Kitabı oxu: «Der Herkules: 300 Jahre in Kassel»
Joachim Schröder (Hg.)
Der Herkules
300 Jahre
in Kassel
Vom Wahrzeichen
zum Welterbe
Beiträge von Hans D. Baumann, Helmut Bernert,
Wolfram Boder, Gerd Fenner, Hardy Fischer, Jens Flemming,
Siegfried Hoß, Harald Kimpel, Folckert Lüken-Isberner,
Hartmut Müller, Sabine Naumer, Karl-Heinz Nickel,
Christian Presche, Astrid Schlegel, Joachim Schröder,
Dirk Schwarze, Martina Sitt, Andreas Skorka, Rüdiger Splitter
Mit ‚Geburtstagsgeschenken‘ für den Herkules von Otmar Alt,
F. W. Bernstein, Peter Gaymann, Hubertus Giebe,
James Francis Gill, Gerhard Glück, Felix Kramer, Til Mette,
Rainer G. Mordmüller, Pit Morell (Jean Pierre Morell),
Albert Schindehütte, Hans Traxler, Otto Waalkes


Inhalt
Vorwort
In der Nacht strahlt er im grün leuchtenden Scheinwerferlicht, am Tage wacht er, weit sichtbar, über die Stadt. Wer in Kassel und den umliegenden Gemeinden wohnt, kann ihn von vielen Stadt- und Ortsteilen aus sehen. Wer Kassel auf den großen Verkehrsachsen passiert, dem kommt der Herkules ganz automatisch in den Blick. Deshalb kennen das Wahrzeichen Kassels sehr wahrscheinlich mehr Menschen als ihnen bewusst ist.
Der Herkules ist eine stattliche Figur. Als Lieblingsheld der Antike ebenso wie als Kupferstatue, die monumental von dem Oktogonschloss herab auf Kassel blickt. Die Figur ist Teil oder besser: Spitze eines Ensembles aus Pyramide, Oktogonschloss und den beeindruckenden Wasserspielen, das gemeinsam mit dem Bergpark Wilhelmshöhe 2013 zum Weltkulturerbe geadelt wurde.
Über seine Bedeutung als Sehenswürdigkeit hinaus ist der Herkules identitätsstiftend für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt. Als die Sanierung der Statue anstand, spendeten sie in der beispielhaften Aktion „Wir retten unseren Herkules“ eine halbe Million Euro.
Am 30. November 2017 feiert unser Wahrzeichen seinen Geburtstag: Seit 300 Jahren steht er in 596 Meter Höhe über Kassel. Ein Anlass und geradezu eine Selbstverständlichkeit für uns, das Wahrzeichen unserer Stadt zu würdigen. Daraus ist wieder ein bemerkenswerter Band entstanden, der 39. in unserer Reihe „Die Region trifft sich – die Region erinnert sich“.
Die Autorinnen und Autoren zeichnen in vielen Facetten die Wirkung nach, die der Herkules hatte und hat. Im Jahr der documenta 14 stellen sie auch den Bezug zu früheren Welt-Kunstausstellungen her. Damit entsteht eine Erinnerungsgeschichte unseres Wahrzeichens. Hinzu kommen „Geburtstagswerke“, die eine Reihe namhafter Künstler auf Anregung des Direktors der Museumslandschaft Hessen Kassel für den Herkules geschaffen haben und von denen eine Auswahl in diesem Buch zu sehen ist. Sie lassen unseren Helden würdig, witzig oder karikiert erscheinen. Der Leser darf gespannt sein auf diesen interessanten und schön bebilderten Band.
Das Buch ist ein echtes „Kasseler Gewächs“. Ich danke dem Herausgeber, Dr. Joachim Schröder, und den Autorinnen und Autoren, die in unterschiedlicher Weise aktiv im kulturellen Leben Kassels verankert sind. Den beteiligten Institutionen danke ich für ihre großzügige Unterstützung. Alle dokumentieren mit ihrem Beitrag die Verbundenheit mit unserem Wahrzeichen.
Unsere wunderbare Region hat außerordentliche Schätze zu bieten. Das beweisen wir mit diesem Band über „unseren“ Herkules ein weiteres Mal. Vielleicht regt es die Leserinnen und Leser an, den Herkules, die Wasserspiele, das Schloss Wilhelmshöhe, die Löwenburg und den Bergpark zu besuchen – endlich einmal oder nach langer Zeit wieder.
Ingo Buchholz
Vorstandsvorsitzender der Kasseler Sparkasse
Einleitung
Joachim Schröder

1 Herkules auf der Pyramide
Herkules feiert am 30. November 2017 seinen 300. ‚Geburtstag‘. Seitdem schaut er von der Spitze seiner Pyramide auf dem Karlsberg aus 596 m Höhe auf Kassel, ausgezeichnet als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Bergpark Wilhelmshöhe. Er ist ‚unser Herkules‘ – das unbestrittene Wahrzeichen der Stadt, ja der Region! (Abb. 1)
Wie und seit wann er dazu geworden ist, welche Wirkung der Kasseler Herkules hatte, wie sich das Verständnis der Figur gewandelt hat, worin seine kulturgeschichtliche Bedeutung – ohne den Mythos des antiken Helden natürlich nicht denkbar – besteht: Dies sind die Themen dieses Buches.
In einer Ausstellung im Herkules-Jubiläumsjahr 2017 wurden der Herkules auf dem Karlsberg mit seinen antiken ‚Wurzeln‘, seine Entstehung Anfang des 18. Jahrhunderts, seine Beziehung zu Kassel sowie Aspekte seiner künstlerischen Rezeption präsentiert. Der Herkules wird auch im Jahr 2018 Teil der großen Landesausstellung für den Landgrafen Carl von Hessen-Cassel, den Erbauer des Herkules-Monuments, sein. Die Beiträge in diesem Buch beschränken sich deswegen im Wesentlichen auf das ausgehende 18. Jahrhundert und reichen bis ins 21. Jahrhundert.
Was unter ‚dem Herkules‘ zu verstehen ist – ausschließlich die Figur des Herkules oder das Ensemble aus Figur, Pyramide, Oktogon und Wasserspielen – ist durchaus diskussionswürdig. Nach unserem Verständnis darf das Ensemble nicht ausgespart werden, da es als Gesamtkunstwerk zu verstehen ist und als Bestandteil des UNESCO-Welterbes gilt. (Abb. 2) Der Fokus liegt auf der Figur.
Der Herkules-Mythos wurde in etlichen antiken Quellen überliefert, vielfach ausgestaltet und variiert: Herakles, den die Römer Herkules nannten, war der Lieblingsheld der Antike; seine positiven Züge waren überragend, aber seine negativen Züge wurden nicht verschwiegen.
Schon seine Zeugung – seine Eltern waren der oberste olympische Gott Zeus und die mykenische Königin Alkmene –, seine Geburt als Halbgott und seine Kindheit waren spektakulär. Als junger Mann entschied er sich am Scheidewege für den steilen, steinigen Weg der Tugend. Die zwölf Arbeiten im Auftrag seines Vetters Eurystheus, die er geduldig und erfolgreich bewältigte, verschafften ihm den Ruf eines starken und klugen Tugendhelden und Kulturstifters, da er Ungeheuer und unzivilisierte Wesen mit übermenschlicher Kraft, mit List und Einfallsreichtum besiegte. Bei seiner ersten Tat, dem Sieg über den Löwen von Nemea, erwarb er sich das Löwenfell, das neben der Keule, die er schon als jugendlicher Hirte brauchte, zu seinen dauernden Attributen wurde. Bei seiner letzten Tat kehrte er sogar mit dem Höllenhund aus der Unterwelt zurück. Dies u. a. erlaubte später sogar eine christliche Deutung des Herkules.
Nur mit seiner Hilfe besiegten die olympischen Götter die aufständischen Giganten. Wegen einer Untat – Herkules tötete arglistig den Iphitos – musste er erniedrigende Dienste bei Königin Omphale leisten. Andere Abenteuer führten ihn durch Asien, Europa, Nordafrika bis an den westlichen Rand der damals bekannten Welt, wo er die nach ihm benannten Säulen aufstellte. Er bewährte sich siegreich in vielen Schlachten. Nach seinem Tode wurde er in die Reihen der olympischen Götter aufgenommen.
Dieser Mythos war Grundlage für unzählige Werke der bildenden Kunst, der Literatur, der Musik im ‚alten Europa‘ von der Antike bis heute: Herkules ist ein europäischer Held. Sein vielseitiger und widersprüchlicher Charakter erleichterte die Identifikation und vielfältige Deutung je nach Interessenlage. Wegen der Deutung des Halbgotts Herkules als Tugendheld, als starker, siegreicher Heros sowie als Kulturstifter eignete er sich besonders als fürstliche Identifikationsfigur, schon in der Antike, aber auch im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.
Dies gilt auch für den Kasseler Herkules, der einer berühmten und beliebten antiken Figur nachgebildet wurde.1 Der ausruhende Herkules, mit dem linken Arm auf seine Keule gestützt, über der das Löwenfell hängt, in der rechten Hand hinter dem Rücken drei Äpfel der Hesperiden haltend, die er bei seiner vorletzten – oder letzten – Tat erwarb, schaut mit leicht nach links geneigtem Kopf nachdenklich vor sich hin; er wirkt nicht wie ein triumphierender Held, sondern wie ein sein Leben und die Zukunft bedenkender, reifer Mann (vgl. Abb. 1). Diese 8,30 m hohe Figur wurde am 30. November 1717 eingeweiht.

2 Johann Werner Kobold, Ansicht des Oktogons mit den Kaskaden und Herkules um 1780

3 Geburtstags-Logo der Museumslandschaft Hessen Kassel
Seitdem schaut der Heros auf Kassel. Anfangs galt er als bewundertes Objekt fürstlicher Repräsentation, zunächst von der Bevölkerung unverstanden und als ‚großer Christoph‘ umgedeutet; als weithin sichtbare Landmarke, mit dem ‚Riesenschloss‘ als seinem Unterbau als endlose Bau- und Restaurierungsaufgabe. Er wurde vielfältig politisch ‚vereinnahmt‘, als Spottfigur, als Nothelfer, Schutzpatron und Wächter; als Inspiration zu stadtplanerischer, künstlerischer und literarischer Auseinandersetzung; als vielfältig verwendetes Marketing-Objekt; als Reiseziel, touristisch inzwischen gut verankert. Letztlich ist er ein Heimat stiftendes Wahrzeichen, von den Bürgern geliebt, vielfältig unterstützt und gefeiert und 2013 als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Bergpark Wilhelmshöhe ‚geadelt‘.
Zu diesen und anderen Aspekten, die sich auf den Kasseler Herkules beziehen, äußern sich die Autoren dieses Buches. Sie schreiben damit einen Teil einer noch ausstehenden ‚Erinnerungsgeschichte‘. Schließlich: Dieses Buch ist gleichzeitig ein „Geburtstagsgeschenk“ für unseren Helden. (Abb. 3)
Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, bat namhafte Künstler, aus diesem Anlass ‚Hommage-Blätter‘ zu gestalten. Sie waren in der oben genannten Jubiläums-Ausstellung der MHK „Herkules 300 – Wiedergeburt eines Helden“ im Museum Schloss Wilhelmshöhe zu sehen. Eine Auswahl davon wird in diesem Buch gezeigt. Hierfür gilt Bernd Küster und den Künstlern ein besonderer Dank.
Den Autorinnen und Autoren sowie der Kasseler Sparkasse, die das Projekt großzügig unterstützt hat, dem euregioverlag, dem HNA-Archiv, besonders Renate Klein, der Museumslandschaft Hessen Kassel, besonders Franziska Franke und Ingrid Knauf, dem Stadtarchiv Kassel, besonders Karen Siepelt, dem Stadtmuseum Kassel und dem documenta-Archiv sowie vielen anderen Personen und Institutionen, die helfend beigetragen haben, sei hier herzlich gedankt.
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1 Vgl. hierzu den Beitrag von Rüdiger Splitter in diesem Buch.

Felix Kramer: 2017 ist sein Jahr
Siebdruck, Tusche, Wasserfarben, 46 × 31 cm, Motiv 35 × 26 cm, 2016
Felix Kramer, geb. 1987 in Kassel. Schauspielausbildung, Studium der Visuellen Kommunikation in Kassel. Animationsfilm Herkules erklärt das Weltkulturerbe (Die Wasserspiele – Bergpark Wilhelmshöhe).
Kulturdenkmal in Nöten.
Der Herkules als Sanierungsfall
Jens Flemming
1870 erschien eine Zusammenstellung der „Baudenkmäler im Regierungsbezirk Cassel“. Veranlasst wurde diese erste ihrer Art durch das preußische Kultusministerium, herausgegeben vom Verein für hessische Geschichte und Landeskunde und gedacht als „Grundlage für ein Denkmäler-Inventarium“, für das bereits 1866 Oberpräsident von Möller die Anregung gegeben hatte. Betraut wurden damit der Baurat und Professor an der Königlichen Akademie der bildenden Künste zu Kassel, Heinrich von Dehn-Rotfelser, und der Marburger Architekt Wilhelm Lotz, die mit ihrem Buch die Hoffnung verbanden, es möge dazu beitragen, das Wissen um die „einheimischen Kunstdenkmäler zu verbreiten und die Liebe zu denselben zu fördern und anzuregen.“1 Fast ein halbes Jahrhundert später formulierte der hessische Volkskundler Carl Heßler das Programm, das hier angeklungen war, nun freilich intensiver noch erfüllt von volkspädagogischem Impetus, so: „Je mehr der Mensch mit seiner Heimat vertraut wird, desto mehr wurzelt, wächst und gedeiht in dem Herzen ein gar edles Pflänzchen, nämlich die Liebe zur Heimat. […] Damit leistet aber zugleich die Kenntnis der Heimat dem Vaterlande unschätzbare Dienste, denn in der Liebe zur engeren Heimat wurzelt die Liebe zum größeren Vaterlande.“2
In Überzeugungen wie diesen spiegelte sich die wachsende Bedeutung, die der engeren Lebenswelt und den dort zu entdeckenden Überresten der Vergangenheit für die Herausbildung und Festigung regionaler wie nationaler Identität beigemessen wurde. Denkmalpflege und Heimatschutz wurden zwei Seiten ein und derselben Medaille, mündeten ein in kulturpolitische, von entsprechenden Vereinen getragene Bewegungen und verharrten nicht länger in den Sphären monarchischer Repräsentationsbedürfnisse, sondern wurden zu bürgerschaftlichen, heute würden wir sagen: zivilgesellschaftlichen Kernaufgaben erkoren. Monumente wie der Herkules auf der Wilhelmshöhe wurden zu Kulturdenkmälern, deren Kulturwert, wie im späten 19. Jahrhundert das Zauberwort lautete, außer Frage zu stehen schien. Die Aufwendungen für Pflege und Erhaltung oblagen nicht länger der fürstlichen Hofkasse, sondern staatlichen Instanzen, deren Finanzgebaren zunehmend parlamentarischer Kontrolle unterworfen war. Je mehr der Herkules zum Erkennungs- und Wahrzeichen der Stadt wurde, umso schwieriger war es, sich der Pflicht für seinen Fortbestand zu entziehen. Ein kupferner Riese, der dermaßen starke Impulse auf städtische und landsmannschaftliche Identitätsbedürfnisse ausstrahlte, konnte und durfte nicht einfach seinem Schicksal überlassen werden, es mochte kosten, was es wolle. Dass es teuer werden könnte, hatte bereits in der Entstehungszeit die Cousine des Landgrafen Carl, Lieselotte von der Pfalz, geahnt, als sie 1707 die Befürchtung äußerte, die Ambitionen, die sich um den Herkules rankten, könnten den Vetter in den Ruin treiben.3 Damals war die Rede von – im Lichte späterer Erfahrungen – bescheidenen 20.000 Reichstalern pro Jahr, bis auf den heutigen Tag sind daraus Millionen, nicht Taler, wohl aber Mark und Euro geworden.
Sehr früh, noch in der Bauphase, war klar, dass das Oktogon, auf dem die Pyramide und der Herkules ruhten, mit gravierenden Mängeln behaftet war. Die Geschichte des Ensembles ist tatsächlich „die Geschichte seiner Instandsetzung.“4 Ebenfalls sehr früh ist das von Zeitgenossen beobachtet und bemängelt worden. Von Anbeginn an handelte es sich um einen Sanierungsfall, und ein solcher blieb er bis auf den heutigen Tag, steter Fürsorge, Nachbesserung und Stützung bedürftig. Bereits 1728 hatte der Frankfurter Patrizier Johann Friedrich Armand von Uffenbach konstatiert, dass seit seinem ersten Besuch vor 18 Jahren nicht nur nicht weiter gebaut worden sei, sondern dass im Gegenteil das „weltberühmte Lusthaus“, wie er das Oktogon nannte, ziemlich „verwüstet“ anmute: „viele eingesunkene Treppen, zerstümmelte Statuen und heruntergefallene Einfaßungssteine“. Für den Autor ein Anlass zu Betrachtungen, in denen sich, typisch für die Epoche, in der dies niedergeschrieben wurde, Resignation mit der Einsicht in die Vergeblichkeit menschlichen Tuns paarte: Nichts sei von Dauer, alles im Fluss, der „Wechsel der Zeiten“ treibe den „Zerfall aller Dinge“ hervor.5
Damit war ein Kammerton angeschlagen, der fortan nicht mehr verstummen sollte. Eine ebenso detaillierte wie prinzipielle Kritik der Versäumnisse und Fehlkalkulationen des Baus lieferte zum Beispiel 1845 der Kasseler Oberbaumeister Engelhard, der sich zuvor schon geäußert hatte6, mit einer zweiten, nun ausschließlich dem Oktogon gewidmeten Abhandlung im renommierten „Journal für die Baukunst“. Der Architekt der Anlage, der Italiener Guerniero, habe sich von Techniken seiner Heimat leiten lassen, aber nicht bedacht, dass sie für das nördliche Hessen ungeeignet waren. Da er kein „angemessenes Material“ hatte, betonte Engelhard, konnte er damit zwangsläufig nicht reüssieren: Es sei ein Wunder, „daß das Gebäude nach 130 Jahren noch“ stehe und nicht eingestürzt sei. Der Grund für die nicht zu übersehenden Kalamitäten sei, dass die Gesteine, die auf dem Karlsberg vorhanden waren, zwar dem ähnelten, was der Baumeister von Italien her kannte, aber für eine Konstruktion von der Dimension des Oktogons untauglich waren. Überdies habe „guter Bausand“ gefehlt, weshalb Guerniero auf den „unglücklichen Gedanken“ verfallen sei, eine Alternative zu wählen, die nicht haltbar und ohne „Bindekraft“ war. Das Mauerwerk falle daher „auseinander wie Erde“, und die „eindringende Feuchtigkeit“ wirke namentlich im Winter verheerend, wenn das „feuchtgewordene Material“ dem Frost ausgeliefert sei. Auch die Kaskaden seien stark in Mitleidenschaft gezogen. Insofern hielt es Engelhard für zweckmäßig, dass man sich zunächst auf deren Instandsetzung konzentriert hatte. 1844 vollendet, konnten sie am „Geburtstage S.K.H. des Kurfürsten und Mitregenten, nemlich am 20ten August, zum erstenmal wieder angelassen werden“.7 Die Konsequenzen, die aus gravierenden Fehlplanungen resultierten, mündeten in ein dauerhaftes Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Handwerker der Stadt und des Umlandes, was vor allem in Perioden wirtschaftlicher Krisen, etwa in den Hungerjahren vor der Revolution von 1848 segensreich und den Beteiligten durchaus bewusst war. In diesem Sinne äußerte etwa die kurfürstliche Hofbau-Direktion im Mai 1843, die Bewilligung für Instandsetzungsarbeiten am Oktogon, seien nicht allein „ein Ausdruck loyalster Gesinnung zur Erhaltung“ eines „vaterländischen Monuments“, sondern helfe auch, den „Notstand“ mangelnder Arbeit für Maurer, Zimmergesellen und verwandte Berufe zu „beseitigen“, zumindest aber zu mildern.8
Berichte der Hofbauverwaltung, später der Preußischen Schlösser- und Gartenverwaltung über die „Gebrechen“ am Oktogon waren Legion.9 Die zu bewältigenden Aufgaben stuften die Verantwortlichen stets und beinahe schon gewohnheitsmäßig als dringlich ein, aber nicht immer gingen die notwendigen Sanierungsmaßnahmen mit gebotener Zügigkeit voran, sei es aus Mangel an Geld, sei es aus Mangel an Interesse von Seiten des jeweils regierenden Monarchen. Grundsätzlich besser wurde die Situation selbst dann nicht, als nach der ‚Verfassungsrevolution‘ von 1830/31 die Stände in Budgetfragen ein Mitsprache- und Bewilligungsrecht hatten und mehrfach ihre Bereitschaft bekundeten, sich – obwohl nicht dazu verpflichtet – an der Finanzierung zu beteiligen, was freilich haushaltspolitische Finten und Volten des Monarchen oder der Deputierten in der Kammer keineswegs ausschloss, insofern das tiefe Misstrauen, das die Verfassungsorgane gerade im Feld der ohnehin begrenzten parlamentarischen Mitwirkungs- und Kontrollrechte gegeneinander hegten, sich auch hier zu Gehör brachte.10
Im Januar 1847 beklagte die Hofbau-Direktion, dass eine „Fortsetzung der Herstellungsarbeiten am Oktogon“ abermals in „ungewisse Ferne“ gerückt sei.11 Ähnlich klang, was Hofbaumeister Dehn-Rotfelser 1863 notierte. Zwar sei 1851 eine Berechnung der Kosten für notwendige „Restitutionsarbeiten“ vorgelegt und bewilligt worden. In den verflossenen zwölf Jahren aber habe sich nichts bewegt, „so daß die schadhaften“ Bereiche am Oktogon „schutzlos den zerstörenden Einflüssen des Wetters preisgegeben waren“, was den Zerfallsprozess erheblich beschleunigt habe.12 Teils wurden kleinere, teils größere Summen veranschlagt und verausgabt, Kostenpläne, Gutachten, Vorschläge und dringliche Mahnungen lösten einander ab, dauernd wurden Löcher gestopft, hangelte man sich von Provisorium zu Provisorium, die Aussicht jedoch, den vorhandenen und immer aufs Neue ans Tageslicht drängenden Probleme und Misshelligkeiten endgültig abhelfen zu können, war und blieb gering. Auch wurde durch die fortwährenden Erhaltungs- und Erneuerungsarbeiten die „ursprüngliche Gestalt und Wirkung des Denkmals“ erheblich beeinträchtigt.13 Dass die Öffentlichkeit daran lebhaften Anteil nahm, zeigen die Debatten in der Ständeversammlung, illustriert aber auch ein Eintrag im Piererschen Universal-Lexikon, das 1836 vermerkte, es sei schade, „daß die großen Kaskaden nicht mehr im Gange“ seien: „Das ganze Werk ist in das Stocken geraten, so wie auch das Oktogon sehr baufällig geworden ist, Reparaturkosten aber sind so bedeutend (man versichert über 150.000 Thaler), daß wohl zu befürchten ist, daß jenes Werk bald nur noch eine Ruine sein wird, welche die Größe des einstigen Ganzen andeutet.“14
Knapp 100 Jahre später, im August 1930, als sich bereits die negativen Wirkungen der Weltwirtschaftskrise abzeichneten, die in Deutschland eine tiefe Krise des politischen und sozialen Systems auslöste, meldete das „Kasseler Tageblatt“, der „große Christoph“ sei „in Nöten“. An ihm nage „gemächlich“ der „Zahn der Zeit“: Zweihundert „Winter und Sommer mit ihrer Kälte und Wärmeerscheinungen [so!] haben dem Mauerwerk hier und da Wunden geschlagen, die nicht übersehen werden dürfen.“ Gefordert sei der preußische Staat, den man an seine Pflichten erinnern müsse. Um dem Nachdruck zu verleihen, lud der Wehlheidener Bürger-Verein zu einer Begehung ein, an der sich circa 30 Interessierte beteiligten, neben Repräsentanten der verschiedenen Kulturvereine, darunter des Vereins für Natur- und Heimatschutz, einige Angehörige der Schlösser- und der staatlichen Bauverwaltung. Im Ergebnis wurde eine Kommission gewählt, die „Mittel und Wege finden“ sollte, „um die Fortführung der Instandsetzungsarbeiten zu gewährleisten.“15 Tatsächlich bereitete der Zustand des Oktogons auch dem Direktor der staatlichen Schlösser und Gärten „schwere Sorgen“, die „Schäden“ seien „wesentlich ernster“ als bisher angenommen. „Ich glaube nicht betonen zu müssen“, fügte er hinzu, „daß der Herkules nicht einfach als Ruine seinem weiteren Schicksal überlassen werden kann, denn ein solches Verhalten würde im ganzen Hessenland den denkbar ungünstigsten politischen Eindruck hervorrufen.“ Schließlich hänge die Bevölkerung sehr an „ihrem Wahrzeichen“.16
Dies war die Maxime auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Vom „Patienten Herkules“ war die Rede17, er sei ein „wackliger Riese“18, habe gar „nasse Füße“19, so oder so ähnlich lauteten die Meldungen in der lokalen Presse. Die Komplexität der Aufgaben, die auf die mit der Sanierung beauftragten Ingenieure, Statiker und Handwerker warteten, wurde in handliche Bilder übersetzt, dabei nicht selten das Können der Bauleute mit dem aufzubringenden finanziellen Aufwand verknüpft. „Seit 50 Jahren erhält“ der Herkules, schrieb im April 1983 die „Hessische Allgemeine“, „ungezählte Spritzen aus Spezialmitteln, allein von 1951 bis 1971 wurden elf Millionen Mark investiert.“20 An die Bausünden aus den Anfängen erinnernd, titelte die Zeitung 1985: „Landgraf sorgte für ein Dauer-Bauprogramm am Herkules.“21 Zwei Jahre später sah man „keine Gefahren mehr in der Unterwelt“, will sagen: Der kranke Herkules sei als „geheilt entlassen“, freilich nur im Blick auf den ihn tragenden „Untergrund“, und das wiederum hieß, er „sollte weiter unter Beobachtung bleiben.“ Schuld daran seien die „Schlampereien“ des Erbauers Guerniero.22 Immerhin brachten die Arbeiten einem der Beteiligten akademische Würden ein, was die Kasseler Presse mit Stolz vermeldete. Der Ingenieur Helmut Sander nämlich, der zwischen 1951 und 1971 die Arbeiten am Monument geleitet hatte, wurde an der Technischen Universität Berlin mit einer Studie über das „Herkules-Bauwerk“ promoviert, die sich als Beitrag zur „Geschichte der Denkmalspflege“ und der sich in diesem Feld wandelnden „Methoden und Ziele“ verstand.23
2006 begann ein neuer Zyklus von Restaurierungsbemühungen, der bis heute nicht abgeschlossen ist und erhebliche Finanzmittel erfordert – wie sich abermals bestätigt: der Erhalt des Herkules entpuppt sich neuerlich als „Daueraufgabe“.24 (Abb. 1) Bereits zwei Jahre zuvor hatte man, organisiert von den lokalen Medien, unter den Bürgern Geld für weitere Sanierungsmaßnahmen eingesammelt: „Diese Spenden-Aktionen sind die größte Bürgerbewegung in der Geschichte der Stadt Kassel“, resümierte voller Überschwang der damalige Oberbürgermeister Lewandowski.25 Zu pathetischen Formulierungen 1 Oktogon eingerüstet von Osten neigte bisweilen auch die Berichterstattung der „Hessischen Allgemeinen“, die im Januar 1990 titelte: „Unser Wahrzeichen – ein schwerer Junge“. Der „scheidende Kasselaner sieht ihn als letztes Zeichen seiner Vaterstadt am Horizont, den heimkehrenden grüßt er schon von weitem. Vereine tragen ihn im Wappen, Firmen verwenden ihn als Symbol, Fremde bestaunen die acht Meter hohe Kuppelfigur. In den Stürmen der Zeit vernarbt, aber ungebrochen wacht der Recke über Kassel, und die Leute lieben ihn.“26

1 Oktogon eingerüstet von Osten
Und doch: Trotz der vielen Besucher, gab 1981 Helmut Sander zu bedenken, sei eine „ziemlich allgemein verbreitete gefühlsmäßige Distanz zu dem düsteren Bauwerk mit seiner nackten Symbolfigur dem Verstehenwollen hinderlich.“ Das „Bauwerk allein“ könne man „nicht lieben“, man lasse es allenfalls gelten „in Verbindung mit den reizvollen Wasserkünsten, dem herrlichen Bergpark der Wilhelmshöhe und dem großartigen Erlebnis der berühmten Gemäldegalerie, dem Schloßmuseum und der Löwenburg.“ Ob die Erhebung der Wilhelmshöher Anlage zum Weltkulturerbe daran grundsätzlich etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Schon Sander hatte gemeint, “das Herkules-Bauwerk“ wolle „verstandesmäßig erobert“ werden.27 In diesem Sinne die Öffentlichkeit aufzuklären, ihr das „historische Erbe“ und dessen „Bedeutung für die Identität einer Stadt und ihrer Bewohner“ nahezubringen, bleibt in jedem Fall ein „anspruchsvolles Ziel für die Zukunft.“28
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1 Heinrich von DEHN-ROTFELSER und Wilhelm LOTZ, Die Baudenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Cassel 1870, S. X. Der Eintrag über die Wilhelmshöhe und das Oktogon auf S. 312f.
2 Carl HEßLER, Hessische Landes- und Volkskunde, Das ehemalige Kurhessen und das Hinterland am Ausgang des 19. Jahrhunderts, Bd. 1: Hessische Landeskunde. Erste Hälfte, Marburg 1906, S. IV.
3 Vgl. Gerd FENNER, Der „Grottenbau“ auf dem Karlsberg. Zur Baugeschichte des Oktogons und der Wasserkünste, in: Christiane LUKATIS und Hans OTTOMEYER (Hg.), Herkules. Tugendheld und Herrscherideal. Das Herkules-Monument in Kassel-Wilhelmshöhe, Eurasburg 1997, S. 99–119, hier S. 110f.
4 So Astrid Schlegel, Zur Bau- und Restaurierungsgeschichte des Herkulesbauwerks, in: Das Herkulesbauwerk im Bergpark Wilhelmhöhe. Berichte zur Restaurierung, Wiesbaden 2011, S. 31–46, hier S. 31.
5 Johann Friedrich Armand VON UFFENBACH’s Tagbuch einer Spazierfarth durch die Hessische in die Braunschweig-Lüneburgischen Lande (1728), hg. von Max ARNIM, Göttingen 1928, S. 48f.
6 Johann Daniel ENGELHARD, Versuch einer artistischen Beschreibung des kurfürstlich-hessischen Lustschlosses Wilhelmshöhe bei Cassel, in: Journal für die Baukunst 16 (1842), S. 49–68 und S. 149–172.
7 Johann Daniel ENGELHARD, Die Herstellung des Oktogons und der Cascaden zu Wilhelmshöhe bei Cassel, in: Journal für die Baukunst 21 (1845), S. 174–186, hier S. 174f., S. 178 und S. 183.
8 Hofbau-Direktor Ruhl an verschiedene Maurermeister, 18.5.1843, in: HStA Marburg, Bestand 7 b 1, Nr. 470. Zu den vielfältigen Sanierungsbemühungen vgl. Helmut SANDER, Das Herkules-Bauwerk in Kassel-Wilhelmshöhe. Ein Beitrag zur Geschichte der Denkmalpflege und zum Wandel ihrer Methoden und Ziele, Kassel 1981.
9 So die Formulierung HStA Marburg, Bestand 7b1, Nr. 470, Nr. 472: Kurprinzliche Hofbaudirektion, Bericht von J. Engelhard, 1.7.47.
10 Siehe auch den Beitrag von Gerd FENNER in diesem Buch.
11 HStA Marburg, Bestand 7a Gef. 122, Nr. 17b: Hofbau-Direktion an Oberhof Marschallamt, 12.1.1847.
12 Ebd., Bestand 7b1 Nr. 474: Dehn-Rotfelser an kurfürstliche Hofbau-Direktion, 22.12.1863.
13 Alois HOLTMEYER, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Bd. IV: Kreis Cassel-Land, Marburg 1910, S. 255.
14 Universal-Lexikon oder vollständiges encyclopädisches Wörterbuch hg. von H.A. PIERER, 26. Band, Altenburg 1836, S. 175. Zum Herkules in internationalen Enzyklopädien siehe den Beitrag von Sabine NAUMER in diesem Buch.
15 Kasseler Tageblatt, 15.8.1930 (Der große Christoph in Nöten).
16 Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 151 Nr. 1072: Dr. Gall, Direktor der staatlichen Schlösser und Gärten an Dr. Schnitzler, Preußisches Finanzministerium, 22.8.1930. Bewilligung von 60.000 Reichsmark durch das Finanzministerium: an Regierungspräsident Kassel, 9.9.1930, ebd.
17 Hessische Allgemeine (HA), 23.5.1987 (Keine Gefahren für die Unterwelt).
18 HA., 21.12.1970 (Neue Spritzen für den Herkules).
19 Ebd., 12.10.1968 (Tunnelbauer dringen in den Karlsberg ein).
20 Ebd., 19.4.1983 (Über 250 Jahre alter Herkules steht auf ‚wackeligen Füßen‘).
21 Ebd., 26.10.1985.
22 Ebd., 23.5.1987.
23 Ebd., 19.12.1981 (Arbeit am Herkules bringt Kasseler Diplomingenieur den Doktortitel). Das nahm Bezug auf Helmut SANDER (wie Anm. 8).
24 So die Diagnose der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (HNA), 13.10.2016 (Vor zehn Jahren geköpft). Zu den verschiedenen Etappen der Sanierung vgl. SCHLEGEL, Bau- und Restaurierungsgeschichte, passim.
25 Frankfurter Rundschau, 2.9.2004 (Herkules profitiert vom Fischbrötchen). Vgl. auch den Beitrag von Dirk SCHWARZE in diesem Buch.
26 HNA, 13.1.1990.
27 Helmut SANDER, S. 55. Wie man sich das vorzustellen hat, führt der Autor auf den folgenden Seiten aus.
28 Horst BECKER und Michael KARKOSCH, Park Wilhelmshöhe Kassel. Historische Analyse, Dokumentation, denkmalpflegerische Zielsetzung, Regensburg 2007, S. 36.

Hans Traxler: Herkules als Rentner
Aquarellierte Zeichnung, 38,1 × 28,7 cm, 2016
Hans Johann Georg Traxler, geb. 1929 in Herrlich/Tschechoslowakei. Maler, Cartoonist, Kinderbuchautor, Illustrator. Er zählt zur Neuen Frankfurter Schule. Studium der Malerei und Lithografie an der Städelschule in Frankfurt. Karikaturist für Pardon, Mitbegründer der Satirezeitschrift Titanic. Vielfach ausgezeichnet, darunter 2007 Deutscher Karikaturenpreis für sein Lebenswerk. 2014 Goetheplakette der Stadt Frankfurt.
Der Herkules als Landmarke und Aussichtspunkt
Siegfried Hoß und Andreas Skorka
„[…] ganz oben in der Höhe eine Althan kommen wird, auf welcher, wie leichtlich zu erachten, die unvergleichlichste Aussicht rings herum, und weit und breit seyn muß, über die höchste im Hessenland häuffig befindlichen Berge und Thäler:“1 So beschreibt der Frankfurter Schöffe und Ratsherr Zacharias Conrad von Uffenbach 1710 die Eindrücke seines Besuches am Oktogon.
Landgraf Carl hatte auf der Spitze des Berges, heute Karlsberg genannt, im Westen Kassels eine Gartenarchitektur – kein Schloss (!) –, einen Berg auf dem Berg2 aus der Umgebung herauswachsen lassen. Diese Wirkung entstand durch die grottenhafte Gestaltung und den verwendeten Stein, den Kasseler Tuffstein oder Habichtswald-Lapilli-Tuff. Für sein Bauwerk ließ er mitten im Bergrücken einen strategisch günstig gelegenen Platz einebnen, der etwas unterhalb zweier Hochpunkte gelegen war. Die daneben liegenden Hügel wirken so als Teil der Skulptur und steigern nochmals die Mächtigkeit des Bauwerkes.
Das Oktogon muss zunächst für sich betrachtet werden, da Landgraf Carl ursprünglich nicht vorhatte, dem Gebäude die überwältigende Herkulesstatue aufzusetzen. Als Abschluss sollten auf der Balustrade der Plattform die Götter des Olymps platziert werden. Aber schon das Oktogon selbst war eine bedeutende Architektur in der damaligen Zeit, in der es keine Hochhäuser gab, sondern höchstens bis zu fünf Stockwerke hohe, aber klein wirkende Gebäude aus dem Mittelalter.
Die großen herrschaftlichen Bauten stachen im Barock deutlich aus der übrigen Bebauung hervor und waren daher im wahrsten Sinn des Wortes wegweisend. Sie waren zudem eine Machtdemonstration der barocken Fürsten, dies traf insbesondere beim Oktogon zu. Dort oben, mitten auf dem Berg, war es die Landmarke schlechthin. Hier war der Herrscher von überall symbolisch sichtbar. Dies beschreibt z. B. der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel in einem Brief an seine Frau: „Der Weg ist sehr anmuthig, Kassel liegt ganz vortrefflich in einem weiten Thale; – den Herkules auf Wilhelmshöhe erblickt man schon in der Entfernung von einigen Stunden als eine Spitze in der Mitte eines Gebirgszugs“.3

1 Blick vom Oktogon: Es wird deutlich, dass die Wirkung auf die Stadt und die benachbarten Dörfer beeindruckend war
Zudem war es für Landgraf Carl wichtig, mit dieser neuartigen Architektur auch international Beachtung zu finden. Unter diesem Aspekt sind die Idee der Inszenierung eines ganzen Bergrückens sowie die Beherrschung einer ganzen Landschaft und die realisierte Anlage vom Oktogon bis zum Neptunbassin von Bedeutung.
Erst 1713 entstand offensichtlich die Idee, diese Landmarke nochmals zu überhöhen. Die über 25 m hohe Pyramide sowie die mit Unterkonstruktion über 11 m hohe Statue4 ließen das Bauwerk am Ende doppelt so hoch werden wie das ursprüngliche Oktogon; Masse und Sichtbarkeit des Gebäudes nahmen weiter zu. Mit einer Gesamthöhe von ca. 70 m über Grund befindet sich der Herkules-Kopf nun 596 m über dem Meeresspiegel.5

2 Die farbige Nachbearbeitung vermittelt einen Eindruck, wie die Statue vermutlich zu Beginn aussah
Zur Welterbe-Anmeldung des Bergparks Wilhelmshöhe wurde mit Hilfe des Computerprogramms GIS6 die Sichtbarkeit des Oktogons aus der Umgebung zu seiner Entstehungszeit geprüft. Mit seinen 31 Metern Höhe war es von großen Teilen der Stadt aus zu sehen. Aber wie sah es in der übrigen Landgrafschaft Hessen-Kassel aus? Bei der Untersuchung wurden historische Pläne, die die Bebauung und Bewaldung um 1700 darstellen, verwendet. Die geschlossene Bebauung wurde mit 10 m, der Waldbestand mit 25 m Höhe angenommen, so dass man einen recht guten Eindruck erhält, von wo aus das Oktogon zu sehen war.7 Die Analyse ergab, dass es hauptsächlich aus Richtung Osten zu sehen war.
Aus Richtung Westen verhinderten die höheren Berge des Habichtswaldes die Sicht aus der Ferne; aus Richtung Süden und Norden sind dies die neben dem Oktogon gelegenen Bergrücken. Insgesamt war das Oktogon aus ca. 7 % der Fläche der Landgrafschaft zu sehen. Die später aufgesetzte Pyramide verdoppelte diese Fläche, die Herkulesstatue erhöhte diese nur noch gering. Für die Sichtbarkeit von einzelnen Standpunkten konnte diese zusätzliche Höhe jedoch entscheidend sein.
Bei der Untersuchung interessierte auch die Frage, von welchen der anderen nahegelegenen Herrschaftssitze – außer dem Stadtschloss – das Oktogon und der Herkules sichtbar waren. Von der Sababurg aus bestand keine Sichtbeziehung. Bei dem Jagdschloss in Wabern, dem von Landgraf Carl zu Beginn des 18. Jahrhunderts gebauten Karlshof, war der Herkules gemäß der Analyse aus den oberen Stockwerken oder dem Dachgeschoss zu sehen. Beim Blick aus den unteren Stockwerken verhinderte dies jedoch die Bewaldung einer Bergkuppe.8
Da die Statue aus weiter Entfernung nur bei gutem Wetter und manchmal nur unter Zuhilfenahme eines Fernrohres zu sehen war, entfaltete sie ihre Wirkung insbesondere in der näheren Umgebung.
Nicht zu beantworten bleibt jedoch die Frage, ob sie in den ersten Jahren, als die Figur vermutlich kupferfarben glänzte9, ohne Hilfsmittel noch deutlich besser zu sehen war. (Abb. 2)
Die von Landgraf Carl vor 300 Jahren positionierte Landmarke hat ihre Wirkung bis heute nicht verloren, auch wenn sie inzwischen weniger ein Herrschaftssymbol als einen Orientierungs- und Identifikationspunkt darstellt. Wahrgenommen werden die Herkulesstatue und das gesamte Bauwerk Landgraf Carls auf unterschiedliche Art und Weise, z. B. bei Wanderungen in der Umgebung, bei der Fahrt auf der Autobahn in das Kasseler Becken oder auch von erhobenen Punkten der umliegenden Mittelgebirge aus.

3 In Richtung Westen bilden die näher gelegenen Berge, wie der Essigberg, den Horizont
Am besten begibt man sich auf eine Wanderung auf dem „Kassel-Steig“. Dieser Rundwanderweg, der der Stadt Kassel zu ihrem 1.100-jährigen Jubiläum vom Hessisch-Waldeckischen Gebirgsverein Kassel „geschenkt“ wurde, hat seinen Ausgangs- und Endpunkt am Herkules und verbindet in zwölf Etappen Gemeinden rund um Kassel.10 Bei der Mehrzahl der Etappen gibt es immer wieder überraschende Ausblicke auf das Herkulesbauwerk, und zwar aus südöstlicher über östliche bis nördliche Richtung. Der Herkules wird damit zur verbindenden Landmarke dieses Wanderweges, ist er doch oft auch dann noch zu sehen, wenn die Stadt Kassel auf Grund des Bodenreliefs verdeckt ist.
Für einen anderen Wanderweg ist der Herkules sogar Namensgeber, und zwar für den mit der Markierung X 7 bezeichneten „Herkulesweg“. Dieser Weitwanderweg verbindet die Ausgangspunkte Battenberg an der Eder und das Heilbad Heiligenstadt an der Leine in Thüringen mit dem Herkules, der allerdings nur von den näher gelegenen östlichen Streckenteilen aus gesehen werden kann. Auch von höher liegenden Punkten der Mittelgebirge im Osten von Kassel aus kann die Landmarke Herkules entdeckt werden, beispielsweise aus der Söhre, vom Turm des Bilstein im Kaufunger Wald (641 m NN) und von Teilen des Hohen Meißner (753 m NN). Beim Blick von den westlich des Habichtswaldes liegenden Mittelgebirgen aus wird der Herkules von den Erhebungen Hohes Gras (615 m NN) und Essigberg (597 m NN) verdeckt. Allerdings gibt es eine Ausnahme, den Blick vom Turm des Berges „Bierbaums Nagel“ im Eggegebirge bei Warburg. Im Treppenaufgang des Turms wird auf einer Tafel die Erbauungsgeschichte beschrieben und auch in Beziehung zum Blick auf den Herkules gesetzt.
Über den Bau des Turmes ist zu berichten:
Das Jahr 1846 brachte eine sehr schlechte Ernte. Not kehrte in vielen Häusern ein. Da wandten sich die Bauern und Tagelöhner aus Borlinghausen an den damaligen Gutsherrn namens Bierbaum um Hilfe. Dieser versprach ihnen, u. a. auch durch Zuweisung einer lohnenden Arbeit, zu helfen. Er beschloss, auf der „Egge“ einen Wart- und Aussichtsturm erbauen zu lassen, von wo der „Herkules“, das Wahrzeichen Kassels, der Geburtsstadt seiner Gattin, zu sehen war. Dadurch erfüllte er zugleich den Wunsch seiner jungen Frau, die unter großem Heimweh litt. Oft ist die Gutsherrin auf einem Esel den Pfad hinaufgeritten, hat den Turm bestiegen, die Heimat gesehen und ist getröstet wieder heimgekehrt. Darum heißt der Weg zum Aussichtsturm aus Richtung Borlinghausen „Eselspatt“. Der Turm wird auch „Bierbaums Nagel“ genannt, weil er wie ein gewaltiger Nagel auf der „Egge“ auf einer Höhe von 430 m NN emporragt.
Mitglieder des Eggegebirgsvereins Borlinghausen bestätigten dem Verfasser,11 dass der Herkules vom Turm aus zu sehen sei, und zwar direkt rechts neben dem Hohen Dörnberg, der ohne Probleme auszumachen sei. Es komme aber natürlich auf die Wetterverhältnisse an, und außerdem müsse man auch wissen, wo und wonach man zu suchen habe. Immerhin beträgt die Entfernung zwischen beiden Bauwerken 39,7 Kilometer. Bei Anwendung eines geeigneten Computerprogramms lässt sich eine Luftlinie von „Bierbaums Nagel“ zum Herkules ziehen, die auf kein Hindernis stößt, insbesondere auch, weil sich die Turmplattform von Bierbaums Nagel auf einer Höhe von 445 m NN und die Füße des Herkules auf einer Höhe von 588 m NN befinden.
Von Standpunkten jenseits einer Entfernung von 50 km wird es schwierig, das Herkulesbauwerk auszumachen, da es zu klein ist und es sich auch nicht vom Landschaftshintergrund abhebt.
Millionen von Menschen werden das Herkulesbauwerk vom Auto aus wahrgenommen haben, wenn sie auf der Autobahn A 7 von Süden oder Norden kommend die kleine Spitze am westlichen Horizont entdeckt haben. Erfreulicherweise werden sie durch den beschilderten Parkplatz „Herkulesblick“ wenigstens über den Namen des Bauwerks informiert. Seit der Aufnahme des Bergparks mit Herkules und Wasserkünsten in die Liste des Welterbes wird durch ein weiteres Schild an der Autobahn ebenfalls darauf hingewiesen.
Für die Bewohner der Stadt Kassel ist der Blick zum Herkules eine Selbstverständlichkeit, und die Wilhelmshöher Allee als Achse vom Herkules zur Stadt bleibt eine wesentliche Orientierung, die durch das bei Dunkelheit angestrahlte Bauwerk und den an Wochenenden vom Fridericianum zum Herkules laufenden Laserstrahl noch verstärkt wird. In vielen Immobilienanzeigen gilt der Herkulesblick bei der Beschreibung von Wohnlagen nach wie vor als Qualitätskriterium. Wendet man die Blickrichtung um, so wird die Landmarke Herkules zum faszinierenden Aussichtspunkt auf die Stadt Kassel, einen großen Teil der umliegenden Gemeinden sowie näher und weiter liegende Mittelgebirge. Diese Aussicht wird auch schon in den Berichten früherer Reisender erwähnt. So schreibt David August von Apell im Jahr 1805 über den vermeintlichen Ausblick aus einer in der Keule des Herkules vorhandenen Klappe:
„Über alles irdische gleichsam erhaben steht man hier in den höheren Luftregionen und schauet in das mehrere 1000 Fuß12 tiefer liegende Thal aus dieser schwindelerregenden Höhe hinab. […] Weiterhin erblickt man am Abhange des Berges die Löwenburg mit ihren Thürmen, tief unter sich am Fuße des Berges das kurfürstliche Schloß mit allen dazu gehörigen Gebäuden. In weiterer Entfernung erscheint die Residenzstadt Cassel durch die Allee mit Wilhelmshöhe verbunden, nebst unzähligen anderen umherliegenden Flecken, Landgütern und Dörfern. Ein großer Theil des Hessenlandes, ein Theil des Kurfürstenthums Hannover, selbst die hinter Hügeln hervorragenden Thurmspitzen von Göttingen und mehrere andere kleinere angrenzende Länder und Herrschaften können hier mit einem Blicke übersehen werden. Mehrere weit entfernte hohe Berge, zum Beyspiel, der Meißner, der Hirschberg bey Grosallmerode, der Knöll bey Schwarzenborn, unendlich viele beträchtliche Gebürge, als der hohe Inselberg bey Gotha, sind bey heiterem Wetter deutlich sichtbar. In blauer Ferne erscheinen die majestätischen Harzgebürge, unter denen der deutsche Bergkönig, der Brocken, sein ehrwürdiges Haupt erhebt, nebst vielen anderen Gebürgen, Bergschlössern und Ruinen.“13
Hält die Realität dieser Reisebeschreibung stand? Wir können davon ausgehen, dass Apell diese Berge nicht alle selbst gesehen hat, sondern andere Quellen wiedergegeben hat.14 In der Tat sind die Berge im Nahbereich bis zu 50 Kilometern Entfernung wie der Meißner, der Hirschberg und das Knüllköpfchen, aber auch die von Apell nicht erwähnten Berge Bilstein im Kaufunger Wald, der Alheimer im Süden, der Wüstegarten im Kellerwald und der Hohe Dörnberg nördlich des Herkules sowie Bierbaums Nagel ohne Probleme bei klarer Sicht auszumachen. Schwieriger wird es, den Großen Inselberg im Thüringer Wald und den Brocken im Harz zu identifizieren. Die Luftlinienverbindung am Computer sieht kein Hindernis beim Blick vom Herkules zu diesen beiden Bergen. Die ausgewiesene Luftlinienentfernung zum Inselberg (91 km) und Brocken (100 km) führt allerdings dazu, dass sie beide nur bei einer ausgeprägten Inversionswetterlage zu entdecken sind. Das gleiche gilt für die Wasserkuppe (99 km Luftlinie) in der Rhön, den höchsten Berg Hessens, und den Taufstein (90 km Luftlinie), den höchsten Berg im Vogelsberg. (Abb. 4)
Aber egal, wie das Wetter ist. Ein Blick vom Herkules lohnt immer. Und je höher man steigt, desto größer wird das Sichtfeld und desto beeindruckender das Panorama.

4 Wanderfreunden steht eine weitere Möglichkeit zur Überprüfung der Sichtbarkeit von bestimmten Aussichtspunkten zur Verfügung
• • •
1 Zacharias Conrad VON UFFENBACH, Merkwürdige Reisen durch Niedersachsen, Holland und Engelland, Frankfurt am Main 1753/54 (verfasst 1710), S. 9.
2 HEIDELBACH zitiert den Freiherrn von Printzen bei seinem Besuch der Baustelle ganzt oben aufm Berg, alwo Se. Durchl. noch einen Berg von Lonither Steinen […] wollen ausführen. In: Paul HEIDELBACH, Die Geschichte der Wilhelmshöhe, Leipzig 1909, S. 41.
3 14. Auszüge aus HEGEL’s Briefen an seine Gattin A. Reise nach den Niederlanden in dem Jahre 1822; in: Georg Wilhelm Friedrich HEGEL’s Werke, Siebenzehnter Band, Vollständige Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Verewigten D. F. FÖRSTER, D. Ed. GANS, D. LP. HENNING, D. H. HOTHO, D. Phillip MARHEINECKE, D. K. MICHELET, D. Johann SCHULZ et al, Berlin 1835, S. 547.
4 Vgl. den Beitrag von Astrid SCHLEGEL in diesem Buch.
5 Helmut SANDER, Das Herkules-Bauwerk in Kassel-Wilhelmshöhe, Kassel 1981, S. 185 u. 186.
6 GIS = Geoinformationssystem.
7 Analyse der Sichtbarkeit des Herkules in einem 50 km Radius auf Basis aktueller und historischer Landnutzungsdaten und eines digitalen Höhenmodells, Cindy BAIERL, unveröffentlicht Kassel 2010, S. 5.
8 Cindy BAIERL, wie Anm. 6, S. 12.
9 Paul HEIDELBACH (wie Anm. 2) zitiert auf S. 128 die Rechnung des Malers Werners: „Auf des Herrn Brigadier von Hattenbach befehl habe Ich auf dem winderkasten gearbeitet […] wie auch das postament wo Herculus aufsteht, auch grau und weiße steinfarbe aufwendig angestrichen, und inwendig das gantze Eißenwerk, aller wegen mit starcker öhlfarbe angestrichen, das eß nicht rosten kan, wie auch den Herculis…“ Dies lässt vermuten, dass die Kupferfarbe längere Zeit erhalten blieb bzw. bleiben sollte, wie es auch in den Bildern von Jan van Nickelen dargestellt ist.
10 Dieter HANKEL, Lothar GLEBE, Kassel-Steig. Ein Panoramawanderweg rund um das Kasseler Becken, Kartographische Kommunale Verlagsgesellschaft, Nordhausen, 2. Aufl. 2014; www.kassel-steig.de; www.alpenvereinaktiv.com/Volltextsuche/Kassel-Steig.
11 Der Verfasser (A. S.) dankt dem Vorstand des Vereins für die konstruktive Zusammenarbeit bei seinen Recherchen.
12 Zu dieser Schätzung sei Folgendes vermerkt: Wenn man als Durchschnittswert für 1 Fuß 30 Zentimeter ansetzt, ergeben 1000 Fuß 300 Meter. Die Höhendifferenz zwischen dem Sockel des Herkulesbauwerks mit der Höhe von 526 m NN und dem Wasserspiegel der Fulda als tiefsten Punkt der Stadt Kassel mit der Höhe von 135 m NN beträgt 391 Meter.
13 David August von APELL, Cassel in historisch-topographischer Hinsicht nebst einer Geschichte und Beschreibung von Wilhelmshöhe und seinen Anlagen, Marburg 1805, Zweiter Teil Nr. 24, S. 58–59.
14 Vgl. den Beitrag von Helmut BERNERT in diesem Buch.

F. W. Bernstein: Er – hoch oben
Dispersionsfarbe auf ungrundierter Bast-Badematte, 163 × 60,5 cm, 2016
F. W. Bernstein (eigentlich Fritz Weigle), geb. 1938 in Göppingen, deutscher Lyriker, Grafiker, Karikaturist und Satiriker. Er begründete zusammen mit u. a. Robert Gernhardt, Eckart Henscheid, F. K. Waechter, Chlodwig Poth und Hans Traxler die Neue Frankfurter Schule, deren Publikationsorgan ab 1979 das Satiremagazin Titanic wurde. Bernstein lebt und arbeitet in Berlin-Steglitz. Berühmtes Zitat: „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.“ 2008 Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.

1 Heinrich Christoph Jussow: Entwurf für ein Denkmal auf dem Bowlinggreen, angeblich für Landgraf Carl, 1791
Der Herkules im Kasseler Stadtbild
Christian Presche
Hoch über der Stadt, auf der Bergkette des Habichtswalds, überragt der Herkules weithin sichtbar das Kasseler Becken. In vielen Stadtansichten des 18. und frühen 19. Jh. ist er daher ein selbstverständlicher Bestandteil des Kasseler Stadtbildes. Tatsächlich aber lag jener Höhenzug damals noch weit vor der Stadt, und als in den 1760er- und 70er-Jahren die heutige Wilhelmshöher Allee als Verbindung angelegt wurde, verlief sie noch auf ganzer Länge zwischen Gärten, Wiesen und Feldern. Im späten 19. und frühen 20. Jh. machte die rasante städtebauliche Entwicklung es dann auch abseits dieser Achse möglich, das Landschaftsbild mit dem Herkules wirkungsvoll in städtebauliche und architektonische Konzepte einzubeziehen.
1. Die Weißensteiner (Wilhelmshöher) Allee
Als Landgraf Friedrich II. ab 1764 die Sommerresidenz Weißenstein weiter ausbauen ließ,1 knüpfte er – in starker, kostensparender Vereinfachung – auch an Projekte des frühen 18. Jh. an: Dies galt für die Form des Gartenparterres ebenso wie für die heutige Wilhelmshöher Allee, hatte doch schon Landgraf Carl geplant, die Hauptachse des Karlsbergs bis zur Stadt zu verlängern.2 Die Allee ersetzte dabei eine alte Landstraße, die durch die Dörfer Wahlershausen und Wehlheiden hindurchgeführt hatte. 1767/68 wurde die neue Achse zunächst von Weißenstein bis zum heutigen Rathenauplatz angelegt, wo sich ein verbliebener Straßenabschnitt nach Kassel anschloss (heute Königstor); 1776/77 wurde die Allee dann geradlinig bis zur Stadt verlängert, wo sie auf die Königsstraße traf.3
Während die Straße heute mit ca. 40 m Breite eine großzügige Sicht auf das Bergpanorama bietet und kaum noch als Allee wahrnehmbar ist, maß sie ursprünglich nur rund 20 m, bei einem Achsabstand beider Baumreihen von ca. 12 m zueinander. Der Blick war somit viel stärker fokussiert als heute, was die Wirkung von Kaskaden und Herkules als point de vue noch steigerte. Unmittelbar vor Kassel wurde die Allee meist von großen Gärten mit Gartenhäusern gesäumt, und vor allem im Umkreis der Dörfer Wehlheiden und Wahlershausen begleiteten bald zweigeschossige, vorstädtische Häuser die Straße.4
Den Ausbau der hessischen Landstraßen hatte bereits Landgraf Carl als wichtiges Infrastrukturprojekt initiiert,5 und nach dem Siebenjährigen Krieg wurde rings um Kassel die Anlage möglichst geradliniger Chausseen verstärkt vorangetrieben. Alleebäume dienten als Witterungs- und Sonnenschutz für die Reisenden und als Regenschutz für die Straßenoberfläche. Anfangs pflanzte man vor allem Weidenbäume, nach der Mitte des 18. Jh. bevorzugt Laubbäume wie Kastanien, Linden oder Pappeln.
Unterbrochen war die im Herkules gipfelnde Sichtachse nur durch das alte Weißensteiner Schloss. Als Landgraf Wilhelm IX. nach 1785 den Hang zu einem modernen englischen Landschaftspark umgestalten ließ, wollte er 1791 sogar ganz auf einen mittleren Schlossbau6 verzichten: Zwischen den beiden neuen Schlossflügeln (Weißenstein- und Kirchflügel)7 wäre die Achse der Allee unmerklich in den Park übergangen und hätte erst in Kaskaden und Herkulesmonument ihren Endpunkt gefunden (Abb. 1).8 Nur der Beharrlichkeit des landgräflichen Bauinspektors Heinrich Christoph Jussow, dem die neue Parkgestaltung oblag, ist das heutige Corps-de-Logis zu verdanken9 – angelehnt an Landsitze des aufgeklärten englischen Adels;10 1798 war das Äußere vollendet, und Park und Schloss erhielten den Namen Wilhelmshöhe.11 Die Allee hatte damit einen neuen repräsentativen Blickpunkt erhalten; Portikus und Kuppel vermittelten als senkrechtes Element in die Parkachse weiter – und damit zu Kaskaden und Herkules. Als Auftakt der Allee wurde 1805 ein repräsentatives Stadttor am heutigen Brüder-Grimm-Platz begonnen,12 doch vereitelte die französische Besetzung Hessens 1806–13 die Vollendung der Planungen.

2 Karthäuserstraße 12, 1890
2. Die Villa Wedekind (Karthäuserstraße 12)
Welch große Bedeutung Landschaftspanorama und Herkules-Blick für die Architektur von Villen haben konnte, zeigt beispielhaft die sogenannte „Glitzerburg“13 (Abb. 2): Als die Bebauung westlich des Ständeplatzes in den Anfängen lag und noch große Gärten den Südhang des Kratzenbergs bedeckten, ließ sich der Konsul Carl Wedekind unterhalb des Akazienwegs eine repräsentative Villa errichten. Die Entwürfe des 1868 bezogenen Bauwerks fertigte Wilhelm Lüer, ein Vertreter der hannoverschen Neugotikerschule, die Ausführung übernahm angeblich sein Schüler Conrad Wilhelm Hase. Die Villa ist nicht nur wegen ihrer durchgeplanten Ausstattung und der reinen Ziegelbauweise mit über 80 Arten glasierter Formsteine bemerkenswert; sondern sie reagiert auch in besonderer Weise auf die landschaftlichen Gegebenheiten, wie Lüer selbst darlegte:14
Wandert man von Cassel nach der berühmten Wilhelmshöhe, so erblickt man bald nachdem man das Thor passirt hat, hoch auf dem Hügel, welcher sich von Cassel bis nach Wilhelmshöhe hinzieht, die Villa […]. Die Hauptfronte derselben liegt genau gegen Süden und überblickt geradeaus die zu ihren Füssen liegende Stadt15 mit dem dahinter sich erhebenden Weinberge, in südöstlicher Richtung das reizende Fuldathal, nordwestlich die fernen Werra-Berge und in rein westlicher Richtung das Schloss Wilhelmshöhe inmitten der schön belaubten, mannigfaltig gestalteten Berge des Habichtswaldes, welche in dem kolossalen Herkules ausgipfeln.

3 Grundrisse der Villa Wedekind (a. Vorplatz, b. Empfangszimmer, c. Esszimmer, d. Zimmer der Dame, e. Grünhaus, f. Zimmer des Herrn, g. Kinderzimmer, h. Vorplatz, i. Vorzimmer, k. Schlafzimmer, l. Schlafzimmer der Kinder, m. Fremdenzimmer, n. Badezimmer)
Diese herrliche landschaftliche Umgebung wirkte in nicht unwesentlicher Weise mitgestaltend auf die Entwickelung des Grundrisses. Das Treppenhaus legt sich in natürlichster Anordnung mitten hinter die aussichtslose Nordfront und um den geräumigen Vorplatz herum reihen sich die programmmäßig geforderten Zimmer in solcher Aufeinanderfolge, dass das Speisezimmer die Nordost-Ecke einnimmt, während die Südfronte in fortschreitender Richtung von Ost nach West – der immer sich steigernden Schönheit der Aussicht folgend – das Empfang-Zimmer, das Zimmer der Frau mit anschliessendem Pflanzenzimmer, endlich an der Westecke das Zimmer des Herrn enthält. In dem oberen Geschoss legt sich naturgemäss die Gruppe der Schlaf-, Bade und Ankleidezimmer an die Ostseite und die Wohnzimmer der Kinder und die Fremdenzimmer wählen lieber die für den Tagesaufenthalt genussreichere Lage an der Süd- und Westfront. (Abb. 3)
Den reizvollen Blick in südwestlicher Richtung gewährten ausdrücklich auch verschiedene Vorbauten: im Erdgeschoss das vorspringende Pflanzenzimmer und die Auslucht des Empfangszimmers, die im Halbkreis die so wechselvoll daliegende Landschaft überschauen lässt. Wie aber im oberen Geschoss dieser Vorbau zweckmässigerweise nicht fortgesetzt ist, da die hier sich gruppirenden Schlafräume ihn nicht bedingen, so fordert um so mehr die Westecke dieses Geschosses dazu auf für das Fremdenzimmer die Rundschau, so weit solche das dahinterliegende Haus nur gestattet, zusammen zu fassen in einem drei Viertel des Kreises ausmachenden polygonen Ausbau. Da man ferner von diesem Geschoss aus schon über die höchste Thurmspitze von Cassel hinwegblickt, so lässt der naheliegende Wunsch, nun auch den vollen Rundblick zu erhalten, für welchen nach Norden hin nur noch das Haus selbst und die Bäume der Cöllnischen Allee ein Hinderniss bieten, diese Westecke des Gebäudes sich in Thurmgestalt erheben – mit einer umlaufenden Aussichtsgalerie am Spitzhelm, die ausdrücklich dazu beitrage, den Thurm als „Aussichtsthurm“ zu charakterisiren.
Die Blickrichtung nach Wilhelmshöhe, mit Schloss und Herkules, erscheint somit als Höhepunkt des Landschaftspanoramas, was durch den Turm auch baulich betont wird.
Die rasante Stadtentwicklung der folgenden Jahre verbaute jedoch das Landschaftspanorama der Villa Wedekind vollständig. 1901 erwarb die Post das Areal für den Neubau der Oberpostdirektion und nutzte die Villa als Dienstwohnung des Oberpostdirektors. 1943 ausgebrannt, wurde das Gebäude nach dem Krieg in einfacher Form neu aufgebaut, später ganz durch einen Neubau ersetzt.
2. Die Stadterweiterungen des späten 19. Jahrhunderts
Als nach 1866 die westliche Erweiterung Kassels vorangetrieben wurde, geschah dies zunächst ohne Gestaltungskonzepte für das Stadtbild. Für die neue Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) war vor allem maßgebend, dass sie nicht mit dem Druselkanal16 kollidierte. Die Planvorgaben stammten aus dem städtischen Bauamt, die Umsetzung übernahm der Fabrikant Sigmund Aschrott.17 Erst als das neue Hohenzollernviertel die Wehlheider Gemarkung erreichte, änderte sich das Planungskonzept:18 Hier konnte Aschrott freier agieren, gemeinsam mit dem von ihm beauftragten Privatbaumeister Friedrich Neumann. Ein schrittweise entwickeltes Diagonalstraßennetz griff nun aktuelle Entwicklungen im Städtebau auf, und der Herkules wurde als markanter Blickpunkt in die Planungen einbezogen. So erhielt die Hohenzollernstraße zunächst einen baulichen Blickpunkt am Hohenzollernplatz (Karl-Marx-Platz); der anschließende westliche Abschnitt aber, der schon wesentlich näher am Habichtswald liegt, wurde genau auf das Oktogon ausgerichtet (Abb. 4), und auch die Kaiserstraße (Goethestraße) zielt auf den Herkules.

4 Friedrich-Ebert-Straße mit Herkules
3. Das Landhaus von Strombeck (Klinikstraße 16–16a)
Der Herkulesblick bildete auch für ein prominentes Landhaus des frühen 20. Jh. ein wichtiges Kriterium. Der 1911 vollendete Landsitz des Freiherrn von Strombeck war eines der ersten Anwesen in der Gartenstadt Harleshausen. Architekt war Hermann Muthesius – Mitbegründer des Werkbunds und einflussreicher Architekturtheoretiker der damaligen Reformbewegungen in Deutschland. Sein Harleshäuser Entwurf ist nicht nur wegen der Anknüpfung an englische Vorbilder beispielhaft, sondern vor allem auch wegen des Landschaftsbezugs, auf den Muthesius grundsätzlich Wert legte.19 Das Anwesen am südlichen Rand der Gartenstadt liegt am bewaldeten Südhang eines Bachtals, an den Ausläufern des Habichtswalds. Muthesius platzierte das Gebäude im Tal, vor der Kulisse des dahinter aufragenden Waldhangs, der als Wetterschutz dient.20 Durch die dunkle Waldstraße (heute Klinikstraße) erreicht man das helle, offene Bachtal mit dem Eingang des Anwesens – und dort öffnete sich beim Betreten des Grundstücks der ganze weite Landschaftsblick auf Habichtswald und Herkules (Abb. 5). Aus dem Inneren des Hauses wurde dieses Panorama durch einen großen Wintergarten (die sog. Veranda) auf der Westseite dargeboten. In einer ersten Beschreibung des Anwesens hob Muthesius die Nähe zum bekannten, mit herrlichen Waldungen umgebenen Schloß Wilhelmshöhe hervor; die Mulde des Wiesentals, in dem der Landsitz liege, ziele gerade auf den berühmten Herkules.21 Dies ist topographisch zwar nicht ganz korrekt, zeigt aber umso mehr, welche Bedeutung Muthesius dem Herkulesblick beimaß; die Ungenauigkeit berichtigte er in der 2. Auflage 1922, indem er nun zum südlich und westlich vorgelagerten Garten schrieb:22 Hier eröffnet sich eine Aussicht nach dem Herkules von Wilhelmshöhe, dem Wahrzeichen der Kasseler Gegend. Naturnahe Lage und Blick auf den Herkules erscheinen also als besondere Vorzüge des Landhauses.

5 Das Landhaus von Strombeck mit Blick zum Herkules, 1912
4. Die Stadterweiterungen nach dem Ersten Weltkrieg
Dass das Stadtbild die Blicke ausschnitthaft auf den Herkules beschränkte, kritisierte in den 1920er-Jahren der Leiter des Stadtplanungsamts, Erich Labes.23 Zwar sei Kassel vor allem wegen des Wilhelmshöher Schlossparks und der Kaskadenanlage bekannt, schrieb er 1929, doch bei allem eigenen Reiz und bei aller Kühnheit, die aus dem Werke spricht, seien diese außerordentlichen Schöpfungen nur eine schöne Zutat zu dem viel größeren, imposanten Aufbau der Natur, die in ihrer Gestaltung und Gruppierung ihresgleichen sucht. Labes schildert schwärmerisch das bewegte Landschaftsbild zwischen Wilhelmshöhe und Stadthalle, mit Panoramen von seltener Formung und Stimmung; es werde fast vergessen über den Sehenswürdigkeiten von Rang, mit denen er das gigantische Werk des Herkules und der Wilhelmshöhe meint. Zugleich kritisierte er, dass die Bautätigkeit aus den letzten Jahrzehnten des 19. Jh., in dem alle Pläne und Ideen nur von wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet wurden und das Verständnis für städtebauliche Wirkungen nachließ, keine Rücksicht bei der Gestaltung von Straßen und Bauten auf das wundervolle Gepräge der Landschaft zwischen Habichtswald und Stadt genommen habe. Glücklicherweise brach das Verständnis für städtebauliche Werte nach dem Kriege so stark durch, daß man nicht davor zurückschreckte, durchgreifende Abänderungen in dem schon ausgeführten und baureif gemachten neuen Westen zwischen Stadthalle und Bahnhof Wilhelmshöhe vorzunehmen. Neben dem Stadthallengarten (statt des kleineren runden Aschrottplatzes) nennt er dazu vor allem die heutige Goetheanlage. Freilich begünstigten die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen der Nachkriegszeit die Umplanungen – war doch der Grundstücksverkauf ins Stocken geraten, und zugleich stieg das Bedürfnis nach bezahlbarem Wohnraum immer stärker an.
Das Gebiet der Goetheanlage war 1922 in städtischen Besitz übergegangen: ein großes Areal am Druselbach, das schwierig zu bebauen und daher auch noch nicht erschlossen war. Zunächst errichtete man beiderseits des tiefen Bachtals eine Siedlungsbebauung, und 1930–33 wurde die Talmulde selbst gestaltet: Über der verrohrten Drusel entstand ein Volksgarten nach Plänen des Stadtgartendirektors Rudolf Stier; den westlichen Abschluss bildete die Malwida-von-Meysenbug-Schule (heute Heinrich-Schütz-Schule), als Blickpunkt vor der Kulisse der Wilhelmshöhe. Labes schrieb dazu: Mit der großen Freifläche zwischen Kaiserstraße und Herkulesstraße […] ist erreicht worden, was bisher weder durch den berühmten Baugedanken der schnurgeraden Wilhelmshöher Allee, noch durch die Kaiserstraße erreicht wurde, nämlich die dauernde Sicherung einer breiten Aussicht auf die hohe Bergwand im Westen. Lassen Wilhelmshöher Allee und Kaiserstraße zwischen ihren Linden- und Platanenalleen nicht viel mehr als Schloß und Herkules darüber frei, bleibt hier einer der reizvollsten Ausschnitte aus dem Panorama des Habichtswaldes für immer sichtbar. Er lobte die Großartigkeit dieser Planung, durch die die Schönheit des Habichtswaldes in den Stadtteil gewissermaßen hineingeholt wurde […]. Durch das rhythmische Spiel dieser großen Massen [der Randbebauung] ist äußerst wirkungsvoll der Längsrahmen der großen Freifläche, die der Erholung dienen soll, geschaffen. Am Westende steht […] der mit feinem Takt hingesetzte Schulbau der Studienanstalt [heute: Heinrich-Schütz-Schule]. Der in diesem Falle mit viel Berechtigung gewählte horizontale, monumental wirkende Mauerabschluss unterstreicht und erhöht die Fernwirkung vom Schloss und Kaskaden in Wilhelmshöhe. (Abb. 6) Die Blickbeziehungen sind heute durch hohe Vegetation allerdings größtenteils gestört.

6 Die Goetheanlage mit Malwida-von-Meysenbug-Schule und Herkules, 1933
Eine ähnliche Situation, nur in viel kleinerem Maßstab, finden wir wenig später am Gartenstadt-ähnlichen Flüsseviertel, am westlichen Ende des Werrawegs. Dort hielt eine dreieckige Fläche den Blick aus der Baunsbergstraße auf die Christuskirche frei und bildete eine Eingangssituation in das Flüsseviertel; zugleich öffnete sie den Werraweg zu einem weiten Panorama mit Blick auf Habichtswald, Herkules und Schloss Wilhelmshöhe. Panorama und Dreieck wurden in jüngster Zeit jedoch rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten geopfert…24
Die Forderungen, bestimmte Flächen zur Erholung oder wegen ihrer Fernblicke und Aussichten, wegen ihrer natürlichen Schönheit und Stimmung freizuhalten und die Bebauung in bestimmten Grenzen zusammenzufassen, schloss Labes mit dem Fazit, dass der Sinn der neuen westlichen Gartenstädte somit deutlich zu erkennen sei: Der Ausbau zu einer hervorragend gesunden und schönen Wohn- und Wanderstadt, einer Stadt, in der sich nicht nur angenehm wohnen, sondern auch in unmittelbarer Nähe herrlich wandern und die Natur genießen läßt. Den leicht erreichbaren Habichtswald aber, der das ganze Wohngelände [dieser Gartenstädte] begleitet, bewahre man vor jeder weiteren Besiedlung, vor jeder die Natur beeinträchtigenden Veränderung überhaupt. Denn es wächst das Bedürfnis nach der unberührten und ungebrochenen Natur. Nicht Park und Schloß und Monument an sich dort oben sind Ziel und Sehnsucht der Menschen, sondern der unendlich große und tiefe Wald darum und die Abgeschiedenheit der Natur dahinter, in der sie eingebettet liegen.25
Diese Gedanken spiegeln das grundsätzlich veränderte Verständnis von Städtebau und Natur wider, das sich im frühen 20. Jh. in den Gartenstädten und z. B. in der Wandervogelbewegung äußerte. Sie bestimmten auch den zeitgleich aufgestellten Grünflächenplan der Stadt Kassel,26 den Stier zusammen mit Labes erarbeitet hatte, und sie sind ebenso beim Wilhelmshöher Freibad wiederzufinden, das – nach ersten Vorplanungen 1930 – in den Jahren 1934/35 am oberen Ende eines ansteigenden Grünzugs errichtet wurde.27 Ernst Rothe (Leiter des städtischen Hochbauamts) und Stier hatten die Anlage so konzipiert, dass sie auf ein doppeltes Landschaftspanaroma bezogen ist: nach Nordosten ein weiter Fernblick über das alte, offene Wiesenland hinweg in das Kasseler Becken, und im Nordwesten ein einzigartiges Panorama mit Habichtswald, Schloss Wilhelmshöhe und Herkules. Bei der Eröffnung 1935 hob Stier ausdrücklich den besonderen Reiz dieser Aufgabe hervor, und in den Verwaltungsberichten der Stadt Kassel wird mehrfach der Landschaftsbezug betont und als ein wichtiger Grund für die Standortwahl des zweiten städtischen Freibads genannt – neben der guten Erreichbarkeit, der Lage inmitten eines Grünzuges, der Speisung durch Quellwasser sowie dem Verweis auf eine erfolgreiche Bohrung nach Solewasser; der Herkules spielte aber auch hier keine ausdrückliche Rolle mehr. Im Mittelpunkt standen vielmehr weite Fernsichten auf die das Kasseler Becken umgebenden Berge und Höhenzüge und reizvolle Nahsichten auf Habichtswald und Wilhelmshöher Park.28
Lag im Habichtswald zur Zeit Landgraf Carls der Fokus des Erlebens bei den Besuchern noch auf Herkules und Wasserkünsten, war er unter Friedrich II. und erst recht unter Wilhelm IX. auf die neuen Garten- und Parkanlagen auch beiderseits der Mittelachse erweitert, so wurde er im frühen 20. Jh. auf den gesamten bewaldeten Höhenzug und seine Landschaftsausläufer ausgedehnt: Der Herkules war nur noch ein Bestandteil eines viel größeren Ganzen.
Auf den Landschaftsbezug nahmen städtische Auflagen und Bebauungspläne noch in den 1960er- und 70er-Jahren Rücksicht: So finden wir etwa auf der Südseite der Terrasse und im Gebiet Ochsenallee / Vor der Prinzenquelle / Am Juliusstein absichtlich nur eine eingeschossige Bebauung – oder vielmehr fanden, denn seit jüngster Zeit werden auch in solchen Gebieten zunehmend Aufstockungen und höhere Neubauten genehmigt.29 Aber auch die unverbauten Landschaftspanoramen sind vielfach durch hohe Vegetation gestört, wie z. B. am Freibad Wilhelmshöhe. Umso mehr bleibt zu wünschen, dass die einzigartige landschaftliche Lage Kassels, mit dem Herkules als markantem, weithin sichtbaren Wahrzeichen, künftig wieder angemessen von den verschiedenen Planungsdisziplinen beachtet werde.
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1 Zu Weißenstein/Wilhelmshöhe vgl.: Paul HEIDELBACH, Die Geschichte der Wilhelmshöhe, Leipzig 1909 (ND Vellmar 2005); Horst BECKER, Michael KARKOSCH, Bernd MODROW (Hg.): Park Wilhelmshöhe, Kassel. Parkpflegewerk (Monographien der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten 8), Regensburg 2007.
2 Vgl. Johann Friedrich Armand von Uffenbach’s Tagbuch einer Spazierfarth […] (1728), hg. und eingeleitet von Max ARNIM, Göttingen 1928, S. 50f., S. 64; Fr[ederik] WEILBACH [Hg.], Kassel im Jahre 1729, in: Hessenland 36 (1922), Heft 10, S. 138–140, hier S. 158.
3 Vgl. Alois HOLTMEYER, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Bd. VI, Kreis Cassel-Stadt, Marburg 1923, S. 56, S. 129 (zum Weißensteiner Tor, später Königstor); Stadtplan 1781 (F. W. Selig / Stich: G. W. Weise), ebd., Tafel 15.
4 Zur Bebauung vgl. HOLTMEYER, Cassel-Stadt (wie Anm. 3), S. 56, S. 758–760; MHK, Graphische Sammlung (Handzeichnungen): Lageplan zwischen Wehlheiden und Rothenditmold 1797 (Reproduktion: Foto Marburg, LA 3687/7); Stadtpläne Kassels um 1810 u. 1819, Inv.-Nr. GS 21050 u. GS 19111 (Bestandskatalog Architekturzeichnungen MHK, http://architekturzeichnungen.museum-kassel.de/, Museumslandschaft Hessen Kassel 2004/2005/2007, Nr. 1.1.1.2 u. 1.1.1.3).
5 Vgl. Christian PRESCHE, Die Knallhütte bei Rengershausen – das Elternhaus der Dorothea Viehmann […], in: Holger EHRHARDT (Hg.), Dorothea Viehmann (Die Region trifft – die Region erinnert sich), Kassel 2012, S. 108–141, hier S. 115–117.
6 Zur Planung Simon Louis du Rys für den Mittelbau (nach dem Muster der Seitenflügel) vgl. Hans-Christoph DITTSCHEID, Kassel-Wilhelmshöhe und die Krise des Schloßbaues am Ende des Ancien Régime, Worms, S. 107–115. Die Entscheidung Wilhelms IX. gegen einen Mittelbau fiel 1791, als der Abbruch des bisherigen Hauptflügels den durchgehenden Blick freigab.
7 Vgl. ebd., S. 80–117; Best.-Kat. MHK (wie Anm. 4), Nr. 2.3.4 und 2.3.8.
8 Vgl. Christian PRESCHE, Die Kuppel von Schloß Wilhelmshöhe […], in: architectura 30 (2000), S. 141–173, hier S. 144 und Abb. 4f.; DITTSCHEID, Wilhelmshöhe (wie Anm. 6), Anm. 861 und K 98f. mit Abb. 228f., 232f. – Nicht zuletzt durch seine Mutter, eine englische Prinzessin, war Wilhelm IX. eng mit der engl. Kultur und ihren neusten Strömungen vertraut.
9 Vgl. PRESCHE, Kuppel (wie Anm. 8), S. 144–150. In nur 3–4 Monaten entwarf Jussow mind. 11 Projekte, die schrittweise zum ursprünglich geplanten Mittelbau zurückführten – darunter einen Triumphbogen, der Herkules, Kaskaden und Große Fontäne gleichsam gerahmt hätte, und eine künstliche Ruine, die die gesamte Mitte wiederum der Natur geöffnet hätte. Zu den Umständen, die schließlich zum Ausführungsentwurf führten, und zu seiner Realisierung vgl. ebd., S. 150–155; vgl. DITTSCHEID, Wilhelmshöhe (wie Anm. 6), S. 131–158.
10 Dies betrifft bes. die Verbindung aus Freitreppe, Portikus und römischer Flachkuppel, vgl. auch Jussows Entwurf für ein Palais des Freiherrn von Veltheim: Best.-Kat. MHK (wie Anm. 4), Nr. 4.12.2; von Veltheim war unter anderem Direktor des Kasseler Museum Fridericianum, und der Antikenbezug ist hier auf die Spitze getrieben: altägyptische Löwen (vgl. ebd., Nr. 8.17.16) an der Freitreppe, dorischer (also griechischer) Portikus, römische Flachkuppel. – Zudem nahm in Wilhelmshöhe die Bibliothek einen Großteil der Parkseite im 2. OG ein.
11 Vgl. Alois HOLTMEYER, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Bd. IV, Kreis Cassel-Land, Marburg 1910, S. 312; Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung vom 3. Sept. 1798, S. 764: Zugleich erhielten Wilhelmshöher Allee, Wilhelmshöher Tor und Königstor ihre neuen Namen.
12 Vgl. Gerd FENNER, Den schönsten Zuwachs an bauten …? […], in: Helmut BURMEISTER bei Mitarbeit von Veronika JÄGER (Hg.), König Jérôme und der Reformstaat Westphalen […], Hofgeismar 2006, S. 353–374, hier S. 356–361; vgl. Christian PRESCHE, Die Wohnung der Brüder Grimm am Wilhelmshöher Tor (1814–1822) […], in: Thorsten SMIDT (Hg.), Expedition Grimm (Katalog zur Landesausstellung Kassel 2013), Dresden 2013, S. 48–55, bes. S. 49 mit Anm. 5f. und Abb. 4; Best.-Kat. MHK (wie Anm. 4), Nr. 1.53. Erste Planungen erfolgten bereits 1803.
13 Benennung im Volksmund, da die glasierten, hauptsächlich gelben Ziegel des neugotischen Bauwerks das Sonnenlicht weithin reflektierten; vgl. Deutsche Bauzeitung, Jg. III (1869), Nr. 25, S. 295.
14 Wilhelm LÜER, Villa Wedekind bei Cassel, in: Deutsche Bauzeitung, Jg. IV (1870), Nr. 5, S. 37 und Nr. 6, S. 41f., hier bes. S. 41. Vgl. Thomas WIEGAND, Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Kassel II (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland), Wiesbaden 2005, S. 74–76, S. 195.
15 Gemeint ist offenbar v. a. die Bebauung entlang des Königstors und der Wilhelmshöher Allee.
16 Dieser Kanal, der in Wahlershausen von der Drusel abzweigte und seit dem 14. Jh. die Stadt mit Wasser versorgte, verlief insbesondere direkt hinter den Häusern Nr. 41–65.
17 Vgl. WIEGAND, Stadt Kassel II (wie Anm. 14), S. 117–126.
18 Vgl. ebd., S. 126–133.
19 Vgl. Hermann MUTHESIUS, Landhäuser von Hermann Muthesius […], zweite ergänzte Auflage, München 1922, S. VII.
20 Ebd., S. 73.
21 Zitiert nach Brigitte WARLICH-SCHENK, Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Kassel III (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland), Wiesbaden 2008, S. 170.
22 MUTHESIUS, Landhäuser (wie Anm. 19), S. 74.
23 [Erich] LABES, Von den wichtigsten städtebaulichen Planungen in Kassel, in: Der Hausbesitzer, Verband der Haus- und Grundbesitzer-Vereine von Hessen, Sitz Kassel, 29. Jg., Nr. 11, Kassel, 14. Nov. 1929, S. 99–103, hier S. 101f.
24 Zuerst wurde das Panorama durch Baunsbergstraße 20–24 verbaut, dann die städtebaulich wichtige Dreiecksfläche der Bebauung preisgegeben.
25 LABES, Planungen (wie Anm. 23), S. 103.
26 Rudolf STIER, Kassel und seine Grünflächen, in: Die Gartenkunst, 43. Jg., Nr. 9, September 1930, S. 139–146.
27 Vgl. Verwaltungsbericht der Stadt Kassel über das Rechnungsjahr 1935, S. 32; Verwaltungsbericht der Stadt Kassel über das Rechnungsjahr 1934, S. 20 (jeweils StadtA KS); WARLICH-SCHENK, Stadt Kassel III (wie Anm. 21), S. 388; Wolfgang HERMSDORFF, Ein Blick zurück (1328), in: HNA vom 12.5.1990. – 1923 war bereits das städtische Flussbad an der Fulda eröffnet worden, dessen häufige Überfüllung ein gewichtiges Argument für den Neubau eines weiteres Freibads war.
28 Zitate: Verwaltungsbericht 1934 (wie Anm. 27).
29 Vgl. an der Terrasse um 1891/92 die Doppelvillen Nr. 5–7 und 9–11, deren Tieflage am Hang bes. den Blick nach Süden bewahren sollte, v. a. aus den gegenüberliegenden Häusern; Nr. 1a und 3 nach dem Krieg als eingeschossige Bungalows mit Flachdach, was aus östl. Richtung zugleich das Panorama das Habichtswalds großräumig freihielt – bis Nr. 3 2015/16 aufgestockt wurde. Im Gebiet Am Juliusstein / Vor der Prinzenquelle ist im Bebauungsplan IV/28 max. eingeschossige Bebauung mit Dachneigungen bis 18° festgesetzt, um die größtmögliche Einordnung in das Gelände zu erreichen; zur Aufweichung dieser Bestimmungen und einem ersten höheren Neubau vgl. Bastian LUDWIG, Höher hinaus als andere. Nachbar über Ausnahmeregelung verärgert, in: HNA vom 20.5.2016.
Visionen zur Neujustierung des Herkules in Stadt und Landschaft
Folckert Lüken-Isberner
In den 20er- bis 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts geriet das Städtebau- und Landschaftsensemble Wilhelmshöher Allee und Oktogon mit Herkules-Statue im Bergpark ins Visier mancher Utopisten innerhalb der Profession der Stadtplanung. Sie trachteten aus den verschiedensten Beweggründen nach Veränderung und Neubewertung der räumlichen Kontexte der landgräflichen Hinterlassenschaft.
I.
Nach dem Ersten Weltkrieg waren europaweit selbst ernannte Groß-Planer aufgetreten, die mit der Inangriffnahme großräumiger pazifistisch motivierter Projekte zu einer nachhaltigen Völkerverständigung und Friedenssicherung beitragen wollten. Zum Raum Kassel agierte der heute weitgehend vergessene Fritz Stück mit seinen Ideen zu einem „Groß-Kassel der Zukunft“.
Herkules im neuen Blick
Für den hiesigen Raum schlug Stück z. B. vor, eine groß angelegte „Waldrandstrasse“ anzulegen, die als breites Panoramaband das Fuldabecken umkreisen sollte. Diese Straße bringe „die Grünflächen des Tales (…) mit dem Kranz der Wälder in organische Verbindung“ und sie betone und sichere „auch die Kammlinien, Blickfelder und -achsen“.1 Kassels städtebauliche Barockachse war für ihn nur ein Torso, weshalb die von ihm „Talbeckenachse“ genannte Wilhelmshöher Allee nach Osten verlängert werden sollte bis zur Höhe oberhalb von Heiligenrode. Dieser neue Achsabschnitt namens „Landgraf-Karl-Schneise“ sei „mindestens blickfeldmäßig (…) zu sichern“.2 Mit dem auch „Lichtweg“ genannten Einschnitt in das Gelände erhielte das Fuldabecken eine imposante, auf den Herkules orientierte neue Landmarke.3
Auch jenseits des Herkules auf westlicher Seite sollte eine neue Achse, die gradlinig bis zum Hohen Gras-Turm durchlaufen sollte, angelegt werden.4 Als „Kaskadenschneise“ betitelt würde sie auf dem Essigberg an einem „Mal“ enden. In dieser rückwärtigen „Erweiterung“ des Bergparks sah Stück scheinbar überhaupt erst dessen Vollendung, mit der er den Entwürfen Giovanni Francesco Guernieros auf Augenhöhe zu begegnen trachtete.
Ein Zeitgenosse bewertete diese Planungsidee sehr hoch, brachte dabei aber einen anderen Blickwinkel ins Spiel: „Kassel erstrebt den Ruf einer Fremdenstadt großen Stils. Dafür würde der auf das Gebiet der Waldrandstraße beschränkte Stück’sche Plan schon vollständig ausreichen. Ihn sollte man daher zunächst und ernstlich auf seine Durchführbarkeit prüfen und in Verbindung damit auch seine (…) Erweiterung des Wilhelmshöher Parkes durch Verlängerung der großen Parkachse über den Herkules hinaus westlich bis zum Essigberge hin“.5
Herkules an der Autobahn
War es mit den Stück’schen Plänen bei rein planerischen Höhenflügen geblieben, so ging es bei den Großplanungen für die erste mitteleuropäische Fernstraße auf der Trasse von Lübeck–Hamburg über Frankfurt/M. bis Basel (der sog. HaFraBa) in den 20er-Jahren um die konkrete Realisierung im Raum Kassel. Nach Ablehnung einer östlichen Trassenführung über Bettenhausen „als technisch und wirtschaftlich unbrauchbar“6, wurde eine Westumfahrung priorisiert. Die hätte jedoch eines Viadukts über die Wilhelmshöher Allee bedurft, wogegen es starke ästhetische Einwände gab. Auch der Vorschlag, die Allee im Kreuzungsbereich mit der Fernstraße tiefer zu legen, fand keine Akzeptanz. Selbst das Argument, wonach somit doch „die Autofahrer möglichst nahe an das Wilhelmshöher Schloss herangeführt werden“ könnten, „um ihnen das Schloss vor Augen zu führen und so den Fremdenverkehr zu steigern“7, verfing letztlich nicht, obwohl diese Variante von der HaFraBa schon öffentlich gemacht worden war. So war eine künftige Autobahnabfahrt Kassel-West mit direktem drive-in-Anschluss in das heutige Weltkulturerbe doch noch verhindert worden.

1 Hans C. Reissinger, Die neue Irminsul im Oktogon, Bayreuth 1933 und 1942
II.
Neue Begehrlichkeiten zur Vereinnahmung der Bergparkanlage zeigten die Machthaber des nationalsozialistischen Staates, die sich in der neuen Hauptstadt ihres Gaues Kurhessen mit Zäsuren im Stadt- und Landschaftsraum zu verewigen trachteten.
Herkules im Bühnenbild
Die amtlichen NS-Planer gaben sich, im Unterschied zu Fritz Stück, mit der gegebenen Länge der Barock-Allee zwar zufrieden, wollten aber mit ihren Planungen aus den frühen 40er-Jahren die Blickbeziehung zum Herkules durch eine durchgängige Aufweitung der Achse neu gewichten. Im westlichen Teil sollte die Allee mit 80 m Breite so gewaltig werden, dass der Ortsteil Wahlershausen quasi verschwunden wäre. Die Allee wäre als „NS-Erlebnisachse“ für Fußvolk und Aufmärsche präpariert worden, für die Herkules und Co. lediglich als niedlicher Kulissen-Hintergrund fungiert hätten. Eine Zeichnung, die sich der Mittel der Bühnenbild-Architektur bedient (Weglassung, Hinzufügung, Belichtung), belegt dies eindrucksvoll.8

2 Hans C. Reissinger, Der neue Herkules am Wilhelmshöher Tor, Bayreuth 1944
Herkules versetzt
Schon gleich nach der Machtübernahme erhielt der Bayreuther Architekt Hans Reissinger vom Gauleiter den Auftrag für ein Reichsehrenmal im Habichtswald, das ursprünglich in Bad Berka in Thüringen entstehen sollte. Der Entwurf sah vor, den Herkules als Landmarke eines längst vergangenen Kleinstaates schlicht auszuwechseln durch ein Bauwerk, das mit ganz anderen Dimensionen einem neuen Großdeutschen Reich dienlich gemacht würde. Mit einer sog. „Neuen Irminsul im Oktogon“ wäre eine 100 m hohe Stele in das offene Sockelbauwerk hineingesetzt worden (Abb. 1). Wäre die Irminsul zeitnah tatsächlich so realisiert worden, wäre möglicherweise schon zum „Großdeutschen Reichskriegertag“ 1939 eine propagandistisch aufwendige Weihung erfolgt.
Zum Verbleib der abgetragenen Pyramide samt Herkules legte der Architekt in einer späteren Planung 1944 Rechenschaft ab, als er sich erneut mit Kassel befasste. Für seinen neuen Auftraggeber Rüstungsminister Speer, der angesichts der zerstörten Stadt „Wieder“-Aufbaukonzepte gefordert hatte, erfand Reissinger die Achse der Wilhelmshöher Allee neu, die in zwei Stränge aufgespalten durch eine neue Parklandschaft („Wilhelmshöher Alleenpark“) direkt auf ein vor den Torbauten am Grimm-Platz befindliches Rondell zuläuft. Auf dem Rondell steht ein unterfahrbares (Wilhelmhöher) Tor, auf dem der Herkules samt Pyramide seine neue Heimat findet. Unser Heroe blickt nunmehr vom Endpunkt des neu geschaffenen Parks nach rückwärts auf seinen alten Standort auf dem Karlsberg, von wo ihn die neue Stele mit dem Adler grüßt (Abb. 2). Ob der Herkules nunmehr vom Stadtplaner hier nur abgestellt oder aber von der NSDAP schon mit neuer Sinnunterlegung geparkt war, wissen wir nicht.
Herkules ignoriert und relativiert
Die zerstörte Stadt gab den Hintergrund ab nicht etwa für eine neue Bescheidenheit bei den Stadtplanern, sondern für Jetzt-erst-recht-Pläne, die sich nicht im Geringsten um die tradierten Vorgaben im Stadtraum kümmerten.
So lieferte ein von Speer beauftragter Planer noch 1946 (!) einen Entwurf, der die Kasseler Innenstadt völlig neu erfand mit der Ausrichtung des Stadtkörpers nach einer Magistrale, die vom Friedrichsplatz bis zum Fuße des Rothenbergs verlief. Dieser Einschnitt war so gewaltig dimensioniert, dass die Wilhelmshöher Allee nur mehr als eine Straße unter vielen rangierte.9 Einem Herkules, auf den sich der Stadtplan über lange Jahrzehnte ausgerichtet hatte, war so keine Bedeutung im Stadtbild mehr zugebilligt.
Schließlich waren es die Städtebauer im Rathaus, die in ihrem Plan „Stadtkern neuer Gattung“ 1944 der Wilhelmshöher Allee durchgehend 80 m Breite verpassten,10 was das Doppelte der seit über 100 Jahren gewollten, in den Fluchtlinienplänen seitdem festgelegten Breite von ca. 40 m entsprochen hätte. Am westlichen Ende dieser Schneise hätte ein Herkules aber wohl nicht mehr die Figur abgegeben, die sie einmal als dramaturgischer Endpunkt eines perspektivischen Blicks im wohl proportionierten Straßenraum bedeutet hatte. Die sich dem heutigen Blick in den Bergpark bietende, wohl angemessene räumliche Ausprägung der Allee mit dem 40 m-Profil ist bekanntermaßen nur den Kriegszerstörungen und ergänzenden Abrissen aus den 1950er- bis 1970er-Jahren geschuldet.
• • •
1 Fritz STÜCK, Kassels städtebauliche Zukunft, in: Städtebau 25 (1930), S. 480, zit. in: Folckert LÜKEN-ISBERNER, Fritz Stück und die Stadtplanungsdiskussion in der Weimarer Republik, Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte Bd. 40, Marburg 1990, S. 226.
2 Ebd, S. 228.
3 Plan: Fritz STÜCK, Das Groß-Kassel der Zukunft, Die Waldrandstraße – Die Grünflächen, 1.7.1927, Hessisches Staatsarchiv Marburg, M 49 P II, 62–6.
4 Kasseler Post vom 22.5.1927. – Plan: Fritz STÜCK, Das Groß-Kassel der Zukunft 9, Der Habichtswald, 1.6.1927, Hessisches Staatsarchiv Marburg, M 49 P II, 62-9.
5 Regierungsrat HEMPEL, Ein Großstadtprojekt Kassel-Wilhelmshöhe, in: Die Gartenkunst, 12 (1927), S. 189–195, hier 189ff.
6 Kassel als Station der Autofernstrasse, aus der Denkschrift eines Vorstandsmitgliedes der Gesellschaft HaFraBa, Kasseler Post vom 1.9.1927, zit. in: Folckert LÜKEN-ISBERNER, Fritz Stück, S. 239.
7 Kasseler Tageblatt vom 31.8.1927, in: Hafraba in Kassel, Regiowiki (1.4.2014).
8 Plan: Emil POHLE (Stadtplanungsamt Kassel), ohne Titel (Perspektive Wilhelmshöher Allee), 1942, Stadtarchiv Kassel, A.61.2,19.
9 Plan: Friedrich HETZELT, ohne Titel (Generalbebauungsplan Wiederaufbau Kassel), Januar 1946, Stadtarchiv Kassel, A.6.16.2,16.
10 Plan: Erich HEINICKE, Emil POHLE (Stadtplanungsamt Kassel), ohne Titel (aus der Serie: Stadtkern neuer Gattung), Ende 1944, Stadtarchiv Kassel, A.6.61.2,60
Alle in den Anmerkungen zitierten Pläne sind abgebildet und textlich ausführlich in ihrem historischen Kontext gewürdigt in: Folckert LÜKEN-ISBERNER, Große Pläne für Kassel 1919–1949, Projekte zu Stadtentwicklung und Städtebau, Marburg/L. 2016.
The Versailles of Germany: Der Kasseler Herkules in internationalen Enzyklopädien
Sabine Naumer
Als weit sichtbare Marke nadelt sich der monumentale Mann aus Metall als Wahrzeichen Kassels in den Himmel. An der Autobahn wirbt die Stadt mit einem Welterbepiktogramm, das Herkules, Oktogon und Kaskaden repräsentiert. Um herauszufinden, ob und wie der Kasseler Koloss im Laufe der Jahrhunderte außerhalb der Stadt wahrgenommen wurde, werden in chronologischer Folge ausgewählte Allgemeinenzyklopädien konsultiert. Wird der Herkules in Universallexika erwähnt, beschrieben, bewundert, vielleicht sogar abgebildet? Gehört er damit zur Allgemeinbildung? Wenn ja, seit wann?
Zwei Jahre nach der Aufstellung der Herkulesfigur erscheint 1719 Johann Hübners ‚Reales Staats-, Zeitungs- und Conversationslexicon‘ in der 9. Auflage. In dem einbändigen Werk haben Schloss und Lustgarten namens „Weissenstein“ einen eigenen Eintrag. Nach einigen Worten zur Lage des Schlosses heißt es hier: Dabei ist auf dem sehr hohen Berge des Habichtswaldes oder so genannten Winterkastens eine kostbahre und rare Grotte und Thurm erbauet.1 Die kurz vor dem Erscheinungsdatum vollendete Herkulesfigur fehlt in dieser Beschreibung, was vielleicht lediglich dem Redaktionszeitraum geschuldet sein könnte.
Ähnlich verhält es sich in Hübners gleichnamiger Ausgabe von 1737. Es folgt im Artikel über „Cassel“, nach der Erwähnung der Gärten an der Orangerie, ingleichen das eine Stunde davon gelegene Schloß Weissenstein mit seinen vortrefflichen Fontainen und Cascaden sehenswürdig.2 Kein Herkules. Im separaten Eintrag zum Weißenstein, der nun noch ausführlicher die Wasserkünste beschreibt, ist auch 20 Jahre nach der Aufstellung der Herkulesfigur diese keine Erwähnung wert.3
In den Jahren 1732 bis 1764 erscheint der ‚Zedler‘. Mit 64 großformatigen Bänden ist es die eindrucksvollste deutschsprachige Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts. Über den Weißenstein ist zu lesen: Weissenstein, ein Fürstliches Schloß und Lust-Garten in Nieder-Hessen, eine Stunde, oder eine Meile, von Cassel, und dem Landgrafen von Hessen-Cassel gehörig, auf welches der Landgraf Carl viele Tonnen Goldes verwendet hat. Die es gesehen haben, können sonderlich die Grotten, Fontainen und Cascaden, nicht genug bewundern. Denn da ist auf dem sehr hohen Berge des Habichtwaldes, oder Habuchswaldes, oder des Winter-Kastens, (wie die dasige Gegend genennet wird) eine kostbare und rare Grotte, nebst einem künstlichen und so hoch erbaueten Thurme, von welchem man, bey heiterm Wetter, nach Mayntz in den Rhein sehen kann,4 und aus welchem das durch Röhren hinauf getriebene Wasser zu beyden Seiten, durch die künstlichen Fontainen und Cascaden, stuffenweise wieder herab fället, angeleget, und wird noch jährlich an dessen Perfection gearbeitet. Dieses Grotten-Werck, welches das unvergleichlichste in ganz Deutschland ist, kan mit allen Grotten-Wercken in ganz Europa streiten.5 Der Text ist teilweise wortgleich mit den Ausführungen von Hübner, weshalb konsequenterweise auch bei Zedler die Herkulesfigur fehlt. Der von Hübner und Zedler gesetzte Schwerpunkt der Beschreibung auf Wasserkünste und Aussicht wird von den nachfolgenden Enzyklopädien übernommen.
1751 räumt die berühmte französische Encyclopédie von Diderot und D’Alembert Cassel zwei Zeilen ein: eine große Stadt in Deutschland, Längen- und Breitengrade, mehr erfährt man hier nicht.6 Der Weißenstein ist nicht berücksichtigt und auch im Artikel „Cascade“ kennt man die größten Wasserkünste aus Deutschland nicht.
Die ‚Oekonomische Encyklopädie‘ von Johann Georg Krünitz aus den Jahren 1773 bis 1858 enthält keine geographischen Lemmata, so dass man in den 242 Bänden nur indirekt fündig werden kann.7 Die Artikel „Grotte“8 und „Lustberg“9 beachten den Karlsberg als Gesamtanlage mit Wohlwollen. Wenngleich die Herkulesfigur im Text keine Rolle spielt, zeigt der die Grotten illustrierende Stich10 die Kasseler Kaskadenanlage in Schrägansicht – und damit auch den Herkules. In den Artikeln „Monument“11 sowie „Leibes-Größe“12 dient der gewaltige Herkules in Cassel jeweils als Teil der aufgezählten Beispiele.
1796 bis 1808 erschien das sechsteilige ‚Conversations-lexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten‘ von Renatus Gotthelf Löbel und Christian Wilhelm Franke. Der Weißenstein findet in der knappen Beschreibung der Stadt „Cassel“ Erwähnung: (in der Nachbarschaft): das Schloß Weißenstein; der Garten und die Cascada daselbst, nebst dem riesenmäßigen Herkules auf dem Gipfel desselben […].13 Damit ist die Herkulesfigur – 80 Jahre nach ihrer Aufstellung – enzyklopädisch eingeführt. Friedrich Arnold Brockhaus kaufte die „Löbel-Ausgabe“ und führte sie in neuen Auflagen fort. In seinem in Amsterdam in den Jahren 1809 bis 1811 verlegten sechsbändigen ‚Conversations-Lexikon‘ bleibt der Artikel über ‚Cassel‘ mit dem benachbarten Weißenstein völlig unverändert.14 In der 4. Auflage von 1817 wird die „Wilhelmshöhe“, wie der Weißenstein seit 1798 bezeichnet wird, als „irdisches Paradies“ vorgestellt. Ihre Anlagen, die zu den merkwürdigsten Europas zu zählen seien, werden geradezu ausschweifend beschrieben. Die über mehrere Seiten reichende, ciceroneartige Schilderung schraubt sich mit der Aufzählung aller Details und Bauwerke vom Schloss bis zur Bergspitze und würdigt ausführlich – exakt 100 Jahre nach ihrer Aufstellung – die Herkulesfigur: Oben auf dieser Pyramide steht auf einem 11 Fuß hohen Piedestal die kolossale Statue des Farnesischen Herkules, in der umliegenden Gegend der große Christoph genannt, und krönt die Spitze des ganzen bewundernswürdigen Gebäudes. Drei Jahre nachher, als Guernieri den großen Bau vollendet hatte, nämlich im Jahre 1717, wurde sie an ihrem jetzigen Platze aufgestellt; sie ist aus Kupfer getrieben und 31 Fuß hoch. Das Piedestal und die Bildsäule selbst sind hohl und auf Leitern kann man bis in die kupferne Keule, worauf der Koloß seinen kräftigen Arm stützt, steigen; diese Keule ist von solcher Größe, daß zwölf erwachsene Personen darin Raum haben; in derselben ist eine Thür angebracht, deren Öffnung theils die außerdem hier herrschende finstere Nacht in eine Dämmerung verwandelt, theils dazu dient, die unbeschränkteste und herrlichste Aussicht sogar bis zum Inselberg bei Gotha und bis zum Brocken hin zu gewähren.15 Die Genauigkeit des Brockhaus setzt Maßstäbe für die folgenden Nachschlagewerke. Die Herkulesfigur mit ihrer gewaltigen Größe wie auch die Bezeichnung „großer Christoph“ sind ab jetzt enzyklopädietauglich.
Um einen Brockhaus-Nachdruck – eigentlich Raubdruck – handelt es sich bei dem inaktuellen Conversations-Lexicon von Macklot, der noch 1819 den längst in Wilhelmshöhe umbenannten „Weißenstein“ als Lemma führt.16
Erfolglos bleibt die Recherche in der großen deutschsprachigen Enzyklopädie von Ersch und Gruber. In den Jahren 1818 bis 1889 erschienen nicht weniger als 167 Bände, die allerdings beim Buchstaben P enden. Im vierspaltigen Artikel über „Cassel“ gehört die „prächtige Wilhelmshöhe“ zu den aufgezählten Besonderheiten, die die Stadt vorzüglich anziehend machen, dennoch wird sie an dieser Stelle nicht näher beschrieben.17
Die 31. Auflage von Johann Hübners ‚Conservations-Lexikon‘ von 1824 würdigt beim Stichwort „Wilhelmshöhe“ zunächst die Bauten Kurfürst Wilhelms. Danach heißt es hier: Der Karlsberg oder der Winterkasten mit dem Riesenschloß sind frühere Anlagen. Aus der Keule des Herkules blickt man nach dem gothaer Inselberg.18
In David Brewsters ‚Edinburgh Encyclopaedia‘ wird die Wilhelmshöhe im einspaltigen Artikel über „Cassel“ als herausragendes Reiseziel gerühmt. Aus der Ferne gewinnt die mächtige Figur an Bedeutung: In the neighbourhood of Cassel is the beautiful castle of Wilhelmshohe, formerly Weissenstein, which is visited by all strangers. The fine cascades; the colossal Hercules of Winterkasten; the lofty jet d’eau; the Loweenbourg …19

1 Carl Herloßsohn, Damen Conversations-Lexikon. Titelblatt von Bd. 6, 1836
Als eine der imposantesten Städte Deutschlands bezeichnet das zehnbändige ‚Damen Conversations-Lexikon‘ von 1834 bis 1838 (Abb. 1) die Stadt Kassel: Eine Stunde von der Stadt liegt Wilhelmshöhe, ein im edlen Stile gebautes Schloß mit herrlichem Parke, ferner die Löwenburg mit Einsiedeleien, Cascaden, Fontainen, einer 127 F. hohen Säule des Herkules.20 Doppelt hält besser: im Beitrag über „Wilhelmshöhe“ zählt „die Bildsäule des Herkules“ zur „höchst interessante[n] Zusammenhäufung von Sehenswürdigkeiten“.21
Über drei Spalten reicht die umfangreiche Darstellung der Wilhelmshöhe in Pierers ‚Universal-Lexikon‘ aus dem Jahre 1836, die in der Beschreibung des Herkules gipfelt: … auf dem Plateau dieser Pyramide ist endlich die kolossale Statue des Hercules (auch der große Christoph genannt) aufgestellt, sie ist ohne das 11 Fuß hohe Piedestal, 31 Fuß hoch aus Kupfer (von Küper 22 1717) verfertigt. Durch das Piedestal kann man auf Leitern bis in die Keule des Hercules steigen, der untere Theil derselben hat 9 Fuß im Durchmesser, so daß mehrere Personen darin stehen können, es ist auch eine Fensteröffnung angebracht, durch welche man eine reizende Aussicht auf Kassel und zur Seite weithin zum Brocken hat.23 Pierer vergisst nicht, am Ende auf die teuren und schwierigen Reparaturen hinzuweisen.
Ganz anders sieht es dagegen im ‚Volks-Conversations-lexikon‘ (1848) aus, eine immerhin 18 Bände umfassende bescheidene Oktavausgabe der „Gesellschaft zur Verbreitung guter und wohlfeiler Bücher“. Die auf einen Satz komprimierte Aussage zur Wilhelmshöhe bietet keinen Platz für die Erwähnung der Herkulesfigur.24
Aufmerken lässt der Blick in die Urausgabe von Meyers ‚Conversations-Lexikon‘ (1839–1855). Die seinerzeit noch selbständige Wilhelmshöhe ist hier Teil des Artikels über „Kassel“. Im Meyer wird außerordentlich subjektiv geschwärmt vom „schönsten und großartigsten Garten auf deutscher Erde“. Wie bereits im Brockhaus ist auch hier vom „irdischen Paradies“ die Rede und völlig überwältigt heißt es: Die Worte unserer Sprache sind zu arm, um ein anschauliches Bild des Ganzen zu geben […]. Das Herkulesbauwerk selbst wird sachlicher bedacht: Dieses Gebäude, wegen seiner achteckigen Form auch das Oktogon genannt, besteht aus 3 über einander gestellten, von fast unzähligen Säulen getragenen Kreuzgewölben, welche oben in eine Plateform enden, über der sich eine 96 Fuß hohe Pyramide mit der kolossalen (mit dem Fußgestell 42 Fuß hohen) kupfernen Statue des auf seine Keule gelehnten Hercules erhebt.25
Auch in Herrmann Wageners ‚Neuem Conversations-Lexikon‘ findet man die Wilhelmshöhe im Artikel über Kassel: In dem genannten Jahre wurde das Octogon begonnen, und im Jahre 1717 mittels Aufsetzung der kupfernen Statue des Herkules („des großen Christoph“, wie das Volk spricht) vollendet […].26
In ‚Chamber‘s Encyclopaedia‘ (1859–1868), eine für den englischen Bedarf überarbeitete Übersetzung des deutschen Brockhaus, erhält „Cassel“ einen knappen Abschnitt, in dem allerdings die Wilhelmshöhe nicht zu kurz kommt; diese wird gerühmt als the Germain Versailles, with their splendid fountains and cascades, and the colossal statue of Hercules, within the hollow of whose club eight persons can stand at one time […].27 Wenn die Wilhelmshöhe berücksichtigt wird, dann fehlt inzwischen auch nicht mehr der Herkules, dessen gigantische Größe am Ausmaß der begehbaren Keule verdeutlicht wird. Die Wilhelmshöhe sometimes called the Versailles of Germany ist auch in der 9. Auflage der ‚Encyclopaedia Britannica‘ (1875–1889) Teil des zweispaltigen Artikels über „Cassel“: […] and at the top is an octagon building called the Riesenschloss, surmounted by a colossal copper figure of the Farnese Hercules, 31 feet high, whose club alone is sufficiently capacious to accommodate from eight to ten persons.28
Im späten 19. Jahrhundert entsteht der mit Daten und Fakten angereicherte neutral-sachliche Lexikonstil. In Pierers ‚Konversations-Lexikon‘ von 1893 ist der Artikel über Wilhelmshöhe kurz. Zum Bergpark heißt es: Auf dem höchsten Punkte desselben erhebt sich das achteckige Riesenschloß (Oktogon), ein aus drei riesigen übereinander gestellten Tonnengewölben bestehender Bau, deren oberstes von 192 gekuppelten Säulen getragen wird. Auf der Plattform erhebt sich auf einer 31m hohen Pyramide die aus Kupfer getriebene Nachbildung des Farnesischen Herkules.29 Ähnlich zahlenlastig fällt die Beschreibung in der 14. Auflage des Brockhaus von 1908 aus, in welcher der Herkules immer noch den Beinamen „Der große Christoph“ trägt.30
Wilhelmshöhe wurde 1928 eingemeindet und damit Stadtteil von Kassel. So findet man konsequenterweise die Wilhelmshöhe in der 15. Auflage des Brockhaus von 1931 nicht mehr als selbständigen Eintrag, sondern als „Hauptanziehungspunkt“ der „Umgebung“ von Kassel. Die wesentlichen Fakten zu Schloß, „Hochwaldpark“ und Herkulesfigur werden umstandslos referiert. Illustriert wird der Kasselartikel mit zwei Fotografien, wovon eine den Herkules mit den Kaskaden zeigt.31
Für die ‚Enciclopedia Italiana di scienze, lettere ed arti‘ von 1933 krönt die Herkulesfigur den Park: A 4 km a O. si trova ai piedi ell’erto Habichtswald l’antica residenza estiva dell’elettore (Wilhelmshöhe), nota per i suoi giuochi d’acqua e per i suoi splendidi giardini, coronati dalla grande statua di Ercole.32
In der 24-bändigen 19. Auflage des Brockhaus (1990) reduzieren sich die Informationen zur Wilhelmshöhe auf neun Zeilen. Die Statue des Herkules gilt jetzt als „Wahrzeichen der Stadt“, was durch eine farbige Fotografie des Herkules über schäumenden Wasserkaskaden und unter blauem Himmel untermalt wird.33
Selbstverständlich wird der Wikipediaartikel über Kassel von einer Herkulesfotografie begleitet. Mehrfach wird der Herkules als Wahrzeichen der Stadt bezeichnet.34
Die chronologische Sicht auf die Erwähnung der Herkulesfigur in Allgemeinenzyklopädien zeigt, dass Schloss und Park Wilhelmshöhe bzw. ursprünglich der Weissenstein vom separaten Eintrag im Laufe der Zeit in das Lemma Kassel hinüberwachsen. Die Einzigartigkeit des Ortes wurde in der Vergangenheit vor allem in der Einfügung der großartigen Wasserkünste in die natürliche Topographie gesehen. Der Gegenstand unserer Recherche, die Herkulesfigur, findet ihren Platz allerdings erst 80 Jahre nach ihrer Errichtung in den einschlägigen Nachschlagewerken. Von da an gewinnt der Herkules an Wahrnehmung, Ansehen und Bedeutung. Die Eingemeindung von Wilhelmshöhe fällt zeitlich zusammen mit illustrierenden Abbildungen in den Nachschlagewerken, sodass ab den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts der Herkules mit den Kaskaden das Paradebild für Kassel abgibt. Vom Abbild zum Wahrzeichen ist es nur noch ein kleiner Schritt. Der Herkules rückt damit von der zunächst vergessenen zur sachlich vermessenen Randfigur und schließlich zum abgebildeten Wahrzeichen der Stadt Kassel auf und nicht nur deswegen gehört er auf jeden Fall zur Allgemeinbildung.
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1 Johann HÜBNER, Reales Staats-, Zeitungs- und Conversationslexicon, 9. Auflage, Leipzig 1719, Sp. 2014.
2 Johann HÜBNER, Reales Staats-, Zeitungs- und Conversationslexicon, neue mit nöthigen und nützlichen Kupfern versehene Auflage, Leipzig 1737, Sp. 396.
3 Ebd., Sp. 2176.
4 Vgl. in diesem Buch Siegfried HOSS und Andreas SKORKA, Herkules als Landmarke und als Aussichtspunkt.
5 Johann Heinrich ZEDLER, Großes vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschaften und Künste, Halle–Leipzig 1732–1754, 64 Bände, Bd. 54, 1747, Sp. 1403-1404.
6 Denis DIDEROT, Jean Le Rond D’ALEMBERT, Encyclopedie, ou dictionnaire raisonnè des sciences, des arts et des métiers, Paris 1751–1772, 28 Bände, T. 2, 1751, S. 746.
7 Für den freundlichen Hinweis danke ich Christian Presche.
8 Johann Georg KRÜNITZ, Ökonomisch-technologische Enzyklopädie, Berlin, 1773–1858, 242 Bände, Bd. 20, 1780, S. 149, (elektronische Ausgabe der Universitätsbibliothek Trier http://www.kruenitz.uni-trier.de/).
9 Ebd., Bd. 81, 1801, S. 773.
10 Ebd., Bd. 81, 1801, Fig. 1073.
11 Ebd., Bd. 93, 1803, S. 676.
12 Ebd., Bd. 72, 1797, S. 167.
13 Conversationslexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten, Leipzig, Friedrich August Leupold, 1796–1808, 6 Theile, 1. Theil 1796, S. 242.
14 Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch für die in der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten vorkommenden Gegenstände mit beständiger Rücksicht auf die Ereignisse der älteren und neueren Zeit, in sechs Bänden, Amsterdam, 1809–1811, Bd. 1, 1809, S. 242.
15 Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände, 4. Orig.-Aufl. Altenburg, Brockhaus 1817–1819, 10 Bände, Bd. 10, 1819, S. 616–619.
16 Conversations-Lexicon oder enyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände, Neue Ausgabe, Stuttgart, Macklot 1819, 7 Bände, Bd. 7, 1819, S. 739.
17 Johann Samuel ERSCH, Johann Gottfried GRUBER, Allgemeine Encyclopaedie der Wissenschaften und Künste, Leipzig 1818–1850, 167 Bände, 15. Th., 1826, S. 271.
18 Johann HÜBNER, Johann Hübner’s Zeitungs- und Conversations-Lexikon, […] erweitert, umgearbeitet und verbessert von F. A. RÜDER, 31. Auflage Leipzig, 1828, 4 Bände, Bd. 4, S. 946.
19 David BREWSTER, The Edinburgh Encyclopaedia, Edinburgh 1830, 18 Bände, Bd. 5, S. 602.
20 Carl HERLOSSSOHN, Damen Conversations-Lexikon, hg. im Verein mit Gelehrten und Schriftstellerinnen von C. Herloßsohn, Leipzig 1834–1838, 10 Bände, Bd. 6, 1836, S. 89.
21 Ebd., Bd. 10, 1838, S. 445–446.
22 Vgl. in diesem Buch Joachim SCHRÖDER, Herkules in Festen und Jubiläen.
23 H. A. PIERER, Universal-Lexikon oder vollständiges encyclopädisches Wörberbuch, Altenburg 1836, 26 Bände, Bd. 26. 1836, S. 174.
24 Volks-Conversationslexikon. Umfassendes Wörterbuch des sämmtlichen Wissens, … hg. von der „Gesellschaft zur Verbreitung guter und wohlfeiler Bücher“, Stuttgart 1844–1848, 18 Bände, Bd. 18, 1848, S. 236.
25 Joseph MEYER, Das große Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände, Original-Ausgabe, Hildburghausen [u. a.] 1839–1855, 46 Bände, Bd. 17, 1850, S. 801.
26 Herrmann WAGENER, Neues Conversations-Lexikon, Staats- und Gesellschafts-Lexikon, Berlin Heinicke, 1859–1867, 23 Bände, Bd. 5. 1861, S. 128.
27 CHAMBERS’s Encyclopaedia, a dictionary of universal knowledge for the people, London, 1859–1868, 10 Bände, Bd. 2, 1861, S. 653.
28 The Encyclopaedia Britannica, a dictionary of arts, sciences, and general literature, 9. ed., Edinburgh, 1875–1889, 24 Bände, Bd. 5, 1876, S. 183.
29 PIERERS Konversations-Lexikon, hg. von Joseph Kürschner, 7. Auflage, Berlin [u.a.] 1888–1893, 12 Bände, Bd. 12, 1893, Sp. 1281.
30 BROCKHAUS’ Konversations-Lexikon, 14. Auflage, Leipzig 1908, 16 Bände, Bd. 16, S. 738.
31 Der Große BROCKHAUS. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden, 15. Auflage, Leipzig 1928–1925, Bd. 9, 1931, S. 777.
32 Enciclopedia Italiana di scienze, lettere ed arti, Nachdruck von 1950, Roma 1929–1936, 35 Bände, Bd. 20, 1933, S. 135.
33 BROCKHAUS Enzyklopädie in 24 Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1986–1994, 24 Bände, Bd. 11. 1990, S. 519.
34 https://de.wikipedia.org/wiki/Kassel. Eingesehen am 27.09.2015.
In keinem Zeitalter der Welt wurde so viel gereist, als in dem unsrigen. Der Kasseler Herkules in Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts
Helmut Bernert
„In keinem Zeitalter der Welt wurde so viel gereist, als in dem unsrigen“, klagt Johann Wilhelm von Archenholz im Jahre 1784. Und weiter heißt es: „Nie bereiseten Kaufleute aller Nationen so sehr fremde Staaten als jetzt; ja selbst der unbemittelte Gelehrte entfernt sich von seinem Pult, und macht zwar nicht lange Reisen, doch wenigstens Excursionen, oft in der Absicht seine zusammengerafften Bemerkungen der Welt mitzutheilen, und sich dadurch für die aufgewandten Kosten schadlos zu halten.“ Dies ist auch kein Wunder, da nach Schätzungen von Hans Wolf Jäger „zwischen 1700 und 1810 etwa 10 000 faktologische und fiktive Reisebeschreibungen entstanden.“1
Der Herkules – fast 50 Jahre unbekannt
So sollte man eigentlich annehmen, dass nach der Fertigstellung der Herkulesfigur auf dem Oktogon im Jahr 1717 eine Vielzahl von Reiseberichten zu finden seien. Spätestens mit der deutschen Ausgabe des Kupferstichwerkes „Delineatio montis“ von 1727 gab es eine Abbildung des Oktogons mit der Herkulesstatue.2 Doch innerhalb der folgenden 50 Jahre, also bis 1767, als die erste Stadtgeschichte der Stadt Kassel von Friedrich Christoph Schminke3 erscheint, gibt es nur zwei Berichte, in denen ausdrücklich der Herkules genannt wird. Alle anderen zeitgenössischen Erwähnungen schreiben von einer Grotte auf dem Weissenstein.4 Von allen üblicherweise für diesen Zeitraum zitierten Berichten: von Friedrich Armand von Uffenbach (Besuch 1728, veröffentlicht 1928), Heinrich Zernecke (Besuch 1733, veröffentlich 1900), Carl Bentzmann (Besuch 1757, veröffentlicht 1925), James Boswell (Besuch 1764, veröffentlicht 1955), Carl Friedrich Gralath (Besuch 1766, veröffentlicht 1925) konnten die damals Lebenden keine Kenntnis nehmen.5
Die erste Veröffentlichung in der Zeit vor Schminke6 (1767), in der der Herkules explizit genannt wird, stammt aus dem Jahr 1755. Der englische Reiseschriftsteller und spätere anglikanische Bischof Richard Pococke (1704–1765) berichtet in seiner dreibändigen „Beschreibung des Morgenlandes“, über seinen Aufenthalt in Kassel. Über seinen Besuch des Winterkastens7 berichtet er: Oben auf einem Berge stehet auf Bogen ein ungemein grosses offenes Gebäude von bäuerischer Bauart, und oben darauf eine Spitzsäule, auf deren Spitze eine riesenförmige metallene dreißig Fuß hohe Säule vom Hercules stehet, dessen Kopf und Rumpf etwa aus fünf Stücken bestehet, deren iedes besonders gegossen ist. Man sagt, die Säule wäge hundert und achtzig Centner, ieden auf hundert und acht Pfund gerechnet. Sie ward von einem gemeinen Kupferarbeiter, der dahmals am Leben war, verfertiget. Im weiteren beschreibt er Einzelheiten der Wasserkünste und dass man von dessen „Boden zu der Bildsäule hinauf acht hundert und vier und vierzig Stufen gehen“ müsse. Der andere Bericht ist von Anton Friedrich Büsching8: Ganz oben [nach 800 Stuffen] ist eine große Pyramide von über und durcheinander gesetzten gewaltigen Steinen, und auf derselben steht ein kupferner Herkules, welcher an 30 Schuhe hoch ist, und aus welchem man eine weite Aussicht hat.
Der Herkules in der Stadtgeschichtsschreibung
Bei den Berichten von Uffenbach, Zernecke, Bentzmann, Boswell, Gralath und Pococke handelt es sich immer um Tagebuchaufzeichnungen, die mit Ausnahme des Berichts von Pococke ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht waren. Ganz anders ist das Werk über die Stadt Kassel von Schminke. Im XXVII. Hauptstück berichtet er „von den ohnweit der Stadt gelegenen Fürstlichen Lustschlössern und Gärten“ neben „Freyenhagen“ und dem „Lustschloß Weissenstein“ den „Carlsberg“ mit den Anlagen sowie „Wilhelmsthal“.9 Zum Herkules heißt es da: Auf derselben [‚Platteforme‘] stehet nach der Caskade zu eine 96 Fus hohe Pyramide von Quaderstücken mit fünf übereinander befindlichen Kreutzgewölbern, zu deren vier Umgängen auf einer Windeltreppe[!], so um eine hohle Spindel gehet, zu gelangen stehet. Von da steiget man auf einer Leiter in das eilfschuhige kupferne Piedestal und sodann ferner auf einer andern Leiter in die Keule der aus Kupfer getriebenen Statue des Herkules, welche inwendig hohl und 31 Fus hoch ist. Diese Keule, worauf sich derselbe lehnet, ist so groß, dass neuen Personen darin Raum haben. In dieser erstaunlichen Höhe genießet man eine der weitesten und schönsten Aussichten in die umherliegenden Städte, Schlösser, Dörfer, Berge und Flüsse, wozu die in dem Habichtswalde ausgehauene Schneussen vieles beytragen.
Reiseberichte in Briefform an fiktive Empfänger
In den folgenden Jahren wurde es üblich, Reiseberichte in Form eines Briefes abzufassen. Diese „Briefe“, teilweise mit Tagesdatum, werden entweder zu umfangreichen Reisebeschreibungen über einen größeren Zeitraum monographisch zusammengefasst oder in einer der damaligen literarischen Zeitschriften veröffentlicht.
Auf dem höchsten Gipfel des Berges ist ein Gothischer Tempel, und auf dem Gipfel des Tempels eine Spitzsäule erbauet, die mit einer Colossal-Statüe des Herkules bekrönt ist, der sich in der Stellung des Farnesischen Herkules an seine Keule lehnt, so beschreibt John Moore in einem Brief seine Eindrücke. Er bedauert, dass er Kassel im Winter besucht hat und deshalb den „herrlichen Anblick“ der Kaskaden und der Fontäne nicht wahrnehmen konnte.10
1781 erschienen anonym die „Briefe eines Reisenden über den gegenwärtigen Zustand von Cassel.“11 Der Verfasser hat 1780 Kassel besucht12 und sieht sich selbst in der Nachfolge von Schminke und Engelhard, da seit der Erscheinung dieser Werke sich Kassel wesentlich verändert habe und diese somit nicht mehr zeitgemäß wären. Der dritte Brief beschäftigt sich mit dem „Weissenstein“ und dem „Carlsberg“. Er bewundert die kaum mit Worten zu beschreibende Aussicht von der „ofnen Gallerie“ oben über den Gewölben des Oktogons: Durch die Piramide […] führt eine […] merkwürdige Stiege hinauf; ehe man aber in die Statüe selbst kommt, muß man durch ein nicht sehr geräumiges Loch eine gerade Leiter […] hinaufkriechen; alsdenn aber kann man […] von der Fußsohle bis in den Scheidel auf- und absteigen.13 Im Weiteren weist er darauf hin, dass dieses kühne Unternehmen, gemeint ist die ganze Anlage, gar keinen Nutzen hat und lediglich zum Ansehen und Bewundern aufgerichtet sei, und deshalb an Verschwendung grenzt. Dabei stellt er auch die Frage, wie lange die Nachwelt noch das Werk bewundern könne oder daß man schon nach wenigen Jahrhunderten aus den grossen Ueberbleibseln wird schliessen müssen – was es eigentlich gewesen.
Nicht alle Besucher sind vom Herkules begeistert
Nicht alle Besucher Kassels bzw. des Karlsberges konnten sich mit dem Bauwerk darauf anfreunden. Die schärfste Ablehnung wegen der verwendeten Mittel ist wohl die angebliche Äußerung des späteren Königs von Schweden, Friedrich I., des Sohnes von Landgraf Carl, der auf die Frage, wie ihm der Bau gefalle, geantwortet haben soll: „es fehle nur eines daran, nehmlich zu alleroberst ein Galgen, um den Angeber daran zu hengen.“14 Und die Schriftstellerin Friedrike Sophie Christiane Brun schrieb in ihrem Bericht über ihren Besuch in Kassel 1782, dass sie bei aller Pracht an die weinenden Witwen denken müsse, „daß das Geld, das aus dem Verkauf ihres Mannes, ihren Bräutigams gelöst ward, mit zu diesen prächtigen Steinmassen beytrug“, und ihr dadurch der ganze Aufenthalt in Kassel verbittert worden sei.15 Die berühmteste Stimme, die das Bauwerk aus ästhetischen Gründen ablehnte, war die häufig zitierte von Johann Wolfgang von Goethe, der in seinem Tagebuch in Italien am 27. Oktober 1786 notierte: Nun fühle ich erst, wie mir mit Recht alle Willkürlichkeiten verhaßt waren, wie z. B. der Winterkasten auf dem Weißenstein, ein Nichts um Nichts, ein ungeheurer Konfektaufsatz, und so mit tausend andern Dingen. Das steht nun alles totgeboren da, dann was nicht eine wahre innere Existenz hat, hat kein Leben und kann nicht groß sein und nicht groß werden.16
In der mehrbändigen Reihe „Neue Reisebemerkungen in und über Deutschland“17 berichtet ein anonymer Verfasser von seinem Besuch in Kassel im Jahr 1782 über sein Vergnügen, dass er dabei empfand, als er auf der Galerie des Oktogons die Aussicht genoss. Auch einen Besuch im Herkules gönnte er sich, meint aber, dass „der Platz in selbigen [… für] Schornsteinfeger gemächlicher als andern scheinen“18 möge. Drei perpendikulär gestellte Leitern führen zum Herkules hinauf, und aus einer angebrachten Klappe in seinen Waden hatte ich eine ganz kleine Welt vor meinen Augen, auf die der Halbgott […] mit Ehrwürdigkeit herabschaut. Der Autor fügt hinzu: Die Damen sollen sonderlich an selbiger die vordere Seite [des Herkules] bewundern, die eine gewisse herkulische Schönheit liefert, die nur Halbgöttern seiner Art zu Theil wird.
1785 besuchte Joachim Heinrich Campe Kassel. Nach einer ausführlichen Beschreibung des Parks auf dem Weissenstein mit den von Landgraf Friedrich II. vielfältig aufgestellten Figuren und ausgeschmückten Grotten19 stieg er die „nicht weniger als achthundert und zwei und neunzig Stufen“ mühsam hinauf. Campe, der seine Berichte als Pädagoge verfasste, schrieb, damit meine jungen Leser sich ohngefähr einen Begriff [von der Größe] machen können, […,] daß in der Keule desselben welche nicht dicker als sein Schenkel ist, vier bis fünf stehenden Menschen Platz haben. Er bemängelt dann allerdings, dass dieser Koloß, von der Spitze des Berges gesehn, in gewöhnlicher Menschengröße, und am Fuß des Berges nicht viel größer, als eine Marionettenpuppe sei.
… besonders zeichnet sich die [Aussicht] nach dem Carlsberge aus, auf dessen Spizze Herkules stolzirt. Ein kühner Gedanke! Lebten wir in den Zeiten, wo man jede ausserordentliche Anlage zum Wunderwerke machte, so dürfte der Carlsberg leicht in die erste Classe gezählt werden, schreibt der Lehrer Seidel begeistert über seinen Besuch im Jahre 1785 in Kassel.20 Auch Seidel fragt sich, ob die unsägliche Summe Geldes nicht besser für andere Aktivitäten hätte verwendet werden können. Dem stellt er gegenüber, dass andere Fürsten ebenfalls unsägliche Summen an Parforce-Jagd, Operisten, Mätressen u. d. g. ausgeben würden und bemerkt dann, dass diese Anlage ein Denkmal der Prachtliebe des Fürsten [sei] und wie viele Hände hat nicht schon diese Anlage beschäftigt und wird sie noch ferner beschäftigen, und in die Zukunft blickend: Einzig ist und bleibt diese Anlage wohl in Europa und spätere Enkel werden sie vielleicht mehr bewundern und anstaunen, als jetzt die Zeitgenossen.
Reisende sollen ihre Vorurteile zu Hause lassen
Im „Journal von und für Deutschland“ wird 1789 anonym „Topographie der Hessischen Haupt- und Residenzstadt Cassel“ veröffentlicht.21 Eine gleiche für „Weisenstein“ angekündigte ist leider nicht mehr erschienen. Die Topographie beschreibt vor allem, welche Veränderungen nach dem Tode Landgraf Friedrichs II. durch seinen Sohn Landgraf Wilhelm IX. auf dem Karlsberg vorgenommen worden sind. Er ist davon überzeugt, dass der Lehrer eines bessern Deutschen Gartengeschmacks, Hirschfeld, die Gärten in Freyenhagen, Wilhelmsthal, Hof-Geismar, Wabern und auf dem Carlsberge nicht umschaffen würde. Als einer unsrer größten Schöpfergeister, ein Dichter [gemeint ist Friedrich Gottlieb Klopstock], mit mir [dem Autor] oben auf den Platte des Achtecks vom Carlsberg stand, und auf den Weisenstein, und Cassels ganze weite Gegend herab sah, rief er erstaunt aus: Welchen schönen Fleck hat hier Landgraf Carl in unsers lieben Herrgotts Schöpfung hinein geworfen, um dann die schiefe[n] und kleinliche[n] Urtheile über Carls Wasserfälle zurückzuweisen.
1797 besuchte Ludwig Lindenmeyer Kassel.22 Nach einer ausführlichen Beschreibung der Plutogrotte stieg er mit Freunden zum Gipfel des Berges. Sie stiegen auf die offene Galerie. Ich konnte des Anblicks dieses majestätischen Gebäudes nicht satt werden und war so in Bewunderung verloren, daß ich Hunger und Durst und Müdigkeit vergaß. Er stieg auch in die Pyramide über eine schmale dunkle Windeltreppe, die nur gering beleuchtet wurde, und an der Spitze der Pyramide durch eine noch engere Oeffnung zwei Leitern vollends bis in die Keule des Herkules, worin acht Personen Platz haben. Trotz Schwindel, der ihn zuerst am Weiterklettern hinderte, stieg er dann doch über die zweite Leiter in die Keule. Durch die Öffnung am Keulenfuß sah er dann die herrliche Gegend bis zum Brocken. (Abb. 1)
Der Reiseführer im Taschenbuchformat
Die bisherigen Beschreibungen waren entweder von Fremden, die auf ihrer Reise Kassel besuchten und ihre Eindrücke schriftlich fixierten, oder von Ortsansässigen (Schminke, Engelhard oder der Anonymus im vorhergehenden Kapitel). Als Reiseführer im eigentlichen Sinne waren die Veröffentlichungen kaum geeignet. Dies änderte sich mit der Veröffentlichung: „Cassel und die umliegende Gegend. Eine Skizze für Reisende“ im Jahr 1792.23 Das Büchlein, im Taschenbuchformat, konnte bei der Stadtbesichtigung leicht mitgenommen und die Beschreibungen vor Ort mit den Objekten verglichen werden. Der fünfte Abschnitt beschäftigt sich mit den Lustschlössern und den dazu gehörigen Gärten, ebenso mit dem Herkules.24 Apell selbst kommentierte diese Ausgabe, dass sie, ebenso wie die in schneller Folge erscheinenden weiteren Auflagen25, für eine „vollständige und detaillierte Beschreibung Cassels“, zu wenig Informationen enthalte. Sie sei „einzig und allein für Reisende geschrieben, welche die Stadt Cassel besuchen, um ihre Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen.“26
1794 erschien vom gleichen Verfasser eine „Kurze Beschreibung vom Weissenstein bey Cassel“. 1798, nachdem die Ausmöblierung des Mittelteiles des Schlosses begann, wurde der Name des Schlosses in „Wilhelmshöhe“ geändert.27 Außerdem erhielt der Landgraf Wilhelm IX. 1803 den Titel eines Kurfürsten und nannte sich jetzt Kurfürst Wilhelm I.28 Dem passte Apell seine Veröffentlichung über das Schloss an und 1805 erschien die „Geschichte und Beschreibung des kurfürstlich-hessischen Lustschlosses Wilhelmshöhe und seiner Anlagen von erster Erwähnung an bis auf gegenwärtige Zeiten.“ Weitere Auflagen erschienen 1808 (diese in französischer Sprache und „Napoleonshöhe“), sowie 1821 und 1824.
Mit der „Beschreibung des Kurfürstlichen Landsitzes Wilhelmshöhe bey Cassel“, erschien 1804 ein weiterer Reiseführer des Kasseler Autors Döring.29 Er beschreibt ausführlich das Oktogon, die darauf stehende Pyramide und die „sehr gut befestigten Leitern [, mit deren Hilfe man] bis in die Keule der Statue des farnesischen Herkules“ gelangen kann. Das Innere der Keule, auf die er sich stützt, bietet Raum für 12 [!] Personen; auch kann, durch Oeffnung einer kleinen Seitenthüre, das nöthige Licht hinein gebracht werden. Die Aussicht aus dieser furchtbaren Höhe ist von unbeschreiblicher Wirkung.
In den Reisebeschreibungen werden neben dem Herkules der Park und die Wasserkünste beschrieben. Wollte man die Wasserkünste sehen, so konnte man dies meist gegen einen bestimmten Obolus beim Oberhofmarschall erreichen. Gottlieb Friedrich Krebel erwähnt, dass man die „Wasserkünste öffentlich am ersten Pfingsttage, und an den Sonntagen in der Messe“ „springen“ sehen konnte.30 Mit dem festen Vorsatz, bloß zu genießen und jede Erinnerung zu verbannen, die mich im Genuß stören könnte, fuhr ich morgens um sechs Uhr nach Weißenstein. ‚Ehre Kunst und Geschmack, wo du beide findest, und vergiß, daß diese Steine vom gequälten Volke mit Blut und Tränen zusammengetragen und ihm mit Blute und Tränen wieder bezahlt worden sind‘ So hieß mein Wahlspruch an diesem Tage.31 Georg Friedrich Rebmann, der sich mit diesem Vorsatz dem Herkules nähert, schwärmt von dem Park, bemerkt aber den „unangenehmen Eindruck, daß man überall auf Inschriften … [und] auf Warntafeln“ stößt, „worauf Karrenstrafen und dergl. abgebildet sind.“ Er wandert bis zum Oktogon. Es war gerade Sonntag in der Messe, als ich die Pyramide bestieg. Alle Wasser sprangen, und der ganze Weißenstein war mit Menschen wie besäet, welche wandelnden Marionetten von oben aus glichen […] wahrlich! In dem Augenblicke konnte ich nicht, wie Baggesen[32], daran denken, daß die Tränen der Untertanen auch einen ziemlichen Wasserfall geben möchten.33

1 Klappe im Sockel des Herkules, Kasseler Post 22.09.1951
Wie sehr sich der Geschmack und die Ansichten über die Gartenkunst zu Beginn des 19. Jahrhunderts geändert hat, dafür ein Beispiel aus der Reisebeschreibung von Carl Gottlieb Küttner über seinen Aufenthalt in Kassel.34 Glücklicherweise ist dieser aus Wasserkünsten, Gebäuden, Französischen Terrassen […] bestehende Plan nicht zur Hälfte ausgeführt worden, denn eine abscheulichere Entehrung einer sehr schönen Natur kann ich mir nicht denken. Und weiter: Landgraf Carl ließ zu Anfange dieses Jahrhunderts diese geschmacklose Steinmasse nebst der ungeheuern Statue errichten. Es ist ein achteckiges Gebäude […] dessen dunkelgraue Farbe einen traurigen Anblick gibt, und das eben so sehr ohne allen Zweck, als ohne architektonische Schönheit ist. Nicht einmal der schönen Aussicht kann der Autor etwas abgewinnen, der ewige Wind macht ihm den Aufenthalt unangenehm.
In der Modezeitschrift „Journal des Luxus und der Moden“ erschien von „Julius“ ein Bericht über das jährliche Pfingstvergnügen in Kassel, hier im Jahre 1805. Jeweils am zweiten Pfingsttag sprangen die Wasser in Wilhelmshöhe und von nah und fern strömte das Volk in den Bergpark. Nachdem „Julius“ feststellt, dass Wörlitz und Schwetzingen hinter Kassel zurückstehen müsse, besteigt er den Karlsberg und den Winterkasten. Ein halbes Dutzend von uns armen Sterblichen hatte in der Keule des Heroen Platz, der da oben fast das ganze Land überschaut und aus dessen Ueberbleibseln vielleicht nach Jahrtausenden ein Chinesischer oder Amerikanischer Antiquar beweisen wird, daß die Teutschen des neunzehnten Jahrhunderts den Herkules angebetet und ihm zu Ehren jedes Frühjahr Feste gefeiert haben.35 „Julius“ hat einen Wunschtraum: Hier sollten die Teutschen ihre olympischen Spiele feiern; hier sollten sich die getrennten und sich immer mehr trennenden Teutschen Volksstämme wieder verbrüdern und zu e i n e r N a t i o n konstituiren. – Die Ausführung dieser Idee wäre des großen unternehmenden und reichen Regenten der Hessen würdig! –
In der in Prag erscheinenden Zeitschrift Hesperus berichtet ein Anonymus über einen kurzen Besuch in Kassel im Sommer 1819. Es ist einer der ersten Berichte nach der Herrschaft des Königs von Westphalen und der Rückkehr des Kurfürsten Wilhelms I. Nach einer Beschreibung des Schlosses, der Anlagen im Park, der Löwenburg weist er auf die Wasserkunst, welche von jedem Reisenden von Geschmack für seltene Kunstwerke, gesehen zu werden verdient. 36 Er erwähnt dann weiter, dass der Kurfürst sich im Oktogon einen mit Möbeln versehenen Saal [hat] aufbauen lassen, welcher mit drei großen Glasthüren verschlossen ist. Danach folgt die Beschreibung des Herkules. Außerdem bewundert er die die technische Leistung, die Statue auf die Pyramide zu stellen. Er endet mit der Feststellung, dass die Wilhelmshöhe mit ihren Schätzen der Natur und Kunst … Cassel wirklich zu einem der sehenswerthesten Orte Teutschlands [macht]; wer es verläßt, ohne jene gesehen zu haben, dem dürfte es leicht gehen, wie jenem Reisenden in Italiens Gefilden, der nach seiner Rückkunft nur von den Düngerhaufen zu erzählen wußte.
Veränderung in Kassel und Wilhelmshöhe
Dass der Besuch in Kassel wegen der Wasserkünste auch in einer Enttäuschung enden konnte, berichtet ein Anonymus im Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode.37 Der Besucher war schon einmal in Kassel ohne dabei die Wasser springen zu sehen. Er mit einer Menge anderer Personen wartete geduldig auf das Wasser, aber es kam nicht. Der Wassermeister durfte das Wasser erst laufen lassen, wenn der Kurfürst, der in Wilhelmshöhe speiste, die Tafel aufgehoben hatte. Dieser ließ sein Volk warten und der Besucher musste sich entscheiden, entweder Wasser oder die Oper Jessonda von Spohr im Theater. Er entschied sich für letzteres und erfuhr später, dass abends während der Theateraufführung das Wasser gelaufen ist.
1821 trat Kurfürst Wilhelm II. nach dem Tode seines Vaters die Regierung in Kurhessen an. Die konservative rückwärtsgewandte Politik einerseits, die Trennung des jetzigen Kurfürsten von seiner Frau Auguste andererseits, führte zu erheblichen Spannungen zwischen dem Kurfürsten und seinem Volk. Als der Kurfürst 1823 in Nenndorf weilte, erreichte ihn ein anonymer Brief, in dem ihm mit dem Tode gedroht wurde. Die Folge waren erhebliche Einschränkungen für Fremde in Kassel. Die Bremer Zeitung berichtet im November 1823, dass „jeder Fremde, welcher Wilhelmshöhe besucht, mit einer Legitimation versehen ist“, um sich entsprechend ausweisen zu können. Der Reisepass eines jeden Fremden muss der Polizei vorgelegt werden.38 Eine ähnliche Information finden wir im Österreichischen Beobachter.39 Die Neckar-Zeitung berichtete, dass sich die anonymen Briefe häufen würden. „Die deshalb genommenen polizeilichen Maßregeln fangen nachgerade an, den Aufenthalt in der Residenz lästig zu machen, und halten die meisten Reisenden ab, ihren Weg über Cassel zu nehmen.“40
Im Jahr 1828 erschien das erste gedruckte Adressbuch der Stadt Kassel. Diesem sind als Einleitung eine Beschreibung der Stadt Kassel sowie zusätzlich eine solche von Wilhelmshöhe vorausgeschickt.41 Zum Herkules heißt es: Da stand es nun das Staunen erregende Riesenwerk, die schönen Kaskaden, über ihnen das Riesenschloß, auf demselben die große Pyramide und auf deren Spitze der Herkules mit der Keule, ein ewiges Monument eines großen Erbauers, das seinen Namen neben seinen übrigen Großthaten unvergeßlich macht. Der Berg, worauf jenes große Kunstwerk steht, hieß von nun an der Carlsberg.
Pulsuz fraqment bitdi.