Kitabı oxu: «Entwicklungslinien des Dolmetschens im soziokulturellen Kontext»

Şrift:

Sonja Pöllabauer / Mira Kadrić

Entwicklungslinien des Dolmetschens im soziokulturellen Kontext

Translationskultur(en) im DACH-Raum

[bad img format]

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2021 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

www.narr.de · eMail: info@narr.de

ISBN 978-3-8233-8352-9 (Print)

ISBN 978-3-8233-0263-6 (ePub)

Inhalt

 Einleitung: Berufssoziologische Dimensionen einer TranslationskulturDieser Sammelband, zu dem ...1 Verständigung in verschiedenen Lebensrealitäten2 Tradition der Sprachmittlung3 Modellierung des sozialen Raums4 Translationskultur und Superdiversität5 Dolmetschen aus professionssoziologischer Warte6 Zu den Beiträgen in diesem BandLiteratur

 Translationspolitik und barrierefreie KommunikationVon Kommunikationsprothesen zu Wegbereitern der Mehrsprachigkeit1 Umbruch der Arbeitswelt2 Wandel durch Technologie3 Automatisierung4 Folgewirkungen5 Erweiterung der Anforderungsprofile6 AusblickLiteraturSpracherleben, Verständigung und Kommunikationsbedarf in multilingualen Kontexten1 Spracherleben und mehrsprachige Sprecher:innen2 Mehrsprachige Kontexte3 Kommunikationsbedarf in diversen Gesellschaften – Beispiele aus der Praxis4 Vier Kontexte, viel Kommunikationsbedarf5 Verständigung in mehrsprachigen GesellschaftenLiteraturZur technikgestützten Translationskultur im DACH-Raum1 Vielfalt durch Technik2 Grundsätze der technikgestützten Dolmetschung3 DACH-Länderüberblick nach Einsatzbereichen4 FazitLiteraturBarrierefreie Kommunikation – Aspekte der Professionalisierung im DACH-Raum1 Grundlagen und Elemente der Bestandsaufnahme zur Professionalisierung2 Barrierefreie Kommunikationsformen – rechtliche Grundlagen und Definitionen3 Vergleichende Zusammenschau barrierefreier TranslationLiteratur

 Entwicklungslinien der ForschungEntwicklungslinien der deutschen Forschung zum Dolmetschen im soziokulturellen Kontext1 Einleitung2 Sozial- und sprachwissenschaftliche Untersuchungen3 Translationswissenschaftliche Untersuchungen4 ZusammenfassungLiteraturEntwicklungslinien der Forschung in Österreich1 Einleitung2 Genese3 Entwicklungsstränge4 SchlusswortLiteraturPerspektiven zum Gebärden- und Lautsprachendolmetschen aus der Deutschschweiz1 Dolmetschen im Justiz- und im Gesundheitswesen: Ausgangslage2 Forschungsstand zum Gebärdensprachdolmetschen in der Deutschschweiz3 Unterschiede und GemeinsamkeitenLiteratur

 Entwicklungslinien der AusbildungDolmetschen für Gleichbehandlung und Teilhabe – aber bitte möglichst umsonst!1 Dolmetscherinnen als Erfüllungsgehilfinnen des neoliberalen Bürgerschaftsstaats oder Garantinnen der (post)migrantischen Gesellschaft?2 Die große Verheißung oder die große Illusion: Von Engagement über Qualifizierung zu Professionalität3 Bürgerschaftliches Engagement der Gut-Integrierten oder die (Un)Heiligkeit des Ehrenamts4 Drei SchlusspunkteLiteratur„Ich weiß nicht, was es noch gibt, das ich nicht weiß“ – Entwicklungslinien der Ausbildung in Österreich im Bereich Dolmetschen für öffentliche Einrichtungen und Gerichtsdolmetschen1 „Ich weiß nicht, was es noch gibt, das ich nicht weiß“2 Dieselben Befunde wie eh und je?3 Von „Zwei- oder Mehrsprachigen“ über „bereits Tätige“ bis hin zu künftigen „Expert:innen“ – Zielgruppen und Zielsetzungen4 Ob minimal oder maximal – stets modular: Lehrgangsinhalte und Kursstruktur5 Alte, alte neue und geplante Lehrgänge6 „Danke, dass du mir das sagen konntest“ – Einbeziehung der Auftraggeber7 Woher wissen Lai:innen, was Lai:innen wissen?8 Vorwärts an den StartLiteraturProfessionalisierung des Dolmetschens im öffentlichen Bereich am Beispiel der Schweiz1 Interkulturelles Dolmetschen2 Wer dolmetscht?3 Das Schweizerische zweistufige Qualifizierungssystem im Überblick4 Bezug des „Gesamtsystems Interkulturelles Dolmetschen“ zu internationalen Standards5 Standardisierung und FinanzierungLiteratur

 Entwicklungslinien der BerufspraxisDolmetschen im Gemeinwesen1 Begriffsverwirrung2 Rechtliche Rahmenbedingungen3 Wirtschaftliche Rahmenbedingungen4 Organisatorische Rahmenbedingungen5 ConclusioLiteraturDer österreichische Kommunaldolmetschmarkt1 Einleitung2 Untersuchungsgrundlagen3 Wirkungsbereiche von Kommunaldolmetscher:innen in Österreich4 ConclusioLiteraturDie Praxis des interkulturellen Dolmetschens in der Schweiz1 Einleitung2 Organisation des interkulturellen Dolmetschens in der Schweiz3 Arbeits- und Lebensbedingungen der interkulturell DolmetschendenLiteratur

 Translationskultur verortetVon der Theorie zur Praxis1 Rahmenbedingungen der Untersuchung2 Praxisprojekte3 Länderübergreifender VergleichLiteraturFormung einer Translationskultur im DACH-Raum: Handlungen, Strukturen und ein Ausblick1 Translationspolitik im gesellschaftlichen Kontext2 Handlungen und Strukturen im Zusammenwirken3 Dolmetschen in Funktion4 Fazit: Mitgestaltung einer Translationskultur als gesellschaftliches ZusammenspielLiteratur

  Beiträger:innen

  Register

Einleitung: Berufssoziologische Dimensionen einer Translationskultur

Sonja Pöllabauer

Dieser Sammelband, zu dem verschiedene Expert:innen aus dem DACH1-Raum beigetragen haben, zeigt vor dem Hintergrund des Konzepts der „Translationskultur“ (Prunč 1997, 2008) sowie professionssoziologischer Überlegungen „Entwicklungslinien“ (Prunč 2012a) des Dolmetschens in einem gesellschaftlichen und behördlichen Umfeld im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) auf.2

1 Verständigung in verschiedenen Lebensrealitäten

Der Ausgangspunkt für dolmetscherisches Handeln ist das Erfordernis aufseiten von Bedarfsträger:innen in verschiedenen Lebensrealitäten Verständigung zu ermöglichen, was manchmal nur unter Beiziehung von Dolmetscher:innen realisierbar ist. Derartiger „Kommunikationsbedarf“ (Pöchhacker 2000:13f.) bestand seit jeher in verschiedenen internationalen oder innergesellschaftlichen Zusammenhängen. Ein Blick auf translatorisches Handeln aus gegenwärtiger Perspektive vernachlässigt häufig die Tatsache, dass die Tätigkeit von Dolmetscher:innen eine alte ist und sich über ein weites zeitliches Kontinuum erstreckt, und dass jene Faktoren, die für Dolmetscher:innen heute maßgebende Kriterien für ihr Handeln sind, Dolmetscher:innen wohl auch schon vor Jahrtausenden beschäftigten. Abseits der Aufarbeitung dieses Feldes in der Fachliteratur belegen etwa geschichtliche Quellen die jahrhundertelange Tätigkeit von Dolmetscher:innen in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern (z.B. Woodsworth & Delisle 2012, Cáceres Würsig 2017).

Seit der innerstaatlichen Krise in Syrien, die ab 2015 Millionen Menschen zu Binnenflüchtlingen machte und darüber hinaus zu massiven Fluchtbewegungen in Richtung Europa führte, waren Dolmetscher:innen und ihr Handeln zunehmend sowohl durch Medienberichte als auch infolge persönlicher Begegnungen in Kontexten präsent, in denen dies zuvor nicht der Fall gewesen war. Im deutschsprachigen Raum waren v.a. Deutschland und Österreich mit einem plötzlich angestiegenen KommunikationsbedarfDolmetschbedarfmigrationsbedingt konfrontiert, der nicht immer ausreichend gedeckt werden konnte. Dringlichkeit und Ausmaß an Kommunikationsbedarf führten dazu, dass die Notwendigkeit des Einbezugs von Dolmetscher:innen verstärkt erkannt wurde.

Infolge dessen und zur weiteren Bewältigung dieser veränderten gesellschaftspolitischen Gesamtsituation wurden verschiedene (Ad-hoc-)Maßnahmen zur Bewältigung dieses Kommunikationsbedarfs ergriffen, u.a. die Bestellung von Dolmetscher:innen für bislang wenig benötigte Sprachkombinationen, für die auch keine Ausbildungen existieren, neue Verzeichnisse („DolmetscherlistenDolmetschliste“) und Zusammenschlüsse („PoolsDolmetschpool“) von Dolmetscher:innen, Entwicklung neuer Schulungsmaßnahmen oder die Reaktivierung bereits bestehender Qualifizierungsangebote. „Qualität“ stand dabei nicht immer im Zentrum; vielmehr wurde und wird – wie die Beiträge in diesem Band in teilweise ernüchternder Form belegen – der Dolmetschbedarf häufig unter der nach wie vor tradierten Devise „Sprachkompetenz = Dolmetschkompetenz“ gedeckt. Die aus fachlicher Sicht grundsätzlich positiv zu wertende Sichtbarmachung von Dolmetscher:innen ist also gleichzeitig teilweise negativ gekoppelt an eine gewisse Gefahr einer Institutionalisierung von „Ad-hoc-Lösungen“.

Zu beobachten war in den letzten Jahrzehnten des Weiteren ein Neuaufflammen der Diskussion um die Benennung der Tätigkeit von Dolmetscher:innen in einem derartigen innergesellschaftlichen Lebenszusammenhang, wie sie bereits Ende der 1990er-Jahre (z.B. Bahadır 2000, Pöchhacker 2000:34ff., Pöllabauer 2002) und auf ähnliche Weise noch früher in den sogenannten Pionierländern des Community InterpretingCommunity Interpreting (z.B. Roberts 1997, Gentile 1993) stattgefunden hatte. Augenscheinlich war diese Diskussion etwa im Rahmen einer Fachtagung 2018 am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg, die der Qualifizierung von Sprachmittler:innen in der sozialen Arbeit gewidmet war (vgl. ZwischenSprachen 2018) und in teilweise heftige Kontroversen zu den Möglichkeiten, Sinnhaftigkeiten und Widersinnigkeiten verschiedener Benennungen mündete.

2 Tradition der Sprachmittlung

Der subjektive Eindruck, der vor diesem Hintergrund entstehen könnte, wonach das Dolmetschen in einem innergesellschaftlichen Kontext im DACH-Raum erst in den letzten Jahren vermehrt notwendig geworden ist, trügt allerdings. Dieses spezifische Handlungsfeld von Dolmetscher:innen findet bereits seit mehr als 20 Jahren unter dem Stichwort Community Interpreting Community Interpretingoder anderen dafür gebräuchlichen Benennungen Eingang in die einschlägige (auch deutschsprachige) Literatur, anfangs eher in Form von Darstellungen subjektiven Charakters, später mit einer Entwicklung hin zu einer zunehmenden Verwissenschaftlichung des Themas (vgl. Grbić & Pöllabauer 2008).

Mit Bezug auf Deutschland thematisierten etwa bereits Mitte der 1980er-Jahre Rehbein (1985) „Verfahren der Sprachmittlung“ sowie Knapp (1986) und Knapp & Knapp-Potthoff (1985, 1986, 1987) verschiedene Aspekte der „Sprachmittlung“, die sie als „nicht professionelle, alltagspraktische Tätigkeit“ in „face-to-face-Interaktionen“ (Knapp & Knapp-Potthoff 1985:451) definierten und so vom (professionellen) „Dolmetschen“ abgrenzten.

Insgesamt ist die Literatur zur Thematik durch eine interdisziplinäre Perspektive gekennzeichnet. Frühe Publikationen, v.a. aus Deutschland und der Schweiz, gehen v.a. auf Autor:innen aus den Bereichen der Psychiatrie und Psychotherapie (Knoll & Roeder 1988, Leyer 1988, Haenel 1997, Westermeyer 1990, Grube 1993, Steiner 1997) bzw. der Medizin (Flubacher 1994, Eytan, Bischoff & Loutan 1999, Bischoff et al. 1999) zurück. Der allgemeine Paradigmenwechsel in der Dolmetschwissenschaft hin zu einer „sozialen Wende“ (Pöchhacker 2006) und einem intensivierten Blick auf dialogische bzw. „triadische“ (Wadensjö 1998, Mason 2001) Interaktionskonstellationen ab den 1990er-Jahren zeigt sich auch im DACH-Raum, wo ab 2000 ein Anstieg an Publikationen zum Thema zu beobachten war (Grbić & Pöllabauer 2008).

In der Schweiz befassten sich etwa Kälin (1986) und Monnier (1995) früh mit dem Dolmetschen im Asylverfahren. Vor dem Hintergrund der oben erwähnten Publikationen aus dem medizinischen und therapeutischen Bereich erwiesen sich hier v.a. die Universitätskliniken in Basel und Genf (HUG, Hôpitaux universitaires de Genève) als Zentren der Forschung zum Medizindolmetschen. Bereits 1999 wurde auch der Schweizer Berufsverband INTERPRET gegründet, der bis dato im DACH-Raum immer noch einzige spezifische Berufsverband für Dolmetschen in einem sozialen Kontext (siehe dazu auch Müller in diesem Band). Gar noch früher wurden erste Dolmetschdienste an Kliniken (1987 Basel, 1990 Bern) sowie von gemeinnützigen oder kirchlichen Organisationen eingerichtet (z.B. Hilfswerk der Evangelischen Kirche der Schweiz HEKS, Schweizer-Arbeiter-Hilfswerk SAH, Caritas, Rotes Kreuz) (vgl. Flubacher 2013:128, siehe dazu auch Grenko & Strebel in diesem Band). Maßgebend, auch für die Benennung dieses Feldes in der Schweiz (Interkulturelles Übersetzen bzw. Interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln), scheint ein Sammelband von Weiss & Stuker (1998) mit dem Titel Übersetzung und Interkulturelle Mediation.

In Deutschland leisteten ein Team von Forscher:innen am UKE Hamburg (Albrecht 1999, 2002) und das Ethnomedizinische Zentrum in Hamburg (Salman & Tuna 1997), das bereits 1989 gegründet wurde, Pionierarbeit. Ab Mitte der 1990er-Jahre war im Bereich Medizindolmetschen auch das Team des Sonderforschungsbereichs Mehrsprachigkeit der Universität Hamburg präsent (Bührig & Meyer 1998, Meyer 2000) (siehe dazu auch Meyer in diesem Band).

In Österreich war das Thema ab 1989 vor dem Hintergrund eines WHO-Projekts zur Gesundheitsversorgung von Migrant:innen präsent (Pöchhacker 1997a). Federführend in der Lancierung dieses Feldes sowohl in der Forschung als auch im Rahmen eines ersten Praxisprojekts (Pilotkurs Dolmetschen im Krankenhaus) war Franz Pöchhacker von der Universität Wien (Pöchhacker 1997b, 2000). Das Gerichtsdolmetschen wurde 2001 von Kadrić erstmals umfassend thematisiert. Ab 2000 wurde das Thema auch im Forschungsprofil des Instituts für Translationswissenschaft der Universität Graz verankert (Pöllabauer 2000, Pöllabauer & Prunč 2003, Pöllabauer 2005), wo seit 2001 niederschwellige Universitätslehrgänge zum Thema angeboten werden (Prunč 2012b) (siehe dazu auch Pöchhacker in diesem Band). Seit 2016 werden an der Universität Wien auch postgraduale Universitätslehrgänge, seit 2018 auch als Masterprogramme für Behörden- und Gerichtsdolmetschen (Postgraduate Center 2019) wie auch Lehrgänge für Schriftdolmetschen und Dolmetschen mit Neuen Medien angeboten.

Damit lässt sich feststellen, dass diese Domäne des Dolmetschens im deutschsprachigen Raum seit mehr als 30 Jahren von unterschiedlichen Interessensträger:innen (Praxis, Lehre, Forschung) und in unterschiedlichem Ausmaß wahrgenommen, lanciert und vorangetrieben wurde. Von einem anfangs stark vernachlässigten Bereich, mit suboptimalen Bedingungen und geprägt vom Nimbus der Minderwertigkeit, war in den letzten Jahren eine gewisse Konsolidierung zu erkennen, mit einem wachsenden Angebot an extrauniversitären Ausbildungs- und Qualifizierungsangeboten, einer stärkeren Einbindung auch in das curriculare Angebot an traditionellen Ausbildungseinrichtungen für Übersetzen und Dolmetschen, einer zunehmenden Akzeptanz derartiger „sozialer“ Themen in der Translationswissenschaft und einem gewissen Maß an Sensibilisierung für die Bedürfnisse von Dolmetscher:innen vonseiten der Bedarfsträger:innen und daran gekoppelt mehr Austausch und Synergien zwischen den verschiedenen Interessensgruppen. Und dennoch wird das Community Interpreting weiterhin auf dem C-Markt des Dolmetschens (Kutz 2010:82) angesiedelt und auch noch in jüngerer Zeit als wenig professionalisiert wahrgenommen (Neff 2015:220).

Derartige Negativbefunde ebenso wie persönliche Beobachtungen zu aktuellen Entwicklungen im Feld sind die Triebfedern für diese Publikation, die auf einer Makroebene Dimensionen der „Translationskultur“ (Prunč 1997 und später) in diesem Feld zu skizzieren und diese auf einer Mikroebene mithilfe professionssoziologischer Faktoren zu verorten sucht.

Bevor eine Darstellung des Konstrukts der Translationskultur und des professionssoziologischen Grundgerüsts, die die im Rahmen dieser Publikation vorgenommenen Darstellungen der Situation im DACH-Raum speisen, vorgenommen wird, scheint eine Modellierung des sozialen Raums, in dem derartige innergesellschaftliche Dolmetschhandlungen stattfinden, zweckmäßig.

3 Modellierung des sozialen Raums

Dolmetschen in einem nationalen gesellschaftlichen Umfeld wird im Fall von Lautsprachen oft mit den Begriffspaaren „Flucht“ und/oder „Migration“ in Verbindung gebracht, im Fall von Gebärdensprachen mit innergesellschaftlichen sprachlichen Minderheiten. In beiden Kontexten ist (erfolgreiche, transparente, faire) Kommunikation ein bestimmender Faktor für individuelle Bedürfnisse und Befindlichkeiten auf der Subjektebene ebenso wie für das soziale Miteinander in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen. Sprachbarrieren ebenso wie divergierende Wissensbestände erschweren oder verhindern den Zugang zu Informationen und Anschlussmöglichkeiten. Dolmetscher:innen können in diesem Gefüge eine Schlüsselfunktion übernehmen, als gatekeeper fungieren, indem sie Türen zur Verständigung zwischen Menschen mit oft sehr unterschiedlichen lebensbiografischen und soziokulturellen Hintergründen öffnen. Der Objektbereich dieses Feldes, das, wie oben erwähnt, nach wie vor – und in jüngster Zeit wieder verstärkt – unter verschiedenen Benennungen beschrieben wird1, lässt sich wie folgt weiter bestimmen:

Dolmetschen in

 einem bestimmten innergesellschaftlichen Umfeld (z.B. behördliche, medizinische, therapeutische Settings),

 zwischen professionellen Bedarfsträger:innen und privaten Klient:innen,

 häufig in dialogischen Situationen von unmittelbarer und zentraler Relevanz für die persönliche Befindlichkeit und die Bedürfnisse der Klient:innen,

 in denen die unmittelbare Präsenz und Angreifbarkeit von Dolmetscher:innen stärker als in anderen, etwa monologisch geprägten Settings, sich auch auf das Handeln und Rollenverständnis der dolmetschenden Personen auswirken.

Vor diesem Hintergrund schreibt Prunč (2017:23) mit Bezugnahme auf das Begriffsinstrumentarium von Bourdieu dem Feld des Community InterpretingCommunity Interpreting im Gegensatz zum Konferenzdolmetschen, das meist mit einem höheren symbolischen Kapital ausgestattet ist, ein „niedriges bis negatives symbolisches Kapital“ zu, was sich v.a. daraus erklärt, dass die Klientel von Dolmetscher:innen in diesem Feld Randgruppen wie Flüchtlinge, Minderheiten und Migrant:innen oder „andere Verlierer der Globalisierung“ (ibid.) sind, die oft weder über entsprechendes ökonomisches Kapital, noch über soziale Handlungsressourcen (z.B. umfassende Einbindung in ein soziales Netzwerk und die damit einhergehende Anerkennung), noch über kulturelles Kapital (z.B. Bildungstitel) verfügen.

Mit Bezug auf die Dolmetscher:innen lässt sich diese Negativspirale in bestimmten Fällen auch auf diese selbst übertragen, zumal sie unter Umständen ebenso wenig über das nötig Sozial- oder Kulturkapital verfügen, etwa wenn das „Kommunikationsproblem“ durch die Bestellung von nicht ausgebildeten und für dieses Feld qualifizierten Dolmetscher:innen erfolgt. Hier handelt es sich um eine Vorgehensweise, die nach wie vor vielerorts gängig und in der weiterhin tradierten Annahme begründet ist, dass SprachkompetenzKompetenzenSprachkompetenz, die oft nur unzureichend gegeben ist, für derart „einfache“ Kommunikationssituationen ausreicht und dass derartige Situationen auch von Begleitpersonen oder zufällig Anwesenden gut bewältigt werden können. Für Dolmetscher:innen bieten derartige Handlungsgefüge daher oft wenig Handlungsspielraum: „Durch den Umgang mit diesen Randgruppen geraten die Dolmetscher selbst in den Bannkreis der Ohnmacht“ (Prunč 2017:25).

In diesem Band wird vor diesem Hintergrund der soziale RaumDolmetschenim soziokulturellen Kontext des Dolmetschens in derartigen nationalen innergesellschaftlichen Gefügen mit Fokus auf den DACH-Raum ausgeleuchtet. Erfasst werden dialogische gedolmetschte Interaktionen abseits des Konferenz- und Verhandlungsdolmetschens: Dolmetschen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontaktsituationen, einschließlich des Gerichtsdolmetschens. Auch auf aktuelle technologische und gesellschaftliche Entwicklungen (Ferndolmetschen, Formen der barrierefreien Kommunikation) wird eingegangen.

4 Translationskultur und Superdiversität

Als Rahmen für die Darstellung dient, wie erwähnt, Prunčs Konstrukt der TranslationskulturTranslationskultur (u.a. 1997, 2008, 2017). Prunčs Überzeugung, dass Translation auch immer eine „gesellschaftssteuernde und ideologische Funktion“ (2000:20) hat, spiegelt sich in seiner Modellierung von „Translationskultur“, die definitorisch wie folgt erfasst werden kann:

[…] das historisch gewachsene System einer Kultur […], das sich auf das Handlungsfeld Translation bezieht und das aus einem Set von gesellschaftlich etablierten, gesteuerten und steuerbaren Normen, Konventionen, Erwartungshaltungen und Wertvorstellungen aller in dieser Kultur aktuell oder potentiell an Translationsprozessen beteiligten Handlungspartner besteht. (Prunč 1997:107)

TranslationskulturenTranslationskultur sind nicht ahistorisch, sondern zeitlich geprägte, gewachsene Konstrukte, die dem in einem gesellschaftlichen Rahmen vorherrschenden Wertegefüge unterliegen (Prunč 2017:33). Translator:innen sind in diesem System „selbstverantwortliche Handlungspartner“ (ibid.:111), die auch an der Aushandlung der das System steuernden Normen und Konventionen beteiligt sein können/sollten. Neben den Translator:innen werden auch die anderen Akteur:innen in die Pflicht genommen: Im Rahmen einer „demokratischen Translationskultur“ (Prunč 2017:33), in deren Zentrum das Prinzip der „Egalität“ verankert ist, sind alle Handlungsbeteiligten gleichermaßen für die Gestaltung der Rahmenbedingungen verantwortlich.

Aufgabe der Ausbildungsstätten wäre es, durch eine Verschränkung von Theorie und Praxiswissen Translator:innen auf ein „reflektiertes“ translatorisches Handeln vorzubereiten und für in diesem Feld tätige Dolmetscher:innen das nötige Kulturkapital im Sinne von Zertifizierung und Graden/Titeln bereitzustellen. Aufgabe der Translationswissenschaft wäre das analytische Aufzeigen von Interessenskonstellationen und Entwicklungspotenzialen, das Translator:innen damit die argumentative Basis für die Aushandlung der aus ihrer Sicht erforderlichen Geltungsprozesse und damit eine Optimierung des Systems erlaubt (ibid. 107; 2017:33). Dieses Zusammenspiel von Forschung und Lehre ergänzt Prunč später (2017:35) noch um die Kategorien „Öffentlichkeitsarbeit“ und „Solidarität“. Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit kann erst symbolisches Kapitel für die Dolmetschenden generiert werden. Die Kategorie Solidarität kann als Voraussetzung für das Zusammenspiel dieser Faktoren betrachtet werden. Im Zentrum sieht Prunč (2017:35) hier den Abbau von Standesdünkeln vonseiten professioneller Dolmetscher:innen gegenüber den oft als minderwertig betrachteten Laien, der nötig erscheint, damit alle in dem Feld tätigen Akteur:innen mit Hinblick auf eine Optimierung der Handlungsbedingungen an einem Strang ziehen, da sich „Fehlleistungen negativ auf das Image de(s) gesamten Berufsstandes auswirken“ (2017:35) (s. dazu weiter unten auch das Konstrukt der „berufsständischen Solidarität“).

Als „Konstruktionsprinzipien“ (Prunč 2017:33) für eine konkrete Mitgestaltung der Translationskultur durch die Translator:innen definiert Prunč die folgenden:

 Kooperativität als kooperative Arbeitsteilung ist „ökologisch“ und „ressourcensparend“, wenn sie auf einem klar vereinbarten Handlungsrahmen basiert (2017:33).

 Loyalität umfasst die „Fähigkeit und Bereitschaft, die Interessen der Handlungspartner zur Kenntnis zu nehmen, zu reflektieren und angemessen darauf zu reagieren“ (ibid.) und impliziert eine vierfache reziproke Loyalität der Translator:innen gegenüber den 1) Autor:innen der zu übertragenden Redebeiträge, 2) den Initiator:innen der Interaktion, 3) den Adressat:innen und 4) gegenüber sich selbst in Hinblick auf persönliche ethische Werte und berufsethische Prinzipien (2017:34).

 Transparenz bedingt die Offenlegung von Handlungsrollen und die Verpflichtung, Abweichungen von bestehenden translatorischen Handlungsnormen transparent zu machen und wirkt damit vertrauensbildend.

 Ökologizität soll einen „sparsamen Umgang mit Ressourcen“ sichern (2017:34), indem translatorische Entscheidungen abhängig von den Zielvorgaben und der Translatfunktion, aber auch von Kriterien wie der „Nachhaltigkeit“, d.h. der längerfristigen Auswirkung des translatorischen Handelns, getroffen werden.

Stark verknüpft mit diesen Ausführungen ist auch die persönliche, moralische Verpflichtung von Translator:innen bei Missständen zu intervenieren:

In einem solchen ethischen Konzept strebt Translation als trialogischer Beitrag zur Enttarnung von Hegemonialisierungsstrategien, zur Konfliktminimierung, zur Wahrung der Menschenrechte und der persönlichen physischen und geistigen Integrität des Individuums sowie zur Friedenssicherung als bewusste Alternative zum Krieg der Worte […]. Das ist das Gewebe, aus dem Aschenbrödels Schuh gefertigt ist, mit dem sie sich als ebenbürtige Prinzessin neben die Prinzessin Konferenzdolmetschen stellen kann. (Prunč 2017:35)

Mit dem Konstrukt der TranslationskulturTranslationskultur lassen sich veränderte Rahmenbedingungen gut abbilden. Eine generelle Veränderung, die nicht nur Translation, sondern verschiedenste Bereiche des gegenwärtigen Lebens prägt, ist (neben den Auswirkungen der Globalisierung und wachsenden Technologisierung unserer Lebensrealität) auch die zunehmende gesellschaftliche TranskulturalitätTranskulturalität. 2007 wurde von Vertovec mit Fokus auf die damalige Situation in Großbritannien der Überbegriff „super-diversity“ eingeführt. „Super-diversity“ dient als Umschreibung für durch veränderte Migrationsprozesse (mehr und unterschiedliche Ethnien, Sprachen, Religionen, Herkunftsländer, Migrationsverläufe) bewirkte vielschichtige Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft, die sich auf verschiedene Dimensionen des Zusammenlebens auswirken (neue Formen von Ungleichheit, Vorurteilen, Rassismus, Segregation, räumlicher Präsenz, Kontakt, Creolisierung, etc.), von verschiedenen Faktoren (Alter, Geschlecht, Rechtsstatus, Arbeits- und soziale Bedingungen, etc.) geprägt sind und zu einer Neudefinition von sozialem Status, Identitäten und Schichten führen können (vgl. auch Meissner & Vertovec 2015). Das Konzept der SuperdiversitätSuperdiversität wurde in Bezug auf verändertes Sprachverhalten und damit für Dolmetscher:innen einhergehende Herausforderungen u.a. von Jacquemet (2011) aufgegriffen.

Derart veränderte Rahmenbedingungen gelten auch für das Dolmetschen in einem gesellschaftlichen Kontext im DACH-Raum, der besonders in den letzten Jahren von migrationsbedingten Veränderungsprozessen geprägt war. Die auf zunehmende Mobilität, aber auch auf Migration und Flucht zurückzuführende ethnische Vielfalt im DACH-Raum werden ebenso wie neue Entwicklungen infolge der zunehmenden Technologisierung einleitend dargestellt. Auch wenn der Fokus der vorliegenden Publikation auf Entwicklungen im Bereich des Lautsprachendolmetschens liegt, wird in einem Beitrag von Haug & Hofer in diesem Band ein Brückenschlag zur Forschung und Praxis im Bereich des Gebärdensprachdolmetschens vorgenommen.

5 Dolmetschen aus professionssoziologischer Warte

Für eine detailliertere Analyse von Dolmetschsituationen in einem derart hybriden gesellschaftlichen Gefüge, die den Blick auf die im Rahmen der Translationskultur umrissenen Bereiche Forschung, Ausbildung und Praxis auf einer Mikroebene erlaubt, erweisen sich des Weiteren professionstheoretische Ansätze als fruchtbar.

Ab den 1990er-Jahren wurden professionstheoretische Erklärungsmodelle zu Prozessen der ProfessionalisierungProfessionalisierung auch in der Dolmetschwissenschaft zur Analyse und Skizzierung der „Professionalisierung“ dolmetscherischen Handelns und der Ausgestaltungen von „Professionalität“ herangezogen (für einen Überblick siehe z.B. Grbić 2015). Untersucht wird dabei, inwieweit Dolmetschen als spezifisches Handlungsfeld sich durch die zunehmende „Verberuflichung1“ und „Wissenssystematisierung“ (Schmidt 2008:836) hin zu einer „Profession“ entwickelt. Struktur-funktionalistische Professionstheorien beschreiben Professionen, oft in Abgrenzung zu oder am Beispiel klassischer Professionen (etwa Medizin, Recht, Theologie), unter Bezugnahme auf deren spezifische prototypische Merkmale. Als eine Weiterentwicklung dieser funktionalistischen Ansätze können Modelle betrachtet werden, die ProfessionalisierungProfessionalisierung als Prozess auf einem Kontinuum beschreiben, der verschiedene Phasen durchläuft und auf dessen Basis berufliches Handeln als nicht-professionell, semiprofessionell oder professionell beschrieben werden kann. Anwendung in der Dolmetschwissenschaft fand hier v.a. Tsengs (1992) Phasenmodell, das Ausgangspunkt für die Darstellung von ProfessionalisierungsprozessenProfessionalisierungProfessionalisierungsprozess in verschiedenen Feldern des Dolmetschens war und ist (vgl. Grbić 2015).

Ab den 1980er-Jahren steht infolge eines Paradigmenwechsels hin zu handlungstheoretischen Ansätzen (Schmidt 2008:840ff.) verstärkt das konkret beobachtbare professionelle Handeln als dynamischer Aushandlungsprozess im Zentrum der Professionsforschung. Im Fokus stehen die interne professionelle „Handlungslogik“ (Schmidt 2008:843) professionellen Handelns und die dafür typischen widersprüchlichen Handlungsanforderungen und -muster an Professionsvertreter:innen in der Interaktion mit Klient:innen oder anderen Professionen. Exemplarisch für die Dolmetschwissenschaft sind hier etwa Arbeiten zu Formen von „boundary work“ durch Dolmetscher:innen (Grbić 2010, Grbić & Kujamäki 2019), zu interprofessionellen Beziehungen (Tipton 2016), Prozessen der Deprofessionalisierung (García-Beyart 2015) und der Ausbildung hybrider Professionen (vgl. Colley& Guery 2015 für eine Anwendung auf das Public Service Interpreting). Im Zentrum derartiger Darstellungen steht, was professionelles Handeln in konkreten, von bestimmten Strukturen geprägten Handlungsfeldern ausmacht und wie Professionalität durch das Handeln der Professionsangehörigen „reproduziert“ wird (vgl. Schmidt 2008:843). Professionen werden von Schmidt (2008:846) vor diesem Hintergrund als „Strukturorte der verwissenschaftlichten Krisenbewältigung resp. der Vermittlung von Theorie und Praxis“ definiert, die von der „Dialektik universalisierter Regelanwendung und hermeneutischem Fallbezug“ bestimmt sind.

Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen Ansätze zur Modellierung von ProfessionalisierungsprozessenProfessionalisierungProfessionalisierungsprozess können unter Bezugnahme auf das Begriffssystem von Schmidt (2008) für die vorliegende Publikation verschiedene Dimensionen der professionellen Handlungslogik beschrieben werden, die sich für das Dolmetschen im innergesellschaftlichen Bereich im DACH-Raum beobachten lassen. Dabei wird versucht, sowohl Strukturelemente des Feldes als auch Elemente der inneren Handlungslogik zu beschreiben.

6 Zu den Beiträgen in diesem Band

Vor dem Hintergrund der oben angerissenen Themen ist der Sammelband in fünf Teile gegliedert. Unter der Rubrik „Translationspolitik und barrierefreie Kommunikation“ stecken einleitende Beiträge zunächst den gesamtgesellschaftlichen Rahmen und die durch Migration und Flucht bedingte ethnische Vielfalt (Super-Diversität) im DACH-Raum ebenso wie Entwicklungen infolge der zunehmenden Technologisierung ab. Das Dolmetschen in diesem Feld ist durch eine Ausdifferenzierung verschiedener Wissensvorräte (Alltagswissen, Expert:innenwissen) und Handlungsformen gekennzeichnet (vgl. Schmidt 2008:837). Im Hauptteil der Publikation werden daher unter dem Überthema „Translationskultur(en) im DACH-Raum“ Entwicklungen und der Status quo in Deutschland, Österreich und der Schweiz für die folgenden drei Ebenen dargestellt: „Wissenshervorbringung“ (Forschung), „Wissensvermittlung“ (Ausbildung) und „Wissensanwendung“ (Praxis). Vor der Folie dieser Darstellung werden im Weiteren ausgewählte innovative Praxisprojekte dargestellt und abschließend eine vergleichende Zusammenschau präsentiert.

Gerahmt und eingeleitet werden die diesen drei Abschnitten zugeordneten Ausführungen von Beiträgen, die sich aus translations- und sprachpolitischer Sicht und unter Einbezug des stetig zunehmenden Bedarfs an barrierefreier Kommunikation dem Feld nähern. So skizziert Peter Sandrini vor dem Hintergrund der zunehmenden Automatisierung und Digitalisierung der Berufswelt unseren Umgang mit Mehrsprachigkeit und damit verbundene Herausforderungen und Zukunftsaussichten für die Sprachmittlung. Judith Purkarthofer beschreibt aus soziolinguistischer Perspektive Spracherleben, Verständigung, sprachliche Identität und Kommunikationsbedarfe in multilingualen und von Diversität geprägten Gesellschaften. Vor dem Hintergrund der technischen Errungenschaften moderner Informations- und Kommunikationstechnologien beschreibt Ivana Havelka die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die interpersonale Kommunikation sowie die Konturen und den Handlungsrahmen einer technikgestützten Translationskultur für das video- und audiobasierte Dialogdolmetschen. Dem Abbau von Kommunikationsbarrieren in unterschiedlichen Bereichen und Möglichkeiten der barrierefreien Kommunikation zur Inklusion und Integration von Menschen mit unterschiedlichen Sinnes- oder kognitiven Beeinträchtigungen und Sprachkenntnissen widmet sich Judith Platter.

Dem Feld der Wissenshervorbringung sind drei Beiträge gewidmet. Die Bezugnahme auf wissenschaftsbasiertes Theoriewissen, die zunehmende Spezialisierung und einschlägige Fachwissensbestände sowie das Vermögen zur praktischen Anwendung von Theoriewissen sind Merkmale der Professionalisierung einer Tätigkeit (Schmidt 2008:840). Im Abschnitt Entwicklungslinien der Forschung skizzieren Bernd Meyer, Franz Pöchhacker und Tobias Haug & Gertrud Hofer vor diesem Hintergrund die Entwicklung und zentrale Themen der Forschung zum Community Interpreting und Gerichtsdolmetschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Meyer resümiert sozial-, sprach- und translationswissenschaftliche Forschung der letzten drei Jahrzehnte mit Fokus auf Deutschland zu diesem Themenfeld. Pöchhacker thematisiert die Entstehungsbedingungen und konzeptuellen Grundlagen der Forschung zum Kommunaldolmetschen in Österreich und Haug & Hofer gehen neben Untersuchungen zum Lautsprachendolmetschen im Gesundheits- und Sozialbereich in der deutschsprachigen Schweiz auch auf Entwicklungen im Bereich des Gebärdensprachdolmetschens ein.

Die Sektion Entwicklungslinien der Ausbildung schlägt die Brücke zum Themenkreis der Wissensvermittlung: Werden bzw. in welcher Weise werden Wissensbestände an die handelnden Personen weitervermittelt (formalisierte Ausbildungssysteme, teil-formalisierte Strukturen zur Wissensvermittlung vs. informell-„naturwüchsige“ Ausbildung und Anwendung von Wissen)? Erwerben die professionell Tätigen einen „sachgebundenen“ Habitus (Schmidt 2008:842), der die sachliche Bearbeitung von Problemen ohne Berücksichtigung subjektiver Interessen erlaubt? Werden die wissensvermittelnden Akteur:innen („Ausbildner:innen“) ebenfalls in Bezug auf die Weitergabe und Anwendung dieser spezifischen Wissensbestände geschult (etwa in Form von „Train-the-trainer“-Angeboten)? Ist die Tätigkeit an staatliche Lizensierung und Qualifikation (Berechtigung zur BerufsausübungTranslation) bzw. an Exklusivität (Monopolstellung) gebunden, die mit einem gewissen Berufsprestige einhergehen? Die zuletzt genannten Kriterien sind auf einer „vertikalen Ebene“ der Einbettung von Professionen in gesellschaftliche Strukturen (Schmidt 2008:840f.) Strukturmerkmale, die die Abgrenzung zu „einfacheren“ Berufen erlauben. Den oben genannten Themen nähern sich Şebnem Bahadır, Vera Ahamer und Michael Müller. Bahadır verortet die in Deutschland gegenwärtige Lage der Ausbildung und Praxis kritisch in einem migrations- und translationspolitischen Kontext. Mit Aspekten der Ausbildung und Professionaliserung des Community Interpreting in Österreich befasst sich Ahamer, und Müller skizziert das vergleichsweise wesentlich ausgereiftere System der Qualifizierung für interkulturell Dolmetschende in der Schweiz.

In Bezug auf die berufspraktische Wissensanwendung in konkreten Handlungssituationen lassen sich ebenfalls verschiedene Dimensionen skizzieren: Steht in der Ausübung der Tätigkeit das Wohl der Klient:innen und die Orientierung an der Sache im Zentrum („Kollektivorientierung“ als auf das Gemeinwohl hin abzielende Orientierung, vgl. Schmidt 2008:840)? Der sogenannte „Zentralwertbezug“ kann beispielsweise (Schmidt 2008:840) als Merkmal einer Profession definiert werden, das beschreibt, ob Professionen als gesellschaftlich relevant erachtete Leistungen erbringen, die an universelle gesellschaftliche Zentralwerte gebunden sind (etwa Recht auf Information und Zugang zu Leistungen)1. Ist die Ausübung der Tätigkeit durch eine „doppelte Autonomie“ gekennzeichnet (d.h. sind Professionelle nicht direkt staatsabhängig oder weisungsgebunden und können Entscheidungen damit sachgebunden treffen, und haben die Klient:innen das Recht auf autonome Wahl der Professionist:innen)? Diese Begriffe können auf einer Ebene der „horizontalen“ Einbettung von Professionist:innen in gesellschaftliche Strukturen verortet werden (Schmidt 2008:840). Als professionsinterne Strukturdimension kann auch noch beschrieben werden, ob Professionen „korporativ organisiert“ (Schmidt 2008:841) sind und Ausübende damit in ihrer beruflichen Autonomie an gewisse berufsständische Normen gebunden sind (etwa Vorhandensein von Berufsverbänden und (verpflichtende oder freiwillige) interne Kontrolle durch diese, Kodifizierung der Tätigkeit durch berufsethische Standards, Berufs- und Standesethos („Eid“), berufsständische Solidarität). Als ein weiteres Merkmal auf einer Handlungs- und Habitusebene formuliert Schmidt (2008:842) eine „Wissensasymmetrie“ zwischen Professionellen und Klient:innen, die die Schaffung und Akzeptanz einer „temporären Vertrauensbeziehung“ erforderlich macht, in der Klient:innen sich darauf verlassen müssen, dass sachorientiert und zu ihrem Wohle gehandelt wird. „Verschleiert“ (Schmidt 2008:848) wird bei dieser Orientierung am Klient:innenwohl die Tatsache, dass Professionist:innen sehr wohl auch von Eigeninteressen (Verdienst, berufliches Fortkommen) motiviert sind. Marktverbundene „Gefahren“ (Schmidt 2008:848) auf einer Praxisebene sind des Weiteren eine mögliche Instrumentalisierung der Professionellen sowie Bürokratisierung und „Technologisierung“ in Form von routinisierten, „eingefahrenen“ und nicht mehr hinterfragten Handlungsmustern (Schmidt 2008:849). Fragen wie den oben genannten gehen Elvira Iannone, Alexandra Marics & Aleksandra Nuč und Nives Grenko Curjuric & Barbara Strebel nach.

Iannone umreißt den Status quo des Dolmetschens im Gemeinwesen in Deutschland und geht vor allem auf rechtliche Rahmenbedingungen und finanzielle, strukturelle und organisatorische Aspekte ein. Marics & Nuč beschreiben die österreichische Marktlage und den daraus ableitbaren Grad an Professionalisierung des Kommunaldolmetschens. Und Grenko Curjuric & Strebel skizzieren die Praxis des interkulturellen Dolmetschens in der Schweiz, die sie als vergleichsweise gut aufgestellt verorten, und umreißen dabei auch die Tätigkeit der etablierten und professionell agierenden regionalen Vermittlungsstellen sowie das Wirken von INTERPRET, der Interessensgemeinschaft für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln.

Im abschließenden Abschnitt Translationskultur verortet stellt zunächst Katia Iacono die Ergebnisse einer Analyse ausgewählter Praxisprojekte im DACH-Raum vor und beleuchtet organisatorische und strukturelle Unterschiede wie auch Ähnlichkeiten. Eine abschließende Zusammenschau der im Rahmen der Beiträge dargestellten Entwicklungslinien nimmt Mira Kadrić vor, die die Strukturen der sich in diesem Band abzeichnenden Translationskultur und besonders die gesellschaftliche Verantwortung von Dolmetscher:innen ins Zentrum rückt. Dabei legt sie dar, dass translatorisches Handeln idealiter die Kommunikationsbedürfnisse aller Beteiligten wahren sollte, aber auch zum „Empowerment schwächerer Gesprächsbeteiligter“ beitragen kann.

Literatur

Albrecht, Niels-Jens (1999). Institutseigener Dolmetscherdienst. In: Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen/Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis (Hrsg.) Gesundheit und Migration. Handlungsbedarf und Handlungsempfehlungen. Expertenworkshop Juli 1999. Bonn: Büro der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen, 49–51.

Albrecht, Niels-Jens (2002). Zur Interkulturellen Kompetenz in der Kommunikation mit Migranten: Praxis und Anspruch. In: Trojan, Alf/Döhner, Hanneli (Hrsg.) Gesellschaft, Gesundheit, Medizin. Erkundungen, Analysen und Ergebnisse. Frankfurt: Mabuse, 289–300.

Bahadır, Şebnem (2000). Von natürlichen Kommunikationskrücken zu professionellen Kommunikationsbrücken. TEXTconTEXT 14:2, 211–230.

Bischoff, Alexander/Tonnerre, Claude/Loutan, Louis/Stalder, Hans (1999). Language difficulties in an outpatient clinic in Switzerland. Sozial- und Präventivmedizin 44:6, 283–287.

Bührig, Kristin/Meyer, Bernd (1998). Fremde in der gedolmetschten Arzt-Patienten-Kommunikation. In: Apfelbaum, Birgit/Müller, Hermann (Hrsg.) Fremde im Gespräch. Gesprächsanalytische Untersuchungen zu Dolmetschinteraktionen, interkultureller Kommunikation und institutionalisierten Interaktionsformen. Frankfurt: IKO, 85–110.

Cáceres Würsig, Ingrid (2017). Interpreters in history: A reflection on the question of loyalty. In: Valero-Garcés, Carmen/Tipton, Rebecca (Hrsg.) Ideology, ethics and policy development in public service interpreting and translation. Bristol: Multilingual Matters, 1–20.

Colley, Helen/Guéry, Frédérique (2015). Understanding new hybrid professions: Bourdieu, illusio and the case of public service interpreters. Cambridge Journal of Education 45:1, 113–131.

Eytan, Ariel/Bischoff, Alexander/Loutan, Louis (1999). Use of interpreters in Switzerland’s psychiatric services. Journal of Nervous and Mental Disease 187:3, 190–192.

Flubacher, Peter (1994). Eine Übersetzerin in der Hausarztpraxis: Kommunikation mit fremdsprachigen Patienten. Soziale Medizin 21:6, 20–22.

Flubacher, Peter (2013). Schweizer Erfahrungen mit Dolmetschern im Gesundheitswesen. Anstrengungen, den Einsatz kompetenter Dolmetscher zu fördern. In: Kaelin, Lukas/Kletečka-Pulker, Maria/Körtner, Ulrich H.J. (Hrsg.) Wie viel Deutsch braucht man, um gesund zu sein? Migration, Übersetzung und Gesundheit. Wien: Verlag Österreich, 119–134.

García-Beyart, Sophie (2015). Key external players in the development of the interpreting profession. In: Mikkelson, Holly/Jourdenais, Renée (Hrsg.) The Routledge Handbook of Interpreting. London: Routledge, 45–61.

Gentile, Adolfo (1993). Community interpreting and languages of limited diffusion. In: Picken, Catriona (Hrsg.) Translation – the vital link. Proceedings of the 13th World Congress of FIT, 6–13 August 1993, Brighton. Volume 2. London: Institute of Translation and Interpreting, 253–262.

Grbić, Nadja (2010). ‘Boundary work’ as a concept for studying professionalization processes in the interpreting field. TIS Translation and Interpreting Studies 5:1, 109–123.

Grbić, Nadja (2015). Profession. In: Pöchhacker, Franz/Grbić, Nadja/Mead, Peter/Setton, Robin (Hrsg.) Routledge Encyclopedia of Interpreting Studies. London u.a.: Routledge, 321–326.

Grbić, Nadja/Kujamäki, Pekka (2019). Professional vs non-professional? How boundary work shapes research agendas in translation and interpreting studies. In: Dam, Helle/Brogger, Matilde Nisbeth/Korning Zethsen, Karen (Hrsg.) Moving boundaries in translation studies. London: Routledge, 113–131.

Grbić, Nadja/Pöllabauer, Sonja (22008). Forschung zum Community Interpreting im deutschsprachigen Raum. Entwicklung, Themen und Trends. In: Grbić, Nadja/Pöllabauer, Sonja (Hrsg.) Kommunaldolmetschen/Community Interpreting. Probleme – Perspektiven – Potenziale. Berlin: Frank & Timme, 3–28.

Grube, Michael (1993). Migranten in der Psychiatrie. Verbundmodell zwischen psychiatrischer Klinik und psychosozialer Beratungsstelle. Sozialmagazin 18:6, 38–39.

Haenel, Ferdinand (1997). Spezielle Aspekte und Probleme in der Psychotherapie mit Folteropfern unter Beteiligung von Dolmetschern. Systhema 11:2, 136–144.

Jacquemet, Marco (2011). Crosstalk 2.0: Asylum and Communicative Breakdowns. Text and Talk 31:4, 475–497.

Kadrić, Mira (2011). Dialog als Prinzip. Für eine emanzipatorische Praxis und Didaktik des Dolmetschens. Tübingen: Narr.

Kadrić, Mira (32009). Dolmetschen bei Gericht. Erwartungen, Anforderungen, Kompetenzen. Wien: WUV.

Kadrić, Mira (2012). Dolmetschung als Ausdruck staatlicher Fürsorgepflicht – neue Impulse durch die RL 2010/64/EU. Juridikum 1, 76–85.

Kadrić, Mira (2012). ‚Polizei. Macht. Menschen. Rechte.‘ Rekrutierung von Polizeidolmetschenden im Lichte empirischer Forschung. In: Ahrens, Barbara/Albl-Mikasa, Michaela/Sasse, Claudia (Hrsg.) Dolmetschqualität in Praxis, Lehre und Forschung. Festschrift für Sylvia Kalina. Tübingen: Narr, 93–110.

Kadrić, Mira (2014). Dolmetschen im Asylverfahren als Vermittlung zwischen Lebenswelten: Behördensicht und Dolmetschpraxis. In: Tiedemann, Paul/Gieseking, Janina (Hrsg.) Flüchtlingsrecht in Theorie und Praxis. Baden-Baden: Nomos, 57–73.

Kadrić, Mira (2019). Gerichts- und Behördendolmetschen: Prozessrechtliche und translatorische Perspektiven. Wien: Facultas.

Kälin, Walter (1986). Troubled Communication: Cross-Cultural Misunderstandings in the Asylum-Hearing. International Migration Review 20:2, 230–241.

Knapp-Potthoff, Annelie/Knapp, Karlfried (1986). Interweaving two discourses: The difficult task of the non-professional interpreter. In: House, Juliane/Blum-Kulka, Shoshana (Hrsg.) Interlingual and Intercultural Communication. Discourse and Cognition in Translation and Second Language Acquisition Studies. Tübingen: Narr, 151–168.

Knapp-Potthoff, Annelie/Knapp, Karlfried (1987). The man (or woman) in the middle: Discoursal aspects of non-professional interpreting. In: Knapp, Karlfried/Enninger, Werner/Knapp-Potthoff, Annelie (Hrsg.) Analyzing Intercultural Communication. Berlin: Mouton de Gruyter, 181–211.

Knapp, Karlfried (1986). Sprachmitteln – Zur Erforschung des Dolmetschens im Alltag. Duisburg (Series B Paper No. 152).

Knapp, Karlfried/Knapp-Potthoff, Annelie (1985). Sprachmittlertätigkeit in interkultureller Kommunikation. In: Rehbein, Jochen (Hrsg.) Interkulturelle Kommunikation. Tübingen: Narr, 450–463.

Knoll, Michael/Roeder, Friedhelm (1988). Der Dolmetscher als Übersetzer, Berater und Mittler in der psychiatrischen Praxis. In: Morten, Antonio (Hrsg.) Vom heimatlosen Seelenleben. Entwurzelung, Entfremdung und Identität. Bonn: Psychiatrie Verlag, 109–130.

Kutz, Wladimir (2010). Dolmetschkompetenz. Was muss der Dolmetscher wissen und können? München: Europäischer Universitätsverlag.

Leyer, Emanuela (1988). Die Grenzen unserer Sprache sind nicht die Grenzen unserer Welt. Erfahrungen aus einem Modellprojekt zur psychosomatischen Behandlung türkischer Familien. In: Morten, Antonio (Hrsg.) Vom heimatlosen Seelenleben. Entwurzelung, Entfremdung und Identität. Bonn: Psychiatrie Verlag, 98–108.

Mason, Ian (Hrsg.) (2001). Triadic exchanges. Studies in dialogue interpreting. Manchester: St. Jerome.

Meissner, Fran/Vertovec, Steven (2015). Comparing super-diversity. Ethnic and Racial Studies 38:4, 541–555.

Meyer, Bernd (2000). Medizinische Aufklärungsgespräche. Struktur und Zwecksetzung aus diskursanalytischer Sicht. Hamburg: Universität Hamburg, Sonderforschungsbereich 538 Mehrsprachigkeit.

Monnier, Michel Acatl (1995). The hidden opart of the asylum seekers’ interviews in Geneva, Switzerland: Some observations about the socio-political construction of interviews between gatekeepers and the powerless. Journal of Refugee Studies 8:3, 305–325.

Neff, Jacquy (2015). Professionalisation: A systematic didactic approach. In: Andres, Dörte/Behr, Martina (Hrsg.) To Know How to Suggest … Approaches to Teaching Conference Interpreting. Berlin: Frank & Timme, 219–241.

Pöchhacker, Franz (1997a). Kommunikation mit Nichtdeutschsprachigen in Wiener Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. Wien: MA 15, Dezernat für Gesundheitsplanung (Dokumentation 12/2).

Pöchhacker, Franz (1997b). “Is There Anybody Out There?” Community Interpreting in Austria. In: Carr, Silvana E./Roberts, Roda/Dufour, Aideen/Steyn, Dini (Hrsg.) The Critical Link: Interpreters in the Community. Papers from the 1st International Conference on Interpreting in Legal, Health, and Social Service Settings, Geneva Park, Canada, June 1–4, 1995. Amsterdam: John Benjamins, 215–225.

Pöchhacker, Franz (2000). Dolmetschen: Konzeptuelle Grundlagen und deskriptive Untersuchungen. Tübingen: Stauffenburg.

Pöchhacker, Franz (2004). Introducing Interpreting Studies. London: Routledge.

Pöchhacker, Franz (2006). “Going social?” On the pathways and paradigms in interpreting studies. In: Pym, Anthony/Shlesinger, Miriam/Jettmarová, Zuzana (Hrsg.) Sociocultural Aspects of Translating and Interpreting. Amsterdam: John Benjamins, 215–232.

Pöllabauer, Sonja (2000). „Nema problema, alles paletti …?” Community Interpreting aus der Sicht von NGOs. TEXTconTEXT 14:2, 181–210.

Pöllabauer, Sonja (2002). Community Interpreting als Arbeitsfeld – Vom Missionarsgeist und von moralischen Dilemmata. Best, Joanna/Kalina, Sylvia (Hrsg.) Übersetzen und Dolmetschen. Tübingen: Francke, 286–298.

Pöllabauer, Sonja (2005). “I don’t understand your English, Miss”. Dolmetschen bei Asylanhörungen. Tübingen: Narr.

Pöllabauer, Sonja/Prunč, Erich (Hrsg.) (2003). Brücken bauen statt Barrieren. Sprach- und Kulturmittlung im sozialen, medizinischen und therapeutischen Bereich. Graz: Institut für Translationswissenschaft.

Postgraduate Center (2019). Dolmetschen für Gerichte und Behörden. Abrufbar unter: https://www.postgraduatecenter.at/weiterbildungsprogramme/kommunikation-medien/dolmetschen-fuer-gerichte-und-behoerden/ (Stand: 24/01/2021)

Prunč, Erich (1997). Translationskultur. TEXTconTEXT11 = NF 1, 99–127.

Prunč, Erich (2000). Vom Translationsbiedermeier zur Cyber-translation. TEXTconTEXT 14:1, 3–74.

Prunč, Erich (2008). Zur Konstruktion von Translationskulturen. In: Schippel, Larisa (Hrsg.) Translationskultur – ein innovatives und produktives Konzept. Berlin: Frank & Timme, 19–41.

Prunč, Erich (2012b). Rights, realities and responsibilities in community interpreting. In: Viezzi, Maurizio (Hrsg.) Public Service Interpreting. [Special Issue The Interpreters Newsletter 2012, No. 17]. Trieste: Edizioni Università di Trieste, 1–12.

Prunč, Erich (2017). Auf der Suche nach Aschenbrödels Schuh. Ethische Perspektiven des Kommunaldolmetschens. In: Zupan, Simon/Nuč, Aleksandra (Hrsg.) Interpreting studies at the Crossroads of Disciplines. Berlin: Frank & Timme, 21–42.

Prunč, Erich (32012a). Entwicklungslinien der Translationswissenschaft. Von den Asymmetrien der Sprachen zu den Asymmetrien der Macht. Berlin: Frank & Timme.

Rehbein, Jochen (1985). Ein ungleiches Paar – Verfahren des Sprachmittelns in der medizinischen Beratung. In: Rehbein, Jochen (Hrsg.) Interkulturelle Kommunikation. Tübingen: Narr, 420–448.

Roberts, Roda P. (1997). Community Interpreting Today and Tomorrow. In: Carr, Silvana E./Roberts, Roda/Dufour, Aideen/Steyn, Dini (Hrsg.) The Critical Link: Interpreters in the Community. Papers from the 1st International Conference on Interpreting in Legal, Health, and Social Service Settings, Geneva Park, Canada, June 1–4, 1995. Amsterdam: John Benjamins, 7–26.

Salman, Ramazan/Tuna, Soner (1997). Gesundheit im Spannungsfeld der Kulturen: Das Ethno-Medizinische Zentrum Hannover als Mittler zwischen den Kulturen. Curare 20:1, 61–64.

Sandrini, Peter (2019). Translationspolitik für Regional- oder Minderheitensprachen. Unter besonderer Berücksichtigung einer Strategie der Offenheit. Berlin: Frank & Timme.

Schmidt, Axel (2008). Profession, Professionalität, Professionalisierung. In: Willems, Herbert (Hrsg.) Lehr(er)buch Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 835–864.

Steiner, Elisabeth (1997). Die Rolle des Dolmetschers in der Psychotherapie. pro mente sana aktuell 2, 21–25.

Tipton, Rebecca (2016). Perceptions of the ‘occupational other’: Interpreters, social workers and intercultures. British Journal of Social Work 46:2, 463–347.

Tseng, Joseph (1992). Interpreting as an Emerging Profession in Taiwan – A Sociological Model. Master’s Thesis. Fu Jen Catholic University.

Vertovec, Steven (2007). Super-diversity and its implications. Ethnic and Racial Studies 30:7, 1024–1054.

Wadensjö, Cecilia (1998). Interpreting as interaction. London: Longman.

Weiss, Regula/Stuker, Rahel (1998). Übersetzung und kulturelle Meditation im Gesundheitssystem. Grundlagenbericht. Bern: Schweizerisches Forum für Migrationsstudien.

Westermeyer, Joseph (1990). Working with an interpreter in psychiatric assessment and treatment. The Journal of Nervous and Mental Disease 178:12, 745–749.

Woodsworth, Judith/Delisle, Jean (Hrsg.) (22012). Translators through history. Amsterdam: John Benjamins.

ZwischenSprachen (2018). Qualitätsstandards zur Qualifizierung von Sprachmittlern in der sozialen Arbeit. Abrufbar unter: http://sprachmittler-qualifizierung.de/de/startseite/ (Stand: 29/03/2019)

Translationspolitik und barrierefreie Kommunikation
Von Kommunikationsprothesen zu Wegbereitern der Mehrsprachigkeit

Peter Sandrini

Abstract: Digitalisierung, Automatisierung und Berufswelt bringen für die Sprachmittlung große Veränderungen, die nicht durch Verhinderungs- und Umgehungsstrategien bewältigt werden können, sondern grundlegender Reflexion bedürfen, damit sie als Chance begriffen werden können. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Zukunftsaussichten und den daraus sich ergebenden Konsequenzen für die Translation im Allgemeinen sowie der unerlässlichen Anpassung und Umgestaltung von Beruf und Ausbildung im Besonderen.

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. (Chinesisches Sprichwort)

1 Umbruch der Arbeitswelt

Im Zusammenhang mit Veränderung wird oft der Gemeinplatz der Globalisierung genannt, die durch wirtschaftliche, soziale und vor allem technologische Entwicklungen zu einem „Global Village“ geführt habe. Intensiver Kontakt und Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen und Sprachen mit einhergehender Hybridisierung, Homogenisierung und Monopolisierung führe zu einer Verdichtung von Raum und Zeit, von Globalisierungstheoretikern auch „compression of the world“ genannt (Robertson 1995:40). Im zweiten und dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kann teilweise eine gegenläufige Entwicklung bzw. eine Art Deglobalisierung beobachtet werden, die ausgelöst durch nationalistische und protektionistische Tendenzen ein Einbremsen und Verringern der globalen Verflechtung und Integration nach sich zieht.

Von GlobalisierungGlobalisierung und DeglobalisierungDeglobalisierung gleichermaßen betroffen ist vornehmlich die Translation, deren Hauptgegenstand Sprach- und Kulturmittlung zur Unterstützung von Kommunikation darstellt (vgl. Prunč 2012), und die dabei auch insbesondere den Veränderungen durch technologische Entwicklungen ausgesetzt ist. Datenflut, zeit- und ortsunabhängige Erreichbarkeit, weitgehende Automatisierung sind Folgen einer zunehmenden Digitalisierung von Umwelt und Arbeitswelt, denen das Individuum oft machtlos gegenübersteht.

Denn in der Praxis fühlen sich viele Menschen, unabhängig von ihrer Führungsstufe, ihrem Alter oder Geschlecht, übergeordneten Paradigmenveränderungen ausgesetzt, die sie als Einzelne nicht initiiert und, hätte man sie gefragt, vielleicht auch nicht gewollt hätten (Wörwag & Cloots 2018:6).

Ein unbestimmtes Unwohlsein und häufig auch die Furcht vor einem Verlust des Arbeitsplatzes kennzeichnen die Reaktion auf den Wandel, und dies trotz der Tatsache, dass empirische Studien das Gegenteil belegen: So spricht beispielsweise die Weltbank in einer Studie zur Veränderung der Arbeitswelt von einer weltweiten Zunahme der Arbeitsplätze: „Total labor force has been increasing across the globe“ (Weltbank 2019:7). Belegt wird dies anhand empirischer Statistiken, wonach sich die Arbeitsplätze weltweit im Zeitraum 1993 bis 2017 trotz DigitalisierungDigitalisierungArbeitsplatz beinahe verdoppelt haben.

Untersuchungen zur Lage im Bereich der Sprachmittlung bestätigen diesen Trend: Eine etwas ältere Studie der Generaldirektion Übersetzen der Europäischen Kommission sah für diese Branche bereits 2009 ein Mindestwachstum von 10 % pro Jahr voraus: „Annual compounded growth rate was estimated at 10 % minimum over the next few years“ (EU 2009:iv), wodurch die Sprachmittlung eine der höchsten Wachstumsraten aufweisen konnte: „Research shows that the language industry has the highest growth rate of all European industries in Europe“ (EU 2009:iv). Rückblickend konnte den statistischen Erhebungen zufolge ein stetiger Anstieg der in diesem Bereich arbeitenden Personen in den Jahren 2003–2008 verzeichnet werden. Dieser positive Trend wird durch neuere Untersuchungen bestätigt: Gemäß der jährlichen Studie des Marktforschungsunternehmens Common Sense Advisory (CSA 2018) zu SprachdienstleistungenTranslationals Sprachdienstleistung („market for outsourced language services and technology“) wuchs dieser Bereich in den letzten Jahren kontinuierlich auf 46,52 Mrd. Dollar weltweit im Jahr 2018, für das Jahr 2021 wird gar ein globales Volumen von 56,18 Mrd. Dollar vorausgesehen (CSA 2018). Für den regionalen Markt der USA sieht das United States Bureau of Labor Statistics sogar einen Anstieg der Nachfrage nach Dolmetscher:innen und Übersetzer:innen von 29 % bis zum Jahr 2024 voraus (Toolbox 2019).

Angesichts dieser Zahlen steht fest, dass Sprachmittlung ein Beruf mit guten Zukunftsaussichten bleibt. Es gibt zwar eine erhöhte Nachfrage und mehr Arbeit, doch unterliegt diese großen Veränderungen. Die Wirtschaftsdaten belegen etwa eine erhöhte Konzentration des Marktes: Der Anteil kleiner Sprachmittlungsunternehmen mit einem Umsatz unter 250000 € fiel von 34 % im Jahr 2018 auf 25 % im Jahr 2019 (ELIA 2019:5), wobei 2019 nur mehr 56 % aller Sprachdienstleister:innen gegenüber noch 60 % im Jahr 2018 weniger als 10 Angestellte aufwiesen. Hierbei treten aber starke geografische Unterschiede auf, so dass der Anteil kleiner Unternehmen in Westeuropa nur 13 % beträgt, während in Nord-, Süd- und Osteuropa diese Zahl bis zu 40 % ausmacht. Zugleich stieg der Anteil großer Unternehmen mit einem Umsatz über 1 Mio. € von 30 % auf 43 % an (ELIA 2019:5).

Andere Kennzahlen der Sprachmittlungsbranche bleiben hingegen unverändert: Zu beobachten ist nach wie vor ein starker Gender-Gap: Bei einem insgesamt sehr hohen Frauenanteil ist dieser in Übersetzungsabteilungen, Ausbildungsinstitutionen und Einzelunternehmen übermäßig hoch, in größeren Unternehmen mit mehreren Angestellten aber einigermaßen ausgeglichen. Bestätigt wird dies durch die statistische Einkommensverteilung: Je höher das individuelle Einkommen, desto geringer der Frauenanteil (ELIA 2019:4). Aus derselben Studie geht hervor, dass Unternehmen einen erheblichen Ausbau der Bereiche Maschinelles Übersetzen, Projektablaufautomatisierung und Telearbeit planen (ELIA 2019:10) und dafür auch entsprechende Investitionen vorsehen (ELIA 2019:21). Insgesamt bleibt eine positive Erwartungshaltung: „Investment sentiment remains convincingly positive throughout Europe and other indicators such as hiring expectations also point to strong confidence in the industry“ (ELIA 2019:39).

Wirtschaftszahlen und individuelle Befindlichkeit divergieren jedoch häufig: Trotz allgemein guter Aussichten können Wandel und notwendige Anpassung beim Einzelnen zu Entfremdung und Furcht führen und den Beruf obsolet erscheinen lassen. Nach Karl Marx (1844/2017) hat Entfremdung vier Ursachen: EntfremdungDigitalisierungEntfremdung vom Produkt, Entfremdung von der eigenen Tätigkeit, Entfremdung von anderen Menschen, Entfremdung vom menschlichen Gattungswesen; alles Themen, die durch die digitale Veränderung neue Aktualität erlangen.

2 WandelTechnologieWandel durch Technologie

Im Globalen Innovationsindex finden sich die deutschsprachigen Länder der DACH-Region auf den ersten Rängen wieder: Schweiz Rang 1, Deutschland Rang 7, Österreich Rang 13 (Global Innovation Index Report 2019:35) und im Allgemeinen wird Technologie überaus positiv wahrgenommen (vgl. Weltbank 2019:2). Trotzdem herrscht angesichts der zunehmenden Digitalisierung häufig Verunsicherung, insbesondere unter älteren Kollegen, was zu dem falschen Schluss führen könnte, Digitalisierung sei ein Generationenproblem. Die Fähigkeit, neue Technologien zu erlernen, sie kritisch zu hinterfragen und allenfalls erfolgreich einzusetzen, ist keine Frage des Alters. Sie darf nicht älteren Sprachdienstleistern, den sogenannten ‚digital migrants‘ pauschal abgesprochen werden und gleichzeitig den jüngeren Generationen, den mit digitalen Medien aufgewachsenen ‚digital natives‘, pauschal zugesprochen werden. Vielmehr liegt die Voraussetzung dafür in der Bereitschaft, sich Neuem zu öffnen und die entsprechenden Kenntnisse jeweils zu erarbeiten.

Geeigneter erscheint daher das DiffusionsmodellDigitalisierungDiffusionsmodell (Rogers 2003:247), das nach dem Zeitpunkt der Anwendung zwischen Innovator:innen, frühen Anwender:innen (‚early adopters‘), der Mehrheit (‚early and late majority‘) und Nachzügler:innen (‚laggards‘‚ ‚late adopters‘) unterscheidet. Innovator:innen bilden zunächst die kleinste Gruppe der Anwender:innen: Sie suchen Neues und sind bereit es auszuprobieren. Die frühen Anwender:innen entscheiden sich für einen Einsatz, sobald die Technologie Vorteile bringt, während die Mehrheit erst bei einem entsprechenden Erfolg der ‚early adoptors‘ zur Anwendung schreitet. Zeitpunkt und Ausmaß der Anwendung unterliegen verschiedenen subjektiven Kriterien: Die wahrgenommene Verbesserung gegenüber dem Bisherigen, die Vereinbarkeit mit den eigenen Erfahrungen und Anforderungen, die Komplexität der anzuwendenden Technologien, die Erprobbarkeit sowie die mediale Präsenz der Technologie (Rogers 2003:248).

Abb. 1:

Diffusionsmodell nach Rogers 2003:247

Vertikal gesehen sind die weltweit agierenden großen Sprachdienstleistungsunternehmen zu den Innovatoren bzw. zu den frühen Anwender:innen zu zählen. Oft sind sie auch zugleich die erfolgreichsten Softwareanbieter im Bereich der Translationstechnologie (zum Beispiel Lionbridge, SDL, Star-Group, u.a.). Mittelgroße und mittlere Anbieter:innen können der großen Mehrheit der Pragmatiker und Konservativen zugerechnet werden, während Nachzügler:innen und Skeptiker:innen eher unter den Einzelübersetzer:innen zu finden sind.

DigitalisierungDigitalisierungArbeitsplatz und Unterstützung durch den Computer haben sich historisch gesehen zuerst für das Übersetzen etabliert: Professionelles Übersetzen, Web- und Softwarelokalisieurng, Untertitelung sowie viele andere Bereiche des Übersetzens sind heute ohne digitale Werkzeuge nicht mehr denkbar (Biau-Gil & Pym 2006, Bowker & Corpas Pastor 2015, Cronin 2013, Sandrini 2017). Erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung haben sich auch für das Dolmetschen entsprechende Werkzeuge durchgesetzt, die den Menschen während und insbesondere vor der eigentlichen Dolmetschleistung unterstützen. Das computergestützte Dolmetschen (Computer Aided Interpreting CAI) (vgl. Ziegler 2019:310) wird von Fantinuoli (2018:5) in prozessorientierte TechnologieTechnologieprozessorientierte Technologie („designed to assist human interpreters in their work“), die direkten Einfluss auf das Dolmetschen hat, sowie in die sogenannte ‚settings-oriented technologyTechnologiesettingorientierte Technologie‘ unterteilt, die indirekt die Arbeit von Dolmetscher:innen beeinflusst („designed to change the way they deliver their service“), wie beispielsweise Telefon- oder Videodolmetschen.

Letztere hatte durch den Einsatz einfacher Technologie wie Mikrophon, Kopfhörer und Tonübertragung bereits sehr früh das professionelle Konferenzdolmetschen ermöglicht. Das ortsunabhängige Remote Interpreting (RI), durch Informations- und Kommunikationstechnologie ermöglichte Dolmetschleistungen, definiert als „interpreter mediated communication delivered by means of information and communication technology“ (Fantinuoli 2018:4), begann mit Hilfe des TelefonsTelefondolmetschen als ‚Over-the-Phone Interpreting (OPI)‘. In einer Studie zum US-amerikanischen Markt verwendeten 68 % der befragten Dolmetschunternehmen solche Systeme (CSA 2018). Eine etwas geringere Verbreitung verzeichnete in derselben Studie das Video Remote Interpreting (VRI), das 58 % der Befragten benutzten. Technologischer Fortschritt in der Video- und Tonübertragung über das Web nach der Jahrtausendwende führte dazu, dass eine neue Qualität des RI erreicht werden konnte, das Remote Simultaneous InterpretingRemote Simultaneous Interpreting (RSI). Darunter versteht man eine virtuelle Dolmetschkabine mit geographisch unabhängigen Dolmetscher:innen, die Gespräche und Konferenzen in Echtzeit dolmetschen können. Ermöglicht werden dadurch virtuelle Konferenzen, bei denen sich neben Dolmetscher:innen Vortragende und Teilnehmer:innen räumlich unabhängig voneinander zu Konferenzen und Diskussionen zusammenfinden können. In der bereits zitierten US-Umfrage verwendeten 2018 lediglich 23 % diese Form der Unterstützung. Bis vor kurzem wurde noch darüber gestritten, ob diese Form des RI überhaupt zugelassen werden darf. Heute hingegen diskutieren Berufsverbände (zum Beispiel AIIC 2019) darüber, welche Standards dabei eingefordert bzw. wieweit bestehende Standards angepasst werden müssen (vgl. Fantinuoli 2018:5).

Auch in diesem Bereich sind die Innovator:innen bzw. die frühen Anwender:innen unter den großen Technologiekonzernen aus Kalifornien zu finden. So wurden RSI-Plattformen an Entwicklerkonferenzen dieser Unternehmen zum ersten Mal mediengerecht zur Anwendung gebracht: 2018 vom Dienstleistungsanbieter Interprefy.com, 2019 durch das Unternehmen KUDO an der Facebook Entwicklerkonferenz F8.

3 Automatisierung

Nach diesem ersten Schritt der Unterstützung des Menschen durch Technologie scheint nun die nächste Stufe der Entwicklung vor der Tür zu stehen: Die Maschine nicht mehr als Hilfsmittel, sondern als vollständiger Ersatz des Menschen in zentralen Aufgabenfeldern. Das als technologische Singularität bezeichnete Phänomen markiert den Zeitpunkt, an dem die Maschine die Intelligenz des Menschen erreicht und in der Folge übertrifft (vgl. Kurzweil 2001; TAUS 2016).

Erste Versuche, den Menschen in der Sprachmittlung zu ersetzen, gehen zurück auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges und der darauffolgenden Ära des Kalten Krieges, einer Zeit des Misstrauens zwischen den großen Mächten, das man u.a. auch durch maschinelle ÜbersetzungssystemeDigitalisierungMaschinelles Übersetzen zu überbrücken versuchte. Die ersten Systeme, die auf einfachen lexikalischen und syntaktischen Regeln beruhten, erfüllten aber nicht die hohen Erwartungen. Auch die stetige Weiterentwicklung brachte nicht den erhofften Durchbruch, bis Anfang der 1990er-Jahre IBM einen grundlegenden Wandel von linguistischen Regeln hin zu datenbasierten statistischen Grundlagen wagte und damit den Weg für eine breitenwirksame webbasierte Maschinenübersetzung bereitete (1997 Altavista, 2006 Google Translate).

Für Lai:innen und für berufliche Übersetzer:innen unterscheidet sich die Zeitkurve der Anwendung maschineller Übersetzungssysteme erheblich: Lai:innen haben sich rasch an die Leichtigkeit von Google Translate und Microsoft Translator gewöhnt, da diese kostenlosen Online-Systeme sehr schnell mühelos große Mengen an Text übersetzen können, auch wenn die Qualität nur zum groben Verständnis reichte. Frühe Anwender:innen dieser Form von MÜ lassen sich etwa gegen Ende des zweiten Jahrtausends ansiedeln, eine allgemeine und breite Durchsetzung fand ungefähr zehn Jahre später statt. So wurde für das Jahr 2010 angenommen, dass ab diesem Zeitpunkt ein größeres Volumen an Text durch die Maschine übersetzt wurde als durch menschliche Übersetzer (TAUS 2016:18).

Zunächst aber waren im Bereich des professionellen Übersetzens die Vorbehalte gegenüber der Qualität der ersten regelbasierten maschinellen ÜbersetzungssystemeDigitalisierungMaschinelles Übersetzen sehr groß, was zu einer allgemeinen Ablehnung und Abgrenzung führte. Erst nach der breiten Einführung und Durchsetzung der statistischen maschinellen Übersetzungssysteme – Google Translate stellte sein Online-System 2007 um – und der Verfügbarkeit entsprechender Software, die sich auf der Basis eines umfangreichen Korpus an Textmaterial relativ einfach zu maßgeschneiderten maschinellen Übersetzungssystemen trainieren ließen (zum Beispiel Moses), sowie einer Steigerung der Qualität wurden diese für bestimmte Zwecke auch von Übersetzungsunternehmen eingesetzt. Rund 30 % der Unternehmen sehen 2019 in einer Umfrage zu den Erwartungen und Sorgen der europäischen Sprachdienstleister:innen Maschinenübersetzung als positiv, 2018 waren es noch 15 %, während 20 % gegenüber 22 % 2018 sie als negativ einschätzen (ELIA 2019:37). Wesentlich negativer werden in dieser Studie die Auswirkungen der Maschinenübersetzung von Einzelübersetzer:innen eingeschätzt, 28 % beurteilen diese negativ und nur 8 % positiv.

Eine deutliche Steigerung der Anwendungskurve kann im professionellen Umfeld nach der Optimierung der maschinellen Übersetzung durch das Einbinden Künstlicher IntelligenzDigitalisierungKünstliche Intelligenz in neuronalen maschinellen Übersetzungssystemen (zum Beispiel 2016 DeepL) beobachtet werden. Die dadurch erreichte Qualitätssteigerung ermöglichte den erfolgreichen Einsatz neuronaler Systeme in immer zahlreicheren Kontexten und brachte mit sich, dass sich kaum jemand mehr diesen Werkzeugen entziehen kann. Beigetragen hat dazu vor allem eine verringerte Erwartungshaltung gegenüber dem Output maschineller Übersetzung im Allgemeinen. Im berühmten ALPAC (American Language Processing Advisory Comitee) Bericht des Jahres 1966, der ein ernüchterndes Fazit zu den ersten maschinellen Übersetzungssystemen gezogen hatte, war noch die Rede vom erstrebenswerten Ziel der vollautomatischen hochqualitativen Übersetzung („fully automated high quality translation“, FAHQT), während dies in den letzten Jahren relativiert wurde und TAUS (2016) heute von der vollautomatischen verwendbaren Übersetzung („fully automated usable translation“, FAUT) spricht.

Neuronale MaschinenübersetzungDigitalisierungNeuronale Maschinenübersetzung bindet Künstliche Intelligenz durch das maschinelle Lernen aus zweisprachigen Textkorpora ein, was zu einer deutlichen Verbesserung der Lesbarkeit des Zieltextes führte. Je höher die Qualität der vorliegenden Übersetzungen, je konsistenter Terminologie und Übersetzungen, desto besser wird auch das Produkt solcher Systeme sein.

MT language is all retrospective, based on past language production, whereas human language use is creative and adaptable dependent on entirely different rules to those used in the algorithms that re-create past language. (Griffin-Mason 2018:76)

Die Übersetzung ist jedoch fehleranfällig, wenn ein Ausgangstext nicht durch entsprechende Beispiele im Trainingskorpus abgedeckt wird oder gegensätzliche Übersetzungen bzw. Fehler im Dateninput vorkommen.

Der Einsatz der Maschine beim Dolmetschen erweist sich als komplexer Vorgang, da in Echtzeit zuerst gesprochene Sprache anhand von Spracherkennungsalgorithmen in Text umgewandelt, dieser dann von der Maschine übersetzt und schließlich durch automatische Sprachsynthese wieder in gesprochene Sprache umgewandelt werden muss. Trotz einiger einfacher Anwendungsbeispiele konnte für den professionellen Dolmetscheinsatz bisher noch keine zufriedenstellende Anwendung entwickelt werden.

Bisher gibt es noch keine Technik, die menschliche Dolmetscher ersetzen kann, von Apps, mit denen sich Touristen und Geschäftsleute kurze Sätze übersetzen lassen können, einmal abgesehen. (Gätjens et al. 2019:363)

Neuere Forschungsanstrengungen versuchen mit Hilfe Künstlicher IntelligenzDigitalisierungKünstliche Intelligenz und neuronaler Übersetzungssysteme das maschinelle Übersetzen gesprochener Sprache („speech to speech translation“, S2ST) zu verbesseren und damit die Automatisierung des Dolmetschens voranzutreiben. Innovatoren sind dabei auch hier die großen Technologiekonzerne (Google Translate Conversation Mode, Microsoft Skype Translator, Tencent Mr. Translator-Interpreter). Als kleinere Unternehmen versuchen TranslateLive mit seinem Instant Language Assistant ILA und Wordly for Conferences, automatisierte Dolmetschdienstleistungen auf den Markt zu bringen. TranslateLive erstellt beispielsweise sogenannte ‚online rooms‘, die mit Hilfe einer spezifischen App auf dem Smartphone orts- und sprachunabhängig zur Teilnahme und Diskussion betreten werden können.

Von der technischen Funktionsweise her gesehen, nennt man diese Art der S2ST den Cascading-Ansatz, da mehrere Prozesse nacheinander ablaufen: Von der Spracherkennung über die maschinelle Übersetzung zur SprachsyntheseDigitalisierungSprachsynthese. Ein anderer Forschungsansatz besteht darin, diesen Ablauf durch den Verzicht auf die beiden Schritte der Spracherkennung und -synthese zu vereinfachen, und wiederum mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (Google AI) ein direktes Dolmetschen („end-to-end speech-to-speech translation model“) von Sprache zu Sprache zu ermöglichen. Dazu werden die aufgenommenen Sprachdaten in Form von Schallwellen („Waveform“) ohne verschriftlichten Text direkt übersetzt, d.h. in Schallwellen einer anderen Sprache transformiert, wobei zusätzlich eine gewisse Ähnlichkeit zur Ausgangsrede (Modulation, Stimmlage, Emotion) gewährleistet werden soll. Die Forschung in diesem Bereich steckt noch in den Kinderschuhen, zeigt aber bereits das darin verborgene Potential, rednerspezifische Zusatzinformationen wie emotionalen Kontext mit einzubeziehen.

Anhand dieser Entwicklungen lässt sich zumindest eine Annäherung an die technologische Singularität auch für das Dolmetschen beobachten. Insgesamt könnte der Zusammenhang zwischen Mensch und Maschine im DolmetschenDigitalisierungMaschinelles Dolmetschen sowie die entsprechende Entwicklung folgendermaßen tabellarisch skizziert werden.


Mensch Mensch + Maschine Maschine
Dolmetscher ortsgebunden Dolmetscher über Internet Maschine über Internet
Maschine zur Recherche Maschine zur Datenübertragung Maschine zum Dolmetschen
Simultan-, Konsekutiv- dolmetschen RSI Remote Simultaneous Interpreting S2ST Speech-to-Speech Translation

Tab. 1:

Zusammenhang Mensch-Maschine im Dolmetschen

Dies ist aber nicht zwingend als lineare Weiterentwicklung zu sehen, sondern präsentiert sich zur Zeit eher als ein Nebeneinander der verschiedenen Bereiche, die in jeweils anderen Kontexten und in jeweils unterschiedlicher Frequenz in der Praxis oder experimentell mit all den damit verbundenen Vor- und Nachteilen eingesetzt werden. Dabei gilt es aber, die Auswirkungen und Folgen dieser Entwicklungen auf die mehrsprachige Kommunikation im Allgemeinen und letztlich auf Berufsprofile und Berufschancen im Besonderen zu beachten.

4 Folgewirkungen

Offensichtlich besteht ein Bedarf nach einer effizienten technologischen Lösung für das Problem der Mehrsprachigkeit, das den kostenintensiven Faktor Mensch reduziert bzw. ausklammert. Doch solange automatisierte Lösungen keine deutliche Verbesserung gegenüber dem Einsatz ausgebildeter Sprachmittler:innen aufweisen können, solange der Einsatz dieser Entwicklungen nicht nahtlos und einfach mit den Erwartungen und Anforderungen der Kommunikationsteilnehmer:innen in Einklang gebracht werden kann, bleibt menschliche Sprachmittlung unabdingbar. Die Gefahr, dass die Arbeit ausgeht, besteht zwar kurzfristig nicht, wie das die oben zitierten Statistiken und Umfragen zeigen, bleibt aber längerfristig in Hinsicht auf das Eintreten der technologischen Singularität mit all ihren sozialen Folgen bestehen.

Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein? (Hannah Arendt 1960: Vita activa oder Vom tätigen Leben)

Bis dahin wird sich die Arbeitswelt kontinuierlich weiterentwickeln und dabei die menschliche Arbeit von einfacheren Tätigkeiten befreien und auf höherwertige kognitive Leistungen fokussieren, die sich einer Automatisierung weitgehend entziehen. Der Schwerpunkt im Bereich der Sprachmittlung verschiebt sich dadurch von automatisierbaren Aufgaben hin zu Aufgaben der Planung, Organisation und Evaluierung, wodurch der Lern- und Vorbereitungsaufwand, aber auch die Verantwortung deutlich steigen. Es kommt zu verstärktem Wettbewerbs- und Preisdruck, der in Verbindung mit den Schwierigkeiten des RI für zusätzlichen Stress im Beruf sorgt. RI bedeutet darüber hinaus eine Isolierung vom Ort des Geschehens: Anstatt am Kongress aktiv vor Ort beteiligt zu sein, sitzt die DolmetscherinDigitalisierungArbeitsplatz zuhause vor dem Bildschirm in einer virtuellen Kabine. Reisen und Auslandsaufenthalte, zufällige Gespräche, Interaktion mit Konferenzteilnehmer:innen sowie Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten außerhalb der zu dolmetschenden Reden fallen weg und viele Dolmetscher:innen, die sich unter anderem auch aus solchen sozialen Gründen für den Beruf entschieden haben, würden dies bei ausschließlichem RI nicht mehr tun. Neben dieser Art der EntfremdungDigitalisierungEntfremdung (vgl. Marx 1844/2017) von anderen Menschen bzw. vom menschlichen Gattungswesen durch das RI fügt die maschinelle Übersetzung beim S2ST die Entfremdung vom Produkt hinzu, das der Algorithmus ohne Zugabe des Menschen fertigt, bzw. ohne kreativen Umgang des Menschen mit Sprache aus Versatzstücken bestehender Übersetzungen zusammenstellt. Diese vom Menschen produzierten Übersetzungen werden lediglich im Trainingsstadium des maschinellen Übersetzungssystems und daher unabhängig vom Zeitpunkt des automatischen Dolmetschens eingebunden. Noch dazu ist den Benutzer:innen eines solchen Systems nicht bekannt, von wem, wann und unter welchen Bedingungen die zugrundeliegenden Übersetzungen zustande gekommen sind. Zur Entfremdung vom Werkzeug, das andere herstellen, kommt damit auch die Entfremdung von der eigenen Tätigkeit, die durch die Maschine aus der Arbeit unbekannter anderer entsteht. Grundsätzlich führt das maschinelle ÜbersetzenDigitalisierungMaschinelles Übersetzen zu einem ungelösten Konflikt zwischen Mensch und Maschine, da kein System ohne Daten, d.h. ohne menschliche Übersetzungen, funktionieren kann. Damit ist die Maschine gerade von dem abhängig, was sie vorgibt zu ersetzen.

Translation als Remix aus Input-Daten (vgl. Sandrini 2013) ist eigentlich nichts Neues, hatte doch schon Nida (1959) angesichts komplexer Äquivalenzbeziehungen Informationsverlust, Informationsgewinn und Informationsänderung als Konstanten des Übersetzens beschrieben (Prunč 2012:104). Ein maschinelles Übersetzungssystem kann Informationen ausschließlich aus bestehenden Übersetzungen lernen und keine anderen Informationsquellen wie Kontext und SkoposSkopos einbeziehen, wodurch Informationsverlust und Informationsänderung, gewollt oder ungewollt, immer wieder vorkommen. Was die Maschine aber grundsätzlich nicht kann, ist eine an den Kommunikationszweck angepasste Informationsanreicherung. Darin liegt die Stärke des Menschen, die durch eine entsprechende Ausbildung gewährleistet werden muss.

5 Erweiterung der Anforderungsprofile

Die besten Zukunftsaussichten werden allgemein zwei Arten von Tätigkeiten zugesprochen: Zunehmender Technologieeinsatz erfordert erstens hochspezialisierte Arbeitskräfte, die mit Daten umgehen können und entsprechende Qualifikationen besitzen: „Data analysts, which companies expect will help them make sense and derive insights from the torrent of data generated by technological disruptions“ (World Economic Forum 2016 zitiert in Wörwag & Cloots 2018:46). Dies gilt auch für die TranslationTranslationals Sprachdienstleistung: Alle Arten von Daten, die im Zusammenhang mit Übersetzungen und Mehrsprachigkeit anfallen, von Translation-Memories über Terminologie und Textkorpora bis hin zu Segmentierungsregeln und Auftragsspezifikationen (Melby et al. 2013), müssen für eine optimale Nutzbarkeit in verschiedenen Formaten aufbereitet, gespeichert und verwaltet werden. Eine weitere zukunftsträchtige Tätigkeit liegt darin, komplexe Dienstleistungen und technologische Angebote verständlich zu machen und eine beratende Vermittlerrolle zwischen automatisierter Produktion und Kund:innen einzunehmen:

To become skilled in commercializing and explaining their offerings to business or government clients and consumers, either due to the innovative technical nature of the products themselves or due to new client targets with which the company is not yet familiar, or both. (World Economic Forum 2016 zitiert in Wörwag & Cloots 2018:46)

Gemeinsam ist beiden Tätigkeiten, dass es sich um kreativ-gestaltende Arbeit handelt, die sich von der reinen Produktion emanzipiert hat. Genau in diese Richtung sind die neuen KompetenzenKompetenzen moderner Sprachdienstleister:innen zu definieren: Den Kommunikationsprozess zu planen und zu gestalten, den Zieltext mit kontextspezifischen Informationen anzureichern, damit die zentrale Aufgabe, effiziente Kommunikation zu gewährleisten, erfolgreich übernommen werden kann.

Furthermore, the space for the human translator will always stand where the question asked is not: ‚Is this a good translation?‘ but rather ‚Is this effective communication?‘, something that no machine will be able to answer for the foreseeable future. (Griffin-Mason 2018:79)

Effektive mehrsprachige Kommunikation wurde in den einzelnen Kommunikationsbereichen u.a. durch eine zunehmende Auffächerung und DiversifizierungDiversifizierung der zentralen Aufgabenbereiche angestrebt. Bei größeren Übersetzungsaufträgen ist eine vertikale Diversifizierung bereits Standard: Projektmanager:innen, Übersetzer:innen, Korrektoren:innen, fachliche Prüfer:innen, Terminolog:innen übernehmen jeweils spezifische Aufgaben des Projektes. Daneben erfordert die Art der BerufsausübungTranslation jeweils eigene Voraussetzungen und Kompetenzen: Freischaffende, in ein Unternehmen integrierte Sprachdienstleister:innen, Sprachdienstleister:innen als Teil eines Teams oder eines Sprachendienstes, innerhalb einer öffentlichen Institution oder Organisation angesiedelte Sprachdienstleister:innen benötigen jeweils spezifische KompetenzenKompetenzenunternehmerische Kompetenz.

Auf horizontaler Ebene lässt sich ebenfalls eine Aufsplitterung von SprachdienstleistungenTranslationals Sprachdienstleistung in autarke Bereiche mit eigenen, spezifischen Anforderungen beobachten: Web- und Softwarelokalisierung, Untertitelung, Voice-Over, Synchronisierung, Konferenzdolmetschen, Gesprächsdolmetschen, Konsekutivdolmetschen, RI, RSI, Community Interpreting, literarisches Übersetzen, Übersetzen von Rechtstexten, Übersetzen von technischen Texten, mehrsprachige technische Redaktion, um nur die wichtigsten zu nennen. Diese zunehmende Segmentierung erschwert eine einheitliche Definition von Translationskompetenz.

Zwei Alternativen bieten sich daher für eine AusbildungAusbildungMasterstudium im Bereich der Sprachmittlung an: Entweder sehr spezifisch auf einen der genannten Kommunikationsbereich zugeschnitten, mit einem exakt für diesen Aufgabenbereich definierten Kompetenzraster. In diesem Sinne sind in den letzten Jahren einige spezifische Ausbildungsgänge entstanden, etwa durch Auffächerung und Spezialisierung der Masterstudiengänge im Rahmen des Bologna-Prozesses, aber auch durch spezifische Postgraduate-Angebote.

Alternativ dazu könnte der Schwerpunkt auf allgemeine ProblemlösungskompetenzKompetenzenProblemlösungskompetenz durch Translation gelegt werden, fokussiert auf komplexe Problemlösungskompetenz und spezifisch ausgerichtet auf das Vermitteln von kognitiv-kreativen Fähigkeiten im Bereich der Mehrsprachigkeit. Dazu stellt der Bericht der Weltbank 2019 Folgendes fest:

Three types of skills are increasingly important in labor markets: advanced cognitive skills such as complex problem-solving, sociobehavioral skills such as teamwork, and skill combinations that are predictive of adaptability such as reasoning and self-efficacy. (Weltbank 2019:3)

Prozesse verstehen und planen, Wissen verarbeiten und kreativ einsetzen bleibt eine wesentliche Aufgabe des Menschen: „Insofern wird von WissensarbeTranslationals WissensarbeititerInnen zunehmend strukturiertes, konzeptionelles, ideenreiches und prozessorientiertes Arbeiten verlangt werden“ (Imbacher 2018:38). Von Übersetzungsproduzenten werden Sprachdienstleister:innen künftig zu „creative agents in the multilingual text production chain“ (Massey & Ehrensberger-Dow 2017:304), da es Nachfrage vor allem nach „Transcreators, Spoken Content Specialists, Brand Ambassadors, Local Storytellers, Conversational Agent Consultants“ (Whitty 2019:25) geben wird. Die Anforderungen an Absolventen:innen universitärer Ausbildungsgänge steigen dadurch erheblich und müssen sich für Themenbereiche wie kreatives Schreiben, internationales Marketing, Medienvielfalt und Projektmanagement öffnen: „If translators are to survive, they must make the transcreational turn” (Katan 2016:378).

Menschliche FähigkeitenTranslationals menschliche Fähigkeit bleiben unverzichtbar, sie müssen nur an richtiger Stelle eingesetzt werden, und nicht durch sinnlose Konkurrenz mit den Produktionsmöglichkeiten effizienter Maschinen verheizt werden. Eine Spaltung des Übersetzungsmarktes lässt sich davon ableiten: Ein zunehmend der Automatisierung und dem Preisverfall unterworfener Bereich der Produktion und ein wachsender Bereich des Managements, der Qualitätssicherung und der Beratung.

For human translators and interpreters, and the companies that employ them, the surviving paid roles will be those that require soft skills and the application of quality markers beyond the scope of the machines. (Griffin-Mason 2018:76)

Letzterer ist nicht nur auf einzelne Übersetzungsaufträge oder Übersetzungsprojekte beschränkt. Organisationen, Unternehmen und Institutionen benötigen spezifisches Knowhow, wie Mehrsprachigkeit und Translation langfristig organisiert werden können. Dies beinhaltet vor allem den Einsatz von Technologie, aber auch Qualitätskontrolle und Projektmanagement. Der Aufbau einer geeigneten translatorischen Infrastruktur mit der Planung von Software, Datenmanagement, Projekt- und Qualitätsrichtlinien sowie Personalplanung bedingt entsprechende Entscheidungen, die unter den Begriff der Translationspolitik zusammengefasst werden können. Translationspolitik wird nicht nur als der gesetzlich vorgegebene Rahmen für Translation verstanden (vgl. Meylaerts 2011:165), sondern beinhaltet jedes bewusste und/oder unbewusste Gestalten bzw. Steuern von Translation unabhängig von einzelnen Personen sowie unabhängig von spezifischen Übersetzungen oder Übersetzungsaufträgen (Sandrini 2019:67). Translationspolitische EntscheidungenTranslationspolitik wirken sich auf die Infrastruktur, die Ausbildung und die Praxis aus und spielen überall dort, wo Mehrsprachigkeit durch Translation bewältigt werden muss, insbesondere auch in Gebieten und Organisationen mit offizieller Mehrsprachigkeit, eine wichtige Rolle. Dies stellt umfassende Herausforderungen an das Kompetenzprofil von Sprachdienstleister:innen, die zu Sprachberater:innen bzw. ‚Language Advisors‘ (Melby & Hague 2019) und Expert:innen der Translationspolitik ausgebildet werden.

6 Ausblick

Der Mensch wird erst durch den wohlüberlegten Einsatz der technologischen Möglichkeiten zum ProblemlöserKompetenzenProblemlösungskompetenz. In diesem Sinne wird Technologie in all ihren Formen sowohl für das Übersetzen als auch für das Dolmetschen künftig eine natürliche Erweiterung seiner Fähigkeit (vgl. Clark 2003) darstellen, mit Mehrsprachigkeit umzugehen. Das Vermitteln der dazu nötigen Kompetenzen ersetzt die einseitige Ausbildung zu Produzent:innen von Übersetzungen oder Dolmetschleistungen. Auf das spezifische Knowhow der Sprachdienstleister:innen kann auch angesichts der technologischen Neuerungen kaum verzichtet werden. Eine optimistische Sichtweise in die Zukunft lässt Sprachdienstleister:innen damit von lästigen, als notwendiges Übel angesehenen Kommunikationsprothesen zu freudig eingesetzten Wegbereitern und Katalysatoren einer bewusst gewählten, gewinnbringenden Mehrsprachigkeit werden.

Literatur

Arendt, Hannah (1960). Vita activa oder Vom tätigen Leben. Stuttgart: Kohlhammer.

AIIC (2019). AIIC Position on Distance Interpreting. International Association of Conference Interpreters. Abrufbar unter: https://aiic.org/document/4837/AIIC_position_on_TFDI_05.03.18.pdf (Stand: 11/12/2020)

Biau-Gil, José Ramón/Pym, Anthony (2006). Technology and translation (a pedagogical overview). In: Pym, Anthony/Perekrestrenko, Alexander/Starink, Bram (Hrsg.) Translation Technology and its Teaching. Intercultural Studies Group. Tarragona: Universitat Rovira i Virgili, 5–19.

Bowker, Lynne/Corpas Pastor, Gloria (2015). Translation technology. In: Mitkov, Ruslan (Hrsg.) The Oxford Handbook of Computational Linguistics. 2nd Edition. Oxford: Oxford University Press, 11–26.

Clark, Andy (2003). Natural-Born Cyborgs: Minds, Technologies, and the Future of Human Intelligence. Oxford u.a.: Oxford University Press.

Cronin, Michael (2013). Translation in the digital age. London: Routledge.

CSA (2018). The Language Services Market 2018 – Annual Review of the Services and Technology Industry that supports Translation, Localization, and Interpreting. Common Sense Advisory. Abrufbar unter: https://insights.csa-research.com/reportaction/48585/Marketing (Stand: 10/12/2020)

ELIA (2019). Language Industry Survey – Expectations and Concerns of the European Language Industry. ELIA, EMT, EUATC, FIT Europe, Gala, Lind. Abrufbar unter: https://ec.europa.eu/info/sites/info/files/2019_language_industry_survey_report.pdf (Stand: 10/12/2020)

EU (2009). EU Study on the Size of the Language Industry. Studies on Translation and Multilingualism. DGT-ML-Studies 08. Abrufbar unter: https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/9a68479a-1c07–4c43–8d1a-8d49782c0808 (Stand: 10/12/2020)

Fantinuoli, Claudio (2018). Interpreting and Technology: The Upcoming Technological Turn. In: Fantinuoli, Claudio (Hrsg.) Interpreting and Technology. Berlin: Language Science Press, 1–12.

Gätjens, Julia/Luz, Bea/Osterberg, Sarah (2019). Handbuch Dolmetschen. Grundlagen und Praxis. Berlin: BDÜ Fachverlag.

Global Innovation Index Report (2019). The Global Innovation Index 2019: Creating Healthy Lives – The Future of Medical Innovation. Cornell University, INSEAD, and WIPO. Ithaca, Fontainebleau, and Geneva. Abrufbar unter: https://www.globalinnovationindex.org/gii-2019-report (Stand: 10/12/2020)

Griffin-Mason, Sarah (2018). The Translation Sector of the Future: Indications from the FIT 2017 Conference “Disruption and Diversification”. Revista Tradumàtica. Tecnologies de la Traducció, 16, 71–84. Abrufbar unter: https://doi.org/10.5565/rev/tradumatica.213 (Stand: 10/12/2020)

Imbacher, Charles (2018). Standpunkt: Kultur und Kult im Silicon Valley. In: Wörwag, Sebastian/Cloots, Alexandra (Hrsg.) Zukunft der Arbeit – Perspektive Mensch. Aktuelle Forschungserkenntnisse und Good Practices. Wiesbaden: Springer Gabler, 30–41.

Katan, David (2016). Translation at the cross-roads: Time for the transcreational turn? Perspectives 24:3, 365–381.

Kurzweil, Ray (2001). The Law of Accelerating Returns. Essay 7.3.2001. Abrufbar unter: https://www.kurzweilai.net/the-law-of-accelerating-returns (Stand: 10/12/2020)

Marx, Karl (1844/2017). Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. 1. Aufl., hrsg. v. Karl-Maria Guth. Berlin: Contumax.

Massey, Gary/Ehrensberger-Dow, Maureen (2017). Machine learning: Implications for translator education. Lebende Sprachen 62:2, 300–312.

Melby, Alan K./Housley, Jason/Fields, Paul/Tuioti, Emily (2013). Reliably assessing the quality of post-edited translation based on formalized structured translation specifications. In: O’Brien, Sharon/Simard, Michel/Specia, Lucia (Hrsg.) Proceedings of the Second Workshop on Post-editing Technology and Practice (WPTP 2012) held at AMTA, Nizza 2. September 2, 2013. 31–40. Abrufbar unter: http://www.mt-archive.info/10/MTS-2013-W2-TOC.htm (Stand: 10/12/2020)

Melby, Alan K./Hague, Daryl H. (2019). A singular(ity) preoccupation. Helping translation students become language services advisors on the age of machine translation. In: Sawyer, David B./Austermühl, Frank/Enríquez Raído, Vanessa (Hrsg.) The Evolving Curriculum in Interpreter and Translator Education. ATA Scholarly Monograph Series XIX. Amsterdam u.a.: John Benjamins, 205–228.

Meylaerts, Reine (2011). Translation policy. In: Gambier, Yves/van Doorslaer, Luc (Hrsg.) Handbook of Translation Studies: Volume 2. Amsterdam u.a.: John Benjamins, 163–168.

Nida, Eugene (1959). Principles of Translation as exemplified by Bible Translating. In: Brower, Reuben A. (Hrsg.) On Translation. Cambridge: Harvard University Press, 11–31.

Prunč, Erich (2012). Entwicklungslinien der Translationswissenschaft. Von den Asymmetrien der Sprachen zu den Asymmetrien der Macht. Berlin: Frank & Timme.

Robertson, Roland (1995). Glocalization Time – Space and Homogeneity – Heterogeneity. In: Featherstone, Mike/Lash, Scott/Robertson, Roland (Hrsg.) Global Modernities. London u.a. Sage Publications, 25–44.

Rogers, Everett M. (2003). Diffusion of innovations. New York: Free Press.

Sandrini, Peter (2013). Mashup und Remix: Translation im digitalen Zeitalter. In: Kučiš, Vlasta (Hrsg.) Translation in Theorie und Praxis. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang, 65–76.

Sandrini, Peter (2017). Translation 4.0 – Eine Perspektivenverschiebung. In: Zybatow, Lew/Petrova, Alena/Stauder, Andy/Ustaszewski, Michael (Hrsg.) Übersetzen und Dolmetschen: Berufsbilder, Arbeitsfelder, Ausbildung. Ein- und Ausblicke in ein sich wandelndes Berufsfeld der Zukunft. 70 Jahre Innsbrucker Institut für Translationswissenschaft. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang, 139–152.

Sandrini, Peter (2019). Translationspolitik für Regional- oder Minderheitensprachen unter besonderer Berücksichtigung einer Strategie der Offenheit. Berlin: Frank & Timme.

TAUS (2016). Translation Technology Landscape in an evolutionary perspective. Translation Technology Landscape Report #2. Abrufbar unter: http://www.taus.net (Stand: 10/12/2020)

Toolbox (2019). 304th Tool Box Journal. A monthly journal for people in the world of translation who want to get more out of their computers. Abrufbar unter: http://www.internationalwriters.com/toolkit/ (Stand: 10/12/2020)

Weltbank – Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (2019). The Changing Nature Of Work. World Bank Development Report 2019. Washington: World Bank.

Whitty, Tess (2019). Artificial Intelligence, Machine Learning, and the Future-Proofed Translator: What I Learned from TAUS. ATA Chronicle XLVIII:5, 24–26.

Wörwag, Sebastian/Cloots, Alexandra (Hrsg.) (2018). Zukunft der Arbeit – Perspektive Mensch. Aktuelle Forschungserkenntnisse und Good Practices. Wiesbaden: Springer Gabler.

Ziegler, Klaus (2019). Ein Vergleich Cloud-basierter Systeme für die Erbringung von Konferenzdolmetschdienstleistungen im simultanen Dolmetschmodus. In: Baur, Wolfram/Mayr, Felix (Hrsg.) Übersetzen und Dolmetschen 4.0: Neue Wege im Digitalen Zeitalter. Tagungsband der 3. Internationalen Fachkonferenz des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ), Bonn 22.–24. November 2019. Berlin: BDÜ Fachverlag, 310–311.

Spracherleben, Verständigung und Kommunikationsbedarf in multilingualen Kontexten

Judith Purkarthofer

Abstract: Kommunikation ist ein individuelles – expressives, aber auch identitätsstiftendes – Moment, ebenso wie ein Bedarf von Gesellschaften und Vergesellschaftung. Die Wahl der sprachlichen Mittel ergibt sich aus individuellen Vorlieben wie auch aus geteilten Vorerfahrungen, biographischem Spracherleben aber auch ideologisch geprägten Einschätzungen und Imaginationen von geteiltem Wissen oder divergierender Kompetenz. Als soziolinguistisch orientierte Grundlage für die beobachtbaren translationskulturellen Verschiebungen beleuchtet der Beitrag die Rolle multilingualer Kontexte für die Möglichkeiten mehrsprachigen Ausdrucks aber auch für ein potentiell gesteigertes Bewusstsein mehrsprachigen Kommunikationsbedarfs in superdiversen Gesellschaften.

1 Spracherleben und mehrsprachige Sprecher:innen

Sprecher:innen, mit ihrem diversen, auch mehrsprachigen Spracherleben, gestalten ihren Alltag in verschiedenen Sprachen und Sprachformen, sprechen mit ihren Eltern anders als mit ihren Kolleg:innen, auf Ämtern anders als im Verein oder in der Glaubensgemeinschaft. Die Kriterien der nur wenig bewussten Sprachwahl in bestimmten Situationen werden selten explizit formuliert, und folgen doch komplexen Regeln, die im Laufe eines Lebens erworben werden und sich je nach Biographie verändern. Selbst Sprecher:innen, die sich als einsprachig verstehen, nutzen interaktions- und situationsadäquat verschiedene Teile ihres sprachlichen Repertoires: Fachbegriffe oder Kosewörter, Dialekte, Umgangs- oder Standardsprachen, aber auch bedeutungstragende nonverbale Elemente. Das sprachliche Repertoiresprachliches Repertoire (Busch 2017a, b) umfasst alle diese Ressourcen, die Sprecher:innen in ihrem Alltag zur Verfügung stehen oder aber als symbolische Ressourcen von Bedeutung sind. Es ergibt sich aus individuellen Voraussetzungen und Vorlieben wie auch aus geteilten Vorerfahrungen, biographischem Spracherleben, aber auch ideologisch geprägten Einschätzungen und Imaginationen von geteiltem Wissen oder divergierender Kompetenz bezüglich Sprachen. Es setzt die verschiedenen Einflüsse und Erlebnisse miteinander in Beziehung und ist daher keine Werkzeugkiste, deren Elemente sich nicht beeinflussen, sondern ein gewachsenes, dynamisches Gefüge, das für Veränderungen offen bleibt.

Forschungen zu mehrsprachigem Erleben haben sich in den letzten Jahren mit den von Sprecher:innen erlebten Wechselwirkungen zwischen Sprachen und Gesellschaft beschäftigt1: Ziel dabei war/ist, zu verstehen, wie sich Sprecher:innen mit ihren Sprachen fühlen, welche ihnen als Ressource dienen, aber auch welche Erlebnisse von Ausgrenzung oder Konflikten sie damit verbinden. In meiner eigenen Forschung stehen Familien und Bildungskontexte im Zentrum, wobei ich besonders die Frage interessant finde, wie sich Sprecher:innen ihre sprachliche Zukunft ausmalen und wie das ihre gegenwärtigen Entscheidungen beeinflusst. Am Beispiel einer Sprecherin aus einem aktuellen Projekt zu deutschsprachigen Familien in Norwegen (Purkarthofer & Steien 2019), soll hier mehrsprachiges Spracherleben illustriert und ein Beispiel für die komplexen Zusammenhänge des linguistischen Repertoires gegeben werden:

Abb. 1:

Bild Sprachporträt

Frau A ist als junge Erwachsene mit ihrem Partner aus beruflichen Gründen von einem DACH-Land nach Norwegen ausgewandert, wo sie mit ihren zwei Kindern leben. Ihre Sprachbiographie beginnt mit dem Zeichnen eines Sprachporträts (Busch 2017a), indem sie die Sprachen, die für sie relevant sind, in eine leere Körpersilhouette einzeichnet und beschreibt, in welchem Verhältnis diese zueinanderstehen bzw. mit welchen Emotionen diese verbunden sind. Deutsch, Englisch und Norwegisch werden als die Sprachen ihres Alltags zentral im Kopf und Körper positioniert. Frau A beschreibt, wie jede dieser Sprachen eine besondere Bedeutung für sie hat – die bildliche Darstellung übereinander oder parallel steht also nicht für Austauschbarkeit, sondern für die sprachliche Funktion, die nur durch das Zusammenwirken der Sprachen erfüllt werden kann. Als mehrsprachige Sprecherin in einem Beruf, der sehr großen kommunikativen Anteil hat, beschreibt Frau A im folgenden Ausschnitt ihre Wahrnehmung als mehrsprachige Sprecherin, mit einem besonderen Fokus auf Sprecher:innen der Mehrheitssprache, u.a. ihre Kolleg:innen in der Arbeit:

Exzerpt 12: Vielleicht [erlebe ich das, Anm.] auch, weil ich so aussehe wie ich aussehe und Norwegisch spreche, also ich mein jeder hört, dass ich Ausländer bin, aber trotzdem, ich sprech natürlich gut und, dass eigentlich der Umstand, dass ich Migrant bin, ist etwas was grundsätzlich nicht wahrgenommen wird, also die meisten Leute denken NIE daran, dass ich jeden Tag mit denen ja‚ ne Fremdsprache sprech. Und das ist schon ok, aber ich finde manchmal/ also das hat ja sehr viele Vorteile, aber ich finde der Nachteil ist, sozusagen, das eigene Migrantendasein ist so mein Privatvergnügen.

Die hier formulierte Wahrnehmung macht zwei Aspekte des SpracherlebensSpracherleben deutlich, einmal die erlebte Einordnung oder auch Nicht-Einordnung als Migrantin und zweitens die Anstrengung des Agierens in einer Zweit-, Dritt- oder Viertsprache und die Nicht-Wahrnehmung dieser Anstrengung durch Kolleg:innen. Während Frau A sich des Privilegs einer gewissen Unsichtbarkeit sehr bewusst ist (u.a. wenn sie die Vorteile erwähnt), formuliert sie doch auch eine Unzufriedenheit, die sich aus der Unkenntnis (und der von ihr empfundenen Interesselosigkeit an) ihrer Situation speist.

Neben den drei Sprachen im Zentrum stehen auf der linken Seite im Porträt außerdem die Sprachen, die Frau A selbst in der Schule erlernt hat. In Rahmen des Projekts, in dem ich mit Frau A spreche, steht mehrsprachiges Familienleben im Zentrum und dementsprechend ist auch die eigene Herkunftsfamilie relevant. Aber auch die Sprachen der Arbeit werden immer wieder thematisiert. Frau A ist jedoch die einzige TeilnehmerIn, die in ihrem SprachporträtSprachporträt gedolmetschte Sprachen erwähnt: Auf der rechten Seite sind jene Sprachen aufgeführt, die ihr in ihrem Beruf teilweise nur durch Dolmetschung zugänglich werden: Somali, Farsi, Pashto, Dari, Thai, Französisch und Englisch. Dabei sind Norwegisch und Englisch als Sprachen aufgeführt, in die gedolmetscht wird bzw. die als Verständigungssprachen mit Sprecher:innen anderer Sprachen genutzt werden.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs kommt die Rede auf Fragen der Sprachwahl und unter anderem auch auf die Entscheidung für eine zweisprachige Schule für die eigenen Kinder.

Exzerpt 2: Wenn wir jetzt an der norwegischen Schule wären, dann wär halt/ unser Sohn würde da halt mitlaufen [mhm] und dass wir halt jetzt Migranten sind, das wär halt so ein bißchen 'ja mei' und in der deutschen Schule sind ja alle Migranten, [mhm] oder nicht mal, viele sind ja auch diese Expatriots, ja aber, auf jeden Fall aber alle leben irgendwie nicht zuhause und das find ich unglaublich, also sowohl sprachlich [mhm] find ich das angenehm, weil man halt zum Beispiel schon Verständnis dafür hat, dass man mehrere Sprachen spricht, und so, aber auch einfach so/ als so ‚ne Bewusstheit, dass sozusagen das nicht selbstverständlich ist, dass ich Sachen mach wie du.

Die Unsichtbarkeit, die Frau A in Bezug auf ihre eigene Position wahrnimmt, antizipiert sie auch für die Kinder: In einer (nur) norwegischsprachigen Schule würden sie einfach wie alle anderen sein. Dies stützt sie auch auf bisherige Erfahrungen aus dem norwegischsprachigen Kindergarten, in dem der sprachliche Hintergrund ihres Kindes kaum wahrgenommen wurde. Als ein relevanter Faktor für die Wahl der deutsch-norwegischen Schule wird also das geteilte Spracherleben der Migrationserfahrung gesehen, das abstrahiert wird zu einer generellen größeren Offenheit der zweisprachigen Schule gegenüber dem mehrsprachigen Alltag der Familien. Und schließlich auch gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen.

2 Mehrsprachige Kontexte

Diese kurzen Gesprächsausschnitte geben bereits Einblicke in die zahlreichen Weisen, wie sich mehrsprachige Kontexte für Sprecher:innen gestalten: in der Familie, in Arbeit oder Schule, in der Wohnumgebung, um nur einige zu nennen. In allen diesen sozialen Räumen beeinflussen spezifische sprachliche Erwartungen und Anforderungen die sprachliche Wahl von Sprecher:innen, aber auch ihre Möglichkeiten und eventuelle Bedürfnisse nach Dolmetschung.

In der linguistischen Forschung lassen sich an der Begriffsgeschichte des ‚Kontexts‘ relevante Paradigmenwechsel feststellen, da die Verschiebungen der als relevant erachteten Analyseeinheiten immer auch mit einem veränderten Verständnis von Kontext einhergingen. Duranti & Goodwin (1992) fassen vier Aspekte von Kontext zusammen: setting, behavioural environment, language as context und extrasituational context. Sie weisen darauf hin, dass neue Kontexte sich aufgrund veränderter Aktivitäten ergeben (neue Tätigkeiten, Orte, etc.), aber auch, indem im Gespräch verschiedene Kontexthinweise (zeitliche, räumliche Orientierung durch sprachliche und nonverbale Mittel) gegeben werden. Damit sind Kontexte also nicht per se gegeben, sondern werden von handelnden Sprecher:innen bewusst oder unbewusst gestaltet. Schon Malinowski bezog sich in frühen Arbeiten (2002 [1935]) auf den Kontext einer Situation als relevant für das Verständnis sprachlichen Handelns und soziolinguistische Studien haben zunehmend die Bedeutung des sozialen Kontexts wahrgenommen. Goffman (1980) hat diese interaktionale Arbeit als framing bezeichnet, das dazu dient, Gesprächsbeiträge in ein verständliches Format zu bringen, auf die Wissensstände der Interaktanten einzugehen und eventuell notwendige Kontexthinweise zu geben.

Schließlich geben Duranti & Goodwin aber auch noch ein Beispiel, das die Abgrenzung zwischen Sprecher:innen und Kontext problematisiert: Der Blindenstock, den ein Mann verwendet, kann als Teil des Kontexts verstanden werden. In dem Maß, wie der Stock aber der verlängerten Sinneswahrnehmung dient, kann er als Teil des Sprechenden gelesen werden. Die Mittel, die uns als Sprechenden zur Verfügung stehen, um uns in einem bestimmten Kontext zu bewegen, sind also analytisch nicht leicht zu erfassen. Die Autoren kommen zu dem Schluss: „One of the great difficulties posed in the analysis of context is describing the socio-historical knowledge that a participant employs to act within the environment of the moment“ (Duranti & Goodwin 1992:4f.).

In mehrsprachigen KontextenMehrsprachigkeit stellt sich die Frage nach dem Bedarf an Wissen oder Kenntnissen mit noch größerer Dringlichkeit, unter anderem, weil die sprachlichen Repertoires von Sprechenden nicht gleichartig gestaltet sind. Annahmen von speech communities (Gumperz 1964), also Gruppen von Sprecher:innen, die regelmäßig über längere Zeiträume in relativ stabilen Zusammenhängen agieren, gingen von relativ geteilten Repertoires aus. Aktuelle Befunde sehen hingegen, dass Sprecher:innen sich in diversen Gesellschaften bewegen und in lokaler Umgebung, ebenso wie über medial vermittelte größere Entfernung Kontakte in verschiedenen Sprachen pflegen und daher Anteil an mehreren communities haben, von denen nur wenige unmittelbar sichtbar sind (Kramsch & Zhu 2020). Im nächsten Abschnitt möchte ich an einigen Beispielen aufzeigen, wie sich mehrsprachiger Kommunikationsbedarf in bestimmten Kontexten zeigt, wissend, dass diese Auswahl niemals der Komplexität menschlicher Lebenswelten entsprechen kann.

3 Kommunikationsbedarf in diversen Gesellschaften – Beispiele aus der Praxis

Forschung zu mehrsprachigen Sprecher:innen geht davon aus, dass die meisten Menschen im Alltag in verschiedenen Sprachen (oder auch Sprachformen einer Sprache) interagieren, sich in mehreren sozialen Räumen bewegen und sich dabei in vielen Bereichen entspannt und gut ausgestattet fühlen. In anderen Bereichen bedarf es jedoch sprachlicher oder kommunikativer Unterstützung, und bisweilen sind diese Interaktionen sogar schambehaftet, etwa wegen als defizitär wahrgenommener sprachlicher Voraussetzungen. Die folgende Auswahl von Kommunikationskontexten gibt demgemäß ein Kontinuum wieder: Es reicht von lebensweltlicher Mehrsprachigkeit in Familien zu Sprachentscheidungen von Gemeinschaften, in denen Minderheiten oder Mehrheitssprachen vertreten sind. In anderen Fällen muss der Zugang zu sprachlichen Ressourcen wieder erworben werden, wie bei ‚verlorenen/verdrängten‘ Kindheitssprachen in Fällen von Traumatisierung. Wiederum anders stellt sich die Situation für Menschen dar, die geflüchtet oder migriert sind, und sich nun in noch neuen sprachlichen Zusammenhängen wiederfinden. Dazwischen bzw. darum gibt es natürlich noch viele andere Kontexte, in denen sprachliches Handeln stattfindet und in denen Anforderungen unterschiedlicher Art an Sprecher:innen gestellt werden.

Manche Kontexte, etwa in der Familie aber auch im Bereich traditioneller Minderheitensprachen, sind wenig prädestiniert für den Einsatz von Dolmetschung. Auch der Einsatz von Sprachen, die als lingua franca verwendet werden können (in Österreich etwa oft Englisch), minimiert etwa im Feld von Journalist:innen und Medien den sichtbaren Bedarf. In anderen hingegen ist der Bedarf von Dolmetschung mit großer Dringlichkeit gegeben: In jedem Fall können wir jedoch davon ausgehen, dass Dolmetschen in komplexen mehrsprachigen Kontexten stattfindet, in denen sich alle Beteiligten ihrer linguistischen Repertoires bedienen, um gemeinsame kommunikative Ziele zu erreichen.

4 Vier Kontexte, viel Kommunikationsbedarf
4.1 Mehrsprachige Familien und lebensweltliche Mehrsprachigkeit

Statistiken in europäischen Ländern, ebenso wie im DACH-Raum, bestätigen, dass nicht nur die Anzahl der verwendeten Sprachen pro Person steigt, sondern auch eine DiversifizierungDiversifizierung der sprachlichen Ressourcen stattfindet. Exemplarisch führen die Zahlen der österreichischen Schulstatistik zu dem Schluss, dass ein Viertel aller Kinder in den Pflichtschulen im Alltag zusätzlich zu Deutsch noch mindestens eine weitere Sprache verwendet (BMB 2017), und ähnliches ist für Deutschland und die Schweiz anzunehmen. Das bedeutet also, dass in Familien mehrsprachige Praktiken an der Tagesordnung sind: in der alltäglichen Kommunikation in der Wohnumgebung, aber auch durch die größere Verfügbarkeit medialer Formate des unmittelbaren Austauschs mit Verwandten und Freund:innen über größere Distanzen. Untersuchungen zu Familiensprachpolitiken zeigen, wie alltäglich sprachliches Handeln in mehr als einer Sprache in Familien verhandelt wird (siehe Special Issues von King & Lanza 2019 oder Lanza & Curdt-Christiansen 2018). Dolmetschung zwischen Familienmitgliedern und externen Personen findet meist durch Familienmitglieder statt und umfasst sowohl Laut- als auch Gebärdensprachen (Johnson 2020).

In den letzten Jahren konnten vor allem auch Studien zur Nutzung von Online-Plattformen oder Kommunikationsapps zeigen, wie die sprachliche Gestaltung von familiären Netzwerken sich in der Diaspora entwickelt (Lexander & Androutsoupoulos 2019). Am Beispiel polnischsprachiger Jugendlicher, die mit ihren Familien nach Norwegen migriert sind, zeigt Obojska (2017), wie die Teenager Englisch, Norwegisch und Polnisch nutzen, um sich in der Familie, aber vor allem auch als Produzent:innen von Videoblogs zu positionieren. Während das Norwegische vor allem durch die Schule sehr schnell die im Alltag relevanteste Sprache wird und das Englische wie in vielen Bereichen als zukunftsweisendes Kommunikationsmittel wahrgenommen wird, erfüllt das Polnische online eine wichtige Rolle (u.a. durch das im Vergleich zum Norwegischen potentiell viel größere polnischsprachige Publikum). Eine der befragten Jugendlichen erlebt sich in diesem Sinn auch als Botschafterin, die für Jugendliche aus Polen aus einem neuen Land berichtet und sich zwar nicht als Dolmetscherin, aber doch als kommunikative Mittlerin erlebt. Kontext und Wissen um das erreichte Publikum spielen dabei auch in virtuellen Räumen wie Foren und Kommentarbereichen noch eine wichtige Rolle (Szabla & Blommaert 2018). Relevant werden die von Deumert (2014) als mobile practices bezeichneten Kommunikationsformen, wenn sie aufgreifen, was Jacquemet (2005) als transidiomatische Praktiken beschrieben und Pennycook mit Sprache als lokal verortete Praxis theoretisiert hat (2010 sowie 2016). Sprecher:innen nutzen ihre mehrsprachigen Ressourcen parallel bzw. wechseln je nach Bedarf zwischen verschiedenen Sprachen, Registern oder Sprachformen. Wunsch und Wirklichkeit sind dabei natürlich nicht immer deckungsgleich, d.h. es ist durchaus wahrscheinlich, dass Sprecher:innen manche ihrer Ressourcen gern öfter nutzen würden, und sich andererseits zur Verwendung anderer eher gezwungen fühlen. Die Möglichkeit, in der eigenen Sprachwahl handlungsfähig zu bleiben (als agency in der Forschung untersucht), ist nicht nur individuell verhandelt, sondern stets auch an soziale Zusammenhänge gebunden. Dieser Bereich soll im nächsten Beispiel beleuchtet werden.

4.2 Veränderungen des Repertoires bei Sprecher:innen von heritage languages

Die linguistischen Repertoires von Sprecher:innen verändern sich über die Zeit, durch individuelle Bewegung, durch Ausbildung oder Beruf und auch aufgrund sozialer Bewertungen verschiedener sprachlicher Ressourcen. Damit befinden sich Sprecher:innen mit ihren Sprachen bisweilen in der Mehrheit (etwa mit Deutsch in Österreich), aber auch manchmal in Situationen, in denen manche ihrer Sprachen Minderheitensprachen darstellen. Der Begriff heritage languages verweist auf das mehrsprachige Spracherleben der Sprecher:innen, das unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer (in einem spezifischen Gebiet rechtlich anerkannten) Gruppe ist. Der Status der Sprachen, etwa die traditionelle Unterteilung in Regional- und Minderheitensprachen (wie etwa Slowenisch in Kärnten und der Steiermark oder Romani im Bundesgebiet) und Migrantensprachen (wie etwa Türkisch oder Polnisch) ist für manche Fragen natürlich nach wie vor relevant, erscheint in der Komplexität des Spracherlebens vielen aber nicht mehr passend. Sprecher:innen des Kärntner Slowenischen sind in Wien etwa nicht als Sprecher:innen einer Minderheitensprache anerkannt. Als Sprecher:innen von heritage languages können also jene bezeichnet werden, die aufgrund ihrer eigenen oder der mehrsprachigen Biographie ihrer Familie mit Sprachen aufwachsen, die nicht die Mehrheitssprache in ihrer Umgebung darstellen. Dabei kann auch Deutsch, etwa in den USA, eine heritage language sein. Die Vielfalt der Sprachen und die Diversität der mehrsprachigen Situationen lassen schon erahnen, dass man sich hier keine homogene Sprecher:innengruppe vorstellen kann – aber auch, dass es keine einfachen Linien zwischen sprachlich homogen imaginierten Gruppen gibt. Sprachwechsel oder auch Spracherhalt, der üblicherweise nicht alle sprachlichen Aspekte, sondern bestimmte Interaktionen und Situationen betrifft, sind relevante Themen für Sprecher:innen, deren Familienbiographien mehrsprachig verlaufen: Unter welchen Umständen sehen sich Eltern in der Lage, Sprache weiterzugeben und unter welchen Umständen werden Sprecher:innen ihre verschiedenen Ressourcen ausbauen oder weiter nutzen? Der US-amerikanische Anthropologe Paul Kroskrity (2018) stellt am Beispiel von zwei indigenen Gemeinschaften dar, wie sich Sprachideologien, also die Vorstellung, welche Sprachen zukunftsweisend, welche unabdingbar und welche eventuell mit Erfahrungen von Unterdrückung verbunden sind, auf den Erhalt von Sprachen auswirken. In jenem Dorf, das in der eigenen indigenen Sprache Möglichkeiten für zukünftige Projekte, u.a. nachhaltigen Tourismus, sah, wurde der Weitergabe und Verwendung größerer Stellenwert eingeräumt. Er unterstreicht aber auch, dass diese Ideologien nicht notwendigerweise von allen geteilt werden bzw. dass auch einander widersprechende Ideologien zur selben Zeit koexistieren können und je nach Bedarf aktiviert werden. Für den Sprachunterricht, aber auch für Institutionen und Behörden ist ein Verständnis der hegemonialen Sprachideologien von großer Bedeutung, können sie doch erklären, warum sich Sprecher:innen etwa im Kontakt mit Behörden nicht ihrer Erstsprachen, sondern z.B. ehemaliger Kolonialsprachen bedienen bzw. generell die Sprachwahl in verschiedenen Situationen nicht nur utilitaristisch motiviert ist. Gleichzeitig stärken Initiativen, die z.B. Dolmetschung aus Erstsprachen ermöglichen und diese nicht als nur lokal relevante Dialekte abqualifizieren, das Ansehen von Heritagesprachen und transportieren auch die Botschaft, dass diese gesehen und gehört werden (können).

Für manche Sprecher:innen erscheint die Verwendung ihrer Erst- oder Heritagesprachen an einem bestimmten Punkt unmöglich, etwa als Folge traumatischer Erfahrungen. Busch und Reddemann (2013) beschreiben den Fall einer Frau, die als Kind die Sprache ihres kriegstraumatisierten Vaters eng verbunden mit Misshandlungen erlebte und sich daraufhin in andere Sprachformen zurückzog bzw. versuchte, die Familiensprache so vollständig wie möglich zu verdrängen. Im Zuge einer therapeutischen Behandlung konnten andere sprachliche und kommunikative Ressourcen, etwa spirituelle Ausdrucksformen und auch Kommunikation mit Tieren, aktiviert werden und über diese gewählten Mittel konnte dann auch die Sprache der Kindheit wieder zugänglich werden. Auch in therapeutischen Settings ist die Bedeutung von Sprachen also zu verhandeln und auch die Erstsprache bietet bisweilen nicht privilegierten, sondern im Gegenteil sehr problematischen Zugang.

4.3 Zugang zu neuen kommunikativen Ressourcen – gewollt oder erzwungen

Durch individuelle Mobilität aber auch veränderte Rahmenbedingungen finden sich Sprecher:innen in Situationen, in denen sie für sie neue sprachliche Ressourcen erschließen möchten oder müssen. Im Fall von Gerichten oder Behörden, die mit Asylangelegenheiten oder Aufenthaltsrechtssachen befasst sind, aber auch im Gesundheitswesen sind diese Ressourcen ausschlaggebend für das weitere Wohlergehen (Pöllabauer 2013). Bereits Duranti & Goodwin (1992) beschreiben die Herausforderungen, die das Gesprächsereignis Verhandlung an die Beteiligten stellt und aktuelle Forschung zu Dolmetschungen in Gerichtsverfahren (Inghilleri 2011, für Österreich auch Dorn et al. 2014) unterstreicht diese Analysen: Handlungsmöglichkeiten, Rederecht und Informationserhalt sind unmittelbar an Zugang zu den relevanten sprachlichen Ressourcen gebunden, entweder durch Dolmetschung, durch Beratung oder eigene Kenntnisse. Für mehrsprachige Sprecher:innen, die auf ein einsprachig vorgestelltes System treffen, ergeben sich Schwierigkeiten aus der ungenügenden Passung und viele schildern ihr Erleben von unzureichender Ausstattung (Maryns 2005). Für Dolmetscher:innen bietet wiederum die Rolle als gate-keeper (Pöllabauer 2012) besondere Herausforderungen. Das wiederholte Erleben von kommunikativen Ausschlüssen stellt einen wesentlichen Faktor dar, warum mehrsprachige Sprecher:innen gegenüber manchen Sprachen aber auch Kommunikationssituationen Widerstände entwickeln.

In der Frage, wie Zugang zu sprachlichen Ressourcen selbstbestimmt erfolgreich sein kann, können wir von Initiativen wie Community Medien (Steinert et al. 2006, COMMIT 2016) lernen: In der Studie Spaces of Inclusion (Bellardi et al. 2018) standen die Vermittlungsleistungen im Zentrum, die sich durch Mitarbeit und Engagement in nicht-kommerziellen Medieninitiativen ergeben. Dabei waren unerwartete sprachliche Allianzen zu beobachten, die vor allem die Relevanz situationsadäquater Angebote unterstrichen. Translokale sprachliche ‚Mittlungshilfen‘ (etwa in Form von Onlinewörterbüchern) nehmen Einfluss auf das mehrsprachige Erleben von Sprecher:innen, aber auch die erlebte Verbindung von aktueller Umgebung und Herkunftsland. Für Menschen, deren Lebensmittelpunkt sich erst kürzlich verlagert hat, können transnationale Medienangebote demgemäß auch eine über das Internet hergestellte Verbindung zu bisherigen sozialen Netzwerken sein. Als besonders relevant hat sich in diesem Zusammenhang der selbstbestimmte Umgang mit Anfragen, aber auch die Möglichkeit und nicht Verpflichtung zu sprachlicher Unterstützung herausgestellt. Fachliche Kenntnisse und Expertisen können leicht durch unbedachte Angebote, die auf sprachliche Hilfestellung abzielen, entwertet werden – gleichzeitig beschreiben Trainer:innen in den Freien Radios aber auch, dass gerade Informationstage und Workshopangebote sprachlich herausfordernde Situationen darstellen, in denen Mittlung, aber auch Zeitreserven und die Bereitschaft zur gemeinsamen Kommunikation notwendig für das Gelingen der Angebote sind. Aus Rückmeldungen von Teilnehmer:innen lässt sich schließen, dass Personen ihre fehlenden Sprachkenntnisse als Hindernis erleben und als erfolglos beurteilte Interaktions- oder Bildungsangebote sich in der Wiederholung sehr demotivierend auf weitere Angebote und Unternehmungen auswirken. Für Anbieter:innen von Kursen stellt sich also die praktische Frage, wie Kommunikations- und Vermittlungsbedarf realistisch eingeschätzt, aber vor allem auch situationsadäquat organisiert werden kann.

5 Verständigung in mehrsprachigen Gesellschaften

Wir sehen, wie divers sich der Zugang zu mehrsprachigen Kontexten gestaltet, wenn wir an die kommunikativen Bedürfnisse mehrsprachiger Jugendlicher denken, die sich über mediale Kanäle als Sprecher:innen verschiedener Sprachen ausprobieren, oder auch an Medienmacher:innen, die im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit Zugang zu sprachlichen Ressourcen erhalten, während sie wiederum als Akteure des Zugangs für Neuankömmlinge wirken. Sprache wirkt dabei als interaktives Phänomen, nicht nur als Medium einer Botschaft, sondern als komplexer Träger von Bedeutung und sozialer Bewertung. Die Anforderungen an sprachlichen Austausch, und noch mehr an Dolmetschung, sind also zu lesen in einem Verständnis davon, nicht zwischen zwei Sprachen, sondern zwischen Kommunikationskulturen zu übersetzen, in der ganz in Prunčs (2017) Überzeugung relevant wird, dass alle Handelnden an der Aushandlung beteiligt und für die Rahmenbedingungen verantwortlich sind.

KommunikationspraktikenKommunikationsverhalten verändern sich mit den veränderten Bedürfnissen, teilweise in rasanter Geschwindigkeit, während die prinzipiellen Ansprüche an gelungene Kommunikation sich wenig ändern. Die gesellschaftliche Bewertung von Sprachen, Verständigung und Mehrsprachigkeit hat hingegen über die Zeit doch entscheidende Veränderungen erfahren. Unter den relevantesten Herausforderungen ist wohl die Abkehr von der Vorstellung, dass eine einzige gemeinsame Sprache als Garant für gelungene Kommunikation gesehen werden kann. Forschung im Bereich Translation, aber auch zur institutionellen KommunikationInstitutionelle Kommunikation, war u.a. ausschlaggebend dafür, zu verstehen, dass sprachliche Bedürfnisse nicht standardisiert zu beantworten sind und Verständnis nur interaktiv und damit kontextsensitiv geschehen kann. Für die Forschung bedeutet das auch, zu überdenken, mit welchen Benennungen oder Gruppenvorstellungen wir agieren, wo wir Sprecher:innen agency über ihre eigene sprachliche Zugehörigkeit einräumen – und etwa wahrnehmen, dass mehrsprachige Sprecher:innen bisweilen in ihrer Mehrsprachigkeit wahrgenommen, aber nicht dauerhaft und unabwendbar damit identifiziert werden möchten – und welche Vorstellungen von Sprachkenntnissen wir einsetzen und als ‚gut genug‘ akzeptieren.

Literatur

Bellardi, Nadia/Busch, Brigitta/Hassemer, Jonas/Peissl, Helmut/Scifo, Salvatore (2018). Spaces of Inclusion – An explorative study on needs of refugees and migrants in the domain of media communication and on responses by community media. Strasbourg: Council of Europe. Abrufbar unter: https://rm.coe.int/dgi-2018-01-spaces-of-inclusion/168078c4b4 (Stand: 10/12/2020)

BMB (2017) SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch Statistische Übersicht Schuljahre 2009/10 bis 2015/16. Informationsblätter zum Thema Migration und Schule Nr. 2/2016–17. Abrufbar unter: https://www.schule-mehrsprachig.at/fileadmin/schule_mehrsprachig/redaktion/hintergrundinfo/info2-16-17.pdf (Stand: 10/12/2020)

Busch, Brigitta/Reddemann, Luise (2013). Mehrsprachigkeit, Trauma und Resilienz. Zeitschrift für Psychotraumatologie 11, 23–33.

Busch, Brigitta (2017a). Mehrsprachigkeit. Wien: UTB.

Busch, Brigitta (2017b). Expanding the Notion of the Linguistic Repertoire: On the Concept of Spracherleben – The Lived Experience of Language. Applied Linguistics 38:3, 340–358.

COMMIT (2016). Handreichung Lust auf Sprachen. 2. Aufl. Bad Eisenkappel: COMMIT. Abrufbar unter: https://www.commit.at/fileadmin/Materialien/Handreichung_Lust_auf_Sprachen_COMMIT_2016.pdf (Stand: 10/12/2020)

Deumert, Ana (2014). Sociolinguistics and mobile communication. Edinburgh: Edinburgh University Press Sociolinguistics.

Dorn, Nora/Rienzner, Martina/Busch, Brigitta/Santner-Wolfartsberger, Anita (2014). “Here I find myself to be judged”: ELF/plurilingual perspectives on language analysis for the determination of origin. Journal of English as a Lingua Franca 3:2, 409–424.

Duranti, Alessandro/Goodwin, Charles (1992). Rethinking Context. Language as an interactive phenomenon. Cambridge: Cambridge University Press.

Goffman, Erving (1980). Rahmenanalyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Gumperz, John (1964). Linguistic and Social Interaction in Two Communities. American Anthropologist 66:6, 137–153.

Inghilleri, Moira (2011). Interpreting Justice: Ethics, Politics and Language. New York u.a.: Routledge Taylor and Francis Group.

Jacquemet, Marco (2005). Transidiomatic practices: Language and power in the age of globalization. Language & Communication 25, 257–277.

Johnson, Jennifer T. (2020). Participation in a global hearing culture: Hearing mothers’ translations of their childrens’ deafworlds. Applied Linguistics 41:1, 84–108.

King, Kendall/Lanza, Elizabeth (2019). Special issue: Ideology, agency, and imagination in multilingual families. International Journal of Bilingualism 23:3.

Kramsch, Claire/Zhu, Hua (2020). Translating culture in global times: an introduction. Applied Linguistics 41:1, 1–9.

Kroskrity, Paul V. (2018). On recognizing persistence in the Indigenous language ideologies of multilingualism in two Native American Communities. Language & Communication 62, Part B, 133–144.

Lanza, Elizabeth/Curdt-Christiansen, Xiao Lan (2018). Multilingual families: aspirations and challenges. International Journal of Multilingualism 15:3, 231–232.

Lexander, Kristin Vold/Androutsopoulos, Jannis (2019). Working with mediagrams: a methodology for collaborative research on mediational repertoires in multilingual families. Journal of Multilingual and Multicultural Development, DOI:10.1080/01434632.2019.1667363.

Malinowski, Bronislaw (2002[1935]). Collected Works. Coral Gardens and their Magic. Vol VIII. London u.a.: Routledge.

Maryns, Katrijn (2005). Monolingual language ideologies and code choice in the Belgian asylum procedure. Language & Communication. 25:3, 299–314.

Obojska, Maria (2017). “Are you so ashamed to come from Poland and to speak your mother tongue?” – metalinguistic talk, identities and language ideologies in teenagers’ interactions on ASKfm. Multilingual Margins 4:1, 27–39.

Pennycook, Alastair (2016). Mobile times, mobile terms: The trans-super-poly-metro movement. In: Coupland, Nikolas (Hrsg.) Sociolinguistics. Theoretical debates. Cambridge: Cambridge University Press, 201–216.

Pennycook, Alastair (2010). Language as a Local Practice. London u.a.: Routledge.

Pöllabauer, Sonja (2013). Community Interpreting. In: Chapelle, Carol A. (Hrsg.) The Encyclopedia of Applied Linguistics. Blackwell. DOI: 10.1002/9781405198431.wbeal0159.

Pöllabauer, Sonja (2012). Gatekeeping Practices in Interpreted Social Service Encounters. Meta 57:1, 213–234.

Prunč, Erich (2017). Auf der Suche nach Aschenbrödels Schuh. Ethische Perspektiven des Kommunaldolmetschens. In: Zupan, Simon/Nuč, Aleksandra (Hrsg.) Interpreting studies at the Crossroads of Disciplines. Berlin: Frank & Timme, 21–42.

Purkarthofer, Judith/Steien, Guri Bordal (2019). “Comme si on connaît pas une autre langue que le swahili”: Multilingual parents in Norway on change and continuity in their family language policies. International Journal of the Sociology of Language 255, 109–131.

Steinert, Fiona/Peissl, Helmut/Weiss, Katja (2006). WER SPRICHT? Interkulturelle Arbeit und Mehrsprachigkeit im Kontext Freier Medien. Wien: babelingo. Abrufbar unter: https://www.commit.at/fileadmin/Materialien/babelingo_wer_spricht_fertig.pdf (Stand: 10/12/2020)

Szabla, Malgorzata/Blommaert, Jan (2018). Does context really collapse in social media interaction? Applied Linguistics Review Ahead of Print. DOI: https://doi.org/10.1515/applirev-2017–0119.

Zur technikgestützten Translationskultur im DACH-Raum

Video- und audiobasiertes Dialogdolmetschen im Gesundheits- und Gerichtswesen

Ivana Havelka

Abstract: Die Translationskultur im DACH-RAUM wurde in den letzten Jahrzehnten grundlegend durch die Informations- und Kommunikationstechnologien geprägt. Die technikgestützte interpersonale Kommunikation schafft nachhaltig neue translatorische Betätigungsfelder und eine noch nie dagewesene Vielfalt an Dolmetschformen. Der folgende Artikel hat zum Ziel, die technikgestützte Translationskultur im DACH-Raum zu beschreiben. Zunächst veranschaulicht eine Synthese der Grundsätze der technikgestützten Dolmetschung den hochkomplexen translatorischen Handlungsrahmen aus der Ferne. Abschließend wird im Ländervergleich die audio- und videobasierte Translationskultur umrissen.

1 Vielfalt durch Technik

Ereignisse wie wirtschaftliche Krisen und gesellschaftliche Umbrüche sind die treibende Kraft des technischen Wandels TechnologieWandelbeim Dolmetschen. Fantinuoli (2018b) nennt in Bezug auf die Dolmetschpraxis folgende Meilensteine: 1) die Etablierung der Simultandolmetschanlagen nach den Nürnberger Prozessen, 2) Kommunikation und Austausch über das Internet, 3) Entwicklung technikgestützter Dolmetschformen sowie dolmetschrelevanter Technik – Computer-assisted interpreting tools (CAI-Tools). Im Zuge der dynamischen Entwicklungen der letzten fünf Jahre können zwei weitere geopolitische Ereignisse, die den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in der interpersonalen Kommunikation deutlich verstärkt haben, hervorgehoben werden. Zum einen wurde die Sprachenlandschaft durch starke Migrationsströme in den Jahren 2015 und 2016 geprägt1. Zum anderen hat die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung, verursacht durch die weltweite Covid-19-Pandemie, gezeigt, wie die Kommunikationskultur maßgeblich verändert werden kann. Aufgrund der Ansteckungsgefahr durch das Virus wurde im DACH-Raum in Einrichtungen des Gerichts-, Sozial- und teilweise auch Gesundheitswesens zunehmend das Ferndolmetschen als Alternative zum Dolmetschen vor Ort eingesetzt.

Als einer der Wegbereiter der allgemeinen Translationstheorie stellte bereits Kade fest, dass aufgrund des kontinuierlich steigenden Bedarfs an Sprachmittlung eine „Intensivierung und Effektivierung“ (Kade 1980:10) des Angebots notwendig ist, die unter anderem mit der „Schaffung praxisgerechter und praxiswirksamer Hilfsmittel bis hin zu automatischen Übersetzungshilfen“ (Kade 1980:11) zu bewältigen ist. Trotz großem Interesse seitens der Auftraggeber:innen war lange Zeit der Einsatz von FerndolmetschtechnikFerndolmetschen für Dolmetscher:innen nicht vorstellbar (vgl. Mouzourakis 2003). Jüngste Entwicklungen brachten aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung der Dolmetschpraxis eine Vielfalt an technikgestützten Dolmetschformen hervor. Hiervon umfasst sind sowohl dolmetschrelevante Arbeitsprozesse in der Vor- und Nachbereitung unterstützt durch CAI Tools (vgl. Kalina & Ziegler 2015, Fantinuoli 2018a) als auch die Wiedergabe des Ausgangstextes per Video oder Audio aus der Ferne (vgl. Braun & Taylor 2012), die schriftliche Wiedergabe eines gesprochenen Textes beim Schriftdolmetschen (vgl. Platter 2019) oder als Live-Untertitelung mittels automatischer Spracherkennung (vgl. Romero-Fresco 2019). Selbst die Dolmetschausbildung ist auf den Technikeinsatz angewiesen. Mit der allgemeinen Digitalisierung nehmen TerminologiedatenbankenTechnologieprozessorientierte Technologie, digitale Notizengeräte und andere Hilfsgeräte eine immer größere Rolle in der Dolmetschausbildung und -praxis ein. Schließlich ist auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz beim maschinellen Dolmetschen als technikgestützte Dolmetschform zu nennen.

2 Grundsätze der technikgestützten Dolmetschung

Mit dem zunehmenden Einsatz der Ferndolmetschformen ist eine Auseinandersetzung mit den grundlegenden Unterschieden zwischen den verschiedenen Ausführungsarten erforderlich. Das video- oder telefonbasierteTechnologiesettingorientierte Technologie bidirektionale Dolmetschen verlangt aufgrund der technikbedingten Realisierungsform gezielte und auf die jeweils eingesetzte Technik angepasste Dolmetschstrategien. Im Vergleich zum Dolmetschen vor Ort können für das audio- und videobasierte Dolmetschen folgende vier Grundsätze vorgeschlagen werden (Havelka 2020).

Grundsatz: Anders als vor Ort

Als kommunikative Handlung ist das Dolmetschen an die Realisierungsbedingungen des eingesetzten Kommunikationsmediums gebunden. Die technisch bedingte interpersonale Kommunikation unterliegt anderen Gegebenheiten als jenen vor Ort (vgl. Friebel et al. 2003:4). Hierbei ist unter anderem der Einsatz von nonverbaler Kommunikation und Backchannel-Signalen als Feedback zur Wahrnehmungsbereitschaft zu nennen (vgl. Havelka 2018b:114). Demzufolge ist das Dolmetschen aus der Ferne als eine eigene Dolmetschform zu verstehen.

Grundsatz: Digitale Kompetenzen

Digitale KompetenzenKompetenzendigitale Kompetenzen stellen einen Bestandteil des ganzheitlichen Dolmetschkompetenzmodells (vgl. Kadrić 2011) dar. Beim Dolmetschen aus der Ferne, z.B. audio- und videobasiertem Dolmetschen, werden die Anforderungen an die digitalen Kompetenzen von Dolmetschenden deutlich erweitert (vgl. Havelka 2019b: 170). Um die dolmetschrelevanten digitalen Kompetenzen zu erfassen, kann der Referenzrahmen für Digitale Kompetenzen (DigComp) der Europäischen Union (2018) herangezogen werden, der grundsätzlich aus fünf Kompetenzbereichen besteht: Informations- und Datenkompetenz, Kommunikation und Kooperation, Erstellung digitaler Inhalte, Sicherheit und Problemlösung. In Bezug auf das Dolmetschen mit IKT sind die genannten Kompetenzbereiche auf folgende Weise zu verstehen:

 Informations- und DatenkompetenzDie terminologische Vorbereitung ist vor jedem Dolmetschauftrag unumgänglich. Dieser Kompetenzbereich umfasst jene Fähigkeiten, die eine auftragsbezogene Internetrecherche zur Terminologie, das Filtern, das Auswählen von relevanten Hintergrundinformationen sowie das Speichern und Verwalten der Terminologie ermöglichen.

 Kommunikation und KooperationDer technikgestützte Austausch, die digitale Zusammenarbeit und Nutzung von IKT für die audio- und videobasierte Dolmetschung sind von diesem Kompetenzbereich umfasst. Grundlegend sind hierbei der Einsatz technikbedingter Dolmetschstrategien sowie eine an die eingesetzte Technik angepasste Vorgehensweise.

 Erstellung digitaler InhalteAnders als bei einer Dolmetschung vor Ort entstehen durch die audio- und videobasierte Dolmetschung neue digitale Inhalte, die über digitale Wege verbreitet werden können. Der Umgang mit auditiven und visuellen Daten ist in diesem Kompetenzbereich zentral.

 SicherheitDie geltenden Datenschutzbestimmungen in Hinblick auf die Datensicherheit von Geräten und den DatenschutzDatenschutz von Inhalten und personenbezogenen Daten und auch auf den Schutz des sozialen, physischen und psychischen WohlbefindensFerndolmetschendigital wellbeing (engl. digital wellbeing) sind von diesem Kompetenzrahmen umfasst.

 ProblemlösungDer Kompetenzbereich Problemlösung umfasst sowohl die Lösung von technischen Problemen als auch den kreativen Einsatz von technikgestützten Lösungen im Dolmetschprozess.

Grundsatz: Wahrnehmung

Die RealisierungsbedingungenFerndolmetschenRealisierungsbedingungen der audio- und videobasierten Gesprächssituation sind grundlegend von den jeweiligen technikbedingten Wahrnehmungsmöglichkeiten abhängig. Die Wahrnehmung erfolgt in der Gesprächssituation über zwei Informationsquellen: die auditive und die visuelle Informationsquelle. Situative Hinweise werden durch den Kontext der Dolmetschung generiert. Auditive, visuelle und situative Hinweise aus der technikgestützten Gesprächssituation können getrennt voneinander oder als ganzheitliches Phänomen auf den translatorischen Handlungsauftrag umgelegt werden. Die hier zum Tragen kommende referentielle Kompetenz ist als eine metakommunikative Kompetenz zu verstehen (vgl. Havelka 2018b: 158ff.).

Grundsatz: Höhere Belastung

Bisherige Untersuchungen zum videovermittelten Dolmetschen zeigen, dass Ferndolmetschen bei Dolmetscher:innen zu Stressgefühlen führen, die Ermüdung beschleunigen (vgl. Moser-Mercer 2003) und EntfremdungsgefühleDigitalisierungEntfremdung (vgl. Mouzourakis 2003) sowie ein Gefühl von Kontrollverlust (vgl. Moser-Mercer 2005) verursachen kann. Die höhere Belastung kann auf zwei Formen von Einflussfaktoren zurückgeführt werden: interne und externe Einflussfaktoren. Als externe EinflussfaktorenFerndolmetschenexterne Einflussfaktoren sind umgebungs- und technikbedingte Störfaktoren zu verstehen. Interne EinflussfaktorenFerndolmetscheninterne Einflussfaktoren hängen direkt mit der Person der DolmetscherIn zusammen und können durch mangelnde terminologische Vorbereitung oder fehlende digitale Kompetenz, aber auch nicht technikangepasste Dolmetschstrategien verstärkt werden. Implikationen der Ferndolmetschung, wie die räumliche und soziale Distanz, können den Vertrauensaufbau zwischen den Gesprächsbeteiligten erschweren (vgl. Braun 2004:23, Havelka 2018b: 115ff.).

3 DACH-Länderüberblick nach Einsatzbereichen

Anhand ausgewählter Bereiche, in denen das Ferndolmetschen im Einsatz ist, wird ein Länderüberblick geboten, um die derzeitige technikgestützte Translationskultur zu skizzieren. Hierbei wird der Fokus vor allem auf das video- und audiobasierte Ferndolmetschen im Gerichts- und Gesundheitswesen gesetzt.

3.1 GesundheitswesenDolmetschenim Gesundheitswesen

Das medizinische Dolmetschsetting ist vor allem durch die hohe Spontanität des Dolmetschbedarfs gekennzeichnet. Als eine Lösung zur Überwindung von spontanen sprachlichen Hürden kann das TelefondolmetschenTelefondolmetschen eingesetzt werden (vgl. Bischoff & Grossmann 2007). In Österreich wird Telefondolmetschen über Sprachedirekt seit 2009 im medizinischen Setting angeboten (vgl. SpracheDirekt GmbH 2020), während in der Schweiz das Telefondolmetschen seit 2011 vonseiten des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und AOZ eingesetzt wird und stetig steigt (vgl. BAG 2020). Der videobasierte Einsatz hingegen wird in der Schweiz erst seit 2019 eingesetzt und dokumentiert (vgl. Interpret 2019). Aufgrund des hohen Bedarfs ist das video- und audiobasierte Dolmetschen in Deutschland in zahlreichen medizinischen Einrichtungen (vgl. Harrer & Kupfer 2017, Borde 2018) sowie in der medizinischen Beratung zu einer notwendigen Alternative für das Dolmetschen vor Ort geworden. Auf den zunehmenden Einsatz des Ferndolmetschens im GesundheitswesenDolmetschenim Gesundheitswesen hat sogar der größte deutsche Berufsverband für Dolmetschen und Übersetzen mit Empfehlungen in Form eines Positionspapiers reagiert (vgl. Bundesverband der Übersetzer und Dolmetscher – BDÜ 2018). Der Forschungsstand zum video- und telefonvermittelten Dolmetschen im DACH-Raum hingegen ist noch gering1.

Der Überbegriff Ferndolmetschen oder auch Teledolmetschen (engl. remote interpreting) umfasst sowohl das audio- als auch das videobasierte Dolmetschen.FerndolmetschenRealisierungsbedingungen Das audiobasierte Dolmetschen ohne visuelle Hinweise zur gedolmetschten Gesprächssituation ist primär in Form des Telefondolmetschens (engl. telephone interpreting, over-the-phone interpreting) bekannt2. Das TelefondolmetschenTelefondolmetschen, als älteste Form des Ferndolmetschens, ist aufgrund seiner weiten Verbreitung und einfachen Handhabung, bei der nur minimale technische Voraussetzungen erforderlich sind, flexibel einsetzbar. Folglich wurde der erste Telefondolmetschdienst bereits 1973 in Australien (vgl. Ozolins 1991), später in den USA und Großbritannien (vgl. Ozolins et al. 1999, Ko 2006) eingeführt und ist bis heute in den öffentlichen Einrichtungen dieser Länder etabliert.

Langer & Wirth (2014) untersuchten den Einsatz des Telefondolmetschens in einer deutschen Kinderklinik im Rahmen einer Pilotstudie mittels quantitativer Fragebogenbefragung (2010–2011). Dabei wurde die Zufriedenheit bzw. das Interesse an einer Telefondolmetschung erhoben (n=479). Obwohl das medizinische Personal mit der spontanen Verfügbarkeit und die befragten Eltern mit der hohen Kommunikationsqualität durch das Telefondolmetschen zufrieden waren, gaben nur 8,7 % der Befragten konkretes Interesse am Telefondolmetschen an. Dabei kann das Telefondolmetschen im Vergleich zum Dolmetschen vor Ort den Einsatz von qualifizierten Dolmetscher:innen ermöglichen, die nicht nur die sprachliche Verständigung gewährleisten, sondern auch die Einhaltung der Therapie unterstützen und dazu beitragen können, dass Untersuchungen und lange Aufenthalte in medizinischen Einrichtungen vermieden werden (vgl. Langer & Wirth 2014:279).

Bedingt durch die starken Migrationsbewegungen in den Jahren 2015 und 2016 war die medizinische Versorgung in Deutschland sowie die damit verbundene notwendige sprachliche Verständigung, mitunter auch wegen der unklaren Kostenübernahme, überlastet. In der Erstversorgung der Migrant:innen wurden unterschiedliche Lösungsstrategien zur Bewältigung der SprachbarrierenSprachbarriere eingesetzt. Neben dem Dolmetschen vor Ort wurden in zeitknappen Situationen sowie nachts das Videodolmetschen und webbasierte Übersetzungsprogramme eingesetzt (vgl. Heer 2016:336).

In zehn ErstaufnahmeeinrichtungenDolmetschenim Gesundheitswesen Hamburgs wurde neben dem Dolmetschen vor Ort auch das Videodolmetschen eingesetzt. Die Studie von Mews et al. (2017) zur ambulanten Versorgung in Hamburg zeigt anhand einer quantitativen Querschnittserhebung wie unterschiedlich die Strategien zur Bewältigung der sprachlichen Barrieren ausfallen können. Niedergelassene Ärzt:innen (n=178) gaben in der Onlinebefragung an, dass sprachliche Probleme in medizinischen Gesprächssituationen mehrheitlich über Familienangehörige (n=94), bzw. auch über die Fremdsprachenkenntnisse der Praxisangestellten (n=59), den Einsatz nonverbaler Kommunikation (n=40) sowie mit Übersetzungsapps oder anderen technischen Mitteln (n=14) gelöst werden (vgl. Mews et al. 2017:463). Der Einsatz von Videodolmetschen wäre für 61 % der befragten Ärzt:innen (n=108) vorstellbar, auch wenn datenschutzrechtliche Bedenken bestehen.

Derzeit sind in Deutschland qualifizierte Sprach- und Integrationsmittler:innenDolmetschenals Sprach- und Integrationsmittlung telefon- und videobasiert in medizinischen und sozialen Einrichtungen über den Verein SprInt gemeinnützige eGenossenschaft im Einsatz (vgl. SprInt 2020, siehe auch Iacono in diesem Band). Die angestellten Sprach- und Integrationsmittler:innen arbeiten in eigens dafür eingerichteten internen DolmetschhubsFerndolmetschenDolmetschhubs (vgl. Havelka 2018a). Mit den pandemiebedingten Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Covid-19-Virus wurden neben dem Video- und Telefondolmetschen auch Mehrpunktschaltungen zwischen drei Standorten durchgeführt. Aufgrund der alltäglichen Sprachbarrieren im medizinischen Setting wird in Deutschland und Österreich auch der Telefondolmetschdienst Triaphon gemeinnützige UG (vgl. Triaphon 2020) angeboten. Das Konzept der Sprachmittlung im medizinischen Setting basiert jedoch auf überwiegend nicht professionellen, ehrenamtlich tätigen Zweisprachigen.

Aus Österreich stammen zwei Primärstudien zum VideodolmetschenVideodolmetschen im Gesundheitswesen.Dolmetschenim Gesundheitswesen

Korak (2010) beschreibt die Machbarkeit des Skype-Dolmetschens in einem österreichischen Landeskrankenhaus. Die qualitative Untersuchung umfasst die leitfadengestützte Befragung von Dolmetscher:innen und Ärzt:innen. Das österreichische Pilotprojekt „Videodolmetschen im Gesundheitswesen“ (2013–2014) untersuchte, inwiefern sprachliche Barrieren in medizinischen Gesprächssituationen durch professionelle Videodolmetscher:innen abgebaut werden können. Am Pilotprojekt nahmen elf österreichische Gesundheitseinrichtungen teil. Die dolmetschwissenschaftliche Untersuchung (vgl. Havelka 2018b) zeigte anhand einer Analyse von fünf authentischen Videodolmetschungen sowie einer Befragung der Dolmetscher:innen, dass das videovermittelte Dolmetschen angepasste Dolmetschstrategien erfordert und vielfache Belastungen für die Dolmetscher:innen verursacht. Nach Ablauf des Pilotprojektes wurde das Videodolmetschangebot über das Unternehmen SAVD Videodolmetschen GmbH (vgl. SAVD 2020) fortgesetzt, das mittlerweile das video- und telefonvermittelte Dolmetschen in zahlreichen sozialen und medizinischen Einrichtungen sowie in Justizanstalten in Österreich und Deutschland anbietet.

In Deutschland sind Ärzt:innen aufgrund des Patientenrechtegesetzes verpflichtet, die sprachliche Verständigung im Rahmen ihrer Aufklärungspflicht gegenüber Patient:innen zu sichern. Bei sprachlichen BarrierenSprachbarriere ist jedoch die Kostenlast für die Dolmetschung nicht geklärt. Als Konsequenz dieser Ungewissheit und des allgemeinen strukturellen Mangels an professionellen Dolmetscher:innen im Gesundheitswesen werden zweisprachige Angehörige der Patient:innen oder nicht-medizinisches Krankenhauspersonal im Patient:innengespräch für die Dolmetschung eingesetzt. Dabei könnte das Video- und Telefondolmetschen eine Alternative für das Dolmetschen vor Ort darstellen. Die von Langer & Wirth (2014) vorgeschlagene Implementierung eines strukturellen Dolmetschangebots als Teil der notwendigen Gesundheitsversorgung bleibt weiterhin aktuell.

3.2 GerichtDolmetschenbei Gericht und Behörden

In Einwanderungsländern wie den USA, Australien und Großbritannien ist das audio- und videobasierte Dolmetschen in Behörden und Gerichten zu einem großen Teil etabliert. Als Folge des hohen Mobilitätsgrades innerhalb der Europäischen Union sehen sich die Gerichte mit einer ständig wachsenden Zahl mehrsprachiger Verfahren konfrontiert, die Anhörungen erfordern (vgl. van der Vlis 2012:15). Die Richtlinie 2010/64 EU des Europäischen Parlamentes und des Rates über das Recht auf Dolmetschleistungen und Übersetzungen in Strafverfahren ermöglicht den Einsatz von internet-, audio- und videobasierten Kommunikationstechnologien in europäischen Gerichten, solange die Unmittelbarkeit des Verfahrens gewährleistet ist. Anders als beim Dolmetschen in medizinischen Settings ist in strafrechtlichen Verfahren die für die Betroffenen kostenfreie Bereitstellung von Dolmetscher:innen gesetzlich vorgesehen (vgl. Kadrić 2019:26).

Beim videovermittelten DolmetschenVideodolmetschen (engl. video-mediated interpreting) werden über die synchrone Übermittlung von Ton und BildFerndolmetschenRealisierungsbedingungen sowohl auditive als auch visuelle Daten der Gesprächssituation übertragen. Je nach Standort der DolmetscherIn beim Dialogdolmetschen wird daher zwischen Videokonferenzdolmetschen (engl. videoconference interpreting) und Videodolmetschen (engl. remote interpreting via video link) unterschieden (vgl. Braun & Taylor 2012:32f.). Im Rahmen der Videokonferenzschaltung im Gerichtswesen befinden sich zumindest eine Gesprächsbeteiligte bzw. ein Gesprächsbeteiligter und der/die DolmetscherIn an einem gemeinsamen Standort, z.B. im Gerichtssaal oder in der Justizanstalt, während sich mindestens eine weitere Gesprächsbeteiligte bzw. ein Gesprächsbeteiligter an einem zweiten Standort befindet.

Ursprünglich wurde der Einsatz von Videokonferenzschaltungen zum Schutz von gefährdeten Opfern eingesetzt, um eine Konfrontation im Gericht zu vermeiden. Der Einsatz von Fernkommunikation schafft neue Möglichkeiten, z.B. können potenzielle Fluchtgefahren und Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Überstellung von Gefangenen minimiert werden (vgl. van der Vlis 2012:12). Insgesamt hat sich der Zugang zur Justiz durch den TechnikeinsatzTechnologieEinsatz in Form von Gerichtssaaltechnologie, Videokonferenzanlagen und des elektronischen Rechtsverkehrs (elektronischer Akt) gewandelt. Diese technischen Maßnahmen ermöglichen eine Effizienzsteigerung in Gerichtsverfahren bei gleichzeitiger Kosten- und Zeitersparnis (vgl. Koulu 2018:6).

In Deutschland und Österreich sind GerichteDolmetschenbei Gericht mit Videokonferenzanlagen ausgestattet, um die Zuschaltung von Zeug:innen, Sachverständigen oder Angeklagten aus einer anderen Justizanstalt, Stadt oder einem anderen Land in den Gerichtssaal zu ermöglichen. Bis März 2011 wurden in allen österreichischen Gerichten, Staatsanwaltschaften und Justizanstalten Videokonferenzeinrichtungen für länderübergreifende und nationale Verfahren eingerichtet. Seit ihrer Einführung steigt die Zahl der VideokonferenzschaltungenFerndolmetschenVideokonferenzdolmetschen in Österreich kontinuierlich. Während im Jahr 2008 gerade einmal 47 länderübergreifende und 166 inländische Zuschaltungen vermerkt wurden, waren es im Jahr 2019 bereits 501 länderübergreifende und 4016 inländische Zuschaltungen. Da keine Dokumentation zu den Dolmetscheinsätzen im Rahmen der Videokonferenzschaltungen vorhanden ist, wird der Anteil mit Dolmetscher:innen auf 10–20 % aller Videokonferenzen geschätzt (vgl. Havelka 2018b: 41). Das Videodolmetschen wird hingegen überwiegend in Justizanstalten eingesetzt.

Eine Online-Umfrage (vgl. Havelka 2019a) zum Einsatz österreichischer Gerichtsdolmetscher:innen in Videokonferenzdolmetschungen (n=199) ergab, dass Schwierigkeiten in Bezug auf technische, organisatorische und psychosoziale Aspekte bestehenFerndolmetschenRealisierungsbedingungen (vgl. Johannsen 2002:200). Belastungen durch das videovermittelte Dolmetschen wurden mehrheitlich mit technischen Aspekten wie Akustik und mangelnder Tonqualität verbunden. Weitere Belastungen sind auf soziopsychologische Aspekte aufgrund des fehlenden persönlichen Kontakts zurückzuführen. Der Einsatz erfolgt überwiegend im Rahmen der internationalen Strafrechtverfolgung sowie in strafrechtlichen Verhandlungen bei Haftprüfungen, Verhängung der Untersuchungshaft sowie bei Anhörungen zu bedingten Entlassungen, aber auch während kontradiktorischer Vernehmungen. Auch wenn die videovermittelte Dolmetschung viele Erschwernisse und Belastungen mit sich bringt, überwog insgesamt eine positive Haltung gegenüber der technikgestützten Dolmetschung. Die kleine Stichprobe ist nicht repräsentativ, trotzdem ist aufgrund der Ergebnisse dieser Untersuchung die hohe Anpassungsfähigkeit von Dolmetscher:innen zu erkennen (Havelka 2019a).

Die Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 wDolmetschbedarfpandemiebedingturden im DACH-Raum Anfang März 2020 in nur wenigen Wochen eingeführt. Gerichtsverhandlungen wurden auf ein Minimum reduziert und nur noch für Haft- und unaufschiebbare Verhandlungen zugelassen. Vor diesem Hintergrund kann videovermitteltes Dolmetschen Gerichtsverfahren und damit auch den Zugang zum Recht nicht nur unterstützen, sondern überhaupt erst ermöglichen.

4 Fazit

Angetrieben durch die rasante technologische Entwicklung und begünstigt durch die allgemeine Zugänglichkeit, rückt die technikgestützte Kommunikation immer mehr in den Vordergrund. Die Einbettung der technikgestützten translatorischen ArbeitsprozesseDigitalisierungArbeitsplatz unterliegt den jeweiligen gesellschaftlichen und infrastrukturellen Gegebenheiten und bildet damit die jeweilige technikgestützte Translationskultur eines Landes.

IKT haben in den letzten Jahrzehnten nicht nur das Kommunikationsverhalten, sondern auch die TranslationskulturTranslationskulturtechnikgestützt nachhaltig verändert. Einerseits haben die IKT das technikgestützte Dolmetschen ermöglicht und andererseits bewirken gesellschaftliche Ereignisse einen dynamischen Dolmetschbedarf. Ein Zusammenhang zwischen Migration und Translation (vgl. Inghilleri 2017) ist daher zu erkennen. Je nach Grund für die Migration, ob EU-Freizügigkeit, Anwerbung von Mangelarbeitskräften, Bildungs- und Ausbildungsmigration oder Fluchtzuwanderung (vgl. Hanewinkel & Oltmer 2017:16ff.), sind unterschiedliche Auswirkung auf den translatorischen Markt im DACH-Raum zu erwarten. Personelle, finanzielle und zeitliche Ressourcen können durch TechnikeinsatzTechnologieEinsatz schonend eingesetzt und die Kommunikation allgemein effizienter gestaltet werden. Der TechnikeinsatzTechnologieEffizienzsteigerung ermöglicht auch den Zugang zu professionellen Dolmetscher:innen und kann damit die Dolmetschqualität steigern. Bei dynamischem Bedarf können die translatorischen Arbeitsprozesse mit Ferndolmetschtechnik überbrückt werden. Der Einsatz von Technik bedingt jedoch auch, dass alle Gesprächsbeteiligten verstehen müssen, wie technologische Hilfsmittel für die jeweilige Kommunikationssituation eingesetzt werden können. Allgemeine digitale Kompetenzen sind daher bei allen Gesprächsbeteiligten erforderlich.

Literatur

BAG, Bundesamt für Gesundheit (2020). Telefondolmetschen. Abrufbar unter: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/nationale-gesundheitsstrategien/gesundheitliche-chancengleichheit/interkulturelles-dolmetschen/nationaler-telefondolmetschdienst.html (Stand: 10/12/2020)

Bischoff, Alexander/Grossmann, Florian (2007). Telefondolmetschen – eine Chance zur Überwindung von Sprachbarrieren? Schweiz Ärzteztg 88:3, 102–5.

Borde, Theda (2018). Kommunikation und Sprache. Gynäkologische Endokrinologie 16:1, 3–9.

Braun, Sabine (2004). Kommunikation unter widrigen Umständen? Fallstudien zu einsprachigen und gedolmetschten Videokonferenzen. Tübinger Beiträge zur Linguistik 475. Tübingen: Narr.

Braun, Sabine/Taylor, Judith (2012). Video-Mediated Interpreting: An Overview of Current Practice and Research. In: Braun, Sabine/Taylor, Judith L. (Hrsg.), 27–57.

Braun, Sabine/Taylor, Judith L. (Hrsg.) (2012). Videoconference and Remote Interpreting in Criminal Proceedings. Cambridge: Intersentia.

Bundesverband der Übersetzer und Dolmetscher – BDÜ (2018). POSITIONSPAPIER Zum Telefon- und Videodolmetschen im Gemeinwesen und im Gesundheitswesen. Abrufbar unter: https://bdue.de/fileadmin/files/PDF/Positionspapiere/BDUe_PP_Telefon-_und_Videodolmetschen_im_Gemein-_und_Gesundheitswesen_2018.pdf (Stand: 10/12/2020)

Europäische Union (2018). DigComp: The European Digital Competence Framework. Abrufbar unter: https://ec.europa.eu/jrc/en/digcomp/digital-competence-framework (Stand: 10/12/2020)

Fantinuoli, Claudio (2018a). Computer-Assisted Interpreting: Challenges and Future Perspectives. In: Corpas Pastor, Gloria/ Dúran-Muñoz, Isabel (Hrsg.) Trends in E-Tools and Resources for Translators and Interpreters. Approaches to translation studies Volume 45. Leiden u.a.: Brill Rodopi, 153–174.

Fantinuoli, Claudio (2018b). Interpreting and technology: The upcoming technological turn. In: Fantinuoli, Claudio (Hrsg.) Interpreting and technology. Berlin: Language Science Press, 1–12.

Friebel, Martin/Loenhoff, Jens /Schmitz, H. Walter/Schulte, Olaf A. (2003). „Siehst Du mich?“ – „Hörst Du mich?“ – Videokonferenzen als Gegenstand kommunikationswissenschaftlicher Forschung. kommunikation@gesellschaft (Online Journal) 4.

Hanewinkel, Vera/Oltmer, Jochen (2017). Länderprofil Deutschland 2017. Abrufbar unter: www.bpb.de/gesellschaft/migration (Stand: 10/12/2020)

Harrer, Gerhard/Kupfer, Carola (2017). „Wir schaffen das!“ – Eine Kinderklinik stellt sich der Flüchtlingskrise. Heilberufe 69:12, 42–43. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1007/s00058-017-3155–2 (Stand: 02/12/2020)

Havelka, Ivana (2018a). Handbuch für den Einsatz des Videodolmetschens. Für den internen Gebrauch des SprInt Netzwerkes. Unveröffentlichtes Manuskript.

Havelka, Ivana (2018b). Videodolmetschen im Gesundheitswesen: Dolmetschwissenschaftliche Untersuchung eines österreichischen Pilotprojektes. TRANSÜD. Arbeiten zur Theorie und Praxis des Übersetzens und Dolmetschens 96. Berlin: Frank & Timme.

Havelka, Ivana (2019a). Umfrage zum Dolmetschen mittels Videokonferenzanlagen in der Justiz. Mitteilungsblatt der Gerichtsdolmetscher 2, 18–22.

Havelka, Ivana (2019b). Video- und Telefondolmetschen. In: Kadrić, Mira (Hrsg.), 151–177.

Havelka, Ivana (2020). Videobasiertes Dialogdolmetschen – Grundsätze des Ferndolmetschens. Mitteilungsblatt der Gerichtsdolmetscher 20:1, 10–13.

Heer, Ivo M. (2016). Integrierende Versorgung von Flüchtlingen. Notfall Rettungsmed 19:5, 332–38. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1007/s10049-016-0163–8 (Stand: 10/12/2020)

Inghilleri, Moira (2017). Translation and Migration. New perspectives in translation and interpreting studies. London u.a.: Routledge.

Interpret (2019). Statistiken zum interkulturellen Dolmetschen und Vermitteln. Abrufbar unter: https://www.inter-pret.ch/de/service/statistiken-77.html (Stand: 10/12/2020)

Johannsen, Andreas (2002). Telepräsenz im eLearning: Ein Konzept für das virtualisierte Seminar. Gabler Edition Wissenschaft. Informationsmanagement und Computer Aided Team. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag.

Kade, Otto (1980). Die Sprachmittlung als gesellschaftliche Erscheinung und Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung. 1. Leipzig: VEB Verlag Enzyklopädie Leipzig.

Kadrić, Mira (Hrsg.) (2019). Besondere Berufsfelder für Dolmetscher*innen. Basiswissen Translation. Wien: facultas.

Kadrić, Mira (2011). Dialog als Prinzip: Für eine emanzipatorische Praxis und Didaktik des Dolmetschens. Tübingen: Narr.

Kadrić, Mira (2019). Gerichts- und Behördendolmetschen: Prozessrechtliche und translatorische Perspektiven. Wien: facultas.

Kalina, Sylvia/Ziegler, Klaus (2015). Technology. In: Pöchhacker, Franz/Grbić, Nadja/Mead, Peter/Setton, Robin (Hrsg.) Routledge Encyclopedia of Interpreting Studies. London: Routledge, 410–12.

Ko, Leong (2006). The need for long-term empirical studies in remote interpreting research: a case study of telephone interpreting. Linguistica Antverpiensia. New Series 5: Themes in Translation Studies, 325–338.

Korak, Christina (2010). Remote Interpreting via Skype: Anwendungsmöglichkeiten von VoIP-Software im Bereich Community Interpreting- Communicate everywhere? TransÜD Bd. 30. Berlin: Frank & Timme.

Koulu, Riikka (2018). Law, Technology and Dispute Resolution: The Privatisation of Coercion. Law, Science and Society Ser. Milton: Routledge.

Langer, Thorsten/Wirth, Stefan (2014). Einsatz von Telefondolmetschern zur Überwindung von Sprachbarrieren – erste Erfahrungen in einer deutschen Kinderklinik. [Overcoming language barriers with telephone interpreters: first experiences at a German children's hospital]. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen 108:5–6, 278–282.

Mews, Claudia/Pruskil, Susanne/Kloppe, Thomas/Wilsdorf, Sandra/Scherer, Martin (2017). Einsatz von Videodolmetschen in der ambulanten Versorgung in Hamburg – eine Bedarfsanalyse. Z Allg Med 93:11, 461–65.

Moser-Mercer, Barbara (2003). Remote interpreting: Assessment of human factors and performance parameters. Joint project International Telecommunication Union (ITU)-École de Traduction et d’Interpretation, Université de Genève (ETI) Barbara Moser-Mercer. Abrufbar unter: https://aiic.net/page/1125/remote-interpreting-assessment-of-human-factors-and-pe/lang/1 (Stand: 20/04/2020)

Moser-Mercer, Barbara (2005): Remote Interpreting: Issues of Multi-Sensory Integration in a Multilingual Task. In: META 50(2), 727–738.

Mouzourakis, Panayotis (2003). That feeling of being there: Vision and presence in remote interpreting. Abrufbar unter: http://aiic.net/p/1173 (Stand: 08/05/2020)

Ozolins, Uldis (1991). Interpreting and translating language policy: Report to the Language and Society Centre, National Languages Institute of Australia. NLIA Occasional Paper No. 3. Unveröffentlichtes Manuskript.

Ozolins, Uldis/Pointon, Tom/Doucouliagos, Chris (1999). The market for telephone interpreting services in Australia. Economic Papers: A journal of applied economics and policy 18:1, 83–94. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1111/j.1759–3441.1999.tb00211.x (Stand: 02/12/2020)

Platter, Judith (2019). Schriftdolmetschen. In Kadrić, Mira (Hrsg.), 117–149.

Romero-Fresco, Pablo (2019). Respeaking: Subtitling through speech recognition. In: Pérez-González, Luis (Hrsg.) The Routledge handbook of audiovisual translation. London u.a.: Routledge, 96–112.

SAVD (2020). SAVD Videodolmetschen GmbH. Abrufbar unter: https://www.savd.at/?lang=en (Stand: 21/12/2020)

SpracheDirekt GmbH (2020). Abrufbar unter: https://sprachedirekt.at/ (Stand: 18/07/2020)

SprInt (2020). SprInt gemeinnützige eG. Abrufbar unter: https://www.sprachundintegrationsmittler.org/telefondolmetschen-videodolmetschen/ (Stand: 14/07/2020)

Triaphon (2020). Triaphon gemeinnützige UG (haftungsbeschränkt). Abrufbar unter: https://triaphon.org/ (Stand: 13/07/2020)

Universität Mainz (2019–2021). Turn-Taking und Verständnissicherung beim Telefondolmetschen Arabisch-Deutsch (2019–2021): Arbeitsbereich Interkulturelle Kommunikation. Abrufbar unter: https://ikk.fb06.uni-mainz.de/forschung/laufende-drittmittelprojekte/laufende-drittmittelprojekte-tedo/ (Stand: 18/07/2020)

van der Vlis, Evert-Jan (2012). Videoconferencing in Criminal Proceedings. In: Braun, Sabine/Taylor, Judith (Hrsg.), 11–26.

Barrierefreie Kommunikation – Aspekte der Professionalisierung im DACH-Raum

Judith Platter

Abstract: Seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention und der in den einzelnen Ländern ergangenen Rechtsakte zu deren Umsetzung hat das Schlagwort Barrierefreiheit in viele Bereiche Einzug gehalten, auch in die Translationswissenschaft und deren Berufspraxis. In Folge neuer Anforderungen im Bereich Kommunikation entstanden translatorische Betätigungsbereiche, mit dem Ziel, Kommunikationsbarrieren in unterschiedlichsten Gesellschaftsbereichen und Kulturen abzubauen und die Inklusion bzw. Integration von Menschen mit unterschiedlichen Sinnes- oder kognitiven Beeinträchtigungen, Sprachkenntnissen und Leistungsfähigkeiten zu gewährleisten. Im vorliegenden Beitrag werden anhand ausgewählter Parameter, die im Rahmen der Professionalisierungsmodelle von translatorischen Betätigungsfeldern erhoben wurden, die Rahmenbedingungen für „barrierefreie“ Translationsformen – konkret Gebärdensprachdolmetschen, Schriftdolmetschen und Leichte Sprache – im DACH-Raum beschrieben. Damit soll veranschaulicht werden, in welchem Umfang und Detailliertheitsgrad diese translatorischen Anwendungsbereiche in geltenden Rechtsvorschriften verankert sind und inwiefern Translator:innen in diesem Sinne mit einer Grundlage für ihre Tätigkeit, etwaig verankerten Vergütungstarifen, anerkannten und akademischen Ausbildungsmöglichkeiten und sich einer möglicherweise daraus ergebenden Sensibilisierung der Allgemeinheit gegenüber ihrer Tätigkeit rechnen können.

1 Grundlagen und Elemente der Bestandsaufnahme zur Professionalisierung

Ausgangspunkt für die vorliegende Analyse sind Elemente und Entwicklungsabläufe soziologischer und translationssoziologischer Professionalisierungsmodelle. In diesen werden Zusammenhänge und Wechselbeziehungen von berufsausübenden Translator:innen, ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmenden Akteur:innen unterschiedlicher Art – etwa Vermittlungsinstitutionen, Auftraggeber:innen, Rezipient:innen der Dienstleistung selbst, Entscheidungsträger:innen und Interessensvertreter:innen auf politischer Ebene – beleuchtet. Am Ende eines ProfessionalisierungsprozessesProfessionalisierung steht dabei aus soziologischer Sicht die Weiterentwicklung einer Tätigkeit zu einem Beruf, der über Ansehen, organisatorische Strukturen, berufsspezifische Attribute und Eigenschaften sowie soziales Renommee verfügt, sodass die ihn ausübenden Personen ausreichendes Interesse daran haben, sich berufsspezifisch fortzubilden, im erarbeiteten BerufsbildTranslationals Berufsbild auch weiterhin tätig zu sein und daraus auch genügend finanzielle Mittel generieren können. Dabei bedienen sich die Modelle Elementen sowohl der „trait theory“ als auch der „theory of control“ (vgl. Pym et al. 2012:80). Im Rahmen der „trait theory“ werden in erster Linie Eigenschaften und Gegebenheiten von in der Berufspraxis tätigen Translator:innen untersucht: Dies sind beispielsweise die Einhaltung eines Verhaltenskodex, das Bestehen von theoretischem Grundwissen, die Eintragung oder Zertifizierung von Translator:innen und die Loyalität gegenüber Kolleg:innen. Die „theory of control“ knüpft wiederum das entstehende Berufsbild an den Arbeitsmarkt, die Gesellschaft und Institutionen an.

Mikkelson definiert translationssoziologisch in ihrem Beitrag über das Community Interpreting bereits unterschiedliche Stadien der Anerkennung im US-amerikanischen Raum und stellt insofern fest, dass das Gerichtsdolmetschen als Teil des Community InterpretingCommunity Interpreting „is just beginning to emerge as a recognized profession […], albeit with obvious growing pains, other types of community interpreting are far behind“ (Mikkelson 1996:88). Witter-Merithew und Johnson fokussieren in ihrer Analyse der Sign Language Interpreter auf ein Professionalisierungskontinuum von marginalized professions, über emerging professions bis hin zu fully professionalized professions, indem sie die Gebärdensprachdolmetscher:innen in den Vereinigten Staaten in etwa auf dieselbe Stufe wie Lehrer:innen, Sozialarbeiter:innen, Krankenpfleger:innen sowie Rehabilitiationstherapeut:innen setzen (Witter-Merithew & Johnson 2004). Sie empfehlen diesbezüglich, dass für die ProfessionalisierungProfessionalisierung berufspraktische Gruppierungen, die Abgrenzung von Kompetenzdefinitionen, klare Ausbildungs- und Mindestanforderungen für die BerufsausübungTranslation und die Bildung einer größeren Community umzusetzen seien. Tseng untersucht in seinem Professionalisierungsmodell das Berufsbild der Konferenzdolmetscher:innen in Taiwan vor dem Hintergrund vierer Professionalisierungsphasen. Phase I ist dabei von undurchsichtigen Marktkräften, einer hohen Fluktuationsrate und einem ständigen Wettbewerb unter den tätigen Translator:innen geprägt und es kann auch der Fall sein, dass die Tätigkeit ausübende Personen ohne berufsrelevante Vorbildung in die Berufspraxis starten. Es gibt in dieser Phase bereits Ausbildungsinstitutionen: Diese tragen einerseits zu einer stärkeren Kohäsion bei, buhlen aber andererseits auch um Absolvent:innen, was wiederum den Mitbewerb unter den Translator:innen negativ beeinflussen könnte. In Phase II gibt es klarere Ziele für Ausbildung und Berufsentwicklung, die Qualität von AusbildungsprogrammenAusbildungpraxisorientiert nimmt zu, sodass diese den Anforderungen der Berufspraxis zunehmend besser entsprechen. Der Fokus der erbrachten translatorischen Dienstleistung verlagert sich zunehmend auf die Qualität. In dieser Phase II unterstützen Ausbildungsinstitutionen die Entwicklung von Berufsverbänden, denen beim Übergang zu Phase III eine Schlüsselrolle zukommt (Tseng 1992:48). Phase III kennzeichnet sich durch die Entstehung formaler Netzwerke, eine bessere Zusammenarbeit unter den Translator:innen als gleichwertige Kolleg:innen sowie eine Präzisierung in den BerufsbildernTranslationals Berufsbild, sodass Verhalten und Auftreten der gesamten Berufsgruppe genauer definiert werden können. Durch entstandene Berufsverbände ist eine Zugangskontrolle zum Beruf möglich: Dies wiederum ist für die Anerkennung des Berufsbildes und für das Engagement von Berufsverbandsmitgliedern förderlich. In diesem Sinne werden berufsethische Standards formuliert, es findet ebenso Öffentlichkeitsarbeit zu Gunsten des Berufsbildes statt. Schlussendlich können in Phase IV die BerufsverbändeBerufsverband im Anschluss an erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit die rechtliche Anerkennung und etwaige Genehmigungsverfahren beeinflussen – das Ergebnis wären klare, formalisierte ethische Standards und eine geeignete Zugangskontrolle für Personen, die den entsprechenden Beruf ausüben möchten. Damit können Kund:innen und Öffentlichkeit von der Professionalität der tätigen Translator:innen überzeugt und ein BerufsschutzBerufsschutz auf rechtlicher Basis umgesetzt werden. Ju adaptiert das Professionalisierungsmodell nach Tseng vor allem im Hinblick auf die Zusammenarbeit spezifischer Institutionen und ergänzt diese um Professional Conference Organisers (PCOs), denen sie eine besondere Bedeutung in den Beziehungen zwischen Auftraggeber:innen bzw. die Sprachdienstleistung in Anspruch nehmenden Rezipient:innen und ausführenden Translator:innen beimisst. PCOs, also Sprachdienstleistungsunternehmen, Vermittlungsinstanzen und Agenturen, können als Vermittler in der Berufspraxis agieren und die Kosten bei der Suche nach qualifizierten und geeigneten Translator:innen verringern. Ebenso unterstreicht sie, dass Zertifizierungsmaßnahmen „have played an important role in the process of professionalization“ (Ju 2009:120); öffentlichen Einrichtungen – in Jus Analyse handelt es sich hierbei um das Bildungsministerium – und Ausbildungseinrichtungen auf akademischer Ebene kommt ebenso eine Schlüsselrolle zu.

Tseng und Ju definieren ihrerseits auch sogenannte ProfessionalisierungshindernisseProfessionalisierungProfessionalisierungshindernis, also Faktoren, die einer progressiven Professionalisierung eines Berufsbildes zuwiderlaufen können – darunter verstehen sich Uneindeutigkeiten bei der Berufsbezeichnung, das Fehlen eines systematisch aufbereiteten und gesammelten Wissens in Bezug auf den Beruf, falsche Vorstellungen der Öffentlichkeit und somit potentieller Rezipient:innen oder Auftraggeber:innen über das Berufsbild selbst und die entsprechenden Aufgaben und Kompetenzen sowie die fehlende Sensibilisierung von Kund:innen betreffend die Suche qualifizierter Translator:innen. Im Umkehrschluss ergeben sich aus den genannten Modellen und deren unterschiedlichen Darstellungsformen – ob mittels Kontinuum oder Phasen – grundlegende Parameter der Professionalisierung, die die Entwicklung von einzelnen Translator:innen hin zu einer Berufsgemeinschaft, deren Tätigkeit gesellschaftlich als gewinnbringend anerkannt wird, kennzeichnen: rechtliche Rahmenbedingungen sowie damit einhergehender SchutzBerufsschutz des beruflichen Tätigkeitsgebietes, aktive Berufsverbände, von den Berufsausübenden gelebte Berufs- und Ehrenordnungen, möglichst einheitliche Definitionen der beruflichen Aufgabenbereiche, Vermittlungsinstanzen sowie, soweit möglich, akademische Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Pym konstatiert in seiner Forschung zu den translationssoziologischen Untersuchungen eine starke Fokussierung auf den US-amerikanischen bzw. chinesischen Raum (Pym et al. 2012:80f.), aber auch eine allgemeine Übertragbarkeit der von Witter-Merithew und Johnson formulierten Empfehlungen auf Translator:innen (ibid.) allgemein; dasselbe trifft auf Tseng zu: „It is relevant to the development of the translation profession in general“. Er schlussfolgert darüber hinaus, dass translatorische Berufsbilder durch eine „prevalence of part-time work or multitasking“ (Pym 2013:10) definiert seien. Viele Segmente befänden sich an der Schwelle zwischen Phase I – Market Disorder – und Phase II – Consensus und Commitment. Das Schlagwort „Barrierefreiheit“ oder entsprechende Berufsbilder treten in seiner Bestandsanalyse noch nicht auf.

2 Barrierefreie Kommunikationsformen – rechtliche Grundlagen und Definitionen

Rechtliche Rahmenbedingungen im Kontext der ProfessionalisierungProfessionalisierungrechtliche Rahmenbedingungen zeigen sich in drei Einflussgrößen. So gibt es den allgemeinen Rechtsrahmen, der barrierefreien Kommunikationsformen zu Grunde liegt und in erster Linie die Anspruchsberechtigung von entsprechenden Rezipient:innen regelt, indem sich daraus konkret der Anspruch auf barrierefrei zugängliche Informationen (u.a. Mälzer 2016, Helmle 2017:39, Maaß 2018:273) ableiten lässt. Auf einer zweiten Ebene finden sich rechtliche Regelungen zur Förderung bzw. finanziellen Unterstützung von barrierefreien KommunikationsformenBarrierefreie Kommunikation. Zu guter Letzt können in diesem Zusammenhang auch Regelungen und Schriftstücke erwähnt werden, die der Berufspraxis konkret zu Grunde liegen. Rechtliche Rahmenbedingungen dienen insofern als Dreh- und Angelpunkt in allen Phasen der Professionalisierungsmodelle – zum einen sind sie die Grundvoraussetzung für die Erreichung der höchstmöglichen Professionalisierungsstufe, zum anderen schützen sie Berufspraxis und Berufsbild – also den Beruf an sich, indem sie den Zugang zur Ausübung entsprechender Tätigkeiten regeln und die Absolvierung einer entsprechenden Ausbildung seitens der Interessent:innen attraktiv machen (u.a. Mikkelson 1996, Pym et al. 2012, Witter-Merithew & Johnson 2004, Platter 2015). Die entsprechenden Rechtsakte sind Bezugsquelle aller in den Professionalisierungsmodellen genannten Akteur:innen und Institutionen (u.a. ÖSB 2020, ÖGLB 2020, DSB 2018, DGB 2020, Inclusion Handicap – Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz 2017, BMSGPK 2020, SMS 2019, BMAS 2016, SGB-FSS 2020, BSD 2020, ÖSDV 2020, Netzwerk Leichte Sprache 2020, Capito 2020, Procom 2020, Sonos 2020), wenngleich sie nicht immer im selben Detailliertheitsgrad genannt werden und die begriffliche Eindeutigkeit in der Benennung von translatorischen DienstleistungenTranslationals Sprachdienstleistung zur Barrierefreiheit ebenso nicht durchgängig gegeben ist.

2.1 Die internationale Ebene

Das Konzept der Barrierefreiheit ist auf mehrere Rechtsakte zurückzuführen; zum einen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948, zum anderen das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung, Convention of the United Nations on the rights of persons with disabilities (UNCRPD). Letztere wurde am 13. Dezember 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und trat am 03. Mai 2008 in Kraft. In der amtlichen, gemeinsamen Übersetzung von Deutschland, Österreich, Schweiz und Lichtenstein (sic!) (UN-BRK 2006) werden in den allgemeinen Grundsätzen (Artikel 3) nebst der Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde, seiner individuellen Autonomien, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie seiner Unabhängigkeit die Chancengleichheit und die Zugänglichkeit genannt, welche unmittelbar in das Konzept der Barrierefreiheit im Sinne der Kommunikationsoptimierung zur Überwindung von Sinnes-, Fach-, Kultur-, Kognitions-, Sprach- und Fachsprachenbarrieren (Schubert 2016) einfließen. Spezielle Erwähnung finden im Rechtsakt ebenso die Begrifflichkeiten „Kommunikation“ und „Sprache“ (Artikel 2).


[…] „Kommunikation“ [schließt im Sinne dieses Übereinkommens] Sprachen, Textdarstellung, Brailleschrift, taktile Kommunikation, Großdruck, leicht zugängliches Multimedia sowie schriftliche, auditive, in einfache Sprache übersetzte, durch Vorleser zugänglich gemachte sowie ergänzende und alternative Formen, Mittel und Formate der Kommunikation, einschließlich leicht zugänglicher Informations- und Kommunikationstechnologie, ein; „Sprache“ [schließt] gesprochene Sprachen sowie Gebärdensprachen und andere nicht gesprochene Sprachen ein.

Tab. 1:

Definition der Termini „Kommunikation“ und „Sprache“ nach UN-BRK (Hervorhebungen im Original)

In weiterer Folge wird der Begriff „Zugänglichkeit“ in Artikel 9 im Sinne eines gleichberechtigten Zuganges nicht nur zur physischen Umwelt definiert, sondern auch zu Information und Kommunikation, im Zusammenhang mit Informations- und Kommunikationstechnologien sowie -systemen. Es werden in dieser Hinsicht genauer Beschilderungen in Brailleschrift und in leicht lesbarer und verständlicher Form (Artikel 9 d), menschliche Mittelspersonen, professionelle Gebärdensprachdolmetscher:innen (Artikel 9 e) sowie andere geeignete Formen der Hilfe und Unterstützung zur Gewährleistung des Zugangs zu Informationen (Artikel 9f) genannt.

Nebst der genannten Zugänglichkeit von Informationen und Informationssystemen finden sich im Übereinkommen auch noch gesonderte Bestimmungen zur Umsetzung des Rechts der freien Meinungsäußerung, der Meinungsfreiheit und des Zugangs zu Informationen (Artikel 21): Auch hier wird erneut auf translatorische Betätigungsbereiche eingegangen, wobei ebenso unterstrichen wird, dass den entsprechenden Nutzer:innen alle von ihnen gewählten Formen der Kommunikation im Sinne des Artikels 2 ohne zusätzliche Kosten in zugänglichen Formaten und Technologien – je nach Eignung entsprechend der Art der Behinderung –, die Verwendung von Gebärdensprachen, Brailleschrift, ergänzenden und alternativen Kommunikationsformen und allen sonstigen selbst gewählten zugänglichen Mitteln, Formen und Formaten der Kommunikation zu gewährleisten sind. Es wird darüber hinaus auch noch darauf hingewiesen, dass die Verwendung von Gebärdensprachen anzuerkennen und zu fördern ist (Artikel 21 e).

Ein weiterer Abschnitt ist dem Bereich Bildung gewidmet (Artikel 24). Auch in diesem wird darauf hingewiesen, dass Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung zu leisten ist, um eine erfolgreiche Bildung zu ermöglichen – insofern sollten die Mitgliedsstaaten des Übereinkommens das Erlernen der Brailleschrift, der Gebärdensprache oder alternativer Schrift, ergänzender und alternativer Formen, Mittel und Formate der Kommunikation erleichtern und die sprachliche Identität der Gehörlosen fördern. An dieser Stelle wird ein weiteres Mal betont, dass Kommunikationsmittel und Kommunikationsformen für den Einzelnen unterschiedlich gut geeignet sein können und insofern die Wahl auf das am besten geeignete zu fallen hat. Artikel 30 wiederum widmet sich der Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport, wobei in Abschnitt 4 erneut unterstrichen wird, dass die kulturelle und sprachliche Identität von Menschen mit Behinderungen anzuerkennen und zu unterstützen ist und geeignete Maßnahmen zu treffen sind, um sicherzustellen, dass die Möglichkeit zur Organisation, Entwicklung und Teilnahme an Sport- und Erholungsaktivitäten besteht.

Es ist also an mehreren Stellen ersichtlich, dass der Status der Gebärdensprachen und der entsprechenden professionellen Translator:innen zum Zeitpunkt der Erstellung des Dokumentes in den späten 2000er-Jahren bereits derart gestärkt war, dass mit den Begrifflichkeiten „Gebärdensprache“ und „gehörlos“ in der vorhandenen Exaktheit agiert werden konnte und die Begriffe sieben bzw. drei Mal in dem insgesamt 42 Seiten umfassenden Dokument erwähnt wurden.1 Der Rechtsakt selbst ist als Übersetzung in Leichte Sprache unter dem Titel Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, Erklärt in Leichter Sprache verfügbar (Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen 2019).

Der Terminus „Barrieren“ findet sich im Dokument insgesamt vier Mal – der Terminus „Barrierefreiheit“ selbst findet sich explizit in der Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Angleichung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen (EU) 2019/882, auch European Accessibility Act (EAA) genannt. Bereits in dem Vorschlag zur Richtlinie aus dem Jahr 2015 heißt es dazu wie folgt:

Barrierefreiheit bedeutet, dass Hindernisse bei der Nutzung gängiger Produkte und Dienstleistungen beseitigt werden bzw. gar nicht erst entstehen. Sie ermöglicht es Menschen mit funktionellen Einschränkungen, darunter auch Menschen mit Behinderungen […], solche Produkte und Dienstleistungen ebenso wie andere Menschen wahrzunehmen, zu bedienen und zu verstehen. (COM/2015/0615 final – 2015/0278 (COD))

In der Richtlinie selbst wird in Bezug auf Barrierefreiheit detailliert definiert, dass etwa Ferndienstleistungen möglich sind. Eine konkrete Nennung der Begrifflichkeiten „Schriftdolmetschen“ oder „Leichte Sprache“ findet sich nicht, es wird aber in Anhang I (Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen, Abschnitt IV) explizit festgeschrieben, dass Folgendes zu gewährleisten ist:

i) Bereitstellung von Text in Echtzeit zusätzlich zur Sprachkommunikation;

ii) wenn Video bereitgestellt wird, zusätzlich zur Sprache Bereitstellung von Gesamtgesprächsdiensten;

iii) Gewährleistung, dass Notrufkommunikation über Sprache, Text (einschließlich Text in Echtzeit) synchronisiert ist und – sofern Video bereitgestellt wird – auch als Gesamtgesprächsdienst synchronisiert ist und von den Anbietern elektronischer Kommunikationsdienste an die am besten geeignete Notrufabfragestelle übermittelt wird. (RL 2019/882)

Im direkt daran anschließenden Unterpunkt zur Zugänglichkeit zu audiovisuellen Mediendiensten wird Folgendes eingefordert:

ii) Gewährleistung, dass die Barrierefreiheitskomponenten (Zugangsdienste) der audiovisuellen Mediendienste wie Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige, Audiodeskription, gesprochene Untertitel und Gebärdensprachdolmetschung, vollständig, in für eine korrekte Anzeige angemessener Qualität und audio- und videosynchronisiert gesendet werden und dem Nutzer ermöglichen, ihre Anzeige und Verwendung selbst zu regeln. (RL 2019/882)

Des Weiteren gibt es auch noch einen Abschnitt mit indirekter Bezugnahme auf Schriftdolmetschleistungen, wenn bei Nutzung bei fehlendem oder eingeschränktem Hörvermögen eingefordert wird, dass das Produkt oder die Dienstleistung im Falle auditiver Bedienungsformen mindestens eine Bedienungsform aufweisen muss, die kein Hörvermögen erfordert bzw. durch eine erweiterte Audiofunktion auch mit eingeschränktem Hörvermögen nutzbar ist (ibid.).

2.2 Die nationale Ebene – Gesetze zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Auf nationaler Ebene erfolgte die Umsetzung der in der Richtlinie vorgegebenen EU-Bestimmungen im österreichischen Bundesgesetz über die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz, BGStG): In diesem wird der Begriff der Barrierefreiheit vier Mal erwähnt und definiert. Hierbei zeigt ein Vergleich mit dem seit 2002 geltenden deutschen Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (Behindertengleichstellungsgesetz, BGG), dass letzteres etwas detaillierter ist.


(5) Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Hierbei ist die Nutzung behinderungsbedingt notwendiger Hilfsmittel zulässig.

Tab. 2:

Detailliertheitsgrad des Terminus „Barrierefrei“ im Ländervergleich Österreich (BGStG) – Deutschland (BGG) (Hervorhebungen seitens der Autorin)

Im BGG folgt auf die Definition der Barrierefreiheit ein eigener Paragraph zur Gebärdensprache und Kommunikation von Menschen mit Hör- und Sprachbehinderungen (Paragraph 6), und die Begrifflichkeit der Hörbehinderung wird genauer mit gehörlos, ertaubt oder schwerhörig definiert, was im österreichischen Gesetzestext nicht der Fall ist. Zwar wird im deutschen Gesetzestext der Terminus „Dolmetscher:innen“ nicht erwähnt – im österreichischen Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz ist das der Fall, allerdings in einem anderen Zusammenhang, nämlich dem der Schlichtung, bei der solche beizuziehen sind – es ist aber von geeigneten Kommunikationshilfen die Rede:

(3) Menschen mit Hörbehinderungen (gehörlose, ertaubte und schwerhörige Menschen) und Menschen mit Sprachbehinderungen haben nach Maßgabe der einschlägigen Gesetze das Recht, die Deutsche Gebärdensprache, lautsprachbegleitende Gebärden oder andere geeignete Kommunikationshilfen zu verwenden. (BGStG, Paragraph 6)

In Paragraph 9 wird des Weiteren ganz explizit das Recht auf Verwendung der Gebärdensprache und anderer Kommunikationshilfen unterstrichen und ebenso betont, dass letztere berechtigten Personen kostenfrei zur Verfügung zu stellen sind.

Das in Deutschland geltende Gleichstellungsgesetz wurde im Jahr 2016 überarbeitet und beinhaltet vor allem im Hinblick auf die translatorisch gemittelte Barrierefreiheit relevante Begrifflichkeiten. So wird etwa der Terminus „Leichte Sprache“ im Rechtsakt sowie dem Sozialgesetzbuch verankert und in Paragraph 11 Verständlichkeit und Leichte Sprache über eine Kommunikation auf einfache und verständliche Weise hinaus eingefordert.

(2) Ist die Erläuterung nach Absatz 1 nicht ausreichend, sollen Träger öffentlicher Gewalt auf Verlangen Menschen mit geistigen Behinderungen und Menschen mit seelischen Behinderungen Bescheide, Allgemeinverfügungen, öffentlich-rechtliche Verträge und Vordrucke in Leichter Sprache erläutern. (BGG, Paragraph 11)

Im deutschen Gesetzestext wird auch eine Bundesfachstelle Barrierefreiheit erwähnt. Ihr ist Abschnitt 3 des Behindertengleichstellungsgesetzes bzw. Paragraph 13 gewidmet. Die genannte Bundesfachstelle hat in erster Linie beratende Funktion gegenüber Behörden, Wirtschaftsinstitutionen, Verbänden und Zivilgesellschaft, was die Umsetzung der im Gesetzestext verankerten Rechte und Pflichten anbelangt. Ein weiterer zentraler Tätigkeitsbereich der Bundesfachstelle ist der Austausch mit Interessensverbänden und Expert:innen im Bereich Barrierefreiheit und somit auch mit Translator:innen, die Dienstleistungen im Rahmen der Barrierefreiheit anbieten. Auf der Homepage der Bundesfachstelle Barrierefreiheit findet sich unter anderem ein Glossar, das Einträge zu den Begriffen Gebärde, Gebärdensprachdolmetscher:in, Gebärdensprache, Gebärdenvideo, Leichte Sprache und Schriftdolmetscher:in bzw. Schriftmittlung enthält:


Gebärdensprachdolmetscher:innen Leichte Sprache Schriftdolmetscher:innen
Gebärdensprachdolmetscher:innen übersetzen Lautsprache in Gebärdensprache bzw. umgekehrt Gebärdensprache in Lautsprache. Einige Gebärdensprachdolmetscher/-innen übersetzen auch von einer Gebärdensprache in eine andere, zum Beispiel von der deutschen in die französische oder umgekehrt. Es gibt taube und hörende Gebärdensprachdolmetscher/-innen. Die Leichte Sprache ist ein feststehender Begriff für eine besonders einfache Form der Schriftsprache. Sie besteht – vereinfacht gesagt – aus einfachen kurzen Sätzen, die in der Regel zusätzlich durch Bilder erläutert werden. Die Leichte Sprache verlangt ein größeres Schriftbild und einen hohen Leuchtdichtekontrast. Texte in schwerer Sprache werden zunächst nach diesen Regeln in Leichte Sprache übertragen. Die Verständlichkeit der Texte wird anschließend von Menschen mit Lernbehinderungen geprüft. Das Netzwerk Leichte Sprache schreibt die Regeln fort. Mittlerweile gibt es erste Ansätze und universitäre Forschungseinrichtungen, die die Leichte Sprache wissenschaftlich erforschen. Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) verlangt, dass grundlegende Informationen einer Internetseite in Leichter Sprache verfügbar sein müssen. Nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) sollen Bundesbehörden Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung Bescheide und ähnliche Dokumente im Verwaltungsverfahren in Leichter Sprache erläutern. Schriftdolmetscher:innen schreiben die auf einer Veranstaltung gesprochene Sprache mit. Über einen Bildschirm können die Teilnehmenden die Mitschrift des gesprochenen Wortes mitlesen.

Tab. 3:

Einträge zu den Schlagwörtern Gebärdensprachdolmetscher:in, Leichte Sprache und Schriftdolmetscher:in (Bundesfachstelle Barrierefreiheit 2020)

In der Schweiz gibt es das Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen (Behindertengleichstellungsgesetz, BehiG) vom 13.12.2002, das am 1.1.2004 in Kraft trat. Die drei darin beinhalteten Verordnungen haben das Ziel, Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen zu verhindern, zu verringern und zu beseitigen. In Artikel 14 werden gezielt Maßnahmen für Hörbehinderte genannt, die unter besonderer Berücksichtigung der Anliegen von Hörbehinderten umzusetzen sind. Nach einer Nennung der Förderung zur Erlernung der Gebärdensprache in Abschnitt 3a des genannten Artikels findet sich im darauffolgenden Abschnitt b ein indirekter Bezug auf Schriftdolmetschleistungen, wenn es heißt, der Bund könne:

[…] b. nicht gewinnorientierte Organisationen und Institutionen von gesamtschweizerischer Bedeutung unterstützen, die sich um sprach- und verständigungspolitische Anliegen Sprach-, Hör- oder Sehbehinderter bemühen. (BehiG)

In Artikel 19 der gesetzlichen Regelung wird auch die Schaffung des EBGB – des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen genannt, das über die bestehenden Gesetzesgrundlagen, Programme und Kampagnen informieren, Analysen und Untersuchungen im Bereich Gleichstellung und Integration fördern und die Tätigkeit der auf diesem Gebiet tätigen öffentlichen und privaten Einrichtungen koordinieren soll. In der Verordnung über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen (Behindertengleichstellungsverordnung, BehiV) vom 19.11.2003, die seit 1.1.2004 in Kraft ist, verfügt der Schweizerische Bundesrat in Ausführung des Behindertengleichstellungsgesetzes darüber hinaus, dass das EBGB für Bundesaufgaben im Zusammenhang mit der Gleichstellung der Menschen mit Behinderungen zuständig ist, soweit diese nicht von anderen besonderen Fachstellen der Bundesverwaltung wahrzunehmen sind. In Artikel 16 heißt es in näherer Definition und damit noch konkreterer Bezugnahme auf Gebärden- und Schriftdolmetschleistungen und an Gebärdensprach- und Schriftdolmetscher:innen ausbildende Institutionen – wenngleich ohne diese zu benennen –, dass Finanzhilfen an nicht gewinnorientierte Organisationen und Einrichtungen von nationaler Bedeutung ausrichtbar sind, die:

1 sprach-, hör- oder sehbehinderten Personen Hilfestellungen anbieten, welche die Kommunikation untereinander und mit anderen Personen ermöglichen;

2 sich an der Ausbildung von spezialisierten Personen für die Kommunikation mit sprach-, hör- oder sehbehinderten Personen beteiligen. (BehiV 2003)

Auf der Internetseite des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen findet sich ein eigener Bereich, in dem die Tätigkeit des Büros in Leichter Sprache erklärt wird (EBGB 2020). Darüber hinaus finden sich unterschiedliche Themenbereiche, jeweils aufgegliedert in die Unterseiten Gesetzliche Grundlagen, Umsetzung und Erfolge und Herausforderungen. Einer dieser Themenbereiche ist Dienstleistungen und Kommunikation gewidmet: Darin wird betont, wie wichtig eine angepasste Kommunikation zwischen Behörden und Dienstleistungsnutzenden mit Behinderungen ist. Als konkrete Beispiel werden Gebärdensprachdolmetscher:innen für gehörlose Menschen erwähnt sowie die Tatsache, „dass Menschen mit geistigen Behinderungen die leichte Sprache für die schriftliche Kommunikation“ benötigen (ibid.).

Die genannte Verordnung weist in Anhang 1 ein Verzeichnis der nach BehiG beschwerde- und klageberechtigten Behindertenorganisationen auf: Darunter finden sich mit pro audito schweiz, dem Schweizerischen Verband für Gehörlosen- und Hörgeschädigten-Organisationen (Sonos), dem Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB-FSS) drei Interessensvertretungen, die Adressat:innen von Gebärdensprach- und Schriftdolmetschleistungen in institutionalisierter Form vertreten.

Pulsuz fraqment bitdi.