bedeutende Rolle gespielt haben muss und dass er hohes Ansehen in den königlichen Kreisen genoss. Üblicherweise wurde in Fällen, in denen ein kinderloser Pharao verstorben war, der Wesir als Nachfolger eingesetzt und es ist überaus bemerkenswert, dass man diese Praxis nach dem Tod Amenophis’ I. bewusst nicht gewählt hatte. Thutmosis’ Vorgänger, zu denen er keine verwandtschaftliche Verbindung aufwies, gehörten bis einschließlich Amenophis I. den Ahmosiden und somit der 17. Dynastie an. Es ist eine nicht aus der Luft gegriffene Vermutung, dass das exzessiv-inzestuöse Verhalten der Ahmosiden über mindestens vier Generationen hinweg letztendlich zum Verlöschen dieser Familie geführt haben könnte.

Abb. 9 Thutmosis I., Hatschepsuts Vater, brachte frisches Blut in die Königsfamilie und bereitete die Weltmachtstellung Ägyptens vor. Sein Profil ist charakteristisch und bei vielen seiner Nachfolger ist die „thutmosidische Nase“ anzutreffen. Luxor, Karnak-Tempel, Open-Air-Museum.

Während Amenophis I. offenbar mit der Tradition brach, sich nach dem Mond zu benennen oder seinen Namen mit dem Mond als Bestandteil zu bilden, kehrte Thutmosis wieder dorthin zurück – wenn auch nur indirekt: Thutmosis’ Name ist mit dem Gottesnamen Thot (ägyptisch: Djehuti) konstruiert und Thot ist – neben seinen vielen anderen Aufgaben – ein Mondgott. Thot ist als Synonym für den Mond zu verstehen, sodass der Name „Thutmosis“ (ägyptisch: Djehuti-mes) mit „Mondkind“ zu übersetzen ist und sich inhaltlich nicht im Geringsten von „Ahmose“ (ägyptisch: Iah-mes) unterscheidet, was dieselbe Bedeutung hat. Schon allein durch die Namenswahl ließ Thutmosis erkennen, dass er inhaltlich-politisch an Traditionen anknüpfen, aber formal neue Akzente setzen wollte.


Abb. 10 Seni-seneb, Hatschepsuts Großmutter väterlicherseits, begleitet ihren Sohn Thutmosis I. bei einer Opferhandlung. Luxor, Theben-West, Deir el-Bahari.

Mit Thutmosis I. betrat nun eine genetisch unvorbelastete Familie die Bühne der Geschichte – und gründete ein biologisch neues Herrscherhaus. Seine Herkunft ist nicht geklärt. Auffallend ist, dass Thutmosis in offiziellen Texten zwar seine Mutter, Seni-seneb (Abb. 10), erwähnt, aber niemals seinen Vater, was darauf schließen lässt, dass dieser zum Zeitpunkt der Thronbesteigung seines Sohnes wohl nicht mehr am Leben war. Die sterblichen Überreste seines namentlich unbekannten Vaters vermute ich in der Mumie, die jahrhundertelang als die von Thutmosis I. selbst angesehen worden ist.14 1881 fand sie sich in einem Mumienversteck in Deir el-Bahari, das in der 21. Dynastie (ca. 1000 v. Chr.) im ehemaligen Felsengrab der Ahmes Inhapi (DB 32015) angelegt worden war, um die sterblichen Überreste von Königen und deren Familie aufzunehmen (vgl. Abb. 29) (HÖVELER-MÜLLER 2007: 79 ff.). Diese Mumie besitzt eine auffällige physische Ähnlichkeit mit Thutmosis II. und Thutmosis III., dem mutmaßlichen Sohn und Enkel des in Frage stehenden Mannes, sodass schon sehr früh eine enge Verwandtschaft angenommen worden ist (MASPERO 1889: 581 f.; SMITH 1912: 27). Unter anderem seine Armhaltung (ausgestreckt mit den [nicht mehr vorhandenen] Händen auf den Oberschenkeln nahe dem Schambereich liegend) und die praktizierte Mumifizierungstechnik weisen ihn als chronologisch zwischen Ahmose und Thutmosis II. stehend aus (SMITH 1912: 25 f.).16 Das Alter des nur 1,55 m kleinen und sehr grazilen Mannes wurde aufgrund der abgeriebenen Zähne, Spuren von Falten und weißlichen Haarstoppeln zunächst auf über 50 Jahre geschätzt.17 Aber Röntgenaufnahmen aus den frühen 1970er-Jahren zeigten, dass das Todesalter zwischen 18 und 20 Jahren gelegen haben muss (HARRIS/​WEEKS 1973: 132). 2008 wurde weiterhin deutlich, dass dieser Mann nicht nur nicht königlich war, sondern dass er außerdem an einer Pfeilverletzung gestorben ist.18 Vermutlich stand er im höchsten Dienst des Königs und erhielt nach einem Heldentod im Kriegseinsatz eine Bestattung in dessen engstem Umfeld. Für mein Verständnis ist es weiterhin nicht völlig von der Hand zu weisen, dass dieser – zweifellos bürgerliche – Vater ein Mitglied der Elkab-Connection gewesen sein könnte und vielleicht ebenfalls auf den Namen Ahmose hörte. In jedem Fall unterstützten die mächtigen Männer aus Elkab Thutmosis’ Thronbesteigung, denn einer von ihnen, der Bürgermeister dieser Stadt, wurde schließlich der Erzieher des Kronprinzen Wadj-mose.

Während man über die Identität von Thutmosis’ Vater ausschließlich Spekulationen anstellen kann, ist der Name seiner Mutter bekannt: Seni-seneb (vgl. Abb. 10). Dieser Name drückt inhaltlich den Wunsch aus, dass ein gewisser Seni gesund sein möge. Auf der Suche nach diesem Seni stößt man auf thebanischem Gebiet auf einen Mann dieses Namens, der unter Amenophis I. Bürgermeister von Theben war.19 Da nun im alten Ägypten Kinder nicht selten nach ihren Eltern oder Großeltern benannt worden sind, ist es theoretisch möglich, die Königsmutter Seni-seneb mit der Familie des amtierenden Bürgermeisters der Hauptstadt in Verbindung zu bringen. Interessanterweise wird dieser Seni unter Thutmosis I. zum „Vizekönig von Nubien“ befördert und stirbt unter der Regierung von Thutmosis II. Wir dürfen mit einiger Vorsicht die Frage stellen, ob es nicht durchaus möglich ist, in diesem hohen Beamten Seni einen Verwandten, vielleicht sogar einen Bruder, von Seni-seneb und damit eventuell den Onkel von Thutmosis I. zu erkennen.

Thutmosis I. war zwar nicht der biologische Sohn und Erbe seines Vorgängers Amenophis I., doch ganz sicher sein ideeller: Er verstand es, die Pläne seines Vorgängers weiterzuführen und den Grundstein für eine völlige neue Dimension der ägyptischen Machtentfaltung zu legen – zum ersten Mal in der bis dahin rund 1.500-jährigen Geschichte Ägyptens griff das Land weit über seine eigenen Grenzen hinaus und wurde zu einer Weltmacht. Thutmosis I. war die Verkörperung eines neuen ägyptischen Selbstbewusstseins und der Begründer einer Weltpolitik, die dem Land am Nil von nun an einen gefürchteten Platz unter seinen Nachbarn sicherte. Die Zeit, in der Ägypten im eigenen Land gefangen gehalten worden war, sollte endgültig vorüber sein. Wie der Nil in der Überschwemmungszeit bäumte sich Ägypten unter Thutmosis I. auf und bahnte sich seinen Weg zu einem bis dahin nie gekannten Ansehen.

Seine Krönung feierte Thutmosis am 21. Tag des dritten Monats der Aussaat-Jahreszeit seines ersten Regierungsjahres (etwa der 9. März 1504 v. Chr.), wie er etwa Turi, den damaligen Vizekönig von Nubien, wissen ließ (SETHE 1906: 80 f.). Die Grande Dame Ahmes Nefertari hatte Thutmosis als Nachfolger ihres Sohnes unterstützt und dürfte in den ersten Jahren seiner Regierung eine wichtige Rolle gespielt haben.

Thutmosis I. muss bereits vor seiner Thronbesteigung mit mindestens zwei Gemahlinnen verheiratet gewesen sein und mit beiden hatte er Kinder: Mit Ahmes eine Tochter Hatschepsut und mit Mut-neferet einen Sohn namens Thutmosis – den späteren Thutmosis II. Hatschepsut war das erste Kind für Königin Ahmes, denn sie bezeichnet sich selbst bildlich unzweideutig als „Öffner des Leibes“ (SETHE1906: 225, 228). Zwei Brüder, Wadj-mose und Amun-mose, sowie eine Schwester Neferu-biti sollten etwas später von Königin Ahmes geboren werden. Sowohl Hatschepsut als auch ihr Halbbruder Thutmosis waren zum Zeitpunkt der Machtübernahme ihres Vaters schon älter:20 Thutmosis muss maximal in seinen frühen 20ern und Hatschepsut vermutlich 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein. Daraus lässt sich schließen, dass Thutmosis I. bereits Mitte bis Ende 30 war, als er König wurde.


Abb. 11 Die schwangere Königin Ahmes, in deren Bauch sich die noch ungeborene Hatschepsut befindet. Luxor, Theben-West, Deir el-Bahari.

DIE MUTTER

Hatschepsuts Mutter trug den Namen Ahmes (Abb. 11) – ohne weitere Zusätze und Beinamen. Wie wir gesehen haben, hatte man in dieser Zeit eine starke Affinität zu diesem Namen und zum (Sinn-) Bild des Mondes entwickelt. Dieser Name war der bestimmende Personenname der High Society am Nil und lag um 1550 v. Chr. völlig im Trend – sowohl bei den Damen als auch bei den Herren.

Ahmes, die „Große königliche Gemahlin“ von Thutmosis I., führte nur den einfachen Hauptnamen und keinen identifizierenden Beinamen, der eine Gleichsetzung mit einer Prinzessin des ahmosidischen Königshauses erleichtern oder gar möglich machen würde. Als Titel trägt sie neben dem der Königin nur den einer „Königsschwester“, doch sie als Vollschwester von Amenophis I. zu verstehen, ist unmöglich, denn wäre sie die Schwester des Vorgängers ihres Mannes gewesen, wäre König Ahmose ihr Vater, wodurch sie den Titel „Königstochter“ hätte führen dürfen (vgl. Abb. 5). Diesen nennt sie jedoch niemals, was bedeutet, dass er ihr nicht zugestanden hat. Ahmes war also die Schwester eines Königs, nicht aber die Tochter eines solchen. Meines Erachtens besteht die einzige Möglichkeit, Königin Ahmes in dieser Familie zu verankern, darin, sie als Kind der verwitweten Ahmes Nefertari aus einer außerköniglichen Beziehung zu verstehen. Somit wäre sie nach der Thronbesteigung von Amenophis I. als dessen Halbschwester eine „Königsschwester“, aber keine „Königstochter“. Durch die Ehe zwischen Thutmosis I. und Ahmes erleichterte sie ihrem Mann den Weg auf den Thron.

Als Thutmosis I. der neue Pharao Ägyptens wurde, ernannte er Ahmes zu seiner Hauptfrau, zu seiner „Großen königlichen Gemahlin“, die von solcher Schönheit war, dass sie sogar den Göttern auffiel (SETHE 1906: 218 f.). Mit dieser Entscheidung war klar, dass einer ihrer Söhne, Wadj-mose oder Amun-mose, der Nachfolger seines Vaters werden würde. Für den Sohn der Mut-neferet war gleichzeitig der Weg zur Thronfolge abgeschnitten. Man kann sich vorstellen, dass diesbezüglich nicht nur Harmonie die Privatgemächer des Königspalastes erfüllte. Ein solcher „Luxus“ von mehreren Gemahlinnen hat immer wieder einige Könige das Leben gekostet: Mehr Pharaonen ließen ihr Leben vergiftet oder gemeuchelt im Schlafgemach als auf dem Schlachtfeld.

Der von Königin Ahmes geborene Wadj-mose wurde also der Kronprinz und designierte Nachfolger seines Vaters. Die engen Verbindungen zur Elkab-Connection lassen sich – wie erwähnt – durch den Umstand illustrieren, dass der Bürgermeister von Elkab, Pa-heri, der Erzieher dieses Prinzen war.

Hatschepsut – Prinzessin und Gottesgemahlin

Schon in seinem zweiten Regierungsjahr fuhr der neue König mit dem langgedienten Offizier Ahmose, dem Sohn der Ibana, aus Elkab in das Gebiet südlich des 2. Katarakts (vgl. Abb. 4), „um den Aufruhr in den Ländern zu bestrafen und um das ‚Schwellen des Armes’ (d. h. das Aufbegehren) des Fremdlandes fernzuhalten“(SETHE 1906: 8). Der alte Soldat hielt das Ergebnis dieses Feldzuges in seinem Grab fest: „Seine Majestät fuhr stromab, indem alle Länder in seiner Hand waren, jener elende nubische Nomade war mit dem Kopf nach unten aufgehängt am Vorderteil des Königsschiffes Seiner Majestät. Es wurde gelandet in Karnak.“ (SETHE 1906: 8 f.) An diesem vernichtenden Nubien-Feldzug hatten nachweislich die „Große königliche Gemahlin“ Ahmes und eine Prinzessin teilgenommen, die keine Geringere als seine jugendliche Tochter Hatschepsut gewesen sein kann (ROBINS 1996: 30 f.). Sie muss angesichts dieser Reise tiefe und nachhaltige Eindrücke gewonnen haben.

Thutmosis war kein König der Kompromisse. Nach dieser Demonstration ägyptischer Macht in Nubien, bei der ein toter aufständischer Fürst über 600 Nilkilometer vom 2. Katarakt bis weit hinein in das ägyptische Kernland für jeden sichtbar mitgeschleppt worden ist, muss den Nubiern zwangsläufig jeder Mut zur Auflehnung vergangen sein. Das Gebiet zwischen dem 4. und 5. Katarakt wurde die neue Südgrenze Ägyptens (vgl. Abb. 4).


Abb. 12 Thutmosis I. errichtete das erste Obeliskenpaar im Tempel des Amun, zwischen dem 4. und 5. Pylon. Von diesem Paar steht heute nur noch einer (links). Seine Tochter Hatschepsut ließ anlässlich ihres Thronjubiläums im 15. Regierungsjahr ein weiteres Paar aufstellen, von dem einer (rechts) heute noch steht. Luxor, Karnak-Tempel.

Auch die nördlichen Nachbarn beehrte Thutmosis mit einem Besuch des ägyptischen Heeres: Er erreichte den oberen Euphrat und überquerte als erster ägyptischer König in der Geschichte diesen Fluss. Kein anderer Pharao zuvor war jemals so weit nach Norden vorgedrungen wie er – und nur wenige sollten es ihm gleichtun. Ägyptische Stelen bei Karkemisch kennzeichneten jetzt die neue nördliche Grenze des Pharaonenreiches. Auf dem Rückweg jagte Thutmosis Elefanten im Nordosten von Syrien, deren Stoßzähne er nach Ägypten brachte.

An einem strategisch günstigen Ort an der Deltaspitze, in der alten Hauptstadt Memphis, richtete Thutmosis I. ein militärisches Hauptquartier und Ausbildungslager ein, in dem von nun an die Elite des ägyptischen Militärs in einer Art „Militärakademie“ trainiert wurde, unter ihnen auch die späteren Kronprinzen.

Thutmosis I. war ein Pharao, der über die altbekannten Grenzen hinausging – sowohl räumlich durch die Überschreitung des Euphrats als auch technisch, denn er war es, der im Tempel von Karnak ein Obeliskenpaar errichten ließ (s. Abb. 12). Ineni, der Architekt, der schon für seinen Vorgänger tätig war, realisierte für Thutmosis u. a. auch dieses logistische Mammutprojekt. Stolz berichtet er von dieser Meisterleistung: „Ich beaufsichtigte die Aufstellung der beiden großen Obelisken aus rotem Granit an den beiden Pylonentürmen des Tempels. Ich beaufsichtigte die Anfertigung des erhabenen Schiffes von 120 Ellen (ca. 63 m) in seiner Länge und 40 Ellen (ca. 21 m) in seiner Breite, um diese Obelisken zu transportieren. Sie kamen glücklich, wohlbehalten und heil und wurden in Karnak gelandet.“ (SETHE 1906: 56)

Als erster Pharao fügte Thutmosis I. dem sog. Horusnamen seiner Titulatur das Epitheton „Starker Stier“ hinzu, das diesen Namen einleitete. Dieser Bestandteil wurde fortan bis in die römische Zeit hinein verwendet.

Dieses Umfeld prägte die junge Prinzessin Hatschepsut in den ersten Regierungsjahren ihres Vaters. Die Amme der Hatschepsut war eine gut aussehende, grazil gebaute Frau mit üppigen langen Haaren, die auf den Namen Sat-Ra (oft auch als Sit-Ra wiedergegeben; „Tochter des Ra“) hörte und deren Spitzname In („Fisch“) war.21

Großen Einfluss auf die heranwachsende junge Frau hatte die Grande Dame Ahmes Nefertari (vgl. Abb. 7), die Mutter des verstorbenen Königs Amenophis I. Zwischen ihnen muss ein verwandtschaftliches Verhältnis bestanden haben, wie erste Untersuchungen ihres Erbguts ergaben22 – wahrscheinlich war Ahmes Nefertari Hatschepsuts Großmutter mütterlicherseits. Da Ahmes, Hatschepsuts Mutter, allerdings niemals den Titel „Königstochter“ führte, kann sie nicht die Tochter von Ahmose sein, sondern muss aus einer späteren Beziehung der Ahmes Nefertari stammen (vgl. Abb. 5). Ahmes Nefertari wählte Hatschepsut als ihre Nachfolgerin im Amt der „Gottesgemahlin“, was die besondere Verbindung zwischen ihnen einmal mehr unterstreicht. Außerdem war sie in den ersten Jahren von Hatschepsuts Vater, dessen Thronbesteigung sie unterstützt und vorangetrieben hatte, die machtvolle graue Eminenz im Hintergrund, denn sie befindet sich auf Darstellungen dieser Zeit stets hinter Thutmosis I.

Als Thutmosis I. nach zwölf Regierungsjahren verstarb, muss Hatschepsut Mitte 20 gewesen sein, und ihre beiden Brüder, Prinz Wadj-mose und Prinz Amun-mose, die Söhne von Ahmes, waren ebenfalls nicht mehr am Leben. Die Nachfolge trat der von der Nebenfrau Mut-neferet geborene Prinz Thutmosis an. Wäre Hatschepsut ein Mann gewesen, wäre sie problemlos ihrem Vater auf den Thron gefolgt – so aber diente sie lediglich als Wegbereiterin für ihren Halbbruder. Durch die Ehe mit ihr, der ältesten Tochter der Hauptehe des gemeinsamen Vaters, die außerdem die amtierende Gottesgemahlin war (Abb. 13), erhielt der Prinz seine Legitimation für den Königsthron, den er als Thutmosis II. bestieg (s. Abb. 14). Dem betagten hohen Offizier Ahmose Pen-Nechbet, einem Mitglied der Elkab-Connection, wurde die Erziehung der gemeinsamen Tochter übertragen, der diese Ehre in seiner Biografie erwähnt: „Ich zog ihre große Tochter, die Königstochter Neferu-Ra …, auf, als sie noch ein Kind war, das an den Brüsten lag.“ (SETHE 1906: 34) Es ist zu vermuten, dass Thutmosis II. und Hatschepsut bereits unter Thutmosis I. verheiratet wurden, um nach dem Tod der Prinzen Wadj-mose und Amun-mose eine reibungslose Übertragung der Macht sicherzustellen. Vielleicht war auch schon Prinzessin Neferu-Ra auf der Welt, als ihr Vater noch kein König war.

Abb. 13 Dieses Relief zeigt Hatschepsut als Gottesgemahlin des Amun und nicht als Pharaonin, weshalb es der mutwilligen Zerstörung entgehen konnte. Luxor, Karnak-Tempel, Open-Air-Museum.

Abb. 14 Die Krönung Thutmosis’ II: Götter haben dem neuen König die Rote Krone Unterägyptens auf das Haupt gesetzt und rücken diese nun zurecht. Luxor, Karnak-Tempel, Open-Air-Museum.

Pulsuz fraqment bitdi.

19,03 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
22 dekabr 2023
Həcm:
243 səh. 72 illustrasiyalar
ISBN:
9783945751251
Müəllif hüququ sahibi:
Автор
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar