Kitabı oxu: «Europa im Schatten des Ersten Weltkriegs»

Marijan Bobinac / Wolfgang Müller-Funk / Andrea Seidler / Jelena Spreicer / Aleš Urválek
Europa im Schatten des Ersten Weltkriegs
Kollabierende Imperien, Staatenbildung und politische Gewalt
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

Umschlagabbildung: Krsto Hegedušić: Rekvizicija (Requisition), 1929. Courtesy of the Museum of Modern and Contemporary Art, Rijeka
© 2021 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
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ISBN 978-3-7720-8740-0 (Print)
ISBN 978-3-7720-0129-1 (ePub)
Inhalt
Vorwort
Historische und theoretische DiskurseDie Schatten des Krieges1. Der Rahmen2. Marginalität und Heimatlosigkeit3. Roth und Horváth als Sonderbeobachter4. Close Reading I: Horváths Sladek oder Die schwarze Armee5. Close Reading 2: Joseph Roths Das Spinnennetz1918, Untergang der Habsburgermonarchie und ihre HistorikerDie Geburt des Rechtspositivismus aus dem Zerfall der politischen Ordnung1. Einleitung2. Kelsens Aufstieg in die österreichische Wissenschafts- und Staatselite3. Kelsens Reine Rechtslehre4. Die Rechtslehre als Lösung politischer Problemlagen am Beispiel der ‚Armeefrage‘5. Fazit und AusblickViolence and Rhetorical Strategies in Sigmund Freud’s Study Beyond the Pleasure Principle (1919–1920) and Anna Akhmatova’s Selected Poems (1917–1924)1. Death in the Mirror2. The Mirror in Death3. Detour or Shortcut
Publizistische DiskurseSternstunde des transethnischen Nationalismus1. Kontexte2. Separation: im Umfeld der postimperialen ‚Stunde Null‘3. Integration: das ‚dreinamige Volk‘ und seine Literatur4. Rückprojektion: die Integration der Vergangenheit5. Ausblick„Kreuzritter des 20. Jahrhunderts. Kreuzritter des Sozialismus“1. Einleitung und Kontextualisierung2. Der Kriegskorrespondent Roth und die polnische Niederlage3. „Bandenkrieg“ und die Sicherheit des Deutschen Reichs4. Die Rote Armee als triumphierender Nachfolger zaristischer Traditionen5. Die Reportageserie und die weiteren historischen Ereignisse6. Die Reportage im Kontext der deutschen Medien7. FazitSkandal und Genre1. Eine unerhörte Begebenheit2. Literatur und Skandal (Brunngraber – Zweig – Krúdy – Márton)3. Die Medien des SkandalsDas Bild Horthy-Ungarns in den Medien der ungarischen Exilanten in Wien um 19201. Der Wendepunkt 19182. Ungarische Medien im Wien der frühen zwanziger Jahre und die Diversität der journalistisch-literarischen Netzwerke3. „Az Ember“4. FazitThe Image of the Kingdom of Yugoslavia in Dutch Travel Writings after the First World War1. Theoretical Background2. The Imagological Coordinates of the Balkans3. The Historical Ties between the Balkans and the Low Countries4. The Aftermath of World War I5. The Image of Yugoslavia in the Dutch Press in the First Years of the Kingdom6. The Contrast between Belgrade and Zagreb7. The Image of the Serbs, Croats and Slovenes8. The Travel Journals by A. den Doolaard and Felix Rutten9. Conclusion„Kulturbund“ (1922–1934) und „Europäische Revue“ (1925–1944) – Europakonzepte ohne Zukunft?
Fiktionale DiskurseU.S. Literature’s Images of the Great War and the Loss of InnocenceDer Erste Weltkrieg im Frühwerk von Ivo AndrićAusgangspunkte: Biographischer Hintergrund, Gattungsvielfalt und ForschungsmethodeDer Große Krieg in zwei Sammlungen der lyrischen Prosa: Ex Ponto und UnruhenDer Große Krieg in literarischen und publizistischen Beiträgen in „Književni jug“ und „Hrvatska/Jugoslavenska njiva“SchlussfolgerungEin dionysisches Fest oder eine hysterische Tragikomödie?1.2.3.Das Vermächtnis der Epoche(n)1.2.3.4.Heimkehr ins NichtsDie Throne stürzen1. Vorbemerkung2. Bruno Brehm, ein antisemitischer Schriftsteller und Freund eines jüdischen Autors3. Der Untergang der Donaumonarchie: Vorarbeiten, verarbeitete Literatur, Schreibtechniken4. Der Untergang der Donaumonarchie, ein Bestseller vor und nach 19455. Die beiden Versionen der Trilogie6. Das geschichtsteleologische Konzept Brehms7. Ausblick: Das Zwölfjährige ReichMiroslav Krleža und die postimperiale Gewalt
Vorwort
Die Kapitulation der Achsenmächte im November 1918 brachte Europa bekanntlich keinen Frieden – bereits 1917 begann eine Reihe von Revolutionen, Konterrevolutionen, Bürgerkriegen, ethnischen Säuberungen und verschiedenen anderen gewaltsamen Konflikten, die sich über viele europäische Länder ausbreitete und bis 1923 andauerte. Diese Welle der politisch und ideologisch bedingten Gewalt, die sich nach einer Stabilisierungsphase mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 wieder entfesseln und ihren Höhepunkt mit dem Zweiten Weltkrieg erreichen würde, hing mit mehreren, miteinander eng verbundenen Ursachen zusammen: mit dem Kollaps großer dynastischer Imperien, mit der Gründung neuer, in vielerlei Hinsicht problematischer Nationalstaaten und mit der Entstehung zahlreicher radikaler Bewegungen, die ihre erklärten Ziele – ob nationalistisch-revisionistische oder sozial-revolutionäre – mit unterschiedlichen Formen der paramilitärischen Gewalt zu erreichen suchten. Dass die Gewalt der Nachkriegszeit auch im Kontext mehrerer bewaffneter Konflikte wie Balkankriege 1912–1913, die dem Ersten Weltkrieg vorausgegangen waren, betrachtet werden sollte, versteht sich von selbst.
In der Erforschung des Ersten Weltkriegs ging man lange von zwei Voraussetzungen aus: 1) der Krieg begann Anfang August 1914 mit dem österreichisch-ungarischen Angriff auf Serbien und endete am 11. November 1918 mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes an der Westfront; 2) der Erste Weltkrieg war ein Krieg zwischen Nationalstaaten. In der neueren Zeit – z.B in den Forschungen von Historikern wie Robert Gerwarth, John Horne, Erez Manela oder John Paul Newman – wird der ‚Große Krieg‘ jedoch als Epizentrum einer großen Reihe bewaffneter Konflikte betrachtet, die einige Jahre vor 1914 begonnen und sich bis 1923 hingezogen haben. Als Anfang dieser Abfolge gewaltsamer Auseinandersetzungen werden der italienische Angriff auf die osmanische Provinz Libyen und der Ausbruch der Balkankriege 1912 angesehen, Kriege, die zu weiteren territorialen Verlusten des schon stark angeschlagenen Osmanischen Reiches führten. Nach der Beendigung des Ersten Weltkriegs waren insbesondere die Nachfolgestaaten zusammengebrochener Imperien von der Gewaltanwendung heimgesucht, ein Prozess, der 1923 mit dem griechisch-türkischen Friedensvertrag von Lausanne ein (vorläufiges) Ende fand; im gleichen Jahr wurde auch der irische Bürgerkrieg beendet, die Weimarer Republik begann sich rasch vom Chaos der Nachkriegsjahre zu erholen und ein Jahr danach wurde mit der NEP auch die Konsolidierung Sowjet-Russlands eingeleitet.
Auch die zweite genannte Voraussetzung, wonach der Erste Weltkrieg als ein Krieg der Nationalstaaten angesehen werden sollte, wird in der neueren Zeit infrage gestellt. Sieht man hingegen den ‚Großen Krieg‘ primär als einen Krieg multiethnischer Reiche an, so kann auch die massive Gewaltanwendung vor 1914 und nach 1918 als Prozess einer Neuordnung von globalen Machtverhältnissen leichter nachvollziehbar sein. In diesem Prozess wird nämlich die politisch-räumliche Organisation Zentral-, Ost- und Südosteuropas – bis dahin von kontinentalen dynastischen Imperien dominiert – von einer neuen, nationalstaatlich bestimmten Ordnung ersetzt: Aus dem Zusammenbruch der alten Reiche der Habsburgs, Romanovs, Hohenzollern und Osmanen sind – zumeist instabile – Nationalstaaten hervorgegangen, die wegen ihrer multiethnischen Bevölkerungsstruktur oft an soeben zugrunde gegangene Imperien erinnerten und daher auch mit ähnlichen Problemen konfrontiert waren.
Die größte Gefahr für die Begründung und Konsolidierung demokratischer politischer Ordnungen kam dabei von verschiedenartigen revolutionären und gegenrevolutionären Bewegungen, die nach dem Kriegsende insbesondere in den Nachfolgestaaten zusammengebrochener dynastischer Reiche entstanden sind und in ihrem Kampf gegen die liberaldemokratische Staatsordnung, oft aber auch gegeneinander, sich paramilitärischer Verbände bedienten. Den ‚Gewaltkulturen‘, die in verschiedenen europäischen Ländern sehr unterschiedliche Ausmaße und Organisationsformen angenommen haben, gehört daher ein zentraler Stellenwert bei der Beschäftigung mit dem Untergang der Imperien, der Entstehung neuer staatlicher Entitäten wie auch den damit zusammenhängenden ethnischen Konflikten, Revolutionen und Gegenrevolutionen.
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Unterschiedliche Diskursivierungen der genannten Themenkomplexe, die dem historischen Rahmen der 1910er und 1920er Jahre entsprungen sind und in der darauffolgenden Zeit weiterentwickelt wurden, werden im vorliegenden Sammelband von Forschern und Forscherinnen aus verschiedenen Ländern, unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und differenten methodologischen Perspektiven aufgegriffen und diskutiert. Die hier versammelten Beiträge gehen auf Vorträge der Konferenz „Europa im Schatten des Ersten Weltkriegs: kollabierende Imperien, Staatenbildung und politische Gewalt“ – „Europe in the Wake of World War I: Collapsing Empires, Emerging States and Post-War Violence“ zurück, die an der Universität Zagreb im Rahmen des von der Croatian Science Foundation finanzierten Forschungsprojektes „Postimperiale Narrative in den zentraleuropäischen Literaturen der Moderne“ im März 2019 stattgefunden hat.
Der interdisziplinäre Ansatz, ein erklärtes Anliegen des an der Zagreber Germanistik situierten und an das Wiener Projekt kakanien revisited anschließenden Forschungsprojektes, ist auch im vorliegenden Sammelband von zentraler Bedeutung und reicht von den literatur- und kulturwissenschaftlichen bis zu den historiographischen und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Als primäre Untersuchungsbasis – ein weiteres Anliegen der Konferenz und der beiden Projekte – dient hier Literatur, jenes Medium, das über die besondere Fähigkeit verfügt, die Bestände des kulturellen Gedächtnisses und damit auch die Prozesse individueller wie auch kollektiver Identitätsbildung komplex darzustellen. Über die Literatur hinaus werden die genannten Problembereiche auch in diversen nichtfiktionalen Diskursen und Formaten (Periodika, Vereine, politische und soziale Zeitphänomene mit Langzeitwirkung) erörtert, deren Entstehung nicht unbedingt in den fokussierten Zeitraum fällt, mit ihm jedoch in einer engen Verbindung steht. Aus einer solchen Ausrichtung der Beiträge geht auch die Gliederung des Sammelbandes in drei Sektionen hervor, deren jede schwerpunktmäßig einem der genannten Aspekte der Diskursivierung – theoretisch/historisch, publizistisch, fiktional – entspricht.
Die erste Sektion, die sich auf theoretische und historische Diskurse konzentriert, wird mit den Reflexionen Wolfgang Müller-Funks eröffnet, die den kulturanalytisch und narratologisch inspirierten Rahmen des anvisierten Forschungsgegenstands mit der Lektüre einiger paradigmatischer Literaturtexte der Nachkriegszeit verbindet. Wie sich die geschichtsträchtigen Ereignisse der Umbruchzeit in der Historiographie und den Rechtswissenschaften ausgewirkt haben, zeigen die Arbeit von Filip Šimetin Šegvić, der sich mit der recht widersprüchlichen Narrativierung des Untergangs Österreich-Ungarns in der neueren Geschichtsforschung befasst, sowie die Arbeit von Christine Magerski und Johanna Chovanec, die der Entstehung der „Reinen Rechtslehre“ Hans Kelsens, eines fundamentalen Beitrags zur modernen Rechtstheorie, aus dem Zusammenbruch imperialer Ordnungen nachgehen. Der theoretische Teil des Sammelbandes wird mit dem Aufsatz von Fatima Festić abgeschlossen, der ein close reading von Freuds Essay Jenseits des Lustprinzips (1919–1920) und den gleichzeitig entstanden Gedichten Anna Achmatovas bietet.
Im zweiten, den publizistischen Diskursen gewidmeten Abschnitt des Sammelbandes wird eine Bandbreite unterschiedlicher ideologischer, politischer und/oder kultureller Leitbilder und Verhaltensmuster der 1910er und 1920er Jahre aufgezeigt, wobei nicht nur ihre zeitgenössischen Kontexte, sondern zugleich auch ihre – oft verhängnisvollen – Folgen für spätere Zeiten sichtbar gemacht werden. So wird von Svjetlan Lacko Vidulić ein Zagreber literarisches Periodikum der frühen Nachkriegszeit präsentiert, dessen Programmatik auf dem jugoslawischen Integralismus beruhte, jener politischen Option, die die Unzulänglichkeiten des südslawischen Königreichs schon in seinen Anfängen freilegte. Einen genauso ambivalenten Blick auf die Auflösung imperialer Ordnungen und die schwierige Konsolidierung neubegründeter Staaten bietet Johann Georg Lughofer in seinem Beitrag über die Zeitungsberichte des jungen Joseph Roth über den polnisch-sowjetischen Krieg im Jahre 1920, die den späteren Monarchisten als Bewunderer der Roten Armee erscheinen lassen. Wie sich eine lokale Ritualmordlegende zu einer antisemitischen Affäre mit langwierigen, heute noch spürbaren Folgen entwickeln konnte, zeigt Endre Hárs am Fall „Tisza-Eszlár“ und an dessen zahlreichen Literarisierungen. Ungarische Zustände hat auch der Beitrag Andrea Seidlers zum Thema, in dem sehr unterschiedliche, von der politischen Positionierung abhängige Reaktionen der Wiener Presse auf die Räterepublik Béla Kuns zur Darstellung kommen. Viel mehr stereotypisiert als politisch bedingt erweisen sich – wie Toni Bandov in seinem Aufsatz festhält – die Berichte niederländischer Publizisten über ihre Reisen durch das Königreich Jugoslawien. Dass die frühe Nachkriegszeit nicht nur von nationalstaatlichen Absonderungsbestrebungen dominiert war, sondern auch erste moderne, wenngleich nicht unumstrittene europäische Vereinigungskonzepte mit sich brachte, wird von Aleš Urválek am Beispiel von Karl Anton Rohans „Kulturbund“ und dessen Organ „Europäische Revue“ sichtbar gemacht.
Die dritte Sektion des Sammelbandes bringt ein breites Spektrum fiktionaler Darstellungen, die diversen nationalen Traditionen entspringen, sich auf spezifischen individuellen Poetiken begründen und demzufolge auch die Turbulenzen des Kriegsgeschehens und der darauffolgenden Jahre in unterschiedlicher, oft gegensätzlicher Weise in Szene setzen. Als eine Art „loss of innocence“ werden von Jelena Šesnić die Narrativierungen des ‚Großen Krieges‘ in der amerikanischen Literatur bezeichnet, die – wie an Fallbeispielen von Hemingway und Dos Passos gezeigt – Rituale von Gewalt und Männlichkeit auf der Folie einer massiven Traumatisierung zum Vorschein bringen. Im Beitrag von Davor Dukić werden repräsentative Texte des jungen Ivo Andrić vorgestellt, die nicht nur ästhetische, sondern – wenngleich indirekt – auch weltanschaulich-politische Präferenzen des späteren Nobelpreisträgers vorwegnehmen. Zwei diametral entgegengesetzte Inszenierungen von D’Annunzios ‚Fiume-Unternehmen‘ – als ein dionysisches Fest beim Italiener Giovanni Comisso und als eine hysterische Tragikomödie beim Kroaten Viktor Car Emin – kommen im Aufsatz von Marijan Bobinac zur Darstellung. Der Roman des kroatischen Schriftstellers August Cesarec Des Kaisers Königreich (1926), der die Umtriebe der revolutionären kroatischen Jugend in der Vorkriegszeit zum Thema hat, wird von Milka Car im Spannungsfeld postimperialer und nationaler Diskurse analysiert. Das verunsicherte Zeitgefühl der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg wird von Hans Richard Brittnacher am Beispiel von Leo Perutz’ Roman Wohin rollst Du, Äpfelchen? (1928) ins Blickfeld gerückt, vordergründig einem konventionellen Heimkehrer- und Racheroman, dessen politische und ästhetische Relevanz sich insbesondere am Schicksal seiner deplatzierten und traumatisierten Protagonisten festmachen lässt. Ein völlig anderes Anliegen verfolgt Bruno Brehm mit seiner erfolgreichen Romantrilogie Die Throne stürzen (1931–1933) über den Verfall des Habsburgerreiches: Entgegen dem Versuch des Autors, seinen Longseller nach dem Zweiten Weltkrieg als eine Art retrospektive Utopie darzustellen, weist die ursprüngliche Fassung der Trilogie – wie Jörg Jungmayr in seinem Aufsatz zeigt – deutlich auf Brehms Ablehnung der multinationalen Monarchie und dessen Befürwortung eines großdeutschen Führerstaats. Den Sammelband schließt der Beitrag von Jelena Spreicer über Miroslav Krležas Roman Ohne mich (1938), in dem die Inszenierung des postimperialen Kroatien auf der Folie der gewalttätigen Geburt einer neuen, von Anfang an korrupten Elite, die den anonymen Romanhelden „an den Rand des Verstandes“ treibt, geboten wird.
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Für die finanzielle und logistische Unterstützung bei der Realisierung des Forschungsprojektes, der Konferenz und des vorliegenden Bandes möchten wir den Geldgebern, der Croatian Science Foundation, der Universität Zagreb und der Universität Brno, wie auch anderen fördernden Institutionen, insbesondere dem ÖAD, dem Österreichischen Kulturforum Zagreb und der Universität Wien herzlich danken. Unser Dank gilt auch allen Konferenzteilnehmern und Konferenzteilnehmerinnen für rege Diskussionen und gemeinsame Erkundungen auf dem Gebiet der postimperialen Narrative im zentraleuropäischen Raum. Last, but not least danken wir auch dem Narr Francke Attempto Verlag und der Reihe „Kultur – Herrschaft – Differenz“ für die freundliche Aufnahme in ihr Verlagsprogramm. Dank gilt auch jenen Kollegen, die sich am Peer Review-Verfahren beteiligt haben.
Marijan Bobinac, Wolfgang Müller-Funk, Jelena Spreicer, Andrea Seidler, Aleš Urválek
Brno, Wien und Zagreb im März 2021
Historische und theoretische Diskurse
Die Schatten des Krieges
Bruch, Fremdheit, Marginalisierung, Wiederholungszwang
Wolfgang Müller-Funk (Wien)
1. Der Rahmen
Dass die kriegerischen Ereignisse von 1914 bis 1918 als Weltkrieg bezeichnet werden, ist ein Fall für eine narrative Kulturanalyse, die davon ausgeht, dass eine Erzählung immer auch schon eine retrospektive Deutung des Erzählten beinhaltet. Er ist für Ödön von Horváth ein Weltkrieg, weil viele Menschen eine Welt verloren haben, eben jene Welt der Habsburger Monarchie. Damit sind drei Schatten-Phänomene benannt: die Fremdheit der neuen Welt, in der viele Menschen verloren sind, der Bruch mit der bisherigen selbstverständlichen Zugehörigkeit (‚Heimat‘, ‚Identität‘) und daraus resultierend eine Marginalisierung: die Bedeutungslosigkeit der neuen Welt geht Hand in Hand mit einer sozialen Deplacierung. Dies ist bei genauerer Betrachtung ein Kernstück in den Werken von Joseph Roth und Ödön von Horváth.
Mit Blick auf die Psychoanalyse, die schon sehr früh dem Begriff „Trauma“ als einer spezifischen Form der Neurose eine konzise Bedeutung gegeben hat, lässt sich sagen, dass dieser Krieg traumatisierte Menschen en masse hervorgebracht hat, was Freud, der gerade an seinem neuen, die eigene Lehre dramatisch verändernden Werk Jenseits des Lustprinzips arbeitet, in einer ironischen Replik in einem Brief an Sándor Ferenczi festhält: „Unsere Analyse hat eigentlich auch Pech gehabt. Kaum daß sie von den Kriegsneurosen aus die Welt zu interessieren begann, nimmt der Krieg ein Ende, und wenn wir einmal eine Quelle finden, die uns Geldmittel spendet, muß sie sofort versiegen.“1
Mit Freud lässt sich gegen diesen sarkastischen Kommentar geltend machen, dass die durch das Geschehen des Ersten Weltkriegs und die ihm nachfolgenden Ereignisse bewirkte Traumatisierung mit dem Kriegsende nicht aufhört, sondern erst recht eigentlich beginnt. Traumatisierung und Marginalisierung werden zu kollektiven Phänomenen, deren systematische Analyse die nachfolgende Katastrophe von Faschismus und Nationalsozialismus, von Shoah und Wiederholungskrieg schlimmsten Ausmaßes tendenziell zu erhellen vermag.
Bruch, Fremdheit und Marginalität erzeugen ein Gemisch von Melancholie und Aggression, Themen, deren sich die Psychoanalyse Freuds nach 1918 intensiv angenommen hat. Die Menschen, so lautet der Befund bei vielen ‚altösterreichischen‘ Autoren, agieren noch immer im Schatten der Gewalt. Zugleich sind sie ein Schatten ihrer selbst. Viele österreichische und deutsche Soldaten sind in ihren Uniformen nach 1918 stecken geblieben, der Übergang in das Zivilleben ist ihnen nicht wirklich gelungen. Der Krieg ist nicht zu Ende, er geht weiter. Dieser Schatten mündet psychoanalytisch betrachtet im Sinn des Wiederholungszwangs in einen zweiten Weltkrieg. Das erlaubt die Konstituierung eines Narrativs, in dem der Erste Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit und der Zweite Weltkrieg als einen modernen Dreißigjährigen Krieg zu deuten, eine Konstruktion, die es gestattet, externe und interne gewaltsame Auseinandersetzungen, Kriege und Bürgerkriege, in einem zeitlich-kausalen roten Faden miteinander zu verbinden. Dieser Dreißigjährige Krieg führt zu einer vollständigen geographischen und symbolischen Neuordnung Europas, die man als post-imperial bezeichnen kann.
2. Marginalität und Heimatlosigkeit
Der gegenwärtige Diskurs über Fremdheit ist, nicht zuletzt vor dem Hintergrund massenhafter Migration, von ethnisch-kulturellen Parametern bestimmt. Wie ein kurzer Blick auf soziologische und anthropologische Perspektivierungen zeigt, lässt sich das Fremde weiter und das heißt auch in einer soziologischen Beschreibung als randständig, deplaciert und marginalisiert innerhalb einer Gesellschaft, einer Kultur, eines Systems und eines partikularen Feldes beschreiben. Beinahe alle kulturell bestimmten Fremdheiten (Religion, Sprache, Gewohnheiten und informelle Regeln) gehen Hand in Hand mit jener Marginalität, wie sie der Chicagoer Soziologe Robert E. Park beschrieben hat. Aber nicht jedwede Form von Deplaciertheit und Außenseitertum ist an diese Parameter geknüpft. In einer bestimmten Situation und in einem anderen Kontext kann jeder sich in einer randseitigen Lage befinden, eine Frau in einer Männerrunde, ein Autor in einem Gespräch mit Bankern usw. Fremdheit ist bekanntlich keine Eigenschaft, sondern ein relationales Phänomen. Im Extremfall bedeutet Marginalität das absolute Fehlen von Bindungen und Beziehungen in einem gegebenen kulturellen Kontext, zum Beispiel die Nicht-Zugehörigkeit zu beiden Kulturen, der alten und der neuen.
Randständigkeit kann sich auch durch politische Zäsuren, wie sie das Ende des Ersten Weltkriegs darstellt, einstellen. Die Marginalität des migrantischen Menschen ergibt sich aus der Tatsache, dass er sein Land und damit seine vertraute soziale Situation mitsamt den vertrauten Codes hinter sich lässt. Die Marginalisierung von Menschen im Zentrum Europas nach 1918 ergibt sich nicht aus einer äußeren Migration, sondern durch das plötzliche Verschwinden vertrauter sozialer und kultureller Welten, und dies in einem doppelten Sinn, durch die militärische Ordnung der Dinge, die im Krieg bestimmend wird und die zivile Welt in den Hintergrund drängt, aber auch durch das Ergebnis dieses Krieges, als dessen Folge nicht nur ganze Staaten, sondern auch die symbolische Vorkriegswelt verschwindet. Ohne sich vom Fleck zu bewegen, ist man, Mann, in eine Situation geraten, die der Marginalität des Migranten (oder der Migrantin) sehr ähnlich ist. Der gemeinsame Nenner zwischen Migranten und Heimkehrer (oder eigentlich Nicht-Heimkehrer) lautet dabei: mangelnde Integration.
Parks ‚marginal man‘ findet sich in der Position des Randständigen wieder, der auf Grund seiner schwachen sozialen Integration durch eine so produktive wie prekäre Grenzlage charakterisiert ist. Im Gegensatz zu „innerer Distanz“ ist schwache soziale und kulturelle Einbindung aber eher ein defizitärer Befund, eine Herausforderung für Sozial- und Gesellschaftspolitik.1 Park hat den marginalen Fremden in seiner Schrift aus dem Jahre 1928 als einen kulturell gemischten Menschen, in der heutigen Terminologie, als einen ‚Hybriden‘, beschrieben:
[…] ein Mensch, der im kulturellen Leben und in den Traditionen zweier Kulturen lebt und sie auf intime Weise teilt; der, auch wenn es ihm niemand untersagen könnte, nie bereit wäre, mit seiner Vergangenheit und mit seinen Traditionen zu brechen, und der, aus einem rassischen Vorurteil heraus, in der Gesellschaft, in der er jetzt seinen Platz sucht, nie vollständig akzeptiert wurde. Er ist ein Mensch auf der Grenze zweier Kulturen und zweier Gesellschaften, die sich nie vollständig fusionieren und miteinander funktionieren.2
3. Roth und Horváth als Sonderbeobachter
In das Werk der beiden Autoren, von denen im Folgenden die Rede sein soll, Ödön von Horváth und Joseph Roth, ist die von Park umrissene Marginalität eingeschrieben. Dass dies bei den beiden heimatlosen altösterreichischen Schriftstellern der Fall ist, dazu bedarf es eigentlich nicht des Rückgriffs auf deren Lebensdaten. Aber in diesem Falle sind sie doch erhellend. Beide Autoren entstammen dem österreichischen Kontext der Habsburger Monarchie, beide befinden sich in einem gewissen Sinne in einer marginalen Situation, eben weil sie, der eine mit einem ungarisch-mitteleuropäischen Hintergrund, der andere auf Grund seiner galizisch-jüdischen Ausgangssituation, nicht eindeutig einem bestimmten, womöglich zentralen Code zuzuordnen sind. Überhaupt lassen polykulturelle Gebilde wie die Habsburger Monarchie des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Nebeneinander und eine Überlappung verschiedener Codes zu, die, ungeachtet eines forcierten Nationalismus, lange Zeit kohabitationsfähig sind.
Beide Autoren finden sich nach dem Ende des Weltkriegs in der Situation des ‚marginal man‘ wieder. Ihre vertraute Welt, Österreich-Ungarn, existiert nur mehr als Erinnerungsraum, während das gleichfalls marginalisierte, politisch höchst instabile Österreich, auf den Status eines pauperisierten kleinen Landes herabgedrückt, ihnen gleichfalls fremd geworden ist. Man kann in bestimmten historischen Situationen ohne eigenes Zutun fremd werden, ohne dass man sich zunächst innerlich verändert hat. Zu Ende von Roths Roman, der den bezeichnenden Titel Die Flucht ohne Ende trägt, heißt es:
[…] da stand mein Freund Tunda, 32 Jahre alt, gesund und frisch, ein junger, starker Mann von allerhand Talenten, auf dem Platz vor der Madeleine, inmitten der Hauptstadt der Welt und wußte nicht, was er machen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der Welt.1
Diese Befindlichkeit charakterisiert viele Figuren in den literarischen Welten von Horváth und Roth. Die neue Umgebung, das geschlagene und von Krisen geschüttelte Deutschland, ist, ungeachtet der sprachlichen Nähe, wiederum ein fremdes symbolisches Territorium, das sich markant von dem alten, aber auch von dem fragilen neuen Österreich nach 1918 unterscheidet. In gewisser Weise ließe sich also sagen, dass Autoren wir Roth und Horváth eine dreifache Erfahrung von Marginalität in sich tragen: durch ihre ‚hybride‘ Herkunft, durch den Verlust ihrer Heimat und durch ihre Migration nach Deutschland und später nach Frankreich, in ein Land, in dem das Leben der beiden übrigens miteinander befreundeten Autoren endet.
Mit Blick auf das Rahmenthema des Bandes sind sie, auch wenn die Unterscheidung von deutsch und (alt-)österreichisch noch nicht exklusiv ist, sondern vielfach komplementär bleibt, systemtheoretisch gesprochen, literarische Sonderbeobachter eines bekannten und zugleich doch fremden, anderen Land, der Weimarer Republik, die auch durch einen Bruch gekennzeichnet ist: den verlorenen Krieg, Einbuße an Macht und ein neues instabiles, aber kulturell ungeheuer produktives liberales Regime. Roth und Horváth sind auch insofern prädestiniert für diese literarische ‚Aufgabe‘, insofern ihnen ja selbst die Erfahrung von Randständigkeit nicht fremd ist.
Wofür sich Roth und Horváth als sensible Sonderbeobachter der Welt nach 1918 interessieren, das ist eine ganz bestimmte Form von Marginalisierung, eben jene der vielen heimkehrenden männlichen Soldaten, von Menschen, die beinahe alles verloren haben: ihre angesehene soziale Stellung, ihre physische oder auch psychische Gesundheit, ihren Status als Mann, ihr Selbstwertgefühl, ihre sozialen Beziehungen, ihre Werte und Überzeugungen. Ähnlich wie es Alfred Schütz in seinem berühmten Aufsatz über den Fremden nahelegt, ist der Code ihrer alten Heimat, das Dasein als Soldat in einem mächtigen imperialen Gebilde, völlig wertlos geworden.2 Aus diesem brisanten Gemisch entstehen, um einen heutigen Terminus zu verwenden, Parallelwelten, die die Demokratie in Deutschland und parallel dazu in Österreich am Ende zu Fall bringen werden. Übrigens ist Hitler, der in Joseph Roth epischem Erstling Das Spinnennetz namentlich vorkommt, der österreichische Gefreite in fremden Diensten, zunächst durchaus ein ‚marginal man‘ im Sinne von Park. Die Bewegung, die er in Gang setzt, bezieht ihre Energie nicht zuletzt daraus, dass sie den Marginalisierten einen Weg aus ihrer prekären Situation weisen will. Der Kampf gegen das verhasste System von Weimar ist der Zerrspiegel der eigenen prekären bzw. prekär empfundenen Lage.
Marginalisierte Menschen aller Art bevölkern die beiden Œuvres der beiden Autoren altösterreichischer Provenienz. Im Falle Horváths denke ich, um nur die bekanntesten Werke zu erwähnen, an Kasimir und Karoline oder an Der ewige Spießer, in der die Marginalisierung des Mannes mit Arbeitslosigkeit mit Weltfremdheit und männlicher Marginalisierung einhergeht, zu denken ist auch an die gescheiterten, zumeist männlichen Existenzen in Geschichten aus dem Wiener Wald, vor allem aber an die beiden Versionen seines Sladeks, die im kommenden Abschnitt behandelt werden. Bei Joseph Roth, dem Erfinder des Kurzromans, wären Die Flucht ohne Ende, der Heimkehrer-Roman Hotel Savoy oder Die Rebellion, der Geschichte eines äußerlich wie innerlich amputierten Mannes, zu erwähnen – übrigens ist auch die Geschichte der ostjüdischen Familie Singer (Hiob) durch Marginalisierung und Migration bestimmt. Der Text, der indes den Zusammenhang zwischen Marginalisierung und Rechtsradikalismus literarisch demonstriert, ist der Roman Das Spinnennetz – es ist der zweite Text, der einer exemplarischen Analyse unterworfen wird.
4. Close Reading I: Horváths Sladek oder Die schwarze Armee
Sladek oder Die schwarze Armee sowie Sladek, der schwarze Reichswehrmann, ein stark verkürztes Kondensat, das nicht an die Erstfassung heranreicht, sind, wenn man die Vorarbeiten und Recherchen mit einbezieht, in den Jahren zwischen 1927 und 1929 entstanden, zu einer Zeit also, in der es schien, als ob die Weimarer Republik den schlimmsten Ansturm ihrer Gegner überstanden habe, weshalb sich ja einige der Proponenten des rechten Milieus, nachdem der Aufmarsch gegen die Republik misslungen ist, am Ende des Stücks ins Ausland absetzen.
Horváths Stück setzt mit einer „rechtsradikalen Versammlung“ ein, was auch durch die Bezeichnung „Hakenkreuzler“1 und später durch die Erwähnung der „Sturmabteilung Hitler“2 expliziert wird. Diese jagen einen linken Redakteur namens Franz, der sich in die Versammlung eingeschlichen hat. Die Funktion der Szene besteht darin, das symbolische Mobiliar der marginalisierten Aufständischen vorzuführen, ihre Symbole, Diskurse und Narrative. Eines davon ist die Erzählung vom verratenen Sieg („Wir hätten den Krieg verloren? Solche Subjekte haben uns Sieger erdolcht […]“), ein anderes ist eine rassistische („Am Rhein schänden syphilitische Neger deutsche Frauen“).3 Auch darf der Aufruf der beschädigten Ehre nicht fehlen. All diese rechtsradikalen Versatzstücke lassen sich unter dem Schirm eines nationalistischen Opfer-Narrativs stellen. Dessen Besonderheit besteht nicht zuletzt darin, dass hier das Schicksal des Landes, Deutschlands, mit der eigenen Deplacierung eng geführt wird. Erst dadurch entsteht jener affektive Überschuss an Wut und Hass, der sich gegen das „System“ und seine vermeintlichen oder auch wirklichen Vertreter wie Franz richtet, der davon ausgeht, dass die Demokratie in Deutschland noch nicht vollständig etabliert ist und in der Verurteilung der Versailler Verträge mit den Rechtsradikalen übereinstimmt.4
Vorgeführt werden im Stück mordlustige Sprache und Hass-Gesänge („Schlagt zum Krüppel den Doktor Wirth“, „Knattern die Gewehre, tack, tack, tack, / Aufs schwarze und das rote Pack“). Erschreckend prophetisch ist auch die triumphale Aussage des „zweiten Hakenkreuzlers“: „Wenn‘s losgeht, dann kommt ein Gesetz, daß sich jeder Jud einen Rucksack kaufen muß. Was er hineinbringt, das darf er mitnehmen nach Jerusalem. Was er nicht hineinbringt, gehört uns.“5
Für dieses symbolische Mobiliar, seine Codes und seine Erzählungen, muss selbstredend ein Aktionsraum geschaffen werden. Dieser wird bereits im Titel aufgerufen: Es ist jener der illegalen Reichswehrverbände. Bekanntlich wurden durch die Verträge von Versailles und (im Falle von Österreich) Saint Germain die Truppenbestände der geschlagenen Mittelmächte radikal reduziert, was in beiden Fällen zur Bildung von paramilitärischen Verbänden führte, denen sich – Zustand eines latenten Bürgerkrieges – wiederum linke bewaffnete Einheiten entgegenstellten. Das Verhältnis zwischen den rechten Parteien (Völkische, Deutschnationale) und diesen illegalen, schwarzen Reichswehrverbänden, war – das klingt bei Horváth an – ungeachtet weitgehender ideologischer Übereinstimmung von Rivalität und unterschiedlichen Interessen bestimmt, die, wie die Entmachtung der SA im Gefolge der Röhm-Krise anno 1934 zeigt, im Falle des Nationalsozialismus auch nach der Machtergreifung Hitlers fortwirken sollte.
Die politisch, sozial, sexuell und politisch Marginalisierten, die sich in der neuen Welt der liberalen Demokratie nicht zurechtfinden können und wollen, schaffen sich eine Parallelwelt, in der die Codes der alten vor dem Ersten Weltkrieg fortwirken und doch von neuen überlagert sind, die sich auf den Bruch von 1918, die Ursache der Marginalisierung, richten. Die reguläre neue Welt ist ihnen fremd, so wie sie fremd und deplaciert in ihr sind. Einer dieser Hakenkreuzler namens Knorke spitzt diesen Sachverhalt zu, wenn er dem Fräulein an dem Schank im „Weinhaus Zur alten Liebe“ sagt, dass sie noch in der alten Uniform stecken – ich zitiere hier den gesamten Dialog:
DAS FRÄULEIN: Die Herren sind Soldaten.
SALM: Wir sehen nur so aus.
DAS FRÄULEIN: Ich liebe die Uniform. Ich bin eine Deutsche aus Metz. Wir hatten viel mit den Herren Soldaten zu tun. Wenns wieder Krieg gäb, das wär fein.
HORST: Sie werdens noch erleben, Mädchen.
DAS FRÄULEIN: Ich wär auch glücklich mit einem Manöver. Die Herren sind doch Soldaten!
RÜBEZAHL: Wir sind keine Soldaten, dumme Kuh.
KNORKE: Wir haben uns noch nicht umgezogen seit dem Krieg.
DAS FRÄULEIN lacht: Oh pfui, wie pikant6
Das Lachen des Fräuleins ist ein geschickter Trick des Textes, verweist es doch auf die hygienische Unanständigkeit, sein Gewand nicht wechseln zu wollen. Die Aussage Knorkes bringt indes den Sachverhalt der Fremdheit der Weltkriegssoldaten genau auf den Punkt: Sie stecken real wie metaphorisch in der alten Uniform. Der Krieg hat sie, so ein anderer Hakenreuzler, zu dem ‚Mann‘ gemacht, der er nun ist. Sie leben im Code einer alten Welt und sie befinden sich noch immer in einem soldatischen Zustand der Mobilmachung, der nun nicht mehr allein dem äußeren, sondern vornehmlich dem inneren Gegner, der modernen liberalen Welt, gilt.
Zu diesem symbolischen Gewand gehört eine sich protzig gebende Präsentation programmatischer Grausamkeit, die beim Mordplan gegen eine Frau, von der die Bande fürchtet, sie werde die Geheimnisse der schwarzen Reichswehr an den Feind verraten, offen zutage tritt. Der Hakenkreuzler Horst demonstriert seine unbeirrbare Bereitschaft zur Gewalt, die er an dem „Schandweib“ Anna („gehört totgeprügelt“) exekutieren will, am Beispiel seines Umgangs mit seinem Hund:
SALM: Könntest du sie totprügeln?
HORST: Im Interesse des Vaterlandes, jederzeit. Wir hatten zu Hause einen reinrassigen Dobermann. Dem habe ich einmal die Beine zusammengebunden und losgeprügelt bis ich nicht mehr konnte. Das Vieh gab keinen Ton von sich. Es gibt so stolze Köter. Es hat mich nur angeschaut.7
Innerhalb dieser Gruppe gibt es einen Außenseiter. Der vierte Hakenkreuzler ist psychologisch nämlich anders als seine Kameraden gestrickt. Pointiert und gruppendynamisch gesprochen ist seine Randständigkeit eine doppelte, er möchte, ehemaliger Spartakist, Teil der revoltierenden marginalisierten Männer werden und ist doch innerhalb dieser Gruppe abermals marginalisiert, etwa durch seine Beziehung mit Anna, dem „Schandweib“. Sein slawischer Name, Sladek (zu Deutsch etwa ‚der Süße‘), signalisiert, dass er auch ethnisch ein Fremder ist, der sich und den anderen beweisen will, dass er dazugehört. Horváth hat ihn in einer Selbstinterpretation des Stücks zutreffend als „eine Gestalt […] zwischen Wozzek und Schwejk“8 bezeichnet. Er sei, fährt der Autor fort, ein „pessimistischer Sucher“, der die „Gerechtigkeit“ liebt, ein Mensch, der den Boden unter den Füßen verloren hat, ein Mensch, der zum Mitläufer und Mörder wird, obschon er den Mord an Anna nicht selbst begeht. Er ist welt- und selbstfremd und kommt damit einem Zustand von Marginalität nahe, in der sich das einsame Individuum in seine eigene Welt einigelt und die Fähigkeit zu Beziehung und Kommunikation radikal einbüßt.
Zum kompositorischen Geschick des Stücks gehört, dass es uns von Anfang an zwei lonesome travellers, zwei einsame Wanderer in der Welt präsentiert, den Utopisten Franz, eine melancholische Fokalisator-Figur, der von einer sozialistischen Demokratie träumt, und eben jenen selbstverlorenen Sladek, dessen Befindlichkeit und Unbewusstes das Stück fast im Sinne Freuds auslotet. Es ist kein Zufall, dass er, im Unterschied zu allen anderen Hakenkreuzlern, auf den politischen Gegner, den linken Journalisten Franz, nicht hasserfüllt und aggressiv reagiert, sondern empathisch, worauf Franz wiederum hilflos-ablehnend reagiert, weil er keine Gemeinsamkeit mit einem Nationalsozialisten eingehen möchte:
VIERTER HAKENKREUZLER: Ich heiße Sladek. – Man muß nur selbständig denken. Ich denk viel. Ich denk den ganzen Tag. Gestern hab ich gedacht, wenn ich studiert hätt, dann könnt ich was werden. Ich hab nämlich Talent zur Politik. Ich bin ein sogenannter zurückgezogener Mensch. Ich red nur mit Leuten, die selbständig denken können. Ich freu mich, daß ich mit dir reden kann, – du bist auch allein, das hab ich bei der Diskussion gemerkt. Wir sind verwandt. Ich hab mir das alles genau überlegt, das mit dem Staat, Krieg, Friede, diese ganze Ungerechtigkeit.9
Sein Stehsatz, mit dem er sein vermeintlich selbständiges Denken über Staat, Krieg und Welt untermauert, lautet: „In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht.“10 Dass er selbständig denkt, ist selbstredend eine Halbwahrheit. Anders als die Ethik der Grausamkeit seiner Kumpane und Waffenbrüder ist die seine mit melancholischen apodiktischen Sätzen, einem kruden Gemisch von biologischen und anthropologischen Sentenzen, verbunden, die Liebe, Frieden, Humanismus, Versöhnung und Frieden als großen Betrug erscheinen lassen, die eine Überwindung der angeblichen Ehr- und Wehrlosigkeit verkünden und den Krieg als biopolitische Maßnahme zur Bevölkerungsbeschränkung interpretieren.11 Ganz typisch für diese Variante einer grausamen Ethik ist die (Selbst-)Behauptung seiner intellektuellen Tapferkeit, sich im Gegensatz zu allen anderen zu der pessimistischen Ansicht von Welt und Mensch zu bekennen: „Ich hab keine Angst vor der Wahrheit, ich bin nämlich nicht feig.“12 Seiner grausamen Ethik, die dazu führt, dass er der Liquidation seiner Lebensgefährtin Anna im Namen des Vaterlandes zustimmt, kommt freilich immer wieder seine Sensibilität ins Quere, weshalb er auch im letzten Moment vergeblich versucht, Annas Leben zu retten, weil sie unschuldig sei, was für die programmatischen Totprügler natürlich nur ein lächerliches Argument ist.
Sladek ist die Hauptfigur im Stück, weil seine psychische Befindlichkeit am genauesten ausgelotet wird. Dieser quasi-psychoanalytische Blick bringt die merkwürdige und verquere Sexualität dieser Männer ins Spiel. Sie korrespondiert mit einer weiblichen Sehnsucht nach männlicher Stärke. Diese zeigt sich in einem unhinterfragten Begehren nach gewaltsamen und strammen Männern, in prekären Formen asymmetrischer und hierarchischer Ausformungen von mehr oder minder heimlich ausgeübter Homosexualität und Homoerotik (wie im Fall des autoritären, patriarchalen Verhältnisses von Salm und Horst) bis zu jener üblichen Herabsetzung der Frau, die mit der Härte des Mannes nicht mithalten kann und der rundum das sexuelle Begehren („Die muß mal sehr geil gewesen sein“, meint Knorke über Anna) zugeschrieben wird, das Angst, blinde Triebhandlung und Verachtung auslöst und dem eine Selbstverachtung zugrunde liegt: dass nämlich auch der härteste und gewaltsamste Mann der Sexualität, als deren Projektion die Frau ist, bedarf. Der bisexuelle Salm bringt diese Sicht auf den Punkt, wenn er prahlend und abwertend meint:
Was ich dort bei den Rumäninnen Kraft ließ – ja, das Weib haßt den Mann, auch in der Tierwelt gibt es dafür Beispiele. Ich habe erst in der Gefangenschaft mein besseres Ich entdeckt, ich danke es dem Krieg, er wies mich den rechten Weg. Horst. Du folgtest meinem Rufe.13
Salm entwirft ein für heute völlig prekäres und unakzeptables Bild hetero- wie homosexuellen Begehrens. Es entspringt einer Interpretation, die dieses als eine Befreiung aus und von der Übermacht weiblicher Sexualität, als eine Emanzipation von sexueller Ausbeutung interpretiert. Die Gleichgeschlechtlichkeit wird in dieser Männerphantasie, um die bahnbrechende Studie von Klaus Theweleit zu erwähnen, das Bild einer männlichen Parallelwelt eingefügt, in der Frauen ausgeschlossen sind.14
Hinter dieser polemischen Ansicht der Sexualität als einer männlichen Überforderung tritt eine tiefe Verunsicherung zutage, eine Krise von Männlichkeit, die durch das Selbstbild einer distanzierten, kalten Panzerung kompensiert werden soll und die doch zugleich die eigene Schüchternheit überspielt. Aus dieser Welt ist die Frau auf doppelte Weise ein- und ausgeschlossen, als Hausfrau wie als Prostituierte. Ersterer verdankt man eine Alltagssicherheit am Rande der soldatisch konstruierten Männerwelt, letzterer den Genuss einer so unvermeidlichen wie innerlich abgelehnten Sexualität, ohne der Frau affektiv und empathisch näher kommen zu müssen.
Der ‚Komplex‘ Sladek funktioniert auch hier etwas anders. Im Stück wird Sladek dreimal mit Frauen konfrontiert, mit der älteren Anna, einer selbständigen Frau und Soldatenwitwe, mit dem Fräulein an der Bar im Restaurant und mit Lotte in der elften und letzten Szene des Stückes.
Im Falle von Anna tritt Sladeks Unselbständigkeit auf mehreren Ebenen zutage. Der sozial und ökonomisch pauperisierte, arbeitslose, gestrandete Mann bedarf der Frau als Einkommensquelle, dadurch verstärkt sich indes seine Marginalisierung, ist er nun doch von der tief verachteten Frau abhängig. Daraus erklärt sich auch die tiefe Ambivalenz Sladeks gegenüber Anna, der er dankbar sein muss und die er dafür hasst, eben weil er sie braucht.
Ich kam zu dir zerlumpt. Bei mir in der Familie haben sie sich um ein Stück Brot gehaßt. Du warst für mich ein höheres Wesen, du hattest eine Zweizimmerwohnung und hast Kriegsanleihen gezeichnet. Du hast für Kaufmannsfrauen geschneidert, ich hab mich waschen können. Du hast mir einen Wintermantel gekauft. Danke.15
Und in der dritten Szene, wenn sich Sladek kurz vor der Ermordung von Anna, dem Fräulein im Restaurant erotisch annähern will, schildert er der fremden anderen Frau sein Verhältnis mit Anna:
Sie hat es gewußt, daß sie nur winseln muß und ich verlier die Kraft. Weil ich ein anständiger Mensch bin, zu guter Letzt. […] Ich hab noch nie richtig gearbeitet. Sie hat es nicht gern gesehen, daß ich was verdien. Sie hatte Angst, ich könnte ohne sie leben. Sie hat mich lieber ausgehalten, das ist das berühmte mütterliche Gefühl.16
Die harten Männer, die Soldaten der Armeen, die den Krieg verloren haben, stehen nach ihrer Rückkehr auf wackligen Beinen. Ihre berufliche Grundlage, ihre Ausbildung, ihre Lebenspläne haben sich in Luft aufgelöst. Der Krieg zeitigt völlig unbeabsichtigte und unabsehbare Folgen. Die Frauen, die zu Hause geblieben sind, haben sich eine ökonomische Basis geschaffen und sind, vielleicht zum ersten Mal, unabhängig vom andern Geschlecht. Während sie sich recht oder schlecht – es sind Krisenzeiten – in der Welt bewähren, stehen die Männer abseits und den Frauen, deren Schwäche sie doch so verachten, unterlegen, geschlechtlich marginalisiert. Diese Situation schildert Horváth in Geschichten aus dem Wiener Wald und Roth in Die Rebellion. Auch dort sind es geschäftstüchtige Frauen, die Männer, Kriegsheimkehrer und durch den Krieg bodenlos gewordene Existenzen unterhalten und ihr Superioritätsgefühl bis zu einem gewissen Grade auch auskosten. Dem melancholisch erfahrenen marginalisierten Zustand der Heimkehr-Männer steht eine weibliche Tüchtigkeit gegenüber, die sich mit der drohenden Marginalisierung nicht abfinden will.
Anna ist Sladek zudem an Lebenserfahrung, und dazu gehört wohl auch die Sexualität, überlegen, sie ist seine zweite Mama, lacanianisch gesprochen die phallische Frau, was sie auch in poetische Formeln gießt: „[…] Du kleiner Riese. Du bleibst, du bleibst. Du Jung, du – es ist kalt, die Erde ist kalt, aber die Sonne war schon warm. Das ist der zunehmende Mond.“17 Im Bild des kleinen, hilflosen Mannes nach 1918 ist dessen Situation auf den Punkt gebracht. Aufschlussreich ist die anschließende Kuss-Szene. Die Frau ist empört, weil der Mann ihr den Kuss einigermaßen gewaltsam verweigert, um sodann zu sagen: „Ich küß nicht gern so, so sinnlich.“18 Die emotionale Askese verträgt sich nicht mit einer Sinnlichkeit, in der sich der männliche Mann verlieren könnte, vor allem dann, wenn er beständig gegen die eigene Weichheit ankämpfen muss.
Das gilt auch für die Begegnung mit der stramm nationalistisch eingestellten Kellnerin im Restaurant. Diese Annäherung scheitert und damit auch der Versuch einer geglückten sexuellen Beziehung. Die Frau, die in diesen Kontexten auch als Betrügerin firmiert, bietet dem hilflosen und selbstverlorenen Sladek an, sich für einen stattlichen Betrag – es ist die Zeit der Inflation – auszuziehen:
SLADEK: Du hast so eine schöne Haut.
DAS FRÄULEIN: Ich bin auch ein Sonntagskind.
SLADEK: Ich nicht. – Du bist so weich.
DAS FRÄULEIN: Das hat jede Frau.
SLADEK: Nein, nicht jede.
DAS FRÄULEIN: Was der kleine Mann für große Augen hat. Schau mich an. Wohin schaust du denn?
SLADEK: Ich schau dich an.
DAS FRÄULEIN: Nein.
SLADEK: Doch.
DAS FRÄULEIN: Du schaust mich an und doch nicht an. Hinter mir ist nichts. Ich glaube, du findest den richtigen Kontakt zum Weibe nicht.19
Nachdem sie ihn geküsst und sich ausgezogen hat, meint die Frau selbstbewusst: „Du bist ein einsamer Mensch. Du mußt öfters kommen, sonst wirst du noch melancholisch. Das Weib ist die Krone der Schöpfung.“20 Anfänglich amüsiert sich die junge Frau ganz offenkundig lustig über den empfindsamen romantischen Mann ihr gegenüber, der enttäuschenderweise gar nichts Männlich-Zupackendes an sich hat, sondern sich in der Weichheit ihrer schönen Haut verliert. Am Ende macht sie indes eine überraschende und wohl auch zutreffende Entdeckung: Dieser Mensch, dieser Mann ist unfähig, eine konkrete Beziehung zu einer Frau einzugehen. Er schaut nicht sie an, sondern sieht etwas in ihr, das dahinter ist. Insofern geht diese sexuelle Annäherung ganz schief, Sladek kommt ihr nicht näher, sondern möchte sie vor allem aus der Ferne vollständig nackt betrachten können.
Soweit kommt es in der letzten Szene gar nicht, wenn Sladek, der nach dem gescheiterten Aufmarsch gegen die Republik nach „Nikaragua“ auswandern möchte (weil ihm, wie auch beim „Kap der guten Hoffnung“, der Name ausnehmend gut gefällt), nähert sich überaus schüchtern und ungeschickt einer jungen Frau, Lotte, und fragt sie, ob sie mit ihm Karussell fahren möchte und das Fremde mit seiner Einsamkeit begründet:
SLADEK: […] ich kenn nämlich keinen Menschen.
LOTTE: Sie sind hier fremd?
SLADEK: Sehr fremd.
LOTTE: Sind sie nicht Engländer?
SLADEK: Stimmt.21
Das ist einer dieser fetzenhaften und verwehten Dialoge in der Horváth-Welt, die die Weltverlorenheit der Menschen in den Pausen, das ein Schweigen der Worte ist, versinnbildlicht. Horváths Menschen bleiben dem Publikum rätselhaft fremd, so wie sich seine Figuren auf der Handlungsebene im Stück selbst und einander fremd bleiben. Es ist nicht ohne Ironie, dass Sladek die Frage der fremden jungen Frau, ob er ein Engländer sei, bejaht. Es ist pure Ironisierung des Umstandes seiner einsamen Existenz, die ihn in das politische Abenteuer und nun zum Auswandern veranlasst
5. Close Reading 2: Joseph Roths Das Spinnennetz
Den gleichen Zeitraum behandelt auch Joseph Roths erster Roman Das Spinnennetz, der zunächst, der Germanistik lange unbekannt, in der Wiener „Arbeiterzeitung“, dem Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie erschien, dessen Handlung indes in Berlin angesiedelt ist, auch wenn mit der Familie Ephrussi/Efrussi eine Spur nach Wien gelegt wird. Wie im Sladek spielt hier das Thema männlicher Marginalität im Gefolge von Krieg und Inflation, sowie der Bekämpfung durch Rechtsradikalismus und die schwarze Reichswehr eine maßgebliche Rolle.
Roths Figur des Theodor Lohse ist freilich aus gänzlich anderem Holz geschnitzt als jene des Sladek, der sich in die völkische Welt ebenso verirrt wie in die der Frauen. Seine Ausgangssituation ist erbärmlich und unerfreulich. Sein männlicher Wert als Soldat, ja sogar als Leutnant des wilhelminischen Heeres, ist – wie die Geldwerte in der Inflation – auf ein Nichts zusammengeschrumpft. In der von Frauen, der Mutter und Schwestern, dominierten Nachkriegs-Familie, ist er ein geduldeter, nicht wohlgelittener Gast,1 was der Erzähler sarkastisch kommentiert:
Die Mutter kränkelte, die Schwestern gilbten, sie wurden alt und konnten es Theodor nicht verzeihen, daß er nicht seine Pflicht, als Leutnant und zweimal im Heeresbericht genannter Held zu fallen, erfüllt hatte. Ein toter Sohn wäre immer der Stolz der Familie geblieben. Ein abgerüsteter Leutnant und ein Opfer der Revolution war den Frauen lästig. Es lebte Theodor mit den Seinigen wie ein alter Großvater, den man geehrt hätte, wenn er tot gewesen wäre, den man geringschätzt, weil er am Leben bleibt.2
Dass er nach 1918 nichts mehr wert ist und dass er gleichsam vor der Zeit ein Pensionistendasein in der bürgerlichen Gesellschaft führt – sozialer Tod statt heroischen Untergangs – führt eben jene Entwertung des Mannes herbei, gegen die sich Lohse, der sich als Hauslehrer bei der reichen Familie Efrussi verdingt, aufbäumt. Marginalität und Identitätsverlust treiben ihn in die Arme rechter Kreise, die wissen, wen sie für die „neuen Situationen“ verantwortlich machen können, den Sozialismus, den neuen demokratischen Staat, die Vaterlandslosigkeit, den Pazifismus und die „Liebe für den Feind“, das angebliche Streben der Juden nach Weltherrschaft. Ganz besonders aber die Juden. Diese Weisheiten beziehen die damals neuen Rechten aus den Protokollen der Weisen von Zion, die, wie es im Roman heißt, „alle Mitglieder des Reserveoffiziersverbandes zu den Hülsenfrüchten am Freitag“ bekamen. Diese symbolische Ernährung macht sie bereit für den Aufstand gegen jene Welt, in der sie keinen Platz finden und in der sie sich – Parallele zu Horváths Stück – als deren Opfer sehen.
Lohses Antisemitismus speist sich auch aus dem Neid des Verlierers, der sich von allen Reichtümern und von jedweder Anerkennung ausgeschlossen sieht. Auf Grund seines Statusverlustes hat er in seiner Interpretation auch sein sexuelles Kapital eingebüßt, das es ihm in besseren Zeiten ermöglich hätte, etwa der Liebhaber der schönen Frau Efrussi zu werden. Lohse träumt einem Liebesabenteuer mit einer Berliner Dame nach, die – Ausdruck bürgerlicher Distinguiertheit – ein „lila Unterhöschen“3 trug. Zur Marginalisierung gesellt sich das Kastrationsphantasma, das sich auch nicht durch kurzlebige sexuelle Affären mit sogenannten leichten Mädchen aus der Unterschicht oder Halbweltdamen kompensieren lässt.
Was Sladek in Grübelei und Melancholie treibt, das löst bei Lohse Willen zum Handeln aus: „Bald wird er aus seinem ruhmlosen Winkel treten, ein Sieger, nicht mehr gefangen in der Zeit, nicht mehr unter das Joch seiner Tage gedrückt.“4 Roth entwirft das Soziopsychogramm eines Typus, der den eigenen Stolz wiederaufrichten möchte und der sich dem Traum von Superiorität und Anerkennung hingibt. Lohse ist keineswegs ein Ideologe, das symbolische Mobiliar seines postsoldatischen völkischen Milieus ist für ihn nur ein Mittel zum Zweck, sich Geltung zu verschaffen.
Durch die Vermittlung von Doktor Trebitsch gerät Theodor alsbald in rechtsradikale Kreise. Dieser Name besitzt eine historische Referenz, war doch ein Arthur Trebitsch (der Vorname ist im Roman einem Onkel vorbehalten, der nach dem Ersten Weltkrieg in die USA emigriert ist) nach und neben Otto Weiniger der prominenteste jüdische Antisemit. Ihm, dem reichen Seidenhändler und autodidaktischen Philosophen, der 1925 unter dem Einfluss des Verdikts gegen die „Sklavenmoral“ eine „Arische Wirtschaftsordnung“ vorlegte, hat Theodor Lessing in seinem Buch Der jüdische Selbsthass ein ganzes Kapitel gewidmet.5 Dieses Paradox, Jude und Antisemit zu sein, wird im Roman Roths nicht angesprochen oder gar geklärt. Überhaupt bleibt es rätselhaft, warum sich in Das Spinnennetz so viele Menschen jüdischer Herkunft im Milieu von Spionage, verbotener Reichswehrkontingente oder völkischer Parteien tummeln.
Durch Trebitschs Vermittlung lernt Lohse das ganz rechte Milieu Berlins und danach auch Münchens kennen, er gerät in die Nähe des dubiosen Prinzen Heinrich, der ihn für seine homosexuellen Neigungen instrumentalisiert, er lernt die Hintermänner der verbotenen Aufrüstung, aber auch die Führer der neuen völkischen Gruppierungen kennen. Er verrichtet die niederen Arbeiten, die Erledigung kommunistischer Gruppen, die Niederschlagungen eines Aufstandes von Landarbeitern oder die Beseitigung von Gesinnungsgenossen, die seinem Aufstieg im Wege stehen. Er ist auch aktiv an der Beteiligung eines Putsches beteiligt, der im Roman mit dem Datum des 2. Novembers (statt wie historisch korrekt mit dem des 9. Novembers) versehen wird – zusammen mit der Feier für Ludendorff –, eine ganz normale völkische Karriere. Seine Mordgeschäfte bringen ihm Geld ein, die sein ökonomisches Vorankommen gewährleisten. Aber was ihm fehlt, ist der Bekanntheitsgrad eines Hitlers, denn Lohse arbeitet mit seinen geheimen Missionen, schwarze Reichswehrkontingente aufzustellen, zumeist im Verborgenen. Er agiert dabei so mechanisch und professionell so wie zu den Zeiten, als er als Schüler komplette ‚fremde‘ Sätze auswendig gelernt hatte:
Er wollte Führer sein, Abgeordneter, Minister, Diktator: Noch kannte man ihn nicht außerhalb seiner Kreise. Noch brannte der Name Theodor Lohse nicht in den Zeitungen. […] Es schmerzte ihn der Zwang zur Namenlosigkeit, unter dem er alle Taten verrichten mußte.6
Dann trifft er auf einen zweiten jüdischen Geheim- und Doppelagenten, Benjamin Lenz, einen Nihilisten durch und durch, dessen ideologische Verankerung sehr locker ist:
Seine Idee hieß: Benjamin Lenz. Er haßte Europa, Christentum, Juden, Monarchen, Republiken, Philosophie, Parteien, Ideale, Nationen. Er diente den Gewalten, um ihre Schwäche, ihre Bosheit, ihre Tücke, ihre Verwundbarkeit zu studieren. Er betrog sie mehr, als er ihnen nützte. Er haßte die europäische Dummheit. Seine Klugheit haßte. Er war klüger als Politiker, Journalisten und alles, was Gewalt hatte und Mittel zur Macht. Er probte seine Kraft an ihnen […], er freute sich an dem gläubigen Gesicht des Betrogenen, der aus den falschen Tatsachen Kraft zu neuer Grausamkeit schöpfte […].7
Lenz ist ein früher Vertreter von Falschmeldungen und ein Propagandist sinnloser Grausamkeit, ein geschickter Segler in der Intransparenz eines Netzes von Geheimdiensten, Verschwörergruppen, sinisteren Parteien und Terroristen. Er durchschaut Lohse, der für ihn weder ein Gesinnungstäter noch ein „geborener Mörder“ ist:
Sie sind auch kein Politiker. Sie wurden von ihrem Beruf überfallen. Sie haben ihn sich nicht gewählt. Sie waren unzufrieden mit ihrem Leben, Ihren Einnahmen, ihrer sozialen Stellung. Sie hätten versuchen sollen, im Rahmen Ihrer Persönlichkeit mehr zu erlangen, niemals aber ein Leben, das Ihrer Begabung, Ihrer Konstitution zuwiderläuft.8
Ob das nun ehrlich gemeint ist oder ob es sich um einen Trick handelt, den Ehrgeiz Theodors anzustacheln, bleibt an dieser Stelle offen. Für ihn ist der umtriebige, leicht zu lenkende Weltkriegsleutnant Instrument und Mittel zugleich, um Geld und Einfluss zu maximieren. Er fädelt eine Hochzeit von Theodor mit einer preußischen Aristokratin ein und verschafft ihm einen einflussreichen Job knapp unterhalb der Minister-Ebene. Während Lohse einem unaufhaltsamen sozialen und politischen Aufstieg entgegenstrebt, kommen seine beiden jüdischen Förderer, zunächst Trebitsch, der sich mit seinem Onkel nach Amerika absetzt, und Lenz, der sich spontan entscheidet, mit seinem Bruder Lazar in den Zug nach Paris einzusteigen, der Bewegung abhanden. Sang- und klanglos verschwinden sie aus dem narrativen Raum des Romans. Für beide war es ein Spiel, das sich vor allem für Lenz, der sich rührend um seine ostjüdische Familie kümmert, finanziell ausgezahlt hat und das wie jedes Spiel einmal an ein Ende kommt.
So verschieden die Figuren bei Horváth und Roth sich unterscheiden mögen, hier der erfolgreiche Politiker, dort der einsame Melancholiker in der braunen Masse, beide sind sie getragen von jenem politischen Dispositiv, das man einmal als braune Revolution bezeichnet hat. Von ihr versprechen sie sich einen dynamischen Effekt, der ihre mehrfache Marginalisierung kompensieren soll. Oder anders gesagt: Die erfahrene und erlittene soziale, geschlechtliche und ökonomische Deplacierung und die daraus erwachsene Selbstkränkung und Identitätskrise des Mannes und Soldaten nach 1918 bilden die entscheidende Bedingung der Möglichkeit für den so überraschenden wie rapiden Aufstieg der Voraussetzungen für den rechtsradikalen Aufstand gegen die liberale Demokratie. Hier gibt es, über die unleugbare ökonomische Krisensituation, Inflation und Massenarbeitslosigkeit, einen symbolischen Überschuss. Männer, die auch in den eigenen Augen ein überflüssiges Nichts sind, laden sich durch ein Programm auf, das ihnen verspricht, wieder etwas zu werden. Den hohen Preis sind sie bereit zu zahlen, eben weil sie wahre Männer sein wollen, die sich vor Gewalt und Grausamkeit nicht fürchten, sondern diese als Medizin für ihre prekär gewordene Männlichkeit sehen. Sie bringen die Gewissensbisse im Hinblick auf die gemeinen Taten zum Verstummen:
Er stand auf dem Podium, und der Schall seiner Stimme hob ihn empor. Seine Frau saß in der ersten Reihe. Gesichert waren die Eingänge, die Türen, die Fenster, hier vergaß er jede Gefahr und sogar den Feind, den lauernden, den unbekannten. „Ich muß zu dir aufschaun!“ sagte Elsa, und sie saß in der ersten Reihe und sah zu ihrem Mann empor, dem Erwachsenen und Wachsenden, Chef der Sicherheit – dachte sie –, Präsident des Reiches, Platzhalter für den kommenden Kaiser.9
Ein solcher Befund anno 1923 ist erstaunlich und prophetisch, nimmt er doch den Habitus all jener vorweg, die es im Gefolge der Machtergreifung von 1933 nach Oben spülen sollte. Man muss mit historischen Vergleichen vorsichtig sein, aber einige der psychischen Dynamiken, die Roth und Horváth in ihren literarischen Werken herausarbeiten, sind auch im gegenwärtigen Kontext hundert Jahre danach durchaus wirksam.
1918, Untergang der Habsburgermonarchie und ihre Historiker
Eine unendliche Geschichte vom Fall und Ende
Filip Šimetin Šegvić (Zagreb)
Das große Erinnerungs- und Gedenkjahr 1918 wurde auf globaler Ebene als hundertstes Jubiläumsjahr mehrerer wichtiger Ereignisse ‚konsumiert‘, unter anderem hat man den Untergang der Habsburgermonarchie sowie Gründung sämtlicher neuen Staaten, so auch des SHS-Staats, der Republik Österreich oder der Tschechoslowakei mit verschiedenen Veranstaltungen bedacht. Auf Tagungen und in wissenschaftlichen Publikationen wurde das Jahr 1918 als Umbruchsjahr oder als „Stunde null“ dargestellt. Das Themenspektrum eines Sammelbands versuchte zum Beispiel 1918 nicht als eine strikte Demarkierung vorzustellen, sondern auf übergreifende politische, soziale und kulturelle Strukturen hinzuweisen und somit klassische Spaltungen zu vermeiden.1 Ernsthafte wissenschaftliche, aber auch politische bzw. öffentliche Debatten wurden darüber in ganz Mittel- und Südosteuropa geführt. Dabei kam heraus, dass die meisten Debatten unabhängig voneinander, also ohne jegliche komparativgeschichtliche Perspektive, nicht im Dialog, sondern als monologische Einzelbestandteile geführt wurden. Man konnte auch feststellen, dass bei den Historikern in Mittel- und Südosteuropa nicht nur Kontroversen und größere Fragenkomplexe offen geblieben sind, sondern dass man sich auch auf anderen Ebenen nicht ergänzen konnte, beispielsweise bei einer Suche nach den kroatisch-serbischen oder habsburgisch-patriotischen sowie jugoslawischen Erinnerungsorten, den lieux de memoire.2
Der Begriff ‚konsumiert‘ wurde absichtlich verwendet, weil Historiker, die noch 2014 auf einen neuen bzw. methodologisch differenzierten Erfahrungsraum vorbereitet waren, sich bis 2018 wahrscheinlich ernüchtert haben. Auch Christopher Clarks literarisch gelungene „Master-Darstellung“, die auf der Suche nach den Ursachen des Ersten Weltkriegs neue Debatten hervorrief, mangelte an wirklich neuen Interpretationen und Ideen; dennoch bleiben Die Schlafwandler ein multiperspektives Meisterwerk der neuesten Geschichtsschreibung.3 Eine propulsive Bereicherung und Erneuerung der Habsburgerstudien, mit allen zugehörigen modernen methodologischen und theoretischen Ansätzen in der Geschichtsschreibung, lässt allerdings immer noch auf sich warten, trotz einer Überproduktion von re-traditionalisierten und klassisch politisch-historischen Beiträgen. Es wurden zahlreiche Konferenzen und Tagungen abgehalten, die einen neuen Blickwinkel oder aber einen Blick aus der Vogelperspektive auf die letzten Jahre der Habsburgermonarchie und anderer europäischer Imperien geboten haben, ohne dabei traditionelle Fragestellungen zu erweitern, manche wurden sogar aufgegeben. Viel häufiger rückten aber alte Argumente und sogar alte Einstellungen in den Vordergrund.
Das Jahr 1918 als das große Bruchjahr bezeichnet in der Geschichtsschreibung unter anderem auch den endgültigen Untergang der Habsburgermonarchie. Bis heute erhält sich in zahlreichen Werken die alte Perspektive von der geschwächten „alten“ Donaumonarchie, die als ein Anachronismus dargestellt wird und daher nicht überraschend ihr Ende 1918 erfährt – zu erwähnen wären in diesem Zusammenhang insbesondere zahlreiche Beiträge der kroatischen Historiographie, die sich auf 1918 und die darauffolgenden Jahre konzentrieren. Mehrere dieser Beiträge, die sich mit diesem Thema in der neueren Zeit beschäftigen, bleiben in erster Linie auf Ereignisse, also auf die von Fernand Braudel benannte „Zeit der Geschichte“ und den „mechanischen Zeitlauf“, auf die histoire événementielle („Ereignisgeschichte“) konzentriert.4 Gerade diese Ebene der historischen Prozesse wurde bereits im heute vergessenen, aber nichtdestotrotz wichtigen Werk Raspad Austro-Ugarske i stvaranje južnoslavenske države (Der Untergang Österreich-Ungarns und die Gründung eines jugoslawischen Staates) des kroatischen Historikers Bogdan Krizman (1913–1994) aus dem Jahr 1977 untersucht.5 Und gerade für die kroatische Situation um 1918 ist die Perspektive der langen Dauer gut geeignet: nicht die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien oder Österreich, sondern gerade Kroatien bzw. Jugoslawien.6 Es handelt sich dabei um einen Sonderfall, der tatsächlich für die Durchführung einer transepochalen komparativen Studie geeignet wäre. Kroatien fügte sich nach jahrhundertelanger Dominanz der Dynastie Habsburg als einziges mitteleuropäisches Land in ein neues multinationales, multikulturelles und multikonfessionelles Imperium bzw. Königreich ein. Doch außer der hervorragenden Arbeit des Historikers Ivo Banac, dem Buch The National Question in Yugoslavia: Origins, History, Politics hat die kroatische Geschichtsschreibung bis heute kaum solche übergreifenden Studien hervorgebracht.7
Wichtige Ansätze dazu gibt es schon seit einiger Zeit in der österreichischen und deutschen, aber vor allen in der anglo-amerikanischen Geschichtsschreibung: die Sektion „Habsburgia“ – ein Begriff des Historikers Tony Judt8 (1948–2010) – gab es auch schon vor 1918 in der britischen Geschichtsschreibung, was auf keinen Fall eigenartig vorkommen sollte. Das Thema „Untergang der Monarchie“ ermöglichte vorerst den Historikern nach 1918 Zuflucht ins sogenannte „grand narrative“. Britische Historiker der Zwischenkriegszeit, zumal Emigranten aus dem mitteleuropäischen Raum wie Lewis B. Namier oder Alfred F. Přibram, knüpften an die Geschichtsschreibung von Edward Gibbon aus dem 18. Jahrhundert an. Sein Werk über den Fall des Römischen Imperiums popularisierte eine Geschichte des decline and fall – des „Verfalls und Untergangs“.9 Die frühe britische Geschichtsschreibung zum Thema Donaumonarchie wurde auch durch die späten Ansätze der Macauley’schen sogenannten whig-history beeinflusst. Schilderungen politisch aktiver Historiker und Journalisten wie Henry Wickham Steed (1871–1956) und Robert William Seton-Watson (1879–1951), insbesondere auf die Lage der Südslawen konzentriert, prägten dabei ein politisch motiviertes Bild der Donaumonarchie als „Völkerkerker“.10 Die Habsburgermonarchie zu untersuchen, war in vielerlei Hinsicht eine zeitgemäße Angelegenheit: Die politische Krise und die Nationalitätenkämpfe in der Habsburgermonarchie haben den Kontext zu den jüngsten politischen Entwicklungen in Mittel- und Südosteuropa in den 1920er und 1930er Jahren sowie auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg geboten. Dabei sollte man sich an die zahlreichen Werke der anglo-amerikanischen Geschichtsschreibung erinnern: vom ausschlaggebenden Essay über den Zerfall der Monarchie in 41 Punkten von Lewis B. Namier (1888–1960)11 bis zu den synthetischen Werken von Arthur J. May, Robert A. Kann, A. J. P. Taylor, C. A. Macartney und zahlreichen anderen Historikern.
Natürlich hatten politische Umstände früher wie auch heute einen bestimmten Einfluss auf die Geschichtsschreibung. Nach 1918 war es nicht nur wichtig, den Zerfall großer europäischer Imperien zu analysieren, sondern gewiss auch neue „grand narratives“ für Nachfolgestaaten zu gestalten; der Habsburger „Völkerkerker“ spielte dabei eine wichtige Rolle. Anderseits wurde im Kalten Krieg wieder vieles umgedacht: der „Eiserne Vorhang“ und die Sowjetisierung Ost-Mitteleuropas und Osteuropas ließ schnell den „Völkerkerker“ vergessen. Heute werden wiederum in Bezug auf die Europäische Union Parallelen mit dem Habsburger Vielvölkerstaat gezogen, wobei sich diverse Kolumnisten und Journalisten fragen, ob man von Franz Joseph und der Doppelmonarchie noch etwas lernen könnte.12 Diesbezüglich sind Historiker aber vorsichtiger geworden, als dies der Fall nach 1918 oder nach 1945 war.
Zusammen mit den Arbeiten österreichischer und deutscher Historiker bieten diese synthetischen Werke eine Fülle von Thesen und Argumenten über den Zusammenbruch der Habsburgermonarchie. Dabei fallen mindestens zwei oder drei miteinander verbundene, aber grundsätzlich unterschiedliche Denkrichtungen auf. Hinzuweisen wäre in diesem Zusammenhang vor allem auf die mehrbändige österreichische Edition Die Habsburgermonarchie 1848–1918, die seit 1973 erscheint und verschiedene Historiker aus Österreich und anderen Ländern verbindet; dieses Werk bietet zwar keine Synthese, stattdessen werden aber in seinen voluminösen Bänden diverse Themen vertieft.
Die erste historiographische Richtung bringt einen detaillierten Überblick der inneren politischen Situation in der Habsburgermonarchie und rückt dabei die Analyse der Reform- und Reorganisationsbestrebungen in den Vordergrund. Nach dieser Interpretation sei die Donaumonarchie von inneren Faktoren, vor allem von miteinander zerstrittenen Nationalitäten, die niemals „von oben“ befriedigt wurden, geschwächt und endgültig im Krieg zertrümmert worden. Oftmals kommen dabei Magyaren oder Slawen als überwiegend destabilisierende Faktoren vor. Vereinfacht gesagt, würde das eine Geschichte der „verpassten Chancen und Gelegenheiten“ zur Reform des Staatswesens der Dynastie Habsburg und somit zur Rettung der immer mehr anachronistischen Habsburgermonarchie bedeuten. Der ungarische Soziologe und Historiker Oszkár Jászi (1875–1957), selbst in der letzten Periode der Monarchie politisch aktiv und nach 1925 in den USA tätig, befürwortete diesen Zugang in seinem einflussreichen Werk The Dissolution of the Habsburg Monarchy (1929).13 Ein ebenso analytisches Panorama der konstitutionellen und politischen Probleme der Donaumonarchie bietet das Buch Das österreichische Staats- und Reichsproblem des Juristen und Historikers Josef Redlich (1869–1936).14 Diese Ausrichtung erreichte ihren wissenschaftlichen Höhepunkt mit den Werken des US-Historiker Robert A. Kann (1906–1981).
Einen anderen Blickwinkel bieten Synthesen, die die Dominanz der Außenpolitik zu unterstreichen versuchen: Damit wird die These aufgestellt, dass die innere Nationalitätenfrage – vor dem Ausbruch des Weltkrieges sekundär – eigentlich von Außenfaktoren beeinflusst und durch die Inkompetenz der Habsburger bzw. Kaiser Franz Josephs sowie seiner politischen Ratgeber verschärft worden sei. Solche Ansätze können bei A. J. P. Taylors (1906–1990) Werk über die Habsburgermonarchie gefunden werden: Für Taylor ist die Monarchie ein merkwürdig anachronistisches System für die Außenpolitik und im Grunde ein Werkzeug des europäischen Kräftegleichgewichts gewesen. Taylors „grand narrative“ wird in den Arbeiten von Roy Bridge mit analytischer Quellenkritik der diplomatischen Dokumente ersetzt.15 Aber dieser Blickwinkel gipfelt erst in der Synthese des britischen Historikers Alan Sked unter dem Titel Decline and Fall of the Habsburg Empire (1989),16 wobei auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen: besonders ergiebig waren in dieser Hinsicht die Werke von Richard Rudolph, David F. Good, John Komlos, usw., in denen eine äußerst differenzierte Perspektive auf die ökonomische Lage der Habsburgermonarchie durchgesetzt wurde.17 Zwar direkt mit der früheren britischen Schule der Habsburgerstudien (mit A. J. P. Taylor als Schlüsselfigur) eng verbunden, präsentierte diese Synthese von Alan Sked dennoch neue Perspektiven und ergänzte dabei eine Reihe von neuen Ansätzen. Die deutsche Version des Buchs unter dem Titel Der Fall des Hauses Habsburg. Der unzeitige Tod eines Kaiserreichs schildert vielleicht besser die Intention des Autors, der von einem „Fall ohne Niedergang“ (fall without decline) spricht und dabei noch behauptet, dass die lokalen Formen des Nationalismus bis 1914 keine ernstere Bedrohung für die Donaumonarchie dargestellt haben.18 Also stellte gerade Sked in seiner provokativen, aber gut argumentierten Interpretation fest, dass die Existenz der Habsburgermonarchie zwischen dem Ausgleich von 1867 und 1914 keiner größeren Gefahr ausgesetzt war.
Einen dritten und sehr spezifischen Ansatz bietet das äußerst interessante, 1968 veröffentlichte Werk The Habsburg Empire von C. A. Macartney (1895–1978). Es analysiert extensiv innenpolitische Wandlungsprozesse im österreichischen wie auch im ungarischen Teil der Donaumonarchie, darüber hinaus auch diplomatische und außenpolitische Faktoren im „langen 19. Jahrhundert“.19 Macartneys Antwort auf die Frage vom Zerfall der Habsburgermonarchie ist zweiseitig: zum einen stellt er strukturelle Fehler und Probleme fest, die bis 1914 immer mehr Wirbel auslösten, auf der anderen Seite sieht er auch die außenpolitische Lage vor 1914 als problematisch an. Macartney schreibt:
The Austo-Hungarian Monarchy did not survive the conflict which it unleashed when it declared war on Serbia. The end of the war was also the end of the Monarchy. Many is the book which has been written on the question whether this consummation was forced on it, unnaturally, by foreign enemies, some of which have become so only by accident, or whether it was the natural and inevitable result of the forces of decay within its own organism.20
Hinsichtlich der analytischen Breite und des periodenübergreifenden Ansatzes ist der Arbeit Macartneys eine weitere Studie verwandt: die Synthese des britischen Historikers Robin Okey, die einen politisch- und gesellschaftshistorischen Überblick der Geschichte der Habsburgermonarchie von 1765 bis 1918 bietet.21 Dabei verweist Okey auf langfristige Strukturen, die desintegrativ wirkten (Nationalismus) oder einen Zerfall unvermeidlich machten (Modernisierungsprozesse der Aufklärung), darüber hinaus auch auf andere strukturelle Fehler. Aber auch kurzfristige Ereignisse (Weltkrieg) zählen bei Okey zu den Schlüsselfaktoren des Umbruchs:
In the case of the Habsburg Monarchy and the First World War the big issues concern the outbreak and conduct of the war but above all the break-up of the old state at its end. What is the balance between individual and structural factors, and between shorter- and longer-term ones, in shaping what came about?22
Nachfolgende Generationen von Historikern hatten durch diese Bücher ihre ersten Begegnungen mit der Geschichte der Donaumonarchie. Sie entwickelten jedoch auch eine kritisch differenzierte Perspektive. Der sogenannte cultural turn fand auch in den Habsburgerstudien statt: William M. Johnston, Carl Schorske, Edward Timms, Allan Janik, Steven Beller sowie österreichische Historiker wie Moritz Csáky, Wolfgang Maderthaner und viele andere beleuchteten mit ihren Werken kulturelle, intellektuelle, gesellschaftliche und geistesgeschichtliche Aspekte. Gerade kultur- und geistesgeschichtliche Beiträge von Johnston und Schorske (1915–2015) oder Péter Hanák (1921–1997)23 erinnerten nicht nur an eine Fülle von Kreativität und Innovation in Wien (und anderen urbanen Zentren der Monarchie) um die Jahrhundertwende, sondern trugen dazu bei, die Habsburgermonarchie umzudenken, das heißt, sie nicht als Anachronismus, sondern als ein „Laboratorium der Moderne“24 zu betrachten, darüber hinaus auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.
Die Werke von David F. Good und John Komlos eröffneten neue Ansätze in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung der Donaumonarchie. Seit den 1980er Jahren kamen parallel dazu auch die Beiträge von Gary B. Cohen und anderen, wieder zumeist US-amerikanischen Historikern, die den Weg für eine neue Generation von Forschern freigemacht hatten. Anknüpfend an Benedict Anderson und seine Imagined Communities,25 suchte diese Generation neue Antworten auf alte Fragen, stieß aber dabei auch auf ganz neue Fragenkomplexe. Nicht nur eine Fülle von wichtigen kulturhistorischen und sozialhistorischen Studien haben bedeutende Durchbrüche ermöglicht. Bald kamen auch Beiträge, die bekannte Themen mit neuen methodologischen Fragenstellungen verbinden, sei es in Bezug auf verschiedene Aspekte des Habsburger Heeres, auf diverse nationale und dynastische Loyalitäten bzw. Loyalismen oder auf andere Ansatzpunkte der „new political history“.26
Der aus der Zwischenkriegszeit datierende historiographische empirische Rahmen, der unter dem Einfluss Oswald Spenglers und Arnold Toynbees sowie ihrer Theorie der historischen Zyklen von Aufstieg oder Fortschritt und Verfall oder Rückschritt stand, wurde nun endgültig gesprengt.27 Auch die Carlyle’sche „Geschichte großer Männer oder Helden“ rückte in den Hintergrund. Der Umstand, dass die Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert eben keine Erfolgsgeschichte ist, dass große Männer der Monarchie nicht als Helden angesehen werden und „zum Heroischen in der Geschichte“ gehören, ermöglichte andere Wege. Neue, kleinere Studien machten nun die Erforschung von Verbindungen zwischen lokalen Phänomenen und generellen Transformationen des Habsburgerreichs zum Thema. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde die Habsburgerforschung nicht nur konzeptuell oder durch verschiedene Themen bereichert, erweitert wurde auch unser Wissen über die Peripherie und deren Entwicklung. Carlyle’sche Fragen und Kontroversen, zum Beispiel die Frage, inwiefern die private Welt des Kaisers Franz Joseph dessen politische Entscheidungen beeinflusste oder wie schwer bzw. verloren die Lage für Kaiser Karl gewesen war, werden von nun an mit neuen Fragenkomplexen ersetzt. Vorangeführt werden solche modernen Habsburgerstudien von Laurence Cole, Daniel Unowsky, Tara Zahra, Robert Nemes, Deborah Coen und vielen anderen, dazu auch von ihren europäischen Kollegen wie Heidemarie Uhl, Rok Stergar, Mark Cornwall, Philipp Ther, Tamara Scheer und vielen anderen. Diese neuen Generationen der Historiker der Habsburgermonarchie finden im vereinfachten Sinn unter der Kategorie „New Habsburg History“ ihren kleinsten gemeinsamen Nenner. Als spezifische case-studies wurden diese Ansätze der „New Habsburg History“ schon längere Zeit geprüft. Aber gerade eine Synthese fehlte lange Zeit um all diese scheinend partikularen Fortschritte zu verbinden und schlaggebend eine „Stimme“ der ganzen Generation zu werden.28
Die neue Synthese der Geschichte der Habsburgermonarchie von Pieter Judson, erschienen auf Deutsch 2017 unter den Titel Habsburg: Geschichte eines Imperiums, ist aber in diesem Zusammenhang nicht eine „New History“ (der englische Titel ist The Habsburg Empire. A New History), weil sie erst vor kurzer Zeit publiziert wurde. Sie ist auch auf den methodologischen Ansätzen der Sozialgeschichte und Kulturgeschichte begründet und bietet neue Interpretationen zum Staatswesen und zu dessen Entwicklung im langen 19. Jahrhundert.29 Als jahrelanger Chefredakteur der Zeitschrift „Austrian History Yearbook“ hatte Judson einen klaren Überblick über die meisten neuen Tendenzen der Habsburgerstudien. Dazu wirkt gerade diese Zeitschrift in englischen Wissenschaftsraum als methodologische Werkstatt und Plattform für neue Ansätze nicht nur in der Geschichte der Habsburgermonarchie, sondern auch für die Geschichte(n) der Nachfolgestaaten. Wie wissenschaftliche Diskussionen über das Buch von Pieter Judson bereits gezeigt haben, zeichnet diese Geschichte des Habsburgerreichs ein revisionistisches Bild über dessen Schlussphase.30 Auch andere bekannte historische Eckpfeiler, zum Beispiel die Regierungszeit Maria Theresias und Joseph des II. oder die Metternich-Ära, werden aufs Neue untersucht. Judsons Arbeit ist gleichzeitig provokativ, aber immer noch in „Kommunikation“ mit anderen, älteren Historikern der Geschichte des österreichischen Imperiums. Einige Aspekte werden dennoch vernachlässigt, wie beispielsweise die immer wichtigen außenpolitischen und diplomatischen Ebenen. Dazu kommt auch ein weiteres Problem hinzu, das sich teilweise auch in anderen Synthesen festhalten lässt: Verschiedene Gruppen, Einzelpersonen, Orte oder Beispiele wechseln sich zunehmend ab und werden meistens ungenügend kontextualisiert – ansonsten ein Nachteil mehrerer Synthesen, die die Gesellschaftsgeschichte auf einer Basis der entangled history/histoire croisée also als Verflechtungsgeschichte, darzustellen suchen. Der Historikergeneration, die die „New Habsburg History“ als ihren Forschungsansatz nimmt, bleibt Judsons Synthese zweifelsohne ein deutlicher Wegweiser.
Neue Ansätze und theoretische Perspektiven von Judson, Cornwall, Zahra und anderen drehen historiographische Paradigmen um und bringen im Wesentlichen revisionistische Bemühungen in den Habsburgerstudien ein. Dieselben Ansätze begründen sich jedoch auf der Idee, dass Makro-Perspektiven wie sämtliche Verwaltungsreformen, Funktionen der bürokratischen Organisation oder die Entwicklung der Zivilgesellschaft mit anderen Mikro-Perspektiven verknüpft oder argumentiert werden. Dabei sollte man allerdings vorsichtig verfahren; im neuen Optimismus des habsburgischen Revisionismus darf der menschliche Faktor in der Geschichte, an den auch Marc Bloch stets erinnerte,31 nicht vergessen bleiben. Historiker dürfen nicht vergessen, dass die Geschichte auch für jemanden und über jemanden geschrieben wird – nicht fast ausschließlich über etwas. Das menschliche Element einiger zukünftiger Habsburgerstudien darf nicht auf Grund eines „franzisko-josephinischen normativen Optimismus“ aufgegeben werden. Außerdem sollten spezifische und partikuläre Charakteristiken der einzelnen Länder nicht geopfert werden, um weitreichende universelle Makro-Perspektiven um jeden Preis einzuwenden. Werke der kroatischen Historikerin Mirjana (Miriam) Gross (1922–2012) bieten noch heute einen zuverlässigen Wegweiser, wie spezifische Entwicklungen im Rahmen einer Makro-Perspektive der Habsburgermonarchie behandelt werden können.32 Um eine (noch) mehr nuancierte strukturelle Analyse der Habsburgermonarchie und ihrer Ambivalenzen zu erreichen, werden weitere kultur- und gesellschaftsgeschichtliche vergleichende Studien über die Peripherie des Reiches, über Galizien, Bukowina, Dalmatien, Istrien, Kroatien-Slawonien und auch Ungarn im Ganzen immer notwendiger. Gerade Ungarn als schwerwiegender Fragenkomplex wird noch immer in den meisten Synthesen reduziert oder nur auf politischer Ebene ergänzt, wobei kulturelle, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Aspekte zumeist selten vorkommen. Ein de-zentrierter, pluralisierter Blickwinkel auf die Habsburgermonarchie im langen 19. Jahrhundert sollte dabei zu neuen Synthesen individueller Erfahrungen diverser Gruppen führen, deren Existenzrahmen die Donaumonarchie darstellte. So werden weitere Studien des Verhältnisses von Zentrum und Peripherie (sowie Semiperipherie) eingebracht, die auch zu einer erweiterten Verflechtungsgeschichte führen können.
Nun besteht die Aufgabe nicht darin, nur das Umbruchjahr 1918 bzw. die Habsburgermonarchie bis 1918, sondern auch eine Epoche der langen Dauer im Wesentlichen aus anderen Blickwinkeln zu betrachten; nicht als das letzte Licht im Tunnel der Habsburgerstudien, sondern mehr als bindendes Jahr der Transition, die sich auf diversen Ebenen, sei es in der Kulturgeschichte, Literaturgeschichte, Mentalitätengeschichte oder auch in den Strukturen wie nationale Diskurse, politische Ideengeschichten usw. manifestiert. Da die „New Habsburg History“ meistens auf sozialgeschichtlicher Basis operiert, könnte man auch weiterhin epochenübergreifende Aufsätze (sowie Synthesen) erwarten, die Strukturen und Prozesse vor 1918 und nach 1918 verbinden und gründlich überprüfen.33 Multidisziplinäre und Transdisziplinäre Untersuchungen der Habsburgermonarchie und deren „Nachleben“ in der Zwischenkriegszeit (auf politischen, kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ebenen) öffnen somit immer wieder neue Potentiale, die die Habsburgerstudien nicht nur durch revisionistische Bemühungen, sondern auch durch originelle Problemstellungen bereichern. Somit wird die Geschichte vom langen Fall zur Geschichte vom langen Wandel.
Die Geburt des Rechtspositivismus aus dem Zerfall der politischen Ordnung
Kelsen und die Reine Rechtslehre
Christine Magerski (Zagreb) – Johanna Chovanec (Wien)
1. Einleitung
Mit dem Ersten Weltkrieg vollzog sich die intellektuelle Grundlegung der Reinen Rechtslehre, und dies „in dramatischer Verdichtung und Verquickung von Biographie, Wissenschaft und Politik“.1 Als Architekt der österreichischen Bundesverfassung wird der Jurist Hans Kelsen (1881–1973) auf den Parlamentsseiten der Republik Österreich zu den wichtigsten Persönlichkeiten gezählt, welche nach dem Zusammenbruch der imperialen Ordnung an dem Aushandlungsverfahren zwischen Politik und Recht beteiligt waren. Kelsens Prominenz wurde insbesondere im öffentlichen Diskurs rund um das 100-jährige Jubiläum der österreichischen Bundesverfassung im Jahr 2020 sichtbar. 2018 präsentierte das Wiener Volkstheater die Uraufführung „Verteidigung der Demokratie“; eine historische Rückschau auf das verfassungsrechtliche Wirken Kelsens mit kritischen Verweisen auf anti-demokratische Tendenzen im zeitgenössischen Europa. Die Ausstellung „Hans Kelsen und die Eleganz der österreichischen Bundesverfassung“ im Jüdischen Museum Wien (2020–2021) würdigte nicht nur Kelsens Biographie, sondern ermöglichte auch eine detaillierte Beschäftigung mit dem Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) selbst. Thomas Olechowskis Biographie eines Rechtswissenschaftlers (2020)2 und Pia Plankensteiners graphic novel Gezeichnet, Hans Kelsen (2020)3 setzten neue Standards für die respektive wissenschaftliche und popkulturelle Beschäftigung mit Kelsen.
Kelsen hatte die habsburgische Tragödie, das heißt die Zuspitzung und den Untergang der österreichisch-ungarischen Großmacht(politik), nicht nur mit eigenen Augen gesehen, sondern deren Werden im Machtzentrum regelrecht studiert und nach denkbaren Alternativen gesucht. Die bis zum Ausbruch der so genannten Urkatastrophe unvorstellbaren Ereignisse der Realgeschichte öffneten ihm gezwungenermaßen die Augen für die Kontingenz politischer Ordnungen, welche wiederum den Versuch ermutigten, eine verbindliche Grundnorm als Fiktion zu setzen, um auf dieser die vorrangige Geltung der Rechtsordnung zu begründen. Jürgen Busch spricht bezüglich der Wirkung des Ersten Weltkriegs für Kelsen dann auch treffend von der „Achsenzeit einer Weltkarriere“ und resümiert, dass die Kriegsjahre 1914 bis 1918 für dessen Entwicklung von ganz entscheidender Bedeutung waren.4
Die Frage nach der Bedeutung des Ersten Weltkriegs und des Zusammenbruchs der Österreichisch-Ungarischen Monarchie für die Entwicklung Kelsens Reinen Rechtslehre steht im Fokus dieses Beitrags. Die Fragestellung selbst wird einerseits als Beitrag zur Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts und andererseits als eine mögliche Form der Kritik an der oftmals als unangreifbar und kristallklar betrachteten Reinen Rechtslehre verstanden. Bezugnehmend auf Christoph Menke begreifen wir Kritik dabei als das Verstehen eines Textes in seinem Werden. Wie Menke betont, muss die Kritik den Geburtsakt oder die innere Genesis ihres Gegenstandes nachvollziehen.5 Die Reine Rechtslehre und ihr politisches Potenzial, so gilt es zu zeigen, wurden vor der Folie des Ersten Weltkriegs geboren. Ihre Genese bleibt, auch wenn der Abstraktionsgrad der Theorie dies vergessen lässt, an die zuvor unvorstellbaren Ereignisse der Realgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts, den Zusammenbruch eines politischen Systems und die damit verbundene Einsicht in die Kontingenz von Ordnung gebunden. Ein solcher, formgenealogisch ausgerichteter Zugang bezieht die Entstehungshintergründe und den Kontext der von Kelsen gezielt als reine Form entworfenen Rechtstheorie notwendig mit ein.
Um die formgenealogische Kritik an der Rechtstheorie Kelsen zu entfalten, wird im Folgenden zunächst Kelsens Biographie enggeführt auf die beispiellose „wissenschaftliche Weltkarriere“, die der Rechtstheoretiker im 20. Jahrhundert durchlief.6 Der zweite Schritt konzentriert sich auf Kelsens Hauptwerk, die Reine Rechtslehre, als eine der wichtigsten rechtstheoretischen Schriften der Moderne. Ein besonderes Augenmerk wird in diesem Zusammenhang auf die Grundnorm als Höhepunkt Kelsens konsequent gedachten Rechtspositivismus gelegt. Der dritte und abschließende Schritt kontextualisiert den ideengeschichtlich radikalen Akt der Setzung der Grundnorm, indem er ein Schlaglicht auf Kelsens Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs wirft und sein Rechtsdenken als Antwort oder auch mögliche Lösung einer politisch konkreten Problemlage, nämlich der österreichisch-ungarischen Armeefrage, aufweist.
2. Kelsens Aufstieg in die österreichische Wissenschafts- und Staatselite
Hans Kelsen war ein Kind der Donaumonarchie, das heißt eines historisch betrachtet lange währenden multinationalen und multikonfessionellen europäischen Großreichs. In ihm wiederum war er ein Teil der „Austrian State Elite“ und mithin einer Gruppe, für die Fredrik Lindström folgende Charakteristiken nennt: Ihre Teilnehmer durchliefen ein Studium der Rechte an österreichischen Universitäten, hatten gleichzeitig mehrere Betätigungsfelder, innerhalb derer sie zumeist insofern reformerisch tätig waren, als sie institutionelle Veränderungen als Staatsbeamte begleiteten oder als Experten für konstitutionelle Fragen wirkten, jedoch mehrheitlich keine politischen Karrieren anstrebten.1 In die so beschriebene österreichische Staatselite wurde Kelsen nicht hineingeboren, sondern musste sich in sie hineinarbeiten. Dem jüdischen Bürgertum zugehörig, wurde Kelsen im Jahr 1881 in Prag als Sohn eines Mannes geboren, der wiederum in Brody (Galizien) aufgewachsen war und in Wien starb. Seine Mutter, geborene Löwy, stammte aus Böhmen und starb 1950 in Bled, damals Jugoslawien.
Suchte man nach einer (post)imperialen Geschichte der Donaumonarchie in nuce, hier hätte man sie. Das dem habsburgischen Großreich inhärente Zentrum-Peripherie-Problem für sich lösend, zieht die Familie Kelsen 1884 nach Wien, wo der Sohn im Jahr 1900 die Matura am Akademischen Gymnasium Wien ablegt, um ein Jahr darauf ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Wien aufzunehmen.2 Der Beginn des Studiums im Zentrum des Reiches markiert den Anfang jener Weltkarriere, der ihre Achsenzeit noch bevorsteht. Gleichzeitig markiert die Zeit um 1900 einen staatsgeschichtlichen Einschnitt: „around the year 1900, this state was close to abdicating its role of leading and governing the society it was framing“.3 Genau diese Frage nach der möglichen ‚Rahmung‘ der Gesellschaft wird für Kelsen zur prägenden intellektuellen Herausforderung.
Um sie anzunehmen, musste sich Kelsen noch tiefer in das Zentrum hineinarbeiten. 1905 tritt er zum Katholizismus über. 1906 erfolgt die Promotion zum Dr. jur. an der Universität Wien, gefolgt von Studienaufenthalten in Heidelberg und Berlin. Im Frühjahr 1911 habilitiert sich der dreißigjährige Kelsen an der Universität Wien und beginnt dort noch im selben Jahr seine Lehrtätigkeit als Privatdozent für Staatsrecht und Rechtsphilosophie. Daneben lehrt er als Dozent für Verfassungs- und Verwaltungslehre an der Wiener Exportakademie des k.k. österreichischen Handelsmuseums. Als festen Baustein umfasst Kelsens Lehre eine Vorlesung, die sich ihrerseits als Seismograph des Wandels am Schnittpunkt von Politik-, Rechts- und Wissenschaftsgeschichte lesen lässt: Ab 1911 hält Kelsen in jedem Wintersemester die einstündige Vorlesung „Der österreichisch-ungarische Ausgleich“. Ab 1919/1920, also nach dem verlorenen Krieg und dem Untergang der Donaumonarchie, entwickelt Kelsen aus ihr sukzessive die Vorlesungen „Deutschösterreichisches Staatsrecht“, „Die Verfassung des Deutschen Reiches“ sowie, schließlich, „Allgemeine Staatsrechtlehre und österreichisches Staatsrecht“.4
Spätestens mit der Habilitation (1911) hatte sich Kelsen dabei nicht nur als Rechtsspezialist ausgewiesen, sondern innerhalb der sozialen Hierarchie des Großreiches auch endgültig den Aufstieg in die obere Mittelklasse vollzogen. Die Mittelklasse selbst war geradezu an das Rechtsstudium gebunden: „The Austrian middle class in the last decades of the empire was to a high degree a law educated class.“5 Als solche war sie von einer Kultur geprägt, welche wiederum, zumindest im Falle Kelsens, bis auf jene staatsbezogene, formalistische Rechtswissenschaft durchschlug, der Kelsen seine Mittelklasse-Existenz verdankte: „the basic abstract, a-national, and strongly state-centred culture“.6 Darauf wird zurückzukommen sein. Hinsichtlich der Biographie Kelsens bleibt zu ergänzen, dass das Leben der Familie Kelsen während des Krieges weitgehend ungestört verlief. Auch unterbrach der Krieg nicht die Wissenschaftskarriere Kelsens, im Gegenteil.7 Kelsens vielfältige Tätigkeiten im Kriegsministerium während des Ersten Weltkriegs und seine Positionierung im Hinblick auf die österreichisch-ungarische Armeefrage zeigen, wie nah an den Regierungskreisen Kelsen gearbeitet hat und wie sehr sein rechtswissenschaftliches Wirken in Wechselwirkung mit den politischen Gegebenheiten stand. Zudem hielt Kelsen während des Krieges, und zwar durchgängig von Ende 1913 bis 1918, in seiner Wohnung Privatseminare ab, aus denen sich ein engerer Kreis bildete, der nach dem Krieg die Form einer Schule annahm. In einer Art Sonntags-Kreis kam es einmal im Monat zu einer intellektuellen Zusammenkunft, deren bloße Existenz bezeugt, dass sich selbst noch die Urkatastrophe beobachten und reflexiv einholen ließ.
Unmittelbar nach dem Ende des Krieges, im März 1919, wird Kelsen zum Mitglied des deutschösterreichischen Verfassungsgerichtshofes ernannt und, im Sommer desselben Jahres, zum ordentlichen Universitätsprofessor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Wien. Die Professur besetzt Kelsen bis 1930.8 Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und des Antisemitismus an den Hochschulen verlassen Hans und Margarete Kelsen in Jahr 1940 Europa und gehen nach New York, wo Kelsen seine „wissenschaftliche Weltkarriere“ fortsetzt.9
3. Kelsens Reine Rechtslehre
Kelsens wissenschaftliches Hauptanliegen war es, die Rechtswissenschaft als eigenständige Wissenschaft zu etablieren und sie dabei von ideologischen Verstrickungen mit der Politik loszulösen: „Nicht um die historische, politische, ökonomische, soziale, moralische, psychische Qualität von Recht geht es, sondern um Recht als Recht. D.h. die spezifisch juristische, eben eigengesetzliche Dimension des Rechts.“1 Als sein oftmals modifiziertes Hauptwerk gilt die Reine Rechtslehre, deren Grundzüge er bereits in seiner Habilitationsschrift Hauptprobleme der Staatsrechtslehre (1911)2 entworfen und dann 1934 paradigmatisch in der Reinen Rechtslehre präsentiert hat. Wie Zeleny hervorhebt, hat Kelsen selbst seine Reine Rechtslehre stets als work in progress verstanden, als ein auf „Fortentwicklung gerichtetes Unternehmen unter Beteiligung einer Mehrzahl gleichgesinnter Gelehrter“.3 Diese Weiterentwicklung wurde zum einen von seinen Schülerinnen und Schülern und zum anderem von ihm selbst vorangetrieben. Kelsen ist den Grundpfeilern seiner Lehre zwar grundsätzlich treu geblieben, hat sie aber immer wieder umfassend überarbeitet und als modifizierten Gesamtüberblick publiziert: in der Allgemeinen Staatslehre (1925),4 der bereits erwähnten ersten Ausgabe der Reinen Rechtslehre (1934),5 der General Theory of Law and State (verfasst auf Englisch, 1945),6 der zweiten, deutlich umfassenderen Ausgabe der Reinen Rechtlehre (1960)7 und der posthum veröffentlichten Allgemeinen Theorie der Normen (1979)8.
Kelsens revolutionäre Ansätze haben in den Jahren nach seiner Habilitation zur Herausbildung der bereits angesprochenen so genannten Wiener rechtstheoretischen Schule geführt, eines losen Kreises gleichgesinnter Gelehrter.9 Mit Kelsens Weggang aus Wien nach Köln und spätestens mit seiner Emigration in die USA vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Machtergreifung zerfällt der Wiener Kreis jedoch zunehmend.10 Kelsens Bemühungen um eine Verwissenschaftlichung und Entideologisierung der Rechtswissenschaft haben jedoch bei weitem nicht nur Zustimmung, sondern auch breite Ablehnung erfahren. So wurde Kelsens Doktrin oft als Provokation bzw. als Angriff auf die etablierte Jurisprudenz wahrgenommen.11 Kelsens Bestreben, eine reine und damit erst wissenschaftliche Rechtslehre zu entwickeln, wurde von vielen als Herabsetzung der bisherigen Jurisprudenz als unwissenschaftlich und unrein wahrgenommen.12 Mehrfach kritisiert Kelsen, dass die traditionelle Rechtstheorie vor allem seit dem Ersten Weltkrieg wieder stark von der konservativen Naturrechtslehre beeinflusst ist.13
Wie bereits angedeutet, ist es kaum möglich, von der Reinen Rechtslehre als geschlossenem theoretischen Ansatz zu sprechen.14 Grundsätzlich bezieht sich die Reine Rechtslehre, wie Jestaedt im Vorwort zur Studienausgabe der ersten Auflage der Reinen Rechtslehre hervorhebt, auf drei Punkte: Erstens, den in zwei unterschiedlichen Auflagen (1934, 1960) erschienenen Text Kelsens, dessen Version von 1934 als paradigmatisches rechtstheoretisches Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen ist. Zweitens, als ideologiekritische, rechtspositivistische Theorie, die eng mit dem Namen Kelsen verknüpft ist. Drittens, als Gruppierung von RechtswissenschaftlerInnen, die, wie oben ausgeführt, die Wiener Schule der Rechtstheorie geformt haben und eng mit der Wiener Moderne verbunden sind.15 Der vorliegende Beitrag fokussiert vor allem auf die Reine Rechtslehre16 Kelsens, wie sie in theoretisch verdichteter Form erstmals 1934 veröffentlicht worden ist und bezieht sich auch auf die zweite Auflage von 1960.17
Wenn im Art. 18 der österreichischen Bundesverfassung paradigmatisch festgelegt wird, dass die gesamte staatliche Vollziehung, also Verwaltung und Gerichtsbarkeit, nur aufgrund der Gesetze zur erfolgen hat, so wird die Frage nach der Geltung des Rechts angesprochen. Weshalb Recht gilt, wird von VertreterInnen verschiedener rechtstheoretischer Schulen abweichend beantwortet: Kelsen ist einer der wichtigsten Vertreter des Rechtspositivismus, seine Reine Rechtslehre eine spezifische Ausformung desselben.18 Wenngleich Kelsens Schaffen über den Lauf der Jahrzehnte viele Veränderungen erfahren hat, bleiben, wie Meiners hervorhebt, zwei Grundannahmen in Kelsens Schaffen konstant: Die Positivität und die Normativität des Rechts als Grundlagen seines Rechtsverständnisses.19 Positives Recht bezeichnet das vom Menschen gesetzte Recht, welches, im Gegensatz zu anderen Normen wie religiösen Vorstellungen, Teil einer normativen Sollensordnung ist.20 Rechtspositivistische Ansätze vertreten die Ansicht, dass nur die von Menschen gesetzten Normen als Recht gelten und sich ausschließlich von den in der Rechtsordnung bestimmten Rechtserzeugungsregeln ableiten lassen. Transzendentale Vorstellungen von Gerechtigkeit, Vernunft oder Moral spielen keine oder nur eine geringe Rolle. Der Naturrechtslehre hingegen liegt die Vorstellung zugrunde, dass sich das vom Menschen gesetzte Recht aus einer universal gültigen, höheren Ordnung ableiten lässt. Die Geltung des Rechts wird somit beispielsweise in einer gottesgegebenen Ordnung, wie dem Gottesgnadentum, begründet.
Kelsen wendet sich dezidiert gegen naturrechtliche Vorstellungen, wenn er betont, dass das positive Recht von ideologischen Tendenzen mit machtpolitischen Absichten abhängig gemacht wird, wenn es als „Ausfluß einer natürlichen, göttlichen oder vernünftigen, das heißt aber absolut richtigen, gerechten Ordnung“21 betrachtet wird. Die reine Rechtslehre, als Rechtswissenschaft im eigentlichen Sinne, verfolgt das Ziel, „das Recht dar(zu)stellen, so wie es ist, ohne es als gerecht zu legitimieren oder als ungerecht zu disqualifizieren“.22 In diesem Sinne sei seine Rechtslehre anti-ideologisch, weil sie „die Darstellung des positiven Rechts von jeder Art naturrechtlicher Gerechtigkeitsideologie zu isolieren sucht“.23 In dieser Befreiung der Rechtswissenschaft „von allen ihr fremden Elementen“ und dem Fokus auf „eine nur auf das Recht gerichtete Erkenntnis“24 liegt die Reinheit der Rechtslehre. Kelsen löst den Begriff der Rechtsnorm von jenem der Moralnorm ab25 und betont die Eigengesetzlichkeit des Rechts: Gerechtigkeit, auf die sich Vorstellungen von Moral beziehen, wird von Kelsen verstanden als gesellschaftliches Glück und kann nicht Untersuchungsgegenstand der reinen, auf die Untersuchung des Rechts gerichtete Rechtslehre sein.26
Die Reine Rechtslehre als spezifische Rechtswissenschaft muss als Normwissenschaft verstanden und von den Kausalwissenschaften abgegrenzt werden, die „auf die kausal-gesetzliche Erklärung natürlicher Vorgänge abzielen.27 Der Begriff der Norm bezieht sich stets auf ein Sollen: darauf, dass etwas sein oder geschehen soll, bzw. dass sich Menschen auf bestimmte Weise verhalten sollen.28 Daraus ergibt sich auch die Unterscheidung zwischen Natur- und Rechtsgesetzen: Während erstere verdeutlichen „Wenn A ist, so muß B sein“, so zeigen letztere „Wenn A ist, so soll B sein, ohne daß damit irgend etwas über den moralischen oder politischen Wert dieses Zusammenhangs ausgesagt ist.“29
Dieser Dualismus von Sein und Sollen steht im Zentrum von Kelsens Geltungskonzeption. Kelsen setzt diese dichotome Unterscheidung voraus und erklärt sie nicht näher, da sie dem Bewusstsein unmittelbar gegeben sei.30 Wenn transzendentale Vorstellungen von einer gerechten, vernünftigen, oder gottgegebenen Ordnung als Geltungsbegründungen abgelehnt werden, stellt sich die Frage, was die Einheit von Normen und letztendlich die Geltung einer gesamten Rechtsordnung begründet. Für Kelsen kann die Geltung einer Norm nur von einem Sollen und nicht von einem Sein abgeleitet werden: „[…] daraus, daß etwas ist, kann nicht folgen, daß etwas sein soll; sowie daraus, daß etwas sein soll, nicht folgen kann, daß etwas ist. Der Geltungsgrad einer Norm, kann nur die Geltung einer anderen Norm sein.“31
Aus diesem Grundsatz ergibt sich, und das ist bis heute ein Grundbaustein der juristischen Ausbildung in Österreich, der so genannte Stufenbau der Rechtsordnung, der besagt, dass die Erzeugung und Geltung jeder Norm auf eine andere, übergeordnete Norm zurückgehen. Die Vielheit von Normen kann dann als zusammenhängende Einheit verstanden werden, wenn sie letztendlich auf eine gemeinsame Quelle rückführbar ist.32 Dieser Regress von der Norm zur übergeordneten Norm führt bei Kelsen zur Annahme einer Grundnorm, aus der sich die Verfassung und damit alle anderen Normen ableiten lassen. Die Grundnorm ist wohl eine der umstrittensten, teils enthusiastisch befürworteten, teils strikt abgelehnten Thesen Kelsens und wurde in der Sekundärliteratur als „the most notorious of the puzzles in Kelsen’s legal philosophy“33 beschrieben. Von Kelsens vielen Doktrinen ist es die Grundnorm „that has attracted most attention and captured the imagination“.34
Kelsen selbst beschreibt die Grundnorm in seiner Rechtslehre von 1934 als „hypothetische Grundlage“, „Bedingung aller Rechtsetzung, alles positiven Rechtsverfahrens“,35 „hypothetische Grundregel“ und „oberster Geltungsgrund“.36 Im Gegensatz zu den positiven Rechtsnormen wird sie nicht vom Menschen gesetzt, sondern vorausgesetzt.37 Damit erhält die Grundnorm die erkenntnistheoretische Funktion der Geltungsstiftung. Kelsen selbst erläutert den Inhalt der Grundnorm anhand des Beispiels, dass ein bisher monarchischer Staat durch eine Revolution gewaltsam gestürzt und schließlich durch die republikanische Staatsform ersetzt wird. Wenn nun das Verhalten der Menschen nicht mehr der alten, sondern der neuen Ordnung entspricht, der Umsturz also gelungen ist, wird eine neue Grundnorm vorausgesetzt, nämlich „nicht mehr jene, die den Monarchen, sondern eine, die die revolutionäre Regierung als rechtsetzende Autorität delegiert“.38
Es besteht demnach ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zwischen der das Verhalten der Menschen regelnden Rechtsordnung und dem tatsächlichen Verhalten der Menschen. Kelsen spricht in diesem Zusammenhang bildlich von der „Spannung zwischen dem Sollen und dem Sein“.39 Hier wird implizit die Frage nach der Wirksamkeit von Normen aufgeworfen, bzw. nach dem Verhältnis von Geltung und Wirksamkeit.40 Jabloner betont in diesem Zusammenhang, „dass der Rekurs auf die Wirksamkeit nicht als Geltungsgrund, sondern als Geltungsbedingung anzusehen ist, als Voraussetzung dafür, die Grundnorm eben nur bestimmten Sollensordnungen voranzustellen“, nämlich jenen, die von den Menschen befolgt werden41. Zentral ist, dass aus der Grundnorm nur die Geltung und nicht der Inhalt einer Rechtsnorm abgeleitet werden kann.
4. Die Rechtslehre als Lösung politischer Problemlagen am Beispiel der ‚Armeefrage‘
Die Geltungsbegründung des Rechts durch eine hypothetische Grundnorm wurde hier als ein paradigmatisches Beispiel für die umfassende Lehre Kelsens gewählt, um deren absolute Loslösung von naturrechtlichen Ansätzen und radikale Ideologiekritik zu veranschaulichen. Dass Kelsens Ansatz viel Kritik und Widerstand1 provoziert hat, ist naheliegend. Jestaedt schreibt diesbezüglich: „Die Reine Rechtslehre ist mit ihrer alles zermalmenden juridischen Ideologiekritik für ihre Gegner eine veritable Zumutung, löst sie bei der Mehrzahl von ihnen doch traumatische Verlustängste aus.“2 Von den vielen Kritikpunkten, die Kelsens These provoziert haben, seien zwei wesentliche kurz erwähnt: Einerseits blende die Reine Rechtslehre gesellschaftliche Wirklichkeiten aus und sei somit praxisfern. Andererseits sei die Lehre politisch und ethisch problematisch, weil sie aufgrund der Betonung der ausschließlich formalen Aspekte von Recht inhaltliche Vorstellungen (von Gerechtigkeit) außer Acht ließe und somit potenziell jegliche Zwangsordnung, wie auch den Nationalsozialismus legitimiere.3 Kritik an der Rechtslehre gab und gibt es aus allen politischen Lagern – Kelsen selbst meint dazu: „Es gibt überhaupt keine politische Richtung, deren man die Reine Rechtslehre noch nicht verdächtigt hätte. Aber das gerade beweist besser, als sie selbst es könnte: ihre Reinheit.“4
Was beide – die Kritik an der Theorie und Kelsens Verteidigung ihrer Reinheit – verkennen, ist, dass die Reine Rechtslehre selbst das Produkt konkreter gesellschaftlicher Wirklichkeiten ist und in der Zeit ihrer Genese durchaus praxisnah war. Begreift man, wie hier unternommen, Kritik als das Verstehen einer Theorie in ihrem Werden, so müssen Geburtstakt und Genesis der Reinen Rechtlehre noch genauer betrachten werden, sind doch Kelsens Aktivitäten im Ersten Weltkrieg von seinen rechtstheoretischen Überlegungen nicht zu trennen, ja erweisen sich geradezu als Abfolge von Versuchen, konkrete Probleme zu lösen. Busch spricht in diesem Zusammenhang von einem Schema, wie es sich ergebe, wenn Kelsens Lösungsvorschläge zu konkreten Verfassungsfragen aus seiner Zeit im Präsidium des Kriegsministeriums während des Krieges mit seinen Verfassungsarbeiten in der Staatskanzlei der neuentstandenen Republik verglichen werden: Immer handele es sich um verfassungsrechtliche Angebote, die auf dem Boden der realen politischen Gegebenheiten stehen, und es sind diese realen politischen Gegebenheiten, denen rechtlich beizukommen Kelsen von Seiten der Politik aufgetragen wurde.5
Wissenschaftlich flankiert wurden diese Auftragsarbeiten von Kelsens Begegnung mit Vertretern der Marbacher Schule unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges. Sie bewirkt eine Öffnung für die Rechtsphilosophie, welche Kelsen selbst nachträglich wie folgt beschreibt:
Mit der Vertiefung in die auf höchste Methodenreinheit abzielende Kantische Philosophie Marburger Richtung schärfte sich mein Blick für die zahlreichen höchst bedenklichen Trübungen, die die juristische Theorie durch bewusste oder unbewusste politische Tendenzen der Autoren erfährt. […] Nunmehr erkannte ich auch den dritten und bedeutungsvollsten Dualismus, der der herrschenden Lehre zugrunde liegt, den Gegensatz von Recht und Staat, der die beiden früher genannten Gegensätze von subjektivem und objektivem, privatem und öffentlichem Recht fundiert.6
Im kritischen Rekurs auf die herrschende Lehre vollzieht Kelsen eine Denkbewegung, in der die juristische Theorie von den Trübungen durch politische Tendenzen gereinigt, der Gegensatz von Recht und Staat in Zweifel gezogen und die Reine Rechtslehre selbst nicht nur zur Normwissenschaft, sondern zur normativen Grundlage staatlicher Ordnung erklärt wird. Ob es sich bei diesem Akt der Geltungsstiftung nicht selbst (wieder) um eine Trübung der Rechtstheorie durch eine politische Tendenz handelt, wäre an anderer Stelle zu diskutieren. Hier ist entscheidend, dass Kelsen, eben weil er während der Kriegsjahre „den alltäglichen politischen Missbrauch der Personifizierung und metaphysischen Überhöhung des Staates – und die eigene Verstrickung in diese – vor Augen“7 hatte, nach einer Form suchte, die einem solchen Staatsverständnis entgegenzuwirken vermag. Die von Kelsen während des Krieges und in der Zwischenkriegszeit verfassten Schriften sind dann auch vor diesem Hintergrund zu lesen, angefangen von Reichsgesetz und Landesgesetz nach der österreichischen Verfassung (1914), Eine Grundlegung der Rechtssoziologie (1915), Die Rechtswissenschaft als Norm- und Kulturwissenschaft von 1916, die Denkschrift Vom Wesen und Wert der Demokratie (1920) bis hin zur Reinen Rechtslehre (1934).
Zugespitzt ließe sich von Auftragsarbeiten sprechen, die Kelsen zwangen, den festen Grund bestehenden Rechts zu verlassen und ins Rechtsphilosophische auszuschweifen. Die Aufträge selbst zielten auf die Lösung von Problemen, die sich mit Busch wie folgt konkretisieren lassen: Immer handelt es sich bei Kelsens Angeboten um einen Interessenausgleich zwischen politischen Gegenpolen, der sozialtechnisch durch eine dem Gegenstand angemessene Verrechtlichung des politischen Konfliktpotentials erreicht wird, welche sich wiederum im Kern oft als „Vergerichtlichung“ entpuppe, da die Konfliktaustragung nun auf dem Rechtsweg und nicht auf dem Weg reiner Machtpolitik erfolgt, was Konzessionen auf beiden Seiten des politischen Konflikts wissentlich voraussetzt. Dieses zunächst in der „Versuchsstation des Weltuntergangs“ zur Anwendung gebrachte Prinzip wird weitergetragen von den zwischen 1918 und 1920 vorgelegten Verfassungsarbeiten auf die „Weltbühne internationaler Beziehungen“ bis hin zu den Vereinten Nationen und der „Peace Through Law“ Bewegung.8 Busch spricht in diesem Zusammenhang gar von einer persönlichen, Kelsen eigentümlichen Form der Vergangenheitsbewältigung seiner intensiv erlebten Weltkriegs- und Umbruchsjahre als Rechtsberater der untergehenden Monarchie wie auch der entstehenden Republik.9
Innerhalb der Forschung wird dieser Abschnitt der Biographie Kelsens kontrovers diskutiert. Kelsens eigener, betont unpolitisch gehaltener und von Teilen der Wissenschaft verlängerter Beschreibung stehen hier äußerst kritische Arbeiten gegenüber.10 Fest steht, dass Kelsen auf seinen Stationen zwischen Offiziersausbildung, Studium und Kriegsdienst nicht nur prägende Erfahrungen, sondern auch bedeutsame Bekanntschaften machte, wie etwa die mit dem deutschen Staats-, Verwaltungs- und Völkerrechtler Walter Jelinek, der 1908 die verwaltungs- und prozessrechtliche Studie Der fehlerhafte Staatsakt und seine Wirkungen veröffentlicht hatte, sowie jene mit dem deutschen Staatsrechtslehrer Gerhard Anschütz.11 Wenn Lindström heute Kelsen (neben Robert Musil) zu den „two high profile Austrian intellectuals“ zählt, deren Karrieren geformt waren vom historischen Prozess der Bildung der österreichischen Staatselite, so weil zu ihren fundamentalen Aspekten die weitreichende Beschäftigung mit Ordnungs-, Verwaltungs- und Verfassungsfragen zählt.12 Diese Beschäftigung vermengte sich bei Kelsen bereits vor Ausbruch des Krieges mit der wissenschaftlichen Tätigkeit und kann zumindest tendenziell als Ausgriff in den Raum der politischen Bildung verstanden werden.13
Während des Krieges durchläuft Kelsen, dank guter Kontakte als für den Kriegsdienst untauglich erklärt, zahlreiche Stationen, bevor er schließlich Konzeptoffizier in der Justizabteilung des Kriegsministeriums wird. Folgt man Busch, so vermag Kelsen in dieser Zeit nicht nur weiter wissenschaftlich zu arbeiten, sondern auch routinemäßig Gegenstände mit völkerrechtlichem Bezug zu bearbeiten. Der von Kelsen selbst vertretenen „Version vom ruhigen Durchtauchen durch alle damit [dem Krieg, Anm. C. M. und J. Ch.] verbundenen Schrecken und Wirrnisse in einer davon unberührten Zentraldienststelle“14 widerspricht Busch entschieden. Mehr noch: Er sieht in den von Kelsen gemachten Erfahrungen und Einblicken in die Militärjustizverwaltung die Veranlassung dafür, dass dieser sich als Berater des letzten k.u.k. Kriegsministers aktiv einzubringen vermochte. Um zu veranschaulichen, inwiefern diese Aktivitäten mit der Genese der Kelsen’schen Rechtslehre korrelieren, empfiehlt sich seine Beratung im Fall der sogenannten „Armeefrage“; eine Fragestellung, bei deren Beantwortung deutlich zutage tritt, wie sehr sich Kelsen um eine Einbeziehung der Militärverwaltung in das Rechtsstaatsgefüge und mithin in eine Setzung des Rechts als neue Grundnorm bemühte.
Worum handelt es sich bei der „Armeefrage“? Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dahinter die Problematik steht, bei welcher Reichshälfte (Ungarn oder Österreich), nach der Teilung des Staatsgefüges die militärische Kommandogewalt bleiben soll. Die Lösung der Problemstellung erlangte Wichtigkeit in der Donaumonarchie, als ein „Ausweg aus der schwierigen und umstrittenen staatsrechtlichen Situation der Heereskompetenz nach dem Ausgleich 1867“ gesucht werden musste.15 Drängend wurde sie, als Ende August 1917 zur Durchsetzung von Wahlrechtsreformplänen für die ungarische Reichshälfte ein entsprechender Regierungsbildungsauftrag des Kaisers an den ungarischen Ministerpräsidenten Alexander Wekerle erging. Letzterer verständigte sich mit seinem König auf Konzessionen in der „Armeefrage“, woraufhin der Landesverteidigungsminister in Budapest, zuständig für die königlich-ungarische Verteidigung einschließlich der kroatisch-slawonischen Landwehr, konkrete, auf eine Teilung der gemeinsamen Armee hinauslaufende Reformpläne vorlegte. Diese brachten den k.u.k. Kriegsminister Generaloberst Rudolf Freiherr von Stöger-Steiner in eine Notlage, die, wie Busch es formuliert, „nun zeitlich mit dem Erscheinen einer militärpolitischen und militärverfassungsrechtlichen Schrift Kelsens ‚Zur Reform der verfassungsrechtlichen Grundlagen der Wehrmacht Österreich-Ungarns’ im August 1917 zusammen(fällt)“.16
Das glückliche Zusammentreffen von Politik- und Wissenschaftsgeschichte ist überaus bemerkenswert und kann als Schulbeispiel der Ideengeschichte gelten. In seiner Schrift zur Reform der verfassungsrechtlichen Grundlage der Wehrmacht regte Kelsen, sich auf das preußische Militärkabinett berufend, an, die Kommandogewalt neu zu organisieren und die ministerielle Militärverwaltung von der obersten Kommandogewalt des Kaisers strikt zu trennen. Die Heereskompetenz würde sich so in einem Armeeoberkommando (AOK) bündeln, zusammengesetzt aus ausgewählten Agenden der Kommandogewalt des Monarchen, welches auch in Friedenszeiten weiterbestehen sollte. Praktisch liefe eine solche Reorganisation auf eine Machtübernahme des Landesverfassungsministeriums hinaus. Das Kriegsministerium wäre überflüssig, da die beiden Landesverfassungsministerien die gesamte Militärverwaltung übernähmen und mithin die gesamte Militärverwaltung unter die Rechtskontrolle der Verwaltungsgerichtshöfe der beiden habsburgischen Reichshälften käme.
Kelsen selbst sah in seinem verfassungsrechtlichen Vorstoß auf dem umkämpften Gebiet des Militärwesens eine „sichtliche Anerkennung der Souveränität des ungarischen und österreichischen Staates“, während Busch diesbezüglich von einem „Aufsehen erregenden und militärpolitisch ‚häretischen‘ Gedanken“ spricht, der als solcher eine Disziplinierung durch den Minister nach sich zog.17 Dabei sei es Kelsen nicht um die „hehre Idee des Habsburgerreiches“ gegangen, sondern um die „rechtliche Kittung eines durch die Verquickung von Wahlrechtsreform und Armeefrage von Kaiser Karl herbeigeführten innenpolitischen Dilemmas“.18 Kelsen bietet einen juristischen Ausweg aus dem Dilemma, indem er eine neue gemeinsame rechtsstaatliche Klammer für die beiden Reichsteile konstruiert. Das höchste Interesse der Heeresverwaltung müsse demnach dem Bestreben gelten, dass der durch die Reform geschaffene Zustand durch je ein gleichlautendes österreichisches und ungarisches Gesetz – gleich welchen Inhalts – klar und unzweideutig fixiert werde.
Die von Kelsen vorgelegten Reformentwürfe lassen sich als rechtstheoretische Lösung eines konkreten politischen Problems lesen, wie es die Donaumonarchie insbesondere nach dem Ausgleich massiv belastete. Weitergehend und pointierter könnte man sagen, dass Kelsen auf die Staatskrise – Lindström spricht von einem „state that had strenuously avoided identifying itself“19 – mit der Umklammerung der politischen Ordnung durch das Recht bzw. mit der Konzeption des „Rechts-Staats“20 antwortete. Oder, noch einmal anders und in unmittelbarem Rückbezug auf die im vorangestellten Kapitel näher ausgeführte Reine Rechtstheorie formuliert: Mit der „Armeefrage“ sind wir an dem Punkt, an dem Kelsen erstmals die Theorie an der Praxis (und umgekehrt) zu erproben anhebt, indem er versucht, seine Grundnorm des Rechts zu setzen und dieser zur Geltung zu verhelfen. Die Geltungsstiftung, von der es in der Theorie heißt, sie sei die erkenntnistheoretische Funktion der Grundnorm, tritt hier aus der Theorie heraus und wird zum Akt. Wenn, wie Kelsen am Beispiel des Ersetzens der monarchischen durch eine republikanische Staatsform illustrierte, Revolutionen und politische Umstürze möglich sind, und sich die Faktizität des Wechsels politischer Ordnungsmodelle oder auch Formen als Beleg dafür nehmen lässt, dass das Setzen einer neuen Grundnorm möglich ist, dann kann (und soll) auch die eigengesetzliche Form des Rechts zu jener Grundnorm werden, auf der weitere Sollensordnungen aufbauen können.
5. Fazit und Ausblick
Der Geburtsakt und die Genese der Reinen Rechtstheorie sind an die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts gebunden. Angesichts politischer Spaltung, Differenzierung, Sezession und Krieg generiert sie das Recht als Recht, das heißt als eine menschengemachte und nichtsdestoweniger verbindliche Form mit eigenen Gesetzen. Wird ihm Geltung zugeschrieben und entfaltet es Wirkung, kann das Recht leisten, was vormals vielfach Politik und Militär oblag: die Legitimation und Aufrechterhaltung einer Ordnung (gleich welcher). Als Antwort auf die „Armeefrage“ ist sie gescheitert. Kelsen kommentierte die Niederlage nüchtern mit den Worten:
Nach dem Durchbruch der Bulgarischen Front war es jedermann, der die Verhältnisse in der Armee kannte, klar, dass der Krieg endgültig verloren war. Da die Armee das einzige war, was die Monarchie zusammenhielt, hatte ich keinen Zweifel mehr, dass ihre Auflösung unvermeidlich war, wenn nicht irgendein Versuch gemacht würde, sie in völlig neuer Form zu erhalten.1
Die von Kelsen angesichts des Untergangs der Donaumonarchie aufgerufene völlig neue Form des Rechts-Staats betritt gezwungenermaßen staatstheoretisches Neuland und lässt sich als eine jener „utopische[n] Geste[n] bei der Formulierung langfristiger sozialer und politischer Zukunftsmodelle“2 verstehen, wie sie laut Reimann aus der Erfahrungswelt des Krieges hervorgingen. So gesehen, ist die Reine Rechtlehre vor allem eins: Die Form, in der der Vertrauensverlust in die Kompetenz und Autorität der politischen und militärischen Eliten seinen Ausdruck findet.3
Für das realpolitische Gebilde der Donaumonarchie und die Opfer des Krieges kam die utopische Geste aus dem Raum der Rechtswissenschaft und ihrer Theoriebildung zu spät, und dies, wie Busch lakonisch kommentiert, „um mindestens einen ganzen Weltkrieg“.4 Doch liegt die Leistung der Reinen Rechtslehre nicht darin, dass sie einen Krieg verhinderte, an dem Kelsen als Verfassungsexperte beim Kriegsministerium selbst maßgeblich beteiligt war, sondern in der Vorlage eines Entwurfs, mit dem die Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens auf der Basis des Rechts dauerhaft neu gelegt werden. Die Theorie bzw. der Text aber ist noch in seiner reinsten Form von seinem Kontext nicht zu trennen. Kelsen selbst wusste das, als er im Jahr 1934, aufgrund seiner jüdischen Herkunft der Professur in Köln verlustig gegangen und nach Genf ausgewandert, im Vorwort zu seiner Reinen Rechtslehre auf deren Relevanz verweist in einer „durch den Weltkrieg und seine Folgen wahrhaft aus allen Fugen geratenen Zeit, in der die Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens aufs tiefste erschüttert […] sind“.5
Nicht allein an die Reine Rechtstheorie, sondern auch und vielleicht mehr noch an ihre Genese wäre zu erinnern, wenn es heute in einem Einführungswerk in die Politische Theorie und Ideengeschichte heißt:
Wir leben in politisch bewegten Zeiten. Eine Krise folgt auf die nächste, die Weltordnung hat sich in eine Weltunordnung verwandelt. Wohl dem, der in dieser Lage in das Archiv politischen Denkens steigen und sich dort Material holen kann für das Labor, in dem am Verständnis der aktuellen Probleme gewerkelt wird. Wie lassen sich politische Ideengeschichte und politische Theorie für das Verständnis unserer Gegenwart nutzen?6
In dem Archiv des politischen Denkens liegen auch die Schriften von Kelsen. Sie bieten sich gegenwärtig in besonderem Maße als Material für das Labor an, in dem am Verständnis der aktuellen Probleme gewerkelt wird. Entstanden in politisch überaus bewegten Zeiten, in denen nicht nur eine Krise auf die nächste folgte, sondern sich die Weltordnung durch den Großen Krieg gänzlich in eine Weltunordnung verwandelte, weisen Kelsens Schriften den Weg in eine neue Ordnung allein durch das Recht, wie sie vielleicht erst heute ihren Wirkungsanspruch einzuklagen vermag.7
Zudem wäre die hier nur gestreifte kultur- und literaturtheoretische Facette der Kelsen’schen Theoriearbeit schärfer ins Auge zu fassen und zu fragen, inwiefern sich die Reine Rechtslehre nicht nur als Idee und Paradigma, sondern auch als ein genuin literarischer Akt der Wertzuschreibung lesen lässt, kraft dessen im Raum der Texte die Entscheidungsgewalt von der Politik auf das Recht überschrieben wurde. Mit seiner Rechtslehre hat Kelsen das Labor der politischen Ideen in einen Ort des Konstruktivismus verwandelt: Er hat die Grundnorm offenkundig zu einer reinen Fiktion erklärt und der Fiktion im Gewand der Rechtsphilosophie ein politisches Eigenrecht zugesprochen.
Um die kulturwissenschaftliche Brisanz der Reinen Rechtslehre in diesem Ausblick noch deutlicher herauszustellen: Entsprechend der Kelsen’schen Idee hat die politische Wirklichkeit einer Fiktion zu folgen. Die Menschen müssten sich – wie in der Kunst und der Literatur – kollektiv und wissentlich auf eine in ihrer Geltung gestiftete Grundnorm einlassen, um auf ihr weitere bindende Normen etablieren zu können. Das ist ein radikaler Ausgriff des politischen Denkens in die Rechtsphilosophie und die Fiktionalität, der innerhalb der Staatswissenschaften nicht unwidersprochen bleibt. So hat Robert Chr. von Ooyen jüngst in seiner Studie Hans Kelsen und die offene Gesellschaft auf den unzureichenden Volks- oder auch Staatsbegriff bei Kelsen verwiesen und unter dem sprechenden Titel „Demokratietheorie ohne Volk, Staatstheorie ohne Staat. Kelsens postnationale und demokratisch-pluralistische Verfassungstheorie“ eine weitreichende Kritik vorgelegt.8
Und doch: Jede auf die Reinheit und Praxisferne der Rechtstheorie zielende Kritik ist ihrerseits zu relativieren durch eine formgenealogische Kritik. Erst die Genealogie, so heißt es bei Christoph Menke, enthülle die Kontingenz des Bestehenden.9 Dies gilt für die politische Ordnung der Donaumonarchie einschließlich ihres Zusammenbruchs ebenso wie für die Reine Rechtslehre. Beide hätten anders ausfallen können und sind gleichwohl in ihrer jeweiligen Form aneinander gekoppelt. Die Rechtsstaatstheorie Kelsens hatte einen Staat: Die Donaumonarchie war vor ihrem Untergang bereits seit längerem auf dem Weg zu einer Rechtsgemeinschaft.10 James Shedel betont, dass die Situation in Österreich vor dem Ersten Weltkrieg keine Krise war, sondern „the product of a developmental continuity defined by the concept of the Rechtsstaat“.11Auch Lindström spricht von einer „public culture strongly shaped by the norms and ideals of the Rechtsstaat“.12 Kelsen war ein Teil der Reformbürokratie und mithin ein Akteur, der um die Dringlichkeit von Normen ebenso wusste wie um deren Kontingenz. Seine intellektuelle Biographie begann in einer Zeit weitreichender politischer Entscheidungen:
Around 1900, the situation of the Josephinist state was indeed balancing on the edge: Should it keep its basic a-national, abstract character of a Rechtsstaat that insisted on recognizing the population as a collection of individuals who should be treated equally and impartially, or should it compromise with developments in society and begin to politically recognize the different sub-groups that had been forming in society?13
Die Würfel waren noch nicht gefallen, als Kelsen sich dem Staatsrecht zuwandte. Erst der Große Krieg ließ die alte Ordnung untergehen. Ein zweiter Weltkrieg folgte. Ob heute über den Weg der Rechtstheorie eine neue, langfristig friedliche Ordnung zu werden vermag, ist offen.14 Sicher aber scheint uns, dass Kelsens radikale Form der Rechtswissenschaft als Norm- und Kulturwissenschaft nur über ihre Genese im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu verstehen ist.
Violence and Rhetorical Strategies in Sigmund Freud’s Study Beyond the Pleasure Principle (1919–1920) and Anna Akhmatova’s Selected Poems (1917–1924)
Fatima Festić (Amsterdam)
The short preface to Anna Akhmatova’s1 Requiem,2 which she wrote more than twenty years after she completed this elegy, appeared to me as a cathartic enactment of the invigorating poetic witnessing to the dignity of people exposed to state violence. I will quote this preface, or as Akhmatova put it “Instead of a preface” (“Вместо предисловия”), in my own translation.3
In the dreadful years of the Yezhov’s4 terror, I spent seventeen months waiting in line outside the prison in Leningrad. One day, somehow, somebody in the crowd “recognized” me. Then, a woman, standing behind me, her lips blue with cold, who had, of course, never heard me called by name before, moved out of the numbness weighing down on us all and asked me, whispering to my ear (everyone whispered there):
“You can describe this?” (А это вы можете описать)?
And I said (И я сказала):
“I can.” (Могу.)
Then, something like smile passed briefly over what had once been her face.
(Leningrad, April 1, 1957)
I read these lines for the first time after I completed my dissertation on witnessing, violence, and artistry (in 1998),5 upon the turn-of-the-century wars in Bosnia-Herzegovina and Croatia. Already then, this Akhmatova’s retrospective Instead-of-Preface6 to her Requiem recalled to me – although in inversion – the structural dynamics of Sigmund Freud’s essay Beyond the Pleasure Principle,7 which in my work I interpret as a foundational text of postmodernism. That is, the difference in narrative strategies of these two authors appeared to me as making a crucial point. Then, keeping to my belief that the most an author can do is admit the very position from which she or he starts to think, and starting to read closely Akhmatova’s earlier poetry8 – and specifically the poetry of her transition from ravishing lyric subjectivity to profound social commitment to witnessing (here, I offer my own selection from the poems that Akhmatova wrote between 1917 and 1924, as pertaining to the discussion topic)9 – I found yet another proof that this confessing authorial quality is much more inherent in a feminine account10 than a masculine one.
In my contribution to this book collection on the post-Great War violence, I discuss the ways in which Freud and Akhmatova each deal textually and strategically with their encounter with violence and death that interrupted their linear lives, after crashing and burying many of their contemporaries in the Great War and its immediate aftermath. In their “witnessing writing”, they have opened the rhetorical horizons for generations of scholars to come. In feminist criticism, Freud was reproached fiercely for annulling the woman’s voice and presence in this text (of his deceased daughter Sophie) in his self-curing narcissistic cathexis while he formulated the death drive after the repetition compulsion. Hence, I discuss Akhmatova’s strong woman’s voice that poetically and dialogically reflects on the violence of the dissipating worlds.
If these two authors are read simultaneously – relative to their socio-physical positions in two emerging post-imperial, yet different political structures (and with the application to their works of the analytic terms of ‘cathexis’11 and ‘transference’12) – the course of the narrative disclosures of Akhmatova in her poems can be seen as if working through the overt self-protection of Freud’s narrative revelation of repression, repetition, and drive. Henceforward, the discussion could hint toward the claims that understanding of drive13 is also informed by gender, as it is also the understanding of the dreadful materializations of drive within the radical political imaginaries that shaped the realities of these two authors.
1. Death in the Mirror
As evidenced in his letters and in his analytic discourse, Freud suffered two heavy losses upon the war’s end. The more personal loss was the death of his beloved daughter Sophie who suddenly died of pneumonia in February 1920;1 the other, and more widely implicated socially-existentially, was the 1918 loss of the quite sheltering Empire,2 the symbolic (and reigning socio-political) structure in which Freud was born, raised, educated, lived, procreated, practiced his work, and developed his revolutionary thought. The relevance of Freud’s loss of his daughter for his writing of the essay Beyond the Pleasure Principle, particularly for its second chapter as the exemplification of his theory of the death drive that manifests itself in the compulsion to repeat, is extensively discussed by major 20th-century theorists,3 while the relevance of the loss of the Empire for the same matter was widely ignored or marginalized. Beyond the Pleasure Principle discusses the method of working employed by the mental apparatus in two different spheres: first, the dreams in traumatic neurosis4 that Freud observed in the war survivors, and second, the waking life in a child’s game that Freud observed in Sophie’s son Ernest,5 three to four years before he wrote this essay.
However, informed by my own interpretative relation to transference, I have found the integral dimension of the second chapter as decisive for understanding Freud’s formulation of the death drive (Todestrieb) primarily as a rhetorical delivery of his witnessing function that Freud himself could not confess openly (or, he could not “bind ‘It’” by the secondary processes). That is, I read the missing link between these two losses that Freud experienced (yet not explicitly saying that connection) as placed in the relation between the two activities he studied: 1) the dreams of neurotics caused by an unexpected violence forcing them to wake up repetitively into a new fright and 2) the waking life of generating a play as instinctual renunciation through a cultural achievement.
Freud wrote the first draft of the essay from March to May 1919, while also working on the text The Uncanny,6 mentioning in both texts the “compulsion to repeat” but not the death instincts. He returned to the essay Beyond the Pleasure Principle at the beginning of 1920, right after the death of his daughter, Sophie Freud-Halberstadt, and finished it between May and July of the same year, and only then formulated the death drive. However, in the text in which no personal names are given, besides his own name as the text’s signed author, Freud does not mention either Sophie’s death or his own fatherly loss. He describes that only in his letters to his colleagues in the days following Sophie’s death as “a serious narcissistic injury inflicted on him,” so that he is regaining his balance through writing, trying to overcome the painful experience through the continuity of his work: “I work as much as I can, and I am thankful for the diversing […] what is known as mourning will probably follow only later.”7
In the essay, the compulsion to repeat is seen as the universal attribute of instincts and perhaps all organic life – as the impulse for restoring the earlier state of things that was abandoned under the pressure of previous disturbing forces. The essay’s key second chapter consists of seven pages in the standard edition. On the first three pages, Freud speculates on the dark, desolate subject of the manifestations of fright8 in traumatic neuroses. He does not say that this tormenting psychic experience is anchored in and modulated by the hard turning-point of the emerging post-war existential and socio-political uncertainty, which all (of those surrounding him) – including Freud as a member of the Jewish minority in the post-Austro-Hungarian Empire Austrian (Germanic) national formation – inhabited, and certainly feared. Then, in just one sentence, Freud passes to the warmth and comfort of the family narrative, without saying that this is also triggered by the loss that he suffered himself, which certainly must have reminded him of his own mortality. Skillfully, he switches to the reassuring authority of his interpretation of his small grandson’s game (indeed, largely taken from Sophie’s own interpretation)9 that evolved in four different stages: 1) the boy throwing small objects away; 2) pulling back one as the game of disappearance and return to him of his mother as his primary object; 3) most important, the boy crouching down beneath the full-length mirror saying that himself he is “gone”, and 4) a year later, throwing his toys as sending his father “to the front” where his father really was.
In Freud’s own “masculine” and “senior” game of repetitions – where his daughter Sophie disappears repetitively as annulled by her father Freud in his own text – and with the aim to restore his ego, “regaining his balance through writing” (the balance that however is itself called into question by the topic of the death drive), Freud transfers to his grandson, as to the metonymical object, the burden of his own sudden fright caused by Sophie’s death. The link of grandfather-father/daughter-mother/son-grandson forms the chain of functions that can be directly related to consideration and confirmation of the factor of heredity in repetition, of which Freud writes in the same text. It is indicative to mention that Freud’s reaction to his father’s death (23.10.1896) was entirely different, described in his letters as the “heaviest loss in one’s life”, so that Freud “cannot write at all”, not even to thank colleagues for condolences.10
By the 1990s, a canon of the feminist interpretations of the Beyond the Pleasure Principle had already been established. Nevertheless, a comprehensive, literary ground-breaking reading of this text is offered by Elisabeth Bronfen in the chapter “The Lady Vanishes” of her 1992 book Over Her Dead Body.11 Bronfen describes the rhetorical strategy of Beyond the Pleasure Principle as such that it self-reflexively repeats its thematic concerns.
Repetition is doubly inscribed, for one by the death drive; directed toward reduction of tensions; toward an original of complete identity; toward an animate state anterior and posterior to which both precede and follow the life, and then it is inscribed by the pleasure principle, which is directed toward production of tensions through division of unity; separation leading through the detour of substitution to the production of new unities.12
Bronfen explains how, in this interstice, repetition serves to acknowledge the death drive beyond the pleasure principle in the sense that the mother/infant dyad must be renounced and translated into supplementation because the division death threatens is always inherent in this pleasurable unity.
In my reading of the wider context of the essay, the symbolic structure of the Empire worked out with similar materialist features for Freud, therefore and likewise it had also to be renounced by him while he was actively retaking the position of his rejection of it – after the Empire had been already “gone” – in the immensity of the death’s over-presence, leaving behind the crack and the interstice of much larger dimensions. The structure of the “departed” Empire in the prospect of the coming nationalism/Nazism as well as the rebelliousness of the forthcoming vast domain of socialist revolutions (analogous to that of the scientific launching of psychoanalysis by Freud)13 as aptly exemplified by Freud’s focus on his small grandson’s games – is yet another platform of the “maternal realm” that Freud uses for his theoretical articulation. According to this, Freud’s textual distribution of the observed child’s four performances only reinforces the importance of the missing link of this narration to the first part of the chapter that discusses traumatic neurosis as Freud’s difficulty to display the reference to his own social-existential reality of the violence-riven post-war condition.
The child’s two games of repetitively throwing away his toys, and the game of pulling one item back14 as an interpreted reference to the child’s mother Freud describes in the main text, adding his (and Sophie’s) arbitrary semantic coding of the sounds the child exclaimed ([o-o-o-o] fort-da, as denoting “gone-back”). However, the most important act of the boy crouching down beneath the full-length mirror saying that himself he is “gone” (“baby o-o-o-o-o!”) 15 is moved down to a footnote. It is widely claimed that Freud refused to acknowledge an interdependence between the theoretical formulation of the death drive and the experience of his daughter’s death, because an acceptance of the intersection between a real event of death and a theoretical speculation would counteract the solace this piece of writing was to afford to Freud. It is a common place in interpretations (by D. W. Winnicott, J. Lacan, J. Derrida, G. Deleuze, J. Kristeva, etc.) to read Freud’s description of these games as Freud’s self-representation of representation (of a departure) and the necessary return of and to the self, only more so because Freud persistently endeavored to separate the impartiality and authority of his theoretical insight from the open reference to his own trauma caused by Sophie’s death. Still, the question remains, why does Freud, who certainly has other possibilities for controlling his loss, react finally like the one and half year-old child when he, not mentioning his daughter’s death, sacrifices for the sake of the grapheme of his text, the dead Sophie for the second time in his text? Hence, we could also assume that as much as Freud’s concept of the death drive came out of his most intimate emotions, hints, resentment at the power of death, in the concrete case of his deceased daughter, it also came out of his own fright caused by his own facing compulsively the murky post-Empire developments. Or, also, his foreseeing the looming national-socialism, intuitively or theoretically, which would be in line with his psychoanalytic discipline.
Since Freud tried to deny any autobiographical connection, let us recall his own sentence from the same text, that in a person “only ego is resistant, but not the unconscious” (whose only endeavor is “to break through the pressure weighing down on it and force its way either to consciousness or to a discharge through some real action”).16 Accordingly, the intersection between the autobiographical and rhetorical strategy of self-reflexivity, the repetitive erasure of Sophie in the displacement from the daughter’s significant part to that of a grandson (as a blind spot) – can make for my claim that the common experience of fright as the turning point in the post-war reality is seen in the repetitive phenomenology of the mirror that takes hold of Freud’s narration. And that the whole authority of Freud in this text is moved to the footnote that describes the child’s fright from his encounter with his own reflection in the mirror (which is not his mother) and his hiding from himself. To hide from the mirror or to enter the mirror – that is how I would formulate the strategic ambiguity of the epistemological and ontological within the witnessing function.
2. The Mirror in Death
At this point, let us reach for “Anna of all the Russias”, as Akhmatova was called,1 not a minority at all, yet herself choosing to be a minority, already when she took her pen name from the Tatarian maternal side of her father (replacing her father’s surname Gorenko with the Tatar name Akhmatova, as relating to her more distant family lore).2 This memorable woman author3 of the same post-Great-War period, after the crash of the Russian Empire, at the onset of Bolshevism, much younger than Freud, was exposed to much tougher circumstances of getting destitute, enduring official scorn, the execution of her recently divorced husband and the father of her son, the lasting and terrible stigmatization, banned publication, close surveillance, persecution, the imprisonment and murders of those closest to her.4 In spite of all that,5 Akhmatova introduces a different view on repetition and repression than the one Freud offers. Likewise, in all her reticence, her quite generous love-life with equally imperiled or persecuted Russian intellectuals6 considerably challenges Freud’s simultaneous speculations on life and death instincts, and (those which he postulated prior to them) of the singularity of ego and plurality of sexual procreation.7 Furthermore, amidst her utterly frightening situation, it is the phenomenology of the (allure of the) mirror that gives Akhmatova a life apart from life so as if to make some other Anna experience the cruelty, against which Anna mirroring art, spirit, and tradition consolidates her witnessing self, repetitively.
Akhmatova’s poems don’t say that we repeat because we repress, but on the contrary – that we repress because we repeat, that we forget because we repeat, that we repress because we can live certain things only in the mode of repetition. Or, also, that we are bound to repress especially the representation that negotiates what was lived before, connecting it to the form of an analogous or identical object. As Freud himself wrote in his text, in some normal people, not neurotics, also there is a perpetual recurrence of the same thing – if it is related to an active behavior, “there is an essential character trait remaining the same, compelled to find expression in a repetition of the same experiences”,8 while the last sentence of the text’s second chapter suggests that “the consideration of these cases and situations – which have a yield of pleasure as the final outcome – should be taken by some system of aesthetics with an economic approach to its subject matter”.9 And, while the later 20th-century (psychoanalytic yet anti-Freudian) philosopher, Gilles Deleuze, offered such a (cultural) view of repetition10 with a crucial emphasis on difference involved in the repeating acts, Akhmatova wrote out the same, yet her involved understanding of it, already much in advance. In the Bolsheviks’ realm, Akhmatova asks about establishing a difference between each of the repetitions, retrieving the very biography, psychology, and history that were officially erased,11 while introducing a considerable difference also within repression and that what is repressed.12
Her 1917 poem “When in the Throes of Suicide” (“Когда в тоске самоубийства“) decidedly establishes Anna as a crucial witness to the radical changes that Russia started to undergo by the end of the Great War.13 Since the later 20th-century studies in witnessing and testimony14 (developed in the Western hemisphere, and significantly rooted in the Holocaust experience), has extended witnessing function also to prophetic function, it would be easy to identify Akhmatova with her that-time growing conviction that above all she is the resilient “embodiment of her poetic voice”.15 As such, she is also an instrument of bearing witness16 to the structures of violence multiplying all around her, as she stayed in Russia during the war and after the Revolution by her deliberate choice.17 However, I also read Akhmatova as an avant-garde prophetess of the later 20th-century developments in psychoanalysis, according to which the early mirror stage18 remains artistically vital throughout one’s life. And according to which the death drive is entirely rewritten by the elaboration of the approach to the abyss of Das Ding (the [traumatic] Thing; La chose), making out of it partial or transitional objects, and correcting lacks and losses through language and libido that are in tandem in a biological organism.19
“When in the Throes of Suicide” opens into the two-way mirroring field of “our people” threatened by the “German guests” and “our Russian Church deserted by the stern Byzantine spirit”, indeed, both locked up in the – obviously plural – act of the country committing suicide. It is Akhmatova’s singular repetitive “I” that takes upon herself the role of a negotiating medium, as to fend off the soothing, tempting call (“Mne голос был. Он звал утешно, oн говорил“) to Russian people to abandon themselves, “go abroad” (“oставь Россию навсегда“). However, that “Voice” and its repetitive “It,” as talking the Russians into betrayal, comes from within Anna herself, at once speaking to her as a part of her and becoming the new “I” of the “It”, the dialogized “Ich” of the foreigner. “Wo Es war, soll Ich werden” – that is, “where It was, I shall come into being,” – Freud said (only in 1933),20 yet not confessing it about himself. This poem by Akhmatova delivers two “I”-s as opposing each other. Furthermore, the “Voice”, the “It” turning into “I”, disguises itself as purifying, dignifying, healing in its own right. The poem’s prodigy is that as “It” becomes the “I” of the Voice, the inner voice also rises up to the surface of Anna’s body, becomes external and manageable by Anna’s consciousness so upon that, indifferently, she “simply blocks her ears from the outside” (“Но равнодушно и спокойно руками я замкнула слух”) – “so that the unworthy talk cannot desecrate me, in my grief” (“Чтоб этой речей недостойной не осквернился скорбный дух”). In a few short lines, (as if) Akhmatova translates this seminal dictum by Freud (before he even comes to formulate it) into her own living testimony to the switching power of the conscious over the unconscious. “It” takes courage – to speak the “I”: Anna’s “I” takes courage to speak the “It”.
The subsequent 1917 “Now, Nobody Will Want to Listen to Poems” (“Tеперь никто не cтaнeт слушать песeн”) stages Akhmatova’s departure from her early sumptuous lyricism as her confessed pain of her own mirroring herself in her Poem as her interlocutor and the narratable21 You of her “I”, her own observed physical and spiritual reflection – that begs the Poem “not to shatter Anna’s heart” as the Poem suddenly empties itself in its ruining moves (“Моя последняя, мир больше не чудесен, не разливай мне сердца, не звени”), as the “foretold menacing days have come” (“Предсказанные наступили дни”).
In the next few years, through 1921, as a character in her verses Akhmatova introduces Death as “chalking the doors with crosses”, “calling the ravens to fly in”, as the “age is worse than earlier ages (“Чем хуже этот век предшествующих?”), unhealable by the power of fingers (“Он к самой черной прикоснулся язве, но исцелить ee нe тoг” 1919). Still, with the 1921 poem “Everything is stolen, betrayed, sold…” (“Все расхищено, предано, продано”) – the consolidating mirror of art and spirituality returns to Anna the plural of her “We” who, still however, somehow “do not despair” (“Отчего же нам стало светло?”). As Akhmatova’s profuse temperament and sensibility in the full blow of counteraction cannot but perceive that, still, out there, there is a world of nature, Earth, cosmos, and larger, unrevealed meanings pertaining to them.
| Днем дыханиями веет вишневыми | By day, from the surrounding woods, |
| Небы валый под городом лес, | cherries blow summer into town; |
| Ночью блещет созвездиями новыми | at night the deep transparent July skies |
| Глубь прозрачных июльских небес. | glitter with new constellations. |
| И так близко подходит чудесное | And the miraculous comes so close |
| К развалившимся грязным домам | to the ruined, dirty houses – |
| Никому, никому неизвестное | as something not known to anyone at all, |
| Но от века желанное нам. | yet forever having been desired by us. |
Soon after, Akhmatova’s first poetic fellow, and husband, Nikolay Gumilyov22, is shot dead by the officials of the Soviet secret police. Within a few days, Akhmatova wrote down the poem “Fear Fingers All Things in the Darkness” (“Страх, во тьме перебирая вещи”), merging the grasps of the Pre-Christian and Christian motives with the sheer Acmeist23 craft toward a fullest possible perfection of a ‘poetic cathexis’. That is, Anna’s self-controlled expression of the consternation with the cold-blood murder of the one among the closest to her, to whom however she was not allowed even to refer openly, let alone to name him in her poem, as she herself was under the immediate physical life-threat. Unlike her senior contemporary Freud, who himself chose the authorial-safeguard-exit away from naming his daughter’s Sophie part in his text. That is, Anna’s articulation of the fear on the background of the state mechanisms, that nevertheless in her poem make “a moon-bean point to an ax”, while “an ominous knock is heard behind the wall” – “what is there? a ghost, a thief, or rats?” (“Страх, во тьме перебирая вещи, Лунный луч наводит на топор. За стеною слышен стук зловещий – Что там, крысы, призрак или вор?”).24
The 1922 “I Am Not One of Those Who Left the Land” (“Не с теми я кто бросил землю”) – “to its enemies to tear it apart” – is a further consolidating poem that develops the dynamics between “I” and “You”, “We” and “They” – the narrative dynamics through which Akhmatova strives to protect her poems as her lone property from any unwanted sharing with or reference to either the internal enemies or refugees from Russia. Her poetry is her self-protective mirror into which she perpetually enters and freely moves (as a character) within its multiplying imaginative and phenomenological planes. There are those who left and those who stayed in the dead ashes of the Revolution’s fire, and the toughest temptation for those who stayed is the word of the same language that has seduced others into either betrayal or departure. Anna’s lovers and friends were leaving Russia one by one25 – it is from what was most intimate to her that her splitting narration has to defend itself. For better or for worse, “resistant and proud, I am not singing about them, yet I feel forever sorry for their exile lot” (“Но вечно жалок мне изгнанник”), as “‘We’ [Anna and her poems] are made straighter by the surrounding wild.”26
The anti-exile topic makes it further to “Lot’s Wife” (“Лотова жена” 1922–1924) that repetitively merges the figurations of a woman witness and a woman prophet, falling back into this Biblical motive.27 Again, the “Voice” comes out loudly from inside a woman as her restless challenge (“Но громко жене говорила тревога: Не поздно, ты можешь еще посмотреть на красные башни родного Codoma”). Yet, in this poem in inversion, for it is the words of staying and not leaving that the Voice is preaching, the woman’s overt opposition to her man Lot who is set out to leave the native land. The voice talks the woman into throwing her last glance to the life she is departing from. Certainly, the glance and its mirror-reflection set the trap, the wife’s single glance with the “arrow of pain stitching her eyes before she could let a sound out”, her “body flaking into transparent salt”, her “shaking legs as a pillar rooting to the ground”. The woman who at the cost of life chose to stay and bear witness, as well as the witnesses to her subsequent punishment – both those who departed and those who stayed – get inseparable within the mirroring reference to the ecumenical script that however glorifies a woman’s choice if only embodied in Akhmatova’s reprise.
The last poem to which I will refer is from the 1924, “The Muse” (“Муза”), repetitively staging Akhmatova’s respectful bow down to Poetry itself, to its messenger and conveyer, the Muse – “whom no one can command”28. In the generous act of self-denial, hanging by a thread, Anna gives all she cherishes most – just for her to come.
| Когда я ночью жду ее прихода, | When at night I wait for her to come, | |
| Жизнь, кажется, висит на волоске. | life seems to be hanging by a thread. | |
| Что почести, что юность, что свобода | What (are) honors, what youth, what freedom | |
| Пред милой гостьей с дудочкой в руке. | before a lovely guest with a flute in her hand. |
It is the wait and then the encounter between the two, obviously imaginary, dialogized within Akhmatova herself, which opens the poem’s space as to reflect (on) two Infernos 1) the Inferno of the surrounding Soviet terror and 2) the early 14th-century famed representation of Inferno, which Anna calls to her aid. As Anna is “seeing herself as seeing herself”29 in the mirror of her Muse, who with her unveiled face is “staring Anna down”.30 The rescuing land of the poetry past brings Akhmatova to retaking the pen of the Poet of the spaces after the Last Judgement – “I ask: ‘That’s you whom Dante heard dictate the lines of his Inferno?’ She answers: ‘Me.’” (“Ей говорию: Ты лъ Данту диктовала Страниць Ада? Отвечает ‘Я.’”)31
It takes courage to look at the “I” in the mirror in death, and talk the “I” – back.
3. Detour or Shortcut
Understanding violence as a shortcut to death1 – which as such obviously repetitively informs all cultural,2 scholarly, and ideological projects – is the only way of getting enabled to attempt introducing any change. In the discussed Freud’s text, the missing links, lacunas as well as footnotes and additions, introduce difference in the linear content of his narrative, hence exact further, for the purpose of reading, our own inscription of meaning by change through repetition which, for example, feminist critics did achieve – rescuing dead Sophie in the rhetoric of their script. In the discussed Akhmatova’s poems, with a stubborn eagerness, the crafting of her lines repetitively resurfaces various manifestations of death, so as for Anna to mirror the – drilled within her bodily self – external, surrounding, and unremitting threats to life. Yet only – and that is where Akhmatova’s poetic and feminine genius lies – to serve, and further procure, the plentiful cathectic level of her aesthetic counteracting the drive-call of death, incessantly reaching out toward a resisting (form of the self-allured) “We”. It is not her (self)repression, but (self)revelation that determines Akhmatova’s repetition: her narrated disclosures involving always the life-versus-death zero-sum game, the strategy for achieving the artistic perfection, yet with such confessing sincerity that it could not but be rewarded Akhmatova’s return from death.
For the repetitiveness of certain content cannot be stopped only by remembrance, by making it conscious to us, or by representation of the repressed event; it is possible only within and with the help of the theoretical concept of transference, although transference itself can again be reduced to repetition – but to the repetition that implies the emotional, bodily, dramatic, or theatrical element of change. It is transference that matters in Freud’s essay Beyond the Pleasure Principle, in Akhmatova’s poetry, and in my reading of them both. As Shoshana Felman says, literature functions in psychoanalysis precisely as its “unthinkable”, as the “condition of possibility and the self-subversive point of the psychoanalytic thought that takes from literature its logic and rhetoric”.3 Therefore, the death drive, exemplified in negations that are for Freud4 the factor of all repetition, is however also the pathos for defining a theory of subject. The later 20th-century (pragmatic, artistic, theoretic) advent of the subject is made possible only by the (internal) split and the projection of the negativity into the Traumatic Thing, which then returns that projection – while diversifying the newly opened domain of gender so as to read out in multiple ways the “labours” of the “I” within “It”. That is how Anna Akhmatova’s poetry narratively and rhetorically constitutes itself, well in advance of major Western theoretical and literary projects.
The crucial difference between Freud and Akhmatova is in the way they establish their transference – Freud as a detour (through substitution), Akhmatova as a shortcut, which is saying of whether or not the author is capable of confessing the torturing role of an involved witness or a performing “prophet”, as one’s own at least attempt to handle the death drive in person, which Anna did carry through. I will return to the beginning of this presentation, and the quoted Instead of Preface – a magnificent feedback that took place in reality between two burdened women, who were waiting for many months in front of the Leningrad prison to hear of their dear ones: one unknown woman who gives a prompt, the other a famed poetess who gives a promise. Equally authorizing both women to the witnessing function, Akhmatova repeats the trace of life on what has already been erased by death. As if through all the years of crafting her “witnessing poetry”, Anna was moving to the point of writing this, even if retrospectively, or precisely because of that. The embodied enactment of the incorporated transference as an internally dialogized split is only what makes possible the overcoming of the split – as repetitively witnessing to a face as life: the claim of literature itself.
Publizistische Diskurse
Sternstunde des transethnischen Nationalismus
Das Periodikum „Književni Jug“ (1918/19) und die Programmatik einer jugoslawischen Literatur
Svjetlan Lacko Vidulić (Zagreb)
Die notorisch instabile Taxonomie jugoslawischer Literatur(en) kann als Paradebeispiel für die mögliche Komplexität von Nationsbildungsprozessen mittels Literatur gelten. Die historischen Umbrüche und Zäsuren von 1918, 1945, 1963, 1991 öffneten jeweils neue Perspektiven im Zusammenspiel oder Konflikt monoethnisch-exklusivistischer, transethnisch-integralistischer und föderalistischer Konzepte nationalliterarischer Grenzziehung. Die dabei wirksamen Faktoren reichen von den politisch-ideologischen Rahmenbedingungen und kulturpolitischen Weichen bis zu dem „tiefgreifende[n] Bewusstseinswandel der Zeitgenossen“ aufgrund der „Erfahrungseinbrüche“ der beiden Weltkriege, mit denen, so der Historiker Reinhard Koselleck, „gleichsam Schwellen überschritten [werden], nach denen vieles, vielleicht alles, ganz anders aussieht“.1
Vor dem Hintergrund des jüngsten, wiederum von einem Krieg begleiteten Umbruchs um 1990 verwundert es nicht, dass auch die neueren Perspektiven auf die südslawischen Literaturen im Zeichen von Diskursverschiebungen standen, die nicht mit neuen literaturgeschichtlichen Erkenntnissen, sondern mit dem Ende des jugoslawischen Staates und der Erfahrung des Scheiterns eines real existierenden Kultur- und Literaturbetriebs verbunden waren. Paradoxerweise waren diese Verschiebungen im jugoslawischen Raum nach 1991, etwa in der Literaturgeschichtsschreibung der Nachfolgestaaten, weniger spektakulär als in der journalistischen, z. T. auch slawistischen Auslandsperspektive. Dies war mit der unterschiedlichen Gewichtung innerjugoslawischer Entwicklungen nach 1945 verbunden und resultierte u.a. in der Annahme einer ‚Zerschlagung‘ der jugoslawischen Literatur und der ‚Erfindung‘ neuer Sprachen und Literaturen, wobei die föderalistische Dimension der jugoslawischen Kulturpolitik und die Logik eines komplexen Literaturbetriebs gerne übersehen bzw. marginalisiert wurden.2 Es ging um die Tendenz, beim Rückblick über die historische Schwelle den roten Faden der Entwicklung in der – letztlich gescheiterten – Integration zu sehen, während die tiefgreifenden Brüche und Diskontinuitäten, etwa in Gestalt inkommensurabler Integrationskonzepte, zugunsten der Kohärenz des Geschichtsnarrativs geglättet wurden.3
Genau genommen hat es das Konzept einer jugoslawischen Nationalliteratur im Sinne einer die Nation fundierenden, im gemeinsamen Staat gepflegten und in der Nationalsprache verfassten Literatur nur in der Zwischenkriegszeit, und in reinster Form nur in der kurzen Spanne zwischen 1918 und der politischen Etablierung der Nachkriegsordnung um 1921 gegeben – in einer Sternstunde des jugoslawischen Nationalismus. Im Möglichkeitsraum der historischen Wende konnte die Konstituierung einer gemeinsamen Nationalliteratur und die Etablierung eines gemeinsamen Literaturbetriebs in programmatischer Reinform verhandelt werden, scheinbar noch unbelastet von den politischen Dilemmata, die den südslawischen Vereinigungsprozess fortan begleiten sollten.
Als „radikalstes Experiment“4 in dieser Richtung kann das Periodikum „Književni Jug“5 („Der literarische Süden“) gelten, ein „experimentelles Kuriosum der kroatischen Zeitschriftenlandschaft“,6 das von Januar 1918 bis Dezember 1919 in Zagreb erschien und somit die Wendezeit rahmte und begleitete. Die programmatischen Texte in dieser Zeitschrift demonstrieren in hoch konzentrierter Form den ‚postimperialen‘ Bewusstseinswandel, die damit verbundene diskursive Logik einer jugoslawischen Nationsbildung und der entsprechenden Funktionalisierung von Sprache und Literatur. Im Folgenden soll, nach einer Einführung in maßgebliche Kontexte, das nationalliterarische Projekt der Zeitschrift unter den Stichworten Separation, Integration und Rückprojektion skizziert werden.
1. Kontexte
Ideengeschichtlich reichen die Anfänge einer ‚jugoslawischen Literatur‘ in die Zeit des ‚volkstümlichen Protonationalismus‘,1 als im Zuge der nationalromantischen Bewegung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Interesse an einer südslawischen Volkskultur und ihren identitätsstiftenden Potenzialen aufkam. Der Einigungsrahmen für die dialektal und regional zersplitterte Volkssprache und Literatur war freilich notorisch offen und blieb dies – allerdings zunehmend profiliert als Konkurrenz von exklusiv-nationalen und südslawisch-integralistischen Optionen – auch in der Epoche des politischen Nationalismus2 in der zweiten Hälfe des 19. Jahrhunderts.3 Mit der erfolgreichen Sprachintegration des seitdem u.a. als ‚serbokroatisch‘ bezeichneten Raumes und der Konkretisierung politischer Vereinigungsprogramme gewann auch das Konzept einer gemeinsamen Literatur der Serben und Kroaten im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend an philologischer Plausibilität (im Sinne der sprachzentrierten Vorstellungen von Nationalliteratur) und an (identitäts)politischer Pragmatik.
Als in den innen- und außenpolitischen Krisen eine Rekonstruktion der politischen Ordnung immer wahrscheinlicher und gegen Ende des Großen Krieges unvermeidlich erschien, wurde die südslawische Vereinigung zur einzigen aussichtsreichen politischen Alternative. Doch während „die militärische, wirtschaftliche und humanitäre Katastrophe“ von 1914–1918 schließlich „ein verändertes Bewusstsein in der breiteren […] Bevölkerung“ zeitigte und einen „grenzenlosen Enthusiasmus für den gemeinsamen Neuanfang“ bedingte,4 gingen die Vorstellungen von der politischen Gestaltung des Neuanfangs stark auseinander.5 In Konkurrenz zu einem ‚föderativen‘, einem ‚großserbischen‘ und einem ‚separatistischen‘ Modell zielte das dominante ‚integrative Modell‘ auf die „vollkommene wechselseitige Integration auf der Basis des Jugoslawismus und damit Überwindung der Einzelnationalismen“ ab.6
Im Bereich kulturpolitischer Vorstellungen scheint die Dominanz projugoslawischer Positionen noch deutlicher gewesen zu sein. Diese Positionen waren allerdings auch selbst breit gefächert:7 Das Kontinuum reichte von der Unifizierung, über kulturelle Zusammenarbeit der ‚Volksstämme‘ bis zur bloßen gegenseitigen Toleranz.8 Dem o.g. ‚integrativen Modell‘ im Politischen entsprach die Befürwortung einer Unifizierung im kulturellen Bereich. Je nachdem, welcher Stellenwert dabei den einzelnen Teilkulturen gegeben wurde, können nach B. A. Wachtel bei den Befürwortern der Unifizierung die folgenden Modelle unterschieden werden: 1. ein romantisch-leitkulturelles, 2. ein multikulturelles und 3. ein transkulturelles Modell.9 Während das erste von einer (serbischen) Leitkultur ausging und das dritte eine Überwindung jeglicher Nationalkultur im Zeichen des kommunistischen Internationalismus anstrebte, zielte das dominante ‚multikulturelle‘ Modell auf eine Synthese der drei offiziellen jugoslawischen ‚Stammeskulturen‘ der Serben, Kroaten und Slowenen ab.
Die kroatische Hauptstadt war schon in der Vorkriegszeit ein wichtigstes Zentrum projugoslawischer Agitation gewesen und bleibt dies im kulturellen Bereich auch nach der weitgehenden Abwendung der kroatischen politischen Elite vom jugoslawischen Projekt nach 1921. Unter den projugoslawischen Literaturzeitschriften in Zagreb10 hebt sich „Književni Jug“ durch die substanziell und zeitlich kompakte, d.h. radikale und zugleich kurzlebige, auf die Übergangszeit beschränkte Variante des ‚multikulturellen‘ Modells ab. Gegründet wurde die Zeitschrift von Vertretern der „nationalistische[n] Jugend jugoslawischer Orientierung“,11 die nach der am 2. Juli 1917 von Kaiser Karl verkündeten Amnestie für politische Verbrechen nach Zagreb gekommen waren. Herausgeber waren in chronologischer Folge: der kroatische und serbische Schriftsteller Niko Bartulović (1890–1943), der spätere serbische Historiker Vladimir Ćorović (1885–1941), der spätere jugoslawische Klassiker Ivo Andrić (1892–1975), der slowenische Schriftsteller Anton Novačan (1887–1951) und der spätere serbische Klassiker Miloš Crnjanski (1893–1977). Nicht wenige der rund 150 Namen, die auf den insgesamt 1836 Seiten der nominellen Halbmonatsschrift publiziert hatten, waren etablierte oder aber vielversprechende junge Autoren, die heute zu den Klassikern zählen: Neben den Herausgebern Andrić und Crnjanski gehören zu dieser Riege auch Ivo Vojnović, Isidora Sekulić, Tin Ujević und Miroslav Krleža.
Der zukünftige Status der Autoren ist im vorliegenden Zusammenhang freilich nur als Indiz für die Verbreitung des projugoslawischen Standpunkts in der literarischen Elite um 1918 relevant. Relevanter ist der Vergangenheitsbezug der Autoren: Als habsburgische und serbische Untertanen waren sie Erben einer Staatenordnung, die einen südslawischen Zusammenschluss einerseits verhinderte, andererseits zunehmend attraktiv erscheinen ließ. Vor dem Hintergrund der alten Ordnung entfaltete sich nun der Effekt einer Koselleck‘schen ‚Erinnerungsschleuse‘:12 die Identifikation mit einer südslawischen Volksgemeinschaft, deren bedeutende Teile just aus dem imperialen ‚Völkerkerker‘ ausbrechen und im geopolitischen Brachland ihren südslawischen Brüdern und Schwestern entgegen eilen. Für die radikalen Verfechter der integralistischen Option öffnete dieser Standpunkt den Blick in eine völlig neue Zukunft.
2. Separation: im Umfeld der postimperialen ‚Stunde Null‘
Folgt man der Typologie von Hans-Ulrich Wehler,1 so ist der südslawische Integrationsprozess insgesamt, und ganz unmittelbar in seiner dramatischen Kulmination von 1918, eine Kombination des ‚sezessionistischen‘ und des ‚unifizierenden‘ Typus des Nationalismus gewesen: Mit dem Zerfall der multiethnischen Reiche ergab sich die historische Chance einer nationalstaatlichen Vereinigung südslawischer Ethnien über die Grenzen der alten Staatenordnung hinweg. Der notorische Zusammenhang von Sezession und Unifikation im Jahr 1918 musste im Rahmen des ‚integrativen Modells‘ der Vereinigung, ausgerichtet auf die „vollkommene wechselseitige Integration auf der Basis des Jugoslawismus“,2 eine Zuspitzung erfahren, da die ‚vollkommene Integration‘ eine restlose Lösung aus alternativen Zusammenhängen vorauszusetzen schien.
Exemplarischen Ausdruck findet das Phantasma von einer postimperialen ‚Stunde Null‘ in einer Umfrage zur Freiheit, gestartet von der Redaktion der Zeitschrift „Književni Jug“ Ende 1918 mit der Frage nach den persönlichen „Gefühle[n] und Gedanken zur Volksbefreiung“.3 Die erste abgedruckte Antwort stammt von Ivo Vojnović, einem der bedeutendsten Autoren der ästhetizistischen Moderne und überzeugtem jugoslawischen Patrioten,4 gestaltet in Form eines lyrisch getönten Kurzessays unter dem ironischen Titel Dasselbe, nur ein wenig anders.5 Das erzählende Ich schaut durchs Fenster und betrachtet die gewandelte Landschaft der historischen Gegenwart. Auf die Ansicht der neuerwachten Natur folgt das ebenso naturmetaphorisch konturierte Bild historischer Müllentsorgung: „Dann aber ruhte ich mich aus von der schweren Bürde des Glücks und richtete mein geistiges Auge auf den angeschwollenen, schlammigen Fluss der Niederlage […].“6 Der Anblick entsorgter imperialer Altlasten, dominiert von den flüchtenden Habsburgern und ihren von Handlangern der imperialen Macht zu Möchtegern-Republikanern gewandelten Untertanen, führt zu der folgenden erinnerungspolitischen Bilanz:
Vor dieser ekelhaften aber gesundheitsfördernden Ansicht äußerster Schande und des Endstadiums jener Krankheit, die in der Pathographie des endgültigen Untergangs des Metternichschen Reiches für alle Zeiten den Namen: lues Austriaca erhalten wird, – erschauderte ich ob der Jahrhunderte unserer Blindheit, unserer Charakterlosigkeit, die uns die Herrschaft solcher Herren, die Züchtigung durch solche Knechte ertragen ließ, – und weit öffnete ich nun das Fenster in dem entfesselten Drange, in diesen Strom aus Fäulnis und Dreck zu spucken – doch es hatte auf der Flur zu schneien begonnen… […]
– Im Vergessen die Rettung! – erscholl der Ruf des schwarzen Schattens der Vergangenheit durch die wirbelnden Flocken aus vereisten Tränen und ausgezehrten Leiden, welche fielen und fielen und alle Missgestalten, alle Leiden, allen Schmutz des Lebens und der Welt überdeckten.
Nur dies rief ich dem Schatten zu: – So ist es! Und ich schloss das Fenster.7
Das Bild der historischen Müllentsorgung und der Behandlung einer „lues Austriaca“, unterstützt vom Vergessen als therapeutischer Maßnahme zur Tilgung der historischen Schande der Fremdherrschaft: Dieses Bild impliziert eine posthabsburgische Genesung, ja Neugeburt im Rahmen einer selbstbestimmten Ordnung. Die politischen Konturen dieser Ordnung bleiben allerdings eigentümlich unterbelichtet – nicht nur in Vojnovićs Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern im gesamten Erscheinungszeitraum der Zeitschrift.
Die charakteristische Leerstelle korrespondiert mit dem Wandel der politischen Umstände – vom letzten Kriegsjahr, in dem noch Zensurbestimmungen in Kraft waren, bis zur Gründung des südslawischen Staates, die von Konflikten um seine politische Verfassung begleitet war. Im Eingangstext der ersten Nummer vom 1. Januar 1918 benennt der Herausgeber die Aufgaben der Zeit (so der Titel) als „Aufgaben des Jugoslawentums“,8 geht aber der politischen Dimension dieser Aufgaben aus dem Weg. Der Text beginnt mit einer ausführlichen Darlegung der universellen Dimension ‚zeitgemäßen Wirkens‘ (die im vorliegenden Fall in der Förderung von „Gerechtigkeit“, „Freiheit und Fortschritt“ bestehe), bevor mit dem Hinweis, dass kulturelle Aufgaben „zu Einheit und Freiheit“ führen,9 ein bekanntes Entwicklungsmuster gehemmter Nationsbildung evoziert wird – hier im Mikrokontext der noch nicht überschrittenen Schwelle zur Auflösung der Monarchie.
Große Zurückhaltung war allerdings nicht mehr nötig, da nach vier Jahren Krieg – so der Herausgeber im April 1918 – das immer dringlichere „Problem der kulturellen Einheit“ nun „erfolgreicher, sicherer, offener und auf andere Weise als vor vier Jahren“ gelöst werden könne.10 Nicht nur das programmatische Ziel der südslawische Einigung im kulturellen Bereich, sondern auch die gemeinsame „Heimat“ oder eine „dreieinige Volksgemeinschaft“ konnten bereits angesprochen werden.11 Allerdings wurde jede direkte Stellungnahme zu der nach wie vor kontroversen politischen Dimension der Einigung strikt vermieden, und zwar nicht nur im letzten Jahr der Habsburgischen, sondern auch im ersten Jahr der südslawischen Monarchie. Die politische Abstinenz scheint Voraussetzung für die programmatische Kühnheit des kulturpolitischen Vereinigungsprogramms gewesen zu sein.
So wird auch die Staatsgründung im Dezember 1918 von der Redaktion zwar enthusiastisch begrüßt, aber nicht etwa mit der „Freude entfesselter Horden“,12 sondern im Bewusstsein einer langfristigen kulturellen Mission, die der politischen Entwicklung stets vorausgegangen sei und auch jetzt zur generellen Skepsis gegenüber den Volksvertretern zu berechtigen scheint, da diese „dem richtigen Verständnis der wahren Einheit und Freiheit des Volkes am entferntesten stehen“.13 Die Haltung kulturmissionarischer Distinktion ist wohl zum einen als Reaktion auf die (in der gesamten Zeitschrift übrigens nur marginal thematisierten)14 Nachkriegswirren zu deuten, zum anderen als Vermeidungshaltung im Kontext der zunehmend kontroversen Fragen der politischen Konstitution im neuen Staat. Auch die Fortsetzung der Mission nach der Gründung des südslawischen Staates erscheint daher als ein geistiges Unternehmen, dessen Erfolg vor allem auf die Konsolidierung der Nation auf der Basis der „hohen ethischen Werte unseres Stammes“15 – und nicht etwa auf die Gestaltung bestimmter politischer Rahmenbedingungen angewiesen scheint.16
3. Integration: das ‚dreinamige Volk‘ und seine Literatur
Dass die jugoslawische Integration als Mission zur Konsolidierung des ‚geistigen Raums der Nation‘ erscheint und in Abhandlungen mit Titeln wie Nationalphilosophie oder Unser Jugoslawien-Ideal im Modus abstrakter kulturphilosophischer Spekulation elaboriert wird, hat neben kontextuellen auch immanente Gründe. In der Perspektive der jugoslawischen Nationalisten bedurfte der befreite und geeinte Volkskörper nach Jahrhunderten gewaltsamer Trennung und nach Jahren erzwungener Selbstzerfleischung an den Fronten des Weltkriegs in der Tat nicht nur politischer Akte und Akteure (denen man mit guten Gründen skeptisch entgegen sah), sondern vor allem der „wahre[n] und einzige[n] Aristokratie des Geistes“, um „unser Volk für den finalen Akt der jugoslawischen Revolution durch den Aufbau der ethischen Einheit der jugoslawischen Seele“ vorzubereiten.1 Mit anderen Worten: Es bedurfte geeinter Anstrengungen der kulturellen Elite zur Entwicklung des Zusammengehörigkeitsgefühls der ‚imaginierten Gemeinschaft‘ und ihrer Legitimation im Rahmen möglichst weit ausgreifender Einheitsnarrative.
Wenn auf der Suche nach der Nationalspezifik der jugoslawischen Kultur ein „angeborener Sinn für Gleichheit“ oder eine „Philosophie des Heroismus als jugoslawische Philosophie“ detektiert wird,2 oder wenn „der Glaube an die moralische Kraft und den Schaffensgeist der ganzen jugoslawischen Rasse“3 beschworen wird, dann scheinen zeittypische Denk- und Sprachmuster auf, die von der geistesgeschichtlichen und volkspsychologischen Spekulation bis zum völkischen Gedankengut in der Art von Josef Nadlers Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften reichen.4 Die Forderung der Stunde bestand offenbar darin, aktuelle Diskurse für die Entdifferenzierung und Homogenisierung der endlich vereinten jugoslawischen ‚Stämme und Landschaften‘ fruchtbar zu machen.
Der Homogenitätsstiftung mit den Mitteln spekulativer Einheitsnarrative stehen im „Literarischen Süden“ freilich konkrete Maßnahmen und Vorschläge zur Integration des Kulturbetriebs zur Seite, wobei der Zeitschrift selbst aufgrund ihres gesamtjugoslawischen Bezugs- und Resonanzraums eine wichtige Rolle zukommt. Der Umfang des Projekts zur Konstituierung einer einheitlichen jugoslawischen Literatur mit geeintem Literaturbetrieb, dem sich die Zeitschrift seit ihrer Gründung zu Beginn des letzten Kriegsjahres dezidiert widmete, wird im einleitenden programmatischen Text nüchtern umrissen: „Hier harren unser hundert praktische Aufgaben: die Frage einer einheitlichen Literatur, einer einheitlichen Sprachvariante mit einer Schrift und einer Rechtschreibung; die Frage gemeinsamer literarischer Betriebe, literarischer Gesellschaften und Zeitschriften, die Organisation unseres Buchhandels usw.“5 Die Liste der Desiderata ist freilich noch länger; in weiteren Beiträgen wird auch die Zusammenarbeit in der Wissenschaftskultur, das Zusammenwachsen des Übersetzungsbetriebs, Aufgaben der Schulbildung u.a. genannt.6
Die größte, bereits im Februar 1918 in Angriff genommene Herausforderung des integralistischen Programms war die Initiative zur Fusion der Sprachen und Schriften. Während die Außengrenzen der postulierten Nationalliteratur aufgrund der Integrationsbemühungen seit dem 19. Jahrhundert auch vor der staatspolitischen Rekonstruktion vom Herbst 1918 keiner Diskussion mehr bedurften, war die „Invisibilisierung der Binnendifferenzen“7 im südslawischen Rahmen eine komplexe Herausforderung. Im Mittelpunkt der Debatte stand die Integration der standardsprachlichen Varianten des dominanten ‚Serbokroatischen‘, während die marginalisierten (slawischen, deutschen u.a.) Komponenten der Kultur mit der Selbstverständlichkeit der zunehmend gefestigten und 1918 auch staatspolitisch gekrönten Dominanzverhältnisse übergangen wurden. Die Initiative zur Fusion der serbokroatischen Sprachvarianten knüpfte an serbische Initiativen von 1913 und 1914 an: Die Kroaten sollten ihre ‚ijekawische‘ Sprachvariante, die Serben ihre kyrillische Schrift aufgeben. Die angestrebte Lösung, 1918/19 offenbar unterstützt von einer gewachsenen Zahl von Schriftstellern ‚aller drei Stämme‘, war also die nur noch in lateinischer Schrift geschriebene ‚ekawische‘ Variante des Serbokroatischen.8 Die programmatischen Texte und andere Beiträge im „Literarischen Süden“ machten allerdings deutlich, dass der Umsetzung des ambitionierten Projekts – auf Anhieb erkennbar an der Durchmischung der Sprachvarianten und Schriften unter den Beiträgern der Zeitschrift, vor allem an der Umstellung auf die ekawische Variante bei kroatischen Schriftstellern – klare Grenzen gezogen waren. Zum einen musste der „uniformierende Prozess der gegenseitigen Verschmelzung“9 im Falle des eindeutig differenten Slowenischen dem Prinzip einer „spontanen, gewaltlosen und somit organischen“10 Entwicklung im Sinne einer mehr oder weniger spontanen Assimilation überlassen werden.11 Zum anderen musste von der Abschaffung der kyrillischen Schrift vorerst Abstand genommen werden, war diese doch für die Serben ein „Leidensgenosse“ im Krieg und „graphisches Symbol unseres Kampfes um Selbsterhaltung“12 geworden. So konnte auch die kyrillische Schrift, neben der Wahl der ekawischen Variante, vor allem bei kroatischen Schriftstellern als Zeichen der integralistischen Gesinnung fungieren.13
Sprache und Schrift stehen im Dienste der Nationalliteratur, des zentralen Mediums nationaler Integration auch in der Spielart des integralen Jugoslawismus. Auch in dieser Spielart kommen die charakteristischen Muster organizistischer und zirkulärer Funktionsbestimmung der Literatur zum Einsatz: Bleibt sie volks- und lebensnah, ist sie genuiner Ausdruck des nationalen Bewusstseins – zu dessen Konsolidierung und Ausbau wiederum gerade sie, die Nationalliteratur, maßgeblich beitragen soll.14 Zwischen der organizistischen Perspektive und den – gerade auf den Seiten der Zeitschrift mit besonderer Kühnheit erbrachten – Aufbauleistungen im Bereich von Sprache, Schrift, Kanonisierungsprozessen u.a. wird kein Widerspruch wahrgenommen, da in dieser Perspektive jede Aufbauleistung als Freilegung, Revitalisierung oder Ausbau nationaler Substrate in der Regie der entsprechenden Avantgarde ausgelegt wird.
So kann auch für die Behauptung, dass „die literarische Einheit kein Phantom, sondern Tatsache ist“,15 in Ermangelung literatursoziologischer Argumente auf die literarische Avantgarde verwiesen werden: auf die jugoslawische Orientierung der literarischen „Pioniere“ und die grenzüberschreitenden Leseinteressen des „intelligenten Lesepublikums“. Literaturgeschichtsschreibung und Literaturkritik, so der Literaturhistoriker Antun Barac, hinken der Entwicklung allerdings nach, indem sie innerjugoslawische, also stammesbezogene „Unterschiede hervorheben, die winzig sind, die nichts zu bedeuten haben“, und somit den „Fortschritt verhindern“. Für die Offenlegung der jugoslawischen Einheit in Vergangenheit und Gegenwart sei die übliche Faktenhuberei denkbar ungeeignet; gefragt seien „künstlerischer Instinkt“ und „Intuition“. Antun Barac selbst lieferte in der Zeitschrift Prolegomena für ein entsprechendes literaturhistorisches Narrativ.
4. Rückprojektion: die Integration der Vergangenheit
Geschichte ist bekanntlich die Rekonstruktion der Vergangenheit nach Maßgabe aktueller Interessenlagen. Nichts illustriert diesen Befund besser als der Paradigmenwechsel nach historischen Umbrüchen, wie ihn „Der literarische Süden“ auch in diesem Bereich auf eindrückliche Weise dokumentiert. Während in der aktuellen Produktion der zahlreichen MitarbeiterInnen der Zeitschrift die integralistische Vision der Vergangenheit hier und da im Gewand patriotischer Gesinnungslyrik aufscheint, so wird in den programmatischen Texten die Vergangenheit insgesamt in teleologischer Perspektive als Vorgeschichte der jugoslawischen Einigung neu aufgewickelt. Mit der Kurzschaltung von Gesinnung und Wertung, d.h. mit der Erhebung der jugoslawischen Gesinnung zum Kanonisierungsprinzip, erscheint nun als „Tatsache“, „dass alle unsere besten Wissenschaftler, alle unsere besten Dichter, ob Serben, Kroaten oder Slowenen, seit den Anfängen unseres kulturellen Erwachens, begeistertste und überzeugendste Jugoslawen sind“, während umgekehrt gelten dürfe, „dass kein irgend bedeutender Kulturarbeiter im slawischen Süden Separatist gewesen“ sei.1 Literarischen Größen, deren patriotische Gesinnung mit mehr oder weniger Gewalt auf den integralistischen Rahmen gespannt werden kann, werden ganze Themenhefte gewidmet: so dem Illyristen Petar Preradović zum 100. Geburtsjubiläum und dem Modernisten Silvije Strahimir Kranjčević zum 10. Todestag.2
Das Programm einer integralistischen Gesamtrevision der literarischen Vergangenheit lieferte der erwähnte Antun Barac (1894–1955), der sich in den kommenden Jahrzehnten einen Namen als Literaturhistoriker und Kritiker machen sollte. Am Ende seiner Karriere als führende Persönlichkeit der Zagreber Südslawistik legte Barac übrigens eine Geschichte der jugoslawischen Literatur (1954) vor, deren Anlage und internationale Rezeption die schrittweise Distanzierung vom integralistischen Paradigma im sozialistischen Jugoslawien dokumentiert.3 Am Anfang der Karriere, in der Euphorie der großen Wende von 1918/19, machte sich der frisch promovierte Slawist für eine überfällige Modernisierung der Literaturgeschichtsschreibung im Sinne einer jugoslawischen Nationalliteratur stark.4
Den Paradigmenwechsel leitet Barac mit der Kritik an der dominanten Literaturgeschichtsschreibung ein, deren Leitprinzipien in seiner Sicht lauter Widersprüche und Unstimmigkeiten produzieren: Das territoriale Prinzip spalte die Literatur entlang historisch kontingenter Verwaltungsgrenzen; die inkonsequente Anwendung des ästhetischen Prinzips ergäbe weder eine kohärente Literaturgeschichte, noch eine Geschichte der Schriftlichkeit; und das philologische Prinzip, worunter Barac positivistische Faktenhuberei versteht, führe die analytischen Ergebnisse keiner Synthese zu. Die verfehlten Perspektiven, so Barac, nehmen ephemere Differenzen wie territoriale, religiöse oder orthographische Besonderheiten in den Blick und etablieren Korpora, hinter denen keine zusammenhängende Entwicklung zu erkennen ist.
Die scharfsichtige Kritik an der fehlenden Kohärenz literaturgeschichtlicher Narrative wird Barac in seiner späteren Entwicklung zu unterschiedlichen, auch literatursoziologischen Kontextualisierungen der Literatur führen. Jetzt wird der übergreifende Zusammenhang noch abstrakt als „Wesen der Nation“5 bezeichnet und wird dieses in der „Volksseele“ und im „Volksleben“ erblickt,6 die nur im jugoslawischen Rahmen betrachtet eine zusammenhängende Entwicklung offenbaren. Die organizistische Perspektive lässt den gesamtjugoslawischen Beobachtungsrahmen als zwingend, jede getrennte Beobachtung hingegen als ‚Zerstückelung‘ erscheinen, denn: „Das Volk ist ein Organismus, der geboren wird, der wächst und der stirbt.“7 Entsprechend gilt: „Unsere Volksliteratur wird zu einer sinnvollen, organischen Einheit, wenn alle drei Teile zusammen genommen werden, so dass von den ältesten Anfängen bis heute eine kontinuierliche Entwicklung beobachtet werden kann.“8
Die Einheit der jugoslawischen Literatur sei nicht das Ergebnis einer „Deduktion“, sondern literaturgeschichtliche „Tatsache“.9 Dabei seien die eindeutigen regionalen Verflechtungen (Barac nennt die Bereiche: liturgische und apokryphe Literatur, Ragusaner Literatur, kajkawische und protestantische Literatur, Literatur in Bosnien) sowie die Parallelen der Stilepochen (Barac erwähnt Romantik, Realismus, Naturalismus) zu einem Gesamtnarrativ zu ergänzen, indem die temporären Entflechtungen und Entwicklungslücken mit dem Substrat der Volksdichtung geschlossen werden. Denn diese, die Volksdichtung, führe ein Leben, dass auch in scheinbar ertraglosen Zeiten gleichsam „im Untergrund gedieh“.10 Nur so: überregional betrachtet und mit dem Kitt der Volksdichtung verbunden, offenbare sich „unsere Literatur“ als „einheitlicher, lebendiger Organismus, existierend ohne Unterbrechung von der Geburt bis heute“,11 vergleichbar mit einem „unterirdischen Fluss“, der schlussendlich „in voller Kraft zum Vorschein kommt“, oder mit den „Schlägen eines einzigen Herzens, die nicht überall zu hören sind, und doch niemals verschwinden“.12
5. Ausblick
Die Zeitschrift „Književni Jug“, radikales Organ des kulturpolitischen Jugoslawismus, geriet trotz konsequenter Zurückhaltung in realpolitischen Fragen in den Strudel der politischen Umbrüche. Die im realpolitischen Feld ausgetragenen Konkurrenzen um die Ausrichtung der südslawischen Monarchie im Spannungsfeld von Zentralismus und Föderalismus (deren entscheidende Frontlinie sich zunehmend zwischen den serbischen und den kroatischen politischen Parteien verfestigte), lassen auch manche Beiträge in dem integren integralistischen Organ im Zwielicht eines „Pseudo-Jugoslawismus“1 erscheinen. Diesen Eindruck konnten etwa literarische Beiträge vermitteln, in denen die erzählende Darstellung oder die lyrische Evokation serbischer Kriegserfahrung an jenen heroisch-märtyrologischen Mythenkomplex gemahnen, der auch in der Legitimation der semi-imperialen Ansprüche der zentralistischen Regierung eine wichtige Rolle spielte.2 Wenn im Beitrag eines jugoslawischen Patrioten aus Kroatien ein zentrales Element dieses Mythenkomplexes – die Sankt-Veits-Feier, die seit den Balkan-Kriegen Teil der offiziösen Erinnerungspolitik in Serbien war und als Teil des Kosovo-Mythos mit dem Anspruch auf eine Erneuerung des serbischen Reiches assoziiert wurde3 – in diffusen patriotischen Volten zu „unserer nationalen Religion, unserer jugoslawischen Religion“ erklärt wird,4 dann geht es um die Stilblüten eines längst bekannten Diskurses, der in dem aktuellen politischen Kontext allerdings neue Konnotationen entfaltete.
Als die Redaktion im letzten Heft der Zeitschrift in einem knappen Schlusswort5 ihre Aufgabe – nämlich „den Weg zu unserer endgültigen Vereinigung und Freiheit aufzuzeigen“ und darüber hinaus „in der Praxis den Grundstein zu legen für die zukünftige jugoslawische Literatur“ – für erfüllt und damit eine „hohe Mission“ für realisiert erklärte,6 verdeckte die optimistische Bilanz das personelle Auseinanderdriften im Schatten der politischen Entwicklung und ihrer zentripetalen und zentrifugalen Tendenzen. Exemplarisch hierfür ist das Verhältnis zweier exponierter Mitarbeiter der Zeitschrift:7 Der Herausgeber Ivo Andrić zog mit den meisten übrigen Redaktionsmitgliedern in die Hauptstadt des neuen Staates und begründete dort seine Karriere in staatlichen Diensten, während Miroslav Krleža – der seine projugoslawische Orientierung und seine intensive Zusammenarbeit mit Belgrader Autoren niemals aufgeben wird, der zentralistischen und royalistischen Gesinnung jedoch äußerst kritisch gegenüber stand und 1919 eine Abrechnung mit der diesbezüglichen Orientierung des Schriftstellerkreises um den „Literarischen Süden“ geplant haben soll – quasi demonstrativ in Zagreb blieb. Hier kehrten die Schriftsteller früher oder später auch zu der kroatischen Variante von Sprache und Schrift zurück: War die Unifizierung zeitgemäße Solidaritätsbekundung und antiprovinzieller Gestus gewesen, so wurde ihre Zurücknahme nun zum Signal der Distanzierung von unitaristischen Übergriffen und vom Pseudo-Jugoslawismus.
Die Konstellation aber, in der die skizzierte Programmatik einer integralen jugoslawischen Literatur das ‚Wesen der Nation‘ zu erfassen und die ‚jugoslawische Revolution‘ geistig zu fundieren versprach, blieb historisch einmalig. Nur hier bildeten eine ergebnisoffene politische Wende, der Grundkonsens der kulturellen Eliten und eine experimentierfreudige literarische Praxis zusammen genommen den Horizont einer realisierten Utopie.
„Kreuzritter des 20. Jahrhunderts. Kreuzritter des Sozialismus“
Das imperiale Erbe der Roten Armee: Joseph Roths Perspektiven auf den Polnisch-Sowjetischen Krieg im historischen und medialen Kontext
Johann Georg Lughofer (Ljubljana)
1. Einleitung und Kontextualisierung
„Noch ist Polen nicht verloren.“ Der im deutschen Sprachgebiet sicher zweitbekannteste Textbeginn einer Nationalhymne wurde zum gängigen Sprichwort, was nicht sofort nach der Textentstehung geschehen konnte, denn Polen blieb danach noch für Jahrzehnte von der Landkarte getilgt: Als Józef Wybicki (1747–1822), der am Aufstand gegen die dritte Teilung Polens teilgenommen hatte, die Verse im Jahr 1797 schrieb, setzten er und der polnische Befreiungskampf auf französische Schützenhilfe. Die zwei Jahre zuvor von General Jan Dąbrowski (1755–1818) aufgestellte polnische Legion kämpfte auf Seiten Napoleons (1769–1821) gegen die Österreicher in Norditalien und erhoffte sich durch dieses Engagement die Rückgabe des Königreiches, was doppelt enttäuscht wurde: Napoleon selbst sollte während seiner Siege nur das übersichtliche Herzogtum Warschau schaffen. Nach seiner Niederlage kam auf dem Wiener Kongress 1815 das Gebiet als „Königreich Polen“, auch Kongress-Polen genannt, unter russische Aufsicht. Der Rest Polens ging als „Großherzogtum Posen“ an Preußen; Galizien wurde erneut Österreich zugesprochen.
Das international bekannte Sprichwort im Sinne von „Noch ist nicht alles verloren“ konnte der Vers logisch stimmig also erst im 20. Jahrhundert werden, als Polen sich nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918 unabhängig erklärte und die Pariser Vorortverträge dies anerkannten – aber ohne fixierte Grenzregelung mit Sowjetrussland, da dieses bei den Verhandlungen nicht teilgenommen hatte. Provisorisch wurde die Curzon-Linie vorgeschlagen, benannt nach dem damaligen britischen Außenminister George Curzon (1859–1925). Dieses Konzept versuchte, auf die Muttersprache der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung Rücksicht zu nehmen; viele Polen blieben dabei außerhalb ihres Nationalstaats.
Polen wurde zwar wiederhergestellt, der Friede aber keineswegs. Polnische Truppen kämpften unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg an mehreren Fronten: Sie standen in den Abstimmungsgebieten Schlesiens deutschen Freikorps gegenüber, kämpften gegen die Tschechoslowakei um Cieszyn/Teschen und gegen die Ukraine um Galizien. Den größten Spielraum sah die polnische Regierung im Osten; polnische Truppen besetzten dann auch weite Landstriche der Ukraine und selbst Kiew. Das wiederhergestellte Polen bzw. das Staatsoberhaupt Marschall Józef Piłsudski (1867–1935) versuchte, den Grenzverlauf möglichst weit östlich verlaufen zu lassen und eine osteuropäische Konföderation unter polnischer Führung zu schaffen. Diesem geplanten „Zwischenmeerland“ diente die polnisch-litauische Realunion, die immerhin bis 1791 bestanden hatte, als historisches Vorbild. Solche Pläne schienen möglich, denn Sowjetrussland befand sich noch im Bürgerkrieg. In der Ukraine unterstützten nationalistische Kräfte Polens Plan, da sie zuvor von den Sowjets von der Macht vertrieben worden waren.
Im Februar 1919 trafen einzelne polnische Kompanien erstmals unkoordiniert kämpfend auf die Rote Armee – und zwar auf weißrussischem Gebiet. Im darauffolgenden Monat nahm die Rote Armee die formell zu Litauen gehörigen, ethnisch mehrheitlich polnischen Städte Vilnius und Hrodna ein. Die Polen griffen ihrerseits Weißrussland an; ein polnischer Vorstoß nach Vilnius vertrieb die Sowjetarmee aus der Hauptstadt der neu installierten weißrussisch-litauischen Republik. Danach ging der polnische Vormarsch nach Osten weiter – nach Weißrussland, nach Lettland und in die Ukraine. Die Sowjets konnten aufgrund der Offensiven mehrerer bedeutender weißer Armeen – so in Südrussland, Sibirien und im Baltikum – sowie aufgrund der Revolten und Hungersnöte im russischen Reich nicht entschlossen reagieren und Lenin (Wladimir Iljitsch Uljanow, 1870–1924) beschwichtigte die polnische Regierung mit großzügigen Gebietszugeständnissen, die nahezu ganz Weißrussland Polen unterstellten.
Bei diesem Polnisch-Sowjetischen Krieg, der übrigens genauso andere Benennungen erfahren hatte,1 wurde sogar der Beginn verschieden festgelegt: ein Grenzkonflikt herrschte eben bereits 1919. Die historische Wertung variiert auch extrem: Der damalige britische Sonderbotschafter in Warschau Lord d’Abernon sollte später die Kämpfe um die polnische Hauptstadt unter den entscheidenden Schlachten der Weltgeschichte einreihen.2 Die bescheidenen militärischen Kräfte und die Absenz bedeutender Kämpfe ermöglichten es, diesen Krieg ebenso als „Schlägerei“ einzuordnen, wie es selbst Józef Piłsudski tat.3 Im Juli 1920 standen den zwanzig sowjetischen Divisionen polnischerseits rund zwölf Divisionen und vier Brigaden gegenüber. Beide Seiten führten rund 200.000 Mann kämpfende Truppen an die Front. 1917 hatten sich an der vergleichbaren Front etwa 75 österreichisch-ungarische und deutsche und rund 90 russische Divisionen gegenübergestanden. Die Divisionsstärken waren im Ersten Weltkrieg dazu noch größer.4
Darum war auch im Polnisch-Sowjetischen Krieg jede Strategie zum Scheitern verurteilt, mit der sich eine Seite bei so geringen Truppenstärken zu weit ins andere Gebiet vorwagte, so wie die Polen sich nicht in Kiew halten konnten, galt es als unwahrscheinlich, dass die Russen je Warschau erobern hätten können.5 Gerhard Wagner betont:
Die polnisch-sowjetischen Kämpfe der Jahre 1919 und 1920 wurden von Staaten geführt, die vom Weltkrieg gezeichnet waren. Unsichere Grenzen, schlecht oder gar nicht funktionierende Wirtschaft, trostlose Verkehrsverhältnisse und zerrüttete Staatsfinanzen kennzeichnen beide Staaten mehr als Euphorie über die zurückgewonnene eigene Staatlichkeit die Situation in Polen und Erfolge an den Fronten des Bürgerkriegs diejenige in Sowjetrußland. Hier herrschte wie dort die gleiche Desorganisation, und diese Zustände bestimmen auch die Dimensionen des polnisch-sowjetischen Krieges. Sie zwangen zur Einschränkung auf beiden Seiten und machten die Improvisation zum obersten Feldherrn und nicht selten den Zufall zum Schiedsrichter.6
Zu Beginn des Jahres 1920 hatten die Sowjettruppen die meisten großen weißen Armeen zerschlagen. Des Weiteren sorgten Friedensverträge mit Estland und Litauen für eine militärische Entlastung Russlands. 1920 sah vorerst noch ein polnisches Vorankommen gegen die Rote Armee in Lettland, in Weißrussland und nach Kiew, das am 7. Mai erobert wurde – mit Hilfe der Truppen ukrainischer Nationalisten, denen der Erfolg aber dort nicht den erhofften Rekrutierungszustrom brachte. Weniger die heute erneut betonte nationale Indifferenz7 zeigte sich im ungehörten Verklingen der Appelle an den ukrainischen Patriotismus, sondern das Misstrauen gegen den Nationalistenführer Symon Petljura (1879–1926) und gegen eine Kooperation mit den Polen, die als Großgrundbesitzer ein Feindbild des ukrainischen Nationalismus darstellten. Die Bevölkerung des jahrelangen Kriegsschauplatzes hatte außerdem nur sehr bedingt Lust am Soldatendasein.
Polen hatte in Kiew damit einen Pyrrhussieg errungen; ernsthafte ukrainische Unterstützung blieb aus; die Rote Armee hatte sich intakt zurückgezogen und stand nun der besetzenden polnischen Armee in dem großen Land gegenüber. Noch dazu konnten die Sowjets erfolgreich auf internationaler Ebene Polen als Aggressor darstellen und den russischen Patriotismus verstärkt instrumentalisieren. Am 15. Mai startete die Rote Armee ihre Gegenoffensive und nahm am 12. Juni erneut Kiew ein. Verstärkte Angriffe folgten im Juli; am 11. dieses Monats wurde Minsk eingenommen; die polnischen Truppen bewegten sich in dieser Zeit durchschnittlich täglich 30 Kilometer auf das polnische Kernland zu. Die Sowjettruppen standen bald nur noch 100 Kilometer vor Warschau.
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