Kitabı oxu: «Emotionen im Unterricht»

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Die Herausgeber*innen


Dr. Michaela Gläser-Zikuda ist Professorin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt empirische Unterrichtsforschung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Emotionen, Wohlbefinden und Selbstregulation in Schule, Hochschule und Lehrer*innenbildung, empirische Unterrichtsforschung und Schulentwicklung.


Dr. Florian Hofmann ist Akademischer Rat mit Schwerpunkt empirische Unterrichtsforschung am Lehrstuhl für Schulpädagogik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er lehrt und forscht zu den Themen förderorientierte, kompetenzorientierte und alternative Leistungsmessungen sowie Emotionen und Wohlbefinden in Schule und Hochschule.


Dr. Volker Frederking ist Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. Ästhetische Bildung, empirische Erforschung subjektiver, emotionaler und kognitiver Aktivierung im Deutschunterricht, Digitalisierung und digitale Medien im Deutschunterricht, Allgemeine Fachdidaktik und fachliche Bildung.

Michaela Gläser-Zikuda, Florian Hofmann, Volker Frederking (Hrsg.)

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-036306-9

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pdf: ISBN 978-3-17-036307-6

epub: ISBN 978-3-17-036308-3

Vorwort

Schulischer Unterricht kann interessant oder langweilig sein, Angst machen oder Freude wecken. Das weiß jeder Mensch, der eine Schule besucht hat, aus eigener Erfahrung. Systematisch theoretisch und empirisch erforscht werden solche unterrichtlich evozierten Emotionen allerdings erst seit wenigen Jahrzehnten. Pädagogischer Psychologie und Empirischer Pädagogik kommt das Verdienst zu, hier Pionierarbeit geleistet zu haben. Die Fachdidaktiken haben sich des Themas ›Emotionen‹ hingegen erst seit Mitte der 1990er Jahre in theoretischer und empirischer Perspektive intensiver zugewandt. Umso wichtiger, dass im vorliegenden Sammelband alle drei für das Verständnis von schulischen Bildungsprozessen zentralen Forschungsrichtungen erstmals in umfassender Weise versammelt sind.

Der Band gibt in diesem Sinne einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung in der Pädagogischen Psychologie, in der Pädagogik und in den Fachdidaktiken.

Aus der Perspektive der Pädagogischen Psychologie wird der disziplinäre state of the art skizziert und an einzelnen Beiträgen vertiefend illustriert. In der Pädagogik werden geisteswissenschaftlich wie empirisch ausgerichtete Perspektiven eingenommen, der Forschungsstand überblicksartig präsentiert und exemplarisch an Beiträgen aus der Grundschul-, Schul- und Medienpädagogik sowie der Lehrer*innenbildung vertieft. In den Fachdidaktiken wird ein Modell fachbezogener Emotionsforschung vorgestellt, um auf dieser Basis den fachdidaktischen Forschungsstand unter besonderer Berücksichtigung der Biologiedidaktik, der Deutschdidaktik, der Fremdsprachendidaktik, der Geographiedidaktik, der Geschichtsdidaktik, der Mathematikdidaktik, der Religionspädagogik und der Sportpädagogik zu vertiefen.

Der vorliegende Band offeriert mithin einen umfassenden (inter)disziplinären Überblick zu verschiedenen Beispielen theoretisch-konzeptioneller und empirischer Arbeiten zu ›Emotionen im Unterricht‹, wobei anhand von Fall- und Praxisbeispielen auch Anregungen für die emotionssensible Gestaltung schulischen Unterrichts und die Professionalisierung von Lehrkräften in fachübergreifender wie fachspezifischer Perspektive integriert werden. Wir wünschen den Leserinnen und Lesern des Bandes interessante Erkundungen in einem ebenso wichtigen wie lange vernachlässigten Forschungsfeld.

Nürnberg, im Oktober 2021

Michaela Gläser-Zikuda, Florian Hofmann und Volker Frederking

Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort

2  I Emotionen und Unterricht Gegenstand und Grundlagen

3  1 Emotionen in Schule und Unterricht aus pädagogischer Sicht

4 Michaela Gläser-Zikuda & Florian Hofmann

5  1.1 Emotionen bzw. Gefühl – Merkmale, Entstehung und grundlegende Funktionen

6  1.2 Emotionen – (k)ein Thema in der Pädagogik?

7  1.3 Emotionen und ihre Bedeutung für Bildung

8  1.4 Berücksichtigung von Emotionen in der pädagogisch- didaktischen Unterrichtsgestaltung

9  1.5 Zusammenfassung

10  1.6 Gliederung des Bandes bezogen auf den pädagogischen und psychologischen Teil

11  Literatur

12  2 Emotionen in Schule und Unterricht aus der Sicht empirischer Lehr-Lernforschung

13 Tina Hascher & Gerda Hagenauer

14  Einleitung

15  2.1 Konzepte und Modelle

16  2.2 Bedeutung der Emotionsforschung innerhalb der Lehr-Lernforschung

17  2.3 Weiterführende Themen für Forschung und Praxis

18  Literatur

19  3 Emotionen als Gegenstand fachdidaktischer Forschung

20 Volker Frederking

21  3.1 Bausteine zu einer fachdidaktischen Theorie der Emotionen. Eine Analyse aus der Perspektive Allgemeiner Fachdidaktik

22  3.2 Die Subjektseite: Emotionen und Emotionsforschung auf der Ebene fachlich Lehrender und Lernender

23  3.3 Die Objektseite: Emotionen und Emotionsforschung auf der Ebene fachlicher Gegenstände

24  3.4 Fachdidaktische Emotionsforschung. Desiderata und Herausforderungen

25  Literatur

26  II Emotionen von Lernenden im Unterricht: Pädagogisch-psychologische Perspektiven

27  4 Emotionen im Unterricht der Primarstufe

28 Katrin Lohrmann

29  4.1 Förderung der Leistungs- und der Persönlichkeitsentwicklung

30  4.2 Emotionen im Kontext der Primarstufe

31  4.3 Empirische Befunde: Freude, Langeweile und Angst

32  4.4 Erhalt und Förderung positiver Emotionen

33  Literatur

34  5 Lern- und Leistungsemotionen im Kontext schulischer Transition

35 Simon Meyer, Ramona Obermeier & Michaela Gläser-Zikuda

36  Einleitung

37  5.1 Der Übertritt von der Grund- in die weiterführende Schule

38  5.2 Faktoren, welche die Bewältigung des schulischen Übertritts beeinflussen

39  5.3 Lern- und Leistungsemotionen im Kontext des schulischen Übertritts

40  5.4 Implikationen für die Praxis

41  Literatur

42  6 Emotionen im inklusiven Unterricht

43 Carmen Zurbriggen & Philipp Schmidt

44  Einleitung

45  6.1 Forschungsstand

46  6.2 Relevanz für den inklusiven Unterricht

47  6.3 Fazit und Ausblick

48  Literatur

49  7 Emotionen und digitale Medien

50 Thomas Knaus & Nastasja Bohnet

51  Einleitung: Medien – eine emotionale Geschichte

52  7.1 Forschungsstand zu Emotionen in der Medienpädagogik

53  7.2 Medien als Lernobjekte und Lehrmedien

54  7.3 Medien als Lernwerkzeuge – Vom Objekt zum partizipativen Medium

55  7.4 Medien zur interaktionistischen Vernetzung

56  7.5 Ausblick: Bildung und Sozialisation in Zeiten des digitalen Wandels

57  Literatur

58  III Emotionen von Lernenden im Unterricht: Fachdidaktische Perspektiven

59  8 Emotionen im Biologieunterricht

60 Christoph Randler

61  8.1 Emotionen im Biologieunterricht. Forschungsstand

62  8.2 Relevanz von Emotionen für den Biologieunterricht

63  Literatur

64  9 Emotionen im Deutschunterricht

65 Christian Albrecht & Volker Frederking

66  9.1 Sprachdidaktische Zugänge und Forschungen zu Emotionen im Deutschunterricht

67  9.2 Literaturdidaktische Zugänge und Forschungen zu Emotionen im Deutschunterricht

68  9.3 Fachspezifische mediendidaktische Zugänge und Forschungen zu Emotionen im Deutschunterricht

69  9.4 Fazit

70  Literatur

71  10 Emotionen im Fremdsprachenunterricht am Beispiel unterschiedlicher Formen von Angst

72 Clarissa Blum & Thorsten Piske

73  Einleitung

74  10.1 Formen der Angst im Fremdsprachenunterricht

75  10.2 Das Sprechen in der L2 als besondere Herausforderung

76  10.3 Möglichkeiten zum Abbau von Fremdsprachenangst im Unterricht

77  10.4 Fazit

78  Literatur

79  11 Emotionen im Geographieunterricht

80 Jan Schubert & Romy Hofmann

81  11.1 Die Bedeutung von Emotionen in Geographie und Geographiedidaktik

82  11.2 State of the art. Fachbezogene Emotionsforschung in Theorie und Empirie

83  11.3 Konsequenzen für die Geographiedidaktik und den Geographieunterricht

84  Literatur

85  12 Emotionen, Geschichte und historisches Lernen

86 Juliane Brauer & Martin Lücke

87  12.1 Gefühlte Geschichte?

88  12.2 Geschichte und Emotionen. Ein Definitionsvorschlag

89  12.3 Emotionen im Geschichtsunterricht. Forschungsstand und Problemaufriss

90  12.4 Emotionen im Geschichtsunterricht: Das Bespiel der Shoah

91  12.5 Fazit

92  Literatur

93  13 Emotionen im Mathematikunterricht

94 Claudia C. Sutter & Tina Hascher

95  Einleitung

96  13.1 Forschungsstand

97  13.2 Interventionen zur Förderung positiver Emotionen für den Mathematikunterricht

98  13.3 Praxisrelevante Implikationen

99  Literatur

100  14 Emotionen im Religionsunterricht

101 Manfred L. Pirner

102  14.1 Religion und Emotion

103  14.2 Gefühle in Konzepten und Ansätzen der Religionspädagogik

104  14.3 Fazit: Empirische Forschung als Desiderat

105  Literatur

106  15 Emotionen im Sportunterricht – eine sportdidaktische Perspektive

107 Mareike Ahns & Günter Amesberger

108  15.1 Zum Verständnis von Emotionen im Kontext ›Bewegung und Sport‹

109  15.2 Forschungsstand zu Emotionen im Sportunterricht

110  15.3 Relevanz für das sportunterrichtliche Lernen und Lehren

111  15.4 Überlegungen zum Gegenstandsverständnis von Emotionen im Sportunterricht

112  15.5 Ein kompetenzorientiertes Unterrichtsbeispiel zu ›Emotionaler Intelligenz‹

113  15.6 Emotionen anlassbezogen aufgreifen und didaktisch nutzen

114  15.7 Fazit

115  Literatur

116  IV Emotionen mit Blick auf (angehende) Lehrende

117  16 Emotionen und Emotionsregulation von Lehrpersonen im Unterricht

118 Gerda Hagenauer & Tina Hascher

119  16.1 Ein appraisal-theoretisches Modell der Entstehung von Lehrer*innenemotionen und ihren Funktionen

120  16.2 Empirischer Forschungsstand

121  16.3 Pädagogische Implikationen

122  Literatur

123  17 Emotionen von Lehrkräften in unterrichtsvideobasierten Fortbildungen

124 Marc Kleinknecht

125  Einleitung

126  17.1 Allgemeines und Definitionen: Lernen mit Unterrichtsvideos

127  17.2 Forschungsstand: Emotionen beim Lernen mit Unterrichtsvideos in der Lehrkräftefortbildung

128  17.3 Relevanz von Emotionen für die Gestaltung von videobasierten Fortbildungen

129  Literatur

130  18 Lern- und Leistungsemotionen von Lehramtsstudierenden in autonomieunterstützenden Lehr-Lernumgebungen

131 Stefan Markus, Katharina Fuchs, Florian Hofmann, Barbara Jacob, Melanie Stephan & Michaela Gläser-Zikuda

132  18.1 Lern- und Leistungsemotionen

133  18.2 Autonomieunterstützung als Bedingungsfaktoren der Sozialumwelt

134  18.3 Exemplarische Studie zu den Effekten von Autonomieunterstützung auf Lern- und Leistungsemotionen von Studierenden

135  18.4 Diskussion

136  Literatur

137  19 Emotionen und Literatur. Wie Lehramtsstudierende Hör- und Printtexte emotional erleben und verstehen

138 Silvia Hasenstab

139  19.1 Der Forschungskontext

140  19.2 Effekte auditiver Wahrnehmung auf emotionale Facetten von Literatur. Ein Forschungsbericht

141  19.3 Ausgewählte Forschungsfragen und Ergebnisse

142  19.4 Diskussion der Ergebnisse

143  Literatur

144  20 Emotionale und kognitive Aktivierung durch literarische und faktuale Texte als Ansatzpunkt für demokratische Grundwertebildung im Deutschunterricht

145 Tabea Kretschmann & Dietmar Gölitz

146  20.1 Theoretische Grundlagen und Fragestellung

147  20.2 Erhebungsdesign

148  20.3 Ergebnisse

149  20.4 Ausblick

150  Literatur

151  Anhang

152  Autor*innenverzeichnis

I Emotionen und Unterricht. Gegenstand und Grundlagen

1 Emotionen in Schule und Unterricht aus pädagogischer Sicht
Michaela Gläser-Zikuda & Florian Hofmann
Kurzzusammenfassung

Während Emotionen in der empirischen Lehr-Lernforschung (einschließlich der empirisch ausgerichteten Erziehungswissenschaft) seit geraumer Zeit intensiv erforscht und diskutiert werden, stellt sich die Perspektive im Bereich der eher geisteswissenschaftlich orientierten Pädagogik nicht ganz so eindeutig dar. Der Stellenwert von Emotionen wurde und wird hier weiterhin aus pädagogischer Sicht sehr unterschiedlich bewertet und häufig anhand der Gegenpole ›Rationalität‹ und ›Gefühl‹ diskutiert. In diesem Beitrag wird daher überblicksartig auf wesentliche Diskurse und Ansätze eingegangen, die sich mit dem Stellenwert von Gefühlen bzw. Emotionen aus einer pädagogischen Perspektive beschäftigen.

Schlagwörter: Emotionen, Bildung, Erziehung, Schule, Unterricht

1.1 Emotionen bzw. Gefühl – Merkmale, Entstehung und grundlegende Funktionen

Emotionen erfüllen nicht nur im Bildungskontext, sondern in allen Bereichen des menschlichen Lebens grundlegende biologische und soziale Funktionen, wie bspw. die Antizipation zukünftiger Ereignisse, das Bereitstellen von Handlungsempfehlungen oder die Zuschreibung von Absichten und Zuständen in sozialen Interaktionen. Dabei werden Emotionen durch den biologisch gesteuerten Impuls bestimmt, Lust, Befriedigung und Wohlbefinden zu suchen sowie Schmerz, Gefahr und Ungleichgewicht zu meiden (Damasio, 2010). In interkulturellen Studien wurden schon früh mehrere Basisemotionen ermittelt: Überraschung, Ärger, Abscheu/Ekel, Furcht/Angst, Trauer und Freude/Glück (Ekman & Davidson, 1994). Auch aktuelle Emotionstheorien gehen davon aus, dass es basale, somatische Reaktionen, sogenannte core affects (Barrett, 2015) bzw. primäre Emotionen gibt. Als primäre (und damit angeborene) Emotionen wurden Furcht, Wut, Glück/Freude, Trauer, Ekel, Überraschung und Interesse identifiziert (z. T. auch Verachtung; vgl. für einen Überblick Tracy & Randles, 2011). Erziehung und Sozialisation sowie kulturelle Einflüsse (Ulich & Mayring, 1992) bedingen die Entwicklung von Emotionen und ihre individuelle Ausprägung. Diese sogenannten sozialen oder sekundären Emotionen treten allerdings erst auf, sobald systematische Verknüpfungen zwischen Kategorien von Objekten oder Situationen und den primären Emotionen gebildet wurden (Huber, 2013). Hierzu zählen bspw. Mitgefühl, Verlegenheit, Scham, Stolz, Eifersucht, Liebe, Neid, Dankbarkeit oder Bewunderung.

Eine weitere strukturelle Eigenschaft von Emotionen ist darin zu sehen, dass sie zum einen als momentane Zustände (Zustands- bzw. state-Komponente) und zum anderen als dispositionelle Reaktionstendenzen (Bereitschafts- bzw. trait-Komponente verstanden werden können (Otto, Euler & Mandl, 2000). Folglich rufen nicht die Ereignisse selbst, sondern die subjektive Interpretation von Ereignissen bei Menschen Emotionen hervor (z. B. Scherer, Schorr & Johnstone, 2001). Damit tritt die Bedeutung von Verarbeitungs- und Reflexionsprozessen ins Blickfeld. Zum Teil sind Emotionen evolutionsbiologisch überlebensnotwendig; man denke nur an die Fluchtreaktion in gefährlichen Situationen. Überwiegend reagieren Menschen aber sehr unterschiedlich in ähnlichen Situationen. Übertragen auf Lehr-Lern-Kontexte heißt das z. B., dass in einer Lerngruppe einmal Freude über den Wissenszuwachs, ein anderes Mal Langeweile oder Ärger entstehen kann. Als eine Erklärung hierfür kann der sogenannte Appraisal-Ansatz (Scherer, Schorr & Johnstone, 2001) herangezogen werden ( Kap. 1.2). Pekrun (2000) hat in der Folge den in der Bildungsforschung häufig herangezogenen ›Kontroll-Wert-Ansatz für Lern- und Leistungsemotionen‹ entwickelt. Kontrollappraisals (im Sinne einer Einschätzung, wieviel Kontrolle man darüber hat, ob Erfolg in einer Situation herbeigeführt werden kann) und Valenzappraisals (im Sinne einer Einschätzung der positiven bzw. negativen Bedeutsamkeit oder des Werts von Erfolg bzw. Misserfolg in der jeweiligen Situation) sind für die Entstehung von Leistungsemotionen relevant. Sowohl Kontroll- als auch Valenzappraisals bestimmen die Qualität und Intensität der erlebten Emotionen (Frenzel, Götz & Pekrun, 2009; Kap. 3.3).

Besonders Emotionen in der Schüler-Lehrer-Interaktion bzw. mit Blick auf die soziale Beziehung werden systematisch untersucht (z. B. Wild, Hofer & Pekrun, 2006). Vermehrt werden auch Emotionen von Lehrkräften fokussiert (Becker, Götz, Morger & Ranellucci, 2014). So kann sich eine Lehrkraft bspw. über störende Verhaltensweisen von Schüler*innen im Unterricht ärgern. Auch auf Seiten der Lehrkräfte spielen Kontroll- und Valenzappraisals eine Rolle (Frenzel, Götz & Pekrun, 2008). Darüber hinaus kommt der Emotionsregulierung von Lehrkräften eine wesentliche Bedeutung zu (Krause, Philipp, Bader & Schüpbach, 2008). Neben der Beeinflussung der Emotionen einer Gesprächspartnerin bzw. eines Gesprächspartners (in der überwiegender Zahl der Fälle einer Schülerin bzw. eines Schülers) durch das eigene Verhalten und gezeigte Emotionen zählen auch die Kontrolle und der Umgang mit den eigenen Gefühlen zum professionellen Handeln einer Lehrkraft (Krause et al., 2008; Kap. 3.1).

1.2 Emotionen – (k)ein Thema in der Pädagogik?

Emotionen bzw. Gefühle und ihre Bedeutung im Bildungskontext sind kein neues Thema. Mit Blick auf Erziehung und Bildung wurden Emotionen immer schon berücksichtigt. Bereits in der Antike finden sich beispielsweise bei Platon, Seneca oder Aristoteles entsprechende Hinweise. So unterscheidet Aristoteles drei Teile der menschlichen Seele (vgl. Jakobi, 1981), die für jeweils unterschiedliche Verhaltensweisen des Menschen zuständig sind; und zwar den rationalen, den sensitiven und den vegetativen Seelenteil. Der sensitive Seelenteil wird als Ursache für Triebe, Affekte und Emotionen gesehen. Im Gegensatz zu den Aktivitäten des vegetativen Seelenteils wird die Kontrolle des sensitiven Seelenteils durch den Verstand als möglich und notwendig erachtet. Hieran wird die Bedeutung von Emotionen bzw. Gefühlen mit Blick auf Bildung deutlich ( Kap. 1.3).

In der klassischen Bildungsliteratur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts wurde beispielsweise häufig über Gefühle und ihre Allgegenwärtigkeit im menschlichen Leben geschrieben. So bedurfte es mit Blick auf Bildung und Aufklärung nicht bloß der »richtigen Begriffe«. Ebenso wichtig war es, »reinere Gefühle […] durch alle Adern des Volks« fließen zu lassen, »Menschlichkeit und Sanftmut in unser Herz« zu senken (Schiller 1784, S. 237, S. 244 f.). Wilhelm von Humboldt spricht von der »Bildung des Gemüths« (von Humboldt, 1809, S. 189) als wichtigem Element »allgemeine[r] Menschenbildung« (ebd., S. 188). Als zentrale pädagogisch-anthropologische Neuorientierungen des 18. Jahrhunderts gelten der Blick auf die Vernunftbegabung des Menschen im Sinne Kants sowie der Gedanke der Entwicklungsplastizität und Perfektionierbarkeit des Menschen (z. B. von Rousseau).

Die beiden bekannten geisteswissenschaftlich orientierten Pädagogen Johann Friedrich Herbart (1776–1841) und Friedrich Schleiermacher (1768–1834) argumentierten, dass erzieherische Aufforderungen immer in der Gegenwart des Kindes liegen, aber immer auch auf seine Zukunft gerichtet sein sollen. Insofern können pädagogische Initiativen des Erziehenden mit den unmittelbaren Interessen und Befindlichkeiten des Kindes kollidieren. Dementsprechend stellt Herbart in seinen Vorlesungen der ›pädagogischen Liebe‹ die Autorität des Erziehers qua Aufgabe und Amt zur Seite (Herbart, 1806). Das Erziehungsmittel ›Liebe‹ gehört diesem Verständnis nach zu den vertrauensbildenden Maßnahmen, über die ein*e professionelle*r Erzieher*in zu verfügen habe. So verstanden ist Liebe nicht mehr nur, wie in der Aufklärungspädagogik, Mittel des Erziehungsprozesses, sondern zugleich auch implizit ein Erziehungsziel. Erst die Kombination aus pädagogischer Autorität und Liebe kann nach dieser Argumentation dem pädagogischen Handeln eine dauerhaft feste Basis geben (vgl. Herbart, 1806, S. 49). Die Diskussion um »Liebe als Ziel von Erziehung« gewann in der Folge, insbesondere in der Jugendbewegung und der beginnenden Reformpädagogik nach 1900, eine weitere Bedeutung. Erziehung wurde als Begegnung und Bildungsgemeinschaft zu einem Hauptthema. Beziehungsmerkmale wie Liebe, Vertrauen, Zuwendung, aber auch Eifersucht, Misstrauen und Enttäuschung zwischen Erziehendem und Zögling sowie pädagogische Autorität werden mit dem Gedanken der Bildung als Persönlichkeitsentwicklung verbunden (vgl. Oelkers, 2001).

Für einen der bedeutendsten Pädagogen, nämlich Johann Heinrich Pestalozzi, sind Gefühle des Kindes ernst zu nehmen und gelten als eine notwendige Voraussetzung für das Lernen mit »Kopf, Herz und Hand« (Kraft, 1996; Seichter, 2007, S. 77). Erziehung unterstützt die Entfaltung sittlicher Grundgefühle der Liebe, des Vertrauens und der Dankbarkeit auf Seiten des Kindes. Neben diesen »Herzenskräften« gilt es, auch die intellektuellen (geistigen) und die handwerklichen Kräfte zu entfalten (Pestalozzi, 1801). Der Reformpädagoge Peter Petersen war ebenfalls bestrebt, in seiner Lehr- und Lernanstalt eine emotionale Geborgenheit zu schaffen, indem er sie in eine Lebensgemeinschaftsschule umwandelte. Dementsprechend ist die Jena-Plan-Schule (Petersen, 1927–1949) an der »ganzen Person« des Kindes interessiert, d. h. auch emotionale Faktoren des Lebens und Lernens finden ihre Berücksichtigung. Auch Hermann Nohl (1924, 1925) hat eine der wichtigsten lernförderlichen Emotionen, nämlich die Freude, zum Kriterium jeder gelungenen pädagogischen Leistung erhoben. In der reformpädagogischen Bewegung wurde versucht, durch die emotionale Aufladung der pädagogischen Beziehung Elemente der sich auflösenden gesellschaftlichen Sozialformen zu bewahren und in Form des »pädagogischen Bezugs« zu institutionalisieren. Generell wurden die Dynamiken der Beziehung als wesentliche Bedingungen pädagogischer Prozesse hervorgehoben. So betont Litt beispielsweise die unauflösbare Dialektik von Führen und Wachsenlassen, Behüten und Freigeben, Unterstützen und Schützen, in der Erziehungsverhältnisse und -handlungen stehen (Litt, 1927).

Eine besonders zentrale Definition von Erziehung in diesem Zusammenhang ist die von Hermann Nohl, der sie in seinen Vorlesungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als »das leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen, und zwar um seiner selbst willen, dass er zu seinem Leben und zu seiner Form komme« (ebd., S. 134) definierte. Diese Verortung von Erziehung hat Nohl insbesondere in seinem Verständnis des »pädagogischen Bezugs« (ebd., S. 134 ff.) weiterentwickelt. Das Verhältnis des bzw. der Erziehenden zum Kind ist demnach doppelt bestimmt, nämlich von der Liebe zu ihm in seiner Wirklichkeit und von der Liebe zum Ideal des Kindes, welche das Ziel hat, das Kind zu erziehen, zu fördern, anzuleiten und »das höhere Leben in ihm zu entfachen« (ebd., S. 136). Alle Anstrengungen, sowohl des bzw. der Erziehenden als auch des Kindes, dienen dazu, die zukünftige Entwicklung des jungen Menschen durch Erziehung und Bildung zu unterstützen und ihn zu Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu führen.

Erzieherische Ziele sind demzufolge erfolgreicher, wenn sie durch Bemühungen um eine bewusst gestiftete Bindung begleitet werden. Dieses Bemühen ist nicht technologisch und lässt sich niemals vollständig professionell operationalisieren und ist daher immer dem »Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen« unterworfen (Spranger, 1969, S. 354). Eine dieser »Nebenwirkungen« besteht prinzipiell in der Gefahr unterschiedlichster Dimensionen von Missbrauch. Das Ausmaß des Missbrauchspotenzials der sogenannten »pädagogischen Liebe« wurde erst in jüngster Vergangenheit vor allem in Internaten und Landerziehungsheimen der reformpädagogischen Tradition sichtbar (Drieschner & Gaus, 2011). Vor diesem Hintergrund wird mit Blick auf die heutige professionstheoretische Ausrichtung der Lehrer*innenbildung vermieden, über den Begriff der pädagogischen Liebe zu diskutieren. Vielmehr werden eher psychologische und soziologische Begriffe und Konzepte wie Selbstregulation, Bindung, pädagogische Beziehung oder Macht verwendet (Baumert & Kunter, 2006; Fischer & Richey, 2018; Helsper & Reh, 2012; Raufelder, 2007). Einerseits wird positive Affektivität in der pädagogischen Beziehung als zentrales Erziehungsmittel gewertet, andererseits als Grundlage bzw. Ziel von Bildung verstanden. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die der Lehrer-Schüler-Beziehung zugrunde liegende Emotionalität bewusst professionell reguliert und reflektiert wird, damit »Nähe« bzw. »Liebe« nicht übergriffig und missbräuchlich werden (Drieschner & Gaus, 2011). »Ein pädagogischer Ethos ist für den Lehrerberuf (notwendig) […] und kein pädagogischer Eros« (so Peter Fauser in der Süddeutschen Zeitung, 21.04.2010, S. 6).

1.3 Emotionen und ihre Bedeutung für Bildung

Die pädagogische Auseinandersetzung mit dem Thema Gefühl bzw. Emotion weist neben der auch kritisch geführten Diskussion um den pädagogischen Bezug eine nicht zu übersehende Zweiteilung auf: Zum einen wird der emotionale Gehalt pädagogischer »Klassiker« betont; zum anderen aber fällt hinsichtlich der Thematisierung von Emotion bzw. Gefühl eine einseitige, eher kognitiv-rationale Auffassung von Erziehungs- und Bildungsprozessen auf. Erziehung und Bildung dienten diesem Verständnis nach der Entwicklung und Förderung menschlicher Vernunft und dementsprechend der »Bändigung von Trieben«, »der Kalmierung und Sublimierung von Gefühlen« und garantierten somit die Nichtanwesenheit von »Emotionalität, die mit Irrationalität gleichgesetzt wurde« (Gieseke, 2007, S. 18). Dieses einseitige Verständnis von Erziehung und Bildung geht vermutlich auf den sogenannten »Leib-Seele-Dualismus« von Descartes zurück, also die radikale Trennung von denkendem Geist und nicht-denkendem Körper (Beckermann, 2001, S. 29 ff.). Emotionen und Gefühl wurden demzufolge als wenig relevant und zuweilen gar als hinderlich für Bildungsprozesse betrachtet – zumal unter »Bildung« in erster Linie die Entwicklung von Vernunft, Verstand, Urteilskraft und Rationalität verstanden wurde. Bildung galt im Sinne eines reflektierenden Umgangs mit sich und der Welt als ein der Vernunft geschuldetes Geschehen, in dem Emotionalität keine nennenswerte Bedeutung beigemessen und sie zuweilen sogar als ihr Gegenspieler konzeptualisiert wurde (Huber, 2018; Kap. 2.1.4).

Erschwerend kommt eine ungünstige Positionierung der Erziehungswissenschaft hinzu: Diese war lange Zeit bestrebt, ihre disziplinäre Eigenständigkeit und damit eine Abgrenzung von anderen Disziplinen (insbesondere von der Psychologie) und vermeintlich disziplinfremden Konzeptionen – zu denen auch Emotionen gezählt wurden – zu betonen (Tröhler, 2014). Die erwähnte Trennung von Körper und Geist sowie das damit einhergehende Verständnis von Emotion beherrschten den Diskurs in der Emotionsforschung disziplinübergreifend (Ulich & Mayring, 1992) und waren nicht zuletzt eine Argumentationsgrundlage für die Abgrenzung der Erziehungswissenschaft von der Psychologie. Diese Aufspaltung wurde vor allem von den Neurowissenschaften zurecht kritisiert (Barrett, 2017; LeDoux, 1996).

Im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der späten 1960er und der 1970er Jahre erfolgte eine Neuorientierung in der Pädagogik, die durch die Hoffnung motiviert war, durch eine veränderte Erziehung künftiger Generationen gesellschaftliche Veränderungen bewirken zu können. Weite Teile der 68er-Generation standen der geisteswissenschaftlichen Pädagogik kritisch gegenüber. Unter Rekurs auf die Frankfurter Schule wurde u. a. mit Bezug auf Jean Jaques Rousseau und Reformpädagog*innen, wie insbesondere Berthold Otto sowie Maria Montessori, in der sogenannten ›antiautoritären Erziehung‹ davon ausgegangen, dass man das Kind sich selbst entsprechend seiner Natur entfalten lassen müsse, ohne es negativ zu beeinflussen (vgl. Bernhard, Kremer & Rieß, 2003). In den folgenden Jahren entwickelten sich einige pädagogische Ansätze, welche die Relevanz von Emotionen für Erziehung und Bildung explizit hervorhoben (z. B. Macha, 1988; Oerter & Weber, 1975; Roth, 1971). Weber (1975) beispielsweise hebt die Relevanz des Emotionalen im Zusammenhang mit Erziehung und Bildung hervor. Die Erziehung zur Mündigkeit als das zentrale Bildungsziel bedarf einer Synthese von kritischer Rationalität und reifer Emotionalität. Zunächst geht er auf die Bedeutung der positiven emotionalen Zuwendung in der frühen Lebenszeit und auf die Herausbildung des Urvertrauens ein. Pädagogische Situationen im Verständnis humaner Erziehung sollen seiner Ansicht nach von Wohlwollen, Solidarität, Wertschätzung, Verständnis und Rücksicht geprägt sein. Moralische und sittliche Erziehung sind aus dieser Perspektive mit emotionaler Erziehung verbunden.

Im Zusammenhang mit der Funktion von Erziehung für den zwischenmenschlichen Umgang hebt Hildegard Macha (1988) in ihrem Aufsatz die Bedeutung von Gefühl als »In-etwas-Involviertsein« (Heller, 1980) und als Motor des Handelns hervor. Die Aufgabe von Erziehung ist demzufolge, den Qualitätenreichtum, die Tiefe und Spannung des Gefühls beim Denken und Handeln zu erhalten. Allerdings sollte mit Emotionen auch verantwortlich umgegangen werden. Dabei führt sie fünf Schritte auf, die zum verantwortlichen Umgang mit Gefühlen führen:

1. Wahrnehmen der Gefühle meint, dass das Erleben eigener Gefühle positiv gewertet wird. Gefühle sind subjektiv »richtig«, sind aber durch Gefühle anderer einzugrenzen. Empathie als Verstehen der Gefühle anderer und die Akzeptanz durch die Erzieher bzw. Lehrer gehören ebenfalls dazu.

2. Interpretation der Antriebe (soziale Gefühle): Die Auswirkungen auf andere sollen kennengelernt, Echtheit in Ausdruck und Erlebnis sollen geschult werden. Wichtig ist, bei der Interpretation immer die Grenze der betreffenden Person zu wahren.

3. Das Äußern von Gefühlen soll situativ angemessen und interaktiv möglich sein, um zu lernen, ob der andere dadurch verletzt oder eingeschränkt wird. Wichtig ist hierbei die Stärkung des sozialen Mitgefühls, der Empathie und der Ambiguitätstoleranz.

4. Vermitteln im sozialen Feld: In Interaktionen können nun eigene Emotionen mit denen anderer in Einklang gebracht werden. Emotionale Erziehung vermittelt auf dieser Stufe den praktischen Umgang mit Handlungsstrategien, wie z. B. Regeln der Kommunikation.

5. Aufbau eines überdauernden Wertbewusstseins: Emotionale Erziehung soll ihr Ziel im Aufbau eines selbstverantwortlichen Umgangs mit den eigenen Gefühlen, der Fähigkeit zur Empathie und dem Erlangen eines überdauernden Wertbewusstseins als Grundlage für verantwortliches Handeln erreichen (Macha, 1988, S. 430 ff.).

Aus der Perspektive der Humanistischen Pädagogik beschäftigt sich Buddrus (1992) mit den »verborgenen« Gefühlen in der Pädagogik. Emotionalität wird explizit in Bezug auf Lehr-Lern-Settings thematisiert. Aus seiner Sicht ist diagnostisches Wissen über die Unterscheidung von Gefühls-Regung (akute Gefühle), Gefühls-Haltung (Bereitschaft zu bestimmten Empfindungen) und Gefühls-Stimmung (habituell) hilfreich für die didaktische Gestaltung (vgl. Buddrus, 1992, S. 87 f.). Ähnlich argumentiert Montada (1989) in seinem Aufsatz zur »Bildung der Gefühle«.

Darüber hinaus findet sich im Bildungsverständnis der UNESCO-Empfehlung »Learning – The Treasure within« (Frevert & Wulf, 2012, S. 5) der Hinweis, dass nicht nur der Erwerb von Wissen, sondern eine allgemeine Bildung des Menschen (im Sinn des »human development«) anzustreben ist. In der globalisierten Welt soll diese vier Dimensionen umfassen: learning to know, learning to do, learning to live together/learning to live with others, learning to be (Deutsche UNESCO-Kommission, 1997). Somit sind diesem umfassenden Verständnis von allgemeiner Bildung nach nicht nur kognitive, sondern auch handlungsbezogene, soziale sowie identitätsbildende und affektive Dimensionen (und demnach emotionale Aspekte) des menschlichen Seins adressiert (Frevert & Wulf, 2012).

1.4 Berücksichtigung von Emotionen in der pädagogisch-didaktischen Unterrichtsgestaltung

Zweifelsohne nehmen schulische und unterrichtliche Bedingungen Einfluss auf Emotionen von Lernenden (Hänze, 2000). Der Auftrag von Schule liegt nicht nur in der Vermittlung von Wissen bzw. der Unterstützung beim Erwerb fachlicher Kompetenzen, sondern auch in der Förderung einer positiven emotional-motivationalen Haltung von Schüler*innen gegenüber schulischem Lernen und Leisten (Bieg & Mittag, 2011; Hagenauer, 2011). Vor allem soziale Vergleichsprozesse im Kontext von Leistungsbeurteilung führen allerdings häufig dazu, dass die Entwicklung der Lernfreude vom Kindergarten bis zur 5. Klassenstufe ungünstig verläuft (Helmke, 1993). Für Bildungs- und Lernprozesse ist es daher von besonders großer Bedeutung, dass Emotionen bei der Gestaltung von Bildungs- bzw. Lernangeboten berücksichtigt werden. Einige Ansätze wurden diesbezüglich entwickelt.

Der FEASP-Ansatz von Astleitner (2000) ist ein Beispiel dafür, wie Emotionen in Bezug auf Lehr-Lernsituationen zu berücksichtigen sind. Auf der Grundlage eines emotional orientierten Instruktionsansatzes, des F(ear)E(nvy)A(nger)S(ympathy)P(leasure)-Ansatzes, wird vorgeschlagen, die fünf genannten Emotionen von Lernenden systematisch in Lehr-Lernsituationen zu berücksichtigen: (1) Zur Reduktion bzw. Vermeidung angstauslösender Situationen sind Erfolge im Unterricht sicherzustellen, Fehler als Chance zum Lernen zu begreifen und eine entspannte Lernatmosphäre zu erzeugen. Des Weiteren wird die Transparenz der Leistungsanforderungen als bedeutsam erachtet. (2) Zur Reduktion bzw. Vermeidung ärgerauslösender Situationen werden Strategien der Ärgerkontrolle und das Zulassen konstruktiven Ärgerausdrucks sowie das Aufzeigen flexibler Sichtweisen vorgeschlagen. (3) Zur Reduktion bzw. Vermeidung neidauslösender Situationen werden eine konsistente und transparente Leistungsbewertung (mit individuellen und sachbezogenen Vergleichsmöglichkeiten) sowie die Vermeidung ungleich verteilter Privilegien betont. (4) Als Sympathieauslöser gelten die Intensivierung von Beziehungen, eine kooperative Lernkultur und die Förderung gegenseitiger Hilfe im Unterricht. (5) Als Auslöser von Vergnügen/Freude gilt das Meistern von Aufgaben im Sinne des Kompetenzerlebens, das Aufrechterhalten allgemeinen Wohlbefindens, die Einrichtung offener, spielorientierter Lernumgebungen und der Einsatz von Humor (vgl. Astleitner & Hascher, 2008).

Götz, Frenzel und Pekrun (2007) beschreiben Rahmenbedingungen, Verhaltensweisen und Lernsituationen, die positive Emotionen fördern. Wie in nahezu allen einschlägigen Darstellungen sieht auch dieses Konzept beim institutionalisierten und individuellen Lernen als ersten Schritt die Vermeidung negativer Emotionen vor. Das von den Autor*innen konzipierte theoretische Modell, welches die Wirkungen von Emotionen beim Lernen abbildet, verdeutlicht vor allem, dass Emotionen Lernstrategien, Motivation und kognitive Ressourcen maßgeblich beeinflussen und so auch das am Ende eines Lehr-Lernprozess stehende Produkt, die Schulleistung (mit)steuern (Götz, Frenzel & Pekrun, 2007). Folglich müssen in einem zweiten Schritt konstruktive Umsetzungsüberlegungen folgen. Konkret formulieren die Autor*innen acht Empfehlungen (Götz, Frenzel & Pekrun, 2007, S. 17 ff.):

1. Strukturiert unterrichten

2. Schüler*innen Kontrollerfahrungen machen lassen

3. Eine Kultur des Fragens entwickeln

4. Einen offenen Umgang mit Fehlern etablieren

5. Den spielerischen Charakter des Lernens hervorheben

6. Mehr die Arbeitsprozesse und weniger die Resultate loben

7. Individuelle Leistungsfortschritte unabhängig vom Leistungsniveau der anderen loben

8. So unterrichten, dass es einem selber Spaß macht

Da Unterricht und Lehr-Lernprozesse aber auf einer Interaktion zwischen Lernenden und Lehrenden basieren, spielen Emotionen auch in der Lehrer-Schüler-Kommunikation eine entscheidende Rolle (vgl. Götz, Frenzel & Pekrun, 2007; Pekrun, 2000).

Gläser-Zikuda, Fuß, Laukenmann, Metz und Randler (2005) entwickelten ein emotional orientiertes Unterrichtskonzept (ECOLE – Emotional-Cognitive Learning), um positive und negative Lern- und Leistungsemotionen sowie schulische Leistungen von Schüler*innen der Sekundarstufe I im Rahmen einer Interventionsstudie positiv zu beeinflussen. Das Unterrichtskonzept wurde in drei Schulfächern (Biologie, Deutsch, Physik) an Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien der 8. Klassenstufe über einen Zeitraum von mehreren Wochen implementiert und auf der Grundlage eines quasi-experimentellen Designs in 24 Schulklassen empirisch auf seine Wirkung überprüft. Das Konzept orientiert sich an den Empfehlungen von Götz, Frenzel und Pekrun (2007) und beinhaltet basierend auf dem Forschungsstand zu Unterrichtsqualität (im Überblick Helmke, 2007), zu selbstreguliertem (Boekaerts, 1999) und selbstbestimmten Lernen (Deci & Ryan, 1993), zur Interesseorientierung (Krapp, 1999) und zu Prüfungsangst (Strittmatter, 1993) fünf Module (Struktur, Wertbezug, Transparenz, Selbstregulation und soziale Kontakte). Das Modul »Struktur« ist durch Formen direkten Unterrichts (z. B. strukturierte Zusammenfassungen und Erklärungen durch die Lehrperson) und Unterrichtsmaterial, das Selbstbestimmung mit Selbstkontrollmöglichkeiten im Sinne formativen assessments (Wiliam & Leahy, 2007) einschließt, gekennzeichnet. Das Modul »Wertbezug« fokussiert auf die Interessen der Schüler*innen und den Lebensweltbezug der Unterrichtsthemen. Ein drittes Modul zielt darauf ab, die »Transparenz« des Unterrichts sowie der Anforderungen zu gewährleisten. Die Schüler*innen wurden z. B. zu Beginn der Unterrichtseinheit über Inhalte und Ablauf informiert, differenzierte Lehr-Lernmaterialien (mit unterschiedlichem Leistungsniveau) wurden eingesetzt und ein angekündigter und unbenoteter Übungstest durchgeführt. Jede*r Schüler*in erhielt eine individuelle Rückmeldung zum aktuellen Leistungsstand in Form eines schriftlichen Feedbacks sowie Hinweise für eine individuell optimierte Vorbereitung der Klassenarbeit. Das vierte Modul (»Selbstregulation«) war für die Realisierung schülerorientierter Unterrichtsformen und für die Förderung der Lernmotivation zentral. Handlungsorientierung und Individualisierung fanden hier Eingang in das Unterrichtskonzept. Das fünfte Modul schließlich griff die Bedeutsamkeit harmonischer »sozialer Kontakte« in Lernprozessen auf. Kooperative und spielorientierte Lernformen wurden in den Unterricht integriert. Insgesamt konnten in dieser Interventionsstudie Effekte hinsichtlich der Förderung positiver und der Reduzierung negativer Lernemotionen ermittelt werden, die sich allerdings nicht in allen Unterrichtsfächern gleichermaßen zeigten. Demgegenüber konnte die Leistung der Schüler*innen durchgängig gesteigert werden. Die Relevanz selbstbestimmten Lernens und insbesondere der Autonomieunterstützung für das positive emotionale Erleben im Unterricht wurde ebenfalls deutlich (Markus & Gläser-Zikuda, 2021).

Eine umfassendere quasi-experimentelle Interventionsstudie (Sutter-Brandenberger, Hagenauer & Hascher, 2018) mit dem Titel »Maintaining and fostering students’ positive learning emotions and learning motivation in maths instruction during early adolescence« (kurz »EMo-Math«), die ebenfalls die Förderung positiver sowie die Reduzierung negativer Emotionen zum Ziel hatte, basierte auf Schülerworkshops im regulären Klassenkontext im Mathematikunterricht über einen Zeitraum von zwei Schuljahren in der 7. und 8. Klassenstufe ( Kap. 1.2). Die Schülerworkshops als Intervention beinhalteten z. B. den Umgang mit eigenen Emotionen, Motivierungs-, Lern- und Selbstregulationsstrategien (vgl. Perels et al., 2003), das Formulieren von Lernzielen und die Auseinandersetzung mit der Nützlichkeit von Mathematik. Außerdem wurden in einer der Interventionsgruppen Workshops für Lehrpersonen angeboten, und zwar zu Themen wie Motivationsunterstützung im Rahmen der Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 1993), positive Fehlerkultur und Feedback sowie Umgang mit Schüleremotionen. Die Lehrpersonen wurden gezielt über die Materialien der Schülerworkshops informiert und dazu aufgefordert, diese in den Unterricht zu integrieren. Insgesamt zeigten die Befunde dieser Studie die Wirksamkeit eines kombinierten Interventionsprogramms (Schüler- und Lehrerworkshops) für das 7. Schuljahr. Diese basierte einerseits auf der direkten Unterstützung der Schüler*innen bei der Emotionsregulation, andererseits auf indirekten Einflüssen durch die Gestaltung des Unterrichts (vgl. Brandenberger & Moser, 2018).

1.5 Zusammenfassung

Zweifellos ist menschliches Leben ganz grundlegend von Gefühlsregungen geprägt, und demzufolge begleiten entsprechende Gefühle bzw. Emotionen auch Menschen in pädagogischen Einrichtungen und Bildungsinstitutionen wie Kindertagesstätten, Schulen oder Hochschulen – also Kinder, Jugendliche, Erwachsene und professionelle Akteure. Erziehung und Bildung im schulischen Kontext werden begünstigt, wenn sie auf einer vertrauensvollen Beziehung zwischen allen Beteiligten, die auch durch deren Emotionen beeinflusst wird, basieren (Sann & Preiser, 2017). Allerdings zeichnet sich der zwischenmenschliche Umgang sowie die gesamte Lehr-Lernkultur im Bildungssystem, und damit auch in Schulen, nach wie vor durch eine Überbetonung kognitiver und eine mangelnde Berücksichtigung affektiver Aspekte aus.

Es gilt zu bedenken, dass positive Emotionen bei Kindern und Jugendlichen nicht immer von vornherein vorhanden sind und auch nicht automatisch durch interessante Unterrichtsinhalte hervorgerufen werden (Götz, Frenzel & Pekrun, 2007). Wesentlich zu deren Förderung tragen professionelle Lehrpersonen bei, die sich offen, respektvoll und unterstützend den Kindern zuwenden, ihr Fach enthusiastisch vertreten und dies auch vermitteln können. Gelingende Emotionsregulation ist auch ein wichtiger Aspekt professionellen pädagogischen Handelns. Pädagogische Professionalität umfasst pädagogische, fachspezifische und fachdidaktische Handlungskompetenzen sowie personale und selbstregulative Kompetenzen, einschließlich emotionaler Zuwendung, und Berufsethos (Baumert & Kunter, 2006; Oser, 1996). Durch eine solche besondere personale Qualität der Zuwendung ist Erziehung gekennzeichnet. Dies bedeutet, dass Lehrer*innen sich nicht nur als Fachvertreter*innen verstehen, die Fachunterricht halten, sondern auch als Pädagog*innen, die Kinder und Jugendliche als Individuen mit persönlichen Bedürfnissen und Emotionen wahrnehmen und respektieren, sie zum Lernen einladen und anleiten, während des Lernprozesses kontinuierlich unterstützen und ihnen in ihrer bildungsbezogenen Entwicklung zur Seite stehen.

Emotionen bzw. Gefühle werden häufig eher nicht thematisiert und oftmals erst dann wahrgenommen, wenn sie als störend erachtet werden und bereits Probleme entstanden sind, wie z. B. bei aggressivem Verhalten oder bei Schul- und Prüfungsangst. Eines der herausragenden Ziele zeitgemäßer pädagogischer Bemühungen muss es daher sein, die Emotionen von Schüler*innen in der pädagogischen Beziehung zu Lehrpersonen sowie bei der Unterrichtsgestaltung zu berücksichtigen und in positiver Weise zu unterstützen. Dies setzt voraus, dass Lehrpersonen die Kompetenz besitzen, eigene Emotionen und die der Schüler*innen zu diagnostizieren und zu regulieren. Ein adäquater Umgang mit eigenen Emotionen und denen der Lernenden setzt ein umfassendes Verständnis von Emotionen voraus (Hülshoff, 2012).

Es kann somit resümiert werden, dass Gefühle bzw. Emotionen in der Pädagogik und Erziehungswissenschaft auf allen Ebenen pädagogischen Denkens und Handels thematisiert wurden, und zwar nicht nur als Teil des jeweils vorherrschenden Menschenbildes, sondern auch als grundlegende pädagogische Prämissen und Ziele von Erziehung und Bildung. Somit sind Emotionen als Voraussetzung für einen pädagogischen Grundgedanken – auch mit Blick auf die pädagogische Beziehung zwischen Erziehendem und zu Erziehendem – und damit als wesentlich für die Bildung des Menschen sowie für die pädagogische Praxis zu betrachten (Caruso & Frevert, 2013). Einige neuere Publikationen greifen die Bedeutung von Emotionen bzw. Gefühlen aus einer pädagogischen Perspektive verstärkt auf. Exemplarisch sei hier auf die Arbeiten von Göppel und Dörr (2003), Klika und Schubert (2004), Seichter (2007), Wulf und Prenzel (2011), Huber und Krause (2018) sowie ganz aktuell Rubach und Lazarides (2021) verwiesen. Insofern versteht sich auch der vorliegende Band als Beitrag zu dieser insgesamt doch optimistisch stimmenden Entwicklung hin zu einer stärkeren Berücksichtigung des Emotionalen in Schule und Unterricht.

1.6 Gliederung des Bandes bezogen auf den pädagogischen und psychologischen Teil

Mit dem vorliegenden Band wollen wir gleichermaßen pädagogische, psychologische sowie fachdidaktische Perspektiven, die bislang kaum thematisiert wurden, auf die Bedeutung des Emotionalen im schulischen Unterricht hin akzentuieren. Die Beiträge nehmen sowohl schulstrukturelle als auch lehr-lernbezogene und akteursbezogene Perspektiven ein. Dabei sind die pädagogischen, psychologischen bzw. erziehungswissenschaftlich-empirischen Perspektiven im vorliegenden Sammelband folgendermaßen strukturiert:

Tina Hascher und Gerda Hagenauer ( Kap. 2) geben aus Sicht der empirischen Lehr-Lernforschung einen grundlegenden Überblick zur Bedeutung von Emotionen in Schule und Unterricht. Sie beschreiben zentrale Erkenntnisse aus der empirischen Lehr-Lernforschung, die als wichtiges Grundlagen-, Handlungs- bzw. Orientierungswissen zu Emotionen im Kontext guten Unterrichts zu verstehen sind.

Wie die ersten Schuljahre das emotionale Erleben in Bezug auf Lernen, Unterricht und Schule generell beeinflussen, thematisiert Katrin Lohrmann ( Kap. 4). Sie gibt einen Überblick zu empirischen Befunden und diskutiert, wie die Grundschule insbesondere mit ihren spezifischen institutionellen Rahmenbedingungen zum Erhalt und zur Förderung positiver Emotionen beitragen kann.

Die Bedeutung von Lern- und Leistungsemotionen im Kontext schulischer Transition heben Simon Meyer, Ramona Obermeier und Michaela Gläser-Zikuda hervor ( Kap. 5). Empirische Befunde zu Bedingungen emotionalen Erlebens, deren Bedeutung für schulisches Lernen sowie Implikationen für die Gestaltung des Übergangs von Primar- in Sekundarstufe werden vorgestellt und diskutiert.

Mit Emotionen im inklusiven Unterricht beschäftigen sich Carmen Zurbriggen und Philipp Schmidt ( Kap. 6). Sie zeigen, dass Binnendifferenzierung, Individualisierung und kooperatives Lernen – als zentrale Merkmale eines inklusiven Unterrichts – sich positiv auf das emotionale Erleben von Schüler*innen auswirken und somit Bildungsprozesse wesentlich unterstützen.

Der Beitrag von Thomas Knaus und Nastasja Bohnet ( Kap. 7) beleuchtet das Verhältnis von Emotion und (digitalen) Medien aus einer allgemein pädagogischen sowie einer spezifisch medienpädagogischen Perspektive. Im Fokus stehen Medien im Unterricht sowie konkrete Unterrichtsbeispiele zu lebensweltbezogenen Lehrmedien, Handlungsorientierung sowie interaktionistisch-konstruktivistische Unterrichtsmethoden.

Gerda Hagenauer und Tina Hascher machen in ihrem Beitrag ( Kap. 16) auf das Erleben von vielfältigen Emotionen bei Lehrkräften aufmerksam und verdeutlichen, wie sie das Unterrichtsverhalten (z. B. die Schülerzentrierung) beeinflussen und welche Bedeutung der Emotionsregulation auf Seiten der Lehrperson für Emotionen von Schüler*innen, aber auch mit Blick auf das berufliche Wohlbefinden von Lehrkräften zukommt.

Marc Kleinknecht beschäftigt sich mit der Rolle von Emotionen beim Einsatz von Unterrichtsvideos in der Lehrer*innenbildung ( Kap. 17). Der Beitrag hebt die Bedeutung von Emotionen als Mediator für Lernprozesse von Lehrkräften in Fortbildungen hervor. Zudem wird die Qualität von Feedback und dessen Einfluss auf Emotionen dargestellt, um Konsequenzen für die Lehrerfortbildung zu skizzieren.

Der Beitrag von Stefan Markus, Katharina Fuchs, Florian Hofmann, Barbara Jacob, Melanie Stephan und Michaela Gläser-Zikuda ( Kap. 18) zeigt basierend auf einer empirischen Studie mit Lehramtsstudierenden die Bedeutung von autonomieunterstützenden Lehr-Lernumgebungen für das Erleben von Lern- und Leistungsemotionen auf.

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2 Emotionen in Schule und Unterricht aus der Sicht empirischer Lehr-Lernforschung
Tina Hascher & Gerda Hagenauer
Kurzzusammenfassung

Die Erforschung von Emotionen in Schule und Unterricht ist wichtig, um die Prozesse des Lernens und die Wirkung von Lernumgebungen besser zu verstehen. In der empirischen Lehr-Lernforschung liegen dazu bereits zentrale Erkenntnisse vor, obschon der Forschungsbereich noch keine sehr lange Tradition aufweist. Der vorliegende Text gibt einen Überblick über den Forschungsbereich, der wichtiges Grundlagen-, Handlungs- bzw. Orientierungswissen zum Thema guter Unterricht bereitstellt.

Schlagwörter: Emotionen; Lehr-Lernforschung; Lernprozesse; Wirkung von Lernumgebungen

Einleitung

Mit der Aussage, die Schüler*innen-Emotionen seien »ein blinder Fleck der Unterrichtsforschung«, beschrieb Pekrun (1999, S. 230) den Stand der deutschsprachigen empirischen Lehr-Lernforschung vor gut zwanzig Jahren. Inzwischen lässt sich konstatieren, dass sich die Forschungslage – davon zeugt auch dieses Buch – im deutschsprachigen Raum rasant weiterentwickelt hat (im Überblick Götz, 2017; Hagenauer & Hascher, 2018). International besehen hatte sich die Forschung zu Emotionen in Schule und Unterricht zwar schon länger etabliert, vor allem was die Erforschung von Prüfungsangst anbelangt (z. B. Doyal & Forsyth, 1972). Andere Emotionen wurden jedoch vor allem erst ab dem Jahr 2000 untersucht (im Überblick siehe Pekrun & Schutz, 2006; Pekrun & Linnenbrink-Garcia, 2014). Es lässt sich damit konstatieren: Emotionen haben sich als ein Forschungsthema etabliert, auch wenn dieses noch nicht zum Mainstream der Lehr-Lernforschung gehören mag.

Im vorliegenden Beitrag möchten wir der folgenden Frage nachgehen: Was zeichnet den Forschungsbereich »Emotionen in Schule und Unterricht« im Kontext der Lehr-Lernforschung aus? Während sich die meisten Beiträge im vorliegenden Sammelband mit spezifischen Teilbereichen befassen und beispielsweise die Rolle von Emotionen in bestimmten Schulphasen oder für einzelne Schulfächer diskutieren, soll hier ein Überblick über den Forschungsbereich gegeben werden. Als Grundlage für unsere Ausführungen dient die Definition der empirischen Lehr-Lernforschung, wie sie von Gräsel und Gniewosz (2015, S. 18) formuliert wurde: »Die Lehr-Lernforschung ist jener Teil der Bildungsforschung, der sich mit der empirischen Untersuchung von Lernprozessen und der Wirkung von Lernumgebungen befasst.« Empirisch fundierte Kenntnisse über Entstehungsbedingungen und Wirkungen von Emotionen sind insofern wichtig, als sie einen wichtigen Beitrag zum Grundlagen-, Handlungs- bzw. Orientierungswissen über erfolgreiches Lernen und guten Unterricht leisten.

2.1 Konzepte und Modelle

Der Begriff Emotion ist schwierig zu fassen, und es gibt eine Vielzahl von Konzepten, die unterschiedlich in der Lehr-Lernforschung aufgenommen wurden. Im Folgenden werden zentrale Ansätze und Modelle vorgestellt.

2.1.1 Was versteht man unter Emotionen?

Wissenschaftliche Texte zum Thema Emotionen weisen häufig darauf hin, dass über 100 verschiedene Definitionen des Begriffs Emotion existieren (z. B. Kleinginna & Kleinginna, 1981). Diese unübersichtliche Vielfalt hat vor allem damit zu tun, dass zahlreiche Disziplinen sich mit der Erforschung von Emotionen beschäftigen. Im Kontext der Lehr-Lernforschung spricht man von akademischen Emotionen oder Lern- und Leistungsemotionen und meint damit vor allem Emotionen, die »in Bezug auf leistungsbezogene Aktivitäten und die Ergebnisse dieser Aktivitäten erlebt werden« (Frenzel & Stephens, 2017, S. 29), z. B. Angst in einer Prüfungssituation, Stolz bei einem richtig gelösten Arbeitsblatt oder Scham, wenn man eine Frage der Lehrperson falsch beantwortet. Emotionen sind zudem äußerst komplexe Phänomene. Ist eine Schülerin oder Lehrerin beispielsweise wütend, so denkt sie negativ über die wutauslösende Person oder Situation, ihre Herzfrequenz steigt, ebenso die Handlungsbereitschaft; sie zeigt einen bestimmten Gesichtsausdruck, den Mitmenschen schnell als Wut oder Zorn oder Ärger interpretieren; Redebeiträge im Klassengespräch werden ungehalten oder haben einen etwas aggressiven Tonfall. Emotionen »are seen as multi-component, coordinated processes of psychological subsystems including affective, motivational, expressive and peripheral physiological processes« (Pekrun, 2006, S. 317) und werden entsprechend in sog. Mehrkomponentenmodellen abgebildet ( Abb. 2.1).


Abb. 2.1: Mehrkomponentenmodell der Emotionen (Götz, Zirngibl & Pekrun, 2004, S. 51)

Durch den Mehrkomponentenansatz ergeben sich allerdings auch Herausforderungen. So ist z. B. noch nicht abschließend geklärt, in welchem Verhältnis Emotion und Motivation zueinander stehen: Wenn Emotionen eine motivationale Komponente aufweisen, dann stellt sich die Frage, wie sich diese vom Konstrukt Motivation unterscheidet. Zugleich finden sich Motivationsformen, wie beispielsweise die intrinsische Motivation, die sich durch das Freudeerleben auszeichnen. Hier sind also Überschneidungen festzustellen. Der Mehrkomponentenansatz stellt zudem hohe Ansprüche an die Erforschung von Emotionen durch die Untersuchung der einzelnen Komponenten. Dabei zeigt sich, dass in der Lehr-Lernforschung nicht alle Emotionskomponenten gleichermaßen gut untersucht werden können ( Kap. 1.2.3).

Wichtig ist für die Lehr-Lernforschung, dass sich Emotionen weiter systematisieren und gruppieren lassen. Zum einem gibt es unterschiedliche Valenzen von Emotionen: positive (angenehm erlebte Emotionen wie Freude) und negative (unangenehm erlebte Emotionen wie Scham). Emotionen unterscheiden sich zum anderen hinsichtlich ihrer Erlebnisdauer und -häufigkeit. Schutz, Aultmann und Williams-Johnson (2009) identifizierten drei Formen: core affect (die aktuelle emotionale Gesamtbefindlichkeit), emotional episodes (situationsspezifische Emotionen wie Langeweile bei einem wenig interessanten Unterrichtsthema) und affective tendencies (immer wiederkehrende emotionale Reaktionen, z. B. Ängstlichkeit bei Vorträgen vor Gruppen). Des Weiteren lassen sich generelle Emotionen (z. B. Freude in der Schule oder beim Lernen) und fachspezifische Emotionen (z. B. Freude im Mathematikunterricht) differenzieren. Die aktuelle Lehr-Lernforschung konzeptualisiert Lern- und Leistungsemotionen zumeist fachspezifisch, da wiederholt gezeigt werden konnte, dass die Emotionen der Schüler*innen zwischen den Fächern stark variieren können (Goetz, Frenzel, Pekrun & Hall, 2006).

2.1.2 Welche Theorien sind leitend?

Analog zur Vielfalt an Emotionsdefinitionen findet sich auch ein breites Angebot an Emotionstheorien bzw. -konzepten. Sie reichen von Stimmungstheorien – z. B. zur Frage, ob Menschen in positiver Stimmung anders lernen als in negativer (vgl. im Überblick Edlinger & Hascher, 2008) – bis hin zu Konzepten emotionaler Kompetenz – z. B. welche Emotionsregulationsstrategien das Lernen unterstützen (vgl. u. a. Jennings & Greenberg, 2009; Buckley & Saarni, 2009). In Bezug auf die Lehr-Lernforschung lässt sich eine klare Präferenz für kognitive Emotionstheorien, sog. »appraisaltheoretische Zugänge«, feststellen, allen voran die Kontroll-Wert-Theorie der Emotionen von Pekrun (2006). Appraisal-Theorien gehen davon aus, dass die kognitive Bewertung von Ereignissen oder Situationen das emotionale Erleben bestimmt und differenziert. Die Kontroll-Wert-Theorie der Emotionen nimmt an, dass zwei Bewertungen in Lern-Leistungskontexten besonders wichtig sind: Kontroll- und Wertappraisals. Das heißt, die Lernenden schätzen Rahmenbedingungen und Situationsmerkmale (also z. B. die von der Lehrperson gestaltete Unterrichtsstunde) im Hinblick auf deren Kontrollierbarkeit und Wert ein. Man unterscheidet kategoriale Wertappraisals (wird eine Situation positiv oder negativ beurteilt, z. B. ist die Unterrichtsstunde interessant und klar strukturiert?) und dimensionale Wertappraisals (wie wichtig ist der Person die Situation, z. B. sind die Inhalte relevant?). Je nachdem, wie die Appraisals zusammenwirken, entstehen unterschiedliche Emotionen. Die kategoriale Werteinschätzung legt fest, ob man positive oder negative Emotionen erlebt. Die Kontrolleinschätzung bestimmt die jeweilige Emotionsqualität, und das dimensionale Appraisal beeinflusst die Intensität der Emotion (Pekrun, 2006). So entsteht Lernfreude beispielsweise dann, wenn die Lernumgebung als positiv eingeschätzt (kategoriales Wertappraisal), die Kontrolle über die Lernanforderungen als hoch (hohes Kontrollappraisal) und die subjektive Wichtigkeit der Lerninhalte ebenso als hoch bewertet wird (dimensionales Wertappraisal).

2.1.3 Wie werden Emotionen in Modellen der Lehr-Lernforschung aufgegriffen?

Als ein Vorreiter- und wegweisendes Modell zu Emotionen in der Lehr-Lernforschung kann das Modell von Bloom (1974/1976) bezeichnet werden. Bloom ging es darum, sowohl die Eingangsbedingungen als auch die Effekte des schulischen Lernens zu systematisieren. Dabei berücksichtigte er Emotionen zweifach: als affektive Eingangscharakteristika der Lernenden (z. B. Angst vor Mathematik) und affektive Lernergebnisse (z. B. Erleichterung bei einem weitgehend korrekt gelösten Aufgabenblatt). Die Entstehung dieser Emotionen begründet er einerseits in Vorerfahrungen zum Lernen, andererseits mit der Vielzahl spezifischer Lernerlebnisse, in denen Schüler*innen Erfolge und Misserfolge erfahren.

Blooms explizite Berücksichtigung der Rolle der Emotionen für das Lernen setzte sich in der Lehr-Lernforschung bisher allerdings nicht durch, was sich am derzeit sehr populären Angebot-Nutzungs-Modell von Helmke (2012) illustrieren lässt: Emotionen werden in diesem Modell lediglich indirekt unter den Kategorien Voraussetzungen auf der Lehrpersonen- bzw. der Schüler*innenseite thematisiert, wohingegen z. B. Intelligenz und Lernmotivation unter »Lernpotenzial« subsummiert werden. In leicht modifizierten Modellen ( Abb. 2.2) wird immerhin direkt auf »emotionale Voraussetzungen des Lernens« sowie »Lernfreude« als Lernergebnis verwiesen (Hascher & Kittinger, 2014; Lipowsky, 2006). Der Fokus liegt dabei aber klar auf den Emotionen der Lernenden und weniger auf den Emotionen der Lehrenden.


Abb. 2.2: Vereinfachtes Angebot-Nutzungsmodell (Lipowsky, 2006, S. 48)

2.2 Bedeutung der Emotionsforschung innerhalb der Lehr-Lernforschung

Wenn sich die Lehr-Lernforschung mit Emotionen beschäftigt, dann primär deshalb, weil sie anhand von Untersuchungen der Emotionen beim Lernen und Lehren mehr darüber erfahren kann, welche Faktoren auf welche Art und Weise den Lernprozess und die Wirksamkeit von Lernumgebungen beeinflussen. Es geht darum, sowohl Grundlagen- als auch Handlungs- bzw. Orientierungswissen aufzubauen, was guten Unterricht auszeichnet. Mit dem Blick auf Emotionen erweitert die Lehr-Lernforschung ihr Analysespektrum und kann Zusammenhänge zwischen Kognition, Emotion und Motivation untersuchen. Wie im Folgenden gezeigt wird, war das nicht immer so, sondern hat sich über viele Jahre hinweg entwickelt.

2.2.1 Welche Grundlagen und welche Entwicklungen gibt es?

In der Literatur zum Thema Emotionen in Schule und Unterricht wird häufig auf das derzeit noch bestehende Forschungsdefizit hingewiesen, mit einer Ausnahme: Insbesondere Prüfungsangst sei bereits früh und besonders eingehend untersucht worden. Was sich als Kritik lesen lässt – die damaligen Forscher*innen hätten sich nur auf eine Emotion konzentriert und andere Emotionen ignoriert –, kann ebenso als eine Stärke interpretiert werden. Diese theoretischen und empirischen Studien zur Prüfungsangst stellen nämlich insofern einen zentralen Ausgangspunkt für die Lehr-Lernforschung dar, als sie wesentliches Grundlagenwissen für weitere Forschungen erarbeitet haben. So erklärte das transaktionale Prüfungsangstmodell von Lazarus und Folkman (1987), dass Emotionen auf zwei kognitiven Evaluationsprozessen beruhen: dem Primary Appraisal (primärer Bewertungsschritt: bei Angst die Bewertung der Situation als bedrohlich) und dem Secondary Appraisal (sekundärer Bewertungsschritt: bei Angst die Bewertung der eigenen Möglichkeiten als unzureichend). Zu den heutigen Grundlagen gehört auch die Differenzierung von Spielberger (1966) in Emotionen als Dispositionen, sog. Traits (bei Prüfungsangst: Ängstlichkeit), und States (situative Prüfungsangst). Innovativ war zudem die Erkenntnis, dass Emotionen aus mehreren, voneinander teilweise unabhängigen Dimensionen bestehen können: Bei Prüfungsangst sind dies die Aufgeregtheit und die Sorgen, die jeweils unterschiedliche Wirkung auf das Lehren und Lernen ausüben können (Liebert & Morris, 1967). Ein wichtiger empirischer Befund war überdies, dass sich Emotionen im Unterricht zwar beeinflussen lassen, dass aber Prävention und Intervention intensiv und unterrichtsbezogen sein müssen, um beispielsweise manifeste Prüfungsangst zu reduzieren (z. B. Strittmatter, 1997).

Auf diesen Grundlagen entwickelte Pekrun (1992) zunächst die Erwartungs-Wert-Theorie der Angst, dann die allgemeine Kontroll-Wert-Theorie der Emotionen (Pekrun, 2000). Parallel zu seinen wegweisenden theoretischen und empirischen Arbeiten lieferten weitere Forschungsgruppen profunde Beiträge. Beispielsweise wurden im FEASP-Ansatz von Astleitner (1999) sowie im Projekt »Emotional and Cognitive Aspects of Learning« (ECOLE) von Gläser-Zikuda, Fuß, Laukenmann, Metz und Randler (2005) gezielt Möglichkeiten der Förderung positiver Lernemotionen und der Reduktion negativer Lernemotionen erarbeitet und empirisch überprüft (siehe dazu auch Brandenberger & Moser, 2018). Beide Projekte gaben wichtige Impulse für die Lehr-Lernforschung, weil sie didaktische Rahmenbedingungen und Merkmale der Unterrichtspraxis explizit berücksichtigten und die Gestaltung spezifischer Lernumgebungen mit Bezug auf ihre Wirkung auf die Emotionsentstehung beim Lernen empirisch untersuchten.

2.2.2 In welchen Forschungsfeldern werden Emotionen untersucht, welche Forschungsfragen bearbeitet?

Die aktuelle Lehr-Lernforschung untersucht Emotionen in allen Bildungskontexten, von der vorschulischen Bildung über die obligatorische und nachobligatorische Schule sowie die Hochschule bis hin zur Erwachsenenbildung und der beruflichen Entwicklung von Lehrpersonen. Dabei lassen sich bildungsgangspezifische Akzentsetzungen feststellen, etwa das Interesse an der Entwicklung und Förderung sozio-emotionaler Kompetenzen im Kindergarten und Primarschule (z. B. Koglin & Petermann, 2006), der Schwerpunkt auf schulischen Lern- und Leistungsemotionen (z. B. Goetz, Bieg & Hall, 2016) oder auf den Enthusiasmus von Lehrpersonen (z. B. Bleck, 2019), was auch die Erwartungen an die jeweiligen Bildungseinrichtungen bzw. Akteursgruppen widerspiegelt. Neue Themen wie die Erforschung von Emotionen von Studierenden und Dozierenden (z. B. Hagenauer & Volet, 2014) oder die Rolle von Emotionen im Kontext von Schulleitung und -entwicklung (Ittner, Hagenauer & Hascher, 2019) kommen hinzu. Auch in internationalen Studien zum Bildungsmonitoring wie PISA zur Analyse von Schülerleistungen werden neuerdings Emotionen von Schüler*innen untersucht (OECD, 2017).

Betrachtet man die Lehr-Lernforschung im Überblick, so geht es um die Prävalenz von Emotionen, um ihre Auslöser und Ursachen, um die Wirkungen spezifischer Emotionen und die Frage, wie positive Emotionen erhalten und gefördert bzw. negative Emotionen reduziert oder vermieden werden können. Ein weiterer Fokus stellt die Regulation von Emotionen dar, die beispielsweise dafür wichtig ist, dass negative Emotionen nicht den Lernprozess stören oder dass Schüler*innen reibungsfrei zusammenarbeiten können (Buckley & Saarni, 2009). Emotionen können unter verschiedenen Perspektiven untersucht werden (siehe auch Hascher & Krapp, 2014):

• Emotionen als abhängige Variable

Beispiele: Was trägt zum Erleben von Stolz und Zufriedenheit bei? Wie können Lehrpersonen die Entwicklung von Prüfungsangst vermeiden?

• Emotionen als unabhängige Variable

Beispiele: Inwiefern ist Lernfreude eine Ressource im Umgang mit Misserfolgen? Führt Langeweile aus Unterforderung zu anderem Unterrichtsverhalten als Langeweile aus Überforderung?

• Emotionen als Mediator/Moderator

Beispiele: Inwiefern beeinflusst das Erleben positiver oder negativer Emotionen die Motivation der Schüler*innen und wie wirkt sich diese auf den Lernerfolg aus? Welche Rolle spielt die Emotionsregulation beim Lernen nach wiederholten Misserfolgen?

• Emotionen als Zielvariable für Interventionen

Beispiele: Wie lassen sich positive Emotionen erhalten bzw. fördern? Wie lassen sich negative Emotionen vermeiden bzw. reduzieren?

2.2.3 Welche Emotionen werden untersucht?

Wie bereits erwähnt, wurde auf Schüler*innenseite bisher die Prüfungsangst am intensivsten untersucht, insbesondere der Zusammenhang zwischen Prüfungsangst und Leistung. Neuere Forschungsarbeiten befassen sich mit der Freude am Lernen (»Lernfreude«; z. B. Hagenauer & Hascher, 2011) bzw. betrachten das Freudeerleben als eine Facette des schulischen Wohlbefindens (Hascher, 2004). Wiederholt haben Studien belegt, dass die Lernfreude im Laufe der Schulzeit abnimmt (z. B. Helmke, 1993). Ebenso wird Langeweile von Schüler*innen intensiv beforscht (Tze, Daniels & Klassen, 2016). Dabei wurden unterschiedliche Formen von Langeweile differenziert, z. B. die Unterforderungs- und Überforderungslangeweile (Krannich et al., 2019). Weitere Lern- und Leistungsemotionen stehen in der deutschsprachigen schulischen Lehr-Lernforschung bisher eher selten im Zentrum von umfassenden Analysen (z. B. Stolz, siehe Fränken & Wosnitza, 2018). Es gibt zwar Studien, die simultan mehrere Emotionen (z. B. Freude, Stolz, Angst, etc.) untersuchen; allerdings wird dabei selten eine Emotion spezifisch herausgegriffen und vertieft theoretisch aufgearbeitet und empirisch erforscht.

Im Hinblick auf das Emotionserleben der Lehrkräfte ( Kap. 3.1) dominierten lange Zeit qualitative Studien (z. B. Schutz & Zembylas, 2011). Seit der Entwicklung standardisierter Messinstrumente nehmen die quantitativen Studien in diesem Bereich zu. Die quantitativ orientierten Untersuchungen auf Basis der Teachers Emotion Scales von Frenzel et al. (2016) fokussieren Freude, Angst und Ärger von Lehrkräften beim Unterrichten, ebenso werden emotionsnahe Merkmale wie z. B. der Lehrerenthusiasmus (Keller et al., 2016) oder der Lehrerhumor (Bieg et al., 2018) untersucht. Erste Ergebnisse liegen auch zur Langeweile bei Lehrkräften vor (Tam et al., 2019). Des Weiteren interessieren Übertragungseffekte – z. B. die Übertragung von Freude von Lehrpersonen auf das emotionale Erleben der Schüler*innen (Frenzel et al., 2009).

2.2.4 Wie werden Emotionen in der Lehr-Lernforschung untersucht?

Ein umfassender Überblick über Methoden, die in der schulischen Emotionsforschung eingesetzt werden, findet sich bei Zembylas und Schutz (2016). Am häufigsten werden Emotionen über Selbstberichte – insbesondere durch den Einsatz von Fragebögen und Interviews – erhoben. Lehrende und Lernende berichten entweder schriftlich oder mündlich über ihr Emotionserleben, denn die affektive und die kognitive Komponente der Emotion sind ausschließlich über Selbstberichte (Introspektion) zugänglich. Dieser Zugang birgt den Vorteil, dass mehrere Komponenten der Emotion simultan erfasst werden können, z. B. indem man die Schüler*innen neben affektiven und kognitiven Merkmalen zu ihren körperlichen Erfahrungen beim Angsterleben befragt. Allerdings weisen Selbstberichte auch Schwächen auf, z. B. die Wahrscheinlichkeit, dass sozial erwünschte Antworten gegeben werden. Des Weiteren können nicht bewusste Prozesse (z. B. automatisierte Bewertungsprozesse) nicht verbalisiert werden (siehe z. B. Pekrun, 2016).

Day und Harris (2016) empfehlen qualitative Forschungsansätze (z. B. Interviews), um Emotionen vertieft und unter Berücksichtigung der Komplexität des Kontexts zu erfassen. Qualitative Forschungszugänge bergen jedoch den Nachteil der mangelnden Generalisierbarkeit der Befunde. Daher werden in der Lehr-Lernforschung häufig Fragebögen im Zuge von quantitativen querschnittlichen und längsschnittlichen Designs verwendet. Schüler*innen und auch Lehrpersonen werden darum gebeten, ihre Emotionen im Allgemeinen – also auf Trait-Ebene (z. B. in einem gewissen Schulfach) – einzuschätzen. Im deutschsprachigen Raum wird zur Erfassung von Schüler*innenemotionen vielfach der Achievement Emotions Questionnaire (AEQ) eingesetzt (Pekrun et al., 2011; für den Grundschulbereich: AEQ-ES; Lichtenfeld et al., 2012). Zunehmend erhoben werden auch die sog. epistemischen Emotionen von Schüler*innen wie Überraschung, Freude und Neugier beim Lernen. Hierzu liegen mit den Epistemic Emotions Scales (EES) ein standardisiertes Messinstrument vor (Pekrun & Vogel, 2018). Für die Untersuchung von Lehrer*innenemotionen im Unterricht (Angst, Ärger, Freude) kommen vor allem die Teacher Emotions Scales (TES) (Frenzel et al., 2016) zur Anwendung. Des Weiteren kann auf eine breite Basis unterschiedlicher Fragebögen zurückgegriffen werden, wenn es um die mehrdimensionale Messung der Prüfungsangst geht (z. B. AFS Angstfragebogen für Schüler; Wieczerkowski et al., 2016). Will man allgemein die Stimmung von Personen erforschen, so wird in vielen Untersuchungen die Positive and Negative Affect Schedule (PANAS; Watson, Clark & Telegen, 1988) verwendet, die auch in einer deutschsprachigen Version vorliegt (Breyer & Blumeke, 2016).

Der Nachteil der Erfassung von Emotionen als »Traits« besteht in möglichen Verzerrungen, die durch Erinnerungsfehler auftreten. Um diesem Mangel zu begegnen, werden in der schulischen Emotionsforschung zunehmend Experience-Sampling Methoden eingesetzt (im Überblick siehe Götz, Bieg & Hall, 2016). Dabei notieren die Proband*innen ihr emotionales Erleben direkt in der jeweiligen Situation, also als »States«, was dann mit weiteren State-Merkmalen (z. B. dem Kontrollappraisal bzw. der aktuellen Unterrichtsgestaltung, siehe Bieg et al., 2017) oder auch mit Trait-Faktoren in Verbindung gebracht wird (z. B. die Überprüfung des Zusammenhangs zwischen emotionaler Erschöpfung und aktuellem Emotionserleben von Lehrkräften im Unterricht; Keller et al., 2014). Ebenso kann die intraindividuelle Variation im Emotionserleben geprüft werden (z. B. Ahmed et al., 2010). Als Nachteil bei Experience-Sampling-Methoden wird häufig der höhere Aufwand genannt; sowohl für die Proband*innen als auch hinsichtlich der technischen Umsetzung, da in diesen Studien meist mit mobilen Geräten und entsprechenden Apps gearbeitet wird. Ebenso wird die mögliche Einschränkung der Messgüte durch den Einsatz von Kurzskalen oder 1-Item-Skalen kontrovers diskutiert. Allerdings gibt es Hinweise, dass es auch mit verkürzten Messinstrumenten durchaus möglich ist, reliable und valide Daten von emotionalen Merkmalen zu generieren (Gogol et al., 2014).

Emotionen können ebenfalls durch physiologische Messungen erfasst werden oder durch die Analyse der Emotionsexpression/Mimik. Mit Hilfe entsprechender Software, z. B. Facereader, werden Veränderungen an der Mimik von Personen analysiert und spezifische Emotionen identifiziert. Vereinzelt werden auch Eye-Tracking-Methoden eingesetzt, um anhand von Blickbewegungen affektive Reaktionen beim Lernen zu erforschen (Azevedo et al., 2016).

2.3 Weiterführende Themen für Forschung und Praxis

Anhand der Breite und der Vielzahl an Forschungsfragen, mit denen die Lehr-Lernforschung das Thema »Emotionen in Schule und Unterricht« aufgreift, erschließt sich dessen große Bedeutung. Emotionen erweisen sich sowohl für nachhaltiges Lehren und Lernen im Unterricht (Mikroebene) als auch für die Qualität der Schule (Mesoebene) und den Erfolg des Bildungssystems (Makroebene) als relevant. Trotz der sich rasch entwickelnden Forschungslage sind jedoch noch viele Fragen offen. Einige Möglichkeiten für eine Weiterentwicklung möchten wir im Folgenden aufgreifen.

Künftige Arbeiten sollten bereits erschlossene Forschungsfelder weiter vertiefen, indem beispielsweise verschiedene Lernumgebungen systematisch differenziert werden. Welche Emotionen entstehen z. B. beim kollaborativen Lernen, beim Lehren und Lernen mit digitalen Medien oder beim selbstregulierten Lernen? Mit solchen Fragen würde sich die Forschung noch näher an der Unterrichtspraxis orientieren und praxisrelevante Ergebnisse generieren. Da individuelle Bewertungen sehr unterschiedlich sein können, wäre es sinnvoll, weitere distinkte Emotionen, wie z. B. Scham, Stolz, Hoffnungslosigkeit oder Erleichterung, zu untersuchen und im Hinblick auf ihre Bedeutung für Lehren und Lernen zu analysieren. Zudem sollten Emotionen, die im sozialen Miteinander entstehen, z. B. Dankbarkeit, Bewunderung, Empathie, Neid, Eifersucht usw., zusätzlich zu Lern- und Leistungsemotionen erforscht werden, da sozialen Beziehungen auch in der Schule eine zentrale Rolle für das Lernen und Lehren zukommt (z. B. Hagenauer, Hascher & Volet, 2015). Eine Weiterentwicklung könnte auch die Kombination verschiedener Methoden darstellen (Gläser-Zikuda & Järvelä, 2008). Indem verschiedene Methoden jeweils unterschiedliche Komponenten erhellen, können Emotionen ganzheitlicher erfasst werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von »methodenpluralen oder methodenintegrativen« Forschungsansätzen bzw. von Mixed-Methods, wenn es spezifisch um die Kombination von qualitativen und quantitativen Ansätzen geht.

Emotionen in Schule und Unterricht stellen eine wichtige Thematik für die Lehr-Lernforschung dar. Entsprechende Forschungsarbeiten können dazu beitragen, individuell vielfältige Lernprozesse und die Wirkung zunehmend komplexer gestalteter Lernumgebungen noch besser zu verstehen.

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3 Emotionen als Gegenstand fachdidaktischer Forschung
Volker Frederking
Kurzzusammenfassung

Im vorliegenden Beitrag sollen Grundsatzfragen zum Forschungsfeld ›Emotionen‹ aus einer allgemeinen, alle Fachdidaktiken umfassenden Perspektive herausgearbeitet und Vorschläge zu ihrer Beantwortung gemacht werden. Dabei wird der Versuch einer theoretischen Systematisierung unternommen. Den Ausgangspunkt bildet die Frage, inwieweit es einen genuin fachdidaktischen Zugang zum Forschungsfeld ›Emotionen‹ gibt. Im Horizont von Überlegungen zu einer Theorie der Allgemeinen Fachdidaktik wird ein Modell fachdidaktischer Emotionsforschung entwickelt ( Kap. 3.1). Dieses besteht aus zwei heuristisch vorgeschlagenen Grundtypen, die in den beiden folgenden Kapiteln exemplifiziert werden sollen: fachbezogene Emotionen auf der Subjektseite ( Kap. 3.2) und fachbezogene Emotionen auf der Objektebene ( Kap. 3.3). Auf dieser Basis lassen sich Potenziale wie Desiderate fachdidaktischer Grundlagen- und Anwendungsforschung auf dem Gebiet der Emotionen kenntlich machen ( Kap. 3.4).

Schlagwörter: Fachspezifische Emotionen, fachdidaktische Emotionsforschung, fachbezogene Emotionen auf der Subjekt- und auf der Objektseite des Fachlichen, Emotionen fachlich Lehrender und Lernender, Emotionen als Teil des fachlichen Gegenstandes, Allgemeine Fachdidaktik, fachliche Bildung

3.1 Bausteine zu einer fachdidaktischen Theorie der Emotionen. Eine Analyse aus der Perspektive Allgemeiner Fachdidaktik

Fachdidaktiken sind die Wissenschaften fachlichen Lehrens und Lernens (KVFF, 1998, S. 1). Im akademischen Diskurs treten sie zumeist im Plural auf, d. h. als bunte Vielfalt einzelner Fachdidaktiken mit einem je eigenen fachspezifischen Nukleus. Die Theorie der Allgemeinen Fachdidaktik stellt den Versuch dar, eine Reflexions- und Diskursebene zu etablieren, auf der die Fachdidaktiken vergleichend betrachtet werden, um Allgemeines wie Spezifisches theoretisch zu erfassen. Auf dieser Basis kann der Dialog innerhalb der Fachdidaktiken erleichtert werden, aber auch der mit den Fachwissenschaften, der Erziehungswissenschaft oder der Pädagogischen Psychologie (vgl. Frederking, 2017; Rothgangel, 2017).1

Wissenschaftstheoretisch gesprochen zielt die Theorie der Allgemeinen Fachdidaktik damit auf die transdisziplinäre Selbstvergewisserung der Fachdidaktiken aus metawissenschaftlicher Perspektive. Als Metawissenschaft fungiert die Allgemeine Fachdidaktik insofern, als mit ihr eine fachdidaktische Gesamtperspektive etabliert ist (vgl. Frederking, 2017). Allgemeine Fachdidaktik ist in diesem Sinne auch als Wissenschaftstheorie der Fachdidaktiken, als Forschung über fachdidaktische Forschung, als fachdidaktische »Wissenschaftsforschung« oder fachdidaktische »Meta-Forschung« zu bezeichnen. Im Unterschied zu den aus dem Blickfeld des je eigenen Fachbezuges heraus operierenden Fachdidaktiken als Einzeldisziplinen werden im Horizont der Allgemeinen Fachdidaktik in einem selbstreflexiven Prozess Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Fachdidaktiken in ihrer Gesamtheit herausgearbeitet sowie Inhalte und Prämissen, Forschungsmethoden, Forschungsziele und Forschungsergebnisse der Fachdidaktiken verglichen und mit anderen Wissenschaften in Beziehung gesetzt (vgl. Frederking, 2017, S. 183; Rothgangel, 2020).

Die Frage nach der Bedeutung von Emotionen im Rahmen fachlichen Lehrens und Lernens und fachdidaktischer Forschung ist auf einer solchen metawissenschaftlichen Forschungs- bzw. Reflexionsebene angesiedelt. In zwei Untersuchungskreisen soll diese Frage nachfolgend angegangen werden. Zunächst werden Emotionen aus fachdidaktischer Sicht reflektiert ( Kap. 3.1.1), sodann soll ein heuristisches Modell fachlich kodierter Emotionen vorgestellt und erläutert werden ( Kap. 3.1.2).

3.1.1 Emotionen aus fachdidaktischer Sicht

Um die Bedeutung von Emotionen aus fachdidaktischer Sicht zu diskutieren, ist zunächst zu klären, was Emotionen sind. Der psychologische Emotionsdiskurs liegt dafür als Ausgangs- und Bezugspunkt nahe, zumal er pädagogisch wie fachdidaktisch intensiv rezipiert wurde.

Erste wichtige Impulse hat die psychologische Forschung durch Wilhelm Wundts Klassifikation von Affekten erhalten. Wundt differenzierte zwischen Gefühlen als kurzzeitigen und Affekten als einer Abfolge von zusammenhängenden Gefühlen, die ein länger fortbestehendes Ganzes bilden, »das im allgemeinen zugleich intensivere Wirkungen auf das Subjekt ausübt als ein einzelnes Gefühl« (Wundt, 1896, S. 120). In Anknüpfung an die Aristotelische Ethik unterschied Wundt »Lust- und Unlustaffekte« und ordnete diese nach Stärke und Dauer, Körperreaktionen usw. Eine fachdidaktische Emotionsforschung könnte hier frühe Anknüpfungspunkte für eine Analyse von Lust- und Unlustgefühlen im Zusammenhang mit schulischem Unterricht bzw. fachlichem Lehren und Lernen finden – in Übereinstimmung zu philosophischen Ansätzen in der Tradition des Aristoteles, an die Wundt explizit anschloss.

Allerdings orientieren sich Erziehungswissenschaft und Fachdidaktiken wie die moderne Psychologie im Unterschied zu Wundt heute zumeist nicht mehr am Affekt-, sondern am Emotionsbegriff. Der Emotionsbegriff, der sich in der amerikanischen Psychologie bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts etablierte, hatte entscheidende Impulse durch Charles Darwins Studie ›The expression of the emotions in man and animals‹ (1872) erhalten. Emotionen wie Liebe, Freude, Vergnügen, Ärger oder Hass, die Darwin bei Menschen wie bei vielen Tierarten beobachtete, wurden hier erstmals systematisch in ihrer evolutionären Verwurzelung und physiologischen Basis aufgearbeitet. Dieser Sachverhalt ist aus fachdidaktischer Sicht interessant, weil hier erkennbar wird: Die moderne Emotionsforschung hat ihren Ausgang nicht in der Psychologie, sondern in der Biologie genommen. Mehr noch – die psychologische Forschung hat durch die biologische ihren entscheidenden Anstoß erhalten. William James hat Darwins evolutionstheoretische Sicht in seinem grundlegenden Artikel ›What is an emotion?‹ (James, 1884, S. 188–204) aufgegriffen und psychologisch appliziert. In seinem Fokus stand die physiologische Basis von Emotionen: »emotions […] have a distinct bodily expression« (ebd., S. 188), so James’ Kernthese, die über »perception« und Verankerung im »cortex« bis zur physischen Manifestation verläuft: »An object falls on a sense-organ and is apperceived by the appropriate cortical centre«, komplexe physiologische Prozesse überführen dann »an object-simply-apprehended into an object-emotionally-felt« (ebd., S. 203). Mit dieser These antizipierte James das moderne Verständnis von Emotionen, das sich in der Psychologie nach einer zwischen 1920 und 1980 durch den Behaviorismus bedingten Randstellung des Themas mittlerweile fest etabliert hat. Dies gilt auch für den deutschsprachigen Raum. Die Fülle an aktuellen psychologischen Forschungsarbeiten verdeutlicht dies eindrucksvoll ( Kap. 2).

Wie aber lässt sich das psychologische Emotionsverständnis fachdidaktisch anwenden und theoretisch verorten? Exemplarisch soll dies an den empirischen Forschungen von Ulrich Mees (1991; 2006) veranschaulicht werden. Nach Mees sind Emotionen aktuelle Gefühlszustände, die im Unterschied zu Stimmungen auf etwas als »Objekt« gerichtet sind bzw. von diesem Objekt ausgelöst werden. Dieser Objektbezug von Emotionen eröffnet Ansatzpunkte für eine genuin fachdidaktische Emotionstheorie. In dieser avanciert das Fachliche bzw. Fachliches zu dem Objekt, auf das die Emotionen gerichtet sind. Ein heuristisches Raster solcher fachbezogenen Emotionen könnte in Anwendung einer von Mees entwickelten Typologie (vgl. 1991, S. 86–168; 2006, S. 4–7) folgende Elemente aufweisen:

• ›Ereignisbezogene‹ Emotionen in Bezug auf fachliche Inhalte, fachliche Fragen und fachliche Methoden (Freude, Glück, Entzücken, Leid, Trauer, Hoffnung, Befriedigung, Erleichterung, Furcht bzw. Angst, Enttäuschung);

• ›Handlungsbezogene‹ Emotionen in Bezug auf fachliches Lehren und Lernen, fachlichen Wissens- und Kompetenzerwerb und fachbezogene Interaktionsprozesse (Stolz, Billigung, Scham, Zorn, Selbstzufriedenheit, Dankbarkeit, Unzufriedenheit, Ärger);

• ›Beziehungsbezogene‹ Emotionen in Bezug auf fachlich Lehrende und (Mit)Lernende, Fachkolleg*innen bzw. Mitschüler*innen (Bewunderung, Verachtung; Liebe, Hass, Mitfreude, Mitleid, Schadenfreude, Neid; Eifersucht, Schuld, Genugtuung).

Darüber hinaus lassen sich »selbstbezügliche« Emotionen mit Blick auf das eigene fachliche Selbstkonzept (z. B. Selbstwertschätzung, Selbstmitleid) und Lust-Unlust-Emotionen (z. B. Langeweile, Interesse, Faszination) unterscheiden.

Hierbei handelt es sich allerdings nur um eine heuristische Modellskizze, die der empirischen Überprüfung bedarf. Überdies wird das nachfolgende Kapitel zeigen, dass das Modell aus fachdidaktischer Perspektive unvollständig ist und erweitert werden muss.

3.1.2 Ein Erweiterungsvorschlag für ein heuristisches Modell fachlich kodierter Emotionen

Das Problem der in Kapitel 3.1.1 in Anknüpfung an Mees entwickelten Modellskizze ergibt sich aus dem Sachverhalt, dass nur ein Teil fachbezogener Emotionen erfasst wird: die Subjektseite, d. h. diejenigen Emotionen, die bei fachlich Lehrenden und Lernenden ausgelöst werden. Aus der Perspektive der Allgemeinen Fachdidaktik ist hingegen festzustellen, dass fachdidaktische Forschung stets die Oszillation zwischen zwei Polen im Blick hat: »die fachlichen Objekte auf der einen und die fachlich lernenden und lehrenden Subjekte sowie deren Interaktionen auf der anderen Seite« (Frederking, 2017, S. 186). Im Hinblick auf die emotionalen Facetten fachlichen Lehrens und Lernens sind folglich zwei Grundoptionen zu unterscheiden: die Subjekt- und die Objektseite fachlich kodierter Emotionen, d. h. von Emotionen, die im Fachunterricht oder bei außerschulischen Formen fachbezogener Lehr-Lernprozesse formell oder informell in Erscheinung treten.

Vor diesem Hintergrund wird ein allgemeines fachdidaktisches Modell fachlich kodierter Emotionalität vorgeschlagen, in dem zwei Grundtypen unterschieden werden ( Abb. 3.1).

Typus A bezeichnet in Übereinstimmung zu der in Anknüpfung an Mees entwickelten Skizze Emotionen auf der Subjektseite fachdidaktischer Emotionsforschung, d. h. Emotionen, die bei Lehrenden wie Lernenden in jedem schulischen Unterrichtsfach in fachspezifisch präsentierter oder evozierter Form in Erscheinung treten. ›Fachlich präsentierte‹ Emotionen sind Teil des fachspezifischen Selbstkonzepts und der fachbezogenen Einstellungsmuster von Lehrenden und Lernenden, als ›fachlich evoziert‹ werden Emotionen bezeichnet, die durch das Fach bzw. die fachbezogenen Lehr-Lernprozesse ausgelöst werden. Leitend für eine theoretische wie empirische Erfassung sind z. B. die Fragen: Welche Emotionen lassen sich im Fachunterricht bei Lehrenden und Lernenden feststellen? Wie, un-


Abb. 3.1: Heuristisches Modell fachlich kodierter Emotionalität (© Volker Frederking)

ter welchen Bedingungen, in welcher Intensität und mit welchen Folgen zeigen sich die Emotionen bei den fachlich Lehrenden und Lernenden? Die an Mees angelehnte Typologie von Emotionen fachlich lehrender oder lernender Subjekte könnte Grundlage für deren empirische Untersuchung sein ( Kap. 3.2).

Typus B bezeichnet Emotionen auf der Objektseite fachdidaktischer Emotionsforschung, d. h. Emotionen, die Teil des fachlichen bzw. disziplinären Gegenstandes sind. Fachdidaktische Forschung rekurriert hier stark auf fachwissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden oder integriert diese in die eigenen Forschungen. Leitend sind z. B. die Fragen: Was sind Emotionen? Welche Emotionen sind Teil des fachlichen Gegenstandes? Wie, unter welchen Bedingungen, in welcher Intensität und mit welchen Folgen sind Emotionen Teil des Fachlich-Disziplinären? Mit welchen Methoden lassen sie sich als unterrichtliche Phänomene erfassen? Dabei treten Emotionen des Typus B im Unterschied zu denen des Typus A nicht in jedem Schulfach auf. So gibt es Fächer wie Mathematik oder Physik, bei denen Emotionen in den zugrunde liegenden Fachwissenschaften in Bezug auf den disziplinären Forschungsgegenstand keine Bedeutung haben ( Kap. 13). Demgegenüber sind Emotionen in anderen Fachdidaktiken Teil des fachlich-disziplinären Forschungsgegenstandes, wie die Auswertung der in diesem Band enthaltenen Beiträge zu den Fächern Biologie, Deutsch, Fremdsprachen, Geographie, Geschichte, Religion und Sport ( Kap. 8, 9, 10, 11, 12, 14 und 15) zeigen wird ( Kap. 3.3).

Beide Grundtypen fachlich kodierter Emotionen sollen nachfolgend in exemplarischen Ausprägungen in den Blick genommen werden. Dabei wird jeweils auch die Frage Berücksichtigung finden, ob diese fachlich in Erscheinung tretenden Emotionen nur im Zusammenhang mit Leistungsaspekten eine Rolle spielen oder auch im Hinblick auf die Persönlichkeit der Lehrenden und Lernenden.

Damit sind divergente Ausrichtungen benannt, zu deren theoretischer Verortung sich die Unterscheidung zwischen funktional und personal ausgerichteter fachlicher Bildung anbietet (vgl. dazu Frederking & Bayrhuber, 2017; 2020). Funktionale fachliche Bildung bezeichnet in diesem Sinne fachliches Lehren und Lernen mit dem Ziel des fachspezifischen Kompetenz- und Wissensaufbaus in sach- und anwendungsbezogener Perspektive, wie sie aktuell durch PISA, das Literacy-Konzept, die Bildungsstandards (vgl. z. B. Klieme et al., 2003) und Jürgen Baumerts (2002) domänenspezifische Modi der Weltbegegnung in fachlichen Curricula und in fachdidaktischer Forschung eine zentrale Rolle spielt. Als personale fachliche Bildung wird demgegenüber in Anlehnung an Wilhelm von Humboldt (1793) und in fachdidaktischer Applikation und Weiterentwicklung des von ihm geprägten personalen Bildungsbegriffs das Ziel eines fachlich reflektierten Selbst- und Weltverhältnisses der Schüler*innen und einer vernunftgeleiteten und aufgeklärten Haltung auf wissenschaftlich-fachlicher Grundlage bezeichnet. Diese beiden Grundausrichtungen fachlicher Bildung werden im Horizont der Allgemeinen Fachdidaktik als komplementäre Bestandteile fachspezifischer Bildungsprozesse verstanden (vgl. Frederking & Bayrhuber 2017; 2020). Baumerts Modell der Allgemeinbildung und den darin zentralen domänenspezifischen Modi der Weltbegegnung wird damit ein fachdidaktisches Modell fachlicher Bildung an die Seite gestellt, bei dem fachspezifische Modi der Welt- und Selbstbegegnung mit funktionalem und personalem Fokus die beiden Grundpole darstellen.

Auf dieser Basis wird in den beiden nachfolgenden Kapiteln die Unterscheidung zwischen funktionalen und personalen Formen fachlicher Bildung als heuristisches Orientierungsraster genutzt, um Zielhorizonte zu erfassen, mit denen Emotionen auf der Subjekt- und auf der Objektseite im Unterrichtsprozess fachlich verortet und in fachdidaktischen Forschungen fokussiert werden. Was dies konkret bedeutet, soll nachfolgend erläutert werden.

3.2 Die Subjektseite: Emotionen und Emotionsforschung auf der Ebene fachlich Lehrender und Lernender

Emotionen auf der Subjektseite fachlichen Lehrens und Lernens stellen den in empirischer Hinsicht bislang am besten erforschten Bereich fachlich kodierter Emotionen dar. Sowohl Leistungs- als auch Persönlichkeitsaspekte werden dabei untersucht. Hatte anfangs die Bedeutung von Emotionen für fachliche Lernleistungen in einem funktional-kompetenzorientierten Verständnis im Zentrum der Aufmerksamkeit gestanden, sind seit der Jahrtausendwende zunehmend auch emotionale Implikationen fachlichen Lernens für das Selbst- und Weltverhältnis der Schüler*innen im Sinne personal-(selbst-)reflexiver fachlicher Bildung in den Fokus gerückt.

3.2.1 Emotionen auf der Ebene der fachlich Lehrenden und Lernenden. Frühe Studien

Emotionen auf der Subjektseite der Lehrenden und Lernenden sind seit den 1980er und 90er Jahren verstärkt empirisch untersucht worden, insbesondere in der Pädagogischen Psychologie. Ein funktionaler überfachlicher Fokus herrschte vor, sichtbar z. B. in standardisierten Testinstrumenten zur schulischen Angst (vgl. Wieczerkowski, 1974; Spielberger, 1983; Zeidner, 1998) oder in Studien zu Langeweile (Larson & Richards, 1991), zum Zusammenhang von Neugier, Angst und kognitiver Entwicklung (Trudewind, Mackowiak & Schneider, 1999) oder zum Verhältnis von Kognition, Emotion und Lernleistung (Möller & Köller, 1996; Pekrun, 1991; 1998). Auch in fachbezogenen Emotionsforschungen war der Leistungsaspekt leitend, so in Studien zu Emotionen im Sportunterricht (z. B. Hackfort, 1999), zu emotionalen Wirkungen des Faches Mathematik (Nicholls, 1984), zu Angst als Phänomen beim Fremdsprachenlernen (MacIntyre & Gardner, 1989) oder zu evozierten Emotionen im muttersprachlichen Literaturunterricht (Kneepkens & Zwaan, 1995). Auch in vergleichenden Forschungen ist ein funktionaler Fokus zu beobachten. So wurde der Einfluss emotionaler Faktoren auf Lernleistungen in den Fächern Physik und Deutsch (vgl. Bleicher, Fix, Fuß, Gläser-Zikuda, Laukenmann, Mayring, Melenk & Rhöneck, 1999) und der Zusammenhang von Leistung und Lernfreude in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik empirisch erforscht (Jerusalem & Mittag, 1999, S. 229 ff.).

3.2.2 Fachlich evozierte Emotionen. Vergleichende Beobachtungen zum aktuellen Forschungsstand auf Basis der Fachbeiträge

Fachlich evozierte Emotionen auf der Subjektseite des Fachunterrichts sind in vielen Fachdidaktiken seit der Jahrtausendwende in den Fokus theoretischer wie empirischer Forschung gerückt. Dabei haben auch personal-selbstreflexive Emotionen Berücksichtigung gefunden. Die Beiträge des vorliegenden Bandes vermitteln ein differenziertes Bild des aktuellen Forschungsstandes in acht Fachdidaktiken. Auf dieser Basis sind vergleichende objekttheoretische Beobachtungen (vgl. dazu Rothgangel, 2020) aus allgemeiner fachdidaktischer Perspektive möglich.

Für die Biologiedidaktik gibt Christian Randler einen detaillierteren Überblick über Forschungen zu den fachlich evozierten Emotionen Angst, Ekel, Interesse, Wohlbefinden und Langeweile ( Kap. 8). Ein funktionaler Fokus herrscht hier vor. Dieser zeigt sich in der biologiedidaktischen Interessenforschung wie auch in Untersuchungen zu fachspezifischen Formen von Interesse, Wohlbefinden und Langeweile. Forschungen zu negativen Emotionen wie Ekel und Angst im Zusammenhang mit biologischen Methoden wie dem Sezieren verweisen auf weitergehenden Forschungsbedarf. Gerade Untersuchungen zur verstärkten Einbeziehung lebender Tiere, die in ihrem Verhalten beobachtet werden, könnten, wie der Artikel zeigt, Ansatzpunkte liefern, um das fachspezifische emotionale Selbstkonzept von Lernenden im Biologieunterricht auch personal zu verbessern.

Vor dem Hintergrund emotionaler Manipulationen von Schüler*innen in Zeiten des deutschnational geprägten Deutschunterrichts des späten 19. Jahrhunderts, im Wilhelminismus und zur Zeit des Dritten Reiches stand in der Deutschdidaktik vor allem nach 1968 zunächst der Aufbau kritisch-rationaler Analysefähigkeiten im Zentrum, ehe Mitte der 1980er Jahre emotionale Aspekte stärker in den Fokus deutschdidaktischer Forschung rückten, wie Christian Albrecht und Volker Frederking in ihrem Beitrag zeigen ( Kap. 9). Sprachdidaktisch sind emotionale Faktoren wie Schreiblust im Grundschulbereich und evozierte Gefühle beim Hörverstehen empirisch mit funktionalen und personalen Akzenten untersucht worden. Lesedidaktisch wurden Leselust und Lesefreude in Verbindung mit Genuss-, Kompetenz- bzw. Leistungsaspekten in den Blick genommen. In der Literaturdidaktik rückten emotionale Involviertheit und ihr Einfluss auf kognitive Verstehensprozesse in den Fokus empirischer Erforschung. Aber auch literarisch evozierte Emotionen und das emotionale Aktivierungspotenzial ästhetischer Kommunikation im Sinne personal ausgerichteter literarischer Bildung haben Berücksichtigung gefunden. Dabei zeigt der Beitrag, dass literarisch evozierte Emotionen auf der Subjektseite oft in spezifischer Weise mit der Objektseite der literarisch verarbeiteten Emotionen verbunden sind und sowohl für funktionale als auch für personale fachliche Bildungsprozesse Bedeutung haben können.

In der Fremdsprachendidaktik ( Kap. 10) rücken Clarissa Blum und Thorsten Piske eine andere Facette fachbezogener Emotionsforschung auf der Subjektseite ins Blickfeld. Mit der auch in der Biologiedidaktik fokussierten Angst wird hier als Schwerpunkt eine spezifische Emotion gewählt, die für den Fremdsprachenunterricht aus funktionaler, kompetenzorientierter Perspektive von Bedeutung ist. Fremdsprachenangst wird als komplexe Einheit definiert, die aus fachbezogenen Gefühlen, Annahmen, Verhaltensweisen und Selbsteinschätzungen besteht. Anders als in der Biologiedidaktik sind es aber nicht fachspezifische Untersuchungsmethoden, die Angst auslösen, sondern die Anwendung fremdsprachlichen Wissens in der Gesprächspraxis. Dabei setzt sich die Fremdsprachenangst aus Beunruhigung bzw. Anspannung, Kommunikationsangst, Prüfungsangst und der Angst vor negativer Beurteilung zusammen. Ihre selbstreflexive Verarbeitung eröffnet Ansatzpunkte für bessere Leistungen, aber auch für ein neues fremdsprachliches Selbstkonzept der Lernenden in personaler Perspektive.

Jan Schubert und Romy Hofmann arbeiten in ihrem Beitrag heraus, dass in der Geographiedidaktik evozierte Emotionen in Lehr- und Lernprozessen bislang vor allem mit Blick auf Lernvoraussetzungen, motivationale Aspekte und subjektive Bewertungen theoretisch und empirisch in den Fokus gerückt sind ( Kap. 11). Hinzu kommen Forschungen zu emotionalisierenden Settings und positiven affektiven Wirkungen von Exkursionen. Sinnlich-ästhetische Zugänge zu Emotionen auf der Subjektseite sind bislang hingegen fast ausschließlich theoretisch-konzeptionell reflektiert worden. Empirische Forschungen zum Themenfeld fehlen noch. Im Urteil von Schubert & Hofmann könnten interdisziplinäre Kooperationen z. B. mit der Deutschdidaktik hier helfen, die skizzierten Desiderate zu beseitigen und personale wie funktionale Aspekte von fachlich evozierten Emotionen empirisch in den Blick zu bekommen.

In der Geschichtsdidaktik ist die Subjektseite fachbezogener Emotionen bislang vor allem auf theoretischer Ebene erforscht worden, wie Juliane Brauer und Martin Lücke in ihrem Beitrag verdeutlichen ( Kap. 12). Dabei stehen Fragen der Kompetenzorientierung im Mittelpunkt. Ähnlich wie im Fach Deutsch hat die emotionale Manipulation der Lernenden im Geschichtsunterricht im Wilhelminischen Kaiserreich und im Nationalsozialismus dazu geführt, dass der Aufbau kritisch-rationaler Analysefähigkeit lange Zeit im Fokus geschichtsdidaktischer Konzeptionen gestanden hat. Erst Mitte der 1990er Jahre fanden Emotionen im Lernprozess stärker Berücksichtigung. In der Geschichtsdidaktik lässt sich mithin wie in der Deutschdidaktik ein ›emotional turn‹ konstatieren, der die Modellierungen historischen Lernens zunehmend beeinflusst. Dabei werden Emotionen auf der Subjekt- und auf der Objektseite deutlich unterschieden. Formen emotionaler Aktivierung der Schüler*innen sind z. B. über Berichte von Zeitzeug*innen der Shoah in Video-Interviews möglich. Hier treten Emotionen historischer Aktanten auf der Objektseite ins Blickfeld, die emotionales Erleben auf der Subjektseite der Schüler*innen auslösen. Dieses soll reflexiv verarbeitet werden. Dabei stehen sachbezogen-funktionale Ziele im Zentrum, die allerdings mit selbstreflexiv-personalen Aspekten verbunden werden könnten.

Die empirische Forschung zu evozierten Emotionen im Fach Mathematik bewegt sich im Hinblick auf Differenzierungsgrad und generierte Wissensbestände auf hohem Niveau ( Kap. 13). Leistungsaspekte stehen dabei im Zentrum, wie Claudia Sutter und Tina Hascher in ihrem Beitrag aufzeigen. Weil Mathematik im Ruf steht, besonders schwierig zu sein, besitzt das Fach ein hohes Potenzial für negative Emotionen. Wie in Biologie und in den Fremdsprachen ist Angst deshalb eine oft in Bezug auf den Mathematikunterricht genannte negative Emotion. Allerdings sind auch hier die Auslöser fachspezifisch, insofern Angst vor allem im Zusammenhang mit Prüfungssituationen auftaucht. Aber auch Ärger und Langeweile wurden empirisch oft beobachtet – zu Lasten fachlich evozierter Freude. Allerdings wird mit Blick auf den Forschungsstand zugleich betont, dass die gezielte Förderung positiver Emotionen im Mathematikunterricht auf der Basis entsprechender Lehr-Lern-Arrangements möglich ist.

Wie die Geschichtsdidaktik hat auch die Religionspädagogik fachspezifisch evozierte Emotionen auf der Subjektseite bislang vor allem als theoretisches Phänomen untersucht. Dabei finden personale und funktionale Aspekte emotionaler Bildung Berücksichtigung, wie Manfred Pirner herausarbeitet ( Kap. 14). Drei Leitfragen einer Theologie bzw. Religionsdidaktik der Gefühle werden von ihm zentral gewichtet. Diese richten sich auf die Besonderheit religiöser Gefühle, auf das Verhältnis von Gefühl und Vernunft und ethische Rahmungen religiöser Gefühle. Religionspädagogische Konsequenzen werden im Anschluss an Ansätze zu einer erfahrungsorientierten und performativen Religionsdidaktik und einer Ethik des Mitgefühls als Ziel religiös-ethischer Bildung erläutert. Damit zeichnen sich Ansatzpunkte für eine ethisch-normative Reflexion des Umgangs mit Emotionen ab, die für andere Fachdidaktiken und eine fachdidaktische Emotionstheorie fruchtbare Anregungen bieten können, weil der personal-selbstreflexive Horizont ethischer fachlicher Bildung mit Blick auf Emotionen hier deutlich konturiert wird.

Günter Amesberger und Mareike Susanne Ahns zeigen auf, dass sich in der Sportpädagogik wie in der Biologie- und Mathematikdidaktik früh ein empirischer Zugang zu fachlich evozierten Emotionen herausgebildet hat ( Kap. 15). Dabei werden Emotionen auf der Subjektseite der Lernenden und Lehrenden sowohl unter Leistungs- als auch unter Persönlichkeitsaspekten untersucht. Empirische Befunde liegen vor allem zu Einflussfaktoren emotionalen Erlebens wie Freude oder Angst vor. Aber auch Emotionen wie Glück, Spaß, Leidenschaft, Zufriedenheit, Erleichterung, Stolz, Vertrauen, Überlegenheit, Spannung, Trauer, Schwäche, Hilflosigkeit, Körperangst, Enttäuschung, Unzufriedenheit, Scham, Demütigung, Wut, Aggression, Zorn, Feindseligkeit oder Langeweile sind mittlerweile als fachspezifische Phänomene des Lernens identifiziert und teilweise mit Blick auf ihren Einfluss auf sportliche Leistungen und das fachliche Selbstkonzept empirisch erforscht worden. Desiderate werden vor allem im Hinblick auf empirisch geprüfte didaktische Ansätze zum emotionalen Erleben und zum lern- und leistungsfördernden Umgang mit fachspezifischen Emotionen gesehen.

3.3 Die Objektseite: Emotionen und Emotionsforschung auf der Ebene fachlicher Gegenstände

Das letzte Kapitel hat gezeigt, dass es tatsächlich einen genuin fachdidaktisch geprägten Forschungsfokus im Bereich fachbezogener Emotionen im Hinblick auf die Subjektseite der fachlich Lehrenden und Lernenden gibt. Noch ausgeprägter tritt dieser im Zusammenhang mit der Objektseite in Erscheinung. Denn hier rückt der fachliche Nukleus des Lehrens und Lernens in den Blick und damit jener Bereich, bei dem die Fachdidaktiken vor allem mit den ihnen zugehörigen Fachwissenschaften in einem engen Bezug stehen. Emotionen als Objekte fachlichen Lehrens und Lernens treten folgerichtig vor allem dann in das Zentrum fachdidaktischer Emotionsforschung, wenn es in den zugrunde liegenden Fachwissenschaften Forschungen zu Emotionen als Teil der fachlichen Gegenstände gibt. Dies trifft in vielen, aber keinesfalls in allen Fächern des schulischen Fächerkanons zu. Zu nennen sind hier in einem heuristischen Sinne Biologie, Deutsch, Geschichte, Geographie, Kunst, Musik, Pädagogik, Philosophie, Psychologie, Religion, Politik, Wirtschaft und Sport. Mit Bezug auf einige dieser Fächer bzw. darauf bezogene Fachdidaktiken soll nachfolgend überprüft werden, inwiefern hier Emotionen tatsächlich als Teil des fachlich-disziplinären Forschungs- bzw. Gegenstandsfeldes angesehen werden und es Befunde fachwissenschaftlicher Emotionsforschung gibt, die zu Objekten fachlichen Lehrens und Lernens und Bezugspunkten fachdidaktischer Emotionsforschung avancieren können. Zwei Grundtypen können unterschieden werden:

1. Emotionen, die fachlich als Gegenstand reflektiert bzw. erforscht werden. Zugrunde liegt die Frage: »Was sind Emotionen?«

2. Emotionen, die fachlich kodiert bzw. intendiert sind. Im Fokus steht hier vor allem die Frage: »In welchen Kontexten treten Emotionen als Teil des fachspezifischen Gegenstandes bzw. Forschungsfeldes in Erscheinung?«

Beide Grundtypen sollen nachfolgend an ausgewählten Beispielen veranschaulicht werden – unter Einbeziehung der Frage, inwieweit auch hier Emotionen als Bestandteile funktional-kompetenzorientierter bzw. personal-(selbst-)reflexiver fachspezifischer Bildungsprozesse in Erscheinung treten und erforscht werden.

3.3.1 Emotionen als Gegenstand fachspezifischer Forschung

Forschungen zu der Frage »Was sind Emotionen?« gibt es aktuell vor allem in drei Disziplinen: Psychologie, Biologie und Philosophie.

In der Psychologie sind Emotionen seit einigen Jahrzehnten in besonders systematischer und intensiver Weise theoretisch und empirisch erforscht worden ( Kap. 2). Die fachdidaktischen Implikationen psychologischer Emotionsforschung in Bezug auf die Subjektseite fachlichen Lehrens und Lernens sind im vorangegangenen Kapitel reflektiert worden. Aber auch als Objekt fachlichen Lehrens und Lernens können psychologische Forschungserkenntnisse zu Emotionen schulisch relevant werden. Zu denken ist an das Unterrichtsfach Psychologie sowie an viele andere Fächer und Fachdidaktiken, in denen auf psychologische Emotionstheorien bzw. -forschungen rekurriert werden kann. Aus fachdidaktischer Perspektive ist es aber noch sinnvoller, auch andere fachliche Modellierungen und Forschungen zu Emotionen als Bestandteile einer genuin fachdidaktischen Theorie der Emotionen einzubeziehen.

Die Biologie bietet sich hier insofern an, als z. B. in der Neurobiologie in den letzten Jahrzehnten sehr wertvolle empirische Forschungsergebnisse zu Emotionen gewonnen wurden und die Bedeutung des limbischen Systems für die Auslösung und Verarbeitung von Emotionen z. B. mit Blick auf die Amygdala deutlich geworden ist (vgl. z. B. Roth, 2001; 2011).

Obschon bislang wenig berücksichtigt, erweist sich aber auch die Philosophie als sehr interessanter Bezugspunkt fachdidaktischer Emotionsforschung, weil sie einen ganz eigenen Beitrag zum Verständnis von Emotionen leistet – und dies seit Jahrtausenden. Tatsächlich ist die erste systematische Aufarbeitung von Emotionen nämlich weder im Bereich der Psychologie noch der Biologie erfolgt, sondern vor zwei Jahrtausenden in der Philosophie. Aus diesem Grund soll ihr Beitrag nachfolgend exemplarisch detaillierter betrachtet werden.

Als Besonderheit ist zunächst zu vermerken, dass die Philosophie (von griech. philos (= Liebe) und sophia (= Weisheit)) mit der »Liebe« zur Weisheit sogar eine Emotion und ihren fachspezifischen Zielpunkt im Namen trägt – und dies als Wissenschaft, die wie kaum eine andere Vernunft und Rationalität als ihren disziplinären Kern versteht. Dabei werden personal-(selbst-)reflexive und funktional-erkenntnisorientierte Aspekte gleichermaßen adressiert. Es geht um Selbsterkenntnis des die Weisheit Liebenden ebenso wie um Erkenntnis auf Gebieten wie Anthropologie, Ethik, Natur-, Religions- oder Erkenntnistheorie. Allerdings war in der Philosophie bis zum 19. Jahrhundert nicht der Emotionsbegriff leitend. In der griechischen Antike waren vielmehr hedoné und ponos (= Lust und Unlust) und das Wort páthos (= Leiden, Leidenschaft) verbreitet; dieses wurde später mit dem lateinischen Begriff affectus (Affekt, Leidenschaft) übersetzt. An den Positionen von Aristoteles und Spinoza lassen sich Besonderheiten des damit verbundenen klassischen philosophischen Verständnisses verdeutlichen.

Nach Aristoteles ist der Mensch durch Leidenschaften in seiner Freiheit bedroht und zwischen den beiden Polen ›Lust‹ und ›Unlust‹ (hedoné und ponos) hin- und hergerissen – eine Polarität, die auch in modernen psychologischen Ansätzen fortwirkt. Sittliches Leben hat nach Aristoteles die Überwindung dieses Zwiespalts zur Voraussetzung. Nur in der »Erhabenheit über die Begierden und die zügellose Genußsucht« (Aristoteles, 335–323 v. Chr., S. 152) kann das oberste Ziel menschlichen Lebens erreicht werden, »das glückselige Leben […] [als] Zustand der Freude« (ebd., S. 164). Voraussetzung von Glückseligkeit ist eine Ausbalancierung der Affekte durch die Orientierung an Tugenden. Glückseligkeit definiert Aristoteles entsprechend als »eine der vollendeten Tugend gemäße Tätigkeit der Seele« (ebd., S. 22). Tugend basiert auf der Überwindung der Herrschaft der Affekte durch eine ausbalancierte Mitte zwischen affektiven Extremen:

»Die Tugend ist ein Habitus des Wählens, der die […] Mitte hält und durch die Vernunft bestimmt wird […] [und] in den Affekten und Handlungen das Mittlere findet und wählt. Deshalb ist die Tugend nach ihrer Substanz und ihrem Wesensbegriff Mitte.« (ebd., S. 36)

Diese ethische Verortung der Affekte und die damit verbundenen Empfehlungen für eine affektive Balance als Grundlage eines glücklichen Lebens enthält für eine Theorie fachlich-emotionaler Bildung gerade in personal-selbstreflexiver Hinsicht wichtige Anknüpfungspunkte.

Gleiches gilt für die Ethik Baruch de Spinozas, in der die Aristotelische Sicht ausdifferenziert worden ist. Wertete Thomas Hobbes (1642–58, S. 32) Affekte noch als »Störungen des Geistes«, hat Spinoza (1677) einen dem Rationalismus verpflichteten, aber gleichwohl die Affekte als »Leidenschaften« ernst nehmenden Versuch unternommen, zu einem differenzierteren Verständnis zu gelangen. Dabei unterschied er in der Aristotelischen Tradition drei Grundtypen: Begierde, Lust oder Unlust. Diese haben unmittelbare ethische Implikationen: »Die Erkenntnis des Guten und Schlechten« entspricht dem Wissen über die Affekte ›Lust‹ oder ›Unlust‹ (ebd., S. 266). Diesen ordnete er 50 weitere Affekte, affektive Reaktionen bzw. affektive Haltungen zu und erläuterte ihre jeweiligen Besonderheiten: u. a. Bewunderung, Verachtung, Liebe, Hass, Zuneigung, Abneigung, Ergebenheit, Verhöhnung (Spott), Hoffnung, Furcht, Zuversicht, Verzweiflung, Freude, Gewissensbiss, Mitleid, Gunst, Entrüstung, Überschätzung, Unterschätzung, Missgunst, Mitgefühl (Barmherzigkeit), Selbstzufriedenheit, Niedergeschlagenheit, Reue, Hochmut (Stolz), Kleinmut, Ehre (Ehrfreude), Scham, Sehnsucht, Wetteifer, Dankbarkeit, Wohlwollen, Zorn, Rachsucht, Wut, Scheu, Kühnheit, Ängstlichkeit, Bestürzung, Leutseligkeit, Ehrgeiz, Schwelgerei, Trunksucht, Habsucht (Geiz), Lüsternheit (ebd., S. 155 ff.).

Mit der Affektlehre Spinozas ist ein Differenzierungsgrad innerhalb der abendländischen Philosophie zu Affekten bzw. Emotionen erreicht worden, der seinesgleichen sucht und vorwegnimmt, was moderne psychologische Forschungen anstreben – eine Systematik von Affekten bzw. Emotionen. Noch bedeutsamer ist aus fachdidaktischer Sicht aber die ethische Rahmung. Nicht die Expression der Affekte ist nach Spinoza nämlich oberstes Ziel, sondern der richtige Umgang mit ihnen. Wie bei Aristoteles führen negative Affekte nach Spinoza zur Unfreiheit (ebd., S. 254 ff.), sie können den Menschen versklaven, nur die Vernunft führt den Menschen zu Freiheit (ebd., S. 352 ff.). Zusammen mit der Liebe, in der alle Affekte als höchste ›Lust‹ ihren Ziel- und Bezugspunkt finden (ebd., S. 234), ist ein ausbalancierter Umgang mit den Affekten möglich. In Spinozas Systematik finden sich mithin Ansätze zu einer Ethik der Emotionen (vgl. Renz, 2008, S. 311 f.), in der eine fachdidaktische Theorie emotionalen Gleichgewichts als ein Kernelement fachlicher Bildung mit personalem wie funktionalem Fokus wichtige Anregungen und Orientierungspunkte finden kann.

Gleiches gilt für neuzeitliche Positionen wie Blaise Pascals Idee einer Vernunft des Herzens (1669), Schellings Bestimmung der Liebe als höchster Kraft (1809), Arthur Schopenhauers Ethik des Mitleids (1839), Erich Fromms (1956) Kunst des Liebens oder Max Schelers (1955) Verbindung von Liebe und Erkenntnis. Während diese Ansätze allerdings eher Ausnahmen im rational geprägten Gesamtspektrum der Philosophiegeschichte der Neuzeit darstellen, finden sich in der Ende des 20. Jahrhunderts einsetzenden intensivierten philosophischen Auseinandersetzung mit Affekten, Gefühlen bzw. Emotionen weitere interessante und aktuelle Anknüpfungspunkte für eine fachdidaktische Emotionstheorie. Wenn Peter Bieri (1994) Emotionen als Bewusstseinsphänomene ausweist, Jon Elster den Zusammenhang von ›rationality and the emotions‹ (1996) untersucht, Peter Goldie Emotionen philosophisch analysiert (2002), Martha Nussbaum »the intelligence of emotions« (2003) reflektiert, Rainer Schilling (2004) Liebe als Erkenntnisweise ausweist, Christoph Demmerling und Hilge Landweer (2007) sowie Sabine Döring (2009) Besonderheiten einer Philosophie der Gefühle konturieren, Ernst Tugendhat (2006) Grundlagen einer Ethik des Wohlwollens und der Herzensgüte erarbeitet oder Julian Nida-Rümelin (2012) die Bedeutung von Emotionen im Rahmen einer Philosophie der Bildung betont, zeigen sich darin jeweils beachtenswerte Ansätze, die Ausblendung der Emotionen in der Philosophie der Neuzeit zu überwinden und emotionale Grundlagen allgemeiner wie fachbezogener Bildungsprozesse philosophisch neu zu reflektieren. Eine philosophisch fundierte Ethik der Emotionen und des emotionalen Gleichgewichts kann ein zentraler Baustein für eine Theorie fachlicher Bildung und fachdidaktischer Bildungsforschung sein.

3.3.2 Fachlich kodierte bzw. intendierte Emotionen im fachdidaktischen Blick

Fachdidaktische Forschungen zu Emotionen, die fachlich kodiert bzw. teilweise intendiert sind, nehmen die Frage in den Blick, in welchen Kontexten Emotionen als Teil des fachspezifischen Gegenstandes bzw. Forschungsfeldes in Erscheinung treten. Wie dies geschieht bzw. geschehen kann und welche fachlichen Bildungsziele damit verknüpft sind, soll am Beispiel der im vorliegenden Band enthaltenen Forschungsübersichten veranschaulicht werden, in denen fachlich kodierte bzw. intendierte Emotionen behandelt wurden. Zunächst rücken mit Geographie, Geschichte und Religion jene Fachdidaktiken in den Fokus, in denen dies mit theoretischem Schwerpunkt geschehen ist. Mit Sportpädagogik und Deutschdidaktik folgen anschließend jene beiden Fachdidaktiken, in denen auch empirische Zugänge verstärkt genutzt werden, wie die Fachdarstellungen zeigen.

Für die Objektseite von Emotionen ist aus geographiedidaktischer Perspektive die mit Alexander von Humboldt verbundene Vorstellung zentral, »dass Geographie nicht nur objektiv feststellende Naturwissenschaft ist, sondern auch sinnlich-ästhetischer Zugänge bedarf, um den Raum als Ganzes zu erkennen«, wie Jan Schubert und Romy Hofmann in ihrem Beitrag aufzeigen ( Kap. 11). Es ist mithin die Wahrnehmung des Raumes als ästhetisches Phänomen, mit der Emotionen zu einem zentralen Element geographischer Bildung in einem reflexiv-personalen Sinne werden und erklären, warum geographiedidaktische Forschung eine besondere Offenheit für personale Aspekte fachlicher Bildung besitzt. Die für den Geographieunterricht zentrale Unterscheidung von vier Raumbegriffen – Raum 1. als »Wirkungsgefüge natürlicher und anthropogener Faktoren«, 2. »als System von Lagebeziehungen«, 3. »in der Wahrnehmung unterschiedlicher Akteure und 4. als gesellschaftliche Konstrukte« (ebd.) – macht nämlich deutlich: Während die ersten beiden Aspekte eher dem Aufbau von geographischem Weltwissen in einem funktionalen Sinne dienen, stellen die beiden letztgenannten Aspekte einen Konnex zwischen Raum und subjektiver Wahrnehmung her. Dies schließt Emotionen ein. Durch den Wahrnehmungsaspekt besitzt geographische Emotionsforschung deshalb auch auf der Objektseite einen personal-(selbst-)reflexiven und Emotionen als Phänomen adressierenden Fokus.

In der Geschichtsdidaktik wird explizit zwischen einer Subjekt- und einer Objektseite fachlich in Erscheinung tretender Emotionen unterschieden. Zum Forschungsgegenstand auf der Objektebene werden Emotionen vor allem im Zusammenhang mit dem »Fühlen historischer Akteur*innen als Antriebskräfte der Geschichte«, wie Juliane Brauer und Martin Lücke in ihrem Beitrag herausarbeiten ( Kap. 12). Die Kontexte, in denen Emotionen auf der Objektebene historisch beobachtbar werden, sind vielfältig und bieten unterschiedliche Anknüpfungspunkte für den Geschichtsunterricht. Zu fragen ist beispielsweise, »welche Emotionen auf welche Weise Menschen in der Vergangenheit motivierten, antrieben, ansteckten, welche emotionalen Regeln das soziale Miteinander strukturierten, welche emotionalen Stile in bestimmten Zeiten und Gesellschaften bestimmend wurden oder wie sich Gemeinschaften über das Teilen bestimmter Emotionen ausbildeten.« (ebd.) Dabei werden Kompetenzaufbau und Persönlichkeitsbildung im Feld des Historischen so miteinander verbunden, dass historische Bildung die (selbst)reflexive Durchdringung evozierter Emotionen bei den Lernenden fördert, sie auf diese Weise zu Facetten der Objektseite macht und so in den Dienst historischen Erkennens und Denkens stellt.

Der Beitrag von Manfred Pirner macht deutlich, dass es in der Religionspädagogik ebenfalls eine sehr differenzierte Auseinandersetzung mit Emotionen als Teil des fachlichen Gegenstandes in personaler und funktionaler, (selbst-)reflexiver und kompetenzorientierter Perspektive gibt ( Kap. 14). Die Leitfragen einer »Theologie der Gefühle« umreißen das Spektrum fachlicher Emotionen auf der Objektseite. Zu fragen ist in diesem Horizont, ob es so etwas wie spezifisch religiöse Gefühle gibt, inwiefern Gefühle von elementarer Bedeutung für Religion sind und ob es einer Ethik des religiösen Gefühls bedarf. Zumindest die ersten beiden Fragen sind positiv zu beantworten, wie der Überblicksartikel zeigt. Auch für manche Ansätze in der Religionspädagogik bzw. -didaktik ist das religiöse Gefühl Teil religiöser Praxis und damit fester Bestandteil der Religion als unterrichtlichem Gegenstand und Forschungsfeld, wie mit Blick auf die performative Religionsdidaktik und das Konzept aktiv-engagierten Mitgefühls im Sinne von Compassion verdeutlicht wird. Auch mit Bezug auf die Objektseite religiös kodierter Emotionen ergeben sich mithin spezifische personal-selbstreflexive Zugänge.

In der Sportpädagogik gibt es theoretische wie empirische Forschungszugänge zum Verhältnis von Fachlichkeit und Emotionalität ( Kap. 15). Günter Amesberger und Mareike Susanne Ahns zeigen auf, dass und wie sportliches Handeln auf die »Überwindung künstlicher, meist selbstgewählter Hindernisse« ausgerichtet ist und neben »Motivation und Anstrengungsbereitschaft« (ebd.) auch den Umgang mit Emotionen voraussetzt. Diese werden auf komplexe Weise Gegenstand des Sportunterrichts und sportpädagogischer Forschung: als subjektives Erleben, als (neuro)physiologische Aktivierung, als kognitive Verarbeitung und Steuerung sowie als motorischer Ausdruck. Beim Erlernen von Sportarten und motorischen Fertigkeiten werden Emotionen als Teil des fachlichen Gegenstandes wichtig, wenn sie zur Handlungs- und Leistungsoptimierung genutzt werden. Schüler*innen sollten herausfinden, »welche Emotionen dysfunktional und welche funktional für die Leistungserbringung sind« (ebd.). Aber auch identitätstheoretische Implikationen emotionalen Erlebens und damit personale Aspekte des sportlichen Selbstkonzepts sind beim sportlichen Handeln bedeutsam, wie der Artikel verdeutlicht.

In der Deutschdidaktik gibt es in einzelnen Teildisziplinen wie der Literaturdidaktik ebenfalls theoretische und empirische Forschungen zu Emotionen als Teil der fachlichen Gegenstände mit funktional-sachbezogenem und personal-selbstreflexivem Fokus, wie die Ausführungen von Christian Albrecht und Volker Frederking verdeutlichen ( Kap. 9). Deutschdidaktische Emotionsforschung mit dem Fokus auf die Objektseite konnte und kann dabei auf literaturwissenschaftliche Aufarbeitungen zur literarischen Kodierung von Emotionen und linguistische Forschungen zum Konnex von Sprache und Emotion rekurrieren. Auf dieser Basis war die theoretische Modellierung und systematische empirische Erfassung von literarisch präsentierten, thematisierten und textseitig intendierten Emotionen im Rahmen eines Kompetenzmodells zum literarischen Textverstehen möglich, wie der Beitrag verdeutlicht. Damit liegen empirische Befunde zu textseitig bedingten Kompetenzanforderungen vor, Emotionen auf der Objektebene literarischen Lernens in einem funktional-kognitiven Sinne zu erfassen. Gleichzeitig sind auch emotionale Valenzen literarischer Texte und ihre didaktischen Implikationen empirisch untersucht worden, d. h. die Frage, in welchem Ausmaß positive wie negative Emotionen durch unterschiedliche Texte ausgelöst werden und inwieweit dabei die vom Text intendierten Emotionen und die bei Leser*innen evozierten Emotionen miteinander korrelieren und einen Beitrag zum Aufbau evozierter Emotionen und ihrer personal-reflexiven Verarbeitungen im Sinne einer Haltung leisten. Auch der Zusammenhang von evozierten Emotionen und politisch-demokratischer Wertebildung ist auf dieser Basis empirisch untersucht worden ( Kap. 20).

3.4 Fachdidaktische Emotionsforschung. Desiderata und Herausforderungen

Sowohl im Hinblick auf die Subjekt- als auch auf die Objektseite fachlich in Erscheinung tretender Emotionen existieren theoretische wie empirische Forschungen, wie die vorangegangenen Ausführungen gezeigt haben. Die in diesem Band enthaltenen Beiträge ( Kap. 8–15 und 19–20) geben in Bezug auf acht Schulfächer Einblick in den state of the art der fachdidaktischen Emotionsforschung. Es wird erkennbar, dass es tatsächlich einen fachspezifischen Konnex zwischen Fachlichkeit und Emotionalität gibt, der in fachdidaktischer Grundlagen- und Anwendungsforschung theoretisch wie empirisch bereits untersucht wird, künftig aber noch intensiver erforscht werden sollte, um »fachdidaktisches Wissen« (Frederking & Bayrhuber, 2020) in diesem spezifischen Forschungsfeld zu generieren.

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1 Ich danke den Kollegen aus der Forschergruppe zur Allgemeinen Fachdidaktik – Ulf Abraham, Horst Bayrhuber, Werner Jank, Martin Rothgangel und Johannes Vollmer – für die vielen fruchtbaren Diskussionen und Anregungen.

II Emotionen von Lernenden im Unterricht: Pädagogisch-psychologische Perspektiven

4 Emotionen im Unterricht der Primarstufe
Katrin Lohrmann
Kurzzusammenfassung

Die ersten Schuljahre prägen das emotionale Erleben in Bezug auf Lernen, Unterricht und Schule entscheidend. Empirische Befunde zeigen, dass bei Grundschulkindern die Freude an der Schule und am Lernen insgesamt stark ausgeprägt ist, aber im Laufe der ersten Schuljahre auch negative Emotionen wie Langeweile und Angst erlebt werden. Für den Erhalt und die Förderung positiver Emotionen eröffnet die Grundschule günstige institutionelle Rahmenbedingungen.

4.1 Förderung der Leistungs- und der Persönlichkeitsentwicklung

Der Grundschule kommt im deutschen Schulwesen eine herausragende Bedeutung zu (Schwippert et al., 2015, S. 29). In diesen ersten vier bzw. sechs Schuljahren sollen alle Kinder den Beginn schulischen Lernens als »guten Start« erleben (Einsiedler, 2014, S. 231) und den Schulanfang als kritisches Lebensereignis positiv bewältigen. Im Sinne einer multikriterialen Zielerreichung richtet sich dieser gute Start gleichermaßen auf die Leistungs- und auf die Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler. Dies schließt den Fokus auf die im schulischen Kontext erlebten Emotionen ein. Seit nunmehr einem Jahrhundert – gegründet wurde die Grundschule in Deutschland im Jahr 1919 durch Artikel 146 der Weimarer Verfassung – wird das Selbstverständnis der Grundschule von vier Merkmalen geprägt (Einsiedler, 2014; Fölling-Albers, 2019; Schorch, 2007):

Die Grundschule ist die erste Schule; sie prägt das Bild von Schule und schulischem Lernen und somit auch das emotionale Erleben im Kontext Schule. Die Grundschule muss Anschlussfähigkeit gewährleisten, indem sie sowohl an vorschulische Erfahrungen anknüpft als auch auf weiterführendes Lernen vorbereitet.

Die Grundschule ist eine gemeinsame Schule, die von (nahezu) allen schulpflichtigen Kindern besucht wird. Bedingt durch die vorschulische Erziehung und Sozialisation bringen die Kinder zu Schulbeginn unterschiedliche Voraussetzungen (Haltungen, Einstellungen, Fertigkeiten, Fähigkeiten) mit, die in Schule und Unterricht allgegenwärtig sind und auch das emotionale Erleben der Kinder beeinflussen.

Die Grundschule ist eine kindgemäße Schule, sie ist die einzige Schule, die ausschließlich von Kindern besucht wird. Aus einem aktuellen Verständnis von Kindheit heraus ergibt sich, dass die Grundschule ein Raum für altersgerechtes Lernen und zugleich Raum für das Leben der Kinder sein sollte. Dies beinhaltet die Zielsetzung, wonach alle Kinder Schule positiv erleben sollen.

Die Grundschule hat den Auftrag einer grundlegenden Bildung, die Schülerinnen und Schülern bei der Bewältigung ihres Lebens dienlich sein soll. Die Grundschule bereitet zugleich auf Angebote und Anforderungen weiterführender Schulen vor. Defizite aus der Grundschulzeit – wie sie durch das Nicht-Erreichen von Mindeststandards offenbar werden (Kohrt et al., 2017, S. 142; Weirich et al., 2017, S. 131 ff.) – können später kaum noch nachgeholt werden. Forschungsbefunde zeigen, dass das auf der Ebene der Grundschule erreichte Niveau wesentlichen Einfluss auf den weiteren Schulerfolg hat (Schwippert et al., 2015, S. 29). Dies gilt nicht nur für Lerninhalte, sondern auch in Bezug auf die in der Schule erlebten Emotionen.

4.2 Emotionen im Kontext der Primarstufe

Dieser konzeptionelle Rahmen der Grundschule als erste, gemeinsame, kindgemäße und grundlegende Schule steht in engem Zusammenhang mit dem Erleben und der Entwicklung von themenbezogenen Emotionen, epistemischen Emotionen, Leistungsemotionen und sozialen Emotionen im Kontext Schule (zu dieser Systematik von Emotionen vgl. Kuhbandner & Frenzel, 2018). Diese Emotionen werden durch schulische Situationen ausgelöst, wobei die individuelle Wahrnehmung und Interpretation der Situation durch die Schülerinnen und Schüler maßgeblich für das jeweilige emotionale Erleben ist. Ein und dieselbe Situation kann daher von Schülerinnen und Schülern unterschiedlich wahrgenommen werden (sog. Appraisal-Theorie; vgl. zsf. Frenzel & Götz, 2018).

Themenbezogene Emotionen beziehen sich auf Emotionen, die aufgrund der Beschäftigung mit einem Lerngegenstand entstehen. Während sich Lernen bis zum Schuleintritt situativ ergibt – zumeist wenden sich Kinder aufgrund ihres Interesses einer Situation zu und richten Fragen an diese –, werden die Kinder in der Schule nun von außen mit spezifischen kognitiven, motivationalen und emotionalen Anforderungen konfrontiert. Für manche Kinder bietet der Schulanfang Entwicklungschancen, während er für andere Risiken in der Leistungs- und Persönlichkeitsentwicklung darstellt (Martschinke & Kammermeyer, 2006, S. 125). Spezifische konzeptionelle Rahmenbedingungen in der Grundschule wie der Anfangsunterricht in den ersten beiden Schuljahren, das Klassenlehrerprinzip sowie der anfängliche Verzicht auf Noten eröffnen den Rahmen für pädagogisches Handeln, bei dem das individuelle Lernen und nicht die Beurteilung von Leistungen im Mittelpunkt stehen. Positive Emotionen wie Freude, Stolz, Zufriedenheit und Hoffnung können so gefördert werden. Das Erleben positiver themenbezogener Emotionen ist auch im Zusammenhang mit grundlegender Bildung zu sehen: Positive Emotionen wirken sich günstig auf die Entwicklung von Interessen und auf den Lernprozess aus (vgl. Frenzel & Götz, 2018; Hartinger & Fölling-Albers, 2002).

Epistemische Emotionen werden durch wahrgenommene Veränderungen im Wissen verursacht, wie zum Beispiel die Freude bei einem plötzlichen Erkenntnisgewinn oder die Überraschung, wenn man erfährt, dass etwas in Wirklichkeit anders ist als vermutet. Im Sachunterricht der Grundschule beispielweise können Lernprozesse durch kognitive Konflikte angestoßen werden: Ein Kind beobachtet, dass eine Stecknadel im Wasser sinkt, obwohl es annahm, dass sie aufgrund des geringen Gewichts schwimmt. Lernsituationen, die kognitive Konflikte auslösen, werden in der Unterrichtsforschung als kognitiv aktivierend und als wichtige Motoren für Lernen beschrieben (Kunter & Trautwein, 2013; Lipowsky, 2015). Das Erleben epistemischer Emotionen kann in der Grundschule durch didaktisches Handeln initiiert und für das Lernen genutzt werden.

Leistungsemotionen treten in Situationen auf, in denen »das eigene Handeln mittels bestimmter Gütemaßstäbe bewertet wird« (Kuhbandner & Frenzel, 2018, S. 196). Die besonderen institutionellen Rahmenbedingungen in der Primarstufe ermöglichen es, die jeweilige Leistung (auch) an einer individuellen Bezugsnorm zu messen (Rheinberg & Fries, 2018): Der Vergleich mit früheren Leistungen schafft individuelle Erfolge, diese wiederum eröffnen lernförderliche Rückmeldungen und letztlich das Erleben positiver Leistungsemotionen wie Freude und Stolz. Ein solcher Unterricht lässt keinen oder nur wenig Raum für Prüfungsangst (Rost et al., 2018); als typische Leistungsemotion entsteht diese insbesondere durch die Verwendung kriterialer oder sozialer Bezugsnormen. Das Erleben von Prüfungsangst geht im Grundschulalter deshalb oft mit der Einführung von Ziffernnoten einher (Helmke, 1993).

Schulisches Lernen findet in sozialen Kontexten statt, was zum Erleben sozialer Emotionen führt. Als gemeinsame Schule bildet die Grundschule gesellschaftliche Heterogenität ab und trägt zur Sozialisation der Kinder bei. In täglichen Interaktionen suchen die Kinder ihren Platz innerhalb des sozialen Systems der Klasse. Das schulische Wohlbefinden der Kinder wird dabei maßgeblich durch die im sozialen Miteinander erlebten Emotionen bestimmt (vgl. Valtin et al., 2005; Valtin et al., 2010).

Die in der Grundschule gemachten (Lern-)Erfahrungen, die dabei erlebten Emotionen sowie die von den Schülerinnen und Schülern eingesetzten Regulationsstrategien ( Kap. 4.4) tragen wesentlich zur schulischen Sozialisation von Kindern bei und sollten deshalb besonderes Augenmerk erfahren: Aus einer normativen Perspektive heraus hat das Erleben positiver Emotionen einen Wert an sich. Jeder Lehrerin und jedem Lehrer sollte es ein Anliegen sein, dass sich Schülerinnen und Schüler im schulischen Kontext wohlfühlen und sich dem Unterrichtsgegenstand interessiert und freudig zuwenden. Darüber hinaus zeigen zahlreiche Befunde aus der empirischen Lehr-Lernforschung, welche Ursachen und welch bedeutsame Wirkung Lern- und Leistungsemotionen auf die Qualität von Lernprozessen und Leistungsergebnisse haben (vgl. zsf. Frenzel & Götz, 2018; Kuhbandner & Frenzel, 2018).

4.3 Empirische Befunde: Freude, Langeweile und Angst

Gemessen daran, welche Bedeutung die ersten Schuljahre für die Persönlichkeits- und die Leistungsentwicklung von Kindern haben, sind die empirischen Befunde zum emotionalen Erleben von Grundschulkindern dürftig. Götz und Kollegen formulieren speziell für diese Schulstufe einen »dringende(n) Forschungsbedarf« (2004b, S. 54), der bis heute besteht. Sichtet man den Forschungsstand, so fällt auf: In nur wenigen Studien sind Emotionen der zentrale Forschungsgegenstand, oft werden diese im Zuge einer Untersuchung mit erhoben. Meist handelt es sich um einmalige (Fragebogen-)Erhebungen (vgl. hierzu z. B. FEESS: Rauer & Schuck, 2004; Rauer & Schuck, 2003; in FEESS werden emotionale Aspekte zudem nur mit einzelnen Skalen erfasst), nur selten wird die Entwicklung einer Emotion über ein Schuljahr oder gar die Grundschulzeit hinweg im Längsschnitt erfasst.

Vielfach werden Aussagen über die Existenz bestimmter Emotionen gemacht oder die Kovariation mit anderen Konstrukten untersucht (z. B. der Zusammenhang von Freude/Langeweile/Angst mit Schulleistung); mehr als überschaubar sind Studien, in denen mögliche Ursachen (z. B. familiäre, unterrichtliche Bedingungen) und Wirkungen von Emotionen auf die Persönlichkeits- und die Leistungsentwicklung untersucht werden. Auch die Wechselwirkung verschiedener Emotionen sowie das Training und die Optimierung von Emotionen finden in der gegenwärtigen grundschulbezogenen Forschung noch kaum Aufmerksamkeit (zu dieser Systematik vgl. Rost, 2013).

Die Sichtung des Forschungsstands zu Emotionen in der Grundschule zeigt eine Fokussierung auf Freude (und das Selbstkonzept, das aufgrund der Fokussierung auf Emotionen in diesem Beitrag ausgeklammert bleibt), was angesichts des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Grundschule hochplausibel erscheint. Den Startschuss für die Untersuchung von Emotionen im Grundschulalter bildeten die Ergebnisse zur Entwicklung von Lernfreude im Grundschulalter aus der SCHOLASTIK- und LOGIK-Studie (Helmke, 1993). Inzwischen liegen auch zu den Emotionen Langeweile und Angst Forschungsbefunde aus dem Primarbereich vor.

4.3.1 Schulisches Wohlbefinden, Freude am Schulbesuch, Lernfreude

In den vergangenen Jahren wurden positive Emotionen im Kontext Schule verstärkt unter dem Konstrukt des schulischen Wohlbefindens erforscht. Das schulische Wohlbefinden kann sich auf verschiedene Ebenen beziehen: erstens auf bestimmte Schulsituationen und den Unterricht in bestimmten Fächern, zweitens auf den Unterricht allgemein und drittens auf die Schule insgesamt (Hascher, 2004, S. 18).

Als erste Schule hat die Grundschule ausgesprochen positive Ausgangsbedingungen, denn der Großteil der Kinder fiebert der Einschulung entgegen. Betrachtet man die emotionalen Voraussetzungen, so sind die Bedingungen für einen gelingenden Schulstart sehr gut: »Die meisten Kinder freuen sich auf die Grundschule, sie sind neugierig und wissensdurstig, warten ungeduldig darauf, endlich lesen, schreiben und rechnen zu lernen bzw. schon erworbene Fähigkeiten anwenden und vorzeigen zu dürfen« (Schorch, 2007, S. 64). Die Institution Schule verbinden die Kinder mit positiven Emotionen. Daten aus verschiedenen Studien zeigen, dass die Schullust im Verlauf der Grundschulzeit zwar sinkt, aber auf hohem Niveau bleibt. Im DJI-Kinderpanel (Schneider, 2005, S. 203) bejahen knapp 70 % der 8- bis 9-jährigen Kinder die Frage, ob sie gerne zur Schule gehen, weitere 20 % gehen immerhin »eher gern«. Empirische Befunde aus IGLU 2001 bzw. IGLU 2006 zeigen, dass auch Kinder am Ende ihrer Grundschulzeit eine insgesamt positive Einstellung zur Schule haben: 75 bis 80 % geben an, (mehr oder weniger) gerne in die Schule zu gehen (Valtin et al., 2005, S. 194; Valtin et al., 2010, S. 57).

Die grundschulbezogenen Ergebnisse zum schulischen Wohlbefinden decken sich mit jenen zu Schullust: Insgesamt fühlen sich die Kinder in der Schule wohl, Mädchen noch mehr als Jungen (Hofmann et al., 2018; Pupeter & Wolfert, 2018; Valtin et al., 2005); von der ersten bis zur vierten Jahrgangsstufe sinken die Werte nur leicht ab (Gisdakis, 2007, S. 114). In der Studie von Hofmann et al. (2018) waren »schulische Leistung« und die »Zufriedenheit der Schüler*innen mit der Lernsituation an der Schule« die beiden zentralen Prädiktoren für schulisches (physisches) Wohlbefinden.

Lernfreude lässt sich nach Helmke (1993, S. 78) als »die relativ überdauernde emotionale Besetzung bzw. affektive Tönung des schulischen Lernens und fachlicher Inhalte« konzeptualisieren. Lernfreude richtet »die Aufmerksamkeit auf das Lernmaterial, induziert intrinsische Lernmotivation, begünstigt assoziative Speicherungen im Langzeitgedächtnis und unterstützt den Einsatz von flexiblen Lernstrategien und selbstreguliertem Lernen« (Pekrun, 2018, S. 223). Im Hinblick auf das Vorkommen von Lernfreude zeigen verschiedene Studien, dass die Lernfreude von Kindern während der gesamten Grundschulzeit überdurchschnittlich positiv ausgeprägt ist: Dies zeigen Daten aus dem DJI-Kinderpanel zu fachübergreifender Lernfreude (Schneider, 2005, S. 203) ebenso wie fachspezifische Befunde aus TIMSS 2011 zu Mathematik und Sachunterricht sowie aus IGLU 2016 zum Lesen (Goy et al., 2017, S. 150 f.; Kleickmann et al., 2012, S. 163; Selter et al., 2012, S. 113). Längsschnittliche Erhebungen über die Grundschulzeit hinweg zeigen, dass die Lernfreude zum Zeitpunkt der Einschulung einem »Gipfel« gleicht (Helmke, 1993, S. 84) und im Laufe der Grundschulzeit leicht absinkt (Ehrhardt-Madapathi et al., 2018; Hadeler & Lipowsky, 2015; Hagenauer et al., 2011; Helmke, 1993; Lohbeck et al., 2016; Martschinke & Kammermeyer, 2006; Reindl & Hascher, 2013; Tobisch et al., 2016); andere Untersuchungen berichten von einem Erhalt hoher Lernfreude von der zweiten bis zur fünften Jahrgangsstufe (Vierhaus et al., 2016). Reindl und Hascher (2013) konnten zeigen, dass die Lernfreude im Verlauf der zweiten und dritten Jahrgangsstufe sank, sich jedoch während der Sommerferien erholte, so dass die Schülerinnen und Schüler das folgende Schuljahr wieder auf höherem Niveau begannen.

Eine hohe Ausprägung der Lernfreude geht nicht unbedingt mit guten Leistungen einher, wenngleich Forschungsbefunde zeigen, dass der Zusammenhang im Verlauf der Grundschulzeit enger wird (Helmke, 1993; Martschinke & Kammermeyer, 2006). Gleichwohl haben in TIMSS 2011 (Mathematik) 61,2 % der sehr leistungsschwachen Viertklässlerinnen und Viertklässler (Kompetenzstufe I) eine hoch ausgeprägte Lernfreude, wohingegen 10,6 % der sehr leistungsstarken Kinder (Kompetenzstufe V) in Mathematik wenig Lernfreude erleben. Mathematikbezogene Lernfreude und erfasste Kompetenz korrelieren zu r = .14 (Selter et al., 2012, S. 113 f.); es besteht also nur ein geringer Zusammenhang. Auch im Sachunterricht haben 73,5 % der sehr leistungsschwachen Kinder (Kompetenzstufe I) eine »positive Einstellung« (erfasst wurde das Ausmaß an Lernfreude und Langeweile) zum Fach (Kleickmann et al., 2012, S. 163). Zu beachten ist hier jedoch, dass Kompetenzen nur im naturwissenschaftlichen Bereich erhoben wurden, die Frage nach der Einstellung sich aber auf das Fach Sachunterricht mit seinen verschiedenen fachlichen Perspektiven bezieht (GDSU, 2013).

Was die Wirkrichtung angeht, so kann Lernfreude direkte und indirekte Effekte auf die Leistung haben (vgl. zsf. Hadeler & Lipowsky, 2015), umgekehrt wirkt die Leistung auf die Lernfreude (Helmke, 1993; Wagner & Valtin, 2003). Während eine solche reziproke Beziehung (vgl. Götz et al., 2004a) für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler eine positive Verstärkung bedeutet, können leistungsschwache Kinder in eine Art Teufelskreis geraten: Schwache Leistungen können einen Rückgang an Lernfreude bewirken, geringere Lernfreude wiederum kann weniger gute Leistungen zur Folge haben.

Strukturelle Ausprägungen des schulischen Kontextes scheinen für die Ausprägung von Lernfreude wenig bedeutsam: Es zeigen sich keine Unterschiede zwischen Kindern aus Regelklassen und jahrgangsgemischten Klassen (Kuhl et al., 2013), gleiches gilt für die Gegenüberstellung von Kindern aus staatlichen und privaten Schulen (Hadeler & Lipowsky, 2015). Entscheidend für die Ausprägung der Lernfreude sind offenbar nicht die institutionellen Rahmenbedingungen, sondern vielmehr die von den Schülerinnen und Schülern wahrgenommene Zufriedenheit mit der Lehrkraft, die wahrgenommene Qualität des Unterrichts sowie die Zufriedenheit mit konkreten Lernsituationen (vgl. Hofmann et al., 2018, bezogen auf psychisches Wohlbefinden). Forschungsbefunde verweisen zudem auf die Bedeutung des häuslichen und vorschulischen Anregungsniveaus für schulisch erlebte Lernfreude: Richter et al. (2016) konnten zeigen, dass die Lernfreude in Bezug auf Schule und schulisches Lernen durch den Anregungsgehalt der häuslichen Umwelt (z. B. hohe sprachliche Kompetenzen der Kinder) sowie den Besuch einer qualitativ hochwertigen vorschulischen Einrichtung positiv beeinflusst werden.

4.3.2 Langeweile

Einen zweiten Forschungsschwerpunkt zu Emotionen in der Primarstufe bildet Langeweile. Das Erleben von Langeweile als gegenwarts- und aufgabenbezogene Emotion ist insofern bedenklich, als sich Langeweile negativ auf Lernprozesse auswirkt: Das mit Langeweile einhergehende Tagträumen oder Abschweifen der Gedanken verhindert eine Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die aktuelle Lernsituation und deren Inhalte. Zudem löst Langeweile den Impuls aus, für zusätzliche Stimuli zu sorgen, indem man sich von der Lernsituation ab- und anderen Dingen zuwendet (Lohrmann, 2008). Bereits in der Grundschule langweilt sich jedes vierte Kind (Schneider, 2005, S. 212; Valtin et al., 2005, S. 193), leistungsschwächere Kinder berichten häufiger von Langeweile als leistungsstarke Kinder (Sparfeldt et al., 2009; Valtin et al. 2010, S. 62). Erste längsschnittliche Erhebungen zur Existenz von Langeweile zeigen einen kontinuierlichen Anstieg von der zweiten bis zur fünften Jahrgangsstufe (Vierhaus et al., 2016). Reindl und Hascher (2013) berichten, dass Langeweile zu Schuljahresbeginn höher ausgeprägt ist und im weiteren Verlauf des Schuljahres abnimmt – die Autorinnen interpretieren dies durch organisatorische Klärungen und inhaltliche Wiederholungen in den ersten Schulwochen. Häufige Ursache von Langeweile ist die mangelnde Passung zwischen den Anforderungen des Unterrichts und den Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler, also erlebte Unterforderung bzw. Überforderung (Lohrmann, 2008; Sparfeldt et al., 2009); als weitere Ursachen nennen Grundschulkinder Merkmale der Unterrichtsgestaltung (methodische Monotonie, Klassenführung, Nutzung der Lernzeit; vgl. Lohrmann, 2008). Hinsichtlich des Umgangs mit Langeweile konnte Lohrmann (2008) zeigen, dass sich ein Großteil der Kinder trotz Langeweile dem Unterrichtsgeschehen zuwendet, aus Interesse am Lerngegenstand, aus Pflichtbewusstsein oder aus Angst vor negativen Konsequenzen für den Fall, dass die Lehrkraft die Langeweile bemerkt. Andere Schülerinnen und Schüler warten ab oder wenden sich anderen Aktivitäten zu. Nur wenige berichten der Lehrkraft von ihrer Langeweile. Diese zumeist dysfunktionalen Regulationsstrategien decken sich mit den Befunden von Vierhaus et al. (2016; Kap. 4.4).

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