Kitabı oxu: «Die Welt der Hebräischen Bibel»

Şrift:

Walter Dietrich (Hrsg.)

Die Welt der Hebräischen Bibel

Umfeld – Inhalte – Grundthemen

2., erweiterte und überarbeitete Auflage

Verlag W. Kohlhammer

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Umschlagabbildung: Aus dem De Castro Pentateuch, 14. Jahrhundert

2. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-039323-3

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-039324-0

epub: ISBN 978-3-17-039325-7

mobi: ISBN 978-3-17-039326-4

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Eine umfassende, zuverlässige und wissenschaftlich aktuelle Einführung in die Welt der Hebräischen Bibel: ihr kulturelles Umfeld, ihre literarische Gestalt, ihre gesellschaftlichen Hintergründe, ihre kultische Prägung, ihre Bilder vom Menschen und von Gott.

Die 32 Paragraphen sind von ausgesuchten Fachleuten aus verschiedenen Konfessionen und dem gesamten deutschen Sprachraum verfasst. Sie behandeln auf überschaubarem Raum große Themen wie: »Bibel und Geschichte«, »Bibel, Judentum, Christentum«, »Kanonbildung«, »Individuum und Gemeinschaft«, »Gottesdienst«, »Leiden und Tod«, »Gottes Liebe und Zorn«. Knappe Fußnoten, Spezialbibliographien und Register helfen bei der Vernetzung und Vertiefung der gebotenen Informationen.

Das Buch bietet einen kompakten und doch differenzierten Überblick über das »Alte« oder »Erste Testament«: für Studierende, kirchlich Engagierte und kulturell Interessierte, der Bibel Entfremdete und religiös Neugierige, Akademikerinnen und Nichtakademiker. Man lese es allein oder in Gruppen, fortlaufend oder entlang ausgewählter Themen - und lasse sich hineinziehen in die faszinierende »Welt der Hebräischen Bibel«.

Prof. em. Dr. Walter Dietrich, Dr. Dr. h. c., lehrte Altes Testament an der Universität Bern.

Inhalt

Vorwort

1. Kapitel: Umfeld

§ 1 Bibel und Orient

Angelika Berlejung, Leipzig/Stellenbosch

1. Der Rahmen

2. Die Forschungsgeschichte

3. Die Hebräische Bibel im altorientalischen Kontext

a) Vernetzung der Geschichte Israels und der biblischen Schriften in der altorientalischen politischen »Großwetterlage«

b) Vernetzung der Alltagskultur und Realien Israels und der biblischen Schriften mit der altorientalischen Lebenswelt

c) Vernetzung biblischer Schlüsselkonzeptionen mit altorientalischen Konzepten

Bibliographie

§ 2 Bibel und Archäologie

Ed Noort, Groningen

1. Bezeichnungen, Zeiten und Landschaften

2. Bibelwissenschaft und Archäologie Palästinas

3. Wissenschaftliche Reisen

4. Der Palestine Exploration Fund

5. Feldarchäologie in Palästina

6. Die Rolle der Keramik

7. Das Land der Bibel

8. Ein Beispiel, in dem alles zusammenkommt

9. Der deutsche Beitrag

10. Neue Möglichkeiten

11. Eine Problematik, die bleibt

12. Aussicht

Bibliographie

§ 3 Bibel und Geschichte

Christian Frevel, Bochum

1. Die Bibel zwischen Mythos, Legende und Geschichten

2. Warum Geschichte nicht objektiv sein kann

3. Wahrheit und Geschichte

4. Alle Geschichte ist Konstruktion

5. Bibel, Archäologie und Geschichte

6. Geschichte und Heilsgeschichte

7. Nachdenken über Geschichte in der Hebräischen Bibel

Bibliographie

§ 4 Bibel, Judentum, Christentum

Beate Ego, Bochum

1. Kanonische Perspektiven

2. Historische Perspektiven: Schriftwerdung als Reflex religionsgeschichtlicher Dynamiken

3. Hermeneutische Perspektiven: Die doppelte kanonische Kontextualisierung der Schriften der Hebräischen Bibel und der jüdisch-christliche Dialog

Bibliographie

§ 5 Bibel, Sprache, Schrift

Martin Rösel, Rostock

1. Sprachen und Schriften der Bibel

a) Hebräisch

b) Aramäisch

2. Das Schreibmaterial

3. Textproduktion

4. Die Septuaginta

5. Qumran und die Vielfalt der hebräischen Textformen

6. Der Masoretische Text

Bibliographie

2. Kapitel: Literatur

§ 6 Biblische Literaturgeschichte

Konrad Schmid, Zürich

1. Die Literatur der Hebräischen Bibel in historischer und biblischer Sicht

2. Die Schriftkultur im antiken Israel und Juda

3. Die Hebräische Bibel als Ausschnitt der Literatur des antiken Israel und Juda

4. Mündlichkeit und Schriftlichkeit

5. Epochen der Literaturgeschichte der Hebräischen Bibel

6. Die Datierbarkeit biblischer Texte

7. Die Hebräische Bibel als sich selbst auslegende Traditionsliteratur

8. Literaturgeschichte und Kanonsgeschichte

Bibliographie

§ 7 Kanonbildung

Sebastian Grätz, Mainz

1. Einführung

2. Das Alte Ägypten

3. Der Alte Orient

4. Die Hebräische Bibel als Traditionsliteratur

a) Die Kolophone des Deuteronomiums

b) Esra und die Tora

c) Neh 8: Die Tora auf dem Weg zur Heiligen Schrift

d) Die Propheten und die Schriften

5. Die Bibliothek von Qumran

6. Der Aristeasbrief und die Septuaginta

7. Biblische Kanonbildung im Spiegel jüdischer und christlicher Schriften der hellenistisch-römischen Zeit

8. Die Sammlungen des jüdischen und des christlichen Bibelkanons

9. Synthese

Bibliographie

§ 8 Tora

Reinhard Achenbach, Münster

1. Bedeutung des Wortes

2. Inhalt der Tora

3. Entstehung

4. Gesetze

5. Theologie

Bibliographie

Weiterführende Literatur

Ältere Werke

Neuere exegetische Untersuchungen

§ 9 Geschichtsbücher und Geschichtsschreibung

Thomas Naumann, Siegen

1. Biblische »Geschichtsbücher« – Das Problem der Benennung

2. Alttestamentlicher Glaube und geschichtliche Erfahrung gehören zusammen

a) Geschichtsbewusstsein und Erinnerungskultur

b) Geschichte wird theologisch gedeutet

c) Formen, Medien und Gelegenheiten altisraelitischer Erinnerungskultur

3. Von der mündlichen Erinnerungskultur zur Geschichtsschreibung

4. Umfangreichere »Geschichtswerke« im Alten Testament

a) Das deuteronomistische Geschichtswerk (DtrGW)

b) Das chronistische Geschichtswerk (ChrGW)

5. Biblische Geschichtsschreibung und historische Fakten

6. Zusammenfassung

Bibliographie

§ 10 Prophetie

Martin Leuenberger, Tübingen

1. Aspekte der Definition von Prophetie im Alten Orient und in der Hebräischen Bibel

2. Vorbemerkungen zur Geschichte der Prophetie im alten Israel

3. ›Vorklassische‹ Anfänge von Prophetie in Israel

4. Entstehung und Entwicklung der Gerichtsprophetie in Israel und Juda unter assyrischer Herrschaft

5. Prophetie im Umfeld der Zerstörung Jerusalems während der babylonischen Herrschaft

6. Prophetische Neuentwürfe und Weiterentwicklungen während der Perserzeit

7. Der Abschluss der Prophetenbücher im hellenistischen Zeitalter

8. Ausblick

Bibliographie

§ 11 Poesie und Weisheit

Ludger Schwienhorst-Schönberger, Wien

1. Das Buch der Psalmen

Bibliographie

2. Das Buch der Sprichwörter

Bibliographie

3. Das Buch Hiob

Bibliographie

4. Das Buch Kohelet

Bibliographie

5. Das Hohelied

Bibliographie

6. Das Buch Rut

Bibliographie

7. Ester

Bibliographie

8. Das Buch der Klagelieder

Bibliographie

9. Daniel

Bibliographie

3. Kapitel: Gesellschaft

§ 12 Individuum und Gemeinschaft

Jürgen van Oorschot, Erlangen

1. Einführung

2. Individuum und Verwandtschaft, Ortschaft und Staat

3. Individuum und Gemeinschaft in den Literaturen des Alten Testaments

3.1 Die alttestamentliche Weisheit

3.2 Die Rechtsüberlieferung

3.3 Das Deuteronomium

3.4 Die Priesterschrift

3.5 Kult, Psalmen und Psalter

4. Zusammenfassung und Hermeneutik

Bibliographie

Weiterführende Literatur

§ 13 Familie, Sippe, Stamm

Rainer Kessler, Marburg

1. Die Familie

a) Der patriarchale Charakter der Familie

b) Die soziale Realität in der Familie

c) Das Haus als Grundeinheit des Wirtschaftens

d) Veränderungen in der Realität der Familien

2. Die Sippe

a) Siedlungsstrukturen und Gemeinschaftsaufgaben

b) Die Sippe als soziale Bezugsgröße

3. Der Stamm

a) Das System der zwölf Stämme

b) Stammeseigenheiten

c) Die Sozialstruktur des Stammes: eine Fehlanzeige

4. Das alte Israel als verwandtschaftsbasierte Gesellschaft

Bibliographie

§ 14 Königtum und Staat

Wolfgang Oswald, Tübingen

1. Vorklärungen

a) Die Begriffe »Staat« und »Politik«

b) Die Epochen der Geschichte Israels und Judas

2. Der Beginn der Monarchie in Israel und Juda

a) Ein Anfang der Staatlichkeit?

b) Die Frühzeit

3. Die monarchische Staatlichkeit in Israel und Juda

4. Die nachmonarchische Staatlichkeit in Israel und Juda

a) Die Übergangsphase

b) Der Bürgerstaat

c) Der Stämmeverband

d) Der Tempelstaat

Bibliographie

§ 15 Wirtschaft, Stadt und Land

Christa Schäfer-Lichtenberger, Bethel/Wuppertal

Vorbemerkung

1. Die Konstanten der israelitischen Wirtschaftsgeschichte

a) Geographie und Geomorphologie

b) Klima

c) Ökologie

2. Variable Faktoren der Wirtschaftsgeschichte

3a. Das Bergland in der Eisen-I-Zeit

3b. Die Entwicklung der Wirtschaft unter dem Einfluss des Staates

3c. Der politische Untergang Judas und der Zusammenbruch der Wirtschaft

3d. Die Provinz Juda unter persischer Herrschaft

Bibliographie

§ 16 Krieg und Frieden

Manfred Oeming, Heidelberg

1. Das Problem: Die inneren Spannungen in den Beurteilungen des Krieges

2. Die Bewertungen des Krieges im Spiegel der Geschichte

3. Zwischen Krieg und Frieden: Das Paradebeispiel David

3.1 David im deuteronomistischen Geschichtswerk (ca. 550 v. Chr.)

3.2 David in der Chronik (um 300 v. Chr.)

3.3 David in den Psalmen

4. Ein Extremfall: Der Bann

5. Fazit und Ausblick: Wehrhafter Wille zum Frieden

Bibliographie

4. Kapitel: Religionsausübung

§ 17 Orte der Heiligkeit

Wolfgang Zwickel, Mainz

1. Tempel in der Bronzezeit in Palästina

2. Nomadische Heiligtümer

3. Sinai/Horeb

4. Der Umbruch von der Spätbronze- zur Eisenzeit

5. Das Heiligtum in Schilo

6. Die Lade

7. Das Zeltheiligtum in Jerusalem

8. Der Salomonische Tempel

9. Die Erweiterungsmaßnahmen im Bereich des Salomonischen Tempels

10. Die Kultanlagen des Nordreichs

11. Der Tempel in Arad und die Kultnische in Kuntilet Ajrud

12. Der Untergang des Tempels als theologische Anfrage

13. Der Tempelbauentwurf des Ezechiel

14. Das priesterschriftliche Heiligtum

15. Der Tempelneubau in nachexilischer Zeit

16. Der Salomonische Tempel in den Chronikbüchern

17. Der Tempel auf dem Garizim

18. Der Tempel in Elephantine

19. Der Tempel von Leontopolis

20. Synagogen

21. Der Tempelentwurf des Eupolemos und die Tempelrolle von Qumran

22. Der Herodianische Tempel

Bibliographie

Allgemein:

Zu 1:

Zu 3:

Zu 6–8 (sowie 13, 15, 16, 22):

Zu 13–14:

Zu 17:

Zu 20:

§ 18 Gottesdienst

Hans-Peter Mathys, Basel

1. Die (gesetzliche) Regelung des Kultes/des Gottesdienstes

2. Die Kultorte

3. Was gerne vergessen wird

4. Das Kultpersonal

5. Regelmäßige kultische Begehungen

6. Die Gemeinde

7. Die Finanzierung des Gottesdienstes

8. Die Bekleidung des Kultpersonals

9. Die Einstellung zum Gottesdienst und seine Beurteilung – virtuelle Gottesdienste

Bibliographie

§ 19 Opfer und Sühne

Ina Willi-Plein, Hamburg

1. Zum Thema und seiner Begrifflichkeit

2. Opfer im Alten Testament

Exkurs zur prophetischen Kultkritik:

3. Schuld und Sühne

4. Opfer, Sühne – und Stellvertretung?

Bibliographie

§ 20 Gebet und Gesang

Andreas Wagner, Bern

1. Wovon reden wir, wenn wir von »beten« und »Gebet« reden?

2. Gebetsgesten

3. Gebetssituationen

4. Übergang zum Lied/Gesang, zur Musik, zur Liturgie

5. Wichtigste Gattungen und Formen des Gebets

a) Klagegebete/-lieder

b) Hymnen

c) Zum Verhältnis von Gattung und individuellem Text

d) Die berühmteste Gebetssammlung der Welt – die Psalmen

Bibliographie

5. Kapitel: Menschenbilder

§ 21 Grundlinien hebräischer Anthropologie

Silvia Schroer, Bern

1. Es gibt keinen Begriff für Seele

2. Menschsein ist leiblich

3. Mensch und Tier sind gleichermaßen vergänglich

4. Menschsein ist immer Dasein »in Beziehung«

5. Menschsein ist Dasein in Beziehung zu Gott

6. Es gibt kein menschliches Leben ohne Schuldverstrickung

7. Die selbstkritischen Aspekte biblischer Menschenbilder

Bibliographie

§ 22 Verhältnis der Geschlechter

Irmtraud Fischer, Graz

1. Schöpfungstexte: Der Mensch ist geschlechtlich differenziert

a) Die von Gott erschaffene Geschlechterordnung

b) Das vom Menschen gemachte Geschlechterverhältnis

2. Die Ungleichheit der Geschlechter in und vor dem Recht

a) Patriarchale Ehe

b) Normative Heterosexualität

c) Zur Kultfähigkeit der Geschlechter

3. Die unterschiedlichen Lebensläufe der Geschlechter

a) Männlich und weiblich geboren – zu Mann und Frau gemacht

b) Liebesverhältnisse

c) Gewaltverhältnisse

4. Theologische Implikationen der realen Geschlechterverhältnisse

a) »Wie im Himmel so auf Erden«?

b) Die metaphorische Rede von Gott

5. Resümee: Die Auslegung der Bibel in Geschlechterdemokratien

Bibliographie

§ 23 Richtiges Leben, Tun und Ergehen

Melanie Köhlmoos, Frankfurt

1. Aspekte der Forschungsgeschichte

a) Vom »Vergeltungsdogma« zum »Tun-Ergehen-Zusammenhang«

b) Der Tun-Ergehen-Zusammenhang in der Diskussion

2. »Wer eine Grube gräbt…«: Biblische Aspekte von Tun und Ergehen

a) »Weisheit führt zum Leben«: Vom Sinn der Klugheit

b) »Wenn ein Mann eine Zisterne gräbt«: Von der Funktion des Rechts

c) »Wer andern eine Grube gräbt«: Vom Eingreifen Gottes

3. Rechtes Handeln, Tun und Ergehen

Bibliographie

§ 24 Gewalt und Gewaltüberwindung

Johannes Schnocks, Münster

1. Einführung

2. Dimensionen zwischenmenschlicher Gewalt

a) Verbale Gewalt

b) Gewalt gegen »Arme«

c) Gewalt gegen Kinder und Eltern

d) Sexualisierte Gewalt

e) Religiös motivierte Gewalt

3. Todesstrafe

4. Gewalt und Gender

5. Überwindung von Gewalt

Bibliographie

§ 25 Schuld und Versöhnung

Bernd Janowski, Tübingen

1. Versöhnung statt Vergeltung

2. Das Bekenntnis der Schuld

3. Das Tragen der Schuld

4. Das Geschenk der Versöhnung

a) Zur narrativen Struktur von Lev 16

b) Zwei komplementäre Riten

5. Schuldannahme statt Schuldverdrängung

Bibliographie

§ 26 Leiden und Tod

Thomas Krüger, Zürich

1. Leiden

2. Tod

3. Ausblick

Bibliographie

6. Kapitel: Gottesglaube

§ 27 Gottes Einzigkeit

Bernhard Lang, Paderborn

1. Zwei Wege zum einen Gott

2. Der Gott des Exodus und die Religion des Nordreichs Israel

a) Ursprungserzählung

b) Propaganda

c) Geschichte

d) Sieg

3. Der Himmelsgott und die Religion des Südreichs Juda

a) Mythos

b) Propaganda

c) Geschichte

4. Die Verknüpfung von Exodus- und Himmelsgott-Religion

a) Verknüpfung

b) Geschichte

c) Folgen

Bibliographie

§ 28 Gottes Offenbarung

Johannes Klein, Fogarasch/Bern

1. Offenbarung im Alten Orient

2. Termini für Offenbarung im Hebräischen

3. Offenbarungsinhalte

a) Gottes Selbstoffenbarung

b) Offenbarung der Zukunft

c) Offenbarung der Tora

4. Offenbarungsmedien

a) Traum

b) Repräsentanzen Gottes

c) Vision

d) Ekstase

e) Befragung und Gottesurteil

5. Kriterien der Beurteilung von Offenbarung

Bibliographie

§ 29 Gottes Schöpfung

Andreas Schüle, Leipzig

1. Schöpfung als Thema alttestamentlicher Theologie – ein umstrittener Fall

2. Kosmos, Kult und Lebenskraft: Schöpfungstheologie in den Kultpsalmen

3. Deuterojesaja

4. Der Schöpfungsbericht (Gen 1,1–2,3)

5. Psalm 104: Gott als Geber allen Lebens

6. Die Gottesreden des Hiobbuches (Hiob 38–41): Schöpfungstheologie als Kritik menschlichen Erkennens und als Relativierung der Vorstellung vom Menschen als Ziel der Schöpfung

Bibliographie

§ 30 Gottes Liebe und Zorn

Jörg Jeremias, Marburg

1. Begriffsklärungen

2. Die Unvergleichlichkeit von Zorn und Güte Gottes

a)

b)

3. Gottes Zorn und Gottes »Reue«

a)

b)

4. Gott überwindet seinen Zorn

a)

b)

Bibliographie

§ 31 Gottes Allmacht und Ohnmacht

Walter Dietrich, Bern

1. Gottes Allmacht

a) Rühmungen von Gottes (All-)Macht

b) Leiden unter Gottes (Über-)Macht

2. Gottes Ohnmacht

a) Irritation über Gottes Untätigkeit

b) Erleichterung über Gottes Nähe zu den Ohnmächtigen

Bibliographie

§ 32 Gottes Zukunft

Ernst-Joachim Waschke, Halle

1. Grundlegung

2. Der »Tag Jhwhs«

3. Der »Messias«

4. Der »Zion«

5. Ausblick

Bibliographie

§ 33 Theologie des Alten Testaments und gesamtbiblische Perspektiven

Friedhelm Hartenstein, München

1. Was ist und wozu braucht man eine »Theologie des Alten Testaments?«

a) Zum Begriff »Theologie des Alten Testaments«

b) Probleme einer »Theologie des Alten Testaments«

c) Die Aufgabe einer »Theologie des Alten Testaments«

d) Die Bedeutung der Form einer »Theologie des Alten Testaments«

e) Die Frage nach einer »Mitte« des Alten Testaments: Die Beziehungsgeschichte Jhwhs mit Israel und der Welt

2. Die Barmherzigkeit des Schöpfergottes als grundlegende Sinnlinie der Hebräischen Bibel und einer »Theologie des Alten Testaments«

a) Schöpfungstheologischer Monotheismus als theologischer Rahmen des Pentateuchs

b) Die Barmherzigkeit des Schöpfergottes in der Sintfluterzählung als Entsprechung zur Reue Jhwhs in der Sinaiperikope

c) Reflexe der Barmherzigkeit Jhwhs in später Prophetie und im Psalter

d) Bleibende Probleme des schöpfungstheologischen Monotheismus und die Hoffnung auf ihre Lösung

3. Gesamtbiblische Perspektiven

a) Die jüdische(n) Schrift(en) als bleibender Bezugspunkt und Deutehorizont des frühen Christentums

b) Kontinuität und Transformation der »Theologie des AT« in frühchristlichen Schriften

c) Schlussbemerkung

Bibliographie

Anhang

Tabelle zur Geschichte des biblischen Israel

Walter Dietrich

Karte: Regionen und Landschaften Palästinas/Israels

Register

Bibelstellen

Genesis

Exodus

Levitikus

Numeri

Deuteronomium

Josua

Richter

Rut

1 Samuel

2 Samuel

1 Könige

2 Könige

1 Chronik

2 Chronik

Esra

Nehemia

Tobit

Ester

1 Makkabäer

2 Makkabäer

4 Makkabäer

Hiob

Psalmen

Sprichwörter

Kohelet

Hoheslied

Weisheit

Sirach

Jesaja

Jeremia

Klagelieder

Baruch

Ezechiel

Daniel

Hosea

Joël

Amos

Jona

Micha

Habakuk

Haggai

Sacharja

Maleachi

Matthäus

Lukas

Johannes

Apostelgeschichte

Römer

1 Korinther

2 Korinther

Epheser

Philipper

Kolosser

Hebräer

Judas

Offenbarung

Namen und Sachen

Die AutorInnen

Vorwort

»Wo erhalte ich einen knappen, verständlichen, aktuellen und zuverlässigen Überblick über das Ganze der Hebräischen Bibel?« Das fragen etwa Theologiestudierende in ihren ersten Semestern, verwirrt durch die Fülle auf sie einstürzender Informationen; oder Lehramtsstudierende im Fach Religion, oft überfordert durch detailreiche Fachbücher; oder Verantwortliche für kirchliche Erwachsenenbildung, Ausschau haltend nach geeigneter Basisliteratur zur Einführung ins Alte Testament; oder interessierte Laien, konfrontiert mit den vielfältigen Spuren der Hebräischen Bibel im europäischen Kulturerbe.

Früher konnten solche Fragen durch Verweis auf Claus Westermanns »Tausend Jahre und ein Tag« oder auch auf Bernhard Langs »Ein Buch wie kein anderes« beantwortet werden. Neuerdings bieten die drei schweren Bände von »Erklärt«, eines allgemeinverständlichen Kommentars zur Neuen Zürcherbibel, hilfreiche Antworten. Auch Thomas Staublis »Begleiter durch das Erste Testament« und UTB-»Taschen«bücher wie die von Jan Christian Gertz herausgegebene »Grundinformation Altes Testament« oder Hans-Christoph Schmitts »Arbeitsbuch zum Alten Testament« wären zu nennen. Wer des Englischen mächtig ist, mag auch zu der frisch erschienenen, von John Barton herausgegebenen Einführung »The Hebrew Bible: A Critical Companion« greifen.

Der hier vorgelegte Band ist gegenüber all diesen Büchern von anderer, eigener Art. In ihm beleuchten zweiunddreißig ausgewiesene Fachgelehrte – aus dem gesamten deutschen Sprachraum, beiderlei Geschlechts, unterschiedlichen Alters und verschiedener Konfession – je eine ihnen besonders vertraute Facette der Hebräischen Bibel: zu ihrer Lebenswelt, ihrer kanonische Gestalt, den in ihr versammelten Schriften, ihrer Entstehungsgeschichte und einer Reihe wichtiger, in ihr verhandelter Themen.

Die Bereitschaft zur Mitarbeit war durch sehr bestimmte Vorgaben auf eine harte Probe gestellt: Der Raum für die Beiträge war streng begrenzt, Sprache und Stil sollten schön und flüssig, verständlich und präzise sein, Fußnoten sich auf ein Minimum beschränken, dafür knappe Bibliographien zu vertieftem Weiterarbeiten anleiten. Es muss kaum betont werden, wie schwer es ist, unter solchen Bedingungen derart anspruchsvollen Themen wie den hier verhandelten gerecht zu werden. Es ehrt die Beitragenden, dass sie sich diesem Ansinnen ohne Murren unterzogen haben.

So wie die einzelnen Beiträge nicht dem Ideal der Vollständigkeit gerecht werden können, so lässt sich auch von dem Buch als Ganzem nicht behaupten, es widerspiegele die gesamte »Welt der Hebräischen Bibel«. Einige wichtige Themenfelder bleiben weitgehend ausgeblendet: etwa die Geschichte Israels in ihren einzelnen Epochen oder die Palästinaarchäologie mit ihrem in letzter Zeit rasanten Erkenntniszugewinn oder die Altorientalistik in ihrem vielfältigen Ertrag für das Verständnis des Alten Testaments oder die Geschichte der alttestamentlichen Wissenschaft in ihren zahllosen Verästelungen, ganz zu schweigen von der enorm facettenreichen Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Hebräischen Bibel in Kunst und Literatur. Freilich kommt auch von diesen Bereichen immer wieder etwas in den Blick, so dass die durch den Titel geweckte umfassende Erwartung hoffentlich nicht in zu vielen Punkten enttäuscht wird.

Man kann mit diesem Band auf verschiedene Weisen umgehen. Man kann sich mit ihm allein oder in Gruppen befassen (etwa in Lesekreisen oder in Examensrepetitorien). Man kann ihn integral, von vorn nach hinten, man kann aber auch eines oder mehrere der sechs Hauptkapitel – oder auch nur einzelne der zweiunddreißig Paragraphen lesen, je nach Interesse und Bedürfnis. Man kann auch von den Namen der Mitwirkenden ausgehen: Welche von ihnen möchte ich gern im Originalton kennenlernen? Schließlich kann man das Buch mit Hilfe der Register – eines Stichwort- und eines Bibelstellenverzeichnisses – auch als Nachschlagewerk nutzen. Darüber hinaus lassen sich jederzeit die aus ihm gewonnenen Erkenntnisse aus anderen Überblicksbüchern wie den oben genannten oder ausgehend von den Einzelbibliographien noch erweitern.

Es bleibt an dieser Stelle noch herzlich zu danken: in erster Linie den Autorinnen und Autoren. Die Kooperation mit ihnen war wohltuend unproblematisch, wofür ein Herausgeber nur sehr, sehr dankbar sein kann. (Ziel war es übrigens nicht, sie alle nur einen Stil schreiben oder in strittigen Fragen immer nur einer Meinung sein zu lassen; sie durften in ihrer sprachlichen und sachlichen Eigenart ruhig erkennbar bleiben.) Mein Dank gilt ferner Frau Dr. Renate Klein in Fogarasch/Rumänien für ihr sachkundiges und achtsames Lektorat sowie dem Kohlhammer Verlag, insbesondere Herrn Florian Specker im Lektorat für Theologie, für die kompetente und sorgfältige Betreuung des Bandes von seinen Anfängen bis zu seinem Erscheinen.

Mit dem Wunsch, dieses Buch möge seiner Leserschaft die Welt der Hebräischen Bibel in ihrem Reichtum erschließen helfen, verbindet sich eine Bitte. Herausgeber und Autorenschaft freuen sich über Rückmeldungen jeglicher Art (auch kritische!): zur Anlage als ganzer, zu bestimmten Kapiteln oder Paragraphen, zu einzelnen Gedanken und Formulierungen bis hin zu kleinen Schreibversehen. Zuschriften sind erbeten an die e-mail-Adresse walter.dietrich@theol.unibe.ch; alles, was nicht (nur) den Herausgeber betrifft, wird zuverlässig weitergeleitet. Es wäre schön, wenn durch dieses Buch das seit Jahrtausenden anhaltende vieltausendstimmige Gespräch über die Bibel noch ein wenig bereichert würde.

Erfreulich rasch wurde eine zweite Auflage der »Welt der Hebräischen Bibel« nötig. Ich bin dem Verlag – und insbesondere Herrn Florian Specker im theologischen Lektorat – dankbar, dass er diese Aufgabe an die Hand genommen hat. Dankbar bin ich auch allen Autorinnen und Autoren des Bandes, die ihre Texte noch einmal durchgesehen, kleinere Mängel behoben, hier und dort Aktualisierungen vorgenommen, insbesondere: die Literaturlisten angepasst, mitunter auch größere Passagen neu geschrieben haben. Dankbar bin ich besonders Friedhelm Hartenstein, der neu einen Schluss-Paragraphen über die »Theologie des Alten Testaments und gesamtbiblische Perspektiven« beigetragen hat; ein solcher Abschnitt wurde in der Erstauflage verschiedentlich vermisst. Möge der Band in neuer Fassung und neuer Ausstattung weiterhin das ermöglichen, wozu er geschaffen wurde: Einblicke in und Überblicke über die Hebräische Bibel zu gewinnen.

Bern, im Herbst 2020 Walter Dietrich

1. Kapitel: Umfeld
§ 1 Bibel und Orient

Angelika Berlejung, Leipzig/Stellenbosch

1. Der Rahmen

Das Alte Testament, die hebräisch-aramäische Bibel (TNK)1, ist eine altorientalische Bibliothek in hebräischer (und z. T. aramäischer) Sprache. Als Sammlung verschiedener Literaturwerke, die aus dem Alten Palästina des ersten vorchristlichen Jahrtausends kommen und dort tradiert wurden, kann das auch nicht anders sein. Denn Palästina verbindet als Landbrücke Nordafrika und Vorderasien, was konkret heißt, dass die Heimat des Alten Testaments mitten am Westrand des Alten Orients liegt: Im Süden grenzt Palästina an Ägypten, im Norden liegen Syrien und Anatolien, im Westen blühen die Küstenstädte, die in der südlichen Levante zu dieser Zeit unter philistäischer, in der nördlichen Levante unter phönizischer Herrschaft waren; auch Zypern, Kreta und »die Inseln« des Mittelmeers können als westliche Nachbarn betrachtet werden. Im Osten schien Mesopotamien vielleicht geographisch weit entfernt gelegen, jedoch bildeten sich dort im ersten vorchristlichen Jahrtausend große, expansive und international agierende Imperien, die von Norden kommend, mit ihren Armeen die syro-palästinische Landbrücke betraten (Assyrer, Babylonier, Perser).

Die besondere geographische Lage in einem Korridor brachte es für Palästina frühzeitig mit sich, dass die benachbarten Reiche, die sich weit vor den Staatenbildungen in Palästina2 konsolidiert hatten, immer wieder wirtschaftlich, politisch und militärisch auf diese strategisch wichtige Region ausgriffen, zumeist, um sich einen Zugang zum Mittelmeer zu verschaffen und/oder um Ägypten zu erobern. Beides versprach reiche Beute und war daher sehr lukrativ.

Palästina selber war im ersten vorchristlichen Jahrtausend keine unabhängige, selbstverwaltete politische Einheit, sondern entweder in kleine regionale Einheiten als Einzelstaaten mit wechselnden Allianzen zerstückelt, oder (und zum Teil auch gleichzeitig) in Vasallenstaaten, Provinzen oder Kolonien unter der Regie einer benachbarten Großmacht aufgeteilt. Diese Oberherrschaften bzw. Gebietsaufteilungen in der südlichen Levante wechselten sich leicht zeitverzögert zum Aufstieg und Untergang der jeweiligen Machthaber oder Reiche mit Expansionsambitionen ab. Im Zuge dieser fremdherrschaftlichen Dominanzen fanden sich auf palästinischem Boden schon spätestens seit dem 3. Jt. v. Chr. Ägypter, ab dem Ende des 2. Jt.s v. Chr. »Seevölkergruppen« (darunter die Philister aus der Ägäis), etwas später dann Aramäer aus dem Norden3, Assyrer, Babylonier, Perser, und zuletzt noch Griechen und Römer ein. Nicht nur politische Fremdherrschaften und Gebietsansprüche beeinflussten die kulturelle und religiöse Entwicklung Palästinas nachhaltig, sondern auch Handelskontakte mit den verschiedenen Nachbarn, z. B. den philistäischen Stadtstaaten der südlichen Küstenregion, den phönizischen Stadtstaaten der nördlichen Küstenregion, den Bewohnern Zyperns, Griechenlands oder den nord- bzw. südarabischen Stämmen. Palästina hat selber außer dem Mittelmeer im Westen keine natürliche Grenze, denn die Grenzen zu den unmittelbaren Nachbarregionen darf man sich nicht allzu abgeschlossen und scharf vorstellen: Die Übergänge zu den Steppen- und Wüstenregionen des Negev und dem (Palästina nicht zuzurechnenden) Sinai im Süden, im Osten zur jordanischen Wüste oder im Norden zur Küstenregion des heutigen Libanon oder zum heutigen Syrien waren fließend. Auf diesem Hintergrund wird deutlich, dass Palästina als Schwellen- und Durchgangsland mit »offenen Grenzen« die besten Voraussetzungen dafür bot, dass für die dortige Bevölkerung interkulturelle Begegnungen, Hochzeiten und entsprechend auch Mehrsprachigkeit an der Tagesordnung waren, insbesondere dann, wenn man als Händler auf Kontakte und Netzwerke angewiesen war oder an einer der zentralen Straßen (z. B. der sog. Via maris) wohnte. Aus dem Gesagten ist deutlich, dass die politische, die Sprach-, Kultur-, Sozial-, Religions- und Theologiegeschichte Palästinas eng mit den Vorgängen und Entwicklungen im Land, jedoch auch mit denen in der näheren (syrisch-phönizisch-arabischen) oder ferneren (ägyptisch-mesopotamisch-griechischen) Umgebung vernetzt waren und ohne Kenntnis derselben nicht sachgemäß beschrieben und verstanden werden können.

Die Heimat des hebräischen (und aramäischen) Alten Testaments, des TNK, liegt wie gesagt im Alten Orient. Der Alte Orient ist damit der Verstehenshorizont des Masoretischen Texts, wovon u. a. auch zahlreiche Lehnworte aus den dem Hebräischen verwandten Sprachen (z. B. dem Aramäischen, Akkadischen, Arabischen) zeugen. Für die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta (LXX)4, gilt dies nicht in gleichem Maße. Hier ist auch die griechische Antike mit einzubeziehen. Grundsätzlich ist jede Übersetzung eine Interpretation des Übersetzers und daher von seinem Vorwissen und Kontext, seinen philologischen Kompetenzen, stilistischen Präferenzen und theologischen oder didaktischen Intentionen abhängig. Dies ist auch bei der LXX so, die auf die neue Situation des Judentums in der hellenistischen Zeit reagierte und den hellenistischen Juden ihre normativen Schriften in der inzwischen üblichen griechischen Sprache vorlegte. Sie stellte also für das Gemeinde- und Schulleben des hellenistischen Judentums eine enorme Erleichterung dar. Zugleich wurde durch sie die Hebräische Bibel zum ersten Mal der griechischen Welt vorgestellt. Die Übersetzung der biblischen Bücher begann mit der Tora wohl in der 1. Hälfte des 3. Jh.s v. Chr. in der zumeist Griechisch sprechenden, jüdischen Diasporagemeinde in Alexandria, wohingegen erst im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte die übrigen Bücher sukzessiv folgten (s. Prolog zu Jesus Sirach um 132 v. Chr., der das Gesetz, die Propheten und manche der Schriften in ihrer griechischen Version kennt). Es gab verschiedene Übersetzer, die mit unterschiedlich guten Sprachkompetenzen in der Ausgangssprache (dem Hebräischen und Aramäischen) und der Zielsprache (dem Griechischen) ausgestattet waren. Dies spiegelt sich darin, dass die Übersetzungsqualität der einzelnen Bücher recht unterschiedlich ist. Aus dieser Entstehungsgeschichte und dem Kontext der Übersetzer ergibt sich schon, dass die Septuaginta, ebenso wie der TNK, eine Bibliothek ist, wenngleich in griechischer Sprache. Sie ist aber weniger eindeutig altorientalisch als vielmehr stärker ägyptisch (s. Alexandria) als auch eben hellenistisch beeinflusst. Damit sind die Akzente deutlich verschoben, und hellenistische Elemente (z. B. griechisches Weltbild, griechische Philosophie) wurden bei der Übersetzung in die Texte mit eingetragen. Es kam somit zu einer Akzentverschiebung in Richtung auf die Aufnahme von Diskursen mit der hellenistischen Welt, faktisch also zu einer Hellenisierung des AT. Doch dies kann im Folgenden außer Betracht bleiben; wir konzentrieren uns ganz auf den Zusammenhang zwischen Hebräischer Bibel und Altem Orient.5

2. Die Forschungsgeschichte

Mit den Ausgrabungen in Babylon und der Auffindung und Entzifferung der großen babylonischen Weltschöpfungsepen gerieten babylonische Literaturwerke am Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jh.s in den Fokus biblischer Forschung. Das babylonische Weltschöpfungsepos Enuma Elisch wurde mit der Schöpfungserzählung, das Gilgamesch-Epos mit der Sintflutgeschichte verbunden. Der Vergleich erbrachte: Die biblische Schöpfungserzählung in Gen 1,1–2,4a wie die Sintflutgeschichte in Gen 6–9 haben in der babylonischen Literatur Entsprechungen und teilen mit ihr diverse Motive, Konzepte und Abläufe. Da relativ schnell klar war, dass die babylonischen Texte die älteren waren, konnte die vermutete Abhängigkeit der verwandten Texte aus Israel und Babylonien nur dahingehend erklärt werden, dass die biblischen Texte auf den babylonischen aufbauten und nicht etwa umgekehrt. Ein wichtiger Meilenstein war Hermann Gunkels Buch »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit« aus dem Jahr 1895. Nach seinen Einsichten geht die biblische Schöpfungserzählung von Gen 1 auf das babylonische Epos zurück, welches in der »vorprophetischen Zeit« nach Israel gekommen sei. Von den Babyloniern habe man somit sehr viel gelernt. Dieses babylonische Wissen sei aber erst in Israel »mit israelitischen religiösen Gedanken durchdrungen« worden.6 Das babylonische Wissen habe sich inzwischen als Irrtum erwiesen, wohingegen die religiösen Gedanken Israels die babylonischen Mythen eigenständig so umgestaltet hätten, dass sie nach wie vor Grundlage christlichen Glaubens sein können. Noch stärker auf diesen Pfaden wandelte Friedrich Delitzsch, der mit seinen beiden Vorträgen der Jahre 1902 und 1903, die er unter dem Titel »Babel und Bibel« publizierte (und denen sich ein dritter Vortrag 1904 anschloss), den gleichnamigen Streit provozierte. Ihm zufolge stammen zentrale biblische Gedanken und Konzepte aus Babylonien und wurden durch die Entlehnung in das Alte Testament umgegossen und »monotheisiert«. Die Präferenz, die er Babylonien als der älteren, klareren, moralisch-ethisch und kulturell höher stehenden Kultur gab, und der während der Jahre durch Vertreter des sog. Panbabylonismus sich steigernde Eifer, überall in der Hebräischen Bibel babylonische Vorlagen zu entdecken, so dass den biblischen Texten, die als eine jüdische Adaptation der babylonisch-assyrischen Texte angesehen wurden, kaum noch Eigenwert und Originalität zukam, führte schnell zu einer Abwertung des Alten Testaments. Delitzsch selbst hatte anfangs keinen Zweifel daran zugelassen, dass er die weltgeschichtliche Bedeutung des Alten Testaments im Monotheismus sah, wohingegen Babylonien immer polytheistisch geblieben sei.7 Allerdings wurden seine Urteile über das Alte Testament im Laufe seines Lebens immer unsachlicher, antijudaistischer und schärfer, so dass er 1920 klar formulierte, dass das Alte Testament »für die christliche Kirche und damit auch für die christliche Familie vollkommen entbehrlich« sei.8 Schon der erste Vortrag hatte in der Folge eine breite und z. T. sehr emotional geführte öffentliche Diskussion ausgelöst, da besonders konservative christliche und jüdische Kreise die heilsgeschichtliche Bedeutung der Bibel und ihren Offenbarungsgehalt in Frage gestellt sahen. Schon 1904 war das öffentliche und kaiserliche Interesse an Delitzsch jedoch deutlich zurückgegangen. Allerdings verschärften die Vertreter des Panbabylonismus die Auseinandersetzung um das Alte Testament, die immer stärker antijüdische und antisemitische Züge annahm.

Nach nun mehr als 100 Jahren nach dem Babel-Bibel-Streit kann als Konsens betrachtet werden, dass lineare literarische Abhängigkeiten alttestamentlicher Texte von mesopotamischen, ägyptischen, syro-aramäischen (oder aber auch von den ab 1928 entdeckten ugaritischen) Texten nur in wenigen Ausnahmen (s. u.) mit Sicherheit festgestellt werden konnten. Was jedoch sehr klar herausgearbeitet werden konnte, ist, wie stark die Hebräische Bibel in Themen, Motiven, Konzepten, Vorstellungen und Abläufen ihrer altorientalischen Welt verpflichtet und verhaftet ist. Die biblischen Autoren brauchten keine mesopotamische oder ägyptische literarische Vorlage, um ihre eigenen Literaturen zu schreiben. Sie waren Teil der altorientalischen Welt, in der bestimmte Motive, Themen und Konzepte zum kollektiven Gedächtnis gehörten, und sie schöpften aus diesem Fundus, um ihre Gedanken in literarische Werke zu fassen. Sie waren dabei eigenständige Schöpfer ihrer Texte, so dass Kategorien wie »entlehnen«, »umgießen«, »kopieren«, »abschreiben« oder gar »fälschen« einfach nur falsch sind. Dass sich bei ihrer Arbeit Anklänge und Übereinstimmungen mit babylonischen, assyrischen, ägyptischen u. a. altorientalischen Literaturwerken und -gattungen ergeben, ja sogar Zitate und Namensgleichheiten möglich sind und man auch dieselbe Bildsprache verwendet, liegt in der Natur der Sache. Wer die Lebenswelt (z. B. die Wüste als Grenzgebiet), den Klima-, Sprach- und Wirtschaftsraum, dieselben kulturell-sozialen Parameter (z. B. Geltung des Gastrechts, Hochschätzung von Tradition, Königtum als Regierungsform, Schultexte), anthropologischen (z. B. patriarchale Strukturen) und religiösen Grundüberzeugungen (z. B. Bestrafung von Sünde durch Gott/die Götter, Gesetzgebung gründet in Gott/den Göttern, Bedeutung der »Weisheit« s. u.) miteinander teilt, teilt auch die Motive, Themen und Konzepte, die in diesem Kulturraum heimisch sind. Die Fragen mögen dabei oft dieselben sein, die Antworten sind es jedoch bei genauem Hinsehen eben gerade nicht.

3. Die Hebräische Bibel im altorientalischen Kontext

Kein Studium biblischer Geschichte, Motive, Themen oder Konzepte kann als vollständig angesehen werden, wenn der altorientalische und/oder ägyptische Hintergrund nicht mit beleuchtet und bedacht wird. Nur im Rahmen der altorientalischen Geschichte und Religionsgeschichte lassen sich die Besonderheiten der religiösen Konzepte und Überzeugungen der Autoren der alttestamentlichen Schriften herausarbeiten und klar profilieren. Im Folgenden soll dies anhand der

a) Vernetzung der Geschichte Israels und der biblischen Schriften in der altorientalischen politischen »Großwetterlage«

b) Vernetzung der Alltagskultur und Realien Israels und der biblischen Schriften mit der altorientalischen Lebenswelt,

c) Vernetzung biblischer Schlüsselkonzeptionen mit altorientalischen Konzepten kurz und exemplarisch gezeigt werden.

a) Vernetzung der Geschichte Israels und der biblischen Schriften in der altorientalischen politischen »Großwetterlage«

Die Bibliothek der Hebräischen Bibel besteht aus diversen Schriften, die in der Zeit des Zweiten Tempels zu einem Buch zusammengewachsen sind. Mit Ausnahme der meisten Psalmen (hier aber noch einmal eigens zu betrachten sind die Geschichtsspsalmen) und der Weisheitsschriften lassen sich in fast allen Büchern zeitgeschichtliche Reflexe und Bezüge aufzeigen. Dabei geht es nirgends darum, eine geschichtliche Chronik der Ereignisse zu entwerfen, als vielmehr darum, Selbstinterpretationen der eigenen Geschichte und theologische Texte unterschiedlicher Zielrichtungen vorzulegen. Alle biblischen Bücher teilen das Bekenntnis des Glaubens an Jhwh ebenso wie das Bestreben, in ihrem Zeugnis andere zu überzeugen. Die Hebräische Bibel entwirft dabei die Geschichte des Gottesvolkes eingebettet in den Anbeginn der Schöpfung der Welt zu Anfang aller Zeit (Gen 1) und ihrer Neuschöpfung am Ende der Zeiten (Jes 60,19), vom Auszug aus Ägypten über den Einzug ins Gelobte Land, über die Gründung der Staaten Israel und Juda samt deren Ende durch die Assyrer bzw. Babylonier bis zur Wiederherstellung des Jerusalemer Tempels nach dem babylonischen Exil unter persischer Protektion (Esr 1,1–6,18) und dessen Entweihung durch den Seleukiden Antiochus IV. Epiphanes (175–164 v. Chr.) durch die Aufstellung des »Gräuels der Verwüstung« (Dan 9,27; 11,31; 12,11; 1Makk 1,41–43; 2Makk 6), wobei seine Wiedereinweihung im Jahre 164 v. Chr. (memoriert im Chanukkafest) im hebräischen Kanon nicht mehr mit aufgenommen ist. Damit sind schon die wichtigsten altorientalischen Reiche genannt, die den Vorderen Orient und die Geschichte Palästinas dominiert haben: Ägypten, Assyrien, Babylonien, Persien und das Reich der Seleukiden. Die dargestellte Zeit, die Geschichten vom Exodus mit dem Zeltheiligtum bis zu dem entweihten bzw. wieder eingeweihten Tempel zur Zeit der Makkabäer erzählt, ist im Wesentlichen mit dem identisch, was man in der Archäologie Palästinas als die Eisenzeit, die babylonisch-persische und hellenistisch-römische Zeit beschreibt. Wie man unschwer erkennen kann, sind in diese Terminologie die jeweils herrschenden Großreiche mit eingeflossen, die in der Tat auch archäologisch ihre Spuren hinterlassen haben.

Schon die Anfänge »Israels« waren eng mit den Nachbarn verbunden. Wie auch immer man die genauen Vorgänge rekonstruiert,9 nicht umsonst ist die erste außerbiblische Bezeugung des Begriffs »Israel« auf einer ägyptischen Stele des Pharaos Merenptah zu finden (1208 v. Chr.),10 und einer der zentralen Ursprungsmythen der Entstehung des alten Israel, die Exoduserzählung, zentriert sich um das Reich der Pharaonen. Und auch in den folgenden Epochen setzt sich die enge Verbindung des alten Israel mit seinen näheren (Moab, Edom, Ammon, Aram-Damaskus, Tyros, Ekron, Aschdod, Gaza etc.) und ferneren Nachbarn (Ägypten, Mesopotamische und »Griechische« Reiche) weiter fort. Entweder weil die südliche Levante durch einen Feldzug umgestaltet oder auch nur in Mitleidenschaft gezogen wurde, oder weil die Königreiche Israel (Nordreich) oder Juda (Südreich) Allianzen oder Intrigen mit ihren Nachbarn schmiedeten, kollaborierten oder rebellierten, oder einfach mit ihnen Handel trieben. Auch von interkulturellen Eheschließungen weiß die Hebräische Bibel zu berichten, wenn z. B. Isaak mit Rebekka eine Aramäerin (Gen 25,20), Salomo eine Pharaonentochter (1Kön 3,1) oder Ahab mit Isebel eine Phönizierin (1Kön 16,31) ehelichen. Politische Verflechtungen zwischen Israel/Juda mit den Nachbarn spiegeln sich vor allem im Kanonteil der (Vorderen und Hinteren) Propheten, wenn die Königsbücher bestimmte Feldzüge oder Tributzahlungen notieren (2Kön 15,19f.; 738 v. Chr. Menahem von Israel zahlt dem Assyrerkönig Tiglat-Pileser III. Tribut11; 734 v. Chr. Ahas von Juda u. a. zahlen demselben König Tribut 2Kön 16,712; 722/0 v. Chr. Fall Samarias 2Kön 17,5f.13), in den Prophetenbüchern (bes. Jeremia und Jesaja) vor diplomatischer Schaukelpolitik und falschen Allianzen gewarnt wird, Fremdvölkerorakel Jhwhs Willen über die Völker bekunden (z. B. Jes 19), wenn das Prophetenbuch Nahum erleichtert über den Untergang des neuassyrischen Reichs frohlockt, wenn Jes 45,1 den Perserkönig Kyros als Messias bezeichnet, u. a. weil damit die verhasste babylonische Herrschaft ein Ende haben wird, oder auch wenn das Edikt des Perserkönigs Kyros (538 v. Chr.) gleich mehrfach überliefert wird (Esr 6,3–5; 5,14; 1,2–4 = 2Chr 36,23).

Dieser kurze Durchgang zeigt: Im 1. Jt. geriet Palästina wiederholt in die Einflusssphäre seiner expandierenden Nachbarn, die denn auch sein politisches und wirtschaftliches Geschick bestimmten. Viele der religiösen und politisch-sozialen Vorgänge innerhalb der Levante spielten für die Autoren und Redaktoren des Alten Testaments keine Rolle, da sie ihnen keine Relevanz für die Glaubensgeschichte mit Jhwh zuerkannten. Folgerichtig ließen sie sie weg oder erwähnten sie nur am Rande. Andere wurden mit klaren Bewertungen versehen oder wurden als derart bedeutend angesehen, dass sie gleich mehrfach erzählt wurden, so dass sich Doppelüberlieferungen ergeben, die unterschiedliche Perspektiven zum Ausdruck bringen. Den alttestamentlichen Theologen lag durchwegs an einer theologisch-programmatischen und nicht an einer historisch-deskriptiven Aussage. Um zu erkennen, was die jeweiligen Autoren nun in ihrer Darstellung für wichtig und was sie für unwichtig erachteten, wo sie also ihre Akzente setzten, selektierten, (ver-)schwiegen, umdeuteten oder auch wie sie ihre theologisch-programmatische Aussage gestalteten, ist es wichtig, die biblische Erzählung mit anderen Quellen zu konfrontieren, die aus derselben Lebenswelt stammen, wenn nicht gar dasselbe Ereignis oder dieselben Vorgänge zum Gegenstand haben. Nur so kann man profilieren, was genau einem biblischen Autor am Herzen lag, und was er den nachfolgenden Generationen mitteilen wollte. Das war im seltensten Fall die reine Information über das Stattfinden irgendeines Krieges in irgendeiner Stadt im Vorderen Orient, sondern der Erweis des göttlichen Heilsplans mit seinen Menschen. Die theologische Interpretationsleistung der biblischen Autoren kann vor dem Hintergrund der (Re-)Konstruktion der Ereignisse, wie sie sich unabhängig von ihrer theologischen Interpretation vielleicht »tatsächlich« abgespielt haben (was immer unter dem Vorbehalt der Hypothese bleibt), erst präzise erfasst werden (was ebenso immer hypothetisch bleibt). Das ist nicht immer möglich, da für die historische (Re-)konstruktion mit den Methoden der modernen Geschichtswissenschaft häufig die außerbiblischen Quellen fehlen, die die Vorgänge der Vergangenheit erhellen könnten. Doch wurden in den letzten Jahrzehnten in dieser Hinsicht große Fortschritte erzielt. Zum einen sind aus Palästina selbst außerbiblische Schriftzeugnisse hinzugekommen, zum anderen wird aus den Nachbarkulturen unaufhörlich neues Textmaterial bekannt, aus dem sich neue Erkenntnisse gewinnen und alte verifizieren oder falsifizieren lassen. Generell gilt: Je mehr man bereit ist, verschiedene Quellenbereiche (archäologische Befunde, biblische und außerbiblische Texte, Bilder), Methoden und die daraus erarbeiteten Interpretationen miteinander ins Gespräch zu bringen, desto differenzierter, plastischer und dichter wird die vergangene Kultur und Gesellschaft Palästinas zu beschreiben sein. Und umso besser werden wir die biblischen Autoren und ihre Schriften verstehen.

b) Vernetzung der Alltagskultur und Realien Israels und der biblischen Schriften mit der altorientalischen Lebenswelt

Die Ergebnisse der Biblischen Archäologie, insbesondere der Ikonographie und des Studiums der altorientalischen Bild- und Realienwelt, können für die Interpretation biblischer Texte von Relevanz sein, wenn es um die Klärung von topographischen Gegebenheiten, Realien, Sozialstrukturen, Technologien, Verkehrswegen, Importen und Handelsstrukturen u. a. m., also der Alltags- und Lebenswelt der Menschen geht, welche die Hebräische Bibel geschrieben haben und für die sie geschrieben wurde. Selbst biblische Ortsangaben (z. B. Mamre) können mehr als ein topographischer Hinweis sein und eine theologische Konnotation enthalten. Um dies zu verstehen, muss man die Topographie Palästinas kennen.

Auch die Bildsprache und Metaphorik der Hebräischen Bibel ist der altorientalischen Lebenswelt verpflichtet, so dass sie sich erst voll erschließt, wenn man diesen Hintergrund ausleuchtet. Als Beispiel sei auf die Metaphorik verwiesen, die im Alten Orient, Alten Testament oder in den wenigen einschlägigen epigraphischen Funden aus Palästina benutzt wurde, um Sterben, Tod und Unterwelt zu beschreiben. Im Zusammenhang mit der Rede vom Übergang vom Leben zum Tod und vom Dasein des Toten in der Unterwelt teilen sich Alter Orient und Altes Testament zahlreiche Vorstellungen (z. B. das Schattendasein der Toten in der Unterwelt). Aber auch die Metaphorik diesbezüglich zeigt einen beachtlichen gemeinsamen Fundus, da man eben Bilder aus dem Bereich der Flora (Ps 102,5.12 versengte Kräuter) und Fauna (Ps 102,7 Dohle/Pelikan in der Wüste, Eule in Ruinen, 102,8 einsamer Vogel) der israelitisch-judäischen und altorientalischen Lebens- und Erfahrungswelt (Hiob 13,28 Kleid mit Mottenfraß, 14,11 vertrocknender Fluss; Ps 31,13 zerschlagenes Gefäß, 102,12 länger werdender Schatten) verwandte, um diesen Grenzbereich menschlichen Daseins sprachlich und begrifflich zu erfassen. Eine Metapher, die in mesopotamischen wie alttestamentlichen Texten verwendet wird, um der Rede vom Sterben eines Menschen eine spezielle Nuance und Färbung zu geben, ist der Vogelfang: Der konkrete Vorgang aus dem Bereich der Jagd14 wird aufgenommen, wenn das Fangen von Vögeln mit Fallen und Netzen als Bild für den bedrohten und sterbenden Menschen gebraucht wird.15 Der lebendige Mensch wird dabei mit dem freien Vogel assoziiert, der somit zur Metapher für die individuelle menschliche Vitalität (hebr. naepaeš16), steht. Ebenso schnell wie der freie Vogel gefangen werden kann, kann der Tod den Menschen ereilen. So werden Vogelfang und Sterben (wie auch Fischfang und Sterben) z. B. in Koh 9,12 miteinander assoziiert, wenn festgestellt wird:

Auch kann der Mensch seine Stunde nicht erkennen. Wie die Fische, die im tückischen Netz gepackt werden und wie die vom Klappnetz gepackten Vögel, so werden die Menschenkinder gefangen zur Stunde des Unheils, wenn es plötzlich über sie kommt.

Der ständig vom Tod bedrohte Mensch entspricht hier dem gejagten Vogel, das schnell zuschnappende Klappnetz zeigt den unvorhersehbaren Zugriff des Todes auf den arglosen Menschen/Vogel an, und die Vogeljagd steht für die Todesgefahr, der der Mensch immer ausgesetzt ist. Eine ähnliche Metaphorik, die das Böse (in Gestalt von Krankheiten, Tod oder Dämonen) wie etwas beschreibt, das den arglosen Menschen jagt, verfolgt und sich über ihn wie ein Fangnetz wirft, findet sich auch in mesopotamischen Texten. Als Opfer auf der Flucht kommt der Gejagte dem Vogel gleich, der den Netzen und Fallen des Vogelfängers zu entkommen sucht. Ist man erst einmal unter dem Netz gefangen, schwinden die Kräfte und erlahmen die Bewegungen, so dass Kraftlosigkeit eintritt und der Tod nahe kommt. Dies veranschaulicht der folgende mesopotamische Text, der zitiert, was der Kranke in einem Krankenritual sprach, das beim Fest der Ischtar und des Dumuzi vollzogen wurde. Es handelt sich um ein Gebet, bei dem der Kranke die Göttin Ischtar bat, ihn von allem Bösen, das ihn einschloss, zu befreien: 68 Alles Böse, das mich erfasst hat und mich stets begleitet, [m]ich befallen hat, 69 mich nicht loslässt wie ein [F]angnetz, [mich bede]ckt, 70 wie ein Netz mich niederwirft, all [mein F]leisch [zum Schwinden bringt,] 71 alle meine Sehnen umkleidet hält, meinen Mund immer wieder ergr[eift ....] (soll Ischtar verjagen)17.

Die aufgeführten Beispiele zeigen, dass man sterbende, tote und der Vergänglichkeit ausgelieferte Menschen mit der Metapher des gejagten, und unter dem Netz gefangenen Vogels bezeichnen konnte. Sogar verschiedene Jagdtechniken können durch die unterschiedlichen Netz- und Fallenbezeichnungen mit eingeholt werden: Fallen, die am Boden stehen, und Netze, die von oben geworfen werden, bringen zum Ausdruck, dass man jederzeit aus allen Richtungen unversehens angegriffen werden kann. Wie diese Fallen genau ausgesehen haben, kann man der altorientalischen und ägyptischen Ikonographie entnehmen.18 Die metaphorische Rede vom Vogel im Netz stand für die Deprivation von Leben, Bewegung und Licht und damit für den Menschen, der der Todessphäre anheimgefallen war. Die Rettung konnte (wie bei wirklichen Vogelfallen) nicht etwa durch Eigeninitiative oder durch die Hilfe von Artgenossen, sondern nur durch eine hilfreiche überlegene und fürsorgliche Hand erfolgen, womit sich das Angewiesensein des Menschen auf einen wohlgesonnen Gott ausdrückte. Anders als im Alten Orient, wo eine Vielzahl von Göttern einen Menschen in Todesgefahr bringen, aber auch wieder daraus retten konnten, ist es im Alten Testament Jhwh allein, der dem bedrohten Menschen aus der Gefahr heraushelfen kann. So konnte der Beter in Ps 140,5f., der sich von bösen und gewalttätigen Mitmenschen verfolgt sah, die ihn mit Klappfallen und Fangnetzen (also aus allen Richtungen) verfolgten, nur von Jhwh allein Hilfe erbitten.

c) Vernetzung biblischer Schlüsselkonzeptionen mit altorientalischen Konzepten

An biblischen Schlüsselkonzeptionen, die mit altorientalischen und ägyptischen Konzepten in Beziehung stehen, gibt es eine breite Auswahl. Hier wären z. B. Weltbild-, Ordnungs- und Schöpfungsvorstellungen, die Bundeskonzeption, der sog. »Heilige Krieg«, Todesvorstellungen, Königsideologie, Tempeltheologie, Jurisdiktion und Gesetzgebung, Ethik, Reinheitsvorstellungen oder der große Bereich der Anthropologie zu nennen. Im folgenden Abschnitt soll es jedoch um den Bereich der Weisheit gehen, in dem das Alte Testament am stärksten an der Kultur seiner orientalischen Umwelt partizipiert. Dies gilt zunächst für die traditionelle Weisheit, die von der Vorstellung einer den Kosmos durchwaltenden Schöpfungsordnung geprägt ist, so dass sich der Mensch für ein gelingendes Leben auf feste geltende Regeln der Lebens- und Orientierungsweisheit verlassen kann: Allen voran ist dies der sog. »Tun-Ergehen- Zusammenhang«, der davon überzeugt ist, dass Tun und Ergehen eines Menschen einander bedingen. Aber auch die sog. »Krise der Weisheit«, die sich im Alten Testament in den Büchern Hiob und Kohelet niedergeschlagen hat, ist dem Alten Orient und Ägypten eng verbunden.

Weisheit ist ein internationales Phänomen, das in altorientalischen Schriften seit dem 3. Jt. v. Chr. bei den Sumerern und Ägyptern und seit dem 2./1. Jt. v. Chr. im syrisch-aramäischen Raum begegnet. Alttestamentliche Schriften, die der Weisheit zugerechnet werden, lassen sich von der Königszeit bis in die hellenistisch-römische Zeit nachweisen und stehen somit eher am Ende einer Jahrtausende alten Traditionsbildung. Zwischen allen altorientalischen Texten (hierin nun die biblischen eingeschlossen) lassen sich analoge Themen, Motive, Strukturen und Sprachformen erkennen. Gattungen, denen die Weisheitsbücher des TNK sowie die von weisheitlichen Sprach- und Denkmustern geprägten Abschnitte in den übrigen Kanonteilen (z. B. Josefsgeschichte) angehören, haben in Mesopotamien und Ägypten (aber auch Griechenland) Parallelen. Die Frage nach einer möglichen Abhängigkeit alttestamentlicher Texte von der Umwelt stellt sich bei der Vergleichslektüre jedes einzelnen Textes immer wieder neu. Ebenso die, wie man sich die Verbindung und Kontakte altisraelitischer Weisheitskreise und -lehrer zu mesopotamischen und ägyptischen Weisheitstraditionen und -lehrern vorzustellen hat. Wer hat wann von wem was gehört oder gelesen? Die Beziehungen zwischen weisheitlichen Texten unterschiedlicher Herkunft sind nicht alle gleich, sondern sehr unterschiedlich komplex. In den meisten Fällen handelt es sich um motivische und thematische Anklänge, die sich damit erklären lassen, dass die Texte in einem gemeinsamen Lebensraum im östlichen Mittelmeergebiet entstanden sind, in dem die Menschen seit dem 3. Jt. v. Chr. dasselbe Weltbild und dieselbe weisheitliche Wirklichkeitsauffassung teilten. Zudem ist es eben so, dass die Weisheit die Grundfragen menschlichen Lebens reflektiert, die zu einem erheblichen Teil ja doch interkulturell und überindividuell identisch sind (z. B. Tod, Leid, Krankheit, Grenzen menschlicher Erkenntnis, Ethik u. v. a.). Im Kontext vergleichbarer gesellschaftlicher und auch geistesgeschichtlicher Gegebenheiten und Veränderungen konnten in verschiedenen Regionen auch unabhängig voneinander analoge Themen- und Motivkomplexe, Konzepte sowie Fragen oder auch ihre Antworten entwickelt werden. Diskurse über dasselbe Thema konnten daneben aber auch sehr unterschiedlich intensiv und mit unterschiedlichen Ergebnissen miteinander geführt werden, so dass sich keine allgemeine Regel der interkulturellen altorientalischen Interaktion formulieren lässt.

Mit am eindeutigsten besteht eine literarische Abhängigkeit zwischen der ägyptisierenden Lehre in Spr 22,17–23,11 und der aus dem 12. Jh. v. Chr. stammenden ägyptischen Lehre des Amenemope19, die in Abschriften und Zitaten bis in das 2. Jh. n. Chr. überliefert und rezipiert wurde. Es bestehen inhaltliche und strukturelle Parallelen.20 So entspricht beispielsweise Spr 22,17 dem Anfang des ersten Kapitels von Amenemope. Nach der Einleitung beginnen die Weisungen zum Schutz des Schwachen in Spr 22,22 mit einer Parallele zum Anfang des zweiten Kapitels von Amenemope, mit dem dann der Hauptteil des Buches anfängt. Zudem haben fast alle Verse in Spr 22,17–23,11 eine Entsprechung im ägyptischen Text.

Wann die ägyptische Lehre in der biblischen Form verfasst und ins Sprüchebuch integriert wurde, ist nicht eindeutig geklärt. Notwendigerweise stand am Anfang eine Übersetzung des ägyptischen Texts ins Hebräische, doch werden teilweise zwischen dieser ersten Vorlage und der in Spr vorliegenden Textfassung mehrstufige Überlieferungsprozesse diskutiert. Bei allen bislang offenen Fragen, wenn man die beiden Texte nebeneinander legt, wird schnell klar, dass die ägyptische Lehre charakteristisch modifiziert wurde, da sie mit ihrer Ausrichtung des Handelns am Rechtsmaßstab Jahwes »jahwisiert« wurde. Jhwh selber nimmt sich nun der Armen, Witwen und Waisen an (Spr 22,19.23; 23,10f. [mit Textkonjektur]), wobei insbes. Spr 22,19 als Einleitung mit dem Hinweis auf Vertrauen zu Jhwh die folgenden Lehren religiös bzw. jahwistisch motiviert. Der Verfasser von Spr 22,17–23,11 hat das Material aus Amenemope also mit großer dichterischer Freiheit verwendet und es seinen Intentionen entsprechend neu gestaltet.

Thematische (aber keine wörtlichen) Übereinstimmungen bestehen zwischen dem Hiobbuch und anderen altorientalischen Texten, die sich mit dem Thema des leidenden Gerechten, der Theodizee und der Infragestellung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs auseinandersetzen.21 Zu nennen sind aus dem mesopotamischen Bereich die sumerische und babylonische Version »Ein Mann und sein (persönlicher) Gott« (2200 bzw. 1700 v. Chr.), die sog. »babylonische Theodizee« (ca. 1200–1100 v. Chr.)22 und das große Dankgebet an Marduk »ludlul bel nemeqi« (»Preisen will ich den Herrn der Weisheit«; ca. 1300 v. Chr.)23. Doch auch aus Ägypten gibt es Vergleichbares in den »Mahnworten des Ipu-wer« (ca. 2200–2040 v. Chr.)24, dem Gespräch des Lebensmüden mit seinem Ba (Ende 2. Jt. v. Chr.)25, den Harfnerliedern (16.–11. Jh. v. Chr.)26 oder den »Klagen des Bauern«,27 der sein Recht einfordert. Unter der aramäisch überlieferten Literatur aus dem 1. Jt. v. Chr. ist insbesondere noch der Achiqar-Roman28 zu nennen, der wie das Hiobbuch eine rahmende Erzählung mit Weisheitssprüchen verknüpft. Motivparallelen zum Koheletbuch, insbes. dem dort belegten carpe diem-Motiv, finden sich u. a. in den schon erwähnten Harfnerliedern. Allerdings sind bei der Interpretation des Koheletbuchs auch hellenistische Texte (z. B. Gnomik) mit einzubeziehen.

Aufs Ganze gesehen lässt sich innerhalb der alttestamentlichen Weisheit eine Entwicklung beobachten, die von einer Alltags- oder Lebensweisheit mit eher impliziter religiöser Fundierung (wie sie im gesamten Orient vorzufinden ist) in der nachexilischen Zeit zu einer theologisch reflektierten Weisheit führt. Diese theologisierte Weisheit, die zumeist in Oberschichtskreisen verortet wird, tritt uns vor allem im schon erwähnten Hiobbuch und in Spr 1–9 entgegen. Diese Theologisierung der Weisheit ist charakterisiert durch die ausdrückliche Begründung weisheitlicher Lebensregeln mit dem Handeln, Wesen und Willen Jhwhs. Der Fokus liegt nun auf der Gottesfurcht, dem individuellen Gottesverhältnis und der (Tora-orientierten) vorbildlichen Ethik, die den Weg des Menschen für ein gelingendes Leben bestimmen sollen. Dazu kommt die Vorstellung von der Personifikation der Weisheit (Frau Weisheit Spr 9) als Mittlerin der Offenbarung Jhwhs, die in ihr Haus einlädt und dem Weisen/Gerechten den Weg des Lebens zeigt. Ihre Gegenspielerin ist Frau Torheit, deren Haus den Eintretenden geradewegs in die Unterwelt befördert. Der Weise wird damit denn auch mit dem Gerechten identifiziert, wohingegen der Tor den Gottlosen bezeichnet. Der wahre Weise ist somit der, der sein Leben an der Tora ausrichtet.

Den Bogen zwischen Weisheit und dem Pentateuch29 schließlich schlagen z. B. die ­späten, post-deuteronomistischen Zusätze zum Buch Deuteronomium. Sie spiegeln die Tendenz der Verbindung von Weisheit und Gesetz in entsprechender Weise, wenn die Gesetzesbefolgung mit weisheitlicher Lebensführung identifiziert wird, so dass die Nachbarvölker Israel als ein weises und verständiges Volk erkennen und preisen (Dtn 4,6):

So haltet sie nun und tut sie! Denn dadurch werdet ihr als weise und verständig gelten in den Augen der Völker, wovon gilt, wenn sie alle diese Gebote hören, werden sie sagen: Wahrlich, was für ein weises und verständiges Volk, (ist doch) diese große Völkerschaft.

Dtn 4,6–8 positioniert das Gottesvolk im Kontext der Nachbarvölker und benennt seine Besonderheiten aus der eigenen Perspektive heraus, wie sie sich dem spät-nachexilischen Schreiber darstellten: Diese sind in der besonderen Nähe des Gottesvolks zu Gott gegeben sowie im Besitz der gerechten Weisungen und Gebote der Tora, die Mose dem Volk am Horeb gab und die auch den anderen Völkern als »weise und verständig« erscheinen werden.

Damit ist auf den Punkt gebracht, was am Ende einer langen religions- und theologiegeschichtlichen Entwicklung stand: Gegenüber dem in der vorderorientalischen Umwelt üblichen Polytheismus setzte sich im alten Israel sukzessive die Überzeugung von einem einzigen Gott durch, der von der Welt als seiner Schöpfung wesensmäßig unterschieden und bildlos zu verehren ist. Mit dem Monotheismus wurde zugleich ab der exilischen Zeit eine Universalisierung der Geschichte und des Wirkungskreises Jhwhs verbunden, ohne die unverbrüchliche Bindung Jhwhs an sein von ihm erwähltes Volk aufzugeben. Mit diesem verbinden ihn eine lange gemeinsame Geschichte, besondere Nähe und vor allem die Tora.

Über Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte gründeten sich Judentum und Christentum auf dieses Fundament und bezogen die gleichen Texte in den Kanon ihrer heiligen Schriften ein, für die bis heute Gültigkeit beansprucht wird. Die Entscheidung christlicherseits, dem Neuen Testament das Alte – in griechischer Übersetzung und in teilweise anderer Anordnung, gegenüber dem hebräisch-aramäischen Textbestand aber ungekürzt – voranzustellen, entspricht der grundlegenden Bedeutung des Alten Testaments, das auch das Erbe des Alten Orients weiter getragen hat.

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§ 2 Bibel und Archäologie

Ed Noort, Groningen

1. Bezeichnungen, Zeiten und Landschaften

Wer sich ein Bild machen möchte über das Verhältnis von Archäologie und Bibel, begegnet einer verwirrenden Vielfalt von Namen und Zielen, Regionen und zeitlichen Begrenzungen. Wenn unter »Archäologie« vereinfachend die kulturgeschichtliche Deutung von Ausgrabungsergebnissen und Fundstücken verstanden wird, gibt es zwei Bezeichnungen, die geschichtlich bedingt und theoretisch Gegenpole sind. Die traditionelle Bezeichnung Biblische Archäologie verweist auf den Ursprung dieses Wissenschaftszweiges, in dem die Fragestellung oft durch die biblische Überlieferung vorgegeben war und die Ergebnisse damit in Verbindung gebracht wurden.

Der Gegenpol ist die Archäologie der südlichen Levante als regionaler Zweig der Vorderasiatischen Archäologie, die methodisch selbstständig und unabhängig von den literarischen Quellen ihre Ergebnisse präsentiert. In der heutigen Praxis liegen beide Vorgehensweisen nicht weit auseinander. Dazwischen liegen Bezeichnungen wie Archäologie Palästinas, wobei (Syrien-) Palaestina traditionell die alten römischen Provinzen westlich und östlich des Jordans meint und nicht die Vielfalt der Bedeutungen im modernen politischen Sprachgebrauch. Ein ähnliches Streben, nicht an moderne Grenzen gebunden zu sein, steckt hinter der Bezeichnung Archaeology of the Holy Land oder the Land of the Bible, obwohl dort die religiöse Komponente auf jeden Fall in der Namensgebung wieder stärker ist. In diesem Beitrag wird generell die Bezeichnung Archäologie Palästinas benutzt. Es handelt sich dann um die damaligen römischen Provinzen Palaestina (und Arabia). Sie sind deckungsgleich mit Teilen der modernen Staaten Libanon, Syrien, Israel, Jordanien und Ägypten (Sinai).

Zeiträume, die erforscht werden, sind unterschiedlich. In der klassischen Biblischen Archäologie richtete man das Augenmerk hauptsächlich auf die Perioden, in denen die biblischen Schriften spielten oder entstanden sind. Waren das früher das zweite Millennium v. Chr. mit Blick auf die Patriarchenerzählungen und die Landnahme Israels und mit spezieller Aufmerksamkeit für den Übergang von der Spätbronzezeit (1550–1150 v. Chr.) zur Eisenzeit I (1250–1000 v. Chr.), danach das erste Millennium v. Chr. mit der Königszeit, so haben neben einem neu erwachten Interesse am Frühjudentum die heutigen Spätdatierungen in der Exegese dazu beigetragen, dass die Zweite Tempelperiode (515 v. Chr. – 70 n. Chr.) ebenfalls archäologisch erhellt wird.

Die Archäologie Palästinas bzw. der südlichen Levante, die stärker gebietsorientiert war, erschloss auch die früheren Perioden. Die beiden besten Kompendien sind das Handbuch von Helga Weippert (1988) und das von Margreet Steiner und Ann Killebrew herausgegebene Oxford Handbook (2014). Sie setzen beide viel früher ein: Weippert schon im Paläolithikum (ab 700.000 v. Chr.) und Steiner/Killebrew im Neolithikum (ab 8000 v. Chr.).

In Palästina ist eine wichtige Determinante für die Archäologie – und nicht nur für sie – die Landschaft und ihre einzigartige Struktur. Auf einem relativ kleinen Gebiet finden sich hier gewaltige Unterschiede, die die Entfaltung menschlicher Aktivität sowohl ermöglichen als auch verhindern. Am einfachsten lässt sich das Land in vier von Norden nach Süden verlaufende Streifen einteilen. An der Mittelmeerküste gibt es eine flache Küstenebene (1), die im Süden bis zu 40 km breit ist, aber im schmalsten Teil nur 10 km. Neben dieser Küstenebene erhebt sich im Querschnitt das westjordanische Bergland (2) mit Spitzen um 1000 m ü. M., um danach steil abzufallen zum Jordantal. Dieser Jordangraben, der dritte Streifen (3), gilt bei Jericho und beim Toten Meer als tiefste Senke der Welt, etwa 380 m u. M. Sie ist Teil des Syrischen Grabenbruchs vom Orontes über das Jordantal und das Tote Meer durch die Araba zum Roten Meer und zum Ostafrikanischen Graben. Die vom Mittelmeer kommenden Winde und Wolken regnen nur auf der Westseite des Zentralgebirges ab. Extreme Gegensätze werden so sichtbar. Wer auf dem Ölberg bei Jerusalem nach Westen schaut, sieht grüne Täler und Hügel. Wer nach Osten schaut, sieht die absolute Trockenheit der vegetationslosen Wüste Judas. Diese Konstellation ermöglicht extreme Temperaturunterschiede. In Jerusalem auf etwa 800 m ü. M. kann es regnen oder selbst schneien, während 20 km weiter in Jericho 400 m u. M. Temperaturen bis zu 40° C gemessen werden. Geht man weiter im Querschnitt, steigt nach dem Jordantal und dem Toten Meer das transjordanische Gebirge (4) an mit Spitzen bis zu 1700 m. Es ist höher als das westjordanische Gebirge, erleichtert aber durch verschiedene Hochebenen die Transportmöglichkeiten. Im Osten fällt das Gebirge langsam bis zur großen syrischen und arabischen Wüste ab.

Diese Struktur des Landes bedingt Transport-, Reise- und Handelsmöglichkeiten, vor allem aber auch die Möglichkeit zu militärischen Unternehmungen. Eigentlich gibt es nur zwei Verbindungen, die überregionale Bedeutung hatten. Die eine führte als die sogenannte Königsstraße von Saudiarabien über die ostjordanischen Hochebenen nach Damaskus. Die zweite, für die Geschichte Palästinas wohl folgenreichere, war die nach Jes 8,23 benannte via maris, die in späterer Interpretation als »Weg am Meer« verstanden wurde. Sie führte von Ägypten und Gaza am Meer entlang, überwand den Karmel und ging weiter nach Norden entweder an der phönizischen Küste entlang oder durch das obere Jordantal nach Damaskus und erreichte später den Eufrat und Mesopotamien.

Die damaligen Großmächte, Ägypten und die Reiche auf dem Boden Mesopotamiens – Assyrien, Babylonien und weiter östlich Persien – bestimmten aufgrund der geographischen Bedingungen das Geschick Palästinas als Durchgangsland, Aufmarschgebiet und potentielles Schlachtfeld. Durch die kontinuierliche Vorherrschaft dieser Großmächte wurde Palästina entweder von der ägyptischen oder von der mesopotamischen Seite beansprucht und konnte auf dem Boden Palästinas nie ein Großreich entstehen. Mehr noch, in den viertausend Jahren vom zweiten Millennium v. Chr. bis heute hat es auf dem Boden Palästinas nur etwas mehr als vierhundert Jahre selbstständige Staaten gegeben.

2. Bibelwissenschaft und Archäologie Palästinas

Die Bibelwissenschaft und die Archäologie Palästinas sind durch eine lange, im letzten Jahrhundert oft mühsame Beziehung miteinander verbunden. Die Wurzeln reichen sehr weit zurück. Anknüpfend bei den Wallfahrten nach Jerusalem in der Zeit des Zweiten Tempels, entwickelte sich ab dem 4. Jh. ein christliches Pilgerwesen ohnegleichen. Heilige Orte wurden in einer bestimmten Reihenfolge besucht, Gebete und Texte rezitiert, ein Mehr an Heilserleben erwartet und gefunden. Bei dieser gesteigerten Erwartung, Glauben, biblische Erzählungen und Orte miteinander zu verbinden, war Historizität in modernem Sinne nicht das höchste Ziel. Tradition und die Interessen und Kenntnisse von lokalen Mönchen und Priestern beherrschten das Feld. Abweichende oder spätere Erkenntnisse hatten kaum Einfluss auf den Grad der Verehrung eines heiligen Ortes. »Die alten Itinerarien ... können es im Einzelnen zeigen, wie damals durch die Lektüre der heiligen Schrift Bäume und Steine sich belebten und zu Stätten heiliger Erinnerung wurden, wie die Gräber sich auftaten und ihr Inhalt zum Mittelpunkt der christlichen Gemeinde wurde.«30 Diese bunte Mischung von biblischer Tradition, theologisch bestimmter Geographie und heiligen Orten, von wirtschaftlichen Interessen und Marktwirkung inmitten einer einzigartigen Landschaft und einer immer wechselnden politischen Szenerie brachte Quellen hervor, die auch heute einen faszinierenden Einblick in eine beginnende Palästinawissenschaft bieten.

Der Bischof Eusebius von Caesarea (etwa 260–339) verfasste ein ausführliches Kompendium biblischer Ortsnamen und ihrer Lokalisierung in Verbindung mit den Erzählungen des Alten und Neuen Testaments. Diese Schatzkammer antiker Landeskunde wurde von Hieronymus ins Lateinische übersetzt und seinerseits kommentiert. Heutzutage liegen auch Übersetzungen in moderne Sprachen vor. Eine weitere ergiebige Quelle ist die 1884 aufgefundene Mosaikkarte in der St. Georgs-Kirche von Madeba in Jordanien, die ursprünglich etwa 93 m2 groß war. Die Karte stammt aus dem 6. Jh. und zeigt das Land vom Libanon bis nach Oberägypten und vom Mittelmeer bis zur syrischen Wüste. Mit den vielen Details, den Angaben der römischen Meilensteine, den Texten und den Vignetten einer Reihe von Groß- und Kleinstädten demonstriert sie, wie in der byzantinischen Zeit die Topographie der Bibel verstanden wurde. Vor allem die berühmte Vignette Jerusalems zeigt, wie präzise die Mosaizisten gearbeitet haben. Eine exakte Kopie der Karte findet sich im Archäologischen Institut der Universität Göttingen.

3. Wissenschaftliche Reisen

Bis zum 19. Jh. sind die Quellen hauptsächlich literarisch. Neben den Itinerarien der Pilger sowie der arabischen und christlichen Literatur während und nach den Kreuzzügen entsteht eine blühende Literatur der wissenschaftlich Reisenden. Carsten Niebuhr bereiste 1761–1767 den Orient inklusive Persien, Indien und Arabien im Auftrag des dänischen Königs. Ulrich Jasper Seetzen (Musa el-Hakim) tat sich 1802–1810 hervor; er gab sich als Muslim aus, erreichte Mekka, schickte archäologische Fundstücke zurück nach Gotha und kopierte Inschriften. Johannes Ludwig Burckhardt (Scheich Ibrahim) reiste ebenfalls vermummt als Muslim. Er wollte ursprünglich nach Afrika, bereiste dann aber den Orient 1809–1817, entdeckte die langgesuchte Stadt Petra, erwarb Manuskripte, studierte Pflanzen und Tiere, beschrieb das Leben der Beduinen und fertigte kartographische Skizzen an. Die Tagebücher und abenteuerlichen Reisebeschreibungen solcher Männer waren eine Goldgrube für die alttestamentliche Wissenschaft. Nicht umsonst war es der Göttinger Orientalist Johann David Michaelis, der die Reisen von Carsten Niebuhr initiierte. Reisebeschreibungen wurden von namhaften Alttestamentlern wie Wilhelm Gesenius und Heinrich Ewald herausgegeben oder kommentiert.

Die Faszination für den Orient machte sich auch auf politischer, ja militärischer Ebene bemerkbar. Bei seinem Feldzug nach Ägypten und Palästina (1798–1801) nahm Napoleon 167 Wissenschaftler und Künstler mit, um Ägypten nicht nur zu erobern, sondern auch zu beschreiben.

Wichtig war, dass die Aufklärung für neue Zugänge im Denken und Wahrnehmen sorgte. Als um 400 n. Chr. die fromme Pilgerin Etheria die Mönche am angeblichen Mosegrab fragte, woher sie denn wüssten, um welches Grab es sich handle, antworteten sie: »So wie es uns die älteren, die hier gewohnt haben, gezeigt wurde, so zeigen wir es euch; diese älteren aber sagten, sie selbst hätten es wieder von älteren erfahren ... .«31 Die kirchliche, mündliche Tradition war die Hüterin der Wahrheit. Dagegen beschrieb knapp 1500 Jahre später der Vater der modernen biblischen Topographie, Edward Robinson, sein Vorgehen folgendermaßen: »...unsere Erkundigungen so viel wie möglich nicht von den Legenden der Mönche und anderer Fremder, sondern von den eingeborenen Arabern des Landes einzuziehen ...«.32 Für Robinson galt jetzt die arabische Tradition als autochthon. Er befragte Bauern und Dorfbewohner nach den arabischen Namen ihrer Siedlungen, von Bergen, Tälern und Flüssen, entdeckte vielerlei Kontinuität zwischen den biblisch-hebräischen und den modern-arabischen Namen und konnte so eine Vielzahl von topographischen Identifizierungen vornehmen. So wurde die kirchliche Tradition durch die Feldarbeit mit den arabischen Einwohnern des Landes als führende Instanz abgelöst.

4. Der Palestine Exploration Fund

Als um die Mitte des 19. Jh.s die alten Kulturen Mesopotamiens und Ägyptens durch die ersten Ausgrabungen sichtbar wurden, verstärkte dies auch den Drang, mehr vom Heiligen Land selbst zu wissen. Einer der Wendepunkte war 1865 die Gründung des Palestine Exploration Fund in London. Die Ziele des PEF waren Landeskunde in breitestem Sinne, darunter das Studium der Sitten und Gebräuche in Palästina, der Topographie, der Geologie, der Botanik, der Zoologie und der Meteorologie. Eines der wichtigsten Ergebnisse war die Vermessung des Landes und die Anfertigung von zuverlässigen Karten durch den Survey of Western Palestine (1872–1877). Die 26 Kartenblätter (1880) wurden ergänzt von drei Bänden mit tausenden Ortsnamen, Daten und Beschreibungen, wie es der Zielsetzung des PEF entsprach.33 Charles Warren und Claude Condor waren die Autoren des vierten Bandes über Jerusalem, in dem die äußerst abenteuerlichen Ausgrabungen von Warren und Charles Wilson in Jerusalem beschrieben wurden.34 Mit diesen Ausgrabungen wurde der Grundstein gelegt, Archäologie in Palästina als das Studium der materiellen Hinterlassenschaft zu verstehen.

5. Feldarchäologie in Palästina

In der Praxis waren die Anfänge der Feldarchäologie in Palästina nicht einfach. Der erste bedeutende Schritt wurde von den »Tunnelgräbern« in Jerusalem gesetzt. Charles Warren als Pionieroffizier der britischen Armee versuchte, mit Hilfe von Schächten die Fundamente der herodianischen Stütz- und Umfassungsmauern des Tempelberges zu erreichen, erforschte die Wassersysteme Jerusalems und hinterließ trotz mancher Fehldeutungen genaue Aufzeichnungen, die später ausgewertet und korrigiert werden konnten. Eine zweite Phase fing an mit der Arbeit des Ägyptologen William Matthew Flinders Petrie, später fortgesetzt von Frederick Bliss (1858–1937), auf Tell el-Hesi (124.106) ab 1890. Er war der erste Archäologe in Palästina, der den schichtweisen Aufbau eines Ruinenhügels als Möglichkeit nutzte, eine alte Siedlung zu datieren. Was sich später tausendfach bewähren sollte, war die Entdeckung, dass eine Siedlung nach einer Verwüstung durch militärische Gewalt, Erdbeben, Feuer, Regen, Erosion oder andere Naturgewalten so gut wie immer an der gleichen Stelle wieder aufgebaut wurde. Der Grund dafür ist einfach. Die Gründung einer Stadt oder Siedlung wurde bestimmt von der lebenswichtigen Bedingung einer ausreichenden Wasserversorgung. Wenn dies möglich war an einer verkehrsgünstigen (Handel) oder strategischen Lage (Angriff und/oder Verteidigung), fand der Wiederaufbau an der gleichen Stelle statt, und wurde exakt auf den Ruinen der verwüsteten Siedlung erneut gebaut. So entstand Schicht auf Schicht, mit der ältesten Bebauung als unterster Schicht und der neuesten, jüngsten Bewohnung als oberster Schicht. Bei diesen Ruinenstätten als künstlichen Hügeln (Tell) in der Landschaft Palästinas sind 20 Wohnschichten nicht ungewöhnlich. Dazu kam, dass Flinders Petrie entdeckte, dass in den verschiedenen Schichten die (Haushalts-)Keramik sich wandelte. So konnte anhand von Entwicklungen und Änderungen bei Kochtöpfen, Vorratsgefäßen und anderer Haushaltskeramik durch die Fundlage eine relative Datierung gewagt werden. Kochtopf A ist älter als Kochtopf B, weil A in einer älteren Wohnschicht gefunden wurde. Ein solcher Vergleich sagt etwas über das Verhältnis der Keramikstücke zueinander aus, aber ermöglichte noch keine Datierung, die in absolute Jahreszahlen umgesetzt werden konnte. Aber auch dafür hatte Flinders Petrie eine Lösung. Auf Tell el-Hesi, nahe an der Grenze zu Ägypten, fanden sich ägyptische Artefakte, die durch inschriftliches Material in Ägypten datiert werden konnten. So wurde durch die Verbindung von Wohnschicht (Stratum) und typologisch analysierbarer Keramik eine relative Datierung und durch andere ägyptische Fundstücke eine Umsetzung in absolute Jahreszahlen möglich. Es sind diese Verknüpfungen, die der Palästinaarchäologie zu Grunde liegen. Bis jetzt war aber nur die Rede vom Prinzip einer Datierung und, wie oft bei solchen Durchbrüchen, führte die Verabsolutierung zu verhängnisvollen Fehlern. Auch wenn das Prinzip der aufeinanderfolgenden Wohnschichten (Stratigraphie) stimmt, ein Tell gleicht nicht einem regelmäßig aufgebauten Schichtkuchen. Andere Materialien werden gebraucht, Teile der neuen Bebauung sind höher als andere, Fundamente werden an einer Stelle tiefer in eine frühere Schicht eingelassen, Erdbeben können Schichten verrutschen lassen, Bebauung fand nur partiell statt oder alte Materialien wurden wieder benutzt. Das alles erfordert eine sorgfältige Beobachtung und eine äußerst genaue Stratigraphie und zeigt zugleich, wie unregelmäßig eine Schicht aufgebaut sein kann. Als nach der Entdeckerfreude sich ein System entwickelt hatte, in dem man annahm, dass Schichten wie einfache, horizontale Plattformen aufgebaut waren, entwickelte sich daraus eine Grabungspraxis, die annahm, dass alle Objekte, die auf einer bestimmten Tiefe anzutreffen waren, zu einer Schicht gehörten. Die falschen Datierungen häuften sich, und der vermeintliche Fortschritt verkehrte sich ins Gegenteil.

Es waren die Amerikaner George Andrew Reisner (1867–1942) und Clarence Stanley Fisher (1876–1941), die in eine andere Richtung gingen. Sie verbanden einzelne, übereinstimmende Fundgruppen der Keramik auf einem Grabungsareal miteinander und bestimmten so die Schicht oder das Stratum. Die schematisch festgelegte Schichtfolge wurde fallengelassen, das Ziel war jetzt die Datierung breitflächiger Architektur. Es war dann die britische Archäologin Kathleen Kenyon (1906–1978), die wieder zu der Stratigraphie, der genau festgelegten Folge der Wohnschichten, zurückkehrte. Bei ihren Ausgrabungen in Jericho (1952 bis 1958) und Jerusalem (1961 bis 1967) perfektionierte sie die von Mortimer Wheeler übernommene stratigraphische Methode und praktizierte sie in beiden wichtigen Ausgrabungsorten. Ihre Grabungen waren nicht durch große (Ober-)Flächengrabungen gekennzeichnet, sondern durch das Graben in Quadranten von meistens fünf mal fünf oder höchstens zehn mal zehn Meter. Die Stege zwischen den Quadranten ließ sie stehen, und an ihnen konnte man ein äußerst genaues Profil ablesen, das mit den Funden im Quadranten verbunden wurde. Obwohl die Methode auch Nachteile hat, wurden durch die im Kontext studierten Objekte und die Verbindung mit den nahen vertikalen Profilen kontrollierbare Aussagen möglich. Das bedeutet, strikt genommen, dass die Archäologie Palästinas erst seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts über kontrollierbare und nachprüfbare Daten aus den Ausgrabungen verfügt.

6. Die Rolle der Keramik

Es wurde schon auf die wichtige Rolle einer Analyse der Tongefäße bei Ausgrabungen hingewiesen. Nicht die Aufsehen erregenden Fundstücke, nicht einmal die Architektur, sondern die Tongefäße, besonders die Gebrauchskeramik, wurden das Mittel par excellence, um die Geschichte eines Ruinenhügels zu bestimmen. Tongefäße wurden klassifiziert nach der Form und der Dekoration eines Kruges, Topfes oder einer Schüssel. Die dabei auftretenden Variationen wurden dann in einer typologischen Reihe festgelegt und chronologisch bestimmt. Die Umsetzung der relativen Zeitbestimmung in absolute Jahreszahlen war das wichtigste Instrument zur Datierung einer Siedlung. Mit Hilfe externer Daten (meistens literarischer Quellen) wurde eine bestimmte Gebrauchskeramik mit einer bestimmten, meist ethnisch definierten, Trägergruppe verbunden. Wenn nun in der typologisch festgelegten Reihe der Gefäße eine signifikante Änderung auftrat, wurde nach der Ursache gesucht und diese meistens in der Ankunft neuer Bevölkerungsgruppen gefunden. Das braucht nicht falsch zu sein, doch werden dabei zwei wichtige Faktoren übersehen. Erstens führte die Verbindung bestimmter Gefäße mit einer bestimmten Bevölkerungsgruppe dazu, dass ein Umkehrschluss gewagt wurde. Auffällig dekorierte Gefäße wurden so z. B. den Philistern zugewiesen. Aber umgekehrt versuchte man auch zu zeigen, dass dort, wo diese Keramik gefunden wurde, die Philister anwesend waren und dominierend auftraten. Aber Gebrauchskeramik braucht nicht sprunghaft gewechselt zu werden bei einer neuen Herrschaft. Formen können nebeneinander bestehen. Bestimmte Luxusware kann bei Eliten unterschiedlicher Gruppen modisch geworden sein. So können verschiedene Erklärungsmodelle nebeneinander bestehen. Der zweite Faktor ist die Weise, in der die Typologisierung der Gefäße zustande kam. Form und Dekoration haben das Endprodukt im Blick und typologisierten nach kunstgeschichtlichen Kriterien. Welche Ursachen aber beigetragen haben zur Entstehung eines Gefäßes, blieb außer Betracht. Dazu braucht es eine Analyse des Materials, der Tonsorte, und die Frage, ob dieser Ton lokal präsent ist oder nicht. Die Magerung der Tonsorte, die Technik der Anfertigung (handgeformt, Gussform, langsam oder schnell drehende Scheibe), die Rolle der Tradition bei Form und Dekoration und die Marktsituation bestimmen weitgehend die Produktion. Nur in einer zusammenhängenden Analyse von Material, Technik, Form, Dekoration, Nachfrage und Angebot können Änderungen in der Gebrauchskeramik gedeutet und mit einer bestimmten Trägergruppe verbunden werden. Und dabei ist noch nicht auszuschließen, dass bestimmte Gefäße von den Töpfern unterschiedlichen Gruppen angeboten wurden.

Die genaue Stratigraphie eines Ruinenhügels und die breite Analyse der Tongefäße bleiben die wichtigsten Instrumente einer feldarchäologischen Untersuchung. Die Entwicklung methodischer Genauigkeit, die Hilfe von naturwissenschaftlichen Techniken und die gigantische Vermehrung des Grabungsmaterials und der Daten haben dazu beigetragen, die meisten Fehler aus der Vergangenheit zu korrigieren. Trotzdem blieben bei Missachtung der oben genannten kritischen Rückfragen immer noch Fehler möglich, die auch heutzutage zu immer neuen Diskussionen über die (Un)möglichkeiten archäologischer Aussagen führt.

7. Das Land der Bibel

Dazu kommt eine spezifische Problematik, die mit Palästina als Land der Bibel zu tun hat. Auch in den angrenzenden Kulturen von Mesopotamien und Ägypten gibt es reichlich literarische Quellen: Archive und Inschriften. Sie wurden mehrheitlich im 19. Jh. ans Tageslicht gebracht, entziffert und gedeutet. Auch sie konnten in der modernen Zeit missbraucht werden von lokalen Herrschern, die sich mit den früheren Königen und Pharaonen identifizierten. Die Texte selbst aber gehörten klar der früheren Zeit an und haben – abgesehen von literarischen und kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten – keine Bedeutung mehr für heutiges Denken und Glauben. Ganz anders die biblischen Texte, die nach einer beispiellosen Rezeptionsgeschichte bis heute für viele Menschen eine wie auch immer geartete Gültigkeit besitzen. Um die wechselhafte Geschichte zwischen Bibel und Archäologie zu skizzieren, kehre ich zurück zu der Gründung des Palestine Exploration Fund (PEF) 1865. Der breite Rahmen der Zielsetzung »to illustrate the Bible« war bemerkenswert.

»No country should be of so much interest to us as that in which the documents of our Faith were written ... At the same time no country more urgently requires illustration. The face of the landscape, the climate, the productions, the manners, the dress, and modes of life of its inhabitants«35 sollten Forschungsziele sein.

Dies alles war additiv gedacht, nicht apologetisch. Als aber einige Jahre später die amerikanische Schwesterorganisation gegründet wurde, fügte man zu der primären Zielsetzung noch »and to defend the Bible« zu. Damit wurde eine fatale Denkrichtung formuliert, die mithilfe der Archäologie die historische Wahrheit der Bibel gegen die historisch-kritische Wissenschaft verteidigen wollte.

Dabei wurde von einer Seite behauptet, dass »archaeology confirmed the substantial historicity of Old Testament tradition«,36 während auf der anderen Seite Martin Noth vor einer Engführung der Begriffe warnte, weil nur ganz bestimmte Ziele in den Blick genommen wurden. Denn mit dem Ergebnis der Archäologie war meistens eine Datierung gemeint, und mit »Bibel« Ereignisse oder Vorgänge, die durch eine Verbindung mit einer archäologischen Datierung als historisch erwiesen galten.37 So entbrannte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein wissenschaftlicher Streit, in dem der Vorwurf »so nihilistic an attitude« von jenseits des Atlantik die deutsche historisch-kritische Bibel- und Palästinawissenschaft traf.38 Der Streit hatte große Folgen. Erstens hatten die amerikanischen Archäologen großen Einfluss auf die sich entwickelnde Archäologie in dem neuen Staat Israel. Der Fokus auf Historizität aus letztendlich religiösen Interessen der amerikanischen Archäologie deckte sich mit den nationalen Interessen Israels auf der Suche nach Identität und historischer Kontinuität. Zweitens erhielten popular-wissenschaftliche Darstellungen der Grabungsergebnisse im Kollektivgedächtnis eines breiteren Publikums einen viel größeren Platz als diffizile, differenzierte Verhandlungen der historisch-kritischen Fachliteratur. Inhaltlich musste aber die auf Historizität fixierte Biblische Archäologie sich letztendlich geschlagen geben. Ob man nun die eingestürzten Mauern von Jericho gefunden haben wollte, anhand von Brandschichten in verwüsteten Städten die Landnahme als historisch erwiesen ausgab, das hohe Alter der Erzväterzählungen meinte beweisen zu können oder Beweise für die Historizität der Sintflut sammelte und auswertete: Das alles konnte widerlegt werden.

Inzwischen sind die Gegensätze abgebaut. Diesseits und jenseits des Atlantik wird intensiv nachgedacht über die Spielregeln der Palästinaforschung und der Archäologie der südlichen Levante. Auch in Israel ist eine neue Generation Archäologen herangewachsen, die die Bibel nicht mehr als Leitfaden zur historischen Rekonstruktion benutzt.

8. Ein Beispiel, in dem alles zusammenkommt

Manchmal, aber nur selten, bilden literarische, feldarchäologische und ikonographische Quellen zusammen ein Mosaik, auf dem ein historisches Bild sichtbar wird.

2Kön 18,13–16 erzählt, wie 701 v. Chr. der assyrische König Sanherib in einem Feldzug alle festen Städte Judas eingenommen hat, nachdem Hiskija, der König von Juda, gegen ihn einen Aufstand angezettelt hatte. Der bedrängte Hiskija machte Sanherib das Angebot, ihm jeden Tribut zu zahlen, den er verlangte, um das noch nicht eroberte Jerusalem zu retten. Dazu setzte er alle Kostbarkeiten aus Palast und Tempel ein. Sanherib befand sich in dem Moment in Lachisch (Tell ed-Duwer 135.108), etwa 30 km südöstlich von Aschkelon und 50 km südwestlich von Jerusalem. Die Eroberung von Lachisch ist einer der seltenen Fällen, in dem alle Quellen ein übereinstimmendes Bild erlauben und sich ergänzen. Die biblische Nachricht wird unterstützt von dem Feldzugsbericht des Sanherib: »46 mächtige ummauerte Städte sowie die zahllosen kleinen Städte ihrer Umgebung belagerte und eroberte ich durch das Anlegen von Belagerungsdämmen, Einsatz von Sturmwiddern, Infanteriekampf, Untergrabung, Breschen und Sturmleitern.«39 Die Belagerung wird auf einem Relief im Palast des Sanherib in Ninive in allen Details gezeigt.40 Die dort zu sehende, von den Assyrern gebaute Rampe, auf der sich die Rammböcke an die Stadtmauer heranführen ließen, wurde bei den Ausgrabungen aufgefunden. An der Stelle, wo die Assyrer eingebrochen sind, findet sich auf der Innenseite der Mauer noch ein letzter Versuch der judäischen Verteidiger, eine eigene Rampe aufzubauen, um den Durchbruch zu verhindern. Dazu wurde Erde aus allen Teilen der Stadt zusammengetragen. Kleinfunde wie Pfeilspitzen und ein assyrischer Helmkamm demonstrieren das dramatische Geschehen. Hier fügen sich biblische und assyrische Texte, die Ausgrabungsergebnisse und das einzigartige ikonographische Material widerspruchslos zusammen.

9. Der deutsche Beitrag

Es waren die Kolonialmächte England und Frankreich, später auch die USA, die eine intensive Ausgrabungstätigkeit im Vorderen Orient entfalteten. Zwar gab es auch deutsche Initiativen in Megiddo, Jericho und Sichem, aber ein Neuanfang war nach den beiden Weltkriegen schwierig und teilweise unmöglich. Erst ab den siebziger Jahren des 20. Jh.s konnten deutsche Archäologen sich wieder an Ausgrabungsprojekten in Israel beteiligen. Heutzutage gibt es mehrere deutsche Projekte in Israel und Jordanien. Trotz wichtiger Beiträge lag hier aber nicht die eigentliche Kraft der deutschen Wissenschaft. Als zwölf Jahre nach der Gründung des Palestine Exploration Fund der Deutsche Palästina Verein 1877 gegründet und 1900 die Stiftungsurkunde des Deutschen Evangelischen Institutes für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes ratifiziert wurde, begann mit den Direktoren Gustaf Dalman (1855–1941), Albrecht Alt (1883–1956) und Martin Noth (1902–1968) die Erarbeitung einer Landeskunde, die ihresgleichen sucht. Dalman erforschte und beschrieb die Welt Palästinas am Anfang des 20. Jh.s und zeigte mit seinen Bänden über »Arbeit und Sitte in Palästina«, die auch jetzt noch eine Fundgrube sind, wie Vergangenes bis in seine Zeit hinein weiterlebte. Albrecht Alt zielte ab auf eine historisch-dynamische Synthese der Spezialdisziplinen Kartographie, Geologie, Klimatologie, Botanik und archäologische Oberflächenforschung als Beitrag zur historischen Geographie und Siedlungs- und Territorialgeschichte.41 Diese Tradition machte das Deutsche Institut einzigartig. Es fand ein Brückenschlag statt zwischen geduldiger, kritischer Analyse der literarischen Quellen und der Landeskunde im weitesten Sinne.

10. Neue Möglichkeiten

In der Feldarchäologie ist in den letzten Jahrzehnten sehr viel erreicht worden. Die Fixierung auf den einzelnen Tell wich Regionalprojekten. Die Zeiten sind vorbei, in denen geplant wurde, Megiddo (Tell el-Mutesellim 167.221) Schicht für Schicht komplett abzutragen, womit das Oriental Institute aus Chicago 1925 einen Anfang machte. Denn, wie gut auch dokumentiert wird, ausgraben bleibt eine Tätigkeit, bei der eine Schicht abgetragen, und das heißt: vernichtet wird. Allmählich wuchs die Einsicht, dass es weise sein kann, Material für spätere Forschungen unberührt zu lassen. Wie nötig das sein kann, zeigen große Grabungen wie Megiddo und Hazor (Tell el-Qedah 203.269) wo in den letzten Jahren neue Ausgrabungen begonnen wurden, teils um strittige Ergebnisse früherer Expeditionen korrigieren zu können.

Wenn nicht nur ein Tell, sondern eine Region Objekt eines Projektes ist, entsteht die Möglichkeit, auch die ökologischen, wirtschaftlichen, machtpolitischen und sozialen Aspekte eines Gebietes zu studieren. Wenn die Wasserversorgung und die Bodenverhältnisse, die Möglichkeit für Agrarwirtschaft und Viehzucht, die Produktionsmöglichkeiten und Handelsbeziehungen, die strategische Lage und die Machtposition den umgebenden Dörfern und Städten gegenüber, die Sozialschichtung der Bevölkerung in einem breiteren Rahmen untersucht werden, können Aussagen über die Gesamtsituation in einem bestimmten Kulturraum während einer bestimmten Periode gemacht werden. Das erfordert Spezialisierung, die in der Archäologie längst zum Alltag gehört, aber auch den Blick für übergreifende Fragestellungen.

Die Publikation einer Ausgrabung war lange Zeit die Achillesferse der Unternehmung. Grabungskampagnen brachten so viel Material ans Tageslicht, dass man über vorläufige Berichte – und öfters nicht mal das – nicht hinauskam. Die Dokumentation einer Grabung, die im Idealfall das exakte Vorgehen vom Anfangszustand bis zur erarbeiteten Situation in der Kampagne schriftlich, zeichnerisch und fotografisch festlegt, hat durch die Möglichkeit digitaler Datenerfassung einen gigantischen Sprung vorwärts gemacht. Online-Datenbanken sind auf dem Vormarsch. Zum Beispiel erfasst die Databank ADEMNES42 in Tübingen zur Zeit archäobotanische Daten von 533 Orten im Vorderen Orient.

Die Frage nach der Datierung von Funden und Wohn- oder Brandlagen in einer Ausgrabung bildete oft die Verbindung zu den Fragen der literarischen bzw. biblischen Überlieferung. Dabei war die Umsetzung einer relativen in eine absolute, unseren Jahreszahlen entsprechende Datierung das Hauptproblem. Denn hiermit war oft eine historische Deutung verbunden, wozu sich die Archäologen nicht-archäologischer Argumente bedienten.

Eine Hilfe für eine absolute Datierung bieten heutzutage naturwissenschaftliche Methoden. Unter den bekanntesten ist die 14C-Radiokohlenstoffmethode. Sie ist jetzt auch für die historischen Perioden und nicht nur für die Prähistorie wichtig, weil nach Ausschaltung bestimmter Fehlerquellen präzisere Aussagen gemacht werden können und weniger Material benötigt wird. Für die Datierung von Tongefäßen hat sich die Thermolumineszenzdatierung bewährt. Dabei wird die gespeicherte Strahlungsenergie gemessen, die freigesetzt wird bei der Erhitzung des Festkörpers auf 300 bis 400° C. Diese Strahlungsmenge, durch den Brand des Gegenstandes auf null reduziert, nimmt danach wieder zu, und zwar proportional zur Zeit. Wird beim Auffinden des Tongefäßes durch erneutes Erhitzen diese Strahlungsmenge gemessen, so kann die Zeit errechnet werden zwischen dem erstmaligen Brand – in den meisten Fällen mit dem Herstellungsdatum identisch – und der Erhitzung nach dem Auffinden der Probe. Aber auch hier ist mit Fehlerquellen zu rechnen. Die dendrochronologische Altersbestimmung setzt voraus, dass der Holzzuwachs bei Bäumen diachron ungleich, synchron aber gleich ist, während die unterschiedlichen Jahrringbreiten über größere Gebiete miteinander vergleichbar sind. Weil Standardchronologien für diese Region nicht komplett vorhanden sind, ist die Methode nur partiell einsetzbar. Trotzdem hat der Einsatz naturwissenschaftlicher Techniken zu großen Fortschritten in der Grabungspraxis geführt.

11. Eine Problematik, die bleibt

Dass sich die Debatte trotz des Einsatzes von 14C-Datierungen letztendlich um das Verhältnis von Feldarchäologie und literarischer Überlieferung dreht, zeigt der Kasus der sog. High and Low Chronology. Damit wird die Datierung von Schichten und Architekturresten vor allem in Megiddo und deren Zuweisung an Salomo gemeint (High Chronology). Werden die materiellen Reste jedoch den Omriden (Omri, Ahab), ein Jahrhundert später zugeteilt (Low Chronology), entsteht ein total anderes Geschichtsbild der Königszeit in Israel. Dann sind es nicht mehr die Davididen, die auf der Landbrücke zwischen Nil und Euphrat ein blühendes Staatswesen errichteten, sondern die Omriden. Es begann alles mit den Philistern. Anhand der Verbreitung der lokal gefertigten Mykene IIIC 1b Keramik als direkter Vorläufer der philistäischen Tongefäße schloss Israel Finkelstein, dass sie erst gegen Ende der Regierungszeit Ramses’ VI., 1135 v. Chr., erschien. Das Auftauchen der eigentlichen Philisterware geschah dann am Anfang des 11. Jh.s. Das reichte, um die übliche Chronologie etwa ein Jahrhundert herunterzudatieren.43 Danach folgte das kritische Hinterfragen der Monumentalarchitektur in Megiddo in den Schichten VB, VA/IVB. Der Bauherr war nicht länger Salomo aus der identitätsstiftenden davidischen Dynastie in Juda, sondern die biblisch negativ beurteilten Herrscher aus dem Nordreich Omri und Ahab.44 Die Zuweisung an Salomo war vor allem die Folge einer direkten Verbindung zwischen der Monumentalarchitektur und der biblischen Notiz 1Kön 9,15.19, nach der Salomo u. a. in Megiddo Mauersysteme verstärkte und Reiter- und Wagenstädte baute. In der Debatte kamen auch 14C-Daten in der renommierten Zeitschrift ­Science zum Einsatz.45 Eine Schlüsselrolle erhielt die 14C-Datierung von Getreidekörnern und Olivenkernen aus Tel Rehov (197.207) und die Verwüstung dieser Ortslage um 920 v. Chr. Nach dem Jerusalemer Archäologen Amihai Mazar war das Ende von Tel Rehov V dem Feldzug des Pharaos Schoschenk zu verdanken, und reichte die Eisenzeit IIA (klassisch 1000–900 v. Chr.) in einer Revised Traditional Chronology von 980 bis 840 v. Chr. und nicht von 900 bis 840 v.Chr., wie Finkelstein es wollte. Auffällig ist, dass nicht die Accelerator Mass Spectrometry (AMS) und die langsamere, aber genauere Proportional Gas Counting (PCG) mit ihren präzisen 14C-Datierung das Endergebnis bestimmten. Bei der historischen Umsetzung wurde aber wieder auf Pharao Schoschenk zurückgegriffen, der nach den biblischen Texten ein Zeitgenosse Salomos/Rehabeams war und damit die Tür öffnete für Salomo redivivus. Bei aller Objektivität einer 14C-Datierung gelang die historische Umsetzung nur durch ein literarisches Argument. In diesem Zusammenspiel von Archäologie und Bibel gibt es keine puren, sondern nur interpretierte Fakten.

12. Aussicht

William Dever hat darauf hingewiesen, dass die Fragestellungen rund um Bibel und Archäologie, obwohl in den Medien und beim weiteren Publikum immer gut für verstärkte Aufmerksamkeit, in der praktischen Arbeit in Israel und Jordanien heute eine viel kleinere Rolle spielen. Er schätzt, dass mindestens 75 Prozent der archäologischen Arbeit und Publikationen nichts mit der biblischen Überlieferung zu tun haben.46 Anthropologische Ansätze sind Gemeingut geworden. Ethnische Fragestellungen können unbefangener angegangen werden als in früheren Jahrzehnten. Siedlungsarchäologische Untersuchungen sind frei von dem Zwang, eine bestimmte historische Rekonstruktion beweisen zu müssen. Neue Aufmerksamkeit für eine tribale Gesellschaft ist imstande, Kontinuität und Änderung in einer soziologischen Schichtung präziser zu beschreiben. Spezialisierte Datenbanken können Auskunft geben über Vergleichsmöglichkeiten in einem viel größeren Rahmen als vorher. Das alles trägt dazu bei, diese spezifische Landbrücke, ihre Struktur, ihr Hinterland, ihre Bewohner, ihre Kultur und ihre Religionsgeschichte viel genauer zu beschreiben, als es früher möglich war.

Es war dringend notwendig, dass die archäologischen Fragestellungen und die biblische Überlieferung erst einmal voneinander getrennt wurden. Wo jetzt methodische Selbstständigkeit auf beiden Seiten ausgereift ist, geht es aber auch um die Notwendigkeit, beide miteinander ins Gespräch zu bringen. Das setzt auf exegetischer Seite voraus, dass die behutsame Suche nach geschichtlichen Hintergründen offen bleibt für Ergänzung aus der ganzen Palette der archäologischen Feldforschung, aber auch, dass dieser geschichtliche Hintergrund nicht aus dem Fragenkatalog exegetischen Bemühens verschwindet. Auf archäologischer Seite setzt ein solcher Dialog voraus, dass nicht vorschnell nach einer historischen Umsetzung der archäologischen Daten mit fachfremden Argumenten gegriffen wird.

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§ 3 Bibel und Geschichte

Christian Frevel, Bochum

Geschichte und Geschichten liegen in der Bibel nah beieinander. Begibt man sich auf die Suche nach Geschichte, trifft man auf Geschichten und in Geschichten findet man Geschichte. Das ist mehr als ein Wortspiel, denn würde man die Bibel nur einer der beiden Seiten zurechnen, hätte man schon ihren Anspruch verkürzt. Die Bibel hat selbst eine Geschichte und ist ohne Bezug zur Geschichte nicht zu verstehen. Trotzdem ist die Bibel ebenso wenig ein Geschichtsbuch wie sie in ihren Geschichten aufgeht. Im Verhältnis von Bibel und Geschichte geht es offenbar um Grundlegendes sowohl in Bezug auf den Inhalt als auch auf das Verständnis der Bibel.

Fragt man zuerst einmal, wie die Bibel selbst über Geschichte redet, stellt man verwundert fest, dass die Bibel gar keinen Begriff für Geschichte kennt, denn Abstraktbildungen sind im biblischen Hebräisch eher selten. Neben anderen Bezeichnungen ist am ehesten von den debārîm die Rede, was als »Worte, Angelegenheiten, Gegebenheiten« übersetzt werden kann. In den Königsbüchern ist häufig von den dibrê hajjāmîm die Rede (1Kön 14,19.29; 15,7.23.31 u. ö.), was als »Chronik« oder »Buch der Geschichte« übersetzt wird. Neben den debārîm, in denen Geschichten und Geschichte zusammenkommen, zeigt das Wort sefӕr die gleiche Nähe. Es kann im biblischen Hebräisch »Buchrolle, Schriftstück, Inschrift«, aber auch »Erzählung« meinen. In den Königsbüchern ist häufiger von einem »Buch (sefӕr) der Könige Israels/Judas« die Rede, in dem sich Informationen zu den Regierungen der einzelnen Könige finden lassen sollen (1Kön 11,41; 2Kön 14,15; 24,5 u. ö.). Abgehoben von »Erzählung« kommt der Begriff »Geschichte« im Sinne eines Zugriffs auf die Vergangenheit auch in Bibelübersetzungen eher selten vor. In Dtn 32,7, wo z. B. die Einheitsübersetzung den Begriff »Geschichte« benutzt (»Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte! Frag deinen Vater, er wird es dir erzählen, frag die Alten, sie werden es dir sagen.«), übersetzen andere den im Hebräischen verwendeten Ausdruck dôr wedôr wörtlicher mit »von Generation zu Generation« (Elberfelder) oder »die Jahre der vergangenen Generationen« (Zürcher). Aber es ist klar, dass es um das aus der Vergangenheit her in die Gegenwart hinein Überlieferte geht.

Wenn es im alten Israel einen Ort für die Geschichte und die Entstehung eines Geschichtsbewusstseins gegeben hat, dann wahrscheinlich am ehesten am Königshof, wo Archive und Listen geführt wurden. Betraut waren damit die Beamten und Schreiber, die sich um die diplomatische Dokumentation in den Archiven kümmerten. Ein Beispiel bietet die Estererzählung, in der die Weisen, die den König beraten, als diejenigen gekennzeichnet werden, die sich »in der Geschichte auskennen« (Est 1,13, Einheitsübersetzung). Wörtlich sind das vom hebräischen Text her diejenigen, die sich auf »die Zeiten« verstehen (jod’ê hā’itîm). Bezogen auf eine höfische Geschichtsschreibung benutzen die meisten Übersetzungen daher in 1Chr 29,29 den Begriff »Geschichte«. So etwa die Zürcher Übersetzung: »Und die Taten Davids, des Königs, die früheren und die späteren, sieh, sie stehen geschrieben in der Geschichte Samuels, des Sehers, und in der Geschichte Natans, des Propheten, und in der Geschichte Gads, des Sehers.« Doch im Hebräischen steht auch dort der Plural debārîm – »Worte, Taten«.

1. Die Bibel zwischen Mythos, Legende und Geschichten

Die Bibel erzählt wundervolle Geschichten, etwa von Abraham, von König Salomo oder von dem Propheten Jona. Dabei findet sich in der Bibel Glaubwürdiges und weniger Glaubwürdiges. Schon von daher kann das Verhältnis von Bibel und Geschichte kein einfaches sein. Wenn etwa Abram mit 318 Kriegern, die alle in seinem Haus als Sklaven geboren sind, gegen eine Koalition von vier stattlichen Königen siegreich kämpft (Gen 14,14f.), Salomo 700 Frauen und 300 Nebenfrauen hat (1Kön 11,3) oder Jona drei Tage im Bauch eines Fisches überlebt (Jona 2,1), kommen Fragen auf. Sind das Tatsachen, bloße Übertreibungen oder einfach erfundene Details? Für sog. Fundamentalisten ist in der Bibel bis ins kleinste Detail alles wahr, für andere ist die ganze Bibel bloß Erfindung, Fiktion oder Allegorie. Die einen versuchen mit allen Mitteln nachzuweisen, dass die in der Bibel erzählten Sachverhalte sich so zugetragen haben können, etwa dass das Reich Salomos tatsächlich vom Eufrat bis Gaza (1Kön 5,4) bzw. von Lebo-Hamat bis zum Bach Ägyptens (1Kön 8,65) gereicht oder die Königin von Saba ihn aus Südarabien tatsächlich im 10. Jh. v. Chr. in Jerusalem wegen seiner großen Weisheit besucht haben könnte (1Kön 10). Die anderen halten das für bloße Legenden und betonen, dass es eine Königin von Saba zur Zeit Salomos noch gar nicht gegeben haben kann und zudem in Syrien und im Libanon andere Herrscher als Salomo das Sagen hatten.47 Der Besuch der Königin von Saba mag also eine Legende sein, doch es besteht kein Zweifel, dass es Ägypter, Babylonier, Philister oder Aramäer gegeben hat, die alle in der Bibel erwähnt werden. Auch wenn keine Reste vom ersten Jerusalemer Tempel erhalten sind, weisen doch die Zerstörungen in Jerusalem und im Umland darauf hin, dass auch der Tempel von den Neubabyloniern 587/86 v. Chr. zerstört worden ist. Und wenn der israelitische König Ahab (871–852 v. Chr.) in einer Inschrift des Assyrers Salmanassar III. (859–824 v. Chr.) im Jahr 853 v. Chr. als Gegner in einer Koalition unter der Führung Hadad-Esers (ca. 875–845 v. Chr.) aus Aram-Damaskus genannt wird, lassen sich wenig Zweifel anbringen, dass »alles« nur Erfindung sei. Man mag darüber diskutieren, ob Abraham eine historische Person gewesen ist, die sich von Ur in Chaldäa nach Kanaan bewegte und bei den Eichen von Mamre wohnte (Gen 12,1–3; 13,18); doch dass der in den Makkabäerbüchern (1Makk 1,1; 6,2 u. ö.) erwähnte Makedonier Alexander der Große (356–323 v. Chr.) eine historische Figur war, wird man nicht bestreiten können. Aber vieles von dem, was über Alexander »berichtet« wird, ist Legende, etwa auch die bei dem jüdischen Schriftsteller Josephus zu findende Angabe, dass er bei seinem Zug in die südliche Levante in Jerusalem vorbeigeschaut habe (Jos. Ant. XI, 329–339). Umgekehrt sind z. B. viele geographische Details in den Erzelternerzählungen (Gen 12–36) keine bloße Erfindung.

Wo aber verläuft die Grenze zwischen Mythos, Legende und Bericht? Dass Gott die Welt nicht in sieben Tagen und schon gar nicht im Jahr 4004 v. Chr. erschaffen hat, legt die wissenschaftlich gut begründete Evolutionslehre nachdrücklich nahe. Erzählungen über eine große Flut gibt es in vielen Kulturen, u. a. im Gilgamesch-Epos oder im babylonischen Atramḫasis-Epos, was zu Beginn des 20. Jh.s n. Chr. den sog. Bibel-Babel-Streit ausgelöst hat, in dem es um die Frage nach der Originalität der biblischen Überlieferung vor dem Hintergrund der älteren Parallelüberlieferungen ging.48 Die Fluterzählungen spiegeln eher die Beschäftigung mit der Entstehung von Kultur überhaupt, als dass sie sich auf ein geschichtliches Flutereignis beziehen.49 Um die Frage, ob Abraham und Sara historische Personen im frühen zweiten Jahrtausend waren, wurde ebenfalls heftig gestritten, doch nachdem die biblische Wissenschaft die Entstehung der Abraham-Überlieferung in das fortgeschrittene erste Jahrtausend datiert hat, ist es darum doch ziemlich still geworden, und die historische Existenz Abrahams gilt den meisten als unwahrscheinlich.50 Beim Exodus, sicher der wirkmächtigsten Erzählung der Bibel, schwankt die Forschung zwischen Fiktion und Erinnerungsfigur, und zuletzt hat Jan Assmann gegen die breite Skepsis festgehalten, dass sich im Mirjam-Lied in Ex 15,21 ein geschichtlicher Haftpunkt für die Entstehung der Exodustradition finden lässt: »Ein besonderes Ereignis wird es gegeben haben, das von den Betroffenen als rettende Intervention JHWHs erfahren wurde und an das sich dann eine legendenhafte Erinnerung knüpfte.«51 Aber weit darüber hinaus kommt man nicht (s. u.). Die Erzählungen von der sog. Landnahme der Israeliten sind im Großen und Ganzen nicht als Bericht zu lesen. Nach dem Zusammenbruch der spätbronzezeitlichen Stadtkultur entsteht eine frühe Dorfkultur in und aus Kanaan und nicht in einer großen Einwanderungswelle, wie sie die Exoduserzählung uns glauben machen will.52 Dass David eine historische Figur war und in Jerusalem regierte, lässt sich seit einer 1993 gefundenen Inschrift von Tel Dan, die im 9. Jh. v. Chr. ein bytdwd »Haus Davids« bezeugt (HTAT 116), nicht mehr sinnvoll bezweifeln, aber dass er ein großer König im 10. Jh. v. Chr. in Jerusalem war, ist damit noch lange nicht erwiesen. Alle Versuche, ihn zum Herrscher eines international bedeutsamen Großreichs zu machen, wie die Bibel es etwa in 2Sam 8 schildert, sind bisher archäologisch und historisch gescheitert.53 Wenn es aber kein geeintes Königreich gegeben hätte, würde auch die in 1Kön 12 geschilderte Reichsteilung zur Legende. Jerobeam I., der in 1Kön 11–12 maßgeblich mit der Abspaltung des sog. Nordreichs in Verbindung gebracht wird, dürfte von dem weit späteren Jerobeam II. (787–747 v. Chr.) her entworfen worden sein. Zwar geht die aus der Perspektive des Südens erzählte Geschichte Judas von einer ungebrochenen dynastischen Kontinuität von David bis Zidkija aus, doch bei genauerem Hinsehen handelt es sich dabei eher um eine Rückprojektion als um eine historische Wirklichkeit.54 Denn ob es überhaupt einen König Rehabeam gegeben hat, ist ebenso unsicher wie etwa, dass Ahasja von Juda (845 v. Chr.), Joram von Juda (847–845 v. Chr.) oder Joasch von Juda (840–801 v. Chr.) Davididen, das heißt Glieder des davidischen Königsgeschlechts, gewesen sind. Sie sind eher Omriden und Nimschiden aus Samaria, die im Filialkönigtum Juda in Jerusalem für einige Zeit regierten. Das unterstreicht in historischer Sicht die große Bedeutung der Omriden für die Staatenbildung Israels und Judas. Mit ihnen steht man auch außerbiblisch auf immer festerem Boden. Der wahrscheinlich erst unter Omri (882–871 v. Chr.) gegründete Nordstaat Israel wird etwa in der moabitischen Mescha-Inschrift (HTAT 105) oder der Monolith-Inschrift Salmanassars III. (HTAT 106) aus dem 9. Jh. v. Chr. erwähnt. Da ist noch lange keine Rede von Juda als politisch wahrgenommener Größe. Der Südstaat Juda ist erst ein Jahrhundert später belegt, wenn die Tributzahlung des Königs Ahas (741–725 v. Chr.) aus dem »Land Juda« (kurIa’udāyā) an den Assyrer Tiglat-Pileser III. (745–727 v. Chr.) genannt wird (HTAT 140), die auch biblisch in 2Kön 16,7f. Erwähnung findet. Aber selbst ab dem 8. Jh. v. Chr. lässt sich oft schwer zwischen Legende und Geschichte unterscheiden, wenn etwa König Manasse (696–642 v. Chr.), der aller Wahrscheinlichkeit nach als assyrischer Vasall (HTAT 188.191) ein sehr erfolgreicher judäischer König war, in der Darstellung der Bibel geradezu verteufelt wird (2Kön 21,1–18).

Dass die Bibel Tendenzliteratur ist und sich biblische Darstellung und Geschichte nicht einfach gleichsetzen lassen, hält sich auch für die Darstellung nach dem Untergang Jerusalems 587 v. Chr. durch. Zwei Beispiele sollen dafür genügen. Der Vorstellung, dass in Deportationswellen (597/96, 587/86 und 582 v. Chr.) die ganze Bevölkerung aus Juda weggeführt worden (2Kön 25,21; vgl. Jer 13,19; 20,4; 52,27; Klgl 1,3; 2Chr 36,20) und das Land anschließend menschenleer gewesen sei (Jer 44,22), wird schon biblisch durch die Darstellung widersprochen, dass Jeremia nach seiner Freilassung »mitten unter dem Volk« bleibt, »das im Land übrig geblieben war« (Jer 40,6). Das Land war weder leer noch vollständig zerstört, sondern die Zerstörung war regional begrenzt. Jerusalem und sein Umland waren besonders betroffen.55 Dass der Perserkönig Kyrus 539 v. Chr. mit einem Erlass (2Chr 36,22–23; Esr 1,1–4) alle Exilierten zur Rückkehr aufgefordert habe und diese anschließend in einem »großen Treck« nach Jerusalem zurückgezogen seien, muss ebenso wie das »leere Land« als Mythos eingestuft werden. Die Rückkehr wird vielmehr nur langsam erfolgt sein. Zudem bezeugen Dokumente aus dem Muraššû-Archiv und aus al-Yaḫūdu in Babylonien (HTAT 274–281)56 sowie von der Nilinsel Elephantine in Ägypten (HTAT 283–294), dass auch viele Judäer »im Exil« geblieben sind und eine Diaspora bildeten. Auch wenn das Exil kein Zuckerschlecken war, so haben sich doch viele der Exilierten – das bestätigen die erwähnten Dokumente – gut integriert, wenn ihnen auch bestimmte Positionen (z. B. am Tempel in Babylon) vorenthalten blieben.

Die biblische Darstellung ist gefärbt und verfolgt bestimmte Interessen. Daher brechen zu Recht immer wieder Fragen auf, wie das Verhältnis von Bibel und Geschichte genauer zu bestimmen ist. Dieses geht nicht in der Frage der Historizität des Erzählten (»Ist das wirklich so gewesen?«) auf, doch hängt daran mehr als nur eine Einschätzungsfrage. Sowohl für das jüdische als auch das christliche Selbstverständnis bietet die Bibel nicht nur Geschichten, sondern hat auch einen Bezug zur Geschichte, und dies ist konstitutiv für den Glauben. Denn es gehört zu den Grundüberzeugungen des Glaubens, dass Gott Israel in der Geschichte erwählt hat und sich in der Geschichte offenbart. Kann das Verhältnis von Geschichten und Geschichte näher bestimmt werden? Vielleicht ist die Trennung von Geschichte und Geschichten am Ende gar nicht so sinnvoll, wie es auf den ersten Blick scheint.

2. Warum Geschichte nicht objektiv sein kann

Wenn über das Verhältnis von Bibel und Geschichte nachgedacht werden soll, ist die erste Frage, was eigentlich Geschichte ist. Darauf gibt es viele unterschiedliche Antworten, und alle sind bedeutsam für die Frage des Verhältnisses von Bibel und Geschichte. Schauen wir auf zwei grundlegende Verständnisse von Geschichte und beginnen mit dem umfassendsten: Geschichte ist das Vergangene, also die Summe all dessen, was gewesen ist. In dieser umfassenden Antwort zeigt sich schon, dass das Reden über Geschichte einen Standort voraussetzt, von dem aus man etwas als Geschichte versteht, und dass sich dieses Etwas von der Gegenwart kategorial durch das Davor unterscheidet. Zugleich leuchtet unmittelbar ein, dass diese Geschichte mehr ist als das, was man fassen kann. Selbst die umfassendste Vorstellung von big data reicht nicht hin, dass die Gesamtheit des Geschehenen in Raum und Zeit gespeichert werden könnte. Die Vergangenheiten als Gesamtheit des Geschehenen sind unwiederbringlich vergangen! So banal diese Einsicht klingt, so ist sie doch der Ausgangspunkt für eine differenziertere Sicht auf das, was Geschichte ist. Denn wenn das Geschehene auch im optimalen Fall nicht wieder in der Form von uns präsent gehalten werden kann, in der es zuvor war, eröffnet sich der Blick auf ein zweites Verständnis. Geschichte ist dann das, was von dem Vergangenen in der Gegenwart präsent gehalten wird. Während in dem ersten Verständnis Geschichte und Geschehen identisch waren, treten die beiden Größen in dem zweiten Verständnis auseinander. Entscheidend wird nun die Differenz: Der einen Geschichte stehen die vielen Geschichten gegenüber.57 »Erzähl mir deine Geschichte!« meint nicht die Summe des Erlebten, sondern eine Auswahl des Geschehenen, die in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht und als Ereignisfolge erzählt wird. Von zentraler Bedeutung ist dabei das Moment der Auswahl des Erlebten, auf das nur über die subjektive Erfahrung des Erzählenden zugegriffen wird. Geschichte in diesem Sinne ist immer selektiv und immer subjektiv. Sie setzt die Gegenwart in ein Verhältnis zur Vergangenheit, indem sie in der Geschichte einen Bezug zu den Vergangenheiten, die vergangen sind, herstellt. Dabei ist es nicht nur das Wissen von dem Geschehenen, sondern vielfach auch das Nicht-Wissen, das den Zugriff auf das Vergangene bestimmt. Das wissen wir aus unserem eigenen Erzählen: Nicht alles, was als Geschichte in der Gegenwart präsent gehalten wird, ist auch geschehen. Indem die Geschichte die Vergangenheit mit der Gegenwart unlösbar verknüpft, verbindet sie das Gewesene zu einem dichten Gewebe, so dass man von einer Textur (lat. textus – »Gewebe, Geflecht«) sprechen kann. Geschichte ist eine selektive, perspektivische und absichtsvolle Textur der Vergangenheit. In der Verknüpfung der Ereignisse wird das Geschehen auf die Gegenwart hin als sinnhaft konstituiert. Der bedeutungsvolle Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart, der über den bloßen Lauf der Zeit hinausgeht, ist in und durch die Geschichte geschaffen. Geschichte schafft Kohärenz (von lat. cohaerere – »zusammenhängen«). Geschichte ist immer eine Deutung der Vergangenheit und eine der ganz wesentlichen Sinnressourcen in der Deutung des Lebens. Indem die Gegenwart auf die Zukunft gerichtet und in den Kontext der Vergangenheiten gestellt und so ein Zusammenhang (eine Kohärenz im Gefüge der Zeit) geschaffen wird, findet schon eine Sinnstiftung statt.

Mit der Einsicht, dass Geschichte nicht identisch mit dem Geschehenen ist und es keine objektive Geschichte gibt, sondern sich Geschichte im Bezug auf das Vergangene als eine subjektiv gebrochene Konstruktion und Selektion erweist, brechen Spannungen auf. Vor allem stellt sich die Frage, wie es sich mit der Wahrheit der Geschichte verhält, wenn diese nicht mit dem Geschehenen identisch ist. In einem landläufigen Verständnis ist nur das wahr, was gewesen ist, und was nicht gewesen ist, kann nicht wahr sein. Darin unterscheiden sich Fakten und Fiktionen oder Geschichte und Geschichten.

Noch einmal zurück zu der Aufforderung »Erzähl mir deine Geschichte!« Wir erwarten dabei, dass das Gegenüber nicht flunkert, sondern die Dinge, wie sie sich zugetragen haben, wahrheitsgetreu wiedergibt. Und unter dieser Voraussetzung wollen wir das, was erzählt wird, für wahr halten. Da wir über stimmige Erzählungen in unserer Welt Kohärenz erzeugen, ist das nur allzu natürlich. Und dabei übersehen wir mit großer Regelmäßigkeit eine ganz zentrale und wichtige Grundunterscheidung: dass nämlich »wahr« und »historisch« nicht das Gleiche sind und dass das, was Wahrheit beansprucht, nicht notwendig geschichtlich gewesen sein muss. Das, was gewesen ist, ist in einer besonderen ureigenen Weise wahr, doch sind die Vergangenheiten vergangen, und diese ureigene Weise des Wahren und Unverfälschten ist unserem Zugriff entzogen. Unser Griff nach der Vergangenheit ist ein Griff nach den Schatten, die diese geworfen hat. Wir bekommen sie nicht mehr zu fassen, was uns zwingt, das Gewesene immer neu zu konstruieren und die Konstruktion zur Wahrheit zu erheben. Doch es bleibt dabei: Das Gewesene und das im Erzählen Gewordene ist nicht das Gleiche. Wahr ist nicht nur das, was war, sondern Wahrheit gibt es auch in dem, was sich von dem Gewesenen entfernt und die Schatten der Vergangenheit mit dem Licht der Erzählung überblendet. Die Wahrheit des Erzählten entdeckt sich sogar nur dann, wenn sich die Betrachtung von dem Anspruch löst, das Erzählte als bloßes Abbild des Gewesenen zu betrachten.

3. Wahrheit und Geschichte

Eine der ersten Fragen, die immer wieder an die Bibel gestellt werden, ist die nach der Historizität des Erzählten. Ist es wirklich so gewesen, wie es die Bibel erzählt? Die Antwort darauf kann eigentlich sinnvoll immer nur »nein« lauten, und zwar aus den prinzipiellen Gründen, die oben entfaltet worden sind. Ist aber deswegen die Bibel weniger wahr? Auch die Antwort auf diese Frage lautet nach dem vorher Gesagten eindeutig »nein«. Denn die Wahrheit des Erzählten liegt offensichtlich jenseits der Frage dessen, was an Gewesenem in der Gegenwart präsent gehalten werden soll. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Der »Israel« genannte Erzvater Jakob hatte zwölf Söhne und eine Tochter Dina. Aus den zwölf Söhnen Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issachar, Sebulon, Gad, Ascher, Josef, Benjamin, Dan und Naftali (Gen 46,8–26) werden die zwölf Stämme Israels, die aus Ägypten aus- und in das Gelobte Land einziehen. Laut Gen 46,27 waren es 70 männliche Personen, die nach Ägypten kamen und sich dort so vermehrten, dass das Land von ihnen wimmelte (Ex 1,7). Ex 12,37 hält dann fest, dass an die sechshunderttausend Mann aus Ägypten auszogen, »nicht gerechnet die Kinder« (vgl. Num 11,21). Die Zählung in Num 1,46 ergibt sogar die genaue Zahl 603.550 für alle wehrfähigen Männer über zwanzig Jahren (vgl. Ex 38,26; Num 26,51). Der biblischen Chronologie zufolge, die den Tempelbau 1200 Jahre nach Abraham datiert, dauerte der Aufenthalt in Ägypten 430 Jahre (Ex 12,40). Aber ist das alles so, wie es erzählt wird, in einem historischen Sinne wahr? Nun kann man Berechnungen anstellen, wie viele Generationen in die 430 Jahre passen und wie viele Kinder und Kindeskinder es geben muss, um von 70 Männern auf die große Anzahl von 600.000 zu kommen. Die Angabe ist erstaunlicherweise selbst bei eingerechnet hoher Kindersterblichkeit gar nicht so unplausibel, wenn man das Bevölkerungswachstum einer prosperierenden Gesellschaft mit ca. 2 % veranschlagt. Doch geht es darum in den angeführten Aussagen? Gen 15,13.16 scheint einer anderen Chronologie zu folgen, in der jedoch mit der Angabe von vier Generationen in Ägypten das exorbitante Wachstum der Bevölkerung auf keinen Fall möglich wäre. Von den Stämmen Israels als große übergreifende Sozialform fehlt sowohl für das zweite als auch für das erste Jahrtausend v. Chr. jeder außerbiblische Beleg. Das erst recht spät in der Literaturgeschichte herausgebildete Zwölfstämmesystem der Größe »Israel« war zu keinem Zeitpunkt der Geschichte Wirklichkeit, zumindest lassen die Quellen das nicht erkennen. Im Gegenteil: Die ägyptischen Quellen kennen die vermeintlich bemerkenswert große Gruppe von Hebräern in keinem ihrer Texte, weder im 15. Jh. v. Chr., wo man den Exodus aufgrund der Angaben in Ex 12,40–41 und 1Kön 6,1 annehmen könnte, noch in der Regierungszeit Ramses II. (1279–1213 v. Chr.), der wegen der Erwähnung der Vorratsstädte Pitom und Ramses (Ex 1,11) als Pharao des Exodus gilt. Eine so große Gruppe (mit Frauen und Kindern annähernd zwei Millionen Menschen!) wäre wohl kaum in der Wüste von einer Person zu führen gewesen, und wenn doch, hätte sie doch sicher Spuren hinterlassen. Ohne die biblischen Erzählungen käme kein Historiker auf die Idee, dass es ein Ereignis wie den Exodus gegeben hätte.

Die Wahrheit der Aussagen zum Exodus und zu den zwölf Stämmen Israels muss jenseits der Frage liegen, ob es sich um historische Tatsachen handelt. Es geht vielmehr um die gemeinsame Abstammung von einem Ahnvater, um die Entwicklung, dass Israel aus allen Stämmen und nicht nur aus Juda besteht und dass die über das ganze Land verstreuten Gruppen eine gemeinsame Abstammung eint. Es geht um eine gemeinsame theologische Perspektive der Erwählung und um die Betonung, dass Gott die Geschichte lenkt. Dem dienen das chronologisch genaue System und die Anbindung der Datierung des Exodus an Abraham und den Tempelbau. Mit der Erwählung Israels durch den Gott Jhwh ist der Auftrag verbunden, eine Größe zu werden, die einen inneren Zusammenhalt aufweist. Es geht um die Einlösung der göttlichen Zusage, dass sich Abrahams Nachkommen vermehren und zu einem großen Volk heranwachsen werden. Die Geschlossenheit der Israeliten als familiensolidarische Verwandtschaftsgruppe, die neben der Abstammung eine gemeinsame Geschichte und eine gemeinsame Identität eint, soll durch die Erzählung geschaffen werden. In den Texten wird viel eher eine Ordnung als Ideal konstruiert, als dass eine historische Tatsache abgebildet würde.

Geschichte, so könnte man zusammenfassen, verfolgt einen Zweck. Sie zielt dabei nicht unbedingt darauf, das Geschehene abzubilden. Zugespitzt formuliert will erzählte Geschichte nicht in erster Linie die Vergangenheit abbilden, sondern die Zukunft verändern. Erneut treten die Geschichte als Summe alles Geschehenen und die Geschichte als das in der Gegenwart Erinnerte und präsent Gehaltene auseinander.

4. Alle Geschichte ist Konstruktion

Dass es Geschichte an sich nicht gibt, sondern sie eine Kultur- und Deutungsleistung ist, wurde im Anschluss an die Aufklärung im 19. Jh. klar, nachdem die Ansicht, der Historiker wolle »blos zeigen, wie es eigentlich gewesen« (Leopold von Ranke), überwunden worden war. Dass diese Eigentlichkeit nicht zu haben ist, sondern das in der Geschichte Unvergangene durch den »garstigen breiten Graben« (Gotthold Ephraim Lessing) von dem Vergangenen getrennt bleibt, macht die Geschichte faktisch unüberprüfbar. Sinn macht die Geschichte erst, wenn sie auf eine Gegenwart bezogen ist, wie Walter Benjamin in seinem Essay »Über den Begriff der Geschichte« trefflich formuliert hat: »Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet.«58

Damit ist alle Geschichte Konstruktion, aber wie unterscheidet sich Konstruktion von Beliebigkeit? »Konstruiren muß man bekanntlich die Geschichte immer […]. Der Unterschied ist nur, ob man gut oder schlecht konstruirt«,59 hatte Julius Wellhausen in seinen Prolegomena zur Geschichte Israels diese Herausforderung gekontert. Aber was entscheidet darüber, ob etwas gut oder schlecht konstruiert ist? Damit ist die Frage von Quellen und Methoden angesprochen. Prinzipiell sollte eine Geschichts(re)konstruktion alle verfügbaren Daten und Informationen einbeziehen – also Bild- und Schriftzeugnisse und die materielle Kultur, und eben im Fall der Geschichte Israels auch die Bibel. Da keine Geschichtsschreibung ohne Auswahl der zur Verfügung stehenden Informationen auskommt, sollte diese methodisch nachvollziehbar transparent gemacht werden. Dazu gehört immer auch zu sagen, was man alles nicht weiß und welche Informationen fehlen. Ein Teil davon ist selbstverständlich seit dem Geschichtstheoretiker Johann Gustav Droysen die Quellenkritik, die den Erkenntniswert einer Quelle aufgrund nachvollziehbarer Kriterien zu beurteilen sucht. Von daher erscheint der Streit um die Verwendung der Bibel als Quelle, der seit den späten 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer wieder heftig geführt wurde, geradezu unverständlich, es sei denn, man setzte voraus, dass die Bibel als unhinterfragte Wahrheit den Ausgangspunkt darstellt und nicht eine Erzählung, sondern die Geschichte wiedergibt. Die holzschnittartig zugespitzten Positionen wurden mit den unglücklichen Bezeichnungen »Minimalisten« und »Maximalisten« belegt.60 Letztere waren diejenigen, die eine Geschichte Israels ganz von der Bibel als Quelle und Norm aus entwerfen wollten, und Minimalisten diejenigen, die die Bibel nur dann als Quelle akzeptieren wollten, wenn sie mit außerbiblischen Zeugnissen zusammenstimmt. In dem erbitterten Streit hatte es sich auch eingebürgert, im Anschluss an das 19. Jh. (Leopold von Ranke) scharf zwischen Primär- und Sekundärquellen zu unterscheiden. Während die Primärquellen, wie etwa eine Inschrift, unmittelbar ein Ereignis aus erster Hand bezeugen, sollte das bei den Sekundärquellen, wie vor allem der Bibel, nur nachgeordnet der Fall sein. Diese bot quasi nur Informationen aus zweiter Hand, während den Primärquellen Augenzeugenschaft unterstellt wurde. Doch zum einen ist die Unterscheidung nur bedingt durchführbar, zum anderen gibt es keine objektiven Quellen. Schon ein flüchtiger Blick in die »Geschichtsdarstellung« ägyptischer und altorientalischer Königsinschriften zeigt, dass diese die Geschichte so darstellen, wie es ihnen passt, und sich kein König öffentlich als Verlierer einer Schlacht inszeniert. Jede Information bedarf in der Verwendung für eine Geschichtsschreibung der Interpretation.

5. Bibel, Archäologie und Geschichte

Für Maximalisten hat die Archäologie höchstens eine dienende Funktion, und Minimalisten spielen die Archäologie häufig gegen die Bibel aus. Bis heute finden sich im Feuilleton und in populärwissenschaftlicher Diktion noch Ansätze, in denen die Archäologie nur die Funktion hat, die Bibel – je nach dem Stellenwert, der ihr zugemessen wird – entweder zu beweisen oder zu widerlegen. In fundamentalistischen Kreisen ist es beliebt, Beweise für die Bibel im Stil von Werner Kellers 1955 zuerst erschienenem Bestseller »Und die Bibel hat doch recht« zu finden. Das Doch verrät die apologetische Sicht, dass die Bibel an Wert verlieren würde, wenn sie nicht in einem historischen Sinne wahr wäre. Dem Ansinnen liegt meist das Missverständnis zugrunde, der Bibel gehe es um eine oder gar die historische Wahrheit und der Glaube lasse sich beweisen, wenn diese enggeführte Übereinstimmung der Bibel mit der Geschichte aufgezeigt werden könne. Doch so wenig, wie die Bibel ein Geschichtsbuch ist, so wenig kann die Archäologie den Glauben beweisen oder auch nur plausibilisieren (und auch nicht falsifizieren). Die Archäologie ist eine eigenständige Disziplin, die eigene Methoden und Ziele hat. Ihre Funktion sollte nicht auf eine dienende reduziert werden, auch wenn die Pioniere der Biblischen Archäologie (und der Name sagt schon viel!) im 19. Jh. manches Mal den Spaten in der einen und die Bibel in der anderen Hand hielten. Inzwischen ist die Palästinaarchäologie als Unterdisziplin der Vorderasiatischen Archäologie eine hoch komplexe, methodisch vielfältige und gegenwärtig auch zunehmend naturwissenschaftlich geprägte Disziplin.61 Nicht umsonst spricht man unter dem Titel science revolution von einem gegenwärtigen Paradigmenwechsel der Archäologie und meint damit die Datierung über Radiokarbonanalysen (14C), mikroarchäologische DNA-Untersuchungen in Gräbern oder die Analyse von Pollen und Residuen in Gefäßen, um damit etwa Handelsbeziehungen aufzudecken oder den Speiseplan der antiken Bewohner Palästinas zu klären.62 Die gegenwärtige Archäologie ist sozialwissenschaftlicher, kulturwissenschaftlicher, naturwissenschaftlicher und technischer geworden und nicht mehr an der Bibel als Leitmedium orientiert (und oft auch nicht interessiert).

Die Archäologie hat eine eigene Geschichte, und das im doppelten Sinne: Nicht nur, dass sie sich von der Bibel und den Interessen der Bibelwissenschaft emanzipiert hat, sondern auch, dass sie ihr eigenes Geschichtsbild und ihre eigene Geschichtsrekonstruktion hat. Es wäre allerdings ein Missverständnis, wenn man dieses Bild der Geschichte Israels, weil es stärker auf vermeintlichen Fakten als auf der Bibel beruhe, für immer und ausschließlich historischer halten würde. In der einst sehr kontrovers geführten Diskussion um das Verhältnis von Bibel und Geschichte wird oft betont, dass eine Grundvoraussetzung in der Unterscheidung zwischen dem biblischen Israel und dem historischen Israel liegt (Philip R. Davies). Diese Unterscheidung ist richtig, insofern das biblische Israel nicht das historische Israel ist. Doch auch das archäologische Israel ist nicht das historische Israel, sondern eine, soweit es geht, wissenschaftlich gestützte Konstruktion dessen, was als das historische Israel vorgestellt wird. Es ist richtig, dass das in der Bibel gezeichnete Israel und das historische Israel oft weit auseinandertreten und man sich vergegenwärtigen muss, dass das biblische Israel zu keinem Zeitpunkt eine real in der Geschichte existierende Größe war, jedoch darf ebenso wenig verkannt werden, dass beide Größen aufeinander bezogen sind. Als antiker Text ist das »biblische« Israel zudem Teil des »historischen« Israel, was aufgrund der langen Entstehungs-, Traditions- und Rezeptionsgeschichte der Texte zu vielfältigen Differenzierungen herausfordert.

6. Geschichte und Heilsgeschichte

Das Geschichtsverständnis der Bibel hat einen Anspruch, der jenseits der historischen Wahrheit liegt. Es ist getragen von dem Gedanken, dass Gott und Welt in einem Verhältnis stehen und dieses Verhältnis aus der Zeit und damit der Geschichte nicht herauszulösen ist. Deswegen beginnt die Bibel in ihrem ersten Kapitel mit der Erschaffung einer räumlichen und zeitlichen Ordnung als Anfang der Welt (Gen 1,1 – 2,4a). Ihr geht es nicht um das bloße »Dass« der Schöpfung, sondern um das »Wie«, und dieses »Wie« wird eingebunden in einen Zusammenhang der Zeit: Durch die Trennung von Licht und Finsternis (Gen 1,3–5) wird der dauerhafte Rhythmus der Zeit geschaffen, die Sterne (Gen 1,14–18) ermöglichen die natürliche Gliederung der Zeit in Monate und Jahre. Der Rhythmus von Arbeit und Ruhe am siebten Tag (Gen 2,2–3) erlaubt die Strukturierung der Zeit durch den Willen zur Selbstbeschränkung. Die Geschichte nimmt ihren Ursprung in der von Gott geschaffenen Zeit. In der Überzeugung der Bibel ist Geschichte von Anfang an und es ist vom Anfang her eine Geschichte Gottes und eine Geschichte mit Gott. Diese Geschichte ist allerdings nicht um ihrer selbst willen, sondern in der biblischen Sicht eine Geschichte auf ein Ziel hin. Man nennt dieses Geschichtsverständnis daher teleologisch (von griech. télos – »Ziel«). Dieses Ziel besteht in der Erwählung Israels und dem unbedingten Willen Gottes, unter den Menschen zu sein, was etwa in dem »Ich will in ihrer Mitte wohnen« in Ex 29,43–46 ausgedrückt wird. Darin ist Erlösung in der Gegenwart gedacht. Von den Propheten her gelesen zielt die Geschichte auf die Erlösung in der Zukunft, sei es in der Wiederherstellung Israels (Ez 37; Jes 49,8; Jer 31,4) oder der Neuschöpfung (Jes 65,17–18; Ez 36,26). Die Hoffnung auf Erneuerung geht sogar über Israel hinaus und wird zur universalen Hoffnung für die ganze Schöpfung (Mi 4,1; Jes 2,2; Ps 98; 150 u. ö.). Diese ist – und das ist für eine christliche Theologie der Geschichte von großer Bedeutung – aber nicht ohne die Erwählung Israels zu denken. Das Geschichtsverständnis schließt immer schon die gottgewollte und nicht zurückgenommene Erwählung Israels ein (Röm 9,4–6; 11,1–2).

Die dahinter stehende Aussage ist eine theologische, weshalb man von »Heilsgeschichte« spricht. Dieser Begriff ist im 19. Jh. als apologetischer Kampfbegriff aufgekommen, bezeichnet jedoch inzwischen lediglich das Zusammendenken von Gott und Geschichte. Hinter der Annahme einer Heilsgeschichte steht die biblische Überzeugung, dass die Geschichte auf die transzendente (von der zu erlösenden Welt getrennte) und soteriologische (auf die Erlösung gerichtete) wie eschatologische (auf das Ende der Zeit in der Zukunft ausgerichtete) Wirklichkeit Gottes verweist. Die Bibel hat kein Problem damit, Gottes Handeln und Geschichte zusammenzudenken. Gott handelt an und in der Geschichte. Gott muss – in der Überzeugung der alttestamentlichen Texte – nicht erst in die Geschichte eintreten, sondern ist immer schon Teil der Geschichte, indem er in ihr handelt. Für ein von der Philosophie geschultes Denken ist diese Unmittelbarkeit Gottes zur Geschichte befremdlich. Dass die Geschichtlichkeit Gottes mit der philosophischen Unveränderlichkeit Gottes kaum zusammenzudenken ist, leuchtet unmittelbar ein. Aber in der alttestamentlichen Überzeugung kann Gott sich in der Geschichte sogar ändern, gerade dann, wenn der Geschichtsverlauf Israel oder die Welt von Gott entfernt. So etwa nach der Sintflut in der Zusage, dass Gott nie wieder die Schöpfung vernichten wird (Gen 9,11), oder in dem Versprechen, Israel nie wieder in die Verbannung zu führen (Bar 2,35), oder in dem Beschluss Gottes, seinen gerechten Zorn nicht an dem abtrünnigen Israel zu vollstrecken (Hos 11,8f.).

Das Zusammendenken von Gott und Geschichte bestimmt zutiefst auch das christliche Geschichtsverständnis. Die Inkarnation, also das Hereintreten Gottes in die Welt in Jesus Christus, ist quasi der Ernstfall einer christlichen Geschichtstheologie. Aus der christlichen Glaubensperspektive handelt Gott nicht nur an der Geschichte, sondern wird in der Inkarnation Teil der Geschichte. Das verändert die Rede von Gott und die Rede von Geschichte. Denn aus der darin radikal ausgesagten Geschichtlichkeit Gottes wächst der Vergangenheit eine zusätzliche Sinndimension zu, die auf Zukunft hin ausgerichtet ist.

Für Altes wie Neues Testament gilt, dass sich Geschichte und Offenbarung nicht widersprechen, sondern im Gegenteil Offenbarung geschichtlich gedacht werden muss, wenn sie auf Erlösung zielt. Erneut zeigt sich, dass die Bibel in ihrem Geschichtsverständnis nicht auf das Moment der Historizität zu reduzieren ist, sondern eine heilsgeschichtliche Perspektive gegenüber einer historischen ihr eigenes Recht hat. Beide nehmen sich nichts von ihrer Ernsthaftigkeit und sind – zumindest im Rahmen einer Geschichtstheologie – aufeinander bezogen. Denn Erlösung ist nur dann wirklich, wenn sie in der Geschichte stattfindet. Das Unerlöste der Vergangenheit öffnet den Blick auf ein Ziel, oder, wie Walter Benjamin es formuliert hat: »Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird.«63 Aus dieser Warte heraus ist der Bezug zur Geschichte notwendig und das Nachdenken über das Verhältnis von Bibel und Geschichte unaufgebbar. Schon der Baal Schem Tov genannte Rabbiner Israel ben Elieser (ca. 1700–1760), Gründer der chassidischen Bewegung, hat das mit einem oft zitierten Wort treffend ausgedrückt: »Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.«

7. Nachdenken über Geschichte in der Hebräischen Bibel

An vielen Stellen der Bibel wird grundsätzlich über Geschichte nachgedacht. Dabei lässt sich gut zeigen, dass Geschichte immer zielgerichtet und orientiert an der Gestaltung der Zukunft ist. Keine Geschichte wird um ihrer selbst willen erzählt, auch nicht die Geschichte. So wird beispielsweise in der Exodusüberlieferung darüber reflektiert, wie Erfahrung und Geschichte zusammenhängen. Geschichte kann nur dann Bedeutung erlangen, wenn sie relevant ist, und diese Relevanz wird z. B. in der sog. Kinderfrage (Ex 13,14; Dtn 6,20) durch die Generationen in die jeweilige Gegenwart getragen. Denn nicht nur diejenigen, die das Exodusereignis erlebt haben, sollen von ihm erzählen, sondern alle Generationen sollen die Erfahrung der Errettung weitergeben und durch Memorialzeichen und Rituale (Ex 13,15–16; Dtn 6,9; 11,18–20) bewahren (und das bis heute, zuvorderst am Sederabend zu Pessach). Das wird auch in Ps 78,2–4 deutlich, wo der Beter die ḥidôt, »die Rätsel, die Geheimnisse«, der Vorzeit (qӕdӕm) der ganzen Gemeinde kundtun will. Es geht dabei aber nicht um etwas Unzugängliches, sondern um die Weitergabe der Tradition (vgl. Ps 44,2). »Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten, das wollen wir ihren Kindern nicht verbergen, sondern dem kommenden Geschlecht erzählen: die ruhmreichen Taten des HERRN und seine Stärke, die Wunder, die er getan hat.« (Ps 78,3–4) Über das Aufdecken von Zusammenhängen und die Deutung der vergangenen Ereignisse konstituiert sich die Identität Israels. Geschichte ist Erinnerung, und Erinnerung konstituiert Identität. Es ist das Moment der Deutung, das die Geschichte vom Geschehen unterscheidet. Geschichte macht Sinn.

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§ 4 Bibel, Judentum, Christentum

Beate Ego, Bochum

Die Hebräische Bibel gilt, wenn auch in unterschiedlicher kanonischer Gestalt, sowohl dem Judentum als auch dem Christentum als »Heilige Schrift«. Dieser einfache Satz ist sowohl in 1) kanonischer als auch 2) genetisch-historischer und schließlich in 3) systematisch-hermeneutischer Hinsicht weiter zu entfalten und im Hinblick auf seine Bedeutung für das jüdisch-christliche Gespräch fruchtbar zu machen.

1. Kanonische Perspektiven

Die Hebräische Bibel begegnet uns in kanonischer Hinsicht gleichsam mit zwei Gesichtern. So bilden die einzelnen Schriften der Hebräischen Bibel die »Heilige Schrift« zweier verschiedener Religionen: Der sog. Tanakh, bestehend aus »Tora«, den Propheten (Neviʾim) und den Schriften (Ketuvim), gilt dem Judentum als die »schriftliche Tora«, die es als Offenbarung Gottes neben die Traditionsliteratur von Talmud und Midrasch, die »mündliche Tora«, stellt.64 Für das Christentum ist das Alte Testament in Verbindung mit dem Neuen Testament wiederum integraler Bestandteil des einen, zweigeteilten Kanons.65

Die Schriften des christlichen Alten Testaments sind in anderer Reihenfolge als die der Hebräischen Bibel angeordnet: Auf die Geschichtsbücher folgen zunächst die Psalmen und Lehrbücher, und die Propheten (einschließlich Daniel) beschließen die Sammlung. Die katholische bzw. orthodoxe Tradition unterscheidet sich zudem von der protestantischen Tradition dadurch, dass noch weitere Schriften quasi-kanonischen Status haben. Während diese in der katholischen Tradition als »deuterokanonische Schriften« bezeichnet werden, kennt die protestantische Überlieferung sie unter dem Begriff »Apokryphen«. Diese Zusammenhänge macht man sich am besten über folgende graphische Darstellung deutlich (in der die apokryphen Schriften kursiv geschrieben sind):


Die jüdische Bibel (TaNaKh) Das Alte Testament der christlichen Bibel
Geschichtsbücher Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium
Nevi'im/Propheten die vorderen Propheten Josua, Richter, 1 und 2 Samuel, 1 und 2 Könige die hinteren Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und das Zwölfprophetenbuch (Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja, Maleachi) Josua, Richter, Rut, 1 und 2 Samuel, 1 und 2 Könige, 1 und 2 Chronik, Esra, Nehemia, Tobit, Judit, Ester, Zusätze­ zu Ester, 1 und 2 Makkabäer [bzw. 3./4. Makk; 3 Esra] Lehrbücher und Psalmen Hiob, Psalmen, [Oden], Sprüche, Prediger, Hoheslied, Weisheit, Jesus Sirach, [Psalmen Salomos]
Ketuvim/Schriften Psalmen, Hiob, Sprüche, Rut, Hoheslied, Prediger, Klagelieder, Ester, Daniel, Esra, Nehemia, 1 und 2 Chronik Die Bücher der Prophetie Jesaja, Jeremia, Baruch, Klagelieder, Epistula Jeremiae, ­Ezechiel, Daniel, Zusätze zu Daniel und das Zwölfprophetenbuch (Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ­Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja, Maleachi)

Da die Inhalte der Schriften der Hebräischen Bibel (mitsamt den Apokryphen, Pseudepigraphen und den frühjüdischen Auslegungstraditionen) die »Sprach- und Erfahrungsbasis« für die neutestamentlichen Autoren im weitesten Sinne darstellen und diese seit der Alten Kirche integraler Bestandteil des christlichen Kanons sind, erschließt sich nur vor diesem Hintergrund das Wesen und das Spezifikum neutestamentlicher Rede von Gott und von Jesus Christus als dem Messias Israels. Das Christentum liest das Alte Testament vom Christusereignis her und kann vor diesem Hintergrund auch eine Sachkritik und Relativierung der Rede der Hebräischen Bibel durchführen. Allerdings würde dieser Ansatz allein zu einer unsachgemäßen Verengung einer Biblischen Theologie führen. Weiterführend ist hier vielmehr die Einsicht in die Komplementarität von Altem und Neuem Testament, enthält das Alte Testament bzw. die Hebräische Bibel doch zahlreiche Theologumena, die in der neutestamentlichen Überlieferung nicht weiter entfaltet werden – nicht, weil sie nicht bedeutsam wären, sondern weil sie eben bereits in der Tradition vorliegen. Insbesondere die Rede von dem einen Gott, der universal in der himmlischen Welt verortet wird, oder Aussagen zur Schöpfung und Ethik bilden einen unverzichtbaren Bestandteil des christlichen Glaubens, der bereits in der alttestamentlichen Überlieferung dargelegt wird.66 Mit Hinweis auf ältere Forschungsliteratur beschreibt Manfred Oeming diesen Aspekt mit folgenden Worten:

Das Christusereignis ist das allgenugsame, umfassende Heilsereignis, nicht das Neue Testament. Dieses ist im Hinblick auf manche Themen geradezu auf Ergänzung durch das Alte Testament angewiesen und auch angelegt. Es setzt das Alte Testament – in kritischer Auswahl freilich! – als gültig voraus. Es impliziert von sich aus seine Ergänzung durch die Schrift. Die Zahl und Bedeutung der Themen, die im Neuen Testament nicht weiter entfaltet, sondern allein vom Alten Testament her bekannt und verbindlich vorausgesetzt sind, sollte man nicht unterschätzen. ... [Es] sei hier nur folgendes genannt: der Monotheismus, der Schöpfungsglaube, die persönliche Gottesvorstellung, die Gebetssprache, die Welt- und Lebensbejahung, die Freude an der Natur, die Freude des Mannes an der Frau, die Freude der Frau am Mann, die Freude beider an ihren Kindern, Freude am guten Essen und Trinken. Aber auch tiefe Skepsis und verzweifelte Anklage Gottes sind allein im Alten Testament breit ausformulierte legitime Formen des Redens von Gott.

Als ein Buch somit, das selbst mit seinen manchmal derben und anstößigen, irdisch – allzu irdischen Vorstellungen immer wieder zu neuem Nachdenken über das Christliche anregt und nötigt, als ein Buch, das durch sein anschauliches, bildreiches und lebendiges Reden vor Gott, von Gott und zu Gott immer wieder zum Weitersagen auch des Christlichen nötigt und befähigt, als ein Buch, das über das Neue Testament hinaus fundamentale Aspekte des Menschseins, der Welt und Gottes expliziert, als ein solches Buch ist das Alte Testament unverzichtbarer Bestandteil des christlichen Kanons.67

Schrift, Schriftauslegung, Glaubensanschauungen bzw. die religiöse Praxis werden im Judentum und in den verschiedenen christlichen Traditionen aber ganz unterschiedlich gewichtet. Dies zeigt sich darin, dass nach jüdischem Verständnis die mündliche Tora eine größere Bedeutung als die schriftliche Tora hat und z. T. sogar im Gegensatz zu dieser stehen kann, wohingegen für die christliche Tradition – insbesondere den Protestantismus – die Schrift Priorität hat. Die jüdische Tradition betont zudem das religiöse Handeln in der Form der Halakha, so dass man auch von einem Gegensatz von »Orthodoxie« und »Orthopraxie« gesprochen hat.68

2. Historische Perspektiven: Schriftwerdung als Reflex religionsgeschichtlicher Dynamiken

Die einzelnen Schriften des Alten Testaments sind in einem langen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten entstanden. Dabei setzte sich immer mehr der autoritative Anspruch einzelner Überlieferungen durch, der schließlich zu der kanonischen Gestalt der Hebräischen Bibel führte, wie sie heute vorliegt.69 Mit einem Abschluss dieses Prozesses ist wohl am Ende des 1. Jh.s v. Chr. zu rechnen, eine definitive Bestätigung erfolgt dann nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. und dem Beginn der rabbinischen Zeit.70 Für die noch vor-kanonische Sammlung der autoritativen Schriften im antiken Judentum der hellenistischen Zeit sind, wie Klaus Koch in seinem richtungsweisenden Aufsatz »Der doppelte Ausgang des Alten Testamentes in Judentum und Christentum« aus dem Jahre 199171 herausgearbeitet hat, »zwei gegenläufige Tendenzen« erkennbar. Die Analyse der einschlägigen Texte zeigt nämlich, dass sich sowohl im Pentateuch als auch in der Geschichtsschreibung und im prophetischen Schrifttum eine »anwachsende gesetzesbetonende Tendenz«72 findet. Daneben existiert aber auch noch »unverkennbar ein anderer Faden […], [der] das Dasein dämonischer Mächte und die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen [betont;] er rechnet mit einer gnadenhaften Neuschöpfung als göttlicher »Vorleistung« und endet bisweilen in universalistischen Aussagen.«73 Auf erste Ansätze einer prophetischen Eschatologie entstehen so ab dem 3. Jh. v. Chr. Apokalypsen, die »nicht nur den Untergang jeder menschlichen Herrschaft auf Erden, sondern eine nachfolgende neue Schöpfung, einen verwandelten Himmel und eine verwandelte Erde, wo Gerechtigkeit herrscht, [künden]. Zugleich tritt zunehmend eine Erlösungsbedürftigkeit des Menschen heraus, die eine durchgreifende göttliche Entsühnung nötig macht, wie es dann in Jes 53 und Dan 9,24 anklingt, und eine überirdische Mittlergestalt notwendig erscheinen läßt.«74 Bezeichnenderweise spielt in den Texten dieser Sammlung, die erst in der hellenistischen Zeit entstanden sind, das Gesetz Gottes eine eher marginale Rolle.

Das synagogale Judentum, das nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. zu einer Neustrukturierung seines religiösen Symbolsystems gefordert war, gründet sein Selbstverständnis auf die Überlieferungen der Hebräischen Bibel. Sie sind der Gründungsmythos des Volkes, in dem es von seinen Wurzeln bei den Vätern und Müttern erzählt und die Anfänge der göttlichen Tora mit Mose verbindet. Durch die wöchentliche Lesung der Tora in der Synagoge in Verbindung mit der sog. »Haftara« aus den Propheten sind diese Texte nicht nur Gegenstand der Studierstuben und der Auslegung der Gelehrten, die ihren Niederschlag in Mischna, Talmud und Midraschim sowie der Targumliteratur finden, sondern haben auch einen öffentlichen »Sitz im Leben« in den Gemeinden vor Ort. Zudem bildet die Überlieferung der Hebräischen Bibel auch die Grundlage für die Glaubenspraxis, wie sie die rabbinische Bewegung als Lebensideal formulierte. Die 613 Gebote und Verbote der Hebräischen Bibel stehen am Anfang jenes komplexen halakhischen Geflechts, das mit den Bestimmungen aus der Mischna und deren talmudischen Auslegungen Zentrum jüdischer Toraobservanz über die Jahrhunderte hin werden sollte. Traditionelle Bezeichnungen der Hebräischen Bibel sind »Miqra« (wörtl.: Lesung)«75, »Tanakh« (als Abkürzung aus » Tora« [Weisung], »Nevi’im« [Propheten], und »Ketuvim« [Schriften])76 oder »qitve qodesch« [Heilige Schriften].77

Während die jüdische Tradition in jenen breiten Strom der Überlieferung, der ganz generell unter dem Stichwort der »mündlichen Tora« zusammengefasst wird, mündet, entwickelt sich die christliche Traditionsbildung hin zum Neuen Testament bzw. zur Literatur der Alten Kirche. Aber auch für diese Entwicklungslinie ist der Ursprung im antiken Judentum anzusetzen: Parallel zu dem Prozess der Sammlung autoritativer Schriften in hellenistischer Zeit bzw. noch bevor oder während die jüngsten Texte der späteren Hebräischen Bibel überhaupt erst entstehen, werden die Texte des Pentateuch, die bereits seit längerer Zeit autoritativen Status haben, in Alexandria, der Metropole hellenistischer Kultur, ins Griechische übersetzt. Die bedeutendste Quelle für diesen Prozess bildet der sog. Aristeasbrief, der zwischen 127 und 118 v. Chr. verfasst wurde. Hier wird erzählt, dass zur Zeit des Königs Ptolemäus II. Philadelphos (285–247 v. Chr.) 72 Weise, die aus Jerusalem nach Alexandria entsandt worden waren, die Tora auf der Alexandria vorgelagerten Insel Pharos in Stille und Abgeschiedenheit übersetzt haben. Anlass war die Empfehlung des Bibliothekars Demetrius von Phaleron, das jüdische Gesetz in die berühmte Bibliothek in Alexandria aufzunehmen. Die Übersetzer arbeiteten 72 Tage, wobei sie sich auch gegenseitig austauschten. Nach dem Abschluss des Werkes versammelte Demetrios die Gemeinde und verlas die Übersetzung. Priester, die Ältesten der Übersetzer, die Bürgerschaft und die Vorsteher der Gemeinde betonten die hohe Qualität der Übersetzung (»schön, fromm und genau«) und legten fest, dass der Text so unverändert beibehalten werden müsse. Alle stimmten dem zu; wer dennoch etwas an der Übersetzung ändern wolle, werde verflucht sein (308–311).

Wenn dieser Bericht auch nicht als historisch gilt, so sind ihm doch Hinweise auf die Entstehung der griechischen Übersetzung des Pentateuch bzw. auch der anderen Bücher der späteren Sammlung der Hebräischen Bibel zu entnehmen. Da im ägyptischen Alexandria eine große jüdische Diaspora existierte, ist diese Stadt als Ursprungsort einer griechischen Übersetzung des Pentateuch sehr wahrscheinlich, und es kann als Beginn dieser Übersetzungstätigkeit, die wohl mit der Übertragung des Pentateuch einsetzte, die erste Hälfte des 3. Jh.s v. Chr. angenommen werden. Dies bildete dann wohl den Auftakt zur Übersetzung weiterer autoritativer Schriften. Der Übersetzung der Septuaginta kam sicherlich in liturgischer Hinsicht eine bedeutende Rolle zu. Da viele Übersetzungen aber auch die hellenistische Kultur und hellenistisches Denken widerspiegeln, spielte sie auch eine wichtige Rolle für die Identitätskonstruktion der jüdischen Gemeinde in der alexandrinischen Diaspora in der Spannung von Abgrenzung und Öffnung gegenüber der griechischen Kultur.

Unabhängig von der Frage, ob am Anfang mehrere Übersetzungen standen, die vereinheitlicht wurden, oder ob es eine Ur-Septuaginta gab, die durch Abschriften diversifiziert wurde78 – die griechische Übersetzung der hebräischen Schriften der (späteren) Hebräischen Bibel gewann zunehmend an Autorität und galt als inspirierter Text. Darauf deutet die Überlieferung von der Entstehung der LXX bei dem jüdischen Religionsphilosophen Philo hin, die als eine Art »Relecture« der Geschichte aus dem Aristeasbrief verstanden werden kann. Nach Philo (ca. 20 v. Chr. – 50 n. Chr.) übersetzte jeder der 72 Männer für sich allein das gesamte Gesetz; dabei benutzte ein jeder »unter göttlicher Eingebung« die gleichen Ausdrücke, als ob dies von »einem unsichtbaren Lehrer« diktiert würde (VitMos II, 37). Entscheidend für die generelle Bedeutung dieser griechischen Übersetzung wurde dann die Tatsache, dass die Septuaginta für das sich in die hellenistische Welt ausbreitende frühe Christentum die maßgebliche Version für das Verständnis der Traditionen der Hebräischen Bibel darstellte. Die »alttestamentlichen« Zitate im Neuen Testament entsprechen im Wesentlichen der Version der Septuaginta. Diese bildet dann nach dem Zeugnis der ältesten handschriftlichen Überlieferung im Codex Vaticanus (B), Codex Sinaiticus (S) (beide 4. Jh.) und dem Codex Alexandrinus (A) (5. Jh.),79 den ersten Teil des zweiteiligen christlichen Kanons, bestehend aus dem Alten und dem Neuen Testament. Der Begriff »Altes Testament« zur Bezeichnung dieser Schriftensammlung ist in Anknüpfung an 2Kor 3,14 bei Clemens von Alexandrien und Origenes fest verankert und in der Mitte des 4. Jh.s im 59. Canon des Konzils von Laodicea als formale Bezeichnung festgehalten.

Die alttestamentliche Schriftensammlung ist in der christlichen Überlieferung umfangreicher als die des hebräischen Kanons, denn sie enthält noch weitere Bücher, die sog. Apokryphen (s. o).80 Sie alle sind in einem jüdischen Milieu entstanden; ob es aber einen eigenen alexandrinischen Kanon gegeben hat oder ob diese Bücher erst in einem christlichen Kontext der griechischen Bibel zugewachsen sind, bleibt ein Rätsel.81

Auch die älteste lateinische Übersetzung, die Vetus Latina, basiert auf der Septuaginta. Es dauerte Jahrhunderte, bis sich die Vulgata, die Übersetzung des Hieronymus (ca. 340–419/20), die in den Jahren 390 und 405 im Gefolge eines Auftrags des Papstes Damasus I. (366–384) entstanden ist und die direkt auf den hebräischen Text zurückgeht, in der westlichen Welt den Status einer verbindlichen lateinischen Bibelübersetzung erhalten sollte. Ein entscheidender Schritt im Hinblick auf den Umfang des christlichen Kanons ist dann im Zeitalter der Reformation zu verzeichnen. Vordenker dieses Prozesses war der Reformator Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt (1486–1541). Für ihn war der jüdische Kanon das entscheidende Kriterium dafür, ob ein Buch als kanonisch oder nicht-kanonisch zu betrachten ist. Alles andere, so die kirchliche Praxis oder die Bekanntheit des Verfassers, sei dagegen als sekundär zu erachten. Da aber auch die Apokryphen wertvolle Wahrheiten enthielten, dürfe man diese nicht verachten. Aber die Autorität dieser Wahrheiten sei nicht in den Apokryphen selbst begründet, sondern vielmehr darin, dass diese Wahrheiten auch in einer der kanonischen Schriften zu finden seien.82 Was Karlstadt theoretisch darlegte,83 wurde dann von dem Drucker Johannes Knobloch in Straßburg in die Tat umgesetzt. Am 21. November 1522 brachte er eine Vulgata des Alten Testaments in insgesamt sechs Bänden heraus, wobei er nun – im Gegensatz zu älteren Ausgaben – die im hebräischen Kanon nicht vorkommenden Bücher getrennt in dem letzten Band zusammenfasste. Dieser trug den Titel: »Bücher, die von den Juden nicht als kanonisch angenommen sind«.84 Diese Tendenz, sich auf einen engeren Kanon zu beschränken, wurde durch das Erscheinen von hebräischen Bibeldrucken, die in dieser Zeit aus Italien kamen,85 verstärkt. Dem schloss sich auch Luther in seiner Bibelübersetzung an, wenn er diese Schriften als »Apocrypha«, »so nicht der heiligen Schrift gleich aber gut und nützlich zu lesen« in seiner Bibelausgabe von 1534 zwischen die alttestamentlichen und neutestamentlichen Schriften stellt. Als Gegenreaktion zu den Ereignissen der Reformation wiederum erklärt die katholische Kirche dann beim Konzil von Trient im Jahre 1546 die »Vulgata« (d. h. die »allgemein verbreitete« Übersetzung) zu ihrem offiziellen Bibeltext. So haben heute die protestantischen Kirchen einen anderen Kanon als die katholische Kirche; die umfangreichere Kanonform findet sich auch in der Ostkirche.

Diese groben Entwicklungslinien belegen, warum Klaus Koch programmatisch vom »doppelten Ausgang des Alten Testamentes« sprechen kann. Da die Rede vom »Alten Testament« in diesem Kontext nicht sachgemäß ist, insofern dies ja eine dezidierte christliche Bezeichnung darstellt, plädiert Walter Groß dafür, vom »doppelten Ausgang der Bibel Israels«86 zu sprechen. Sowohl Judentum als auch Christentum sind »strukturell nachbiblische Religionen«, die beide »ihr Selbstverständnis auf die Bibel gründen«.87 Walter Groß fasst diesen Abschnitt mit folgenden prägnanten Worten zusammen:

So ergibt sich ein Dreiecksverhältnis, ohne dass dieses Dreieck gleichschenklig sein müsste: Die Bibel Israels hat einen jüdischen Ausgang in den Tenak, seinerseits im Verbund mit Mischna und Talmud, und einen christlichen Ausgang in das Alte Testament, seinerseits verbunden mit dem Neuen Testament.88

Weitere Elemente der Asymmetrie des jüdischen bzw. des christlichen Ausgangs sind hier anzufügen: Trotz des Hiatus, der für die jüdische Religionsgeschichte durch die Zerstörung des Jerusalemer Tempels gegeben war, sieht sich das rabbinische Judentum im Hinblick auf seine Traditionen doch in einer Linie mit dem Judentum aus der Zeit vor der Tempelzerstörung. Die Wertschätzung der Tora mit ihren kognitiven und ethischen Dimensionen, wie sie das charakteristische Merkmal des rabbinischen Judentums darstellt, kann als eine Weiterführung von Wertsetzungen und Idealen aus der Zeit des Zweiten Tempels verstanden werden. Außerdem hat das rabbinische Judentum an keiner Stelle den Tempel oder den Kult als solche abgelehnt; für eine Hochschätzung dieser Elemente spricht vielmehr die Tatsache, dass bestimmte Kultuselemente metaphorisiert, Kulttraditionen literarisch fixiert und in die Liturgie integriert bzw. zum integralen Bestandteil eschatologischer Zukunftshoffnung werden.89

Das sich vom Judentum ablösende Christentum behauptet dagegen die Differenz zum Judentum viel deutlicher; es verstand sich als das neue, das wahre Israel. In literarischer Hinsicht ist zudem darauf hinzuweisen, dass das Neue Testament und die jüdische Traditionsliteratur in Talmud und Midrasch strukturell starke Unterschiede aufweisen. Während zumindest die Midraschliteratur als narrative Auslegung der Hebräischen Bibel verstanden werden kann, blickt das Neue Testament vom Christusereignis hin auf die Bibel Israels und rekurriert auf diese, um das Neue, Umstürzende im Lichte der Tradition zu formulieren. Was für die Midraschliteratur gilt, muss freilich nicht auch für andere Bereiche der jüdischen Traditionsliteratur angenommen werden. So zeigt bereits ein Blick in die Mischna, dass es sich hier nicht um Auslegungsliteratur im eigentlichen Sinne handelt. Die Talmudim wiederum greifen zwar in argumentativer Hinsicht häufig auf die Schrift zurück, sind aber rein formal als Auslegung der Mischna und eben nur sekundär als Auslegungen der »Bibel Israels« zu bezeichnen.90 Eine Visualisierung der Metapher vom »doppelten Ausgang« in der Form eines »Y« wird der Komplexität dieser literarischen Prozesse jedenfalls nicht gerecht.91

3. Hermeneutische Perspektiven: Die doppelte kanonische Kontextualisierung der Schriften der Hebräischen Bibel und der jüdisch-christliche Dialog

Bereits Klaus Koch hat in seinem Beitrag zum doppelten Ausgang des Alten Testaments auf die hermeneutische Relevanz seiner literarischen und religionsgeschichtlichen Bestandsaufnahme für eine Biblische Theologie hingewiesen. Der »doppelte Ausgang« und die Geschichte des Alten Bundes ist nicht »Ergebnis menschlichen Fehlverhaltens«, sondern ist als ein »Werk Gottes« zu verstehen. So kann er seinen Beitrag mit den Worten schließen:

Auf jeden Fall scheint es mir an der Zeit, daß wir es heute so begreifen und den Willen des Grundes aller Geschichte zu respektieren beginnen. Das heißt nicht weniger, sondern mehr historisches Bewußtsein zu entwickeln, als es bisher der Bibelwissenschaft zuhanden ist. Nur unter dieser Voraussetzung läßt sich eine gesamtbiblische Theologie überzeugend aufbauen. Um es mit Rolf Rendtorff zu sagen: Es ist der »einzig angemessene Weg ..., das Selbstverständnis des Alten Testaments in seiner kanonischen Form ganz ernst zu nehmen und zugleich die historische Tatsache, daß es eine doppelte Wirkungsgeschichte hat, eine jüdische und eine christliche, auch theologisch anzuerkennen«.92

Klaus Kochs Aufsatz hatte und hat eine große Ausstrahlungskraft und wurde in der Forschung breit aufgenommen. So formulierte Bernd Janowski im Jahre 1998 im Anschluss daran, »daß das Judentum mit Mischna und Talmud eine Form der Rezeption biblischer Überlieferungen ausgebildet hat, die ebenso eigenständig ist wie die christliche, die aber andere Wahrheitsmomente enthält als die christliche«.93 Walter Groß führt diesen Gedanken weiter, indem er zeigt, dass diese divergierenden Wahrheitsmomente nicht einfach zu addieren oder miteinander zu kombinieren sind, da sie sich in gewisser Art und Weise geradezu widersprechen. »Die These des doppelten Ausgangs der Bibel Israels« stellt somit »keine Lösung« dar, mit Hilfe derer die Differenzen zwischen Judentum und Christentum ausgeglichen werden könnten; sie bildet aber ein »Modell bzw. einen Rahmen, innerhalb derer nach Lösungen gesucht werden kann – und zwar in einem christlich-jüdischen Dialog«.94 Dementsprechend kann er formulieren:

Vom christlichen Bibeltheologen ist gefordert, die Perspektivität seiner christlichen Wahrnehmung der biblischen Rede von Gott und der daraus resultierenden christlichen Lehrsätze anzuerkennen. Einerseits ist er an diese Perspektive gebunden, macht sie seine Identität als Christ aus, andererseits gehört es zu seiner eigenen verpflichtenden Perspektive, auch die Existenz und Bedeutsamkeit der jüdischen Perspektive (post Christum) als theologisch, nicht nur historisch relevantes Datum anzuerkennen.95

Allerdings kommt dem Christentum hier eine andere Rolle zu als dem Judentum. Christoph Dohmen, der bereits im Jahre 1996 auf der Basis der Ausführungen Klaus Kochs das »Konzept einer doppelten Hermeneutik« ausgearbeitet hat, wies darauf hin, dass sich die jüdische und die christliche Tradition zunächst im Hinblick auf die Adressaten, an welche die Auslegung der Bibel Israels gerichtet ist, unterscheiden. Die Diskontinuität der Übernahme der Bibel Israels als Altes Testament betrifft »die Adressatenfrage der Bibel Israels. Der Rezeptionscharakter der Bibel Israels als Altes Testament hält fest, dass das Christentum sich als Zweitadressat (Hervorhebung i. O.) versteht, als partizipierend zum Israel dieser Bibel gehört«.96 Aus diesem Faktum folgert Christoph Dohmen:

Daraus ergibt sich schließlich, daß der Grundgedanke vom doppelten Ausgang der Bibel Israels in Judentum und Christentum hermeneutisch nicht zu einer symmetrischen Struktur führt. Einerseits haben sich natürlich aus der Bibel Israels zwei unterschiedliche Verstehensweisen entwickelt, für die die Begriffe Jüdische Bibel und Altes Testament als Stichwort stehen können. Andererseits besteht auf der einen Linie eine Kontinuität durch den Adressaten Israel, zu dem die andere Linie sich nur in Beziehung setzt, an dem sie Anteil gewinnt, nicht zuletzt durch Jesus, der zu Israel gehört, und den sie als Messias/Christus verkündet.97

So impliziert letztlich die Tatsache, dass das christliche Alte Testament auch die Bibel Israels ist, einen »Verweischarakter auf das Judentum, der das Christentum in seinem Wesen bestimmt«. Christen können im ersten Teil ihrer Heiligen Schrift ihren Israel-Ursprung erkennen, und eine solche »Israelerinnerung« steht somit im Zentrum der Hermeneutik des Alten Testaments.98 Aus dem historischen Faktum des doppelten Ausgangs ergibt sich in systematischer Hinsicht die Verpflichtung christlicher Exegese, bei aller Differenz sensibel für antijüdische und »israel-vergessene« Interpretationen des Alten Testaments zu sein, um so dem Vorwurf einer antijüdischen »Okkupation« der Heiligen Schrift des Judentums bereits im Vorfeld begegnen zu können. Eine christliche Theologie, welche die beiden Testamente verbindet, muss dafür sorgen, dass keine antisemitische oder antijüdische Theologie eingeschleust wird.99

Die doppelte kanonische Kontextualisierung enthält darüber hinaus aber auch ein dialogisches Moment. Wer sich den Schriften der Hebräischen Bibel zuwendet, wendet sich dem basalen Glaubensdokument des Judentums zu. Jeder Leser und jede Leserin wird durch eine Lektüre der Hebräischen Bibel – zumindest implizit – in die Auslegungs- und Glaubensgeschichte des Judentums hineingenommen. Dies beginnt damit, dass sich von der Hebräischen Bibel die Welt jüdischer Traditionsliteratur erschließt, wobei den Midraschim und den Targumen, die ja als Auslegungsliteratur im engeren Sinne gelten, ganz besonderes Gewicht zukommt. Peter von der Osten-Sacken bezieht sich auf denselben Sachverhalt, wenn er von der zweifachen »Nachgeschichte« des Textes spricht.100 Er stellt seine Ausführungen dabei dezidiert in den Kontext des jüdisch-christlichen Gesprächs, wenn er betont, dass Israel als »Zeuge eigener Wahrheitsgewißheit« zu gelten hat. Eine Biblische Theologie, die der gegenwärtigen Existenz des jüdischen Volks gerecht werden möchte, kann nicht »allein Platz für die Rezeption des Alten Testaments im Neuen« haben, sondern muss die »lebendige Traditions- und Lebensgeschichte der Bibel im Jüdischen Volk« mithören und mitbedenken.101

Da die Tora nach dem jüdischen Traditionsverständnis unendlich viele Auslegungsfacetten enthält und ihre Interpretation eigentlich niemals zum Abschluss kommt,102 sind neben den antiken jüdischen Auslegungen der Bibel Israels auch die Stimmen späterer jüdischer Exegeten und Exegetinnen – vom Mittelalter bis in die Gegenwart – mitzuhören. Dieser Gedanke berührt die Frage nach einer jüdischen Biblischen Theologie. Im Gegenzug zu der vielzitierten provokativen Behauptung Jon D. Levensons, wonach sich Juden aus guten Gründen nicht für Biblische Theologie zu interessieren bräuchten, betont Isaak Kalimi, dass dies zwar für eine christliche Biblische Theologie gelten mag, eine jüdische (Hervorhebung B. E.) Biblische Theologie jedoch hält er für wünschenswert und auch notwendig. Seiner Meinung nach ist es eine der wichtigsten Aufgaben der Exegese, »die Bibel darauf zu lesen, was sie an religiösen Botschaften und zur Förderung der Humanität zu sagen hat«, um so »den Wert der Schriften für unsere Generation herauszufinden, hat doch jede Generation ihre eigenen, spezifischen Werte, Auslegungen und Theologien.«103 Für Kalimi liegt die Betonung somit auf dem Begriff der »Theologie«, den er im Sinne einer Bibelauslegung versteht, die existentielle Orientierungen und Glaubensinhalte vermittelt. Vor diesem Hintergrund weist Kalimi darauf hin, dass es bereits seit vielen Jahrhunderten Werke gibt, die – auch wenn der Terminus als solcher nicht explizit genannt wird – als Vertreter einer jüdischen Biblischen Theologie gelten könnten, so z. B. die jüdischen Kommentare, die opera magna der jüdischen Literatur – wie z. B. das »Buch der Glaubensansichten und Meinungen« des Rab Saadja Gaon (882–942) oder »Der Führer der Verwirrten« des Rambam (1135–1204) oder auch neuere Arbeiten wie Abraham Heschels »Propheten« (1936) oder Martin Bubers »Königtum Gottes« (1932).104 Neben Isaak Kalimi hat sich auch Marvin Sweeney explizit mit dem Diktum Levensons auseinandergesetzt und in einem Aufsatz, der im Jahre 2000 in der Theologischen Literaturzeitung erschienen ist,105 auf zahlreiche neuere Arbeiten jüdischer Exegeten und Exegetinnen verwiesen, die das jüdische Interesse an dieser Thematik zeigen. Ein wesentlicher Impuls waren dabei die existentiellen Fragen, vor die das jüdische Volk durch die Schoah gestellt wurde.106 In diesem Zusammenhang nennt Marvin Sweeney jüdische Denker wie Ignaz Maybaum, Richard Rubenstein, Eliezer Berkowits und Emil Fackenheim, die alle versucht haben, den Holocaust theologisch zu verarbeiten. Diese Diskussionen hatten wiederum einen Einfluss auf jüdische Bibelwissenschaftler, die nun nach der theologischen Vorstellungswelt des Tanakh in einem breiteren Horizont fragten.107

So wird insgesamt deutlich: Die synchrone doppelte kanonische Kontextualisierung der Schriften der Hebräischen Bibel, die ihrerseits in diachroner Hinsicht aus komplexen religions- und literaturhistorischen Prozessen resultiert, führt zu einer christlichen Hermeneutik des Alten Testaments, die sich einem sensiblen jüdisch-christlichen Dialog in der Spannung von Identität und Differenz verpflichtet weiß. Sie ist von der Bereitschaft getragen, die jüdischen Stimmen der Auslegung mitzuhören und mit ihnen in einen Dialog zu treten, der sich einer geschwisterlichen Verbundenheit und Dankbarkeit verpflichtet weiß.

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§ 5 Bibel, Sprache, Schrift

Martin Rösel, Rostock

Die Texte der Bibel sind den meisten Leserinnen und Lesern in der Regel nur durch Übersetzungen zugänglich. Das war schon in der Antike so, denn das Christentum entstand in einem Umfeld, in dem das Hebräische als gehobene Sprache der Synagoge und des Tempels, das Aramäische als Umgangssprache, das Griechische als internationale Gelehrtensprache und das Lateinische als Verwaltungssprache der Römer verwendet wurden. Die heiligen Schriften Israels waren im 1. Jh. n. Chr. auf Hebräisch, Griechisch und zumindest teilweise auf Aramäisch zugänglich, was an verschiedenen Stellen im Neuen Testament erkennbar ist: So findet sich in 1Kor 16,22 der alte aramäische Gebetsruf Maranatha, der mit »Unser Herr komme!« zu übersetzen ist. Auch Jesu Worte am Kreuz, »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« aus Ps 22, werden auf Aramäisch als Eli, Eli, lema sabachtani (Mt 27,46) wiedergegeben (in der Lutherbibel allerdings in der hebräischsprachigen Version lama asabtani, weil Luther ad fontes, zum hebräischen Original, zurückgehen wollte). Im Johannesevangelium werden verschiedene Ortsnamen ausdrücklich als hebräisch gekennzeichnet, so Betesda in Joh 5,2 oder Golgata in 19,17, und auch im Alten Testament werden gelegentlich Sprachwechsel markiert: Die Verteidiger Jerusalems wollen in den Verhandlungen mit dem assyrischen Rabschake auf Aramäisch mit ihm sprechen, damit das Volk, das nur Judäisch kann, nichts versteht (2Kön 18,26–28); Josef redet mit seinen Brüdern durch einen Dolmetscher (Gen 42,23), und ein Brief der Judäer an den persischen König Artaxerxes wird der Erzählung nach nicht nur in aramäischer Schrift verfasst, sondern auch ins aramäische Idiom übersetzt (Esr 4,7). Interessanterweise wechselt dann auch der folgende Text vom Hebräischen ins Aramäische.

Schon dieser erste Überblick macht deutlich, dass das Phänomen der Fremd- und Vielsprachigkeit den biblischen Autoren nicht nur bekannt war, sondern auch als Mittel der literarischen Darstellung genutzt werden konnte. Hinzu kommt die allgemeine Einsicht, dass keine Übersetzung die Aussage oder Wirkung des Ausgangstextes unverändert übertragen kann. In vielen Fällen ist sogar damit zu rechnen, dass Textaussagen im Zuge der Übersetzung bewusst aktualisiert wurden – etwa zur Anpassung an ein verändertes politisches oder kulturelles Umfeld. Wenn moderne Leserinnen und Leser also nur durch Übersetzungen Zugang zu den biblischen Stoffen haben, hat das Wissen um die Ausgangssprache und ihre sprachlichen Möglichkeiten auch Bedeutung für das theologische Verständnis der Bibel.

1. Sprachen und Schriften der Bibel
a) Hebräisch

Die allermeisten Texte des Alten Testaments sind in hebräischer Sprache verfasst worden. In der Forschung wird diese Sprachstufe als »Biblisches Hebräisch« bezeichnet. Damit wird sie von späteren Entwicklungen des Hebräischen unterschieden, die beispielsweise im Buch Jesus Sirach, den Texten aus Qumran oder in der rabbinischen Literatur begegnen. Zusammenfassend werden diese späteren Sprachstufen auch »Mittelhebräisch« genannt; die rabbinischen Texte werden gelegentlich auch als »Neuhebräisch« eingestuft. Das heute v. a. in Israel gesprochene Ivrit wird im Unterschied dazu als »Modernhebräisch« bezeichnet.

Das Biblische Hebräisch beruht auf der Amtssprache Judas mit seiner Hauptstadt Jerusalem. In dem eingangs schon genannten Text 2Kön 18,26–28 (vgl. auch Neh 13,24) wird es daher als »Judäisch« bezeichnet, seine Benennung als »Hebräisch« begegnet erst im griechischsprachigen Prolog des Buches Jesus Sirach. Innerhalb der Sprachfamilie der kanaanäischen Sprachen teilte das Biblisch-Hebräische einige sprachliche Besonderheiten mit geographisch benachbarten Sprachen wie dem Moabitischen und Edomitischen, etwa das Relativpronomen oder die Akkusativpartikel, auch eine charakteristische Art der Tempusbildung beim Verb. Verwandtschaft besteht auch zum Phönizischen, Ammonitischen und Israelischen, der Sprache des Nordreichs Israel. Davon haben allerdings nur wenige sprachliche Zeugnisse überlebt, vor allem die Ostraka aus Samaria (s. u.) und – was in der Forschung strittig ist – alte Bestandteile des aus dem Nordreich stammenden Hoseabuches und das Debora-Lied in Ri 5. Im Richterbuch wird die Erinnerung an dialektale Unterschiede zwischen den Regionen in der bekannten Schibbolet-Episode in Ri 12 bewahrt; wer das Wort Schibbolæt – »Ähre« als Sibbolæt aussprach, wurde von den ostjordanischen Gileaditern als Ephraimit erkannt (Ephraim war eines der Kerngebiete des Nordreichs Israel).

Die genannten kanaanäischen Sprachen weisen verschiedene Gemeinsamkeiten auf, vor allem die »kanaanäische Lautverschiebung« von a zu o, die etwa an dem bekannten Wort schalôm – »Friede, Heil« zu erkennen ist, das andernorts schelam ausgesprochen wurde, vgl. das modernarabische salam. Zusammen mit dem Aramäischen (s. u.) und nordkanaanäischen Sprachen wie dem Ugaritischen oder Eblaitischen bilden diese Sprachen das Nordwestsemitische, das wiederum charakteristische Unterschiede zu anderen semitischen Sprachen, vor allem dem Arabischen (zentralsemitisch) und Akkadischen (ostsemitisch) hat. Die Besonderheiten des Kanaanäischen sind von ca. 1500 v. Chr. an belegt, u. a. in den Tontafeln aus dem Archiv im ägyptischen Amarna, der Residenz des Pharaos Echnaton. Hier sind auch Briefe aus dem damals noch nicht israelitischen Jerusalem erhalten; sie belegen, dass es dort der akkadischen Keilschrift mächtige Schreiber gab, durch die der König an der internationalen Korrespondenz teilnehmen konnte.

Ein gemeinsames Kennzeichen der semitischen Sprachen ist, dass die Grundbedeutung der Worte von der aus meist drei Konsonanten bestehenden Wortwurzel abhängig ist. Konkrete Formen entstehen entweder durch festgelegte Vokalfolgen oder durch Zufügung von Prä- oder Afformativen. Dabei bleibt der etymologische Zusammenhang mit der Grundbedeutung der Wortwurzel fast immer erkennbar: So bedeutet das Verbum šmr in der Grundbedeutung »wachen/bewachen«108, mit der Vokalisation šāmar – »er hat bewacht«, als šomer – »Wächter«, als šemurāh – »Augenlid« (das das Auge bewacht), als mišmärät – »Wache, Gefängnis«.

Ein Charakteristikum des Biblisch-Hebräischen ist das Tempussystem des Verbs, das nach wie vor nicht sicher zu erklären ist. Neben den Grundformen einer Afformativ-Konjugation, bei der der Wortstamm durch am Ende angefügte Elemente modifiziert wird (mālaḵ-tî – »ich bin König geworden«), und einer Präformativ-Konjugation mit Bildeelementen vor dem Wortstamm (ji-mloḵ – »er wird König werden«), gibt es zusätzlich sogenannte Konsekutivtempora. Bei ihnen wird durch Voranstellung der Copula »und« Tempus und Aspekt der Ausgangskonjugation verändert. So bedeutet we-mālaḵ-tî dann »und ich will/werde König sein«, und waj-ji-mloḵ ist mit »und er wurde König« zu übersetzen. Besonders in poetischen Texten scheint dieses System aber nicht konsequent durchgeführt worden zu sein, auch ist nicht immer sicher zu erkennen, ob die vorangestellte Copula wirklich diesen Sinn hat oder nur als verbindendes Element zu sehen ist. Daher bleiben an verschiedenen Stellen Unsicherheiten bei der Übersetzung der Texte.

In späteren Texten tritt das genannte Phänomen seltener auf, auch werden nun Partizipien verstärkt verwendet, um eine gleichzeitige und andauernde Handlung auszudrücken. Dies ist eines der typischen Kennzeichen des »Late Biblical Hebrew«, einer Sprachform, die vor allem in deutlich nachexilischen Schriften zu finden ist, etwa den Büchern Daniel, Esra und Nehemia oder Jona. Damit ist schon innerbiblisch deutlich, dass es – sicher unter dem Einfluss des Aramäischen – einen Sprachwandel gegeben hat. Allerdings ist es nur in wenigen Fällen möglich, aufgrund der verwendeten Sprachstufe die Texte sicher zu datieren, da das Judäische/Biblisch Hebräische seit dem 8. Jh. bis in die nachexilische Zeit durchgängig als Literatursprache gebraucht wurde. Hinzu kommt, dass die Schreiber ältere Sprachstufen bewusst nachahmen konnten, um den Texten einen archaischen Anschein zu geben. Daher kann das schon genannte Deboralied in Ri 5 auch als spät entstandener Text eingeschätzt werden, der an ältere Lieder erinnern soll.

Als weiteres Problemfeld ist die Schrift zu nennen, in der das Hebräische aufgeschrieben wurde. Es handelt sich um eine alphabetische Konsonantenschrift. Sie ist zum einen von der viel schwieriger zu erlernenden und praktizierenden Keilschrift zu unterscheiden, zum anderen von Schriftsystemen, die auf der Wiedergabe von stilisierten Bildern (z. B. die Hieroglyphenschrift) oder Zeichen für ganze Worte oder Silben basieren. Das konsonantische Alphabet war im nordsyrischen Ugarit schon im 2. Jt. in Gebrauch, zunächst allerdings noch als Keilschrift ausgeführt. Im phönizischen Bereich entwickelten sich dann Schriftzeichen, die auch für das Beschreiben von Papyrus tauglich waren. Ihre Grundformen wurden schnell standardisiert und verbreiteten sich – mit regionalen Differenzen – im ganzen Gebiet der Levante. Diese – oft als »althebräisch« bezeichnete – Form des Alphabets wurde bis in die nachexilische Zeit hinein verwendet, in Ausnahmefällen auch als archaische Schreibweise sogar noch in Qumran. Auch die Samaritaner verwenden eine Schriftform, die sich aus diesen ursprünglich phönizischen Zeichen entwickelt hat. Im judäisch-biblischen Bereich setzte sich jedoch ab der Perserzeit die sogenannte Quadratschrift durch, die aus dem aramäischen Sprachraum stammt. Bei ihr werden die Buchstabenformen in ein gedachtes Quadrat eingepasst, daher der Name. Im oben angesprochenen Text Esr 4,7 war diese Schriftform als »aramäisch« bezeichnet worden. Die Quadratschrift wird bis heute für hebräische Texte aller Art verwendet, daneben gibt es eine schneller schreibbare Kursive.

Das hebräische Alphabet hat 22 Konsonanten, von denen einige auch als Zeichen für Vokale dienen können. So steht ein jod sowohl für den Konsonanten j als auch für die Vokale i, e oder ä; ein waw kann als Konsonant w oder vokalisch als o oder u gelesen werden. Daraus resultieren an verschiedenen Stellen Unsicherheiten über Bedeutung und Aussprache des betreffenden Wortes, zumal die Setzung von Vokalbuchstaben nicht einheitlich praktiziert wurde. So lässt sich die Zeichenfolge dwd sowohl als dod »Liebling« als auch als Eigenname dawid lesen. Als Folge dessen finden sich in den Texten von Qumran wie in späteren Bibelhandschriften unterschiedliche Schreibweisen eines Wortes.

Nachdem das Hebräische wohl von der hellenistischen Zeit an immer seltener im Alltag verwendet wurde, gerieten auch Details der Aussprache in Vergessenheit. Da die biblischen Texte aber weiterhin in liturgischen und religiösen Zusammenhängen verlesen wurden, entstanden seit dem frühen Mittelalter verschiedene Systeme der Vokalisation. Bei ihnen wurde der Konsonantentext der Bibel ergänzt durch Zeichen, die die harte oder weiche Aussprache von Konsonanten, die Silbenstruktur und die Länge und Qualität der Vokale mitteilten. Von ihnen hat sich ein in Tiberias entwickeltes System durchgesetzt; diese tiberische Punktation ist bis heute der Standard der Vokalisation, auch z. B. in modernhebräischen Zeitungen. Andere Systeme sind z. B. in Handschriften aus dem Jemen oder östlichen Synagogen belegt.

Das Problem dieser nachträglichen Vokalisation der Texte besteht darin, dass sie einen sehr späten Aussprachestandard festschreibt, der sicher nicht für alle Texte der hebräischen Bibel angemessen ist. Das lässt sich leicht an Transkriptionen hebräischer Worte in alten Übersetzungen erkennen: Die Namen der Städte »Sodom« und »Gomorra« sind in dieser Form aus der griechischen Übersetzung in unseren Sprachgebrauch gekommen, nach der tiberischen Punktation sind sie als Sedom und ‘Amora109 zu lesen. Hinzu kommt, dass die Vokalisationsregeln künstlich vereinheitlicht wurden. Der biblische Text ist also ein Mischtext aus altem Konsonantenbestand und jüngerer Vokalisation. Daher gibt es eine ganze Reihe von Fällen, in denen man in der Forschung auf der Grundlage der älteren Konsonanten zu anderen Lesarten kommt, als sie die spätere Vokalisation voraussetzt.

b) Aramäisch

Einige kurze Textpassagen der Hebräischen Bibel sind auf Aramäisch geschrieben worden. Auch das Aramäische gehört zur nordwest-semitischen Sprachfamilie; es hat sich in Syrien entwickelt und wurde in der neuassyrischen und neubabylonischen Administration als Verwaltungssprache verwendet. Einige Besonderheiten des Aramäischen sind auch in Übersetzungen erkennbar, so etwa die Vokabel bar für »Sohn«110; das Hebräische hat ben111. Aus dem eigentlichen Stammgebiet Syrien und Nordmesopotamien sind eine Reihe altaramäischer Inschriften erhalten, denen wichtige historische und religiöse Hintergrundinformationen über die lokalen Verhältnisse in der frühen Eisenzeit zu entnehmen sind. Die eingangs wiedergegebene Szene mit dem Rabschake vor Jerusalem (2Kön 18) belegt, dass das Aramäische auch in der südlichen Levante als internationale Verständigungssprache bekannt war. In der persischen Zeit wurde es dann zur Lingua Franca des Perserreichs von Ägypten bis weit in den Osten ins heutige Afghanistan und Pakistan hinein. Der Sprachstand dieser Epoche wird in der Regel als »Reichsaramäisch« bezeichnet. Gut erhalten sind z. B. aus dem 5. Jh. die aramäischen Papyri einer jüdischen Siedlung auf der Nilinsel Elephantine an der Südgrenze Ägyptens. Erhalten ist sogar eine aramäische Version von Psalm 20, die in ägyptisch-demotischer Schrift geschrieben wurde und wohl aus dem 4. Jh. stammt.

Vor diesem Hintergrund ist überraschend, dass nur geringe Teile des AT auf Aramäisch geschrieben wurden; das Faktum belegt die große Bedeutung des Biblisch-Hebräischen als Überlieferungsträger und wohl auch Identitätsmarker. An zwei Stellen wird das Aramäische als literarisches Mittel eingesetzt: in Gen 31,47 benennen Jakob und Laban einen Steinhaufen je in ihrer Sprache als gal’ed (Hebräisch) oder jegar-śāhadûtā’ (Aramäisch); beides bedeutet etwa »Stele des Zeugnisses«. In Jer 10,11 steht im hebräischsprachigen Kontext ein einzelner Vers auf Aramäisch, hier werden die fremden Nationen in ihrer eigenen Sprache angesprochen: »Die Götter, die weder den Himmel noch die Erde gemacht haben, werden verschwinden von der Erde und unter diesem Himmel«. Die Distanz zwischen eigener und fremder Gottesvorstellung wird durch den Einsatz der fremden Sprache gesteigert.

Umfangreichere Textabschnitte in Aramäisch finden sich in den Büchern Esra und Daniel. Ihr Sprachstand wird als Biblisch-Aramäisch bezeichnet, weil erneut der ursprüngliche Konsonantenbestand mit der späteren masoretischen Vokalisation verbunden wurde, woraus sich einige Unstimmigkeiten ergeben. In Esr 4,8–6,18 wird die aramäische Sprache verwendet, um Dokumente wie einen Brief an Artaxerxes oder das berühmte Edikt des Kyros (Esr 6,3) einzuführen; das Gleiche gilt für Esras Beauftragung durch den Perserkönig in 7,12–26. So soll die Authentizität dieser Dokumente unterstrichen werden, wobei in der Forschung allerdings strittig ist, ob diese Texte tatsächlich auf originale Dokumente zurückgehen. In Esr 4–6 wird zusätzlich der ganze Erzählverlauf in Aramäisch gestaltet, in 6,19 wird ohne sprachliches Signal ins Hebräische zurückgewechselt.

Die aramäischen Abschnitte des Danielbuchs gelten allgemein als die ältesten Elemente dieser Schrift. Der Sprachwechsel geschieht in Dan 2,4b, als die Sterndeuter den König Nebukadnezzar auf Aramäisch nach seinem Traum fragen. Von da an wird durchgängig bis an das Ende von Kapitel 7 Aramäisch verwendet. Es gibt Hinweise darauf, dass auch Dan 1,1–2,4a ursprünglich in Aramäisch verfasst war, dann aber ins Hebräische übersetzt wurde, als die hebräischen Kapitel 8–12 dem Grundbestand zuwuchsen. Das Aramäische des Danielbuchs ist eine deutlich spätere Sprachstufe als das des Esrabuchs.

Neben der in den biblischen Kanon aufgenommenen Literatur gab es im damaligen Judentum noch eine Fülle weiterer aramäischer Texte, die nun zumindest fragmentarisch durch die Funde in der judäischen Wüste zugänglich sind. Erwähnenswert ist besonders das Buch Tobit, dessen griechische Übersetzung zu den Apokryphen des AT gehört. Von ihm sind sowohl hebräische als auch aramäische Texte gefunden worden, so dass nicht sicher zu entscheiden ist, welche Version die originale Sprache und welches die Übersetzung war. Doch zusammen mit der griechischen Version belegt dies eindrucksvoll die Vielsprachigkeit des Judentums in der hellenistischen Zeit.

2. Das Schreibmaterial

Die biblischen Texte sind im Verlauf ihrer Überlieferung wieder und wieder abgeschrieben worden, bis zu jenen Handschriften, auf denen unsere heutigen Textausgaben basieren. Die Anfänge dieser Textproduktion liegen im Dunkeln, so dass man nur vermuten kann, welches der in der Antike zur Verfügung stehenden Schreibmaterialien damals verwendet wurde. Beginnt man mit den in der Bibel selbst genannten Materialien, so ist zunächst an die Schriftrolle zu denken. Eine solche wird etwa dem Propheten Ezechiel gereicht, der sie dann sogar aufessen muss (Ez 2,9–3,2). Breit wird in Jeremia 36 erzählt, dass der Prophet seine Weissagungen auf eine Schriftrolle schreibt, aus der dann sein Schreiber Baruch dem König alles vorliest. Dieser jedoch schneidet die vorgelesenen Spalten ab und verbrennt sie. Es ist anzunehmen, dass eine solche Rolle aus Papyrus angefertigt war, der seit dem 3. Jt. in Ägypten als Schreibmaterial verwendet wurde. Da die Papyrusstängel mehrere Meter lang werden können, eigneten sich solche Schriftrollen auch für längere Texte. Haupthandelsplatz für Papyrus war in der Antike die Stadt Byblos in Phönizien. Von ihrem Namen leitet sich das griechische Nomen biblion als Bezeichnung für eine Papyrus-Rolle ab; der Plural biblia bezeichnet dann später im Christentum die Sammlung der biblischen Bücher. Auch Leder konnte zur Produktion von Schriftrollen verwendet werden; belegt ist es im 5. Jh. in der bereits genannten jüdischen Siedlung auf Elephantine. Lederrollen sind in der Herstellung deutlich teurer, allerdings können sie durch Aneinandernähen von Stücken länger werden, und sie sind dauerhafter. In Palästina haben sie sich erst spät durchgesetzt; in Qumran sind Papyrusrollen weit in der Überzahl.

Die Verwendung von solchen Rollen hatte Konsequenzen für die Überlieferung der auf sie geschriebenen Texte: Zum einen war das Material bei Feuchtigkeit empfindlich und wenig dauerhaft, daher sind antike Papyrus- oder Lederrollen nur aus sehr trockenen Gebieten wie Ägypten oder der judäischen Wüste erhalten. Zum anderen war die Textmenge beschränkt, die auf eine solche Rolle geschrieben werden konnte. Die längsten in Qumran gefundenen Rollen (Tempelrolle und Jesaja) sind etwa 8 Meter lang, sie konnten also maximal ein (langes) biblisches Buch aufnehmen. Das bedeutet, dass größere Schriftkompositionen in der Antike auf mehrere Rollen verteilt werden mussten – daher der Name »Pentateuch« für das Gefüge der fünf Rollen, die die Tora bilden. Zu bedenken ist außerdem, dass es vor der Erfindung des Codex (um die Zeitenwende) physisch keine »Bibel« gegeben haben kann, in der alle Schriften vereint waren.

Neben den Schriftrollen werden im AT auch Tafeln als Schreibmaterial genannt, am prominentesten sind die »Tafeln des Zeugnisses«, die Gott Mose auf dem Sinai gibt (Ex 31,18). Solche Steintafeln bzw. beschriftete Steine oder behauene Stelen in verschiedenen Größen wurden mit Meißeln oder Griffeln beschrieben. Antike Beispiele wurden mehrfach in Israel und seiner Umwelt gefunden. Erwähnenswert sind etwa die Inschrift auf der Stele des Königs Mescha aus Moab (um 840 v. Chr.) oder die auf dem Tel Dan gefundene aramäische Inschrift (9./8. Jh.) mit der ersten außerbiblischen Erwähnung der Davidsdynastie; beide Monumentalinschriften sind für die Rekonstruktion der Geschichte Israels von höchster Bedeutung. In Dtn 27,2 wird als weitere Methode der Beschriftung von Steinen genannt, dass sie mit Kalk übertüncht werden. Auf diese Weise konnten die Steine mit Pinsel und Farbe beschriftet werden. Die in Jes 30,8 oder Hab 2,2 genannten Tafeln können mit Wachs bestrichene Holztafeln gewesen sein, die man für schnelle Notizen nutzen und danach wiederverwenden konnte.

Ebenfalls für kurze Nachrichten, Briefe, Schreibübungen oder Notizen aller Art verwendet wurden sogenannte Ostraka. Das sind Scherben gebrannter und dann außer Gebrauch gekommener Krüge etc., die man mit Pinseln oder Griffeln beschriftet hat. Sie sind in großer Zahl erhalten, u. a. aus Samaria, der letzten Hauptstadt des Nordreichs Israel (8. Jh.), aber auch aus Lachisch im Südreich (6. Jh.). Aus Lachisch ist beispielsweise ein Brief erhalten (Ostrakon Nr. 3) in dem in Zeile 20f. ein Prophetenwort »Sei vorsichtig!« erwähnt wurde.112 Es ist denkbar, dass einzelne Aussprüche biblischer Propheten auf diese Weise in Israel zirkulierten. Die Ostraka gewähren vielfältige Einblicke in das tägliche Leben im damaligen Israel, daher sind sie für die Sozialgeschichtsschreibung von Bedeutung.

Schließlich sind Wandinschriften zu nennen, auch wenn sie in der Bibel nur mit der berühmten Menetekel-Inschrift im Palast des Belsazzar Erwähnung finden (Dan 5). So ist in dem Tunnel, den König Hiskija 701 v. Chr. zur Sicherung der Wasserversorgung Jerusalems anlegen ließ (2Chr 32,30), die sog. Siloah-Inschrift angebracht worden, die von den Arbeiten der Mineure berichtet. Noch bemerkenswerter ist die auf eine verputzte Wand geschriebene Bileam-Inschrift, die im jordanischen Deir Alla gefunden wurde und schon aus dem 9. oder 8. Jh. stammt. Sie berichtet von den Visionen eines Sehers namens Balaam, der offenkundig mit dem biblischen Bileam (Num 22–24) zu identifizieren ist. Bei dem Text handelt es sich um eine kunstvolle literarische Komposition, die belegt, dass bereits zu dieser Zeit Aussprüche von prophetischen Gestalten gesammelt, redigiert und einer lesekundigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Man kann überlegen, ob nicht in der Bibel erwähnte Schriften wie etwa das »Buch des Aufrechten« (Jos 10,13) oder das »Buch der Chronik der Könige Israels« (1Kön 14,19) ebenfalls – zumindest in Auszügen – als Wandinschrift sichtbar waren. Andere wichtige Wandinschriften wurden in Kuntillet Adjrud im Süden Israels gefunden (9. Jh.), auch in einem Grab in Chirbet el Qom bei Hebron (8. Jh.). Sie geben Einblicke in die religiöse Vielfalt der mittleren Königszeit in Israel, etwa durch die Erwähnung von »Jhwh und seiner Aschera« in Chirbet el Qom, die auch auf einem Krug aus Kuntillet Adjrud belegt ist.

Auf ein ganz besonderes Material geschrieben war der einzige auch aus der Bibel bekannte Text, den man bisher bei Ausgrabungen gefunden hat: Der aaronitische Segen aus Num 6,24–26 war in kleine Silberstreifen eingeritzt und wohl im 6. Jh. einem Verstorbenen in sein Grab in Jerusalem mitgegeben worden.

3. Textproduktion

Wer waren die Schreiber der biblischen Texte? Auch wenn einige Namen überliefert sind – etwa der des Schreibers des Propheten Jeremia: Baruch, Sohn des Nerija (Jer 36,4) – kommt man über Vermutungen kaum hinaus. Auch über Anlass und Bedingung der Produktion von biblischen Texten und deren Vorstufen ist man auf Annahmen und Analogieschlüsse angewiesen. Oben war bereits davon die Rede, dass es schon im 14. Jh. im vorisraelitischen Jerusalem einen der Keilschrift mächtigen Schreiber am Königshof gegeben hat. Damit werden auch Grundkenntnisse der mythischen Überlieferungen der damaligen Zeit vorhanden gewesen sein. Schreiber waren an einem Königshof zudem für Verwaltungsaufgaben, das Zusammenstellen von Annalen und nicht zuletzt die Ausbildung von Prinzen und Beamten zuständig.

Auch nach der Eroberung Jerusalems wird es dort weiterhin einen Fundus an religiösen und historischen Überlieferungen gegeben haben, nun mit judäisch-israelitischer Perspektive. Diese wurden nach und nach verschriftet und bildeten einen Grundstock der späteren biblischen Texte. Solche Überlieferungen können z. B. Gründungslegenden von Heiligtümern, Erinnerungen an Kriegszüge und Kämpfe und Sagen über die Richter und Könige gewesen sein. Neben Verwaltungstexten und diplomatischer Korrespondenz gehören zu den ersten Schriften auch die Annalen der Könige – vgl. die bereits genannte »Chronik der Könige Israels« (1Kön 14,19) – Rechtstexte und Lieder oder Rituale, die im Kultus verwendet wurden. Daraus haben sich dann umfangreichere Erzählkreise und Sammlungen von Psalmen und Gesetzen entwickelt, die gepflegt und erweitert wurden. Wahrscheinlich wurden diese Schriften im Umkreis des Tempels und des Königshofes tradiert; hinzu kamen Sammlungen von weisheitlichen Lebensregeln, die für die Erziehung benötigt wurden; der Grundbestand des Buchs der Sprüche kann hier eingeordnet werden.

Eine Besonderheit Israels war dann ab dem 8. Jh. auch die Zusammenstellung prophetischer Aussprüche unter dem Namen eines konkreten Propheten. Offenbar wollten seine Anhänger die prophetische Botschaft bewahren – so ist Jes 8,16 wohl zu verstehen. Da diese Texte meist herrschafts- und kultkritisch waren, ist von nun an mit oppositionellen Tradentenkreisen schriftlicher Überlieferungen neben Palast und Tempel zu rechnen. An den prophetischen Schriften ist zu erkennen, wie man sich das weitere Wachstum der Literatur vorzustellen hat: So weissagte Hosea ursprünglich nur gegen das Nordreich. Nach dessen Eroberung kamen seine Sprüche in den Süden nach Jerusalem. Dort wurden sie zum einen in andere Überlieferungen aufgenommen, z. B. in die des Propheten Jeremia (vgl. Hos 4,12f. mit Jer 2,20). Zum andern wurden die Hosea-Texte selbst erweitert und aktualisiert, damit man sie nun auch auf Juda beziehen konnte, vgl. etwa Hos 5,5, wo der Text »mit ihnen strauchelt auch Juda« deutlich nachklappt. Zudem stellte man Hosea- und Amosbuch zusammen und überlieferte sie nun gemeinsam; die Überlieferungen sind also nach und nach gewachsen, immer in Abhängigkeit von und als Reaktion auf bestimmte historische oder religiöse Entwicklungen, etwa den Untergang des Nordreichs und die Zerstörung des Tempels in Jerusalem.

Erkennbar ist, dass die Autoren und Redaktoren einen hohen Bildungsstand hatten, oft werden sie im Umkreis von Königtum und Tempel ausgebildet und beschäftigt worden sein, so etwa die Propheten Ezechiel, Haggai und Sacharja. Hinzu kommt, dass es damals noch keinen Buchmarkt gab; das Schreiben war also keine produktive Tätigkeit im engeren Sinne, sondern kostete im Gegenteil Ressourcen wie Zeit und Schreibmaterial. Damit ist deutlich, dass die biblischen Texte im Wesentlichen eine Oberschichtperspektive bieten, auch wenn einige als gelehrte Opposition Partei für Arme ergreifen. Die wohl oft mündlich erfolgte Überlieferung weniger gebildeter Schichten ist uns meist nicht mehr zugänglich, sieht man von den oben genannten, kurzen Alltagstexten wie den Ostraka ab. Auch Abbildungen, z. B. auf Stempelsiegeln, die man zum Bestätigen von Käufen brauchte, können neben den biblischen Texten partielle Einblicke in damalige Vorstellungswelten geben.

In der alttestamentlichen Forschung ist höchst umstritten, wie die genannten Wachstumsprozesse im Einzelnen zeitlich einzuordnen sind. Ein gewisser Konsens besteht darin, dass die heutige Textgestalt der biblischen Bücher im Wesentlichen in persischer oder gar hellenistischer Zeit entstanden ist, aber erneut ist der Umfang später redaktioneller Elemente strittig. Auch in diesen Epochen ist zudem nicht klar, wie die Trägerkreise soziologisch zuzuordnen sind. Immerhin gibt es durch die Existenz der griechischen Übersetzungen und die Funde von Qumran klarere Perspektiven, wann bestimmte Textformen eindeutig vorhanden gewesen sind.

4. Die Septuaginta

Das hellenistische Judentum hat die Übersetzung der Bibel ins Griechische für so bedeutsam gehalten, dass eine eigene Tradition über deren Anfänge ausgeprägt wurde: In erster Linie ist hier der pseudepigraphe Brief des Aristeas an Philokrates zu nennen.113

In der Forschung geht man zwar davon aus, dass der Anlass zur Übersetzung, entgegen der Darstellung im Aristeasbrief, nicht von außen kam, sondern dass innere Bedürfnisse der alexandrinischen Gemeinde für den Beginn des größten und wohl wichtigsten Übersetzungswerkes der Antike verantwortlich waren. Doch die Datierung des Aristeasbriefes, wonach die Tora im 3. Jh. v. Chr. übersetzt wurde, wird allgemein akzeptiert. Kurz danach wurden nach und nach die anderen Bücher der Schrift übersetzt, die Mehrzahl wohl im zweiten Jahrhundert, andere noch später. Das Werk wird nicht allein in Alexandria angefertigt worden sein, auch Leontopolis oder Antiochia sind mögliche Orte. Allein daher ist einsichtig, dass die LXX keine einheitliche Übersetzung ist, tatsächlich haben die einzelnen Schriften sehr unterschiedliche Übersetzungscharakteristika. Wie oben kurz dargestellt, wurden auch Bücher übersetzt, die später nicht in den Kanon der Hebräischen Bibel aufgenommen wurden, z. B. das Buch Tobit oder Jesus Sirach. Parallel dazu wurden andere Schriften direkt auf Griechisch verfasst, z. B. das Buch Judit oder die Weisheit Salomos. Das ist der Grund dafür, dass in heutigen Septuaginta-Ausgaben, die auf christliche Kanonslisten zurückgehen, Bücher enthalten sind, die kein Pendant in der Hebräischen Bibel haben. Diese zusätzlichen Schriften heißen im evangelischen Bereich »Apokryphen« und sind nicht in allen Bibelausgaben enthalten, im katholischen Bereich sind sie als »deuterokanonische« Schriften Teil der Bibel.

Die Bedeutung der LXX für die Bibelwissenschaft ist kaum zu überschätzen. Zum einen ist sie eine Zeugin für den Status des jeweiligen biblischen Textes zur Zeit seiner Übersetzung. Daher ist es an vielen Stellen möglich, über die LXX ältere Textformen zu rekonstruieren, als sie die erhaltenen hebräischen Handschriften bieten. Das betrifft einzelne Verse, wie etwa in Dtn 32,8, wo der hebräische Text über Gott sagt: »Er bestimmte die Gebiete der Völker nach der Zahl der Israeliten.« Der sicher ältere Text der LXX hat »nach der Zahl der Kinder Gottes«, was an eine Völkerengel-Vorstellung anspielt, die auch im biblischen Danielbuch (Dan 10) erhalten ist. Inzwischen beweist auch ein in Qumran gefundenes hebräisches Fragment das hohe Alter der griechischen Lesart.

In anderen Fällen belegt die LXX sogar die Existenz anderer Versionen einzelner Bücher. So ist die griechische Version des Buches Jeremia gegenüber der hebräischen deutlich kürzer und zudem anders aufgebaut, was wohl als die ursprünglichere Edition anzusehen ist. Im Buch Daniel ist das Gegenteil der Fall: Die LXX hat eine deutlich umfangreichere Version und zeigt damit, dass der Prozess des Textwachstums dieser Schrift angedauert hat. Hier kommt als Besonderheit noch dazu, dass schon in vorchristlicher Zeit eine zweite Übersetzung des Danielbuchs angefertigt wurde, die sog. Theodotion-Version, die sich deutlich enger an den hebräisch-aramäischen Ausgangstext hält.

Das methodische Grundproblem im Umgang mit der LXX ist, dass nicht immer eindeutig ist, ob eine von ihr bezeugte Abweichung tatsächlich auf eine ältere Version des hebräischen Textes verweist oder ob nicht der Übersetzer frei übersetzt hat, um die Aussage seinem Verständnis des Textes oder bestimmten Erfordernissen der Umwelt anzupassen. So wird etwa in Lev 11,17 der Ibis, das Tier des ägyptischen Weisheitsgottes Thot, in die Liste der unreinen Tiere aufgenommen; der hebräische Text hat dagegen den Uhu. In Jes 7,9 wird aus dem berühmten »Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht« in der LXX »wenn ihr nicht glaubt, so versteht ihr nicht«, was gut in die philosophischen Diskussionen im damaligen Bildungszentrum Alexandria passt. Wenige Verse später, in Jes 7,14, wird dann die Geburt des Immanuel nicht von einer »jungen Frau«, so der hebräische Text, sondern von einer parthenos, einer »Jungfrau« angesagt. Das ist keine Fehlübersetzung, wie oft zu lesen ist, sondern ein bewusst gesetzter theologischer Akzent, der verdeutlichen soll, dass der Messias von übernatürlicher Herkunft ist.

Auf die LXX gehen zudem verschiedene Standard-Übersetzungen zurück, die zwar den gleichen Text wie die hebräische Bibel bezeugen, dennoch den Sinn anders akzentuieren. So ist statt vom »Bund« – berît nun von der »Verfügung« – diatheke (lat. testamentum) Gottes die Rede, statt der »Weisung« – tôra steht nun das »Gesetz« – nomos, und statt des Gottesnamens Jhwh das Appellativum »Herr« – kyrios. So ist einsichtig, dass es eine beträchtliche theologische Bedeutung hat, dass im NT in der Regel die griechische Bibel und ihre Vorstellungswelt zitiert wird, nicht die hebräische; bei der Aufnahme von Jes 7,14 als Weissagung auf die Jungfrauengeburt Jesu (Mt 1,23) ist dieser Zusammenhang offensichtlich. Die Bibel der ersten Christen und der alten Kirche war griechisch, nicht hebräisch.

Wie bereits am Beispiel des Danielbuchs gezeigt, wurden schon in vorchristlicher Zeit Überarbeitungen oder Neuübersetzungen einzelner Bücher der LXX angefertigt. Das hängt damit zusammen, dass sich ab dem 2. Jh. eine standardisierte Fassung des hebräischen Textes herausbildete (s. u.), dem nun die griechische Übersetzung angepasst werden sollte. Hinzu kam ein allgemeiner Trend zu einer sehr wortgetreuen Übersetzungsweise, der ebenfalls zur Überarbeitung vorhandener Übersetzungen führte (sogenannte kai-ge-Rezension). Unter dem Einfluss der christlichen Verwendung der LXX gab es dann weitere Neuübersetzungen (z. B. Aquila) und Rezensionen (z. B. Lukian), so dass es in der Zeit der alten Kirche eine Vielzahl von Textgestalten der griechischen Bibel gab.

Wenigstens als Ausblick sei erwähnt, dass es bereits in vorchristlicher Zeit auch aramäische Übersetzungen der hebräischen Bibel gab; sie werden Targume genannt. So ist in Qumran ein Targum zum Buch Hiob erhalten; man kann auch davon ausgehen, dass Teile der Targume zu den Prophetenbüchern aus vorchristlicher Zeit stammen. Die Besonderheit dieser Übersetzung besteht darin, dass sie an vielen Stellen interpretierende Zusätze zum eigentlichen Bibeltext hinzufügen. Daher sind sie ein wichtiges Mittel, um die frühe jüdische Rezeptionsgeschichte der Bibel zu erhellen.

Als sich im 2. Jh. n. Chr. das Urchristentum zur Kirche formierte, kam langsam auch das Lateinische als gemeinsame Sprache der westlichen Christen in Gebrauch. Zunächst gab es jedoch keine Übersetzungen der Hebräischen Bibel, sondern die sog. Vetus Latina wurde als Tochterübersetzung der LXX angefertigt. Erst im 4. Jh. erarbeitete der Kirchenvater Hieronymus die Vulgata (= allgemeine Übersetzung), bei der er für den Bereich des Alten Testaments auf die hebräischen Texte als Vorlage zurückgriff, sich aber an den umfangreicheren Kanon der LXX hielt, so dass die Apokryphen Teil seiner Bibel wurden. Die Vulgata wurde zur Standardbibel der katholischen Kirche.

5. Qumran und die Vielfalt der hebräischen Textformen

Im vorigen Abschnitt war darauf hingewiesen worden, dass sich in der LXX einige Textformen erhalten haben, die älter als der heutige hebräische Bibeltext sind. Ein ähnliches Phänomen lässt sich auch beim sogenannten »Samaritanischen Pentateuch« feststellen, der in vielen Einzelheiten abweichenden Tora der Samaritaner. Es war also schon lange bekannt, dass es verschiedene Textformen gegeben haben muss und dass in vielen Fällen nicht sicher auszumachen ist, welches die älteste und ursprüngliche Version ist. Am bereits erwähnten Fall des Buches Jeremia lässt sich sogar erkennen, dass die anhaltende Textproduktion der Redaktoren des Buches parallel mit der Rezeption und Übersetzung einer vorläufigen Textform gehen konnte.

Dieses Bild der Frühzeit der biblischen Textüberlieferung wurde durch die Funde in Qumran und anderen Orten in der judäischen Wüste, die nach 1947 gemacht wurden, noch komplexer. Allein in den 11 Höhlen bei Qumran wurden Reste von etwa 200 Handschriften mit biblischen Texten gefunden. Die ältesten dieser Texte stammen aus dem Pentateuch und dem Samuelbuch, sie entstanden im 3. vorchristlichen Jahrhundert. Noch die jüngsten der dort gefundenen Bibeltexte, die im 1. Jh. n. Chr. geschrieben wurden, sind fast 1000 Jahre älter als die bisher bekannten hebräischen Handschriften. Mit der Ausnahme des Buches Ester sind alle biblischen Bücher belegt, dazu auch die Bücher Sirach, Baruch und Tobit und sogar griechische Septuaginta-Texte.

Das durch diese Handschriften gewonnene Bild ist überraschend: So fand man eine Rolle des Jesajabuches (1QJesb), die bis auf orthographische Details dem heutigen, sogenannten masoretischen Text (s. u.) entspricht. In der gleichen Höhle fand sich eine weitere Rolle desselben Prophetenbuchs, die eine Fülle von Differenzen zum Text der anderen Rolle aufweist (1QJesa), von denen einige einen ursprünglicheren Text belegen, andere eindeutig sekundär sind. In anderen Fällen, etwa bei Handschriften des Samuelbuchs, wird häufig die Textform der griechischen Übersetzung unterstützt, eine Ausgabe des Buches Numeri zeigt Charakteristika, die auch der samaritanische Text hat. Schließlich gibt es eine hohe Zahl von Handschriften, die sich keiner der drei großen Überlieferungslinien zuordnen lassen.

Diese Textfunde erlauben damit einen Einblick in eine Überlieferungsphase des biblischen Textes, in der es einerseits noch eine hohe Variabilität der Textformen gab; der genaue Textbestand war nicht bis ins Detail festgelegt und konnte daher noch verändert werden. Dazu passt, dass in der Qumran-Gruppe offenbar auch Schriften in autoritativem Ansehen waren, die später nicht in den Kanon aufgenommen wurden, etwa das Jubiläen- oder das Henochbuch. Andererseits zeigen sich aber deutliche Ansätze dazu, eine bestimmte Textform zu standardisieren. Da diese sich dann tatsächlich durchgesetzt hat und später zum masoretischen Standardtext wurde, nennt man sie die protomasoretische Textform. Interessanterweise lässt sich an den Handschriften in Qumran auch beobachten, dass sie offenkundig nach der Abschrift noch überprüft und korrigiert wurden; bei der genannten großen Jesaja-Rolle 1QJesa hat dies erkennbar ein anderer Schreiber durchgeführt. In Qumran sind demnach die ersten Ansätze zur überaus exakten Textüberlieferung zu beobachten, die für das spätere rabbinische Judentum charakteristisch ist. Doch es ist auch deutlich, dass die großen Bibelhandschriften, auf die heutige Textausgaben sich stützen, nur eine Version der Hebräischen Bibel darstellen, diejenige nämlich, die ab dem 1. Jh. standardisiert wurde und deren Trägergruppe die beiden jüdischen Aufstände gegen die Römer im 1. und 2. Jh. überlebt hat. Sie sind aber nicht notwendig die besten Textzeugen, und aufgrund der komplexen Überlieferungswege ist oft nicht einmal sicher zu bestimmen, welches die mutmaßlich älteste Version ist, die als Grundlage für Übersetzung und Auslegung der Bibel dienen soll.

6. Der Masoretische Text

Die heutigen Ausgaben der hebräischen Bibel basieren auf Texten, die aus dem Mittelalter stammen. Der älteste vollständige Bibelcodex ist eine in St. Petersburg aufbewahrte Handschrift aus dem Jahr 1008. Etwas ältere und z. T. noch sorgfältiger gearbeitete Handschriften wie der berühmte Aleppo-Codex sind leider unvollständig. Vergleicht man diese Texte etwa mit den Fragmenten der Rolle des Zwölfprophetenbuches aus dem Wadi Muraba‘at (1./2. Jh.), so stellt man fest, dass der Konsonantenbestand fast identisch ist; über ca. 1000 Jahre und viele Abschreibergenerationen hinweg wurde der Text minutiös bewahrt. Verantwortlich dafür ist ein Überlieferungssystem, das man »Masora« nennt, abgeleitet vom hebräischen Verbum masar – »weitergeben«. Die Träger dieser Tradition werden dementsprechend Masoreten genannt.

Die Arbeit ihrer Vorläufer setzte offenbar schon sehr früh ein, als die Rabbinen sich nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. darum bemühten, die Überlieferungen des Judentums zusammenzuhalten und den neuen Erfordernissen anzupassen. In dieser Zeit entstanden neben den Auslegungen der Schrift in der Mischna erste Sammlungen von Beobachtungen an Textphänomenen, um den Bestand des Bibeltextes zu sichern. So werden im Talmud an einzelnen Stellen die Zahl der Verse der biblischen Bücher mitgeteilt oder Hinweise zur Verwendung von Vokalbuchstaben gegeben. Wahrscheinlich ab dem 7. Jh. werden dann die Konsonantentexte mit Vokalzeichen versehen, um die Aussprache zu sichern (s. o.). Allerdings beschränkten sich die Masoreten nicht nur darauf, die Texte zu vokalisieren. Sie entwickelten auch Akzentsysteme, mit denen sowohl Betonungen als auch grammatikalisch-syntaktische Hinweise zum Verständnis des Textes gegeben wurden. Noch komplexer war ein Anmerkungsapparat, in dem alle irgendwie charakteristischen Textphänomene festgehalten wurden, von singulären Schreibweisen bis zu möglichen Schreibfehlern oder Korrekturvorschlägen. Auch wird am Ende jedes Buches die Zahl seiner Verse mitgeteilt; am Ende der Tora ist zu Dtn 34,12 vermerkt, dass es in der Tora 79.856 Wörter und 400.945 Konsonanten gibt. Solche Angaben dienten der Überprüfung und Korrektur der Handschriften.

Auf die Arbeit der Masoreten ist auch eine Fehllesung zurückzuführen, die bis heute für Irritationen sorgt: Da der Gottesname Jhwh nach der Zerstörung des Tempels nicht mehr ausgesprochen werden durfte, er aber im Bibeltext fast 7000mal zu lesen war, vokalisierten ihn die Masoreten mit den Vokalzeichen für Adonaj – »Herr«. Dabei entstand die Kombination Jehowah (mit Lautwechsel in der ersten Silbe von a zu e), von der jüdische Leser wussten, dass sie als Adonaj auszusprechen ist. Christliche Leser hielten dieses Wort aber fälschlich für den Gottesnamen. Viele moderne Bibelübersetzungen kennzeichnen dieses masoretische Phänomen dadurch, dass sie im Alten Testament »Herr« in Kapitälchen setzen (Herr) und so sichtbar machen, dass hier im hebräischen Text der Gottesname steht.

Im Mittelalter hat es verschiedene Schulen von Masoreten gegeben, sowohl in Babylon als auch in Palästina und dort besonders in Tiberias. Sie haben unterschiedliche Systeme der Vokalisation, Akzentuierung und der Anmerkungen entwickelt. Durchgesetzt hat sich schließlich die Tradition der Familie Ben Ascher aus Tiberias, aus deren Hand die besten Codices stammen, die im 10. und frühen 11. Jh. geschrieben wurden. Erst zu dieser Zeit war demnach die Hebräische Bibel, wie wir sie heute kennen, erstmals vollständig fertig.

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2. Kapitel: Literatur
§ 6 Biblische Literaturgeschichte

Konrad Schmid, Zürich

1. Die Literatur der Hebräischen Bibel in historischer und biblischer Sicht

Die Hebräische Bibel umfasst eine Bibliothek von Büchern aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. Ihre Bücher gehören unterschiedlichen Epochen an, dasselbe gilt von den Texten innerhalb dieser Bücher.1 Darüber hinaus ist in Betracht zu ziehen, dass ein gewisser Anteil der Hebräischen Bibel ursprünglich auf mündliche Überlieferungen zurückgeht. Die Hebräische Bibel – darin der altorientalischen Literatur grundsätzlich vergleichbar – ist »Traditionsliteratur«2: Sie besteht aus Texten und Schriften, deren Urheberschaft nicht auf eine bestimmte Autorgestalt in einer bestimmten Epoche zurückführbar ist. Die zentrale Figur hinter den Texten ist nicht der Autor, sondern der Tradent, der sich literarisch produktiv, aber zumeist anonym oder pseudonym in den Traditionsprozess einbringt. Ein individuelles »Ich« als autorielle Gestalt hinter einem Buch ist als Konzept erst bei Kohelet (um 200 v. Chr.) im Ansatz greifbar. Der erste namentlich bekannte Autor eines biblischen Buches ist Jesus Sirach, der um ca. 180 v. Chr. geschrieben hat und dessen Buch Bestandteil des weiteren Septuagintakanons ist.

Die Hebräische Bibel ist nicht nur in historischer Hinsicht, sondern auch gemäß ihrer biblischen Selbstpräsentation eine Bibliothek von Büchern aus unterschiedlichen Zeiten, deren Bestandteile mitunter sogar angeben, unterschiedlich alt zu sein. Die Umrisse der literaturgeschichtlichen Selbstpräsentation sind allerdings von Kanonteil zu Kanonteil und von Buch zu Buch unterschiedlich deutlich ausgeprägt. Die große Darstellung Gen – 2Kön, die die Geschichte von der Schöpfung der Welt bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier beschreibt, ist weitgehend anonym abgefasst. Auf der Ebene der nachmaligen Einzelbücher trägt allein das Dtn eine Art Überschrift (Dtn 1,1), die allerdings in narrativer Absicht Mose als den Sprecher des Nachfolgenden einführt und ihn nicht einfach als dessen Autor benennt. Aber in verschiedenen Partien der Hebräischen Bibel außerhalb des Pentateuchs kann die Tora insgesamt auf Mose zurückgeführt werden (vgl. den Sprachgebrauch »Tora des Mose« o. ä. in Jos 22,5; 1Kön 2,3; 2Kön 21,8; 23,25; 2Chr 23,18; 25,4; 33,8; Esr 3,2; 7,6; Neh 8,1.14; 10,30; Dan 9,11.13), die nach ihrem Selbstzeugnis allerdings nur einzelne Passagen als direkt durch Mose selbst niedergeschrieben ansieht (Ex 17,14; 24,4; 34,28; Num 33,2).

Die Prophetenbücher verfügen in der Regel – ähnlich wie das Dtn – über Überschriften, die den Inhalt des betreffenden Buches, nicht aber unbedingt seinen (ganzen) Text, mit einer bestimmten historischen Figur zwischen dem 8. und 6. Jahrhundert v. Chr. in Verbindung bringen. Namentlich bei Jesaja und Jeremia ist deutlich, dass die in der 3. Person gehaltenen, erzählenden Stücke über den jeweiligen Propheten (Jes 36–39; Jer 26–28; 36–44) nicht durch die Überschriften Jes 1,1 und Jer 1,1 gedeckt sind. Im Rahmen der Erzählung Jer 36, die von der Herstellung einer zweiten Rolle mit Worten von Jeremia berichtet, nachdem der König Jojakim eine erste Rolle verbrannt hatte, findet sich bemerkenswerterweise ein explizites Zeugnis dafür, dass sich das Jeremiabuch in biblischer Eigenperspektive als ein Resultat mehrstufiger Fortschreibungstätigkeit präsentiert.

Und Jeremia nahm eine andere Rolle und gab sie Baruch, dem Sohn des Nerija, dem Schreiber, und nach dem Diktat Jeremias schrieb dieser darauf alle Worte der Schrift, die Jojakim, der König von Juda, im Feuer verbrannt hatte, und viele ähnliche Worte wurden ihnen hinzugefügt. (Jer 36,32)

Die passivische Formulierung schließt zwar nicht aus, dass diese »ähnlichen Worte« von Jeremia stammen, öffnet aber doch deutlich den Horizont auch für die Möglichkeit nachjeremianischer Fortschreibungen. Im Jeremiabuch kann man also nachlesen, dass dieses nicht von Jeremia allein stammt, sondern später in beträchtlichem Ausmaß weiter fortgeschrieben worden ist.

Im Bereich der Schriften werden Spr, Koh und Hld auf Salomo zurückgeführt (Spr 1,1; Hld 1,1 und – wenn auch in verdeckter Weise – Koh 1,1), nicht für den Gesamtpsalter, aber für zahlreiche Einzelpsalmen wird davidische Autorschaft insinuiert (vgl. Ps 3,1 u. ä.). Die weiteren Bücher innerhalb der Ketubim sind wiederum anonym.

Nimmt man diese Befunde zusammen, so scheinen vor allem Propheten als namentlich genannte Autoren biblischer Texte und Bücher in Frage zu kommen. Das gilt zunächst für die Schriftpropheten und ihre Bücher, dann aber auch für die mitunter als Propheten gezeichneten Gestalten Mose sowie David und Salomo. Entsprechend wird dann Flavius Josephus die Hebräische Bibel auf prophetische Verfasser zurückführen (Contra Apionem I,8). Entscheidend ist aber, dass die Hebräische Bibel diesen »Propheten« unterschiedliche Wirkungsperioden zuweist und selbst ihre Schriften so als zeitgebunden ausweist. Gleichzeitig zeigt das Vorhandensein anonymer Bücher oder Passagen, dass die Tradenten der Hebräischen Bibel sich nicht zwangsläufig hinter prophetischen Gestalten der Gründerzeit verbergen müssen, sondern auch neutral in der Namenlosigkeit verbleiben können.

Wie in nahezu allen Bereichen der alttestamentlichen Wissenschaft sind historische und biblische Sicht auch im Blick auf die Literaturgeschichte nicht deckungsgleich. In historischer Sicht sind die biblischen Zuschreibungen sogleich zu relativieren. Im antiken Literaturbetrieb benennen sie in erster Linie die Autorität, unter der eine Überlieferung steht, und nicht den Autor, der sie geschrieben hat. Namentlich die »Mosaizität« von bestimmten Stücken der Hebräischen Bibel – der Dekalog konnte noch bis in die Mitte des 20. Jh.s auf Mose zurückgeführt werden – im Sinne moderner Autorschaft kann nur schon aufgrund allgemeiner kulturgeschichtlicher Überlegungen zum Literaturbetrieb des antiken Israel ausgeschlossen werden. Erst mit dem Erreichen eines bestimmten Grades von Staatlichkeit ist überhaupt damit zu rechnen, dass ausgedehntere Literaturwerke entstehen können – im Bereich von Juda und Israel ist das nicht vor dem 9. oder 8. Jh. v. Chr. der Fall. Erst von dieser Zeit an weist der inschriftliche Befund aus Israel und Juda überhaupt auf eine hinreichend entwickelte Schriftkultur hin. Entsprechend sind auch die »davidischen«, »salomonischen« oder »jesajanischen« Überlieferungen der Hebräischen Bibel zunächst Elemente der Welt der Erzähler und nicht der erzählten Welt. Ob man dann bestimmte Kerntexte etwa der Prophetenbücher den jeweils namengebenden Figuren zuweisen will, ist abhängig von den Grundannahmen, die man an die Entstehungsbedingungen der Literatur der Hebräischen Bibel heranträgt. Wie immer hier entschieden wird: Zu betonen bleibt in methodologischer Hinsicht, dass solche historische Zuweisungen aufgrund biblischer Selbstaussagen gegenüber deren Bestreitungen nicht a priori als »vorsichtiger« gelten können. Es handelt sich vielmehr um weitreichende Theorien, die ebenso begründungspflichtig sind wie diejenigen, die sich durch kritische Distanznahmen zum biblischen Zeugnis auszeichnen.

Die elementaren Rahmenbedingungen für eine Rekonstruktion der Literaturgeschichte der Hebräischen Bibel sind dabei klarer, als es die verzweigten Forschungsdiskussionen zunächst vermuten lassen. Erstens: Die biblische Literatur ist über einen längeren Zeitraum durch schriftgelehrte Arbeit an ihr entstanden. Der Umstand, dass die Texte der Bibel auf längere Fortschreibungsprozesse zurückgehen, wird von ihr bisweilen auch explizit thematisiert (vgl. Jer 36,32). Aus altorientalischen Überlieferungsbefunden (z. B. Gilgamesch)3 und solchen aus Qumran (z. B. Gemeinderegel)4, die unterschiedliche Entwicklungsphasen bestimmter Schriften empirisch bezeugen, sowie aus den Differenzen zwischen hebräischen und griechischen Fassungen mancher biblischer Bücher (besonders Samuel, Jeremia, Ezechiel), die ebenfalls in quasiempirischer Weise Textwachstum dokumentieren, ist erkennbar, dass dieser Modus der Literaturwerdung den damaligen Gepflogenheiten der Umwelt in wesentlichen Elementen entspricht.5 Zweitens: Entsprechend den kulturgeschichtlichen Wahrscheinlichkeiten hat man damit zu rechnen, dass verschiedene Partien der Hebräischen Bibel auf mündliche Vorstufen zurückgehen. Dieser Anteil ist geringer, als die klassische Forschung anzunehmen geneigt war (s. u.), aber größer, als einige neuere Beiträge suggerieren. Drittens: Die Schriftensammlung der Hebräischen Bibel ist im Wesentlichen ein Zeugnis des nachexilischen Judentums, das seine maßgeblichen Grundentscheidungen bezüglich Monotheismus, Bund und Gesetz gegenüber abweichenden älteren Traditionen privilegiert und diese so in die Heterodoxie entlassen hat. Entscheidende Formierungsphasen scheinen also in die persische und hellenistische Zeit zu gehören, was die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit früherer Texte nicht aus-, sondern einschließt. Viertens: Literaturgeschichte und Theologiegeschichte der Hebräischen Bibel überschneiden sich zwar teilweise, sind aber nicht deckungsgleich. Fünftens: Dasselbe gilt für das Verhältnis von Literaturgeschichte und Kanonsgeschichte. Auch sie berühren gemeinsame Felder, sind aber nicht identisch.

2. Die Schriftkultur im antiken Israel und Juda

Die Schriftkultur im antiken Israel und Juda ist Teil und Erbe des altorientalischen Schul- und Schreiberwesens.6 Die Schreiberausbildung in der antiken Welt war stark vom Studium der Klassiker geprägt und daraufhin ausgerichtet, dass deren Inhalte von den künftigen Angehörigen der Schreiberklasse memorisiert wurden. Die Textbeherrschung der Schreiber war also im Wesentlichen über deren Gedächtnis vermittelt. Zitate und Anspielungen konnten sie in der Regel aus ihrer Erinnerung abrufen. Für die historische Exegese der Hebräischen Bibel sind diese Überlegungen von erheblicher Bedeutung: Besonders in denjenigen Textbereichen, die durch Vorgänge innerbiblischer Schriftauslegung geprägt sind, wird man zurückhaltender als bisher sein müssen, wörtliche Berührungen zwischen verschiedenen Texten sogleich als »literarische Bezüge« einzustufen, die allein auf schriftlicher Ebene zu interpretieren sind. Selbstverständlich lassen sich solche Bezüge erkennen und natürlich sind sie von Belang für die Interpretation einer biblischen Schrift. Doch hat man sich ihre Entstehung wohl in einer Vielzahl von Fällen anders vorzustellen als dergestalt, dass der Autor des betreffenden Texts verschiedene biblische Schriftrollen vor sich gehabt hätte, aus denen er dann zitiert hätte. Vielmehr dürften ihm die der historischen Rekonstruktion als biblische Intertexte erschließbaren Bezugstellen in seinem Gedächtnis erinnerlich gewesen sein, die er dann verarbeitete.

Die Hebräische Bibel ist also dort, wo es durch schriftgelehrte Arbeit geprägt ist, weniger als ein textliches Mosaik unterschiedlicher Zitationen zu interpretieren, sondern vielmehr als ein Werk von Schriftgelehrten, das aus kombinatorischen Exegesen von Texten und Themen resultiert, die über die Erinnerung seiner Schreiber vermittelt sind. Im Blick auf die Vollzüge exegetischer Arbeit wird man sich also hüten müssen, sich aufgrund moderner Rekonstruktionsmittel zu Schlüssen verleiten zu lassen, die den kulturgeschichtlichen Gegebenheiten der antiken Welt nicht entsprechen.

Die literatursoziologischen Rahmenbedingungen der Entstehung der biblischen Literatur werden seit längerer Zeit kontrovers diskutiert. Dabei ist der Umstand zu berücksichtigen, dass es im bronzezeitlichen Kanaan zweifellos Schrift, Schreiber und Schulen gegeben haben muss. Das wohl eindrücklichste Beispiel ist die Amarnakorrespondenz, die der Jerusalemer Stadtkönig Abdi-Ḥepa mit dem Pharao Echnaton führte und deren Erzeugnisse in dessen Residenz Tel el-Amarna gefunden worden sind. Aber es sind auch weitere Schriftzeugnisse erhalten geblieben, die funktionierende Schreiberschulen in Kanaan voraussetzen. Besondere Aufmerksamkeit hat in den letzten Jahren ein 2005 entdecktes Abecedarium aus Tel Zayit auf sich gezogen, das aus dem 10. Jh. v. Chr. stammt, woraus manche Forscher weitreichende Folgerungen für das Vorhandensein eines frühen Staates bzw. einer damals schon sehr ausgeprägten Schriftkultur gezogen haben, was allerdings umstritten geblieben ist. Allerdings deutet der epigraphische Befund aus dem königszeitlichen Israel bezüglich Schrift und Orthographie aufgrund deren vergleichsweise hohen Standardisierungsgrads mit hinreichender Sicherheit darauf hin, dass es entsprechende Ausbildungsorte – »Schulen« – gegeben hat, in der die Schreiber diesbezüglich trainiert worden sind. Anders sind solche Standardisierungen nicht erklärbar.

Wie man sich solche »Schulen« vorzustellen hat, ist allerdings unklar. In der Bibel werden sie nur in Sir 51,23 und Apg 19,9 erwähnt. Der Stand des Schreibers ist sowohl epigraphisch wie auch biblisch gut bezeugt (vgl. z. B. 2Sam 8,17; 1Kön 4,3; Jer 32; 36; 43; 45; Esr 7,6.12–26; Neh 13,12f.; Sir 38f.). Die Bezeichnungen »Schreiber des Königs« bzw. »königlicher Schreiber« (2Kön 12,11; 2Chr 24,11, vgl. Est 3,12; 8,9) weisen darauf hin, dass eine solche Ausbildung wohl zunächst am königlichen Palast angesiedelt war, an dem es laut Jer 36,12 auch eine »Schreiberkammer« gab. Auch militärische Belange sind von Schreibern dokumentiert worden, wie es das Amt eines »Schreibers des Heerführers« (2Kön 25,19; Jer 52,25) belegt. In der Perserzeit dürfte die Schreiberausbildung dann v. a. am Jerusalemer Tempel stattgefunden haben, der aber wohl bereits in der Königszeit auch Schreiber vor allem zur Pflege der religiösen Texte trainiert haben dürfte.

3. Die Hebräische Bibel als Ausschnitt der Literatur des antiken Israel und Juda

Im Falle der Hebräischen Bibel, die aufgrund ihres besonderen wirkungsgeschichtlichen Status als Heilige Schrift des Judentums, und gemeinsam mit dem Neuen Testament auch des Christentums, beinahe die gesamte uns bekannte Literatur des antiken Israel enthält, stellt sich die Frage, wie sich dieses Literaturkorpus zum Textgut verhält, das es sonst noch im antiken Israel gegeben haben mag. Die Frage, ob es Nichtvorhandenes nie gegeben hat oder ob es verloren gegangen ist, lässt sich naturgemäß nicht einfach beantworten. Im Bereich des antiken Israel sind aber doch immerhin einige Funde erhalten geblieben,7 von denen aufgrund des Umstands, dass sich die üblichen Schriftträger – Leder und Papyrus – nicht sehr lange halten, mit Recht vermutet werden kann, dass sie nicht die komplette Restmenge der über die biblischen Schriften hinaus hergestellten Literatur des antiken Israel darstellen.

So kennt und nennt die Hebräische Bibel selbst einige Quellen, die jedenfalls nicht in ihrer Gesamtheit fiktiv sind: So werden etwa das »Buch der Kriege Jhwhs« (Num 21,14), das »Buch des Aufrechten« (Jos 10,13; 2Sam 1,18), das »Buch des Liedes« (1Kön 8,53a [LXX]),8 das »Buch der Geschichte Salomos« (1Kön 11,41), das »Buch der Geschichte der Könige von Israel« (1Kön 14,19) oder das »Buch der Geschichte der Könige von Juda« (1Kön 14,29) genannt.

Zusätzlich zu rechnen ist mit weiteren vorexilischen Überlieferungen, die v. a. nach der Katastrophe Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. ausselektioniert worden sind. Besonders zu nennen sind hier heilsprophetische Überlieferungen, von denen nicht auszuschließen ist, dass sie ebenfalls schriftlich vorgelegen haben, wenn man nicht der strikten These zuneigen will, dass Schriftprophetie und Gerichtsprophetie koinzidieren. Die neuassyrischen Befunde zeigen jedenfalls, dass auch reine Heilsprophetie schriftlich aufgezeichnet werden konnte, auch wenn sich daraus keine Vorgänge der langzeitigen schriftgelehrten Tradentenprophetie wie in Israel ergaben.

Die Literaturgeschichte der Hebräischen Bibel betrifft also einen zwar wichtigen, aber eben doch nur einen Ausschnitt der althebräischen Literaturgeschichte, die nur partiell erhalten geblieben ist. Die Ratio der Selektion ist nur wirkungsgeschichtlich erläuterbar: Die Literaturgeschichte der Hebräischen Bibel behandelt diejenigen Texte, die sich als Gebrauchstexte in der Jerusalemer Tempelschule und nachher sowie deswegen als Heilige Schrift durchgesetzt haben.

Der kanonisch-wirkungsgeschichtlich verengte Blick auf die Literatur des antiken Judentums weitet sich durch die anders gelagerte Überlieferungssituation von der hellenistischen Zeit an. Die vom 3. Jh. v. Chr. an entstandene weitere Literatur, die keine Aufnahme in den hebräischen Bibelkanon gefunden hat, ist durch die Tradierung vor allem im Bereich einiger Ostkirchen erhalten geblieben. Darunter finden sich sehr umfangreiche Literaturwerke wie die Henochüberlieferung, das Jubiläenbuch und weitere Schriften, die von der enormen Breite des literarischen Wirkens und der theologischen Positionen im antiken Judentum zeugen.

4. Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Bis gegen Ende des 20. Jh.s herrschte in der Bibelwissenschaft die Auffassung vor, die Hebräische Bibel enthalte jedenfalls zu beträchtlichen Teilen vormals mündliches Textgut, das nun in schriftlich kodifizierter Form vorliege. Diese Gesamtperspektive brachte auch eine eigenständige Methode hervor: die formgeschichtliche Fragestellung, die im Bereich der Hebräischen Bibel v. a. mit dem Namen Hermann Gunkels verbunden ist.9 Sie geht davon aus, dass Texte bestimmten Gattungen folgen, die durch deren jeweiligen »Sitz im Leben« vorgegeben werden. Durch die formgeschichtliche Fragestellung – so war die Meinung – öffnet sich ein Fenster in die ursprüngliche Geistigkeit des Volkes Israel, die in dessen mündlicher Überlieferung ihren unmittelbarsten Ausdruck fand.

Namentlich in der Propheten- und Psalmenforschung sind in den letzten Jahrzehnten die Gewichte erheblich zurechtgerückt worden – mitunter sogar in zu starkem Maß. Das ins Feld geführte Argument, literarische Texte erkläre man am besten mit literarischen Mitteln, ist zwar auf den ersten Blick überzeugend, wird aber spätestens auf den zweiten Blick den historischen Wahrscheinlichkeiten nicht vollständig gerecht. Die Traditionskultur des antiken Israel und Juda war mündlich geprägt, entsprechend kann man davon ausgehen, dass die Texte der Hebräischen Bibel in einer Welt produziert und rezipiert worden sind, die im Wesentlichen durch mündliche Kommunikationsvorgänge geprägt war. Es besteht kein Grund daran zu zweifeln, dass in der Tat manches spätere biblische Textgut in der einen oder anderen Form in mündlicher Überlieferung wurzelt, wobei bei dessen Analyse die Grenze zwischen formgeschichtlicher, überlieferungsgeschichtlicher und traditionsgeschichtlicher Fragestellung nicht immer klar zu ziehen ist. Beruhen die Texte auf entsprechenden Stoffen oder bilden sie bereits entsprechend mündlich geformte Einheiten ab? Es liegt auf der Hand, dass kürzere und durch sprachliche Mittel – etwa poetische Prägung – fixierte literarische Einheiten diesbezüglich als stabiler angesehen werden müssen als umfangreicheres und offener überliefertes Textgut. Jedenfalls wäre es ein Trugschluss sondergleichen zu meinen, die Exodusüberlieferung sei im Zuge ihrer erstmaligen literarischen Fixierung entstanden oder Ps 93 sei so alt wie seine erste Niederschrift. Dass der konkreten Rekonstruktion mündlicher Vorstufen enge Grenzen gesetzt sind, versteht sich dabei allerdings von selbst.

5. Epochen der Literaturgeschichte der Hebräischen Bibel

Wie ist die Literaturgeschichte der Hebräischen Bibel zu gliedern? Epochengliederungen beruhen zwangsläufig auf von außen an die Literatur des antiken Israel herangetragenen Kategorien.

Dass es Epochen der biblischen Literatur gegeben hat, die einen vergleichbaren geistigen Orientierungsrahmen zeigen, sollte nicht in Frage gestellt werden. Dies lässt sich vor allem daran beobachten, dass mit dem Erlangen eines gewissen Grades von Staatlichkeit der politischen Gebilde Israel und Juda im 9. und 8. Jh. v. Chr. diese jungen Staaten sogleich in den Einflussbereich der Hegemonialmächte in Mesopotamien, aber auch in Ägypten gerieten, der sie kultur- und literaturgeschichtlich maßgeblich bestimmte. So ist es wohl kein Zufall, dass zwei der wichtigsten theologischen Literaturwerke im Pentateuch – das Deuteronomium und die Priesterschrift – in unverkennbarer Weise in Reaktion auf entsprechende zeitgenössische imperiale Konzeptionen gestaltet worden sind: das Deuteronomium als subversive Rezeption neuassyrischer Vertragstheologie,10 die Priesterschrift in modifizierender Aufnahme persischer Reichsideologie.11

Die Einteilung der Literaturgeschichte der Hebräischen Bibel nach den jeweiligen imperialen Großmächten und ihren ideologischen und kulturgeschichtlichen Einflüssen ist in historischer Hinsicht naheliegend, ihr kommt aber nur ein relatives Recht zu. Die Literaturgeschichte des antiken Israel bietet darüber hinaus auch Anhaltspunkte zu einer endogenen Gliederung, die ebenfalls zu beachten sind. Man braucht nur an die von Gunkel vorgeschlagene Periodisierung zu denken, die trotz ihres hohen forschungsgeschichtlichen Alters – jedenfalls was die historische Ansetzung der literaturgeschichtlichen Hauptzäsuren betrifft – nach wie vor überraschend aktuell ist: Gunkel unterschied im Wesentlichen drei Epochen in der Literatur des antiken Israel: zunächst diejenige der Volksüberlieferungen (bis ca. 750 v. Chr.), dann diejenige der großen Einzelschriftsteller (zwischen ca. 750 und 540 v. Chr.) und dann diejenige der Epigonen. Heute setzt man nicht mehr die großen Autoren von ihren Epigonen ab, zumal das zu Gunkels Zeiten den großen Autoren zugeschriebene Textgut durch die literaturgeschichtliche Analyse der Hebräischen Bibel erheblich geringer geworden ist. Bedenkenswert bleibt jedoch die Ansetzung der Gliederungseinschnitte: Sie betreffen zunächst das ausgehende 8. Jh. v. Chr., dem mit dem Untergang des Nordreichs erhebliche überlieferungsbildende Funktion zukommt, was zum einen die prophetische Tradition betrifft, in der nun die Unheilsprophetie als schriftliche Größe wenngleich wohl nicht erst entsteht,12 so doch zumindest stark akzentuiert wird, zum anderen aber auch für die drei großen Überlieferungskerne der erzählenden Bücher der Hebräischen Bibel im Bereich Gen – 2Kön gilt, die in den Väter-, Exodus- und Davidserzählungen zu finden sind. In all diesen Bereichen ist zwar noch älteres Textgut – wahrscheinlich auch mit mündlichen Vorstufen – verarbeitet worden. Die theologisch interpretierende Fixierung der Gründungslegenden für ganz Israel ist am ehesten jedoch nach dem Untergang des Nordreichs denkbar.13 Für die Ursprungslegenden der Väter- und Exoduserzählung liegt dies – neben allgemeinen kulturgeschichtlichen Überlegungen zum Aufkommen der Schriftkultur im antiken Israel – aufgrund ihrer nichtköniglichen Ausrichtung ohnehin auf der Hand. Für die Davidserzählungen lässt es sich aufgrund der eigentümlichen Betonung Davids als König von ganz Israel vermuten.

Ganz anders freilich als Gunkel wird man die Epoche der »Epigonen« einstufen müssen. Die alttestamentliche Wissenschaft des letzten Jahrhunderts hat zur Genüge deutlich gemacht, dass die genialischen Konzeptionen in den biblischen Büchern, die zu Gunkels Zeiten noch den großen Einzelschriftstellern der Königszeit zugewiesen wurden, zu erheblichen Anteilen den schriftgelehrten Tradenten der persischen und hellenistischen Zeit zugeschrieben werden müssen, die in vielen Fällen diese Einzelschriftsteller als implizite Autoren ihrer Bücher allererst konstruiert haben. Damit verbindet sich auch die Notwendigkeit einer Revision der im 19. Jahrhundert geläufigen und auch im 20. Jahrhundert noch nicht ganz aus der Übung geratenen Abwertung des nachexilischen »Judaismus« gegenüber dem vorexilischen »Hebraismus«14, die sich weder historisch noch theologisch begründen lässt.15

6. Die Datierbarkeit biblischer Texte

Literaturgeschichtliche Rekonstruktionen am Alten Testament gehen davon aus, dass dessen Texte – oder zumindest ein wichtiger Teil davon – datierbar sind. Da es keine Textzeugen der Hebräischen Bibel aus biblischer Zeit gibt (die Qumrantexte reichen für die jüngsten Bücher der Hebräischen Bibel, etwa das Danielbuch, bis auf wenige Jahrzehnte an den Zeitpunkt von deren literarischer Fertigstellung heran), ist man allein auf interne Beobachtungen angewiesen. Die Frage nach der Datierung biblischer Texte bleibt notorisch schwierig, ist oft nur in relativen Verhältnisbestimmungen vorzunehmen und lässt sich nur selten in klare absolute historische Einordnungen überführen, da die Texte selber über ihre Entstehungszeit entweder schweigen oder nur kritisch zu evaluierende Angaben darüber machen. Es lässt sich aber feststellen, dass sich die Sachlagen in den drei Teilen des hebräischen Bibelkanons unterschiedlich verhalten. Die historische Verortung biblischer Texte dürfte im Bereich der Prophetenbücher vergleichsweise am klarsten vorzunehmen zu sein. Das hängt damit zusammen, dass die Prophetenbücher am ehesten so etwas wie literaturgeschichtliche »Leitfossilien«16 zu erkennen geben, die sich aufgrund bestimmter politisch-theologischer Prägungen als solche sortieren lassen. So bieten etwa die Erwartung eines umfassenden kosmischen Weltgerichts, die Unterscheidung von Frevlern und Frommen, die Bevorzugung der Abkömmlinge der ersten Gola (der Deportation Jojachins und seiner Gefolgschaft 597 v. Chr.) gegenüber den damals im Land Verbliebenen oder die »deuteronomistische« Interpretation der Schuldgeschichte Israels recht klare Zuordnungsmerkmale prophetischer Texte zu bestimmten politischen oder sozialgeschichtlichen Problemlagen aus der Geschichte Israels und Judas: Die Vorstellung eines kosmischen Weltgerichts setzt den Zusammenbruch des weltumspannenden Perserreichs voraus, die Unterscheidung von Frevlern und Frommen die Aufkündigung der noch bis in die späte Perserzeit supponierten Einheit des Gottesvolks, die Favorisierung der Jojachin-Gola widerspiegelt Konflikte der frühpersischen Zeit zwischen Heimkehrern und im Land Verbliebenen und die »deuteronomistische« Geschichtstheologie gehört in die Zeit nach dem Untergang Judas und Jerusalems.

Anders verhält es sich im Bereich des Pentateuchs und der Geschichtsbücher. Sie sind zwar reich an geschichtlichen Aussagen. Aber diese gehören nicht in die Welt des Erzählten, sondern des Erzählers und bedienen deswegen in der Regel nicht das Interesse des historischen Zugriffs. Das gilt zwar auch für die prophetische Literatur, doch ist deren erzählte Welt nicht zusätzlich in die mythische Ursprungszeit Israels zurückversetzt. Eben aufgrund des Umstands, dass die erzählte Welt von Pentateuch und Geschichtsbüchern eine derart starke Eigenprägung mit sich bringt, versagen die an der prophetischen Literatur gewonnenen Instrumente zur historischen Einordnung der Texte mitunter. Die literaturgeschichtlichen »Leitfossilien« lassen sich aber hinter ihren mythischen Einkleidungen, die kritisch analysiert werden müssen, durchaus noch erkennen. Einen zentralen Datierungsanhaltspunkt im Pentateuch bietet zudem nach wie vor der aufgrund neuassyrischer Aufnahmen in die spätvorexilische Zeit datierbare Kern des Deuteronomiums.17

Noch einmal andere Probleme stellen sich bei der historischen Interpretation der poetischen Bücher der Hebräischen Bibel, namentlich der Psalmen. Entsprechend ihren Gattung sind sie oft bewusst in überzeitlichen Formulierungen gestaltet worden, so dass hier absolute Datierungen in aller Regel überhaupt nur tentativ im Gefolge relativer Verhältnisbestimmungen zu anderen Teilen der biblischen Literatur möglich sind. In den Psalmen und in der Weisheitsliteratur finden sich allerdings hier und dort Hinweise auf einen sozialgeschichtlichen Hintergrund, der eine noch königszeitliche Entstehung bestimmter Textteile wahrscheinlich macht.18

Bei allen Schwierigkeiten ist aber festzuhalten, dass das methodische Instrumentarium der alttestamentlichen Wissenschaft zur literaturgeschichtlichen Einordnung biblischer Texte stark ausdifferenziert ist – es gehört zu den großen Errungenschaften im Bereich von Textexegesen überhaupt. Allerdings ist immer wieder zu beobachten, wie bestimmte Teilschritte der Methodik gegenüber anderen unsachgemäß privilegiert werden, was zu Verzerrungen in der literaturgeschichtlichen Urteilsbildung führt. Die grundsätzlich unbestrittene Interdependenz der verschiedenen Methodenschritte stellt eine Maxime dar, die in der Exegese wieder neu einzufordern ist, wobei namentlich zwei Aspekte hervorzuheben sind: Zum einen ist es unabdingbar, dass entstehungsgeschichtliche Rekonstruktionen inhaltlich und sachlich begründet werden, und zum anderen müssen die Plausibilitäten der verschiedenen Schritte explizit und selbstkritisch gewichtet werden. Andernfalls droht der alttestamentlichen Exegese sowohl die Marginalisierung im Bereich der Theologie als auch in demjenigen der antiken Philologien.

In neuerer Zeit wird für die Literatur der Hebräischen Bibel vermehrt die Frage linguistischer Datierungsmöglichkeiten diskutiert,19 doch ist die methodische Diskussion dazu noch nicht ausgereift. Zwar ist die in der Sache seit Wilhelm Gesenius erkannte Unterscheidung zwischen dem »Classical Biblical Hebrew« in Genesis bis 2Könige sowie in den großen Prophetenbüchern und dem »Late Biblical Hebrew« im Rahmen von chronistischem Geschichtswerk, Ester und Daniel sprachgeschichtlich wichtig, doch liefert sie keine absoluten Datierungshinweise, da die Verwendung von »Classical Biblical Hebrew« in bestimmten Texten nicht nur von einer bestimmten Entstehungszeit abhängt, sondern auch von den gewählten Genres und theologischen Positionen.

7. Die Hebräische Bibel als sich selbst auslegende Traditionsliteratur

Die alttestamentliche Wissenschaft hat sich mehr und mehr der Einsicht geöffnet, dass die Hebräische Bibel nicht nur Text, sondern Text und Kommentar in einem ist, dass sie über weite Strecken hinweg durch Vorgänge innerbiblischer Schriftauslegung geprägt ist.20 Diese Einsicht hat die Einschätzung der Hebräischen Bibel insgesamt verändert: Sie gilt nicht mehr im Wesentlichen als kodifiziertes mündliches Gut, sondern als schriftgelehrte Traditionsliteratur, die in ihren Überlieferungskernen wohl auf eine mündliche Vorgeschichte zurückgehen mag, in der Substanz aber nunmehr als dichte, reflektierte Literatur anzusprechen ist. Diese Bestimmungen sind grundsätzlich auf alle drei Kanonsteile des hebräischen Alten Testaments anwendbar, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung im Blick auf deren einzelne Bücher.

Die zahlreichen Befunde von innerbiblischer Schriftauslegung verschärfen noch einmal die Notwendigkeit eines literaturgeschichtlichen Zugangs zum Alten Testament: Dessen Bücher und Texte verlangen nicht nur aufgrund des Umstandes, dass sie vergangenen Zeiten und entfernten Orten entstammen, eine historisch orientierte Auslegung, sondern sie sind eben in ansehnlichen Passagen gar nicht verständlich, wenn deren Auslegungsverhältnisse und Bezugnahmen zu anderen, vorgegebenen Texten nicht erkannt werden.

Umgekehrt führen die jeweiligen Vorgänge innerbiblischer Schriftauslegung auf literaturgeschichtlich relevante Beobachtungen, da diese Auslegungsprozesse in der Regel schriften- und zeitübergreifend ausgerichtet sind. Durch solche Bezugnahmen lässt sich erkennen, welche Texte auf welche reagieren, wie sie ihre Positionen zueinander in Beziehung setzen oder voneinander abgrenzen. Ein gutes Beispiel hierfür findet sich etwa in der kritischen Aufnahme von Jes 65–66 in Koh 1: Gegenüber den prophetischen Verheißungen eines neuen Himmels und einer neuen Erde hält Koh 1 fest, dass nichts Neues unter der Sonne zu erwarten sei, sondern dass die Menschen nach wie vor an die Lebensbedingungen der vorfindlichen Welt gewiesen seien,21 womit elementare Positionen der biblischen Urgeschichte (Gen 1–11) gegenüber Jes 65–66 bekräftigt werden.22

8. Literaturgeschichte und Kanonsgeschichte

Besondere Beachtung verdient schließlich das Verhältnis von Literatur- und Kanonsgeschichte. Es liegen hinreichende historische Anhaltspunkte vor, damit zu rechnen, dass die biblische Literatur nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt per Dekret in einen kanonischen Status erhoben worden ist, sondern dass das Resultat der Kanonizität der Hebräischen Bibel auf einem langen Prozess beruht, der sich weitgehend ohne institutionell abgestützte Entscheidungen abgespielt hat. Literatur- und Kanonsgeschichte folgen einander also nicht nach, sondern überlappen sich: Die Kanonsgeschichte reicht weit in die Literaturgeschichte hinein, da den Texten der Hebräischen Bibel erst nach und nach zunehmende Autorität zugeschrieben worden ist,23 gleichzeitig erstreckt sie sich über die Literaturgeschichte hinaus: Kanon ist ein erst nachbiblisches Konzept.

Im Blick auf die neueren Forschungen zum hebräischen Bibelkanon sind vor allem zwei Erkenntnisse hervorzuheben, die als Rahmendaten für die weitere Diskussion zu respektieren sind. Zum einen ist v. a. mit der vollständigen Publikation der biblischen Texte aus Qumran24 deutlich geworden, dass der kanonische Abschluss der Hebräischen Bibel in der Zeit zwischen 100 v. und 68 n. Chr. nicht dergestalt zu deuten ist, dass von da an ein einheitlicher Textbestand vorgelegen hätte.25 Mit Erhard Blum gesprochen – bei ihm auf den Pentateuch bezogen – gibt es keine Endgestalt biblischer Texte, sondern nur verschiedene Textzeugen.26 Die Vorstellung eines kanonischen Textes im Sinne seiner buchstabengetreuen Fixierung ist erst nachalttestamentlich – sie hängt mit dem Aufkommen der Inspirationslehre zusammen und lässt sich erst gegen Ende des 1. nachchristlichen Jahrhunderts belegen (bes. deutlich in 4Esr 14 und bei Flavius Josephus, Contra Apionem I,8).

Damit zusammenhängend darf heute auch als gesichert gelten, dass die übliche Standardtheorie zum hebräischen Bibelkanon, die von einer grundsätzlichen Konkordanz der Dreiteilung der hebräischen Bibel in Tora, Propheten und Schriften mit der Kanonsgeschichte ausgeht, nicht mehr vertreten werden kann. Die drei Abteilungen des Kanons spiegeln nicht die drei Hauptphasen seiner Entstehung.27 Vielmehr sind zum einen Tora und Propheten als Kanonsteile in enger Interaktion zueinander entstanden, und zum anderen scheint die normative Schrift des Judentums um die Zeitenwende eine im Wesentlichen zweiteilige, und nicht dreiteilige Struktur gehabt zu haben, wie die zahlreichen Referenzen auf »die Tora (bzw. Mose) und die Propheten« in der zeitgenössischen Literatur zeigen. Eine feste Dreiteilung ist erst gegen Ende des 2. Jh.s n. Chr. bezeugt. Die Formierung eines eigenen Kanonteils »Schriften« scheint mit der Akzentuierung der besonders aus pharisäischer Perspektive wichtigen Alltagsrelevanz von Tora und Propheten zusammenzuhängen: Die »Schriften« erklären, wie man gesetzes- und schriftgemäß leben kann.

Der Weg zur Normativität der Schrift und schließlich zum Kanon ist durch zahlreiche Faktoren bestimmt. Zu ihnen zählen die Theologisierung des Rechts28 nach dem Untergang des Nordreichs und in deren Gefolge die bundestheologische Konzipierung des Deuteronomiums als einer unbedingt bindenden Urkunde eines Vertrags zwischen Gott und seinem Volk, Vorgänge der Übertragung kultischer Funktionen auf Texte im Nachgang zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels, gewisse Rahmenbedingungen der persischen Religionspolitik,29 die schriftgelehrte Ausrichtung der Nicht-Tora-Texte an der Tora, der Entschluss zur paradigmatischen Abbildung verschiedener Literaturgattungen und andere mehr. Letztlich ist aber die Kanonsgeschichte nicht vollständig verstehbar, ohne dass man nach der theologischen Qualität der im Kanon versammelten Schriften fragt, die nicht zuletzt auch über deren Eigenschaft als mehrfach bereits im Verlauf ihrer biblischen Entstehung ausgelegte Texte beschreibbar ist.

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§ 7 Kanonbildung

Sebastian Grätz, Mainz

1. Einführung

Der Begriff »Kanon« für die endgültig festgelegte Sammlung von biblischen Schriften als norma normans der kirchlichen Lehre ist seit dem 4. Jh. n. Chr. verwendet worden. So wird der Ausdruck des »Kanonisierten« bei Athanasius im Jahr 367 im Zusammenhang der Abgrenzung »kanonischer Bücher« gegenüber »apokryphen« Schriften verwendet.30 Hierbei ist das Verständnis des Kanonbegriffs als zentraler kirchlicher Normbegriff leitend gewesen. Unter dem absoluten Sprachgebrauch »der Kanon« (griechisch: ho kanōn) wurde das »(…) normativ Unterscheidende hinsichtlich Bekenntnis, Lebensführung u. kirchlicher Ordnung auf den Begriff gebracht.«31 Insofern zeigt die frühkirchliche Verwendung des Begriffs seine zugleich abgrenzende und identitätssichernde Qualität auf. Es wird zudem deutlich, dass dieser Begriff zwar geeignet scheint, ähnliche vorgängige Phänomene wie z. B. die Redaktion der alttestamentlichen Schriften unter bestimmten leitenden Gesichtspunkten zu beschreiben, das Wort selbst in diesem Zusammenhang aber gar nicht verwendet wird. Dabei ist das griechische Wort »Kanon« ein semitisches Lehnwort: Es handelt sich bei qānæh, so die althebräische Form, um ein semitisches Primärnomen, das auch im Akkadischen, Ugaritischen, Aramäischen usw. mit der Bedeutung »Schilfrohr«, »Röhre«, »Halm«, aber auch »Messrute« und »Waagbalken« belegt ist. So ist zwar die Idee der Normierung bereits im semitischen Sprachgebrauch enthalten, aber nicht in derjenigen Weise, wie es der Gebrauch des griechischen Äquivalents nahelegt. Selbst der Blick in die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, lässt keine weitergehenden Schlüsse zu, weil der Begriff kanōn erstens an keiner Stelle das hebräische qānæh übersetzt und zweitens der griechische Begriff selbst auch nur an drei Stellen begegnet: Mi 7,4; Jud 13,6; 4Makk 7,21. Nur der letztgenannte Beleg, der vom »unverkürzten Maß der Philosophie« spricht, bezeugt die Rezeption des zeitgenössischen griechischen Sprachgebrauchs, der den Begriff des Kanons vor allem im Bereich der Exaktheit in Kunst und Musik sowie Ethik und Erkenntnistheorie verwendete, und zwar in einer Aufnahme und Weiterentwicklung der semitischen Wurzel, nämlich technisch als Maßstab für gerade und ungerade bzw. erkenntnistheoretisch/ethisch für richtig und falsch.32 Insofern sind Kanonbildungen insgesamt als dynamische Entscheidungsprozesse zu beschreiben, die sich selbstverständlich nicht nur in der frühkirchlichen Auswahl bestimmter normativer Schriften finden, sondern auch in vielen anderen Schriftkulturen,33 ohne dass hier der Begriff selbst begegnet – sich aber in den Nomenklaturen benachbarter Fachdisziplinen einiger Beliebtheit erfreut, wie die folgenden Beispiele zeigen können.

2. Das Alte Ägypten

Jan Assmann hat die Frage, ob sich im Alten Ägypten das Phänomen der Kanonisierung feststellen lasse, negativ beantwortet. In Abgrenzung zum Begriff der Kodifizierung, der er die Prozesse der Sammlung, Sichtung, Verschriftlichung, Aufbewahrung und Kopie von Texten zuweist, versteht er die Kanonisierung als den »selektiven und sakralisierenden Eingriff in die Tradition.«34 Zur Kanonisierung gehöre, so Assmann weiter, die Auslegung der entsprechenden Texte, die ansonsten, wie etwa im Alten Ägypten, unterbleibe. Es ist jedoch die Frage, ob die durch selegierende Prozesse erstrebte Normierung von Texten, die nach dem oben Gesagten durchaus als Kanonisierung bezeichnet werden kann, auch bereits deren Sakralisierung impliziert oder zwangsläufig nach sich zieht oder ob nicht zwischen kanonischen und heiligen Texten zu differenzieren wäre.35 So zielt der Begriff der Kanonizität zwar auf eine Auswahl (z. B. von bestimmter Literatur), nicht aber zugleich auch auf deren Gültigkeitsbereich: Der Begriff des Kanons kann in dem oben dargelegten Verständnis auch im Bereich der Schulbildung angewandt werden. Vor diesem Hintergrund diskutiert etwa Nili Shupak den Papyrus Chester Beatty 4, verso, 2,5–3,11(; 6,11–14). Dieser Text stammt aus der Ramessidischen Zeit (1300–1100 v. Chr.) und enthält das Lob auf den Schreiberberuf mit Nennung von berühmten Weisen und deren ewig beständigen schriftlichen Werken.36 Shupak folgert, dass Pap. Chester Beatty 4 sich auf eine ausgewählte Sammlung von Werken der großen Weisen der Vergangenheit beziehe, die nun als »Kanon« für die Schule der Ramessidischen Zeit diene: »This canon was most probably established by the learned scribes themselves. They were active in setting of the Egyptian School, engaged not only in writing new works but also, and mainly, in the compilation, copying, and preservation of ancient traditions.«37 Shupak bringt diese Arbeit der Schreiber weiterhin mit dem für die Ramessidische Epoche typischen Interesse an der Vergangenheit in Verbindung, das auch mit einem Sprachwechsel einhergegangen sei: »The absorption in days of yore involved an event of major significance in the history of Egyptian culture which occurred at that time, namely the change of Late Egyptian (or Ramesside), which hitherto had been a spoken language, into a written language alongside Classical (or Middle) Egyptian. During this process the composition of new works in Classical Egyptian ceased.«38 So sieht Shupak den Prozess von Kanonisierung nicht von vornherein mit der Sakralisierung von Texten verbunden, sondern beschreibt diesen im Rahmen von Schul- und Schreibertraditionen mit den Begriffen der Selektion und Normativität39 vor dem Hintergrund zeitgeschichtlicher Erfordernisse. Man könnte auch andersherum sagen, dass mit Pap. Chester Beatty 4 ein Paratext zu den in ihm genannten Werken der Weisen der Vorzeit geschaffen wurde, der diese Werke quasi kanonisiert. Eine vergleichbare Sicht auf das Phänomen der Kanonisierung findet sich auch in der Altorientalistik.

3. Der Alte Orient

Auch in der altorientalischen Textüberlieferung spielt der Rekurs auf altehrwürdige Weise/Schreiber eine zentrale Rolle. Wilfred G. Lambert diskutiert anhand des Texts KAR 177, einer Hemerologie, den Kolophon. Dieser nennt als Autoritäten die sieben (vorsintflutlichen) Weisen, die sich mit der Sammlung und der Exzerption vorliegender Texte beschäftigt hätten: »There is a Babylonian conception of canonicity which is implicit in the colophons just cited, and which is stated plainly by Berossus: that the sum of revealed knowledge was given once for all by the antediluvian sages. This is a remarkable parallel to the Rabbinic view that God’s revelation in its entirety is contained in the Torah. The modern Assyriologist’s conception of the canon as that body of literature which emerged from the temple schools of the Cassite period has some confirmation in the famous scribes who belonged to this age.«40 Er führt weiter aus, dass es keinesfalls die Absicht der Tradenten gewesen sei, eine systematische Auswahl an Schriften zu treffen oder autoritative Editionen zu erstellen. Zu vergleichbaren Schlüssen kommt auch Francesca Rochberg-Halton, die das Kriterium von ischkaru – »offizielle Edition«, »kanonisch« bzw. damqu – »gut« und achû – »fremd« anhand der Überlieferung der Omenserie Enuma Anu Enlil untersucht hat. Zwischen den »offiziellen« Texten und der als »fremd« identifizierten Tafel 29 ließen sich zwar keine formalen, wohl aber inhaltliche Abweichungen feststellen. D. h., die dort niedergelegte Tradition war den Schreibern »fremd«.41 Interessanterweise hat die Klassifikation eines Textes als »fremd« nicht dazu geführt, dass er nicht mehr kopiert und tradiert wurde – nur weit weniger als die »guten« Texte. Insofern kommt Rochberg-Halton auch zu dem Schluss, dass hier keine kategoriale Distinktion im Sinne von »kanonisch« und »nicht-kanonisch« gegeben sein könne. Beide Texttypen seien vielmehr im Strom der Tradition akkurat überliefert worden – nur eben nicht immer von denselben Schreibern.42

Insofern lässt sich das Phänomen einer Kanonisierung akkadischer Texte anhand der verwendeten Terminologie nicht belegen. Vielmehr dürften die wesentlichen hier interessierenden Punkte einerseits die Verankerung der Texttraditionen bei berühmten Schreibern der Vorzeit und andererseits die Anfertigung von Paratexten in Form von Kolophonen, Kommentaren und Katalogen, die über die Redaktion und Edition von Texten Auskunft geben, sein. Als »kanonisch« wäre vor diesem Hintergrund diejenige Literatur zu bezeichnen, die von ihren Schreibern nicht nur kopiert, sondern auch mit editorischen Bemerkungen o. ä. versehen wird, um eine Kontinuität oder Standardisierung zu erreichen.43 Dabei müssen, gerade bei poetischen Texten, auch mündliche Vorstufen, die dann verschriftlicht wurden, in Betracht gezogen werden.44 Diese Arbeit fand in den Kreisen gelehrter Schreiber(-schulen) im Umfeld von Palast und Tempel statt, so dass sich erstens eine deutliche Nähe zu den obigen Beobachtungen zum Alten Ägypten ergibt und zweitens eine Perspektive für die Hebräische Bibel insofern gewonnen ist, als auch die formativen Prozesse der Entstehung des Textkorpus’ als solchen in den Blick rücken.

4. Die Hebräische Bibel als Traditionsliteratur

Anders als bei den altägyptischen oder den antiken mesopotamischen Texten sind aus der alttestamentlichen Überlieferung bislang keine Originaltexte bekannt. Die ältesten erhaltenen Textdokumente stammen aus dem Zusammenhang der Qumranfunde. Gleichwohl lassen sich auch an alttestamentlichen Texten Prozesse, wie sie im Alten Ägypten und im Alten Orient nachweisbar sind, zeigen: Zunächst lassen sich auch die alttestamentlichen Schriften nicht auf einzelne Autoren zurückführen. Sodann sind die Bücher der Hebräischen Bibel zumeist literarisch gewachsen, was eine Aktivität von sammelnden und redigierenden Gelehrten nahe legt. Wo diese Gelehrten gearbeitet haben, ob sie in Schulen oder Gilden organisiert waren, lässt sich nur schwer beweisen, wenngleich die Wahrscheinlichkeit, dass es ähnlich wie in den oben beschriebenen Nachbarkulturen gewesen ist, sehr hoch sein dürfte.45 Anhand von Beispielen vor allem aus dem Bereich des Pentateuchs und seiner innerbiblischen Rezeption soll dies nun illustriert werden.

a) Die Kolophone des Deuteronomiums

In Dtn 31 kommt wieder derjenige Erzähler zu Wort, der in Dtn 1,1–5 das Buch eingeleitet hatte. Im Gegensatz zum redaktionell gerahmten Text in Dtn 1–30* handelt es sich in Dtn 31 um keine durchgängige Moserede, sondern um ein Potpourri aus verschiedenen Mose- und Gottesreden, die wohl einer pentateuchischen Redaktion zuzuschreiben sind. Ins Gewicht fallen die beiden Abschnitte Dtn 31,9–12.24–26, die jeweils von der Verschriftlichung der »Weisung« (Tora) handeln – und zwar mit unterschiedlichen Zweckangaben: Im ersten Abschnitt (V. 9–12) geht es um die Verschriftlichung der (mündlichen) Tora, damit diese in jedem siebten Jahr der Versammlung am Laubhüttenfest wiederum mündlich vorgetragen werden könne, im zweiten Fall (V. 24–26) soll die schriftlich niedergelegte Tora deponiert werden, um später als Zeugnis gegen die Verfehlungen Israels dienen zu können. Die Redaktion legt großen Wert darauf, dass die eigentlich mündliche Moserede nun in ein schriftliches Medium überführt wird, damit sie für spätere Verwendung möglichst wortgetreu zur Verfügung steht. Entsprechend werden an anderen Stellen ebenfalls in einem späten Stadium der Buchgenese auch Textsicherungsformeln angebracht, so in Dtn 4,2 und in Dtn 13,1, die den verbindlichen Urkundencharakter des eigentlich mündlichen Vortrags herausstreichen. Es hat den Anschein, als wolle man zugleich mit der überlieferten Rede des Mose auch dessen Autorität transportieren. In jedem Fall deuten die beiden o. g. Zweckbestimmungen (Lesung in der Versammlung; Zeugnis gegen Verfehlungen) auf einen autoritativen Charakter der Schrift hin, die in dieser Form erst die Redaktion eingebracht hat. Wahrscheinlich identifizieren sich in 2Kön 22,8–10 auch deren Trägerkreise, wenn der Hohepriester Hilkija die »Urkunde der Weisung« (Tora) im Tempel gefunden haben will und sie dem Schreiber Schafan übergibt, der sie wiederum dem König Joschija zu Gehör bringt (und so Dtn 31,24–26 in Kraft setzt). Die folgende Reaktion des Königs jedenfalls macht den schlummernden Text zu einem Politikum, wie die anschließend geschilderte »joschijanische Reform« zeigt.46 Das Ensemble aus Priester, Schreiber, Prophetin (Hulda), Tempel und Palast erinnert in jedem Fall an entsprechende Kreise und ihre Funktion im Alten Orient und im Alten Ägypten.

b) Esra und die Tora

In Esr 7 steht die Tora, die als Mosetora (V. 6) bzw. Jhwhtora (V. 10) qualifiziert wird, in einer engen Verbindung zu dem Priester und Schreiber/Schriftgelehrten (sofer) Esra. Es geht dabei um zweierlei: Erstens die Verankerung der Esrafigur in den Ereignissen am Sinai/Horeb, indem der Stammbaum Esras bis hin zum Erzpriester Aaron zurückverfolgt wird. Zudem wird die Tora als »Mosetora« bezeichnet, was den Bogen zur anderen großen Autorität der Ereignisse am Gottesberg schlägt. Zweitens erschließt der Text die zukünftige Anwendung der Tora in enger Verbindung mit der Gestalt des Esra, der mehrfach als kundiger Kenner und Lehrer der Tora bezeichnet wird (V. 6.10f.). Im aramäischen Teil des Kapitels, Esr 7,12–26, wird Esra im Rahmen eines fiktiven Briefs des Großkönigs Artaxerxes sogar als offizieller Beauftragter porträtiert, dessen Aufgabe in der verbindlichen Lehre und Anwendung des »Gottesgesetzes« bestehe (V. 26). Dass es sich bei dem »Gottesgesetz« um nichts anderes als die Tora handelt, legt dabei der Kontext nahe. Esr 7 wird damit zu einem pivot: Der Text weist zum einen zurück auf die Anfangssituation (zwar nicht vorsintflutlich wie beim Kolophon zu KAR 177, letztlich aber doch vorgeschichtlich) am Sinai/Horeb, er weist aber zum anderen bereits voraus, indem für eine legitime (künftige) Handhabe der Tora entsprechende Qualifikationen gefordert werden. Es spricht viel dafür, dass in Esr 7 eine schriftliche Urkunde einem autorisierten Gebrauch zugeführt werden soll, der in den Händen des Gelehrten Esra liegt. Dass dieser Gebrauch in der Verkündigung der Tora bestehen soll, legt der bereits genannte Text Dtn 31,9–12 nahe und findet seine Realisierung in Esr 9–10 (Anwendung der Tora auf den Fall der »fremden« Frauen) und in Neh 8 (prototypische Lesung der Tora durch Esra). Jan Assmann verortet vergleichbare Konstellationen im Rahmen kanonisierter Überlieferung: »Das entscheidende Kennzeichen dieser neuen Träger des kulturellen Gedächtnisses ist ihr geistiges Führertum, ihre (relative) Unabhängigkeit gegenüber den Institutionen politischer und wirtschaftlicher Macht (…). Nur von der Position solcher Unabhängigkeit aus können sie die normativen und formativen Ansprüche vertreten, die der Kanon stellt.«47 Es wird kaum ein Zufall sein, dass auch hier mit der Figur des Esra die Spuren in das Milieu von Schreibern/Schriftgelehrten und Priestern führen, die sowohl für den Tradierungsprozess der Texte verantwortlich zeichnen als auch die geistige Elite einer Gesellschaft bilden und damit über die Autorität verfügen, einen Text zu standardisieren und darüber hinaus in Abgrenzung zu anderen Traditionen als normativ zu begründen. Diese Normierung könnte gegenüber anderen Textsammlungen und -überlieferungen, etwa prophetischen, geltend gemacht worden sein.48 Wohl noch entscheidender für das Tora-Verständnis von Esr 7–10 ist jedoch, dass in Esr 10,3 die Tora religionspolitisch zur kritischen Norm erhoben wird, wenn die Ehen mit ausländischen Frauen »gemäß der Tora« (kattôrāh) aufzulösen seien.49 Der Gehalt der Tora dient hier deutlich als Maßstab des richtigen und falschen Handelns. Die Autorität des Esra als Priester und Schreiber/Schriftgelehrter verbürgt dabei die korrekte Auslegung der Tora, die hinzutretende, extrinsische Autorität des Großkönigs Artaxerxes, ähnlich wie in 2Kön 22, ihre (welt-)politische Dimension. Diese übersteigerte politische Bedeutung der Tora liegt vor allem im theologischen Interesse der Autoren von Esr 7 begründet; sie lässt sich jedoch historisch für die in Anschlag gebrachte persische Zeit kaum nachweisen, wie bereits die Texte aus Elephantine, wo die Tora im ausgehenden 5. Jh. v.Chr. keine Rolle spielt, zeigen.

c) Neh 8: Die Tora auf dem Weg zur Heiligen Schrift

Neh 8,1–12.13–18 kreist um eine prototypische Lesung der Tora durch Esra und namentlich genannte Leviten im Rahmen einer gottesdienstlichen Veranstaltung, die nicht am Tempel situiert ist. Dabei wird in Neh 8,13–18 auf Dtn 31,9–12 Bezug genommen, während hinter Neh 8,1–12 Num 29 stehen könnte: Jeweils für den 1.7. wird eine heilige Versammlung erwähnt, bei deren Realisierung in Neh 8 jedoch nicht mehr das Opfer, sondern die Tora in den Mittelpunkt rückt. Auch im weiteren Verlauf von Neh 8 wird klar, dass die Qualität der Heiligkeit dem Festtag, dessen Mittelpunkt die Tora ist (V. 9f.), zukommt. So ist die Tora in Neh 8 zwar keine Heilige Schrift im dogmatischen Sinne, auch hat die reale Torarolle (noch) keine heilige Qualität, aber es wird ein Wortgottesdienst vorgestellt, in dessen Mittelpunkt die Schriftlesung steht. Die Nennung von Esra als Leiter des Gottesdienstes lässt erkennen, dass die Autoren des Textes eine Kontinuität von Esr 7 nach Neh 8 konstruieren: Die von Esra legitim gehandhabte Urkunde der Tora, die in Schriftform die göttliche Offenbarung vom Sinai/Horeb repräsentiert, wird zum Gegenstand der Lesung in einem prototypischen Synagogengottesdienst.50 Diese Zuspitzung auf die eine gelehrte und priesterliche Person dürfte einen ätiologischen Sinn haben: Die eine einst am Sinai/Horeb von Gott via Mose gegebene schriftliche Tora, abgebildet im Pentateuch, ist mit der von Esra überlieferten Urkunde identisch und durch ihre Anwendung in Gesellschaft (Esr 7; 9–10) und Gottesdienst (Neh 8) jeweils aktuell.

Die Bücher Esra und Nehemia übernehmen und erweitern ein Konzept von Tora, wie es in Dtn 31 vorgestellt wird, wobei folgende geschichtliche Fiktion leitend ist: Die ursprüglich mündliche Übermittlung des göttlichen Wortes am Sinai/Horeb wird verschriftlicht, um die Zeiten zu überdauern, die gewissermaßen in den geschichtlichen Erzählungen der Vorderen Propheten beschrieben sind. Die Tora ist bis 2Kön 22 als schriftliche Urkunde nicht bekannt, ihre Aufgabe der Mitteilung des göttlichen Wortes wird durch Propheten wahrgenommen. Erst die nachexilische »Geschichtsschreibung« der Bücher Esra-Nehemia kennt wiederum diese schriftliche Urkunde im Vollsinn und wendet sie entsprechend an. In Neh 8 schließlich wird sie erneut mündlich verkündet, was nun das Sprachproblem der Verstehbarkeit des biblisch-hebräischen Textes mit sich bringt (Neh 8,8.12; Neh 13,23f.). Die Qualität der Heiligkeit, die bereits in den Jubiläenbüchern für die Tora und abschließend für die Sammlung des dreigliedrigen Kanons in der Mischna (Jadajîm III,5) festgestellt und als die »Hände unrein« machend definiert wird, ist hier noch nicht gegeben und als ein Epiphänomen der Kanonbildung anzusehen.51

d) Die Propheten und die Schriften

Entsprechend der Entstehung der Tora wird man auch bei den Corpora der Vorderen und Hinteren Propheten sowie den »Schriften« (hebräisch ketubîm) sammelnde und redigierende Kreise anzunehmen haben, die ihre jeweilige Überlieferung tradierten.52 Es ist wahrscheinlich, dass die prophetischen und die weisheitlichen Texte sowie die poetische Lieddichtung zunächst in eigenen Zirkeln tradiert wurden; denn es fällt auf, dass sich erst in späteren Stadien der Sammlung und Redaktion Anspielungen auf andere biblische Bücher, v. a. die Tora, finden lassen. Die Vermutung legt sich nahe, dass die Tora zunehmend als einflussreicher und wichtiger Text angesehen wurde. Jedoch blicken einige Texte, die die Toratradition rezipieren, hierauf auch kritisch: Jes 56,1–7 spiegelt einen Diskurs mit Dtn 23,1–7, dem »Gemeindegesetz«, und vertritt dabei eine andere Vorstellung einer Integration von Fremden und anderen gesellschaftlichen Außenseitern in den Kult; Hos 12 bietet eine äußerst kritische relecture der Jakobstradion aus der Genesis (25–36), wahrscheinlich bereits mit antisamaritanischem Hintergrund, der eine Abwertung von Jakob/Efraim, pars pro toto verstanden, vertrat. Auch das Buch Rut dürfte sich kritisch mit dem »Gemeindegesetz« beschäftigen, wenn eine Moabiterin in die soziale Gemeinschaft Israels und die religiöse Gemeinde Jhwhs aufgenommen wird (Rut 2,10–12). Andererseits zeigen besonders die genannten Bücher Esra und Nehemia sowie zahlreiche Psalmen (u. a. 1; 19; 78; 119) und apokryphe Schriften wie Sirach und Baruch eine sehr positive Haltung gegenüber der Tora, wenn diese etwa in Bar 3,9–4,4 als die höchste Weisheit entfaltet wird. Hier geht die ursprünglich internationale und eigenständige weisheitliche Tradition in die Toratradition über. Odil Hannes Steck hat gezeigt, dass insbesondere Eingangs- und Abschlusstexte wie Mal 3,22–24 (Bezüge auf: Tora – Jos 1 – Propheten) oder Ps 1 (Bezug auf: Tora) und Ps 2 (Bezug auf: Propheten) die einzelnen Kanonteile nicht nur beschließen oder eröffnen, sondern sie auch inhaltlich-thematisch miteinander verbinden.53 Schließlich ist es namentlich das Buch Kohelet, dessen toragemäßer Beginn und Schluss allein es trotz seiner Heterodoxie für die Sammlung nicht-apokrypher, also kanonischer Bücher akzeptabel machte (Babylonischer Talmud, Schabbat 30b).

5. Die Bibliothek von Qumran

Mit den Funden vom Toten Meer liegen erstmals originale Handschriften nachmals biblischer (sowie zu den Apokryphen zählender) Texte vor. Sie können paläographisch zumeist in das zweite bzw. erste vorchristliche Jahrhundert datiert werden. Die aufgefundenen biblischen Bücher bzw. Fragmente zeigen, dass die redaktionellen Arbeiten weitgehend zum Abschluss gekommen sind. So weist die große Jesajarolle (1QIsaa) aus unterschiedlichen Gründen zwar zahlreiche textliche Varianten gegenüber dem Masoretischen Text auf, doch der Textbestand ist prinzipiell derselbe.

Daneben umfasst die Bibliothek54 von Qumran auch eine Fülle parabiblischer Texte, die für die Fragestellung der Kanonbildung sehr interessant sind. So gibt es fortlaufende Kommentare (pescharîm) wie den Habakukkommentar (1QpHab) oder Florilegien wie 4Q 174, die jeweils auf die zugrunde liegenden biblischen Texte rekurrieren und sie damit zum Gegenstand gelehrter (oder gottesdienstlicher) Beschäftigung machen. Die »Damaskusschrift« (CD), die »Sektenregel« (1QS), der »Halachische Brief« (4QMMT) und die »Kriegsrolle« (1QM) beziehen sich in ihrer Argumentation sehr häufig auf biblische Texte, so dass im Licht der parabiblischen Literatur ein Ensemble als göttliches Wort zitierter und damit autoritativer Texte deutlich wird, das aus allen drei Bestandteilen des jüdischen Bibelkanons besteht. Dabei kommt besonders den Büchern der Tora, dem Jesajabuch sowie den Psalmen eine hohe Wertschätzung zu, da aus ihnen am häufigsten zitiert wird.55 Andere Bücher v. a. aus dem Bereich der »Schriften« (ketubîm) werden gar nicht zitiert, auch wenn Kopien dieser Bücher mehr oder minder fragmentarisch in Qumran nachweisbar sind. Andererseits wurden auch Bücher, die später nicht kanonische Geltung erfahren haben, in Qumran gepflegt, so das Jubiläenbuch (das in 15 oder 16 Abschriften vorliegt); die Tempelrolle (1QT) liegt in einem ganzen Exemplar vor. Armin Lange hat angesichts der zahlreichen in Qumran aufgefundenen parabiblischen Texte auf die äußeren Erfordernisse dieser paratextuellen Arbeit, insbesondere auch der pescharîm, hingewiesen: »Only ancient Jewish libraries enabled scholars to perform the intertextual exegesis observed in the Qumran commentaries.«56 Insofern lässt sich anhand der Qumranfunde wahrscheinlich machen, dass erstens auch in Juda die Schrifttransmission ähnlich erfolgte wie im Alten Orient und im Alten Ägypten, nämlich durch Gelehrte, die die Literatur an bestimmten Orten (»Bibliotheken«) zur Verfügung hatten, und dass zweitens auch die Phänomene der Kanonbildung und Kanonizität in diesem Licht zu beurteilen sind: Kanonbildung wird in dieser Zeit eher durch dynamische Prozesse gelehrter Diskurse über die Tradition als über Entscheidungen von politischen und religiösen Größen gesteuert – auch wenn letzteres durch Esr 7 (s. o.) oder den Aristeasbrief (s. u.) postuliert wird.

Es zeigt sich aufgrund der biblischen Texte, die in Qumran gefunden wurden, zudem, dass es noch keinen (protomasoretischen) »Standardtext« gab. Lange vermutet, dass dessen Dominanz erst mit der herodianischen Zeit einsetzte.57

6. Der Aristeasbrief und die Septuaginta

Der Aristeasbrief58 ist eine pseudepigraphische Schrift aus dem 2. Jh. v. Chr., die zeigen möchte, wie die Übersetzung der Tora (nómos) von 72 Gelehrten in 72 Tagen ins Griechische erfolgte und diese Übersetzung dann von dem jüdischen Politeuma sowie König Ptolemaios II. in Alexandria sanktioniert wurde. Für die Fragestellung der Kanonbildung sind hier vor allem zwei Dinge interessant: In § 302 der Schrift wird zunächst geschildert, dass der endgültigen Form der Übersetzung ein Vergleich der Texte vorausging, um eine Übereinstimmung zu erzielen. Diese endgültige Form wurde dann schriftlich niedergelegt. In § 310f. schließlich stellt das jüdische Politeuma von Alexandria die Genauigkeit der Übersetzung fest, die keiner weiteren Bearbeitung bedürfe und deren Wortlaut durch Niederschrift gesichert worden sei. Dann stimmt nach dem Brief die Gemeinde der Übersetzung zu und sanktioniert diese: »Da nun alle diesen Worten zustimmten, ließen sie (…) den verfluchen, der durch Zusätze, Umstellungen oder Auslassungen (die Übersetzung) überarbeiten würde. Das taten sie zu Recht, damit sie für alle Zukunft stets unverändert erhalten bleibt.«59 Schließlich stimmt auch der König dieser Übersetzung zu und bezeichnet sie als »heilig« (§ 317). Angesichts der vielfältigen Textüberlieferung, die ja die Qumranfunde für diese Zeit deutlich zeigen, erscheint der Aristeasbrief in seinem Ansinnen fiktional. Ähnlich wie das Esrabuch und 2Kön 22 möchte er vielmehr einen durch sorgfältige Arbeit von Schreibern erstellten Text autorisieren, der sowohl von den religiös als auch den politisch Verantwortlichen anerkannt wird. Es wird wiederum deutlich, dass diese externe Bestätigung der Arbeit der Schreiber durch Autoritäten für das Phänomen der Kanonizität wichtig zu sein scheint: Erst diese Bestätigung verschafft dem Text seine Normativität oder Kanonizität. Wie bereits Dtn 31; 2Kön 22 und Esr 7 ist der Aristeasbrief fiktional und besitzt ätiologischen Charakter. Auch die externe Evidenz für das ptolemäische und römische Ägypten zeigt, dass eine kanonisierte Tora nicht nachweisbar ist: »The intertextuality of Egyptian Jewish literature and the Pauline letters prove no evidence for an early Alexandrian Jewish canon. (…) A Torah-only-canon is hence as unlikely for Egyptian Judaism as an Alexandrian Septuagint canon.«60 Wahrscheinlich reflektiert der Aristeasbrief teleskopartig die auch andernorts belegten Redaktions- und Standardisierungsprozesse der Schreiber und Gelehrten, die sich um die Übersetzung des hebräischen Textes kümmerten (§ 302), während eine abschließende Kanonisierung dieser griechischen Tora als normativer Text gemäß § 311 eher in den Bereich der ätiologischen Legende gehört. Möglicherweise hat das intellektuelle Milieu Alexandrias mit seiner berühmten Bibliothek und seinen Bildungsidealen, die auch der Aristeasbrief breit reflektiert (§§ 121f.; 187–294), die Schreiber und Übersetzer zu ihrer Arbeit angeregt.61 Kanonizität erlangte diese Übersetzung ebenso wie die bereits besprochenen Texte aus dem Alten Testament und seiner Umwelt durch Zitation als verbindlicher Text62 und nicht durch einen formalen Akt.

7. Biblische Kanonbildung im Spiegel jüdischer und christlicher Schriften der hellenistisch-römischen Zeit

Insbesondere das Sirachbuch gilt als Zeuge der Herausbildung eines biblischen Kanons. Das Buch ist ursprünglich in Hebräisch abgefasst, allerdings in dieser Fassung nicht vollständig überliefert. Die (komplizierte) griechische Überlieferung geht zurück auf die Übersetzung des hebräischen Textes durch den Enkel Sirachs in Alexandria und ist durch diesen selbst in die Zeit des Euergetes (II., gest. 116 v. Chr.) datiert. Das ursprüngliche hebräische Sirachbuch dürfte damit aus dem ersten Drittel des 2. Jh.s v. Chr. stammen. Das Buch bietet zahlreiche Anspielungen und Aufnahmen biblischer Texte aller drei Teile des späteren jüdischen Kanons, besonders der Tora, und dokumentiert damit die hohe Wertschätzung dieser Überlieferung. Bereits der Prolog, den nicht alle griechischen Handschriften überliefern, nennt Tora, Propheten und Schriften. Sir 44–50, das »Lob der Väter«, eine Tour d’Horizon der Heilsgeschichte Israels, bietet zahlreiche Anspielungen und Reflexe biblischer Stoffe und ist deshalb als Zeugnis der Kanonisierung auch der prophetischen Bücher gewertet worden. Doch nach dem Urteil von Markus Witte ist Sir »[v]on einem unveränderlichen Text im Sinne einer standardisierten Textüberlieferung (…) noch weit entfernt.«63 Einen eigentlichen Kanon kenne das Buch nicht. Die in ihm vorliegenden Anspielungen und Zitationen seien »(…) vielmehr Kennzeichen einer Kultur, zu deren wesentlichen Merkmalen Schriftlichkeit und schriftgestützte Identitätspflege gehören.«64 Entsprechend hebt Sir auch die Weisheit des Schreibers/Schriftgelehrten (sofía grammatéōs) als einer in der Tradition umfassend gebildeten Persönlichkeit hervor (Sir 38,24–39,11). Analog zu den bisherigen Beobachtungen führt dementsprechend auch Sir in die Kreise von einschlägig gebildeten Gelehrten, die sich mit der Überlieferung, Bearbeitung und Kommentierung von bestimmten Texten befassten, die so im Laufe der Zeit zu Kulturgütern von immer höherem Wert wurden.

2Makk 2,13–15 (1. Jh. v. Chr.) erzählt, dass Nehemia in Jerusalem eine Bibliothek angelegt und die Bücher über die Könige und Propheten sowie Briefe der Könige und Weihgeschenke gesammelt habe. Diese Sammlung sei von Judas Makkabäus nach dem makkabäischen Aufstand wieder vervollständigt worden. Die Vermutung, dass es sich hier um die Bibliothek des Jerusalemer Tempels gehandelt habe, legt sich nahe.65 Von dieser Bibliothek ist jedoch ansonsten nichts bekannt, die Nennung des Nehemia könnte zudem ein Topos sein, der sich auf dessen im Nehemiabuch genannte Restaurierungsmaßnahmen bezieht. Die Funde von Qumran zeigen jedoch, dass es solche Bibliotheken, zumindest in der Zeit der Makkabäer, wirklich gegeben hat.

Weitere Texte, die biblische Textsammlungen, Kanonteile und deren Wertschätzung nennen, sind Philon, De vita contemplativa 25; Lk 24,44; Mt 23,35; 4Esr 14,23–48 sowie Josephus, Contra Apionem 1,37–43. Besonders der letztgenannte Text aus dem späten 1. Jh. n. Chr., also deutlich jünger als die Zeugnisse von Qumran oder der Aristeasbrief, nennt eine klar umrissene Sammlung, die zweiundzwanzig heilige Bücher enthalten habe: die fünf Bücher Mose, dreizehn prophetische Bücher sowie vier weitere Bücher, die Lobgesänge und Vorschriften enthielten. U. a. James C. VanderKam vermutet, dass es sich neben dem Pentateuch um folgende Bücher gehandelt habe: Josua, Richter, 1/2Samuel, 1/2 Könige, Esra/Nehemia (ein Buch), Ester, Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Daniel und die zwölf Propheten (ein Buch). Die vier weiteren Bücher könnten die Psalmen und Sprüche sowie Hiob und Kohelet gewesen sein.66 Damit würde Flavius Josephus eine Sammlung an Büchern im Sinn gehabt haben, die schon sehr nahe an diejenige heranreicht, die im Judentum und Christentum später als endgültig angesehen wurde.

8. Die Sammlungen des jüdischen und des christlichen Bibelkanons

Es kann nach dem Gesagten also davon ausgegangen werden, dass in der Zeit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahre 70 n. Chr., also bereits vor der Zeit des Lehrhauses in Jabne, ein jüdischer Bibelkanon vorlag, der große Ähnlichkeit mit demjenigen hatte, den der Babylonische Talmud (Baba batra 14b–15a) feststellt und der auch den großen masoretischen Textausgaben wie dem Kodex Aleppo (frühes 10. Jh. n. Chr.) oder dem Kodex Leningradensis (frühes 11. Jh. n. Chr.) prinzipiell zugrunde liegt. Die masoretische Arbeit am tradierten Text zeigt dabei, dass es den Gelehrten darauf ankam, das Gesamt des für das Judentum verbindlichen dreiteiligen Kanons heiliger Schriften möglichst akkurat zu erfassen und zu sichern.

Da das Neue Testament auf Griechisch abgefasst ist, sind auch die Zitate »gemäß der Schrift« der Septuaginta entnommen, so dass für das frühe Christentum nur deren Überlieferung als Quelle der Lehre dienen konnte. Die Benutzung der Septuaginta im Neuen Testament zeigt, dass es bereits Rezensionen der griechischen Übersetzung auf Grundlage des hebräischen Textes gab. Die rezensionelle Tätigkeit spielte im frühen Christentum auch aufgrund der Diskussion mit dem Judentum eine wichtige Rolle und zeigt sich beispielsweise in der Hexapla des Origenes, der in sechs synoptischen Spalten versuchte, den hebräischen Bibeltext und seine Übersetzungen möglichst genau zu dokumentieren. Die ältesten, aus dem 4.–5. Jh. n. Chr. stammenden Kodizes der Septuaginta, Vaticanus, Alexandrinus und Sinaiticus, sind bereits christliche Bibeln, die die beiden Kanonteile des Alten und Neuen Testaments enthalten. Dabei fällt ins Gewicht, dass die Reihenfolge der alttestamentlichen Bücher abweicht.67 Bereits Hieronymus mahnte aber an, dass man zwischen den Büchern des hebräischen und griechischen Kanons unterscheiden müsse, worin ihm beispielsweise Erasmus und Luther folgten,68 während die römisch-katholische Tradition auf dem Konzil von Trient (IV sessio) die lateinische Vulgata des Hieronymus, die die Apokryphen ebenfalls bietet, insgesamt als verbindliche Bibelausgabe (scriptura) festlegte und als Quelle der christlichen Lehre neben die kirchliche Überlieferung, die traditio, stellte.

9. Synthese

Hinsichtlich der beschriebenen Kanonbildung ergibt sich zweierlei: Erstens: Die Hebräische Bibel bietet Traditionsliteratur, vergleichbar derjenigen des Alten Orients. Redaktoren sammelten, edierten und tradierten ihnen vorliegende Schriften im Rahmen ihrer gelehrten Tätigkeit, die durch bestimmte Aufgabenstellungen (Ausbildung, Kult, Recht, Expertise für Herrscher) geprägt gewesen sein dürfte. Hierüber ist historisch für das Alte Israel nicht viel bekannt. In jedem Fall zeigt bereits die Überlieferung selbst eine hohe Wertschätzung von Tradition, wie z. B. die Doppelüberlieferungen der Flutgeschichte in Gen 6–8 oder des Exodusgeschehens in Ex 14 belegen. Die Erzählstränge werden kombiniert und nicht elidiert. Analoges dürfte für die anderen beiden Kanonteile gelten, wobei auch »innerbiblische« Diskurse zu beobachten sind. Die »externe Evidenz« weist jedoch aus, dass nachmals biblische Texte außerhalb der sie tradierenden Kreise kaum wahrgenommen wurden. Erst mit der hasmonäischen Zeit und der Auseinandersetzung mit dem Hellenismus gewann die biblische Tradition, vor allem die Tora, eine signifikante Bedeutung, wie auch parabiblische Texte aus Qumran zeigen.

Zweitens: Neben das Phänomen der Textpflege und Überlieferung, wie es auch im Alten Ägypten und Alten Orient begegnet, tritt seit der hellenistischen Zeit zunehmend dasjenige der Verbindlichkeit bzw. Autorität des überlieferten Textes nach außen: Ausgehend vom Buch Deuteronomium und seinen Kolophonen in Dtn 31 konnte die Wirkung der Tora in 2Kön 22; Esr 7 und dem Aristeasbrief nachgezeichnet werden. In allen Fällen wird die Schrift durch ihre äußere Anerkennung oder Ratifizierung als verbindlich angesehen. Alle drei Texte sind zumindest teilweise legendarisch und spiegeln weniger eine tatsächliche Einführung der Tora als politisches Gesetz in Judäa und andernorts als vielmehr eine ganz andere Absicht. So kann in Esr 7 die Verbindung der Toratradition exklusiv mit Esra, der durch seine Abkunft, Bildung und das königliche Edikt aus Esr 7,12–26 entsprechend qualifiziert ist, ebenso als Abgrenzung gegenüber dem Gebrauch der Tora durch die Samaritaner verstanden werden wie die Scheidung der »Mischehen« in Esr 9–10. Insofern wird hier das von Ohme eingangs zitierte »normativ Unterscheidende« als Kriterium deutlich. Insbesondere die späteren parabiblischen Texte aus Qumran zeigen diese Qualität von Kanon nachdrücklich auf.

Kanonbildung weist damit sowohl nach »innen« auf die schriftgelehrten literarischen Prozesse inklusive unterschiedlicher Lehrmeinungen als auch nach »außen« auf die Strategien der Abgrenzung und der Identitätssicherung, die das Judentum in der Auseinandersetzung mit den Samaritanern, in unterschiedlichen Begegnungen mit dem Hellenismus in Judäa und Alexandria, in der Beschäftigung mit den Zerstörungen des Tempels und der Abgrenzung vom Christentum über lange Zeit prägte.

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§ 8 Tora

Reinhard Achenbach, Münster

1. Bedeutung des Wortes

Das Wort Tora (hebräisch tôrāh, pl. torôt) bedeutet »Lehre«, »Unterweisung«, welche Eltern ihren Kindern, Weise ihren Schülern oder Priester den Teilnehmern der Kultusgemeinde erteilen (Spr 1,8; 13,14; 31,26; Hag 2,11). Die ihr zugrunde liegende Weisheit hatte nach der Überzeugung Israels ihren Grund und Ursprung bei Gott selbst (Ps 19,8). Als Tora wird dementsprechend auch die durch Mose vermittelte Offenbarung der Gesetze bezeichnet (Dtn 4,8.44; 28,58; 31,9). Von diesen nahm man an, dass Gott selbst sie Mose gelehrt (Ex 12,49; 16,4; 18,20) und dass schon Abraham sich daran orientiert habe (Gen 26,5), bevor Gott sie am Berge Sinai dem Mose zur Mitteilung an das Volk übergab (Ex 24,12). Sie umfasst Rechtssätze (hebr. mišpaṭ, pl. mišpaṭîm), Regeln des sozialen und religiösen Lebens (hebr. choq, pl. chuqqîm) und göttliche Gebote generell (hebr. mitzwāh, pl. mitzwôt), insbesondere die auf dem legendären Dokument der steinernen Tafeln bezeugten »Zehn Worte« des Dekalogs (Ex 20,1–17/Dtn 5,6–21). Insgesamt umfasst die Tora nach traditioneller jüdischer Zählung 613 Gesetze, 248 Gebote und 365 Verbote. Diese sind in den sog. Fünf Büchern Moses enthalten und bilden in Verbindung mit den großen weisheitlichen Lehrerzählungen, Sagen und Ursprungsmythen Israels in Gestalt der Urgeschichte, Erzelterngeschichte, Exodus- und Wüstenwanderungserzählungen in ihrer Gesamtheit die »Tora« als Teil des jüdischen und alttestamentlichen Kanons heiliger Schriften. In den jüdischen Synagogengemeinden steht die Lesung aus der Torarolle im Zentrum des Gottesdienstes. Die Schriftrollen aus besonderem, nach rituellen Regeln hergestelltem Pergament enthalten den handgeschriebenen hebräischen Text der Tora.

2. Inhalt der Tora

Die Herleitung der ersten fünf Bücher der Hebräischen Bibel von Mose ist erst seit dem 1. Jh. n. Chr. gebräuchlich. Im Neuen Testament wird auf die heiligen Schriften Israels zusammenfassend als auf »Mose und die Propheten« oder auf das »Gesetz (= griech. nómos) und die Propheten« verwiesen (Lk 16,16.29). Die Schriften selbst geben keine Auskunft über ihre Verfasser. In der rabbinischen Tradition werden sie auch als »Fünfbuch« (hebr. chumâsch, griech. Pentateuch) bezeichnet. In der hebräisch-jüdischen Überlieferung werden die Bücher nach den Anfangsworten der jeweiligen Schrift benannt, in den hellenistisch-jüdischen und christlichen Bibelübersetzungen nach ihren Inhalten:


1. Buch Mose be-reschît (»Am Anfang«) Genesis (»Ursprung«)
2. Buch Mose schemôt (dies sind die Namen«, i. e. der Söhne Israels, die nach Ägypten gezogen sind) Exodus (= »Auszug« aus Ägypten)
3. Buch Mose wājjiqra’ (»und ER rief«, d. h. Gott rief Mose und sprach zu ihm) Levitikus (»Levitisches Buch«, priesterliche Regeln)
4. Buch Mose ba-midbār (»In der Wüste« Sinai redete Jhwh zu Mose) Numeri (= »Zahlen« der Israeliten, die durch die Wüste wanderten, vgl. Num 1 und 26)
5. Buch Mose debarîm (dies sind die »Worte«, die Mose zu den Israeliten vor seinem Tod jenseits des Jordan sprach) Deuteronomium (»Zweites Gesetz«69)

Die Genesis enthält die Erzählungen der sog. »Urgeschichte« (Gen 1–11) mit den Mythen von der Erschaffung der Welt und der ersten Menschen (Gen 1–2), vom paradiesischen Urzustand, dessen Verlust und vom ersten Brudermord (Gen 3–4), von den Geschlechtern der Urzeit, der Katastrophe der Sintflut und vom Neubeginn der Menschheitsgeschichte (Gen 5; 6–9), schließlich von den Völkerschaften der Frühzeit und ihrer Zerstreuung nach dem Bau des sagenhaften Turms von Babylon (Gen 10–11). Die Erzählung von den Wanderungen der Vorfahren Abrahams von Ur nach Haran leitet über zum zweiten großen Teil des Buches, der Erzelterngeschichte (Gen 12–36). Sie beginnt mit einer göttlichen Verheißungsrede an Abraham, der zunächst Abram genannt wird,70 die ihm gebietet, gemeinsam mit seiner Frau Sara, genannt Saraj, Gottes Führung in ein neues Land zu folgen, und die ihm zahlreiche Nachkommen und göttlichen Segen zusagt (Gen 12,1–3). Die Reden von Gottes Bund und Verheißungen von Nachkommen, Mehrung, Land und Segen (Gen 13,14–17; 15; 17; 18,9–15; 22,15–18; 26,2–5; 35,9–13) verbinden die unterschiedlichen Sagen von Abraham und Sara (Gen 12–25), Isaak und Rebekka (Gen 21–28) und Jakob, Lea und Rahel (Gen 25–35; 49–50). Sie setzen sich aus Erzählzyklen zusammen (Abraham und Lot, Hagar und Ismael, Jakob und Esau, Jakob und Laban, die Geburt der Söhne Jakobs und Erzväter der Stämme Israels), Geschichten von der Gefährdung der Ahnfrauen und Konflikten mit den Philister- und Kanaanäerstädten (Gen 12; 20; 26; 34), Kultauffindungslegenden (Gen 28; 32) und Einzelsagen von Abrahams Begegnung mit dem Priesterkönig Melchisedek (Gen 14), von der Bindung Isaaks (Gen 22) oder von Juda und Tamar und den Ahnvätern Judas (Gen 38). Der dritte Teil enthält die Novelle von Josef und seinen Brüdern (Gen 37; 39–50). Jakob liebt und bevorzugt seinen Sohn Josef. Aus Eifersucht verkaufen die Brüder diesen als Sklaven, und er gelangt nach Ägypten, wo er nach allerlei Verwicklungen zum Wesir des Pharaos aufsteigt. Als Jakob mit seiner Sippe wegen einer Hungersnot nach Ägypten zieht, werden sie mit Josefs Hilfe errettet. Jakob segnet Josefs Kinder Efraim und Manasse und seine Söhne und stirbt. Am Ende kommt es zur Aussöhnung zwischen seinen Kindern. Trotz zahlloser Irrwege der Menschen wendet Gott ihr Geschick zum Guten (Gen 50,19–21).

Das Exodusbuch erzählt von der Unterdrückung der Israeliten und von ihrer Befreiung aus Ägypten. Es beginnt mit der Schilderung der Bemühungen des Pharao, die Mehrung des Volkes zu unterbinden und der Errettung des Mose und seiner Flucht nach Midian (Ex 1–2). Nach einer Zeit offenbart sich ihm Gott in der Wüste in einer feurigen Erscheinung in einem Dornbusch (hebr. senæh) mit den Worten »Ich bin, der ich bin!« (Ex 3,14) und sendet ihn nach Ägypten, um die Israeliten aus der Knechtschaft des Pharao zu befreien (Ex 3–4). Die Konfrontation zwischen Mose, seinem Bruder Aaron und dem Pharao kulminiert in einer Reihe von 10 Plagen, die Gott über die Ägypter verhängt (Ex 5–11). Im Frühlingsmonat Aviv (Mitte März bis Mitte April) gebietet Gott den Israeliten, Lämmer zu schlachten und mit dem Blut die Türpfosten ihrer Häuser zu bestreichen. Das Abwehrritual führt dazu, dass der Todesdämon an den Israeliten vorübergeht (hebr. pasach), aber in allen ägyptischen Familien die Erstgeborenen zu Tode kommen. Die Israeliten fliehen aus dem Land. Durch einen wundersamen Sturmwind Gottes werden die Gewässer des sog. »Schilfmeers« zur Seite getrieben und ermöglichen den Weg hinüber zur Sinaihalbinsel, das Pharaonenheer geht unter (Ex 12–14; 15,1–21). In der Wüste erhält Gott das Volk durch Quellwasser in Oasen sowie himmlisches Manna und schützt es vor Feinden (Ex 15–17). Am Gottesberg kommt es zur Begegnung mit dem Midianiter Jitro (Ex 18). Gott erscheint auf dem Berg Sinai (hebr. sînaj) unter Donner, Blitz und Feuerschein (Ex 19). Vom Berge her verkündet Gott die Zehn Gebote (Ex 20,1–17). Das Volk, erschrocken von der Erscheinung, bittet Mose um Vermittlung (Ex 22,18–21) und dieser nimmt die Gesetze Gottes entgegen (Ex 22,22–23,33), die er als »Bundesbuch« aufzeichnet und auf die Israel in einem feierlichen Ritual durch das Blut des Bundes verpflichtet wird (Ex 24,1–8). Gottes Gegenwart wird – umhüllt von einer Wolke – in einer glanzvollen Lichterscheinung (hebr. kābôd, griech. doxa, lat. gloria; dt. Herrlichkeit) sichtbar und Mose steigt auf den Berg und verharrt 40 Tage in der Gottesbegegnung (Ex 24,8–18). Er erhält die Anweisung zur Errichtung eines Heiligtums (Ex 25–29). Es folgen Anweisungen zum Kult und über den Sabbat (Ex 30–31). Als Mose nicht vom Berg zurückkehrt, drängt das Volk Aaron dazu, ein Götterbild anzufertigen. Aus Goldschmuck gießt Aaron ein Stierbild, das »goldene Kalb«, und ruft zu einem Opferfest für Jhwh auf. Nur durch seine Fürbitte kann Mose den Zorn Gottes aufhalten. Die Steintafeln, auf denen Gott die Bundesworte des Dekalogs aufgezeichnet hat, werden zerbrochen und die Verehrer des Stierbildes bestraft (Ex 32). Mose richtet ein »Zelt der Begegnung« ein und empfängt dort weitere Offenbarung Gottes, der sich ihm in einer Feuersäule nähert (Ex 33). Gott erweist sich als gnädig und es kommt zu einer Erneuerung des Bundes, der Lichtglanz Gottes geht auf Mose über (Ex 34). Das Heiligtum wird errichtet und Gott zieht in dasselbe ein (Ex 35–40).

Im Levitikusbuch werden zunächst Anweisungen für den Opferkult eingeschoben (Lev 1–7), bevor erzählt wird, wie Aaron das erste Opfer darbringt, welches durch göttliches Feuer angenommen wird (Lev 8–9). Nadab und Abihu, die Söhne Aarons, bringen eigenmächtig Weihrauchopfer mit fremdem Feuer dar und kommen zu Tode (Lev 11). Es folgen Anweisungen zur Reinheit der Speisen und der Menschen (Lev 11–15), die den Verzehr von Blut als Träger des Lebens verbieten, und vor der verunreinigenden Berührung mit Totem und infektiösen Krankheiten (»Aussatz«) schützen sollen. Die Erzählung schließt mit der Einführung des großen Rituals des Versöhnungstages, der der Lösung von aller Sünde und Unreinheit dient durch das Symbol des »Sündenbocks« und der Versühnung von Volk und Heiligtum durch die Darbringung des Sühnopferblutes (Lev 16). Es folgt eine durch sakrale Ordnungen bestimmte Sammlung von Geboten in Lev 17–26 mit Anhang in 27, die man als »Heiligkeitsgesetz« bezeichnet, nach Lev 19,2: »Ihr sollt heilig sein, denn ich, Jhwh, euer Gott, bin heilig!«

Im Mittelpunkt des Numeribuches stehen Erzählungen von der Wüstenwanderung der Israeliten ins verheißene Land. Nach dem Aufbruch (Num 10) kommt es wiederholt zum Aufbegehren (»Murren«) und zur Bestrafung des Volkes (Num 11–14; 16). Die Exodusgeneration stirbt in der Wüste, bevor mit der Eroberung und Verteilung des Ostjordanlandes (20–21.32) die Erfüllung der Verheißungen beginnt. Die Bemühung des Moabiterkönigs, den Seher Bileam dazu zu bewegen, Israel zu verfluchen, scheitert: dieser muss das Volk segnen (Num 22–24). Der Versuch, die Israeliten durch Verführung zum Götzendienst zu bewegen, mündet in eine Bestrafung der Schuldigen, der Eifer des Priestersohnes Pinhas wird durch die Verheißung des bleibenden Rechts auf das Priestertum belohnt (Num 25). Die Erzählungen sind gerahmt durch die Schilderung der Musterung und der Lagerordnung Israels (Num 1–4.26) und werden durch zahlreiche Torot für den Kultus und die Ordnungen der Landverteilung ergänzt (Num 5–9; 15; 17–19; 27–31; 33–36).

Das Deuteronomium ist literarisch als Sammlung von Abschiedsreden des Mose gestaltet worden. Nach einer Rekapitulation der prägenden Ereignisse der Wüstenzeit (Dtn 1–3) folgt eine Ermahnung zur Einhaltung der Tora, der Verehrung Jhwhs als des einzigen wahren Gottes und des Verbots der Anfertigung von Götterbildern (Dtn 4). In einem zweiten Abschnitt wird an den Bundesschluss am Gottesberg erinnert, der hier Horeb, »Wüstenberg«, heißt und an den Dekalog (Dtn 5). Die Reihe der hieran anschließenden Mahnreden in Dtn 6–11 wird eingeleitet durch das Hauptgebot in Dtn 6,4–5: »Höre, Israel (hebr. schema‘ jisrael)! Jhwh ist unser Gott, Jhwh ist einzig! Und du sollst Jhwh, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen und von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft!« Dtn 12–15 gebieten, Jhwh allein an einem von diesem erwählten Kultort zu verehren und schärft eine besondere Fürsorgepflicht für die bedürftigen Mitglieder der Gesellschaft (Witwen, Waisen, Fremde, auf dem Lande lebende Leviten, Sklaven) als »Brüder« ein. Der Festkalender (Dtn 16,1–17) erklärt Passa/Mazzot, das Fest des Erntebeginns des Sieben-Wochenfestes (hebr. schāvu’ôt) und das Lesefest als Laubhüttenfest (hebr. sukkôt) zu Wallfahrtsfesten. Es folgt eine Ämterordnung für Richter, Könige, Priester und Propheten (Dtn 16,18–22; 17–18), eine Ordnung für die Kriegsführung (Dtn 20) sowie eine Sammlung von Gesetzen, die z. T. Regelungen des Bundesbuches weiterführen (Dtn 21–25). Die Sammlung endet mit den Anweisungen für die erste feierliche Darbringung der Gaben des Landes (Dtn 26). Nach der Überquerung des Jordans soll ein Ritual der Verpflichtung auf dieses Gesetz erfolgen (Dtn 27); dessen Einhaltung wird mit Segensverheißungen versehen, die Nichteinhaltung mit Flüchen bedroht, wie man sie aus altorientalischen Verträgen kennt, und so wird das Deuteronomium zum Grundtext eines »Moabbundes« (Dtn 28). Mahnreden zur Einhaltung der Gebote schließen diesen Teil ab (Dtn 29–30). In Dtn 31 setzt die Erzählung wieder ein. Mose kündigt seinen Tod an und bestimmt auf göttliche Weisung hin Josua zu seinem Nachfolger. Er schreibt die Tora auf und übergibt sie zur Aufbewahrung den levitischen Priestern und den Ältesten des Volkes. In seinen prophetischen Offenbarungen sieht er den Ungehorsam Israels, den Verlust des Verheißungslandes, jedoch auch das Ende des göttlichen Gerichts an seinem Volke voraus (Dtn 32) und spricht den Stämmen seinen Segen zu (Dtn 33). Mose darf vom Berge Nebo aus das verheißene Land schauen bevor er stirbt, sein Grab bleibt unbekannt (Dtn 34). Im Epilog des Pentateuch heißt es: »In Israel ist nie mehr ein Prophet aufgetreten wie Mose, der Jhwh erkannt hatte von Angesicht zu Angesicht!«

Die Fortsetzung der Erzählung der Landnahme im Josuabuch war zeitweise literarisch mit dem Pentateuch verbunden, so dass man auch von einer »Hexateuch« (Sechs-Buch)-Erzählung spricht. Aufgrund der Lesung des Pentateuchs als Mose-Tora wurde allerdings das Josuabuch vom Pentateuch abgetrennt.

3. Entstehung71

Der Pentateuch gibt keine Auskunft über seine Verfasser. Schon im 16. Jh. wurden Zweifel an der Verfasserschaft des Mose geäußert, und seit dem 17. Jh. nahm man an, dass der vorhandene Text auf Schriftgelehrte, insbesondere Esra, den Schreiber, zurückgehe (vgl. Esr 7; Neh 8). Zu der literarischen Kritik kam im Zeitalter der Aufklärung die sachliche Kritik. Man sah ein, dass die Erzählungen von der Erschaffung der Welt und der Sintflut Mythen waren und darum nicht kompatibel mit den Einsichten der modernen empirischen Wissenschaft, dass zudem die Erzählungen von den Erzeltern, die Geschichten vom Exodus und der Wüstenwanderung Sagen und Legenden waren, deren historischer Kern nur noch erahnt, aber nicht mehr durch außerbiblische Quellen nachgewiesen werden kann. Die zunehmenden Erkenntnisse über die Geschichte und Literatur des Alten Orients infolge der Entdeckungen der Archäologie, der Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen und mesopotamischer Keilschrifttexte zeigten, dass die Literatur Israels als Teil der altorientalischen Überlieferungen verstanden werden muss.

Die Entdeckung, dass in einer von Gen 1,1–2,3 ausgehenden und bis Ex 6,2–8 reichenden Linie der Erzählung die Gottesbezeichnung Elohîm verwendet wurde, in Gen 2,5–4,26 aber der Name Jhwh führte in der Folge zu der Annahme, dass die Komposition des aus Erzählungen und Gesetzen bestehenden Werkes auf der Verwendung mehrerer unterschiedlicher Texte (Quellen) beruhte. Im Verlauf des 18. und 19. Jh.s wurden mehrere Modelle entwickelt. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Erzählung, die in Gen 1 begann, nach Ex 6 bis zu den Texten von der Errichtung des Wüstenheiligtums und der daran sich anschließenden rituellen Gebote weiterverfolgen ließ bis zu der Notiz über den Tod des Mose in Dtn 34,7, nahm man eine »Grundschrift« an, die man später »Priesterschrift« nannte, und vermutete, dass diese durch die nicht diesem Erzählfaden zuzuweisenden Texte ergänzt worden sei (Ergänzungshypothese). Andere versuchten, aus dem durch die Verwendung des Jhwh-Namens markierten Erzählfaden eine Urkunde zu rekonstruieren, deren Verfasser man »Jahwist« nannte,72 daneben gab es eine Reihe von Texten, welche nicht der Grundschrift zugehörten, die aber gleichwohl die Gottesbezeichnung Elohim benutzten (vgl. Gen 20–22; Ex 3) und für die man demnach mit einer »Elohisten«-Quelle rechnete. Für das Deuteronomium nahm man an, es enthalte die Schrift, von deren Auffindung zur Zeit des Königs Joschija in 2Kön 22–23 die Rede ist und die Anlass zu der dort geschilderten Verwerfung anderer Götter und der Zentralisierung des Kultus gegeben habe. Das Bundesbuch, welches die Errichtung mehrerer Kultorte vorsieht (Ex 22,24), musste also älter sein. Demnach sei der Pentateuch aus mehreren Urkunden zusammengesetzt worden (Urkundenhypothese). Eine dritte Gruppe von Exegeten vertrat die Ansicht, dass der Pentateuch aus zahlreichen zunächst mündlich, später schriftlich tradierten einzelnen Erzählkränzen zusammengesetzt worden sei, die sehr lange unabhängig voneinander überliefert wurden (Fragmentenhypothese). Die Einsicht, dass auch die Priesterschrift den Gedanken der an einem Kultort zentrierten Gottesverehrung vertrat (vgl. Ex 29,42–46), führte Julius Wellhausen zu der Einsicht, dass die »Grundschrift« erst nach dem Deuteronomium, in der Epoche des sog. »babylonischen Exils« (zwischen 587 und 539/520 v. Chr.) entstanden sei.73 Seitdem nahm man an, dass der Pentateuch auf die alten Quellen eines »Jahwisten« (entstanden im davidisch-salomonischen Königreich) und eines »Elohisten« (aus dem Königreich Israel) zurückgehe, die man noch im 7. Jh. miteinander zu einer Jerusalemer Geschichtserzählung verbunden habe. Daneben seien das Deuteronomium (nach 622 v. Chr.) und die Priesterschrift (6. Jh.) entstanden. Schriftgelehrte hätten diese Quellen im 5. Jh. zusammengefügt (Neuere Urkundenhypothese). Die Stoffe der Erzählungen führte man mit Herrmann Gunkel74 und Martin Noth75 auf eine lange mündliche und schriftliche Überlieferungsgeschichte zurück. Noth zeigte zudem, dass das Deuteronomium mit den Büchern Jos, Ri, Sam und Kön Teil eines am Dtn orientierten »deuteronomistischen« Erzählwerks geworden war, bevor es mit P und den älteren Quellen zusammengeführt wurde.76

In der jüdischen Exegese wurde die Quellentheorie meist abgelehnt. Die historisch orientierten jüdischen Exegeten im Gefolge Yehezkel Kaufmanns77 nehmen vielfach ein hohes Alter der Priesterschrift an. In neuerer Zeit setzte sich jedoch die Einsicht durch, dass große Teile der auf den Kultus bezogenen priesterlichen Texte des Heiligkeitsgesetzes (Lev 17–26) und des Levitikus- und Numeribuches erst in der Epoche des zweiten Jerusalemer Tempels ihre jetzt erkennbare schriftliche Gestalt erhalten haben.

Seit den 70er Jahren des 20. Jh.s wird die Quellentheorie zunehmend infrage gestellt. Die Ursprünge der Erzählungen des Pentateuchs liegen in weit zurückreichenden mündlichen Überlieferungen Israels. Die Bemühungen um die Rekonstruktion ihrer vorexilischen literarischen Form haben zu der Einsicht geführt, dass diese durch die Bearbeitungen der nachexilischen Zeit überlagert sind und also die Rekonstruktion einer lückenlosen literarischen Komposition der vorexilischen Väter- und Exodussagen nicht mehr möglich ist.78 Stattdessen nimmt man an, dass die Väter- und Exodus-, Wüstenwanderungs- und Landnahme-Erzählungen in einzelnen Zyklen tradiert wurden.79 Die Jakob-Laban-Sagen und wohl auch die Legenden von Jakobs Entdeckung der Heiligtümer Bet-El und Pnu-El haben ihre Wurzel in den Überlieferungen des Nordreichs Israel, die Isaak-Esau-Sagen sind mit dem Gebiet um Beer-Scheba verbunden und die Abraham-Lot-Sagen mit Hebron. Die Erzelternsagen wurden zu einer Geschichte von den Ursprüngen der Stämme Israels verbunden. Die Novelle von dem tragischen Geschick des Josef und seinem wundersamen Aufstieg zum Berater des Pharaos könnte in einer früheren Form als Erzählung für sich bestanden haben, jetzt ist sie mit der Väter- und Exodusgeschichte kompositionell verbunden. Ein weiterer vorexilischer Zyklus ist die Erzählung vom Exodus der Hebräer unter Führung des Mose und der Begegnung mit Jhwh am Gottesberg. Schließlich hat es auch eine vorexilische Wüstenwanderungs- und Landnahmeerzählung gegeben, von der Teile in Ex 15;17–18 und Num 13–14. 20 und im Josuabuch erhalten geblieben sind. Neben den epischen Zyklen gehen die Rechtssatzsammlungen des Bundesbuchs und des Deuteronomiums auf vorexilische Fassungen zurück.80

Der Dekalog, der die alleinige, bildlose Verehrung Jhwhs als des Gottes Israels fordert, ist unter dem Einfluss der deuteronomistischen Theologie vermutlich erst in exilischer Zeit formuliert worden; anstelle der Kultfeste tritt die Forderung der Einhaltung der Ruhe am siebten Tag, dem Sabbattag, in den Vordergrund. An der Annahme einer priesterschriftlichen Grunderzählung, die von Gen 1 bis Lev 9 rekonstruiert werden kann, halten viele Exegeten hingegen fest.81 Erst in nachexilischer Zeit seien einerseits Väter- und Exodus-Erzählung auf der Basis der priesterlichen Erzählung zusammengeführt worden. Das Motiv einer Landverheißung Gottes als Eid nicht allein an die Väter der Exodusgeneration, sondern schon an Abraham, Isaak und Jakob, verbindet diese Komposition mit der deuteronomistischen Landnahmeerzählung des Deuteronomiums und des Josuabuches (vgl. Gen 12,7; 13,15.17; 15,7.18; 50,24; Ex 13,5.11; Dtn 1,8; 6,10; 31,7; 34,4). Über die weisheitlichen mythischen Lehrerzählungen von Adam und Eva, dem Paradies, Kain und Abel oder einzelne Fragmente der Noah-Legenden oder die Legende vom Turmbau zu Babel hat man lange vermutet, dass sie den alten Quellen zugehören; in neuerer Zeit verstärkt sich der Eindruck, dass sie erst in später nachexilischer Zeit in die Urgeschichte eingefügt wurden. Die »Komposition des Hexateuch«, also die Zusammenstellung der Bücher Gen–Jos ist demnach das Werk von Schriftgelehrten der Zeit des Zweiten Tempels, vermutlich im 5. Jh. v. Chr. Mit der Einführung des Heiligkeitsgesetzes, welches sowohl Forderungen der Priesterschrift als auch des Deuteronomiums weiterführt, wird der sakrale Charakter der Mose-Tora betont. Sie dürfte wie auch die weitere Ausgestaltung der priesterlichen Vorstellungswelt und ihrer Gesetze in Num 1–10; 15; 17–19; 26–36 auf spätere priesterliche Bearbeiter zurückgehen, die dem Pentateuch im 4. Jh. v. Chr. im Wesentlichen seine endgültige Gestalt gegeben haben. Mit der steten neuerlichen Abschrift der Texte sind lange Zeit noch Glossen und Textvarianten in die Schriftrollen geraten, wie bei einem Vergleich des hebräischen Textes mit den alten Handschriften aus Qumran, dem Pentateuch der Samaritanergemeinde oder den frühen Bibelübersetzungen der Septuaginta, der Targume (jüdisch-aramäische Übersetzung) und der altlateinischen christlichen Übersetzungen noch erkennbar ist.

4. Gesetze

Das Bundesbuch (Ex 20,22–23,33) basiert auf alten Reihen von Rechtssätzen, die aus Fallbeispielen abgeleitet wurden (kasuistische Rechtssätze), welche von den Ältesten und Bürgern in den Stadttoren verhandelt wurden, z. B. Ex 21,18–22,16. Sie dienen dazu, Rache und persönliche Vergeltung durch geregelte Verfahren zu vermeiden. Viele haben Parallelen in den altorientalischen Rechtssatzsammlungen der Assyrer und Babylonier, z. B. im Codex Hammurabi (18. Jh. v. Chr.). Anders als diese kennt das biblische Recht keine Verstümmelungsstrafen; der Satz »Auge um Auge, Zahn um Zahn etc.«, der eine Entsprechung von Tat und Strafmaß anstrebt (lat. talio), wird dahingehend interpretiert, dass in Fällen der Körperverletzung die Schadensersatzleistung dem Maß des dem Opfer zugefügten Schadens entsprechen soll (vgl. Ex 21,18–20). Die Form der apodiktischen Rechtssätze (vgl. Ex 21,12–17) hat seine Wurzeln in der weisheitlichen Belehrung von Verantwortungsträgern, wie wir sie schon im alten Ägypten finden. Vermutlich infolge der sozialen Krisen des 8. Jh.s v. Chr. und unter dem Eindruck der Propheten Amos und Jesaja hat man neben den Regeln für das Prozessrecht, welche auch den Gegner schützen (Ex 23,1–9) auch Schutzrechte für Witwen, Waisen, Fremde und Arme (personae miserabiles) in das Gesetz eingeführt (Ex 22,20–26) und es in den Rahmen religiöser Verpflichtungen gestellt (Ex 20,22–26; 23,10–19).

Das Deuteronomium fordert in seinen Gesetzen die ausschließliche Verehrung Jhwhs (Dtn 6,4f.) an einem einzigen von diesem erwählten Kultort (Dtn 12) durch das eine, von ihm erwählte Volk (Dtn 16,1–17; 26,16–18; vgl. Dtn 7,6). Die Versorgung der sog. personae miserabiles, d. h. der Armen, Sklaven, Fremden und der levitischen Landpriester, wird verpflichtend (Dtn 14,27–15,11). Dem Sozialrecht liegt ein familiares Ethos zugrunde, nach welchem auch diejenigen, die sich wegen ihrer Schulden in den Sklavendienst begeben müssen, als »Brüder« (bzw. Geschwister) anzusehen sind (Dtn 15,12–18). Durch die Anfügung von Fluchandrohungen für den Fall der Nichteinhaltung der Gesetze (Dtn 28) erhält das Gesetz Züge, die an die Verpflichtungen in altorientalischen Verträgen erinnern. Allerdings tritt anstelle eines fremden Herrschers nun Jhwh selbst als derjenige auf, dem sich das Volk im Bund verpflichtet. Das deuteronomische Gesetz (Dtn 6,4f.; 12–26; 28) ist durch Dtn 5–11 und 27; 29–30 zu einem Text gestaltet worden, der auf Mose zurückgeführt wird. Der Bund zwischen Jhwh und Israel gilt als der durch ihn am Gottesberg Horeb vermittelte Bund (Dtn 5,3). Als grundlegender Orientierungstext liegt ihm der Dekalog zugrunde, dessen Einleitungssatz »Ich bin Jhwh, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt hat!« die Forderung der ausschließlichen Verehrung Jhwhs als Gott, das Bilderverbot und das Verbot des Missbrauchs des Gottesnamens, Sabbat- und Elterngebot sowie die Gebote zum Schutz des Lebens und der Unantastbarkeit des Besitzes und des Rechts als Freiheitsrechte ausweist. Durch die zweite Rahmenrede (Dtn 1–3; 31; 34) wird dieses Bundes-Gesetz in die Geschichte der Mosezeit eingeschrieben. Später wurde das Deuteronomium Teil der großen von Genesis bis Josua reichenden Erzählung des Hexateuchs.

Die Erzählungen der Priesterschrift entwerfen das Bild einer durch die Schöpfung begründeten kosmischen Ordnung, in deren Zentrum die Einwohnung Gottes inmitten Israels steht (Ex 25,45f.), und die Frage nach der Möglichkeit eines gerechten und vollkommenen Lebens vor Gott (Gen 6,9; 17,1). In den Mittelpunkt gerückt werden die Achtung vor dem Leben und der Würde des Menschen als des Ebenbildes Gottes und damit verbunden das strikte Verbot des Blutvergießens und des Blutverzehrs in den Geboten an Noah (Gen 9,4–6). In einer Bundeszusage sichert Gott der Welt die Erhaltung des Lebens zu (Gen 9,12–17). Mit der Erschaffung des Lichts und der Ermöglichung des Lebens tritt das Gute in die Welt ein (Gen 1,4). An diese Erzählung knüpfen sich allerlei Ordnungen des kultischen Lebens, die vermutlich infolge der Verbindung mit den anderen Gesetzessammlungen und den sie begründenden Narrativen hinzugefügt wurden. Der Kultus soll sich an einem kosmischen Kalender orientieren, der sich nach dem Zyklus des Mondes richtet und alle sieben Tage eine Ruhe (hebr. schabat) für die Schöpfung und Gott vorsieht, eine heilige Zeit, in welcher die Arbeit unterbrochen wird (Gen 2,2f.). Der Ruhetag wird mit dem Namen des Vollmondtages als Sabbat (babyl. schapattu, hebr. schabbāt, Ex 20,11) bezeichnet. Zu den Vorschriften über die Ausstattung des Kultes und die Weihe der Priester werden Anweisungen über die Durchführung von Opfern in die Schrift eingefügt (Ex 25–31). Im Opfer drückt sich der Gedanke aus, dass der Mensch das, was er der Schöpfung entnimmt, ihr und dem Schöpfer symbolisch in einem Akt der vollkommenen Darbringung in einem Brandopfer (hebr. ‘olāh – »das Aufsteigende«; griech. holokauston – »vollkommene Opferung«) zurückerstattet. Zum anderen leistet er Genugtuung für seine Versäumnisse und Verfehlungen im Sündopfer.82 Schließlich treten Mensch und Gott mit dem Verzehr von Dankopfern gleichsam in eine Mahlgemeinschaft ein (Lev 1–7). Die Darbringung des Blutes im Opfer am Versöhnungstage dient zum Ausdruck der Erneuerung der Lebensgemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk (Lev 16). Die Speisegebote (Lev 11; Dtn 14) bilden Regeln hinsichtlich des Verzehrs von tierischer Nahrung, welche die Vermeidung des Verzehrs von Blut und aller verunreinigenden Berührung mit Totem und damit die Achtung vor dem Leben prinzipiell sicherstellen wollen. Dem dienen auch die hygienischen Vorschriften, welche die Berührung mit Blut oder Infektionskrankheiten und Verunreinigungen unterbinden sollen (Lev 12–15).

Priesterliche Schriftgelehrte haben im sog. »Heiligkeitsgesetz« die deuteronomischen und die priesterlichen Vorschriften weiterentwickelt zu einer Lex sacra, welche die Heiligung des Lebensalltags und die Sakralisierung der Rechtsordnung ermöglichen sollten. Im Mittelpunkt steht eine Auslegung des Dekalogs (Lev 19), wonach die Heiligung Israels u. a. darin besteht, dass es in Rechtskonflikten jegliche Rache vermeidet und den Gegner wie den Fremdling als Nächsten anerkennt: »Du sollst deinen Nächsten/den Fremden lieben wie dich selbst!« (Lev 19,18.34). Der profane Verzehr von Fleisch wird untersagt (Lev 17,3–14), jegliche Gewaltausübung, insbesondere sexuelle Gewalt und Inzest werden verworfen (Lev 18; 20), die kultische religiöse Observanz rückt ins Zentrum der Lebensvollzüge (Lev 21–23). Die Solidarität mit den Armen ist so strikt einzuhalten, dass es nicht mehr zu Schuldsklaverei kommt; nach sieben mal sieben Jahren ist im fünfzigsten Jahr ein genereller Schuldenausgleich durchzuführen. Der Erlass wird durch das Blasen des Jobel-Horns angekündigt, daher die Bezeichnung »Jobel-Jahr«. Die Einhaltung des Sabbats erhält höchste Verbindlichkeit (Lev 21,1–3; 26,43; vgl. Ex 31,11–17). Wie auch das Deuteronomium endet diese Sammlung in einer Ankündigung von Segen und Fluch (Lev 26).

Im Numeribuch werden die sakralen Gesetze weiter ausgeführt und mit Hinsicht auf die Bedingungen des Kultus und der Landverteilung des Verheißungslandes weiter ergänzt. Oft werden sie dabei assoziativ an Erzählungen angeschlossen. So ist etwa mitten in die Erzählungen von Israels Weigerung, Mose auf dem Weg der Landnahme zu folgen (Num 13–14; 16,12–15) eine Tora über Opfer, die man im Lande darbringen soll unter Einschluss von Opfern, welche man für die absichtliche oder auch unabsichtliche Nichtbefolgung von Geboten bringen muss, eingefügt worden (Num 15,1–31). Die Erzählung über die Rebellion gegen Aarons Position als Priester (Num 16–17) wird verbunden mit einer Tora über Priester und Leviten (Num 18) sowie – nach der Bestrafung der Rebellen – einer Tora über ein Reinigungsritual (Num 19).

5. Theologie

Die Schriftgelehrten der Epoche des Zweiten Tempels haben die ihnen zugekommenen Texte immer wieder neu abgeschrieben, dabei unterschiedliche literarische Traditionen miteinander verbunden und ihrerseits neue Texte aus eigener Tradition hinzugefügt. So ist ein überaus reiches und vielstimmiges Werk entstanden, dessen unterschiedliche theologische Konzeptionen sich überlagern und die inneren Diskurse der israelitischen Kultusgemeinschaft widerspiegeln. In vielen der alten Erzählungen der Genesis bleibt über weite Passagen hinweg das Wirken Gottes verborgen. Nur in einzelnen speziellen Krisensituationen entsteht eine besondere Unmittelbarkeit, in der Gott durch sein Eingreifen eine Lebenswende bewirkt wie bei Hagar, Jakob oder Josef. In der Mose-Exodus-Erzählung wird die Gottesbeziehung durch Mose vermittelt, diesem Gott begegnet das Volk in der Erscheinung am Gottesberg, dieser ist es auch, der es in das Verheißungsland führt. Jhwh trägt Züge eines Gewitter- und Berg-Gottes, aber auch eines Kriegsgottes (Ex 15,3).

Deutlich hat sich die deuteronomistische Theologie auf die Gestaltung der Stoffe ausgewirkt, Spuren einer früheren Religionsform, in der Jhwh als Oberhaupt eines Pantheons erscheinen konnte (vgl. Ps 29,1f.; 2Kön 23,4–14), werden verdrängt (vgl. Gen 31,19.31–35; 35,1–5). Das Deuteronomium fordert, dass Israel allein Jhwh als den einen Gott verehren soll und keine anderen Götter. Gott ist unmittelbar präsent in seinem Reden zu Mose und in seiner Wunder wirkenden Macht in Exodus und Landnahme. Am Gottesberg Horeb offenbart er durch Mose sein Gesetz, dem zu gehorchen das von ihm als heiliges Volk erwählte Israel in einem Bund verpflichtet wird (Dtn 7,6; 26,16–19). Seine Verheißung an die Israeliten aus Ägypten erfüllt er in der vollständigen Eroberung des Landes. Dieses kann Israel wieder verlieren, wenn es den Bund bricht. Jhwh ist der Gott des Bundes.

Die Priesterschrift betont die universale Bedeutung Gottes als Schöpfer der Welt. Er erschließt sich den Völkern als Gott (hebr. ’ælohîm), den Vätern als der allmächtige Gott (hebr. ’el šaddaj), Mose aber mit seinem Namen Jhwh. Er verpflichtet sich selbst als Schöpfer im Noahbund zur Erhaltung der Welt (Gen 9) und in einem weiteren Gnadenbund mit Abraham dazu, diesem Nachkommen und Land zu gewähren (Gen 17) und nimmt von sich aus Wohnung in der Welt (Ex 29; Lev 9), indem er seine glanzvolle Herrlichkeit (hebr. kābôd) in Israels Mitte erscheinen lässt. Neben Mose, den Vermittler der Offenbarungen Gottes, tritt Aaron, der Priester.

Die Hexateuchkomposition verbindet die ihr überkommenen literarischen Überlieferungen der Priesterschrift und der deuteronomistischen Bücher Dtn und Jos miteinander und ergänzt sie durch die alten, vorexilischen Erzählungen. Israel steht im Zentrum der Völkerwelt. Die Verheißung Jhwhs ergeht schon an Abraham; der Segen, der Israel verheißen ist, wird von Abraham her auch auf die Völker übergehen (Gen 12,1–3), den Gottesfürchtigen der Völker wird der Segen Israels zuteil (vgl. Gen 20,17; 39,5; Ex 1,20; 18,9–11; Dtn 29,10). Der Gnadenbund Gottes mit Abraham erhält den Charakter eines Eides, in welchem Gott sich selbst verpflichtet, Israel das Land zu geben (Gen 15). Gott offenbart sich Mose in besonderer Weise und verheißt seine rettende Gegenwart (Ex 3,14). Auch wenn Israel den Bund bricht, lässt Gott sich durch die Fürbitte des Mose bewegen, den Bund zu erneuern (Ex 34); das Bundesbuch erscheint als Gesetz des alten Bundes vom Gottesberg, das Deuteronomium als das Gesetz des neuerlichen Bundesschlusses von Moab. Die levitischen Priester verwalten die Tora und die Bundeslade, die zum Symbol für Gottes Gegenwart wird (vgl. Dtn 10,8f.; 31,9–12; Num 10,33.35–36). Selbst der große Seher Bileam kann den Segen nicht von Israel abwenden (Num 22–24). Gott erfüllt seine Verheißungen in der Landnahme unter Josua. Darüber hinaus wird Israel verheißen, dass Gott durch seine Propheten das Wort auch nach Mose an sein Volk richten wird (Dtn 18,15–18; vgl. Jer 1,9).

Die Erweiterung der mosaischen Gesetze durch priesterliche Sakralgesetze verleiht der Tora des Pentateuchs ein besonderes Gewicht gegenüber allen weiteren prophetischen Schriften und auch gegenüber den Geschichtsbüchern. Theologisch werden die Akzente neu gesetzt. Israel wird als ein »Königreich von Priestern« das heilige Volk sein, wenn es den Bund hält (Ex 19,5f.). Die Verbindung aus Sakralgesetz und sozialen Ordnungen im Heiligkeitsgesetz dient dieser Heiligung, in seinem Zentrum steht die Achtung der priesterlichen Aufgaben und der kultischen Feste. Die Universalität der heiligen Ordnungen wird seit der Schöpfung durch den Sabbat markiert, der als heilige Zeit der Ruhe Gottes gilt, welche für Mensch und Tier lebenswichtig ist (Ex 31,12–17). Sabbat- und Jobeljahre gelten der Restitution der Lebensgrundlagen und gipfeln in einer allgemeinen Befreiung von Schulden (Lev 25). Wenn Israel den Bund bricht und die Sabbate nicht beachtet, so wird das Exil so lange dauern, bis die Sabbate nachgeholt sind (Lev 26,43). Die Beschneidung ist Zeichen der Zugehörigkeit zum Gnadenbund und zur Kultusgemeinde (Gen 17,9–13; Ex 12,4.8f.). Gottes kabôd ist manifest nicht über einem feststehenden Heiligtum, sondern über seinem Volk (Ex 13,21f.) und in der Offenbarung seines Willens an Mose, welche über allen weiteren prophetischen Offenbarungen steht (Ex 33,7–11; Dtn 34,10–12). Gottes Angesicht ist gegenwärtig in seinem Wort an Mose und bleibt doch unsichtbar (Ex 33,17-23).

In der Theologie der späten priesterlichen Bearbeitungen ist Gottes Präsenz eng verbunden mit dem Wüstenheiligtum, der Wohnung (hebr. miškan),83 welches zugleich auch als Orakelstätte (»Zelt der Begegnung«) dient. Das Heiligtum wird nun vom Sinai mitgetragen durch die Priester, die Stämme scharen sich um dasselbe. Allein Aaron und seine Nachkommen sind berechtigt, das hohepriesterliche Amt des Opferdienstes auszuüben, die weiteren Leviten unterstehen ihnen als Clerus minor (Num 1–10). Aaron ist es auch, durch den das Wort des Mose weitergegeben wird (Ex 4,14–16), er ist es, durch den im Segenswort der Name Gottes auf Israel gelegt wird (Num 6,22–27), sein Stab blüht, sein hohepriesterliches Amt steht über den Führungsansprüchen der übrigen Fürsten Israels (Num 16–17). Unter der Aufsicht seines Nachfolgers wird durch göttliches Orakel das Land verteilt (Num 27; 33), der Landnahmekrieg erscheint als geradezu sakrales Geschehen (Num 31). Die Ämter- und Kultordnung wird weiter ausgeführt (Num 18; 28–30) und so der Gedanke der Sakralisierung des Gesetzes durchgeführt. Das so entstandene Bild hat in den Chronikbüchern und in den außerkanonischen Toraschriften84 weitere Entfaltungen erfahren. Moses prophetische Rede gipfelt in einem Hymnus, der Gott als den Herrn der Welt und der Völker preist, der nach dem Exil seines Volkes dessen Erniedrigung beendet, die Völker für ihre Unrechtstaten zur Rechenschaft zieht (Dtn 32), und in einem großen Segenswort über Israel und den Priesterstamm Levi (Dtn 33).

Die Tora ist die heilige Schrift Israels. Sie bildet die Grundlage der Verkündigung Jesu von Nazareth (Mk 12,29–31; Matth 5,17). Sie ist zugleich ein Buch der Weltliteratur und Lehrbuch eines universalen Ethos von der Würde des Menschen, das zur Wahrung des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung anleitet im Namen eines Gottes, von dem es heißt: »Jhwh kam vom Sinai und leuchtete vor ihnen auf vom Seir ... Der du die Völker liebst, ihre Heiligen alle sind in deiner Hand!« (Dtn 33,3)

Bibliographie
Weiterführende Literatur

Die Tora. Die Fünf Bücher Mose und die Prophetenlesungen (hebräisch-deutsch) in der revidierten Übersetzung von Rabbiner Ludwig Philippson, hg. von Walter Homolka, Hanna Liss und Rüdiger Liwak unter Mitarbeit von Susanne Gräbner und Daniel Vorpahl, Freiburg i. Br. 2015.

Dietrich, Walter u. a., Die Entstehung des Alten Testaments (ThW 1), Stuttgart 2014.

Kratz, Reinhard Gregor, Die Komposition der erzählenden Bücher des Alten Testaments (UTB 2157), Göttingen 2000.

Liss, Hanna, Tanach – Lehrbuch der jüdischen Bibel, Heidelberg 2005.

Otto, Eckart, Das Gesetz des Mose, Darmstadt 2007.

Römer, Thomas u. a. (Hg.), Einleitung in das Alte Testament. Die Bücher der Hebräischen Bibel und die alttestamentlichen Schriften der katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen, Zürich 2013.

Xeravits, Géza G./Porzig, Peter, Einführung in die Qumranliteratur, Berlin 2015.

Zenger, Erich u. a., Einleitung in das Alte Testament. Neunte, aktualisierte Auflage, hg. v. Christian Frevel (Stb. Th. 1,1), Stuttgart 2016.

Ältere Werke

Eichhorn, Johann Gottfried, Einleitung in das Alte Testament, 3 Bände, Leipzig 1780–1783.

Gunkel, Hermann, Genesis übersetzt und erklärt, Göttingen 1901 (3. Aufl. 1910, ND 1977).

Kaufmann, Yehezkel, The Religion of Israel, from its Beginnings to the Babylonian Exile (Ivrit), Jerusalem 1960.

Noth, Martin, Überlieferungsgeschichtliche Studien. Teil 1: Die sammelnden und bearbeitenden Geschichtswerke im Alten Testament, Halle 1943.

Ders., Überlieferungsgeschichte des Pentateuch, Stuttgart 1948.

Wellhausen, Julius, Die Composition des Hexateuch, Berlin 1885 (3. Aufl. 1899; ND 4. Aufl. 1963).

Neuere exegetische Untersuchungen

Blum, Erhard, Die Komposition der Vätergeschichte (WMANT 57), Neukirchen-Vluyn 1984.

Ders., Studien zur Komposition des Pentateuch (BZAW 189), Berlin 1990.

Gertz, Jan u. a. (Hg.), Abschied vom Jahwisten. Die Komposition des Hexateuch in der jüngsten Diskussion (BZAW 315), Berlin 2002.

Hartenstein, Friedhelm u. a. (Hg.), Abschied von der Priesterschrift? Zum Stand der Pentateuchdebatte (VWGTh 40), Leipzig 2015.

Schmid, Konrad, Erzväter und Exodus. Untersuchungen zur doppelten Begründung der Ursprünge Israels in den Geschichtsbüchern des Alten Testaments (WMANT 81), Neukirchen-Vluyn 1999.

§ 9 Geschichtsbücher und Geschichtsschreibung

Thomas Naumann, Siegen

1. Biblische »Geschichtsbücher« – Das Problem der Benennung

Wer eine christliche Bibel aufschlägt, findet in der Regel die ersten siebzehn Bücher – von Genesis bis Ester – unter der Rubrik »Geschichtsbücher« angeordnet. Dadurch wird bei unvorbereiteten Lesern die Erwartung erzeugt, dass es in diesen Schriften vornehmlich um Darstellung von Geschichte, ja eigentlich um Geschichtsschreibung und historische »Tatsachen« gehen müsse. Zu denken gibt bereits, dass selbst das Buch Genesis mit seinem urzeitlichen Geschehen von Schöpfung und Sintflut, das doch aller Geschichte vorausliegt, unter die Rubrik »Geschichtsbücher« aufgenommen wird. Andererseits zeigt ein historischer Faktencheck zu alttestamentlichen Sachverhalten wie etwa zu Mose und dem Exodus oder zu David und dem frühen Königtum, dass biblische Texte oft nur wenig historisch verwertbare Nachrichten über die Personen und Ereignisse enthalten, die sie darstellen. Manche gläubige Menschen sehen sich an dieser Stelle herausgefordert, da sie meinen, nur durch historische Fakten verbürgte Texte könnten auch in einem theologischen Sinn relevant sein und »Wahrheit« vermitteln. Es lohnt sich also zu klären, in welchem Sinn in der Hebräischen Bibel auf Geschichte reflektiert wird und was die Kategorie »Geschichtsbücher« meint.

Betrachtet man den Aufbau der christlichen Bibel insgesamt, lässt sich eine heilsgeschichtlich orientierte Anordnung der einzelnen Schriftgruppen beobachten, die von der Schöpfung am Anfang bis zur Erwartung eines Neuen Himmels und einer Neuen Erde in der Johannesoffenbarung, dem letzten Buch der Bibel, führt. Dazwischen werden das Alte wie das Neue Testament durch diejenigen Schriften eröffnet, die sich mit Gottes Heilstaten in der Vergangenheit beschäftigen. Dann folgen Schriften der Unterweisung und des Gotteslobes und endlich Schriften der Zukunftserwartung und der Hoffnung auf Heil und Erlösung. Im Überblick:


Altes Testament Neues Testament
Gottes Heilstaten in der → Vergangenheit »Geschichtsbücher« (Genesis­ – Ester) Evangelien, Apostel­geschichte
Lehrbücher, Gotteslob, Ethik,→ Gegenwart Psalmen und weitere Schriften Briefe
Prophetie: Gottes Gericht, Heil und Erlösung → Zukunft Prophetenbücher (Jesaja – Maleachi) Johannesoffenbarung

Die Einordnung der Prophetenbücher am Ende des christlichen Alten Testaments hängt damit zusammen, dass prophetische Weissagungen auf Christus hin gedeutet worden sind, so dass jetzt auf die Ankündigung des endzeitlichen Propheten Elija in Mal 3,22 unmittelbar die Jesusgeschichte nach dem Matthäusevangelium folgt. Mit dieser heilsgeschichtlichen Anordnung der christlichen Bibel sollte deutlich gemacht werden, dass der Gott der Bibel nicht nur die Welt geschaffen hat und erlösen wird, sondern ihr fürsorglich zugewandt ist und vor allem im Raum konkreter geschichtlicher Ereignisse und Erfahrungen wirkt.

Der jüdische Kanon folgt einem anderen Aufbau. Selbstverständlich teilt die jüdische Tradition die biblische Auffassung von einem in der Geschichte wirksamen Gott, gliedert die heiligen Schriften aber nach dem Prinzip: Tora – Propheten – Schriften. Den grundlegenden Anfang bilden die fünf Bücher der Tora (5 Bücher Mose) als Weisung und Gesetz vom Berg Sinai. Diese Gebotsmitteilung (Halacha) ist literarisch eingebunden in eine große Frühzeiterzählung (Haggada), die von der Schöpfung bis kurz vor den Einzug in das »gelobte Land« reicht. Diese Ursprungserzählung hat in religiöser Hinsicht formativen Charakter und bildet Grundmuster jüdischer Identität und Beispiele religiösen Handelns aus, weshalb die ganze Tora in jedem Jahr im jüdischen Gottesdienst kursorisch gelesen wird. Die Propheten und die übrigen Schriften werden der Tora nachgeordnet und als ihre Auslegung und Erläuterung verstanden. Das Judentum hat nie den Versuch unternommen, die Schriften geschichtlichen Inhalts chronologisch zu ordnen, um einen zusammenhängenden geschichtlichen Geschehensbogen zu erhalten. Dieses andere Verständnis hat Folgen, denn die in der Tora erzählten Episoden werden weniger als historische Ereignisberichte aufgefasst, sondern vielmehr als identitätsstiftende Ursprungserzählungen. Interessanterweise werden in der jüdischen Tradition selbst typische »Geschichtsbücher« wie die Samuel- und die Königebücher als prophetische Schriften (»Vordere Propheten«) verstanden. Hinter dieser Benennung könnte die Erkenntnis stehen, dass es auch in diesen Schriften vor allem um theologische Deutung von geschichtlichem Geschehen geht, also um die Frage: Wie wirkt Gott? Und eine solche Geschichtsdeutung, die ein gewöhnlicher Beobachter der Zeitgeschichte nicht leisten konnte, war eine prophetische Aufgabe.

Die Ursprünge der christlichen Kategorisierung »Geschichtsbücher« liegen in der Antike. Schon die ältesten griechischen Vollbibelhandschriften aus dem 4. und 5. Jh. n. Chr. lassen auf die Tora (»Gesetzbücher«) eine Reihe »Historiae« genannte Bücher folgen, die vom Buch Josua bis zu den Makkabäerbüchern reicht. Allerdings werden hier die fünf Bücher Mose wie in der jüdischen Tradition noch als »Gesetz« verstanden und nicht den »Historiae« zugerechnet. Einen Vorläufer für das Bedürfnis, biblische Bücher als Geschichtsschreibung zu verstehen, kann man in dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus sehen, der Ende des 1. Jh.s n. Chr. in seinem Werk »Jüdische Altertümer« die jüdischen heiligen Schriften in Auszügen nacherzählt und damit in »Geschichtsschreibung« nach hellenistischem Geschmack verwandelt. Während noch im Neuen Testament das (spätere) Alte Testament ganz im jüdischen Sinn als »Gesetz und Propheten« aufgerufen wird, formuliert Irenäus von Lyon im 2. Jh. n. Chr. erstmals eine christliche Theorie der Geschichte: »Das Alte Testament ist, so betrachtet, nicht mehr nur die Vorstufe zum Neuen, sondern Urkunde einer sich stufenweise ereignenden und erstreckenden Heilsgeschichte«,85 durch die Gott in gewisser Weise erzieherisch handelt. Erst bei Irenäus finden wir die gedanklichen Voraussetzungen dafür, den christlichen Bibelkanon in der uns vertrauten Weise heilsgeschichtlich anzuordnen. Dabei hängt der hier verwendete Begriff der »Geschichte«, der sich in der uns vertrauten Bezeichnung »Geschichtsbücher« wiederfindet, sehr stark mit einem theologischen Gesamtverständnis vom Wirken Gottes in der Welt zusammen, das Schöpfung und endzeitliche Erlösung mit einschließt. Er hat wenig mit dem zu tun, das wir heute »Geschichtsschreibung« nennen würden. Diese Erinnerung hilft uns, die Kategorie »Geschichtsbücher« in unseren christlichen Bibeln als eine an biblische Texte nachträglich herangetragene Kategorisierung zu verstehen, die geschichtstheologischen Absichten folgt und nicht mit modernen Vorstellungen von Geschichtsschreibung zu verwechseln ist.

2. Alttestamentlicher Glaube und geschichtliche Erfahrung gehören zusammen
a) Geschichtsbewusstsein und Erinnerungskultur

Geschichtliches Bewusstsein entsteht überall dort, wo die eigene Existenz nicht mehr allein aus naturhaften Gegebenheiten abgeleitet, sondern als Konsequenz geschichtlicher Erfahrungen in der Vergangenheit gesehen wird, wobei Vergangenheit und Gegenwart als Ursache und Folge aufeinander bezogen werden. Es bildet sich dort, wo Menschen oder Gruppen über ihre eigene Herkunft nachdenken, ihre Ursprünge, die Erlebnisse ihrer Vorfahren oder prägende geschichtliche Erfahrungen weitererzählen und daraus Rückschlüsse auf ihr eigenes Leben in Gegenwart und Zukunft gewinnen. Auf diese Weise etabliert sich ein Verständnis von Geschichte als wechselvolle Abfolge vergangener Ereignisse, die in die eigene Gegenwart mündet. Die Kulturwissenschaften sprechen in diesem Zusammenhang von Erinnerungs- oder Gedächtniskulturen.86 Die eigene Identität wird durch Erinnerungen an vergangene Ereignisse bestimmt. Mit ihrer Hilfe werden Fragen beantwortet wie: Wer sind wir? Was macht uns aus? Wie sollen wir leben? Solche Fragen werden durch Erzählen vergangenen Geschehens so beantwortet, dass diese »Erinnerung« den Erfordernissen der eigenen Gegenwart entsprechen kann. Das wichtigste Instrument einer solchen auf die Gegenwart zielenden Erinnerungskultur in Israel ist das Erzählen. Israels Geschichtsbewusstsein prägt sich maßgeblich in der Prosaerzählung aus. Diese Erzählungen geschichtlichen Gehalts, die gern »Geschichtserzählungen« genannt werden, dienen aber nicht in erster Linie der Erforschung der Vergangenheit, sondern viel stärker der Orientierung in der Gegenwart. Es versteht sich von selbst, dass hier ein anderer Zugang zur Vergangenheit vorliegt als etwa in den modernen Geschichtswissenschaften, denen es um eine möglichst objektive Rekonstruktion vergangener Ereignisse geht.

Wie stark die Erinnerung von Vergangenheit der gegenwärtigen Orientierung und Vergewisserung dient, zeigt sich prägnant in einigen Psalmen. Da ist mehrfach von Situationen die Rede, in denen Gott ganz fern und die Erfahrung seiner gegenwärtigen Nähe unmöglich erscheint. In dieser persönlichen Krise erinnern sich die Beterinnen und Beter an die Geschichten von den heilvollen Wundertaten Gottes in Israels Frühzeit, um ihr Vertrauen in Gott zu stärken. Im Erzählen vergangener Gotteserfahrungen wird Gott selbst beim Wort genommen und als der aus der Erzählung bekannte Retter beschworen, nun auch gegenwärtig und künftig wieder einzugreifen. Auf diese Weise wird ein Erinnerungsraum eröffnet, der die Gegenwart mit der Vergangenheit und Zukunft zusammenschließt und neue religiöse Erfahrung und Hoffnung ermöglicht: »Was wir gehört und erfahren haben, was unsere Vorfahren uns erzählten, wollen wir den Kindern nicht verschweigen, sondern erzählen der künftigen Generation« (Ps 78,3–5 u. ö.). Dieses Zitat belegt zum einen die Bedeutung der mündlichen Kommunikation für die altisraelitische Erinnerungskultur. Zum anderen zeigt sich, dass die vergangenen Ereignisse durchlässig auf die jeweilige Gegenwart erzählt werden, nämlich so, dass sie jetzt religiöse Vergewisserung und Orientierung bieten können. Ganz in diesem biblischen Sinn heißt es später in der jüdischen Pesach-Haggada: »Jede Generation soll die Geschichte zum Auszug aus der ägyptischen Sklaverei so erzählen, als sei sie selbst dabei gewesen.« Auch diese Anverwandlung der Überlieferung an die Erfordernisse der eigenen Gegenwart steht in gewisser Weise konträr zu den Erfordernissen einer Geschichtsschreibung, die das Vergangene konservieren möchte.

b) Geschichte wird theologisch gedeutet

In der beschriebenen Weise ist ein Großteil der biblischen Erzählliteratur von einem starken Geschichtsbewusstsein und von einem großen Interesse an theologischer Deutung geschichtlichen Geschehens bestimmt, so dass man das Alte Testament insgesamt gern als Geschichtsbuch beschrieben hat. Schon das Urbekenntnis zum Gott Israels, der sein Volk aus der ägyptischen Knechtschaft befreit und weiter auf seinem geschichtlich wechselvollen Weg in seiner konkret erfahrenen Geschichte begleitet hat, zeigt dies zur Genüge. Und die biblisch mehrfach bezeugte Aufforderung, immer wieder davon zu erzählen, belegt die zentrale Stellung einer solchen Erinnerungskultur für den altisraelitischen Glauben. Der Gott der Bibel ist einer, der in der Geschichte wirkt.

Dass Götter aktiv ins Weltgeschehen eingreifen und daher Geschichte gestalten, ist für die antiken Erinnerungskulturen selbstverständlich. Moderne Menschen, denen es ungleich schwerer fällt, Gottes Handeln im geschichtlichen Ablauf zu identifizieren, verblüfft die Selbstverständlichkeit und Sicherheit, mit der biblische Erzähler Gott als Handlungsperson aktiv in das Weltgeschehen eingreifen lassen. Da aber auch in biblischer Zeit Gottes Handeln in der Welt nicht einfach von Menschen beobachtet werden konnte, wird hierbei sehr deutlich, dass es sich nicht um Beschreibungen geschichtlicher Abläufe handelt, sondern um theologische Deutungen geschichtlichen Geschehens. Solche theologischen Deutungen von Geschichte sind das hervorstechendste Kennzeichen biblischer Literatur und keinesfalls nur auf die Geschichtserzählungen begrenzt, sondern finden sich auch in Psalmen und vielfach in der Prophetie. Die frühen Schriftpropheten des 8. Jh.s v. Chr. (Amos, Hosea, Jesaja) deuten unter dem Eindruck der assyrischen Krise ihre eigene Zeitgeschichte als Unheil und Folge der Verschuldung Israels und stellen sie einer heilvolleren Frühzeit gegenüber. Daraus resultiert ein Doppeltes: einerseits oft düstere Zukunftsperspektiven, andererseits aber auch die Möglichkeit neuer Hoffnung, weil der Weg Gottes mit seinem Volk doch nicht plötzlich zu Ende sein wird (Am 3,4–8; Hos 11; Jes 28,21.29). Im Mittelpunkt dieser Geschichtsdeutung steht die Beziehung Jhwhs zu seinem Volk im Horizont geschichtlicher Ereignisse. Es könnte sein, dass die frühe Schriftprophetie einen wesentlichen Beitrag zu einem theologischen Geschichtsverständnis geleistet hat, das dann auch die erzählenden »Geschichtswerke« bestimmt.

c) Formen, Medien und Gelegenheiten altisraelitischer Erinnerungskultur

Die Orte solcher geschichtlichen Erinnerungen sind zum einen die Familien in der Kontinuität der Generationen, in denen die Eltern ihren Kindern erzählen, zum andern die religiösen Feste und besonders die Heiligtümer, der Königshof und die Schreiberschulen, in denen Erinnerungen an die Vergangenheit öffentlich gepflegt und artikuliert werden. Und selbstverständlich wandeln sich Erinnerungs- und Vergangenheitsbilder, je nachdem, wer wann und mit welchem Interesse die geschichtlichen Überlieferungen re-formuliert. Die Medien altisraelitischer Erinnerungskultur gehören in erster Linie zur mündlichen Kommunikation in einer Gesellschaft, in der Schrifterwerb und Schriftgebrauch nur einer kleinen gesellschaftlichen Elite vorbehalten waren. Ihre Anlässe sind vielfältig: Vergangenheitserzählungen haften an konkreten Orten, Namen, geographischen Gegebenheiten, Bräuchen, Ritualen, Festen oder werden durch die großen theologischen Fragen nach dem Sinn von Zerstörung und Leid oder nach der Anwesenheit und Erfahrbarkeit Gottes im Ablauf der Welt hervorgebracht. Die narrative Erinnerung in Israel liebt es, Fragen der Gegenwart durch das Erzählen von allerlei Ursprungsgeschichten verständlich zu machen und zu beantworten. Keineswegs immer ist in diesen Erzählungen ein historischer Ereignis- oder Erinnerungskern auszumachen, an den sich dann die spätere narrative Ausgestaltung nur noch angelagert hätte. Neben dem Erzählen ist das Aufzählen von familiären Stammbäumen (Genealogien) ein wichtiges Mittel der Erinnerung, zumal in einer Gesellschaft, deren Sozialstruktur vor allem auf Verwandtschaftsverhältnissen beruht. So erzählt man sich den Ursprung des eigenen Volkes als Familiengeschichte Jakobs und seiner zwölf Söhne ebenso wie den Ursprung der ganzen Menschheit und der Völker als Familiengeschichte Noahs und seiner Söhne.

Alttestamentliche Schriften gründen in dieser mündlichen Erinnerungskultur, sind aber nicht mit ihr identisch, sondern bilden nur denjenigen Teil, der zu bestimmten Zeiten durch gesellschaftliche Eliten aufgeschrieben wurde. So kennen wir nur die schriftlichen und letztlich kanonischen Endprodukte der altisraelitischen Erinnerungskultur und können Fragen nach ihrem Entstehen und ihren Verzweigungen oft nicht mit Sicherheit beantworten.

Das starke Bewusstsein dafür, dass sich die Vergangenheit in konkreten und wechselvollen geschichtlichen Ereignissen zeigt, sorgt dafür, dass die biblischen Vergangenheitsdarstellungen keine typisierten religiösen Exempel bieten. Vielmehr schildern sie einmaliges, unverwechselbares und nicht wiederholbares Geschehen einer geglaubten Vergangenheit, Menschen aus Fleisch und Blut in ihren konkret gelebten Leben. Sie tun dies aber in einer für Gegenwart und Zukunft der jeweiligen Erzählgemeinschaft orientierenden und daher paradigmatischen Weise.

3. Von der mündlichen Erinnerungskultur zur Geschichtsschreibung

Zu den Gattungen mündlicher Erinnerungskultur gehören vor allem kürzere und längere Prosaerzählungen (Sagen, Legenden, Anekdoten, Novellen usw.) sowie listenartige Aufzählungen (z. B. Genealogien). Diese erzählenden Gattungen sind auch in großem Umfang in die Werke altisraelitischer »Geschichtsdarstellung« aufgenommen worden. Interessanterweise ist die in der Hebräischen Bibel dominierende Prosaerzählung in den altorientalischen Umweltkulturen gerade keine typische historiographische Gattung. Dort finden sich eher aufzählende Listen, Annalen, königliche Kriegs- und Bauberichte usw. auf der einen oder mit Mythen aufgeladene und rhythmisch kunstvoll geformte Epen auf der anderen Seite. Das ist in der Hebräischen Bibel anders. Hier bestimmt die Gattung der Prosaerzählung, die einer mündlichen Gedächtniskultur entstammt, in einem Umfang die Vergangenheitsdarstellung, wie wir sie erst wieder in der griechischen Historiographie bei Herodot im 5. Jh. v. Chr. antreffen. Wir wissen allerdings nicht, ob und wann die biblischen Vergangenheitsdarstellungen in erzählender Form explizit in den Dienst einer an der Vergangenheit orientierten Geschichtsschreibung gestellt wurden. Im Grunde gilt, was sich auch im ethnographischen Vergleich mit anderen Erinnerungskulturen zeigt: Als Vergangenheit gilt, was (durch angesehene Instanzen) erzählt wird.

Auch der Schritt von einer mündlichen Erinnerungskultur zur Schriftlichkeit und zu einer narrativen Vergangenheitsdarstellung (Geschichtsschreibung) ist nicht selbstverständlich. Vermutlich liegen ihre Anfänge in der frühen Königszeit. Am Königshof wurden sicherlich Annalen von Regierungszeiten (vgl. 1Kön 14,19.29; 15,15; 16,5 u. ö.) sowie Beamtenlisten (2Sam 8,16–18; 20,23–26 u. ö.) oder summarische Aufzeichnungen zu Kriegszügen (2Sam 8) geführt. Gut denkbar, dass im Umfeld des Hofes auch mündliche Überlieferungen geschichtlichen Gehalts aufgeschrieben und zu größeren Erzählwerken komponiert wurden.87 Während die ältere Forschung die großen schriftlichen Erzählwerke, das sog. Jahwistische Erzählwerk und die zeitgeschichtlich orientierte Thronfolgeerzählung Davids (*2Sam 9–1Kön 2) bereits in die Zeit Salomos (10. Jh. v. Chr.) datiert hat,88 geht man aufgrund archäologischer Befunde und literaturgeschichtlicher Analysen heute überwiegend davon aus, dass es zu einer größeren Literaturproduktion im antiken Israel erst ab dem 9. Jh. und im antiken Juda erst ab dem 8. Jh. v. Chr. gekommen ist.

Im Hinblick auf die Entstehung einer im engeren Sinn zeitgeschichtlich orientierten Vergangenheitsdarstellung (Geschichtsschreibung) im Umkreis des judäischen Königshofes werden gegenwärtig vor allem drei verschiedene Modelle diskutiert: Walter Dietrich rechnet damit, dass etwa um 700 v. Chr. am judäischen Königshof in Jerusalem ein erstes, noch vordeuteronomistisches großes Erzählwerk über die Frühzeit des Königtums entstand. Ihm sei es nach dem Untergang des Nordreichs (722 v. Chr.) darum gegangen, nordisraelitische und judäische Königsüberlieferung so miteinander in Beziehung zu setzen, dass die Legitimität der Jerusalemer Dynastie deutlich hervorgehoben wird, gleichwohl aber auch die nordisraelitischen Königstraditionen im Interesse eines neuen Verständnisses von Gesamtisrael integriert werden. In dieses »Höfische Erzählwerk« seien aber ältere »Geschichtserzählungen« aus dem Umkreis des Königshofes aufgenommen worden, die noch zeitgeschichtliches Kolorit atmen. Dieser Ansatz, mit einem vordeuteronomistischen Erzählwerk zu rechnen, dieses aber erst nach 722 v. Chr. zu datieren, trifft auf breitere Akzeptanz. Dem gegenüber sieht Ina Willi Plein in 1Sam 18–2Sam 21 sowie 1Kön 1f* einen durchlaufenden Erzählzusammenhang, den sie als »Davidhausgeschichte« bereits in das 9. Jh. v. Chr. datiert, dessen Entstehung sie aber nicht am judäischen Königshof verortet. Ein Zweig der Forschung bestreitet allerdings, dass es vor dem deuteronomistischen Geschichtswerk aus exilischer Zeit überhaupt ein zusammenhängendes, größeres Erzählwerk als »Geschichtswerk« gegeben habe.

4. Umfangreichere »Geschichtswerke« im Alten Testament

Politische Geschichtsschreibung ist häufig das Phänomen einer Krise. In der Geschichte Israels bildet die assyrische Krise (ca. 740–650 v. Chr.), die zur Zerstörung des wirtschaftlich und politisch starken Nordreichs Israel und zur Eingliederung des unterworfenen Juda in das assyrische globale Wirtschaftssystem führte, vermutlich einen ersten starken Impuls zur Entstehung größerer Erzählwerke. Diese waren zum einen mythisch an den Ursprungserfahrungen der Volkwerdung interessiert wie die im Pentateuch enthaltenen Erzählwerke oder zeitgeschichtlich-politisch orientiert wie die judäischen und israelitischen Königsüberlieferungen in den Büchern Samuel und Könige. »Der Untergang Israels, der einerseits eine geistig-religiöse Krise bewirkte, andererseits für den Süden einen politisch-kulturellen Aufschwung brachte, wird zum Ausgangspunkt einer Israel und Juda verbindenden Geschichtsschau und einer mittels Geschichtsreflexion begründeten, gesamtisraelitischen Identität«.89

Zu eher zeitgeschichtlich-politisch orientierten Erzählwerken gehören in der Bibel vor allem das deuteronomistische und das chronistische »Geschichtswerk« und aus dem Bereich der deuterokanonischen Literatur die beiden Makkabäerbücher, die an der Geschichte der Hasmonäer (175–134 v. Chr.) und besonders dem Makkabäeraufstand interessierte Erzählungen bieten. Alle diese Werke sind nach ihrer formalen Seite vor allem Erzählwerke. Vergangenheit wird durch das Erzählen von Geschichten erinnert. Daher ist in formaler Hinsicht eine Trennung zwischen Erzählwerken (Jahwist, Priesterschrift) und Geschichtswerken (DtrGW, ChrGW) nicht möglich. Der in der Wissenschaft häufig verwendete Ausdruck »Geschichtswerk« oder »Geschichtserzählung« zeigt zunächst nur, dass es sich um Erzählungen über geschichtliche Ereignisse handelt, und behauptet noch nicht das historiographische Interesse dieser Erzählungen. Ein historiographisches Interesse zeigt sich vor allem dann, wenn die überlieferte Geschehensdarstellung in ein größeres Konzept der Geschichtsdeutung eingebunden ist. Dies ist am ehesten in den beiden »Geschichtswerken« der Fall, die jetzt kurz vorzustellen sind:

a) Das deuteronomistische Geschichtswerk (DtrGW)

Die These, dass die Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige ein zusammenhängendes »Geschichtswerk« aus der Exilszeit bilden, in dem die Vergangenheit im Geist des Deuteronomiums gedeutet wird, stammt von Martin Noth und hat sich trotz einer Vielzahl von Modifikationen im Grundsatz bewährt. Das DtrGW führt seine Geschehensdarstellung unter Aufnahme älterer Überlieferungen von der Eroberung des verheißenen Landes bis zum Untergang des judäischen Staates 587 v. Chr. (2Kön 25), also bis in die exilische Gegenwart der dtr »Geschichtsschreiber«. Dabei orientiert sich die dtr Geschichtstheologie an prophetischen Geschichtsdeutungen und sieht in der politischen Geschichte des Königtums die Geschichte eines Verfalls, eines zunehmenden Verrats an dem durch Propheten vermittelten göttlichen Gebot. Das DtrGW kann als Rückblick im Zorn auf den gescheiterten judäischen Staat gelesen werden. Es sind besonders das Gebot zur Alleinverehrung Gottes und das Verbot, andere Gottheiten zu verehren, an dem in den Augen dieser dtr Geschichtsdeuter alle nordisraelitischen Könige und mit wenigen Ausnahmen (v. a. David, Hiskija, Joschija) auch die judäischen Könige gescheitert sind. Für sie ist daher der Untergang des Nordreichs und auch des Südreichs Juda Ausdruck eines göttlichen Willens, die Folge eigener Schuld. Dabei stört diese dtr Geschichtsschreiber keineswegs, dass sie ein theologisches Kriterium zur Beurteilung der älteren Überlieferung in Anschlag bringen, das erst in ihrer exilischen Gegenwart von Bedeutung war. Das macht ihr Vorgehen in unseren Augen letztlich anachronistisch, entspricht aber genau dem schon erwähnten Bedürfnis, Vergangenes aus der Perspektive der Gegenwart anzuschauen, damit das Vergangenheitsbild seine orientierende Wirkung entfalten kann. Darüber hinaus bestimmen die Diskurse über die Legitimität von Königtum und Dynastie sowie die Rolle der Propheten gegenüber dem Königtum die dtr Geschichtsdeutung.90 Über die konkrete Vorgehensweise einer solchen Geschichtsschreibung lässt sich Folgendes erkennen: Ihre Kenntnisse verdanken die Deuteronomisten vor allem schriftlichen Überlieferungen, die sie einer durchgreifenden theologischen Deutung aus der Perspektive ihrer Gegenwart unterziehen. Dabei greifen sie stark in den überlieferten Textbestand ein, formulieren wenn nötig größere Passagen selbst. Vor allem legen sie den großen Gestalten der Überlieferung (Mose, Josua, Samuel) lange Reden im dtr Geist in den Mund und machen sie dadurch zu Sprechern ihrer eigenen exilischen Theologie (Jos 24; 1Sam 8; 12). Auf der anderen Seite gibt es längere Erzählpassagen ohne dtr Deutungen. Diese Texte scheinen zu älteren Überlieferungskomplexen zu gehören, bei denen die dtr Geschichtsschreiber eine Bearbeitung nicht für nötig erachtet haben.

Im DtrGW finden sich zudem Hinweise auf benutzte schriftliche Quellen: So wird in 2Sam 1,7 ein »Buch des Aufrechten« erwähnt. Besonders bei den recht stereotypen Beurteilungen der Könige ab Salomo lässt sich sehr gut erkennen, dass offenbar königliche Annalen verwendet werden konnten, in denen die Regierungszeiten der Könige Israels und Judas und eine Reihe ihrer Taten knapp und listenartig vermerkt waren. Aus diesem Werk werden nur Auszüge geboten (vor allem die Regierungsdaten), die aber mit kräftigen, oft negativen Beurteilungen aus der Sicht der Deuteronomisten verbunden werden.91

Im Hinblick auf einen theologisch durchreflektierten Umgang mit der Überlieferung unterschiedlicher Epochen, die in eine geschichtliche Abfolge gebracht und mit einer klaren geschichtstheologischen Idee bearbeitet wurden, stellt das DtrGW in der Exilszeit das älteste Geschichtswerk im Alten Testament dar. Als »Geschichtsschreibung« kann es nur in dem Sinn gelten, dass durch die Anordnung verschiedener Vergangenheitserzählungen und durch die starke geschichtstheologische Bearbeitung der Überlieferung ein klares Bild der Vergangenheit erzeugt wird, das hilft, die eigene exilische Gegenwart als Folge der Schuld der Altvorderen zu verstehen.

b) Das chronistische Geschichtswerk (ChrGW)

Dieses Werk besteht gemäß der klassischen These von Martin Noth aus den beiden Chronikbüchern und den Büchern Esra und Nehemia. Allerdings wird der literarische Zusammenhang zwischen den Büchern Chronik und Esra/Nehemia heute zunehmend bestritten. Das ChrGW wird in die spätpersische oder frühhellenistische Zeit datiert (4. Jh. v. Chr.) und bietet eine ganz auf die nachexilische Tempeltheokratie in Jerusalem orientierte Ereignisdarstellung, welche die Neuordnung der nachexilischen Kultgemeinde (Esra/Nehemia) mit einschließt. Die Bücher der Chronik beginnen bei der Schöpfung und stellen die »Urzeit« bis zu König Saul in Gestalt genealogischer Listen dar, weshalb die Mose-, Exodus- und die Wüstenüberlieferung gar nicht erscheinen. Im Vergleich zum DtrGW, das der Chronist vielfach benutzt, fällt eine starke priesterliche Perspektive ins Auge: Der Bau des Tempels wird sehr ausführlich geschildert und die judäischen Könige David und Salomo stark religiös idealisiert. Negative und zweifelhafte Züge fehlen ganz (z. B. Davids Ehebruch). Die übrige judäische Königszeit wird unter dem Aspekt der Verschuldung dargestellt, die nordisraelitische Geschichte vollständig übergangen. Die Perspektive ist ganz auf Jerusalem und den Tempel bezogen. Die Bücher Esra und Nehemia stellen Überlieferungen zusammen (Listen, Berichte, Erzählungen), in denen es um die Rückkehr aus dem babylonischen Exil, um die politische, bauliche und religiöse Neuordnung Jerusalems unter persischer Oberhoheit geht.

Auch in diesem Geschichtswerk dominiert die theologische Geschichtsdeutung der vorliegenden literarischen Überlieferungen. Anders als das DtrGW, aber ähnlich wie die Priesterschrift, verbinden die Chronikbücher Ursprungsmythos (Schöpfung) und Zeitgeschichte. In der Chronik kann man den souveränen Umgang mit den vorliegenden Quellen im Dienst der eigenen Darstellungszwecke recht genau studieren. Zwar sind die Samuel- und Königebücher dem Chronisten bekannt, doch werden schon diese sehr selektiv und mit unterschiedlicher Genauigkeit benutzt. Und Überlieferungen, die dem eigenen Geschichtsbild widerstreben, werden einfach beiseitegelassen. In die Bücher Esra und Nehemia sind unterschiedliche Quellen mit zeitgeschichtlichem Kolorit (z. B. Heimkehrerlisten; die sogenannte »Denkschrift Nehemias«) aufgenommen worden.

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19 dekabr 2025
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9783170393257
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