Kitabı oxu: «Die Kraft des Miteinander»
Systemische Therapie und Beratung
In den Büchern der Reihe zur systemischen Therapie und Beratung präsentiert der Carl-Auer Verlag grundlegende Texte, die seit seiner Gründung einen zentralen Stellenwert im Verlag einnehmen. Im breiten Spektrum dieser Reihe finden sich Bücher über neuere Entwicklungen der systemischen Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien und Kindern ebenso wie Klassiker der Familien- und Paartherapie aus dem In- und Ausland, umfassende Lehr- und Handbücher ebenso wie aktuelle Forschungsergebnisse. Mit den roten Bänden steht eine Bibliothek des systemischen Wissens der letzten Jahrzehnte zur Verfügung, die theoretische Reflexion mit praktischer Relevanz verbindet und als Basis für zukünftige nachhaltige Entwicklungen unverzichtbar ist. Nahezu alle bedeutenden Autoren aus dem Feld der systemischen Therapie und Beratung sind hier vertreten, nicht zu vergessen viele Pioniere der familientherapeutischen Bewegung. Neue Akzente werden von jungen und kreativen Autoren gesetzt. Wer systemische Therapie und Beratung in ihrer Vielfalt und ihren transdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenhängen verstehen will, kommt um diese Reihe nicht herum.
Tom Levold
Herausgeber der Reihe Systemische Therapie und Beratung
Christoph Klein
Ben Furman (Hrsg.)
Die Kraft des Miteinander
Innovative Methoden
der Netzwerk- und
Gemeinschaftsarbeit in
Familien, Therapie, Schule
und Beratung
Mit einem Geleitwort von Gerald Hüther
2021

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Jakob R. Schneider (München)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)
Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Berlin)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe »Systemische Therapie und Beratung«
hrsg. von Tom Levold
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann
Umschlagmotiv: Birdie © Ingo Maurer
Umschlagfoto: © Tom Vack
Redaktion: Veronika Licher
Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2021
ISBN 978-3-8497-0368-4 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8291-7 (ePUB)
© 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag
und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
Alle Rechte vorbehalten
Aus dem Niederländischen übersetzt von Lotte Hammond
und aus dem Englischen übersetzt von Johannes Hampel
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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und zum Verlag finden Sie unter: https://www.carl-auer.de/
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Carl-Auer Verlag GmbH
Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg
Tel. +49 6221 6438 - 0 • Fax +49 6221 6438 - 22
Inhalt
Geleitwort
Einführung
1Wiedergutmachung – Das Tor zu neuer Resonanz im Miteinander
Philip Streit und Hanna Weber
Was ist Wiedergutmachung?
Welche Bedeutung hat Wiedergutmachung?
Was braucht es zur Wiedergutmachung?
Wie läuft ein Wiedergutmachungsprozess ab
Wiedergutmachung stärkt die Selbststeuerung und die Beziehung
Noch einmal zusammengefasst
2Wiedereingliederungs-Versammlungen mit Häftlingen – wie sie Inhaftierten zugutekommen und nahestehenden Menschen helfen
Lorenn Walker und Anouck De Reu
Hintergrund für versöhnende und lösungsfokussierte Wiedereingliederungs-Versammlungen
Wiedereingliederungs-Versammlungen als gemeinschaftsbildende Kraft
Schritte der Wiedereingliederungs-Versammlungen
Verbindungen in das soziale Netzwerk nach Wiedereingliederungs-Versammlungen
Forschungsergebnisse zu Wiedereingliederungs-Versammlungen
Wie Wiedereingliederungs-Versammlungen der psychischen Gesundheit nahestehender Menschen aus dem sozialen Netzwerk helfen
Schlussfolgerungenn
3Der Familienrat und die Wiederherstellung von Familienidentität – Ein Vermächtnis der Maori für kultursensible Praxis und gemeinschaftliche Krisenbewältigung
Erzsébet Roth
Die Koordinatorin eines Familienrats beginnt ihre Arbeit
Die Vorbereitungsphase beginnt mit der Netzwerkarbeitn
Der »unwillige Vater«
Der Familienratstag
Die Informationsphase als Rahmen für die exklusive Familienzeit
Der Familienrat als handlungsmethodisches Paradigma zur Würdigung und Nutzbarmachung von Familien- und Netzwerkbeziehungen
Der Familienrat als Chance, vorhandene Identitätsbilder neu auszurichten
Schlussbetrachtung
4»Bring das Dorf in die Klinik!« – »Neue Autorität« als Hilfe für Eltern
Idan Amiel
Gemeinschaftliches Handeln im Beichtstuhl des Therapeuten
Der kulturelle Wandel von der Religion zur Wissenschaft in der Kindererziehung
Der afrikanische Kompass für WEIRD-Eltern
»Bring das Dorf in die Klinik!« – Vier Schritte der Intervention
Ein Fallbeispiel – Ellens virtuelles Dorf
Schlussbemerkung
5Der Open-Dialogue-Ansatz – Netzwerkorientierung in der Psychiatrie und ihre Bedeutung für eine therapeutische Haltung
Jaakko Seikkula
Jeder sollte angehört und respektiert werden
Wichtig ist die Präsenz im Moment
Durch Resonanz den Diskurs normalisieren
Worte für Emotionen finden und Gefühle aushalten
Am wirksamsten in schwersten Krisen
Verkörperte Erfahrungen in der Beziehung heilen
Vom Blick auf Symptome zur genaueren Betrachtung des Lebens übergehen und Unsicherheit zulassen
Idealtypische Methoden für die Organisation von Dialogen im Netzwerk
Fallbeispiel – Zwei Personen brauchen gleichzeitig Hilfe
Ohne Forschung hätte nichts geschehen können
6TwoSystem Treatment – Ein integratives Schnittstellenprojekt im Bereich Jugendhilfe und Psychiatrie
Ulrich Baus
Ausgangslage
Entstehung des TwoSystem-Treatment-Programms
Die zentralen Erkenntnisse hierbei sind: Stationäre versus ambulante Akutversorgung
Akutversorgung im häuslichen Umfeld
Das »finnische Modell« im Saarland
Die Ausdifferenzierung der Zielgruppe – neue Herausforderungen entstehen
Das TwoSystem-Treatment-Programm
Module im Hilfeprozess
Programmbeendigung
Fallbeispiel – Niemand will Tobias
Schlussbetrachtung
7Kidstime: Resilienzaufbau für Familien mit psychisch belasteten Elternteilen
Klaus Henner Spierling
Pssychisch belastete Eltern: ein wichtiges Thema?
Auswirkungen elterlicher psychischer Erkrankung auf die Kinder
Das Kidstime-Modell
Fallbeispiele
Das Handlungsfeld Schule
Zusammenfassung und Ausblick
8Mehrfamilienarbeit mit Familiennetzwerken
Eia Asen
Die Ausgangslage
Entstehung und Entwicklung der Mehrfamilienarbeit und unterstützender Netzwerktreffen
Konzept Mehrfamilienarbeit
Paradigmenwechsel in der Therapeutenrolle
Mentalisieren und Mehrfamilienarbeitsansätze
Fallbeispiel: Von Zwangskontext zur Selbsthilfe
Ausblick
9Ohne euch geht es nicht! Netzwerkarbeit bei Trennungskonflikten: Eine Notwendigkeit
Justine van Lawick und Erik van der Elst
Einleitung
Über den Einfluss wichtiger Bezugspersonen auf die Konflikte
Das direkte und indirekte Einbeziehen des Netzwerks
Schluss
10 FiSch und Familienstube – Netzwerkaktivierung in Kita und Schule
Ulrike Behme-Matthiessen und Thomas Pletsch
Die Ausgangslage: Überforderte Eltern – überforderte Schulen und Kitas
Theoretische Ansätze
Konzepte: FiSch und Familienstube
Voraussetzungen für erfolgreiche Netzwerkarbeit
Problem- und Lösungsbewusstsein – die Lösungstreppe
Netzwerkaktivierung durch FiSch und Familienstube
Netzwerke: Hürden und Grenzen
Ausblick
11 Probleme in Fähigkeiten verwandeln – Lösungsfokussierte Therapie mit Kindern als Gemeinschaftsaufgabe im Ich schaff’s!-Programm
Ben Furman
Das Problem in eine Fähigkeit verwandeln
Beschreibung der Fähigkeit
Auflistung der Vorteile der Fähigkeit
Unterstützer benennen
Imaginärer Unterstützer
Planung der Feier
Umgang mit Rückschlägen
Das Üben der Fähigkeit
Feiern des Erlernens der Fähigkeit
Eine andere Art zu reden
Systemischer Wandel
12 »Neue Autorität« in Schulen – das P. E. N.-Programm
Tal Maimon und Idan Amiel
Vom »Gewaltlosen Widerstand« zur »Neuen Autorität«
(Neue) Autorität und Schulen
Das P. E. N.-Programm für Schulen – Grundprinzipien
Einige grundlegende Werkzeuge aus dem P. E. N.-Programm
Ein Fallbeispiel: Das Klassenzimmer als Gemeinschaft
Abschließende Bemerkungen
13 Der Einsatz von Peer-Unterstützergruppen – eine wirksame Antwort auf Mobbing
Sue Young
Einführung
Gespräch mit dem zu unterstützenden Kind
Treffen mit der Unterstützergruppe
Überprüfung mit dem unterstützten Kind
Überprüfung mit der Unterstützergruppe
Die Wirksamkeit von Unterstützergruppen
Ein Fallbeispiel – Georg
Literatur
Über die Autorinnen und Autoren
Über die Herausgeber
Geleitwort
Auch ein Hirnforscher hat bisweilen mit etwas Glück einmal eine Erleuchtung. Ich hatte zwei nacheinander, vor etwa zwei Jahrzehnten, nachdem ich vorher ebenfalls für etwa zwei Jahrzehnte herauszufinden versuchte, wie unser Gehirn funktioniert, weshalb es manchmal nicht funktioniert und wie es wieder besser funktionsfähig gemacht werden kann.
Meine erste Erleuchtung bestand in der Erkenntnis, dass das Gehirn untrennbar mit dem Rest des Körpers verbunden ist und alles, was im Gehirn geschieht, Auswirkungen auf körperlicher Ebene hat – aber auch umgekehrt. Die zweite ergab sich daraus, dass ich zu verstehen begann, wie sehr jeder Mensch mit seinem Gehirn in ein soziales System eingebunden ist. Die dort gemachten Erfahrungen sind ausschlaggebend dafür, wie und wofür der Mensch sein Gehirn benutzt und wie es sich deshalb strukturiert. Für einen experimentellen Hirnforscher wie mich war das alles andere als banal, hieß es doch, dass es mir fortan nicht mehr möglich sein sollte, irgendetwas im Gehirn zu untersuchen oder gar verändern zu wollen, ohne gleichzeitig zu berücksichtigen, was sich im Körper und in der Beziehung der betreffenden Person zu anderen, eng mit ihr verbundenen Menschen abspielte. Das war zwar das Ende meiner Karriere als experimenteller Hirnforscher, dafür aber ebenso der Aufbruch in eine Welt der wachsenden Einsicht in bisher ungeahnte Zusammenhänge.
Die Entdeckung der schier unbegrenzten nutzungsabhängigen Neuroplastizität war der Schlüssel zum Verständnis der im Gehirn ablaufenden Selbstorganisationsprozesse. Sie machte die Strukturierung neuronaler Netzwerke und Verschaltungsmuster anhand der aus dem eigenen Körper und aus sozialen Interaktionserfahrungen zum Gehirn weitergeleiteten Signalmuster erklärbar. Aus diesem Grund »passt« das Gehirn eines jeden Menschen – auch wenn es für Außenstehende nicht so aussieht – immer optimal zu dessen Körper und seinen Erfordernissen und zu dem sozialen Umfeld, in das sie oder er hineinwächst, und damit auch zu den dort vorgefundenen Erfordernissen. Jede länger anhaltende Veränderung auf körperlicher oder sozialer Ebene führt zu einem Umbau im Sinne einer Nachjustierung der herausgeformten, das Denken, Fühlen und Handeln einer Person bestimmenden Verschaltungsmuster in ihrem Gehirn.
Die mit Abstand stärkste, das Gehirn eines Menschen strukturierende Kraft erwächst aus seinem subjektiven Erleben, aus den gemachten Erfahrungen in der Beziehung zu ihm besonders bedeutsamen und nahestehenden Personen. Sehr häufig kommt es in diesen Beziehungen zu tiefgreifenden Verletzungen, die den gesamten weiteren Lebensweg bestimmen können. Besonders fest im Gehirn verankert werden dabei allerdings nicht die Verletzungen, Übergriffe oder Missbrauchserfahrungen, sondern die jeweiligen Lösungen, die das betreffende Kind, der Jugendliche oder später der Erwachsene zu deren Überwindung oder Bewältigung bereits gefunden hat. Einmal gemachte, ungünstige Erfahrungen können nur durch neue, günstigere Erfahrungen überlagert werden. Und einmal gefundene, in der aktuellen Situation brauchbare, aber langfristig ungünstige Bewältigungsstrategien können erst dann durch neue, günstigere ersetzt werden, wenn die alten Reaktions- und Verhaltensmuster unbrauchbar werden. Warum? Weil sich in dem bisherigen Beziehungssystem, das deren Aneignung und Aufrechterhaltung erforderlich gemacht hatte, eine grundlegende Veränderung vollzogen hat.
Diese Zusammenhänge wurden wohl schon zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte von einfühlsamen und ganzheitlich denkenden Personen erkannt. Aber als biologisches, naturwissenschaftlich erklärbares und mit objektiven Verfahren nachweisbares Geschehen kennen wir sie erst seit wenigen Jahren. In unserer heutigen, vom Bemühen um Objektivität und Wissenschaftlichkeit geprägten therapeutischen und pädagogischen Arbeit ist das ein kaum zu unterschätzender Quantensprung. Ein Paradigmenwechsel, der nicht nur die bisherige Praxis therapeutischer und pädagogischer Bemühungen grundlegend infrage stellt, sondern der nun auch wissenschaftlich und objektiv begründbare Ansätze für die künftige Arbeit von Therapeuten, Pädagogen und Beratern bietet.
Deshalb ist dieses von Christoph Klein und Ben Furman herausgegebene Buch so zeitgemäß, so grundlegend und so hilfreich. Denn was wir jetzt brauchen, sind überzeugende Praxisbeispiele dafür, wie gut es mit dem Ansatz der aktiven Unterstützung durch nahestehende Personen gelingt, tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen in den beziehungsgestaltenden Erfahrungen der Menschen innerhalb ihres Lebensumfeldes zu machen. Die zentrale Botschaft dieses Buches lautet, dass für wünschenswerte Veränderungen eben nicht nur die Ebene der das individuelle Verhalten steuernden inneren Einstellungen, Haltungen und Überzeugungen bedeutsam ist, sondern auch die Beteiligung und Mitwirkung der Gemeinschaft, in der das Individuum lebt und eingebunden ist.
Die Herausgeber begreifen das Buch als Appell an alle Experten, Fachkräfte und Helfer, ihre Aufgabe darin zu sehen, solche Räume der Begegnung möglich zu machen. Die Beiträge zeigen auf beeindruckende Weise, wie Heilung, Veränderung und Potenzialentfaltung wieder gelingen und wo wir im Dialog miteinander zu neuer Resonanz finden. Das kann weder durch verbale Überzeugungsarbeit noch durch Verhaltenskonditionierung gelingen, nicht durch das Inaussichtstellen von Belohnungen oder Bestrafungen und auch nicht durch neue Erfahrungen in einem sozialen Umfeld, das mit dem für die jungen Menschen bedeutsamen sozialen Beziehungsgefüge nichts zu tun hat.
Deshalb bin ich sehr froh, dass in diesem Buch so viele Verfahren und Möglichkeiten vorgestellt werden, die alle das gleiche Anliegen verfolgen. Die hier versammelten Ansätze zeigen uns viele Wege zur Stärkung einer Gemeinschaft, deren Zusammenhalt verloren zu gehen droht.
Aber überzeugen Sie sich selbst! Ich wünsche Ihnen viele neue Erkenntnisse und Anregungen, die Sie aus der Lektüre gewinnen und die Sie in der Überzeugung stärken mögen, dass das, was wir uns alle wünschen, offenbar möglich ist – jedenfalls dann, wenn wir es anders umsetzen als bisher.
Dr. Gerald Hüther
Einführung
Liebe Leserin, lieber Leser,
lassen Sie uns an dieser Stelle erklären, was dieses Buch für Sie so lesenswert macht. Autoren und Autorinnen aus acht Ländern erzählen in dreizehn Beiträgen davon, wie in Familien, Therapie, Schule und Beratung, in der Kita, der Jugendhilfe, im Strafvollzug und in der Psychiatrie eine Netzwerke und Gemeinschaft stiftende Arbeit gelingt. Die vielfältige Zusammenarbeit, um die es geht, bezieht Familienmitglieder ebenso ein wie nahestehende Freunde, bedeutsame Gemeindemitglieder oder auch auf ähnliche Weise Betroffene. Das Buch zeigt, auf welche verbindende und Mut machende Weise die Kraft des Miteinander nutzbar wird. Dabei wird auch deutlich, wie diese Verbundenheit letztlich allen hilft.
In vielen Ländern werden die hier vorgestellten Ansätze, Verfahren und Methoden bereits in Kommunen, Schulbehörden, Jugendämtern und Kliniken praktiziert. Alle Autoren und Autorinnen sind Pioniere dieser Arbeitsweisen. Außerdem sind sie Teil eines internationalen Netzwerks, in dem diese innovativen und die Gemeinschaft stärkenden Herangehensweisen ständig weiterentwickelt werden. Ihre Vorgehensweisen sind dabei so altbewährt wie die afrikanische Weisheit, dass es ein ganzes Dorf braucht, damit sich Kinder gut entwickeln. Mit diesem Buch erhalten auch die Eltern Unterstützung. Diese Idee von Gemeinschaft ist indigenen oder auch stärker spirituell geprägten Kulturen schon immer vertraut. Daher finden sich auch in allen Beiträgen die »talking circles« wieder, eine Tradition indigener Kulturen, bei der sich eine Gemeinschaft im Kreis sitzend versammelt, um einander zuzuhören und zu besprechen, welche nächsten Schritte unternommen werden – sei es zur Unterstützung, zur Versöhnung oder zur Wiedergutmachung.
Wir sehen im Bereich der Sozialarbeit, der Schule und der Psychotherapie einen Trend innovativer Ansätze im Umgang mit den psychosozialen Herausforderungen unserer Zeit. Die neue Herangehensweise zeigt sich darin, dass Fachleute weniger davon überzeugt sind, alleine das Mittel oder die Lösung für das Problem eines Einzelnen, einer Familie oder einer Schulklasse zu kennen oder zu finden. Stattdessen machen sie sich alle miteinander auf die Suche nach Zusammenhängen und Möglichkeiten, etwas zu verändern. Dieses Buch ist eine vielstimmige Sammlung von solchen das »Dorf« einbeziehenden Ansätzen und Methoden im Umgang mit Problemlagen unterschiedlichster Art. Gesprächsrunden, Versammlungen und Netzwerktreffen schaffen Kontexte, in denen alle in Bewegung kommen, um gemeinsam Entwicklung zu ermöglichen. Hier erleben alle, dass sie wichtig sind, und nicht selten gilt: »Ohne euch geht es nicht!«
Als Fachleute haben wir gute Gründe, unseren Klienten diese Herangehensweise nicht nur zuzumuten, sondern auch zuzutrauen, statt sie im Glauben zu lassen, sie könnten uns die Verantwortung für ihre Entwicklung übergeben. Rat suchende Menschen trauen sich selbst oft weniger zu und glauben gleichzeitig, ein Experte wisse, was ihnen hilft. Aber das wissen wir nicht. Nicht zuletzt ist dieses Buch auch uns Fachkräften gewidmet, damit wir mutiger werden und uns üben, mehr im Dialog miteinander zu sein. Auch wir brauchen einander.
Das Buch passt in unsere Zeit. Als Gegenbewegung zur Individualisierung von Lebensentwürfen beobachten wir, dass der soziale Zusammenhalt und sein unersetzbarer Beitrag für psychische Gesundheit in unseren Hilfesystemen wieder mehr Beachtung findet. Sie werden lesen, auf welche Weise Kommunen, Klinikverwaltungen und gesetzgebende Parlamente dafür strukturell die Voraussetzungen geschaffen haben. Während der Arbeit an diesem Buch erleben wir weltweit die Auswirkungen des COVID-19-Virus. Quarantänemaßnahmen, Versammlungsverbote und Kontaktbeschränkungen sind für diejenigen besonders leidvoll, denen dadurch soziale Begegnungen abhandenkommen. In den Ländern mit den härtesten Ausgangsbeschränkungen traten abends Menschen auf ihre Balkone, Nachbarn musizierten zusammen oder applaudierten als Dank für das, was andere für die Gemeinschaft leisteten. Dieses Buch handelt von der existenziellen Erfahrung für uns Menschen, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Es ist ein systemisches Buch und im selben Jahr geschrieben, in dem nun auch in Deutschland die Systemische Therapie und ihr Menschenbild zur Grundlage einer Heilbehandlung anerkannt wurden. In den Leitlinien heißt es sinngemäß: Systemische Therapie fokussiert den sozialen Kontext und gibt zwischenmenschlichen Beziehungen eine besondere Relevanz. Die aktuelle Wirksamkeitsforschung der allgemeinen Psychotherapie bestätigt sie darin. Auch deshalb ist jetzt die Zeit gekommen, den Ansätzen und Methoden Aufmerksamkeit zu verschaffen, die wie Leuchttürme Orientierung dafür sind, die Türen des kleinen Beratungs-, Therapie- oder Klassenzimmers zu öffnen, um wirksamere Lösungen in der ganz eigenen soziokulturellen Lebenswelt unserer Klienten zu finden und zu zeigen, wie das ganze »Dorf« in Bewegung kommt.
Die Kraft des Miteinander ist ein Praxisbuch. Zur Veranschaulichung ihrer Vorgehensweise stellen alle Autoren und Autorinnen ihre Praxis anhand eines Fallbeispiels vor. Sie zeigen, wie sie es angehen, dass ein Wir-Gefühl entsteht und unter ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen zusammengearbeitet werden kann. Sie erzählen, wie ihre Ideen entstanden sind, wofür sich ihre Vorgehensweise eignet und was ihnen dadurch gelingt – häufig auch im Unterschied zu konventionellen Ansätzen und Methoden. Außerdem beziehen sich die Autoren in ihren Beiträgen aufeinander, um dem Buch selbst den Charakter eines Netzwerkes zu geben.
So ein Netzwerk braucht viele Knotenpunkte, Verbindungen und einen Rahmen, der Halt gibt. Dafür danken wir dem Berliner Zentrum für Präsenz und Kompetenz in Beziehungen (PUK) der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH. Nun hoffen wir, dass wir Sie zur Lektüre inspirieren konnten, und freuen uns auf den Dialog mit Ihnen, um voneinander lernen zu können.
Christoph Klein und Ben Furman Berlin und Helsinki, im Januar 2021
1Wiedergutmachung – Das Tor zu neuer Resonanz im Miteinander
Philip Streit und Hanna Weber
Wolfgang ist 24 Jahre alt, hat eine Behinderung und lebt in einer Einrichtung der Lebenshilfe. Auffällig ist, dass er sich wunderbar Dinge merken kann. Er prägt sich zum Beispiel eine ganze Einkaufsliste ein und bringt alle Artikel aus dem Supermarkt mit. Es fällt ihm jedoch sehr schwer, seine Impulse zu kontrollieren bzw. Regeln einzuhalten. Daneben hat Wolfgang noch einige spezielle Seiten, z. B., dass er sich nackt auszieht und auf die Hauptstraße stellt, wenn ihm etwas nicht passt. Oder dass man sich nicht sicher sein kann, ob er jemanden die Treppe hinunterschubst, wenn es nicht nach seinem Willen geht. Einmal wurde Wolfgang in eine neue Wohneinheit versetzt und begann dort lauthals die Betreuerin zu beschimpfen und zu attackieren: »Diese blöde Kuh mag ich nicht! Mit der will ich nicht arbeiten. Tut sie weg!«
Dies treibt Betreuer und Betreuerinnen immer wieder an den Rand der Verzweiflung. Es fällt ihnen oft schwer, die guten Seiten von Wolfgang zu sehen. Wolfgang hat aber noch eine andere Eigenschaft. Er entschuldigt sich immer wortreich, auch bei mir: »Dr. Streit, ich tu es nie wieder. Ich werde das nie wieder machen!«
Doch eines Tages sagte die Leiterin der Lebenshilfe zu ihm: »Lieber Wolfgang, jetzt ist es aber genug. Wir verlangen mehr von dir. Überleg dir, wie du den Schaden, den du bei den einzelnen Personen, aber auch bei uns als Verein angerichtet hast, wiedergutmachen kannst!« Wolfgang scheint das nicht zu verstehen, aber sein Herz tut es. Unterstützt durch eine Betreuerin macht er sich daran, für das nächste große Teamtreffen kunstvoll Brötchen in der Küche anzurichten. Er serviert diese am Beginn der Sitzung. Es sieht wunderbar aus. Bevor irgendwelche Worte des Dankes gesprochen werden können, will Wolfgang sich davonschleichen. Die Leiterin hält ihn jedoch auf, spricht Dankesworte und würdigt die außergewöhnliche Leistung, die Wolfgang vollbracht hat. Wolfgang blüht richtiggehend auf. Er ist stolz, wieder in der Gemeinschaft integriert zu sein und seine guten Seiten gezeigt zu haben.
Dieses Beispiel zeigt deutlich die Idee der Wiedergutmachung, die eine der unverzichtbaren Eckpfeiler der »Non Violent Resistance«-Ansätze ist und im Deutschen unter der Bezeichnung »Neue Autorität« und »Gewaltloser Widerstand« bekannt wurde.
In ihrem Beitrag für dieses Buch erzählen Tal Maimon und Idan Amiel, wie sie Lehrern und Lehrerinnen die Haltung der »Neuen Autorität« vermitteln, die es braucht, um Kinder beim Wiedergutmachungsprozess zu unterstützen (siehe S. 203). Dafür entwickelten sie das P. E. N.-Programm, das Lehrer die Grundhaltung des gewaltlosen Widerstands lehrt, um sie zur Handlungsfähigkeit zu ermächtigen. Die Abkürzung P. E. N. steht für die drei wichtigsten Dimensionen der »Neuen Autorität«:
1. Präsenz betont die Wichtigkeit der Anwesenheit und Zugewandtheit der Lehrer im Leben der Schüler.
2. Ermächtigung hilft Lehrern und Lehrerinnen, mit schwierigen Situationen im Klassenzimmer und mit auffälligen Schülern umzugehen. In dem Maße wie man den Handlungsspielraum der Fachkräfte erweitert, verbessert sich auch das Verhalten der Kinder.
3. Der letzte Buchstabe steht für Netzwerk-Unterstützung oder, wie wir es in diesem Buch nennen, den Unterstützerkreis. Wenn in schwierigen Situationen ein handlungsunterstützendes Netzwerk zur Verfügung steht, bestärkt das die Lehrer ebenfalls.
Mit Programmen wie diesen können Fachkräfte lernen, gewaltlosen Widerstand gegen Fehlverhalten zu leisten.
Das Schöne an gewaltlosem Widerstand? Er lässt das Kind nicht als besiegt zurück. Ganz im Gegenteil: Der Widerstand fördert beim Kind sogar die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und die Fertigkeit, konstruktive Lösungen zu suchen. Zahllose Beispiele belegen dies. Daher wird in der »Neuen Autorität« (Omer u. Streit 2016) immer wieder betont, dass es Widerstand, Ausgleich und Versöhnung anstatt Strafe braucht. Strafe mag manchmal in eng abgegrenzten Situationen sinnvoll sein, aber im Wesentlichen lässt die Strafe den Übeltäter als Besiegten und Entwürdigten zurück. Strafe bewirkt lediglich, dass man sich Verhaltensweisen aneignet, die nur dazu da sind, die Strafe zu vermeiden. Ähnlich verhält es sich mit Belohnung.
Wie das obige Beispiel sehr schön zeigt, ist eine so dahingesagte Entschuldigung nur eines der Mittel, um einer wirklichen Auseinandersetzung zu entgehen. Die Wiedergutmachung hingegen geht einen Schritt weiter. Sie ist das Bindeglied zwischen Widerstandsaktionen, Kooperation und Deeskalation.
Was ist Wiedergutmachung?
Die zentrale Idee der Wiedergutmachung ist, dass, wenn durch das Verhalten einer Person einer Institution oder einer Gemeinschaft ein Leid zugefügt wird, dieses nicht durch erniedrigende Akte, sondern durch Akte der sozialen Interaktion wiedergutgemacht werden kann. Das Leiden wird also entschädigt, sei es durch die Abmilderung des Leidens selbst oder durch die Leistung eines Ausgleichs. Im Gegensatz zur Strafe wird über Akte der Wiedergutmachung der konstruktive Dialog weitergeführt.
Welche Bedeutung hat Wiedergutmachung?
Eine Wiedergutmachung kann nicht nur den durch Kränkung, Verletzung, Sachbeschädigung oder Beleidigung angerichteten Schaden beheben, sondern auch das Ansehen des Kindes in der Familie oder Klasse wiederherstellen. In der Regel wird sie durch die Erziehungspersonen oder andere Unterstützer angeregt, wobei das Kind auch selbst die Idee dazu haben kann.
Die Grundcharakteristika der Wiedergutmachung sind im Folgenden beschrieben:
•Bei einem Fehlverhalten des Kindes, wie z. B. den Eltern Geld stehlen, die Schwester schlagen oder jemanden im Internet mobben, wird damit nicht nur das unmittelbare »Opfer« geschädigt, sondern auch die gesamte Gemeinschaft. Damit ist hier die Familie, die Klasse usw. gemeint.
•Wiedergutmachung ist ein Akt der sozialen Reintegration und des Aufeinanderzugehens.
•Wiedergutmachung führt Menschen zusammen. Sie lässt niemanden vor der Tür stehen.
•Wiedergutmachung ist keine Strafe! Sie stärkt das Kind, anstatt es zu demütigen. Die Toiletten zu putzen kann daher kaum eine Form der Wiedergutmachung sein, da eine solche Aufgabe den Keim einer Demütigung in sich trägt.
Was braucht es zur Wiedergutmachung?
Wiedergutmachung ist ein Prozess der Reintegration in die Gemeinschaft, an dem Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Betreuerinnen und Betreuer und das Kind oder der Jugendliche beteiligt sind. Folgende Grundvoraussetzungen gibt es:
1. Es braucht eine wertschätzende Haltung zu dem Kind. Das bedeutet, das Kind so zu akzeptieren, wie es ist, seine Stärken zu erkennen und zu sehen, anstatt es durch die Linse des Versagens oder des Fehlverhaltens zu betrachten.
2. Es braucht Erwachsene, die sich gegenseitig achten, unterstützen und bereit sind, sich zu vernetzen.
3. Es braucht die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Deeskalation. Diese entsteht nicht automatisch, kann aber gemeinsam erlernt werden. Letztendlich braucht es auch Souveränität, um diese Wiedergutmachung durchführen zu lassen.
Folgendes Beispiel zeigt, wie Wiedergutmachung ins Spiel gebracht werden kann.
ELTERN Anton, du hast etwas von deiner Cousine gestohlen. Wir stehen zu dir, aber hier hast du Unrecht getan – und das nicht nur ihr gegenüber. Die Stimmung der Familie ist ebenfalls getrübt. Da nun Schaden entstanden ist, muss es auch eine Entschädigung geben.
ANTON Aber ich habe mich doch entschuldigt! Mehr könnt ihr nicht verlangen.
ELTERN Durch dein Verhalten ist etwas zu Bruch gegangen. Das muss auf jeden Fall wiedergutgemacht werden.
ANTON Das mag schon sein, aber mir ist das egal. Ich habe mich schon entschuldigt.
ELTERN Okay, aber du sollst wissen, dass wir nicht vergessen, dass noch eine Wiedergutmachung aussteht. Vielleicht wäre es gut, wenn du einen Vorschlag machst. Wir haben Zeit und warten auf deine Ideen.
Nach einem solchen Gespräch können die Eltern einige Tage abwarten. Zu diesem Zeitpunkt kann auch der Unterstützerkreis hinzugezogen werden, den die Eltern aufgebaut haben. Eine Person, zu der das Kind einen guten Draht hat, bringt sich dann in den Prozess ein.
In Antons Fall ist eine solche Person seine Tante.
TANTE Ich habe gehört, was passiert ist. Deine Eltern haben vorgeschlagen, dass du Ideen für eine Wiedergutmachung anbietest, und darüber möchte ich gerne mit dir sprechen.
ANTON Okay, aber ich verstehe das nicht ganz. Was meinen sie mit Wiedergutmachung?
TANTE Überlegen wir doch gemeinsam, was als Wiedergutmachung für dich infrage kommen würde. Ein paar gute Ideen werden wir wohl zusammensammeln können. Der Vorschlag sollte sowohl mit deiner Würde vereinbar sein als auch deine Eltern zufriedenstellen.
ANTON Aber warum? Ich sehe nicht ein, warum ich mir jetzt darüber Gedanken machen muss!
TANTE Wenn du keine Vorschläge machst, werden deine Eltern sich etwas als Wiedergutmachung überlegen. Möglicherweise musst du dafür tief in die Tasche greifen, oder sie kürzen sogar dein Taschengeld. Aber ich bin mir sicher, dass, wenn du ihnen mit meiner Hilfe einen konstruktiven Vorschlag machst, sie ihn bestimmt annehmen werden. Ich werde dann auch versuchen, sie von deiner Idee zu überzeugen. Dann sind sowohl sie als auch ich zufrieden.
ANTON Das klingt gut, aber ich verstehe noch immer nicht, was das Ganze mir bringt.
TANTE Wenn du eine Wiedergutmachung vorschlägst, gehst du damit den ersten Schritt und zeigst, dass dir deine Familie wichtig ist und du dazugehören möchtest. Du verlierst nicht an Ansehen, sondern gewinnst welches.
ANTON Na schön, das ist vielleicht wirklich nicht so schlecht. Aber wie soll ich das jetzt machen?
TANTE Wie gesagt, ich bin gerne bereit, dir zu helfen. Wir können Möglichkeiten suchen, die auch für dich in Ordnung sind. Es geht hier nicht darum, wer der Boss ist! Du sollst einfach nur mit einer Geste deiner Cousine und deiner Familie zeigen, dass es dir nicht egal ist, was passiert ist.
Der Wiedergutmachungsprozess bringt festgefahrene Situationen wieder in Gang. Anstelle des problematischen Verhaltens des Kindes stehen die Lösungsansätze im Vordergrund. Ein Vorteil der Wiedergutmachung ist, dass ein Kind einen solchen Vorschlag akzeptieren kann, eine demütigende Strafe hingegen nicht. Durch die Teilnahme an einer Wiedergutmachung erfährt das Kind bzw. der Jugendliche Würdigung. Es kann darauf stolz sein und sich als selbstwirksam erleben. Dies ist gerade im Kindergarten ein wirksames Instrument.
Durch den gewaltlosen Widerstand und die Wiedergutmachung öffnen sich in problematischen Situationen neue Türen und während der Suche nach einer geeigneten Handlung entsteht Kontinuität. Die Anzahl an Möglichkeiten steigt und dadurch die Wahrscheinlichkeit für eine gute, konstruktive Lösung. Die Wiedergutmachung bezieht sich außerdem nicht nur auf den konkret angerichteten Schaden, sondern auch auf den Schaden, der in den Beziehungen zu anderen Personen entstanden ist. So kann das Kind wieder Verbundenheit und Zugehörigkeit zu seinem Umfeld – sei es die Familie, der Kindergarten oder die Schulklasse – erleben.
Wie läuft ein Wiedergutmachungsprozess ab?
Folgende Punkte sind wichtig:
•Reaktionen verzögern, deeskalieren und Hilfe suchen, organisieren und annehmen.
•Gewaltlosen Widerstand leisten, klare Botschaften vermitteln und bei diesen bleiben.
•Die Idee der Schadenswiedergutmachung ins Spiel bringen und gemeinsam Vorschläge und Ideen zur Wiedergutmachung sammeln.
•Dem Kind/Jugendlichen Zeit lassen.
•Gemeinsam mit dem Kind daran arbeiten, Unterstützer in den Prozess einzubeziehen.
•Die Wiedergutmachung darf das Selbstbewusstsein des Kindes nicht untergraben. Es soll sein Gesicht wahren können.
•Das Kind ermutigen und bei der unmittelbaren Durchführung unterstützen.
Ein Wiedergutmachungsprozess kann eine langwierige Angelegenheit sein, die viel Geduld und Kraft braucht. Nur mit viel Gefühl erkennt und nutzt man den Moment, in dem plötzlich etwas möglich wird, das vorher sehr unwahrscheinlich war.
Der 16-jährige Bastian beleidigt im Geografieunterricht seine Lehrerin: »Von dir, dummer Gans, will ich nicht mehr unterrichtet werden. Du machst den langweiligsten Unterricht überhaupt. Verzieh dich!« Bastian wird von der Schulleitung, seiner Beratungslehrerin und der Geografielehrerin in den Nachdenkraum gebracht. Während der Geografiestunden soll er ab jetzt dort bleiben und nach einer Lösung suchen, wie er sein Verhalten wiedergutmachen kann. Bastian kommt das ganz gelegen. Er erzählt seiner alleinerziehenden Mutter: »Jetzt brauche ich endlich nicht mehr bei dieser faden Tante im Unterricht zu sitzen. Im Nachdenkraum ist es viel besser. Dort machen mir die netten Lehrer konkrete Angebote. Ich bleibe da!«
Die Zeit vergeht und Bastian versäumt mehrere Geografiestunden. Begleitet vom Direktor kommt die Geografielehrerin zu Bastian und kündigt an: »In der übernächsten Geografiestunde findet die Abschlussprüfung für dieses Schuljahr statt. Du wirst sie in der Klasse ablegen. Allerdings darfst du die Klasse nur betreten, wenn du den Vorfall vor ein paar Wochen in Ordnung gebracht hast.« Bastian lächelt und denkt sich nichts dabei.
Plötzlich ist er wie vom Blitz getroffen. Letztens hatte er ein Vorstellungsgespräch für eine Lehre als Automechaniker. Dort hat er vorher sein Praktikum gemacht, was ihm riesigen Spaß bereitete. Um den Job zu bekommen, muss er allerdings ein ordentliches Schulabschlusszeugnis vorweisen, was ohne Geografienote nicht möglich ist. Bastian weiß nicht weiter und versucht es auf seine übliche Art und Weise: Er terrorisiert seine Mutter, ein gutes Wort für ihn einzulegen und ihm nicht seine Zukunft zu verbauen. Er wird sich sicher nicht bei der Lehrerin entschuldigen, das soll gefälligst sie machen.
Die Mutter holt ihren Bruder zu Hilfe. Bastian hat ein gutes Verhältnis zu seinem Onkel, und als sie über die Angelegenheit reden, kommen sie gemeinsam auf eine Idee: Bastian wird sich vor der ganzen Klasse entschuldigen und auch für alle Pizza mitbringen, um den Schaden wiedergutzumachen.
Gemeinsam bereiten sie den Tag der Wiedergutmachung vor. Auch Bastians Mutter hilft und ermutigt ihn, einen Plan für den Tag zu entwerfen. Als der Tag gekommen ist, fährt Bastian zusammen mit seiner Mutter und seinem Onkel in die Schule. Seine Mutter redet Bastian gut zu, doch Bastian verliert den Mut und er will das Weite suchen. Sein Onkel bleibt beharrlich. Er versucht, Bastian zu überzeugen, dass seine Mitschüler ihn als Pizzabringer bejubeln werden. Außerdem ist schon alles vorbereitet. Nach und nach leuchten Bastian die Vorteile ein. Er geht erhobenen Hauptes in die Klasse, spricht seine Entschuldigung aus und verteilt die Pizza. Die Jugendlichen klatschen in die Hände. Bastian ist wieder Teil der Klassengemeinschaft.
Damit wird mehr als deutlich: Wiedergutmachung bringt eine starke und positive Haltung in die Erziehung und schließt den Kreis der Grundelemente gelingender Beziehung.
Wiedergutmachung stärkt die Selbststeuerung und die Beziehung
Wiedergutmachung ist ohne einen sicheren Hafen oder unterstützende Eltern und Lehrer nicht denkbar. Im Weiteren bedeutet dies, dass Eltern beharrlich sein und ihren Kindern einen fixen Anker bieten sollten. Wiedergutmachung ist nicht ohne Deeskalation möglich und ermutigt zur Selbstaktivität. Sie fördert gute Beziehung und ist ein Grundelement zur Entwicklung eigener Selbststeuerung (Bauer 2015).
Wie diese Elemente zusammenspielen, sehen Sie in folgendem Beispiel:
Jonah stört den Englischunterricht wieder und wieder. Aufgrund seiner zahlreichen unverschämten Bemerkungen beschließt die Lehrerin, dass nur noch eins hilft: der Gang zum Direktor. Jonah weigert sich jedoch. Die Lehrerin ist ratlos. Spielt sie sich groß auf und schimpft mit Jonah, macht sie sich nur lächerlich. Sie beschließt, sich an die Unterstützergruppe ihres Kollegiums zu wenden. Dort wird entschieden, dass sie sich mit dem Sportlehrer zusammenschließen soll. Sport ist nämlich Jonahs Lieblingsfach. Gemeinsam laden sie Jonahs Eltern ein und erzählen von den Vorfällen im Englischunterricht. Weil Jonahs Mutter zunächst über die Anwesenheit des Sportlehrers verwirrt ist, erklärt die Englischlehrerin schnell: »Die Beleidigung eines Lehrers ist Sache des gesamten Lehrkörpers.« Das versteht Jonahs Mutter und schon ist ein Wir geschaffen. Sie ist sich jetzt auch sicher, dass sie gemeinsam die problematische Situation im Englischunterricht gut bewältigen können. Außerdem werden die Eltern dadurch in ihrer Ankerfunktion gestärkt. Sie geben zu, dass es auch zu Hause mit Jonah nicht immer leicht ist, was sich mit den Beobachtungen beider Lehrkräfte deckt.
Am nächsten Tag findet das Treffen statt. Jonah ist überrascht, dass der Sportlehrer auch anwesend ist. Deshalb erklärt ihm der Sportlehrer: »Wir haben einen Grundsatz: Wenn ein Lehrer beleidigt wird, ist das die Sache aller. Wir lassen solche Angelegenheiten nicht auf sich beruhen, sondern versuchen gemeinsam, eine Lösung zu finden. Uns geht es auch nicht darum, dich in deiner Würde zu verletzen, jedoch ist das Beleidigen und Stören im Unterricht für uns nicht akzeptabel.« Die Englischlehrerin ergreift das Wort: »Ein guter Ansatz wäre vielleicht ein Entschuldigungsbrief. Wir schlagen vor, dass du einen solchen verfasst.« Jonah ist zunächst unsicher, da ihm das Schreiben nicht leichtfällt, doch als sich die Runde einigt, dass seine Eltern ihn dabei unterstützen, stimmt er zu. Weil durch Jonahs Stören Schaden angerichtet wurde, schlägt der Sportlehrer eine Wiedergutmachung vor: »Wie wäre es, wenn du mir eine Woche lang nach der Schule eine halbe Stunde hilfst, den Turnsaal aufzuräumen? Später kannst du gern auch anspruchsvollere Aufgaben übernehmen. Zum Beispiel könntest du mir die Woche darauf helfen, die Zeit der jüngeren Schüler zu stoppen. Wie klingt das?«
Jonah willigt ein. Dieser Vorschlag verletzt ihn nicht in seiner Würde, und er kann sogar als rechte Hand des Sportlehrers fungieren. Nach Vollendung seiner Wiedergutmachung wird die Lehrerin in der Klasse verkünden, dass Jonah alles wieder in Ordnung gebracht hat.
Tipps für Wiedergutmachungshandlungen
-Das Kind hat die Nachbarin geärgert und bringt ihr als Entschädigung Blumen.
-Das Kind hat in einem Wutanfall Schaden in der Wohnung angerichtet und wäscht nun für einen Monat einmal wöchentlich das Auto der Familie.
-Das Kind hat seinen Bruder geschlagen und übergibt ihm deshalb ein selbstgebasteltes Geschenk.
-Das Kind schreibt einen Entschuldigungsbrief oder hilft dabei, ein Essen für die ganze Familie zu kochen.
-Das Kind unterstützt die Eltern bei der Garten- und Hausarbeit.
-Das Kind spielt mit der kleinen Schwester oder hilft ihr beim Hausaufgabenmachen.
-Das Kind schreibt eine Geschichte oder entwickelt eine künstlerische Darbietung für zu Hause, einen besonderen Anlass oder die Schule.
-Das Kind fertigt eine Zeichnung für die Klasse an oder bringt Kuchen mit in die Schule.
-Das Kind engagiert sich für ein soziales Projekt in der Schule oder in der Familie.
Noch einmal zusammengefasst
Es gibt viele Möglichkeiten zur Wiedergutmachung in der Familie, in der Schule, in Betreuungseinrichtungen oder auch anderswo. Das Wichtigste an der Wiedergutmachung ist, dass es kein demütigender, sondern ein die Verbindung stärkender, beziehungsfördernder, den Selbstwert unterstützender Prozess ist. Wie wir auch in den Beispielen gesehen haben, sind die Kinder oft von sich aus nicht gleich bereit, ihr Verhalten wiedergutzumachen, da ihre Angst, gedemütigt zu werden und als Verlierer dazustehen, groß ist. Daher ist es sinnvoll, diesen Prozess durch die Eltern oder Lehrer anzustoßen, dabei intensiv mit den Kindern zusammenzuarbeiten und sie zu unterstützen. Die Unterstützer sollten geduldig und beharrlich bleiben und nie die Beziehung zu den Kindern aus den Augen verlieren. Die vorgestellten Beispiele haben gezeigt, wie den Kindern die Idee der Wiedergutmachung nähergebracht werden kann. So entwickeln sich Standfestigkeit, Stärke und Souveränität. Wiedergutmachung stärkt außerdem die Haltungen der Positivität, der Zugewandtheit, des Widerstands und der Beharrlichkeit. Sie ist elementar für starkes und positives Handeln zur Unterstützung der Entwicklung von Kindern.
Wenn Kinder den Prozess des Schadensausgleichs oder der Wiedergutmachung nicht gleich akzeptieren wollen, liegt es an den Erwachsenen, eine Wiedergutmachungsmaßnahme festzulegen. Diese sollte logisch sein und vom Netzwerk der Unterstützer befürwortet werden. Wer durch sein Verhalten andere schädigt, schädigt nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Gemeinschaft. Wer Schaden anrichtet, sei es auch nur aus Unachtsamkeit, muss eine Entschädigung leisten. So lernt das Kind in einem konstruktiven Prozess, Lösungen für seine Fehler zu finden, und stärkt seine Fähigkeit zur Resilienz und Kreativität. Das abschließende Beispiel zeigt, dass es dabei ganz entscheidend ist, die Stärken und Leidenschaften des Kindes zu nutzen.
Der 13-jährige Dejan trifft in der Schulpause eine Mitschülerin mit einer Kastanie so hart am Kopf, dass diese einen blauen Fleck bekommt. Die Lehrerinnen sind empört und die Mutter verzweifelt. Dejan ist nicht zum ersten Mal aggressiv. Die Direktorin möchte Dejan vorsorglich für vier Tage suspendieren, dem wird allerdings von der obersten Schulbehörde nicht stattgegeben. Der Werklehrer hat die rettende Idee: Dejan soll eine Wiedergutmachung leisten. Diesmal reicht eine einfache Entschuldigung nicht. Mit diesen ist Dejan nämlich immer ganz schnell. Mithilfe seiner Mutter und der Unterstützung seines Erziehungshelfers und seines Lehrers ist Dejan bereit, den Schaden wiedergutzumachen. Sein Vorschlag: Als geschickter Handwerker und Bastler wird er ab sofort der Mitschülerin, die er mit der Kastanie getroffen hat, im Werkunterricht helfen. Dejan weitet sein Angebot aus und unterstützt bis zum Ende des Schuljahres auch alle anderen Schülerinnen beim Fertigstellen ihrer Projekte. Dejans Aggression hat eine Pause, denn er ist stolz, »endlich mal etwas Vernünftiges zu machen«.
Wiedergutmachung verharmlost nicht das Fehlverhalten, sie fordert sogar einen Ausgleich ein, der die Situation bereinigt und der für die Lösung des Problems notwendig ist. Wiedergutmachung demütigt und erniedrigt nicht. Im Gegenteil: Sie initiiert aus Widerspruch und Konflikt konstruktiven, wertschätzenden Dialog und positives Handeln. Sie ermöglicht aus einem Fehlverhalten heraus Potenzialentfaltung und Aufblühen, sie schafft Beziehung und Resonanz. Es ist kein Honiglecken, sondern harte Arbeit. Aber der Erfolg kann sich sehen lassen.
2Wiedereingliederungs-Versammlungen mit Häftlingen – wie sie Inhaftierten zugutekommen und nahestehenden Menschen helfen1
Lorenn Walker und Anouck De Reu
»Du bist zu nichts zu gebrauchen«, schreit die Mutter ihre Tochter April an, wobei ihr Spucke aus dem Mund fliegt, bevor sie ihre Lippen wütend vorstülpt. April ist 1958 vier Jahre alt; sie wohnt in einem großen Bundesstaat im mittleren Westen Amerikas. Sie steht dem Alter nach irgendwo in der Mitte von elf Kindern. April erinnert sich, dass, bevor sie 12 Jahre alt war, ihre Mutter »mir sagte, ich solle sterben und es hinter mich bringen. Sie sagte, ich hätte unsere Familie zerstört, und ich sei der Grund dafür, dass sie sich von meinem Vater habe scheiden lassen. Alles, was passiert sei, wäre meine Schuld. Ich hätte all die Probleme verursacht«. April wurde herausgegriffen und während ihrer gesamten Kindheit härter bestraft als ihre zehn Geschwister. Sie erinnert sich, dass ihre Mutter sie einmal, als sie krank war, mehrere Tage lang in einem Zimmer einschloss und ihren Geschwistern »verboten wurde, überhaupt bei mir reinzuschauen«.
April war der »Sündenbock« ihrer Mutter für die Konflikte in der Familie, einschließlich ihrer Eheprobleme. Dass Eltern Kinder zum Sündenbock abstempeln, ist in konfliktreichen Familien weitverbreitet und kann der jugendlichen Entwicklung sehr abträglich sein (Vogel a. Bell 1960). Im Jahr 1967 ist April 14 Jahre alt. Sie geht nicht mehr zur Schule und hat nur die achte Klasse abgeschlossen. Inzwischen hat sie ihr Zuhause verlassen und wohnt mit einer Gruppe von Männern zusammen, die in den Zwanzigern sind. Sie leben in der Regel in verlassenen Gebäuden in der Stadt, die nur wegen eines dort befindlichen großen Automontagewerks überlebt. Aprils Vater ist Werksvorarbeiter und geht nun mit einer Rente in den Ruhestand. Viele der Männer, die Aprils »Familie« werden, nachdem sie von zu Hause weggegangen ist, sind Vietnam-Veteranen oder suchen nach Wegen, um der Einberufung zum Militär zu entgehen. Sie lieben April, die gut aussieht, witzig und klug ist. Sie erwidert die Zuneigung der Männer und hat eine Beziehung mit einem von ihnen. Sie behandeln sie wie eine geachtete kleine Schwester.
Die Männer konsumieren regelmäßig Heroin. April bittet sie, es auch nehmen zu dürfen. Sie verweigern ihr das zunächst. Irgendwann zermürbt sie Aprils Hartnäckigkeit. Sie lassen sie Heroin nehmen, und April wird schnell süchtig. Um ihren regelmäßigen Drogenkonsum zu finanzieren, stehlen die Männer Dinge aus Geschäften und Wohnungen. April verkauft Pillen vor allem an Highschool-Kinder. Als sie 17 Jahre alt ist, ist sie mit einem anderen Mann zusammen, den sie aus der Gruppe heraus kennengelernt hat und dessen Familie wohlhabend ist. 1970 nimmt er sie mit in ein Gästehaus auf einer Ranch in Hawaii, die seiner Familie gehört.
Während der nächsten 45 Jahre nimmt April regelmäßig Heroin und lebt oft auf der Straße. Sie hat vier Kinder, die von ihren Vätern, anderen Familienmitgliedern oder in Pflegefamilien aufgezogen werden.
Im Jahr 2020 ist April 67 Jahre alt und hat nur zu einem ihrer Kinder eine Beziehung, zu Francis, 46 Jahre alt. Francis’ Partnerin ist Malia. Francis hat auch einen Sohn namens Kimo, der 25 Jahre alt ist. Kimo, Francis, Malia und April sind alle schon einmal inhaftiert worden. Aktuell sitzt nur Kimo im Gefängnis ein. Die Hawaiischen Freunde der »Restorative Justice«2 (Hawai’i Friends of Restorative Justice, HFRJ) arbeiten seit einem Jahrzehnt mit allen vier Mitgliedern dieser Familie zusammen und helfen ihnen, sich an die Ressourcen der Gemeinschaft anzudocken, um ihr Leben zu verbessern. Die HFRJ trafen die Familie zum ersten Mal im Jahr 2010, als Francis sich für einen Kurs im staatlichen Frauengefängnis von Hawaii einschrieb: »Restorative Justice als lösungsfokussierte Antwort auf Konflikte und Fehlverhalten«.
Damals sagte Francis, sie habe kein Vertrauen in das Justizsystem, sie glaube, dass sie ihr Verhalten niemals ändern werde und dass ihr am besten gedient sei, wenn sie rebellisch und aggressiv sei. Als sie den Kurs der HFRJ besuchte, wurde sie vom Gefängnis als hohes Sicherheitsrisiko betrachtet. Sie tat nichts, um ihre Fortbildung zu fördern oder irgendeine Therapie zu erhalten, obwohl sie wegen Drogenmissbrauchs ins Gefängnis gekommen war. Statt wegen guter Führung wurde Francis von den Justizvollzugsbeamten häufig wegen Verstoßes gegen die Gefängnisregeln »aufgeschrieben«. Francis sagt, als sie vor zehn Jahren in den lösungsfokussierten Kurs ging, habe sie zum ersten Mal davon gehört, dass es nicht wichtig sei, sich auf ihre Fehler zu konzentrieren; dass sie das Potenzial habe, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, und sich jede Art von Leben schaffen könne, die sie sich wünsche. Anstatt sich auf ihre Defizite zu konzentrieren und zu versuchen, diese zu beheben, wurde sie ermuntert, über ihre Stärken und ihre Ziele nachzudenken. Francis überzeugte ihre Partnerin Malia, ebenfalls an dem Kurs teilzunehmen.
Francis und Malia lernen beide, dass ihre Gefühle immer gültig sind und dass niemand, auch nicht sie selbst, ihre Gefühle beurteilen sollte. »Spüre einfach achtsam deinen eigentlichen Gefühlen nach, ohne dich auf irgendetwas festzulegen«, lernen sie. Inakzeptabel sei es nur, auf Gefühle in destruktiver Weise zu reagieren, wie z. B. wütend zu werden und jemanden zu schlagen. Diese Impulse tragen dazu bei, dass Francis zunächst in dem lösungsfokussierten Kurs zu einer leistungsstarken Teilnehmerin wird. Die Mitarbeiter, die mit ihr arbeiten, stellen fest, dass sich ihr Verhalten von »bockig« zu »geduldig« verändert. Innerhalb weniger Jahre wird Francis Mitglied einer speziellen Arbeitsgruppe für das Gefängnispersonal (in einigen Gerichtsbezirken »Vertrauensleute« genannt), ausgestattet mit mehr Privilegien, Pflichten und einer kleinen Vergütung. Sie wird zu einer angesehenen Peer-Ausbilderin und zu einem Vorbild für andere. Es findet eine grundlegende Veränderung statt, die bis ins Jahr 2020 andauert. Francis ist außerhalb des Gefängnisses nicht wieder straffällig geworden und arbeitet nun als stellvertretende Leiterin eines Einzelhandelsgeschäfts. Auch Malia profitierte von dem Kurs, obwohl sie einmal einen Rückfall hatte und kurzzeitig wieder inhaftiert wurde. Zurzeit absolviert sie ein Programm gegen Drogenmissbrauch und ist begeistert von dem Gedanken, bald nach einem Job zu suchen. April arbeitet in Vollzeit in einem gut laufenden Einzelhandelsgeschäft und strebt an, sich am Community College als Studentin einzuschreiben. Sie und Francis pflegen weiterhin ihre Beziehung, wobei beide absolut drogenfrei bleiben und sich wie gesetzestreue Bürgerinnen verhalten.
Die HFRJ trafen Kimo, den Sohn von Francis, als er 17 Jahre alt und gerade inhaftiert worden war. Kimo hatte 2012 eine Wiedereingliederungs-Versammlung, als dieses Verfahren im Jugendgefängnis von Hawaii als Pilotprojekt für Jugendliche initiiert wurde. April hatte diese damals besucht. Kimo ist jetzt 25 Jahre alt und befindet sich in einem Gefängnis für Erwachsene, nachdem er rückfällig geworden und zu Drogen und Kriminalität zurückgekehrt war.
In diesem Beitrag wird erörtert, wie die HFRJ dieser Familie mit drei Generationen von inhaftierten Mitgliedern durch lösungsfokussierte und wiedergutmachende Gemeinschaftsbildung geholfen haben. Der Familie fehlten emotionale und gesellschaftliche Ressourcen, um die sozialen Notlagen, denen sie ausgesetzt war, zu bewältigen. Die Wiedereingliederungs-Versammlungen der HFRJ, bei denen jeder Einzelne als der beste Experte seines eigenen Lebens betrachtet wird, unterstützten die Familie mit Gemeinschaftskontakten und Ressourcen. Für jedes Familienmitglied wurde eine Versammlung organisiert, und bei diesen Treffen besprachen sie, was sie brauchten, um über die erlittenen Verluste hinwegzukommen. Sie überlegten gleichzeitig, wie sie am besten Verantwortung übernehmen und eine positivere Zukunft schaffen könnten. Anstatt sich bei der Planung ihrer Zukunft auf einen Fallmanager3 zu verlassen, boten die Wiedereingliederungs-Versammlungen die Möglichkeit, selber zu bestimmen, was sie wollten und wie sie es erreichen könnten. Die Versammlungen tragen zum Aufbau sozialer Fähigkeiten bei, indem sie Familienmitglieder und andere Menschen aus dem näheren Umfeld in den Prozess einbeziehen. Die Gruppe kommt im Gefängnis zusammen, bevor der Einzelne entlassen wird.4 Die Versammlung verstärkt bzw. erweitert das soziale Netz des Einzelnen und hilft ihm, zu bestimmen, was er in seinem Leben will und wie er es erreichen kann. Meistens wünschen sich die Teilnehmenden ein Leben frei von Drogenmissbrauch und Kriminalität. Sie wollen Wiedergutmachung für früheres Fehlverhalten leisten, positive Beziehungen zu ihnen nahestehenden Menschen und zur Gemeinschaft, sie wollen Arbeit, Unabhängigkeit und Gesundheit.
Der folgende Abschnitt enthält auch Ergebnisse neuerer Forschungen über den Nutzen der Wiedereingliederungs-Versammlungen für nahestehende Menschen aus dem sozialen Netzwerk, die in den Gruppen mitwirken. Heilung wurde für die Zwecke der Forschung definiert als selteneres Immer-wieder-Erinnern schmerzhafter Ereignisse (Vergebung) und mehr Optimismus.
Hintergrund für versöhnende und lösungsfokussierte Wiedereingliederungs-Versammlungen
Die HFRJ sind eine kleine gemeinnützige Organisation (NGO), die Interventionen konzipiert, anbietet und erforscht, um Lösungen für ernste soziale Probleme zu finden. Seit 2003 nutzen die HFRJ lösungsfokussierte (solution-focused, SF) Ansätze für Interventionen restaurativer Verfahren. Über vielfältige Anwendungen solcher Ansätze in Schulen finden Sie in diesem Buch Beiträge von Ben Furman (siehe S. 193) und Sue Young (siehe S. 222).
Restaurative Verfahren stellen eine gemeinschaftliche Alternative zum traditionellen hierarchisch-autokratischen und konkurrenzbetonten Justizsystem (Walker, Rodgers a. Umbreit 2018) dar. Lösungsfokussierte Ansätze bedienen sich insbesondere sprachlicher Mittel und schätzen die Bedeutung von Beziehungen bei der Unterstützung von Menschen in Schwierigkeiten hoch ein, damit diese ihre eigenen Problemlösungen finden (Berg a. de Shazer 1993). Howard Zehr, der weithin als Pionier und Vorreiter in der Entwicklung der modernen »Restorative Justice«5 anerkannt ist, definiert sie wie folgt:
»›Restorative Justice‹ meint einen Prozess, der so weit wie möglich diejenigen einbezieht, die an einer bestimmten Straftat beteiligt sind, und bei dem Verletzungen, Bedürfnisse und Verpflichtungen gemeinschaftlich ermittelt und angegangen werden, um Verletzungen zu heilen und die Dinge so weit wie möglich in Ordnung zu bringen« (2002, S. 37; Übers. d. Ü.).
Im Jahr 2004 half Insoo Kim Berg, Mitbegründerin der lösungsfokussierten Kurztherapie, den HFRJ bei der Entwicklung des Prozesses zu Wiedereingliederungs-Versammlungen (Walker a. Greening 2010). Der Prozess war für inhaftierte Personen konzipiert, um bei geschädigten Verwandten und Freunden Wiedergutmachung zu leisten, Ziele festzulegen und einen Plan für die Erlangung oder Aufrechterhaltung eines rechtskonformen Lebens zu entwerfen. Zu den Teilnehmern der Versammlungen gehören die inhaftierte Person, ihre eingeladenen Freunde und Verwandte und alle anderen Unterstützer sowie ein Vertreter des Gefängnisses, in dem sie inhaftiert ist. Der Prozess wurde in anderen Ländern und Staaten nachgebildet. Seit 2015 wird er vom Bezirksgericht der Vereinigten Staaten in Honolulu bei Personen angewandt, die wegen Verbrechen nach dem Bundesstrafrecht inhaftiert sind, und seit 2017 bei Personen, die sich in Bewährung nach dem Bundesrecht befinden (Walker a. Kobayashi 2020).
Wiedereingliederungs-Versammlungen wenden die Prinzipien der »Restorative Justice« von Howard Zehr an. Er ist erstens der Ansicht, dass sich restaurative Verfahren von den Werten Respekt, Verantwortung und Beziehung leiten lassen muss (van Worman a. Walker 2013). Zweitens glaubt Zehr, dass es die innere Natur einer Praxis ist, die sie zu einer restaurativen Praxis macht. Er erteilt folgenden Rat:
»Letztlich laufen restaurative Verfahren auf eine Reihe von Fragen hinaus, die wir stellen müssen, wenn Unrecht geschieht. Diese Leitfragen erfassen in der Tat das Wesen der ›Restorative Justice‹« (Zehr 2002, S. 58; Übers. d. Ü.).
Die Leitfragen der »Restorative Justice« sind die folgenden:
1. Wer ist geschädigt worden?
2. Was sind die Bedürfnisse der Geschädigten?
3. Für wen ergeben sich daraus Verpflichtungen?
4. Wer ist in dieser Situation Beteiligter?
5. Welches ist der geeignete Prozess, um Beteiligte in dem Bemühen einzubeziehen, die Dinge in Ordnung zu bringen?
Die Versöhnungsphase des Wiedereingliederungs-Prozesses stellt auf der Grundlage von Zehrs Arbeit die folgenden drei Fragen:
1. Wer war von dem Verhalten und/oder der Inhaftierung der Person betroffen?
2. Wie waren diese Menschen betroffen? (bezieht sich auf diejenigen, die durch die erste Frage als betroffen erkannt wurden)
3. Was könnte getan werden, um den Schaden zu beheben?
Die Teilnehmenden einer Versammlung reflektieren und diskutieren diese Fragen offen. Die Diskussion hilft allen, die Wahrnehmungen und Erfahrungen der anderen zu verstehen, was wiederum zu Empathie, Verständnis und Heilung beitragen kann. Wenn Einzelne diese Fragen gemeinsam erforschen, hilft das diesen Menschen, sich emotional und sozial miteinander zu verbinden.
Als Nächstes befasst sich die Gruppe damit, wie der Einzelne seine Bedürfnisse nach einem gesetzeskonformen, gesunden Leben erfüllen will, und hilft ihm bei der Planung. Zu den Bedürfnissen gehören Wohnen, Arbeit oder finanzielle Bedürfnisse, Verkehrsmittel, Identifikation mit etwas/jemand, Erhaltung der körperlichen und emotionalen Gesundheit, Freizeitgestaltung sowie andere spezielle Bedürfnisse wie etwa rechtliche oder besondere Interessen, die angesprochen und geplant werden. Oft helfen die Unterstützer der Versammlung freiwillig mit, den Einzelnen bei der Erfüllung seiner Bedürfnisse zu unterstützen. Viele Familienmitglieder stellen sich zur Verfügung bei der Suche nach Arbeit, Transport und anderen Erfordernissen, die die inhaftierte Person im Gefängnis haben könnte oder nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis tatsächlich haben wird.
Der Planungsprozess für die Wiedereingliederung war ursprünglich auf O’ahu (der hawaiianischen Hauptinsel) für die vom Staat Hawaii inhaftierten Männer vorgesehen. Gegenwärtig werden die Versammlungen für Frauen in staatlichem Gewahrsam, für Frauen in Bundesgewahrsam, die sich in Erwartung ihrer Verurteilung oder kurz nach ihrer Verurteilung in Bundeshaft befinden, sowie für Frauen auf Bewährung nach Bundesrecht bereitgestellt.
Im Jahr 2015 wurde bundesweit ein Pilotprogramm eingerichtet für Personen in Bundesgewahrsam und in Erwartung einer Verurteilung (Walker a. Kobayashi 2020). Im Jahr 2017 wurden Personen, die sich unter der Aufsicht des Bundesgerichts in Honolulu auf Bewährung befanden, sowie Personen nach ihrer Verurteilung in das Pilotprogramm aufgenommen und konnten eine Wiedereingliederungs-Versammlung beantragen. Einzelne Richter des Bundesgerichts in Honolulu entscheiden zusammen mit der US-Staatsanwaltschaft und dem Anwalt der Person, ob ein Antragsteller vor oder nach der Verurteilung für eine derartige Versammlung infrage kommt.
Hawaii und andere Staaten, die im Sinne dieses Programms arbeiten, haben Versammlungen für Bewährungshäftlinge und ehemals Inhaftierte eingerichtet. Der Versammlungsprozess wurde ganz oder teilweise auch in anderen Bundesstaaten und Ländern eingeführt und nachgebildet, darunter Kalifornien, New York, Washington, D. C., Pennsylvania, North Carolina, Vermont, Bermuda sowie Ungarn, Japan, Spanien, Finnland, Indien, Singapur, Brasilien, Neuseeland und Nepal.
Wiedereingliederungs-Versammlungen als gemeinschaftsbildende Kraft
Die Wiedereingliederungs-Versammlung hat zwei Hauptzwecke, die zur Bildung einer Gemeinschaft beitragen:
1. Die Versammlung gibt der inhaftierten Person die Möglichkeit, den nahestehenden Menschen aus dem sozialen Netzwerk alle Verletzungen, die sie durch das Verhalten der Person in der Vergangenheit und durch den Verlust eines geliebten Menschen, in der Regel eines Kindes, Elternteils, Geschwisters, Freundes usw., im Gefängnis erlitten haben, wiedergutzumachen.
2. Die Wiedereingliederungs-Versammlung ist eine Gelegenheit für die inhaftierte Person, bei ihren geschätzten und von den Verletzungen betroffenen Freunden und Verwandten, ihrer Gemeinschaft Wiedergutmachung zu leisten und für die nächste Zeit einen Plan vorzubereiten, der ihre Ziele festlegt und eine Strategie zu deren Erreichung entwirft.
Schritte der Wiedereingliederungs-Versammlungen
Die Planung des Wiedereingliederungs-Prozesses beginnt damit, dass eine inhaftierte Person sich um eine Wiedereingliederungs-Versammlung bewirbt. Nachdem die HFRJ den Antrag erhalten haben, trifft sich als Nächstes ein Vermittler mit dem Antragsteller, um ein lösungsfokussiertes Gespräch zu führen. Während des Gesprächs macht sich dieser Vermittler einen ersten Eindruck von der Person.
»Ein hilfreicher lösungsfokussierter erster Eindruck setzt voraus, dass der Vermittler an der Oberfläche bleibt und ›tiefschürfende‹ Annahmen darüber vermeidet, warum sich die Personen so verhalten, wie sie dies zu einem bestimmten Zeitpunkt tun, und sich stattdessen auf die Wertschätzung jeder wie auch immer gearteten Darstellung fokussiert« (Lee, Sebold a. Uken 2003, S. 25; Übers. d. Ü.).
Nach dieser ersten Einschätzung beglückwünscht der Vermittler die Person dazu, dass sie eine Versammlung einberufen möchte, um für ihre Verwandten und Freunde Wiedergutmachung zu leisten, und dass sie einen Plan für ihre Zukunft machen möchte. Dieser »Aufruf zur Verantwortung«, wie er von Alan Jenkins (1990) beschrieben wird, liefert dem Antragsteller einen stabilen Grund in seiner positiven Motivation, seine Beziehungen zu Mitgliedern der Familie sowie Freunden und Unterstützern wiederaufzubauen bzw. aufrechtzuerhalten. Forschungen darüber, wie die Abstinenz von Kriminalität und Drogenmissbrauch funktioniert, zeigen, dass Beziehungen zu rechtskonform lebenden anderen Menschen entscheidend sind, um drogen- und straffrei zu bleiben (Maruna 2005). Während des Interviews werden keine Fragen darüber gestellt, welche Vergehen der Einzelne begangen hat, die zu seiner Inhaftierung führten. Stattdessen werden Fragen gestellt wie: »Wie sind Sie bisher so gut zurechtgekommen?« Diese Art von lösungsfokussierten Fragen hilft, das ganze Auftreten der Personen zu verändern, die häufig den Blick senken und sich ängstlich zeigen und die dann zu aufrechter Körperhaltung, offenem Blickkontakt und einem Lächeln übergehen (Walker a. Greening 2013).
Nach dem Gespräch beruft der Vermittler die Wiedereingliederungs-Versammlung ein. Diese Einberufung kann bis zu 20 Stunden benötigen, um mit allen Freunden, Familienmitgliedern und anderen Unterstützern Kontakt aufzunehmen, die die Person in ihrem Antrag zur Durchführung einer Versammlung aufgeführt hat und von denen sie hofft, dass sie daran teilnehmen möchten. Nach vielen Kontakten mit den Personen, die an dem Treffen teilnehmen werden, plant der Vermittler die Versammlung im Gefängnis.
Jede Versammlung dauert etwa drei Stunden. Die erste Frage, die der Vermittler der inhaftierten Person stellt, lautet: »Worauf sind Sie am meisten stolz bei all dem, was Sie seit Ihrer Inhaftierung erreicht haben?« Als Nächstes gehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Versammlung umher und jeder teilt mit, was ihm an der inhaftierten Person am besten gefällt und was er oder sie für ihre Stärken hält. Oft ist es das erste Mal, dass sich die Gruppe in dieser Weise auf eine respektvolle, positive Diskussion einlässt. Häufig werden sowohl die Inhaftierten als auch diejenigen, die auf deren Stärken hinweisen, von Gefühlen überwältigt und fangen an zu weinen.
Außerdem kommen die Grundbedürfnisse des Einzelnen für den Übergang und die Wiederaufnahme in die Gemeinschaft zur Sprache. Zu den Bedürfnissen gehört es zu klären, wie es dem Einzelnen gelingen kann, Wiedergutmachung zu leisten und belastete Beziehungen zu seinen engsten Freunden und Familienmitgliedern und der Gemeinschaft wiederherzustellen. Ein vorrangiges Ziel des Wiedereingliederungs-Prozesses ist es, die Wiedergutmachungsbedürfnisse von nahestehenden Personen, denen der Einzelne Schaden zugefügt hat, zu befriedigen. Zu den weiteren Lebensbereichen eines Menschen, die zu einer gesetzeskonformen Lebensführung beitragen, gehören Wohnen, Arbeitsplatz, Transport, Lichtbildausweis und Dokumente, die für die Beschäftigung benötigt werden, körperliche und emotionale Gesundheit, Bildung, Freizeitgestaltung und alle anderen besonderen Bedarfslagen, z. B. Scheidung, Einwanderungsstatus, Umgang mit ausstehenden Bußgeldern usw., die ebenfalls während des Versammlungsprozesses besprochen werden (Walker a. Greening 2013).
Francis entschied in ihrer Versammlung, dass das tägliche Schreiben eines Tagebuches ihr helfen würde, sich emotional besser zu fühlen, aber ihr fehlten die Mittel, um ein Blanko-Notizbuch oder Papier zu kaufen. Unterstützer meldeten sich freiwillig und boten ihr an, ihr ein solches Tagebuch zu besorgen. Ein kostspieliges Bedürfnis, bei dem April von den Unterstützern in ihrer Versammlung Hilfe erhielt, war ein vollständiges künstliches Gebiss. Aprils jahrzehntelanger Heroinkonsum und die Schikanierung durch häusliche Gewalt hatten nämlich dazu geführt, dass sie alle ihre Zähne verloren hatte. Als Ergebnis von Aprils Versammlung wirkten drei gemeinnützige Vereine zusammen, damit April kostenlos einen kompletten Satz Zahnprothesen erhielt. Ohne diese Hilfe hätte sie sich das künstliche Gebiss nicht leisten können, und dadurch konnte April eine Arbeit im Einzelhandel finden, mit der sie bis zum heutigen Tag ihren Lebensunterhalt bestreitet.
Die Gruppe wird auch gefragt, ob und wann sie sich erneut treffen will, um zu besprechen, wie die inhaftierte Person oder andere, die sich freiwillig gemeldet haben, um sie bei ihrem Plan zu unterstützen, möglicherweise weitere Unterstützung benötigen. Normalerweise bitten die Betroffenen etwa sechs Monate nach dem ersten Treffen um eine Folge-Versammlung. Eine Person, mit der die HFRJ zusammenarbeitete, erhielt sechs Wiedereingliederungs-Versammlungen. Sie wurde zwar mehrmals wieder inhaftiert, aber die HFRJ hören nicht auf, daran zu glauben, dass es Hoffnung auf erfolgreiche Wiedereingliederung gibt.
Wenn die Versammlung sich dem Ende zuneigt, sagt schließlich jede Person etwas Lobendes über die inhaftierte Person. Das Treffen endet damit, dass die inhaftierte Person beschreibt, wie sie die Versammlung erlebt hat, und die Möglichkeit bekommt zu äußern, was sie der Gruppe sonst noch sagen möchte. Auch das ist ein sehr herzlicher, positiver Teil des Prozesses. Einige Tage nach dem Termin wird dem Inhaftierten bzw. dem Bewährungshelfer und den Teilnehmern der Versammlung ein detaillierter schriftlicher Plan zur Verfügung gestellt. Der Plan listet alle Stärken und Leistungen auf sowie die Art und Weise, wie die Person die Bedürfnisse, über die in der Versammlung gesprochen wurde, berücksichtigen will. Während einer Versammlung bieten Menschen oft auch freiwillig ihre Hilfe an, was ebenfalls in den Plan aufgenommen wird. Alle Aktivitäten werden mit Terminangaben versehen, z. B.: Tante Mig wird mit ihrem Nachbarn darüber sprechen, dass Francis sich bis zum 12. Dezember 2020 bei dessen Autowerkstatt um einen Job bewirbt.
Verbindungen in das soziale Netzwerk nach Wiedereingliederungs-Versammlungen
Menschen, die an Wiedereingliederungs-Versammlungen teilnehmen, um jemanden zu unterstützen, der aus dem Gefängnis kommt, bleiben oft miteinander in Verbindung und helfen auch noch Jahre später.
Francis, die ihre Versammlung 2012 hatte, wird weiterhin unterstützt. Im Jahr 2020 brauchten sie und Malia eine neue Unterkunft, und Menschen aus ihrer Versammlung gaben ihnen Hinweise auf Wohnmöglichkeiten. April möchte ebenfalls das Community College besuchen, aber sie schuldet dem College noch ein paar hundert Dollar aus einem früheren Studiendarlehen und kann nicht erneut zum College gehen, bevor es nicht zurückgezahlt ist. Die HFRJ und Unterstützer aus ihrer Versammlung helfen ihr, Wege zu finden, um ihre Schulden zu begleichen, damit sie das College besuchen kann.
Die Verbindungen und Beziehungen im sozialen Netzwerk, auch die wiedergefundenen und neu aufgebauten, können dem Einzelnen noch Jahre nach der Gründung einer Versammlung weiterhelfen.
Forschungsergebnisse zu Wiedereingliederungs-Versammlungen
Die Prozesse solcher Versammlungen sind gut erforscht. Eine unabhängige, quasi-experimentelle Auswertung der Ergebnisse bei Personen, die seit drei oder mehr Jahren aus dem Gefängnis entlassen sind, zeigt, dass sich die Zahl der Wiederholungstaten reduzieren (Walker a. Davidson 2018). Eine Studie darüber, wie sich die Reduzierung der Rückfälle in Kosten und Nutzen niederschlägt, wurde ebenfalls durchgeführt und wird demnächst in einem Artikel veröffentlicht. Es wurde auch untersucht, wie der Prozess Kindern hilft, deren inhaftierte Eltern solche Versammlungen durchführten (Walker, Tarutani a. McKibben 2015). Die Ergebnisse zeigen, dass Kindern, deren Eltern Versammlungen hatten, geholfen wird, sich von dem Leid zu erholen, das sie durch den Verlust eines Elternteils im Gefängnis zu ertragen hatten. Schließlich zeigen neue Forschungsergebnisse, die weiter unten erörtert werden, dass die Versammlungen anderen Angehörigen und Weggefährten (z. B. Eltern, Geschwistern, Tanten, Onkeln usw. sowie Freunden), die daran teilgenommen haben, helfen, sich mit dem Kontaktabbruch zu versöhnen, den sie durch den Verlust eines Freundes oder Verwandten im Gefängnis erlitten haben. Es wurden jedoch keine Forschungsarbeiten darüber gefunden, auf welche Weise restaurative Verfahren oder andere ähnliche Interventionen, wie die hier beschriebene Wiedereingliederungs-Versammlung, den Teilnehmern bei der emotionalen Heilung helfen, die weder Angehörige sind noch die verletzte Person, noch die Person, die Schaden angerichtet hat.
Bis heute haben die HFRJ 168 Wiedereingliederungs-Versammlungen ermöglicht, an denen insgesamt 749 Personen teilgenommen haben. Umfragen unter den Teilnehmern zeigen, dass 748 Personen den Prozess als positiv bewerteten, während eine Person berichtete, der Prozess sei »gemischt« oder »neutral« gewesen. Zusätzlich haben weitere 87 Familienmitglieder/Bezugspersonen, die nicht persönlich an einer Versammlung teilnehmen konnten, vor der Versammlung telefonisch oder per E-Mail Informationen an einen Moderator weitergegeben. Die Vermittler verwenden eine lösungsfokussierte Sprache, wenn sie mit den Kontaktpersonen am Telefon sprechen, z. B. wenn sie Fragen stellen wie: »Wie haben Sie es geschafft, trotz der Entbehrungen zurechtzukommen?« Die nahestehenden Personen, die nicht persönlich an einer Versammlung teilnehmen können, nehmen insofern indirekt daran teil, indem während des Treffens ihre Gedanken und Gefühle so weitergegeben werden, wie sie dem Vermittler vorher beschrieben wurden. Was ihnen an der inhaftierten Person gefällt und wie sie durch ihr früheres Verhalten verletzt wurden, wie diese ihnen durch die Inhaftierung verloren ging, das alles wird auf einen Zettel geschrieben, der auf einen leeren Stuhl gelegt wird, um den fehlenden Menschen aus dem sozialen Netzwerk während der Versammlung zu symbolisieren. Wenn dann nach und nach jedes Thema, das den Gruppenmitgliedern wichtig ist, an die Reihe kommt, werden ihre Kommentare während der Sitzung laut vorgelesen. Es ist hier auch notiert, was die Person ihrer Meinung nach tun könnte, um das erfahrene Leid wiedergutzumachen. Auch abwesenden Gruppen- bzw. Familienmitgliedern die Möglichkeit zu geben, über ihr Leiden zu sprechen, ist von Vorteil (Walker a. Goldstein 2019). Von den 87 befragten Gruppenmitgliedern, die in diesem indirekten Verfahren Auskünfte zur Verfügung stellten, fanden es alle bis auf eines hilfreich.
Wie Wiedereingliederungs-Versammlungen der psychischen Gesundheit nahestehender Menschen aus dem sozialen Netzwerk helfen
Diese Studie untersuchte den Heilungsprozess der Menschen aus dem sozialen Netzwerk einer inhaftierten Person, die an deren Wiedereingliederungs-Versammlung teilnahmen. Die Bedürfnisse der Familienmitglieder, wie die der Kinder inhaftierter Eltern, werden von der Justiz oder der Gemeinschaft nur selten, wenn überhaupt, mit Blick auf eine mögliche Unterstützung in Betracht gezogen. Die einfache Tatsache, dass jemand für diesen Wiedereingliederungs-Prozess auf die engeren Freunde und Angehörigen zugeht und sie einlädt, sich an den Versammlungen zu beteiligen, zeigt jedoch, dass die Gemeinschaft sich um sie kümmert und sie wertschätzt.
Ziel der Forschungsarbeit war es, noch mehr zu verstehen, wie die restaurative Praxis der Wiedereingliederungs-Versammlungen geliebten Menschen helfen könnte, das Wiedererleben schmerzhafter Erinnerungen zu reduzieren (Vergebung) und nach der Teilnahme an einer solchen Versammlung die Zukunft wieder positiver zu sehen (Zukunftsoptimismus). Die Definition des hier erforschten Heilungsprozesses beinhaltet »die Fähigkeit zur Vergebung, die einfach bedeutet, dass kein Wunsch nach einer anderen Vergangenheit mehr besteht [und] zunehmend Optimismus für die Zukunft aufkommt« (Walker, Tarutani a. McKibben 2015, S. 21; Übers. d. Ü.).
Als »nahestehende Menschen aus dem sozialen Netzwerk« definierte die Studie Geschwister, Eltern und andere, die emotional mit der inhaftierten Person verbunden sind (Walker, Sakari a. Brady 2006). Die Daten für die Studie wurden in telefonischen Interviews erhoben. Untersucht wurden Versammlungen, die zwischen den Jahren 2014 und 2019 durchgeführt wurden. 66 Personen, die lesbare Telefonnummern zur Verfügung gestellt hatten, wurden in den Fallakten gefunden und angerufen. Insgesamt 26 Personen wurden schließlich für diese Untersuchung kontaktiert und befragt.
Bei den Telefongesprächen wurde ein halbstrukturierter Interviewleitfaden verwendet. Dieser Fragenkatalog wurde vor Beginn des Interviews erstellt. Die Struktur des Interviews und die Reihenfolge der Themen konnten während des Gesprächs je nach Logik und Denkweise des Befragten variieren. Die Verwendung eines Gesprächsleitfadens birgt das Risiko, dass er künstlich wirkt. Es ist wichtig, dass der Forscher das Interview so natürlich wie möglich führt (Decorte e. Zaitch 2018), was hier auch versucht wurde.
Das Interview begann mit einer kleinen Einführung, bei der sich der Forscher vorstellte sowie über den Forschungsansatz und den Schutz der Privatsphäre des Befragten sprach. Als Nächstes las die Forscherin eine Erklärung zu den Themen vor. Zum einen ging es um Vergebung, definiert als die Fähigkeit, schmerzhafte Erinnerungen loszulassen, nachdem jemand an einer Wiedereingliederungs-Versammlung teilgenommen hat. Jeder Befragte wählte eine von fünf möglichen Antworten, um seine Meinung wiederzugeben. Die Antwort wurde verwendet, um die Einstellung der Befragten zum Prozess zu messen. Jeder der 26 Forschungsteilnehmer beantwortete die Fragen, indem er zwischen »stimme stark zu«, »stimme zu«, »keine Meinung«, »stimme nicht zu« oder »stimme gar nicht zu« wählte. Wenn der Befragte »stimme zu« wählte, wurde die nächste Frage gestellt: »Können Sie mir sagen, wie die Versammlung Ihnen geholfen hat, verletzende Erinnerungen loszulassen?« Wenn der Interviewte die Frage ohne Stellungnahme oder mit »stimme nicht zu« beantwortete, wurde er gefragt: »Können Sie mir sagen, wie die Versammlung Ihnen geholfen haben könnte, verletzende Erinnerungen loszulassen?«
Das zweite Thema des Telefoninterviews betraf den Zukunftsoptimismus. Für diese Studie wurde dieser wie erwähnt als die Fähigkeit definiert, zuversichtlicher in die Zukunft zu blicken. Auch hier wählte jede Person ihre Antworten aus: »stimme stark zu«, »stimme zu«, »keine Meinung«, »stimme nicht zu« oder »stimme gar nicht zu«. Danach folgte der Aussage eine offene Frage. Wenn der Befragte sich positiv geäußert hatte, lautete diese: »Können Sie mir sagen, wie die Versammlung Ihnen geholfen hat, positiv in die Zukunft zu blicken?« Wenn der Befragte die Frage ohne Positionierung oder ablehnend beantwortet hatte, wurde die Frage gestellt: »Können Sie mir sagen, wie die Versammlung Ihnen geholfen haben könnte, positiv in die Zukunft zu blicken?«
Die Antworten auf die erste Frage »Wie hat Ihnen die Wiedereingliederungs-Versammlung geholfen, schmerzhafte Erinnerungen loszulassen?«:
73 % der insgesamt 26 Befragten (19 Personen) in dieser Studie gaben an, dass sie es jetzt schafften, weniger über schmerzhafte Erinnerungen nachzudenken. 12 % (3 Personen) stimmten dieser Aussage nicht zu und waren nicht in der Lage, weniger an schmerzhafte Erinnerungen zu denken, nachdem sie an der Versammlung teilgenommen hatten.
Die Antworten auf die zweite Frage »Wie hat die Wiedereingliederungs-Versammlung nahestehenden Menschen aus dem sozialen Netzwerk geholfen, positiver in die Zukunft zu blicken?«:
84 % der 26 Befragten in dieser Studie (21 Personen) stimmten zu, dass sie nach der Teilnahme an der Versammlung positiver in die Zukunft blicken konnten. 8 % der Befragten (2 Personen) stimmten dem nicht zu und sagten, dass sie nach ihrer Teilnahme an der Versammlung nicht optimistisch in die Zukunft blicken können.
Das Interview gab den Befragten auch die Gelegenheit, mit eigenen Worten zu sagen, wie die Versammlung ihnen geholfen hatte oder hätte helfen können, positiver in die Zukunft zu blicken. Nach der Analyse der Antworten auf diese Frage wurde das Konzept des Zukunftsoptimismus in drei Dimensionen unterteilt: Kommunikation, Zukunftsorientierung und Perspektivenwechsel.
Kommunikation
Vier Befragte sprachen über die Fähigkeit, ihre Gefühle auf sichere Art und Weise auszudrücken, und wie wichtig es sei, positiver in die Zukunft zu blicken.
Befragter 13 beschreibt es wie folgt:
»Unsere Gefühle auszudrücken, miteinander zu sprechen, hat mir ein besseres Gefühl gegeben, wie alles jetzt läuft. Es ist immer noch eine traurige Situation, aber das Gespräch hat mir wirklich geholfen, optimistischer zu sein.«
Zwei Befragte kamen mit viel Ärger in die Versammlung und wollten nicht über die Situation sprechen. Nachdem sie an der Versammlung teilgenommen hatten, kamen viele ihrer zuvor unausgesprochenen Gefühle zum Vorschein, und dies habe ihnen geholfen haben, optimistischer in die Zukunft zu blicken. Sie beschreiben es wie folgt:
Befragter 21:
»Ich bin mit viel Wut in die Versammlung gegangen. Während der Versammlung erzählten mir alle, wie sie sich fühlten. Das half mir, positiver in die Zukunft zu blicken.«
Befragter 6:
»Vieles musste herauskommen, ich wollte es nicht, aber es ist herausgekommen. Das war eine gute Sache.«
Fokus auf die Zukunft
Einige Befragte waren hoffnungsvoll, nachdem sie an der Wiedereingliederungs-Versammlung teilgenommen hatten. Schlechtes war in ihren Augen zwar geschehen, aber nach der Teilnahme an der Versammlung wurden die Dinge besser. Im folgenden Kommentar spricht eine Befragte über die Veränderung, die sie sehen konnte, und darüber, wie hoffnungsvoll sie war, nachdem sie an der Versammlung teilgenommen hatte.
Befragte 7:
»Ich konnte die Veränderung in X sehen. Während der Versammlung haben wir viel miteinander gesprochen. Ich sah die Veränderung in ihrer Körpersprache. X machte sich ausgezeichnet, ich war wirklich hoffnungsvoll. Die Versammlung half mir zu sehen, wo jeder stand.«
Vier Befragte sprachen darüber, wie die Versammlung sie lehrte, den gegenwärtigen Moment zu schätzen. Sie sprachen über die Fähigkeit, positiver in die Zukunft zu blicken, indem sie in der Gegenwart lebten und sich vorwärtsbewegten. Andere beschrieben dies wie folgt:
Befragter 1:
»Die Versammlung hat mich gelehrt, dass man die Dinge im Moment schätzen muss, das, was man im Moment hat. Man kann die Vergangenheit nicht ändern und man muss nach vorne schauen.«
Befragter 4:
»Die Versammlung hat mir gezeigt, wie ich die Vergangenheit loslassen kann. Er hat mir gezeigt, dass ich nicht an der Vergangenheit festhalten sollte. Ich betrachte diesen Menschen jetzt positiver.«
Wechselnde Perspektiven
Einige Teilnehmer glauben, dass die Versammlung ihnen geholfen hat, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Befragter 18 reflektierte über seine veränderten Perspektiven, nachdem er an der Versammlung teilgenommen hatte:
Befragter 18:
»Nun, wir leben immer im Augenblick. Die Versammlung hat mich gelehrt, dass die Vergangenheit dich zu dem macht, was du jetzt bist. Sie gab mir verschiedene Perspektiven.«
Befragter 19 beschreibt im folgenden Kommentar, dass sich nicht die Vergangenheit, sondern dass sich seine Sicht auf die inhaftierte Person durch die Versammlung verändert hat.
Befragter 19:
»Es ist schwer zu erklären, aber die Versammlung gab mir eine andere Sicht auf X.«
Schlussfolgerungen
Inhaftierte Menschen stammen im Allgemeinen aus benachteiligten Familien bzw. schwierigen sozialen Umfeldern. Es ist für sie von entscheidender Bedeutung, Wege zu finden, um mit ihren Angehörigen, ihren Freunden und dem sonstigen sozialen Umfeld in Kontakt zu treten, die ihnen positive Unterstützung bieten können, damit sie von Drogenmissbrauch und Kriminalität Abstand nehmen (Maruna 2005). Die Wiedereingliederungs-Versammlungen geben Einzelpersonen die Möglichkeit, diese unterstützenden Verbindungen und Beziehungen zu entwickeln. April erhielt durch die Hilfe, die ihr von den Unterstützern in ihrer Versammlung angeboten wurde, ein vollständiges drittes Gebiss. Ihr Leben wäre ganz anders verlaufen, wenn sie das Gebiss nicht hätte. Damit ist sie in der Lage, im Einzelhandel zu arbeiten und in der Gesellschaft positiver zu wirken. Einzelne können, insbesondere wenn sie aus benachteiligten Umfeldern oder aus dem Gefängnis kommen, ihre Bedürfnisse nicht alleine abdecken. Sie brauchen Unterstützung und Beziehungen zu Menschen, die ihnen helfen können, grundlegende Veränderungen herbeizuführen. Die Wiedereingliederungs-Versammlungen unterstützen, wie die in diesem Beitrag berichtete Forschung zeigt, die nahestehenden Menschen aus dem sozialen Netzwerk auch dabei, das Leid zu überwinden, das der Verlust des ins Gefängnis gekommenen Menschen verursacht hat. Die Wiedereingliederungs-Versammlung ist eine Intervention, die auf verschiedenen Ebenen zum Aufbau einer Gemeinschaft beitragen kann. Sicherlich werden diese Treffen nicht alle Menschen verändern, aber sie sind eine tragfähige Alternative zum »Fallmanagement« und zu anderen gebräuchlichen Strategien, die derzeit zur Rehabilitation eingesetzt werden. Der Wiedereingliederungs-Planungsprozess sollte also breiter angelegt und weiter erforscht werden.
1Aus dem Englischen von Johannes Hampel.
2Der im Englischen gebräuchliche Begriff »Restorative Justice« wird meist auch im Deutschen verwendet. Es finden sich aber auch Bezeichnungen wie »Restaurative Justiz«, ausgleichende Gerechtigkeit oder auch restaurative bzw. Wiedergutmachungs-Verfahren (Anm. d. Hrsg.).
3Als Fallmanager wird die zuständige Person eines Amtes bezeichnet, die z. B. bei der Arbeitsvermittlung oder auch anderen Bedarfen wie Schulden, Wohnungssuche etc. hilft.
4Das Bezirksgericht der Vereinigten Staaten für den Bezirk Hawaii nutzt die Wiedereingliederungs-Versammlungen seit 2015, und für viele am Programm beteiligte Personen werden die Treffen bereits vor ihrer Verurteilung und Inhaftierung initiiert (Walker a. Kobayashi 2020).
5Indigene Menschen auf der ganzen Welt haben »Talking Circles« (Isaacs 1999) und auch im Westen wurden bis zur Eroberung durch die Normannen (Van Ness a. Strong 2002) Verfahren angewandt, die wiedergutmachenden Charakter hatten. Die moderne »Restorative Justice«, um die es in diesem Beitrag geht, begann sich im Westen in den 1950er-Jahren zu entwickeln mit dem Werk von Albert Eglash in den USA, in den 1970erJahren Nile Christie in Norwegen und in den 1980er-Jahren Howard Zehr (Walker, Rodgers a. Umbreit 2018).
3Der Familienrat und die Wiederherstellung von Familienidentität – Ein Vermächtnis der Maori für kultursensible Praxis und gemeinschaftliche Krisenbewältigung
Erzsébet Roth
Herr und Frau Özgür sind seit Jahren zerstritten. Sie haben drei gemeinsame Kinder, die bei Frau Özgür leben. Beide sind mittlerweile mit neuen Partnern liiert. Doch die Streitigkeiten nehmen kein Ende. Das Hilfesystem ist dabei aktiv mit eingebunden. Die Kollegin im Jugendamt erhält regelmäßige Beschwerdeanrufe des leiblichen Vaters: »Sie sollten mal überraschend zu Hause auftauchen. Was meinen Sie, wie es da zugeht. Es ist ja sonnenklar, sobald Sie sich anmelden, wird die Wohnung aufgeräumt, die Kinder hübsch angezogen und das ›Wir-sind-eine-gute-Familie-Gesicht‹ aufgesetzt. Gehen Sie mal überraschend hin, dann sehen Sie mal selbst die Zustände, die dort herrschen.«
Regelmäßig schreibt Herr Özgür dem Jugendamt Briefe, in denen er die aktuelle Situation der Kinder anprangert. Nach einem Kennenlernen und einer Bedarfsfeststellung handelt das Jugendamt. Doch die Briefe und Anrufe setzen sich fort. Mit Anwalt wurde auch schon gedroht. Die zuständige Jugendamtskollegin möchte dem entgegenwirken – mit einem Familienrat: »Wissen Sie«, berichtet sie in einem Telefonat der für den Familienrat beauftragten Koordinatorin, »die Streitigkeiten sind wohl schon zum Beziehungsmuster geworden. Am Anfang haben wir den Vater auch ernst genommen und haben tatsächlich Handlungsbedarf gesehen, aber mittlerweile haben sich die Kinder und die Mutter so gut entwickelt, dass die Anrufe und Briefe keine Rechtfertigung mehr haben. Ich nehme an, dass ein Familienrat vor allem dem Vater das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden. Er lebt jedoch mittlerweile in Österreich. Für den Familienrat müsste er in die Heimatstadt seiner Kinder kommen.« Die Koordinatorin versichert, zumindest in einem Telefongespräch zu versuchen, Herrn Özgür von einer Teilnahme zu überzeugen.
Der Familienrat entspricht im englischen Sprachraum der Bezeichnung »Family Group Conferencing« (FGC). Er ist ein Hilfeplanungsverfahren, das in Neuseeland entwickelt wurde und mittlerweile weltweit verbreitet ist. Die grundlegende Philosophie des Familienrats besteht darin, dass die Familie und ihre Gemeinschaft selbst über die Souveränität verfügen, ihre eigene Hilfe zu entwerfen. Vor 1989 waren Kinder, die aus Maori-Familien stammten im Vergleich zu Nicht-Maori-Kindern häufiger in Kinderheimen und Gerichtsverfahren wiederzufinden. Beteiligte Pädagoginnen und Pädagogen sowie Richterinnen und Richter waren vor allem aus Europa zugewandert oder hatten einen europäischen Migrationshintergrund. Im Rahmen einer umfassenden Bürgerrechtsinitiative in Neuseeland wurden Veränderungen im Kinder- und Jugendhilfesystem vehement eingefordert, eben weil eine »kulturelle Invasion« der europäischen Familienwerte und Verwaltungsnormen erkannt wurde. Um für das Wohl und die Sicherheit eines Kindes zu sorgen, das besondere Unterstützung brauchte, kannte die traditionelle Gemeinschaft der Maori die Idee des mātua whāngai.6 Kinder, die auf Hilfe angewiesen waren, wurden im Kreis der erweiterten Familie versorgt. Der Familienrat hat in einer die ganze Familie einbeziehenden Whānau Conference 7, die die Maori in solchen Fällen durchführen, seine traditionellen Wurzeln. Erklärtes Ziel einer Empfehlung des Bürgerrechtskomitees war es, Prinzipien des mātua whāngai in das soziale System zu integrieren und somit den Fokus wieder mehr auf die kindliche Entwicklung und Erziehung mit Unterstützung seines familiären Umfeldes zu setzen (Ministerial Advisory Committee on a Maori Perspective for the Department of Social Welfare 1988).
Die Orientierung an dieser Tradition für eine bedarfsorientierte Reform des Hilfesystems dient hier als herausragendes Beispiel für eine realisierbare Kooperation zwischen Regierungsbehörden und einer bestehenden, lebensweltlichen Gemeinschaft. 1988 wurde vom Department of Social Welfare unter Berücksichtigung des Sachverständigenberichts der Expertenkommission das Modell des mātua whāngai in Form des Family Group Conferencing gesetzlich verankert (Ministerial Advisory Committee 1988). Außerdem wurde durch das Festhalten des Ablaufs, der Durchführung und der Rolle der Koordination eines Familienrats im vorliegenden Gesetz das Hilfesystem dazu verpflichtet, im Falle des Kinderschutzes und in der Jugendgerichtshilfe den Kreis der Betroffenen zu erweitern und in die Lösungsfindung miteinzubeziehen.
Die Koordinatorin eines Familienrats beginnt ihre Arbeit
Im Rahmen der Vorbereitungsphase verabredet sich die Koordinatorin mit der Mutter (siehe Abb. 1). »Die Kinder sollten auch dabei sein, wenn es möglich ist«, empfiehlt sie am Telefon. Sie wird von der Mutter an der Wohnungstür begrüßt. Eine stattliche brünette Frau mit modernem Kurzhaarschnitt, gemütlichem Outfit und rotlackierten Fingernägeln. Mit einem Lächeln lässt sie die Koordinatorin in ihre Wohnung treten: »Kommen Sie herein.« Diese folgt der Mutter durch den engen Flur in das Wohnzimmer. Neben einer alten Zweier- und einer Dreisitzer-Couch findet ein großer PC-Tisch mit einem 17-Zoll-Bildschirm Platz. Davor sitzt der neue Ehemann, dreht sich auf einem Bürostuhl um und lächelt freundlich: »Guten Tag, ich bin der Mann von Frau Özgür.« Er streckt der Koordinatorin eine Hand entgegen, während die andere Hand hastig seine Zigarette zum Mund führt, um gierig daran zu ziehen. Er scheint etwas nervös zu sein.
Gegenüber der größeren Couch befindet sich ein riesiger Fernseher. Stumm flimmert eine der aktuellen Nachmittagssoaps über den Bildschirm. Die Luft ist getränkt von frischem Zigarettenrauch und die Geräuschkulisse erinnert, dank dem PC aus den 1990ern, an einen Heizungskeller. Die Wohnung könnte etwas Weiß vertragen – Tapeten und Gardinen haben die Farbe des Nikotins angenommen. Die Mutter ruft nach den Kindern und prompt stehen Yunus (8), Adam (12) und Ali (16), der Älteste, im Wohnzimmer und nehmen nach einem »Hallo!« auf dem Boden Platz. Ein Smalltalk beginnt, wie es dem Paar denn die Woche so erging. Die Koordinatorin versucht das Gespräch auf den Familienrat zu lenken: »Die Mitarbeiterin vom Jugendamt berichtete Ihnen ja schon vom Familienrat und sie teilte mir mit, dass Sie dafür bereit wären?« Frau Özgür erwidert: »Glauben Sie mir, wir tun alles, um den Vater loszuwerden.« Sie lacht verlegen: »Der Vater ist ja auch gar nicht das Problem. Eher die neue Partnerin. Seitdem er mit ihr zusammenlebt, hetzt sie ihn gegen uns auf. Andauernd beschwert er sich, dass die Kinder nicht gepflegt genug wären. Oder sie zu viel Fernsehen schauen. Wir sind zu allem bereit, damit das aufhört. Obwohl ich nicht so recht daran glaube, dass das was ändern könnte.«
Das Jugendamt möchte den Familienrat vor allem für den Vater und so fährt die Koordinatorin fort: »Nun gut. Für einen Versuch wären Sie doch bereit, oder?« Die Mutter nickt und versichert, dass es ja vor allem um die Kinder gehe. Auch die Kinder werden gefragt. Yunus und Adam sind mittlerweile mit dem Handy beschäftigt, der Älteste antwortet für alle drei: »Also wir sind bei allem dabei, sodass Mama und Papa nicht mehr so viel streiten.« Die Koordinatorin erklärt, wie die Vorbereitung auf den Familienrat ablaufen wird. »Wir könnten heute schon eine Netzwerkkarte erstellen. Da Sie ja insgesamt fünf Personen sind, würde ich vorschlagen, dass ich heute mit Ihnen, Frau Özgür, und Ihrem Mann die Netzwerkkarte mache, und ich vereinbare einen zweiten Termin mit Ihren Kindern, wäre das in Ordnung?«. Die Mutter zögert: »Okay, aber das sollte bitte nicht länger als eine Stunde dauern.« Die Kinder ergreifen die Chance und ziehen sich in ihre Räume zurück. Auch aus den Kinderzimmern dröhnen die Ventilatoren weiterer Computer.

Abb. 1: Schritte zur Durchführung des Familienrats (Roth u. Früchtel 2017, S. 27)
Die Vorbereitungsphase beginnt mit der Netzwerkarbeit
Die Koordinatorin holt ein großes Blatt Papier heraus: »Dann lassen Sie uns gleich loslegen.« Sie setzt ihre Routine fort: »Ich würde nun gern mit Ihnen einmal aufschreiben, wer bei Ihnen im Netzwerk denn alles so vorhanden ist. Es geht noch nicht darum, wer dann auch tatsächlich dabei sein wird. Es geht nur darum, wer grundsätzlich alles zur Verfügung steht.« Die Mutter beugt sich nach vorn, greift nach dem Stift und schreibt ihre Kinder, ihren Lebensgefährten und einen guten Freund des Lebensgefährten auf. »Das sind eigentlich alle, die ich dabeihaben möchte.« Die Koordinatorin setzt nach: »Es geht wie gesagt nicht darum, wer tatsächlich eingeladen werden soll, sondern wer alles so vorhanden ist in Ihrer Umgebung. Wissen Sie, manchmal vergisst man ja Personen, die im Nachhinein wichtig gewesen wären. Schreiben Sie auch gerne Bezugspersonen von Ihren Kindern auf.« Die Mutter zögert und listet mit erklärenden Beschreibungen der einzelnen Beziehungen weitere Personen auf. »Aber wie ich schon sagte: Die, die ich zu Beginn aufgeschrieben habe, die will ich dabeihaben.« Die Koordinatorin schaut auf das Blatt und überlegt, wie sie die Oma als wichtige Bezugsperson aller Kinder ansprechen soll. »Und Ihre Mutter wollen Sie wirklich nicht dabeihaben?« Frau Özgür fällt der Koordinatorin direkt ins Wort: »Nein, alle, bloß nicht meine Mutter. Sie haben ja keine Ahnung, wie das enden würde! Dann bin ich nicht mit dabei!«
»Frau Özgür, könnten Sie sich denn vorstellen, dass Ihre Mutter zumindest einen Brief für den Familienrat schreibt?« Die dreifache Mutter hat keine Einwände. Die Koordinatorin notiert sich das, fährt in der Planung fort und klärt Ort und Zeit mit der Familie ab. »Also, ich möchte nicht, dass das hier stattfindet. Das muss schon an einem neutralen Platz sein. Wir könnten das doch in der Moschee, hier um die Ecke machen, oder Salman?« Frau Özgür beugt sich nach vorn, um ihren Mann anzuschauen. »Ja, wir können mal fragen.« Die Koordinatorin bietet Unterstützung an für den Fall, dass es dort nicht möglich sein könnte. Auch die kulinarische Versorgung wird besprochen. »Ich mache das Lieblingsessen meines Ex-Mannes! Da bin ich aber auf das Gesicht seiner Lebensgefährtin gespannt!« Frau Özgür lacht und wirft dabei ihren Kopf in den Nacken.
Der »unwillige Vater«
Beim ersten Versuch der Kontaktaufnahme und der anfänglichen Begrüßung legt Herr Özgür auf: »Jugendamt? Nein, danke!« Die Koordinatorin schreibt einen Brief, in dem sie das Anliegen mit dem Familienrat erläutert. Auch einen Flyer und einen Internet-Link zu einem Kurzfilm über das Vorgehen legt sie bei.
Der Briefkontakt scheint geholfen zu haben. Herr Özgür ruft die Koordinatorin an: »Was genau wollen Sie denn?« Die Koordinatorin wiegt fast jedes Wort ab, bevor sie es ausspricht. »Es geht um Ihre Kinder. Sie werden nicht ernst genommen und die zuständige Kollegin im Jugendamt möchte das jetzt ändern. Sie möchte Sie ernst nehmen. Mit Ihrer Meinung und Ihrer Sorge, die Sie in Bezug auf Ihre Kinder haben. Und deshalb hat sie mich beauftragt, mit Ihnen einen Familienrat zu koordinieren.« Der Vater wirkt resigniert. »Ach wissen Sie, so oft haben wir schon, also meine Frau und ich, versucht, mit der Mutter der Kinder zu reden. Vergeblich. So oft haben wir die Missstände benannt und dass es so nicht weitergehen kann. Wissen Sie, das sind meine Kinder, und auch wenn sie leider nicht bei mir leben, möchte ich gehört werden. Das ist nicht in Ordnung.«
Die Koordinatorin zeigt Verständnis und versucht deutlich zu machen, dass der Familienrat ihm den Rahmen geben würde, den er jetzt bräuchte, um gehört und in seiner Rolle anerkannt zu werden. »Und inwiefern ist das anders als sonst? Der Mitarbeiterin im Jugendamt traue ich gar nicht mehr über den Weg. Sie nimmt ja meine Briefe nicht ernst und ignoriert sämtliche E-Mails oder Anrufe!« Die Koordinatorin versucht abzulenken und geht wieder auf den Punkt der Ernsthaftigkeit ein: »Der Familienrat ist für Sie die Chance, alle Ihre Sorgen zu platzieren und dafür Gehör zu finden. Sie sollen den Raum bekommen, den Sie so dringend als sorgender Vater benötigen. Kinder leiden ja auch darunter, wenn ihre Eltern so dermaßen zerstritten sind. Das sieht die Mitarbeiterin im Jugendamt ganz genauso und möchte Sie als Vater ernst nehmen.«
Der Vater setzt mit etlichen Berichten aus der Vergangenheit fort. Die Koordinatorin versucht immer wieder deutlich zu machen, dass im Rahmen des Familienrates das Hier und Jetzt angepackt und verändert werden kann. Es vergeht noch eine halbe Stunde, ehe der Vater zögerlich fragt: »Wie genau wird das denn ablaufen, bei so einem Familienrat?« Die Koordinatorin erklärt, dass es damit beginnt, wen er als Vater, wen die Mutter und wen die Kinder als wichtige Personen des Familienrates ansehen. Sie werden zu einem bestimmten Termin eingeladen an einem Ort, an dem sich die gesamte Familie wohlfühlt. »Zu Beginn wird die Mitarbeiterin des Jugendamtes noch mit dabei sein sowie mögliche weitere Fachkräfte, die Sie als Familie gerne dabeihaben möchten. Und nachdem das Jugendamt seine Sorge vorgetragen hat und auch Sie als Familie sagen, welche Sorgen Sie gerne bearbeiten möchten, verlassen die Fachkräfte und ich als Koordinatorin den Raum. Und dann überlegen Sie als Familie mit Ihrem Netzwerk, wie Sie das gemeinsam bewältigen können, und stellen einen Plan auf.« Der Vater bleibt skeptisch und meldet zurück, dass er und seine neue Frau sich Gedanken darüber machen und in der kommenden Woche sich noch einmal telefonisch bei der Koordinatorin melden. »Und wenn wir das machen – wie sollen wir denn nach Norddeutschland kommen? Sie wissen ja, wir leben in Österreich. Und die Großmutter der Kinder würde ich dabeihaben wollen. Sie ist ja auch wichtig für die Kinder.« Die Koordinatorin versichert, dass sie die Kosten dafür übernehmen würde. Und in Bezug auf die gewünschte Teilnahme der Großmutter versichert die Koordinatorin, es zumindest noch einmal mit Frau Özgür zu thematisieren.
In der darauffolgenden Woche meldet der Vater an, für einen Familienrat bereit zu sein. »Aber nur, wenn auch meine Frau kommen kann. Und die Oma der Kinder.« Die Koordinatorin entgegnet: »In Ordnung, ich werde das mit der Mutter besprechen und dann schauen wir, wann das stattfinden kann.« Der Vater erklärt sich einverstanden.
Die Organisation des Familienrats wird von einer unabhängigen Koordination durchgeführt, um durch die Trennung von »Wächteramt« und Organisation/Moderation des Hilfeplanprozesses annähernde Neutralität zu erreichen. Alle Teilnehmenden werden über Ziel und Ablauf des Verfahrens sowie ihre Rechte und die Bedeutsamkeit ihres Mitwirkens für eine die lebensweltliche Autonomie sichernde Lösung des Problems aufgeklärt. Die Koordination orientiert das Setting des Familienrats (Sprache, Ort, Termin, Rituale, Verpflegung) an der familiären Kultur. Fachkräfte haben im Familienrat eine rahmengebende Funktion. Das Kindeswohl zu gewährleisten ist auch hier ihre Kernaufgabe, allerdings bestimmen sie nicht, auf welche Weise dies zu erfolgen hat. Die Koordination unterstützt die Jugendamtssozialarbeiterin in der Formulierung einer gelungenen Sorgeklärung (z. B. Sicherheit eines Kindes in der Familie), die Anlass und Gegenstand der Lösungsüberlegungen sein soll. Zudem überlegt die Koordination gemeinsam mit den Betroffenen, welche weiteren Fachkräfte anwesend sein müssen, um als »Informanten« dem familiären Netzwerk Sachinformationen zur Verfügung zu stellen, die für eine tragfähige Lösung berücksichtigt werden sollten. Der Rat findet in den Räumlichkeiten einer Moschee statt. »Das ist neutral. Ich will ihn nicht hier zu Hause haben«, sagte die Mutter.
Der Familienratstag
Die Jugendamtsmitarbeiterin, die Kinder, Frau Özgür und ihr Mann und ein guter Freund von Ali kommen zusammen. »Er soll so ein bisschen die Moderatorenrolle übernehmen. Der macht das wirklich gut!«, erklärt Frau Özgür. Außerdem ist der Imam der Moschee mit dabei. »Er kennt mich und Herrn Özgür wie auch die Kinder, seitdem wir klein waren!«, sagt die Mutter.
Herr Özgür bringt Tee und Kaffee mit. Es herrscht eine angespannte Stimmung. Die Koordinatorin eröffnet die Runde und weist auf die einzige Grundregel des Familienrats hin, die gerade in dieser Familie sehr wichtig ist: »Es wird nicht über Vergangenes geredet.« Das bedeutet nicht, dass man nicht von vergangenen Ereignissen auf Zukünftiges schließen könne, aber die Regel ist wichtig, um sich nicht in alte Konflikte zu verstricken. Die Teilnehmenden sind still und warten. Die Koordinatorin muss sie direkt ansprechen. Es scheint ein merkwürdiger Unwille in der Luft zu hängen, das Gespräch zu beginnen. Die Jugendamtsmitarbeiterin nutzt eine stille Pause, um ihre Sorge mitzuteilen. »Liebe Familie Özgür, es freut mich wirklich, dass Sie sich bereit erklärt haben, hier heute zusammenzukommen. Das spricht für Sie und Ihren Willen, eine Regelung für Ihre Kinder zu finden! Ich habe grundsätzlich keine Sorge. Jedoch hoffe ich, dass Sie die heutige Chance nutzen, um Ihre Kommunikation untereinander neu auszurichten und eine Lösung zu finden, um in Bezug auf Ihre Kinder sich angemessen austauschen zu können. Sie haben als Familie schon so viel erreicht. Und Herr Özgür, ich habe Sie immer als sorgenden Vater erlebt, so wie Sie, Frau Özgür, als sorgende Mutter. Ich bin gespannt, auf was Sie sich heute einigen können.«
Die Familie schließt mit ihren Sorgen an, die die Koordinatorin auf dem aufgehängten Flipchartpapier festhält. Auch die Kinder trauen sich, ihre Sorge mitzuteilen. »Wenn wir bei dir sind, Papa, dann müssen wir immer so still am Esstisch sein. Und ihr streitet euch so oft mit Ali, wegen seiner Kleidung. Da will ich dann immer nach Hause«, erzählt Yunus. Weder er noch sein jüngerer Bruder spielen wie sonst auf ihrem Handy.
Der Imam kommt zu Wort und führt nach einem Bittgebet grundlegende religiöse Ansichten von Familiengemeinschaft und Freiheiten der Familienmitglieder aus: »Familie ist ein hohes Gut im Islam, genauso wie die freie Entfaltung des Einzelnen. Die Familie gilt als Grundstein der Gesellschaft, gleichzeitig bleibt die Würde des Menschen als oberstes Scharia-Prinzip davon unberührt. Was heute passiert, war schon tief in der religiösen Lebenspraxis unseres Propheten Muhamad – Friede und Segen seien auf ihm – verankert. In jeglicher Krisensituation galt schon immer die Anwendung des grundlegenden Schura-Prinzips: Alle Menschen, die zur Lösung des Problems beitragen, werden in die Entscheidungsfindung miteinbezogen. Ihr seid eine liebende Familie und ich wünsche mir für euch, dass ihr euer Problem lösen könnt.«
Die erste Phase – die Informationsphase – ist abgeschlossen und die Koordinatorin bittet die Mitarbeiterin des Jugendamtes und den Imam zu gehen. »Wenn Sie nicht weiterkommen, ich bin draußen im Foyer und warte. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen!«, verabschiedet sich die Koordinatorin von der Familie. Die Familie benötigt anderthalb Stunden und dann stellt der Vater den Plan der Familie und der Koordination noch einmal zusammenfassend vor.8
Es gibt genaue Absprachen zu den einzelnen Kommunikationswegen. Beide Partner versuchen, in einem angemessenen Ton miteinander zu sprechen. Ali darf sich so anziehen, wie er möchte, ohne dass der Vater oder seine neue Frau darüber mit ihm diskutieren. Vor allem geht es um die Gesprächsabläufe zwischen den Ehepartnern. »Also, wenn jemand von uns irgendwie sauer auf den anderen ist, gibt es ein Redeverbot, das über drei Tage dauert. Außerdem wird mich meine Ex-Frau über alle wichtigen Dinge auf dem Laufenden halten. Gerade, was die Schule betrifft. Dafür haben wir uns darauf geeinigt, dass ich maximal einmal in der Woche anrufe. Außerdem werde ich aufhören, das Jugendamt zu kontaktieren.«
Es klingt vielversprechend. Beim Abschied wendet sich die Mutter noch einmal an die Koordinatorin. Der Vater und seine Lebensgefährtin sind schon losgefahren, um ihren Zug nach Hause zu bekommen. Die Kinder warten draußen vor der Tür. Nach drei Monaten telefoniert die Koordinatorin zwecks Evaluation mit dem zuständigen Jugendamt der Familie, um festzustellen, dass der Familienrat die Beantragung des alleinigen Sorgerechts von Frau Özgür abwenden konnte.
Nach drei Monaten telefoniert die Koordinatorin zwecks Evaluation mit dem zuständigen Jugendamt der Familie, um festzustellen, dass der Familienrat die Beantragung des alleinigen Sorgerechts von Frau Özgür abwenden konnte.
Die Informationsphase als Rahmen für die exklusive Familienzeit
In der Informationsphase des Familienrats stellen sich die Teilnehmenden vor, die Koordination prüft, ob mit allen Beteiligten eine Absprache über die Aufgabe des Treffens besteht. Die eingeladenen Fachkräfte berichten ihren fallbezogenen Kenntnisstand und referieren Wissenswertes zum Problem, ohne dabei Lösungswege anzusprechen. Die Informationsphase endet mit der Sorgeerklärung des Jugendamtes sowie einer Auftragsformulierung an die Teilnehmenden: »Machen Sie einen Plan, wie …!« Schließlich verlassen alle Fachkräfte den Raum.
Dieser konsequente Rückzug der Experten ist eines der Hauptcharakteristika des Familienrats und macht klar, wer die Verantwortung für die Entscheidungsfindung hat. Er symbolisiert Vertrauen in die Kompetenz der Familiengruppe. Im Familienrat werden Problemursachen und Problemlösungen den Familien, Verwandtschaften, Netzwerken und Mitbürgern des Umfeldes zugeschrieben. Die relationale Herangehensweise bedingt die Erweiterung auf einen weiten Kreis von Beteiligten. Die Informationsgebenden (Fachkräfte) werden am Familienratstag dabei klar von den Betroffenen (Familiengruppe) getrennt. Damit werden deren unterschiedliche Funktionen für die Teilnehmenden deutlicher und die in der Familiengruppe vorhandenen Ressourcen besser genutzt. Das Erleben von Selbstwirksamkeit der Familie wird dadurch befördert und ihre Partizipation an der Hilfeplanung verwirklicht. Die Koordination sowie die eingeladenen Fachkräfte schaffen den Rahmen für exklusive Familienzeit, enthalten sich aber bei der Lösungssuche. Das erfordert koordinatorisches Handlungsgeschick, um ein der Familie entsprechendes Setting zu ermöglichen, in deren Kontext essenzielle Informationen aus der Fachwelt ebenso wichtig sind wie herausragende, die Entscheidungen beeinflussende Personen aus dem Netzwerk der Familie. Die Planung der Hilfe findet also schon in der Vorbereitungsphase statt, wenn die Koordination gemeinsam mit der Familie den Familienratstag plant. So hantiert in der Vorbereitungsphase die Koordination entschlossen mit potenziellen Möglichkeiten aus der Ressourcen- und Informationswelt, um die für die Familie geeignete Grundlage eines individuell passenden Hilfeplans zu schaffen, den die Familiengruppe selbstwirksam mitbestimmt.
Der Familienrat als handlungsmethodisches Paradigma zur Würdigung und Nutzbarmachung von Familien- und Netzwerkbeziehungen
Der Familienrat ist kein Entscheidungsfindungsprozess, an dem Betroffene beteiligt werden. Der Familienrat beteiligt Fachkräfte. Die Wirkmächtigkeit der Familie ist bei der Lösungssuche vollwertig gegeben und wird nicht durch Expertenratschläge verzerrt. Der Familienrat im Sinne des neuseeländischen Verfahrens versteht sich nicht als ein weiteres Instrument von vielen, sondern als zentrale Norm professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit des Landes. Die Bewältigung der Krise bleibt in der Verantwortung der Beteiligten und liegt damit nicht in der Gestaltungshoheit der Fachkräfte. Der eigentliche Familienrat gliedert sich in drei Phasen – Informationsphase, exklusive Familienzeit und Aushandlungsphase, die hier nur kurz skizziert wurden (genauere methodische Ausführungen in Roth u. Früchtel 2017 und Früchtel, Budde u. Cyprian 2013). In Deutschland findet der Familienrat in Jugendhilfe und Jugendgerichtshilfe Anwendung. In Europa ist der Familienrat in Großbritannien, Irland, Schweden, Norwegen und den Niederlanden verbreitet, wird aber auch in Belgien, Polen, Russland, Österreich und in der Schweiz genutzt. Als gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren existiert der Familienrat neben Neuseeland auch in Irland und einigen Provinzen Kanadas und Australiens. Eine rechtliche Verankerung auf der Ebene von Verwaltungsvorschriften findet sich zudem in Österreich (im Jugendstrafrecht), Großbritannien und Norwegen. In den beiden zuletzt genannten Ländern wird der Familienrat auch in der Gesundheitshilfe, Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie, Altenhilfe und in Schulen als Hilfeplanungs-, Unterstützungs-, Mediations- oder Entscheidungsverfahren eingesetzt. Der Familienrat im Sinne des neuseeländischen Verfahrens versteht sich nicht als ein weiteres Instrument von vielen, sondern als Prämisse für professionelles Handeln. So eröffnet sich ein neuer Handlungsspielraum professioneller Expertise, die hier näher betrachtet wird.
Die Haltung professioneller Fachkräfte und die Erkenntnis, dass Familien am ehesten Pläne umsetzen, die sie selbst entwickelt haben oder an denen sie aktiv beteiligt waren, zeichnen das Verfahren wesentlich aus. Praktizierende Sozialarbeitende wie auch Bürgerkoordinatoren9 berichten davon, dass die Familie und das Netzwerk zügig ihre Rollenzuschreibungen während des Familienrats begreifen, jedoch vereinzelt Experten schwer von Lösungsvorschlägen loslassen können. Ist das jedoch erst einmal überwunden und die Konzentration der Fachkräfte auf die Informationsphase fokussiert, eröffnet sich eine professionelle Dimension, die im Kontext sozialarbeiterischen Handelns nicht nur ungewohnt erscheint, sondern grundlegende Wirkmechanismen pädagogischen und auch therapeutischen Handelns freisetzt. Die Radikalität, der Familie die Hoheit im Entscheidungsfindungsprozess und zur Gestaltung der Hilfeplanung zu übergeben, impliziert die Konzentration der Fachkräfte auf ihr eigentliches Handwerk: Welche konkreten technischen Schritte liegen tatsächlich und greifbar in den Händen von Fachkräften, um ihre Adressaten zu erreichen? Welche Informationen, welches Wissen zeichnet Professionalität in diesem Kontext aus, dass die Familie für ihre exklusive Findungszeit ohne Anwesenheit von Experten sein kann?
So versteht sich der Auftrag der Koordination vor allem im Vollzug der Netzwerkarbeit, die sich an einem Paradigma orientiert, das die professionelle Praxis immer auch im Kontext der Beziehungen aller Beteiligten miteinander gestaltet (siehe hierzu vertiefend: Früchtel, Strassner u. Schwarzloos 2016). Jedes Gespräch im Rahmen der Vorbereitungsphase mit den Adressaten konzentriert sich darauf, wer aus dem eigenen Netzwerk dabei sein muss, womöglich aufgespürt oder sichtbarer gemacht werden muss und welche Rolle er/sie übernehmen kann (z. B. eine Moderation während der exklusiven Familienzeit).
Der Fokus professioneller Aufmerksamkeit konzentriert sich hier also vor allem auf die Findung und Förderung von vorhandenen Ressourcen, wobei die Gestaltung geeigneter systemweltlicher Hilfen im Rahmen des Familienrats von der Familie bestimmt wird. Der erste unmittelbare Indikator für professionelles Handeln zeichnet sich somit in der Haltung gegenüber den Hilfe suchenden Adressaten aus, den Menschen als Individuum zu begreifen, das in sein soziales Umfeld eingebettet und in seinem Erleben und Handeln darauf bezogen ist. Es ist anzuerkennen, dass ein entsprechendes Menschenbild die Grundlage für Interventionen ist, die die Adressaten von Hilfen erleben. Wird davon ausgegangen, dass der Mensch lediglich an sich selbst und in seinem individualistischen Wesen etwas verändern muss, um seine Krise zu bewältigen, werden auch die Methoden professionellen Handelns hiernach ausgerichtet.10 Geht man davon aus, dass der Mensch in vielfältigen Beziehungen zu seinem Umfeld nicht nur lebt, sondern auch in Krisen gerät, liegt die Annahme nahe, dass relationale Interventionen aus eben diesen Krisen auch wieder heraushelfen.
Dem Verfahren eines Familienrats liegt die Überzeugung zugrunde, dass ohne die Berücksichtigung der Netzwerke von Individuen, ohne Berücksichtigung ihrer Lebenswelt, nicht langfristig und nachhaltig geholfen werden kann. Jede Krise und die im Rahmen eines Familienrats getroffenen Entscheidungen sind immer auch Ausdruck eines sozialen Ereignisses, in dem vieles sichtbar und veränderbar wird. So wird im Bewusstsein dieser Chance die Geschicklichkeit der Koordination beim Verfügbarmachen von Informationen und Wissen, die dem Familienrat und damit der betroffenen Familie zugänglich ist, zum zweiten zentralen Aspekt professionellen Handelns im Verfahren. Welches Wissen (und nicht Ratschläge) muss ich als Koordination in Gestalt weiterer Expertinnen der Familiengruppe zur Seite stellen, womit der geeignete Hilfeplan angereichert werden kann?
Der Familienrat als Chance, vorhandene Identitätsbilder neu auszurichten
In der phänomenologischen Netzwerktheorie von Harrison White (1992) begreift sich Identität als ein klar nach außen orientiertes Bewusstsein, das nicht ohne die anderen entstehen und fortbestehen kann. Hiermit arbeitet der Familienrat. Die wohl innigste und beständigste Identität liegt in den Menschen, mit denen täglich eine Beziehung besteht. Die Stärkung der anderen stärkt gleichzeitig auch das Individuum. Identität ist hier nicht statisch und in der Verinnerlichung vollendet, Identität ist wie ein temporäres Ergebnis aktueller Beziehungen, meist unbewusst, und manifestiert sich in sozialen Vorkommnissen wie Entscheidungsfindungen, bei denen verschiedene Akteure angesichts ihrer Identitäten divers und auch scheinbar gegensätzlich aufeinandertreffen.11 Im Rahmen von gemeinsamen Entscheidungsfindungen, die wegbereitend dafür sind, bestehende Identitäten der Betroffenen anzusprechen, ist eine Hilfeplanerstellung möglich, die das Potenzial in sich trägt, nachhaltig und langfristig zu wirken. Das soziale Ereignis der Entscheidungsfindung ist im Sinne dieser Theorie die Gelegenheit, nicht nur vorhandene Identitäten lebensweltnah aufzugreifen und anzusprechen, sondern diese auch neu oder anders auszurichten. Bei Familie Özgür ist es in der Informationsphase der Imam mit seinen religiösen Ausführungen zum Schura-Prinzip. Die Religiosität der Familie wird zum Bindeglied. Die muslimische Identität der Familie enthält einen identitätsbezogenen Zugang, die Lebenswelt zu erreichen und hierbei ihre Handlungsfähigkeit aufzuzeigen. Die religiöse Identität überwindet die in der Scheidungssituation erlebte Ohnmacht und spricht eine weiterhin verbindende Identität der Familie an.
Für das Zusammenstellen des Netzwerks geht es nicht nur um das Aufdecken vorhandener Verbindungen der Betroffenen, sondern auch darum, wer mit am Tisch sitzen muss, um geeignete Lösungsideen mit hineinzugeben, und welches Wissen geeignet ist, um die Lebenswelt zu erreichen. In Kindeswohlangelegenheiten, die die Gesundheit betreffen, kann daher auch das Einladen externer Fachkräfte wie beispielsweise Fachärzte sinnvoll sein, um das entsprechende Wissen verfügbar zu machen.
Schlussbetrachtung
Der Familienrat als instrumentelles Paradigma zur Würdigung und Nutzbarmachung von Familien- und Netzwerkbeziehungen eröffnet und erweitert Möglichkeiten, relationale Zusammenhänge für Experten in der konkreten Praxis zugänglicher zu machen. Der Familienrat versteht sich dabei insgesamt als ein Verfahren, das in Anerkennung des Menschen als sozialem Wesen und unter Berücksichtigung kultureller Identitäten nachhaltige Hilfeplanung durch Partizipation und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit gewährleistet.
6mātua whāngai wird ins Deutsche mit Adoptiv-/Pflege-Elternschaft übersetzt.
7Das Wort Whānau bedeutet in der Sprache der Maori »erweiterte Familie«, bezieht also Familienangehörige mit ein.
8Der/dem Sorgenden steht es prinzipiell frei, zurückzukehren. In diesem Fall kam die Jugendamtsmitarbeiterin nicht wieder zurück und ließ sich lediglich das erstellte Protokoll der Familie zuschicken.
9Koordinatoren und Koordinatorinnen für Familienräte können sich hinsichtlich ihres beruflichen Hintergrundes unterscheiden. So gibt es ausgebildete Koordinatoren aus der sozialpädagogischen Fachwelt, wie auch das Modell von Bürgerkoordinatoren, deren Ausbildung zum Familienratskoordinator unabhängig von einer sozialpädagogischen Expertise jedem Bürger zugänglich gemacht wird.
10Hier lässt sich hervorragend an die Kritik der Sozialraumorientierung nach Hinte u. Treeß (2007) anknüpfen, die der einzelfallorientierten Hilfe des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII) vorwirft, alles andere als orientierend am Individuum zu helfen, sondern Familien vorbestimmte Hilfen eher »überzustülpen«. Budde u. Früchtel (2009) skizzieren mithilfe von Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns (1982) und der folgenreichen Kolonialisierung der Lebenswelt eben dieses »Überstülpen« und entfalten am Beispiel des Familienrats eine Alternative dazu.
11Iris Clemens (2016) führt in einem diametralen Verständnis zur Semantik der Identität in der klassischen Pädagogik die netzwerktheoretische Analyse Whites zur Identitätsbildung und deren Konsequenz für die Disziplin vertiefend aus.
4»Bring das Dorf in die Klinik!« – »Neue Autorität« als Hilfe für Eltern
Idan Amiel
Gemeinschaftliches Handeln im Beichtstuhl des Therapeuten
Mein Urgroßvater war Rabbiner. Im Rahmen seiner Arbeit kamen Menschen zu ihm, um sich mit ihm zu beraten, wenn sie in Schwierigkeiten waren oder unter einem Konflikt litten. Er sprach mit ihnen, manchmal gab er Ratschläge, manches andere Mal griff er in den Lauf der Dinge ein. Von Zeit zu Zeit, wenn die Dinge wirklich kompliziert waren, mochte er sagen: »Gott fordert uns auf geheimnisvollen Wegen heraus«, dann öffnete er die Bibel und gab den Ratsuchenden ein Amulett, das sie nachts unter ihr Kopfkissen legen konnten. Einige der Menschen, die ihn um Hilfe baten, erlebten wirklich eine Veränderung zum Besseren.
Mehr als hundert Jahre später mache ich als Therapeut fast das Gleiche: Menschen kommen zu mir, um mit mir zu sprechen, wenn sie in Schwierigkeiten sind oder leiden. Aber wenn die Fälle kompliziert sind, suche ich nicht in der Bibel nach Antworten, sondern in der akademischen Forschung. Wir glauben nicht mehr an Gott – die Zeiten ändern sich und damit auch unser Glaube und unser Handeln.
Dieser Artikel wurde während des COVID-19-Angriffs auf unser globales Dorf in unserer Schönen neuen Welt geschrieben. In unserer Schönen neuen Welt kann das Denken in Wendungen wie »Gott fordert uns auf geheimnisvollen Wegen heraus« genauso »besorgniserregend« sein, wie unseren Patienten oder Klienten ein Amulett zu geben.
Wenn ich heute bei meinen Klienten sitze, habe ich wahrscheinlich einen Vorteil gegenüber meinem Urgroßvater. Wir sind der festen Überzeugung, dass Wissenschaft, Technik und Medizin unsere Fähigkeit, unseren Klienten in vielerlei Hinsicht auf vielfältige Weise zu helfen, verbessert haben. Zweifellos hat sich unsere westliche Kultur sehr viel stärker professionalisiert. In guten wie in schlechten Zeiten. Aber mein Urgroßvater hatte einen großen Vorteil in seiner Arbeit: Samstags hielt er sich in der Synagoge auf! Wenn er dort war, sprach er neben den Gebeten wohl mit einigen Menschen, sah sie an und ermunterte sie manchmal zum Handeln »im Namen Gottes«. Ich glaube fest daran, dass er seine Ratschläge besser auf seine Klienten bzw. Gläubigen abstimmen konnte, weil er Teil der Gemeinschaft war. Ich glaube selbst nicht an Gott, und die meisten meiner Klienten gehen nicht mehr in die Synagoge. Hinzu kommt noch: Als klinischer Psychologe wurde ich dazu ausgebildet, mit meinen Klienten in einem intim-geschlossenen Raum zu bleiben. Mir wurde der Glaube vermittelt, dass »es die Beziehung ist, die heilt«, und dass es die Verschwiegenheit und die Vertraulichkeit des Sprechzimmers ist, die meinen Klienten hilft, ihre Leiden (und Sünden) mitzuteilen und zu überwinden. Ganz wie im Beichtstuhl. Aber damals in der Vergangenheit konnten der Priester, der Kadi oder der Rabbiner im Beichtstuhl einerseits Intimität und Geheimhaltung zusichern und andererseits tatkräftig in ihrer Gemeinschaft mitwirken, wenn sie es so wünschten.
Können wir als Therapeuten so handeln, dass die Privatsphäre und Intimität eines Beichtstuhls gewahrt bleibt, aber dennoch wenn möglich die Gemeinschaft zum Handeln und Helfen auffordern? Mit anderen Worten: Kann in unserem professionalisierten globalen Dorf ein klinischer Psychologe als Sozialarbeiter tätig sein? Meiner Ansicht nach kann er es nicht nur, es ist ein Muss! Vor allem dann, wenn Fachkräfte für psychische Gesundheit mit Eltern und Kindern arbeiten. Meine Absicht in diesem Beitrag ist es aufzuzeigen, warum und wie unser Team unseren »geschlossenen Therapieraum« für die Gemeinschaft »geöffnet« hat. Man könnte es auch eine Gemeinschaftsintervention nennen, die im Beichtstuhl eines Therapeuten stattfindet.
Der kulturelle Wandel von der Religion zur Wissenschaft in der Kindererziehung
Im Schneider-Kinderkrankenhaus in Israel arbeiten wir mit Eltern zusammen und konzentrieren uns auf ihre Bedürfnisse. Eltern in unserer WEIRD-Kultur12 zeigen sich einsam, schwach und in vielen Fällen verwirrt und gelähmt. Warum?
Zu Zeiten meines Urgroßvaters wurden die Eltern unterstützt, jederzeit unterstützt. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern beruhte auf der Annahme, dass Erwachsene sich um die Kinder kümmern, diese ernähren und beschützen sollen. Im Gegenzug sollten die Kinder ihren Eltern gehorchen und sich um sie kümmern, wenn sie alt würden. Die alte Autorität in Bezug auf Beziehungen war die Religion, und ihr Grundsatz der Kindererziehung stand klar in den 10 Geboten: »Du sollst Vater und Mutter ehren.« Die Zeit verging, und Wissenschaft und Psychologie wurden unsere neue Autorität für den Umgang mit Kindern. Der wichtigste Grundsatz, den uns Forschung, Wissenschaft und Psychologie gelehrt haben, ist, dass Kinder psychische Bedürfnisse haben. Die Hauptaufgabe der Eltern besteht heute darin, dafür zu sorgen, dass ihr Kind mit Selbstvertrauen und einem positiven Selbstbild aufwächst. Der »alte Generationenvertrag« ist abgelaufen, und wenn ein Elternteil die psychologischen Bedürfnisse seines Kindes nicht »gut genug« versteht, kann ein Spezialist ihm beibringen, sich besser anzupassen. Ich gelte übrigens auch als einer dieser Spezialisten.
Aber was genau sind die psychologischen Bedürfnisse des Kindes? Was sagen uns unsere Experten, gestützt durch die Forschung, darüber, was wir zu tun haben, damit Kinder Selbstvertrauen und ein positives Selbstbild entwickeln? Nun, das hängt in der Regel von der jeweiligen Forschung ab, die Sie gerade lesen, oder von den Elternratgebern, die Sie zufällig in der Hand halten. Einige Bücher bringen Eltern bei, wie sie Kindern Liebe, Präsenz und »Sanftheit« entgegenbringen bzw. sich sogar in das Kind hineinversetzen sollen, ehe sie sich ihrem Kind gegenüber auf eine Weise verhalten. In anderen Büchern wird erklärt, dass Eltern Grenzen setzen und »streng« zu Kindern sein sollten. Seien Sie sicher, dass die meisten Bücher im einleitenden Kapitel erklären werden, dass sie beide Ansätze miteinander verbinden … Die Tragödie der WEIRD-Eltern ist nun, dass die verschwommenen, weit gezogenen Grenzen der »psychologischen Bedürfnisse« des Kindes unklar sind. Wenn ich ehrlich sein darf, gilt dies selbst für Eltern-Experten.
Eltern lieben ihre Kinder.13 Sie lieben ihr Kind, wie Gott einst die Menschen geliebt hat – auf »geheimnisvollen Wegen«. Wenn es also zu Hause heiß hergeht, wenden sich die Eltern an uns – die Fachleute für psychische Gesundheit (oder sie werden an uns verwiesen). Die nächste Generation von Priestern, Kadis und Rabbinern, die den Eltern helfen können, ihre »Sünden« einzugestehen und neue Wege zu finden, »die psychischen Bedürfnisse deines Kindes zu ehren«. Viele »Sünden«, die Eltern beim Heranwachsen ihrer Kinder begehen, haben ebenso viele Gründe wie es Familien in unserer Welt oder psychologische Theorien über die Entwicklung von Kindern gibt. Aber was uns als Fachleuten helfen kann, Eltern beizustehen, sich innerhalb dieser verschwommenen weiten »Grenze« der »psychologischen Bedürfnisse« des Kindes besser zu bewegen, ist meiner Ansicht nach eine völlig andere Wissensquelle. Es ist die afrikanische Weisheit: »Es braucht ein ganzes Dorf, damit ein Kind sich gut entwickelt.«
Der afrikanische Kompass für WEIRD-Eltern
Diese afrikanische Weisheit ist mehr als eine Aussage, es ist eine grundlegende Haltung. Die Wahrheit ist, dass sich noch nie in der Geschichte Eltern so allein um die Entwicklung ihrer Kinder kümmern mussten. Unsere professionalisierte, individualistische WEIRD-Gesellschaft hat sowohl Eltern als auch Kinder einsamer denn je zurückgelassen. Kein Wunder, dass wir stark steigende Raten von Ängsten und Depressionen bei Kindern beobachten. Obwohl von Zeit zu Zeit Ratschläge aus dem »Beichtstuhl des Therapeuten« Familien helfen könnten, bin ich der festen Überzeugung, dass die wichtigste Handlung für das Wohlergehen unserer Kinder darin bestehen sollte, das Dorf wieder in ihr Leben zurückzubringen. Meiner Ansicht nach sollte es uns als Kompass dienen, wenn wir mit den Familien in den weiten Grauzonen psychologischer Bedürfnisse der Kinder umherreisen.
Mehr noch, das Wort Dorf passt besser als Gemeinschaft, nicht nur, weil es eine ständige Erinnerung an unseren afrikanischen Kompass ist, sondern auch, weil sich Gemeinschaft gewöhnlich auf etwas bezieht, was einer Gruppe von Menschen gemeinsam ist, wie zum Beispiel Normen, Bräuche, Religion und Werte. Wie wir später sehen werden, suchen wir in unserem Programm eher nach Menschen, die leibhaftig da sind, greifbar, unabhängig von ihren Einstellungen, Normen und Werten. Das Dorf war nie eine Gruppe lauter netter, liebevoller Menschen mit einem gemeinsamen Ziel. Gewöhnlich »klebten« die Menschen aneinander, und manche Dinge kann man halt nicht ändern.
Mein Wunsch in diesem Artikel ist es, aufzuzeigen, wie wir ein »neues aktives Dorf« für Kinder schaffen können, auch wenn die Menschen nicht mehr in die Moschee, in die Kirche oder in die Synagoge gehen. Anhand eines Fallbeispiels werde ich einige wichtige Punkte des »Bring-das-Dorf-in-die-Klinik«-Ansatzes aufzeigen und die Möglichkeit der Schaffung eines »aktiven virtuellen Dorfes« durch eine WhatsApp-Gruppe demonstrieren. In diesem Buch finden Sie auch den Beitrag von Tal Maimon und mir über unsere Arbeit in Schulen (siehe S. 203). Aus unserer Sicht ist eine Schule schon wie ein Dorf, wenn auch auf organisierte Weise. Hier zeige ich, wie wir ein solches Dorf im therapeutischen Raum schaffen und aktivieren können, sodass jeder es auch außerhalb der Kernfamilie erleben kann.
»Bring das Dorf in die Klinik!« – Vier Schritte der Intervention
Eines der wirkungsvollsten Instrumente, die wir in unserem Programm mit Eltern einsetzen, ist ein »Unterstützertreffen« oder, wie ich es lieber definiere, »wir bringen das Dorf in den Therapieraum«. Es ist eine wirkungsvolle Maßnahme, die normalerweise nach 2–4 Treffen mit den Eltern durchgeführt wird. Wir bitten die Eltern, eine Gruppe von Personen aus ihrer Familie, von Freunden oder von ihrem Arbeitsplatz einzuladen. Mit anderen Worten, da ich (und die meisten meiner Klienten) nicht mehr in die Synagoge gehe, bringe ich die Synagoge in die Klinik. Gewöhnlich für ein Treffen/Gebet, das es einem »neuen Dorf« hoffentlich ermöglicht, sich stärker am Leben eines Kindes zu beteiligen.
1. Der Vorschlag an die Eltern
Die Eltern sind sehr überrascht über den Vorschlag des Therapeuten, mehr Menschen in eine Sitzung mitzubringen. In einigen Fällen werden sie zustimmen und sich sogar erleichtert fühlen, aber in den meisten Fällen wird es schwierig für sie sein; einige werden sich stark dagegen wehren. Es gibt mehrere Gründe für den Widerstand, in erster Linie ist es Scham. Die Eltern schämen sich, um Hilfe zu bitten, und deshalb sollte das Gespräch über mögliche Unterstützung schon beim ersten Treffen beginnen. Während der Aufnahme, nachdem wir die Eltern gefragt haben, warum sie gekommen sind, und nachdem wir von ihren Schwierigkeiten erfahren haben, könnten wir ihnen so etwas sagen wie: »Ihr Kind fordert Sie in vielerlei Hinsicht heraus, in der Vergangenheit gab es ein Sprichwort: Es braucht ein ganzes Dorf, damit ein Kind sich gut entwickelt, und es sieht so aus, als ob dieses Sprichwort wirklich zu Ihrem Kind passte. Erfahren Sie eigentlich in irgendeiner Form Unterstützung von anderen?« An diesem Punkt wird es leichter sein, den Grad der Scham der Eltern und auch ihre Bereitschaft, um Hilfe zu bitten, einzuschätzen. Abgesehen von der Scham befürchten die Eltern auch, dass sie von den Unterstützern mit Vorwürfen konfrontiert werden, oder dass das Kind ihnen durch die Unterstützer entzogen werden könnte oder dass das Kind sich weigert, mit den Unterstützern zu sprechen. Wie überwinden wir diese »Widerstände«? Genauso, wie wir in der Therapie andere Probleme oder irrige Ansichten anpacken. Wir betrachten sie nicht als Widerstände, sondern als Ausdruck der Angst, die die Eltern lähmt. Wir arbeiten langsam daran, ihre Ängste zu überwinden und sie zu Motivationen für Handlungen zu verwandeln.
Ein weiteres Hindernis ist ebenfalls beachtenswert – manchmal haben Eltern kein Netzwerk (z. B. Immigranten, Alleinerziehende usw.). In der Schneider-Kinderklinik bitten wir Eltern, die die Therapie bei uns beendet haben, anderen Eltern zu helfen, die sonst keine Unterstützung erfahren. In einfachen Worten ausgedrückt, haben wir jetzt falls nötig ein »fertiges Dorf« bereit. Das Denken in Gemeinschaft hilft ihnen, kreativ zu sein und Gemeinschaften zu schaffen, auch virtuelle, wie wir später im Fallbeispiel sehen werden.
2. Wer kann dem »Dorf« beitreten?
Um eine klare Antwort zu geben – jede und jeder kann beitreten und das tun, was ihrer Meinung nach getan werden sollte. Wir suchen nicht nach einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Idealen zu der Frage, »wie wir mit Kindern umgehen sollten«. Wir suchen vielmehr nach einem Dorf, und die »Dorfbewohner« haben schon immer unterschiedliche Einstellungen, Überzeugungen und sogar völlig unterschiedliche Arten zu lieben (und Paarbeziehungen einzugehen) mitgebracht. Wenn Eltern uns also fragen, wer an der »Dorfversammlung« teilnehmen kann, stellen wir fest, dass unser Slogan lautet: »Je mehr, desto fröhlicher«. Was wir anstreben, ist, so viele Menschen wie möglich einzubinden, auch wenn die Eltern (und der Therapeut) nicht der Meinung sind, dass sie hilfreich sein könnten.
3. Gestaltung des Unterstützertreffens – Schutz der Familie und Aktivierung des Dorfes
In der Regel umfasst ein Unterstützertreffen 5–10 Teilnehmer und dauert etwa 2 Stunden. Es ist eine sehr wirksame, komplexe Intervention, selbst für erfahrene Gruppentherapeuten. Wie einer unserer Lehrgangsteilnehmer bezeugte:
»Ich war erschrocken über die Heftigkeit dieser Sitzung. Ich dachte, alles würde mir leichtfallen, ich fühle mich in der Gruppentherapie eigentlich immer wohl, aber die Intensität und Komplexität war hier ganz anders. Es war, als würde man ein familiäres Schlachtfeld betreten, das von Emotionen aufgeheizt wird.«
Dabei sollte man bedenken, dass Gruppentherapie normalerweise ein längerer Prozess ist, während wir hier nur eine einzige, intensive Sitzung bestreiten.
Der schwierigste Teil der Maßnahme besteht darin, die Teilnehmenden zu bitten, ihre Einschätzung der Familiensituation und ihr mögliches Hilfsangebot mitzuteilen. Hier hat die Therapeutin eine doppelte Aufgabe – erstens die Eltern und das Kind bei Bedarf zu schützen und zweitens »das Dorf zu aktivieren«. Wie zu erwarten und wie in unserer Kultur auch vorgeprägt, pendeln sich die meisten Reaktionen zwischen den beiden Polen »sei sanft und fürsorglich« bzw. »sei hart und setze Grenzen« ein. Beginnen wir mit der Diagnose der »nicht ausreichend fürsorglichen Haltung«, die durch die liebevolle Großmutter so vorgetragen wird:
»Das Problem ist nicht das Verhalten meines Enkels; das Problem ist, dass seine Mutter ihn nicht genug liebt. Er braucht mehr Liebe und Zuwendung, und sie ist zu beschäftigt mit ihrer Karriere und trifft sich ständig mit ihren Freundinnen. Ich hab’s ihm ja immer gesagt (jetzt zeigt sie auf den Vater), dass er sie nicht heiraten sollte.«
Wie kann der Therapeut jetzt reagieren? Eine mögliche Aussage unseres Therapeuten würde so aussehen:
»Liebe Großmutter, ich arbeite schon eine Weile mit den Eltern zusammen und ich kann Ihnen versichern, dass die beiden die besten Eltern für Ihren Enkel sind. Seine Mutter hat sich nicht nur 9 Monate lang in ihrem Körper um ihn gekümmert, ich bin mir sicher, dass sie ihn auch sehr lieb hat, auch wenn es für Sie manchmal nicht so aussieht. Ich kann Ihren Wunsch verstehen, dass Ihr Enkel mehr Liebe und Präsenz der Erwachsenen in seinem Leben haben sollte. Ich glaube auch, dass Ihre Anwesenheit durchaus hilfreich sein könnte. Wäre es möglich, dass er von Zeit zu Zeit bei Ihnen bleibt? Vielleicht für einen Nachmittag oder, wenn Sie weit weg wohnen, vielleicht für ein Wochenende?«
Zweierlei ist an der Reaktion des Therapeuten bedeutsam: erstens die Anerkennung der Liebe der Mutter zu ihrem Sohn und zweitens der Versuch, die Großmutter zu aktivieren.
Nun teilt Claus (der Nachbar) seine »unbestimmten Gefühle« mit:
»Ich glaube nicht, dass die Mutter das Problem ist. Das Problem ist, dass der Junge seine Eltern nicht respektiert. Er sollte endlich seinem Vater gehorchen. Wenn nicht, sollte er die Konsequenzen tragen. Glauben Sie mir, Herr Seelenklempner, ich weiß, wie es gemacht werden sollte.«
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir als Therapeut/Seelenklempner wünschen würde, dass er genauer sagt, was die Konsequenzen seiner Diagnose bedeuten. Was wir uns jedoch auch in diesem Fall wünschen, ist Schutz und Aktivierung von Menschen. Hier lautet eine mögliche Antwort des Therapeuten:
»Ich glaube, es wird von entscheidender Bedeutung sein, dass der Junge Ihre Meinung über sein Verhalten hört. Was ich befürchte, ist, dass die Dinge eskalieren könnten, wenn Sie mit ihm sprechen, und ich möchte Sie und den Jungen schützen. Ich möchte nicht, dass die Polizei eingeschaltet wird, und wie Sie heutzutage wissen, kann er leicht die Polizei anrufen, und das könnte auch für Sie einige Schwierigkeiten geben. Wäre es möglich, dass Sie einfach mit ihm reden? Ich glaube, er braucht auch Ihre Anwesenheit.«
Wir werden Claus später in unserem Fallbeispiel wiederbegegnen.
Natürlich kann es unter Umständen vorkommen, dass eine Therapeutin nach der Sitzung die Eltern bittet, einen der Unterstützer nicht einzubeziehen. Denken Sie einfach daran, dass das Dorf nie ein Dorf netter, kooperativer, liebevoller Menschen gewesen ist – es war immer ein vielfältiges, durcheinanderwimmelndes, hektisches und manchmal (in verschiedenen Formen) aggressives Dorf gegenüber anderen. Dennoch gilt unser Grundsatz: Je mehr, desto fröhlicher! Mehr Menschen bringen mehr Handlungsoptionen ein und begünstigen den Wandel.
4. Nach dem Treffen der Unterstützer
Wollen wir während des Treffens der Unterstützer einen Handlungsplan skizzieren? Ja, natürlich wollen wir das. Aber selbst wenn wir einen Plan entwerfen, sind die Chancen, dass die Menschen so handeln, wie wir es wünschen, in den meisten Fällen außerordentlich gering. Wie wir später sehen werden, kann selbst dann, wenn die Menschen sich engagieren und an das glauben, was sie tun sollten, etwas völlig anderes geschehen, wenn sie tatsächlich handeln. Das ist sowohl die Gefahr wie auch das Schöne daran, ein Dorf zu aktivieren. Wie in der Therapie – man weiß zwar, wo und wann man den Weg beginnt, aber nie weiß man, wohin er einen führt. Also, stürzen wir uns jetzt direkt in eine Intervention bei einem konkreten Fall!
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