Kitabı oxu: «Gott suchen in der Krise»
ULRICH EGGERS (HRSG.)

SCM ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22991-2 (E-Book)
ISBN 978-3-417-26943-7 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
2. Auflage 2020
© 2020 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Witten/Holzgerlingen.
Weiter wurden verwendet:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus
in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. (NLB)
Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete
Ausgabe © 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart. (EÜ)
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (LUT)
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung, Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. (NGÜ)
Zürcher Bibel © 2007 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich. (ZB)
Lektoriert von Tabea Tacke
Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de
Titelbild: Bradley Dunn / unsplash.com
Satz: Lieverkus.Media, www.lieverkus.de
Inhalt
Über den Herausgeber
Vorwort zum Buch
Persönliche Erfahrungen
Über das große C von Ulrich Eggers
Was wirklich zählt von Stephan Holthaus
Einen anderen Glauben finden? von Ingolf Ellßel
Hoffnungslieder aus meiner Küche von Christoph Zehendner
Krise hoch drei von Claudia Filker
Sorge du! von Hanspeter Wolfsberger
Die Krise bringt uns ans Licht von Ulrike Bittner
Im Gegenwind segeln
Aus der Tiefe in die Weite von Peter Höhn
Getröstet von Birgit Schilling
Auf der Suche nach dem kleinen Sinn von Thorsten Dietz
Das Virus, die Haft, die Pest von Jürgen Werth
Gott Gott sein lassen von Astrid Eichler
In der Realität angekommen von Nicola Vollkommer
Wo ist Gott in der Krise?
Nicht im Homeoffice von Michael Herbst
Die Geige auf der Schultoilette von Ulrich Wendel
Der Schrei des Raben von Martin Schleske
Ein Wachrütteln Gottes? von Peter Strauch
Aber Gottes Wort ist nicht gebunden von Ulrich Parzany
Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe! von Bernhard Meuser
Orientierung bekommen von Ansgar Hörsting
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Über den Herausgeber

ULRICH EGGERS
ist Verleger und Geschäftsführer der SCM Verlagsgruppe und 1. Vorsitzender von Willow Creek Deutschland. Er ist verheiratet mit Christel, hat vier erwachsene Kinder und lebt in Cuxhaven.
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Vorwort zum Buch
Ich bin betroffen
»Ihr Test ist positiv, Herr Eggers!« höre ich die Dame vom Gesundheitsamt sagen – und habe es nach rund einer Woche Quarantäne und Symptomen in Hals und Lunge schon geahnt (mehr dazu in meinem Beitrag …).
Corona – das große starke Wort, das große C, das so viel Emotionen freisetzt. Und Bilder: Notkrankenhäuser in China, vermummte Gestalten, die sich um wie Aussätzige behandelte Kranke scharen. Sargtransporte in Italien, hilflose Körper unter Sauerstoffbeatmung, tägliche Todeszahlen in den Medien. Was wird mit mir? Mit meiner Frau, meiner Familie, den Enkeln – da sind Leute, die mich brauchen. Da ist doch noch so viel Zukunft, auf die ich mich freue! Und nun das große unbekannte Fragezeichen. C – wie Corona. K – wie Krise. S – wie Sterben?
K – wie Krise. Wie kann man in einer Krise glauben? Hilft mir mein Glaube jetzt? Wo ist Gott in dem Ganzen? Redet er, antwortet er, hört er mich? Ist er weiter gut? Sieht er mich und uns? Wer und wie ist Gott mitten in solch einer Krise? Wie kann ich ihn suchen – und finden? Ist Gott Stütze und Kraft in einer Lebens-Krise – oder schweigt er?
Und dabei ist klar, dass Corona ja gar nicht die Krise für Leben und Glauben ist, als die sie uns jetzt nahekommt. In Wirklichkeit ist die Krise ständig präsent. Ist Krankheit, Leid, Schmerz und Verlust immer da. Ist der Tod immer mitten im Leben da. Nur eben nicht hier – so nah bei mir und uns im reichen Westen. So präsent, dass es jeden von uns so schnell, so leise und schleichend treffen könnte.
Ich denke an meinen Pastoren-Kollegen Werner, der schon viele Monate mit Leukämie im Krankenhaus liegt. Ich denke an die Ebola-Epidemien in Afrika. Tod und Leid sind immer präsent! Sind immer böse, brutal, schrecklich. Aber das war weit weg. Ich konnte so tun, als ginge es mich nicht groß etwas an. Ja, ich kann beten, vielleicht auch betroffen hinsehen, hier oder da helfen. Aber vor allem kann ich still und heimlich unendlich froh sein, dass das alles so weit weg ist. Und mich nicht betrifft. Glauben angesichts einer Krise? Wie gut, dass wir Leid und Fragen meist verdrängen können.
Jetzt sind wir alle in Gefahr. Denn die Corona-Pandemie ist uns ganz nah. Wird uns länger erhalten bleiben und eine Grund-Verunsicherung in unser Leben tragen, weil niemand mehr nach Corona so tun kann, als säßen wir auf einer Wohlstands-Insel der Seligen, auf der Leid und Gefahr immer nur andere trifft.
Fromme Sprüche – oder belastbar?
Corona zeigt uns, dass der Tod mitten im Leben ist. Und dass ich besser hinschaue und lernen muss, bewusster angesichts des Todes zu leben. Und zu glauben. Und mit Gott in Beziehung zu sein. Der mir das Leben gab, dem ich mich verdanke – und der Herr über Leben und Tod ist. Memento mori – die Erinnerung, dass ich sterben werde. Den Tod einüben durch die kleinen Tode. Und das macht etwas mit meinem Glauben. Das ist eine Grund-Verunsicherung, mit der ich klarkommen muss. So viele gute Verheißungen in der Bibel. So viel Gutes und Liebes, das ich Gott unterstelle. Und so viel hässlicher Tod und so viel Krise – wenn ich nur genau hinsehen will.
Corona lässt uns genau hinsehen. Macht wieder zur Tatsache, was immer Tatsache war: Dass wir leben müssen angesichts des Todes. Uns freuen und genießen dürfen – dicht neben dem Leid. Dass wir mitten darin glauben wollen, können, dürfen. Mit Gott, dem Herren über Leben und Tod leben. Aber wie genau?
Für dieses Buch haben wir 20 bekannte Christinnen und Christen gefragt, wie sie Glaube, Tod und Leben zusammenbekommen. Wie sie glauben angesichts der Verunsicherung durch eine Krise wie Corona. Die ja nur für all die real vorhandenen Krisen und Verunsicherungen unseres Glaubens quer durch alle Zeiten steht. Corona ist Anlass, grundsätzlich darüber nachzudenken, ob und wie der Glaube trägt. Wer Gott ist – und auf welche Weise er verlässlich ist. Gerade in Krisen brauchen wir eine warme, belastbare, offene Beziehung zu ihm. Und er hat versprochen, dass er sich finden lässt, wenn wir ihn suchen – wie aber kann das gehen? Welche Erfahrungen haben da andere gemacht? Was ist frommer Spruch – was belastbare Lebenserfahrung? Wie kann ich glauben in einer Krise? Und wie mag diese Krise wohl aus dem Blickwinkel Gottes aussehen – redet er durch sie, vermittelt Corona uns allen eine Botschaft?
Die Autorinnen und Autoren dieses Buches haben durch ihre Glaubens- und Lebenskompetenz Standfestigkeit und Resilienz im Glauben erworben. Sie sind keine Corona- oder Krisen-Spezialisten, sondern Menschen, die ihre Lebens- und Glaubenserfahrung teilen und so Wege, Ideen und Einsichten anbieten, die uns Zuversicht und Hoffnung geben können.
Ulrich Eggers, 19. April 2020
Persönliche Erfahrungen
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Über das große C
Von Ulrich Eggers
Plötzlicher Abbruch bei Willow
Die Szenen sind wie eingebrannt: Der schwierige Auftakt vom Willow-Creek-Kongress – erstmals ohne Bill Hybels. Große Spannung bei mir, aber die Eröffnung gelingt. Erleichterung – und die Kongress-übliche Action, VIP-Empfang, Pressekonferenz, Interviews, Absprachen. Mitten in der sechsten Einheit kommt Ben Lechner vom Management-Team nach vorne in unseren Veranstalter-Block und fordert uns mit ernstem Blick auf, mitzukommen. Wir marschieren durch die Menge nach hinten, sehen fragende Blicke.
Im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes der Messe erfahren wir, was los ist: Einer unserer Sprecher, mit dem wir uns vor dem Start getroffen hatten, liegt mit hohem Fieber im Krankenhaus. Gerade war das positive Testergebnis da: Corona! Gemeinsam mit gut 20 anderen Leitungsleuten und Referenten, die mit beim Vortreffen waren, sitzen wir in einem Quarantäne-Raum. Und müssen jetzt nicht nur rasch entscheiden, ob der Kongress abgebrochen wird, sondern müssen auch sofort nach Hause in Quarantäne. Es ist schwer, aber klar: Wir brechen ab.
Die Bilder aus diesem Raum sitzen tief: Schweigen, Schock, Trauer, Fragen, Witze, Entsetzen, Tränen, Gebetsrunden. Ein langer Blick zwischen mir und meiner Frau Christel, in dem alles gesagt ist … Das kleine Mädchen auf dem Flur, das hilflos weint und vergeblich getröstet wird. Hektische Entscheidungsrunden, Presse-Statements vorbereiten, welche Argumente zählen, mit wem darf ich gerade noch reden? Völlig konsterniert bereitet sich Jörg Ahlbrecht, der Willow-Producer, auf die Absage von der Bühne vor – er ist der einzige Leitende, der »unberührt« blieb und noch in den Saal darf. Dann der Strom der Besucher, die ruhig das Gelände verlassen. Schließlich dürfen auch wir gehen – unsere örtlichen Gesundheitsämter werden parallel informiert. Wir entscheiden uns, unseren Freund und Sprecher Gordon MacDonald mit nach Haus zu nehmen – er darf nicht zurück in die USA und kann ad hoc nirgendwo betreut werden.
Dann die lange Fahrt durch die Nacht, der Anruf einer unserer Töchter, die in Bremen bei der Übertragung den Abbruch mitbekommen hatte – und die sorgenvollen Blicke ihrer Gruppe. Wir trösten, geben eine erste Einkaufsliste durch, freuen uns über Liebe und Zusammenhalt. Kommen schließlich weit nach Mitternacht in das stille Haus. Lahmgelegt.
Zwischen Mut und Endzeitstimmung
Die folgenden 13 Tage aber sind nicht still, sondern voller Stress! Organisation rund um den Kongress-Abbruch und die SCM-Verlagsarbeit – eine Video-Sitzung jagt die nächste. Ständig Entscheidungen, Telefonate, Apps und Mails. Und Gordon im Haus, der die ganze Aufregung mit seinen 80 Jahren nicht so leicht wegsteckt, schwer hört (aus Sorge um die Batterien deaktiviert er gleich am Anfang sein Hörgerät, was uns unendlich Nerven kostet und erst am Ende der Zeit klar wird). Tägliche Selbstbeobachtung, Temperatur und Symptome eintragen in Listen des Gesundheitsamtes. Ich organisiere eine tägliche Mail an die Quarantäne-Leute, um einander zu ermutigen. Dann Halskratzen, erstes Fieber, Druck in der Brust – mit meiner angeschlagenen Lunge gehöre ich zur Risikogruppe, wir wissen das.
Schon bald merke ich, dass ich nur wenige Stunden arbeiten kann, dann geht es mir schlechter. Ständig horche ich in mich hinein: Bin ich positiv? Oder ist es nur der Stress draußen und im Haus? Gordons Tunnelblick und verklausulierte Fragen, die Sorge um Frau und Familie in den USA. Wir schwanken zwischen Mut und Endzeitstimmung, sind stark für Gordon und werden leise miteinander. Schließlich der Test bei mir und das positive Ergebnis – ich höre es abends und nutze die Nacht, um alles vorzubereiten: Info an Familie, Freunde, Firma, Willow-Mitstreiter, Quarantäne-Gruppe für den Morgen vorbereiten, vorsichtige Andeutungen an Gordons Familie – und am nächsten Morgen Gordon selbst: Nun ist eingetreten, was wir vor seiner Entscheidung für unser Haus bedacht hatten: »Wenn wir positiv getestet werden, bist du bei uns im Gefängnis, Gordon!«
Er trägt es mit Fassung – und wir ziehen uns noch mehr voneinander zurück. Schutzmasken, die meine Frau rechtzeitig besorgt hat, aufgeteilte Bereiche im Haus, wir schleichen mit Abstand aneinander vorbei. Gordon und Christel werden negativ getestet, meine Symptome bleiben mit viel Inhalieren und Ruhe beherrschbar wie meine übliche Winter-Bronchitis. Das Schlimmste ist die Psyche, die Vorstellungen und Ängste. Aber Christel bekommt Fieber: Ist es der Versorgungs-Stress wegen Gordon? Mit Stefan Bieber vom Willow-Büro reorganisieren wir Gordons Rückflug. Das Gesundheitsamt zeigt viel Verständnis und stellt rasch Bescheinigungen aus für etwaige Grenz-Probleme. Nervöse Stimmung im Haus: Schafft er es noch zurück, bevor die USA dichtmachen? Müssen wir ihn weitere Wochen in unserem angeschlagenen Zustand versorgen?
Die Macht der Bilder
Genau am letzten Tag vor der Schließung der US-Flughäfen schafft er es. Eine Last fällt ab, wir sind wieder frei für uns. Aber jetzt geht es meiner Frau immer schlechter, hohes Fieber – trotz mittlerweile zweimal negativem Test. Und immer wieder verfolgen uns die Bilder in den Medien, die Särge, das Leid auf den Krankenstationen, die Ohnmacht. Das Corona-Wort hat Macht, produziert Bilder. Die Infektion verläuft in Wellen. Man denkt, es geht wieder besser, aber dann wird es deutlich schlechter – und man kassiert alles positive Denken und die leichten Worte von gestern schnell wieder ein. Sorge und Angst übernehmen erneut – wo genau wird das enden? Haben wir wirklich dieses Corona, das wir da in der Tagesschau sehen? Was macht dieses große unheimliche C mit uns?
Als mich das Gesundheitsamt schließlich wieder gesundschreibt und ich endlich wieder das Haus verlassen darf, muss ich meine Frau Christel ins Krankenhaus bringen – der dritte Test und ein Lungen-CT bringen Gewissheit: Doch positiv, wohl schon länger. Und deswegen dazu jetzt eine virale Lungenentzündung, die man nur begleitend behandeln kann. Sie bekommt ein Malaria-Mittel zum Unterdrücken der Viren und Antibiotika – und erneut zieht die Angst ein bei uns. Was soll ich ohne sie? Ich lebe mein Leben so sehr zusammen mit ihr, bin so bezogen auf sie – was tue ich hier allein im Haus?
Gute Worte von Familie und Freunden sind da. Und wir beten und beten und beten. Täglich kann ich am Krankenhaus etwas abgeben, aber hinein komme ich nicht, Quarantäne-Station. Wie gut, dass es Facetime gibt! Schließlich entdecke ich ihr Fenster und winke ihr einige Male von draußen zu. Meine Tagesstimmung schwankt im Takt ihres Ergehens auf und ab. Und – danke, Gott! Nach acht Tagen kann sie das Krankenhaus verlassen. Wir sind wieder beieinander. Angeschlagen, noch geschwächt. Und nachdenklich – dem allen nach-denkend. Es wird dauern, ehe wir das alles verarbeitet haben. Und Corona gibt mir eine Erinnerung mit – ich kann nicht mehr riechen und wenig schmecken. Aber wir sind dankbar. Unendlich froh über jeden neuen Tag, den wir gemeinsam haben. Zeit ist kostbar …
Was hilft in der Krise?
Man wird hellhörig in Krisensituationen. Man hört und liest so viel gut Gemeintes. Und spürt heraus, was davon unter der Last eigener Erfahrung gesagt wird und was nur an-empfindend, in guter Absicht – aber ohne tieferes Verstehen. Manch frommen Spruch empfinde ich als aufgesetzt und billig. Weit weg von der realen Not. Bei manch zitiertem Bibelvers riecht man den pädagogischen Impetus – was aber nützt es mir, wenn ich höre, dass Gott uns keinen Geist der Furcht gegeben hat (vgl. 2. Timotheus 1,7) – ich aber gerade mitten in Angst und Sorge lebe?
So war das schon damals, als unsere erste Tochter starb. Ja, alles kann uns zum Besten dienen, was uns passiert (vgl. Römer 8,28), aber deswegen ist noch lange nicht alles gut! Seit diesem Sterben ist mir klar, wie ambivalent viele Verheißungen der Bibel verstanden werden können – und wie oberflächlich oft über die Liebe Gottes und unser Leben gesprochen wird.
Ja, Gott schützt, trägt, hält uns – und ich bin unendlich dankbar für all das, was es in meinem und unserem Leben Gutes gibt. Aber manches Gute ist durch das Schwere hindurch gewachsen. Denn nein, Gott schützt uns eben nicht vor allem Bösen – aber er trägt und hält uns darin. Und nein, nicht alles Böse endet gut. Ja, »alle Eure Sorge werft auf ihn« (1. Petrus 5,7; LUT) – nur stimmt eben nicht, dass (wie gerade in einem Corona-Ermutigungstext gelesen) »… er sich um alles kümmert«. Nein, das tut er nicht – zumindest nicht in jenem oberflächlichen Trost-Sinn, wie dieses Wort wohl verstanden werden sollte. Leben und Glaube sind komplizierter, ambivalenter, geheimnisvoller als wir es gerne hätten. Gott und mein Glaube sind keine Anti-Schmerz- und Leid-Versicherung, das Gebet kein Verhinderungsautomat für alles Ungute. Wenn Sturm kommt – stürmt es auch bei Christen.
Und genau das blenden wir so gerne aus. Denn darin begegnen wir der Unverfügbarkeit Gottes und der Ambivalenz von Leben und Tod. Der uns das Leben gab – kann es auch wieder nehmen. Kann zulassen oder wegschauen, wenn Leben bedroht ist – oder genommen wird. Warum Gott das zulässt, ist eine der bohrenden Fragen des Glaubens. Die Quelle immerwährender Zweifel. Eine fest eingebaute Ohnmacht vor dem Geheimnis Gottes – oder, ehrlicher: vor unserem Nichtverstehen Gottes. Wir können an ihn glauben, wir können ihn suchen, uns an ihn halten, den Glauben an ihn nicht aufgeben – aber wir können ihn nicht verstehen, in den Griff bekommen, unsere Ohnmacht in unangefochtene Fraglosigkeit verwandeln.
Kämpfen in der Krise
Und das macht Glaube anspruchsvoll – gerade in Krisen. Denn es ist ja gerade das Wesen der Krise, dass wir sie eben nicht im Griff haben. Sondern dass sie uns im Griff hat. Sie definiert sich geradezu durch unsere Ohnmacht und Einsicht, dass wir – jetzt gerade oder auch generell und letztlich – hilflos sind gegenüber den großen Zumutungen von Leid, Schmerz, Sterben und Tod. Dass Gott etwas zulässt, das wie ein Felsblock in unser Leben ragt, an dem wir nicht vorbeikommen. Der schmerzt und wund reibt und unverrückbar ist für uns.
Kein Leben ohne Krisen-Erfahrung. Kein Glaube – ohne dass wir den Kampf aufnehmen, auch in Krisen zu glauben. Denn es ist ein Kampf. Weil dieser allmächtige Gott doch all das mit einem Fingerschnipsen wegnehmen könnte, was er da gerade in meinem – oder im Leben eines geliebten Menschen – zulässt … es aber nicht tut! Und das als guter Vater und als unendliche Liebe, wie die Bibel sein Wesen beschreibt. Zu dem ich »Papa« sagen darf und mich kindlich vertrauend flüchten soll. Der mich kennt und geschaffen hat und bejaht. Der aber trotz all seiner Liebe, Güte und Allmacht ganz offensichtlich zulässt, dass mir oder anderen dies oder das passiert. Wie soll ich da glauben? Wie soll ich da mein Vertrauen bewahren? Wer ist dieser geheimnisvolle, unverständliche, liebende Gott, wenn es so wehtut und lebensgefährlich wird?
Glaube in der Krise ist ein Kampf. Ein Kampf, ob auch jetzt, wo der Himmel dunkel ist und meine Angst und Verzweiflung groß – stimmt und wirksam bleiben soll, wozu ich mich entschlossen habe: Ich will glauben! Denn das ist meine Einsicht: Ich muss und will den Kampf aufnehmen! Ich will festhalten an dem, der mir das Leben gegeben hat. Ich lasse ihn nicht los, auch wenn ich ihn gerade nicht verstehe. Ich halte die Hand fest, die mich doch gerade zu schlagen scheint. Ich habe mich entschieden dafür – und habe es in guten Tagen eingeübt, was jetzt in schlechten Tagen gelten soll: Gott ist Gott. Und ich bin sein Kind. Und er ist meine Zuflucht, auch wenn ich ihn gerade nicht verstehe.