Kitabı oxu: «Gewalt im Spiegel alttestamentlicher Texte»
Norbert Clemens Baumgart
Martin Nitsche (Hg.)
Gewalt im Spiegel
alttestamentlicher Texte
ERFURTER THEOLOGISCHE SCHRIFTEN
im Auftrag
der Katholisch-Theologischen Fakultät
der Universität Erfurt
herausgegeben
von Josef Römelt und Josef Pilvousek
BAND 43

Norbert Clemens Baumgart
Martin Nitsche (Hg.)
Gewalt im Spiegel
alttestamentlicher Texte

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
1. Auflage 2012
© 2012 Echter Verlag, Würzburg
Satz
Matthias Kraus, Erfurt
Druck und Bindung
Difo-Druck, Bamberg
ISBN
978-3-429-03568-6 (Print)
978-3-429-04682-8 (PDF)
978-3-429-06081-7 (ePub)
www.echter-verlag.de
INHALT
VORWORT
WENN MÄNNER SCHLAGEN UND FRAUEN DAVON SINGEN. ZU FIGURENKONSTELLATIONEN IN 1SAM RUND UM EIN LIED ÜBER GEWALTTATEN
Norbert Clemens Baumgart
GOTTES GEWALT GEGEN KINDER IN DEN BÜCHERN JESAJA UND KLAGELIEDER. EINE BIBELTHEOLOGISCHE PROBLEMANZEIGE
Ulrich Berges / Bernd Obermayer
ZU JOSUA BEI JESUS SIRACH. DER ERSTE VERS IM LOB AUF DEN SOHN NUNS (SIR 46,1–8)
Thomas R. Elßner
ANDERE, FREMDE, FEINDE IM BUCH ESRA/NEHEMIA
Maria Häusl
GERECHTIGKEIT UND GEWALT. PSALM 137 IN KANONISCHER LEKTÜRE
Ruth Scoralick
AUTORINNEN UND AUTOREN
VORWORT
Der vorliegende Sammelband geht auf eine Tagung der „Alttestamentlichen Arbeitsgemeinschaft“ (ATAG) zurück, die vom 23.-24. September 2011 in Neudietendorf (Landkreis Gotha) stattfand.
Entstanden ist die ATAG aus der Notwendigkeit, die Alttestamentlerinnen und Alttestamentler (beider Konfessionen) in der DDR zu vernetzen. Die Schwierigkeiten, die die Theologie in der DDR an den staatlichen und kirchlichen Ausbildungseinrichtungen hatte, nicht zuletzt in der Beschaffung aktueller Fachliteratur, aber auch durch Reisebeschränkungen und Ähnliches, machten eine enge Vernetzung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unumgänglich. Die Vorteile regionaler Vernetzung, der ökumenische Charakter und die Erweiterung des Kreises um einige geographisch angrenzende Fakultäten und Institute haben dazu geführt, dass auch nach 1990 regelmäßig Tagungen durchgeführt werden. In den letzten Jahren wurden vermehrt auch Kolleginnen und Kollegen verwandter Wissenschaften eingeladen. Die Tagung in Neudietendorf wurde vom Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Alten Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt vorbereitet.
Die Frage nach der problematischen Gewaltthematik in biblischen Texten ist sicher keine exegetische Modeerscheinung,1 auch kein Thema, das auf einer Tagung oder in einem Forschungsprojekt zufriedenstellend behandelt werden könnte. Vielmehr sind jene biblischen Texte, die sich sehr verschiedener Gewaltmotive bedienen, eine bleibende und unauflösbare Herausforderung für jede Art der biblischen Exegese und Theologie. Die folgenden Beiträge gehen je für sich von einem Text oder einem Textbereich des Alten Testaments aus, den sie vor dem Hintergrund des Titels zu diesem Band „Gewalt im Spiegel alttestamentlicher Texte“ auslegen.
Ausgehend vom Gesangstext der tanzenden Frauen in 1Sam 18,7 untersucht Norbert Clemens Baumgart das Echo der dort besungenen Gewalt in der Textwelt des ersten Samuelbuches. Es entsteht davon ausgehend ein eigenes Portrait der Wende im Verhältnis zwischen David und Saul, wobei deutlich wird, dass der Gesang der Frauen nicht ohne Folgen im Handeln der beiden Männer bleibt.
Der Beitrag von Ulrich Berges und Bernd Obermayer nimmt nach der Einführung mit einer Verortung des Themas der göttlichen Gewalt in der alttestamentlichen Theologie (Berges) die göttliche Gewalt gegen Kinder im Jesajabuch (Obermayer) und im Buch der Klagelieder (Berges) in den Fokus. Beide Textbereiche werden auch dahingehend untersucht, inwieweit in ihnen Betroffenheit und Empathie mit den Opfern der Gewalt erzeugt werden.
Thomas R. Elßner arbeitet in seinem Beitrag ein Stück innerbiblischer Rezeptionsgeschichte auf. Er fragt am Beispiel des deuterokanonischen Buches Jesus Sirach, genauer Sir 46,1 in seiner hebräischen und griechischen Fassung, wo Josua als tapferer Kriegsheld gepriesen wird, nach der Aufnahme der Josua-Traditionen aus den Büchern Exodus, Numeri, Deuteronomium und Josua.
Maria Häusl wendet sich einer vielschichtigen Opfergruppe zu: „Andere, Fremde und Feinde“ werden durch die aggressive Abgrenzungsrhetorik der Bücher Esra und Nehemia zu Opfern einer sich abschottenden Gesellschaft. Dies drückt sich etwa im Exogamieverbot oder in der Scheidungsforderung für bereits eingegangene exogame Verbindungen aus.
Ruth Scoralick führt zunächst eine Analyse von Ps 137 mitsamt den verstörenden Seligpreisungen an seinem Ende, die unter anderem Gewalt gegen Kinder nennen, durch. Im Anschluss bietet ihr Beitrag eine kanonische Lektüre des berühmten Liedes. Diese ermöglicht eine erweiterte Sicht auf einen Text, der dabei als selbstreflexives Moment im Psalter wahrgenommen und profiliert wird.
Die Herausgeber danken herzlich den Autorinnen und Autoren der Beiträge sowie Marlen Bunzel, Sarah Fischer und Rebekka Maria Neugebauer (studentische Mitarbeiterinnen des alttestamentlichen Lehrstuhls in Erfurt) für ihre Hilfe beim Korrekturlesen dieses Bandes. Matthias Kraus hat dankenswerter Weise den Drucksatz erstellt.
Erfurt, im Juni 2012
Norbert Clemens Baumgart und Martin Nitsche
1 Zur Gewaltthematik in biblischen Texten vgl. auch die Einführung zum Beitrag von Ulrich Berges und Bernd Obermayer in diesem Band.
WENN MÄNNER SCHLAGEN UND FRAUEN DAVON SINGEN.
ZU FIGURENKONSTELLATIONEN IN 1SAM RUND UM EIN LIED ÜBER GEWALTTATEN1
Norbert Clemens Baumgart
1. Hinführungen zum Thema und Fragestellungen
Der Vers 1Sam 18,7 unterbreitet ein Lied, das auf Gewaltausübungen eingeht. Der Wortlaut fällt kurz aus. Er nennt namentlich Saul und David, die Gewaltschläge vollzogen haben, und erwähnt mit Zahlenangaben diejenigen, welche von ihren Schlägen getroffen wurden.
Saul schlug seine Tausende (
), und David seine Zehntausende (
).2
Der Gesang wird innerhalb des ersten Buches Samuel noch zum geflügelten Wort werden. Er wird späterhin am Königshof zu Gat (21,12) und unter den Obersten der Philister (29,5) zitiert. Erstmals tragen in 1Sam 18 Frauen in Israel den Gesang vor. Die folgenden Erörterungen konzentrieren sich auf die Einbettung dieses Gesanges in das Kapitel 1Sam 18. Dabei werden Hintergründe beachtet und herangezogen, die sich aus den Kontexten dieses Kapitels ergeben.3
Was sich in der erzählten Welt rund um das Erklingen des Liedes in 1Sam 18,7 ereignet, hat Georg Hentschel zutreffend „die große Wende zwischen Saul und David“ genannt. Hier ändert sich das bislang „gute Verhältnis“ zwischen Saul und David „schlagartig“.4 Schon bei einem ersten Lesen der Texte legt es sich nahe, dass das Lied einen Anteil an dieser Veränderung hat. Dieser Anteil kann detaillierter beschrieben und erfasst werden, wenn man den Figuren in den Texten im Einzelnen nachgeht.
Von daher ergeben sich für die folgenden Untersuchungen die einzelnen Fragestellungen, die sich auf einen möglichen Leseprozess beziehen: Was macht die Figuren aus und welche Konstellationen gibt es unter diesen Figuren, während der Gesang erklingt? Welche konkreten Folgen und welcher Widerhall sind dann anschließend bei den Figuren zu verzeichnen, nachdem der Gesang unter ihnen erklungen ist? Im Liedtext haben Saul und David ja bereits geschlagen. Nach dem Singen der Frauen setzen beide Männer das Schlagen fort (18,11; 18,27). Gibt es Zusammenhänge zwischen den besungenen Schlägen und den anschließend ausgeführten Schlägen? Wenn ja, wie sehen diese Zusammenhänge aus?
Bei dem sich daraus ergebenden Thema geht es also um eine besungene Gewalt und darum, wie deren Erklingen eingebettet ist, auf welche Weise dieser Gesang weitere Gewalt mitbewirkt haben kann und wie die besungene Gewalt weiter ausgeleuchtet wird.
Die antiken Versionen zu 1Sam bieten bekanntlich unterschiedliche Textgestalten. Formen der Septuaginta weichen teilweise deutlich von hebräischen Texten ab.5 Die folgenden Untersuchungen werden sich allein auf den Masoretischen Text beziehen.
Die Analysen haben beim ersten Abschnitt in Kapitel 18 einzusetzen. Denn die Verse 18,1–5 gehen dem Auftritt der Frauen voraus und leuchten die Situationen unter den Figuren aus, in denen der Gesang der Frauen zu stehen kommt. Diese Ausleuchtung ist also als erstes zu analysieren.
2. Der inoffizielle neue König (1Sam 18,1–5)
Die Verse 18,1–5 folgen auf den Redewechsel zwischen Saul und David nach dem Sieg über Goliat. Diese fünf Verse enthalten keine Reden, sondern nur Erzähltext. David ist in allen Versen präsent. Der Wechsel bei den anderen Figuren ist auffällig. Nacheinander sind mit David befasst: Jonatan (V. 1), Saul (V. 2), Jonatan (V. 3–4) und Saul (V. 5). Jonatan und Saul entwickeln aber keine konkreten Gemeinsamkeiten in Bezug auf David. Jonatan und Saul handeln nebeneinander6 und nicht Hand in Hand.7
Saul nimmt David zunächst zu sich und gestattet ihm keine Rückkehr ins Vaterhaus (18,2).8 Bei der Wendung für nicht-gestatten9 schwingt ein Nicht-Geben mit: ...
. Als Geber im Sinne von
tritt aber Jonatan David entgegen, wenn er ihm Kleidung und Waffen reicht (18,4).10 David hatte zuvor Steine geschleudert (1Sam 17,40.49.50); nun kann er fortan mit konventioneller Ausrüstung Züge unternehmen11 und das Militär anführen, wozu ihn anschließend Saul unabhängig von Jonatans Darreichungen bestellt (18,5).
Die Formulierungen in 18,4 heben von Jonatans fünf Gaben den Mantel heraus.12 Nur ihn legt Jonatan ausdrücklich ab.13 Ob dieses Gewand Jonatans Eigentum gewesen ist, wird im Text nicht deutlich. Kleider, Schwert, Bogen und Gurt sind als die seinen ausgewiesen. Aber es ist von „dem Mantel“,
, die Rede, und es heißt lediglich, dass Jonatan ihn getragen hat. Warum gibt es solche Besonderheiten beim Mantel? Eine Antwort auf die Frage wird durch eine Leseperspektive nahegelegt. Versteht man den Mantel auf der literarisch aufgebauten Bühne des ersten Samuelbuches als eine Requisite, der ein Wiedererkennungseffekt zueigen ist, kann dieses Gewand das Königtum assoziieren lassen.14 Das Wort für Mantel,
, kam jedenfalls das letzte Mal in 1Sam 15,27–28 vor.
1Sam 15,27–28: 27 Und Samuel wandte sich, um zu gehen. Und er ergriff
den Zipfel seines Mantels (
). Und er riss (
). 28 Und Samuel sagte zu ihm (= Saul)15: Gerissen hat (
) JHWH an diesem Tag die Königsherrschaft Israels (
) von dir, und er hat sie deinem Nächsten gegeben, der besser ist als du.16
Annett Gierke-Ungermann hat gezeigt, wie die Formulierungen in 15,27 offen lassen, um wessen Mantel es sich handelt, Samuels oder Sauls, und wer von den beiden den Mantel einriss.17 Klarer fällt aber Samuels Deutung des Geschehens in 15,28 aus: Der Riss des betreffenden Mantels „symbolisiert ... die Königsherrschaft Sauls“18 und vor allem das, was mit der Herrschaft geschieht. JHWH hat Saul das Königtum entrissen und einem Anderen, einem Besseren übertragen (vgl. 1Sam 28,17)19.
Die Requisite Mantel überreicht in 18,4 Jonatan, der Sohn des momentanen Königs Saul. Jonatan hätte in der erzählten Welt eigentlich selber „am ehesten Anspruch auf die künftige Königswürde“20 gehabt (vgl. 1Sam 20,30–32). Wenn nun ausgerechnet Jonatan den mit dem Königtum assoziierten Mantel übergibt, kann das anzeigen, dass er David als kommenden König ansieht und ihn als solchen anerkennt.21 Diese Annahme22 gewinnt an Plausibilität durch weitere Beobachtungen.
Jonatan übergibt in 18,4 nicht nur ein Gewand.23 Vor den drei
-Wendungen in diesem Vers wird „seine Kleidung“ im Plural erwähnt:
.24 Von solcher – ebenfalls im Plural – war zuletzt vor dem Kampf mit Goliat die Rede, als Saul mit eigener Kleidung und mit einer Rüstung David für den Kampf ausstatten wollte (17,38–39).
1Sam 17,38–39: 38 Und Saul zog David seine Kleidung (
) an und setzte einen bronzenen Helm auf sein Haupt und zog ihm einen Schuppenpanzer an. 39 Und David gürtete sein Schwert über dessen Kleidung (
) ...
Auf Sauls Kleidung gürtete David wohl sein eigenes Schwert.25 Kleider und Rüstung behinderten jedoch David beim Schreiten. So legte David alles wieder ab. Dadurch entsteht dann das literarische Bild, dass der Hirtenjunge David ungeschützt dem Recken Goliat entgegentritt und ihn trotzdem niederstrecken kann. – Auf einer ersten Ebene, bei der es in 1Sam 17 ums Praktisch-Nützliche geht, wollte Saul David sicherlich ausrüsten und kampffähig machen. Hinzu kommt aber durch den Kontext eine zweite Ebene, bei der es tiefer liegend um die Aufgaben eines Regenten geht. König Saul selbst konnte der Gefährdung durch Goliat nicht Herr werden,26 und die Requisite „Kleidung“ (
) ist hier eindeutig königlicher Herkunft.27 Folglich sah Hans Joachim Stoebe in der Begebenheit, bei der Saul seine Kleider und Waffen darreichte (u.a.
), den Aspekt mitklingen, „daß Saul königliche Pflichten an David delegiert.“28
Die Sequenz ‚Übergabe von
und von Rüstung’, welche ein Delegieren von königlichen Aufgaben anklingen lässt, kehrt nun bei Jonatan und David in 18,4 wieder. Damit kommt beim Leseprozess durch die Texte hindurch eine zweite Linie hinzu und bestärkt die Annahme, dass Jonatan David das Königtum zuerkennt.
Walter Brueggemann hat folglich die Signale in 18,4 für einen möglichen Lektüreprozess so zusammenfassen können: „It is likely that Jonathan’s unrobing and the gift of his clothes and armor to David constitute a symbolic transfer of power and of his claim to the throne. David is invested with the insignia of authority as Jonathan is divested.“29
Von Jonatans Liebe ist innerhalb von 18,1–5 gleich zweimal die Rede. Er liebt David wie sein eigenes Leben (18,1
18,3
). Über die Beziehung zwischen Jonatan und David in den Samuelbüchern ist in den letzten Jahrzehnten reichhaltig spekuliert worden: War es eventuell eine „erotische bzw. (homo)sexuelle Liebe“30? Zur Beziehung zwischen beiden gehören in den Samuelbüchern unzweifelhaft viele Facetten.31
Einem „Lieben“ kann im Alten Orient und Alten Testament je nach entsprechenden Kontexten bekanntlich auch der politische Beiklang der „Gefolgstreue und Loyalität“32 anhaften.33 Diesen politischen Beiklang nahmen für 1Sam 18,1.3 John A. Thompson und andere an.34 Indem Jonatan David liebte, konnte das eine Loyalität zum König in spe einschließen.35 Diese Annahme kann eventuell der Vers 1Sam 16,21 bestätigen. 18,1 benutzt dieselbe grammatische Form wie 16,21;36 das Qere (
) übernimmt sogar die Schreibweise von 16,21. In Kap. 16 kam David in den Dienst Sauls, und hier ist erstmals in Bezug auf David von Liebe die Rede.
1Sam 16,21: Und David kam zu Saul, und er diente ihm, und er liebte ihn sehr (
), und er wurde sein Waffenträger.
Vers 16,21 wurde in der Exegese traditionell so verstanden, dass Saul David liebte. Das traditionelle Verständnis entpuppt sich aber beim genaueren Hinschauen als recht unsicher. Denn die rahmenden Sätze in 16,21 haben David als Subjekt.37 Folglich dürfte in 16,21 David dem höhergestellten Saul loyal Liebe entgegengebracht haben, wie Gordon C. I. Wong dargelegt hat.38
Steht Davids Liebe in 16,21 für politische Gefolgstreue, unterstützt solches den Beiklang bei Jonatans Liebe in Kap. 18. Aber auch ohne Vers 16,21 und sein Verständnis dürfte die Liebe in 18,1.3 Jonatans „Gefolgstreue und Loyalität“ gegenüber David implizieren.
Jonatans Liebe ist in 18,3 mit dem Bundesschluss39 zwischen ihm und David verflochten (
). Nicht zuletzt40 belegt dann 1Sam 23,17–18 die Möglichkeit, dass Jonatan als zurücktretender Thronanwärter (vgl. 20,30–32) und der als König feststehende David eine Berit schneiden können.
1Sam 23,17–18: 17 Und er (= Jonatan) sagte zu ihm (= David): Fürchte dich nicht! Denn die Hand meines Vaters Saul wird dich nicht finden. Und du wirst König über Israel werden (
). Und ich werde der Zweite nach dir sein. Und auch mein Vater Saul hat erkannt, dass es so ist. 18 Und beide schlossen einen Bund vor JHWH (
) ...
Neu ist in Kap. 23, dass sich Jonatan zum zweiten Mann41 unter dem neuen König machen will. Der Berit in 18,3 dürfte also auch der Gedanke zugrunde liegen können, dass David der kommende Regent ist.
Vers 18,1 erwähnt unmittelbar vor der politisch eingefärbten Liebe, dass sich Jonatan mit David verbunden hatte.42 Das Verb „verbinden“,
steht hier im Nifal (
).43 Über ein Nifal dieses Verbums lässt sich nichts Genaues eruieren, da es nur noch einmal in der hebräischen Bibel vorkommt.44 Das Qal aber bedeutet auch „konspirieren, verschwören“, ähnlich ist das Hitpael ausgerichtet und analog das Nomen
zu verstehen.45 So gingen Peter R. Ackroyd46 und andere47 in 18,1 dem Beiklang einer politischen Konspiration nach. Ackroyd fand ein erhellendes Echo dafür in 1Sam 22. Dort redet Saul von der Verschwörung seiner Knechte sowie derjenigen Ahimelechs, des Priesters von Nob, und Davids.
1Sam 22,8.13 (hier spricht Saul): ... dass ihr euch alle gegen mich verschworen habt (
) ... 13 ... Warum habt ihr euch gegen mich verschworen, du und der Sohn Isais (
)? ...
In Kap. 22 richtet sich das „verschwören“ im Qal „gegen“ (
) Saul. Ein „Gegen“ enthält 18,1 nicht und bietet auch einen anderen Satzbau (
). Ackroyd sprach zu Recht auch nur davon, dass in 18,1 beim „Sich-verbinden“ lediglich als „an overtone“48 ein „Konspirieren“ mitzuhören sei. Eine solche Sicht ist erst dann angebracht, wenn sie in das bisher zu 18,1–5 Beobachtete eingebettet bleibt. Unter diesen Voraussetzungen kann man auch der Auslegung von 18,1, wie sie Klaus-Peter Adam vornimmt, zustimmen: „Die Aussage, Jonatan habe sich mit David ‚verbunden’
ni, verwendet das Verb in abgeleiteter Bedeutung. Angespielt wird auf den Aufstand der Priester 22,9.13, sowie die entsprechenden Aufstände der Königszeit.“49 Demnach sieht Jonatan in 18,1 während einer Art Konspiration David als König in spe an.
Das bisher Dargelegte ging von Haupt- und Nebentönen im Abschnitt 18,1–5 aus. Die Annahmen zu den Nebentönen sind insofern angemessen, als sie parallel zu einer aufgebauten Leseerwartung verlaufen. Vor 1Sam 18 wissen die Lesenden bereits, dass Saul als König längst von göttlicher Seite her verworfen ist, JHWH sich einen Besseren als Nachfolger ausersehen hat (13,7–15; 15,1–35) und David als Gesalbter (16,1–13) auf den Thron gelangen soll.50 Solche Leseerwartung erzeugt Achtsamkeit dafür, wie sich der nicht mehr erwartbare Thronfolger Jonatan zum kommenden König David positioniert.
Zentral ist nun, wie dadurch eine erzählte Welt als Hintergrund für den Auftritt der Frauen und ihr Lied in 18,6–7 ausgeleuchtet wird. Mit dem liebenden Jonatan geht ein Erster aus Sauls Familie eine treue und auch politisch orientierte Bindung mit dem inoffiziellen neuen Monarchen David ein. Mit Michal, die David ebenfalls liebt und dessen Frau wird (18,20–28), wird dies später auf andere Weise eine Zweite aus dem Hause Sauls tun und ebenso wie Jonatan David vor Ärgstem bewahren (vgl. 19,11–18).51 Nicht nur Mitglieder von Sauls Familie wenden sich schrittweise David zu, sondern auch das Volk und Sauls Knechte. Dies deutet indirekt bereits 18,5 an (
). Das Volk und Sauls Knechte begrüßen es, dass der erfolgreiche David von Saul zum hohen Militär gemacht wird.52
Davids positive, einnehmende Wirkung auf das (Kriegs-)Volk, bei dem er ein Kommando innehatte, wird sich ebenso später in Kap. 18 ausweiten und verstärken. Anteil daran hat wieder der ‚Erfolg’53 Davids. Solcher Zusammenhang wird zunächst in 18,13–16 herausgestellt. Das Ende von Vers 18,13 konstatiert noch, dass David als Anführer „vor dem (Kriegs-)Volk ausrückte und (wieder) einrückte (
).“ Nach zwei Hinweisen auf Davids Erfolge innerhalb der Verse 18,14–15 stellt dann der Vers 18,16 einen kausalen Zusammenhang heraus: „Und ganz Israel und Juda liebte David, denn er rückte vor ihnen aus und rückte (wieder) ein (
).“ In Bezug auf David wird also eine sich steigernde positive Resonanz aufgezeigt. Nicht nur die Weite der Resonanz ist beachtlich („ganz Israel und Juda“;
), sondern auch ihre Form. David wird von seiner Mitwelt anhaltend geliebt (vgl. das Partizip
) und ihm wird so anscheinend auf breiter Linie Loyalität entgegengebracht. Schließlich hält der letzte Satz im Kapitel 1Sam 18 nach einer erneuten Notiz zu Davids Erfolgen fest: „Und sein Name war hoch geehrt (
18,30).“ Da dieser Schlusssatz niemanden von denen benennt, die Davids Namen ehren, und somit den Bezugsrahmen der Ehrung offen lässt, dürfen die Lesenden hier auch eine erneute Ausweitung der positiven Resonanz auf David und seine Aktivitäten mitdenken.
Der Abschnitt 18,1–5 stellt somit auch ein verhaltenes Vorspiel zu weiteren Inhalten im Kapitel 1Sam 18 dar. Während bei den erzählten Figuren-Konstellationen im Abschnitt David auf recht unterschiedliche Weise Zustimmungen erfährt (einerseits durch den liebenden Jonatan, andererseits durch das ganze Kriegsvolk und Sauls Knechte), deutet sich in Bezug auf Saul an, dass in seiner eigenen Familie einer (Jonatan) seine Regentschaft als bereits im Übergang befindlich ansieht.
Damit ergibt sich für die Fragestellungen dieses Beitrages Folgendes: Das anschließende Singen über Gewaltvermögen ist in eine Situation eingebettet, in der verhalten beim besungenen Saul ein Rückhalt zu schwinden anfing und in der beim besungenen David ein Rückhalt zu wachsen begann. Lesende können in Kap. 18 beobachten, wie die im Gesang thematisierte Gewaltausübung und die gewalttätigen Folgen des Gesanges mit Zustimmung und Ablehnung der besungenen Gewalttäter zusammenhängen.
3. Ruhm und Status (1Sam 18,6–9)
Im Abschnitt 18,6–9 wird nun eingangs der Auftritt der singenden Frauen Israels beschrieben. Die Beschreibung hat Ähnlichkeiten mit anderen Darstellungen im Alten Testament, bei denen Frauen ebenso in festlicher Form agieren: tanzend, mit Handtrommeln (vgl. 1Sam 18,6
) und teilweise singend;54 etwa Mirjam und alle Frauen (Ex 15,20–21), Jiftachs Tochter (Ri 11,34), die Töchter von Schilo (Ri 21), Judit und die Frauen Israels (Jdt 15,12–14 und 16) sowie die metaphorische Frauengestalt „Jungfrau Israel“ (Jer 31,4). Das Motiv erfährt in den jeweiligen Texten und Kontexten unterschiedliche Ausformungen und Einbindungen. Das Motiv hat aber eine gewisse Nähe zum Themenkomplex Gewalt, sei es unter dem Aspekt einer Gewaltüberwindung oder unter dem Aspekt eines Dranges zur Gewaltausübung.
In 18,6 fällt auf, wer sich alles im Szenario bewegt und dabei anscheinend zusammentrifft: In der Temporalangabe kommt eine nicht näher identifizierte Gruppe heim (
), und zudem kehrt David ähnlich wie in 17,5755 vom Schlag gegen den Philister zurück. Treten dann die tanzenden Frauen hinzu, wird zugleich angezeigt, dass durch sie eine breite Öffentlichkeit entsteht: „... aus allen Städten Israels“ ziehen sie aus.56 Mit ihrer Performance steuern die Frauen allerdings nur ein Ziel an: Saul. Saul wird hierbei ausdrücklich als König (
) tituliert. Doch der Chor der Frauen singt dann in 18,7 von Gewalttaten beider soeben erwähnten Männer und nennt sie – wie eingangs erwähnt – auch beim Namen, allerdings ohne einen Titel zu benutzen: Saul und David.
Worauf im Wortlaut des Gesanges der Akzent liegt, wird von der Forschung unterschiedlich gesehen. Insbesondere zwei Positionen stehen sich gegenüber. Kurz lassen sie sich so wiedergeben: In der ersten Position zollen Israels Städterinnen Saul und David gleichermaßen Respekt. Beide hätten ihr beachtliches Vermögen demonstriert.57 In diesem Fall übersetzt man die Kopula zwischen beiden Gesangsteilen in 18,7 mit „und“: Saul schlug und David auch.58 Bei dieser Position würden die folgenden Verse 18,8–9 darlegen, wie Saul den Gesang missversteht.
In der zweiten Position hebt der Gesang der Städterinnen auf Steigerung und Gegenüberstellung ab. Wertend benennen die Frauen Quantitäten, und die Kopula ist mit „aber“ zu übersetzen:59 Saul Tausend, aber David zehnmal mehr. In diesem Fall habe Saul in den beiden folgenden Versen 18,8–9 eingesehen, worauf der Gesang der Frauen abhebt.
Der Text des Gesanges lässt vielleicht ein Changieren zwischen beiden Verstehensweisen zu. Aufschlussreich ist jedenfalls die Fokussierung im Abschnitt. Die Verse 18,6–7 führten noch eine öffentliche und festliche Zusammenkunft vor Augen. Mit 18,8–9 folgt ein Umschwenken allein zu Saul. Seine Emotionen, Einschätzungen und sein Selbstgespräch bekunden alles andere als ein Einstimmen in die fröhliche Tanzaufführung.
In seinem Selbstgespräch (18,8) ist Saul auf den Liedtext konzentriert und darauf, wie der damit verbundene Äußerungsakt gesehen werden kann. Saul setzt die Teile des Gesanges neu zusammen. Die Reihenfolge im Gesang Saul-David dreht er um und nennt nun zuerst David. Das Schlagen erwähnt Saul nicht mehr. Stattdessen macht er die Frauen aus den Städten zu Aktanten. Ihren Sprechakt interpretiert Saul als Zuteilung im Sinne von
: Sie gaben (
) David, sie gaben (
) mir. Auf die Zahlen geht Saul unterschiedlich ein. Bei der niedrigeren erscheint der Artikel.60 1.000 und 10.000 sind bekanntlich ein gängiges Staffelpaar.61 So hebt Saul mit dem Artikel auf das aus dem Staffelpaar ihm Eingeräumte ab, was zum adversativen Gepräge der parallelen Sätze beiträgt. Die Kopula ist hier eindeutig als „aber“ zu verstehen:62 David Zehntausende, aber mir nur die Tausende.
Ein Erzähltext führt in 18,8 durch zwei Sätze in den Gedankengang von Sauls Selbstgespräch ein. Die zwei Sätze legen vorauseilend die Form von Sauls verbaler Reaktion auf den Frauenauftritt offen: Saul erzürnte heftig (
),63 und übel erschien dieses Wort bzw. dieser Sachverhalt in seinen Augen (
). Durch die Wortwahl im zweiten Satz von 18,8 wird eine Opposition zu 18,5 angezeigt:64
Die Lesenden sind – wie erwähnt – durch 18,5 darüber informiert, wie Davids Erfolge und Beförderung durch Saul zum hohen Militär in einem breiten Konsens begrüßt wurden: Das erschien gut in den Augen des ganzen Volkes und auch in den Augen von Sauls Knechten (
). Ersichtlich treten danach aus denen, welche im Konsens Davids Aufstieg begrüßen, die Städterinnen hervor. Breiter Zustimmung in Bezug auf Davids Karriere steht eine einzelne Ablehnung Sauls gegenüber. Doch genau besehen, tritt Sauls Ablehnung Davids erst mittelbar ein. Denn eine primäre Ablehnung Sauls richtet sich zunächst gegen das, was die Frauen in seinen Augen publik gemacht haben,65 und dabei erst verändert sich von seiner Warte aus das eigene Verhältnis zu David. So fügt die Erzählstimme in 18,9 an: „Und Saul betrachtete David argwöhnisch ab jenem Tag und fortan.“66
Entscheidend für den übergeordneten Zusammenhang ist Sauls Vermutung, die er am Schluss seines Selbstgesprächs in 18,8 hegt. Der Sinn des letzten Satzes in 18,8 ist nicht ganz klar (
). Nach Stoebe und anderen schließt das
„die Bedeutung des Fehlens“67 ein. Daher übersetzt Stoebe wie meist üblich: „nun es fehlt ihm (= David) ja nur noch das Königtum“. Ein anderer Trend in der Forschung geht davon aus, dass im Vers 18,8 das vorherige zweimalige Verb „geben“ (
) am Ende in Gedanken zu ergänzen sei. Im Vers ist schließlich der letzte Benifizient
mit dem ersten
identisch:68 „und sie (= die Frauen) werden ihm auch noch das Königtum geben!“69 Wie dem auch sei,70 in Sauls Überlegungen und Selbstgespräch ist damit offenkundig das angekommen, was die Lesenden bereits wissen sowie bewegen dürfte und was zudem in der erzählten Welt zuletzt Jonatan bei seinem Verhalten angetrieben hat. David ist der Herrscher in spe, während Saul die Herrscherstellung innehat.
Neben ideologischen Grundlagen des Königseins, wie göttlicher Erwählung und Salbung, gehört es bei einem Regenten dazu, dass er vom gesellschaftlichen Netz als König angesehen wird und dass er von solchem Ansehen auch ausgehen kann. Es geht um ein Ansehen im doppelten Sinn des Wortes, wobei der zweite Sinn auch die schillernde Kategorie der Ehre inkludiert. Diese Kategorie ist in den Texten von 1Sam 18 zwar nicht direkt verbalisiert, die Sache schwingt aber mit, und lässt sich als Interpretament heranziehen. Als hilfreich erweisen sich dabei die Begriffsbestimmungen, wie sie Jan Dietrich71 vorgenommen hat und die hier aufgegriffen werden sollen. Demnach ist eine Unterscheidung angebracht. Die Königsehre ist als Statusehre ein begrenztes Gut. In der erzählten Welt kann nur einer König sein. Diese Statusehre ist hier Saul zueigen. Auf ihn als „den König“ gehen die singenden Städterinnen zu.
Doch da die Statusehre ein begrenztes Gut ist, kann sich – je nach Umständen – auch ein Wettbewerb darum in der Form von „Herausforderung (challenge) und Erwiderung (response)“72 ereignen. Mit der Statusehre konkurriert hier die Ruhmesehre, vor allem und zuerst in den Augen Sauls. Ruhm wird erworben durch Leistungen, die bekannt und als solche auch anerkannt worden sind.73 Ruhm ist zunächst an keinen Rang und Stand gebunden. Ruhm kann auch ein einfacher Hirtenjunge wie David erwerben. Ruhm kann aber einen Status verleihen.74 Und das konstruiert hier Saul selbst: Es fehlt David nur noch das Königtum. Mit solch eigenem Konstrukt tangiert Saul hier das Wissen der Lesenden.
Fortan wird Saul das selbst Zurechtgelegte für sich mehrfach als eigene Herausforderung nehmen und darauf – in übler Weise – antworten wollen. Wie und wo sein Antworten beginnt, ist nun genauer zu eruieren. Hierbei spielt eine Rolle, in welcher Weise sich der nächste Abschnitt 18,10–13 an den Abschnitt 18,6–9 anschließt. Im folgenden Punkt ist der Anschluss zu klären und auf diesem Weg zu zeigen, dass besungene Gewalt in Kap. 18 mitursächlich Gewaltausübung erzeugt.
4. Mordversuch und Musik (1Sam 18,10–13)
Der Abschnitt 18,10–13 enthält bis auf ein kurzes Selbstgespräch Sauls nur Erzähltext. Die ersten Sätze sind auf Saul konzentriert, die letzten auf David. Dazwischen werden David und Saul zusammen in den Blick genommen. Der Abschnitt siedelt die ersten Handlungen am Tag nach dem Auftritt der Frauen an. Ereignet sich am neuen Tag ein unabhängiger Zusammenhang? Wohl kaum. Es lässt sich nämlich zeigen, dass die Abschnitte 18,6–9 und 18,10–13 fast wie Ursachen und Folgen zusammenhängen, wenn man vorausgehende Kapitel und Texte in 1Sam mitliest.
Vor allem knüpft Vers 18,10 breit an Erzähltes im ersten Buch Samuel an, greift Fäden im Erzählten auf, verwebt die Fäden aber neuartig.
Ein böser Gottesgeist überkommt Saul in 18,10: „... da durchdrang ein böser Geist Gottes Saul (
).“ Damit wird den Lesenden erneut 1Sam 16,14–23 wachgerufen. Dort wurde ähnlich mit unterschiedlichen Wendungen dargelegt, dass ein böser Geist Saul beherrschen kann (16,14.15.16.23) und in Schrecken versetzt (16,14.15).75 Um dem abzuhelfen, wurde in Kap. 16 David zu Saul gebracht. Mit seinem Saitenspiel (16,23; vgl. 16,16,17.18) konnte David dem vom Geist beherrschten Saul Erleichterung verschaffen, was Saul guttat und den bösen Geist weichen ließ. Man deutet dies bekanntlich in der Literatur mit dem Begriff der Musiktherapie.
Auch in 18,10 ist David mit dem Saitenspiel befasst. Daher ist für einige Auslegungen die Assoziation naheliegend, dass David in 18,10 erneut Musiktherapie angesichts des bösen Geistes betreibe.76 Die Therapie würde diesmal scheitern, da der böse Geist nicht weicht und Saul stattdessen David aufspießen will.77
Doch der Vers 18,10 setzt wohl andere Akzente.78 David agiert hier vermutlich nicht bezogen auf Sauls Geisteszustand und spielt auch nicht zwecks Linderung auf. Denn der böse Geist kommt zeitlich genau eingeordnet „am anderen/am folgenden Tage“ (
). David hingegen spielt wie immer: „wie Tag für Tag“ (
)79. Das nahm sich in 1Sam 16 noch anders aus. Dort griff David in unmittelbarer Reaktion auf Sauls Geisteszustand in die Saiten:
1Sam 16,16.23: ... 16 Und wenn der böse Gottesgeist auf dir ist, wird er in die Saiten greifen (
) ... 23 Und wenn Gottesgeist auf Saul war, nahm David die Leier und griff in die Saiten (
) ...
Man darf also annehmen, dass David in 18,10 unabhängig von Sauls Zustand spielt. Schließlich hatte in Kap. 16 ein Knecht am Hofe Sauls auf David aufmerksam gemacht und dabei sechs seiner Eigenschaften benannt. Die erste lautet: „er versteht es, Saiten zu spielen“ (16,18
).80 So liegt es nahe, dass David in 18,10 einfach nur seiner Leidenschaft frönt.
Neu gegenüber Kap. 16 ist in 18,10, wie die erste Wirkung des Geistes auf Saul ausfällt. Sie versetzt ihn in prophetische Erregung (
). Solche Erregung hatte Saul erstmals bereits in 1Sam 10 ereilt.81 Kap. 10 wird nicht zuletzt dadurch zum weiteren und zugleich sehr bedeutsamen Lesehintergrund für Kap. 18. In diesem Kapitel 10 hatte Samuel Saul zum Fürsten (10,1
) gesalbt und dabei dargelegt, dass Saul gleich drei Begegnungen haben werde. Die dritte Begegnung steht dabei im Mittelpunkt.82 Saul werde auf eine Schar Propheten treffen, die prophetisch erregt sind. Dabei werde JHWHs Geist über Saul kommen, er in prophetische Erregung geraten und in einen anderen Mann verwandelt werden:
1Sam 10,6: Und der Geist JHWHs dringt auf dich ein (
), und du gerätst mit ihnen in prophetische Erregung (
) und verwandelst dich in einen anderen Mann.
Samuels Worte in 10,5–6 eröffnen damit das, was dann im weiteren Erzählgang Saul u.a. auch kennzeichnen wird. Etwa Sauls Gelenktwerden durch eine Geistmacht, die Frage nach seinem Anteil am Prophetentum (10,11.12; 19,24) und seine prophetischen Erregungen.
Die spezielle Geschichte des Geist-Einflusses auf Saul kennt eine Wende. Bei der Bedrohung durch die Ammoniter drang in 11,6 noch der Geist Gottes auf Saul ein;83 darauf sammelte Saul Israel und führte es zum Sieg. Kap. 16 schildert dann die ausschlaggebende Veränderung. Nachdem der Geist JHWHs den gerade gesalbten David für immer durchdrungen hatte (16,13), wich derselbe Geist von Saul (16,14). Sogleich geriet Saul unter den Einfluss eines bösen Geistes (16,14). Nach Kap. 16 durchdringt ein explizit „böser“ Geist Saul noch zweimal: Beide Male versucht er dabei David mit einem Speer zu töten (18,10; 19,9; in 19,23 nur „Geist Gottes“).84
Sauls prophetische Erregungen bleiben im Erzählgang mit einer Geistmacht verknüpft (10,6.10; vgl. 10,11.13; 19,23.24)85 und sie unterliegen vermutlich einer ähnlichen Wende. So schildert Kap. 19 einen erregten Saul, der sich seiner Kleider entblößt und nackt vor Samuel liegt. Aber schon zuvor und allein in 18,10 ist Sauls prophetische Erregung mit dem explizit „bösen“ Gottesgeist verknüpft.86
Für das lesende Verfolgen dieser Fäden, des Geisteinflusses auf Saul und seiner prophetischen Erregung, hält ihr Ausgangspunkt, Samuels Rede in Kap. 10, ein erhellendes Signal bereit. Das Signal hat die Forschung m.E. nicht gebührend gewürdigt. In Samuels Worten befindet sich vor der Schar der Propheten, auf die Saul treffen wird, ein Orchester von Musikinstrumenten:
1Sam 10,5: ... und du stößt auf eine Schar Propheten ... vor ihnen her Harfe, Handtrommel (
), Flöte und Zither (
) ...
Damit fängt in Kap. 10 eine weitere Erzähllinie an, zu der Musikinstrumente und Sauls Empfänglichkeit für solche Musik gehören. U.a. die Zither geht der Prophetenschar voraus, in der Saul erstmals ein göttlicher Geist durchdrang. Nach der Wende bei Saul zum bösen Geist kann nur der geübte Spieler David (16,16
) mit der Zither in der Hand diesen Ungeist in Saul beherrschen (16,23
).
Auf ein Orchester aber trifft Saul erst erneut bei den Frauen aus allen Städten Israels in 18,6–7. Die Handtrommel ist ein Markenzeichen ihres Frauentanzes (18,6 Plural
),87 und die Trommel schritt ebenso der Prophetenschar voraus. Die Schar der Propheten bewegte sich in 10,10 auf Saul so ähnlich zu (
), wie es dann nach der Wende die Frauen in 18,6 tun werden (
). Und Saul ergriff nach der Begegnung mit den Frauen erneut ein Gottesgeist (18,10).
Entscheidend ist nun, dass diese Linien88 im Hintergrund die Lesenden dazu anleiten dürften, Sauls Veränderungen in 18,10 mit der Performance der Frauen in 18,6–7 eng zusammen zu sehen. Die Ereignis- und Satzfolge ‚Eindringen (
) eines Geistes89 und prophetische Erregung (
)’ gibt es im MT nur dreimal und geht stets auf Saul ein: Zweimal nach seiner Zusammenkunft mit der Prophetenschar (10,10), denen in Samuels Ankündigung Instrumente vorausgehen (10,5–6 und 10,10); einmal am Tag90 (18,10) nach seiner Begegnung mit den Frauen, die Instrumente benutzen.91
Sauls geistiger Zustand und seine Erregung in 18,10 sind also konkret zurückbezogen auf den Auftritt der Frauen und dessen Widerhall bei Saul wahrzunehmen. Das weist der Einordnung von Abschnitt 18,10–13 eine klare Richtung zu.
In 18,11 fällt die Reihenfolge auf, dass Saul den Speer wirft und erst danach seine Absicht dabei im Selbstgespräch (
) eingeblendet wird: „Ich will David an die Wand schlagen (
).“ Solch zitierter Gedanke Sauls kommt beim späteren zweiten Speerwurf Sauls gegen David nicht vor (19,8–10; vgl. 20,3392). In 18,11 macht das Selbstgespräch Sauls aber insofern einen literarischen Sinn, als sich Saul in der Szene kurz zuvor ebenso in einem Selbstgespräch (
) mit dem Lied der Frauen intensiv auseinandergesetzt hat (18,8–9). In 18,11 dürfte Sauls Rede so die Diktion der Frauen im Liedtext aufgreifen: schlagen jemand,
mit
(18,7).93 Für Shimon Bar-Efrat hebt das Leitwort von Kap. 18 „schlagen (
)“ hier auf ein folgenreiches Ineinander der Begebenheiten ab, wenn er kurzbündig festhält: Es „singen die Frauen: ‚Saul hat seine Tausend erschlagen (
), David seine Zehntausend’ (V.7). Das bringt Saul dazu, dass er seine Lanze ergreift und denkt: ‚Ich will David an die Wand schlagen (
)’ (V.11).“94 Beim Speerwurf ist der für Musik empfängliche Saul so innerlich noch mit dem Gesang befasst, und Saul versucht den zu erschlagen, dem das Lied öffentlich angeblich mehr Schlagvermögen zuschrieben hat.
Die spätere zweite Speerwurfbegebenheit in 19,8–10 bestätigt den Lesenden indirekt von ihrem narrativen Inhalt her, dass Saul in der ersten Begebenheit aufgrund des besungenen Schlagvermögens auf David einschlug. Trotz Modifikationen in den Schilderungen beider Begebenheiten ähneln sich deutlich ihre Umstände und Sequenzen. Beide Speerwurfszenen erhellen sich gegenseitig. Der zweiten Speerwurfszene geht nun eine Kriegsnotiz unmittelbar voraus: David „schlug ... einen großen Schlag“ gegen die Philister (19,8
mit
). Darauf versucht Saul erneut und wieder von einem bösen Geist beeinflusst, David angesichts dessen großen Schlagvermögens zu erschlagen.95
1Sam 19,8–10: Und es kam wieder zum Krieg. Und David rückte aus und kämpfte gegen die Philister, und er schlug sie mit großem Schlag (
), und sie flohen vor ihm. 9 Und ein böser Geist JHWHs kam auf Saul, als er in seinem Haus saß. Und sein Speer war in seiner Hand. Und David war mit seiner Hand beim Saitenspielen. 10 Und Saul suchte David mit dem Speer an die Wand zu schlagen. Aber er wich aus vor Saul, und er schlug den Speer in die Wand. Und David floh und entkam in jener Nacht.
Die zweite Speerwurfszene bestätigt so mittelbar die Annahme zu Kap. 18, dass schon das Lied über Davids Gewaltvermögen Saul zur Gewaltanwendung gegen David veranlasst hat. Saul wirft beide Male den Speer, nachdem David als Schlagender in den Blick kam, zuerst als ein mehr Schlagender (18,7.8), dann als der Versetzer eines großen Schlages (19,8).
Das Lied, seine Wahrnehmung durch Saul und das erste Speerwerfen zeigen den Lesenden nicht nur die Wende im Verhältnis zwischen Saul und David an. Damit beginnt auch im Lesegang das wiederkehrende Vorgehen Sauls gegen David, sei es, um David zu vernichten, oder sei es, um ihn nur auf Distanz zu halten.
Hierbei ist ein Unterschied beim Wissensstand der Figuren zu beachten. Die Lesenden erleben eine erzählte Welt, in der das Zerwürfnis zwischen Saul und David von Saul her seinen Ausgang nimmt, und zwar im verborgenen Inneren Sauls. David hat in Kap. 18 keine Kenntnis davon, was Saul gegen ihn vorhat.
Schon allein anhand der beiden Speerwurfszenen wird dieser Unterschied beim Wissensstand deutlich. In der zweiten wirft Saul nur einmal den Speer, worauf David nicht nur ausweicht, sondern auch sofort die Flucht ergreift (19,10). In der ersten Szene wirft Saul gleich zweimal; David aber weicht nur aus und sucht keineswegs das Weite. Denn im ganzen Kap. 18 weihen Sauls Selbstgespräche allein die Lesenden über seine Vorhaben gegen David ein (18,8.11.17.21;96 vgl. 18,25). Erst in 19,1–2 legt Saul seinen Knechten und Jonatan offen dar, David töten zu wollen. Sauls Tötungsabsicht erzählt Jonatan David weiter. Danach vermag zwar Jonatan Saul umzustimmen, und David kann Saul weiter dienen (19,2–7). Aber David hatte nun Jonatans Information gehört (19,2): „Mein Vater Saul sucht dich zu töten (
)!“ Aufgrund dieser Information Jonatans geht David erst in Kap. 19 angesichts des geworfenen Speers auf, dass Saul ihn damit töten will, so dass sich David durch die Flucht ins Weite rettet.
Beim ersten Speerwerfen geht David noch nichts auf. Wie die Unbedarftheit Davids in dieser Sequenz zu erklären ist, bleibt eine spannende Frage. Beispielsweise überlegte David Toshio Tsumura, ob Saul das Speerwerfen hier als „military training“97 getarnt habe. Jedenfalls ergreift hier David keine Angst. Hingegen fängt es bei Saul an, dass er sich vor David fürchtet (18,12
).
18,12 erklärt diese Begebenheit und Sauls Furcht theologisch: „denn JHWH war mit ihm (= David) (
), aber von Saul hatte er sich entfernt (
).“98 Diese Erklärung bezieht keine Einsicht Sauls in göttliche Dimensionen ein, wie später Vers 18,28 (
). Diese Erklärung in 18,12 wird nur den Lesenden gegeben und ruft erneut Hintergründe wach.
Denn der Knecht, der in 16,18 am Hofe Sauls David ins Spiel gebracht hatte, beendete sein Vorstellen Davids mit der Wendung: „Und JHWH ist mit ihm (
).“ Saul selbst sagte dann in 17,37 vor dem Kampf mit Goliat zu David: „Geh, und JHWH wird mit dir sein (
).“ Mit 18,12 konstatiert erstmals ein Erzähltext das Mitsein JHWHs mit David (vgl. 18,14.28).99 Die Gegenüberstellung hierzu innerhalb von Vers 18,12, wonach sich JHWH von Saul entfernt hatte, erinnert an die Einwirkungen von Geistern auf Saul. Nachdem der „Geist JHWHs“ in Kap. 16 David bleibend durchdrungen hatte (16,13), entfernte sich – wie erwähnt – dieser „Geist JHWHs“ von Saul (
) und ein „böser Geist“ beherrschte ihn.
Kap. 18 beleuchtet so, worin eine Gewaltattacke Sauls gründet. Dabei hat der böse Gottesgeist zwar einen erhellenden, aber auch nur eher bedingten Anteil. JHWH und sein positives Mitsein (10,7)100 waren längst von Saul gewichen. In diesem engen und sehr speziellen Sinne „gott-los“ geworden, hallte in Saul der Gesangstext der Frauen nach. In Sauls Nachhall hat Ruhm und Ansehen ein erdenklicher Throninhaber, also David, aufgrund des festgehaltenen Schlagvermögens. Erst in dieser konturierten Situation, bei der längst in Sauls Augen für ihn „Übles/Böses“ vorlag (18,8
), drang diesmal im Nachhinein der böse Gottesgeist (18,10
) in Saul ein,101 das nun ‚Üble Gottes’.
Sauls Gewaltausübung wird so zuerst immanent und dann dabei nachträglich auch theologisch ausgeleuchtet. Ihr Scheitern hat aber vor allem theologische Gründe. Saul kann JHWHs Schützling nicht vernichten, nur von sich entfernen (18,13
) und militärisch einsetzen (vgl. 18,12
), womit aber Saul letztendlich David wieder weitere Erfolge ermöglicht (18,14–16 u.ö.).
Jedenfalls lässt sich als eine Quintessenz zum Zusammenhang Folgendes festhalten: Saul schlägt in 18,11 auf den im öffentlichen Bewusstsein und Gesang besseren Schläger ein, weil er sich durch diesen in seinem Status bedroht sieht. Besungene Gewalt führte in dieser Form zu einem Gewaltausbruch.
In den folgenden Abschnitten des 18. Kapitels wiederholt sich ein nun bekannter Inhalt, und ein neuer kommt hinzu. Saul versucht weiterhin, David zu vernichten. Er vermag es natürlich wieder nicht. Stattdessen führt aber David seinerseits ein Schlagen aus. Dem ist nun nachzugehen, und es soll diesmal aufgehellt werden, wie und warum sich David dabei seinerseits zu einem – eventuell fragwürdigen – Gewaltschlag verleiten ließ oder verleitet werden konnte. Möglicherweise kommt es hier in der Leseerwartung zu einer Überraschung, vielleicht sogar zu einer Brechung der Erwartung.
5. Des Königs Feinde und des Königs Schwiegersohn (1Sam 18,17–30)
Erneute Selbstgespräche und ein Erzählerkommentar zeigen den Lesenden an, dass Saul nun versucht, David der Hand der Philister auszusetzen (18,17.21) und ihn so zu Fall zu bringen (18,25). Um dies zu erreichen, benutzt Saul in zwei Sequenzen (18,17–19 und 18,20–27) je eine Tochter und stellt sie David als Ehefrau in Aussicht.102
Zuerst bei Merab knüpft Saul die Eheschließung an die Bedingungen,103 dass David tapfer für Saul auftrete und JHWHs Kriege führe (18,17). Am Ende der Sequenz kommt diese Ehe nicht zustande, da Merab Adriël zur Frau gegeben wird.
Bei Michal beginnt die Sequenz mit dem Hinweis, dass sie David liebt (18,20). Diese Liebe kam Saul gelegen: Saul meint, wenn er Michal David gebe, würde sie ihm zum Fallstrick werden (18,21). Nach dem zweiten Angebot einer Ehe lässt Saul David Gerüchte und Informationen zu Ohren kommen. An deren Schluss steht Sauls Erwartung an David für eine Eheschließung mit Michal: David müsse vorab gegen die Unbeschnittenen vorgehen. Am Ende dieser Sequenz kommt diese Ehe zustande (18,27).
In beiden Sequenzen benennt David persönliche Bedenken zur Einheiratung ins Königshaus. Wie lange und inwieweit David dabei tatsächlich zurückhaltend bleibt, wird sich sogleich als schillernde Fragestellung im Leseprozess erweisen. Jedenfalls hat das Thema ‚Davids Einheiraten in Sauls Königshaus’ für Lesende zum Hintergrund die David-Goliat-Erzählung (17,1–58).
Dieser Hintergrund wird schon in 18,17104 wachgerufen, als Saul zu David über seine älteste Tochter Merab redet: „Sie werde ich dir zu Frau geben (
).“ Von dergleichen hatte David erstmals gehört, als er auf dem Terrain angelangt war, auf dem Goliat den Israeliten höhnend gegenübertrat. Dabei erörterten die Israeliten105 in 17,25, was dem Mann zukommt, der Goliat erschlägt. Drei Belohnungen werde „der König“ diesem Mann bereithalten. Als zweite Belohnung, und damit in die Mitte gestellt, erwähnen sie die Königstochter:
1Sam 17,25: Und die Israeliten sagten: Habt ihr diesen Mann gesehen, der da heraufkommt? Denn er kommt herauf, um Israel zu verhöhnen. Den Mann aber, der ihn erschlägt, ihn wird der König mit großem Reichtum reich machen, und er wird ihm seine Tochter geben, und das Haus seines Vaters wird er von Abgaben befreien in Israel (
).
Unklar ist in 17,25 der Wissensstand der Israeliten.106 Kennen sie die königlichen Pläne? Oder sprechen sie nur Mutmaßungen aus? Kap. 17 erwähnt danach keinerlei Belohnungen für David.
Entscheidend ist aber, dass David in Kap. 17 das unter den Israeliten Erörterte zu Ohren kommt.107
1Sam 17,26–27.30: 26 Da sagte David zu den Männern, die bei ihm standen: Was wird für den getan, der den Philister da erschlägt und die Schmach von Israel nimmt? Wer ist denn dieser unbeschnittene Philister, dass er die Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnen dürfte? (
) 27 Und das Volk (
) sagte zu ihm, was es zuvor gesagt hatte: Das und das werde für den getan, der ihn erschlage ... 30 Und er (= David) wandte sich ab von ihm, einem anderen zu, und er sagte, was er zuvor gesagt hatte. Und das Volk (
) antwortete ihm wie beim ersten Mal ...
Auffälligerweise stellt David gleich zweimal Nachfragen zu den Belohnungen an und „erkundigt sich ... sehr genau“108 darüber bei Männern sowie bei einem anderen (17,26.30). Stets ist es das (Kriegs-)Volk (17,27.30), welches dann David versichert, dass das Ausgesprochene wie die Heirat der Königstochter wirklich der Preis für den Sieg über Goliat sei. Der fragende David bringt zwar auch ins Spiel, dass jetzt der Augenblick sei, eine Schande von Israel zu nehmen, und er äußert sich despektierlich über Goliat.109 Doch David hegt auch deutlich persönliche Erwartungen, wenn er in 17,26 fragt: „Was wird für den Mann getan, der den Philister da erschlägt und die Schande von Israel nimmt?“ Andreas Kunz erklärt hierzu: Erst nachdem David den Siegespreis, die Belohnungen „kennt, tritt er als Retter Israels in Aktion.“110 Zurückhaltender und wohl auch angemessener ist die Annahme von Fritz Stolz: David hat Interesse „am Lohn, der dem Sieger winkt.“111 Als einer, der derart sein Interesse bekundet hat, wird David in Kap. 17 Saul bekannt und zu diesem geholt (17,30–31).
Danach unterbreitet Kap. 18 nur zwei relativ kurze direkte Reden Davids, und zwar stets angesichts Sauls Angeboten zu einer Ehe. In beiden Reden nun klingt Davids einstiges Interesse an den Belohnungen nach.
In 18,18 reagiert David auf Sauls Anbieten von Merab derart, dass dies zunächst seine „Bescheidenheit bezeugt.“112 Aber David bezeugt hierbei noch mehr. Er geht nicht nur auf seine eigene Niedrigkeit ein, sondern zugleich auf die seiner väterlichen Sippe und zudem auf eine Stellung in Israel: „Wer bin ich und wer ist mein Leben(skreis?)113, die Sippe meines Vaters in Israel (
).“ Mit Johannes Petrus Fokkelman114 ist davon auszugehen, dass Davids Worte in 18,18 die Lesenden erneut an 17,25 erinnern und diesmal die dritte angedachte Belohnung wachrufen, in der es um die Stellung des Vaterhauses in Israel ging. Meist denken Auslegungen bei der dritten Belohnung an eine Abgabenfreiheit für das Vaterhaus;115 doch einige Kommentare gehen von einem Freisein aus, das sich vom Sklavenstatus abhebt:116 Dem Überwinder Goliats winkte jedenfalls vom König her: „Das Haus seines Vaters (
) macht er frei in Israel (
).“ Solche Möglichkeit bewegt David also in Kap. 18 immer noch.
In 18,23 bekundet der zur Ehe mit Michal aufgeforderte David, dass er solcher „Ehre unwürdig“117 sei. Allein auf sich bezogen bezeichnet er sich dabei als einen „armen Mann (
).“ Für Lesende, die mittlerweile bei beiden Ehe-Sequenzen auf die einstigen Belohnungen gelenkt sind, zeigt diese von David herausgestellte Armut das Gegenteil118 zur ersten Belohnung in 17,25 an. Dort galt: Den Mann (
), der Goliat überwindet, – „ihn wird der König reich machen (
) mit großen Reichtum (
).“
Was David vor dem Kampf gegen Goliat mit Interesse erkundet hat, hallt also bei seinen zwei Äußerungen nach, als er auf Sauls konkrete Pläne zu Verheiratungen reagiert. Das Vorenthalten der einst in Aussicht gestellten Belohnungen hat bei David nachhaltig Spuren hinterlassen. David erscheint auf diese Weise für die Lesenden als jemand, der nachtragend verletzt ist. Als Verletzter denkt er von den nicht gewährten, aber erstrebenswerten Belohnungen her.
Beim verletzten David ist in Kap. 18 eine auffällige Umdeutung der Heiratsthematik zu erleben. David nennt keine der Töchter Sauls mit Namen und redet auch nicht davon, eine Frau (
)119 bekommen zu können, selbst im Falle der Michal nicht, die ihn liebt. David hat hier die Frauen überhaupt nicht im Blick; stattdessen denkt er nur und alleine an seine Position beim König.120 In 18,18 leuchtet erstmals Davids Denkweise auf: „ich würde Schwiegersohn des Königs (
).“ Solche Redeweise kehrt noch fünfmal im Kapitel wieder (18,21.22.23.26.27).121 Hat David somit diese Redeweise aufgebracht, greift sie dann nicht nur der Erzähltext auf, sondern schon zuvor bereitwillig und auch anscheinend hinterhältig Saul (18,21.22).
Saul entnimmt dann dem Gedanken Davids in 18,23, dass ihm durchaus an der Position beim König liege (vgl. 18,24–25). Das Signal dazu gab wohl auch Davids Frage vor den Knechten. Josef Scharbert verstand Davids Frage vor Sauls Knechten etwa so: „Ist es in euren Augen leicht, Schwiegersohn beim König zu werden (18,23
)?“122 Saul hört bei David anscheinend heraus, dass dieser sich ins Zeug legen würde. Einem einsatzbereiten, armen Kandidaten für die Verschwägerung kann Saul auch eine Vorbedingung diktieren (18,25). Die Bedingung scheint David sofort recht gewesen zu sein (18,26; vgl. 18,20).
Mit seiner ausgeklügelten Idee, „die Vorhäute der Philister (18,25
vgl. 18,27)“ zu verlangen, nutzt Saul offenkundig eine Sichtweise Davids aus. Die Idee Sauls verweist nämlich die Lesenden auf Davids frühere Redeweise in Bezug auf Goliat. Denn im Hebräischen liegen die beiden Begriffe „Vorhaut“
und „unbeschnitten“
dicht beieinander.123 Als sich David in 17,26 erstmals nach der Belohnung erkundigt hatte, nannte er den Philister Goliat herablassend124 „diesen unbeschnittenen Philister“. Noch einmal in 17,36 bezeichnete David Goliat derart vor dem Kampf in Sauls Gegenwart.
1Sam 17,36 (David): Sowohl den Löwen als auch den Bären hat dein Diener erschlagen. Und diesem unbeschnittenen Philister (
) wird es ergehen wie einem von ihnen, denn er hat die Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnt.
Danach in Kap. 18 lässt sich dann der einsatzbereite David mittels der von ihm einst bekundeten despektierlichen Sicht auf die Philister – die Unbeschnittenen und ihre Vorhäute – zielgenau lenken. Auf diese Weise erreicht Saul sein geheimes, vor David verborgenes und nur den Lesenden bekanntes Ziel, David der Hand der Philister auszusetzen (18,17.21; vgl. 18,25).
Im Plot kam – wie gezeigt – Sauls Absicht, David zu ermorden, auf, als Saul mit dem Gesang der Städterinnen konfrontiert worden war (18,6–9.10–13). An diese Weichenstellung in der David-Saul-Beziehung werden die Lesenden durch die Darstellungen rund um Davids Zug der Vorhäute wegen erinnert. Das lässt sich durch einige Beispiele verdeutlichen. Nach der Redeweise über das Schlagen im Gesangstext und in Sauls Selbstgespräch beim Speerwurf in 18,7.11 (schlagen jemand,
mit
) taucht eine nicht unähnliche Wendung in 18,27 auf, als David Unbeschnittene erschlug (schlagen,
, unter einer Menge,
, einzelne).125 Auch David war zuvor auf die singenden Städterinnen Israels gestoßen, als er vom „Schlagen des Philisters“ zurückkehrte (18,6
); in 18,27 zieht dann David – samt Mannschaft – gegen die Philister und erschlägt unter diesen Männer (...
). Analog zur Zahlenstaffel im Gesang (18,7; vgl. 18,8) steht nun in 18,25.27 eine Staffel von Hundert und Zweihundert insofern, als sie wieder Davids Schlagvermögen unterstreicht. Saul mit dem Speer „in der Hand“ (
) vermochte David nicht an die Wand zu schlagen (18,10–11), und nun scheitert Saul mit dem Versuch, David „durch die Hand“ der Philister (
) zu Fall zu bringen (18,25).126 Zuvor hatte sich Saul vor dem nicht bezwungenen David gefürchtet (
), und sogleich daneben wurde notiert, dass JHWH mit David ist (18,12
). Nun setzt sich diese Furcht bei Saul fort (18,29
), und Saul erkennt diesmal obendrein selbst, dass JHWH mit David ist (18,28
).127
Dieser noch rein oberflächliche Befund, dass für die Lesenden bei Davids Erbeuten der Vorhäute die Weichenstellung in der David-Saul-Beziehung (18,6–9.10–13) nachklingt, verlangt eine sorgfältig differenzierende Einordnung. Denn zwei Linien sind zunächst deutlich voneinander abzuheben. (1) Die erste Linie ist offenkundig: Die Darstellung in Kap. 18 ist bestrebt, auf eine fortwährende Situation aufmerksam zu machen, in der Saul Davids Leben attackiert, David aber nicht untergeht. Diese Linie hat zum Ausgangspunkt Sauls Auseinandersetzung mit dem Gesang, bei der er sich zum Gegner Davids machte. Saul agiert gegen David, David aber nirgends gegen Saul. Das unterstreicht nochmals nachholend der zweite Teil des Verses 18,29. Von Saul geht die Feindschaft zwischen beiden aus: „und Saul war feind dem David für alle Zeit (
).“ (2) Neben dieser ersten Linie taucht eine zweite auf, die hintergründig durch Davids Ambitionen mit geprägt ist. Dabei spielt der Gesang keine direkte Rolle. Nirgends wird davon berichtet, ob der Gesang auch auf David eingewirkt hat. Bei dieser zweiten Linie wird aber erneut Kap. 17 eingespielt und mit der David-Goliat-Story weitergearbeitet. Diese Linie präsentiert David nicht nur als von oben eingesetzten König in spe, womit noch 18,1–5 und andere Verse spielten. Vielmehr verfolgt in dieser Linie David auch eigene Interessen, emporzukommen und im derzeitigen königlichen Haus Mitglied zu werden.128 Zu diesem Zweck schlägt David zweihundert Philister. (3) Trotz allem deutlichen Eigenstand der beiden Linien gibt es nun aber eine sehr eigenartige Berührung der Linien, auf die der Leseprozess anscheinend stoßen können soll. Ausgerechnet während Saul David einer Gewaltgefahr ausgesetzt hat, übt David Gewalt an Dritten aus und setzt so bestätigend fort, was ihm der Gesangstext zugeschrieben hat: David vermag zu schlagen. Zudem gibt es eine Reihe von Ermöglichungen. Ohne das Lied der Frauen und dessen Aufnahme durch Saul bliebe seine Feindschaft gegenüber David unverständlich, oder es wäre zu dieser Feindschaft nicht auf diesen Wegen gekommen. Ohne diese Feindschaft Sauls mit ihren Strategien und ohne eigene Interessen Davids wäre es nicht eingetreten, dass David erneut als derjenige auftritt, als den ihn das Lied ausgewiesen hat.
Eine interessante Frage ist nun, ob Davids Verhalten eine weitere Einfärbung durch die Umstände bekommt. Eine Antwort auf diese Frage zeichnet sich ab, wenn man die beiden Sequenzen, in der Saul David Eheschließungen anbietet, miteinander vergleicht und dabei darauf achtet, unter welch weiterem Vorzeichen die Philister für David auch noch stehen müssen. David hört laut 18,25 von „den Feinden des Königs“ (
).129 Feinde im Falle eines Königs sind im Alten Testament bekanntlich meist „mit denen des Volkes gleichzusetzen“.130 Diese Dimension ist hier nicht ausgeschlossen. Doch Saul lässt in 18,25 seine Knechte vor David nur über die persönlichen Feinde des Königs reden.131 Die Rache an ihnen ist für Saul nur ein Vorwand. Von der Angeblichkeit der Rache kann David nichts wissen. Er hört nur von Vergeltung im Rahmen einer auf den Monarchen bezogenen Feindschaft.132 Gerade das hebt diese Bedingung zu einer Ehe in 18,25 von der ersten Bedingung zu einer Ehe in 18,17 ab, was Fokkelman herausgearbeitet hat:133 Dort in 18,17 kam zum Militärischen noch eine theologische Überhöhung hinzu, von der Saul zu David sprach: „Kämpfe die Kämpfe JHWHs (
)!“134 Von solch einer ideellen theologischen Überhöhung ist in 18,25–26 keine Rede mehr, und David vernimmt davon auch nichts mehr. In Davids Gesichtskreis ist Göttliches durch Königliches ersetzt, und ausgerechnet angesichts dieser Ersetzung greift er an.
Hinzu kommt, dass es in den Texten im Dunkeln bleibt, inwieweit und ob überhaupt die Philister in der erzählten Zeit derweil eine akute Gefahr darstellen.135 Erst später erwähnt 18,30 ein kriegerisches Ausziehen der Philisterfürsten. In 18,27 hingegen setzt sich David mit den Seinen gegen wohl unvorbereitete Philister in Bewegung und schlägt um der Vorhäute willen zu.
David ließ sich zu einer anscheinend zwielichtigen Gewalttat hinreißen.136 Davids Gedankenwelt wird dabei zwar nur verhalten beleuchtet. Aber jenseits der Intrigen Sauls zeigt sich bei Davids Warte, wie sie nicht ohne Ermöglichendes für seine Gewalttat ist. David sucht um jeden Preis den Aufstieg. So ist er gewillt, durch Vorhäute der sowieso Feinde des Königs Schwiegersohn des Königs zu werden, und er bringt sicherheitshalber gleich das Doppelte vom Verlangten bei.
Von daher kann auch noch einmal ein neues Licht auf die bereits erwähnte Formel fallen, die in 1Sam 18 auf JHWHs Mitsein mit David eingeht (
). Dem ist in einem eigenen Punkt nachzugehen:
6. Gottes Mit-Sein und Davids Erfolge
Das göttliche Mitsein mit David wird – wie angedeutet – zweimal von der auktorialen Erzählstimme konstatiert (18,12.14) und kommt einmal ähnlich über die erzählte Perspektive Sauls in den Blick (18,28).137 Dieses göttliche Mitsein in Kap. 18 hat man sich aufgrund der Syntax138 und der Wiederholungen als ein fortwährendes vorzustellen. Das angesprochene Mitsein ist somit nicht nur punktuell auf Aussagen in dessen Nahkontexten zu beziehen.
Neben den Angaben, wie Gott gegenüber Saul agiert (18,10.12),139 ist dieses Mitsein die wichtigste theologische Deutekategorie in Kap. 18 zu den Abläufen in der erzählen Welt und zu deren entsprechenden Plausibilitäten für den Leseprozess. Aber so bedeutsam diese Kategorie für das lesende Verstehen auch ist, sie bleibt inhaltlich letztendlich doch auch recht offen.140 Die mitseiende Gottheit JHWH hatte zwar David zum König erkoren (16,1–13), und deshalb schützt sie anscheinend auch David, lässt ihn Erfolg haben, ihn die zweihundert Philister überwältigen (18,27), ihn gekonnter als andere von Sauls Militärs die angreifenden Philister abwehren (18,30) usw. Doch zu diesem Mitsein wird vom Text nicht explizit geklärt, wie die mitseiende Gottheit JHWH tatsächlich die Taten Davids und speziell dessen Töten der zweihundert Philister bewerten könnte.
Angesichts des komplexen Gottesbildes in den Saul-David-Erzählungen – und angesichts des Gottesbildes im Alten Testament allzumal – würde eine Auslegung viel zu kurz greifen, wenn sie von einer simplen Gleichung ausginge, wonach JHWHs Mitsein zugleich mit JHWHs Zustimmung zu allem Agieren Davids zusammenfallen würde. Solch Mit-Sein impliziert noch kein göttliches Gutheißen jeder Tat des Begleiteten. Genauso wie man ein solches göttliche Gutheißen in 1Sam 18 nicht eintragen darf, verbietet es sich auch, anhand von hellhörig machenden und beim Lesen in Spannung versetzenden Signalen im Text ein göttliches Ablehnen zu konstruieren. Selbst wenn man in 1Sam 18 – nur – von einem göttlichen Tolerieren und entsprechendem Stützen um übergeordneter Ziele willen ausgeht, so schließt das weder ein göttliches Akzeptieren des konkreten Vorgehens Davids noch ein göttliches Distanzieren davon ein.141 Göttliches beeinflusst zwar in der erzählten Welt von 1Sam 18 Davids Werdegang, bleibt aber dabei auffällig stumm.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Verwendung des Leitwortes
, da sie zumindest eine Haltung beim Erzählen durch eine Leerstelle andeuten dürfte. Wo entsteht diese Leerstelle und wie darf sie das Lesen füllen?
Das Verb
kommt in den Samuelbüchern nur in 1Sam 18 vor (18,5.14.15.30)142 und trägt so zum Eigengepräge des Kapitels mit bei. Es hat hier die besondere Bedeutung „Erfolg haben“ im militärischen Sinne143 und kennzeichnet stets David.144 Die Kennzeichnungen gehen auf keine Einzelaktion Davids ein, bündeln aber auch nur überblicksartig einige von seinen Aktivitäten. Sie beginnen am Ende des Abschnittes 18,1–5 damit, dass Saul David mit Aufträgen versah: „Wohin immer Saul ihn sandte, hatte er Erfolg“ (18,5
). In 18,14.15145 – nach dem ersten Mordanschlag auf David – stehen die militärischen Delegierungen Sauls immer noch im Hintergrund (vgl. 18,13), aber auf den Delegierungen liegt nicht mehr der Akzent. Stattdessen ist in 18,14 von Davids eigenen Wegen die Rede: „Und auf seinem ganzen Weg (
) war David erfolgreich (
).“ Der Vers 14 hebt also eher darauf ab, dass David nun von sich aus – unter göttlicher Obhut – weiter erfolgreich voranschreitet. Solches Voranschreiten Davids konstatiert dann Saul in 18,15 nicht nur. Es erschaudert Saul nun auch dabei vor David, was seine anschließenden hinterhältigen Heiratspläne verständlich macht: „Und Saul sah, dass er sehr erfolgreich war (
) und ihm graute vor David.“ Hat damit Kap. 18 bisher dreimal Davids Erfolgsgeschichte im Sinne von
erwähnt, können Lesende nun darüber stutzen, dass Davids Schlag gegen die Philister um der Vorhäute willen vom Text nicht unter seinen Erfolgen subsumiert wird. Auf die Notiz am Ende des Verses 18,27, dass Saul David seine Tochter Michal zur Frau geben musste, folgt zwar in den Versen 18,28–29 eine zusammenfassende Angabe darüber, wie sich die erzählte Welt gestaltet, wobei bisherige Motive aus Kapitel 18 aufgegriffen werden, wie JHWHs Mitsein mit David (18,12.14), Michals Liebe für David (18,20) und Sauls Furcht vor David (18,12), und daneben wird Sauls feindliche Einstellung gegenüber David grundsätzlich festgehalten. Aber in diesen bündelnden Angaben von 18,28–29 taucht ein summarischer Hinweis auf Davids Erfolge im Sinne von
nicht auf. Erst danach, am Ende von Kap. 18 berichtet Vers 30 von fortwährenden kriegerischen Zügen der Philisterfürsten, bei denen David offenkundig zwecks Abwehr aktiv werden musste, und dabei wird dann wieder Davids Erfolg erwähnt: „David hatte mehr Erfolg als alle Diener Sauls (
).“
Somit kann sich beim Lesen die Frage einstellen, warum Davids Schlag gegen die zweihundert Philister (18,27) nicht in seine
-Erfolge eingereiht wird. Eine These, welche diese Frage beantworten kann, bewegt sich im Bereich einer semantischen Verstehensmöglichkeit. Der Sinn von
„Erfolg haben“ wird in der Literatur von anderen Bedeutungen dieses Verbs her erklärt: etwa von den Bedeutungen „einsichtig/vernünftig werden oder sein.“146 „Im effektiven Sinne ist der ‚Einsichtige’ in seiner Tätigkeit kundig und verständig, dann aber auch erfolgreich, wie es in erster Line von Königen und anderen Volksführern ausgesagt wird (David ...; Salomo: 1Kön 2,3; Hiskija: 2Kön 18,7; ferner Josua: Jos 1,7.8 ...).“147 Entsprechend hatte auch Stoebe die Aussage in 18,5 zu Davids Erfolg auf den Punkt gebracht: Bei dieser
-Aussage steht der „Gedanke menschlicher Tüchtigkeit und Lebensklugheit und der daraus resultierende Erfolg im Vordergrund ...“148 Anscheinend schwingt somit im Kap. 18 mit, dass David mit „Klugheit“149 und durch den Einsatz seiner Vernunft Erfolge erreichte. Darunter soll aber nun anscheinend für die Lesenden nicht Davids Angriff auf die Philister und sein Erbeuten ihrer Vorhäute in 18,27 auftauchen. Diese „Sache“ war allein David in den eigenen Augen recht (
), da er sich vom Ziel (ver-)leiten ließ, „Schwiegersohn beim König zu werden“ (18,26).
Da nun der Vers 18,27 nichts Anschauliches zu Davids Vorgehen mit seinen Männern unter den Philistern entfaltet, dürfen die Lesenden auch nur bestenfalls anhand der vorherigen David-Goliat-Erzählung (vgl. 17,40.48.50) darüber phantasieren, ob David von diesen Philistern Zweihundert wieder auf eine clevere Weise zu erschlagen vermochte, um an ihre Vorhäute zu gelangen. Cleverness ist aber noch lange nicht ein umsichtig vernünftig-kluges Vorgehen. Verzichtet der Text in 1Sam 18 darauf, Davids Töten von zweihundert Männern der Philister unter den erreichten
-Erfolgen zu fassen, kann das für die Lesenden einen Eindruck verstärken: Davids Töten in 18,27 erhält nirgends vom Text und Erzählen die sonst mögliche Zustimmung zu seinen sonst klug und vernünftig erreichten Erfolgen und mutet auch deshalb als sehr fragwürdig an.
Das für die Lesenden Hinterfragbare und das somit mögliche innere Distanzieren von Davids Tat in 18,27 müssen nicht dem in Kap. 18 angeführten Mitsein JHWHs mit David widersprechen, sondern können vielmehr an diesem Mitsein auch etwas aufschließen. Was JHWH als Beschützer bei David zuließ, schließt keineswegs zwangsläufig eine Sanktionierung oder Legitimierung ein.
Nach diesen Überlegungen ist zum Gedankengang in diesem Beitrag zurückzukehren: Das Kap. 18 unterbreitet eine außerordentliche Verquickung. Saul wollte David hinterhältig erschlagen und will ihn danach mit Hinterlist beseitigen. Bei der geheimen Hinterlist nun wird David durch eigene Ambitionen, emporkommen zu wollen, dahin getrieben, selber in fragwürdiger Form zu erschlagen und Philister zu schänden.
Das ereignet sich nicht unabhängig von einer Metaebene, in der JHWH David schützt. Diese theologische Metaebene ist im ersten Samuelbuch bekanntlich ausgespannt zwischen den beiden Polen: Sauls Verwerfung und Davids Erwählung. Zwischen den Polen mutet manches – wie David Wagner formulierte – „zuweilen paradox“ an.150 Das trifft auch für 1Sam 18 zu.
Pulsuz fraqment bitdi.