Kitabı oxu: «Deutsche Geschichten»

Şrift:

GEVINON VON MEDEM (HG.)

DEUTSCHE GESCHICHTEN

VOM ERSTEN WELTKRIEG BIS HEUTE EIN LESEBUCH


GEVINON GRÄFIN VON DEM BUSSCHE-KESSELL geb. Freiin von Medem, Jg. 1957, Studium der Hispanistik, Anglistik, Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn (M. A.), Post-Graduate Studium an der School of Advanced International Studies in Washington D. C., Assistentin im Bundestag bei Franz Ludwig Graf von Stauffenberg, Mitarbeiterin der Deutschen Bank (u. a. delegiert zum Europäischen Arbeitgeberverband in Brüssel), Europabeauftragte des Wirtschaftsrates der CDU, seit 1995 Mitarbeit im Familienbetrieb Schloss Neuenhof. Herausgeberin eines Buches über den Widerstandskämpfer Axel von dem Bussche (1994).

EDITORISCHE NOTIZ

Die abgedruckten Texte sind in der Regel Auszüge aus den genannten Werken. Die jeweilige Rechtschreibfassung wurde beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Anmerkungen wurden generell als Fußnoten gesetzt. Die Quellen und Rechteinhaber sind jeweils am Ende des Beitrages angegeben. Herausgeberin und Verlag danken den Rechteinhabern für die Gewährung der Abdruckgenehmigungen.

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2014

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

Umschlaggestaltung: Birte Janzen, eindesign.de

Layout und Satz: Stefanie Bader, Leipzig

Karten: Anneli Nau, München

Redaktion: Sarah Ackermann

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

ISBN 9783954623525

»Der Friedenszustand unter Menschen, die neben einander leben, ist kein Naturstand … Er muß also gestiftet werden … «

IMMANUEL KANT

Zum ewigen Frieden

INHALT

Cover

Titel

Zum Autor

Impressum

Zitat

Einführung

I. GEWITTERWOLKEN AM HORIZONT

Ein Jahrhundert beginnt (1900–1913)

Bertha von Suttner: Die erste Haager Friedenskonferenz

Zeitdokument: Das Zarenmanifest von 1899

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern

Wilhelm II: Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878–1918

II. DIE ENTFESSELUNG DER MÄCHTE

Der Erste Weltkrieg (1914–1918)

Eduard von Keyserling: Über die Vaterlandsliebe

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

Ernst Jünger: In Stahlgewittern

III. VERSAILLES UND SEINE FOLGEN

Der Versailler Vertrag und die Weimarer Republik (1919–1933)

Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau: Rede bei der Überreichung des Vertragsentwurfs durch die Alliierten und Assoziierten Mächte

Zeitdokument: Mantelnote zur Antwort der Alliierten und Assoziierten Mächte an den Präsidenten der Deutschen Delegation (1919)

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?

Kommunismus

Gertrud von den Brincken: Land unter

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis

Nationalsozialismus

Thomas Mann: Deutsche Ansprache

Zionismus/Antisemitismus

Theodor Herzl: Der Judenstaat

Manés Sperber: Churban oder Die unfaßbare Gewißheit

Die Suche nach einer neuen europäischen Ordnung

Richard N. Coudenhove-Kalergi: Pan-Europa

IV. LEBEN IN DER DIKTATUR

Der Tragödie erster Teil (1933–1938)

Gottfried Benn: Antwort an die literarischen Emigranten

Erich Kästner: Fabian – die Geschichte eines Moralisten

Werner Finck: Witz als Schicksal, Schicksal als Witz

Der Tragödie zweiter Teil – Deutsche im Widerstand (1939–1945)

Inge Scholl: Die Weiße Rose

Hans-Friedrich Lenz: »Sagen Sie, Herr Pfarrer, wie kommen Sie zur SS?«

Zeitdokument: Theologische Erklärung der Bekenntnissynode in Barmen (1934)

Zeitdokument: Die Tätigkeit des IKRK zugunsten der in den deutschen Konzentrationslagern inhaftierten Zivilpersonen (1944/45)

Axel von dem Bussche: Eid und Schuld

Ricarda Huch: In einem Gedenkbuch sammeln… Bilder deutscher Widerstandskämpfer

V. JALTA UND DIE TEILUNG DEUTSCHLANDS UND EUROPAS (1945 – 1949)

Flucht und Vertreibung

Marion Gräfin Dönhoff: Namen, die keiner mehr nennt

Sigrid Reisch von Wagner: Baltisch-Ostpreußische Erinnerungen

Werner Bergengruen: An die Völker der Erde

Zeitdokument: Charta der Heimatvertriebenen (1950)

Carl Zuckmayer: Deutschlandbericht

Deutsche in Gefangenschaft

Kurt Fricke: Spiel am Abgrund – Heinrich George

Deutsche im Ausland

Magnus Freiherr von Braun: Weg durch vier Zeitepochen

VI. VON DER ENGLISCHEN, AMERIKANISCHEN UND FRANZÖSISCHEN BESATZUNGSZONE ZUR BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Ernst von Salomon: Der Fragebogen

Hermann Josef Abs: Entscheidungen

Ludwig Erhard: Wohlstand für alle

Alexander Kluge: Reden über das eigene Land

Horst Krüger: Tiefer deutscher Traum

Hilde Domin: Unter Akrobaten und Vögeln

Helmut Gollwitzer: Beerdigungspredigt für Rudi Dutschke

Margarete Buber-Neumann: Verwirrung auf allen Stufen

VII. VON DER SOWJETISCH BESETZTEN ZONE ZUR DDR

Eckart Kroneberg: Beschreibung einer Mauer

Wolf Biermann: Wolfgang Heise – mein DDR-Voltaire

Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst

Renate Feyl: Ausharren im Paradies

Manuela Anhalt: Manuelas Geschichte

Erich Loest: Nikolaikirche

VIII. DIE ÜBERWINDUNG DER TEILUNG EUROPAS

Die neue Ostpolitik

Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg: Zu den Ostverträgen (1970)

Willy Brandt: Die neue Ostpolitik (1972)

Die deutsche Wiedervereinigung 1990

Martin Walser: Über Deutschland reden

Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten

IX. VISIONEN FÜR EIN GEEINTES EUROPA

Carl J. Burckhardt: Heimat

Angela Merkel: Rede zur Verleihung des Internationalen Karlspreises

X. AUSBLICK

Ausblick: Deutschland in Europa

ANHANG

Alphabetische Liste der Autoren und Texte

Chronologie

Liste der Mitglieder der EU und des Europarates

Filmhinweise

Abbildungsnachweis

Fußnoten

EINFÜHRUNG

Geschichte ist immer auch erfahrene Geschichte, sei es durch unmittelbares Erleben oder durch Vermittlung von Eltern und Großeltern. So verbinden mich mit dem zurückliegenden Jahrhundert eigene Erfahrungen und Begegnungen mit Persönlichkeiten, die mich zur Herausgabe dieses Geschichten-Buches veranlasst haben.

Meine persönlichen und familiären Bezüge zu der im Buch sich widerspiegelnden Geschichte sind vielfältig. Väterlicherseits stammt meine Familie aus dem Baltikum/​Kurland, dem heutigen Lettland. Mein Vater (1913 – 1993) hat mit seinem Leben fast das ganze letzte Jahrhundert abgedeckt. Meine Mutter (1923 – 2012), aus einer niedersächsischen Familie stammend, gehörte zu der Generation, deren Jugend in die schwierigen Jahre 1933 bis 1945 fiel. Für beide galt sinngemäß, was Alexander Kluge in seinem Beitrag »Reden über das eigene Land: Deutschland« 1983 schreibt: » … und wenn ich jetzt an konkrete Menschen denke, …, bitte ich Sie, an einen Menschen zu denken, der 1932 arbeitet. Er widmet seine Zeit hauptsächlich der Arbeit, er verausgabt sich, und er muss auch Hoffnung haben, weil der Mensch nur so sein Können einsetzt. … Und jetzt wird er in einen Krieg geführt; das war nicht in seinem Sinn, aber er ist in diesem Krieg, und jetzt verausgabt er nochmals für den Endsieg seine Kräfte. Und ich kann nicht verächtlich von ihm sprechen, nachdem der Krieg zu Ende ist und alles in Trümmern liegt und alle Hoffnungen eigentlich zerstört sind, und ich frage Sie: Wer zählt diese Inflation und diese Währungswechsel, die in der Verausgabung von Hoffnung und Vertrauen ihren Kern haben?«

Bei der Auswahl der Texte aus dem deutschsprachigen Raum habe ich mich von dem Gefühl leiten lassen, das Ricarda Huch beseelte, als sie 1946 ihren Aufruf »Für die Märtyrer der Freiheit« schrieb: »Wie wir der Luft bedürfen, um zu atmen, des Lichtes, um zu sehen, so bedürfen wir edler Menschen, um zu leben. Sie reißen uns aus dem Sumpf des Alltäglichen, sie entzünden uns zum Kampf gegen das Schlechte, sie nähren in uns den Glauben an das Göttliche im Menschen«. Dieses Lesebuch möchte die Geschichte Deutschlands im letzten Jahrhundert aus der Sicht der Menschen spiegeln, die um und unter der wechselvollen Geschichte litten.

Stefan Zweig schreibt in »Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers« zu den Ereignissen bis zum Zweiten Weltkrieg: »Jeder von uns, auch der Kleinste und Geringste, ist in seiner innersten Existenz aufgewühlt worden von den fast pausenlosen vulkanischen Erschütterungen unserer europäischen Erde«. Um wie viel mehr trifft dies auch auf die Nachkriegszeit zu, in der die Landkarte Europas erneut radikal verändert wurde. Nationales und hegemoniales Denken des 19. Jahrhunderts bestimmten die Verhandlungen des Versailler Vertrages, der mit seinen willkürlichen Grenzziehungen und der Schaffung neuer Staaten zu keiner Befriedung, sondern maßgeblich zum Ausbruch eines noch schlimmeren Weltkriegs führte. Und auch der Waffenstillstand 1945 führte nicht zu einer Befriedung Europas und der Welt, sondern zu seiner Teilung und dem Kalten Krieg zwischen dem freien Westen und der Sowjetdiktatur mit ihren Satelliten. Die Berlinkrise 1948, der 17. Juni 1953, der Ungarnaufstand 1956 und der Prager Frühling 1968 drohten Europa zu einem erneuten Krieg zu entflammen. Und kaum ruhten die Waffen in Europa, da gingen die Kriege in Indochina, Korea und Vietnam weiter, um nur die bekannteren Kriegsschauplätze zu nennen.

Dass Deutschland von 1945 bis 1989 in einen freiheitlichen Staat und eine kommunistische Diktatur geteilt war, erscheint der Generation nach 1989 fast so fremd wie die Geschichte des »Dritten Reiches«. Und doch ist diese friedliche Revolution in Deutschland, die den Eisernen Vorhang zerriss, ein eigentlich unfassbares Ereignis. Erst mit der Wiedervereinigung hat Deutschland 1990 auch seine völkerrechtliche Souveränität erlangt. Die Überwindung der Teilung Deutschlands war zugleich die Überwindung der Teilung Europas. Aus dem Europa der zwölf von 1989 ist heute ein Europa der 28 Staaten geworden. Weitere Länder vor allem aus Mittel- und Osteuropa sowie die Türkei – als einziges nichtchristliches Land – stehen in der Warteschlange.

Haben wir in Europa aus den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts genug gelernt, um unsere europäische und globale Zukunft in Frieden und Freiheit zu gestalten, oder schreiben wir erneut das Jahr 1914? Haben wir wirklich verstanden, dass durch die amerikanische Entwicklung der Atombombe und ihren ersten und bisher einzigen Einsatz 1945 in Hiroshima und Nagasaki ein atomares Wettrüsten begann, dessen Bedrohung durch die Verbreitung von Atomwaffen ständig zunimmt? Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union 2012 ist hoffentlich ein gutes Zeichen dafür, dass die Länder Europas aus ihrer Geschichte gelernt haben.

Dieses Buch möge einen Beitrag dazu leisten, die europäische Geschichte des letzten Jahrhunderts zu verstehen – nicht mit den Augen des »wissenden« Historikers, sondern mit den Augen derer, die die jeweilige Zeit miterlebt und durchlitten haben. Schon meine Generation (Jg. 1957) hat von den existentiellen Nöten der Eltern- und Großelterngeneration nicht mehr viel mitbekommen. Uns fehlt schlichtweg das Verständnis für die extremen sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Umstände, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmten. In Europa leben wir heute in einer Zeit, in der Krieg, Hunger, Terror fast ausschließlich nur noch in Film und Medien vermittelt werden. Zum Glück. Doch das darf uns nicht dazu verleiten, über Menschen zu richten, die diesen Schrecken ausgesetzt waren und trotzdem ihr Leben leben mussten –, und sollte anregen zu kritischer Sicht heutiger Ereignisse und ihrer Protagonisten. Die Lektüren zu diesem Buch haben mich zutiefst dankbar dafür gemacht, nach den Grauen des Zweiten Weltkrieges in Freiheit und Rechtsstaatlichkeit aufgewachsen zu sein. Wenn der Leser dieses Buches diese Dankbarkeit spürt, hat das Buch seinen Sinn erfüllt.

Mein Dank gilt all jenen, die mich durch ihre konstruktiven Gedanken und Anregungen zu diesem Buch ermutigt und mir bei der Umsetzung geholfen haben.

Gevinon von Medem

im April 2014

I. GEWITTERWOLKEN AM HORIZONT

BERTHA VON SUTTNER (1843 – 1914)


Bertha von Suttner wird am 9. Juni 1843 als Tochter des Grafen Franz Michael und der Gräfin Sophie Wilhelmine Kinsky geb. von Körner in Prag geboren. 1873 wird sie, weil das Kinsky-Vermögen aufgebraucht ist, Erzieherin der Töchter des Freiherrn von Suttner. Dort lernt sie dessen Sohn Arthur, er ist sieben Jahre jünger als sie, kennen, den sie 1876 heiratet. 1878 beginnt sie zu schreiben. In »Inventarium der Seele« (1883) wird bereits die Frage nach der Berechtigung des Krieges behandelt. Der 1889 erschienene Antikriegs-Roman »Die Waffen nieder« begründet ihren Ruhm als Pazifistin. 1892 begegnet sie Alfred Nobel, der mit ihr zusammen den Plan eines Friedenspreises, des späteren Friedensnobelpreises, entwickelt. 1899 nimmt sie als einzige Frau und Nichtregierungsvertreterin an der 1. Haager Friedenskonferenz teil, die durch das sogenannte Zarenmanifest von Zar Niklaus II. initiiert worden war. 1906 wird ihr der Friedensnobelpreis verliehen.

Die zweite Haager Friedenskonferenz 1907 ist für sie keine »Friedenskonferenz«, sondern eine »Kriegsgebrauchskonferenz«. Bertha von Suttner stirbt am 21. Juni 1914 kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, dessen Ausbruch sie drohend vorausgeahnt hatte.

BERTHA VON SUTTNER

DIE ERSTE HAAGER FRIEDENSKONFERENZ

Im Jahre 1900 habe ich ein umfangreiches Buch1 erscheinen lassen, in welchem ich alle Erlebnisse meines Haager Aufenthaltes, alle Berichte über die Verhandlungen, die Texte der wichtigsten Reden und den Wortlaut der verschiedenen Konventionen zusammengefaßt habe. Auf diese Publikation verweise ich jene, die über den Charakter, den Verlauf und die direkten Ergebnisse jener historischen Versammlung detaillierten Bericht zu erhalten wünschen; hier werde ich nur die persönlichen Erinnerungen jener Tage fixieren; die Eintragungen in mein Privatjournal, die ich für jenes Buch als Material herangezogen und ausgeführt habe, werde ich hier in ihrer Originalform abschreiben, natürlich mit Ausschluß des Allzuprivaten, daher Uninteressanten.

Dabei werden sich wohl auch Verhandlungstexte und weltpolitische Betrachtungen einstellen; denn wenn ich die Geschichte meines Lebens treulich wiedergebe, so gebührt diesen Dingen ein breiter Raum. Sie waren ja nicht zur zufälligen Stickerei, sondern zum Gewebe selbst meiner Existenz geworden. Was in der Friedenssache dafür oder dagegen in der Welt geschah – und namentlich was in jenen Haager Tagen geschah, die doch im Namen jener Sache einberufen worden –, das war mir nicht Erfahrung, es war mir Erlebnis.

16. Mai. Ankunft im Haag. Die Stadt in Frühlingszauber getaucht. Heller Sonnenschein. Fliederdüfte in der kühlen Luft. Unsere Zimmer im Hotel bereit. Neun Uhr abends. Wir sitzen noch im Speisesaal. Der Korrespondent des »Neuen Wiener Tagblatt« läßt sich melden. Nehme ihn an, und er setzt sich zu unserem Tisch. Mit großer Heiterkeit beginnt er die Unterhaltung:

»Habe eben mit dem Vertreter einer Großmacht gesprochen: Man ist sich ja so ziemlich im klaren über die voraussichtlichen Ergebnisse … Erweiterung der Genfer Konvention … «

»Das wäre – wenn weiter nichts erreicht würde – ein arger Betrug an den Hoffnungen der Völker und auch eine Enttäuschung für den Zaren, dessen Wünsche sich auf das Schiedsgericht –«

Der Korrespondent unterbricht mich lachend: »Darüber ist auch gesprochen worden … nun, das ist einfach kindisch … die Staaten würden einem Spruch, der ihnen nicht behagt, nicht Folge leisten.«

»Der Fall ist noch kein einziges Mal vorgekommen.«

»Weil bisher nur über Kleinigkeiten Schiedssprüche gefällt wurden – handelt es sich aber um vitale Fragen … «

Also immer wieder die alten Argumente. Ich hörte sie schon ordentlich kommen, die »vitale Frage«, obwohl keiner recht weiß, was er sich dabei denkt. Was sollen denn diese »Lebens«angelegenheiten sein, die sich am besten durch hunderttausendfaches Totschlagen fördern lassen?

…

18. Mai. Der 18. Mai 1899! Daß es ein weltgeschichtliches Datum ist, das ich da niederschreibe, von dieser Ueberzeugung bin ich tief durchdrungen. Es ist das erstemal, seitdem Geschichte geschrieben wird, daß die Vertreter der Regierungen zusammenkommen, um die Mittel zu suchen, der Welt »dauernden, wahrhaften Frieden zu sichern«. Ob diese Mittel in der heute zu eröffnenden Konferenz schon gefunden werden oder nicht, das entscheidet nicht über die Größe des Ereignisses. In dem Suchen liegt die neue Richtung!

19. Mai. Der gestrige Tag verlief so: Des Morgens Gottesdienst in der russischen Kapelle zur Feier des Geburtstags des Zaren. Der Meine und ich sind dazu eingeladen. Es sind – der Raum ist klein – kaum hundert Menschen anwesend, die Herren in Galauniform, die Damen in lichter Toilette. – Das Hochamt beginnt. Andächtig und ehrfürchtig, alle stehend, folgen ihm die Versammelten. Mir ist, als sollte ich nicht für Nikolaus II. beten, sondern an ihn die Bitte richten: O du Kühner, bleibe stark! Laß den Undank und die Tücke und den Stumpfsinn der Welt nicht störend und lähmend zu dir dringen – wenn man dein Werk auch verkleinern, mißdeuten, vielleicht auch verhindern wollte – bleibe stark!

Der Pope reicht das Kreuz zum Kusse: die Messe ist aus. Jetzt werden Begrüßungen und Vorstellungen getauscht. Lerne die Frau des Ministers Beaufort kennen.

Fahrt zur Eröffnung. Strahlender Sonnenschein. Wie zu einem fröhlichen Prater- oder Bois-Korso fahren die zahlreichen Wagen durch die Alleen nach dem »Haus im Busch«. Am Gittertor leistet eine militärische Ehrenwache die Ehrenbezeugungen. Ich bin die einzige Frau, welcher der Zutritt gewährt wird.

Was ich hier empfand … es war wie die Erfüllung eines hochfliegenden Traumes. »Friedenskonferenz«! Zehn Jahre lang ist das Wort und die Sache verlacht worden – ihre Teilnehmer, machtlose Privatleute, gelten als »Utopisten« (beliebteste, höfliche Umschreibung für »verrückte Käuze«) –, jetzt versammeln sich auf den Ruf des gewaltigsten Kriegsherrn die Abgesandten aller Machthaber, und ihre Versammlung führt denselben Namen: »Friedenskonferenz«.

Aus der Eröffnungsrede des Ministers Beaufort notiert:

Durch seine Initiative hat der Kaiser von Rußland den von seinem Vorgänger Alexander I. ausgedrückten Wunsch erfüllen wollen, daß alle Herrscher Europas sich untereinander verständigen, um als Brüder zu leben und sich gegenseitig in ihren Bedürfnissen zu unterstützen.

Mir scheint, Nikolaus II. hat mehr gewollt; nicht um die Bedürfnisse aller Herrscher, sondern vielmehr aller Völker handelt es sich da. Die Rüstungen lasten auf den Völkern, nicht auf den Herrschern. Das sogenannte dynastische Interesse liegt eher in militärischem Pomp und dem Prestige der kriegerischen Gewaltfülle.

Und weiter; Beaufort:

Die Aufgabe der Konferenz ist, nach Mitteln zu suchen, um den unaufhörlichen Rüstungen ein Ziel zu setzen und die schwere Not, welche die Völker bedrückt, zu beendigen. Der Tag des Zusammentritts dieser Konferenz wird einer der hervorragendsten Tage in der Geschichte des endenden Jahrhunderts sein.

Nach Beauforts Rede wird Botschafter Staal zum Präsidenten der Konferenz erwählt.

Dann folgen die anderen Ernennungen – das Ganze dauert nur eine halbe Stunde – es sollte ja nur eine Eröffnungszeremonie sein. Die erste Sitzung wird für den 20. angesetzt und zugleich erklärt, daß zu den Verhandlungen die Journalisten nicht zugelassen würden. (Leider!)

19. Mai. Bloch angekommen. Begrüßen uns als alte Freunde. Ein Sechziger, mit kurzgestutztem grauem Bart, heiterem und sanftem Gesichtsausdruck, mit ungezwungenem, elegantem Auftreten, durchaus natürlicher, einfacher Sprechweise. Ich frage ihn aus über die Aufnahme seines Buches von seiten des Zaren. Bloch erzählt, und die im Salon anwesenden Pazifisten und Publizisten lauschen mit Interesse:

»Ja, der Zar hat das Werk eingehend studiert. Als er mich in Audienz empfing, lagen auf den Tischen die Karten und Tabellen des Buches ausgebreitet, und er ließ sich alle die Ziffern und Diagramme genau erklären. Ich erklärte – bis zur Müdigkeit, aber Nikolaus II. wurde nicht müde. Immer wieder stellte er neue Fragen oder streute Bemerkungen ein, die von seiner tiefen Anteilnahme, von seinem Interesse Zeugnis gaben. Also so würde ein nächster Krieg sich gestalten … das wären die Folgen? … «

Das Kriegsministerium, dem ein Exemplar vorgelegt werden mußte, hat dem Kaiser Rapport erstattet und für Autorisation der Veröffentlichung gestimmt. In der Begründung hieß es: »ein so umfangreiches, fachmännisch-technisch gehaltenes Buch wird nicht viel gelesen werden, ist daher weit weniger gefährlich als der Suttnersche Roman ›Die Waffen nieder.‹ Da die Zensur diesen freigelassen, so mag viel eher Blochs ›Krieg der Zukunft‹ passieren.«

Abends Rout bei Beaufort. So wie alle Routs in Hof- oder Diplomatenkreisen und doch so ganz anders! Etwas Neues ist in die Welt getreten – nämlich das offizielle Verhandeln des Themas »Weltfriede«, und das gibt notwendigerweise (ist es doch die Raison d’être des hiesigen Empfanges) den allgemeinen Gesprächsstoff ab. Eine Frage, die sehr allgemein als Anknüpfung der Unterhaltung benutzt wird, ist diese:

»Was erwarten Sie von der Konferenz?«

Auch an mich wurde diese Frage öfters gestellt, oder auch diese:

»Sind Sie nicht glücklich, Ihre Hoffnungen so verwirklicht zu sehen?«

»Ja, sehr glücklich, « konnte ich wahrheitsgetreu antworten; »daß so viel und dieses so bald geschehen werde, hatte ich nicht einmal gehofft.«

Auf die andere Frage mußte ich erwidern, daß ich von dieser ersten Konferenz nur erwarte, daß sie ein Anfang, ein erster Schritt, ein gelegter Grundstein sein werde.

Ich werde mit dem größten Teil der Anwesenden bekannt – auch mit dem Gesandten von China (der zugleich Botschafter am russischen Hofe ist) und seiner Frau. »In Petersburg habe ich viel von Ihnen sprechen gehört, « sagt mir Yang-Yü durch seinen Dolmetscher Lu Tseng-Tsiang, »so erzählte mir Graf Murawjew von seiner Unterredung mit Ihnen.«

Die junge Gattin des Delegierten von China trägt ihr Landeskostüm: gestickte seidene Gewänder, auf dem Kopfe eine kleine Mütze, zu beiden Seiten der Schläfen Papierblumen. Sie ist eine hübsche junge Frau, doch ganz von dem Typus, den man auf dem chinesischen Porzellan findet; dabei so stark geschminkt, daß das Gesicht einer unbeweglichen, emaillierten Maske gleicht. Sie ist sehr freundlich und schüttelt allen, die ihr vorgestellt werden, kräftig die Hand. Sie ist von ihrem Sohne, einem Jungen von zwölf bis dreizehn Jahren, begleitet, der Englisch und Französisch spricht und ihre Konversation verdolmetscht.

…

20. Mai. Wieder Visitentournee. Durch die Straßen vom Haag fährt es sich eigentlich immer wie durch Parkanlagen. Nicht nur im »Bosch«, wo das der Konferenz überlassene »Huis« steht, überall ragen die alten Baumriesen, überall leuchten die grünen Rasenplätze und überall tönt jetzt zu dieser blütenreichen Maienzeit liebliches Vogelgezwitscher. Fast jedes Haus hat einen Garten, und Zinshäuser sieht man nicht; im Villenstil oder wie kleine Schlößchen gebaut, so ist jedes Haus nur das Heim einer Familie. Natürlich gilt dies von dem vornehmen Viertel, das um das königliche Palais herumliegt und das von den Plätzen, wo die ersten Hotels (Vieux Doelen u. s. w.) stehen, bis nach Scheveningen führt.

Unser Salon ist stets mit Besuchern gefüllt und vom frühen Morgen an Interviewer; heute unter anderen die Redakteure von »Frankfurter Zeitung«, »Echo de Paris« und »Black and White«.

Aus Paris die Nachricht, daß bei Frédéric Passy die Operation so böse Folgen gehabt, daß nicht nur unerträgliche Schmerzen sich einstellten, sondern sogar das Leben des Patienten in Gefahr schwebt. Große Bestürzung in unserem ganzen Kreise. Von den lebenden Friedenskämpfern ist Frédéric Passy allen, die ihn und sein Werk kennen, unstreitig der geliebteste und verehrteste.

Bei der heutigen ersten Plenarsitzung soll Herr von Staal bei seiner Ansprache die Ziele und die Richtung definieren, welche sein kaiserlicher Auftraggeber der Konferenz gegeben wünscht. Wie bedauerlich, daß der Presse der Zutritt verwehrt ist. Die Rede des Präsidenten müßte heute noch an alle Blätter der Welt telegraphiert werden.

21. Mai. Pfingstsonntag. Dr. Trueblood aus Boston angekommen. Er erzählt, daß er mit Bestimmtheit wisse, die amerikanische Regierung habe ihrem Delegierten einen ganz ausgearbeiteten Schiedsgerichtsplan mitgegeben.

Ein Bildhauer aus Berlin, Löher ist sein Name, zeigt uns das Modell zu einem Friedensdenkmal, das er gern in der Pariser Ausstellung von 1900 aufstellen wollte. So wird von immer mehr Seiten, in immer zahlreicheren Formen dem neuen Ideal gehuldigt.

Daneben freilich, wie eingewurzelt, wie mächtig ist noch das alte Ideal – dasjenige des Krieges – ringsum verbreitet – bis in die hiesige Konferenz herein: man lese nur Professor Stengels Broschüre … Und was auch zu fürchten ist: Ideen schreiten langsam, Ereignisse schnell. Wenn ein Fall wie Faschoda, wenn der Streit in Transvaal plötzlich zu einem Konflikt führt, während die Konferenz noch tagt, wie würde dies ihre theoretische Arbeit zerstören!

…

22. Mai. Ein neuerliches »Wiedersehen« mit einem alten Bekannten, den ich nie gesehen: Charles Richet besucht uns und bringt Grüße von unserem armen Passy. Es ist Hoffnung vorhanden, daß er genese, aber nicht, daß er hierherkomme. Richet zeigt sich als großer Enthusiast unserer Sache.

Ich wollte ihn zum Gabelfrühstück zurückhalten, er ist aber mit d’Estournelles beim französischen Gesandten eingeladen. Indessen erhalten wir eine Einladung zu einem Gabelfrühstück, das Frau Grete Moscheles dem amerikanischen Delegationschef und Botschafter in Berlin Andrew D. White gibt.

Was uns D. White mitteilte, erfüllte die Anwesenden mit lebhafter Genugtuung:

»Ich begehe keine Indiskretion«, sagte er beim Dessert, »wenn ich erzähle, daß wir schon in der ersten Sitzung der Schiedsgerichtskommission einen vollständigen Plan zu einem internationalen Tribunal vorlegen werden – und dies im Auftrag der amerikanischen Regierung. Noch darf ich die Details nicht geben – aber die Sache selbst wird und soll kein Geheimnis bleiben.«

23. Mai. Jetzt kennt man trotz verschlossener Türen die Eröffnungsrede Staals. Ein englisches Blatt brachte den Wortlaut. Ich notiere daraus die besonders bedeutungsvollen Stellen:

Der Name »Friedenskonferenz«, welchen der Instinkt der Völker, die Entscheidung der Regierungen vorwegnehmend, unserer Zusammenkunft gegeben hat, bezeichnet so recht den Hauptgegenstand unserer Bestrebungen; die »Friedenskonferenz« darf der ihr anvertrauten Mission nicht untreu werden, sie muß ein greifbares Resultat hervorbringen, welches die ganze Welt vertrauensvoll von ihr erwartet.

… Es sei mir erlaubt zu sagen, daß die Diplomatie, einem allgemeinen Entwicklungsgange folgend, nicht mehr wie einst eine Kunst ist, in welcher die persönliche Geschicklichkeit die Hauptrolle spielt, sondern im Begriffe steht, eine Wissenschaft zu werden, mit fixen Regeln zur Schlichtung internationaler Konflikte. Das ist heute das ideale Ziel, das sie vor Augen haben muß, und unzweifelhaft wird es ein großer Fortschritt sein, wenn es der Diplomatie schon hier gelingt, einige jener Regeln festzusetzen.

Daher werden wir uns auch in ganz besonderer Weise bemühen, die Anwendung des Schiedsgerichtes sowie der Mediation und der guten Dienste zu verallgemeinern und zu kodifizieren. Diese Ideen bilden sozusagen das innerste Wesen unserer Aufgabe, den allgemeinen Zweck unserer Mühen, nämlich, die internationalen Streitigkeiten durch friedliche Mittel zu lösen.

… Die Nationen haben ein glühendes Verlangen nach Frieden, und wir sind es der Menschheit schuldig und den Regierungen, die uns hier mit ihrer Vollmacht betraut haben, wir sind es uns selber schuldig, ersprießliche Arbeit zu vollbringen, indem wir die Anwendungsweise einiger der friedensichernden Mittel feststellen. Unter diesen Mitteln stehen voran: Schiedsgericht und Vermittlungsdienste.

Charles Richet und sein Sohn frühstücken bei uns. Ein Wort Richets macht mir tiefen Eindruck: »Von allen Seiten müssen wir hören, die Zeit sei noch nicht da, unsere Ideale auszuführen. Mag sein – aber ganz sicher ist die gegenwärtige Zeit da, um ihnen vorzuarbeiten.«

Nachmittag Besuch bei Frau von Okoliczany. Die Gesandtin – geborene Fürstin Lobanow – hat den Ruf, eine blendende Beauté gewesen zu sein. Ist noch immer schön. Gestalt, Schultern, Arme von statuenhafter Linienharmonie. Das weiße Cachemire-tea-gown, in dem sie uns empfing, hat offene Aermel, die den zarten, runden Arm frei lassen. Hände haben bekanntlich Physiognomien; die schönen Hände Frau von Okoliczanys begleiten ihre lebhafte Sprache mit – man könnte sagen – lebhaftem Mienenspiel, und die Armbewegungen reden mit.

Ein Besucher kommt hinzu: Graf Konstantin Nigra. Sollte man es für möglich halten, daß dieser schlanke, hochgewachsene Mann mit dem dichten, leichtgelockten, noch immer blonden Kopfhaar, mit dem regelmäßigen, nur geringe Altersspuren aufweisenden Gesicht schon siebzig Jahre alt ist?

Selbstverständlich wird auch von der Konferenz und ihren Zielen gesprochen. Graf Nigra macht den Eindruck, von der Größe der Aufgabe durchdrungen zu sein und Hoffnungen an die Ergebnisse zu knüpfen.

Natürlich ist es Pflicht, nicht nur diplomatische, sondern beinahe Anstandspflicht, so zu reden. Man wird doch nicht an offiziellen – noch dazu geheimen – Beratungen teilnehmen und im Salon darüber geringschätzig schwatzen. Nur dem Freiherrn von Stengel war es zugefallen, zu einer Konferenz entsendet zu werden, deren Ziel er kurz vorher als »Duselei« verkündet hatte … aber von diplomatischer Selbstverständlichkeit abgesehen: man fühlt, was aufrichtig und überzeugt gesprochen wird, und ich habe den Eindruck: Graf Nigra wird ernste, eifrige Mitarbeit leisten.

…

25. Mai. Eine Karte wird mir gebracht: The earl of Aberdeen. Mit Lady Isabel Aberdeen, die dem kommenden internationalen Frauenkongreß in London vorsitzen wird, stehe ich seit einiger Zeit in Korrespondenz.

Der Lord, gewesener Gouverneur von Kanada – noch ein junger Mann von großem schlankem Wuchs, mit kurzem schwarzem Vollbart –, bringt mir Grüße seiner Frau. Erzählt, daß er an der großen, von Stead veranstalteten Meetingkampagne regen Anteil genommen, bei den Kundgebungsversammlungen mitgesprochen hat. Charles Richet kommt hinzu. Auch einige deutsche Zeitungskorrespondenten, die bisher von der Friedenssache nur Ablehnendes gehört und geschrieben; die namentlich von dem Grundsatze ausgehen, daß die einzige Friedensbürgschaft in den deutschen Rüstungen liegt, da alle übrigen Nationen kriegslustig seien; es war mir eine Genugtuung, daß die nun dem Franzosen und Engländer zuhören konnten, wie sie in voller Uebereinstimmung und mit den kräftigsten Argumenten für jene Sache eintraten. Dabei waren es ja keine »obskuren Schwärmer«, sondern einer der höchsten Würdenträger des Britischen Reiches und einer der berühmtesten Gelehrten an der Pariser Universität.

Nachmittags, beim Empfang der russischen Gesandtschaft, treffen wir Sir Julian Pauncefote. Aeußere Erscheinung: einundsiebzig Jahre, aber von strammer Haltung; das Haupthaar schon weiß, ebenso der Bart; dieser, nach österreichischer Art, mit ausrasiertem Kinn. Gestalt groß und schlank. Gesichtsausdruck freundlich und edel. So wie geleistete Kriegsdienste zur Verleihung eines Oberkommandos im Feldzug berechtigen, so sind hervorragende Friedenstaten die richtigen Titel zur Delegation an die hiesige Konferenz. Sir Julian hat in seiner diplomatischen Laufbahn zwei Friedenssiege zu verzeichnen:

Als Clevelands Botschaft über die Venezuelafrage die Welt erschütterte und überall verkündet wurde, der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und England sei unvermeidlich, damals war er Botschafter in Washington. Wäre statt seiner ein Chamberlain auf diesem Posten gewesen, so wäre es vielleicht zum Losschlagen gekommen. Sir Julian wußte die Angelegenheit mit solcher Ruhe und Versöhnlichkeit zu leiten, daß sie mit dem Schiedsgericht geendet hat, das heute – unter dem Vorsitz des Professors von Martens – in Paris die Sache verhandelt. Zweitens ist Sir Julian derjenige, der den bekannten Schiedsgerichtsvertrag zwischen Amerika und Großbritannien (der erste solche Vertrag, der jemals aufgesetzt wurde) am 11. Januar 1899 mit dem amerikanischen Staatssekretär Olney unterzeichnet hat. Daß die Ratifikation des Vertrags nachher an der fehlenden (durch drei Stimmen fehlenden) Zweidrittelmehrheit scheiterte, dafür ist er nicht verantwortlich.

Wie neulich Mr. White, so teilt uns diesmal Sir Julian mit, daß seine Delegation mit einem bestimmten Vorschlag in der dritten (der Schiedsgerichts-) Kommission hervortreten würde. Er hegt die besten Hoffnungen auf ein positives Ergebnis. Ich bringe das Gespräch auf den englisch-amerikanischen, wirkungslos gebliebenen Vertrag. Er antwortet, daß man die Sache jedenfalls wieder aufnehmen werde:

»Was auf den ersten Wurf nicht gelingt, my dear Baroness, gelingt auf den zweiten oder dritten.«

Abends Rout bei der Obersthofmeisterin der Königin. Werde wieder mit vielen, darunter auch exotischen Größen bekannt gemacht. Nur von der deutschen Delegation erweist mir niemand die Ehre, sich zu nähern. Graf Münster behandelt mich als Luft. Als Professor Stengel in seiner Broschüre von den »komischen Personen« der Friedensbewegung sprach, vor deren groteskem Benehmen und Ideen er nicht genug warnen konnte, hat er offenbar auch mich daruntergezählt.

26. Mai. Bloch faßt den Entschluß, vor geladenem Publikum eine Reihe von Vorträgen zu halten. Kein anderer Ort und keine andere Gelegenheit eignet sich so gut zur Darstellung der Utopie des Krieges. Besonders für militärische Delegierte müßten die dokumentierten und ziffernbelegten Tatsachen und Schlüsse von Interesse sein, die diese Vorträge enthalten werden. Der Meine und ich sind behilflich in den Vorbereitungen, fahren mit ihm Säle besichtigen, Bestellungen machen u. s. w.

Besuch des Korrespondenten der »Frankfurter Zeitung«. Kommt eben von Herrn von Stengel. Dieser hat den Interviewer versichert, daß er nur gegen die Auswüchse der Friedensbewegung (nun ja, die komischen Personen) protestiert hat, daß er jedoch als Delegierter sein möglichstes tun werde, die Sache zu fördern. Desto besser!

Die Korrespondenten des »Figaro« und »Echo de Paris« interviewen mich; Mr. Leveson Gower, Sekretär der britischen Botschaft, verlangt im Auftrag der »North American Review« einen Artikel über die Bewegung für das Juliheft.

Um drei Uhr im Hotel Vieux Doelen zu tun. Treffe da Stead. »Endlich sehe ich Sie, « rief ich, »gerade von Ihnen, der Sie mit den Delegierten auf so gutem Fuße sind, erwarte ich immer Nachricht und –«

»Und die sollen Sie auch haben. Heute wichtiger und glücklicher, als Sie hoffen konnten. Hier ist eine Kopie des Berichtes, den ich eben an die englischen Blätter gesandt – lesen Sie und freuen Sie sich mit mir. Die Konferenz hat ein wunderschönes Stück Arbeit gemacht.«

Hier ein Auszug des Berichtes:

Plenarversammlung vom 25. Mai.

Auf der Tagesordnung der Gegenstand der dritten Kommission, nämlich: »Friedliche Schlichtung internationaler Konflikte.«

Als Grundlage zu den Verhandlungen legt Herr von Staal die russischen Vorschläge auf den Tisch. Es ist ein aus 18 Artikeln bestehendes Dokument, das den Titel führt: »Elemente zur Ausarbeitung einer zwischen den an der Konferenz teilnehmenden Mächten abzuschließenden Konvention.« Diese Elemente sind:

1. Gute Dienste und Vermittlung.

2. Internationales Schiedsgericht.

3. Internationale Untersuchungskommission.

Ehe die Diskussion über die Artikel beginnt, erhebt sich Sir Julian Pauncefote im Namen seiner Regierung und beantragt, daß dem russischen Plane noch ein Zusatzartikel beigefügt werde, nämlich: Die Errichtung eines ständigen Schiedsgerichtstribunals.

Mit kurzer, aber sehr eindrucksvoller Rede begründet der englische Delegierte diesen Antrag. Er verweist auf die Argumente, die in der »Adresse an die Regierungen« seines Kollegen Descamps enthalten sind.2

Die Worte und die positive Tat des Chefs der englischen Delegierten bringen sichtlich tiefen Eindruck hervor. Als er geendet, herrscht feierliche Stille. Viele der Mitglieder schauen einander mit hellem Staunen an – manche unter ihnen mögen da zum erstenmal empfinden, daß es sich um ernste Dinge handle, vorgebracht von praktischen Staatsmännern, die es redlich meinen.

Noch größer ist die Ueberraschung, als nun Herr von Staal erklärt, daß auch die russische Regierung einen Plan – in 26 Artikeln – für die Errichtung eines permanenten Schiedsgerichtshofes in Bereitschaft habe.

Nun rückt Mr. A. White mit dem amerikanischen Antrag hervor. In dessen Einleitung heißt es:

»Der Antrag zeigt den ernsten Wunsch des Präsidenten der Vereinigten Staaten, daß ein ständiges internationales Tribunal zur schiedsrichterlichen Schlichtung der Streitigkeiten zwischen den Völkern errichtet werde, und zeigt die Bereitwilligkeit des Präsidenten, bei dieser Einsetzung behilflich zu sein.«

Wie radikal dieser Vorschlag gemeint war, erhellt aus den Artikeln III und IV:

Art. III. Das Tribunal hat in Permanenz zu bestehen, stets bereit, alle sich bietenden Fälle zu übernehmen.

Art. IV. Alle Streitfragen jeglicher Art3 sollen bei gegenseitigem Uebereinkommen zur Entscheidung unterbreitet werden, und jede solche Unterbreitung muß von der Verpflichtung begleitet sein, daß man sich dem Schiedsgerichte fügen werde.

Ein schönes Stück Arbeit in der Tat. Hier sind also gleich zu Anfang positive, konkrete Pläne, im Namen von vier Regierungen, zur Behandlung und zur Beschlußfassung vorgelegt.

Wie schade, daß nicht auch aus Oesterreich, Deutschland und Frankreich solche Initiativen gekommen!

Schade auch, daß die Berichte über diese Sitzung samt den genauen Texten der Anträge nicht sofort in alle Weltgegenden hinaustelegraphiert und von sämtlichen Blättern gebracht und kommentiert werden, damit der Welt das Verständnis der großen Interessen aufdämmere, die hier auf dem Spiele stehen, und sie Zeugin und Richterin sein könne über die Art und Weise, wie – und von wem diese Interessen hier vertreten werden.

QUELLE: Bertha von Suttner: Memoiren, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/​Leipzig 1909, S. 440 – 455.

ZEITDOKUMENT

DAS ZARENMANIFEST VON 1899

Das am 28. 8. 1899 vom russischen Außenminister Murawjew überreichte sogenannte »Zarenmanifest« hatte folgenden Wortlaut:

»Die Aufrechterhaltung des allgemeinen Friedens und eine mögliche Herabsetzung der übermäßigen Rüstungen, welche auf allen Nationen lasten, stellen sich in der gegenwärtigen Lage der ganzen Welt als ein Ideal dar, auf das die Bemühungen aller Regierungen gerichtet sein müßten. Das humane und hochherzige Streben seiner Majestät des Kaisers, meines erhabenen Herrn, ist ganz dieser Aufgabe gewidmet. In der Überzeugung, daß dieses erhabene Endziel den wesentlichsten Interessen und den berechtigten Wünschen aller Mächte entspricht, glaubt die Kaiserliche Regierung, daß der gegenwärtige Augenblick äußerst günstig sei, auf dem Wege internationaler Beratung die wirksamsten Mittel zu suchen, um allen Völkern die Wohltaten wahre und dauernden Friedens zu sichern, und vor allem der fortgeschrittenen Entwicklung der gegenwärtigen Rüstungen ein Ziel zu setzen. Im Verlauf der letzten zwanzig Jahre hat der Wunsch nach einer allgemeinen Beruhigung in dem Empfinden der zivilisierten Nationen besonders festen Fuß gefaßt. Die Erhaltung des Friedens ist als Endziel der internationalen Politik aufgestellt worden. Im Namen des Friedens haben große Staaten mächtige Bündnisse miteinander geschlossen. Um den Frieden besser zu wahren, haben sie in bisher unbekanntem Grade ihre Militärmacht entwickelt und fahren fort, sie zu verstärken, ohne vor irgendeinem Opfer zurückzuschrecken. Alle ihre Bemühungen haben gleichwohl noch nicht das segensreiche Ergebnis der ersehnten Friedensstiftung zeitigen können. Da die finanziellen Lasten eine steigende Richtung verfolgen und die Volkswohlfahrt an ihrer Wurzel treffen, so werden die geistigen und physischen Kräfte der Völker, die Arbeit und das Kapitel zum großen Teil von ihrer natürlichen Bestimmung abgelenkt und in unproduktiver Weise aufgezehrt. Hunderte von Millionen werden aufgewendet, um furchtbare Zerstörungsmaschinen zu beschaffen, die bis heute als das letzte Wort der Wissenschaft betrachtet werden und schon morgen dazu verurteilt sind, jeden Wert zu verlieren infolge irgendeiner neuen Entdeckung auf diesem Gebiet. Die nationale Kultur, der wirtschaftliche Fortschritt, die Erzeugung von Werten sehen sich in ihrer Entwicklung gelähmt und irregeführt. Daher entsprechen in dem Maße, wie die Rüstungen einer jeden Macht anwachsen, diese immer weniger und weniger dem Zweck, den sich die betreffende Regierung gesetzt hat. Die wirtschaftlichen Krisen sind zum großen Teil hervorgerufen durch das System der Rüstungen bis aufs äußerste, und die ständige Gefahr, welche in dieser Kriegsstoffsammlung ruht, hat die Armee unserer Tage zu einer drückenden Last gemacht, welche die Völker mehr und mehr nur mit Mühe tragen können.

Es ist deshalb klar, daß, wenn diese Lage sich noch weiter so hinzieht, sie zwangsläufig zu eben der Katastrophe führen würde, welche man zu vermeiden wünscht, und deren Schrecken jeden Menschen schon beim bloßen Gedanken schaudern machen. Diesen unaufhörlichen Rüstungen ein Ziel zu setzen und die Mittel zu suchen, dem Unheil vorzubeugen, das die ganze Welt bedroht, das ist die höchste Pflicht, welche sich heutzutage allen Staaten aufzwingt.

Durchdrungen von diesem Gefühl hat Seine Majestät geruht, mir zu befehlen, daß ich allen Regierungen, deren Vertreter am kaiserlichen Hofe akkreditiert sind, den Zusammentritt einer Konferenz vorschlage, welche sich mit diesen ernsthaften Fragen zu beschäftigen hätte. Diese Konferenz würde mit Gottes Hilfe ein günstiges Vorzeichen des kommenden Jahrhunderts sein. Sie würde in einem mächtigen Bunde die Bestrebungen aller Staaten vereinigen, welche aufrichtig darum bemüht sind, den großen Gedanken des Weltfriedens triumphieren zu lassen über alle Elemente des Unfriedens und der Zwietracht. Sie würde zugleich ihr Zusammengehen besiegeln durch eine solidarische Weihe der Prinzipien des Rechts und der Gerechtigkeit, auf denen die Sicherheit der Staaten und die Wohlfahrt der Völker beruhen.«

QUELLE: Ernst Reibstein: Völkerrecht. Eine Geschichte seiner Ideen in Lehre und Praxis, Band II: Die letzten zweihundert Jahre; © Alber Verlag in der Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br. 1958

STEFAN ZWEIG (1881 – 1942)


Stefan Zweig kommt am 28. November 1881 in Wien als Sohn des Textilindustriellen Moritz Zweig und seiner aus einer jüdischen Bankiersfamilie stammenden Frau Ida geb. Brettauer zur Welt. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Wien studiert er Germanistik und Romanistik. Unter dem Einfluss Hugo von Hofmannsthals schreibt er früh Gedichte (»Silberne Saiten«, 1901). Seine ersten Novellen erscheinen 1904. Werke wie »Brennendes Geheimnis« (1911), »Amok« (1922) »Sternstunden der Menschheit« (1927) sowie seine großen Biographien von Joseph Fouché (1929), Maria Stuart (1935) und Magellan (1938) u. a. machen ihn weltberühmt.

Viele Studien- und Vortragsreisen führen ihn nicht nur in die westeuropäischen Länder, sondern auch nach Indien, Nord- und Mittelamerika, die Sowjetunion und Südamerika. 1941 wandert er nach Petrópolis (Brasilien) aus, wo er sich am 22. Februar 1942 zusammen mit seiner zweiten Frau Charlotte das Leben nimmt. In seinem Nachlass finden sich verschiedene Werke, so auch seine Erinnerungen eines Europäers »Die Welt von Gestern«.

STEFAN ZWEIG

DIE WELT VON GESTERN

VORWORT

Ich habe meiner Person niemals soviel Wichtigkeit beigemessen, daß es mich verlockt hätte, anderen die Geschichte meines Lebens zu erzählen. Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt. Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne des Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu, und es wird eigentlich nicht so sehr mein Schicksal sein, das ich erzähle, sondern das einer ganzen Generation – unserer einmaligen Generation, die wie kaum eine im Laufe der Geschichte mit Schicksal beladen war.

Jeder von uns, auch der Kleinste und Geringste, ist in seiner innersten Existenz aufgewühlt worden von den fast pausenlosen vulkanischen Erschütterungen unserer europäischen Erde; und ich weiß mir inmitten der Unzähligen keinen anderen Vorrang zuzusprechen als den einen: als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist jeweils just dort gestanden zu sein, wo diese Erdstöße am heftigsten sich auswirkten. Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte »Ich weiß nicht wohin«. Aber ich beklagte das nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts mehr Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.

Denn losgelöst von allen Wurzeln und selbst von der Erde, die diese Wurzeln nährte, – das bin ich wahrhaftig wie selten einer in den Zeiten. Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger, aber man suche sie nicht auf der Karte: sie ist weggewaschen ohne Spur. Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege.

Wider meinen Willen bin ich Zeuge geworden der furchtbarsten Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphes der Brutalität innerhalb der Chronik der Zeiten; nie – ich verzeichne dies keineswegs mit Stolz, sondern mit Beschämung – hat eine Generation einen solchen moralischen Rückfall aus solcher geistigen Höhe erlitten wie die unsere. In dem einen kleinen Intervall, seit mir der Bart zu sprossen begann und seit er zu ergrauen beginnt, in diesem einen halben Jahrhundert hat sich mehr ereignet an radikalen Verwandlungen und Veränderungen als sonst in zehn Menschengeschlechtern, und jeder von uns fühlt: zu vieles fast! So verschieden ist mein Heute von jedem meiner Gestern, meine Aufstiege und meine Abstürze, daß mich manchmal dünkt ich hätte nicht bloß eine, sondern mehrere, völlig voneinander verschiedene Existenzen gelebt.

Denn es geschieht mir oft, daß, wenn ich achtlos erwähne: Mein Leben, ich mich unwillkürlich frage: »Welches Leben?« Das vor dem Weltkriege, das vor dem ersten oder das vor dem zweiten oder das Leben von heute? Dann wieder ertappe ich mich dabei, daß ich sage: »Mein Haus« und nicht gleich weiß, welches der einstigen ich meinte, ob das in Bath oder in Salzburg oder das Elternhaus in Wien. Oder daß ich »bei uns« sage und erschrocken mich erinnern muß, daß ich für die Menschen meiner Heimat längst ebensowenig dazugehöre wie für die Engländer oder für die Amerikaner, dort nicht mehr organisch verbunden und hier wiederum niemals ganz eingegliedert; die Welt, in der ich aufgewachsen bin, und die von heute und die zwischen beiden sondern sich immer mehr für mein Gefühl zu völlig verschiedenen Welten.

Jedesmal wenn ich im Gespräch jüngeren Freunden Episoden aus der Zeit vor dem ersten Kriege erzähle, merke ich an ihren erstaunten Fragen, wieviel für sie schon historisch oder unvorstellbar von dem geworden ist, was für mich noch selbstverständliche Realität bedeutet. Und ein geheimer Instinkt in mir gibt ihnen recht: zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen. Ich selbst kann nicht umhin, mich zu verwundern über die Fülle, die Vielfalt, die wir in den knappen Raum einer einzigen – freilich höchst unbequemen und gefährdeten – Existenz gepreßt haben, und schon gar, wenn ich sie mit der Lebensform meiner Vorfahren vergleiche.

Mein Vater, mein Großvater, was haben sie gesehen? Sie lebten jeder ihr Leben in der Einform. Ein einziges Leben vom Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen; in gleichem Rhythmus, gemächlich und still, trug sie die Welle der Zeit von der Wiege bis zum Grabe. Sie lebten im selben Land, in derselben Stadt und fast immer sogar im selben Haus; was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür. Irgendein Krieg geschah wohl irgendwo in ihren Tagen, aber doch nur ein Kriegchen, gemessen an den Dimensionen von heute, und er spielte sich weit an der Grenze ab, man hörte nicht die Kanonen, und nach einem halben Jahr war er erloschen, vergessen, ein dürres Blatt Geschichte, und es begann wieder das alte, dasselbe Leben.

Wir aber lebten alles ohne Wiederkehr, nichts blieb vom Früheren, nichts kam zurück; uns war im Maximum mitzumachen vorbehalten, was sonst die Geschichte sparsam jeweils auf ein einzelnes Land, auf ein einzelnes Jahrhundert verteilt. Die eine Generation hatte allenfalls eine Revolution mitgemacht, die andere einen Putsch, die dritte einen Krieg, die vierte eine Hungersnot, die fünfte einen Staatsbankrott, –und manche gesegnete Länder, gesegnete Generationen sogar überhaupt nichts von dem allen. Wir aber, die wir heute sechzig Jahre alt sind und de jure noch eigentlich ein Stück Zeit vor uns hätten, was haben wir nicht gesehen, nicht gelitten, nicht miterlebt? Wir haben den Katalog aller nur denkbaren Katastrophen durchgeackert von einem zum andern Ende (und sind noch immer nicht beim letzten Blatt).

Ich allein bin Zeitgenosse der beiden größten Kriege der Menschheit gewesen und habe sogar jeden erlebt auf einer anderen Front, den einen auf der deutschen, den andern auf der antideutschen. Ich habe im Vorkrieg die höchste Stufe und Form individueller Freiheit und nachdem ihren tiefsten Stand seit hunderten Jahren gekannt, ich bin gefeiert gewesen und geächtet, frei und unfrei, reich und arm. Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Rußland und vor allem jene Erzpest, den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich mußte wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbarsten Rückfalls der Menschheit in längstvergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewußten und programmatischen Dogma der Antihumanität.

Uns war es vorbehalten, wieder seit Jahrhunderten Kriege ohne Kriegserklärungen, Konzentrationslager, Folterungen, Massenberaubungen und Bombenangriffe auf wehrlose Städte zu sehen, Bestialitäten all dies, welche die letzten fünfzig Generationen nicht mehr gekannt haben und künftige hoffentlich nicht mehr erdulden werden. Aber paradoxerweise habe ich auch in ebenderselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend: die Eroberung des Äthers durch das Flugzeug, die Übermittlung des irdischen Worts in derselben Sekunde über den Erdball und damit die Besiegung des Weltraums, die Zerspaltung des Atoms, die Besiegung der heimtückischesten Krankheiten, die fast tägliche Ermöglichung des gestern noch Unmöglichen. Nie bis zu unserer Stunde hat sich die Menschheit als Gesamtheit teuflischer gebärdet und nie so Gottähnliches geleistet.

Dies unser gespanntes, dramatisch überraschungsreiches Leben zu bezeugen, scheint mir Pflicht, denn – ich wiederhole – jeder war Zeuge dieser ungeheuren Verwandlungen, jeder war genötigt Zeuge zu sein. Für unsere Generation gab es kein Entweichen, kein Sich-abseits-Stellen, wie in den früheren; wir waren dank unserer neuen Organisation der Gleichzeitigkeit ständig einbezogen in die Zeit. Wenn Bomben in Shanghai die Häuser zerschmetterten, wußten wir es in Europa in unseren Zimmern, ehe die Verwundeten aus ihren Häusern getragen waren. Was tausend Meilen über dem Meer sich ereignete, sprang uns leibhaftig im Bilde an. Es gab keinen Schutz, keine Sicherung gegen das ständige Verständigtwerden und Mitgezogensein. Es gab kein Land, in das man flüchten, keine Stille, die man kaufen konnte, immer und überall griff uns die Hand des Schicksals und zerrte uns zurück in sein unersättliches Spiel.

Ständig mußte man sich Forderungen des Staates unterordnen, der stupidesten Politik zur Beute hinwerfen, den phantastischsten Veränderungen anpassen, immer war man an das Gemeinsame gekettet, so erbittert man sich wehrte; es riß einen mit, unwiderstehlich. Wer immer durch diese Zeit ging oder vielmehr gejagt und gehetzt wurde – wir haben wenig Atempausen gekannt –, hat mehr Geschichte miterlebt als irgendeiner seiner Ahnen. Auch heute stehen wir abermals an einer Wende, an einem Abschluß und einem neuen Beginn. Ich handle darum durchaus nicht absichtslos, wenn ich diesen Rückblick auf mein Leben mit einem bestimmten Datum vorläufig enden lasse. Denn jener Septembertag 1939 zieht den endgültigen Schlußstrich unter die Epoche, die uns Sechzigjährige geformt und erzogen hat. Aber wenn wir mit unserem Zeugnis auch nur einen Splitter Wahrheit aus ihrem zerfallenen Gefüge der nächsten Generation übermitteln, so haben wir nicht ganz vergebens gewirkt.

QUELLE: Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Verlag Bermann-Fischer, Stockholm 1944, S. 9 – 15


Die preußisch-welfische Hochzeit von 1913

Die Hochzeit zwischen dem jüngsten Sohn des Kronprinzen von Hannover, Erbprinz Ernst August von Hannover, mit Viktoria Luise, der einzigen Tochter von Kaiserin Auguste Viktoria und Kaiser Wilhelm II. am 24. Mai 1913 in Berlin war die letzte glanzvolle Begegnung des deutschen Kaisers, des russischen Zaren und des britischen Königs vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Eine Linie des ursprünglich fränkischen Adelsgeschlechts der Welfen, das seit dem 9. Jahrhundert bekannt ist, stieg 1692 zu Kurfürsten von Hannover auf. Sie erbte 1714 vom Haus Stuart den Thron des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland, den sie bis 1901 als Haus Hannover besetzte. Deshalb trug Erbprinz Ernst August von Hannover zugleich den Titel eines Herzogs von Cumberland. Prinzessin Viktoria Luise von Preußen trug den Namen Viktoria nach ihrer Großmutter, Kaiserin Viktoria, und ihrer Urgroßmutter Viktoria (1819 – 1901), Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland und Kaiserin von Indien, die dem Königshaus Hannover entstammte. Dieses führte mit der Thronbesteigung von Viktorias Sohn Eduard VII. den Namen Sachsen-Coburg und Gotha. Im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg änderte sein Sohn König Georg V. 1917 den deutschen Namen Sachsen-Coburg-Gotha in den jetzigen Namen Windsor.

WILHELM II. (1859 – 1941)


Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen wird am 27. Januar 1859 als ältester Sohn des Kronprinzen Friedrich III. (dem 99-Tage-Kaiser) und seiner Frau Viktoria geb. Prinzessin von Großbritannien und Irland in Berlin geboren.

Nach dem Tod seines Vaters wird er 1888 Kaiser des Deutschen Reiches. Unter seiner als Wilhelminisches Zeitalter bezeichneten Regentschaft erfährt Deutschland eine Blütezeit in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, wird aber auch zunehmend vom Militär geprägt. Es entwickelt sich von einem Agrarstaat zu einem modernen Industriestaat mit einem breiten Wohlstand. 1911 wird die »Kaiser Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften« gegründet – seit 1946 Max-Planck-Gesellschaft. Die Berliner Secession steht für die Moderne Kunstszene in Berlin mit Ausstellungen von Künstlern wie Paul Klee, Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Pablo Picasso. Deutschland wird neben Großbritannien zur führenden Wirtschaftsmacht der Welt.

Am 28. Juli 1914 löst der Angriff Österreich-Ungarns auf Serbien den Ersten Weltkrieg aus. Am 9. November 1918 erklärt Reichskanzler Max von Baden den Thronverzicht des Kaisers und des Kronprinzen, woraufhin Wilhelm II. als Kaiser abdankt und ins Exil nach Doorn in die Niederlande geht. 1921 stirbt seine erste Frau Auguste Viktoria geb. Prinzessin zu Schleswig-Holstein, 1922 heiratet er die verwitwete Prinzessin Hermine von Schönaich-Carolath geb. Prinzessin Reuß. Wilhelm II. stirbt am 4. Juni 1941 im Exil in Doorn.

WILHELM II.

EREIGNISSE UND GESTALTEN AUS DEN JAHREN 1878 – 1918

DIE SCHULDFRAGE

Die Geschichte kennt kein Beispiel, daß man mit dem Weltkriege 1914/​18 vergleichen könnte. Sie kennt aber auch kein Beispiel für die Verwirrung, die über die Ursachen entstanden ist, die zum Weltkriege führten. Das ist um so erstaunlicher, weil der große Krieg eine hochkultivierte, aufgeklärte, politisch geschulte Menschheit vorfand, und weil die Ursachen zum Weltkriege klar und offen liegen. Auch die scheinbare Kompliziertheit in der Julikrise 1914 kann darüber nicht hinwegtäuschen. Der damalige Telegrammwechsel zwischen den Kabinetten der Großmächte und den Herrschern, die Tätigkeit der Staatsmänner und hervorragender Privatmänner bei mündlichen Verhandlungen mit wichtigen Persönlichkeiten der Entente waren gewiß von größter Wichtigkeit durch die entscheidende Bedeutung, die nahezu jedem Worte zukam, das aus verantwortlichem Munde gesprochen, und jeder Zeile, die geschrieben oder gedrahtet wurde. Aber die große Linie der Kriegsursachen wird dadurch nicht geändert, sie liegt fest und man darf sich nicht scheuen, sie immer wieder mit Ruhe und Sachlichkeit von dem verwirrenden Beiwert der Vorgänge, die den Kriegsausbruch begleiteten, freizulegen.

Die allgemeine Lage des Deutschen Reiches hatte sich in der Vorkriegszeit immer glänzender und infolgedessen außenpolitisch immer schwieriger gestaltet. Ein niemals dagewesener Aufschwung in Industrie, Handel und Weltverkehr hatte Deutschland wohlhabend gemacht. Die Kurve unserer Entwicklung blieb nach oben gerichtet. Die damit verbundene friedliche Eroberung eines namenhaften Teiles des Weltmarktes, auf den deutscher Fleiß und unserer Leistungen gerechten Anspruch hatten, konnte älteren Weltvölkern, vor allem England, nicht angenehm sein. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, dem nichts Verwunderliches anhaftet. Es macht niemandem Freude, wenn sich plötzlich ein Konkurrent etabliert und man zusehen muß, wie die alte Kundschaft zu ihm abwandert. Ich kann also aus der Verstimmung Englands über Deutschlands Fortschritte auf dem Weltmarkte keinen Vorwurf gegen das Britenreich konstruieren.

Wenn es England verstanden hätte, unter Anwendung besserer Handelsmethoden die deutsche Konkurrenz abzuschlagen oder niederzuhalten, so wäre das sein gutes Recht gewesen, gegen das Einwendungen nicht hätten erhoben werden können. Der Tüchtigere gewann eben das Spiel. Es kann im Leben der Völker nicht als verwerflich gelten, wenn im friedlichen Wettbewerb von beiden Seiten mit gleichartigen, also friedlichen Mitteln, aber mit aller Energie, mit Kühnheit und Organisationskunst zum Besten des eigenen Volkes gearbeitet wird. Etwas ganz anderes ist es dagegen, wenn der eine Teil durch den Fleiß und die Leistung, wie durch überlegene Geschäftsmethoden des anderen seinen Aktivposten in der Weltbilanz bedroht sieht und nun, weil er nicht die Tüchtigkeit des jungen Konkurrenten zu entfalten vermag, mit Gewalt, also nicht mit friedlichen, sondern mit kriegerischen Mitteln gegen den friedlichen Wettbewerb vorgeht, um ihn aufzuhalten oder zu vernichten.

Unsere Lage wurde schwieriger, weil wir genötigt waren, zum Schutze unseres Wohlstandes, der nicht zuletzt auf den 19 Milliarden jährlicher deutscher Ausfuhr und Einfuhr basierte, eine Flotte zu bauen. Die Unterstellung, wir hätten die Flotte gebaut, um die weit überlegene englische anzugreifen und zu vernichten, ist absurd, denn wir hätten bei dem tatsächlichen Kräfteverhältnis zur See nicht siegen können. Wir kamen ja auf dem Weltmarkte wunschgemäß vorwärts; wir hatten über nichts zu klagen. Weshalb hätten wir also den Erfolg unserer friedlichen Arbeit aufs Spiel setzen sollen?

In Frankreich war seit 1870/​71 der Revanchegedanke sorgsam genährt worden. In der belletristischen wie in der politischen und militärischen Literatur, im Offizierkorps, in den Schulen, in Vereinigungen, in den politischen Kreisen wurde er in allen möglichen Variationen gepflegt. Ich kann diese Stimmung verstehen. Vom gefundenen nationalen Standpunkt aus gesehen ist es schließlich ehrenvoller, wenn ein Volk eine erlittene Schlappe wieder gut machen will, als wenn es diese einsteckt. Elsaß-Lothringen aber ist seit vielen Jahrhunderten deutsches Land. Von Frankreich war es geraubt, wir hatten es 1871 als uns gehörig zurückgenommen. Deshalb war ein Revanchekrieg, der die Eroberung urdeutschen Gebiets zum Ziele hatte, unrechtmäßig und unmoralisch. Ein Nachgeben unsererseits in diesem Punkte hätte unserem nationalen und rechtlichen Empfinden ins Gesicht geschlagen. Da Deutschland Elsaß-Lothringen niemals freiwillig an Frankreich zurückgeben konnte, war also der französische Revanchetraum nur durch einen siegreichen Krieg zu verwirklichen, der die französischen Grenzpfähle bis an das linke Rheinufer vorschieben sollte. Deutschland hingegen hatte keinen Anlaß, die Errungenschaften von 1870/​71 aufs Spiel zu setzen, es mußte also darauf hinwirken, den Frieden mit Frankreich zu erhalten, um so mehr als die Konstellation der Mächte gegen den deutsch-österreichischen Zweibund immer deutlicher hervortrat.

In Ru ßland lagen die Dinge so, daß das gewaltige Zarenreich nach einem Zugang zum südlichen Meer drängte. Dieses Streben ist natürlich und nicht zu verurteilen. Ferner bestand der russischösterreichische Gegensatz, hauptsächlich um Serbien, der insofern Deutschland mitbetraf, als Deutschland und Österreich-Ungarn im Bunde waren. Außerdem befand sich das zarische Rußland in einer andauernden inneren Gärung, und jede zarische Regierung fand es nützlich, eine Möglichkeit für äußere Konflikte bereit zu halten, um durch äußere Schwierigkeiten jederzeit von den inneren ablenken zu können, ein Ventil für den inneren Konfliktstoff zu besitzen. Es kam hinzu, daß der enorme Anleihebedarf Rußlands fast ausschließlich in Frankreich gedeckt wurde. Über 20 Milliarden französischer Goldfranken, über deren Verwendung Frankreich teilweise verfügte, wanderten nach Rußland. Es handelte sich dabei ausnahmslos um strategische und kriegvorbereitende Maßnahmen. An der goldenen Kette der französischen Milliarden wurde das Zarenreich nicht nur finanziell an Frankreich gekettet; es wurde dem französischen Revanchegedanken dienstbar.

So ergab es sich, daß England, Frankreich und Rußland, allerdings aus verschiedenen Gründen, ein gemeinsames Ziel hatten, nämlich: Deutschland niederzuzwingen. England aus handelspolitischen, Frankreich aus revanchepolitischen, Rußland als Trabant Frankreichs sowie aus innerpolitischen Gründen und um an das südliche Meer zu gelangen. So mußten sich diese drei Großstaaten finden. Den Zusammenschluß dieser Bestrebungen zu gemeinsamem planmäßigen Handeln nennen wir Einkreisungspolitik.

Hierzu kommt noch das erst kürzlich bekannt gewordene, bereits im Kapitel »Hohenlohe« ausführlich erörterte Gentleman’s agreement, von dem ich während meiner Regierungszeit überhaupt keine Kenntnis gehabt habe. Als ich von ihm erfuhr, habe ich mich sofort bei Herrn v. Bethmann danach erkundigt. Er schrieb mir einen etwas gewundenen Brief: Irgend etwas sei wohl in den Akten des Auswärtigen Amtes darüber vorhanden; der damalige deutsche Botschafter in Washington, v. Holleben, hätte darüber vertraulich wohl etwas berichtet, aber er hätte die Quelle nicht angegeben; deshalb wäre vom Auswärtigen Amte der Sache keine Bedeutung beigemessen und sie nicht an mich weitergegeben worden. Jenes Agreement hat also tatsächlich auf die Politik Deutschlands keinen Einfluß gehabt. Aber es beweist nachträglich, daß die angelsächsische Welt sich schon im Jahre 1897 gegen uns zusammengeschlossen hat, und deckt dadurch manche Schwierigkeiten der deutschen Politik auf. Es erklärt auch die Haltung Amerikas während des Krieges.

Die Entente cordiale hingegen war uns mit allen ihren Gründen und Zielen bekannt und hat den Kurs unserer Politik bestimmend beeinflußt.

Es ergab sich für Deutschland aus der Gruppierung England, Frankreich und Rußland, also dreier sehr starker Mächte, nur eine politische Konsequenz: Die von außen drohende Entscheidung über die Zukunft Deutschlands mit Waffengewalt mußte vermieden werden, bis wir wirtschaftlich, militärisch, zur See und nationalpolitisch uns eine derartige reale Weltstellung erworben hatten, daß es unseren Gegnern ratsam erscheinen mußte, von dem Risiko machtmäßiger Entscheidung abzusehen und uns an der restlichen Aufteilung und der Bewirtschaftung der Welt den unserem Können entsprechenden Anteil zu lassen. Wir wollten und durften unseren mühsam erarbeiteten Wohlstand nicht aufs Spiel setzen. So entstand der Gegensatz: Die Zi ele der Entente konnten nur durch einen Krieg, die Ziele Deutschlands nur ohne Krieg erreicht werden. An diesem Grundgedanken muß festgehalten werden, er ist entscheidender als alles Beiwerk. Deshalb gehe ich hier nicht auf Einzelheiten ein, nicht auf belgische oder andere Berichte, nicht auf die Telegramme kurz vor Kriegsausbruch. Die gründliche Bearbeitung dieser Einzelheiten ist Sache der Forschung.

Unsere Lage ist von uns richtig erkannt worden. Wir haben entsprechend gehandelt.

Wir haben uns, um wieder mit England zu beginnen, jede Mühe einer Annäherung gegeben, wir sind auf die Forderung der Flottenbaueinschränkung eingegangen, wie ich das bei dem Bericht über Haldane’s Besuch in Berlin schon ausgeführt habe. Ich habe meine verwandtschaftlichen Beziehungen zu verwerten versucht. Es war vergeblich. Die Betätigung König Eduards VII. findet eine einfache Erklärung darin, daß er eben Engländer war und die von seiner Regierung ausgegebenen Pläne zu verwirklichen trachtete. Der politische Ehrgeiz des erst in vorgerücktem Alter zur Regierung gelangten Königs mag hinzugekommen sein. Wir haben jedenfalls alles nur Mögliche getan, um England entgegenzukommen. Es war vergebens, denn die deutschen Ausfuhrziffern wuchsen. Wir konnten natürlich nicht unseren Welthandel einschränken, um England zufriedenzustellen. Das wäre denn doch zuviel verlangt gewesen.

Es wird bei Betrachtung unserer Politik England gegenüber vielfach getadelt, daß wir seiner Zeit das Bündnisangebot, das der englische Kolonialminister Chamberlain uns brachte, abgelehnt hätten. Diese Angelegenheit lag indessen bei näherem Zusehen ganz anders, als sie zunächst frisiert wurde. Erstens brachte Chamberlain einen Brief des englischen Premiers Lord Salisbury an Bülow mit, in dem der Premierminister erklärte, Chamberlain handele nur für sich, das englische Kabinett stehe nicht hinter ihm. Nun könnte man darin eine diplomatisch zulässige Form sehen, die dem englischen Kabinett, das ja vom englischen Parlament abhing, freie Hand ließ. Es hat sich aber später herausgestellt, das sei vorweg bemerkt, daß die liberale Gruppe in England damals einem deutsch-englischen Bündnisse ablehnend gegenüberstand. Weil es sich aber um eine diplomatische Form handeln konnte, nämlich, daß man Chamberlain vorschickte und dem englischen Kabinett, wie es in London so gern gemacht wird, vollkommene Freiheit des Handelns vorbehalten wollte, hat Bülow mit meinem Einverständnis doch ausführlich mit Chamberlain verhandelt. Dabei stellte sich einwandfrei heraus, daß die englisch-deutsche Vereinigung gegen Rußland gedacht war. Es wurde von Chamberlain direkt von einem dann zu führenden Kriege Englands und Deutschlands gegen Rußland gesprochen. Graf Bülow wies in vollem Einvernehmen mit mir die Störung des europäischen Friedens höflich, aber bestimmt zurück. Damit handelte er auch im Sinne des großen Kanzlers. Denn Fürst Bismarck hat das Wort geprägt – ich habe es selbst im Bismarckschen Familienkreise wiederholt gehört: Deutschland dürfe niemals der Festlanddegen Englands werden. Wir haben also damals weiter nichts getan, als in konsequenter Linie unsere Politik durchgeführt, d. h. jedes Engagement abgelehnt, das zu einem Kriege führen konnte, der nicht unmittelbar der Verteidigung des Heimatbodens diente. Die Ablehnung des Chamberlainschen Angebots ist ein Beweis der deutschen Friedensliebe.

Frankreich gegenüber haben wir versucht, in ein leidliches Verhältnis zu gelangen. Das war schwer, denn wir galten ihm als der Erbfeind und die Forderungen der Revancheidee konnten von uns nicht erfüllt werden. Wir haben die Marokkodifferenz friedlich liquidiert; an Krieg um Marokko dachte kein maßgebender Mann in Deutschland. Wir haben es damals des lieben Friedens wegen hingenommen, daß Frankreich, gestärkt durch den mit England geschlossenen geheimen Austauschvertrag Ägypten-Marokko, über die sehr wesentlichen legitimen Interessen Deutschlands in Marokko hinwegging. Die Konferenz von Algeciras zeigte schon die Konturen des großen Krieges. Es ist gewiß nicht angenehm, politische Rückzüge, wie den in der Marokkoangelegenheit, antreten zu müssen; aber die deutsche Politik hat alles dem großen Gesichtspunkte untergeordnet, den Weltfrieden zu erhalten.

Wir haben es mit Höflichkeiten versucht, die uns zum Teil sogar übel genommen wurden. Ich erinnere nur an die Reise meiner Mutter, der Kaiserin Friedrich, nach Paris. Wir hatten eine leidliche Aufnahme erwartet, weil sie englische Prinzessin war und als Künstlerin zur französischen Kunst kam. Ich habe die Kaiserin Eugenie zweimal besucht, einmal von Aldershot aus in ihrem Schlosse Farnborough, das andere Mal auf ihrer Yacht in den norwegischen Gewässern bei Bergen. Diese Courtoisie erschien mir selbstverständlich, weil ich mich in ihrer Nähe befand. Als der französische General Bonnal mit einigen Offizieren in Berlin war, speisten die Herren beim 2. Garde-Regiment z. F. Ich nahm teil und brachte einen Trinkspruch auf die französische Armee aus. Das mag ungewöhnlich gewesen sein, aber es war von den besten Absichten getragen. Ich habe französische Künstlerinnen und Künstler herangezogen. Gewiß, das alles waren in der großen Politik nur kleine Hilfen, aber sie beweisen doch unseren guten Willen.

Mit Ru ßland habe ich mir die außerordentlichste Mühe gegeben. Meine inzwischen veröffentlichten Briefe sind natürlich nie ohne Wissen, sondern immer im Einvernehmen mit den Reichkanzlern abgegangen, vielfach auf deren Wunsch. Unter Alexander III. wäre Rußland wohl nie in einen Krieg gegen Deutschland eingetreten, denn er war zuverlässig. Kaiser Nikolaus war schwach und schwankend. Der Letzte, der bei ihm war, hatte recht, und der konnte ich natürlich nicht immer sein. Ich habe auch diesem Zaren gegenüber alles versucht, um die traditionelle Freundschaft zwischen Deutschland und Rußland wieder herzustellen. Dazu bewog mich außer der politischen Einsicht das Versprechen, das ich meinem Großvater auf dem Totenbette gegeben hatte. Ich habe dem Zaren Nikolaus wiederholt eindringlichst zu liberalen Reformen im Inneren, zur Einberufung der sogenannten großen Duma geraten, die schon unter Iwan dem Schrecklichen existiert und funktioniert hat. Ich hatte damit nicht die Absicht, mich in innere russische Angelegenheiten zu mischen, sondern ich wollte im Interesse Deutschlands die Gefahren der inneren Gärung beseitigen, die oft schon aus dem erwähnten Gründen der Ablenkung zu äußeren Konflikten geführt hatten. Wenigstens diese eine kriegsgefährliche innere russische Situation wollte ich beseitigen helfen. Ich konnte das um so eher versuchen, als dem Zaren und Rußland selbst damit ebenfalls gedient gewesen wäre. Der Zar hat nicht gehört, sondern er hat eine neue Duma geschaffen, die den Zweck gar nicht erfüllen konnte. Bei der alten Duma hätte er persönlich mit allen Vertretern seines weiten Reiches verhandeln und sprechen, ein Vertrauensverhältnis herstellen können.

Ich habe, als der Zar sich zum Kriege gegen Japan entschloß, ihm gesagt, daß ich ihm den Rücken freihalten und keinerlei Unbequemlichkeiten bereiten würde. Das hat Deutschland gehalten.

Als der Verlauf des Krieges nicht den Erwartungen des Zaren entsprach, die russischen und die japanischen Heere sich schließlich ohne große Kampfhandlungen wochenlang gegenüber lagen, traf der jugendliche Bruder des Zaren, Großfürst Michael, zum Besuch in Berlin ein. Wir wurden nicht recht daraus klug, was er eigentlich wollte. Fürst Bülow, der damals Kanzler war, bat mich, den Großfürsten einmal zu fragen, wie es eigentlich mit Rußland stände; er, der Fürst, hätte schlechte Nachrichten, er glaube, es sei für Rußland höchste Zeit, Schluß zu machen. Ich übernahm den Auftrag. Der Großfürst war sichtlich erleichtert, als ich freimütig mit ihm sprach; er bestätigte, daß es für Rußland übel aussähe. Ich sagte ihm, mir schiene es, als ob der Zar bald Frieden schließen sollte, denn die mir vom Großfürsten geschilderte Unzuverlässigkeit der Truppen und des Offizierskorps schienen mir ebenso bedenklich wie die erneute Gärung im Innern. Großfürst Michael war dankbar dafür, daß ich ihm Gelegenheit gab, sich zu äußern. Er sagte, der Zar sei schwankend, wie immer, aber müßte Frieden schließen und würde es auch tun, wenn ich dazu riete. Er bat mich, ihm in diesem Sinne einige Zeilen an den Zaren mitzugeben. Ich entwarf einen englischen Brief an Zar Nikolaus, ging zu Bülow, referierte über die Mitteilungen des Großfürsten und zeigte meinen Briefentwurf. Der Fürst bedankte sich und fand den Brief zweckmäßig. Der Großfürst unterrichtete den russischen Botschafter in Berlin, Grafen Osten-Sacken, und reiste, nachdem er sich wiederholt bedankt hatte, direkt zum Zaren, der dann die Friedensverhandlungen einleiten ließ. Graf Osten-Sacken sagte mir bei der nächsten Begegnung, daß ich dem Zaren und Rußland einen großen Dienst erwiesen hätte. Ich freute mich, daß dies anerkannt wurde, und durfte also hoffen, daß mein Verhalten zur Herstellung eines guten Verhältnisses zu Rußland beitragen werde. Gleichzeitig beugte ich aber damit auch der Gefahr eines Übergreifens einer möglichen russischen Revolution während des russisch-japanischen Kriegszustandes über die deutschen Grenzen vor. Dank hat Deutschland dafür nicht geerntet, aber ein Beweis unserer Friedensliebe bleibt auch unser Verhalten während des russisch-japanischen Krieges.

In derselben Richtung bewegte sich mein Vorschlag, der zum Björkö-Abkommen führte (Juli 1905). Er sah ein Bündnis zwischen Deutschland und Rußland vor, zu dem den beiderseitigen Verbündeten sowie anderen Staaten der Anschluß freistehen sollte. Die Ratifizierung scheiterte am Widerspruch der russischen Regierung (Iswolski-Gruppe).

Es bleibt noch übrig, über Amerika einige Worte zu sagen. Von dem schon erwähnten Gentleman’s agreement abgesehen, das die prinzipielle Haltung Amerikas in einem Weltkriege auf Seiten Englands und Frankreichs festlegte, gehörte Amerika nicht zu der von König Eduard VII. auf Anordnung seiner Regierung geschaffenen Entente cordiale. Vor allem hat Amerika, soweit die Vorgänge sich bisher übersehen lassen, nicht bei der Herbeiführung des Weltkrieges mitgewirkt. Die unfreundliche Antwort, die Präsident Wilson der deutschen Regierung am Anfang des Krieges gab, mag mit dem Gentleman’s agreement zusammengehangen haben. Es besteht aber kein Zweifel darüber, daß Amerikas Eintritt in den Krieg und vorher die gewaltigen Munitions- und überhaupt Kriegsbedarfslieferungen Amerikas an die Entente die Chancen der Zentralmächte, den Krieg durch die Waffen erfolgreich zu beenden, wesentlich beeinträchtigt haben.

Es ist aber geboten, auch Amerika gegenüber jede gefühlsmäßige Kritik zu vermeiden; man kann in der großen Politik nur mit realen Faktoren rechnen. Es stand Amerika (trotz dem Gentleman’s agreement) frei, neutral zu bleiben, oder auf unserer oder auf der andern Seite in den Krieg einzutreten. Man kann einem Staat nicht einen Vorwurf aus seiner souveränen Entschließung über Krieg und Frieden machen, sofern nicht seine Entscheidung mit festen Verträgen in Widerspruch steht. Das ist hier nicht der Fall. Es muß aber doch erwähnt werden, daß John Kenneth Turner in seinem bereits erwähnten Buche »Shall it be again?« an der Hand umfangreichen Materials nachweist, daß alle Gründe Wilson’s für Amerikas Eintritt in den Krieg Scheingründe waren, daß er vielmehr lediglich im Interesse der mächtigen Hochfinanz der Wallstreet handelte.

Der große Gewinn, den Amerika aus dem Weltkriege gezogen hat, liegt darin, daß die Vereinigten Staaten nahezu 50 % des Goldes der ganzen Welt an sich ziehen konnten, so daß jetzt der Dollar an Stelle des englischen Pfund den Wechselkurs in der Welt bestimmt. Aber auch daraus ist keinerlei Vorwurf herzuleiten, denn auch jeder andere Staat, der dazu in der Lage gewesen wäre, hätte diesen Zuwachs an Gold und Prestige auf dem Weltgeldmarkte mit Freuden sich zugeführt. Für uns ist es gewiß bedauerlich, daß Amerika das Geschäft nicht auf Seiten der Zentralmächte machte.

Aber ebenso wie Deutschland mit vollem Rechte sich dagegen auflehnt, daß seine friedliche Arbeit von der Entente nicht mit friedlichen, sondern mit kriegerischen Mitteln bekämpft wurde, so kann und muß Deutschland auch (wie es in Publikationen schon versucht wird) gegen den amerikanischen Rechtsbruch bei dem Abschluß des Weltkrieges immer wieder protestieren. Ich persönlich bin nicht der Auffassung, daß das amerikanische Volk sich dazu hergegeben hätte; besonders die amerikanische Frauenwelt hätte das Verleugnen der 14 Punkte des Präsidenten Wilson nicht mitgemacht, wenn sie damals hätte aufgeklärt werden können. Amerika stand mehr als andere Länder unter dem falschen Eindruck der englischen Propaganda und hat deshalb den mit unerhörten Vollmachten ausgestatteten Präsidenten Wilson in Paris selbstherrlich handeln, d. h. seine 14 Punkte sich abhandeln lassen. Ebenso wie Herr Wilson die englische Blockade, gegen die er vorher protestiert hatte, nachher nicht mehr erwähnte, hat er es auch mit seinen 14 Punkten getan.

Die deutsche Regierung hatte die 14 Punkte Wilsons akzeptiert, obwohl sie schwer genug waren. Die Alliierten hatten die 14 Punkte ebenfalls angenommen, mit Ausnahme der Freiheit der Meere. Wilson hatte die 14 Punkte garantiert. Ich finde die wichtigsten von ihnen nicht im Versailler Instrument, sondern nur diejenigen, die dem Machtwillen der Entente entsprachen, und auch diese zum Teil noch stark verfälscht. Auf die Garantie Wilsons hin hat Deutschland die von ihm besetzten feindlichen Gebiete geräumt und seine Waffen abgegeben, sich also wehrlos gemacht. In dieser Vertrauensseligkeit und dem Fallenlassen der 14 Punkte durch Wilson auf der einen Seite und in dem Ausbruch der deutschen Revolution auf der andern liegt der Schlüssel zu unserer jetzigen Lage. Nach Turner sind die 14 Punkte schon bei Aufstellung der Waffenstillstandsbedingungen für Wilson nur noch ein Mittel gewesen, um Deutschland zur Waffenstreckung zu bringen. Sobald dieses Ziel erreicht war, habe er sie fallen lassen.

Ein sehr großer Teil des amerikanischen Volkes hat sich bereits gegen Herrn Wilson gestellt und wünscht nicht gleichzeitig mit ihm diskreditiert zu sein. Ich träume nicht etwa von einer spontanen Hilfe Amerikas für Deutschland, ich rechne nur mit der nüchternen Erkenntnis des amerikanischen Volkes, daß es die Riesenschuld seines damaligen Präsidenten an Deutschland wieder gutzumachen hat. Denn die Atmosphäre eines Sieges währt nicht ewig, und später wird man sich nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo in großen politischen Fragen an die Unzuverlässigkeit des amerikanischen Präsidenten erinnern und sie als amerikanische Unzuverlässigkeit in Rechnung stellen. Das liegt aber nicht im Interesse des amerikanischen Volkes. Die Belastung einer Staatspolitik mit dem Makel der Unzuverlässigkeit ist nicht vorteilhaft. Bei der späteren Beurteilung der amerikanischen Politik wird vergessen werden, daß der weltfremde Herr Wilson von Lloyd George und Clemenceau eingefangen worden ist. Ich habe, besonders bei den Kieler Wochen, viele Amerikaner und Amerikanerinnen kennen gelernt, deren politische Einsicht und Weitsicht eine derartig flagrante Vertrauensverletzung wie sie Herr Wilson beging, in Rücksicht auf das politische Ansehen Amerikas unmöglich billigen kann. Von diesen staatsegoistischen, nicht von irgendwie sentimentalen Rücksichten aus erhoffe ich von jenseits des Ozeans Erleichterung für unser Vaterland.

Zu diesem Unrecht der fallengelassenen 14 Punkte kommt hinzu, daß Herr Wilson als erster die Forderung des Rücktritts an das deutsche Herrscherhaus stellte, in dem er durchblicken ließ, dem deutschen Volke werde dann ein besserer Friede gewährt werden. Bevor die Regierung des Prinzen Max sich die Forderung meiner Thronentsagung zu eigen machte mit der nämlichen Begründung wie Herr Wilson, daß Deutschland in diesem Falle bessere Bedingungen erhalten würde – die Vermeidung des Bürgerkrieges kam erst als zweites Druckmittel –, wäre es ihre Pflicht gewesen, sich irgendwie reale Garantien von seiten des Herrn Wilson zu verschaffen. Jedenfalls haben die Behauptungen, die immer dringender und drängender wurden, meinen Entschluß, außer Landes zu gehen, mit zur Reife gebracht, weil ich glauben mußte, meinem Vaterlande damit einen großen Dienst zu erweisen. Ich stellte meine und meines Hauses wahrlich nicht geringen Interessen zurück und überwand mich, allerdings unter den schwersten inneren Kämpfen, dazu, dem Wunsche der maßgebenden deutschen Stellen zu entsprechen. Es hat sich herausgestellt, daß die deutsche Regierung keinerlei reale Garantien besaß. Für mich mußte bei den damals sich überstürzenden Ereignissen die eindeutige und bestimmte Meldung des Reichskanzlers maßgebend sein. Deshalb habe ich auf eine Nachprüfung verzichtet.

Jetzt ist es klar, weshalb die Entente durch Herrn Wilson meinen Rücktritt forderte. Sie war sich vollkommen klar darüber, daß mit meiner Depossedierung militärische und politische Haltlosigkeit in Deutschland eintreten mußte, die es ermöglichte, nicht bessere, sondern härtere Bedingungen bei Deutschland durchzudrücken. Die Revolution war damals noch nicht als Helferin der Entente aufgetreten. Mein Verbleiben auf dem Throne würde also schon nach Ansicht der Entente für Deutschland vorteilhafter gewesen sein, als meine Thronentsagung. Ich selbst stimme dieser Auffassung der Entente zu, nachdem sich herausgestellt hat, daß die Regierung Max von Baden keinerlei substanziierte Unterlagen für ihre Behauptung hatte, meine Abdankung würde meinem Vaterlande vorteilhaftere Bedingungen bringen. Ich gehe noch weiter und sage, daß die Entente es überhaupt nicht gewagt hätte, einem intakten Deutschen Kaiserreiche derartige Bedingungen anzubieten. Einem Kaiserreiche gegenüber, dem nicht gerade im Endkampf um seine Existenz mit Hilfe deutscher Utopisten das parlamentarische System aufgezwungen gewesen wäre, dessen Monarchie nicht die Kommandogewalt über Heer und Flotte entwunden gewesen wäre, hätte man das nicht gewagt. Also auch in der Forderung meiner Abdankung seitens des Herrn Wilson unter Vorspiegelung besserer Bedingungen für Deutschland liegt eine schwere Schuld des amerikanischen Expräsidenten. Jedenfalls bietet sich auch hierin ein Ansatzpunkt für den gewaltigen Hebel, der den Vertrag von Versailles aus seinen Siegeln und Verschlüssen herausheben muß. In Deutschland sollte man aber niemals Herrn Wilson mit dem amerikanischen Volke verwechseln.

QUELLE: Kaiser Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878 – 1918, Verlag K. F. Koehler, Leipzig/​Berlin 1922, S. 261 – 274.

II. DIE ENTFESSELUNG DER MÄCHTE

EDUARD VON KEYSERLING (1855 – 1918)


Eduard Graf von Keyserling wird am 14. Mai 1855 auf Schloss Paddern in Kurland (heute: Tasu-Padures/​Lettland) als Sohn von Eduard Graf Keyserling und seiner Frau Theophile geb. von Rummel als zehntes von zwölf Kindern geboren. Nach Studien in Dorpat (heute Tartu) und Wien verwaltet er bis zum Tode seiner Mutter die heimatlichen Güter. 1895 zieht er mit drei Schwestern nach Wien. Zwei Jahre später erkrankt er an einem schweren Rückenmarksleiden und erblindet als Folge einer Syphilisinfektion.

1887 erscheint seine erste Erzählung »Fräulein Rosa Herz«. Die meisten seiner Erzählungen und Romane diktiert er – inzwischen erblindet – seinen Schwestern, mit denen er von 1900 bis zu seinem Tod 1918 eine Wohnung in München-Schwabing bewohnt, so etwa »Wellen« (1911) und »Abendliche Häuser« (1914). Hinzukommen Aufsätze zu allgemeinen kulturellen Fragen wie der Artikel vom 17. Oktober 1914 »Über die Vaterlandsliebe«. Mit seinem Œuvre gehört er zu den bedeutendsten Schriftstellern des Impressionismus.

Keyserling bleibt unverheiratet. Er stirbt kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges in München. Sein schriftlicher Nachlass wird auf seinen Wunsch hin nach seinem Tod vernichtet.

EDUARD VON KEYSERLING

ÜBER DIE VATERLANDSLIEBE

Die frühe Dämmerung des Septemberabends sinkt auf stillgewordene Dörfer herab, dunkel kauern die Häuser unter dem dunkeln Gezweige der alten Linden. Auf dem Dorfplatz stehen Männer beisammen und sprechen mit ruhig besonnener Stimme. Vor den Haustüren, auf den Treppenstufen hocken noch vor dem Schlafengehen Kinder in ihren Hemden, kleine weiße Gespenster, und singen mit dünnen, glashellen Stimmen ein Siegeslied. Alte Frauen sitzen auf den Bänken, die Hände müßig im Schoße, und blicken mit dem geduldig wartenden Blick des Alters in die Dämmerung. Am Brunnen aber stehen große blonde Mädchen, sie lassen die Hände einen Augenblick auf dem Rande des Eimers ruhen und starren mit groß werdenden Augen vor sich hin, als horchten sie hinaus in die Ferne, auf etwas Großes und Furchtbares.

Die Nacht sinkt nieder, die Dorfstraße wird still, die Haustüren fallen in das Schloß, durch die kleinen Fensterscheiben blinzeln friedliche Lichter in die Finsternis, schläfrig singt der Brunnen, und hie und da in einem dunkeln Gärtchen zwischen den taufeuchten Sonnenblumen und Nachtviolen steht einsam eine Frau und weint. In Tausenden der Männer, die begeistert an die Grenze des Reiches beim Feinde entgegeneilen, verdichtet sich der weite Begriff des Vaterlandes, für das sie kämpfen, zu dem Bilde solch eines stillen Dorfes; denn das große Gefühl Vaterlandsliebe erwächst aus der Liebe zu der Scholle, dem Heimatsdorf und dem Heimatshause. Und für die Sicherheit des großen Vaterlandes steht als Symbol die Geborgenheit des kleinen Stückes Erde, auf dem das lebt, was dem Herzen dieser Männer am nächsten steht. Die Enge dieses Gefühls gibt der Liebe zu der deutlichen Allgemeinheit seine Wärme und Intensität. Aber jene Dörfer, die friedlich inmitten ihrer wogenden Kornfelder liegen mit der stetigen und fleißigen Alltäglichkeit ihres Lebens, sie sind die Grundlage des stolzen Baues des Reiches mit seiner Macht, seinem Reichtum, seiner Kultur.

Unser modernes Leben hat sich in hohem Grade kompliziert, mit seinen Gegensätzen und Spannungen. Wir schweigen in Widersprüchen und berauschen uns an Zweifeln. Überallhin bohren die Gedanken sich hinein und nehmen den Gefühlen ihre Ganzheit und Unmittelbarkeit. Jetzt aber, da ein großes Schicksal wie ein Sturmwind über das deutsche Vaterland hinbraust, jetzt verlieren viele der Gedanken und Einfälle, der Gefühle und Gefühlchen ihren Glanz. Vieles, das groß schien, schrumpft zusammen, und was bedeutungsvoll war, wird unwichtig. Die Gefühle in jedem Deutschen vereinfachen sich unendlich. In allen lebt ein großes, einfaches Ziel, die Sicherheit des Vaterlandes, eine Hoffnung, der Sieg, ein Wille, alles für das Vaterland einzusetzen. Dieses Fühlen ist so klar, stark und einfach, daß jedes Kind es ahnt, es ist das gleiche in den Dorfbewohnern, dem Gelehrten, dem Staatsmann, es ist das Urgefühl der Menschheit und liegt in der Menschenbrust, seit der Mensch es begriff, daß es so etwas wie eine Heimat gibt. Dieses Gefühl gleicht dem vollen und reinen Glockenton, der alle die kleinen und eigensinnigen Melodien übertönt, die ein jeder vor sich hinsummte.

Moltke spricht von der reinigenden Wirkung des Krieges. Sie liegt darin, daß das Kleine, Unruhige der vielen Sonderinteressen von uns abfällt und einem einheitlichen Wollen, einem einfachen starken Fühlen Platz macht. Trotz der Spannung, der Schmerzen und der Not dieser Tage wirkt die Konzentration, der schwere Ernst des Gefühls, dennoch stählend auf die Seele wie ein tiefer Atemzug in klarer, scharfer Luft. Wunderbar transzendent ist dieses Gefühl der Vaterlandsliebe. Der Soldat ist bereit zu sterben, damit das Vaterland lebe. Das Spiel seines Willens, seiner Sehnsucht geht über sein individuelles Leben hinaus, er opfert seine Persönlichkeit einem Glücke, das nach ihm der großen Gemeinschaft des Vaterlandes zugute kommen soll, dieses Glück begeistert ihn und macht ihn stark, wie die Hoffnung auf eine ewige Seligkeit den christlichen Märtyrer freudigen Mutes den Tod erleiden ließ. Dieses Hinausgehen über das eigene vergängliche Leben ist das Mysterium jedes großen, ethischen Gefühl und jeder ethischen Tat. Jene Männer aber, die von den Schlachtfeldern in das bürgerliche Leben, in den Alltag der Arbeit und Sorge zurückkehren – wird in ihrer Seele nicht etwas stets geweiht bleiben, durch die Berührung mit dem heiligen Mysterium der Todesbereitschaft für das Vaterland?

QUELLE: Eduard von Keyserling: Über die Vaterlandsliebe, in: Der Tag, Ausgabe, Nr. 244, Berlin, 17. 10. 1914

KARL KRAUS (1874 – 1936)


Karl Kraus kommt am 28. April 1874 in Gitschin, Böhmen (heute Jicin/​Tschechien) als Sohn des Papierfabrikanten Jakob Kraus und seiner Frau Ernestine geb. Kantor zur Welt. 1877 zieht die Familie nach Wien, wo Kraus ein Studium der Rechtswissenschaften beginnt.

1897 gelingt ihm mit der Veröffentlichung der Satire »Die demolirte Litteratur« der erste Publikumserfolg. 1899 gründet er die satirische Zeitschrift »Die Fackel«, die bis kurz vor seinem Tod 1936 in unregelmäßigen Abständen erscheint. Hierin werden von 1915 bis 1919 Teile des monumentalen Epos »Die letzten Tage der Menschheit« veröffentlicht. Darüber hinaus hält Kraus 700 öffentliche Lesungen, übersetzt Shakespeare-Sonette und liest im Rundfunk in Berlin. 1952 erscheint posthum sein Werk über die Machtübernahme Hitlers »Dritte Walpurgisnacht«.

Karl Kraus polarisiert durch seine Person und seine Werke. Daher hat er auch kaum Verbindungen zu der kleinen, aber einflussreichen Zeitschrift »Weltbühne«, die u. a. Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky in Berlin herausgeben. Kraus stirbt unverheiratet am 12. Juni 1936 in seiner Wohnung in Wien.

KARL KRAUS

DIE LETZTEN TAGE DER MENSCHHEIT

EPILOG

Die letzte Nacht

Schlachtfeld. Trichter. Rauchwolken. Sternlose Nacht. Der Horizont ist eine Flammenwand. Leichen. Sterbende. Männer und Frauen mit Gasmasken tauchen auf.

EIN STERBENDER SOLDAT

schreiend

Hauptmann, hol her das Standgericht!

Ich sterb’ für keinen Kaiser nicht!

Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht!

Bin tot ich, salutier’ ich nicht!

Wenn ich bei meinem Herren wohn’,

ist unter mir des Kaisers Thron,

und hab’ für sein Geheiß nur Hohn!

Wo ist mein Dorf? Dort spielt mein Sohn.

Wenn ich in meinem Herrn entschlief, kommt an mein letzter

Feldpostbrief.

Es rief, es rief, es rief, es rief!

Oh, wie ist meine Liebe tief!

Hauptmann, du bist nicht bei Verstand,

daß du mich hast hieher gesandt.

Im Feuer ist mein Herz verbrannt.

Ich sterbe für kein Vaterland!

Ihr zwingt mich nicht, ihr zwingt mich nicht! Seht, wie der Tod

die Fessel bricht!

So stellt den Tod vors Standgericht!

Ich sterb’, doch für den Kaiser nicht!

WEIBLICHE GASMASKE

nähert sich

Soviel ich seh’, fiel hier ein Mann mit Gottes Willen.

Auch unsereins hat seine Pflicht hier zu erfüllen.

In dieser ernsten Zeit gibts keinen Zeitvertreib.

Das Kleid ist nicht der Mann, doch ist’s auch nicht das Weib.

In Not und Tod und Kot gibt es die gleichen Rechte.

Wo kein Geschlecht, gereicht’s zur Ehre dem Geschlechte.


Zwei Soldaten und ein Maulesel mit Gasmasken, 1917

Der erste Einsatz von chemischen Kampfstoffen im Ersten Weltkrieg fand im August 1914 durch französische Truppen statt, die Xylylbromid, ein Tränengas, gegen deutsche Truppen anwandten. Das anschließende weitere Ausprobieren anderer chemischer Stoffe führte zu einer Verschärfung des Gaskrieges. Der erste schwerwiegende Einsatz fand am 22. April 1915 bei Ypern statt, als deutsche Truppen 150 Tonnen Chlorgas gegen die französischen Schützengräben einsetzten: Das Ergebnis waren ca. 5.000 Tote und 10.000 Verletzte. Die grausamen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg – ca. 90.000 Menschen starben, bis zu eine Million wurde verletzt – führten dazu, dass im Zweiten Weltkrieg in Europa keine chemischen Kampfstoffe eingesetzt wurden.

MÄNNLICHE GASMASKE

stellt sich gegenüber

Nur daß dein Gesicht

sich an meines gewöhne!

Ich kenne dich nicht,

du Maske, du schöne!

Erfüllt von dem Grauen,

erfüllend die Pflicht,

sollen wir uns nicht schauen,

wir kennen uns nicht.

Uns gilt nur die Sache,

hier gilt es zu kämpfen,

es droht uns die Rache

mit giftigen Dämpfen.

Der Himmel spuckt Flammen,

verzischend im Blute.

So gehn wir zusammen

auf diese Redoute.

Fernes Trommelfeuer

WEIBLICHE GASMASKE

Gesicht und Geschlecht

verbietet die Pflicht.

Wir haben kein Recht

auf Geschlecht und Gesicht.

Das Leben verbracht

zwischen Leichen und Larven –

mir tönt diese Nacht

wie Hörner und Harfen!

BEIDE

Arm in Arm

Wir haben kein Recht auf Geschlecht und Gesicht.

Gesicht und Geschlecht verbietet die Pflicht.

Sie verschwinden.

Zwei Generale auf der Flucht, in einem Automobil

GENERAL

(Sprechgesang)

Da kann man nicht weiter,

die Erde hat Risse,

da gibts spanische Reiter

und sonst Hindernisse.

Die Schlacht hat nunmehr

eine Wendung genommen,

wir sind bis hieher

nach vorne gekommen.

In unsere Jahr’

da is nicht zu spaßen,

wir sind in Gefahr,

das Leben zu lassen.

Nicht wanken und weichen

die Mannschaften ziert.

Fahren S’ über die Leichen,

sonst sind wir petschiert!

Was hat denn der eine,

der hat keinen Kopf,

dem fehlen die Beine,

und am Rock fehlt a Knopf!

Das is ein Skandal,

da werd’ ich leicht schiech,

Sie toter Korpral,

adjustieren Sie sich!

Das is doch zuwider,

da krieg’ ich ein’ Pik,

ah, da legst di nieder –

hörn S’, jetzt is doch Krieg!

Der hört nicht. Herstellt!

Sie, was machen S’ denn dort

mir san doch im Feld!

Sie gehn zum Rapport!

Das is doch verboten,

die Wirtschaft hier vorn!

Fahren S’ über die Toten,

sonst sind wir verlorn!

Sie fahren ab. Es tagt.

Zwei Kriegsberichterstatter im Automobil, sie steigen aus. Breeches, Feldstecher, Kodak

ERSTER KRIEGSBERICHTERSTATTER

Ich finde es gut,

hier stehen zu bleiben.

Ich habe den Mut,

diese Schlacht zu beschreiben.

ZWEITER KRIEGSBERICHTERSTATTER

Ja, hier wie mir scheint

kann noch etwas geschehn.

Der Punkt ist vom Feind

sehr gut eingesehn.

DER ERSTE

Hier liegen die Helden,

hier ist es bewegt,

und wenn wir es melden,

es Aufsehn erregt.

DER ZWEITE

Es imponiert ja doch allen,

authentisch mit Bildern,

ist einer gefallen,

die Stimmung zu schildern.

DER ERSTE

Wir sind gern informiert

von besonderen Seiten.

Was mich intressiert,

sind die Einzelheiten.

Er tritt an einen sterbenden Soldaten heran.

DER ZWEITE

Sie, machen S’ zum End

ein verklärtes Gesicht!

Ich brauch’ den Moment,

wo das Aug Ihnen bricht.

DER ERSTE

Sie sind doch gescheit –

solang Sie am Leben,

ist hinreichend Zeit,

eine Schilderung zu geben.

DER ZWEITE

Was haben Sie empfunden,

was haben Sie sich gedacht,

wir brauchen die letzten Stunden,

wie war denn die Schlacht?

DER ERSTE

Schaun S’, das wird goutiert auf Details ich schon spitz’, und Ihr Heldentod wird eine schöne Notiz.

DER ZWEITE

Dieses Detail schon allein hat

für das Blatt seinen Reiz,

und der Chef gibt mich ein

für das Eiserne Kreuz.

DER STERBENDE

Geschwinde – geschwinde –

seht, wie ich – mich – winde –

verbinde, Herr Doktor –

verbinde, verbinde!

Seit so vielen Stunden –

mit so vielen Wunden –

sie bluten, sie bluten –

sie sind nicht verbunden.

Nur noch wenig Minuten –

laßt mich doch nicht verbluten –

verbindet geschwinde,

ihr müsset euch sputen.

So seht doch – wie mir schon –

der Atem – entschwindet –

geschwinde – Herr Doktor –

verbindet, verbindet!

DER ERSTE KRIEGSBERICHTERSTATTER

Der erzählt nichts – zu peinlich!

Der wird immer verstockter.

Er hält mich wahrscheinlich

für einen Dokter!

DER ZWEITE

Krieg ist Krieg – hör’n S’, ich hust’,

unsere Pflicht hier ist schwer,

über Ihre zerschossene Brust

sag’ ich nur c’est la guerre.

DER ERSTE

Denn Wunden verbinden, das hab’ ich nicht studiert, aber für Eindrücke finden wer’n wir honoriert.

DER ZWEITE

Die Stimmung zu melden, das ist unser Brot.

Einen schweigsamen Helden, den schweigen wir tot.

Wenden sich zur Abfahrt.

DER STERBENDE

Mein Weib – ach – ich – bitt –

das ist – eine Qual –

so – nehmen S’ mich mit –

bis zum – nächsten – Spital!

DER ERSTE KRIEGSBERICHTERSTATTER

Das ist doch gediegen –

was der von mir will!

So bleiben Sie doch liegen

und halten Sie still!

DER ZWEITE

Für einen Gemeinen

ist das eine Ehr’!

Ihr Bild wird erscheinen,

was wollen Sie mehr!

DER ERSTE

Wenn ich Ihnen garantier’,

es erscheint ein Bericht!

Ich war vor dem Tod hier,

so schaun S’ mir ins Gesicht!

DER ZWEITE

Er sagt nichts darauf.

Ich glaub’, es wird gehn.

So nehm’ ich ihn auf

man wird doch da sehn.

Er photographiert.

DER ERSTE

So sein S’ doch nicht fad,

es soll stimmungsvoll sein.

Uns fehlt der Kurat,

Sie sind leider allein.

DER ZWEITE

Das wär’ ein Effekt,

dem Abonnenten zu zeigen, den Priester direkt

über den Helden sich neigen!

DER ERSTE

Wir sind doch intim, er tät’s mir zu Liebe,

weil ja schließlich auch ihm eine Reklam dabei bliebe.

DER ZWEITE

Wo man ihn ja einmal braucht,

ist er natürlich beim Teufel.

Das ist trostlos … Es raucht!

Nur ein Blindgänger, kein Zweifel!

DER ERSTE

Geh’ mr! Hier is stier,

hier is doch nix los.

Gehn wir ins Pressequartier

vor dem Gegenstoß.

DER ZWEITE

Der würde mich nicht

im geringsten tuschieren,

ich kann bloß bei dem Licht

nicht photographieren.

DER ERSTE

Sie, hier wie mir scheint

kann noch was geschehn,

der Punkt ist vom Feind

zu gut eingesehn!

DER ZWEITE

Es lohnt nicht zu bleiben.

Bin ich ein Held?

Also was soll man schreiben?

Ein Erlebnis im Feld!

Sie fahren ab

Ein Feldwebel jagt mit dem Revolver einen Zug vor sich her

FELDWEBEL

Marsch! Ich wer’ euch lehrn hier herumtachiniern!

Fürs Vaterland stirbts, oder ich laß euch krepiern!

Was glaubts denn, i wer’s euch schon einigeignen!

Jetzt schießts auf den Feind, oder ich schieß auf die Eignen!

Sie verschwinden.

EIN ERBLINDETER

tastet sich kriechend vorwärts

So, Mutter, Dank! So fühl’ ich deine Hand.

Oh, sie befreit von Nacht und Vaterland!

Ich atme Wald und heimatliches Glück.

Wie führst du mich in deinen Schoß zurück.

Nun ist der Donner dieser Nacht verrollt.

Ich weiß es nicht, was sie von mir gewollt.

O Mutter, wie dein guter Morgen thaut!

Schon bin ich da, wo Gottes Auge blaut.

Er stirbt

DIE KRIEGSBERICHTERSTATTERIN

erscheint

Hier ist er, das Suchen hat sich gelohnt,

hier find’ ich den einfachen Mann an der Front!

EIN VERWUNDETER

tastet sich kriechend vorwärts

Fluch, Kaiser, dir! Ich spüre deine Hand,

an ihr ist Gift und Nacht und Vaterland!

Sie riecht nach Pest und allem Untergang.

Dein Blick ist Galgen und dein Bart der Strang!

Dein Lachen Lüge und dein Hochmut Haß,

dein Zorn ist deiner Kleinheit Übermaß,

der alle Grenze, alles Maß verrückt,

um groß zu sein, wenn er die Welt zerstückt.

Vom Rhein erschüttert ward sie bis zum Ganges

durch einen Heldenspieler zweiten Ranges!

Der alten Welt warst du doch kein Erhalter,

gabst du ihr Plunder aus dem Mittelalter.

Verödet wurde ihre Phantasie

von einem ritterlichen Weltkommis!

Nahmst ihr das Blut aus ihren besten Adern

mit deinen Meer- und Luft- und Wortgeschwadern.

Nie würde sie aus Dreck und Feuer geboren!

Mit deinem Gott hast du die Schlacht verloren!

Die offenbarte Welt, so aufgemacht,

von deinem Wahn um ihren Sinn gebracht,

so zugemacht, ist sie nur Fertigware,

mit der der Teufel zu der Hölle fahre!

Von Gottes Zorn und nicht von seinen Gnaden,

regierst du sie zu Rauch und Schwefelschwaden.

Rüstzeug des Herrn! Wir werden ihn erst preisen,

wirft er dich endlich zu dem alten Eisen!

Komm her und sieh, wie sich ein Stern gebiert,

wenn man die Zeit mit Munition regiert!

Laß deinen Kanzler, deine Diplomaten

durch dieses Meer von Blut und Tränen waten!

Fluch, Kaiser, dir und Fluch auch deiner Brut,

hinreichend Blut, ertränk sie in der Flut!

Ich sterbe, einer deutschen Mutter Sohn.

Doch zeug’ ich gegen dich vor Gottes Thron!

Er stirbt.

QUELLE: Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit. Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog, 17. bis 23. Tausend (einschließlich der Aktausgabe); Verlag Die Fackel, Wien/​Leipzig [1922]

ERNST JÜNGER (1895 – 1998)


Ernst Jünger wird am 29. März 1895 als Sohn des Apothekers Ernst Georg Jünger und seiner Frau Karolina geb. Lampl in Heidelberg geboren.

1914 meldet er sich als Kriegsfreiwilliger. 1918 werden ihm das Goldene Verwundetenabzeichen und der Orden »Pour le Mérite« verliehen. 1920 erscheint sein Kriegstagebuch »In Stahlgewittern«, das ihn berühmt macht. 1925 heiratet er Gretha von Jeinsen. Sein Philosophie- und Zoologiestudium bricht er ab und widmet sich ganz der Schriftstellerei. Dabei bleibt die Entomologie seine Leidenschaft. 1928 erscheint »Das abenteuerliche Herz«. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 weist er die Aufnahme in die Deutsche Akademie der Dichtung zurück. 1936 zieht er mit seiner Familie nach Überlingen und dann nahe Hannover. Dort erscheint »Auf den Marmorklippen«. 1939 wird er erneut eingezogen. Es entsteht der Essay »Der Friede«. Im September 1944 wird er regulär aus der Wehrmacht entlassen.

1945 weigert Jünger sich, den Fragebogen der alliierten Besatzungsmächte zur Entnazifizierung auszufüllen, und erhält bis 1949 Publikationsverbot. Er zieht 1951 nach Wilflingen, wo er 1962 nach dem Tod seiner ersten Frau Gretha (1960) die Germanistin und Lektorin Liselotte Lohrer heiratet. Es entstehen weitere Werke wie »Siebzig verweht«. Jünger stirbt hoch geehrt im Alter von 103 Jahren.

ERNST JÜNGER

IN STAHLGEWITTERN

ORAINVILLE

Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir dem langsamen Takte des Walzwerkes der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit werden sollte. Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam erschauern. Ahnten wir, daß fast alle von uns verschlungen werden sollten an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhörlich rollendem Donner? Der eine früher, der andere später?

Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem großen, begeisterten Körper, Träger des deutschen Idealismus der nachsiebziger Jahre. Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem großen Erleben. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen in trunkener Morituri-Stimmung. Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer Tod ist auf der Welt … Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen dürfen!

»In Gruppenkolonne antreten!« Die erhitzte Phantasie beruhigte sich beim Marsche durch den schweren Lehmboden der Champagne. Tornister, Patronen und Gewehr drückten wie Blei. »Kurztreten. Aufbleiben dahinten!«

Ach, zu des Geistes Flügeln wird so bald

Kein körperlicher Flügel sich gesellen!

Endlich erreichten wir das Dorf Orainville, den Ruheort des Füsilier-Regiments 73, eins der typischen Nester jener Gegend, gebildet durch 50 Häuschen aus Ziegel- oder Kreidesteinen um einen parkumschlossenen Herrensitz.

Das Treiben auf der Dorfstraße bot den kulturgewohnten Augen einen fremden Anblick. Man sah nur wenige scheue und zerlumpte Zivilisten; überall Soldaten in abgetragenen, zerschlissenen Röcken mit wettergegerbten, meist von großen Bärten umrahmten Gesichtern, die langsamen Schrittes dahinschlenderten oder in kleinen Gruppen vor den Türen der Häuser standen und uns Neulinge mit Scherzrufen empfingen. Irgendwo stand eine nach Erbsensuppe duftende Feldküche, von kochgeschirrklappernden Essenholern umringt. Die wallensteinsche Romantik wurde durch den beginnenden Verfall des Dorfes noch gesteigert.

Nachdem wir die erste Nacht in einer gewaltigen Scheune verbracht hatten, wurden wir im Hofe des Schlosses vom Regimentsadjutanten, dem damaligen Oberleutnant v. Brixen, eingeteilt und ich der 9. Kompagnie überwiesen.

Unser erster Kriegstag sollte nicht vorübergehen, ohne uns einen entscheidenden Eindruck zu hinterlassen: Wir saßen in der uns als Quartier angewiesenen Schule und frühstückten. Plötzlich dröhnte eine Reihe dumpfer Erschütterungen in der Nähe, während aus allen Häusern Soldaten dem Dorfeingang zustürzten. Wir befolgten dies Beispiel, ohne recht zu wissen warum. Wieder ertönte ein eigenartiges, nie gehörtes Flattern und Rauschen über uns und ertrank in polterndem Krachen. Ich wunderte mich, daß die Leute um mich sich zusammenduckten wie unter furchtbarer Drohung.

Gleich darauf erschienen schwarze Gruppen auf der menschenleeren Dorfstraße, in Zeltbahnen oder auf den verschränkten Händen schwarze Bündel schleppend. Mit einem merkwürdig beklommenen Gefühl der Unwirklichkeit starrte ich auf eine blutüberströmte Gestalt mit lose am Körper herabhängendem Bein, die unaufhörlich ein heiseres »Zu Hilfe!« hervorstieß und in ein Haus getragen wurde, von dessen Eingang die Rote-Kreuz-Flagge herabwehte. – Was war das nur? Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und die gemütliche Maske abgeworfen. Das war so rätselhaft, so unpersönlich. Kaum, daß man dabei an den Feind dachte, dieses geheimnisvolle, tückische Wesen irgendwo dahinten. Das völlig außerhalb der Erfahrung liegende Ereignis machte einen so starken Eindruck, daß es Mühe kostete, die Zusammenhänge zu begreifen. Es war wie eine gespenstische Erscheinung am hellen Mittag.

Eine Granate war oben am Portal des Schlosses krepiert und hatte eine Wolke von Steinen und Sprengstücken in den Eingang geschleudert, gerade, als die durch die ersten Schüsse aufgeschreckten Insassen aus dem Torweg strömten. Sie erschlug 13 Opfer, darunter den Musikmeister Gebhard, eine mir von den hannoverschen Promenaden-Konzerten her wohlbekannte Erscheinung. Ein angebundenes Pferd witterte die Gefahr eher als die Menschen, riß sich wenige Sekunden vorher los und galoppierte, ohne verletzt zu werden, in den Schloßhof.

Im Gespräch mit meinen Kameraden merkte ich, daß dieser Zwischenfall manchem die Kriegsbegeisterung sehr gedämpft hatte. Daß er auch auf mich stark gewirkt hatte, ersah ich aus zahlreichen Gehörstäuschungen, die mir das Rollen jedes vorüberfahrenden Wagens in das fatale Geräusch der Unglücks-Granate verwandelten.

Am Abend desselben Tages kam der lang ersehnte Augenblick, in dem wir, schwer bepackt, zur Kampfstellung aufbrachen. Durch die aus phantastischem Halbdunkel ragenden Ruinen des Dorfes Betricourt führte unser Weg nach einem einsamen, in Tannenwaldungen versteckten Forsthause, der sogenannten »Fasanerie«, wo die Regiments-Reserve lag, der bis zu dieser Nacht auch die dort liegende 9. Kompagnie angehörte. Ihr Führer war der Leutnant d. R. Brahms.

Wir wurden in Empfang genommen, auf die Gruppen verteilt und befanden uns bald im Kreise bärtiger, lehmbekrusteter Gesellen, die uns mit einem gewissen ironischen Wohlwollen begrüßten. Wir wurden gefragt, wie es in Hannover aussähe, und ob der Krieg denn noch nicht bald zu Ende gehen sollte. Dann drehte sich das Gespräch in eintöniger Kürze um Schanzen, Feldküche, Grabenstücke und andere Angelegenheiten des Stellungskrieges.

Nach einiger Zeit erscholl vor der Tür unseres hüttenartigen Aufenthaltes der Ruf: »Heraustreten!« Wir traten bei unseren Gruppen an und stießen auf das Kommando: »Laden und Sichern!« mit geheimer Wollust einen Rahmen scharfer Patronen ins Magazin.

Dann ging es schweigend Mann hinter Mann querbeet durch die nächtliche, von dunklen Waldstücken besäte Landschaft. Ab und zu verhallte ein einsamer Schuß, oder eine Leuchtkugel strahlte zischend auf, um nach kurzer, geisterhafter Beleuchtung eine noch tiefere Dunkelheit zu hinterlassen. Monotones Klappern von Gewehr und Schanzzeug durch den Warnungsruf: »Achtung, Draht!« unterbrochen. Wie oft bin ich nach diesem erstenmal in halb melancholischer, halb erregter Stimmung durch ausgestorbene Landschaften zur vorderen Linie geschritten!

Endlich verschwanden wir in einem der Laufgräben, die sich wie weiße Schlangen durch die Nacht zur Stellung wanden. Dort fand ich mich einsam und fröstelnd zwischen zwei Schulterwehren wieder, angestrengt in eine vorm Graben liegende Tannenreihe starrend, in der meine Phantasie mir allerhand Schattengestalten vorgaukelte, während ab und zu eine verirrte Kugel durchs Geäst klatschte. Die einzige Abwechslung in dieser schier endlosen Zeit war, daß ich von einem älteren Kameraden abgeholt wurde und mit ihm durch einen langen, schmalen Gang zu einem vorgeschobenen Postenloch trottete, in dem wir wiederum damit beschäftigt waren, das Vorgelände zu betrachten. Zwei Stunden durfte ich in einem kahlen Kreideloche versuchen, den Schlaf der Erschöpfung zu finden. Als der Morgen graute, war ich bleich und lehmbeschmiert wie die anderen, und es war mir, als ob ich dieses Maulwurfsleben schon monatelang geführt hätte.

Die Stellung des Regiments wand sich durch den Kreidebogen der Champagne gegenüber dem Dorfe Le Gauda. Sie lehnte sich rechts an ein zerhacktes Waldstück, den Granat-Wald, lief dann durch riesige Zuckerrübenfelder, aus denen die roten Hosen gefallener Stürmer leuchteten, und endete in einem Bachgrund, über den die Verbindung mit dem Regiment 74 durch nächtliche Patrouillen aufrechterhalten wurde. Der Bach rauschte über das Wehr einer zerstörten, von finsteren Bäumen umringten Mühle. Ein unheimlicher Aufenthalt, wenn nachts der Mond durch zerrissene Wolken wechselnde Schatten warf, und seltsame Laute in das Murmeln des Wassers und das Rascheln des Schilfes sich zu mischen schienen.

Der Dienst war der denkbar anstrengendste. Das Leben begann mit dem Einbruch der Dämmerung, während der die ganze Besatzung im Graben stehen mußte. Von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens durften dann je zwei Mann jeder Gruppe schlafen, so daß man einen Nachtschlaf von zwei Stunden genoß, der indes durch früheres Wecken, Strohholen und andere Beschäftigungen illusorisch gemacht wurde.

Entweder hatte man Wache im Graben, oder man zog in eins der zahlreichen Postenlöcher, die mit der Stellung durch lange, ausgehobene Verbindungswege zusammenhingen; eine Art der Sicherung, die wegen der Exponiertheit der Posten im Laufe des Stellungskrieges bald aufgegeben wurde.

Diese endlosen, furchtbar ermüdenden Nachtwachen waren bei klarem Wetter und selbst bei Frost noch erträglich, sie wurden jedoch qualvoll, wenn es, wie meist im Januar, regnete. Wenn die Feuchtigkeit erst die über den Kopf gezogene Zeltbahn, dann Mantel und Uniform durchdrang und stundenlang am Körper herunterrieselte, geriet man in eine Stimmung, die selbst durch das Rauschen der heranwatenden Ablösung nicht erhellt werden konnte. Die Morgendämmerung beleuchtete erschöpfte, kreidebeschmierte Gestalten, die sich zähneklappernd mit bleichen Gesichtern auf das faule Stroh der tropfenden Unterstände warfen. Diese Unterstände! Es waren nach dem Graben zu offene, in die Kreide gehauene Löcher mit einer Lage von Brettern und einigen Schaufeln Erde bedeckt. Hatte es geregnet, so tropften sie noch tagelang nachher; ein gewisser Galgenhumor hatte sie deshalb mit entsprechenden Namen, wie »Tropfsteinhöhle«, »Zum Männerbad« usw., bezeichnet. Wollten mehrere darin der Ruhe pflegen, so waren sie gezwungen, ihre Beine als unfehlbare Fußangeln für jeden Vorübergehenden in den Graben zu legen. Unter diesen Umständen war natürlich auch tagsüber von Schlaf wenig die Rede. Außerdem mußte man noch zwei Stunden Tagesposten stehen, den Graben reinigen, Essen, Kaffee, Wasser holen und anderes mehr.

Man wird begreifen, daß dieses ungewohnte Leben uns sehr hart vorkam, besonders da wir dazu von den meisten der alten Leute in jeder Weise schikaniert wurden. Diese aus der Kaserne in den Krieg mitgenommene Gewohnheit trug viel dazu bei, uns die schweren Tage noch mehr zu verbittern, verschwand aber nach der ersten zusammen bestandenen Schlacht. Dem gemeinen Mann war auch die Tatsache, daß wir uns freiwillig gemeldet hatten, schwer verständlich. Er sah das als einen gewissen Übermut an, eine Auffassung, der ich im Kriege oft begegnet bin.

Die Zeit, während der die Kompagnie in Reserve lag, war nicht viel besser. Wir hausten dann in tannenzweiggedeckten Erdhütten bei der Fasanerie oder im Hiller-Wäldchen, deren mistbepackter Boden wenigstens eine angenehme Gärungswärme ausstrahlte. Manchmal erwachte man in einer zolltiefen Wasserpfütze. Trotzdem ich Rheumatismus bislang nur dem Namen nach gekannt hatte, spürte ich schon nach wenigen Tagen infolge der dauernden Durchnässung Schmerzen in allen Gelenken. Die Nächte dienten auch hier nicht dem Schlaf, sondern wurden benutzt, die zahlreichen Annäherungsgräben zu vertiefen.

Ein Lichtblick in diesem öden Einerlei war die allabendliche Ankunft der Feldküche an der Ecke des Hiller-Wäldchens, wo sich bei der Öffnung des Kessels ein köstlicher Duft nach Erbsen mit Speck oder anderen herrlichen Sachen verbreitete. Aber auch hier gab es einen dunklen Punkt: das Dörrgemüse, das von enttäuschten Gourmets als »Drahtverhau« oder »Flurschaden« geschmäht wurde.

Am angenehmsten waren die Ruhetage in Orainville, die mit Ausschlafen, Reinigen der Sachen und Exerzieren verbracht wurden. Die Kompagnie hauste in einer gewaltigen Scheune, die nur zwei hühnerleiterartige Treppen als Ein- und Ausgang hatte. Obwohl das Gebäude noch mit Stroh gefüllt war, standen Öfen darin. Eines Nachts rollte ich gegen den einen und erwachte erst infolge der Bemühungen einiger Kameraden, die mich kräftigen Löschversuchen unterzogen. Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß meine Uniform an der Rückseite arg verkohlt war, so daß ich längere Zeit in einem frackartigen Anzuge umherlaufen mußte.

Nach kurzem Aufenthalt beim Regiment hatten wir fast alle Illusionen verloren, mit denen wir ausgezogen waren. Statt der erhofften Gefahren hatten wir Schmutz, Arbeit und schlaflose Nächte vorgefunden, zu deren Bezwingung ein uns wenig liegendes Heldentum gehörte. Diese dauernde Überanstrengung war Schuld der Führung, die den Geist des neuartigen Stellungskrieges noch nicht erfaßt hatte. In einem kurzen, draufgängerischen Kriege kann und muß der Offizier die Mannschaft rücksichtslos erschöpfen, in einem sich lang hinschleppenden führt dies zu physischem und moralischem Zusammenbruch. Die ungeheure Postenzahl und die ununterbrochene Schanzarbeit waren zum größten Teil unnötig und sogar schädlich. Nicht auf gewaltige Verschanzungen kommt es an, sondern auf den Mut und die Frische der Leute, die dahinterstehen. »Eiserne Herzen auf hölzernen Schiffen gewinnen die Schlachten.«

Wohl hörten wir im Graben Geschosse pfeifen, bekamen auch ab und zu einige Granaten von den Reimser Forts, aber diese kleinen kriegerischen Ereignisse blieben weit hinter unseren Erwartungen zurück. Trotzdem wurden wir manchmal an den blutigen Ernst gemahnt, der hinter diesem scheinbar absichtslosen Geschehen lauerte. So schlug am 8. Januar eine Granate in die Fasanerie und tötete den Leutnant Schmidt, unseren Bataillons-Adjutanten.

Am 27. Januar ließen wir unserem Kaiser zur Ehre drei kräftige Hurras erschallen und stimmten auf der langen Front, von feindlichen Gewehren begleitet, ein »Heil dir im Siegerkranz« an.

In diesen Tagen hatte ich ein sehr unangenehmes Erlebnis, das meine militärische Laufbahn fast zu einem vorzeitigen und unrühmlichen Abschluß gebracht hätte. Die Kompagnie lag am linken Flügel, und ich mußte mich gegen Morgen nach völlig durchwachter Nacht mit einem Kameraden in den Bachgrund auf Doppelposten begeben. Ich hatte der Kälte wegen verbotenerweise meine Decke um den Kopf geschlagen und lehnte an einem Baum, nachdem ich mein Gewehr neben mich in einen Busch gestellt hatte. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, griff danach – die Waffe war verschwunden! Der revidierende Portepee-Träger, ein Offizier-Stellvertreter, hatte sich an mich herangeschlichen und sie unbemerkt an sich genommen. Um mich zu bestrafen, schickte er mich eigenmächtig, nur mit einer Beilpicke bewaffnet, in der Richtung auf die französischen Postierungen, ungefähr 100 Meter weit, vor, eine Indianeridee, die mich beinahe ums Leben gebracht hätte. Während meiner merkwürdigen Strafwache schlich nämlich eine Patrouille von drei Kriegsfreiwilligen durch das Schilf vor, wurde von den Franzosen bemerkt und beschossen. Einer von ihnen, namens Lang, wurde getroffen und nie wieder gesehen. Da ich ganz in der Nähe stand, bekam ich auch mein Teil von den damals so beliebten Gruppensalven ab, so daß mir die Zweige des Weidenbaumes, an dem ich stand, um die Ohren pfiffen. Ich biß die Zähne zusammen und blieb aus Trotz stehen. Ich habe dem Offizier-Stellvertreter diese Gemeinheit nie vergessen können.

Wir waren alle herzlich stolz, als uns mitgeteilt wurde, daß wir diese Stellung endgültig verlassen sollten, und feierten unseren Abschied von Orainville durch einen kräftigen Bierabend in der großen Scheune. Am 4. Februar 1915 marschierten wir, von einem sächsischen Regiment abgelöst, nach Bazancourt.

Dieser Monat war für mich, obwohl der härteste des ganzen Krieges, doch eine gute Schule. Ich hatte den Wacht- und Arbeitsdienst in seiner schwersten Form gründlich kennengelernt. Das bewahrte mich später, als ich selbst führte, davor, von meinen Leuten Unmögliches zu verlangen.

QUELLE: Ernst Jünger: Sämtliche Werke, Band 1: Der Erste Weltkrieg; Klett-Cotta, Stuttgart 1978

III. VERSAILLES UND SEINE FOLGEN

ULRICH GRAF VON BROCKDORFF-RANTZAU (1869 – 1928)


Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau entstammt einer angesehenen dänisch-schleswig-holsteinischen Familie. Er wird am 29. Mai 1869 als Sohn von Hermann Graf von Rantzau und seiner Frau Juliane geb. von Brockdorff in Schleswig geboren. Aufgrund des frühen Todes des Vaters wird er von seinem Großonkel Hans Baron Brockdorff adoptiert und führt seitdem den Doppelnamen Brockdorff-Rantzau.

1894, nach absolviertem Jurastudium, tritt er in den Auswärtigen Dienst ein. Im Ersten Weltkrieg ist er Gesandter im (neutralen) Dänemark. Nach Ausrufung der Weimarer Republik am 9. November 1918 durch Phillip Scheidemann (SPD) – zwei Stunden vor Karl Liebknecht, der eine »freie sozialistische Republik Deutschland und die Weltrevolution proklamiert«– wird der parteilose Graf von Brockdorff-Rantzau Anfang 1919 erster Außenminister im Kabinett Scheidemann. Ihm obliegt die Annahme der Friedensvereinbarung des Versailler Vertrages, gegen dessen Bestimmungen er vergeblich kämpft und dessen harte Bedingungen schließlich die Regierung Scheidemann zum Rücktritt veranlassen.

Von 1922 bis zu seinem Tod 1928 ist Graf von Brockdorff-Rantzau Gesandter in Moskau.

ULRICH GRAF VON BROCKDORFF-RANTZAU

REDE BEI DER ÜBERREICHUNG DES VERTRAGSENTWURFS DURCH DIE ALLIIERTEN UND ASSOZIIERTEN MÄCHTE

VERSAILLES, 7. MAI 1919

Meine Herren! Wir sind tief durchdrungen von der erhabenen Aufgabe, die uns mit Ihnen zusammengeführt hat: Der Welt rasch einen dauernden Frieden zu geben. Wir täuschen uns nicht über den Umfang unserer Niederlage, den Grad unserer Ohnmacht. Wir wissen, daß die Gewalt der deutschen Waffen gebrochen ist; wir kennen die Wucht des Hasses, die uns hier entgegentritt, und wir haben die leidenschaftliche Forderung gehört, daß die Sieger uns zugleich als Überwundene zahlen lassen und als Schuldige bestrafen sollen.

Es wird von uns verlangt, daß wir uns als die allein Schuldigen bekennen; ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge. Wir sind fern davon, jede Verantwortung dafür, daß es zu diesem Weltkriege kam, und daß er so geführt wurde, von Deutschland abzuwälzen. Die Haltung der früheren Deutschen Regierung auf den Haager Friedenskonferenzen, ihre Handlungen und Unterlassungen in den tragischen zwölf Julitagen mögen zu dem Unheil beigetragen haben, aber wir bestreiten nachdrücklich, daß Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet ist.

Keiner von uns wird behaupten wollen, daß das Unheil seinen Lauf erst in dem verhängnisvollen Augenblick begann, als der Thronfolger Österreich-Ungarns den Mörderhänden zum Opfer fiel. In den letzten 50 Jahren hat der Imperialismus aller europäischen Staaten die internationale Lage chronisch vergiftet. Die Politik der Vergeltung wie die Politik der Expansion und die Nichtachtung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker hat zu der Krankheit Europas beigetragen, die im Weltkrieg ihre Krisis erlebte. Die russische Mobilmachung nahm den Staatsmännern die Möglichkeit der Heilung und gab die Entscheidung in die Hand der militärischen Gewalten.

Die öffentliche Meinung in allen Ländern unserer Gegner hallt wider von den Verbrechen, die Deutschland im Kriege begangen habe. Auch hier sind wir bereit, getanes Unrecht einzugestehen. Wir sind nicht hierhergekommen, um die Verantwortlichkeit der Männer, die den Krieg politisch und militärisch geführt haben, zu verkleinern und begangene Frevel wider das Völkerrecht abzuleugnen. Wir wiederholen die Erklärung, die bei Beginn des Krieges im Deutschen Reichstag abgegeben wurde. Belgien ist Unrecht geschehen, und wir wollen es wieder gutmachen.

Aber auch in der Art der Kriegführung hat nicht Deutschland allein gefehlt. Jede europäische Nation kennt Taten und Personen, deren sich die besten Volksgenossen ungern erinnern. Ich will nicht Vorwürfe mit Vorwürfen erwidern, aber wenn man gerade von uns Buße verlangt, so darf man den Waffenstillstand nicht vergessen. Sechs Wochen dauerte es, bis wir ihn erhielten, sechs Monate, bis wir Ihre Friedensbedingungen erfuhren. Verbrechen im Kriege mögen nicht zu entschuldigen sein, aber sie geschehen im Ringen um den Sieg, in der Sorge um das nationale Dasein, in einer Leidenschaft, die das Gewissen der Völker stumpf macht. Die Hunderttausende von Nichtkämpfern, die seit dem 11. November an der Blockade zugrunde gingen, wurden mit kalter Überlegung getötet, nachdem für unsere Gegner der Sieg errungen und verbürgt war. Daran denken Sie, wenn Sie von Schuld und Sühne sprechen.

Das Maß der Schuld aller Beteiligten kann nur eine unparteiische Untersuchung feststellen, eine neutrale Kommission, vor der alle Hauptpersonen der Tragödie zu Worte kommen, der alle Archive geöffnet werden. Wir haben eine solche Untersuchung gefordert, und wir wiederholen die Forderung.

Bei dieser Konferenz, wo wir allein, ohne Bundesgenossen, der großen Zahl unserer Gegner gegenüberstehen, sind wir nicht schutzlos. Sie selbst haben uns einen Bundesgenossen zugeführt. das Recht, das uns durch den Vertrag über die Friedensgrundsätze gewährleistet ist. Die Alliierten und Assoziierten Regierungen haben in der Zeit zwischen dem 5. Oktober und dem 5. November 1918 auf den Machtfrieden verzichtet und den Frieden der Gerechtigkeit auf ihr Panier geschrieben. Am 5. Oktober 1918 hat die Deutsche Regierung die Grundsätze des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika als Friedensbasis vorgeschlagen, am 5. November hat ihr der Staatssekretär Lansing erklärt, daß die Alliierten und Assoziierten Mächte mit dieser Basis unter zwei bestimmten Abweichungen einverstanden seien, die Grundsätze des Präsidenten Wilson sind also für beide Kriegsparteien, für Sie wie für uns, und auch für unsere früheren Bundesgenossen bindend geworden.

Die einzelnen Grundsätze fordern von uns schwere nationale und wirtschaftliche Opfer. Aber die heiligen Grundrechte aller Völker sind durch diesen Vertrag geschätzt. Das Gewissen der Welt steht hinter ihm; keine Nation wird ihn ungestraft verletzen dürfen.

Sie werden uns bereit finden, auf dieser Grundlage den Vorfrieden, den Sie uns vorlegen, mit der festen Absicht zu prüfen, in gemeinsamer, Arbeit mit Ihnen Zerstörtes wieder aufzubauen, geschehenes Unrecht, in erster Linie das Unrecht an Belgien, wieder gutzumachen, und der Menschheit neue Ziele politischen und sozialen Fortschritts zu zeigen. Bei der verwirrenden Fülle von Problemen, die der gemeinsame Zweck aufwirft, sollten wir möglichst bald die einzelnen Hauptaufgaben durch besondere Kommissionen von Sachverständigen auf der Grundlage des von Ihnen vorgelegten Entwurfs erörtern lassen. Dabei wird es unsere Hauptaufgabe sein, die verwüstete Menschenkraft der beteiligten Völker durch einen internationalen Schutz von Leben, Gesundheit und Freiheit der arbeitenden Klassen wieder aufzurichten.

Als nächstes Ziel betrachte ich den Wiederaufbau der von uns besetzt gewesenen und durch den Krieg zerstörten Gebiete Belgiens und Nordfrankreichs. Die Verpflichtung hierzu haben wir feierlichst übernommen, und wir sind entschlossen, sie in dem Umfang auszufahren, der zwischen uns vereinbart ist. Dabei sind wir auf die Mitwirkung unserer bisherigen Gegner angewiesen. Wir können das Werk nicht ohne die technische und finanzielle Beteiligung der Sieger vollenden; Sie können es nur mit uns durchfuhren. Das verarmte Europa muß wünschen, daß der Wiederaufbau mit so großem Erfolg und so wenig Aufwand wie möglich durchgeführt wird. Der Wunsch kann nur durch eine klare geschäftliche Verständigung über die besten Methoden erfüllt werden. Die schlechteste Methode wäre, die Arbeit weiter durch deutsche Kriegsgefangene besorgen zu lassen. Gewiß, diese Arbeit ist billig. Aber sie käme der Welt teuer zu stehen, wenn Haß und Verzweiflung das deutsche Volk darüber ergreifen würde, daß seine gefangenen Söhne, Brüder und Väter über den Vorfrieden hinaus in der bisherigen Fron weiter schmachteten. Ohne eine sofortige Lösung dieser allzu lange verschleppten Frage können wir nicht zu einem dauernden Frieden gelangen.

Unsere beiderseitigen Sachverständigen werden zu prüfen haben, wie das deutsche Volk seiner finanziellen Entschädigungspflicht Genüge leisten kann, ohne unter der schweren Last zusammenzubrechen. Ein Zusammenbruch würde die Ersatzberechtigten um die Vorteile bringen, auf die sie Anspruch haben, und eine unheilbare Verwirrung des ganzen europäischen Wirtschaftslebens nach sich ziehen. Gegen diese drohende Gefahr mit ihren unabsehbaren Folgen müssen Sieger wie Besiegte auf der Hut sein. Es gibt nur ein Mittel, um sie zu bannen: das rückhaltlose Bekenntnis zu der wirtschaftlichen und sozialen Solidarität der Völker zu einem freien und umfassenden Völkerbund.

Meine Herren! Der erhabene Gedanke, aus dem furchtbarsten Unheil der Weltgeschichte durch den Völkerbund den größten Fortschritt der Menschheitsentwicklung herzuleiten, ist ausgesprochen und wird sich durchsetzen; nur wenn sich die Tore zum Völkerbund allen Nationen öffnen, die guten Willens sind, wird das Ziel erreicht werden, nur dann sind die Toten dieses Krieges nicht umsonst gestorben.

Das deutsche Volk ist innerlich bereit, sich mit seinem schweren Los abzufinden, wenn an den vereinbarten Grundlagen des Friedens nicht gerüttelt wird. Ein Frieden, der nicht im Namen des Rechts von der Welt verteidigt werden kann, würde immer neue Widerstände gegen sich aufrufen. Niemand wäre in der Lage, ihn mit gutem Gewissen zu unterzeichnen, denn er wäre unerfüllbar. Niemand könnte für seine Ausführung die Gewähr, die in der Unterschrift liegen soll, übernehmen.

Wir werden das uns übergebene Dokument mit gutem Willen und in der Hoffnung prüfen, daß das Endergebnis unserer Zusammenkunft von uns allen gezeichnet werden kann.

QUELLE: Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau: Dokumente; Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte m. b. H., Berlin 1920

ZEITDOKUMENT

MANTELNOTE

ZUR ANTWORT DER ALLIIERTEN UND ASSOZIIERTEN MÄCHTE AN DEN PRÄSIDENTEN DER DEUTSCHEN DELEGATION

Friedenskonferenz

Der Präsident

An Seine Exzellenz

den Herrn Grafen Brockdorff-Rantzau,

Präsident der Deutschen Delegation,

Herr Präsident!

Die Alliierten und Assoziierten Mächte haben den von der Deutschen Delegation über die Friedensbedingungen vorgebrachten Bemerkungen die ernsthafteste Erwägung zuteil werden lassen.

Die deutsche Antwort protestiert gegen den Frieden, zunächst als in Widerspruch mit den Bedingungen stehend, welche dem Waffenstillstand vom 11. November zur Grundlage gedient haben, sodann, da es ein Gewalts- und nicht ein Rechtsfrieden sei. Der Protest der Deutschen Delegation beweist, daß diese die Lage, in der sich Deutschland heute befindet, gänzlich verkennt. Die Deutsche Delegation scheint zu denken, Deutschland habe nur »Opfer zu bringen, um zum Frieden zu gelangen«, als ob dieser Friede einzig und allein nur der Abschluß eines Kampfes um territorialen oder Machtgewinn wäre.

I.

Infolgedessen halten es die Alliierten und Assoziierten Mächte für erforderlich, ihre Antwort mit einer scharf umrissenen Darlegung ihres Urteils über den Krieg zu beginnen, ein Urteil, welches tatsächlich und letzten Endes dasjenige der Gesamtheit der zivilisierten Welt ist. Nach der Anschauung der Alliierten und Assoziierten Mächte ist der Krieg, der am 1. August 1914 zum Ausbruch gekommen ist, das größte Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Freiheit der Völker gewesen, welches eine sich für zivilisiert ausgebende Nation jemals mit Bewußtsein begangen hat. Während langer Jahre haben die Regierenden Deutschlands, getreu der preußischen Tradition, die Vorherrschaft in Europa angestrebt. Sie haben sich nicht mit dem wachsenden Gedeihen und Einfluß begnügt, nach welchen zu streben Deutschland berechtigt war, und welche alle übrigen Nationen bereit waren, ihm in der Gesellschaft der freien und gleichen Völker zuzugestehen. Sie haben getrachtet, sich dazu fähig zu machen, ein unterjochtes Europa zu beherrschen und zu tyrannisieren, so wie sie ein unterjochtes Deutschland beherrschten und tyrannisierten.

Um ihr Ziel zu erreichen, haben sie durch alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel ihren Untertanen die Lehre eingeschärft, in internationalen Angelegenheiten sei Gewalt Recht. Niemals haben sie davon abgelassen, die Rüstungen Deutschlands zu Wasser und zu Lande auszudehnen und die lügnerische Behauptung zu verbreiten, eine solche Politik sei nötig, weil Deutschlands Nachbarn auf sein Gedeihen und seine Macht eifersüchtig seien. Sie sind bestrebt gewesen, zwischen den Nationen an Stelle der Freundschaft Feindschaft und Argwohn zu säen. Sie haben ein System der Spionage und der Intrigen entwickelt, welches ihnen gestattet hat, auf dem Gebiete ihrer Nachbarn Unruhen und innere Revolten zu erregen und sogar geheime Offensivvorbereitungen zu treffen, um sie im gegebenen Augenblick mit größerer Sicherheit und Leichtigkeit zerschmettern zu können. Sie haben durch Gewaltsandrohungen Europa in einem Zustande der Gärung erhalten, und als sie festgestellt hatten, daß ihre Nachbarn entschlossen waren, ihren anmaßenden Plänen Widerstand zu leisten, da haben sie beschlossen, ihre Vorherrschaft mit Gewalt zu begründen.

Sobald ihre Vorbereitungen vollendet waren, haben sie einen in Abhängigkeit gehaltenen Bundesgenossen dazu ermuntert, Serbien innerhalb achtundvierzig Stunden den Krieg zu erklären. Von diesem Kriege, dessen Spieleinsatz die Kontrolle über den Balkan war, wußten sie recht wohl, er könne nicht lokalisiert werden und würde den allgemeinen Krieg entfesseln. Um diesen allgemeinen Krieg doppelt sicher zu machen, haben sie sich jedem Versuche der Versöhnung und der Beratung entzogen, bis es zu spät war; und der Weltkrieg ist unvermeidlich geworden, jener Weltkrieg, den sie angezettelt hatten, und für den Deutschland allein unter den Nationen vollständig ausgerüstet und vorbereitet war.

Indessen beschränkt sich die Verantwortlichkeit Deutschlands nicht auf die Tatsache, den Krieg gewollt und entfesselt zu haben. Deutschland ist in gleicher Weise für die rohe und unmenschliche Art, auf die er geführt worden ist, verantwortlich.

Obwohl Deutschland selber einer der Bürgen Belgiens war, haben seine Regierenden die Neutralität dieses durch und durch friedlichen Volkes, nachdem sie ihre Respektierung feierlich versprochen hatten, verletzt. Damit nicht zufrieden, sind sie mit kühler Überlegung zu einer Reihe von Hinrichtungen und Brandstiftungen geschritten, mit der einzigen Absicht, die Bevölkerung zu terrorisieren und sie eben durch die Schrecklichkeit ihrer Handlungen zu bändigen.

Die Deutschen sind es, welche als erste die giftigen Gase benutzt haben, trotz der fürchterlichen Leiden, die sich daraus ergeben mußten. Sie sind es, welche mit den Bombardements durch Flieger und der Beschießung von Städten auf weite Entfernung ohne militärische Gründe den Anfang gemacht haben, mit dem alleinigen Ziel vor Augen, die seelische Widerstandskraft ihrer Gegner, dadurch daß sie die Frauen und Kinder trafen, zu vermindern. Sie sind es, die den Unterseebootkrieg begonnen haben, eine Herausforderung von Seeräubern an das Völkerrecht, indem sie so eine große Anzahl von unschuldigen Passagieren und Seeleuten mitten auf dem Ozean, weit entfernt von jeder Hilfsmöglichkeit, auf Gnade und Barmherzigkeit den Winden und den Wogen und, was noch schlimmer ist, den Besatzungen ihrer Unterseeboote ausgeliefert, dem Tode überantworteten. Sie sind es, die mit brutaler Roheit Tausende von Männern und Frauen und Kindern nach fremden Ländern in die Sklaverei verschleppt haben. Sie sind es, die sich hinsichtlich der Kriegsgefangenen, welche sie gemachte hatten, eine barbarische Behandlung erlaubt haben, vor welcher die Völker unterster Kulturstufe, zurückgeschreckt wären.

Das Verhalten Deutschlands ist in der Geschichte der Menschheit fast beispiellos. Die schreckliche Verantwortlichkeit, die auf ihm lastet, läßt sich in der Tatsache zusammenfassend zum Ausdruck bringen, daß wenigstens sieben Millionen Tote in Europa begraben liegen, während mehr als zwanzig Millionen Lebender durch ihre Wunden und ihre Leiden von der Tatsache Zeugnis ablegen, daß Deutschland durch den Krieg seine Leidenschaft für die Tyrannei hat befriedigen wollen.

Die Alliierten und Assoziierten Mächte halten dafür, daß sie denen, die ihr alles dahingegeben haben, um die Freiheit der Welt zu retten, nicht gerecht werden würden, in diesem Kriege kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen das Recht zu erblicken.

[…]

II.

Die Alliierten und Assoziierten Mächte glauben demnach, daß der Friede, den sie vorgeschlagen haben, seinem Grundwesen nach ein Rechtsfriede ist. Sie sind nicht weniger gewiß, daß es ein Friede des Rechtes ist, in Gemäßheit der im Augenblick des Waffenstillstandes anerkannten Grundsätze. Man kann wohl nicht an der Absicht der Alliierten und Assoziierten Mächte zweifeln, zur Grundlage der europäischen Ordnung das Prinzip zu machen, die unterdrückten Völker zu befreien und die nationalen Grenzen soweit wie möglich gemäß dem Willen der in Frage kommenden Völker neu zu ziehen, indem sie zu gleicher Zeit jedem Volke alle Erleichterungen zuteil werden lassen, um in völkischer und wirtschaftlicher Beziehung ein unabhängiges Leben zu führen. Diese Absicht ist nicht nur in der Rede des Präsidenten Wilson im Kongreß vom 8. Januar 1918 kundgetan worden, sondern in den »Grundsätzen der Regelung, die in den folgenden Reden zur Kenntnis gebracht worden sind«, und welche die angenommene Grundlage des Friedens waren. Eine Denkschrift über diese Frage ist der vorliegenden Note in der Anlage beigefügt.

In Anwendung dieser Grundsätze haben die Alliierten und Assoziierten Mächte Bestimmungen getroffen, um Polen als unabhängigen Staat wiederherzustellen, mit »einem freien und sicheren Zugang zum Meere«. Alle die »von unzweifelhaft polnischen Bevölkerungen bewohnten Gebiete« sind Polen zuerkannt worden. Alle von einer deutschen Mehrheit bewohnten Gebiete sind, abgesehen von einigen vereinzelten Städten und von auf vor kurzem gewaltsam enteigneten Landgütern gegründeten und inmitten unzweifelhaft polnischer Landstriche belegenen Ansiedlungen, Deutschland belassen worden. Überall, wo der Wille des Volkes zweifelhaft ist, ist eine Volksabstimmung vorgesehen worden. Die Stadt Danzig soll die Verfassung einer Freistadt erhalten; ihre Einwohner sollen autonom sein; sie sollen nicht unter die Herrschaft Polens kommen und werden keinen Teil des polnischen Staates bilden. Polen soll gewisse wirtschaftliche Rechte in Danzig bekommen; die Stadt selber ist von Deutschland abgetrennt worden, weil es kein anderes mögliches Mittel gab, ihr jenen »freien und sicheren Zugang zum Meere« zu verschaffen, welchen Deutschland abzutreten versprochen hatte.

Die deutschen Gegenvorschläge stehen im vollständigen Widerspruch zu der vereinbarten Grundlage des Friedens. Sie zielen darauf ab, große Majoritäten unstreitbar polnischer Bevölkerung unter deutscher Herrschaft zu halten.

Um die Landverbindung zwischen Ost- und Westpreußen aufrechtzuerhalten, deren Handel stets in der Hauptsache durch Küstenschiffahrt befördert worden ist, soll einer Nation von über zwanzig Millionen Menschen, die bis an die Küste heran in der Bevölkerung die Majorität bilden, der sichere Zugang zur See verweigert werden. Diese Vorschläge können daher von den Alliierten und Assoziierten Mächten nicht angenommen werden. Gleichzeitig hat jedoch die deutsche Note in gewissen Fällen die Berechtigung einer Abänderung dargetan, welche erfolgen soll; und mit Rücksicht auf die Behauptung, daß Oberschlesien, obgleich die Bevölkerung im Verhältnis von 2 zu 1 überwiegend polnisch ist (1.250.000 gegen 650.000 nach der deutschen Volkszählung von 1910), bei Deutschland zu verbleiben wünscht, sind die Alliierten und Assoziierten Mächte damit einverstanden, daß die Frage, ob Oberschlesien zu Deutschland oder zu Polen gehören soll, durch Abstimmung der Bevölkerung selber entschieden wird.

Das von den Alliierten und Assoziierten Mächten für das Saarbecken vorgeschlagene Regime soll 15 Jahre dauern. Die Mächte haben diese Regelung für erforderlich gehalten, sowohl mit Rücksicht auf den allgemeinen Plan der Wiedergutmachung als auch, um Frankreich sofortige und gewisse Entschädigung für die willkürliche Zerstörung seiner im Norden belegenen Kohlenminen zu sichern. Das Gebiet ist nicht unter französische Oberhoheit gestellt, sondern unter die Kontrolle des Völkerbundes. Diese Regelungsweise hat den zwiefachen Vorteil, daß hierdurch keine Annexion vollzogen wird, während sie gleichzeitig den Besitz der Kohlenfelder an Frankreich überträgt und die wirtschaftliche Einheit des Gebietes aufrechterhält, welche für die Interessen der Einwohner von solcher Wichtigkeit ist. Nach Ablauf der 15 Jahre wird die gemischte Bevölkerung, welche in der Zwischenzeit ihre eigenen örtlichen Angelegenheiten unter der regierenden Aufsicht des Völkerbundes geregelt haben wird, volle Freiheit haben, um darüber zu entscheiden, ob die Vereinigung mit Deutschland oder die Vereinigung mit Frankreich oder die Fortsetzung des durch den Vertrag begründeten Regimes vorzieht.

Was die Gebiete anbelangt, deren Übertragung von Deutschland an Dänemark und Belgien vorgeschlagen worden ist, so sind einige von diesen von Preußen gewaltsam angeeignet worden, in jedem Falle aber wird eine Übertragung nur stattfinden auf Grund der Entscheidung der Bevölkerung, die unter Bedingungen gefällt werden soll, welche die volle Wahlfreiheit sichern.

Endlich haben die Alliierten und Assoziierten Mächte sich davon überzeugen können, daß die angeborenen Bevölkerungen der deutschen Kolonien starken Widerspruch dagegen erheben, daß sie wieder unter Deutschlands Oberherrschaft gestellt werden, und die Geschichte dieser deutschen Oberherrschaft, die Traditionen der Deutschen Regierung und die Art und Weise, in welcher diese Kolonien verwandt wurden als Ausgangspunkte für Raubzüge auf den Handel der Erde, machen es den Alliierten und Assoziierten Mächten unmöglich, Deutschland die Kolonien zurückzugeben oder dem Deutschen Reiche die Verantwortung für die Ausbildung und Erziehung der Bevölkerung anzuvertrauen.

Aus diesen Gründen sind die Alliierten und Assoziierten Mächte davon überzeugt, daß ihre territorialen Vorschläge sowohl mit der vereinbarten Grundlage des Friedens, als auch mit den notwendigen Voraussetzungen für den künftigen Frieden Europas in Einklang stehen. Sie sind daher nicht geneigt, sie über das angegebene Maß hinaus abzuändern.

QUELLE: Deutsche Liga für Völkerbund (Hg.): Das Ultimatum der Entente. Vollständiger Text der Mantelnote und der Antwort auf die deutschen Gegenvorschläge. Amtlicher Wortlaut, Verlag Hans Robert Engelmann, Berlin 1919

HANS FALLADA (1893 – 1947)


Hans Fallada wird als Rudolf Ditzen am 21. Juli 1893 als Sohn des Landgerichtsrates Wilhelm Ditzen und seiner Frau Elisabeth geb. Lorenz in Greifswald geboren. Nach schwierigen Jugendjahren, in denen die Eltern ihn zu verschiedenen Ausbildungsstätten bringen, und einem als Duell getarnten Selbstmordversuch kommt er 1911 in psychiatrische Behandlung. Er wird drogenabhängig und als Kriegsfreiwilliger wegen Untauglichkeit ausgemustert.

1920 veröffentlicht er unter dem Pseudonym Hans Fallada seinen ersten Roman »Der junge Goedeschal«. Wegen Unterschlagung und Betrug verbüßt er Haftstrafen. 1929 heiratet er Anna Issel. Der 1932 veröffentlichte Roman »Kleiner Mann – was nun?« macht ihn schlagartig berühmt. Er kann das Gut Carwitz in Mecklenburg kaufen (heute Museum), wo er weiter schriftstellerisch tätig ist. Es folgen unruhige, durch Wohnwechsel und Drogenabhängigkeit gekennzeichnete Jahre, in denen er mehrere anerkannte Werke veröffentlicht, die häufig seine Lebenserfahrungen widerspiegeln.

Seine Sucht bringt ihn immer wieder in Grenzsituationen. 1946 wird er in die Berliner Charité eingewiesen, wo er kurz vor seinem Tod den ebenfalls stark von autobiographischen Zügen geprägten Roman »Jeder stirbt für sich allein« verfasst.

HANS FALLADA

KLEINER MANN – WAS NUN?

EIN ETAT IST AUFGESTELLT, UND DAS FLEISCH WIRD KNAPP. PINNEBERG FINDET SEIN LÄMMCHEN KOMISCH

Lämmchen sitzt an einem späten, dunklen Nachmittag in ihrer Wohnung, hat ein Heft vor sich und lose Blätter, Federhalter, Bleistift, ein Lineal. Sie schreibt und addiert, dann streicht sie etwas weg, und dann setzt sie wieder etwas dazu. Dabei seufzt sie, schüttelt den Kopf, seufzt wieder, denkt: Es ist ja wohl nicht möglich, und rechnet weiter.

Das Zimmer ist wirklich gemütlich mit der tiefen Balkendecke und den rotbraunen warmen Mahagonimöbeln. Es ist ganz und gar kein modernes Zimmer, es tut dem Zimmer gar nichts, daß ein mit schwarzen und weißen Perlen gestickter Spruch an der Wand hängt, »Sei getreu bis in den Tod«. Das gehört alles dazu. Und auch Lämmchen gehört dazu im weiten, blauen Kleid mit der kleinen Maschinenspitze um den Hals, mit dem sanften Gesicht und der graden Nase. Es ist angenehm warm im Zimmer, der nasse Novemberwind faucht manchmal gegen die Scheiben an, das macht alles noch heimeliger.

Lämmchen ist mit ihrer Schreiberei fertig, sie liest sie noch einmal durch. Und so sieht aus, was sie schrieb, mit vielen Unterstreichungen, kleinen und großen Buchstaben:

Normal-Etat

von Johannes und Lämmchen Pinneberg

pro Monat

Anmerkung: Darf unter keinen Umständen überschritten werden!!!!

A.Einnahmen:

Gehalt pro Monat brutto……………… 200,– RM

B.Ausgaben:

a. Lebensmittel:

Butter und Margarine…… 10,–

Eier………………… 4,–

Gemüse……………… 8,–

Fleisch……………… 12,–

Wurst und Käse………… 5,–

Brot………………… 10,–

Kolonialwaren………… 5,–

Fische………………… 3,–

Obst………………… 5,– 62,–

b. Sonstiges:

Versicherungen und Steuern… 31,75

DAG-Beitrag…………… 5,10

Miete………………… 40,–

Fahrgeld……………… 9,–

Elektrisches Licht……… 3,–

Feuerung……………… 5,–

Kleidung und Wäsche…… 10,–

Schuhwerk…………… 4,–

Waschen, Rollen und Plätten … 3,–

Reinigungsmittel………… 5,–

Zigaretten……………… 3,–

Ausgänge……………… 3,–

Blumen……………… 1,15

Neuanschaffungen……… 8,–

Unvorhergesehenes……… 3,– 134,–

Gesamtausgaben……………………… 196,– RM

Bleibt Bestand………………………… 4,– RM

Die Unterzeichneten verpflichten sich, unter keinen Umständen und unter keinem Vorwande Geld zu anderen als den vorgesehenen Zwecken und nicht über den Etat hinaus der Kasse zu entnehmen.

Berlin, am 30. November.

Lämmchen zögert noch einen Augenblick, sie denkt: Der Junge wird Augen machen, dann nimmt sie die Feder und setzt ihren Namen darunter. Sie packt alles fein säuberlich zusammen und legt es in ein Fach des Sekretärs. Aus seinem Mittelfach nimmt sie eine weitbauchige, blaue Vase und schüttet sie auf den Tisch aus. Ein paar Scheine fallen heraus, ein bißchen Silber, ein paar Messinggroschen. Sie zählt alles nach, es sind und bleiben hundert Mark. Sie seufzt leicht, dann legt sie das Geld in ein anderes Fach und stellt die entleerte Vase an ihren Platz zurück.

Nun geht sie zur Tür, knipst das elektrische Licht aus und setzt sich gemütlich auf den großen Strohstuhl am Fenster, die Hände auf dem Leib, die Beine schön weit auseinander. Durch das Marienglasfenster des Ofens fällt ein rötlicher Schein auf die Decke und tanzt dort leise hin und her, bleibt plötzlich stehen und zittert dann lange, bis er wieder zu tanzen beginnt. Es ist schön, bei sich zu Haus zu sitzen, allein im Dunkeln, man wartet auf den Mann, und vielleicht rührt sich das Kind im Leibe. Man ist so groß und weit, man fließt über und wird immer weiter … An die See muß man auch denken. Die hob sich auch so und senkte sich und ging immer weiter, man wußte eigentlich auch da nicht, wozu, aber gut war es, daß es so war …

Lämmchen schläft längst, schläft mit halbgeöffnetem Mund, den Kopf auf einer Schulter, einen leichten, schnellen, fröhlichen Schlaf, der sie hebt und wiegt in seinem Arm.

Und ist sofort ganz wach und ganz bei der Sache, als der Junge das Licht anmacht und fragt: »Na, wie geht’s? Im Dunkeln, Lämmchen? Hat der Murkel sich gemeldet?«

»Nein. Heute noch nicht. Übrigens Tag, Mann.«

»Übrigens Tag, Frau.«

Und sie geben sich einen Kuß.

Er deckt den Tisch, und sie richtet das Essen an. Etwas zögernd sagt sie: »Es gibt heute Schellfisch mit Senfsoße. Es war so schön billig.«

»Recht«, sagt er. »Mal esse ich ganz gerne Fisch.«

»Du bist guter Laune«, sagt sie. »Ging’s gut? Wie ist es mit dem Weihnachtsgeschäft?«

»Gott, es fängt so ein bißchen an. Die Leute trauen sich noch nicht recht.«

»Hast du gut verkauft?«

»Ja, ich hab heute Dusel gehabt. Ich hab heute für über fünfhundert Mark verkauft.«

»Du bist sicher der beste Verkäufer, den die haben.«

»Nee, Lämmchen, Heilbutt ist besser. Und Wendt ist mindestens ebenso gut. Aber – es kommt wieder was Neues.«

»Was denn? Gutes doch sicher nicht.«

»Bei uns ist jetzt ein Organisator eingestellt. Der soll den ganzen Betrieb durchorganisieren, Sparmaßnahmen und so.« »An euern Gehältern ist doch nichts mehr zu sparen.« »Kann man’s wissen, was die denken? Er wird schon was finden. Lasch hat gehört, er kriegt dreitausend Mark Gehalt monatlich.«

»Wie?« fragt Lämmchen. »Dreitausend Mark, und das nennt Mandel sparen?«

»Ja, die muß er eben wieder rausholen, der wird schon was finden.«

»Aber wie denn?«

»Die reden davon, daß nun auch bei uns jeder Verkäufer gesetzt kriegen soll, soundso viel mußt du verkaufen, und wenn du das nicht schaffst, fliegst du.«

»Gemein finde ich das! Wenn die Kunden nun nicht kommen und wenn sie kein Geld haben und wenn ihnen eure Ware nicht gefällt? So was dürfte gar nicht erlaubt sein.«

»So was ist grade erlaubt«, sagt Pinneberg. »Da sind sie alle verrückt drauf. Das nennen sie vernünftig und sparsam, dadurch finden sie, wer nichts taugt. Ist ja alles Mist. Der Lasch zum Beispiel, der ist ein bißchen ängstlich. Der sagt heute schon, wenn die das so machen, daß sie ihm seinen Verkaufsblock nachrechnen, und daß er immer Angst haben muß, ob er es auch schafft – dann verkauft er vor lauter Angst schon gar nichts.«

»Und das ist ja auch ganz egal«, sagt Lämmchen flammend, »wenn er auch wirklich nicht so viel verkauft und wenn er auch wirklich nicht so tüchtig ist, was sind denn das für welche, daß sie einen Menschen deswegen aus allem Verdienst und aller Arbeit und aller Lebensfreude herausschmeißen?! Sollen die Schwächeren denn gar nichts mehr sein? Einen Menschen danach bewerten, wieviel Hosen er verkaufen kann!«

»Na ja«, sagt Pinneberg, »du gehst ja mächtig los, Lämmchen … «

»Tu ich auch, rasend wütend kann mich so was machen.«

»Aber die sagen natürlich, daß sie einen Menschen nicht dafür bezahlen, daß er nett ist, sondern daß er eben viel Hosen verkauft.«

»Das ist ja gar nicht wahr«, sagt Lämmchen. »Das ist nicht wahr, Junge. Sie wollen ja doch, daß sie anständige Menschen haben. Aber was sie jetzt machen, mit den Arbeitern schon lange und mit uns nun auch, da ziehen sie lauter Raubtiere hoch, und da werden sie was erleben, Junge, sage ich dir!«

»Natürlich werden sie was erleben«, sagt Pinneberg. »Die meisten bei uns sind ja auch schon Nazis.«

»Danke!« sagt Lämmchen. »Ich weiß, was wir wählen.«

»Na – und was? Kommunisten?«

»Natürlich.«

»Das wollen wir uns noch mal überlegen«, sagt Pinneberg.

»Ich möchte ja auch immer, aber dann bringe ich es doch nicht fertig. Vorläufig haben wir ja noch eine Stellung, da ist es ja noch nicht nötig.«

Lämmchen betrachtet ihren Mann nachdenklich. »Na schön, Junge«, sagt sie, »bis zur nächsten Wahl sprechen wir uns noch.«

Und damit stehen beide von ihrem Schellfisch auf, und Lämmchen wäscht rasch ab, und der Junge trocknet ab.

»Bist du auch bei Puttbreese gewesen?« fragt Lämmchen plötzlich. »Wegen der Miete?«

»Erledigt«, sagt er. »Ist alles bezahlt.«

»Dann leg das andere Geld nur gleich weg.«

»Schön«, sagt er und öffnet den Sekretär, nimmt die blaue Vase, greift in die Tasche, nimmt das Geld aus dem Portemonnaie, sieht in die blaue Vase und sagt verblüfft: »Da ist ja gar kein Geld mehr drin.«

»Nein«, sagt Lämmchen fest und sieht ihren Mann an.

»Aber wieso?« fragt er erstaunt. »Es muß doch noch Geld da sein! Unser Geld kann doch noch nicht alle sein.«

»Doch«, sagt Lämmchen. »Unser Geld ist alle. Unsere Ersparnisse sind alle, und was wir von der Reichsversicherung bekommen haben, das ist auch alle. Alles zugebuttert. Von jetzt an müssen wir mit deinem Gehalt auskommen!«

Er wird immer verwirrter. Es kann doch nicht sein, daß Lämmchen, sein Lämmchen ihn beschummelt. »Aber ich habe doch gestern oder vorgestern noch Geld im Topf gesehen. Bestimmt war da noch ein Fünfzigmarkschein drin und eine Menge kleine Scheine.«

»Hundert waren’s noch«, erklärt Lämmchen.

»Und wo sind die hin?« fragt er.

»Weg«, sagt sie.

»Aber … «, plötzlich wird er ärgerlich. »Zum Donnerwetter! Was hast du dafür gekauft? Sag es endlich!«

»Nichts«, antwortet sie. Und als er ganz wütend werden will: »Aber kapierst du denn nicht, Junge, ich hab sie weggelegt, verwahrt, die existieren nicht mehr für uns. Wir müssen jetzt mit deinem Gehalt auskommen.«

»Aber warum denn weggelegt? Wenn wir sagen, wir wollen nichts davon verbrauchen, bringen wir’s auch so fertig.«

»Nein, das tun wir eben nicht.«

»Das sagst du.«

»Höre mal, Junge, wir haben doch immer mit unserm Gehalt auskommen wollen, wir haben sogar noch was davon sparen wollen, und wo sind unsere Ersparnisse? Sogar alle Extraeinnahmen sind weg.«

»Aber wieso eigentlich?« fängt er an zu grübeln. »Wir haben doch wirklich nicht üppig gelebt.«

»Ja«, sagt sie. »Erst mal ist unsere Verlobungszeit gewesen, da sind wir immerzu hin und her gefahren, und ausgegangen sind wir auch viel.«

»Und das Aas, der Sesam, mit seinen fünfzehn Mark, dasvergesse ich dem Bruder nie.«

»Und die Hochzeit«, sagt sie, »hat auch Geld gekostet.«

»Und die ersten Anschaffungen. Die Töpfe und die Bestecke und Besen und Bettwäsche und mein Bett.«

»Und Ausflüge haben wir auch ’ne Menge gemacht.«

»Und der Umzug nach Berlin.« »Ja, und dann … «, sie bricht ab.

Aber er vollendet mutig: » … die Frisiertoilette.«

»Und die Ausstattung für den Murkel.«

»Und die Krippe haben wir auch schon gekauft.«

»Und hundert Mark haben wir immer noch«, vollendet sie strahlend.

»Na also«, sagt er, ebenfalls sehr zufrieden. »Da haben wir doch eine ganze Menge geschafft. Da brauchst du doch nicht zu meckern.«

»Schön«, sagt sie und ändert den Ton. »Geschafft haben wir alles mögliche, aber eigentlich hätte das meiste auch ohne die Reserven gehen müssen. Sieh mal, Junge, es war ja sehr anständig von dir, daß du mir kein Haushaltsgeld ausgesetzt hast und daß ich immer nur in den blauen Topf zu fassen brauchte. Aber leichtsinnig hat es mich doch gemacht, ich hab manchmal reingelangt, wenn es nicht ganz notwendig gewesen wäre, und vorigen Monat die Kalbsschnitzel und die Flasche Mosel zum Einzug hier, die wären zum Beispiel nicht nötig gewesen … «

»Der Mosel hat eine Mark gekostet. Wenn wir gar keine Freude mehr haben sollen … «

»Wir müssen aber sehen, daß wir mehr die kostenlosen Freuden benutzen.«

»Gibt’s ja gar nicht«, sagt er. »Alles, was einen freut, kostet Geld. Wenn du bloß ein bißchen ins Grüne willst, her mit dem Geld! Wenn du ein bißchen Musik hören willst, Geld her! Alles kostet Geld, gibt es gar nicht, ohne Geld.«

»Ich habe so gedacht, Museen … «, sie bricht rasch ab.

»Ich weiß ja, man kann nicht immer in Museen gehen, und wir verstehen ja auch nichts davon. Das Richtige, was man sich ansehen müßte, finden wir nie. – Aber jedenfalls müssen wir jetzt auskommen, und da habe ich mir mal so aufgeschrieben, was wir alles brauchen im Monat. Darf ich es dir mal zeigen?«

»Na, zeig schon.«

»Und du bist wirklich nicht böse?«

»Wie soll ich dir denn böse sein, wahrscheinlich hast du recht. Ich kann nicht mit Geld umgehen.«

»Ich auch nicht«, sagt sie. »Wir müssen es eben lernen.«

Und dann zeigt sie ihm ihre Zettel. Seine Stirn erheitert sich, als er zu lesen anfängt: »Normal-Etat ist sehr gut, Lämmchen. Normal-Etat wird unter allen Umständen eingehalten. Schwör ich.«

»Schwör nicht zu früh«, warnt sie.

Erst geht das Lesen ziemlich rasch. »Mit den Lebensmitteln«, sagt er, »da kann man ja wohl nichts sagen. Hast du es ausprobiert?«

»Ja, ich habe angeschrieben, die ganze letzte Zeit.«

»Fleisch«, sagt er. »Zwölf Mark, kommt mir schrecklich viel vor.«

»Jungchen«, sagt sie, »das sind auf den Tag nur vierzig Pfennig Fleisch für uns beide zusammen, und das ist eine ganze Ecke weniger, als du in der letzten Zeit bekommen hast. Zweimal die Woche müssen wir jetzt mindestens fleischfrei essen.«

»Was denn?« fragt er besorgt.

»Alles mögliche. Saure Linsen. Und Makkaroni. Und Pflaumen und Graupen.«

»O Gott!« sagt er. Und als sie eine Bewegung macht: »Ich seh’s ja ein, Lämmchen. Nur sag mir nicht vorher, wenn du so was kochen willst, sonst freue ich mich gar nicht auf das

Nachhauskommen.«

Sie zieht einen kleinen nachdenklichen Flunsch, dann besinnt sie sich. »Schön«, sagt sie. »Ich will’s auch möglichst wenig tun. Nur – wenn es mal nicht so schmeckt, sei nicht gleich mies. Ich werd immer mies, wenn du mies bist, und was haben wir noch vom Leben, wenn wir nun auch noch beide mies sind?«

»Mies«, lockt er. »Komm her, meine Mies! Meine große Mies, meine schöne Mies, komm, schnurr ein bißchen, Mies!«

Sie duckt sich unter seiner Hand, ihr ist so wohlig zumute. Aber dann entzieht sie sich ihm. »Nein, jetzt nicht, Jungchen. Ich will, daß du alles ansiehst. Eher bin ich nicht ruhig. Und dann überhaupt … «

»Was heißt denn überhaupt?« fragt er erstaunt.

»Nein. Nichts. Es ist mir so rausgefahren. Später. Das hat noch Zeit.«

Aber dies beunruhigt ihn wirklich. »Was meinst du damit? Magst du nicht mehr?«

»Junge«, sagt sie. »Junge. Red doch keinen Unsinn. Nicht mögen … das weißt du doch!«

»Aber du hast doch eben so was gemeint?« beharrt er.

»Ich hab was ganz anderes gemeint«, verteidigt sie sich.

»In dem Buch«, und sie sieht nach dem Sekretär, »steht drin, daß man das in der letzten Zeit lieber nicht mehr soll. Daß das die Mutter auch nicht mehr mag und daß es für das Kind nicht gut ist. Aber«, sie pausiert, »vorläufig mag ich noch.«

»Wie lange soll denn das dauern?« fragt er mißtrauisch.

»Ach, ich weiß nicht. Sechs Wochen, acht Wochen.«

Er wirft einen vernichtenden Blick auf sie und nimmt vom Sekretär das Buch.

»Ach, laß doch!« ruft sie. »Das ist ja noch lange hin.«

Aber er hat die Stelle schon. »Ein Vierteljahr mindestens«, sagt er vernichtet.

»Na schön«, sagt sie. »Ich glaube, bei mir kommt das später wie bei den andern, mir ist wenigstens noch gar nicht so. Nun mach das dumme Buch zu.«

Doch er liest schon weiter, seine Augenbrauen sind ganz in die Höhe gezogen, seine Stirn ist vor Erstaunen völlig zerdrückt. »Und nachher geht’s ja noch immer weiter mit der Abstinenz«, sagt er verblüfft. »Noch mal acht Wochen während des Nährens. Also sagen wir zehn Wochen und acht Wochen, achtzehn Wochen – sag bloß, wozu sind wir verheiratet?«

Sie sieht ihn lächelnd an, sie sagt nichts. Und da fängt auch er an zu lächeln. »O Gott«, sagt er, »wie wird die Weltanders. Das hat man sich alles nie gedacht. Also das ist der Murkel, damit fängt es an.« Er grinst. »Ein freundliches Kind«, sagt er. »Stößt seinen Vater vom Fleischtrog fort.«

Sie lacht. »Vieles, vieles wirst du noch lernen.«

»Es ist nur gut, daß man es weiß.« Er sieht sie strahlend an. »Von jetzt an, Emma Pinneberg, wird Vorratswirtschaft getrieben.«

»Von mir aus«, sagt sie. »Aber nun lies deinen Etat zu Ende. Eher geht es mit der Vorratswirtschaft nicht los.«

»Richtig«, sagt er. »Was ist das? Reinigungsmittel?«

»Na so, Seife und Zahnpasta und deine Rasierklingen und Benzin. Haarschneiden ist auch dabei.«

»Haarschneiden, sehr gut, mein Mädchen. Kleidung und Wäsche zehn Mark, scheint nicht so, als ob wir bald zu neuen Kleidern kommen könnten.«

»Da sind ja auch noch die acht Mark von den Neuanschaffungen, aber Schuhe müssen auch mal sein; höchstens jedes zweite Jahr ein Anzug für dich, habe ich gedacht, und jedes dritte Jahr einen Wintermantel für einen von uns.«

»Üppig, üppig«, sagt er. »Drei Mark für Zigaretten finde ich sehr anständig von dir.«

»Tag drei Stück zu drei Pfennig«, sagt sie. »Du wirst manchmal japsen.«

»Wird schon gehen. Aber was ist das, drei Mark für Ausgänge im Monat? Wohin willst du denn für drei Mark ausgehen? Kino?«

»Vorläufig gar nicht«, sagt sie. »Ach, Junge, ich habe so gedacht. Ich möchte einmal in meinem Leben richtig, richtig ausgehen wie die reichen Leute. Gar nicht dabei aufs Geld sehen.«

»Für drei Mark?«

»Die legen wir jeden Monat beiseite. Und wenn ordentlich was beisammen ist, so zwanzig oder dreißig Mark, dann gehen wir einmal richtig aus.«

Er blickt sie prüfend an, er sieht ein bißchen traurig aus.

»Einmal in einem Jahr?« fragt er.

Aber diesmal merkt sie nichts. »Ja, meinethalben erst in einem Jahr. Je mehr zusammen ist, um so besser. Und dann hauen wir das Geld richtig auf den Kopf. Dann gehen wir richtig auf den Zwutsch.«

»Komisch«, sagt er. »Daran habe ich nie gedacht, daß dich so was freuen könnte.«

»Aber wieso denn komisch?« fragt sie. »Das ist doch selbstverständlich. Ich hab noch nie so was mitgemacht in meinem Leben. Du kennst natürlich alles aus deiner Junggesellenzeit.«

»Natürlich hast du recht«, sagt er langsam und schweigt. Plötzlich aber schlägt er wütend auf den Tisch. »O Gott verdammich!« schreit er.

»Aber was ist denn?« fragt sie. »Was ist denn los, Junge?«

»Ach nichts«, sagt er, schon wieder bloß mürrisch. »Manchmal möchte man nur platzen vor Wut, wie das alles eingerichtet ist in der Welt.«

»Die andern meinst du? Die laß man. Die haben ja doch nichts davon. Und nun unterschreib, Jungchen, daß du dich dran halten willst.«

Er nimmt die Feder und unterschreibt.

QUELLE: Hans Fallada: Kleiner Mann, was nun?; © Aufbau Verlag GmBH & Co. KG, Berlin 1954, 2009 (dieser Roman erschien 1954 im Aufbau-Verlag; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG)


Geldwaage für Inflationsgeld 1923

Am Höhepunkt der großen Inflation von 1919 bis 1923 wurden Geldscheine schließlich nur noch gewogen, nicht mehr gezählt. Ein Liter Milch kostete 26 Milliarden Mark, ein Brot 105 Milliarden Mark. Mit der Währungsreform 1923 (Einführung der Rentenmark) und der Einführung der Reichsmark 1924 konnte die Währung stabilisiert werden.

GERTRUD VON DEN BRINCKEN (1892 – 1982)


Gertrud von den Brincken kommt am 18. April 1892 als Tochter des Gutsbesitzers Maximilian Baron von den Brincken und seiner Frau Louise geb. von Bistram auf dem kurländischen Familiengut Brinck-Pedwahlen (heute Lettland) zur Welt.

Ihre schulische Ausbildung erhält sie in Mitau (Jelgava). Mit 19 Jahren veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband. 1919 wird das Gut enteignet und sie muss für sich und ihre Mutter und Schwester – der Vater ist 1904 verstorben – den Lebensunterhalt verdienen.

1925 heiratet sie den aus Österreich stammenden, an der Universität Dorpat (Tartu) wirkenden Philosophieprofessor Walther Schmied-Kowarzik. Sie ziehen 1927 berufsbedingt nach Frankfurt am Main und über Umwegen 1939 nach Mödling bei Wien. Nach Vertreibung durch die Rote Armee und entbehrungsreichen Flüchtlingsjahren lebt und schreibt Gertrud von den Brincken ab 1950 bis zu ihrem Tode in Regensburg.

In ihren Gedichten und Romanen spiegeln sich schicksalhafte Grenzsituationen, wie sie sie in ihrem langen Leben zum Teil selber erfahren hat – getragen von der Überzeugung, dass wir Menschen verantwortlicher Teil von Gottes Schöpfung sind.

GERTRUD VON DEN BRINCKEN

LAND UNTER (1919)

3. ERSCHIESSUNGEN

Ein dunkles, wenn nicht das dunkelste Kapitel baltischer Geschichte vollzog sich auf dieser Straße vor unseren Fenstern.

Der Ruf: »Sie kommen!« schlug als ungezügeltes Frohlocken gegen unsere Scheiben. Wir wußten, wen der Ruf meinte, den die Straßenkinder, die Marktweiber und herumlungernden ›Paschpuiken‹, die ›Halbstarken‹, von Hoftor zu Hoftor weitergaben. Und jetzt kamen sie, die man aus dem Gefängnis am Marktplatz, die lange Straße hinunter, hinauf zum Galgenberg trieb. Wenn wir auch die wenigsten persönlich kannten, wir erkannten sie sofort – an ihrem Gang, ihrer Haltung, ihrem Blick. Baron Sacken aus Dondangen, Baron Roenne aus Puhren, die beiden weißhaarigen Petertalschen Heykings und viele, viele andere noch. Sie schritten nebeneinander, drei oder vier, von Rotgardisten eskortiert. Sie trugen Schaufeln über den Schultern, um droben die Grube im steinhart gefrorenen Boden auszuheben, in die man sie hineinstoßen würde. Das Schaufeln mochte für manch einen alten gebrechlichen Herrn das Schwerste in seiner letzten Stunde gewesen sein. Ältere und Jüngere waren unter ihnen, doch wenn sie über das eisverkrustete Straßenpflaster schritten – aufrecht, ohne zu stolpern, in gleichem Schritt und Tritt, die schaufeltragenden Schultern zurückgestemmt., die farblosen Gesichter zum hellfarbenen Horizontstreifen gehoben, der den Galgenberg wie mit einer Aureole umschloß, – dann schien es keinen Altersunterschied zwischen ihnen zu geben. Der gleiche Ausdruck sprach aus den zusammengepreßten Lippen, den kühl geradeaus blickenden Augen: etwas unantastbar Entrücktes – Zeitlosigkeit.

Meistens trabte die Begleitmannschaft mürrisch neben ihnen her, sie nur ab und zu mit einem gebellten: »Skarej! shigli! shigli!« antreibend. Nur einmal ließen die Treiber in torkelnder Betrunkenheit ihrer Lust an diesem dramatischen Akt freien Lauf. Der eine vergnügte sich damit, dem vor ihm Schreitenden den Gewehrkolben in den Rücken zu puffen, ein anderer stülpte seine Fellmütze dem barhäuptigen Greise vor sich über das Gesicht. Jeder Einfall, mit brüllendem Gelächter vollführt, fand in brüllendem Gelächter seinen Applaus. Lettische Augenzeugen lieferten später Bericht über das Geschehen auf der Hinrichtungsstätte – auch von anderen Hinrichtungsstätten, auf denen sich gleiches vollzogen: Probst Bernewitz aus Kandau hatte die Hände zu den Wolken gehoben und mit lauter Stimme gebetet – auf Lettisch, denn er war ja auch der Seelenhirte der lettischen Gemeinde gewesen: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« Nicht einer hatte um Gnade gebettelt, nicht einer gezittert. Viele hatten ein Gebet gesprochen, nicht nur der Probst, für den sich sowas gehörte. Auch die Petertalsche Baronesse, die so unklug gewesen war, auf der Uniform des Milizmannes, der ihren Vater und Onkel holen kam, mit den Fäusten zu trommeln, was natürlich keine Uniform dulden wollte, kein Zarenoffizier und kein Milizer, Und dabei hatte sie gerufen: »Das werdet ihr büßen, wenn meine Brüder wieder da sind, dann – –« Vier Söhne aus Petertal ritten mit in den Reitertruppen der Baltischen Landeswehr. Der Milizer, auf dem die Baronesse getrommelt hatte, packte sie kurzerhand an der Schulter: »Na, da kannst du gleich mitkommen, so eine wie du hat uns gerade noch gefehlt!« Und der Baron aus Puhren hatte gelächelt, als man auf ihn anlegte, genau so, wie man ihn oft hatte lächeln gesehn, wenn er über seinen Gutshof schritt.

Sie waren keine Heiligen, aber daß sie richtige Herren gewesen waren bis zuletzt, gestand die Bevölkerung ihnen zu. Nicht von jener Sorte, die sich selbst dazu machen wollte, wie früher die russischen Tschinowniks und dann die im Kriege, die in den Kreisämtern gesessen hatten. Diese aber waren richtige Herren gewesen – auf ihren Gütern und auf dem Galgenberge. Man konnte hinaufgehn und sichs anschaun. Von einigen wurde erzählt, daß sie noch gelebt hätten in der Grube unter dünner Sand- und Eisschicht. Einer hatte sich anscheinend mit dem Oberkörper aufzurichten versucht, ein anderer die Finger um eine Wurzel gekrallt, die dort aus dem Sande stieß.

Ja, wir wußten, was der Ruf »Sie kommen« besagte, wußten, wer sie waren, woher sie kamen und wohin sie gingen.

Es war etwas anderes als Hoffnung, was ihre Schritte so sicher, ihre Haltung so straff, ihre Augen so gleichmütig machte, als sie mit geschulterten Schaufeln zum Galgenberg hinaufschritten, wo sie vielleicht beten, vielleicht lächeln würden, vielleicht wortlos zum granitnen Denkmal hinüberblicken, das nicht ihnen galt: ›Das Vaterland seinen Heldensöhnen‹. Und ihr letzter, vielleicht nicht ganz zu Ende gedachter Gedanke würde vielleicht vom dickvergoldeten Pathos drüben abgleiten und noch einmal die dunklen Wälder umfassen, hinter denen … Nein, kein Vaterland wird von uns reden, kein Ehrenmal, kein Geschichtsbuch … ach, was kommt es auf Worte an … nur auf … auf ganz etwas anderes … und daß wir – und wie wir … nur darauf kommt es an …

QUELLE: Gertrud von den Brincken: Land unter. Erlebnisse aus zwei Weltkriegen, Bolschewikenzeit und Nachkriegsjahren; © J. G. Bläschke Verlag Darmstadt, 1976

ARTHUR KOESTLER (1905 – 1983)


Arthur Koestler wird am 5. September 1905 in Budapest als Sohn eines deutschsprachigen Industriellen geboren. 1919 zieht die Familie aufgrund der rumänischen Besetzung von Budapest nach Wien. Sein 1922 begonnenes Studium bricht Koestler ab und geht als Anhänger des Zionismus nach Palästina. Seine Berichte hierüber werden in der »Vossischen Zeitung« in Berlin veröffentlicht. Nachdem er 1931 der KPD beigetreten ist, bereist Koestler 1932/​33 die Sowjetunion. 1937 geht er als Kriegsberichterstatter nach Spanien, wo er von den Truppen Francos gefangengenommen wird. Seine Erlebnisse und seine Freilassung schildert er im »Spanischen Testament«. Die stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse 1937/​38 führen zum Bruch mit dem Kommunismus, den er 1940 in »Sonnenfinsternis« schildert.

Koestler wird britischer Soldat und 1948 britischer Staatsbürger. Ab Mitte der 50er Jahre wendet er sich naturwissenschaftlichen und parapsychologischen Themen zu. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u. a. »Die Nachtwandler« (1959), »Das Gespenst in der Maschine« (1967) und »Die Wurzeln des Zufalls« (1972).

Angesichts seiner Parkinson- und Leukämieerkrankung begeht er 1983 zusammen mit seiner dritten Ehefrau Cynthia Selbstmord. Sein Vermögen stiftet er für die Einrichtung eines Lehrstuhls für Parapsychologie an der University of Edinburgh.

ARTHUR KOESTLER

SONNENFINSTERNIS

DAS ZWEITE VERHÖR

»Wird die Existenz der Kirche bedroht, so ist diese sogar von den Moralgesetzen dispensiert. Der Zweck der Einheit heiligt jedes Mittel, List, Trug, Gewalt, Geldspenden, Kerker, Tod. Denn alle Ordnung ist um der Gesamtheit willen da, und der einzelne muß dem allgemeinen Wohle weichen.«

Dietrich von Nieheim: Über die Art, auf einem allgemeinen Konzil die Kirche zu einigen und zu reformieren, A. D. 1411

1

Auszug aus dem Tagebuch von N. S. Rubaschow, am fünften Tag der Haft:

… Wer letzten Endes recht behält, muß vorletzten Endes immer unrecht haben und unrecht tun. Aber wer letzten Endes recht behält, stellt sich erst später heraus. Inzwischen müssen wir auf Kredit handeln und unsere Seele dem Teufel verkaufen in der Hoffnung, daß uns die Geschichte die Absolution erteilt.

Es wird erzählt, daß Nummer Eins (Stalin) den »Fürsten« des Machiavelli ständig auf seinem Nachttisch liegen hat. Und mit Recht: seit damals wurde nichts wesentlich Neues über die Regeln politischer Ethik gesagt. Wir waren die ersten, die die liberale Ethik des neunzehnten Jahrhunderts, die Ethik des Fair Play, durch die revolutionäre Ethik des zwanzigsten Jahrhunderts ersetzten. Auch damit hatten wir recht: eine Revolution, die nach den Regeln des Tennisspiels geführt wird, ist eine Absurdität. In den Atempausen der Geschichte kann man relativ faire Methoden der Politik gebrauchen; an ihren kritischen Wendepunkten ist keine andere als die alte Regel möglich, daß der Zweck die Mittel heilige. Wir haben den Neo-Machiavellismus in dieses Jahrhundert eingeführt; die anderen, die konterrevolutionären Diktaturen, sind plumpe Kopien. Wir waren Neo-Machiavellisten im Namen der universalen Vernunft – das war unsere Größe; die anderen im Namen nationaler Romantik – das war ihr Anachronismus. Deshalb werden wir letzten Endes von der Geschichte absolviert werden, sie nicht …

Aber im Augenblick denken und handeln wir auf Kredit. Da wir alle Konventionen und Regeln der Tennismoral über Bord geworfen haben, ist unsere einzige Richtlinie die der logischen Konsequenz. Wir stehen unter dem furchtbaren Zwang, unsere Gedanken bis in ihre letzte Konsequenz zu Ende zu denken und zu Ende zu handeln. Wir segeln ohne Ballast; daher ist jede kleinste Drehung am Steuerrad eine Frage von Leben und Tod.

Vor kurzem wurde unser führender Agrarchemiker B. mit dreißig seiner Mitarbeiter erschossen, weil er die Meinung verfocht, daß Stickstoffdünger dem Kalidünger überlegen sei. Nummer Eins war für Kali; daher mußten B. und die dreißig als Saboteure liquidiert werden. In einer staatlich zentralisierten Landwirtschaft ist die Alternative Stickstoff oder Kali von ungeheurer Bedeutung; sie kann den Ausgang des nächsten Krieges entscheiden. Wenn Nummer Eins recht behält, wird ihm die Geschichte die Absolution erteilen und die Hinrichtung von 31 Menschen eine bloße Bagatelle sein. Wenn er unrecht hat …

Darauf allein kommt es an: wer objektiv recht hat. Aber die Tennismoralisten regen sich über ein ganz anderes Problem auf; nämlich ob B. subjektiv in gutem Glauben handelte, als er Stickstoff empfahl. Handelte er in gutem Glauben, dann muß er nach ihrer Ethik freigesprochen werden und damit die Möglichkeit haben, weiter Stickstoff zu propagieren, auch wenn das Land daran zugrunde geht …

All dies ist natürlich kompletter Unsinn. Für uns existiert die Frage des subjektiven guten Glaubens nicht. Wer unrecht hat, muß bezahlen; wer recht behält, wird freigesprochen. Dies ist das Gesetz des historischen Kredits; dies war unser Gesetz.

Die Geschichte hat uns gelehrt, daß man ihr mit einer Lüge oft besser als mit einer Wahrheit dient; denn der Mensch ist träge und muß jedesmal vierzig Jahre lang durch die Wüste geführt werden, ehe er die nächsthöhere Stufe seiner Entwicklung erreicht. Er muß durch die Wüste getrieben werden mit Drohungen und Lockungen, mit erfundenen Schrecken und erfundenen Tröstungen, auf daß er sich nicht vorzeitig zur Ruhe setzt und sich mit der Anbetung goldener Kälber vergnügt.

Wir haben die Geschichte gründlicher als die anderen gelernt. Was uns von allen anderen unterscheidet, ist unsere logische Konsequenz. Wir wissen, daß die Geschichte Tugend nicht belohnt und Verbrechen ungestraft läßt; daß jedoch jeder Mißgriff Konsequenzen trägt und sich bis ins siebente Glied rächt. Wir haben daher unsere Kräfte darauf konzentriert, Mißgriffe zu vermeiden und im Keim zu ersticken. Niemals in der Geschichte war so viel Macht über die Zukunft der Menschheit in so wenigen Händen konzentriert wie hier. Jede falsche Idee, die zur Tat wird, ist hier ein Verbrechen an den kommenden Generationen. Daher strafen wir falsche Ideen, so wie andere Verbrechen strafen: mit dem Tode. Man hielt uns für verrückt, weil wir jeden Gedanken zu Ende dachten und zu Ende handelten. Wir wurden mit der heiligen Inquisition verglichen, weil wir, wie die Inquisitoren, uns ständig der Bürde der Verantwortung für die überindividuelle Zukunft bewußt waren. Wir glichen den großen Inquisitoren, indem wir dem Keim des Übels nicht nur in den Taten, sondern in den Gedanken unserer Mitmenschen nachspürten. Wir erkannten dem Individuum keine private Sphäre zu, nicht einmal im Innern seines Schädelraums. Wir lebten unter dem Zwang, alles logisch zu Ende zu denken. Unser Denken war mit solcher Hochspannung geladen, daß die geringste Reibung zu tödlichen Kurzschlüssen führte. Daher mußten wir aneinander verbrennen.

Ich war einer von ihnen. Ich habe gedacht und gehandelt, wie ich mußte; ich habe Menschen zerstört, die mir nahestanden, und anderen Macht verliehen, die ich nicht mochte. Die Geschichte hat mich auf meinen Platz gestellt; ich habe den Kredit, den sie mir einräumte, erschöpft; wenn ich recht behalte, habe ich nichts zu bereuen, wenn ich unrecht habe, werde ich bezahlen.

Aber wie kann man in der Gegenwart entscheiden, wem die Zukunft recht geben wird? Wir versehen das Amt von Propheten ohne deren Gabe. Anstelle von Visionen bedienten wir uns der logischen Deduktion; aber wenngleich wir alle von denselben Prämissen ausgingen, sind wir jeder zu andern Resultaten gelangt. Beweis stand gegen Beweis, und schließlich mußten wir denn doch beim Glauben unsere Zuflucht suchen – beim axiomatischen Glauben an die Richtigkeit der eigenen Beweisführung. Dies ist der entscheidende Punkt. Wir haben allen Ballast über Bord geworfen; nur ein einziger Anker hält uns fest: der Glaube an uns selbst. Geometrie ist die reine Verkörperung der menschlichen Vernunft; aber die Axiome Euklids können nicht bewiesen werden. Wer an sie nicht glaubt, dem stürzt das ganze Gebäude zusammen.

Nummer Eins glaubt an sich selbst, mit einem zähen, trägen, finstern, unerschütterlichen Glauben. Er hat die solideste Ankerkette von allen. Meine wurde in diesen letzten Jahren dünn gerieben …

Tatsache ist, daß ich nicht länger an meine eigene Unfehlbarkeit glaube. Daher bin ich verloren …

2

Am Tag nach dem ersten Verhör saß der Untersuchungsrichter Iwanoff mit seinem Kollegen Gletkin nach dem Abendbrot in der Beamtenkantine des Gefängnisses. Iwanoff war müde, er hatte das Bein mit der Prothese auf den Nebenstuhl gestützt und den Kragen seiner Uniform geöffnet. Er schenkte von dem billigen Wein ein, den die Kantine lieferte, und wunderte sich im stillen über Gletkin, der in seiner gesteiften Uniform, die bei jeder Bewegung knirschte, aufrecht auf seinem Sessel saß und nicht einmal seinen Revolvergurt abgelegt hatte, obwohl er ebenso müde sein mußte wie Iwanoff. Gletkin trank; die auffallende Narbe auf seinem kahlrasierten Schädel hatte sich leicht gerötet. Außer den beiden saßen nur noch drei Offiziere an einem entfernten Tisch in der Kantine; zwei spielten Schach, der dritte sah zu.

»Was ist mit Rubaschow?« fragte Gletkin.

»Er ist ziemlich mitgenommen«, antwortete Iwanoff. »Aber er ist immer noch der alte Logiker. Daher wird er kapitulieren.«

»Das halte ich für falsch«, bemerkte Gletkin.

»Doch«, sagte Iwanoff. »wenn er alles logisch zu Ende gedacht hat, wird er kapitulieren. Es kommt jetzt darauf an, daß man ihn in Ruhe läßt. Ich habe ihm Papier, Bleistift und Zigaretten bewilligen lassen, damit es mit dem Denken rascher vorwärts geht.«

»Das halte ich für falsch«, wiederholte Gletkin.

»Du magst ihn nicht«, sagte Iwanoff, »du hast vor ein paar Tagen einen Auftritt mit ihm gehabt?«

Gletkin dachte an die Szene, als Rubaschow auf der Pritsche gesessen und sich in seiner Gegenwart den Schuh über die löchrige Socke gezogen hatte. »Das ist gleichgültig«, sagte er, »die Person ist gleichgültig. Ich halte die Methode für falsch. So wird er nie zu Kreuze kriechen.«

»Wenn Rubaschow kapituliert«, sagte Iwanoff, »tut er es nicht aus Feigheit, sondern aus Logik. Mit der harten Methode ist bei ihm nichts auszurichten. Der ist aus einem gewissen Material, das immer spröder wird, je mehr man darauf herumhämmert.«

»Das ist Gerede«, sagte Gletkin. »Menschen, die jedem physischen Druck gewachsen sind, gibt es nicht. Ich habe noch keinen gesehen. Die Erfahrung lehrt, daß die Widerstandskraft des menschlichen Nervensystems von Natur begrenzt ist.«

»Dir möchte ich auch nicht in die Hände geraten«, sagte Iwanoff lächelnd, aber mit einer Spur von Unbehagen. »Übrigens bist du die lebende Widerlegung deiner Theorie.«

Sein lächelnder Blick streifte die Narbe auf Gletkins Schädel. Die Geschichte der Narbe war allgemein bekannt. Als Gletkin während des Bürgerkriegs der Gegenseite in die Hände gefallen war, hatten sie einen glimmenden Kerzendocht auf seinem kahlrasierten Schädel festgebunden, um eine bestimmte Information von ihm zu erpressen. Die Seinen, die einige Stunden später die Stellung zurückeroberten, fanden ihn bewußtlos. Der Docht war bis zum Ende gebrannt; Gletkin hatte geschwiegen.

Er sah mit seinen ausdruckslosen Augen Iwanoff an: »Das ist auch Gerede«, sagte er. »Ich kroch nicht zu Kreuze, weil ich ohnmächtig wurde. Wäre ich noch eine Minute bei Bewußtsein geblieben, hätte ich gesprochen. Es ist eine Frage der Konstitution.«

Er trank sein Glas mit einer abgemessenen Bewegung aus; seine Manschetten knirschten, als er es wieder auf den Tisch stellte. »Als ich damals aufwachte, glaubte ich zuerst, daß ich gesprochen hätte. Erst die beiden Unteroffiziere, die mit mir befreit wurden, bestätigten das Gegenteil. Daraufhin bekam ich den Orden. Es ist eine Frage der Konstitution; alles andere sind Legenden.«

Iwanoff trank gleichfalls. Er hatte schon ziemlich viel von dem billigen Wein getrunken. Er zuckte die Achseln:

»Seit wann hast du deine berühmte Konstitutionstheorie? Schließlich, in den ersten Jahren gab es diese Methoden noch nicht. Damals waren wir noch voller Illusionen. Wir wollten die Straf- und Vergeltungstheorie abschaffen und Sanatorien mit Blumengärten für die asozialen Elemente errichten. Alles blauer Dunst.«

»Das glaube ich nicht«, widersprach Gletkin. »Du bist ein Zyniker. In hundert Jahren werden wir das alles haben. Jetzt müssen wir erst durch. Je schneller, um so besser. Illusion war nur, zu glauben, daß der Zeitpunkt bereits gekommen ist. Als ich hierher versetzt wurde, lebte ich auch in diesem Irrtum. Die meisten von uns, der ganze Apparat, bis hinauf. Wir wollten gleich mit den Blumengärten anfangen. Das war falsch. In hundert Jahren werden wir an die Vernunft und an den Gemeinschaftssinn des Häftlings appellieren können. Heute müssen wir uns noch an seine Konstitution halten und ihn, wenn es nötig ist, moralisch und physisch zerbrechen.«

Iwanoff fragte sich, ob Gletkin im Trunke sprach. Aber an seinem ruhigen und ausdruckslosen Blick merkte er, daß Gletkin nicht betrunken war. Iwanoff lächelte ihn etwas vage an. »Mit einem Wort«, sagte er, »ich bin der Zyniker und du bist der Moralist.«

Gletkin schwieg. Er saß steif auf seinem Stuhl, in seiner gestärkten Uniform; sein Revolvergurt roch nach neuem Leder.

»Vor mehreren Jahren«, sagte Gletkin nach einer Weile, »wurde mir ein kleiner Bauer zum Verhör vorgeführt. Das war in der Provinz, noch zur Zeit der Blumengartentheorie, wie du sagst. Es ging bei den Verhören sehr vornehm zu. Der Bauer hatte sein Getreide vergraben; es war zu Beginn der Sozialisierung des Bodens. Ich hielt mich streng an die vorgeschriebene Etikette. ich setzte ihm freundlich auseinander, daß wir das Getreide für die Ernährung der wachsenden Stadtbevölkerung und für den Export brauchten, um die Industrie aufzubauen; also sollte er mir sagen, wo er das Getreide versteckt hatte. Der Bauer hatte, als man ihn in mein Zimmer führte, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, weil er Prügel erwartete. Ich kannte die Sorte, ich bin selbst vom Dorfe. Als ich, statt ihn zu prügeln, auf ihn einzureden begann, mit ›Sie‹ und ›Bürger‹, hielt er mich für schwachsinnig. Ich sah es seinen Augen an. Ich redete eine halbe Stunde auf ihn ein. Er machte den Mund nicht auf und bohrte abwechselnd in der Nase und im Ohr. Ich redete weiter, obwohl ich sah, daß er das Ganze für einen herrlichen Spaß hielt und überhaupt nicht zuhörte. Sein Gehör war für Argumente taub. Es war verstopft vom Ohrenschmalz vieler Jahrhunderte patriarchalisch-feudaler Verblödung. Ich hielt mich streng an die Etikette; es kam mir nicht einmal der Gedanke, daß es auch andere Methoden gibt …

Ich hatte damals täglich zwanzig bis dreißig solcher Fälle. Meine Kollegen gleichfalls. Die Revolution war in Gefahr, an diesen kleinen, fetten Bauern zugrunde zu gehen. Die Arbeiter waren unterernährt; in ganzen Distrikten mit armen Bauern herrschte Hungertyphus; wir hatten keine Devisen für den Aufbau der Kriegsindustrie und erwarteten von Monat zu Monat den Überfall. Zweihundert Millionen in Gold staken in den Wollstrümpfen dieser Kerle, und die halbe Ernte lag unter der Erde vergraben. Und bei den Verhören sagten wir ›Bürger‹ und ›Sie‹ zu ihnen, während sie uns mit ihren dumm-listigen Augen anblinzelten, das Ganze für einen herrlichen Spaß hielten und in ihren Nasen bohrten.

Das dritte Verhör meines Männchens fand um zwei Uhr nachts statt; ich hatte vorher achtzehn Stunden durchgearbeitet. Man hatte ihn geweckt; er war schlaftrunken und verängstigt und verriet sich. Von da an nahm ich meine Leute vorwiegend nachts dran … Einmal beklagte sich eine Frau, daß man sie vor meinem Zimmer die ganze Nacht lang hatte stehend warten lassen. Sie zitterte in den Beinen und war physisch fertig; mitten im Verhör schlief sie ein. Ich weckte sie, sie redete weiter, mit einer schlaftrunken-lallenden Stimme, ohne recht zu wissen, was sie sagte, und schlief wieder ein. Ich weckte sie wieder, und sie gestand alles und unterschrieb ungelesen das Protokoll, damit ich sie bloß schlafen ließ. Ihr Mann hatte zwei Maschinengewehre auf dem Heuboden versteckt und die Bauern in seinem Dorfe überredet, das Getreide zu verbrennen, weil ihm im Traum der Antichrist erschienen sei. Daß die Frau die ganze Nacht aufrecht hatte stehen müssen, war eine Schlamperei meines Sergeanten; von da an begünstigte ich Schlampereien; hartnäckige Fälle mußten bis achtundvierzig Stunden aufrecht an einem Fleck stehen bleiben; nachher war das Ohrenschmalz weg, und man konnte mit ihnen reden … «

Die beiden Schachspieler in der anderen Ecke des Saales warfen ihre Figuren um und begannen eine neue Partie. Der dritte von ihrem Tisch war bereits gegangen. Iwanoff beobachtete Gletkin; er sprach so gleichgültig und ausdruckslos wie immer.

»Die Kollegen machten ähnliche Erfahrungen. Es war die einzige Möglichkeit, Resultate zu erzielen. Man hielt sich an die Etikette: kein Häftling wurde mit dem Finger angerührt. Aber es wurde nicht verhindert, daß sie zufällig zusahen, wie ihre Mitgefangenen erschossen wurden. Die Wirkung davon ist teils psychisch, teils physisch. Die Haftordnung sieht aus Gründen der Hygiene Duschen und Bäder vor. Daß der Warmwasserhahn manchmal gar nicht, manchmal allzugut funktionierte, lag an den Schwierigkeiten des Aufbaus; die Temperatur der Bäder bestimmte das Gefängnispersonal. Es waren alte Genossen, man brauchte ihnen keine Instruktionen zu erteilen, sie verstanden, um was es ging: genau um Sein oder Nichtsein der Revolution … «

»Hör schon auf«, sagte Iwanoff.

»Du hast gefragt, wie ich zu meiner Konstitutionstheorie gekommen bin, und ich erkläre es dir«, sagte Gletkin. »Es kommt darauf an, daß man sich die zwingende Logik der Entwicklung stets vor Augen hält, sonst ist man ein Zyniker, wie du. – Es ist spät, und ich muß jetzt gehen.«

Iwanoff trank sein Glas aus und schob die Prothese auf dem Nachbarstuhl zurecht; er hatte wieder rheumatische Schmerzen im Stumpf. Er ärgerte sich, daß er das Gespräch begonnen hatte.

Gletkin bezahlte. Als der Kantinenkellner gegangen war, fragte er, im Begriffe, sich zu erheben: »Was ist also mit Rubaschow?«

»Ich habe dir meine Meinung gesagt«, antwortete Iwanoff. »Man soll ihn in Ruhe lassen.«

Gletkin stand auf. Seine Stiefel knarrten. Er stand vor dem Stuhl, auf dem Iwanoffs Bein ruhte. »Ich bezweifle nicht seine vergangenen Verdienste«, sagte er. »Heute ist er ebenso schädlich geworden wie mein fetter Bauer von damals; nur noch gefährlicher.«

Iwanoff sah von unten in Gletkins ausdruckslose Augen.

»Ich habe ihm vierzehn Tage Bedenkzeit gegeben«, sagte er. »Bis zum Ablauf dieser Frist wird er in Ruhe gelassen.«

Iwanoff hatte im dienstlichen Ton gesprochen. Gletkin war ihm unterstellt. Er salutierte und verließ mit knarrenden Schritten die Kantine.

Iwanoff blieb sitzen. Er trank noch ein Glas, zündete eine Zigarette an und blies den Rauch vor sich hin. Nach einer Weile stand er auf und humpelte zu den beiden Offizieren hinüber, um ihnen beim Schachspiel zuzusehen.

QUELLE: Arthur Koestler: Sonnenfinsternis, unveränderte Neuauflage, Elsinor Verlag, Coesfeld 2011; © Arthur Koestler 1940

THOMAS MANN (1875 – 1955)


Thomas Mann wird am 6. Juni 1875 als Sohn des Speditionskaufmanns Heinrich Mann und seiner Frau Julia geb. Bruhns in Lübeck geboren. Schon als Schüler entdeckt er seine Passion für das Schreiben. Nach dem Tod des Vaters zieht die Familie 1894 nach München. Mit seiner ersten Novelle »Gefallen« debütiert Thomas Mann als Schriftsteller. 1901 erscheint sein größtes Prosawerk »Die Buddenbrocks«, für das er 1929 den Nobelpreis für Literatur erhält.

1905 heiratet er Katia Pringsheim. Drei seiner sechs Kinder – Erika, Golo und Klaus – werden ebenfalls bedeutende Schriftsteller. 1912 erscheint die Erzählung »Tod in Venedig«. Den Ersten Weltkrieg kommentiert Mann in seinen »Betrachtungen eines Unpolitischen«. 1924 entsteht »Der Zauberberg«. 1930 hält er in Berlin seine »Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft«, in der er die NSDAP scharf kritisiert. 1933 geht er zunächst in die Schweiz und 1938 in die USA, wo er sich immer wieder kritisch mit der Lage in Deutschland auseinandersetzt – u. a. in rund 60 Radioreden »Deutsche Hörer« über die BBC.

1952 kehrt Thomas Mann nach Zürich zurück, wo er 1955 stirbt. Sein umfangreiches Werk zeichnet ihn als einen der bedeutendsten deutschen Erzähler des 20. Jahrhunderts aus.

THOMAS MANN

DEUTSCHE ANSPRACHE

EIN APPELL AN DIE VERNUNFT

Meine geehrten Zuhörer, – ich weiß nicht, ob ich auf Ihr Verständnis rechnen darf für den vielleicht phantastisch anmutenden Schritt, den ich unternahm, indem ich bitten ließ, mich heute abend anzuhören. Dieser Schritt könnte als Anmaßung und Narretei aufgefaßt werden, er könnte – ich mag es kaum aussprechen – dahin verstanden werden, als gäbe es hier jemanden, der nach der Rolle des praeceptor patriae griffe und den neuen Fichte spielen möchte … Wir wollen solche lächerlichen Vermutungen ausscheiden. Aber, sehen Sie, ich soll morgen in der Singakademie, als Gast des Verbandes Deutscher Erzähler, eine Vorlesung halten, etwas aus einem neuen Roman zum besten geben, der mich beschäftigt, und das kann vielleicht künstlerisch lustig werden, es kann die Leute interessieren und zerstreuen und mir Ermunterung eintragen, in meinem heiter-eigensinnigen poetischen Unternehmen fortzufahren, – gut. Und doch fragte ich mich, ob es sich lohne, ob es auch nur anständig und irgendwie vertretbar sei, unter den heutigen Umständen nach Berlin zu kommen, um ein Romankapitel vorzulesen und, etwas Lob und Kritik in der Tasche, die beide, wie alles steht, doch nur das Produkt einer recht geteilten Aufmerksamkeit sein können, wieder nach Hause zu fahren.

Ich bin kein Anhänger des unerbittlich sozialen Aktivismus, möchte nicht mit diesem in der Kunst, im Nutzlos-Schönen einen individualistischen Müßiggang erblicken, dessen Unzeitgemäßheit ihn fast der Kategorie des Verbrecherischen zuordnet. Auch wenn man wohl weiß, daß die Epoche, da Schiller das »reine Spiel« als den höchsten Zustand des Menschen feiern konnte, die Epoche des ästhetischen Idealismus, eben als Epoche vorüber ist, braucht man der aktivistischen Gleichung von Idealismus und Frivolität nicht zuzustimmen. Form, gebe sie sich noch so spielerisch, ist dem Geiste verwandt, dem Führer des Menschen auch zum gesellschaftlich Besseren; und Kunst die Sphäre, in der der Gegensatz von Idealismus und Sozialismus sich aufhebt.

Dennoch gibt es Stunden, Augenblicke des Gemeinschaftslebens, wo solche Rechtfertigung der Kunst praktisch versagt; wo der Künstler von innen her nicht weiter kann, weil unmittelbarere Notgedanken des Lebens den Kunstgedanken zurückdrängen, krisenhafte Bedrängnis der Allgemeinheit auch ihn auf eine Weise erschüttert, daß die spielend leidenschaftliche Vertiefung ins Ewig-Menschliche, die man Kunst nennt, wirklich das zeitliche Gepräge des Luxuriösen und Müßigen gewinnt und zur seelischen Unmöglichkeit wird. So war es vor sechzehn Jahren, als der Krieg ausbrach, mit dem für alle Wissenden so viel mehr begann, als ein Feldzug; so war es in den Friedensjahren danach und dann vor zwölfen, als Deutschland nach verbrecherischem Dauermißbrauch aller seiner Kräfte durch die, die sich seine Führer nannten, zusammenbrach und mit Müh und Not von Männern, die sich die Aufgabe nicht erträumt hatten und ihrer gerne überhoben gewesen wären, das Reich, die deutsche Einheit in der Form gerettet wurde, wie wir sie von unseren Vätern ererbt haben. So ist es heute wieder, nach Jahren, in denen Gutmütige an Erholung, an die langsame Rückkehr gemächlicherer und gesicherterer Zustände glauben mochten, während doch das durch den Krieg zerschlagene und mit Füßen getretene Wirtschaftssystem der Welt keineswegs geheilt war, noch seiner Heilung entgegensah, sondern in einer Unordnung zurückgeblieben war, die durch eine archaische und blinde Tributpolitik der den Frieden diktierenden Staaten verschärft wurde. Nun geht eine neue Welle wirtschaftlicher Krisis über uns hin und wühlt die politischen Leidenschaften auf; denn man braucht nicht materialistischer Marxist zu sein, um zu begreifen, daß das politische Fühlen und Denken der Massen weitgehend von ihrem wirtschaftlichen Befinden bestimmt wird, daß sie diese in politische Kritik umsetzen, wie wenn ein kranker Philosoph seine physiologischen Hemmungen ohne ideelle Korrektur in Lebenskritik umsetzte. Es heißt wohl zuviel verlangen, wenn man von einem wirtschaftlich kranken Volk ein gesundes politisches Denken fordert.

Die Reichsregierung hat einen Finanzreformplan aufgestellt, der Ersparnisse am Verwaltungsapparat vorsieht und im Auslande mutig und wirksam, ja vorbildlich genannt wird, geeignet, die Kreditwürdigkeit des Reiches zu heben. Das mag tröstlich sein. In Deutschland aber findet man, daß ein Staats- Finanzprogramm noch kein Wirtschaftsprogramm ist und daß diese »Vorlage zur Sanierung der Reichsfinanzen und zur Gesundung der deutschen Wirtschaft« nur allenfalls zur Hälfte ihren Namen mit Recht trägt. Was haben Vorschläge zur notdürftigen Ordnung des Reichshaushaltes für kommende Budgetjahre denen zu geben, die mit Augen voller Grauen den nächsten Monaten, diesem Winter der Arbeitslosigkeit, der Aussperrung, des Hungers und des Unterganges entgegenstarren, einem Winter, der droht, die Verzweiflung von Millionen zu vollenden und alle politischen Folgerungen und Folgen der Verzweiflung eines Volkes zu zeitigen? Wie es steht, spürt jeder irgend Empfindliche. Steinschwer wie in den dunkelsten Jahren der Kriegs- und Nachkriegszeit liegt der Druck auf jeder Brust und verhindert das heitere Atmen. Die Kraft der Gemeinschaft und Schicksalsverbundenheit bewährt sich; es gibt kein Einzelglück, wenn das Elend die Stunde regiert. Wir alle sind hineingezogen in den Wirbel aus Not und leidvoller Erbitterung, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Wessen Teil in helleren Tagen die freie Pflege des Übemützlichen war, sieht sich verstört und gelähmt; denn wie soll er freimütig und menschlich vertrauensvoll wirken in einem zerrissenen und zerspaltenen Volk, dem der Haß, das kranke Erzeugnis der Not, jede Unbefangenheit des Blickes raubt? Kein Wunder vielleicht und keine unbegreifliche Regung, wenn es ihn unter solchen Umständen treibt, über Dinge, von denen man nicht mehr sagen kann, daß sie irgendjemandem »fern liegen«– denn sie brennen uns allen auf den Nägeln –, zur Gemeinschaft, oder doch zu der Gemeinschaftsschicht, die ihn hervorgebracht hat, der er sich gesellschaftlich zugehörig und geistig verbunden fühlt, zu sprechen, als führe er ein Selbstgespräch. Ich bin ein Kind des deutschen Bürgertums, und nie habe ich die seelischen Überlieferungen verleugnet, die mit einer solchen Herkunft gegeben sind; von der Sympathie breiter deutscher bürgerlicher Gesittung war meine Arbeit getragen, von dem sittlichen Vertrauen jenes Deutschland also, das immer noch für die innere Haltung, das geistige Gesamtbild Deutschlands entscheidend ist; und es heißt nur Vertrauen gegen Vertrauen setzen, wenn ich mich mit meinem bedrängten Selbstgespräch an das deutsche Bürgertum wende, nicht als Klassenmensch – das bin ich nicht –, auch nicht als Parteigänger irgendeines politisch-wirtschaftlichen Interessenbundes – ich gehöre keinem an. Sondern auf jener geistigen Ebene möchte ich mich mit Ihnen finden, auf welcher selbst der Begriff deutscher Bürgerlichkeit eigentlich angesiedelt ist und die deutsch-bürgerlicher Denkungsart wenigstens bis gestern noch natürlich war. Wie wenig hätte ich mich der Exzentrizität meines Schrittes zu schämen, wenn diese Begegnung im geringsten, mit irgendeinem Wort beitragen könnte zu jener Besinnung, die mir noch immer als etwas Deutscheres erscheint als die schrille Parole, die heute zur Rettung und Wiedererhebung des Vaterlandes ausgegeben wird: als die Parole des Fanatismus. –

Der Ausgang der Reichstagswahlen, meine geehrten Zuhörer, kann nicht rein wirtschaftlich erklärt werden. Wenn es nach dem bisher Gesagten den Anschein hatte, als wäre das meine Meinung, so bedarf das Gesagte der Korrektur. Auch vor dem Auslande wäre es weder klug, noch entspräche es den inneren Tatsachen, wenn man die Dinge so einseitig darstellte. Das deutsche Volk ist seiner natürlichen Anlage nach nicht radikalistisch, und wäre das Maß von Radikalisierung, das nun wenigstens für den Augenblick zutage getreten ist, nur eine Folge wirtschaftlicher Depression, so wäre damit allenfalls ein Anwachsen des Kommunismus, aber nicht der Massenzulauf zu einer Partei erklärt, die auf die militanteste und schreiend wirksamste Weise die nationale Idee mit der sozialen zu verbinden scheint. Es ist nicht richtig, das Politische als ein reines Produkt des Wirtschaftlichen hinzustellen; sondern um einen Seelenzustand zu deuten, wie den, den unser Volk jetzt auf eine die Welt verblüffende Weise an den Tag gelegt hat, ist es notwendig, die politische Leidenschaft, zutreffender gesagt, das politische Leiden heranzuziehen, und wenn es nicht klug und nicht würdig wäre, auf das Ergebnis vom 14. September stolz zu sein und vor dem Auslande darauf zu trumpfen, so mag man es immerhin schweigend seine Wirkung nach außen tun lassen als eine Warnung, ein Sturmzeichen, eine Mahnung, daß einem Volke, welches zum Selbstgefühl so viel Anlaß hat wie irgendeines, nicht auf beliebige Zeit das zugemutet werden kann, was dem deutschen in der Tat zugemutet worden ist, – ohne aus seinem Seelenzustand eine Weltgefahr zu machen.

Auf den materiellen und geistigen Riesenkomplex von Ursachen einzugehen, aus denen die Kriegskatastrophe erwuchs, ist dies nicht der Augenblick. Geführt wurde Deutschland in diesem Krieg von einem Herrschaftssystem, das auf die historisch naivste Weise sein eignes Lebensinteresse mit dem des Volkes gleichsetzte und in dem Kampf um sein Fortbestehen es mit dem Volke, dem Lande zum Äußersten kommen ließ. Gegen dies Herrschaftssystem, das sich in der Welt verhaßt gemacht hatte, richtete sich angeblich und nach der Überzeugung der Völker in der Tat der kriegerische Tugendmut unserer Gegner, ein demokratischer Tugendmut, dessen Propagandamittel überwältigend waren und der, von aller materiellen Überlegenheit abgesehen, die deutsche Widerstandskraft im Laufe der Jahre erdrückte. Diese demokratische Moralität, die während des Krieges den Mund so voll genommen hatte und den Krieg als Mittel zu betrachten schien, eine neue, bessere Welt zu schaffen, hat bei Friedensschluß nur sehr bruchstückweise Wort gehalten und sich durch die Wirklichkeit, die psychischen Nachwirkungen der Kriegswut und durch den Machtrausch des Sieges in einem Grade verderben lassen, daß es dem deutschen Volke aufs äußerste erschwert war, an den moralischen und historischen Sinn seines Unterliegens und an die höhere Berufung der anderen zum Siege zu glauben. Der Versailler Vertrag war ein Instrument, dessen Absichten dahin gingen, die Lebenskraft eines europäischen Hauptvolkes auf die Dauer der Geschichte niederzuhalten, und dieses Instrument als die Magna Charta Europas zu betrachten, auf der alle historische Zukunft sich aufbauen müsse, war ein Gedanke, der dem Leben und der Natur zuwiderlief und der schon heute in aller Welt kaum noch zum Schein Anhänger besitzt. Das Leben und die Vernunft selbst haben die Unantastbarkeit dieses Vertrages schon heute widerlegt, und wenn man französische Nationalisten klagen hört, er sei nach zwölf Jahren durchlöchert wie ein Sieb, so beweist das eben nur die Unmöglichkeit des Unmöglichen und spricht für die Mittel, die von deutscher Seite angewandt worden sind, um diese natürliche Unmöglichkeit zu erweisen. Daß er für die Weltvernunft bei weitem noch nicht durchlöchert genug ist, wird auch außerhalb Deutschlands von Einsichtigen unter der Hand kaum bestritten; aber das deutsche Volk wird solcher Einsicht nicht gewahr, es hält sich notwendig an die Tatsachen, von denen es umgeben ist, und fühlt sich als Hauptopfer ihres Widersinns. Fast müßig schon, es auszusprechen, und doch notwendig, es immer wieder zu sagen: es ist kein haltbarer Zustand, daß inmitten von lauter bewaffneten und auf ihren Waffenglanz stolzen Völkern Deutschland allein waffenlos dasteht, so daß jeder, der Pole in Posen, der Tscheche auf dem Wenzelsplatz, ohne Scheu seinen Mut daran kühlen kann; daß die Erfüllung des Versprechens, die deutsche Abrüstung solle nur der Beginn der allgemeinen sein, immer wieder ad calendas graecas vertagt wird und jede Unmutsäußerung des deutschen Volkes gegen diesen Zustand als eine zu neuen Rüstungen auffordernde Bedrohung aufgefaßt wird. Diese Ungerechtigkeit ist die erste, die man nennen muß, wenn man dem deutschen Gemütszustand gerecht werden will; aber es ist nur zu leicht, fünf, sechs andere aufzuzählen, die sein Gemüt verdüstern, wie die absurden Grenzregelungen im Osten, das niemandem heilsame, auf das vae victis stumpfsinnig aufgebaute Reparationssystem, die völlige Verständnislosigkeit des jakobinischen Staatsgedankens für die deutsche Volksempfindlichkeit in der Minderheitenfrage, das Problem des Saargebietes, das keines sein dürfte, und so fort.

Das sind die außenpolitischen Reizungen und Leiden, von denen der deutsche Gemütszustand bestimmt ist. Es kommen tiefe, wenn auch unbestimmte und ratlose Zweifel innerpolitischer Art hinzu, Zweifel also daran, ob die im westeuropäischen Stil parlamentarische Verfassung, die Deutschland nach dem Zusammenbruch des feudalen Systems als das gewissermaßen historisch Bereithegende übernahm, seinem Wesen vollständig angemessen ist, ob sie seine politische Sittlichkeit nicht in gewissem Grade und Sinne entstellt und schädigt. Diese Sorgen einer volkspersönlichen, politischen Sittlichkeit sind um so quälender, als im Grunde niemand konkrete Vorschläge zum Richtigeren und Angemesseneren zu machen weiß, und vorderhand kein Schluß übrig bleibt als der, daß, solange es dem Deutschtum nicht gelingt, aus seiner eigensten Natur in politicis etwas Neues und Originales zu erfinden, man genötigt sei, aus dem Historisch-Überlieferten das Persönlichste und damit Beste zu machen, zumal kein Kenner des Deutschtums zweifelt, daß die bisher unternommenen Versuche, den demokratischen Parlamentarismus zu überwinden, der ost- und der südeuropäische, die Diktatur einer Klasse also und die des demokratisch erzeugten cäsarischen Abenteurers, der Natur des deutschen Volkes noch viel blutsfremder sind als das, wogegen zu einem Teile seine Geste vom 14. September sich richtete.

Es gehört nicht viel psychologische Kunst dazu, meine geehrten Zuhörer, um diese außen- und innenpolitischen Leidensmotive als die Ursachen zu erkennen, die neben der wirtschaftlichen Mißlage die sensationelle Wahlkundgebung des deutschen Volkes bestimmt haben. Es hat sich eines grell plakatierten Wahlangebotes zum Ausdruck seiner Gefühle bedient, des sogenannten nationalsozialistischen. Aber der Nationalsozialismus hätte als Massen-Gefühls-Überzeugung nicht die Macht und den Umfang gewinnen können, die er jetzt erwiesen, wenn ihm nicht, der großen Mehrzahl seiner Träger unbewußt, aus geistigen Quellen ein Sukkurs käme, der, wie alles zeitgeboren Geistige, eine relative Wahrheit, Gesetzlichkeit und logische Notwendigkeit besitzt und davon an die populäre Wirklichkeit der Bewegung abgibt. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Mittelklasse verband sich eine Empfindung, die ihr als intellektuelle Prophetie und Zeitkritik vorangegangen war: die Empfindung einer Zeitwende, welche das Ende der von der Französischen Revolution datierenden bürgerlichen Epoche und ihrer Ideenwelt ankündigte. Eine neue Seelenlage der Menschheit, die mit der bürgerlichen und ihren Prinzipien: Freiheit, Gerechtigkeit, Bildung, Optimismus, Fortschrittsglaube, nichts mehr zu schaffen haben sollte, wurde proklamiert und drückte sich künstlerisch im expressionistischen Seelenschrei, philosophisch als Abkehr vom Vernunftglauben, von der zugleich mechanistischen und ideologischen Weltanschauung abgelaufener Jahrzehnte aus, als ein irrationalistischer, den Lebensbegriff in den Mittelpunkt des Denkens stellender Rückschlag, der die allein lebenspendenden Kräfte des Unbewußten, Dynamischen, Dunkelschöpferischen auf den Schild hob, den Geist, unter dem man schlechthin das Intellektuelle verstand, als lebensmörderisch verpönte und gegen ihn das Seelendunkel, das Mütterlich-Chthonische, die heilig gebärerische Unterwelt, als Lebenswahrheit feierte. Von dieser Naturreligiosität, die ihrem Wesen nach zum Orgiastischen, zur bacchischen Ausschweifung neigt, ist viel eingegangen in den Neo-Nationalismus unserer Tage, der eine neue Stufe gegen den bürgerlichen, durch stark kosmopolitische und humanitäre Einschläge doch ganz anders ausgewogenen Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts darstellt. Er unterscheidet sich von diesem eben durch seinen orgiastisch naturkultischen, radikal humanitätsfeindlichen, rauschhaft dynamistischen, unbedingt ausgelassenen Charakter. Wenn man aber bedenkt, was es, religionsgeschichtlich, die Menschheit gekostet hat, vom orgiastischen Naturkult, von der barbarisch raffinierten Gnostik und sexualistischen Gottesausschweifung des Moloch-Baal-Astarte-Dienstes sich zu geistigerer Anbetung zu erheben, so staunt man wohl über den leichten Sinn, mit dem solche Überwindungen und Befreiungen heute verleugnet werden, – und wird zugleich des wellenhaften, fast modischephemeren und, ins Große gerechnet, bedeutungslosen Charakters eines solchen philosophischen Rückschlages inne.

Vielleicht scheint es Ihnen kühn, meine geehrten Zuhörer, den radikalen Nationalismus von heute mit solchen Ideen einer romantisierenden Philosophie in Zusammenhang zu bringen, und doch ist ein solcher Zusammenhang da und will erkannt sein von dem, dem es um Verstehen und Einsicht in den Zusammenhang der Dinge zu tun ist. Es findet sich mehr zusammen, um die politische Bewegung, von der wir sprechen, die nationalsozialistische, vom Geistigen her zu stärken. Dazu gehört eine gewisse Philologen-Ideologie, Germanisten-Romantik und Nordgläubigkeit aus akademisch-professoraler Sphäre, die in einem Idiom von mystischem Biedersinn und verstiegener Abgeschmacktheit mit Vokabeln wie rassisch, völkisch, hündisch, heldisch auf die Deutschen von 1930 einredet und der Bewegung ein Ingrediens von verschwärmter Bildungsbarbarei hinzufügt, gefährlicher und weltentfremdender, die Gehirne noch ärger verschwemmend und verklebend als die Weltfremdheit und politische Romantik, die uns in den Krieg geführt haben.

Gespeist also von solchen geistigen und pseudogeistigen Zuströmen, vermischt sich die Bewegung, die man aktuell unter dem Namen des Nationalsozialismus zusammenfaßt und die eine so gewaltige Werbekraft bewiesen hat, vermischt sich, sage ich, diese Bewegung mit der Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsroheit, die über die Welt geht, als ein Produkt wilder, verwirrender und zugleich nervös stimulierender, berauschender Eindrücke, die auf die Menschheit einstürmen. Die abenteuerliche Entwicklung der Technik mit ihren Triumphen und Katastrophen, Lärm und Sensation des Sportrekordes, Überschätzung und wilde Überzahlung des Massen anziehenden Stars, Box-Meetings mit Millionen-Honoraren vor Schaumengen in Riesenzahl: dies und dergleichen bestimmt das Bild der Zeit zusammen mit dem Niedergang, dem Abhandenkommen von sittigenden und strengen Begriffen, wie Kultur, Geist, Kunst, Idee. Entlaufen scheint die Menschheit wie eine Bande losgelassener Schuljungen aus der humanistisch-idealistischen Schule des neunzehnten Jahrhunderts, gegen dessen Moralität, wenn denn überhaupt von Moral die Rede sein soll, unsere Zeit einen weiten und wilden Rückschlag darstellt. Alles scheint möglich, scheint erlaubt gegen den Menschenanstand, und geht auch die Lehre dahin, daß die Idee der Freiheit zum bourgeoisen Gerümpel geworden sei, als ob eine Idee, die mit allem europäischen Pathos so innig verbunden ist, aus der Europa sich geradezu konstituiert und der es so große Opfer gebracht hat, je wirklich verlorengehen könnte, so erscheint die lehrweise abgeschaffte Freiheit nun wieder in zeitgemäßer Gestalt als Verwilderung, Verhöhnung einer als ausgedient verschrienen humanitären Autorität, als Losbändigkeit der Instinkte, Emanzipation der Roheit, Diktatur der Gewalt. In Polen werden vor den Wahlen die Führer der Opposition verhaftet, und der Staatspräsident beschimpft das Parlament im Jargon eines Gassenjungen; in Finnland entführen und mißhandeln die Lappos Andersgesinnte; in Rußland denkt man den Hunger derjenigen, denen man die Lebensmittel entzog, um auf dem Weltmarkt Verwirrungsdumping damit zu treiben, mit dem Blute erschossener Gegenrevolutionäre zu stillen; die Geheimnisse fascistischer Kerker sind nicht ganz Geheimnis geblieben; von den Verbannungsinseln für Gegner des Systems weiß man auch, und noch besser kennt man die Mittel mechanischer Gewalt, mit denen Südtirol nationalisiert wird, Mittel, mit denen heute München und morgen Berlin italienisch gemacht werden könnte: Die Gewalt beweist sich selbst damit, sonst nichts, und das ist auch nicht nötig, denn alle Rücksichten außer ihr sind gefallen, die Menschheit glaubt nicht mehr an solche und ist also »frei« zu ausgelassener Gemeinheit.

Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit entspricht eine Politik im Groteskstil mit Heilsarmee-Allüren, Massenkrampf, Budengeläut, Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Munde hat. Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung epileptische Ekstase, Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reiches oder einer proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz.

Ist das deutsch? Ist der Fanatismus, die Glieder werfende Unbesonnenheit, die orgiastische Verleugnung von Vernunft, Menschenwürde, geistiger Haltung in irgendeiner tieferen Seelenschicht des Deutschtums wirklich zu Hause? Dürfen die Verkünder des radikalen Nationalismus sich allzuviel einbilden auf den Stimmungszulauf, den sie gefunden, und ist der Nationalsozialismus parteimäßig gesehen nicht vielleicht ein Koloß auf tönernen Füßen, der an Dauerhaftigkeit nicht zu vergleichen ist mit der sozialdemokratischen Massenorganisation? Nur der Fanatismus, so heißt es, kann Deutschland wieder aufrichten. Goethe schildert im Epilog zur Glocke das Verhalten eines großen Menschen zur widerstrebenden Umwelt und spricht:

»Von jenem Mut, der früher oder später

Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt,

Von jenem Glauben, der sich stets erhöhter

Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt,

Damit das Gute wirke, wachse, fromme,

Damit der Tag dem Edlen endlich komme.«

Wäre nicht dieser Mut dem Deutschen, von dem die Menschheit ein Bild der Rechtlichkeit, Mäßigkeit, geistigen Biederkeit im Herzen trägt, angemessener als das Berserkertum der Verzweiflung, als der Fanatismus, der heute deutsch und allein deutsch heißen will? Staatsmänner von echter Deutschheit, die als solche in aller Welt erkannt und geliebt wurden, haben diesen bald sich vordrängenden, bald geschickt sich schmiegenden Mut, den Mut der Geduld bewährt und viel mehr damit erreicht, als zu erreichen wäre, wenn wir der Welt zu ihrem mitleidigen Befremden das Schauspiel ekstatischen Nervenzusammenbruchs böten.

Nun ist freilich der Augenblick schon gekommen, wo der militante Nationalismus sich weniger militant nach außen denn nach innen erweist. Schon sucht er seine außenpolitische Unschuld und vernunftvolle Mäßigkeit der Welt zu beweisen, indem er erklärt, daß Deutschland keinen Krieg führen könne und daß unter seiner Herrschaft keine gewaltsame Veränderung nach außen versucht werden solle, versichert es, um sich weltmöglich zu machen. Sein Haß richtet sich nicht sowohl nach außen wie nach innen, ja, seine fanatische Liebe zu Deutschland erscheint vorwiegend als Haß, nicht auf die Fremden, sondern auf alle Deutschen, die nicht an seine Mittel glauben und die er auszutilgen verspricht, was selbst heute noch ein umständliches Geschäft wäre, als Haß auf alles, was den höheren Ruhm, das geistige Ansehen Deutschlands in der Welt ausmacht. Sein Hauptziel, so scheint es immer mehr, ist die innere Reinigung Deutschlands, die Zurückführung des Deutschen auf den Begriff, den der Radikal-Nationalismus davon hegt. Ist nun, frage ich, eine solche Zurückführung, gesetzt, daß sie wünschenswert sei, auch nur möglich? Ist das Wunschbild einer primitiven, blutreinen, herzens- und verstandesschlichten, Hacken zusammenschlagenden, blauäugig gehorsamen und strammen Biederkeit, diese vollkommene nationale Simplizität, auch nach zehntausend Ausweisungen und Reinigungsexekutionen zu verwirklichen in einem alten, reifen, vielerfahrenen und hochbedürftigen Kulturvolk, das geistige und seelische Abenteuer hinter sich hat wie das deutsche, das eine weltbürgerliche und hohe Klassik, die tiefste und raffinierteste Romantik, Goethe, Schopenhauer, Nietzsche, die erhabene Morbidität von Wagners Tristan-Musik erlebt hat und im Blute trägt? Der Nationalismus will das Fanatische mit dem Würdigen vereinigen; aber die Würde eines Volkes wie des unsrigen kann nicht die der Einfalt, kann nur die Würde des Wissens und des Geistes sein, und die weist den Veitstanz des Fanatismus von sich.

…

Am Ende der Politik Stresemanns stand und steht die friedliche Revision des Versailler Vertrages mit bewußter Zustimmung Frankreichs und ein deutsch-französisches Bündnis als Fundament des friedlichen Aufbaus Europas. Das deutsche Volk, das Frankreich nicht einmal im Kriege gehaßt hat, ist, welchen Anschein auch die Dinge im Augenblick gewonnen haben mögen, zu diesem Bündnis bereit. Ich sage das nicht, weil ich es wünsche, weil ich die französische Literatur bewundere oder aus solchen persönlichen Gründen, sondern einfach, weil mein deutsches Gefühl es mir sagt. Und Franzosen, die ihr Volk so gut kennen, wie ich das meine zu kennen glaube, versichern für die andere Seite dasselbe. Bei allen Diskussionen freilich über das Schicksal Europas, allen Versuchen, die Starrheit der internationalen Lage zu lösen, stellt Frankreich die These der Sicherheit in den Vordergrund, der unbestreitbar kostbaren Sicherheit Frankreichs. Nun, meine geehrten Zuhörer, ich bin mir wohl bewußt, daß die Wände dieses Saales Ohren haben und daß vielleicht auch Franzosen, aus allgemeiner Achtung vor deutschem Geistesleben, auf meine Worte hören. Und darum will ich es aussprechen: Die beste, die wirklichste Sicherheit Frankreichs ist die seelische Gesundheit des deutschen Volkes. Daß diese Gesundheit gestört ist durch eine allgemeine politische und wirtschaftliche Krise, die aber für Deutschland durch unweise Friedensbedingungen aufs gefährlichste verschärft wird, sieht die Welt. Darum lasse Frankreich mit sich reden, wie es sich zwischen gesitteten und vernunftvollen Völkern geziemt, über die schlimmsten Punkte eines Vertrages, geboren aus einer Gemütsverfassung, die nicht danach angetan war, echte Verträge zu zeitigen, eines Vertrages, dem Dauerlosigkeit von Anbeginn an der Stirne geschrieben stand.

Jeder Außenpolitik, meine geehrten Zuhörer, entspricht eine Innenpolitik, die ihr organisches Zubehör darstellt, mit ihr eine unauflösliche geistige und sittliche Einheit bildet. Wenn ich der Überzeugung bin – einer Überzeugung, für die es mich drängte nicht nur meine Feder, sondern auch meine Person einzusetzen –, daß der politische Platz des deutschen Bürgertums heute an der Seite der Sozialdemokratie ist, so verstehe ich das Wort »politisch« im Sinn dieser inneren und äußeren Einheit. Marxismus hin, Marxismus her, – die geistigen Überlieferungen deutscher Bürgerlichkeit gerade sind es, die ihr diesen Platz anweisen; denn nur der Außenpolitik, die der deutsch-französischen Verständigung gilt, entspricht eine Atmosphäre im Inneren, in der bürgerliche Glücksansprüche wie Freiheit, Geistigkeit, Kultur überhaupt noch Lebensmöglichkeit besitzen. Jede andere schlösse eine nationale Askese und Verkrampfung in sich, die den furchtbarsten Widerstreit zwischen Vaterland und Kultur und damit unser aller Unglück bedeuten würde.

Wir verabscheuen diesen krankhaften und zerstörerischen Widerstreit. Der Friede nach außen ist eins mit dem inneren Frieden. Das letzte Wort des Reichsanwalts in Leipzig, als er die Verurteilung der jungen Offiziere gefordert hatte, lautete: »Ich wollte die Angeklagten nicht kränken.« Nein, nicht um Kränkung geht es, auch hier und heute nicht. Der Name voll Sorge und Liebe, der uns bindet, der nach Jahren einer halben Entspannung uns heute wieder wie 1914 und 1918 im Tiefsten ergreift, uns Herz und Zunge löst, ist für uns alle nur einer: Deutschland.

QUELLE: Thomas Mann: Essays, Band 3: Ein Appell an die Vernunft 1926 – 1933; © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1994


Arbeitslosenschlange beim Stempeln im Hof des Arbeitsamtes Hannover, Frühjahr 1932

Pulsuz fraqment bitdi.

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25 may 2021
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9783954623525
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