Kitabı oxu: «Facetten tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie»

Die Herausgeberin
Julia Hristov ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in der Vitos Klinik Hofheim sowie als Dozentin an der Wiesbadener Akademie für Psychotherapie tätig.
Julia Hristov (Hrsg.)
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Umschlagabbildung: © PinkCat/shutterstock.com
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039794-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039795-8
epub: ISBN 978-3-17-039796-5
mobi: ISBN 978-3-17-039797-2
Autor*innenverzeichnis
Sabine Hoffmann
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Leitende Psychologin der Vitos Klinik Hofheim, Dozentin, sabine.hoffmann@vitos-riedstadt.de
Julia Hristov
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, tätig in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Institutsambulanz, Dozentin, j.hristov-psychotherapie@web.de
Martin Kaschke
Dr. phil. Dipl. Psych., Dipl. Biol., Psychologischer Psychotherapeut, Paartherapeut, Hakomi-Therapeut, Gruppenpsychotherapeut, niedergelassen in eigener Praxis in Heppenheim, Dozent, Supervisor, Selbsterfahrungsleiter, kaschke@psychotherapeut-heppenheim.de
Lena Kuhlmann
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Bestsellerautorin, betreibt einen Social-Media-Account zum Thema mentale Gesundheit, hellofreudmich@gmail.com
Cornelia Leistner
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, niedergelassen in eigener Praxis in Usingen, Dozentin, Supervisorin, Selbsterfahrungsleiterin, therapie@praxisleistner.de
Kerstin Neuthe
Psychologische Psychotherapeutin, Gestalttherapeutin, niedergelassen in eigener Praxis in Flörsheim, Dozentin, Supervisorin, praxis.neuthe-floersheim@yahoo.com
Meike Pudlatz
Psychologische Psychotherapeutin, niedergelassen in Gemeinschaftspraxis in Hamburg, Basic Trainerin Positive Psychotherapie, Dozentin, Supervisorin, Selbsterfahrungsleiterin, praxis.fettweiss.pudlatz@gmx.de
Anna Radon-Wolf
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, niedergelassen in eigener Praxis in Wiesbaden, Dozentin, Supervisorin, Selbsterfahrungsleiterin, praxis radonwolf@gmail.com
David Roth
Psychologischer Psychotherapeut, niedergelassen in eigener Praxis in München, Gruppenpsychotherapeut, Präsident der Deutschen Fachgesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Dozent, Supervisor, Selbsterfahrungsleiter, info@psychotherapie-david-roth.de
Frank Stula
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, niedergelassen in eigener Praxis in Walluf. Staatsprüfer. Dozent, Supervisor, Selbsterfahrungsleiter, Praxis.Stula@googlemail.com
Lalenia Zizek
Prof. Dr., Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Professur für Bildung, Beratung, Förderung und Therapie im Kindesalter an der Fachhochschule Potsdam, Staatsprüferin, niedergelassen in eigener Praxis in Berlin, Dozentin, Supervisorin, Selbsterfahrungsleiterin, praxis-zizek@t-online.de
Inhaltsverzeichnis
1 Autor*innenverzeichnis
2 Vorwort
3 1 Zwischen Unsicherheit und Verstehen
4 Julia Hristov
5 1.1 Die ersten Schritte
6 1.2 Die Macht des Unbewussten
7 1.3 Der Weg zu einem Symptom
8 1.4 Unsicherheit überwinden
9 Literatur
10 2 Die ersten Begegnungen in der Psychotherapie
11 Kerstin Neuthe
12 2.1 Aufspannen des therapeutischen Beziehungsraums
13 2.2 Zugänge zur unbewussten Psychodynamik
14 2.3 Ein Bild zeichnen
15 Literatur
16 3 Es war einmal … Wie uns von Patient*innen geschriebene Geschichten Einblicke in ihre Welt gewähren
17 Anna Radon-Wolf
18 3.1 Zauberer und Drachen
19 3.2 Der Vorstellungstermin
20 3.3 Abschlussbetrachtungen
21 Literatur
22 4 Der Jedi in uns – Zur Bedeutung moderner Märchen der Populärkultur in der psychodynamischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
23 Frank Stula
24 4.1 Psychodynamische Sichtweise auf Märchen der Populärkultur
25 4.2 Die Heldenreise
26 4.3 Aus der psychotherapeutischen Praxis
27 4.4 Der Psychotherapeut als Jedi
28 Literatur
29 5 Affekte klarifizieren in der Kindertherapie: der Wutvulkan und der Einsatz von Geschichten
30 Cornelia Leistner
31 5.1 Ein Maulwurf im Familiensystem
32 5.2 Der Wutvulkan
33 5.3 Einsatz von Geschichten in der therapeutischen Arbeit mit Kindern
34 Literatur
35 6 Eltern und Familien in der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen
36 Lalenia Zizek
37 6.1 Zur Geschichte der Familie in der Psychotherapie
38 6.2 Die Psychotherapie mit Kindern und ihren Eltern
39 6.3 Abschluss
40 Literatur
41 7 Psychodynamisch arbeiten mit Positiver und Transkultureller Psychotherapie nach Peseschkian (PPT)
42 Meike Pudlatz
43 7.1 Charme von Gründer und Ansatz
44 7.2 Aus der Praxis für die Praxis I: das Balancemodell
45 7.3 Aus der Praxis für die Praxis II: die Arbeit mit orientalischen Geschichten
46 7.4 Ausblicke
47 Literatur
48 8 Die Klinik und das Unbewusste – Tiefenpsychologisches Arbeiten in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik mit Versorgungsauftrag
49 Sabine Hoffmann
50 8.1 Die Kinder- und Jugendpsychiatrie
51 8.2 Wie kann ich das szenische Verstehen zur Hypothesenbildung nutzen?
52 8.3 Wie kann ich eine Gruppensituation tiefenpsychologisch im Team aufarbeiten und die Gegenübertragungsphänomene in einen Behandlungsplan einfließen lassen?
53 8.4 Wie kann eine Uneinigkeit des Behandlungsteams als Ambivalenz der Patientin erkannt und für die Behandlung nutzbar gemacht werden?
54 8.5 Wie erkenne ich die Grenzen tiefenpsychologischen Arbeitens in einer Gruppenpsychotherapie?
55 8.6 Welche Stärken liegen im tiefenpsychologischen stationären Arbeiten?
56 9 Ein lachendes und ein weinendes Auge – der Abschied in der Psychotherapie
57 Julia Hristov
58 9.1 Ein gelungener Abschied
59 9.2 Abschied nehmen
60 9.3 Gestaltung des Abschieds
61 9.4 Und das war es jetzt?!
62 Literatur
63 10 »Sie haben Ihr Ziel erreicht«: über Erfolg in der tiefenpsychologischen therapeutischen Arbeit
64 Lena Kuhlmann
65 10.1 Therapieziele erarbeiten
66 10.2 Nicht alles ist möglich
67 10.3 Auftragsklärung und Elternarbeit
68 10.4 Am Ende ist immer alles gut?
69 10.5 »5 von 5 Sternen«
70 Literatur
71 11 Wie lernt eine ambulante Gruppe laufen? Ideen für den erfolgreichen Start einer Gruppenpsychotherapie
72 Martin Kaschke
73 11.1 Aller Anfang ist schwer
74 11.2 Das Setting
75 11.3 Wenn die Gruppe wirklich beginnt
76 11.4 Zu guter Letzt – oder warum ich Gruppentherapien so schätze
77 Literatur
78 12 Persönliche Einblicke, Einsichten und Gedanken zu tiefenpsychologischer Supervision und Selbsterfahrung
79 David Roth
80 12.1 Der Ursprung meiner Suche
81 12.2 Übernahme von Haltungen in der Therapeutenausbildung
82 12.3 Einstieg in die Selbsterfahrung
83 12.4 Approbationsausbildung
84 12.5 Auf dem Parkett und auf der Empore
85 12.6 Ausblick
86 Glossar
87 Stichwortverzeichnis
Vorwort
Zu theoretischen Grundlagen und Interventionstechniken der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie gibt es bereits zahlreiche Fachbücher, die diese sehr anschaulich und nachvollziehbar darstellen. Wie aber erleben Psychotherapeut*innen selbst ihre Sitzungen? Was sehen sie als Schlüsselmomente im therapeutischen Prozess an? Wie werden diese von ihren Patient*innen wahrgenommen? In diese Erlebniswelt geben die vorliegenden Beiträge Einblicke.
Elf erfahrene Psychotherapeut*innen nehmen die Lesenden mit in ihre Therapiestunden. Sei es in der Erwachsenentherapie, der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, in Gruppen, in der Supervision oder Selbsterfahrung, in der ambulanten oder stationären Arbeit: Jedes Kapitel erzählt nicht nur von konkreten therapeutischen Situationen, sondern wie tiefenpsychologisches Arbeiten aus Therapeut*innensicht erlebt wird.
Die Autor*innen möchten nicht theoretisch, sondern ganz praktisch zeigen, wie Therapie und Supervision geschehen. So werden Therapiebeginn und -ende, einzelne bedeutsame Sequenzen, spezielle Ausrichtungen, tiefenpsychologisches Arbeiten in einer Klinik und vieles mehr aufgegriffen. Es ist spannend, zu sehen, was tiefenpsychologisches Arbeiten bewirken kann – bei Patient*in und Therapeut*in gleichermaßen.
Ein wichtiger Punkt hierbei ist, dass die beispielhaft aufgeführten Methoden auch für Anfänger*innen nachvollziehbar sind. Ein großes Anliegen ist es, das tiefenpsychologische Arbeiten verständlich zu machen und dafür zu werben, da dies ein Ansatz ist, der den unbewussten seelischen Vorgängen einen hohen Stellenwert als Erklärung für menschliches Verhalten und Erleben beimisst.
In einer tiefenpsychologisch orientierten Behandlung wird das Wissen um das Wirken unbewusster Motive, Fantasien und Wünsche als nicht willentliche Triebfeder von Verhalten nutzbar gemacht: Die seelische Erkrankung wird als Ausdruck eines tiefen Nicht-Vorankommens (eines inneren Konflikts) verstanden, dessen Auslöser im Jetzt, der Ursprung jedoch in den frühen Beziehungserfahrungen oder einem Trauma gesehen wird. Fokussiert wird weniger der Ausdruck des Problems oder des Symptoms. Auch die schnelle Lösung des Alltagsproblems steht nicht im Vordergrund. Der Blick zurück dient dem Begreifen und dem Überwinden. Der Gewinn liegt in der Bearbeitung des ursprünglichen Defizits. In Spielsituationen oder im Gespräch werden diese Konflikte geschützt dem Bewusstsein zugänglich gemacht. Dann können Patient*innen ihren eigenen Entwicklungsweg kreieren, da sie das Symptom nicht mehr benötigen. Von großer Bedeutung für die Behandlung ist die Notwendigkeit und hohe Bereitschaft der Psychotherapeut*innen, sich selbst gut zu kennen und sich persönlich einzubringen – in der Übertragungs- und Gegenübertragungsarbeit. Deshalb nimmt in der Ausbildung tiefenpsychologisch orientierter Psychotherapeut*innen, neben der Vermittlung von Kenntnissen über Genese von Störungsbildern und Interventionstechniken, die Selbsterfahrung einen großen Stellenwert ein.
Durch die Veränderungen der therapeutischen Landschaft in Folge der Reform der Psychotherapeutenausbildung scheint es umso wichtiger, sich auch mit psychodynamischen Therapieansätzen auseinander- und für diese einzusetzen.
Unser Dank gilt daher dem Kohlhammer Verlag, der unser Projekt und damit unser Anliegen mit dem Erscheinen dieses Buches unterstützt. Wir danken auch unseren Ausbilder*innen, Supervisor*innen, Seminar- und Selbsterfahrungsleiter*innen für ihre Geduld, Überzeugungskraft und ihr tiefes Wissen, das sie mit uns geteilt haben. Ganz besonders danken wir aber unseren Patient*innen für ihr Vertrauen, ihr Öffnen, ihr Widerstreben und ihre Entwicklungen. Es ist ganz wunderbar, dies begleiten zu dürfen.
Den Lesenden wünschen wir nicht nur fachlichen Lesegenuss, sondern auch fruchtbares Erkennen, wie wichtig und wirkungsvoll die Tiefenpsychologie für die Versorgungslandschaft und wie hilfreich sie für unsere Patient*innen ist.
Sabine Hoffmann, Februar 2021
1
Zwischen Unsicherheit und Verstehen
Julia Hristov
1.1 Die ersten Schritte
In meiner ersten Therapiestunde war ich mindestens so angespannt und nervös wie mein Patient, wahrscheinlich sogar noch mehr. Bei meinem Gegenüber handelte es sich um einen großen, kräftigen 16-jährigen, gleichgültig und abgebrüht wirkenden Jugendlichen, der mich kritisch und erwartungsvoll musterte. Er hatte einen Schulverweis bekommen, war wegen kleinerer Einbrüche und Schlägereien polizeibekannt. Die Eltern beschrieben ihn in einem gemeinsamen Aufnahmegespräch als aufbrausend und grenzüberschreitend, aber phasenweise auch antriebsarm und bedrückt.
Seinen Blick auf mir spürend, überlegte ich, ob ich autoritär genug wirkte, er mir zuhören würde, wie ich mich ihm entgegenstellen könnte. Trotz vieler besuchter Psychologie- und Therapieseminare und eines großen Stapels studierter Fachliteratur, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als ein Manual, auf das ich mich hätte beziehen können, eines, in welchem ich schrittweise Handlungsvorgaben vorfinden würde. Obwohl ich hartnäckig versuchte, seinen Panzer zu durchbrechen, machte der Jugendliche es mir nicht leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen und mehr über ihn zu erfahren. Und dennoch: Er blieb 50 Minuten lang und erschien auch zu den weiteren Terminen.
Im Nachhinein ist mir bewusst, wie eindrücklich und aussagekräftig die erste Begegnung mit meinem Patienten war – wie viel sie über den Patienten, unsere Beziehung und auch über mich aussagt. Sie führt mir meine eigene Unsicherheit als angehende Therapeutin vor Augen. Sie lässt mich den unausgesprochenen Erwartungsdruck des Patienten spüren, der mich musterte, als wollte er herausfinden, was ich ihm als Therapeutin bieten konnte. Der erste Termin zeigt mir auch, dass der Patient einen hohen Leidensdruck hatte, Hilfe suchte und auf seine Art sehr wohl in Beziehung ging. Wie leicht hätte er aufstehen, das Gespräch vorzeitig beenden und gehen können. Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte ihn nicht aufhalten können. Am stärksten haben mich aber sein Auftreten und seine einschüchternde Ausstrahlung beschäftigt, was diese bei mir ausgelöst hatte und wohl auch bei anderen auslösen würde.
Ein wichtiger Aspekt, der das tiefenpsychologische Arbeiten für mich auszeichnet und spannend macht, ist es, das Augenmerk darauf zu haben, was sich weit über das Gesagte hinaus zwischen Patient*in und Therapeut*in abspielt. Lorenzer führte hierfür das Konzept des Szenischen Verstehens ein (Lorenzer, 2006). Dabei beschreibt der Psychoanalytiker und Soziologe vier Ebenen des Verstehens in Interaktionen. Zum einen ein logisches Verstehen, das sich auf den Inhalt des Gesprochenen bezieht, die Informationen, die sich daraus ergeben. Des Weiteren ein psychologisches Verstehen, das der Beziehung der Interaktionspartner*innen einen emotionalen Wert verleiht. Das szenische Verstehen erfasst die Situation im Gesamten mit allen Umgebungsbedingungen und Äußerungen über das Gesagte hinaus. Das tiefenhermeneutische Verstehen schließlich liefert über die dargebotene Szene einen Zugang zu verborgenen Wünschen und Abwehrmechanismen. In Bezug auf die Therapiesituation lässt sich festhalten, dass vieles, das sprachlich nicht ausgedrückt werden kann, dennoch Eingang in die Interaktion zwischen Therapeut*in und Patient*in findet. Dies geschieht in der Form, dass verdrängte Erlebnisse und Erfahrungen der Patient*innen in der therapeutischen Beziehung ausagiert werden, ein Gegenüber in die Inszenierung eingebunden und ihm eine Rolle zugewiesen wird. Ein Verstehen dieser Dynamik kann dysfunktionale Beziehungsmuster der Patient*innen aufzeigen und diese erlebbar sowie korrigierbar machen.
Rückblickend erscheint es mir noch verständlicher, dass eine Therapieform, die den Einfluss von zwischenmenschlicher Beziehung so stark betont, nicht alleine durch Fachliteratur und Seminare verstanden werden kann, sondern in der Beziehung zu einem Gegenüber erlebt werden muss. Wenn uns frühe Beziehungserfahrungen prägen und entscheidend dafür sind, wie wir mit anderen Menschen in Kontakt treten, wie wir mit Problemen und Schwierigkeiten umgehen und wie wir uns selbst oder andere erleben, muss man auch als Therapeut*in in Beziehung gehen, um dies zu spüren, zu erkennen und bewusst zu machen.
1.2 Die Macht des Unbewussten
Wie schon deutlich wurde, gestalten neben bewussten Vorgängen auch unbewusste Prozesse die Beziehung zwischen Patient*in und Therapeut*in. Am bedeutsamsten sind hier die Übertragung und Gegenübertragung, erstmals von Freud beschrieben. So werden (oftmals unbewusste) Erwartungen und Wünsche der Patient*innen auf Therapeut*innen übertragen, in der Hoffnung, dass diese von ihnen erfüllt werden (Übertragung). Therapeut*innen kann dabei die Rolle einer Person zugeschrieben werden, mit der Patient*innen einen Konflikt hatten oder haben, ihn aber nicht lösen können. Ein junger erwachsener Mann, der in seiner Kindheit wiederholt von seiner psychisch kranken Mutter alleine gelassen wurde, kann unbewusst den Wunsch nach Zuwendung und Fürsorge auf seine Therapeutin übertragen, gleichzeitig aber auch die Angst, von ihr verlassen zu werden. Dieser Wunsch und das Gefühl gelten eigentlich der Mutter, durch die Übertragung auf die Therapeutin lassen sie sich jedoch im Hier und Jetzt in der Therapie bearbeiten. Ebenso kann eine erwachsene Frau mit einem kritischen, abwertenden und von hohen Ansprüchen geprägten Vater in der Therapie bemüht sein, dem männlichen Therapeuten zu gefallen und ihm alles recht zu machen, um Anerkennung und Lob zu erhalten, was sie von ihrem Vater nicht bekommen hat.
Bei Therapeut*innen entstehen wiederum Erwartungen, Wünsche und Gefühle als Reaktion auf Patient*innen (Gegenübertragung). Eine Therapeutin fühlt sich durch ihre Patientin nicht wahrgenommen, da diese ihr oftmals ins Wort fällt und über Fragen und Einwürfe hinweggeht. Einem anderen Patienten gegenüber hegt sie dagegen mütterliche Gefühle, möchte ihn beschützen und schonen. Um diese Reaktionen effektiv in den therapeutischen Prozess einbinden zu können, muss gut unterschieden werden, ob sie durch Patient*innen oder die eigene Lebensgeschichte hervorgerufen werden.
Unbewusst kann der Therapieprozess auch behindert werden, was sich in Form von ständigem Zuspätkommen, kurzfristigen Terminabsagen, »keine Ahnung«- und »ich weiß nicht«-Antworten oder einem Ausweichen manifestieren kann und als Widerstand bezeichnet wird. Dieser sollte Patient*innen gegenüber in einer für sie angemessenen Form aufgegriffen und gedeutet werden, um eine effektive Weiterarbeit nicht zu gefährden.
Am eindrücklichsten habe ich die Macht des Unbewussten in einer Supervisionsstunde erlebt. Dort habe ich meiner Supervisorin von den vorangegangenen Terminen mit einer 7-jährigen Patientin berichtet – sich immer wiederholende Spielsequenzen im Puppenhaus, die ich nicht deuten konnte. Während des Berichtens wurde ich plötzlich sehr traurig und merkte, dass mir Tränen in die Augen stiegen. Auch der Supervisorin blieb dies nicht verborgen. Sie sprach mich darauf an und fragte, ob dies mit mir, meiner aktuellen Lebenssituation oder meiner Familie zu habe. Ich verneinte, versicherte, dass bei mir alles gut sei. Das Berichten über die Patientin und unsere letzten Stunden hatte mich traurig gemacht, und obwohl mir ein traumatisches Erlebnis in ihrer Vorgeschichte bekannt war, die Patientin seit einigen Monaten häufig gedrückt und traurig zu mir kam, konnte ich mir nicht erklären, warum ich gerade in diesem Moment so reagierte. Nach kurzem Schweigen fragte die Supervisorin, ob es sein kann, dass sich der Todestag der älteren Schwester meiner Patienten jähre, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Ich war völlig irritiert und verblüfft, blätterte aber umgehend in meinen Unterlagen nach. Die Supervisorin hatte recht. Im Gegensatz zu mir hat sie die Traurigkeit nicht nur gespürt, sondern konnte sie auch zuordnen. Mir war nicht bewusst, dass der Todestag so nah war, die Patientin hatte dies nicht angesprochen. Vermutlich hatte ich es wohl auch verdrängt, um mich nicht dem Schmerz der Patientin stellen zu müssen. Und dennoch war er da. Mir hat das Verstandenwerden durch die Supervisorin Erleichterung gebracht. In den folgenden Therapiestunden konnte ich dann meine Patientin besser verstehen, ihr mitfühlend und tröstend begegnen, denn ich hatte wirklich gespürt, was sie bewegt, aufwühlt, abwehrt und was sie nicht in Worte fassen konnte, was sie aber immer begleitet hat und auch in den Therapieterminen anwesend war. Wir konnten gemeinsam um ihre Schwester trauern.
1.3 Der Weg zu einem Symptom
Einige Patient*innen berichten, dass sie »plötzlich« bemerkten, dass etwas nicht in Ordnung war, sie sich ängstlich, traurig, wütend fühlten, scheinbar aus dem Nichts heraus. Andere wiederum beschreiben einen schleichenden Beginn oder benennen einen konkreten Auslöser, der zum Ausbilden einer psychischen Symptomatik geführt hat. Oftmals ist der Weg bis zum Auftreten eines Symptoms ein langer, meist unbewusster, auf dem versucht wird, Kummer und Schmerz abzuwehren, in Schach zu halten oder zu verdrängen, bis sie schließlich doch ausbrechen. Der Auslöser scheint mitunter nicht in Relation zur Wucht der Symptomatik zu stehen, diese wird aber verständlich, wenn man sich anschaut, was dem zugrunde liegt.
Die Abwehr erfolgt über Abwehrmechanismen. Diese dienen dazu, unbewusste, seelische Konflikte zu lösen und das psychische Gleichgewicht aufrechtzuhalten. Sie sind meist unbewusst und unterscheiden sich daher von bewussten Problemlösestrategien. So können innere Wünsche abgewehrt oder verleugnet werden oder sich in körperlichen Symptomen manifestieren. Eine umfassende Übersicht zu den Abwehrmechanismen findet sich bei Anna Freud (1984).
Betrachtet man genauer, wie es zur Entstehung eines Symptoms kommt, sollte man auch einen Blick auf die Neurosendisposition des Patienten werfen. Dieser Begriff wurde von Boessmann und Remmers (2008) geprägt und bezieht sich auf das Konzept der Neurosenstruktur von Schultz-Hencke. Eine Neurosendisposition ist jedem Menschen eigen und hat zunächst einmal keinen Krankheitswert. Das frühe Erleben und Empfinden, Beziehungserfahrungen sowie Konflikte und deren Lösungsversuche führen bei jedem Menschen zu einem spezifischen Muster, wie jemand mit bestimmten Situationen umgeht, sich selbst und andere erlebt. Insgesamt listen Boessmann und Remmers zehn Neurosendispositionen auf und geben damit ausreichend Möglichkeit, auch sich selbst in einer oder mehreren wiederzufinden.
Belastende Situationen, Verluste, Entwicklungsaufgaben oder Konflikte können dazu führen, dass Neurosendispositionen die Entstehung einer psychischen Störung begünstigen, weil Lösungsversuche und Abwehrmechanismen nicht mehr greifen. Das Erkennen einer patient*innenspezifischen Neurosendisposition aufgrund einer biografischen Anamnese und des im Erstkontakt erhobenen psychischen Befundes gibt Aufschluss über die Psychodynamik, die einem Störungsbild zugrunde liegt und liefert somit Behandlungsansätze.
Dies mag sich für manche*n Leser*in sehr komplex anhören, da doch die meisten Prozesse unbewusst ablaufen. Jedoch wird in den nachfolgenden Kapiteln aufgezeigt, wie spannend es ist, das »Unbewusste« zu erforschen und mit diesem zu arbeiten.
1.4 Unsicherheit überwinden
Viele Therapieinteressierte und angehende Psychotherapeut*innen stellen sich nun wahrscheinlich die Frage, wie sie die oben kurz angeführten Konzepte und Grundgedanken der tiefenpsychologisch- psychodynamischen Sichtweise im therapeutischen Setting, d. h. im direkten Patient*innenkontakt, ganz konkret umsetzen können. Sie fühlen sich oftmals unsicher, in ihrer Position verantwortlich für die Beziehungsgestaltung und erleben den eingangs erwähnten Erwartungsdruck durch die Patient*innen.
Zusammenfassend kann ich folgende Faktoren benennen, die mir geholfen haben, meine anfängliche Unsicherheit zu überwinden und meinen Patient*innen weiterhin mit Neugier, Interesse, Wertschätzung und Mitgefühl, aber auch mit mehr Gelassenheit und Vertrauen in ihre Fähigkeiten und den therapeutischen Prozess zu begegnen:
In Beziehung gehen mit den Patient*innen: Das ist wohl der wichtigste Faktor, nicht nur, weil man aus eigenen Erfahrungen bekanntlich am meisten lernt, auch weil das tiefenpsychologische Arbeiten das Einlassen auf eine Beziehung voraussetzt. Dabei kann nicht im ersten Termin die gesamte, meist unbewusste Dynamik sofort verstanden werden, auch müssen nicht Symptome nach einem Termin verschwinden. Es ist erstaunlich zu erleben, wie sich für die Patient*innen typische Beziehungsmuster auch in den Therapiestunden zeigen und in der direkten Beziehung aufgegriffen werden können und wie hartnäckig Kinder wieder und wieder dieselben Spielsequenzen wiederholen, bis sie schließlich irgendwann durch die Therapeut*innen verstanden werden.
Supervision/Intervision und der Austausch mit Kolleg*innen: Es ist lehrreich, aufmunternd und ermutigend, sich mit angehenden und erfahrenen Kolleg*innen darüber auszutauschen, wie es ihnen mit ihren ersten Patient*innen erging, was ihnen Orientierung gegeben hat, welche Erfahrungen für sie wertvoll waren. Supervision ermöglicht es, das eigene therapeutische Vorgehen, die Dynamik zwischen Therapeut*in und Patient*in zu reflektieren, Rückmeldungen und neuen Input (ganz konkret, in Form einer Sicht von außen oder durch das Verstehen bestimmter Szenen) für die weitere Behandlung zu bekommen.
Selbsterfahrung: Sowohl einzeln als auch in der Gruppe war dies eine wertvolle Erfahrung für mich. Selbsterfahrung dient dazu, sich seiner Lebensgeschichte, eigener Themen und Beziehungsmuster bewusst zu werden – damit verbunden auch der eigenen Verletzlichkeit, erlebter oder befürchteter Kränkungen, Ängste und Themen, die man vielleicht aus Scham oder Schuldgefühlen meidet. Sich bewusst über seine eigene Geschichte, sein Erleben und seine Prägung zu sein, hilft wiederum, diese nicht in der Therapiesitzung auf die Patient*innen zu übertragen oder ihnen gar aufzudrängen, sondern als Eigenes wahrzunehmen.
Fachliteratur: Viel zu lesen (und damit auch nie aufzuhören) ist unabdingbar, um sich einen Überblick über therapeutische Konzepte, Wirkmechanismen, aktuelle Forschungsergebnisse etc. zu verschaffen und ein theoretisches Fundament für das eigene Arbeiten aufzubauen. Sowohl Wöller und Kruse (2018) als auch Rudolf (2019) geben in ihren Fachbüchern einen leicht zugänglichen und verständlichen Überblick über die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Gleichzeitig ermöglicht das Lesen von Fachliteratur und Eintauchen in Fallbeispiele aus Sicht verschiedener Therapeut*innen, ihre Ansätze und ihr Vorgehen und damit ein therapeutisches Vorbild kennen zu lernen.
Der erste Punkt scheint mir dabei gleichzeitig am wichtigsten und am unkontrollierbarsten, für angehende Therapeut*innen spannend und zugleich verunsichernd – mitunter aufgrund der empfundenen Verantwortung gegenüber den Patient*innen und dem Wunsch, diese möglichst schnell zu entlasten, ihnen zu helfen. Auch um einen fantasierten Beziehungsabbruch zu vermeiden, die Befürchtung, die Hilfesuchenden könnten sich anderswo Unterstützung holen, wenn nicht möglichst schnell eine Besserung eintritt. In den nachfolgenden Kapiteln möchten wir ermutigen, die anfängliche (und immer wieder auftauchende) Unsicherheit anzunehmen und sie reflektiert in die therapeutische Arbeit einfließen zu lassen und gleichzeitig aufzeigen, welche lohnenswerten Erfahrungen in der Therapeut*in-Patient*in-Beziehung entstehen können.
Literatur
Boessmann, U. & Remmers, A. (2008) Behandlungsfokus. Bonn: Deutscher Psychologenverlag.
Freud, A. (1984). Das Ich und seine Abwehrmechanismen (24. Aufl.). Frankfurt a. M.: Fischer.
Lorenzer, A. (2006). Szenisches Verstehen. Zur Erkenntnis des Unbewußten. In U. von Prokop & B. Görlich (Hrsg.), Kulturanalysen (Bd. 1). Marburg: Tectum.
Rudolf, G. (2019). Psychodynamisch Denken – tiefenpsychologisch Handeln. Praxis der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Stuttgart: Schattauer.
Wöller, W. & Kruse, J. (2018). Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Basisbuch und Praxisleitfaden. (5. Aufl.) Stuttgart: Schattauer.
2
Die ersten Begegnungen in der Psychotherapie
Kerstin Neuthe
Eine junge Patientin sprach erstmals über dramatische Erinnerungen und wollte sich ihrer endlich entledigen, indem sie versuchte, alles zu erzählen und sich nicht mehr stoppen konnte. – Eine Frau hielt ihrem stattlichen Mann im Wartezimmer die Hand mit den Worten »Damit er auch wirklich mit reingeht« und er stand zögernd auf. – Eine ältere Patientin gab mir gleich nach der Begrüßung ihren Klinikbericht in die Hand.
Aus diesen einzelnen Szenen meiner ambulanten psychotherapeutischen Praxis lässt sich erahnen, wie lebendig die Begegnung zwischen Patient*in und Therapeut*in in den ersten Psychotherapiestunden sein kann. Die ersten Kontakte in der Psychotherapie sind außergewöhnlich und intensiv: Zwei Unbekannte treffen aufeinander und eine*r spricht über sich.
Für Psychotherapeut*innen hingegen nimmt mit jeder der vielen ersten Begegnungen die Erfahrung zu und es sinkt die Unsicherheit gegenüber dieser besonderen menschlichen Situation. Über die Berufsjahre hinweg ertappe ich mich immer wieder dabei, die Brisanz – vor allem der allerersten Begegnung – für die Patient*innen zu unterschätzen.
Doch was genau passiert in den ersten Begegnungen in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie? Was gibt den Anstoß für einen inneren Entwicklungsprozess und lässt unsere Patient*innen irgendwann sagen: »Dieses Gefühl quält mich nicht mehr.« »Jetzt verstehe ich, was ich da tue.« »Die Therapie ist wie eine zweite Geburt.«
Es ist schwierig, in Worte zu fassen, was genau heilsam ist. Heilsam ist nicht allein die Intervention – Heilung oder Entwicklung hängt vorrangig mit der therapeutischen Beziehung zusammen, dem wichtigsten Wirkfaktor der Psychotherapie. Wie Forschungsergebnisse belegen und in diversen Psychotherapielehrbüchern (Boessmann & Remmers, 2018; Körner, 2018) herausgearbeitet ist, hat die Qualität der Therapiebeziehung – aus Patient*innensicht – den höchsten Einfluss auf das Ergebnis der Behandlung. Die hilfreiche therapeutische Beziehung ist wie ein unsichtbares Fundament, es wird in den ersten Begegnungen gelegt und trägt über die gesamte Zeit der Behandlung.
In den folgenden Ausführungen verdeutliche ich die Bedeutung der ersten psychotherapeutischen Begegnungen und beschreibe weniger theoretische Inhalte, sondern mehr den praktischen Umgang.
Anfangs spanne ich den therapeutischen Beziehungsraum auf, veranschauliche den auftauchenden Konflikt zwischen Versuchung und Versagung und die besondere therapeutische Haltung. Im Mittelteil charakterisiere ich – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – wesentliche Bestandteile der ersten Begegnungen, die einen Zugang zur unbewussten Psychodynamik begünstigen: das Verstehen von Szenen, von Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamiken sowie die Anwendung der Probetherapie. Schließlich geht es im letzten Teil um das Zeichnen eines Bildes.
2.1 Aufspannen des therapeutischen Beziehungsraums
2.1.1 Versuchung und Versagung
Der Beginn einer Psychotherapie ist eine regelrechte Zumutung für Patient*innen. Einesteils kann es für sie eine offensichtliche Kränkung und Beschämung bedeuten, etwas nicht alleine bewältigen zu können und auf Hilfe angewiesen zu sein. Doch damit nicht genug: Die Hilfesuchenden werden bereits bei Aufnahme des therapeutischen Kontakts in einen elementaren, unvermeidbaren Konflikt zwischen dem Wunsch nach Beziehung und einer möglichen Frustration hineingestoßen. Die therapeutische Begegnung stellt sowohl eine Versuchungssituation als auch eine Versagungssituation dar.
Die treffenden Begriffe Versuchung und Versagung wurden von Harald Schultz-Hencke (1892–1953) geprägt. Die bewusste Versuchung (Anziehung, Anreiz) in der Psychotherapie ist die Hoffnung, psychisch gesund zu werden. Die unbewusste Versuchung ist oft mit Beziehungswünschen verknüpft, wie etwa endlich verstanden, akzeptiert und geborgen zu sein. In jeder möglichen Versuchung oder in jedem Beziehungswunsch steckt gleichzeitig eine Angst vor dessen Versagung (Absage, Ablehnung). Die Versagung ist unvermeidbar: Die durch den gesetzlich-formalen Rahmen der Psychotherapie-Richtlinien geregelte therapeutische Beziehung ist immer nur ein begrenztes Angebot.
Schon Hermann Hesse (1877–1962) ermutigt in seinem Gedicht »Stufen«, sich immer wieder auf diese Versuchung der Begegnung einzulassen, da jedem Anfang ein Zauber innewohne und er betont, gleichzeitig zum Abschied bereit sein zu müssen, also Versagungen anzunehmen. Dieses kulturübergreifende, menschliche Thema machen sich Tiefenpsycholog*innen zunutze.
Nachfolgend das Beispiel einer Patientin mit emotional instabiler Neurosendisposition und ihrem Umgang mit dieser Konflikthaftigkeit in der therapeutischen Beziehung.
Eine Patientin brach immer wieder die Therapie mit der Begründung ab, ich sei »zu sachlich«, beende die Sitzung immer »überpünktlich« – sie könne sich deshalb »nicht einlassen«. Nach jedem Abbruch meldete sie sich einige Tage später wieder und wollte die Therapie unbedingt fortführen – nur ich könne ihr helfen.
Hier ist sichtbar, wie sehr sie zwischen der Versuchung einer idealen Therapiebeziehung und der Versagung, der Begrenztheit der emotionalen Beziehung hin- und hergerissen war. Intrapsychisch sind Versuchung und Versagung nicht integriert, sondern voneinander abgespalten. Versagungen erlebte sie als vollständige Ablehnung. Um das Gefühl des Abgelehnt-Seins abzuwehren, projizierte sie es auf mich und spaltete Beziehungswünsche aus ihrem Erleben; solange, bis ihre starken Wünsche nach emotionaler Beziehung wieder in ihr Bewusstsein drängten. Allein das Angebot einer Therapiebeziehung traf bei dieser Patientin auf so starke innerpsychische Ambivalenzen bzw. Unvereinbarkeiten, dass sie das Zustandekommen einer stabilen Therapiebeziehung boykottierte.
Psychodynamisch arbeitende Behandler*innen eröffnen von Beginn an freie Situationen der Begegnung. Sie lassen sich mit allen Sinnen auf die Interaktion mit ihren Patient*innen ein. Sie vergessen zunächst alle Theorien und sind offen für alles, was innerlich wie äußerlich passiert oder eben auch nicht. Gerade dann kann sich die jeweils eigene Beziehungsdynamik in dem unvermeidbaren Konfliktpotential zwischen Versuchung und Versagung entfalten.
Im Erkennen der im therapeutischen Kontakt auftauchenden Beziehungsdynamik liegt eine große therapeutische Chance. Ähnlich wie aus einem unter dem Mikroskop betrachteten Tropfen Blut direkt Rückschlüsse auf den Zustand des ganzen Körpers gezogen werden können, so können aus einzelnen therapeutischen Begegnungen Rückschlüsse auf innere Vorstellungen der Patient*innen von Beziehungen und die darin manifestierte Psychopathologie gezogen werden.
2.1.2 Die therapeutische Haltung
Vor einem Jahr sammelte meine damals dreijährige Tochter täglich Gegenstände wie Blätter oder Stöcke und gab sie mir. Ich sollte alles in meiner Hand halten. Einige Teile legte sie dann in eine Schatzkiste. Besonders zufrieden war sie, wenn ich mich auch für ihre Schätze interessierte. Einmal zeigte sie mir zwei Papierschnipsel und einen Mandarinenkern; ich habe es zwar bestaunt, dann aber gewohnheitsmäßig in den danebenstehenden Papiereimer fallen lassen. Sie rief empört: »Mama!«. Ich entschuldigte mich und angelte alles wieder aus dem Papierkorb. Heute, ein Jahr später, sammelt sie Schätze in ihren eigenen Jackentaschen.
Dieses Halten oder Aufbewahren von Gesammeltem muss zunächst von den Bezugspersonen übernommen werden, bevor Kinder es selbst können. Zudem ist es ein Äquivalent für das spätere Wahrnehmen und Bewahren von eigenen Gedanken und Gefühlen. Ähnlich wie Eltern die Funde ihrer Kinder aufbewahren, gemeinsam betrachten und benennen, ist gerade in den ersten Begegnungen der Behandlung eine ähnliche therapeutische Haltung förderlich. Durch dieses Aufbewahren entsteht ein Raum für die in der Therapie zentrale Selbsterfahrung.
Tiefenpsychologisch fundiert arbeitende Psychotherapeut*innen sammeln und bewahren aber nicht nur das offensichtlich Präsentierte. Sie sind darauf spezialisiert, die verborgenen unbewussten Schätze und Potentiale, aber auch das Unerträgliche zu entdecken und innerlich zu bewahren. Es ist das Abgewehrte – den Patient*innen ist es nicht möglich, es als Teil ihrer selbst wahr- oder anzunehmen.
Der von Wilfred Bion geprägte Fachbegriff dazu lautet Containing und bedeutet, zunächst die Äußerungen und Projektionen der Patient*innen in sich zu bewahren. Anschließend geht es darum, das für die Patient*innen Unerträgliche innerlich in etwas Erträgliches zu verwandeln. Im Therapeutenjargon heißt das auch: »Das muss ich jetzt erst mal verdauen.« Dieser Schritt kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Abschließend wird der Teil, von welchem die Patient*innen therapeutischen Nutzen haben könnten, zurückgegeben. Dieses Prozedere ist eine grundlegende therapeutische Haltung und bildet gleichzeitig eine wichtige Grundlage für das Durcharbeiten der Konflikte in der Therapiebeziehung.
Das Durcharbeiten in der Therapiebeziehung gestaltete sich mit der oben genannten Patientin mit immer wieder auftauchenden Abbruchwünschen folgendermaßen:
Mein pünktliches Beenden der Sitzung aktivierte bei ihr das Gefühl des Abgelehnt-Seins. Dieses Gefühl war für sie das Unerträgliche, sie versuchte sich dem Gefühl des Abgelehnt-Seins zu entledigen, indem sie es auf mich projizierte. So drehte sie den Spieß um und lehnte mich als ihre Therapeutin wütend ab.
Aufgrund der dramatischen Emotionalität kann es an dieser Stelle leicht zur projektiven Identifikation kommen: Der*die Therapeut*in identifiziert sich mit der Projektion,er*sie wird also aus dem Gefühl des Abgelehnt-Seins selbst zum*zur Ablehner*in. Wenn der*die Psychotherapeut*in dann im Alltagserleben haften bleibt, wird er*sie die Ablehnung gekränkt zurückgeben und die Therapie ebenso spontan abbrechen.
Aus diesem Dilemma versuchte ich herauszufinden: Ihr Gefühl des Abgelehnt-Werdens in unserem Kontakt sah ich als einen Tropfen Blut, in welchem sich ihr innerer, zentraler Konflikt abbildete. Demzufolge erlebte ich, stellvertretend für sie, Gefühle des Abgelehnt-Werdens, die sich mit Versagensgefühlen mischten und sah mich einem rigorosen Ablehner als Gegenüber. In diesem partiellen Zulassen der Verwicklung konnte ich erleben, welche Objektbeziehung oder Rollen zwischen uns aktualisiert waren. Für den Therapieerfolg war es entscheidend, für gewisse Zeit in den Schuhen der Patientin zu laufen, sodass ich empathisch bleiben und sie als das unerwünschte Kind ihrer als ablehnend erlebten Eltern wahrnehmen konnte. So konnte ich ihr destruktives Kontaktangebot verdauen und in etwas Konstruktives verwandeln. Ich validierte ihr Gefühl des Abgelehnt-Seins mir gegenüber und brachte es in einen biografischen Zusammenhang: »Sich so abgelehnt zu fühlen ist ja auch schlimm. Ich kann mir vorstellen, dass Sie ärgerlich auf mich sind.« Mein inneres Entgiften ihres Gefühls entschärfte ihr Gefühl im Kontakt zu mir.
Über 40 Therapiestunden war es wichtig, ihr Erleben sowie den Sinn ihres Erlebens zu validieren bzw. anzuerkennen. Mithilfe meiner für ihr Erleben stellvertretenden Beobachtung konnte sie so langsam selbst einen beobachtenden Standpunkt finden und ihn später immer wieder einnehmen. Erst dadurch entstand eine tragfähige Arbeitsbeziehung. Im weiteren Verlauf arbeiteten wir mehrmals ihre Reinszenierungen im therapeutischen Beziehungsraum durch. Nach und nach konnte sie mir mitteilen, was genau ihr das Gefühl der Ablehnung zwischen uns vermittelt und wie viel von diesem Gefühl auf die in ihrer Vergangenheit erlebte Ablehnung zurückzuführen war. Im letzten Drittel der Psychotherapie bemerkte sie immer öfter selbst, wenn sie Ablehnung auf mich oder andere projizierte. Sie wagte, sich auf erste lose Beziehungen außerhalb der therapeutischen Beziehung einzulassen, trotz befürchteter und allgegenwärtiger Versagungen. Meine Aufgabe war es, auftauchende Konflikte im Sinne ihres Beziehungsmusters zu deuten und ihr immer wieder Hoffnung zu machen, dass Beziehungen mit Begrenzungen nicht mehr nur weiß oder schwarz sind, sondern zum Beispiel hellgrün mit karminroten Flecken.
Bei dieser Patientin ist es, wie bei anderen Patient*innen mit umfassenden strukturellen Defiziten (z. B. in der Selbstwahrnehmung, Gefühlsregulation und Beziehungsgestaltung) auch, in den ersten Begegnungen eine besondere Herausforderung, ein tragfähiges Arbeitsbündnis herzustellen und im Verlauf zu erhalten (Boessmann & Remmers, 2017).
Daneben ist gut vorstellbar, wie wichtig die persönliche Passung oder Chemie zwischen Hilfesuchenden und Therapeut*innen ist. Diesem persönlichen Empfinden sollte in den ersten Begegnungen eine hohe Beachtung geschenkt werden. So wichtig wie für Patient*innen das Vertrauen den Therapeut*innen und dem empfohlenen Therapieweg gegenüber ist, ist es für die Therapeut*innen wesentlich, ob sie trotz offensichtlicher dysfunktionaler Einstellungen der Patient*innen ein positives Beziehungsangebot aufrechterhalten können (Rudolf, 2019). Wenn es den Behandelnden nicht gelingt, die hinter dem dysfunktionalen Beziehungsangebot liegende Bedürftigkeit oder etwas Sympathisches zu sehen, ist es besser, die Patient*innen an andere Therapeut*innen zu vermitteln.
Eine die aufbewahrende Haltung ergänzende Haltung beschreibt Ralf Zwiebel in seinem Buch »Was macht einen guten Psychoanalytiker aus?« (2013). Gute Behandler*innen können die Balance zwischen der Anwesenheit eines*r erlebenden Therapeut*in und eines*r denkenden Therapeut*in halten. Bildlich ausgedrückt verwickeln sich gute Behandler*innen immer wieder mit den Patient*innen wie ein Wollknäuel, um sich dann wieder zu entwirren und zu entwickeln.
Besonders in den ersten Begegnungen, aber auch während des Therapieverlaufs, entstehen viele unbehagliche Situationen der Verwicklung oder des Nicht-Verstehens, die eine hohe Affektregulierung auf Seiten der Therapeut*innen erfordern. Das direkte Erleben der gegenseitigen Verwicklung ermöglicht jedoch oft erst ein Verstehen der Beziehungsdynamik. Eine beständige Unsicherheit begleitet die therapeutische Arbeit, und es kann leicht passieren, einerseits im identifizierten Erleben oder andererseits im distanzierten Denken gefangen zu bleiben. Ein kontinuierliches Pendeln ist also unerlässlich.
Im Folgenden erläutere ich einige Bestandteile erster Begegnungen, die einen Zugang zum Verstehen der unbewussten Psychodynamik ermöglichen: das szenische Verstehen mit der damit verbundenen Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamik sowie die Probetherapie.
2.2 Zugänge zur unbewussten Psychodynamik
2.2.1 Das Szenische Verstehen und das Vorfeld-Phänomen
Hermann Argelander übernahm erstmals das Konzept des szenischen Verstehens für seine Erstinterviews (Argelander, 2014). Als Kind gehörloser Eltern war er früh auf visuelle Informationen angewiesen. Er schien erkannt zu haben, dass viele Einsichten allein durch die visuell erlebbare Szene erzielt werden können. Laut Argelander gibt es neben objektiven Informationen (die nachprüfbaren Fakten) und subjektiven Informationen (die Bedeutung der Fakten aus Patient*innensicht) noch die entscheidenden szenischen Informationen, d. h. das Erlebnis der Situation. Vor allem die szenischen Informationen geben wichtige Hinweise und eine Zentrierung zum Verstehen der zu Behandelnden.
Der Objektbeziehungstheorie zufolge bilden sich die in der Kindheit erworbenen Vorstellungen eines Kindes über sich und seine primären Bezugspersonen dauerhaft innerpsychisch ab. Diese Vorstellungen werden dann unbewusst immer wieder in den unterschiedlichen Beziehungen, also auch im therapeutischen Beziehungsraum, reinszeniert. Der*Die Patient*in formt demnach unbewusst den Kontakt zum*zur Therapeut*in entsprechend seiner*ihrer inneren Vorstellungen von Beziehungen. Dieses innere Bild des Kindes über sich und seine Bezugspersonen prägen nicht nur lebenslange Beziehungsdynamiken, sondern auch mögliche darin verwobene Psychopathologien.
Darüber hinaus scheint es einen unbewussten Antrieb zu geben, speziell die unverarbeiteten konflikthaften Beziehungserfahrungen in den aktuellen äußeren Beziehungen abzubilden. Mit anderen Worten, Patient*innen »infizieren« die therapeutische Beziehung mit ihrer psychischen Problematik. Das verwenden Psychotherapeut*innen zur Erforschung: Sie lassen die entstehende Handlung in dem Beziehungsraum zwischen Hilfesuchendem*r und Therapeut*in sich entfalten und bedeutsame Szenen der therapeutischen Begegnung können konzentriert – wie ein Tropfen Blut unter dem Mikroskop – untersucht werden.
Hierzu zwei Szenen aus ersten Begegnungen im Eingangsbereich meiner Praxis:
Ein Patient zögerte, in die Nähe des Therapieraums zu kommen und wartete auf mein Hereinbitten. – Eine Patientin wartete nicht auf das Begrüßungsritual, sondern ging vor mir in den Therapieraum hinein und setzte sich in einen Sessel. – Diese Szenen ließ ich über einige Therapiestunden sich entfalten und in mir wirken. Im Gleichgewicht zwischen der Anwesenheit als erlebende und auch als denkende Therapeutin (Zwiebel, 2013) reflektierte ich immer wieder die in diesen Szenen aktualisierte, konflikthafte Objektbeziehung. Beide Personen stellten in diesen Szenen ihrem Gegenüber die Frage des Willkommen-Seins: der Patient aus einer passiven Position heraus und die Patientin aus einer aktiven.
Besonders konzentrierte szenische Informationen enthält das Vorfeld. Das Vorfeld-Phänomen (Argelander, 2014) ist noch vor dem ersten direkten Kontakt, nämlich bei der Kontaktanbahnung, zu finden. Die Kontaktaufnahme erfolgt in meiner Praxis oft über das Telefon. Beim ersten Anruf achte ich aufmerksam auf die sich ausbreitende Szene. In den wenigen Informationen ist die aktuelle zentrale Psychodynamik häufig bereits zu erkennen:
Ein Patient bat mich im ersten kurzen Telefonat um eine ausführliche Anleitung, wie er denn in meine Praxis gelange. Ich beschrieb ihm detailliert den Weg. Hier stellte ich die Hypothese auf, dass er zögert, sich auf Beziehungen einzulassen und eine Vorleistung seines Gegenübers benötigt. Dieses Thema zog sich wie ein roter Faden durch die Behandlung; durch das Bewusstmachen in der therapeutischen Beziehung sah er sein Beziehungsmuster und wir konnten seine damit verbundenen unbewussten Ängste vor Beschämung immer wieder durcharbeiten. Dieses Beziehungsmuster trug entscheidend zur Aufrechterhaltung der depressiven Symptomatik bei. Später wagte er, sich ohne vorherige Absicherung emotional zu öffnen – erst in der Therapiebeziehung und dann gegenüber den Menschen seines Umfelds.
Nach dem alten psychoanalytischen Lehrsatz »Unbewusstes erkennt Unbewusstes irrtumslos« sehen wir im direkten Kontakt im therapeutischen Beziehungsraum mehr, als wir zunächst bewusst erfassen und ausdrücken können. Genauso wie psychodynamische Behandler*innen anhand der Szene versuchen, die unbewusste Bedeutung der entstehenden Handlung zu erschließen, versuchen sie beim Verstehen der Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamik die unbewusste Bedeutung der entstehenden inneren Prozesse (wie Emotionen oder Erinnerungen) zu erschließen.
2.2.2 Die Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamik
In der Begegnung von Patient*in und Psychotherapeut*in übertragen beide vergangene Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen unbewusst aufeinander. Es kann ein wechselseitiges Erleben entstehen, welches im Zusammenhang mit früheren Beziehungserfahrungen steht. Bereits in den ersten Begegnungen können Übertragung und Gegenübertragung sehr deutlich werden.
Die Übertragung des*der Patient*in ist einerseits eine Wiederholung der Vergangenheit: Jede therapeutische Begegnung wird durch unbewusste Objektbeziehungen geformt. Pathogene Beziehungserfahrungen können so in ihrer Wirkung auf die Gegenwart wahrgenommen werden. Gleichermaßen ist die Übertragung ein Resultat der gegenwärtigen therapeutischen Situation und eine implizite Reaktion auf die reale Person des*der Therapeut*in.
Behandler*innen versuchen das eine vom anderen zu trennen, um die Wiederherstellung von infantilen Beziehungen bei den Patient*innen zu erkennen. Hier ist es natürlich für die Arbeit als Psychotherapeut*in wichtig, die eigenen Übertragungsbereitschaften zu kennen. In der Ausbildung von Psychotherapeut*innen wird in der Supervision und Selbsterfahrung ein Bewusstsein für Übertragungsprozesse geschaffen. In der Alltagspraxis können mithilfe von Supervision und kollegialer Intervision die komplizierten Beziehungsdynamiken reflektiert werden.
Die Gegenübertragung der Psychotherapeut*innen umfasst aus heutiger Sicht alle Gefühle, innere Wahrnehmungen, Impulse und Handlungstendenzen, die Therapeut*innen ihren Patient*innen gegenüber empfinden. Im klassischen Sinne ist die Gegenübertragung eine Reaktion der Therapeut*innen auf die Übertragung der Hilfesuchenden. Eigentlich ist es unmöglich, genau zu unterscheiden, welche Reaktionen der Therapeut*innen sich einzig auf die Übertragung der Patient*innen beziehen, da diese Reaktionen immer auch durch unbewusste Konflikte der Psychotherapeut*innen verzerrt sind. Mithilfe gegenseitiger Verwicklung in der direkten therapeutischen Begegnung und deren Reflexion ist es möglich, das Gegenübertragungserleben in seine interpersonellen Anteile aufzuschlüsseln und Hypothesen zur aktivierten Objektbeziehung zu bilden. Die Gegenübertragung ist ein steter Begleiter tiefenpsychologisch fundiert arbeitender Psychotherapeut*innen, und es lohnt sich, den eigenen Resonanzkörper gut zu kennen und zu schärfen.
Eine Gefahr der gegenseitigen Verwicklung in der Begegnung ist das unbewusste handelnde Ausagieren der Gegenübertragung (Wöller & Kruse, 2018). Besonders Menschen mit strukturellen Störungen lösen starke emotionale Gegenübertragungsreaktionen aus, es entsteht ein regelrechter Gegenübertragungssog. Dann kann es schnell zur Bestätigung der pathogenen Überzeugungen der Patient*innen kommen. Das sollte vor allem in den ersten Begegnungen vermieden werden. Erst, wenn mir als denkende Therapeutin (Zwiebel, 2013) klar geworden ist, welcher Teil meiner Gegenübertragung für den*die Patient*in im aktuellen Therapieprozess hilfreich ist, gebe ich ihn in den Kontakt.
Im Folgenden ein Beispiel für eine Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamik und wie sie therapeutisch nutzbar wird:
Eine Patientin brachte mich nach langen, anstrengenden Dialogen durch einen Witz zum Lachen. Automatisch ließ ich mich von ihr anstecken und war etwas erleichtert. Das Lachen fühlte sich wenig später aufgezwungen an, ich hatte den Impuls mich wegzudrehen; dann ging ich vor meinem inneren Auge alles durch, was ich heute Nachmittag noch erledigen muss.
Dieses ungewöhnliche Erleben bewahrte ich in mir, ließ es sich innerlich entfalten; dann fragte ich mich, was es für unsere Beziehung und den Therapieprozess bedeuten könnte.
Um dann diese Beziehungssituation wie einen Tropfen Blut unter dem Mikroskop zu betrachten, fragte ich die Patientin, wie sie gerade den Kontakt mit mir erlebt habe. Darauf antwortete sie, wenn sie einen Witz mache, sei es gut, wenn ich lache, aber sie selbst lache nicht so richtig mit. Die Bedeutung meiner Gegenübertragung wurde mir bewusster und ich brachte sie in die gemeinsame Untersuchung ein: »Das Lachen war erfrischend, aber ich frage mich, warum Sie hier, in Ihrer Therapiestunde, für mich sorgen wollen.«
So war ihr pathologisches Beziehungsmuster im direkten Kontakt erlebbar und emotional bearbeitbar. Wir kamen in einen Austausch darüber, wann sie in unserem Kontakt für mich sorgen und mich nicht belasten wolle, nämlich immer, wenn sie glaube, keine ausreichend gute Patientin zu sein. Ich solle Freude an der Therapie behalten, damit ich sie nicht fallen lasse. In der Suche nach der biografischen Entsprechung erzählte sie, dass sie schon als Kind für ihre chronisch kranke Mutter sorgen musste, damit für sie selbst gesorgt war.
Darüber hinaus war es in der Behandlung entscheidend, nicht nur ihren passiven, sondern vor allem ihren heutigen aktiven Anteil am dysfunktionalen Beziehungsgeschehen durchzuarbeiten. Mit anderen Worten: Was macht sie in der therapeutischen Beziehung, sodass ihre Angst, das Gegenüber wird sich abwenden, in meiner Gegenübertragung wahr werden konnte? Genauso wie das Fürden-anderen-Sorgen damals ein konstruktiver Umgang mit schwierigen Bedingungen war, manipuliert und kontrolliert sie heute damit das Gegenüber, wie auch mich. Die emotionale Einsicht, dass sie mit diesem unbewussten Relikt ihren bewussten Wunsch nach Kontakt boykottiert, konnte so wachsen.
Auf der Grundlage einer wertschätzenden, stabilen Arbeitsbeziehung kann es enorm hilfreich sein, diesen, von Patient*innen aktiv in den Kontakt gebrachten unbewussten Teil, der in der Gegenübertragung erlebbar ist, bewusst zu machen.
Als eine weitere zentrale Säule zur Entfaltung der Psychodynamik und als wertvolles Diagnoseinstrument in den ersten Begegnungen hat sich die Probetherapie bewährt.
2.2.3 Die Probetherapie
Um einen Eindruck von einem möglichen gemeinsamen Therapieweg zu bekommen, ist es am besten, Therapie zu erleben. Eigentlich umfassen die gesamten ersten Begegnungen eine Art Probetherapie. Doch durch Anwendung einer geeigneten tiefenpsychologisch fundierten Intervention kann die daraus entstehende Beziehungsdynamik konzentrierter untersucht werden. Konkret formulieren Psychotherapeut*innen eine erste psychodynamische Hypothese in Form einer Frage. Mithilfe der Frageform werden Abwehrvorgänge nicht verstärkt, sondern autonome Suchprozesse angeregt.
Die Art der Intervention der Probetherapie ist abhängig von der psychischen Stabilität sowie vom augenscheinlichen Strukturniveau. Bei Patient*innen mit guten strukturellen Fähigkeiten ist die klassische Probedeutung geeignet. Durch Deutung soll die Bedeutung von unbewusstem Material erschlossen werden. Hier stelle ich einen sinnvollen Zusammenhang her zwischen einer auffälligen Szene in der Begegnung und etwas Passendem aus der vergangenen oder aktuellen Lebenssituation.
Beispielsweise: »Ich habe den Eindruck, dass Sie sich immer wieder bei mir entschuldigen wollen … es scheint, dass Sie hier ähnliche Schuldgefühle haben, wie Ihrer Frau gegenüber?«
Bei Patient*innen mit auffälligen strukturellen Defiziten oder hoher Symptombelastung versuche ich einen Zusammenhang zwischen den Symptomen und einem geeigneten Umstand in der Biografie herzustellen. Aus meiner Erfahrung ist es hier weniger ängstigend, wenn der Fokus zunächst nicht in der therapeutischen Beziehung liegt. Zusätzlich fühlen sich Patient*innen meist durch den erkannten Sinnzusammenhang des Symptoms entlastet.
Beispielsweise: »Könnte es sein, dass Ihre Antriebslosigkeit schon immer gut dafür war, die strenge Leistungstradition Ihrer Familie zu umgehen?«
Menschen mit umfassenden strukturellen Defiziten oder unter äußerster Symptombelastung können Deutungen als intrusiv erleben. Hier stelle ich meist eine mögliche positive Funktion des Symptoms in den Raum. Eine wertschätzende Anerkennung bewirkt in jedem Falle eine Entlastung der Patient*innen.
Zum Beispiel: »Könnte es sein, dass Ihre Antriebslosigkeit auch eine Fähigkeit ist, Nein zu sagen?«
Die spezifische Reaktion der Patient*innen auf die Probedeutung eröffnet viele Türen bei der Einschätzung einer ganzen Reihe von Patient*innenvariablen sowie der Prognose des Behandlungsprozesses. Die Probedeutung provoziert regelrecht die Introspektions- und Reflexionsfähigkeit; Therapeut*innen können Hinweise zu strukturellen Fähigkeiten sowie Defiziten, zur Therapiemotivation und zur Veränderungsmotivation und vielleicht eine Ahnung vom impliziten Therapieauftrag bekommen.
Den Patient*innen demonstriert diese Probetherapie einen Teil des Behandlungsprozesses und sie können leichter eine Therapieentscheidung treffen. Trotzdem bleibt es für die Hilfesuchenden in den ersten Begegnungen schwierig einzuschätzen, wie Psychotherapie ihnen helfen kann. Einige erwarten ausschließlich Verhaltenstipps, und es dauert, bis sie erlebt und verstanden haben, welchen Wert das Reden über sich selbst und welchen Wert Worte für sie haben können. Die Probetherapie gibt einen Eindruck davon, und die Aufklärung über konkrete Wirkungsweisen und Grenzen der Psychotherapie kann dabei unterstützen. Ich kläre zu Beginn dieser Reise gern bildhaft, dass es sich um eine Art Rucksackreise in den eigenen psychischen Innenraum handelt.
Es kommt gelegentlich vor, dass die Indikation einer ambulanten tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie vorliegt und Patient*innen an deren Wirksamkeit zweifeln, Angst davor haben oder Hinderungsgründe der praktischen Machbarkeit vorgeben. Wenn die geäußerten Zweifel der Patient*innen dann – beispielsweise als unbewusste Ängste vor Abhängigkeit beim Einlassen auf Beziehungen – gedeutet werden, kann sich der Handlungsspielraum dadurch erweitern. Es macht jedoch wenig Sinn, Patient*innen von dem Einlassen auf eine Therapie zu überzeugen, sondern vielmehr vorhandene Zweifel aufzugreifen und zu thematisieren: Eine Therapie ist eine Zumutung. Wenn Patient*innen sich dann trotz anfänglicher Zweifel für eine Psychotherapie entscheiden, ist die Wahrscheinlichkeit für eine nachhaltige Selbsterfahrung und eine psychische Entwicklung hoch.
Wie in den letzten drei Abschnitten beschrieben, bekommen Psychotherapeut*innen durch die Teilhabe an der szenischen Gestaltung, durch das Erleben der Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamik und das Erleben der Probetherapie – in der direkten therapeutischen Begegnung – einen Zugang zu den noch heute wirksamen, unbewussten Vorstellungen der Patient*innen über Beziehungen, zu zentralen Konflikten und damit auch zum Verständnis ihrer psychischen Störung.
2.3 Ein Bild zeichnen
Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie umfasst viele verschiedene Behandlungstechniken mit der Möglichkeit, sich auf die Bedürfnisse der Hilfesuchenden einzustellen. Gleichzeitig fußt sie auf einer gemeinsamen, bewährten Grundlage: dem Erleben und Verstehen der unbewussten Psychodynamik, der strukturellen Defizite und auch der verborgenen Potentiale im gemeinsamen therapeutischen Beziehungsraum.
An den Behandlungsbeispielen aus meiner ambulanten Praxis wurde vielleicht spürbar, dass vor allem die besondere Qualität des therapeutischen Kontakts in der Anwendung der Behandlungstechnik den Anstoß für eine Entwicklung und Heilung gibt. Daran knüpft die grundlegende tiefenpsychologisch fundierte Intervention an, die jeweilige Entsprechung der psychischen Störung im Hier-und-jetzt-Erleben der therapeutischen Beziehung zu finden und somit einer Bearbeitung zugängig zu machen. Die Hilfesuchenden »infizieren« mehr oder weniger schnell die therapeutische Beziehung mit ihrer Beziehungspathologie oder der mit ihrer psychischen Störung verbundenen Art, in Beziehung zu sein und die Behandelnden greifen sie ihrerseits im Beziehungsgeschehen auf. Genauso wie psychische Störungen immer mit Beziehung verflochten sind, können sie sich auch in Beziehung verändern.
Diese zentrale Intervention ist hocheffizient, aber die tägliche Arbeit ist mit Unsicherheit verbunden. Die der jeweiligen psychischen Störung zugrundeliegende Beziehungsdynamik muss gehalten, verstanden, konstruktiv verdaut und so in den Kontakt gebracht werden, dass eine effektive Therapie entwickelt werden kann, mit allen Irrtümern, die auch dazugehören, bei jedem*jeder Patient*in, in jeder Therapiestunde neu. Wie Michael B. Buchholz (Buchholz, 2007) herausarbeitet, umfasst die psychotherapeutische Kompetenz vor allem intuitive Kompetenz, nämlich implizites (Beziehungs-)Wissen und personales Können. Psychotherapeut*innen entwickeln sich, stellen sich immer wieder in Frage, kommen immer wieder an eigene Grenzen und machen sich immer wieder verletzbar.
Keinesfalls darf hier vergessen werden, wie viel Mut zur Veränderung die Patienten*innen haben!
Ähnlich wie psychische Störungen für Therapeut*innen in der therapeutischen Beziehung erlebbar werden, kann die psychische Störung für Patient*innen durch ein Bild erlebbarer werden. Viele Therapeut*innen stimmen darin überein, dass die Bildersprache eine gute Möglichkeit ist, weg vom einschränkenden Alltagsdenken hin zum kreativen Erleben zu kommen. Für C. G. Jung (1875–1961) konnten Bilder eine Quelle tiefer Einsichten und heilsamer Kräfte sein. Die Bildersprache in Form von Metaphern oder Geschichten kann bereits in den ersten Begegnungen förderlich sein, psychische Probleme oder auch Beziehungsdynamiken ins Erleben zu bringen.
Ein junger, musikalischer Patient mit sozialer Phobie erlebte nach dem Prinzip »Aus den Augen, aus dem Sinn« eine Abschwächung von Bindungen,wenn er den aktuellen Kontakt zu einem Menschen vorübergehend unterbrach. Ich gab ihm das musikalische Bild eines »Fade out«, wie es das Ende eines Liedes markiert. Endeten Begegnungen, war es für ihn nun so, als verstummte allmählich ein Lied. Durch dieses Bild konnte er sein Problem erleben und beginnen zu verstehen.
Eine Patientin mit umfassenden strukturellen Defiziten hatte Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung des eigenen inneren Raumes und demzufolge in der grundlegenden Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen. Zur bildlichen Darstellung verwendete ich gern die Metapher der Murmelbox, aus welcher die Murmeln (ihre Gefühle und ihr Erleben) immer wieder herausrollen und in welche die Murmeln immer wieder einzeln eingesammelt, betrachtet und sortiert werden können.
Nach den ersten Begegnungen erstelle ich praktischerweise für jede*n einzelne*n Patient*in eine Übersicht oder ein Fokusblatt mit allem Wichtigen, um es auf einen Blick wiederzufinden. Dazu gehören eine Liste zum Abhaken für alle Formalien und wesentliche psychodynamische Puzzleteile wie der Auslöser, eine eindrückliche Szene, die Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamik, Bedeutsames der Biografie, alle diagnostischen Informationen und der mit dem*der Patient*in zur Bearbeitung abgestimmte zentrale Konflikt bzw. Fokus. Alles weitere Auffällige beschreibe ich wahlweise, wie die Medikation, den Zuweisungskontext, den impliziten Auftrag, die Neigung zu Suchtverhalten oder Selbstverletzungen.
Mithilfe des Fokusblattes ordne ich die Fülle an Eindrücken in den ersten Begegnungen und kann mich so besser auf den auslösenden Konflikt und den Behandlungsfokus konzentrieren. Schon die ersten Begegnungen ermöglichen tiefe Einsichten, sodass das Fokusblatt meistens über die gesamte Therapie hinweg erstaunlich aktuell bleibt. Da der eigentliche zentrale Konflikt den Patient*innen nicht bewusst ist und erst mithilfe der Psychotherapie bewusster werden kann, ist es ein gutes Zeichen, wenn sich der Behandlungsfokus im Laufe der Psychotherapie verändert.
Natürlich kann dieses Übersichtsblatt auch wie ein Tropfen Blut unter dem Mikroskop betrachtet werden: Schreibe ich zum Beispiel konfus oder entstehen viele weiße Flächen? Dann scheinen mir und höchstwahrscheinlich auch dem*der Patient*in viele Regionen seiner*ihrer inneren psychischen Landschaft noch unklar oder unentdeckt zu sein.
Auf der Grundlage des in den ersten therapeutischen Begegnungen Erlebten und Verstandenen wird der*die Patient*in einschließlich seines*ihres komplexen psychischen Krankheitszustandes als Ganzes sichtbar und der*die Behandler*in kann ein stimmiges Gesamtbild zeichnen.
Die ersten Begegnungen sind wie der Beginn einer Reise. Es ist aber kein Reisebeginn mit der Fahrt auf einer Autobahn oder in ein All-inklusive-Hotel; es handelt sich vielmehr um Rucksacktouristik. Was muss eingepackt werden? Welche Ziele können erreicht werden und welche nicht? Auf welchen Wegabschnitten gibt es Gefahren? Mit diesen Bildern im Gepäck kann die Reise starten oder besser gesagt weiter gehen.
Wie in diesem Artikel ausgeführt, hat die Reise bei der Kontaktanbahnung längst begonnen. Schon die ersten Begegnungen – und in manchen Fällen sogar das Vorfeld – können in vielerlei Hinsicht Hinweise auf den gesamten Therapieverlauf geben.
Pulsuz fraqment bitdi.