Kitabı oxu: «Grundwissen Stress»

Şrift:

Grundwissen Stress

ISBN 978-3-86676-651-8

Clemens Lorei & Frank Hallenberger (Hrsg.)

Grundwissen Stress

ISBN 978-3-86676-651-8


Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

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Vorwort

Liebe Leser,

Das Buch „Grundwissen Stress“ verfolgt das Ziel, elementares Wissen zum Thema Stress vor allem für die Polizei in Aus- und Fortbildung aber auch Interessierten aus anderen Bereichen zur Verfügung zu stellen. Dabei richtet es sich in erster Linie an Polizeibeamte und an andere Einsatzkräfte. Die Beiträge sollen dazu dienen, nützliche und wissenschaftlich fundierte Kenntnisse zu vermitteln. Neben den wichtigsten Theorien werden die auslösenden Bedingungen von Stress, deren kognitive Verarbeitung und die Auswirkungen dargestellt. Natürlich dürfen nicht die Hinweise zur Bewältigung von Stress fehlen. Wir haben uns Mühe gegeben, möglichst allen relevanten Themen von A wie Angst bis Z wie Zeitdruck Raum zu geben.

Die Autoren sind renommierte polizeiinterne Experten und externe Wissenschaftler, die sich mit der Polizei und ihrem Handeln beschäftigen Wir danken allen für ihre Bereitschaft und ihr Engagement, die das Entstehen dieses Buches ermöglicht haben.

Da sich Arbeit, Gesellschaft, Technik und Zeit verändern, werden sowohl die wissenschaftlichen Theorien als auch die praktischen Anwendungsbereiche weiterentwickelt, ergänzt und aktualisiert. Ebensolches soll auch diesem Lehrwerk widerfahren. Die Herausgeber freuen sich deshalb auf Kommentare, Bemerkungen und Anregungen an grundwissen@polizeiwissenschaft.de.

Wir wünschen den Polizeipraktikern unter den Lesern, dass sie die Inhalte des Buches erfolgreich für ihr Handeln nutzen können. Den Lehrenden und Trainern mögen die Inhalte Erinnerung und Unterstützung bei ihrer Arbeit sein sowie vielleicht auch Ergänzungen und Anregungen zu bestehendem Wissen liefern.

Prof. Dr. Clemens Lorei

Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung

Dr. Frank Hallenberger

Fachhochschule für öffentliche Verwaltung

Fachbereich Polizei – Rheinland-Pfalz

Wir danken allen Autoren, die mit ihrer Bereitschaft und ihrem Engagement zum Entstehen dieses Buches beigetragen haben.

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen

• Stresstheorien – Zentrale und aktuelle Stresskonzeptionen für die polizeiliche Praxis

Andrea Fischbach, Philipp W. Lichtenthaler, Nina Horstmann, Jessica Boltz

• Stressreaktionen

Clemens Lorei

• Stressmanagemen

Dagmar Siebecke, Gert Kaluza

• Stress & Leistung

Clemens Lorei

• Stress und Gesundheit

Michael Kastner

Polizei und Stress

• Polizei & Stress

Clemens Lorei, Frank Hallenberger, Andrea Fischbach, Philipp W. Lichtenthaler

• Psychologische Aspekte von Gesundheitsverhalten und Work-Life-Balance im Polizeiberuf

Petia Genkova, Michael Johann

• Burnout

Claus Polndorfer

• Hoher Stress: Traumata

Frank Hallenberger

• Traumatisch erfahrene Ereignisse und Traumafolgestörungen im Polizeiberuf

Dagmar Arndt, Irmtraud Beerlage

Stresstheorien – Zentrale und aktuelle Stresskonzeptionen für die Polizeiliche Praxis

Andrea Fischbacha, Philipp W. Lichtenthalerb, Nina Horstmannc & Jessica Boltzd

a Prof. Dr. rer. nat., Dipl.-Psych., Deutsche Hochschule der Polizei

b Dipl.-Psych., Deutsche Hochschule der Polizei

c Dr., Deutsche Hochschule der Polizei

d Dipl. Psych., Deutsche Hochschule der Polizei

Braucht ein Lehrbuch Stress für die Polizei wirklich ein Kapitel über Stresstheorien? Warum sollten sich Polizeipraktiker überhaupt mit Theorien beschäftigen? Es reicht doch zu wissen, was man bei Stress machen kann, was nützlich und zielführend ist, oder? Ja, aber auf welcher Grundlage wird dieses Handlungswissen begründet? In einer langjährigen Berufspraxis erwerben wir häufig implizites Handlungswissen und implizite Theorien, die nur leider nicht immer stimmen müssen und uns über wichtige Probleme hinwegtäuschen können. Beispiele dafür sind Aussagen wie: „Stress ist subjektiv und hängt von der Person und ihrer Erlebensweise ab“, oder: „Wenn die Mitarbeiter mit dem Schichtmodell zufrieden sind, gibt es keinen Grund es zu ändern“. Berufspraktiker sollten Aussagen wie diese kritisch reflektieren können. Ziel dieses Kapitels ist es, zentrale und aktuelle Stresstheorien und damit verbundene wissenschaftliche Methodik und empirische Erkenntnisse zu vermitteln. Dieses Wissen soll Berufspraktiker in die Lage versetzen, Probleme und Herausforderungen der Stressthematik im Berufsfeld Polizei zu erkennen und zu erklären und so das eigene Handeln auf der Grundlage wissenschaftlicher Evidenz zu begründen.

Stress – Konzeption und Begriffe

Hans Selye, der als Begründer der systematischen Stressforschung gilt, hat eine korrekte Definition von Stress schon 1976 als „eines der zehn größten Probleme nach 40 Jahren Stressforschung“ beklagt (Selye, 1976a). Weitere knapp 40 Jahre später scheint die Frage „Was ist Stress?“ immer noch schwer in einem Satz zu beantworten (Cooper, Dewe & O’Driscoll, 2001; Meurs & Perrewé, 2011; Zapf & Semmer, 2004). So beklagen beispielsweise Zapf und Semmer in ihrem Überblicksartikel zu Stress immer noch „babylonisches Begriffswirrwarr“ (2004, S.1008). Cooper und Kollegen (2001) stellen fest, dass der Begriff Stress sowohl für auslösende Bedingungen, Reaktionen und Prozesse verwendet wird und es damit immer wieder zu Verwirrung in der Literatur kommt und Meurs und Perrewé (2011) kritisieren die über lange Jahre dominierende Fokussierung in der Stressforschung auf die negativen und schädigenden Aspekte von Stress und die Vernachlässigung der Erforschung von positiven und adaptiven Aspekten von Stress. Eine allgemeingültige Definition für Stress existiert hiernach bis heute nicht. Im Folgenden versuchen wir daher, zunächst eine Auswahl von älteren und neueren Stresstheorien und Konzeptionen darzustellen, die die Stressforschung aktuell beeinflussen und aus denen wichtige Erkenntnisse zur Beschreibung, Erklärung und Vorhersage von Stress in der Arbeit und Handlungsempfehlungen für die berufliche Praxis abgeleitet werden können. Wir versuchen den gemeinsamen Kern dieser Konzeptionen herausarbeiten und die Implikationen für die Praxis zusammenfassend darzustellen.

Stress und das Allgemeine Adaptionssyndrom von Selye

Der Physiologe Selye (1956) definiert Stress als die Wechselwirkung von Schädigung („damage“) und Verteidigung („defence“), vergleichbar mit dem Begriff der Spannung aus der Physik („tension“), der die Wechselwirkung von Kraft und Widerstand kennzeichnet. Stress hat nach Selye die Funktion Adaptionsleistung im Organismus zu initiieren (Selye, 1950). Auslöser für Stress können vielfältige spezifische Stressoren sein, beispielsweise ein Streit zwischen Eheleuten, Frustration bei der Arbeit oder eine Verbrennung. Ein wesentliches Merkmal der Konzeption Selyes ist die Unspezifität der Stressreaktion. Er ging davon aus, dass unterschiedlichste Stressoren eine identische Stressreaktion auslösen. Das heißt, dass ein Stressor neben der für ihn jeweils spezifischen Wirkung (z. B. Ärger über den Partner, Arbeitsunzufriedenheit, eine Brandwunde) generell Wirkung als Stress entfaltet. Stress manifestiert sich im Allgemeinen Adaptionssyndrom (engl. general adaption syndrom). Das Allgemeine Adaptionssyndrom beinhaltet alle durch Stressoren ausgelösten unspezifischen biologischen Veränderungen und beschreibt die chronologische Entwicklung der körperlichen Reaktion auf akute und andauernde Stressoren jedweder Art (Selye, 1950, 1956). Der Organismus versucht dabei, sich an aktuelle und andauernde Stressoren zu adaptieren, um das vital notwendige körperliche homöostatische Gleichgewicht (z. B. Glukoseniveau im Blut) aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen. Damit soll die körperliche Funktionsfähigkeit sichergestellt werden. Die Anpassung erfolgt durch charakteristische Veränderungen, die in drei Phasen unterteilt werden und die physiologische Stressreaktion widerspiegeln. Die erste Phase („Alarmreaktion“) ist durch einen Anstieg der Glucocorticoide (Hormone aus der Nebennierenrinde, bereiten den Körper auf die „Alarmreaktion“ vor durch Einfluss auf Stoffwechsel, Herz-Kreislaufsystem, etc.) gekennzeichnet und dauert einige Minuten bis wenige Stunden an. In Laborexperimenten mit Tieren zeigt sich: Ist der schädigende Reiz zu intensiv, stirbt der Organismus unter fortgesetzter Stimulation nach kurzer Zeit. Überlebt er jedoch diese erste Phase, kommt es zu einem Absinken des Glucocorticoidspiegels (Selye, 1976a). Diese zweite Phase interpretierte Selye als eine gelungene Anpassung des Organismus an den jeweiligen Stressor („Widerstandsphase“). Unter anhaltender Belastung kann es jedoch dazu kommen, dass die Adaptationsfähigkeit des Körpers überschritten wird, was wiederum zu einem Anstieg des Glucocorticoidspiegels führt. Bleibt der Stress bestehen, kommt es zu langfristig schädigenden Folgen. Im Laborexperiment mit Tieren stirbt der Organismus („Erschöpfungsphase“).

Abbildung 1


Stress und physiologische Reaktionen

Selye zeigte, dass die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse (HHNA) als die zentrale Stressachse des Körpers angesehen werden muss (Selye, 1976b). Seine Erkenntnisse über die Bedeutung der Nebennierenrinden-Hormone für die physiologische Stressreaktion und seine Konzeptualisierung dieser hormonellen Stressreaktion wird bis heute als weitgehend richtig angesehen (Kirschbaum & Hellhammer, 1999; Kirschbaum, 1991). Die HHNA ist ein komplexes Netzwerk interagierender Hormone und Nervenbahnen, die die Synthese und Sekretion des als Stresshormon bezeichneten Cortisols regulieren. Dabei ist der primäre Aktivator der HHNA der Corticotropin Releasing Faktor (CRF), der im Gehirn in einer Region des Hypothalamus produziert wird. Seine Freisetzung wird wahrscheinlich von Nervenbahnen aus dem Hirnstamm ausgelöst. CRF gelangt zum Hypophysenvorderlappen, wo es die Sekretion des adrenocorticotrophen Hormons (ACTH) induziert. ACTH erreicht die Nebennierenrinde und bewirkt die Synthese und Sekretion von Cortisol und anderen Glucocorticoiden. Cortisol ist lebensnotwendig und wird in einem spezifischen zirkadianen Rhythmus produziert. Es reguliert den Glucoseverbrauch im Gewebe, die Umwandlung von Fetten in Glucose, den Elektrolythaushalt und übt Effekte auf das Immunsystem aus. Darüber hinaus beeinflusst Cortisol die Funktionen des Zentralen Nervensystems (ZNS), insbesondere den Tiefschlaf (slow wave sleep), die Stimmung und die Wahrnehmungsschwellen für Sinnesreize (z. B. Chida & Steptoe, 2009). Physische und psychische Stressoren führen zu einer bedeutsamen Steigerung der HHNA-Aktivität. Dieser Anstieg kann in Studien sowohl als Folgereaktion auf akute Stressoren (z. B. Deinzer, Kirschbaum, Gresele & Hellhammer, 1997), als auch als Folgereaktion bei länger einwirkenden Stressoren (Lundberg & Hellström, 2002; Michaud, Matheson, Kelly & Anisman, 2008) nachgewiesen werden. Die Erhöhung des Cortisolspiegels führt zu einer erhöhten Wachheit, Mobilisierung von Energie und einer erhöhten Durchblutung der Muskulatur. Gleichzeitig führt der erhöhte Cortisolspiegel dazu, dass weniger akut benötigte Körperfunktionen wie die Verdauung reduziert werden. Damit steht dem Körper kurzfristig mehr Energie zur Verfügung. Dieses erhöhte Reaktionspotenzial soll den Organismus in die Lage versetzen, auf akute Stressoren Einfluss zu nehmen. Im günstigsten Fall kann die Bedrohung durch „Kampf“ oder „Flucht“ beendet werden. Die Synthese und Sekretion von Cortisol wird dann wieder verringert, wenn der Stressor nicht mehr aktiv ist. Kommt es allerdings zu einer anhaltenden Stressoraktivität und damit zu einer anhaltenden stressinduzierten Glucocorticoitausschüttung, wird die Anpassungsreaktion überfordert. Im Tierexperiment kommt es zu krankhaften Veränderungen der Nebennierenrinde, der Thymusdrüse und zu Magengeschwüren (Selye, 1976b).

Neben dem hormonellen System der HHNA-Achse ist die Sympathikus-Nebennierenmark-Achse als zweites Kommunikationssystem für den Informationsaustausch zwischen den einzelnen Organen des Körpers am Stressgeschehen beteiligt (siehe z. B. Despopoulos & Silbernagl, 2003). Die Erforschung dieser Stressachse geht auf die Arbeiten von Cannon (1913) zurück. Das Nebennierenmark ist ein Gewebeabschnitt der Nebennieren. Die Steuerung der Sympathikus-Nebennierenmark-Achse erfolgt in erster Linie durch den Hypothalamus, ein Gehirnabschnitt, der besonders für die Steuerung der vegetativen Funktionen zuständig ist, und das limbische System, das als neuroanatomische Grundlage von Emotionen angesehen wird und u. a. Informationen an den Hypothalamus weitergibt. Das Nebennierenmark setzt bei Aktivierung die beiden Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin frei. Unter Einfluss eines Stressors kommt es dann zu einer unmittelbaren, stark erhöhten Ausschüttung. Die wichtigste Funktion ist eine schnelle Mobilisierung eingelagerter Energiereserven. Weniger wichtige Organfunktionen werden heruntergefahren (z. B. die Verdauung). Darüber hinaus beeinflusst die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin unter Stress kardiovaskuläre Funktionen. Die Herzfrequenz, Kontraktilität und Blutdruck steigen an. Weiterhin werden über die Katecholamine die Skelettmuskeln, das Herz und das Gehirn vermehrt mit Sauerstoff versorgt. Cannon (1913) hat diese schnelle körperliche Reaktion auf unmittelbare Gefahren und starke Emotionen wie Furcht, Angst, oder Wut als „fight-or-flight“ Reaktionen charakterisiert. Selye konnte zeigen, dass die stark erhöhte Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin und die damit erreichte schnelle und unmittelbare Ausstattung des Organismus für Flucht oder Angriff, die in Stresskonzeption Cannons im Vordergrund stand, hauptsächlich in der kurzen Phase der Alarm-Reaktion eine Rolle spielt. Von größerer Bedeutung für die langfristigen körperlich schädigenden Folgen von Stress ist hingegen die Ausschüttung der Glucocordicoide, die die „Erschöpfungsphase“ charakterisieren (Szabo, Tache & Somogyi, 2012).

Es war die herausragende Leistung von Selye, die Manifestation von Stress im Allgemeinen Adaptionssyndrom nachzuweisen und so zu zeigen, wie Stresserfahrungen auf vitale Körperfunktionen Einfluss nehmen. Die Körperfunktionen werden in der Stresserfahrung auf Adaptionsleistungen ausgerichtet. Gelingt es dem Organismus, den Stressor zu eliminieren, findet über die Erholungsphase der Körper in sein physiologisches Gleichgewicht zurück (z. B. Gustafsson, Lindfors, Aronsson & Lundberg, 2008). In diesem Verlauf ist Stress ein wichtiger Hinweisgeber, um den Anforderungen im Leben gerecht werden zu können. Andauernde und längerfristige Stresserfahrungen, in denen eine Adaption nicht gelingt, führen hingegen langfristig zur Schädigung wichtiger Körperfunktionen, Krankheit und im Extremfall zum Tod (Kivimäki et al., 2012; Segerstrom & Miller, 2004). In diesem Verlauf ist Stress ein lebensbedrohlicher Zustand (Selye, 1976b).

Positiver vs. Negativer Stress – Aktuelle Konzeptionen

Selye stellte zunächst die schädigenden Effekte von Stress in das Zentrum seiner Forschung und Konzeption. In den 1970ern führte er dann die Begriffe Disstress („schlechter/ negativer Stress“) und Eustress („guter/positiver Stress“) ein, um zu unterscheiden, ob eine Stressreaktion (das Allgemeine Adaptionssyndrom) durch einen negativen unangenehmen Stressor oder durch einen positiven angenehmen Stressor (Selye nennt als Beispiele einen Streit zwischen Eheleuten im Vergleich zum Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Eheleuten) ausgelöst wurde (Selye, 1974). Darüber hinaus führt die Erfahrung, einen negativen unangenehmen Stressor nicht bewältigen zu können, nach Selye (1974) zu negativen Erlebniszuständen, die er ebenfalls Disstress nennt. Umgekehrt führt die Erfahrung, einen negativen unangenehmen Stressor erfolgreich bewältigt zu haben, zu positiven Erlebniszuständen, die er ebenfalls als Eustress bezeichnet. Selye macht deutlich, dass es ohne Stress nicht zu solchen positiven Erlebniszuständen kommen kann. Dabei erhöht ein regelmäßiger erfolgreicher Umgang mit Stress die Fitness zukünftige Stressoren zu meistern. In diesem Sinne sollte Stress nach Selye nicht grundsätzlich als negativ betrachtet werden und sollte also nicht in jeder Form unterdrückt werden. Vielmehr geht es nach Selye darum, Disstress zu reduzieren und Eustress zu fördern. „We must not suppress stress in all its forms, but diminish distress and facilitate eustress, the satisfactory feeling that comes from the accomplishment of tasks we consider worth while.“ (Selye, 1976a, S. 56).

Seitdem sind die Konzepte Eustress und Disstress zwar sehr populär, letztlich blieb aber eine theoretische und methodische Entwicklung dieser Stresskonzeption und eine systematische Erforschung von positiven und negativen Konsequenzen von Stress lange Zeit aus (Edwards & Cooper, 1988). Erst in jüngster Zeit haben Forscher herausfordernde Stressoren (challenge stressors) und behindernde Stressoren (hindrance stressors) systematisch unterschieden und deren positive und negative Effekte auf physisches und psychisches Wohlbefinden und arbeitsbezogene Performanzkriterien empirisch untersucht (Cavanaugh, Boswell, Roehling & Boudreau, 2000; LePine, Podsakoff & LePine, 2005; Podsakoff, LePine & LePine, 2007; Widmer, Semmer, Kälin, Jacobshagen & Meier, 2012).

Aufbauend auf der Stresskonzeption von Selye haben Lazarus & Folkman (1984) in ihrem transaktionalen Stressmodell hervorgehoben, dass sich die Wirkung von Stressoren unterscheidet, je nachdem wie Stressoren bewertet und bewältigt werden. Stehen Personen genügend (problem- und emotionsbezogene) Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten (Coping Strategien) zur Verfügung, bewerten sie einen Stressor als „Herausforderung“. Stehen Personen hingegen wenig Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung, bewerten sie einen Stressor als „Schädigung“ oder „Bedrohung“. Steht ein Polizeibeamter beispielsweise in einem Demonstrationsgeschehen vor einer pöbelnden Menge wird diese Situation wohl grundsätzlich als unangenehm empfunden. Die Stärke dieser negativen emotionalen Reaktion wird sich dann aber danach unterscheiden, ob der Polizeibeamte alleine oder gemeinsam mit andere Kolleginnen und Kollegen diese Situation erlebt. Die soziale Unterstützung von Kollegen bietet in einer solchen Situation z. B. die potenzielle problembezogene Bewältigungsmöglichkeit, bei möglichen körperlichen Ausschreitungen der Demonstrationsteilnehmer gemeinsam wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen zu können. Daneben besitzt der Polizeibeamte möglicherweise ein hohes Maß an Emotionsregulationskompetenz und schafft es z. B. seinen aufkommenden Ärger oder Furcht vor einer möglichen Eskalation der Lage zu besänftigen. Diese emotionsbezogene Bewältigungsfähigkeit (Emotionsregulationskompetenz) gemeinsam mit der problembezogenen Bewältigungsmöglichkeit (Einsatzkollegen) könnte dann dazu beitragen, in dieser Situation gelassener zu reagieren, während ein Fehlen solcher Copingstrategien dazu beiträgt, in dieser Situation mit erhöhter Anspannung zu reagieren. Diese Konzeption wurde vielfach fälschlicherweise so interpretiert, dass es „rein subjektiv“ sei, es also allein auf die jeweilige Person und ihre individuelle Sichtweise und aktuelle Bewältigungsstrategie ankomme, ob ein Stressor als bedrohend oder herausfordernd wahrgenommen wird. Es ist aber vielmehr so, dass bestimmte (arbeitsbezogene) Stressoren relativ konsistent als belastend oder herausfordernd wahrgenommen werden (Brief & George, 1995; Semmer, 2003). So ist beispielsweise innerhalb einer Organisation eine relativ hohe Übereinstimmung festzustellen, wie bestimmte Arbeitsbedingungen von den Organisationsmitgliedern interpretiert werden. Darüber hinaus entfalten diese Stressoren konsistente Effekte auf das Wohlbefinden und die Performanz der Organisationsmitglieder (Sonnentag & Frese, 2003). Diese Übereinstimmung in der Bewertung und Wirkung von Stressoren deutet damit auf objektive Bedingungsmerkmale hin, die den Stressprozess (kurzfristige Stressreaktionen und langfristige Stressfolgen) wahrscheinlich auslösen. Das Stressorenkonzept ist damit vergleichbar mit dem Konzept der Risikofaktoren in der Medizin. So ist z. B. Rauchen ein ernst zu nehmender Risikofaktor für Erkrankungen, wobei nicht jeder Raucher erkranken wird. Challenge (herausfordernde) Stressoren sind nach dieser Konzeption Stressoren, die Menschen relativ konsistent als solche Anforderungen in der Arbeit beschreiben, die potenziell die persönliche Entwicklung und die Leistungserfüllung steigern können. Hindrance (behindernde) Stressoren sind Stressoren, die Menschen relativ konsistent als solche Anforderungen in der Arbeit beschreiben, die potenziell für die persönliche Entwicklung und Leistungserfüllung hinderlich sind (Podsakoff et al., 2007; Widmer et al., 2012). Zu den Challenge Stressoren zählen z. B. Zeitdruck, Arbeitsdichte, Arbeitsumfang und Verantwortung, zu den Hindrance Stressoren zählen z. B. Rollenambiguität, Rollenkonflikte, soziale Konflikte, eine negative Organisationspolitik, mangelhaftes Führungsverhalten und Arbeitsplatzunsicherheit (Cavanaugh et al., 2000). Die Ergebnisse zweier Metaanalysen (LePine et al., 2005; Podsakoff et al., 2007) zeigen, dass sowohl Challenge als auch Hindrance Stressoren positiv mit Stressreaktionen (z. B. Irritation, Burnout, Depression) zusammenhängen. Beide Stressorengruppen entfalten also eine negative Wirkung auf Indikatoren für physische und psychische Gesundheit und Wohlbefinden, wie es schon in der Konzeption von Selye postuliert wurde. Allerdings haben Challenge Stressoren darüber hinaus einen positiven Effekt auf Motivation und Performanz, während Hindrance Stressoren einen negativen Effekt auf Motivation und Performanz haben. Widmer und Kollegen (2012) können für den Challenge Stressor „Zeitdruck“ zeigen, dass dieser Stressor den arbeitsbezogenen Selbstwert erhöhen und darüber eine positive Einstellung zum Leben fördern kann. Dieser motivationale, leistungssteigernde und psychische Gesundheit fördernde Effekt der Challenge Stressoren ist also, neben den gleichzeitigen Kosten solcher Anforderungen für physische und psychische Gesundheit, ein Gewinn, während die motivationshemmenden und leistungsmindernden Effekte der Hindrance Stressoren doppelt Kosten verursachen, sowohl auf der Seite der physischen und psychischen Gesundheit, als auch auf der Seite von Motivation und Leistung.

Abbildung 2


Stress und Selbstwert

Im aktuellen Stressmodell von Semmer (Semmer, Jacobshagen, Meier & Elfering, 2007) wird die soziale Bedeutung von Stressoren hervorgehoben. Hiernach ist ein objektiver Stressor (der Stimulus, der den Stressprozess auslöst) für Menschen besonders dann stressend, wenn er so bewertet wird, dass er den persönlichen oder sozialen Selbstwert bedroht. Eine positive Selbstbewertung (von Semmer als „persönlicher Selbstwert“ bezeichnet) und eine positive Bewertung durch andere (von Semmer als „sozialer Selbstwert“ bezeichnet) gehören zu den stärksten menschlichen Motiven (Epstein, 1998) und sind ein zentraler Indikator für psychische Gesundheit. Wird der Selbstwert bedroht, folgt eine Stressreaktion. Für Semmer ist der Angriff auf das Selbst das Kernelement im Stresserleben. Stressoren treten in einem sozialen Kontext auf (z. B. dem Arbeitskontext). Der soziale Kontext verleiht Stressoren eine zusätzliche Bedeutung. Semmer unterscheidet „Stress through Insufficiency“ (Stress, der durch Versagenserleben ausgelöst wird) und „Stress through Disrespect“ (Stress, der durch Respektlosigkeit ausgelöst wird).

„Stress through Insufficiency” wird durch Misserfolge ausgelöst, die internal als selbst verursachte Fehler interpretiert werden. Diese internale Attribution von Misserfolg führt zu einer Abwertung des persönlichen Selbstwerts. „Stress through Disrespect“ ist ein Angriff auf den sozialen Selbstwert der Mitarbeiter, ausgelöst durch mangelnden Respekt und geringe Wertschätzung. Mangelnder Respekt kann durch direkte illegitime Verhaltensweisen anderer, illegitime Stressoren oder illegitime Aufgaben erlebt werden. Beim expliziten Ausdruck von Missachtung wird der Angriff auf den sozialen Selbstwert der Mitarbeiter besonders deutlich. Es ist die Illegitimität der Handlung anderer Organisationsmitglieder, die als soziale Stressoren eine Stressreaktion hervorruft. Dazu gehören beispielsweise persönliche Beleidigungen, jemanden vor anderen bloßzustellen oder ein unhöfliches ungerechtfertigtes Feedback. Aber auch aufgaben- und arbeitsbezogene Stressoren können als „illegitim“ bewertet werden, obwohl keine direkte soziale Beteiligung erkennbar ist. Der Stressor wird in der Bewertung seiner Ursache als mangelnde Beachtung von legitimen Bedürfnissen der Mitarbeiter interpretiert. Beispielsweise wird durch regelmäßige Computerabstürze (ein aufgabenbezogener Stressor) Stress ausgelöst, weil dies die Aufgabenerledigung behindert. Wenn Mitarbeiter darüber hinaus diese Situation so bewerten, dass sich die Organisationsleitung nicht ausreichend für gut funktionierende Arbeitsgeräte einsetzt und es egal ist, wie gut oder schlecht man täglich arbeiten kann, dann erhält dieser Computerabsturz eine zusätzliche illegitime soziale Bedeutung, es handelt sich um einen illegitimen Stressor. Schließlich können illegitime Aufgaben im Vergleich zu legitimen Aufgaben Stressreaktionen deutlich verstärken. Bei illegitimen Aufgaben handelt es sich um zugeteilte Aufgaben, die in Abgrenzung zu den Kernaufgaben entweder als unangemessen oder unnötig wahrgenommen werden. Zu jedem Beruf zählen Aufgaben, die grundsätzlich stressend sind (z. B. Zeitdruck in einem Sekretariat, der Umgang mit Toten und Verletzten bei einem Polizeieinsatz oder die Versorgung von Schwerkranken in einem Krankenhaus). Solche Stressoren sind unveränderlich mit dem Berufsbild verbunden. Die Bewältigung solcher Aufgaben bestätigen die eigene berufliche Identität, machen zufrieden, sind eine interne Belohnung und damit selbstwertsteigernd. Oben wurde bereits gezeigt, wie die gesundheitsförderliche Wirkung von Challenge Stressoren über die positive Selbstwertbestätigung der sozialen Berufsrolle vermittelt wird (Widmer et al., 2012). Polizeibeamte, die bei einer extremen Einsatzlage viele Stunden eingesetzt sind, bestätigen ihre berufliche Kernidentität und werden sich kaum über lange Arbeitszeiten beschweren. Werden sie hingegen aufgefordert Überstunden zu machen, um für eine Controllingmaßnahme Daten zu erfassen, wird es wahrscheinlicher sein, dass sie sich beschweren („dafür bin ich nicht zur Polizei gegangen“), weil sie diesen Auftrag als illegitim bewerten. In einer Studie fragten Semmer und Kollegen (Semmer, Jacobshagen & Meier, 2006) Berufstätige nach ihren Aufgaben und ließen diese im Anschluss einschätzen, bei welchen davon sie glauben, dass sie a) von jemand anderem erledigt werden sollten (diese wurden von den Forschern im Anschluss als „unangemessen“ klassifiziert) oder b) bei denen man sich fragt, ob sie überhaupt erledigt werden müssen (diese wurden von den Forschern im Anschluss als „unnötig“ klassifiziert). Insgesamt wurden ein Drittel aller genannten Aufgaben als illegitim bewertet. Dabei waren bei den als Primäraufgaben klassifizierten Aufgaben (z. B. Unterrichten bei Lehrern) nur 10 % der Aufgaben als illegitim bewertet worden, während bei den Sekundäraufgaben (z. B. Formulare zu Dokumentationszwecken ausfüllen) nahezu zwei Drittel der Aufgaben als illegitim eingeschätzt worden waren. Ein standardisierter Fragebogen dieser Forschergruppe zu illegitimen Aufgaben zeigt, dass der Stressor illegitime Aufgaben wie erwartet mit Wohlbefinden negativ korreliert und dass er über die negativen Effekte von aufgabenbezogenen und sozialen Stressoren auf Wohlbefinden hinaus einen zusätzlichen negativen Effekt auf das Wohlbefinden hat (Jacobshagen, Liechti, Stettler & Semmer, 2009).

Stress und Ressourcen

Ressourcen spielen im Stressgeschehen eine entscheidende Rolle. Die bedeutende Rolle von Ressourcen im Stressgeschehen bei Menschen wurde schon von Selye erkannt, wobei er sich in seiner tierexperimentellen Forschung auf die generelle Wirkung von Stressoren im Allgemeinen Adaptionssyndrom konzentrierte (Szabo et al. 2012). Im transaktionalen Stressmodell (Lazarus & Folkmann, 1984) wird postuliert, dass die Bewertung von Stressoren und ihre kurz und langfristigen Folgen von den Bewältigungsfähigkeiten und Bewältigungsmöglichkeiten der Person abhängen. Ausgehend von nachfolgend konzipierten Stressmodellen ist die Rolle von Ressourcen im Stressprozess mittlerweile empirisch sehr gut belegt worden. Zapf und Semmer (2004) haben herausgearbeitet, wie Ressourcen an verschiedenen Stellen des Stressgeschehens ihre gesundheitsförderliche Wirkung entfalten. Empirische Arbeiten zum Zusammenhang von Stressoren, Ressourcen und Stressfolgen zeigen, dass ein Stressor besonders dann negative Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden hat, wenn zu wenig Ressourcen zur Stressbewältigung zur Verfügung stehen (Bakker, Demerouti & Euwema, 2005; Bakker, Hakanen, Demerouti & Xanthopoulou, 2007). Dieser Moderationseffekt lässt sich zum einen damit erklären, dass Ressourcen ein Sicherheitssignal darstellen, das die negative Bewertung des Stressors als bedrohlich oder schädigend abschwächen kann, und zum anderen dadurch, dass Ressourcen bei der konkreten Stressbewältigung helfen, weil sie Bewältigungsmöglichkeiten und Strategien zur Verfügung stellen. Eine erfolgreiche Adaptionsleistung führt dann in der Folge zu geringeren Stressfolgen und wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus. Darüber hinaus zeigen empirische Befunde, dass Ressourcen auch direkt positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden der Mitarbeiter wirken (Crawford, Lepine & Rich, 2010). Dieser Effekt lässt sich aus der selbstwertsteigernden Wirkung von Ressourcen ableiten (so zeigen beispielsweise Karriereentwicklungsmöglichkeiten, dass ich in der Organisation mit meinen Fähigkeiten und Kompetenzen geschätzt werde), aus der Funktionalität von Ressourcen für die Befriedigung persönlicher Ziele (so verschafft mir beispielsweise eine Gehaltserhöhung die Möglichkeit, einen langgehegten Konsumwunsch zu erfüllen) und aus dem Wert von Ressourcen an sich (z. B. der Erholungsurlaub bietet Freiräume und Entspannungsmöglichkeiten). Schließlich können Ressourcen bereits die Auftretenswahrscheinlichkeit für Stressoren reduzieren. So wirken sie indirekt auf Gesundheit und Wohlbefinden, weil durch eine Reduzierung der Stressoren auch geringere negative Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden folgen. So können Mitarbeiter mit hohem Handlungsspielraum einen weiteren Arbeitsauftrag möglicherweise ablehnen und dadurch die Arbeitsdichte reduzieren. Negative Korrelationen zwischen Ressourcen und Stressoren finden sich in einer Metaanalyse (Crawford et al., 2010).

In einer aktuellen Konzeption werden die Erkenntnisse zum Zusammenwirken von Stressoren und Ressourcen im Job Demands-Ressources Model (Bakker & Demerouti, 2007; Demerouti, Bakker, Nachreiner & Schaufeli, 2001) zusammengefasst. Die bis dahin einflussreichen Stressoren-Ressourcen Modelle, wie beispielsweise das Job-Demand-Control Model von Karasek (1979), das Effort-Reward-Imbalance Model von Siegrist (1996) und das Conservation of Ressources Model von Hobfoll (1998, 2001)

haben spezifische Kombinationen von Stressoren und Ressourcen als verantwortlich für das Entstehen von Stress und dessen negative Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden herausgestellt. Das Job Demand-Ressources Model definiert hingegen allgemein Stressoren und Ressourcen und bietet damit die Möglichkeit, berufsspezifische Kombinationen von Stressoren und Ressourcen in ihrer Wirkung empirisch zu untersuchen (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1

Zusammenfassung der Stress-Resourcen-Modelle


ModellnameRessourcenQuelle
Transaktionales StressmodellBewältigungsfähigkeiten und Bewältigungsmöglichkeiten der PersonLazarus & Folkmann (1984)
Job Demands-Ressources ModelZusammenfassung der Erkenntnisse zum Zusammenwirken von Stressoren und Ressourcen, z. B. Karriereentwicklungsmöglichkeiten, Gehaltserhöhung, Erholung, Handlungsspielraum etc.Bakker & Demerouti (2007), Demerouti, Bakker, Nachreiner, & Schaufeli (2001)
Job-Demand-Control ModelHandlungs- und EntscheidungsspielräumeKarasek (1979)
Erweiterung des Job-Demand-Control Modelssoziale Unterstützung am ArbeitsplatzJohnson & Hall (1988)
Conservation of Ressources Modelalle erstrebenswerten materiellen und immateriellen Güter, z. B. Ernährung, gute soziale Beziehungen, der Zielerreichung förderliche ArbeitsbedingungenHobfoll (1998, 2001)
Effort-Reward-Imbalance ModelGratifikation / Belohnung, z. B. Bezahlung, erlebte Wertschätzung, Karrieremöglichkeiten und EinflussmöglichkeitenSiegrist (1996)

Nach dem Job-Demand-Control Model von Karasek (1979) ist Stress gering ausgeprägt, wenn die Arbeit geringe Stressoren (d.h. geringe Job Demands) und hohe Handlungs- und Entscheidungsspielräume (d.h. viel Job Control) und in einer Erweiterung des Modells (Johnson & Hall, 1988) hohe soziale Unterstützung am Arbeitsplatz aufweist. Umgekehrt ist Stress bei hohen Stressoren und geringen Handlungs- und Entscheidungsspielräumen am höchsten ausgeprägt. Im Conservation of Ressources Modell von Hobfoll (1998, 2001) wird betont, dass Stress insbesondere dann entsteht, wenn Ressourcen verloren gehen. Für Hobfoll umfassen Ressourcen alle erstrebenswerten materiellen und immateriellen Güter (Ernährung, gute soziale Beziehungen, der Zielerreichung förderliche Arbeitsbedingungen). Ressourcengewinne können potenziell Ressourcenverluste kompensieren. Kommt es aber zu einem Ressourcenverlust ohne Ausgleich, sind Stressreaktionen und negative Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden besonders wahrscheinlich. Ähnlich steht im Effort-Reward-Imbalance Modell von Siegrist (1996) das Ausbleiben von Belohnungen für erbrachte Anstrengungen im Mittelpunkt der Stresskonzeption. Immer dann wenn wahrgenommene Anstrengung und Gratifikation nicht in einem angemessenen Verhältnis stehen, entsteht dem Modell zufolge Stress. So kann ein Polizeibeamter langfristige Stressfolgen wie Arbeitsunzufriedenheit, psychosomatische Beschwerden oder Burnout entwickeln, wenn er aufgrund hohen Arbeitsaufkommens häufig unter großem Zeitdruck seine Aufgaben erledigen muss, viel Verantwortung trägt und sich laufend weiterbildet um den sich ständig wandelnden Aufgaben gerecht werden zu können, während er von seinem Vorgesetzten selten die Anerkennung erhält, die er glaubt zu verdienen, kaum soziale Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen erfährt und seine beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten als unsicher erlebt. Siegrist (1996) zählt dabei die Bezahlung, erlebte Wertschätzung, Karrieremöglichkeiten und Einflussmöglichkeiten zu den zentralen Gratifikationsleistungen der Organisation. Diese Ressourcen können nach Siegrist für geleistete Anstrengungen und Bemühungen und den Einsatz von Zeit, Kraft, Qualifikation, und Identifikation angemessen kompensieren. Siegrist hat dazu den „Fragebogen zur Erfassung beruflicher Gratifikationskrisen (ERI)“ entwickelt (Siegrist et al., 2004). Mit diesem Verfahren soll die Effort-Reward-Imbalance in Betrieben objektiv quantifiziert werden, um so Hinweise zu erhalten, wo organisationale Verhältnisse, die potenzielle Risikofaktoren für das Auslösen einer Gratifikationskrise darstellen, gesundheitsförderlich gestaltet werden können. Neben diesen objektiven Bedingungen zählt Siegrist (2002) insbesondere die persönliche Neigung zur Verausgabung zu den subjektiven Faktoren, die eine Gratifikationskrise bewirken (Janzen, Muhajarine & Zhu, 2007; Kudielka, Von Känel, Gander & Fischer, 2004).

Gemeinsam ist diesen Stress-Ressourcen-Modellen, dass Stressoren dann bewältigt werden können und geringere negative Konsequenzen für Gesundheit und Wohlbefinden folgen, wenn ausreichend Ressourcen zur Bewältigung der Adaptionsleistung zur Verfügung stehen oder wenn angemessene Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, die für die Anstrengung einen Ausgleich schaffen können. Umgekehrt lösen Stressoren besonders dann Stress aus, wenn Ressourcen fehlen (Doef & Maes, 1999; Halbesleben, 2006; Luchman & González-Morales, 2013). Das Job Demands-Resources Modell (Bakker & Demerouti, 2007; Demerouti et al., 2001) verallgemeinert diese Modelle, indem es postuliert, dass jede Berufsgruppe ihre besonderen Stressoren und Ressourcen im Sinne von Risikofaktoren für Gesundheit und Wohlbefinden hat. Bakker und Demerouti (2007) definieren Demands allgemein als diejenigen physikalischen, psychologischen, sozialen und organisationalen Aspekte der Arbeit, die nachhaltig physische und psychische Anstrengung und Kompetenzen beanspruchen und deshalb mit bestimmten physischen und psychischen Kosten verbunden sind. Arbeitsbezogene Ressourcen definieren sie als diejenigen physischen, psychologischen, sozialen und organisationalen Aspekte der Arbeit, die funktional für die Aufgabenbewältigung sind, die Arbeitsbeanspruchung reduzieren und die damit verbundenen Kosten minimieren und die persönliches Wachstum, Lernen und Weiterentwicklung fördern.

Stress und interindividuelle Unterschiede

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die oben beschriebenen Zusammenhänge zwischen Stressoren, Ressourcen und physischem und psychischem Wohlbefinden nicht für jede Person in gleicher Weise gelten (Semmer, 2003; Spector, 2002). Menschen unterscheiden sich darin wie wahrscheinlich es ist, dass ihre Arbeit bestimmte Stressoren aufweist. So ist z. B. der sozioökonomische Status eine Erklärungsvariable für Unterschiede in der Häufigkeit, mit Stressoren konfrontiert zu sein. Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status (Bildung, Einkommen und berufliche Stellung) sind beispielsweise mit einer höheren Wahrscheinlichkeit in Arbeitskontexten anzutreffen, die geringe Entscheidungs- und Handlungsspielräume aufweisen. In Kombination mit hohen Arbeitsanforderungen ist für sie daher das Risiko für Stress und Folgeerkrankungen erhöht (Kivimäki et al., 2012; Kondo et al., 2009). Personen mit geringen sozialen Kompetenzen provozieren durch ihre Verhaltensweisen häufiger soziale Konflikte und haben weniger soziale Kontakte, in denen sie Wertschätzung und Unterstützung erfahren. Somit ist für diese Personengruppe im Vergleich zu Personen mit hoher sozialer Kompetenz wiederum eine höhere Wahrscheinlichkeit für soziale Stressoren in Kombination gegeben und in Folge die Wahrscheinlichkeit für Stress und geringere physische und psychische Gesundheit vergrößert. Personen mit einer sogenannten „Typ A“ Persönlichkeitskonstellation (Friedman, 1996) haben über unterschiedlichste Situationen hinweg die Tendenz, Kontrolle ausüben zu wollen, sogar dann, wenn Kontrolle nicht erlangt werden kann. Diese Persönlichkeitstypen reagieren physisch und psychisch besonders stark auf den Verlust von Kontrollmöglichkeiten, weil dieser Aspekt der Arbeit für sie von deutlich höherer Bedeutung ist als für Menschen mit geringer Typ A-Ausprägung (Marmot, Siegrist, Theorell & Feeny, 1999; Siegrist, 1996). Menschen unterscheiden sich darüber hinaus in ihrer Verletzbarkeit für Stressoren. So postuliert beispielsweise Antonovsky (1991), dass Menschen mit einem hohen Kohärenzerleben weniger angreifbar für Stressoren sind. Menschen mit hohem Kohärenzerleben nehmen ihre Umgebung als strukturiert, vorhersagbar und erklärbar wahr, sie machen verständliche Umwelterfahrungen. Sie erleben sich als Personen, die über notwendige Ressourcen verfügen, um auf ihre Umwelt Einfluss zu nehmen, und für sie sind die Anforderungen aus der Umwelt Herausforderungen, die sie grundsätzlich bewältigen können. Damit erkennen sie bei Problemen, Hindernissen und Schwierigkeiten ihre persönlichen Lern- und Entwicklungspotenziale. Menschen mit hohem Kohärenzerleben haben eine bessere physische und psychische Gesundheit und können mit Stressoren in der Arbeit so umgehen, dass daraus geringere negative Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden resultieren (Eberz, Becker & Antoni, 2011; Söderfeldt, Söderfeldt, Ohlson, Theorell & Jones, 2000; Van der Colff & Rothmann, 2009). Weitere in der Stressforschung häufig untersuchte Persönlichkeitseigenschaften, die Unterschiede in der Stresswahrnehmung und Bewältigung bedingen und damit als Schutzfaktor besonders im Umgang mit Stressoren und als Puffer für negative Stressfolgen gelten, sind: Locus of Control (Rotter, 1966), der Glaube daran, dass man Ereignisse persönlich beeinflussen kann (Alarcon, Eschleman & Bowling, 2009; Ng, Sorensen & Eby, 2006; Wang, Bowling & Eschleman, 2010); Selbstwirksamkeit (Bandura, 1977), die Überzeugung, dass ich auf Grund persönlicher Kompetenzen Aufgaben erfolgreich bewältigen werde (Alarcon et al., 2009; Consiglio, Borgogni, Alessandri & Schaufeli, 2013); Selbstwert (Rosenberg, 1965), eine positive Bewertung des Selbst (Bowling, Eschleman, Qiang, Kirkendall & Alarcon, 2010); und Emotionale Stabilität (Watson, 2000), die Fähigkeit emotional angemessen zu reagieren, was zur Überwindung von Anforderungen und Misserfolgen beiträgt (Bowling et al., 2010; Judge & Bono, 2001). Judge und Kollegen haben diese vier Persönlichkeitseigenschaften zu dem Konstrukt Zentrale Selbstbewertungen (core self evaluations; Judge, Erez, Bono & Thoresen, 2003) zusammengefasst, das eine grundlegende positive Einstellung gegenüber sich und seinen Fähigkeit beschreibt. Positive Zentrale Selbstbewertungen helfen dann beim Umgang mit Stressoren (Best, Stapleton & Downey, 2005; Kammeyer-Mueller, Judge & Scott, 2009; Park, Monnot, Jacob & Wagner, 2011).

Fazit

In diesem Kapitel wurden zentrale und aktuelle Stresstheorien vorgestellt (siehe Tabelle 2).

Tabelle 2

Übersicht über die aufgeführten Stress-Modelle


ModellnameQuelle
Stress als Allgemeines AdaptionssyndromSelye (1956)
Disstress vs. EustressSelye (1970)
Transaktionales StressmodellLazarus & Folkmann (1984)
Stress als Angriff auf das SelbstSemmer, Jacobshagen, Meier, & Elfering, 2007
Job Demands-Ressources ModelBakker & Demerouti (2007), Demerouti, Bakker, Nachreiner, & Schaufeli (2001)
Job-Demand-Control ModellKarasek (1979)
Erweiterung des Job-Demand-Control ModelsJohnson & Hall (1988)
Conservation of Ressources ModellHobfoll (1998, 2001)
Effort-Reward-Imbalance ModellSiegrist (1996)

Der Zusammenhang zwischen arbeits- und aufgabenbezogenem Stress und physischer und psychischer Gesundheit ist dabei mittlerweile eine gesicherte empirische Evidenz (Marmot et al., 1999; Sonnentag & Frese, 2003). Zwar ist die physische und psychische Gesundheit eine Folge von sehr unterschiedlichen Einflussgrößen. So wird beispielsweise das Risiko für einen Herzinfarkt durch Zigarettenrauchen und Bluthochdruck, Persönlichkeitseigenschaften, psychische Störungen, Stress in Familie und Partnerschaft und dauerhafte finanzielle Sorgen bedingt. Ebenso leistet aber auch arbeitsbezogener Stress einen nicht unerheblichen Beitrag zum Risiko für einen Herzinfarkt. Siegrist (1996) zeigt in einer Studie, dass bei Kontrolle aller möglichen weiteren Variablen das relative Risiko für eine Herzerkrankung bei Personen mit einer hohen beruflichen Gratifikationskrise (also eine hohe Verausgabung bei gleichzeitig niedriger Belohnung) immer noch mehr als doppelt so hoch ist als bei Personen mit niedriger Gratifikationskrise (niedrige Verausgabung und hohe Belohnung). Die Forschung zu physiologischen Stressreaktionen zeigt, wie vor allem über die zentrale physiologische Stressachse (die Hypophyse-Hypothalamus-Nebennieren-Achse) wichtige Körperfunktionen beeinflusst und bei Dauerbelastung geschädigt werden können. Ausgangspunkt im Stressprozess, wie ihn das transaktionale Stressmodell von Lazarus und Folkman (1984) beschreibt, sind Stressoren. Stressoren sind Umweltstimuli, die den Stressprozess auslösen. Stress ist die physiologische und psychologische Reaktion des Individuums auf diesen Auslöser. So ist das physiologische Korrelat für Stress eine Erhöhung der Cortisolausschüttung und das psychologische Korrelat das Erleben eines unangenehmen Spannungszustandes. Chronischer Stress ist mit typischen physiologischen und psychologischen Stressfolgen (Strain) korreliert. In der Forschung wurden hier insbesondere die Folgen von chronischem Stress auf körperliche Folgen wie Irritation oder koronare Herzerkrankungen und psychische Folgen wie Burnout, Depression, Erschöpfung und Ängstlichkeit nachgewiesen (Kivimäki et al., 2012). Langfristig trägt eine dauerhafte Stresserfahrung und das Leiden an Stressfolgen (Strain) zur Reduzierung der Lebenszufriedenheit und dem allgemeinen Wohlbefinden bei (Warr, 2007).

Arbeitsbezogene Stressoren wie soziale Konflikte am Arbeitsplatz, Arbeitsdichte, Zeitdruck, arbeitsorganisatorische Probleme, ungünstige Arbeitszeiten usw. entfalten ihre negative Wirkung besonders dann, wenn sich in ihnen eine Geringschätzung und Respektlosigkeit des sozialen Kontextes für die persönliche Würde und das Selbstverständnis widerspiegelt und wenn Ressourcen zur Bewältigung dieser Adaptionsanforderungen fehlen. So werden illegitimes Verhalten von Kollegen und Vorgesetzen, illegitime Stressoren, in denen sich eine mangelnde Fürsorge der Führung zeigt und illegitime Aufgaben, die der zentralen beruflichen Identität der Beschäftigten widersprechen, negativer interpretiert und es folgen stärkere Stressreaktionen (Semmer et al., 2007). Ressourcen können auch außerhalb der Arbeit zur Verfügung stehen z. B. ein gutes privates Netzwerk oder finanzielle Absicherung (Demerouti, 2012; Hall, Dollard, Tuckey, Winefield & Thompson, 2010). Darüber hinaus wirken aber insbesondere arbeitsbezogene Ressourcen im Stressprozess (z. B. angemessene organisationale Gratifikationsleistungen) so, dass sie die potenzielle negative Wirkung von Stressoren reduzieren oder diese im günstigen Fall sogar nicht entfaltet wird, während fehlende Ressourcen die Wirkung der Stressoren erhöhen (Hobfoll, 2001; Siegrist, 1996).

Stress lässt sich auf Grundlage dieser Erkenntnisse definitiv nicht auf ein subjektives Phänomen, das vom Erleben und ideosynkratischen Eigenschaften jedes Einzelnen beliebig abhängig ist, reduzieren. Arbeitsbezogene Stressoren und der soziale Kontext, in dem sie auftreten, liegen im Verantwortungsbereich der Organisation. Daher ist es für Organisationen von entscheidender Bedeutung, die zentrale Rolle der sozialen und physischen Arbeitsbedingungen im Stressgeschehen zu erkennen. Hier liegen die Ansatzpunkte, um Arbeit und Aufgaben so zu gestalten, dass Stress und Folgeerkrankungen minimiert werden. Stressoren sollten auf den Umfang legitimer Stressoren minimiert werden. Gesundheitsförderliche Führung heißt in diesem Zusammenhang, notwendige Belastungen zu begründen und sie so für die Beschäftigten erkennbar zu legitimieren und so Wertschätzung und Respekt für die Bedürfnisse und Interessen jedes einzelnen Organisationsmitgliedes explizit zu leben. Organisationen und Führungspersonen müssen den Beschäftigten ausreichend Ressourcen zur Bewältigung von Arbeitsanforderungen und zur Kompensation von Verausgabung zur Verfügung stellen. Um beispielsweise eine besonders schwere Einsatzlage von der Polizei erfolgreich zu bewältigen, müssen Polizeibeamten sehr viele physiologische, emotionale und kognitive Ressourcen einsetzen. Dem muss durch entsprechende Kompensation (z. B. im Rahmen zur Möglichkeit einer Erholungsauszeit) und Belohnung (z. B. im Rahmen einer expliziten Würdigung der Verdienste der Mitarbeiter und ihrem Einsatz von Kraft, Engagement und emotionaler Energie) Rechnung getragen werden.

Die Forschung zu interindividuellen Unterschieden bei der Bewältigung von Stress macht deutlich, dass Personen mit bestimmten Grundvoraussetzungen, wie beispielsweise einer ressourcenreichen Grundeinstellung (positive zentrale Selbstbewertungen) und hohen sozialen und emotionalen Kompetenzen, arbeits- und lebensbezogene Stressoren günstiger bewältigen. Dabei ist zu beachten, dass diese Eigenschaften ein Ergebnis vorangegangener Erfahrungen sind, die sich beispielsweise neurobiologisch (Gunnar & Quevedo, 2007) und in der Persönlichkeitsentwicklung niederschlagen. Arbeitsbedingungen können hier Herausforderungen schaffen, zu lernen und sich weiterzuentwickeln (Hakanen, Perhoniemi & Toppinen-Tanner, 2008; Ohly, Sonnentag & Pluntke, 2006). Durch die Erfahrung von Leistungserfüllung bei herausfordernden Anforderungen kann die Selbstwirksamkeitserwartung, das Selbstwertgefühl und die Lebenszufriedenheit insgesamt gestärkt werden (Daw & Shohamy, 2008; Schultz, 2006). Eine respektvolle wertschätzende Führung wirkt positiv auf den Selbstwert und Handlungs- und Entscheidungsspielräume haben einen förderlichen Effekt für das Wohlbefinden der Beschäftigten (z. B. Stocker, Jacobshagen, Semmer & Annen, 2010). Wir sollten daher nicht voreilig den Schluss treffen, dass nur solche Personen für die Aufgaben der Organisation geeignet sind, die bestimmte Schutzfaktoren für den Umgang mit Stress mitbringen, sondern erkennen, dass Organisation und Führung solche Schutzfaktoren aktiv fördern oder eben auch mindern können, weil Stress, mangelnde Wertschätzung, fehlende Gratifikationen dauerhaft auch negativ auf diese persönlichen Schutzfaktoren wirken.

Dauerhafter Stress hat negative Konsequenzen für die physische und psychische Gesundheit. Dabei sind es vor allem die Hindrance Stressoren, die über ihre zusätzliche negative Wirkung auf Motivation und arbeitsbezogene Einstellungen wie Zufriedenheit und die Kündigungsabsicht auf Dauer bedeutsame negative Konsequenzen haben. Auch Challenge Stressoren, also die Bewertung eines aktuellen Stressors als potenziell förderlich für eigenes Wachstum und eigene Weiterentwicklung haben zunächst einmal eine negative Wirkung, die sich über die physiologische Erregung der Haupt-Stressachse HHNA gut erklären lässt. Darüber hinaus haben die Challenge Stressoren aber eine positive Wirkung auf Motivation, Anstrengung, den persönlichen Selbstwert und Well-Being. Unsere neurobiologischen Belohnungssysteme (besonders die neurophysiologischen Reaktionen der Dopamin-beinhaltenden Nervenzellen des Mittelhirns) sind so ausgerichtet, dass sie bei einem Unterschied zwischen tatsächlicher und erwarteter Belohnung besonders stark feuern (Daw & Shohamy, 2008). Hiernach wirkt die Erledigung einer Aufgabe, von der ich mit Sicherheit wusste, dass ich sie erledigen kann am wenigsten „belohnend“, während die Erledigung einer Aufgabe, bei der ich nur geringe Erfolgserwartung hatte besonders „belohnend“ wirkt. Diese neurobiologischen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass es keinesfalls die Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Stressfreiheit ist, die menschliches Leben und Zufriedenheit bestimmen.

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Stressreaktionen

Clemens Lorei

Prof. Dr. rer. nat,. Dipl.-Psych., Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung

1. Hintergrund

Fasst man Stress als Reaktion auf das subjektiv empfundene Missverhältnis zwischen den Anforderungen einer Situation und den eigenen Bewältigungsmöglichkeiten auf (vgl. Kapitel Stressmanagement in diesem Band), so stellt sich unmittelbar die Frage, worin diese Reaktion besteht. Einerseits nützt die Kenntnis von Stressreaktionen, um zu erkennen, dass ein Stressgeschehen vorliegt. Darauf aufbauend ermöglicht dann dieses Wissen, solche Reaktionen bei sich und bei anderen Personen zu akzeptieren. Die Akzeptanz ist einfach, wenn man die Stressreaktionen kennt. Und abschließend bietet sich dann die Chance, gezielt Stressbewältigung anzugehen. Dies erfordert einerseits das Erkennen eines Stresszustandes bei sich oder anderen. Zum anderen muss man wissen, an welcher Stelle im Stressprozess man warum (vgl. die Kapitel Stress & Leistung sowie Stress und Gesundheit in diesem Band) mit welchen Bewältigungsstrategien ansetzen kann (dazu mehr im Kapitel Stressmanagement in diesem Band). Die Lernziele dieses Kapitels sind:

• Stressreaktionen kennen

• Stress anhand von Stressreaktionen (u. Ä.) erkennen können

2. Überblick Stressreaktionen

2.1. Definition Stressreaktionen

Die Stressreaktion ist die Reaktion des Subjektes auf Stressoren bzw. die subjektive Differenz zwischen den Anforderungen der Situation und den (angenommenen) Bewältigungsmöglichkeiten. Diese Reaktionen sind eine Anpassung des Subjektes an diese Anforderung auf verschiedenen Ebenen und Vorbereitung zur Bewältigung der Situation. Geht man von einem Stressprozess aus, ist die Stressreaktion die Folge der Bewertungen des Stressors und der Vorläufer der Stressbewältigung (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1


Geht man davon aus, dass Stress dazu dienen soll, einen Organismus zu Angriff oder Flucht zu motivieren, so ergeben sich verschiedene sinnvolle Änderungen innerhalb dieser Person. In diesem Sinne sollte eine Optimierung des Zustandes der Person dabei beinhalten:

• Vorbereitung des Körpers auf körperliche (Hoch-)Leistung und mögliche Verletzungen

• Fixierung auf schnelle Handlungen

• Reduzierung von lang andauernden Prozessen (also bewusstes Nachdenken, ausführliche Problemlösungen)

In der Literatur finden sich verschiedene Klassifikationssysteme. Stressreaktionen werden dabei regelmäßig in 3 bis 5 Bereiche unterteilt. Einig ist man sich dabei aber, dass sich die Reaktionen mindestens in kognitiv und körperlich aufteilen lassen. Weitere Unterteilungen nehmen die Kategorien Emotionen und Verhalten hinzu. Litzcke & Schuh (2010, S. 23) unterteilen dabei sogar die körperlichen Reaktionen nochmals in ein muskuläres und ein vegetativ-hormonelles System.

2.2. Körperliche Stressreaktionen2

Die körperlichen Stressreaktionen optimieren den Organismus hinsichtlich seiner Leistungsfähigkeit zu körperlichen Höchstleistungen. Dies beinhaltet vor allem die Aktivierung des entsprechenden Nervensystems (Sympathikus) und die Bereitmachung des muskulären Systems inklusive seiner Versorgung. Die beiden Wege der nervösen Aktivierung (siehe Kapitel in diesem Band) führen insbesondere zu einer Erhöhung der Herzschlagfrequenz und des Blutdrucks in Verbindung mit einer ausgeprägteren Atmung. Dies ermöglicht eine bessere Versorgung mit Sauerstoff, was grundlegend für körperliche Anstrengungen ist. Daneben wird die Energieversorgung durch eine Anpassung des Blutzuckerspiegels optimiert. Weiterhin werden Hormone ausgeschüttet, die u. a. eine bessere Wundversorgung ermöglichen und das Schmerzempfinden bei Verletzungen senken. Auch die Muskulatur spannt sich vor (erhöhter Tonus), um für Aktivitäten und Abwehr bereit zu sein und wird besser durchblutet. Sie ist damit besser versorgt. Schweiß wird vorsorglich abgesondert, um den Körper zu kühlen, wenn er sich durch anstrengende Leistungen erhitzt. Gleichzeitig werden alle Prozesse des Körpers reduziert, die sich eher auf Entspannung, Erholung und Regeneration ausrichten (Verringerung der Aktivität des Parasympathikus).

2.3. Kognitive Stressreaktionen3

Das Kognitive System umfasst vor allem das Denken, Wahrnehmen, Informationsverarbeiten, Erinnern, Entscheiden, Planen und Problemlösen. Man kann davon ausgehen, dass die Stressreaktion in akuten Gefahrensituationen eine Überlebensfunktion hat. Damit wird klar, dass das kognitive System hier alle eher „geistigen“, umfangreichen und auf andere als das aktuelle und unmittelbare Ereignis ausgerichteten Zustände reduzieren muss. Plakativ ausgesprochen muss sich der Organismus auf das aktuelle Problem fokussieren und alle anderen kognitiven Prozesse hemmen oder ausblenden. Damit geht eine Änderung der Wahrnehmung einher: Wahrgenommen wird vor allem alles, was zentral für das Problem erscheint. Dinge, die für peripher gehalten werden, werden ausgeblendet (vgl. Kapitel Stress & Leistung in diesem Band). Dabei ist zu beachten, dass die Bestimmung, was nun zentral ist und was nicht, allein dem Subjekt unterliegt (allerdings nicht bewusst ist). Es ist möglich, dass der Organismus sich auf die tatsächliche Gefahr konzentriert oder aber diese Gefahr nur Auslöser für die Wahrnehmung eines negativen Gedankens ist, um den sich dann anschließend „alles dreht“, während das eigentliche Problem „vergessen“ wird. Die Gedanken kreisen dann nur um die Person selbst und ihren Zustand. Je nach Stressstärke wird neben dieser Fokussierung auch die „Verarbeitungskapazität“ des kognitiven Systems reduziert (siehe Kapitel Stress & Leistung in diesem Band). Konzentration und Aufmerksamkeit nehmen ab, die geistige Leistungsfähigkeit sinkt. Einfachere Denkmuster werden vorgezogen, Vereinfachung und eher kurzfristige Überlegungen sind wahrscheinlich. Gedächtnisleistungen werden reduziert. Der Abruf aus dem Langzeitgedächtnis kann erschwert oder sogar verhindert (Blackout) und das Behalten im Kurzzeitgedächtnis gestört sein (verminderte Kapazität, ständiges „Überschreiben“ der aktuellen Inhalte durch Informationsflut). Die Sprache wird schneller und fehleranfälliger. Die Verwendung unpassender Worte wird häufiger. Die Reaktionszeit kann ansteigen.

Tabelle 1


2.4. Emotionale Stressreaktionen4

Bedrohliche Situationen lösen neben Stress auch Emotionen wie Angst oder Ärger aus. Informationsüberflutung oder -entzug führen zu Unsicherheit. Überforderung, Frustration und auch Aggression können Folgen sein. Bei ausweglos erscheinenden Situationen stellt sich das Gefühl von Kontrollverlust ein. Längerfristig kann dies in Resignation, Apathie und Hilflosigkeit enden. Das Selbstwertgefühl sinkt mit abnehmender Kontrolle und Erfolg in der Stresssituation.

2.5. Stressreaktionen auf Verhaltensebene5

Auf der Verhaltensebene werden Aktivitäten gezeigt, die einerseits häufig als Übersprungshandlungen bezeichnet werden (also Handlungen, die Ausdruck der hohen Erregung sind) anderseits häufig auch als (meist wenig bewusste oder absichtliche) Versuche verstanden werden können, die Anforderung oder auch den Stress zu bewältigen, beispielsweise soziale Unterstützung zu erlangen, Kontrolle subjektiv zu empfinden, die Situation zu ignorieren etc.

Tabelle 1 gibt einen auszugsweisen Überblick über verschiedene Reaktionen und bietet Ansätze für deren gezielte Bewältigung bzw. Entspannung auf einer Ebene, wenn diese im Fokus der Stressbewältigung stehen sollen (vgl. Kapitel Stressmanagement in diesem Band, sowie Suinn, 2005; Draksal, 2005).

3. Abgrenzung Stressreaktionen – Stressfolgen – Coping

Während es unmittelbar nachvollziehbar ist, dass man Stressreaktionen, die direkt am Stressgeschehen beteiligt sind von Stressfolgen, die eher zeitlich verzögert auftreten, abgrenzt, so ist dies in der Umsetzung im Einzelfall nicht immer eindeutig und trennscharf möglich. Während es vielleicht noch bei körperlichen Reaktionen (z. B. endokrine und hormonelle Prozesse), die unmittelbar Teil des Stressprozesses sind (vgl. Selye, bzw. Kapitel Stresstheorien in diesem Band), relativ eindeutig scheint, ist dies bei Reaktionen auf der Verhaltensebene nicht mehr so eindeutig. Es kann bei Verhaltensweisen schwierig sein herauszufinden, ob sie Teil des Stressprozesses und damit Stressreaktionen im engeren Sinn sind oder bereits Folgen6 davon. Andererseits erscheint es auch möglich, dieses Verhalten als Bewältigungsansätze anzusehen. So kann vermehrtes Reden als eine Stressreaktion auf der Verhaltensebene gedeutet werden, aber auch als Bewältigungsvorsatz im Sinne davon, soziale Unterstützung zu erhalten, oder als Folge einer körperlichen Stressreaktion der „Energieabfuhr“ aufgrund körperlicher Erregung dienen. Damit stellt sich das Problem der Unterscheidung bzw. Abgrenzung:

• Was sind unmittelbare Stressreaktionen und was sind kurzfristige bzw. langfristige Folgen?

• Was sind Stressreaktionen und was ist schon mehr oder minder bewusste bzw. absichtliche Bewältigung?

Diese Fragestellungen sind dabei nicht nur akademischer Natur, sondern erfahren ihre besondere Relevanz wenn systematisch interveniert wird. Dann kann es nämlich entscheidend sein, an welchem Punkt Stressbewältigung ansetzt. Eine reine Symptombehandlung kann zu Verschiebungseffekten oder nur scheinbar bewältigten Situationen führen. Im Beispiel des vermehrten Rededrangs würde ein angestrengtes Schweigen diese Reaktion sicherlich eindämmen, wäre aber kaum geeignet, das Erregungsniveau zu senken oder den Bedarf an sozialer Unterstützung zu decken. Gerade das Unterdrücken eines Rededrangs führt möglicherweise dazu, dass der erlebte Stress zunimmt, da man ein Verhalten, das einem subjektiv zu helfen scheint, nicht zeigen kann.

4. Wie erkenne ich Stress?

Wenn die Situation, in der Stress auftritt, der betroffenen Person besonders relevant und bedrohlich erscheint, dann wird diese Person ihren Wahrnehmungsfokus vor allem auf die Situation und ihre Anforderungen richten. Damit wird aber häufig auch der Blick auf den eigenen Systemzustand vernachlässigt, was paradox klingt: Einerseits ist man zwar den Stressreaktionen ausgesetzt und fühlt sich auch gestresst. Andererseits wird dieser Zustand der Person nicht in dem Maße oder der Art bewusst, dass sie ein absichtliches und bewusstes Gegensteuern, also Coping bzw. Stressbewältigungsmaßnahmen, einleitet. Weiterhin kann es notwendig oder hilfreich sein, bei anderen Personen, mit denen man zusammenarbeitet (Teamkollege, Streifenpartner, Mitarbeiter), Stress zu erkennen, um diese Kollegen zu unterstützen, sich auf ihr Verhalten einstellen zu können oder sie als Führungskraft nicht zu überfordern. Dabei sind verschiedene Stressreaktionen für andere nicht direkt wahrnehmbar (z. B. Herzschlag, Gedanken, Gefühle), sondern können mitunter nur über Indizien erschlossen oder erfragt werden. Das Erschließen kann dabei auch Stressfolgen, also unmittelbare oder verzögerte Konsequenzen der Stressreaktionen, beinhalten. Im Nachfolgenden wird deshalb nicht streng zwischen Folgen und Reaktionen getrennt.

Als Heurismus zum Erkennen von Stressprozessen kann neben der Beobachtung von Stressreaktionen auch die Berücksichtigung der Situation genutzt werden. Sind hier potenzielle Stressoren abzusehen, können diese die Möglichkeit zu einer Stressepisode bieten. Da aber Stress aufgrund seiner Subjektivität und der individuellen Bewertungen nicht generell auftritt, sind entsprechende Ereignisse nur ein Indiz, das mehr oder minder wahrscheinlich Stress auslösen kann. Es kann dabei hilfreich sein, Ergebnisse von Studien zu kennen, die die Häufigkeit und die Bewertungen von Ereignissen durch betroffene Personen erfassten (siehe Kapitel zum Stresserleben von Polizeibeamten in diesem Band).

4.1. Stressreaktionen in akuten Situationen

Zunächst werden verschiedene Signale in Einsatzsituationen vorgestellt, die genutzt werden können, um das Auftreten von Stress leichter erkennen zu können.

4.1.1. Bei Einsatz- und Verfolgungs fahrten

Einsatz- und Verfolgungsfahrten sind Stresssituationen, die sich besonders durch Zeitdruck, hohe Geschwindigkeiten in der Informationsverarbeitung und Reaktion sowie hohe Bedeutung des Handelns hinsichtlich des Einsatzzieles auszeichnen. Ungerer & Ungerer (2008, S. 105) führen als Ursachen für Unfälle in solchen Situationen die eingeschränkte visuelle Informationsaufnahme (vor allem des peripheren Sehens), einen zu langsamen Abruf des notwendigen Fahrmanövers aus dem Gedächtnis oder zu geringe Ausführungsschnelligkeit der notwendigen Fahrfertigkeiten an. Neben der eingeschränkten bzw. verringerten Informationsaufnahme und -verarbeitung werden die beiden anderen Aspekte in der Praxis häufig als mangelnde Stressstabilität des Handelns bezeichnet. Dies bedeutet, dass in Ruhe und bei ausreichend Zeit ein der Situation entsprechendes Verhalten zwar gezeigt werden kann, dieses aber in einer Stresssituation nicht gezeigt wird, da hier entsprechende bewusste Steuerungs- und Regelungsmechanismen und Denkkapazitäten nicht mehr zur Verfügung stehen. Das Handeln kann dann nicht mehr bewusst durch nahezu vollständige Überlegungen gesteuert werden, sondern muss automatisch abgerufen und umgesetzt werden. Eine durch umfangreiches Training erreichte Stressstabilität von Maßnahmen ist deshalb für eine sichere Beherrschung in kritischen Situationen unumgänglich.

In einer Einsatz- und Verfolgungsfahrt ist meist davon auszugehen, dass sich Fahrer und auch Beifahrer im Stress befinden. Die Stressreaktionen umfassen u. a. die Verschlechterung der Informationsverarbeitung (Ungerer & Ungerer, 2008, S. 108) und z. B. einen sehr hohen Puls. Dabei ist zu beachten, dass dieser Stress nicht plötzlich und in vollem Umfang auftritt, sondern ein ansteigendes Stressprofil darstellt. Dabei wird die volle Auswirkung dieser Stresssituation häufig erst ab einem kritischen Schwellenwert bemerkt (Ungerer & Ungerer, 2008, S. 109). Um aber zu intervenieren und den Anstieg des Stresses mit seinen Effekten zu überwachen, eigenen sich folgende Vorwarnzeichen, die teilweise bereits als Folgen der Stressreaktionen anzusehen sind (Ungerer & Ungerer, 2008, S. 109; Ergänzungen und Beispiele in Klammern vom Autor dieses Beitrages):

• Häufung von Beinaheunfällen (ruckartige Fahrmanöver, Reagieren im letzten Moment, nur durch Zufall oder Eingreifen des Beifahrers verhinderte Unfälle)

• vermehrt Verkehrszeichen übersehen

• spätes Erkennen von Verkehrsteilnehmern (Wo kam denn der her? Was war denn das?)

• zunehmende Unruhe, z. B. sich Kratzen

• wiederholte Suchbewegungen bei der Fahrzeugbedienung, Bedienungselemente werden nicht auf Anhieb gefunden

• Schwierigkeiten beim im Gedächtnis behalten von Verkehrsteilnehmern auf Kreuzungen, wiederholtes Nachschauen, Blickverunsicherung (Anfahren und wieder Stoppen, ständiges Hin- und Herschauen, Beifahrer aggressiv auffordern zu schauen)

• mehr auf die Umgebung als auf das Täterfahrzeug achten

• mit den Gedanken abschweifen (z. B. an angenehme Dinge denken)

4.1.2. In unklaren oder chaotischen Polizeieinsätzen

Unklare Polizeieinsätze im Streifenteam sind häufig durch angespannte und nicht eindeutige Situationen gekennzeichnet. Insbesondere ist dies der Fall, wenn die Lage zu eskalieren droht und sich in Richtung Gewalteinsatz hin entwickelt. Dabei ist jedoch nicht klar, ob diese potenzielle Gefahr sich auch realisiert, bzw. wie dies verhindert werden kann. Bei eher chaotischen Einsatzlagen stürzt eine Masse an Informationen auf die entscheidende Person ein. Sie soll davon die richtigen und bedeutenden auswählen und geeignete Maßnahmen ableiten. Beide Situationen erzeugen großen Stress. Die eine durch einen akuten Informationsentzug, die andere durch akute Informationsüberlast, was als häufige Stressursache für polizeiliche Einsätze anzusehen ist (Ungerer & Ungerer, 2008, S. 70). Dabei erhöht sich im Laufe der Lage zunehmend die Belastung der Polizeibeamten, bis deutliche Stressreaktionen und Einschränkungen auftreten (vgl. Ungerer & Ungerer, 2008, S. 71 f.). Als Vorwarnsymptome (nicht vollständig) für mögliche stressbedingte Einsatzfehler nennen Ungerer & Ungerer (2008, S. 72; Ergänzungen und Beispiele in Klammern vom Autor dieses Beitrages und Ungerer & Morgenroth, 2001, S. 101):

• wiederholt hinschauen müssen (also auch Übersehen von gut sichtbaren Objekten, nicht Wahrnehmen von hinzukommenden Personen)

• erst bei Wiederholung Sprechfunk verstehen (nachfragen, insbesondere nach schon Gesagtem)

• sich vergreifen (Handlingsfehler, Waffe nicht mehr wegstecken können)

• sich versprechen (falsche Wortwahl, übertrieben komplizierte Satzkonstruktionen)

• Orientierungsschwierigkeiten (in die falsche Richtung – ins falsche Zimmer laufen, Personen mal hierhin und dann wieder woanders hin schicken/stellen lassen)

• an sich herumzerren (die Hand an der Waffe fasst ständig die Waffe neu, sich an die Nase fassen, Harre sortieren, Brille justieren)

• Ausrüstung und Kleidung drückt und ist unbequem

• jeder stört (übertriebene Härte oder Wortwahl gegen Unbeteiligte oder Zwischenfragen)

• Missmutigkeit (pampige Antworten, eskalierende Kommunikation)

• „mentales Fremdgehen“ (sich gedanklich von der Situation abwenden und sich mit anderen Dingen beschäftigen)

• Nebensächlichkeiten, die nicht zentral der Problembewältigung dienen, erledigen

• Aktivitätsüberschuss (zu schnelles Durchführen von Aufgaben, zu frühes Beginnen mit Aktionen, hektisches Hantieren)

• unerledigten Dingen mental nachhängen, bzw. darüber grübeln

4.1.3. In Führungssituationen

Ungerer (2003, S. 103) führt Verhaltensweisen (er nennt sie Symptome) von Führungskräften bei der Stabsarbeit an:

• in Lagen mit Informationsüberlast,

• in Lagen unter Bedrohungsbewertung,

• in Lagen unter Informationsentzug und

• in Lagen mit Ungewissheitsbewertung.

In Lagen, die durch einen Überfluss an Informationen gekennzeichnet sind, können folgende Verhaltensweisen und Reaktionen Ausdruck von massivem Stress sein (für die anderen Situationen sei auf Ungerer, 2003, verwiesen):

• Übersicht geht verloren

• Rückgang und zunehmend fehlerhafte Sprachverarbeitung

• Verstecken von Meldungen

• sinnloses Festhalten an Vorschriften, (insbesondere an Vorschriften für Dinge, die zur Lagebewältigung nicht zentral sind)

• Auftragstaktik weicht der Befehlstaktik

• taktische Verarmung

• zunehmende Missachtung der rechtlichen Vorschriften

• Entscheidungsverzögerungen

• Beratungsreserven für die zu führenden Einsatzkräfte schwinden

• Schrotschussverhalten (Aktions- und Redeschwall)

• kognitive Leistungen werden fehlerhaft (falsche Vorauskalkulationen)

• Falschbewertung von Lagen nimmt zu

• Schwierigkeiten werden nicht mehr erkannt (Tabuisierung, Maskierung und Ignorieren von kritischen Lagen)

• „mentales Fremdgehen“, Nebengedanken drängen sich auf

• Zunahme von Nebentätigkeiten (Aufträge werden nicht mehr ausgeführt und zunehmend anderweitige Dinge erledigt)

• Verantwortung wird delegiert

• Vertrauenskrise (anderen Personen, Mitarbeitern wird nicht mehr vertraut)

• individuelle Sinnkrise

4.2. Stressreaktionen und -folgen bei chronischem Stress

Bei chronischen, lang anhaltenden oder regelmäßig wiederholten Stressepisoden ohne hinreichende Erholung treten neben den aktuellen Stressreaktionen auch Stressfolgen auf. Diese finden sich vor allem im Bereich Gesundheit (siehe Kapitel Stress und Gesundheit in diesem Band) und auf der Leistungsebene (siehe Kapitel Stress & Leistung in diesem Band) wieder. Es wird an dieser Stelle deshalb nur kurz auf die Detektion anhand dieser Folgen eingegangen. Verschiedene Fragebögen mit unterschiedlicher Zielsetzung bezüglich der Diagnose Stress führen Litzcke & Schuh (2010, S. 36 ff.) auf. Besonders auffällig sollten als Folgen sein:

• häufige Erkrankungen (vor allem Infekte) durch geschwächtes Immunsystem

• Schlafstörungen

• längerfristige negative Leistungsentwicklung

• sozialer Rückzug

• Zynismus

• mangelndes Interesse an sonst beliebten Aktivitäten, Verlust des Spaßes oder der Freude

• Gefühl der geistigen Leere

• körperliche oder geistige Erschöpfung

• Zukunftsängste

• Konzentrationsschwierigkeiten

• anhaltende Gereiztheit

• anhaltende Verspannungen

• Gewichtsveränderungen (ohne Absicht)

• verstärktes Suchtverhalten (z. B. Rauchen, Trinken, Einkaufen, Naschen)

4.3. Stress erzeugende Lebensereignisse

Es gibt Ereignisse, auf die die meisten Menschen mit anhaltendem Stresserleben reagieren. Holmes & Rahe (1967) haben diese kritischen Lebensereignisse zusammengestellt und durch Befragung ihre Belastungsstärke in eine Rangreihe gebracht. Die Belastungswerte können kumulieren, wenn eine Person mehrere Ereignisse in einem Zeitraum erlebt. Damit wird entsprechend die Belastung umso ausgeprägter. Es kann allein die Kenntnis dieser Ereignisse ausreichen, um anzunehmen, dass diese Person belastet ist. Dies stellt natürlich keinesfalls sicher, dass ein entsprechendes Belastungserleben vorliegt und macht auch das Erkennen von Stressreaktionen und -folgen nicht unnötig, hilft aber dem Erkennen, da es als Faustregel dienen kann.

Für die Polizeiarbeit sind entsprechende Einsätze, Ereignisse und Umstände bekannt (siehe Kapitel in diesem Band), bei deren Erleben das Risiko steigt oder es sogar wahrscheinlich ist, dass ein Stresserleben auftritt. Ihre Kenntnis hilft Führungskräften und Kollegen, betroffene Polizeibeamte zu unterstützen und bieten Betroffenen die Chance, sich vorzubereiten und nachbereitend damit auseinanderzusetzen. Tabelle 3 zeigt eine Rangreihe von belastenden Ereignissen im Polizeidienst (nach Klemisch, Kepplinger & Muthny, 2005).

Fazit

Das Wissen um Stressreaktionen in Verbindung mit Bewältigungsstrategien kann helfen, den Kontrollverlust durch Stress aufzuheben. Damit werden Stress und seine Effekte auf das Verhalten und Erleben des Menschen berechenbarer. Vorbereitung auf Stresssituationen und professionelles Handeln unter Stress wird möglich. Ein absoluter Kontrollverlust tritt nicht notwendigerweise ein oder muss nicht lange anhalten. Hierdurch wird es möglich, anderen Personen, also sowohl Kollegen als auch „Bürgern“, bei der Situationsbewältigung zu helfen. Dies stellt in der Polizei eine sehr wichtige Fähigkeit dar. Kenntnisse um Stressreaktionen ermöglichen nämlich Perspektivenübernahme und Empathie. Letztlich kann sich der Beamte somit auf andere Personen einstellen, ihr Erleben und Verhalten ein Stück weit nachvollziehen und damit auch beeinflussen, wodurch er besser (und auch stress freier) seine Ziele erreicht.

Tabelle 2

Auszug aus der Liste kritischer Lebensereignisse nach Holmes & Rahe (1967) (Auszug).


BelastungswertLebensereignis
100Tod des Ehepartners
73Scheidung
65Trennung vom Ehepartner
63Zwangsaufenthalt im Gefängnis oder anderer Institution
63Tod eines nahen Verwandten
53Schwere körperliche Verletzung oder Krankheit
50Heirat
47Kündigung durch den Arbeitgeber
45Pensionierung
44Stärkere Veränderung in der Gesundheit oder im Verhalten eines Familienmitgliedes
40Schwangerschaft
39Sexuelle Schwierigkeiten
39Erweiterung der Familie (z. B. durch Geburt/Adoption oder Einzug eines älteren Verwandten usw.)
39Größere geschäftliche Veränderung (z. B. Fusion/Neuorganisation/Bankrott usw.)
38Größere Veränderung in der Finanzlage (eine gegenüber dem Normalzustand große Verschlechterung oder Verbesserung)
37Tod eines engen Freundes
36Wechsel zu anderer Arbeit
35Größere Veränderung der Zahl der mit dem Ehepartner geführten Auseinandersetzungen (z. B. viel häufigere oder seltenere Auseinandersetzungen über Kindererziehung, persönliche Angewohnheiten usw.)
31Größerer Kredit (z. B. zum Kauf eines Hauses, Geschäfts usw.)
29Größere Veränderung im Verantwortungsbereich bei der Arbeit (Beförderung/ Zurückversetzung, Versetzung)
29Sohn oder Tochter zieht aus (z. B. Heirat, Universitätsbesuch)
29Probleme mit Schwiegereltern
26Ehefrau beginnt oder hört auf/außer Haus zu arbeiten
25Größere Veränderung in den Wohnbedingungen (z. B. Bau eines neuen Hauses, Umbau, Verschlechterung des Hauses oder der Wohngegend)
23Schwierigkeiten mit dem Vorgesetzten
20Größere Veränderung in Arbeitszeiten oder -bedingungen
17Aufnahme einer kleineren Hypothek oder eines geringen Darlehens (z. B. zum Kauf eines Autos/eines Fernsehapparates, einer Gefriertruhe usw.)
16Größere Veränderung der Schlafgewohnheiten (viel mehr oder weniger Schlaf oder Veränderung der Schlafenszeit)
15Größere Veränderung der Essensgewohnheiten (Essen viel größerer oder geringerer Mengen/andere Essenszeiten oder anderer Ort, an dem gegessen wird)
11Geringe gesetzliche Vergehen (im Straßenverkehr, verkehrswidriges Verhalten als Fußgänger, Ruhestörung usw.)

Tabelle 3

Rangreihe von belastenden Ereignissen im Polizeidienst (nach Klemisch, Kepplinger & Muthny, 2005) (Auszug).


EreignisProzentwert der befragten Polizisten, die dieses Ereignis als stark oder sehr stark belastend eingeschätzt haben
Suizid eines Kollegen88
Verletzung eines Kollegen86
Gefährdung eigenen Lebens78
Schusswaffeneinsatz79
Verletzung eines Kindes72
Vorbereitung auf misshandeltes Kind69
Überbringen Todesnachricht65
Gefühl von Hilflosigkeit64
körperlich angegriffen werden68
körperliche Gewalt gegen Personen58
widersprüchliches Verhalten Vorgesetzter48
eigene körperliche Verletzung47
Konflikte mit Vorgesetzten47
Konflikte mit Kollegen44
anonym bedroht werden48
Umgang mit HIV-Infizierten46
fehlende Anerkennung42
Umgang mit aggressiven Personen40
Umgang mit Leichen39
Widerstand bei Festnahme38
unklare Lage bei Einsatz33
schlechte Ausrüstung33
Verfolgungsfahrt Sondersignal34
Umgang mit Verbrechensopfern28
Arbeitsüberlastung31
Unfall mit Dienstfahrzeug27
Konfrontation mit Opfern27
Schichtdienst31
Entscheidungen unter Zeitdruck19
Einsatz bei Familienstreitigkeiten20
beschimpft werden17
als Zeuge vor Gericht16
Überstunden machen müssen11
Langeweile im Dienst10
Personenkontrollen4

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2 Ausführlichere und weiter gehende Beschreibungen der Stressreaktion als die hier nachfolgenden finden sich bei Kaluza (2011), Litzcke & Schuh (2010) sowie Barthold & Schütz (2010).

3 Vgl. Kaluza (2011), Litzcke & Schuh (2010) sowie Barthold & Schütz (2010).

4 Vgl. Kaluza (2011), Litzcke & Schuh (2010) sowie Barthold & Schütz (2010).

5 Vgl. Kaluza (2011), Litzcke & Schuh (2010) sowie Barthold & Schütz (2010).

6 siehe Abbildung 1

Stressmanagement

Dagmar Siebecke1, Gert Kaluza2

1 Dr., Technische Universität Dortmund

2 Prof. Dr., GKM-Institut für Gesundheitspsychologie, Marburg

Psychosozialer Stress stellt einen bedeutsamen (mit-) verursachenden, auslösenden oder verstärkenden Faktor bei weit verbreiteten chronisch-degenerativen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten, bei psychosomatischen und psychischen Erkrankungen sowie bei einer Vielzahl weiterer Krankheitsbilder und Beschwerden dar (vgl. Beiträge von Arndt & Beerlage, Kastner und Polndorfer in diesem Buch sowie Kaluza & Renneberg, 20091). Daher kommt der Förderung individueller Kompetenzen zur Bewältigung alltäglicher Belastungen im Rahmen der Gesundheitsförderung eine zentrale Bedeutung zu. In ihrem Leitfaden Prävention schlagen die Spitzenverbände der Krankenkassen2 hierfür zwei Maßnahmenkomplexe vor:

• Maßnahmen zur Entspannung

• Maßnahmen zur multimodalen Stressbewältigung

Handlungsfelder und Kriterien des GKV-Spitzenverbandes zur Umsetzung von §§ 20 und 20a SGB V vom 21. Juni 2000 in der Fassung vom 27. August 2010. Berlin: GKV.

1. Maßnahmen der Entspannung

Entspannungstechniken zielen physiologisch auf die Beeinflussung des vegetativen Nervensystems. Zum Ausgleich von Anspannungszuständen und Stressreaktionen, bei denen der aktivierende Part des Nervensystems, der Sympathikus (verantwortlich für körperliche Aktivierungs- und Erregungsmuster), wirksam ist, soll durch den Einsatz der Entspannungstechniken der für Entspannung zuständige Parasympathikus angeregt werden. Dadurch können körperliche Erregungszustände abgebaut werden (z. B. Senkung von Puls und Blutdruck, Förderung der Verdauungstätigkeit, Muskelentspannung, Beruhigung der Atmung). Über die körperliche Entspannung hinaus bewirken Entspannungstechniken auch einen Abbau psychischer Anspannung und fördern Erlebnisse innerer Ruhe und Gelassenheit.

Wagner-Link (20103) unterscheidet Entspannungstechniken auf muskulärer, vegetativer, emotionaler und kognitiver Ebene. Hinzu kommen Verfahren, die mit Bewegung verbunden sind sowie unsystematische Entspannungs-Ansätze (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1

Formen von Entspannungstechniken (vgl. hierzu auch Wagner-Link, 20104)


Muskuläre EbeneKonzentrative MuskelentspannungDurch Konzentration auf einzelne Muskelgruppen werden diese entspannt.
Progressive MuskelentspannungZur Bewusstmachung von Spannungszuständen und zur gezielten Entspannung werden einzelne Muskelgruppen im Wechsel an- und dann wieder entspannt. Es folgt die bewusste, genießende Wahrnehmung der Entspannung.
Vegetative EbeneAutogenes TrainingAutosuggestives Verfahren, bei dem durch intensive Vorstellungen von Entspannungsphänomenen (z. B. Wärme) das vegetative Nervensystem beeinflusst wird.
AtemtechnikenBewusste, ruhige Atmung mit Betonung der Ausatmungsphase, ggf. gekoppelt mit Wortwiederholungen oder Zählen.
Emotionale EbeneFantasiereisenLenkung der Wahrnehmung auf innere Bilder mit positiver, entspannender Konnotation.
Suggestive MusikLenkung der Wahrnehmung auf ruhige, entspannende Musik.
Kognitive EbeneMeditationMethode der inneren Versenkung, mit dem Ziel der Konzentration auf den Augenblick und die Schulung der Achtsamkeit.
Verfahren in BewegungTai-Chi/QigongMeditative Konzentrations-, Bewegungs- und Kampfkunstübungen zur Lenkung der Qi-Energie.
YogaGeistige und körperliche Übungen mit Elementen wie geistige Konzentration und Atemübungen, mit dem Ziel, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen.
Unsystematische VerfahrenAktivitäten, die individuell zur Entspannung genutzt werden wie Schwimmen, Spazieren gehen, Massagen, Lesen, Hobbys etc.

Die Wirksamkeit von systematischen Entspannungstechniken zum Ausgleich von Stress ist empirisch hinreichend belegt (vgl. Vaitl & Petermann, 19935). Die gesetzlichen Krankenkassen erkennen insbesondere die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, das Autogene Training nach Schultz, Hatha Yoga, Tai-Chi und Qigong als förderungswürdige Entspannungsmethoden an (d. h. sie bezuschussen die Teilnahme an entsprechenden Maßnahmen finanziell). Allerdings ist Voraussetzung für die Wirksamkeit, dass die Techniken regelmäßig angewandt und trainiert werden (vgl. Meichenbaum, 20036) und dies möglichst präventiv (also nicht erst in Phasen akuter negativer Beanspruchung, da es oft schwer fällt, ungeübt aus einer extremen Anspannung einen Entspannungszustand zu realisieren). Das beinhaltet auch eine selbstgesteuerte Anwendung: Da ein zentrales Ziel von Entspannungstechniken ist, sich selbst in oder nach Belastungssituationen zu beruhigen, sollte möglichst keine Abhängigkeit von speziellen Trainern oder Audioformaten bestehen. Zum Erlernen von Entspannungstechniken ist es zunächst sinnvoll, entsprechende Workshops zu besuchen oder Lehrmedien wie Audioformate7, Filme8 oder Apps9 zu nutzen. Für die flexible Nutzung ist es aber wichtig, Entspannung mehr und mehr selbständig zu trainieren.

Bei entsprechendem Training ist es möglich, die erforderlichen Zeiten für die Entspannung immer weiter zu reduzieren und Kurzformen zu nutzen. So kann man beispielsweise bei der progressiven Muskelrelaxation die Muskeln, die an- und entspannt werden, immer weiter zu Gruppen zusammenfassen, sodass schließlich eine einzelne Anspannung mit anschließender Entspannung genügen kann. Zudem ist es möglich, Ruheworte oder -gesten mit der Entspannung zu koppeln: Indem man während des Trainings im entspannten Zustand immer wieder ein bestimmtes Wort denkt oder ein bestimmtes Bild vor Augen hat oder eine Handhaltung einnimmt, kann die Entspannung auf diesen Reiz (Wort, Bild, Haltung) konditioniert werden. Das heißt, man lernt die enge Verknüpfung zwischen Wort, Haltung oder Bild und dem entspannten Zustand, sodass es durch die enge Kopplung beider schließlich genügt, beispielsweise nur noch das Wort zu denken, um in den entspannten Zustand zu gelangen. Die eigentlichen Entspannungsformeln und -techniken sind nicht mehr erforderlich. Insbesondere wenn man diese Wege der Spontanentspannung beherrscht, können Entspannungstechniken auch direkt in akuten Stresssituationen genutzt werden. Dies ist gerade im polizeilichen Alltag eine wichtige Voraussetzung für den praktischen Nutzen von Entspannungstechniken, da man in der Regel nicht einfach die belastende Situation verlassen kann. Ist man durch entsprechendes Training in der Lage, sich durch kurze Instruktionen, Worte oder Gesten zu beruhigen, so hilft dies auch in außergewöhnlichen, belastenden Situationen handlungsfähig zu bleiben.

Unsystematische Verfahren wie sportliche Aktivitäten, Lesen, Sauna, Briefmarken sammeln sind sehr individuell. Entsprechend ist es kaum möglich, empirische Daten über ihre Wirksamkeit zu erstellen bzw. auf den individuellen Einzelfall zu übertragen. Sonnentag (200110) hat untersucht, wie sich verschiedene Freizeitaktivitäten auf das Wohlbefinden auswirken. Dabei ist Wohlbefinden nicht mit Entspannung gleichzusetzen. Entspannung ist definiert als ein „Zustand reduzierter metabolischer, zentralnervöser unbewusster Aktivität“11. Dies führt in der Regel zu Wohlbefinden. Aber auch aktivierende Verhaltensweisen können das Wohlbefinden fördern. So konnte Sonnentag nachweisen, dass arbeitsbezogene Freizeitaktivitäten zu einer Verschlechterung des Befindens führen, soziale Aktivitäten sowie Tätigkeiten ohne Anstrengung bewirken eine teilweise Verbesserung und körperliche, sportliche Beschäftigung eine deutliche Verbesserung des Befindens. Ob eine Aktivität im individuellen Fall zu dem gewünschten Entspannungs- und Ausgleichseffekt führt, hängt auch von der Art der zuvor erlebten Belastung ab. So können nach einem körperlich anstrengenden Arbeitstag insbesondere geistig anregende Tätigkeiten ohne körperliche Anstrengung oder soziale Aktivitäten den richtigen Ausgleich darstellen. Nach einem Arbeitstag dagegen, der mit vielfältigen sozialen Kontakten gefüllt ist, sind eher Beschäftigungen ohne Kommunikationsbedarf sinnvoll.

Insgesamt dienen gut trainierte Entspannungstechniken dazu, Erregungsspitzen in akuten Stresssituationen zu dämpfen und negative Folgen körperlicher Stressreaktionen für die Gesundheit (z. B. Schlafstörungen, Kopfschmerzen …) zu begrenzen.

Bei regelmäßiger Praxis fördern sie eine Haltung innerer Ruhe und Gelassenheit, die dazu beitragen kann, dass Stressreaktionen weniger häufig und weniger intensiv erlebt werden. Sie sind aber nicht dazu geeignet, die Stress auslösenden Faktoren selbst zu beeinflussen. Hier setzen die Maßnahmen zur multimodalen Stressbewältigung an.

2. Multimodale Stressbewältigung

Das generelle Ziel von Programmen zur multimodalen Stressbewältigung besteht in der Förderung der körperlichen Gesundheit und des seelischen Wohlbefindens der Teilnehmer durch eine Reduktion der Häufigkeit und Intensität alltäglicher Belastungsempfindungen. Dieses Ziel wird durch eine Verbesserung der individuellen Bewältigungskompetenzen angestrebt.

Die meisten publizierten Stressmanagement-Ansätze bauen auf dem transaktionalen Stressansatz von Lazarus (1966,12 Lazarus & Launier, 198113) auf. Lazarus geht davon aus, dass ein Stressor nicht direkt eine Stressreaktion bei einer Person auslöst. Vielmehr liegen zwischen Auslöser und Reaktion individuelle Bewertungsprozesse.

Primäre Bewertungen

Bei der primären Bewertung schätzt das Individuum ein, inwiefern die Situation eine Bedrohung („threat“) oder Herausforderung („challenge“) darstellt oder ob durch sie bereits ein aktueller Schaden oder Verlust („harm-loss“) eingetreten ist.

Beispiel

Sie werden wegen des Verdachts häuslicher Gewalt in ein Mehrfamilienhaus gerufen.

„Wenn ich das jetzt vermassele, kann ich die gute Beurteilung und damit meine Karrierepläne vergessen!“ (Bedrohung) „Na typisch – jetzt fehlt mir die Zeit, meinen ausstehenden Bericht in Ruhe fertigzustellen, und den rechtzeitigen Feierabend kann ich auch vergessen!“ (Schaden-Verlust)

„Jetzt kann ich endlich zeigen, was ich im Deeskalationstraining gelernt habe.“ (Herausforderung)

„Das ist Routine.“ (stressneutral)

Sekundäre Bewertungen

Hier geht es um die Einschätzung eigener Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten. Eine stressbezogene sekundäre Bewertung liegt dann vor, wenn die Person ihre Möglichkeiten als nicht ausreichend für eine Bewältigung der jeweiligen Anforderung einschätzt.

Beispielhafte Bewertungen können auf das obige Beispiel bezogen sein:

Beispiel

„Das schaffe ich mit links. Ich habe viel Erfahrung – sowohl bei der Deeskalation als auch im Umgang mit Opfern.“

„Wenn Kollege Müller dabei ist, bin ich immer so verunsichert und kriege das bestimmt nicht souverän hin.“

„Den Stress halte ich nicht aus!“

Erst das Ergebnis dieser Bewertungsprozesse entscheidet darüber, ob beim Individuum eine Stressreaktion ausgelöst wird oder nicht (Abb. 1).

Abbildung 1


Entsprechend des transaktionalen Stressmodells setzten die multimodalen Stressbewältigungsansätze an bei den Stressaspekten

• Situation (Stressor),

• Bewertung und

• Stressreaktion.

Viele Autoren15 sprechen hier analog auch von S-O-R: Dabei steht S für Stressor, O für Organismus und R für Reaktion. Korrespondierend zu diesen Stressaspekten lassen sich pragmatisch drei Hauptwege (Modalitäten) des individuellen Stressmanagements unterscheiden (vgl. Kaluza, 200616):

• Instrumentelles Stressmanagement setzt an den Stressoren an mit dem Ziel, diese zu reduzieren oder ganz auszuschalten, z. B. durch Umorganisation des Arbeitsplatzes, durch Veränderung von Arbeitsabläufen, durch die Organisation von Hilfen etc. Instrumentelles Stressmanagement kann reaktiv auf konkrete, aktuelle Belastungssituationen hin erfolgen und auch präventiv auf die Verringerung oder Ausschaltung zukünftiger Belastungen ausgerichtet sein. Instrumentelles Stressmanagement erfordert über die für die Erfüllung der jeweiligen Anforderungen nötige Sachkompetenz hinaus sozial-kommunikative Kompetenzen und Selbstmanagementkompetenz als Fähigkeit zu einem eigengesteuerten und zielgerichteten Handeln.

• Kognitives Stressmanagement zielt auf eine Änderung eigener Merkmale in Form von persönlichen Motiven, Einstellungen und Bewertungen. Auch hier können sich die Bewältigungsbemühungen auf aktuelle Bewertungen in konkreten Belastungssituationen oder auf situationsübergreifende, habituelle Bewertungsmuster beziehen. Diese bewusst zu machen, kritisch zu reflektieren und in stressvermindernde Bewertungen zu transformieren, ist das Ziel kognitiver Interventionsansätze der Stressbewältigung (Meichenbaum, 200317, Schelp, Gravemeier & Maluck, 199718).

• Beim palliativ-regenerativen Stressmanagement steht die Regulierung und Kontrolle der physiologischen und psychischen Stressreaktion im Vordergrund. Es beinhaltet alle Versuche, unlustbetonte Stressemotionen wie Angst, Ärger, Schuld, Neid, Kränkung und den mit diesen einhergehenden quälenden physiologischen Spannungszustand positiv zu beeinflussen. Auch hier kann unterschieden werden zwischen solchen Bewältigungsversuchen, die zur kurzfristigen Erleichterung und Entspannung auf die Dämpfung einer akuten Stressreaktion abzielen (Palliation), sowie eher längerfristigen Bemühungen, die der regelmäßigen Erholung und Entspannung dienen (Regeneration).

Das heißt, in potenziell Stress auslösenden Situationen können verschiedene Coping-(Bewältigungs-) Strategien eingesetzt werden, um entweder die stressauslösende Situation zu entschärfen, die Situation umzubewerten oder für Ausgleich und Regeneration zu sorgen.

Beispiel

Sie erfahren, dass Ihre Beurteilung nicht so positiv ausgefallen ist, wie Sie erwartet haben.

Beispiele für instrumentelles Stressmanagement:

Sie schalten den Personalrat ein und reden mit Ihrem Vorgesetzten, um die Beurteilung besser nachvollziehen zu können, versuchen eine Korrektur zu bewirken und klären mit Ihrem Vorgesetzten, wie sie bei der nächsten Beurteilung eine Verbesserung erreichen können.

Beispiele für kognitives Stressmanagement:

Sie sagen sich: „Das hat nichts mit mir persönlich zu tun. Die Beurteilungen hängen anscheinend mehr von der Karriereplanung als von der Leistung ab. Ich weiß, dass ich gut bin. Wenn ich an der Reihe bin für eine Beförderung, wird meine Beurteilung auch passend ausfallen.“ oder „Ich will ohnehin keine Karriere machen. Ich fühle mich in meinem aktuellen Job sehr wohl.“

Beispiele für palliativ-regeneratives Stressmanagement:

Sie reagieren sich durch einen Waldlauf ab und suchen Ablenkung durch einen Besuch bei Freunden, bei denen Sie „Dampf ablassen“ können.

Inzwischen wurden zahlreiche Stressmanagement-Trainings entwickelt und in ihrer Wirksamkeit überprüft, die dem dargestellten transaktionalen Stressmanagement-Ansatz folgen.

Beispiele sind:

• „Gelassen und sicher im Stress“ nach Kaluza (Kaluza, 2007, 201119)

• Verhaltenstraining zur Stressbewältigung nach Wagner-Link (201020, Weiterentwicklung des Stressbewältigungstrainings für die Polizei nach Brengelmann, 198821, vgl. auch Krauthan, 200422)

• Rational-Emotive Therapie gegen Stress (Schelp et al., 199723)

• Stressimpfungstraining nach Meichenbaum (Meichenbaum, 200324)

• „Gelassen bei der Arbeit“ (Wiegard et al., 200025)

• „Optimistisch den Stress meistern“ (Reschke & Schröder, 201026)

• Gesundheitsförderung und Selbstregulation durch individuelle Zielanalysen – GUSI (Storch & Olbrich, 201127; Programm zur Gesundheits förderung aufbauend auf dem Zürcher Ressourcen Modell, Storch & Krause, 201028)

In den Trainings wird in der Regel stressrelevantes Hintergrundwissen (Was ist Stress? Welche physiologischen Prozesse laufen bei Stress ab? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Stress und Gesundheit?) vermittelt und eine Stressanalyse oder -diagnostik durchgeführt: Durch klinische Interviews, Erfahrungsaustausch, Selbstbeobachtung, vorstellungsgestütztes Erinnern oder psychologische Testverfahren werden kritische Situationen sowie das eigene Denken, Verhalten und Erleben in stressauslösenden Situationen reflektiert und analysiert. Auf der Basis dieser Analysen werden dann individuelle Ansätze des Stressmanagements auf den drei Ebenen (instrumentelles, kognitives und palliativ-regenertives Stressmanagement) entwickelt und trainiert.

Im Folgenden werden zentrale Bausteine multimodaler Stressmanagementprogramme näher erläutert.

2.1 Instrumentelles Stressmanagement

Ziel des instrumentellen Stressmanagements ist es, eine potenziell stressauslösende Situation so zu beeinflussen, dass sie keine – oder zumindest weniger – negative Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten hat. Dies kann kurzfristig in der Situation selbst stattfinden oder langfristig durch präventive Maßnahmen.

Problemlösen

Probleme lösen Stress aus, wenn der Betroffene keine geeigneten Lösungsmöglichkeiten sieht – wenn also die sekundäre Bewertung im Sinne des transaktionalen Stressmodells von Lazarus & Launier29 (s. o.) negativ ausfällt. Stressmanagement-Trainings dienen daher auch dazu, die Teilnehmer bei der Suche nach und der Umsetzung von Strategien zum Umgang mit alltäglichen und beruflichen Problemen zu unterstützen und ihnen dadurch mehr Sicherheit zu geben. Die Fähigkeit der Teilnehmer zu einer lösungsorientierten, konstruktiven Auseinandersetzung mit Problemen soll verbessert werden. Problemlösungsdefizite, die auf den verschiedenen Stufen des Problemlösungsprozesses angesiedelt sein können, sollen ausgeglichen und die Teilnehmer zu einem systematischen Problemlösungsverhalten angeleitet werden.

Das Problemlösetraining dient implizit dem Erwerb einer allgemeinen, problemlösenden Grundhaltung, die (nach Goldfried & Goldfried 197630) aus folgenden Faktoren besteht:

• der Einsicht, dass Problemsituationen zum normalen Leben gehören,

• der Annahme, dass man solche Situationen aktiv meistern kann,

• der Bereitschaft, Problemsituationen im Augenblick ihres Auftretens wahr- und anzunehmen sowie

• der Entschlossenheit, der Versuchung zu impulsivem Handeln zu widerstehen.

In den verschiedenen Stressmanagement-Ansätzen (z. B. von Kaluza, Wagner-Link, Meichenbaum) werden unterschiedliche Konzeptionalisierungen des Problemlöseansatzes genutzt, die vor allem hinsichtlich der Anzahl der verwandten Problemlöseschritte variieren. Kaluza (201131) schlägt beispielsweise in Anlehnung an Grawe et al. (198032) sowie Kämmerer (198333) eine Gliederung in sechs Schritte vor:

Schritt 1: „Dem Stress auf die Spur kommen“: Die Teilnehmer werden zu einer systematischen Selbstbeobachtung von Belastungssituationen und -reaktionen angeleitet. Sie lernen, anhand eines vereinfachten verhaltensanalytischen Schemas ihre zunächst allgemein formulierten Stresserfahrungen als „Verhalten-in-Situationen“ zu konkretisieren.

Schritt 2: „Ideen zur Bewältigung sammeln“: Hier erfolgt, unter Beteiligung der gesamten Kursgruppe bzw. im Sinne einer kollegialen Beratung, eine bewertungsfreie Suche nach Möglichkeiten der Bewältigung der belastenden Situation in Form eines Brainstorming.

Schritt 3: „Den eigenen Weg finden“: Unter Berücksichtigung der zu erwartenden Konsequenzen trifft der Teilnehmer eine Positiv-Auswahl unter den vorgeschlagenen Bewältigungsmöglichkeiten und entscheidet sich für einen der (ggf. auch eine Kombination mehrerer) Vorschläge.

Schritt 4: „Konkrete Schritte planen“: Hier geht es darum, das konkrete Vorgehen bei der Realisierung des ausgewählten Vorschlages möglichst genau zu planen. Rollenspiele und Vorstellungsübungen werden eingesetzt, um den Teilnehmer gut auf die Durchführung der Schritte im Alltag vorzubereiten.

Schritt 5: „Im Alltag handeln“: Dieser zentrale Schritt des Problemlöseprozesses, auf den alle vorhergehenden Schritte hinführen, findet außerhalb der Kursstunden statt.

Schritt 6: „Bilanz ziehen“: In diesem letzten Schritt der Problemlösesequenz geht es darum, die Ergebnisse der Durchführung (Schritt 5) zu bewerten und nach Gründen für das Gelingen oder Misslingen der Problemlösung zu suchen.

Die aufgeführten Schritte sind einem Gruppentraining entnommen. Sie gelten analog auch für das individuelle Problemlösen.

Selbstbehauptung und Kritik

Bei dem Thema der Selbstbehauptung und Kritik geht es um die Stärkung der sozialen Kompetenz, die erforderlich ist, um Grenzen zu ziehen, negative Emotionen wie Ärger zu bewältigen und „nein“ zu sagen. Es geht also um die Frage, wie eigene Interessen und Bedürfnisse formuliert werden können, ohne dabei Restriktionen oder Sanktionen befürchten zu müssen. Wiegard et al. (200034) arbeiten hier mit Vorstellungsübungen zur negativen Kritik, Erfahrungsaustausch und praktischen Übungen. Daraus werden mit den Teilnehmern Regeln zur Selbstbehauptung und zur Formulierung von Kritik entwickelt, wie beispielsweise

• deutliche, klare, laute Stimme verwenden

• häufiger Blickkontakt

• Ich-Botschaften verwenden (Gebrauch von „ich“ statt „man“ oder „wir“)

• keine unnötigen Entschuldigungen oder Rechtfertigungen

• klare, kurze Formulierungen

• beim Kritisieren konkret benennen, was stört (keine Verallgemeinerungen)

Für die Rolle des Kritisierten wird eingeübt:

• Zuhören (keine voreilige Rechtfertigung)

• Schwächen eingestehen

• berechtigte Kritik annehmen

• unberechtigte Kritik zurückweisen

• sich ggf. entschuldigen

• Blickkontakt halten

Im Rahmen des instrumentellen Stressmanagements geht es hier insbesondere um die Entwicklung und Erprobung von Verhaltensweisen. Wie Kritik gedanklich bewertet und verarbeitet wird, ist Thema des kognitiven Stressmanagements (s. u.). Dort geht es auch darum, wie ich mit meinen eigenen Ansprüchen umgehe, die letztendlich darüber entscheiden, ob es mir gelingt mich abzugrenzen und „Nein“ zu sagen. Instrumentelles und kognitives Stressmanagement greifen also stark ineinander.

Zeitmanagement

Zeitdruck ist ein nahezu allgegenwärtiger Hintergrundstressor für sehr viele Menschen. Ständiger Zeitdruck, das chronische Gefühl des Zeitmangels und Hetze sind nicht nur ein häufiger Auslöser für Belastungsreaktionen, sondern stellen auch ein großes Hindernis für eine palliative und regenerative Stressbewältigung dar. Ziel ist es, den persönlichen Umgang mit der Zeit zu reflektieren, eigene Verhaltensweisen und Einstellungen als mitverursachend für Zeitprobleme zu erkennen und Anregungen zu einer gesundheitsförderlichen Zeiteinteilung zu geben. Es geht darum, ein möglichst hohes Maß an Zeitsouveränität zu gewinnen und den Gebrauch der Zeit an den eigenen beruflichen, familiären und persönlichen Zielen auszurichten. Das Ziel ist nicht ein gefülltes, sondern ein er-fülltes Leben, in dem eine ausgewogene Balance zwischen Zeit für Arbeit und „freier“ Zeit, zwischen Zeit für sich und Zeit für andere herrscht.

Fazit

Zeitmanagement dient also nicht dazu, in dem Polizeialltag noch mehr unterzubringen und mehr zu leisten – die Arbeit zu verdichten. Zeitmanagement dient vielmehr dazu, Raum zu schaffen für ein Leben in Balance, bei dem Familie, Freunde, soziales Engagement, Gesundheit und persönliche Werte ebenso ihren Raum finden wie die Arbeit.

Wichtige Aspekte des Zeitmanagements sind beispielsweise im Programm „Gelassen und sicher im Stress“ (Kaluza, 201135)

• Die Unterscheidung zwischen Wichtigkeit und Dringlichkeit bei der Prioritätensetzung und Arbeitsplanung (nicht alles, was dringend ist, ist auch wichtig).

• Die Berücksichtigung persönlicher Leistungskurven bei der individuellen Arbeitsplanung (Leistungshochs sollten nicht mit Routinetätigkeiten „verschwendet“ werden, in Tiefpunkten der Leistungsfähigkeit fällt geistig anspruchsvolle Tätigkeit schwerer und dauert länger).

• Die Einplanung regelmäßiger Pausen. Seiwert (200536) weist mit seinem Bestsellertitel „Wenn Du es eilig hast, gehe langsam“ darauf hin, dass Ruhepausen ein wichtiges Instrument sinnvoller und effektiver Arbeitsgestaltung sind.

• Die realistische Einschätzung des Zeitbedarfs. Dies schließt die Einplanung von realistischen Pufferzeiten, Zeiten für soziale Interaktionen und Lernen ein.

• Nachkontrollen: Zeitmanagement sollte ein fortlaufendes, „lernendes System“ sein.

2.2 Kognitives Stressmanagement

Kognitives Stressmanagement setzt an den gedanklichen Möglichkeiten des Stressabbaus und der -bewältigung an. Ansatzpunkte sind die reflektierte Situationsbewertung, Selbstinstruktionen, Einstellungsänderungen, die Entwicklung bzw. Konkretisierung von Zielen sowie die Gefühlsregulation. Damit beziehen sich die Ansätze des kognitiven Stressmanagements auf die Bewertungsprozesse, die für die Entstehung von Stressempfindungen nach dem transaktionalen Stressmodell Lazarus (s. o.) Voraussetzung sind.

Reflektierte Situationsbewertung

Wie im transaktionalen Stressmodell dargestellt, führt erst die Situationsbewertung zu dem Empfinden von Stress. Folglich kann eine positive Gedankensteuerung dazu beitragen, belastende Situationen weniger negativ, neutral oder gar positiv zu erleben. Entsprechend kommt dem Bewertungsaspekt beim Stressmanagement eine zentrale Bedeutung zu. Die meisten Ansätze zur Stressbewältigung arbeiten daher an den Bewertungsprozessen, die in Stresssituationen ablaufen.

Hierzu ist es erforderlich, in einem ersten Schritt zu erkennen, wann und wie das Erleben und Verhalten durch eigene Bewertungen negativ beeinflusst wird. Dann gilt es, die stressverschärfenden Bewertungen zu hinterfragen und ggf. zu modifizieren.

Mentale Strategien des kognitiven Stress-managements in konkreten Situationen sind beispielsweise:

• Realitätstestung und Konkretisierung

• Blick auf das Positive, auf Chancen und Sinn

• Orientierung auf eigene Stärken und Erfolge

• Orientierung auf positive Konsequenzen und Entkatastrophisierung

• Relativierung und Distanzierung im Sinne einer realistischen Betrachtung, die nicht bagatellisiert, sondern den größeren Kontext ohne emotionale Verflechtung beleuchtet

Beispiel

Ihr Vorgesetzter schickt Sie nach Hiltrup an die DHPol, um dort vor den Studenten über die Ermittlungserfahrungen mit einer neuen Recherchesoftware zu berichten.

Ihre stressverschärfenden Gedanken:„Das darf doch nicht wahr sein! Immer ich! Ich habe so viel anderes zu tun, was dann alles liegen bleibt und mich zu Überstunden zwingen wird. Außerdem sind die Studenten in Hiltrup ja auch alle erfahrene Ermittler. Da kann ich mich ja nur blamieren!“

Realitätstestung und Konkretisierung: „Werde ich wirklich häufiger herangezogen als meine Kollegen? Wie wichtig und dringend sind die Dinge, die ich dafür liegen lassen muss?“

Blick auf das Positive, auf Chancen und Sinn: „Toll, dass der Chef mir das zutraut!“ oder „Vielleicht schlägt sich das positiv auf meine nächste Beurteilung nieder!“ oder „Vielleicht kann ich interessante Kontakte knüpfen!“

Orientierung auf eigene Stärken und Erfolge: „Als ich die Software hier in der Dienststelle vorgestellt habe, war das ein großer Erfolg.“ oder „Unter Zeitdruck arbeite ich eigentlich immer besonders effektiv – bislang habe ich solche Zusatzaufgaben immer gut in den Griff bekommen.“

Orientieren auf positive Konsequenzen und Entkatastrophisierung: „Ich werde sehr stolz sein, wenn ich das geschafft habe.“ Oder „Selbst wenn es nicht optimal läuft, passiert doch nichts weiter, als dass die Vorbereitung umsonst war. “

Relativierung und Distanzierung: „Meine Freunde würden sagen: Pfeif doch auf die Berichte – so ein Auftritt ist doch eine super Chance!“ oder „In fünf Jahren werde ich nur noch stolz an den Vortrag denken – die Überstunden habe ich schnell vergessen.“

Selbstinstruktion

Selbstinstruktion dient einer reflektierten, systematischen Handlungssteuerung. Aus früheren Erfahrungen automatisiert ablaufende stressverstärkende Kognitionen werden gestoppt und durch Selbstinstruktionen ersetzt, die eine konstruktive Stressbewältigung unterstützen. Storch & Krause37 widmen sich in ihrem Zürcher Ressourcen Modell u. a. dem Stoppen automatisierter Stressreaktionen, indem sie die Relevanz von Vorläufersignalen betonen: Stressreaktionen tauchen nicht aus heiterem Himmel heraus auf. Oft gibt es typische Muster in den Stress auslösenden Situationen, Kognitionen oder körperlichen Spontanreaktionen. Für diese Vorläufersignale muss eine Sensibilität entwickelt werden. Bei ihrem Auftreten sind Stopp-Instruktionen angezeigt. Das kann das Wort „Stopp!“ sein, aber auch andere Selbstinstruktionen oder selbstinduzierte Bilder, die dazu dienen, Automatismen zu unterbrechen, um dann geeignete Ressourcen einzusetzen.

Meichenbaum38 fordert in seinem Stressimpfungstraining zu Selbstinstruktionen mit den Zielen auf (S. 90)

• die Situationsmerkmale zu erkennen und sich auf zukünftige Stressoren vorzubereiten,

• selbstabwertende und Stress erzeugende Gedanken, Bilder und Gefühle zu kontrollieren,

• den Stress bewusst wahrzunehmen und ihn umzubewerten,

• negative Gefühle zu bewältigen,

• sich innerlich auf die Stressbewältigung einzustellen,

• das Resultat der Stressbewältigung zu bewerten und sich für die Bewältigungsanstrengung zu loben.

Entsprechend beziehen sich die Selbstinstruktionen auf folgende Phasen (Meichenbaum S. 92 f):

• Vorbereitung auf den Stressor (z. B. „Was habe ich zu tun?“, „Ich denke erst einmal darüber nach, was ich machen kann.“)

• Konfrontation und Bewältigung des Stressors (z. B. „Ein Schritt nach dem anderen!“, „Unterteile den Stress in übersichtliche Einheiten!“, „Ich verfüge über ein reichhaltiges Bewältigungsrepertoire.“)

• Kritische Momente – Überforderungsgefühle (z. B. „Mein Stress ist ein Signal“, „Atme tief durch!“, „Konzentriere dich auf die Gegenwart: Was habe ich konkret zu tun?“)

• Evaluation (z. B. „Es war nicht so schlecht, wie ich erwartet hatte.“, „Was kann ich daraus lernen?“)

Besonders effektiv scheinen Selbstinstruktionen zu sein, die auf Kompetenz und Kontrolle abzielen sowie solche, die dabei helfen, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren und die Dinge so zu nehmen, wie sie sind.

Beispiele

Dinge nehmen wie sie sind:

„Es ist wie es ist. Was kann ich jetzt daraus machen?“

Kompetenz und Kontrolle:

„Ich bin gut vorbereitet.“ „Ich bin ein erfahrener Polizist.“ „Solange ich ruhig bleibe, behalte ich die Kontrolle.“

Konzentration auf die Gegenwart:

„Ein Schritt nach dem andern: Was ist jetzt als Nächstes zu tun.“

Einstellungsänderung – kognitive Umstrukturierung

Kognitives Stressmanagement setzt darüber hinaus auch an stressverschärfenden „Soll“-Werten und Einstellungen, den sog. persönlichen Stressverstärkern an: Damit gemeint sind grundlegende menschliche Bedürfnisse und Motive nach Zugehörigkeit und Liebe, nach Erfolg und Anerkennung, nach Sicherheit und Kontrolle oder nach Autonomie, die in einseitiger und absolutistischer Weise als Anspruch an sich selbst, an andere oder an die Welt überhaupt formuliert sind (z. B. „Alle Menschen sollen mich lieben.“; „Ich muss immer alles perfekt machen.“; „Ich muss immer alles selbst machen, damit es meinen Ansprüchen genügt.“ etc.). Ellis (199739) spricht von „Mussturbationen“, die als biografisch gewordene, generalisierte, irrationale Einstellungen die Wahrnehmung und Interpretation von konkreten Situationen prägen. Sie stellen gewissermaßen den Hintergrund dar, vor dem konkrete Anforderungssituationen als Bedrohung oder Schädigung zentraler Motive bewertet werden. Zum anderen zählen hierzu auch generalisierte Einstellungen der Hilflosigkeit („Ich bin ausgeliefert – habe keine Alternativen!“), eine geringe generalisierte Selbstwirksamkeitserwartung („Ich kann nicht!“) und eine geringe Frustrationstoleranz („Ich halte das nicht aus!“). Diese prägen die Einschätzung der eigenen Bewältigungskompetenzen und der eigenen Belastbarkeit bzw. Widerstandskraft in konkreten Anforderungssituationen (sekundäre Bewertung sensu Lazarus).

Alle Stressmanagement-Ansätze, die in diesem Beitrag berücksichtigt werden, behandeln die Einstellungsänderung. Die meisten nutzen dabei das auf Ellis basierende Verfahren der Rational-emotiven-Therapie. Dabei gilt es, die persönlichen Einstellungen zu hinterfragen, irrationale (also überzogene, die Zielerreichung und die Befindlichkeit behindernde) Einstellungen zu erkennen und kritisch zu reflektieren.

Im nächsten Schritt geht es darum, diese unangemessenen, absolutistischen Einstellungen zugunsten funktionalerer Haltungen umzubewerten (vgl. z. B. Wagner-Link, S. 182 ff) und neue, angemessenere Einstellungen zu formulieren.

Tabelle 2

Typische Stressverstärker und mögliche „mentale Gegenmittel“ (Auszug aus Kaluza, 201140, S. 114)


irrationale Einstellungförderliche Gedanken
„Sei perfekt!“,„Ich darf keine Fehler machen!“Oft ist gut gut genug.
Aus Fehlern werde ich klug.
Ich gebe mein Bestes und achte auf mich.
„Sei beliebt!“,„Ich muss es allen recht machen.“Ich darf „nein“ sagen.
Nicht alle anderen müssen mich mögen.
Kritik gehört dazu.
„Sei stark!“,„Es ist schrecklich, auf andere angewiesen zu sein.“Ich gebe anderen die Chance, mich zu unterstützen.
Schwächen sind menschlich.
Ich muss nicht alles selbst machen.
„Sei vorsichtig!“,„Es ist entsetzlich, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es geplant habe.“Ich akzeptiere, was ich nicht ändern kann.
Ich bleibe auch bei Ungewissheit gelassen.
Ich muss nicht alles kontrollieren.
„Ich kann nicht!“,„Ich kann den Druck einfach nicht aushalten.“Ich habe schon ähnliche Situationen gemeistert.
Ich vertraue auf mich.
Alles geht auch wieder vorüber.

Die neuen Einstellungen müssen verankert, das heißt sie müssen verinnerlicht werden und die irrationale Einstellung ersetzen. Dazu kommen beispielsweise Imaginationsübungen in Verbindung mit Entspannungstechniken sowie Rollenspiele, Praxisübungen, Wiederholungstechniken oder Merkhilfen zum Einsatz.

Auf gesundheitsrelevante Einstellungen geht auch die Resilienzforschung ein. Unter Resilienzfaktoren versteht man solche persönlichen Einstellungen und Eigenschaften, die dazu beitragen, dass ein Mensch trotz negativ belastenden Bedingungen gesund bleibt. Sie sind also Faktoren innerer Stärke und Widerstandkraft41. Resilienzfaktoren sind42:

• Akzeptanz für die eigene Person und die Realität („Es ist wie es ist!“ im Unterschied zum Hadern mit oder einem Verleugnen der Realität). Dabei meint Akzeptanz nicht ein resignierendes Hinnehmen dessen, was ist. Im Gegenteill: Oft ist das Annehmen einer Situation die Voraussetzug dafür, neue Handlungsoptionen zu entdecken.

• Realistischer Umgang mit Verantwortung: Übernahme der Verantwortung für das eigene Schicksal und die Problemlösung („Ich bin vielleicht nicht dafür verantwortlich, dass ich in diese Situation geraten bin, aber ich bin dafür verantwortlich, das Beste daraus zu machen“).

• Selbstreflektiert handeln: Sich selbst wahrnehmen und Einfluss auf die eigene Stimmung nehmen („Ich gehe achtsam mit mir um und weiß, wie ich meine Stimmung beeinflussen kann“).

• Handlungsorientierung: Die Lösung aktiv angehen („Ich nehme die Lösung in Angriff“).

• Optimismus: Bewusste Wahrnehmung positiver Erfahrungen sowie auch in schwierigen Situationen und Krisen noch eine positive Weltsicht einnehmen und sinnorientiert wahrnehmen („Ich suche auch in schwierigen Situationen nach positiven Aspekten“).

• Soziale Beziehungen pflegen („Ich pflege meine Freundschaften und sozialen Kontakte aktiv“).

• Zukunft gestalten: Lebensträume entwickeln und flexibel an die jeweiligen Gegebenheiten anpassen („Ich habe Visionen – wenn ich merke, dass sie nicht zu verwirklichen sind, passe ich sie der Realität an“).

Resilienzfaktoren sind handlungs- und bewertungssteuernde Einstellungen, die, wie oben dargestellt, verinnerlicht und trainiert werden können.

Zukunftsvision – Ziele klären

Das Stressbewältigungsprogramm „Gelassen und sicher im Stress“ nach Kaluza widmet sich in diesem Zusammenhang in einem Zusatzmodul den persönlichen Zielen. Die Teilnehmer werden zu einer Reflexion und Klärung persönlicher Zielvorstellungen angeregt. Die Beschäftigung mit konkreten gegenwärtigen Belastungen im Alltag wird damit um eine Zukunftsperspektive erweitert. Die Klärung von eigenen Zielen kann helfen, eigene Prioritäten zu finden und im gegenwärtigen Alltag entsprechend zu handeln. Vor dem Hintergrund von definierten Zielen und einem positiven Zukunftskonzept können sich auch stressbezogene Bewertungen von alltäglichen Anforderungen so verändern, dass diese eher als Herausforderungen auf dem Weg zum Ziel wahrgenommen werden können. Mit Zielen vor Augen erhöht sich die eigene Stresstoleranz und die Bereitschaft, sich mit unangenehmen, anstrengenden Situationen zu konfrontieren. Auch Personen, die ihren gegenwärtigen Alltag als wenig sinnvoll erleben, oder solche, die im Zusammenhang mit Verlustereignissen (Tod, Scheidung, Krankheit, Arbeitslosigkeit) Sinnverluste erlebt haben, können durch die Beschäftigung mit Zielen und Zukunft eine neue Sinnorientierung gewinnen. Ziele stellen, indem sie sinn- und identitätsstiftend wirken, selbst eine wichtige Ressource der Stressbewältigung dar.

Zur Herleitung der persönlichen Ziele werden zunächst Zukunftsvisionen – Wunschziele entwickelt. Kaluza (201143) arbeitet in seinem Stressmanagement-Programm mit Vorstellungsübungen: In entspanntem Zustand machen sich die Teilnehmer ein imaginäres Bild Ihrer Zukunft: „Wie sieht mein Leben in (beispielsweise) fünf Jahren aus, wenn alles so gelaufen ist, wie ich es mir vorstelle“. Dabei werden die Lebensbereiche Beruf, Familie, Person und Gemeinschaft betrachtet. Diese Visionen sind erstrebenswerte Zielzustände, wobei offengelassen wird, inwieweit diese durch eigenes Verhalten oder durch äußere Einflüsse oder Zufall erreicht werden können (Kaluza, 2011, S. 167). Aus diesen Visionen werden handlungswirksame Ziele entwickelt.

Handlungswirksame Ziele beziehen sich auf das persönliche Verhalten und Denken, welches erforderlich ist, um das Wunschziel zu erreichen: „Was will ich tun, damit ich dem Wunschziel näherkomme?“ Dabei geht es noch nicht um konkrete Handlungsplanung, sondern eher um ein positives Leitmotiv.

Handlungswirksame Ziele sollten (vgl. Storch & Krause44)

• zu 100 % der eigenen Kontrolle unterliegen (z. B. „Ich gehe offen auf andere zu.“ im Gegensatz zu „Ich habe einen großen Freundeskreis.“)

• als Annäherungsziel formuliert sein (z. B. „Ich vertraue auf meine Fähigkeiten.“ im Gegensatz zu „Die Meinung anderer stört mich nicht mehr. “)

• mit positiven Gefühlen verbunden sein – für den Betroffenen persönlich attraktiv sein

Beispiele

Vision:

Ich bin beruflich erfolgreich. Meine letzte Beurteilung war sehr positiv. Ich gehe souverän mit schwierigen Situationen um. Meine Kollegen bewundern meine Gelassenheit.

Handlungsrelevantes Ziel:

Ruhig und gelassen gehe ich die Herausforderungen an.

Vision:

Sie sind körperlich fit und gesund. Ihre körperliche Attraktivität wird bewundert. Trotz Stresses sind Sie ausgeglichen, da Sie für entsprechenden Ausgleich sorgen.

Handlungsrelevantes Ziel:

„Ich nutze die Energie meines Körpers für Bewegung und genieße meine Ausgeglichenheit.“

In dem Gesundheitsförderungs-Programm GUSI (Olbrich & Storch45) steht die Verstetigung dieser handlungswirksamen Ziele im täglichen Leben im Vordergrund. Das heißt, die handlungswirksamen Ziele sollen bislang dominierende, Stress erzeugende Handlungsziele wie „Sei immer perfekt!“ oder „Sei immer und in jeder Situation stark!“ ersetzen und zum neuen Leitmotiv werden. Sie müssen entsprechend mental verankert und trainiert werden. Olbrich & Storch nutzen dazu

• Erinnerungshilfen wie Bilder, Farben, Motive, Kleidungsstücke, Rituale etc., die mit dem handlungsrelevanten Ziel assoziiert sind.

• Zieladäquate Körperverfassung: Es besteht eine Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper. Stress und negative Einstellungen führen zu einer entsprechenden Körperhaltung. Umgekehrt beeinflusst die Körperhaltung die Psyche. So werden Körperhaltungen trainiert, die zu dem handlungsrelevanten Ziel passen (z. B. aufrechte Haltung zur Stärkung des Ziels „Selbstbewusstes Auftreten“).

• Identifikation potenzieller Überlastungssituationen und Vorläufersignale, Nutzung von Stopp-Befehlen, die die Konzentration auf das handlungsrelevante Ziel ermöglichen.

• Soziale Ressourcen: Nutzung von persönlichen Netzwerken zur Unterstützung der Umsetzung der Ziele sowie als „Erinnerer“.

Aufbauend auf dem Handlungsziel können dann konkrete Verhaltensziele formuliert werden, deren Umsetzungswahrscheinlichkeit deutlich höher ist als ohne die Verankerung des persönlich attraktiven handlungsorientierten Ziels. Diese konkreten Verhaltensziele sollten entsprechend der Zielsetzungstheorie von Locke & Latham (z. B. 200246) herausfordernd und präzise formuliert sein. Im Managementbereich wird in diesem Zusammenhang häufig die S.M.A.R.T.-Regel postuliert (basierend auf Drucker 195647).

Danach sollten Verhaltensziele folgenden Kriterien genügen

• Spezifisch

• Messbar

• Attraktiv

• Realistisch

• Terminiert

Beispiele

Zur Umsetzung des handlungsrelevanten Ziels „Ruhig und gelassen gehe ich die Herausforderungen an.“ könnte ein konkreter Handlungsplan lauten:

„Bei der nächsten Verkehrskontrolle werde ich ruhig und konzentriert sein und tief durchatmen, bevor ich den Fahrer anspreche.“

Zur Umsetzung des handlungsrelevanten Ziels „Ich nutze die Energie meines Körpers und genieße meine Ausgeglichenheit.“ könnte ein konkreter Handlungsplan lauten:

„Zum Ausgleich für meinen Stress gehe ich montags, mittwochs und freitags nach der Arbeit 20 Minuten joggen.“

Gefühlsregulation – Emotionsarbeit

In der Polizeiarbeit kommt der Emotionsarbeit eine hohe Relevanz zu (vgl. Zapf et al., 200348, Lichtenthaler & Fischbach, 201049). Dabei geht es darum, dass es für die Arbeit erforderlich ist, eigene Gefühle nicht direkt sichtbar zu machen, sich neutral zu verhalten oder bewusst Gefühle zu zeigen, die in dem Moment zunächst nicht authentisch sind. Diese Diskrepanz wird als emotionale Dissonanz bezeichnet und ist ein wichtiger Stressor, der auf Dauer die Gesundheit beeinträchtigen kann (vgl. Hochschild, 199050).

Beispile

Obwohl Sie einem Zeugen gegenüber im Verlauf eines Verhörs sehr negative, aggressive Emotionen entwickelt haben, dürfen Sie dies gemäß Ihrer gewählten Verhörtaktik im Interesse des Vernehmungserfolgs nicht zeigen.

Beim Umgang mit emotionaler Dissonanz können zwei Wege gegangen werden: Surface Acting (Oberflächenhandeln: Man tut so, als ob man sich positiv oder neutral fühlen würde) oder Deep Acting (Tiefenhandeln: Man versucht, die gewünschte Emotion durch die Nutzung entsprechender kognitiver Strategien tatsächlich zu empfinden, s. o.). Studienergebnisse von Lichtenthaler & Fischbach belegen, dass Surface Acting hierbei die deutlich schlechtere Variante darstellt. Es zeigt sich, dass es bei häufigem Surface Acting vermehrt zu negativem Arbeitserleben, Burnout und psychosomatischen Beschwerden kommt. Surface Acting geht somit mit negativerem Arbeitserleben und geringerem Wohlbefinden bei der Arbeit einher.

Entsprechend sollte im Rahmen des Stressmanagement-Trainings erarbeitet werden, wie es gelingen kann, sich im Sinne des Deep Actings in die geforderte Emotion zu versetzen.

Mögliche Strategien werden mit den Teilnehmern vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen entwickelt. Relevante Strategien sind beispielsweise:

Empathie: Wenn es gelingt, die Beweggründe des Gegenübers zu verstehen, kommt es in der Regel nicht (oder weniger) zu negativen Emotionen wie Wut oder Aggression.

Entemotionalisieren: Durch rationale Betrachtung und Analyse der Situation können Emotionen reguliert werden.

Distanzieren: Durch die bewusste Reflexion „Das Gegenüber meint nicht mich, sondern die Situation an sich oder die Polizei als Institution“ kann es gelingen, Provokationen und Beleidigungen weniger persönlich zu nehmen.

Beispiele für Kognitionen, mit denen man sich in der oben geschilderten Verhörsituation emotional beeinflussen kann:

Beispiele

„Ich habe ihn in die Ecke gedrängt, deshalb versucht er, mich zu provozieren. Das würde ich an seiner Stelle vermutlich genauso machen.“ (Empathie, Versuch, die Beweggründe des Gegenübers zu verstehen)

„Er meint das nicht wirklich persönlich. Das ist genauso eine Taktik, wie ich eine anwende.“ (Entemotionalisieren, Situation rational bewerten)

Diese Strategien werden in Transferübungen (zunächst in Rollenspielen, dann im Arbeitsalltag) geübt.

2.3 Palliativ-regeneratives Stressmanagement

Palliativ-regeneratives Stressmanagement setzt an, wenn Belastungssituationen zu Beanspruchungs- und Stressreaktionen geführt haben. Ihr Ziel ist es, kurzfristig überschießende Aktivierung zu dämpfen und Handlungsfähigkeit sicherzustellen sowie langfristig für Ausgleich und Regeneration zu sorgen. Neben den bereits eingangs beschriebenen Entspannungstechniken geht es hier beispielsweise um regelmäßige Bewegung, um die Pflege des sozialen Netzwerkes sowie um angenehme Erlebnisse und das bewusste Genießen im Alltag.

Akutfallstrategien – „Methoden der kurzfristigen Erleichterung“

Kaluza (201151) schlägt als Strategie für akute Belastungssituationen die Quart-A-(4A-) Strategie vor. Sie ist besonders für solche Personen gedacht, die in ihrem beruflichen und/oder privaten Alltag häufiger in schlecht vorhersehbare Belastungssituationen geraten, die durch proaktive Bewältigungsbemühungen kaum kontrollierbar sind. Entsprechend handelt es sich um Strategien, die im Polizeialltag eine wichtige Rolle spielen können.

Für solche belastenden Situationen soll hier eine Strategie vermittelt werden, die zum Ziel hat, körperliche und seelische Erregung in diesen Situationen zu kontrollieren, Symptomstress zu vermeiden bzw. Stresstoleranz zu entwickeln sowie adäquates Handeln (falls erforderlich, möglich und gewollt) überhaupt zu ermöglichen. Die Quart-A- (4 x A) Strategie besteht aus vier Schritten:

Annehmen bedeutet, die Situation so zu akzeptieren wie sie ist. Das Annehmen der Situation beinhaltet zweierlei: Erstens das möglichst frühzeitige Wahrnehmen von Stresssignalen und zweitens eine klare und bewusste Entscheidung für das Annehmen (und damit gegen das Hadern mit der Realität). Dies entspricht dem Resilienzfaktor des Akzeptierens (s. unter Einstellungsänderung in Abschnitt 2.2).

Abkühlen bedeutet, überschießende körperliche und psychische Erregung in einer akuten Stresssituation zu regulieren. Wichtig ist hier auch wieder die bewusste Entscheidung für das Abkühlen (und damit gegen das Hineinsteigern in die Erregung). Das Abkühlen selbst kann dann durch gezielte, kurze Entspannungs-, Atem- oder Bewegungsübungen erreicht werden.

Analysieren bedeutet, sich einen Moment Zeit zu nehmen, um zu einer bewussten und schnellen Einschätzung der Situation zu kommen.

Ablenkung oder Aktion: Je nach Ausgang der Kurz-Analyse geht es hier entweder um Ablenkung von der Situation (wenn keine aktive Bewältigung möglich oder sinnvoll ist) oder um gezielte Aktionen zur Änderung der Situation.

Beim Abkühlen und Ablenken setzen auch die „Methoden der kurzfristigen Erleichterung“ nach Wagner-Link (201052) an. Diese zielen auf

• das Kappen von Erregungsspitzen,

• das Unterbrechen der Eskalation bei der betroffenen Person und in der Interaktion sowie auf

• ein schnelleres Umschalten auf Erholung.

Als Maßnahmen, die entsprechend für Abkühlung und Ablenkung sorgen können, schlägt sie vor:

1) Wahrnehmungslenkung

2) Positive Selbstgespräche

3) Kontrollierte Abreaktion

4) Systematische Spontanentspannung

Ad 1) Die Wahrnehmung wird auf erregungsreduzierende, neutrale oder positive Gedanken oder Stimuli fokussiert. Beispiele für eine äußere Wahrnehmungslenkung sind die Beschäftigung mit anderen, angenehmeren Arbeiten – Kurzpausen, aus dem Fenster schauen, telefonieren etc. Innere Wahrnehmungslenkung richtet die Aufmerksamkeit weg von der Stress auslösenden Situation hin zu positiven Bildern oder Gedanken. Auf diese Weise soll körperliche und emotionale Erregung herunterreguliert werden, um wieder handlungsfähig zu werden bzw. zu bleiben.

Ad 2) Positive Selbstgespräche wurden unter dem Aspekt der Selbstinstruktion bereits thematisiert (siehe unter 2.2 Kognitives Stressmanagement).

Ad 3) Kontrollierte Abreaktion dient dazu, sich körperlich abzureagieren und somit das zu tun, wozu man physiologisch bei Stress programmiert ist. Es geht dabei nicht um ein Ausleben von Wut und Aggression am Gegenüber, sondern darum, sich gezielt und kontrolliert körperlich zu entlasten – quasi auszutoben. Abreaktion ist nur dann eine sinnvolle Stressbewältigungstechnik, „wenn sie jederzeit willkürlich erzeugt und abgestellt werden kann“ (Wagner-Link, S. 97). Ansonsten besteht die Gefahr negativer Auswirkungen auf Mitmenschen sowie des Verlusts an Selbstkontrolle.

Ad 4) Maßnahmen der Spontanentspannung beziehen sich auf Kurzformen von Entspannungstechniken, wie sie oben beschrieben wurden (siehe unter Abschnitt 1), die bei entsprechender Übung kurzfristig zur spontanen Beruhigung genutzt werden können. Auch das tiefe Durchatmen fällt hierunter. Dabei ist das richtige Atmen wichtig, da übermäßige Brustatmung und Betonung der Einatmung zu vermehrter Aktivierung und Hyperventilation und damit zu Schwindel führen können.

Beruhigende Atemtechniken sind dagegen:

• Tiefe Bauchatmung: Beim Einatmen sollte zunächst in den Bauch und erst dann in die Brust geatmet werden. Beim Ausatmen leert sich zunächst die Brust und dann der Bauch.

• Langsame Atmung

• Langsames Ausatmen: Das Ausatmen sollte etwas länger dauern als das Einatmen, da physiologisch gerade das Ausatmen der entspannende Vorgang ist. Man kann dazu beispielsweise langsam zählen: während des Einatmens „1, 2“, während des Ausatmens „3, 4, 5“.

• Verbunden atmen: zwischen Ein- und Ausatmung sollte keine Pause, kein Luftanhalten erfolgen. Das Einatmen geht direkt in das Ausatmen über.

Soziale Unterstützung – Netzwerkpflege

Positive soziale Beziehungen stellen eine zentrale Ressource des individuellen Stressmanagements dar (s. a. die Ausführungen zum Thema Einstellungsänderung/Resilienz in 2.2 „Kognitives Stressmanagement“).

Personen mit intakten sozialen Beziehungen in Familie, Freundeskreis und bei der Arbeit erkranken deutlich seltener psychisch oder physisch und leben länger als Personen ohne entsprechende soziale Unterstützung (vgl. z. B. Kaluza, 201153, Röhrle, 199454, von Holst & Scherer, 198855). Wagner-Link56 (S. 204) führt aus, dass sozialer Rückhalt, vertrauens- und respektvolle Zusammenarbeit und Umgang mit anderen sowie ein konstruktives angstfreies Arbeitsklima die tieferen Hirnregionen beruhigen. Belohnungsrelevante und angstmindernde Hirnstrukturen und Neurotransmitter wie Dopamin werden aktiviert.

Gerade in Stressphasen werden soziale Kontakte häufig vernachlässigt. Ein solches Verhalten beraubt die Personen einer wichtigen Ressource.

In Stressmanagement-Seminaren wird in der Regel mit Soziagrammen bzw. der grafischen Darstellung des persönlichen sozialen Netzes gearbeitet (siehe z. B. Wagner-Link, 201057, Reschke & Schröder, 200058, Kaluza, 201159). Ausgehend von der eigenen Person wird aufgezeichnet, welche Menschen zum relevanten sozialen Netz gehören. Besonders nahestehende Personen werden dicht an die eigene Person gezeichnet, entfernte Bekannte entsprechend in weiterer Entfernung. Dabei kann zwischen verschiedenen Personengruppen (z. B. Familie/Verwandte, Freunde, Arbeit/Kollegen etc.) unterschieden werden. Durch Linien verschiedener Stärke wird die Zufriedenheit mit der Beziehung symbolisiert (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2


Basierend auf dieser Ist-Analyse wird erörtert, welche Kontakte man gerne verstärken möchte (Pfeile in Abb. 2) und wie dies erfolgen kann. Auch die Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen, werden im Gruppengespräch thematisiert. Hier kann beispielsweise mit der Methode des Brainstormings gearbeitet werden.

Auch Führungskräfte der Polizei empfehlen den kollegialen Austausch und die Vernetzung als wichtige Stressbewältigungsstrategie. Dabei betonen sie, dass man entsprechende Netzwerke selbst suchen und pflegen sollte, da von außen organisierte Kollegennetze nicht die notwendige Vertraulichkeit sichern können und zudem häufig Konkurrenzbeziehungen untereinander nicht auszuschließen sind. Wenn diese Netze aber der Besprechung von Problemen und Stress dienen sollen, werden direkte berufliche Konkurrenten oft nicht als passende Gesprächspartner empfunden. Auch private Netze sind wichtig, da sie zu Perspektivenwechseln anregen, Distanz und Ablenkung von beruflichen Problemen ermöglichen und Probleme ggf. relativieren.

Zufriedenheitserlebnisse – Genusstraining

Viele Menschen neigen dazu, unter Belastung Freizeitaktivitäten in Form von Hobbys, Sport und Spiel aufzugeben, soziale Kontakte einzuschränken und außerberufliche Interessen verkümmern zu lassen. Solange es sich um eine nur kurzfristige Belastung handelt, kann dies eine durchaus angemessene und erfolgversprechende Strategie darstellen. Bei länger andauernden Belastungen hingegen führt eine solche Selbsteinschränkung in einen fatalen Teufelskreis. Fehlende Erholungs- und Kompensationsmöglichkeiten führen auf die Dauer zu einer Abnahme der Widerstandskraft gegenüber Belastungen.

Ein Ziel von Stressbewältigungstrainings ist es daher auch, einen solchen Circulus Vitiosus dort, wo er besteht, zu unterbrechen und ein individuelles Repertoire palliativer und regenerativer Aktivitäten im Alltag zu verankern. Es geht darum, eine ganz persönliche regenerative „Gegenwelt“ (Eberspächer, 199860) zu entdecken, zu entwickeln und gegenüber den Anforderungen von Beruf und Alltag zu behaupten.

Die im Rahmen dieses Bausteines eingesetzten Methoden zielen neben der Information über grundlegende Erkenntnisse der Erholungsforschung (Allmer, 199661) zunächst in einem ersten Schritt darauf ab, einen neuen Zugang zu positiven Emotionen zu finden, frühere positive Erlebnisse wiederzubeleben und Lust auf neue Erfahrungen zu wecken. Hierzu werden erlebnisaktivierende Methoden eingesetzt.

Im Kleinen beginnt dies mit der Auseinandersetzung mit dem bewussten Genießen – das Wahrnehmen normaler angenehmer Erlebnisse im Alltag. Durch Reflexion dieser kleinen Alltagsfreuden werden Genussregeln entwickelt wie:

• Nimm dir Zeit zum Genießen

• Genieße bewusst

• Schule deine Sinne für Genuss

• Genieße auf deine eigene Art

• Planen schafft Vorfreude

Diese können geübt werden mit Hilfe von „Genusstagebüchern“ (Notieren der angenehmen Erlebnisse des Tages) oder „Glücksakten“ (Dokumentation glücklicher Momente bei der Arbeit). Hier können aber auch die Arbeitsverhältnisse beeinflusst werden, indem man sich im Arbeitsteam darum bemüht, z. B. in Besprechungen auch die positiven Erlebnisse und Erfolge zu würdigen.

Nachdem der Zugang zu positiven Emotionen gefunden wurde, geht man dann im zweiten Schritt von der Erlebnisebene auf die Verhaltensebene über. Hier geht es dann darum, konkrete, individuelle Aktivitäten (bzw. „Passivitäten“) verbindlich zu planen und umzusetzen (z. B. wieder einmal privat ein Fußballspiel oder mit dem Partner einen Tanzkurs zu besuchen). Dabei wird zunächst erarbeitet, was für jeden einzelnen eine angenehme Aktivität ist, sich dabei zu vergegenwärtigen, was das Angenehme daran ist – wie man sich fühlen wird, wenn man diese angenehme Aktivität gezeigt hat. Dieses angenehme Erlebnis wird dann möglichst konkret geplant und mit einem realistischen Zeitplan versehen.

Gesunde Lebensweise

Maßnahmen des regenerativen Stressmanagements dienen nicht nur dem Ausgleich körperlicher und seelischer Beanspruchungsfolgen, sondern wirken auch durch präventives Gesundheitsverhalten. Bewegung, gesunde Ernährung und erholsamer Schlaf sind Ressourcen die helfen, mit Belastungen besser umgehen zu können. Ungesunde Ernährung und unzureichender Schlaf stellen für den Körper zusätzliche Belastungen dar, die sich zum Alltagsstress addieren.

Bewegung

Stressbewältigung durch Sport und mehr Bewegung im Alltag setzt direkt an den physiologischen Stressreaktionen des Körpers an – nutzt die freigesetzten Energiepotenziale – und produziert zudem Endorphine, die als köpereigene „Glückshormone“ gelten. In dem Stressbewältigungsprogramm „Gelassen und sicher im Stress“ werden die Teilnehmer beispielsweise über die positiven Auswirkungen körperlicher Aktivität auf die körperliche und psychische Gesundheit informiert und es werden ihnen praktikable Wege zur Steigerung körperlicher Aktivität im Alltag aufgezeigt.

Besondere Bedeutung kommt dabei einerseits der Erhöhung der Bewegungsanteile im Alltag (z. B. Nutzung der Treppe gegenüber dem Aufzug) sowie andererseits der Förderung von (moderaten) Ausdauersportarten zu.

Polizeiarbeit ist zunächst ein bewegungsorientierter Beruf. Insbesondere im Zusammenhang mit der persönlichen Karriereentwicklung nehmen die Bewegungsanteile aber immer mehr ab, sodass körperliche Aktivität insbesondere bei Führungskräften wieder bewusst in den Alltag integriert werden muss.

Gesunde Ernährung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) formuliert 10 Regeln für vollwertiges Essen und Trinken62:

• Vielseitig essen – Merkmale einer ausgewogenen Ernährung sind abwechslungsreiche Auswahl, geeignete Kombination und angemessene Menge nährstoffreicher und energiearmer Lebensmittel

• Reichlich Getreideprodukte und Kartoffeln mit möglichst fettarmen Zutaten

• Gemüse und Obst – Nimm „5 am Tag“ – möglichst frisch, nur kurz gegart

• Täglich Milch und Milchprodukte; ein- bis zweimal in der Woche Fisch; Fleisch, Wurstwaren sowie Eier in Maßen (maximal 300 - 600 g Fleisch pro Woche)

• Wenig Fett und fettreiche Lebensmittel (max. 60 - 80 g Fett pro Tag); pflanzliche Fette und Öle bevorzugen; auf versteckte Fette in Milchprodukten, Gebäck und Fertigprodukten achten

• Zucker und Salz in Maßen

• Reichlich Flüssigkeit (rund 1,5 l pro Tag); Wasser und andere energiearme Getränke bevorzugen; alkoholische Getränke nur selten und in kleinen Mengen konsumieren

• Schmackhaft und schonend zubereiten – bei niedriger Temperatur mit wenig Wasser und wenig Fett zubereiten

• Sich Zeit nehmen und genießen – nicht nebenbei essen

• Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben

Gesunder Schlaf

Schlaf ist wohl das wichtigste und effizienteste Regenerationsprogramm für Körper und Geist. Wer über lange Sicht ein Schlafdefizit aufbaut, gefährdet seine Gesundheit und Stresstoleranz, da bei zu wenig Schlaf das Stresshormon Cortisol die Übermacht gewinnt (Zulley, 200863). Die Folge ist ein Nachlassen der Abwehrkräfte. Wachstumshormone, die im Schlaf gebildet werden, fehlen. Das führt dazu, dass Körperzellen nicht mehr so schnell ersetzt werden. Nach Zulley verändert sich bei dauerhaftem Schlafmangel der Stoffwechsel, der Blutzuckerspiegel steigt, die Verdauung wird gestört und die Schilddrüse ist nicht voll funktionsfähig. Gleiche Symptome zeigt ein hoher Cortisolspiegel, der durch Stress bedingt ist (Schommer & Hellhammer, 200364). Die Effekte von Dauerstress und Schlafmangel addieren sich also.

Gerade bei Stress wird der Schlaf aber auch leicht beeinträchtigt. Bei dauerhaften, starken Belastungen kommt es häufig zu Ein- oder Durchschlafstörungen, die wiederum die Stresstoleranz verringern und negative Gedanken und Bewertungen wahrscheinlicher machen.

Kaluza (201165) nennt vor diesem Hintergrund 9 Regeln für einen gesunden Schlaf:

1 An regelmäßige Schlafens- und Aufstehzeiten halten

2 Körperliche Aktivität – allerdings nicht kurz vor dem Zubettgehen

3 Vermeidung koffeinhaltiger Getränke vor dem Schlafengehen – die wach machenden Abbauprodukte sind noch bis zu 14 Stunden nach dem Konsum im Körper nachweisbar

4 Nikotinkonsum einschränken wegen seiner aufputschenden Wirkung (min. 3 Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr rauchen)

5 Vermeidung von Alkohol vor dem Schlafengehen – Der Genuss von Alkohol hilft zunächst beim Einschlafen, führt aber zu häufigeren Schlafunterbrechungen und zu geringerer Erholung

6 Nicht hungrig, aber auch nicht mit Völlegefühl zu Bett gehen

7 Angenehme Schlafumgebung, die ausschließlich dem Schlaf gewidmet sein sollte (z. B. kein TV oder Arbeitsplatz im Schlafzimmer)

8 Entspannen vor dem Zubettgehen durch persönliche Einschlaf-Rituale (z. B. warmes Bad, leichte Lektüre, entspannende Musik, Entspannungsübungen)

9 Tipps beim Wachliegen:

• Erst schlafen gehen, wenn man müde ist

• Aufstehen, wenn man nicht schlafen kann

• Gedanken und Sorgen, die einem durch den Kopf gehen, aufschreiben

• Nicht außerhalb des Bettes schlafen

• Erst dann wieder ins Bett gehen, wenn man schläfrig ist

• Akzeptieren der Situation und die wache Zeit auf angenehme Art genießen

• Nicht auf die Uhr sehen

3. Ergänzende polizeispezifische Belastungsfaktoren als Thema der Stressbewältigung

Die Polizeiarbeit hat zwei ergänzende Spezifika, die besonders stressrelevant sind:

• Schichtarbeit – dauerhaft und zyklisch,

• potenziell traumatisierende Erlebnisse – als extremer, bedrohlicher Stressor

Bei beiden sind die Ursachen und Bedingungen nicht zu beeinflussen, aber die potenziell negativen Auswirkungen zu reduzieren.

Da auf den Umgang mit traumatisierenden Erlebnissen in dem Beitrag von Hallenberger in diesem Buch eingegangen wird, wird an dieser Stelle nur die Problematik der Schichtarbeit ausführlicher behandelt.

Schichtarbeit stellt in mehrfacher Hinsicht Anforderungen an das persönliche Stressmanagement. Zum einen kann das Arbeiten gegen die circadiane Rhythmik, verbunden mit den geforderten Umstellungen des Organismus zwischen Früh-, Spät- und Nachschicht als negativ belastend empfunden werden – stellt also einen Stressor dar (vgl. z. B. Rutenfranz & Knauth, 198266; Wirtz, 201067; Nollmann, 200968). Andererseits ist das Spektrum der Möglichkeiten für Ausgleich und Regeneration zu sorgen durch die zeitlichen Reglementierungen eingeschränkt – die Möglichkeit der Teilnahme an regelmäßigen Kursen oder an einem Vereinsleben ist eingeschränkt (Techniker Krankenkassen 200569).

Bei der Bearbeitung der Schichtproblematik geht es u. a. darum, die negativen Folgen des Arbeitens gegen die biologische Uhr möglichst gering zu halten. Hier werden beispielsweise Hilfen zum Umgang mit den wechselnden Schlafenszeiten (vgl. Zulley, 200870) und Verbesserung des Tagschlafs erarbeitet (z. B. Raumgestaltung zum Schutz vor Lärm, Licht und Wärme, Ernährungsverhalten bei Nachschicht) oder Ansätze des Umgangs mit Müdigkeit während der Arbeitszeit (Stichwort Sekundenschlaf) erläutert. Als wichtige Folge, die sich direkt auf die Ausgleichs- und Regenerations-Möglichkeiten auswirkt, wird vielfach von Betroffenen die Schwierigkeit der Teilhabe am sozialen Leben aufgrund der Schichtarbeit konstatiert (vgl. Hofmeister, 201071). Hier gilt es, Lösungen zu finden, wie soziale Kontakte und Beziehungen trotz der zeitlichen Einschränkungen gepflegt werden können. Themen dabei sind z. B. die Vereinbarung von Ruhezeiten mit Freunden oder der Familie, die Planung sozialer Aktivitäten, das Kontakthalten, die Transparenz des Schichtplans für Freunde oder die gemeinsame Einnahme von Mahlzeiten mit der Familie.

Das Hadern mit der Tatsache des Schichtdienstes, einseitige Opferhaltungen und Hilflosigkeitseinstellungen erschweren nicht selten eine konstruktive Beschäftigung mit den Folgen der Schichtarbeit. Wichtige Aufgaben von Interventionen in diesem Bereich sind, solche dysfunktionalen Haltungen zu reflektieren und immer wieder eine Ressourcen- und Lösungsorientierung anzuregen („Es ist wie es ist! Was kann ich aus der Situation machen? Welche Chancen und Vorteile hat der Schichtdienst?“) (vgl. hierzu Techniker Krankenkassen 200572).

Es existieren keine evaluierten und publizierten Ansätze des Stressmanagements, welche sich explizit mit den Herausforderungen der Schichtarbeit auseinandersetzen. In der Praxis wird das Thema Schichtarbeit in unternehmensspezifischen Angeboten in allgemeine Stressmanagement-Ansätze integriert. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Gruppenansätze, bei denen mit einer Kombination aus Wissensvermittlung (z. B. zum Thema circadiane Rhythmik), Erfahrungsaustausch, Kleingruppen- und Einzelarbeit (z. B. Planung der Schlafzimmergestaltung) gearbeitet wird. Sinnvoll ist die Thematisierung des Umgangs mit Schichtarbeit zu einem möglichst frühen Zeitpunkt – beispielsweise während der Ausbildung. Bei berufserfahrenen Teilnehmergruppen stößt besonders der Erfahrungsaustausch auf positive Resonanz.

4. Inadäquate Mittel des Stressmanagements

Als nicht adäquate Mittel der Stressbewältigung sind beispielsweise Flucht, gedankliche Weiterbeschäftigung, Resignation und Selbstbeschuldigung zu nennen (vgl. Janke et al., 198573).

Bei Flucht versucht man sich der Situation zu entziehen. Diese Strategie bedeutet, dass man die Situation nicht unbedingt vermeidet, sie aber auch nicht bis zum Schluss durchsteht. Flucht kann in Einzelfällen sinnvoll sein. Als generelle Stressbewältigungsstrategie führt sie aber dazu, dass die Angst aufrechterhalten bleibt und das Selbstbewusstsein sinkt.

Mit der gedanklichen Weiterbeschäftigung ist ein ständiges Durchdenken der Vergangenheit gemeint. Man macht sich Vorwürfe oder stellt sich Fragen, auf die es keine Antwort gibt (Hätte ich doch! Warum nur? usw.). Es kommt zum Gedankenkarussell, was häufig mit Schlafstörungen verbunden ist. Mit der gedanklichen Weiterbeschäftigung ist an dieser Stelle nicht die zielgerichtete Auswertung der Situation im Sinne von: „Was könnte ich daraus lernen?“gemeint. Eine solche lösungsorientierte Auswertung wäre durchaus sinnvoll.

Resignation ist abzugrenzen von Akzeptieren (s. o.). Resignieren meint eher sich hängen lassen und jammern. Dies ist eine depressionsfördernde und passive Strategie. Das Ohnmachtsgefühl steigt und man fühlt sich noch schlechter.

Mit Selbstbeschuldigung ist nicht die realistische Fehlersuche gemeint. Bei der Selbstbeschuldigung wird ein unrealistisch hoher perfektionistischer Anspruch an sich gestellt, oder es wird die Verantwortung für Dinge übernommen, die von außen verursacht wurden. Sie wirkt sich negativ auf das Selbstbewusstsein und das Wohlempfinden aus.

Bei hohen Belastungen kommen häufig auch Alkohol, Aufputschmittel und Drogen sowie andere Suchtverhaltensweisen (Nikotin, Arbeitssucht, Sportsucht) zum Einsatz. Diese sind aber ebenfalls als nicht zielführend zu betrachten, da sie den Körper zusätzlich belasten und nur zeitlich sehr begrenzt und nur subjektiv entlastend wirken.

5. Zusammenfassung und Bewertung der Ansätze der Stressbewältigung

Tabelle 3 zeigt eine Übersicht der dargestellten Maßnahmen und stellt sie den Ansatzpunkten nach dem transaktionalen Stressmodell nach Lazarus gegenüber.

Tabelle 3


Die Wirksamkeit aller in den Abschnitten 1 und 2 dargestellten Ansätze konnte wissenschaftlich nachgewiesen werden. Relevant ist dabei, dass ein möglichst breites Spektrum an Bewältigungsstrategien am erfolgversprechendsten ist. Eine Person, die perfekt in einer Entspannungstechnik trainiert, aber nicht in der Lage ist, Probleme zu lösen oder Gedanken stressrelativierend zu steuern, wird immer nur kurativ tätig sein können. Eine andere Person, die über perfekte Problemlösestrategien verfügt, kann ausbrennen, wenn sie sich durch übertriebenen Ehrgeiz unter Druck setzt und nicht für Ausgleich und Regeneration sorgen kann.

Entsprechend ist ein möglichst breites Repertoire an Bewältigungsstrategien anzuzielen, die sowohl kurz- als auch langfristig ansetzen sollten. Wichtig ist dabei, dass viele Bewältigungsstrategien gelernt und/oder trainiert werden müssen, um in einem konkreten Belastungsfall greifen zu können. Entsprechend kommt der Prävention besondere Bedeutung zu. Das heißt: Stressbewältigungsstrategien sollten erlernt werden, wenn der Stress noch nicht überhand genommen hat. Somit ist die Auseinandersetzung mit Stressmanagement auch kein Zeichen von Schwäche oder Überforderung, sondern von vorausschauendem, rationalem und verantwortungsbewusstem Handeln.

Stressmanagement wirkt dabei in hohem Maße individuell. Maßnahmen der Prävention müssen zum Anwender passen, er muss deren Wichtigkeit einsehen und sie als erfolgversprechend beurteilen. Es hat keinen

Sinn, jemanden zu einer Entspannungstechnik zu drängen, der darin keinen Nutzen erkennen kann, oder jemanden mit Maßnahmen der Identitätsentwicklung zu konfrontieren, der diese für unnütze „Psychospielchen“ hält – das würde nur Widerstand erzeugen. Es muss nicht jeder jede Technik des Stressmanagements nutzen, der eigene Weg zählt. Offenheit und vielleicht auch Mut zum Ausprobieren, um zu prüfen, was individuell passend sein könnte, ist aber sicherlich ein sinnvoller Weg, um das persönliche Management-Repertoire zu erweitern.

Abschließend muss festgehalten werden: Der Begriff Stressmanagement legt nahe, dass Stress immer und in jeder Situation zu beeinflussen und zu steuern ist, woraus sich individuell die Überlegung ergeben könnte „Wenn ich meinen Stress nicht im Griff habe, habe ich versagt!“. Das ist sicherlich ein Fehlschluss. Auch für Personen mit sehr guten Stressmanagement-Kompetenzen gibt es Situationen, denen sie nicht gewachsen sind oder die sie stark belasten und aufwühlen. Individuelles Stressmanagement als Verhaltensprävention kann viel bewirken – aber nicht alles. Es sollte sinnvollerweise durch Maßnahmen der Verhältnisprävention ergänzt werden.

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Vaitl, D. & Petermann, F. (Hrsg.) (1993). Handbuch der Entspannungsverfahren. Bd1: Grundlagen und Methoden. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Wagner-Link, A. (2010). Verhaltenstraining zur Stressbewältigung. Arbeitsbuch für Therapeuten und Trainer. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta.

Wiegard, U., Tauscher, N., Inhester, M.-L., Puls, W. & Wienold, H. (2000). „Gelassen bei der Arbeit“. Ein Trainingskurs zur Bewältigung von Stress am Arbeitsplatz. Modifizierte Version des Programms von Karin Siegrist & Thea Silberhorn „Stressabbau in Organisationen – Ein Manual zum Stressabbau. Münster: Institut für Soziologie.

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Zulley, J. (2008). So schlafen Sie gut. München: Zabert Sandmann.

1 Kaluza, G. & Renneberg, B. (2009). Stressbewältigung. In: J. Bengel & M. Jerusalem (Hrsg.), Handbuch der Medizinischen Psychologie und Gesundheitspsychologie, 265-272 Göttingen: Hogrefe.

2 GKV-Spitzenverband (2010). Leitfaden Prävention.

3 Wagner-Link, A. (2010). Verhaltenstraining zur Stressbewältigung. Arbeitsbuch für Therapeuten und Trainer. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta.

4 a. a. O.

5 Vaitl, D. & Petermann, F. (Hrsg.)(1993). Handbuch der Entspannungsverfahren. Bd1: Grundlagen und Methoden. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

6 Meichenbaum, D. (2003). Intervention bei Stress. Anwendung und Wirkung des Stressimpfungstrainings. 2. revidierte und ergänzte Auflage. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Hans Huber.

7 z.B. kostenfreie mp3-Downloads oder CD zu Progressiver Muskelentspannung, Atementspannung oder Tiefenentspannung einiger Krankenkassen sowie käufliche Anleitungen wie beispielsweise Hölker, R.M. (2007). Wege in die Entspannung + Gesunder Schlaf. Audio-CD – Atementspannung, Muskelentspannung, Visualisierung. Köln: Kölner Institut für Stressminderung. Mayer, K.C. (2006). Entspannungstraining nach Jacobson – Progressive Muskelentspannung mit Entspannungsmusik. Sindelfingen: Media Sound Art.

8 zahlreiche Filmbeiträge bei YouTube sowie käufliche Beiträge wie z.B. aus der Reihe Wellness-DVD: Autogenes Training – Langfristig den Stress bewältigen. Atementspannung – Stress-Abbau mit meditativer Atmung Qi Gong – Einfaches Entspannen durch sanften Energiefluss

9 Beispielsweise von Bielsoft: Autogenes Training 7 Wochen Kurs oder Progressive Muskelentspannung Kurs von Buenavista Studio s.l.: Yoga2go

10 Sonnentag, S. (2001). Work, recovery avtivities, and individual well-being: A diary study. Journal of Occupational Health Psychology, 6, 196-210.

11 Dorsch, F. (1992). Psychologisches Wörterbuch. Bern: Hans Huber. S. 176.

12 Lazarus, R. S. (1966). Psychological stress and the coping process. New York: McGraw Hill.

13 Lazarus, R. S. & Launier, R. (1981). Stressbezogene Transaktionen zwischen Personen und Umwelt. In: J. R. Nitsch (Hrsg.), Stress, Theorien, Untersuchungen und Maßnahmen, 213-259. Bern: Huber.

14 Kaluza, G. (2011). Stressbewältigung. Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung. 2. vollständig überarbeitete Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer.

15 Z. B. Wagner-Link a. a. O. oder Litzke, S. & Schuh, H. (2010). Stress, Mobbing, Burn-out am Arbeitsplatz. Berlin, Heidelberg: Springer.

16 a. a. O.

17 a. a. O.

18 Schelp, T., Maluck, D., Gravemeier, R. & Meusling, U. (1997). Rational-Emotive Therapie als Gruppentraining gegen Stress. Seminarkonzepte und Materialien. Bern, Stuttgart, Toronto: Hans Huber.

19 Kaluza, G. (2007). Gelassen und sicher im Stress. Das Stresskompetenz-Buch. Stress erkennen, verstehen, bewältigen. Heidelberg: Springer. Kaluza, G. (2011). a. a. O.

20 a. a. O.

21 Brengelmann, J. C. (1988). Stressbewältigungstraining 1: Entwicklung. Frankfurt: Peter Lang.

22 Krauthan, G. (2004). Psychologisches Grundwissen für die Polizei. Ein Lehrbuch. 4. vollständig überarbeitete Auflage, 168-183. Weinheim, Basel: Beltz.

23 a. a. O.

24 a. a. O.

25 Wiegard, U., Tauscher, N., Inhester, M.-L., Puls, W. & Wienold, H. (2000). „Gelassen bei der Arbeit“. Ein Trainingskurs zur Bewältigung von Stress am Arbeitsplatz. Modifizierte Version des Programms von Karin Siegrist & Thea Silberhorn „Stressabbau in Organisationen – Ein Manual zum Stressabbau. Münster: Institut für Soziologie.

26 Reschke, K. & Schröder, H. (2010). Optimistisch den Stress meistern. Ein Programm für Gesundheitsförderung, Therapie und Rehabilitation. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen: dgvt.

27 Storch, Maja & Olbrich, Dieter (2011). Das GUSI-Programm als Beispiel für Gesundheitspädagogik in Präventionsleistungen der Deutschen Rentenversicherung. In: W. Knörzer & R. Rupp (Hrsg.), Gesundheit ist nicht alles – was ist sie dann? Hohengehren: Schneider.

28 Storch, M. & Krause, F. (2010). Selbstmanagement – ressourcenorientiert. Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM). 4. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Bern: Huber.

29 a. a. O.

30 Goldfried, M. R. & Goldfried, A. P. (1976). Kognitive Methoden der Verhaltensänderung. In: F. H. Kanfer & A. P. Goldstein (Eds.), Möglichkeiten der Verhaltensänderung, 62-83. München: Urban & Schwarzenberg

31 a. a. O.

32 Grawe, K., Dziewas, H. & Wedel, S. (1980). Interaktionelle Problemlösungsgruppen – ein verhaltenstherapeutisches Gruppenkonzept. In: K. Grawe (Hrsg.), Verhaltenstherapie in Gruppen, 266-306. München: Urban & Schwarzenberg.

33 Kämmerer, A. (1983). Die therapeutische Strategie „Problemlösen“. Theoretische und empirische Perspektiven ihrer Anwendung in der kognitiven Psychotherapie. Münster: Aschendorff.

34 a. a. O.

35 a. a. O.

36 Seiwert, L. J. (2005). Wenn du es eilig hast, gehe langsam: Mehr Zeit in einer beschleunigten Welt. Frankfurt: Campus.

37 a. a. O.

38 a. a. O.

39 Ellis, A. (1997): Grundlagen und Methoden der Rational-emotiven Verhaltenstherapie. München: Pfeiffer.

40 a. a. O.

41 vgl. z. B. Siegrist, U. & Luitjens, M. (2011). Resilienz. Offenbach: Gabal.

42 Olejniczak, C. (2011). Resilienz. Von den Stehauf-Menschen lernen. Fachvortrag bei der A+A 2011 am 21.10.2011 in Düsseldorf.

43 a. a. O.

44 a. a. O.

45 a. a. O.

46 Locke, E. A. & Latham, G. P. (2002). Building a practically useful theory of goal setting and task motivation: A 35-year odyssey. In: American Psychologist, 57(9), 705-717.

47 Drucker, P. F. (1956). Praxis des Management. Düsseldorf, Wien: Econ.

48 Zapf, D., Isic, A., Fischbach, A. & Dormann, Ch. (2003). Emotionsarbeit in Dienstleistungsberufen. Das Konzept und seine Implikationen für die Personal- und Organisationsentwicklung. In: K-Ch. Hamborg & H. Holling (Hrsg.), Innovative Personal- und Organisationsentwicklung, 266-288. Göttingen: Hogrefe.

49 Lichtenthaler, P. W. & Fischbach, A. (2010). Belastungsfaktor oder Ressource? Fluch und Segen von Emotionsarbeit. In: præview – Zeitschrift für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention, 03/2010, 8-9.

50 Hochschild, A. R. (1990). Das gekaufte Herz. Zur Kommerzialisierung der Gefühle. Frankfurt/M.: Campus.

51 a. a. O.

52 a. a. O.

53 a. a. O.

54 Röhrle, B. (1994). Soziale Netze und soziale Unterstützung. Weinheim: Psychologie-Verlags-Union.

55 Holst, D. von & Scherer, K. R. (1988). Stress. In: K. Immelmann, K. R. Scherer, C. Vogel & P. Schmoock (Hrsg.), Grundlagen des Verhaltens. 289-327. Jena: Gustav Fischer.

56 a. a. O.

57 a. a. O.

58 a. a. O.

59 a. a. O.

60 Eberspächer, H. (1998). Ressource Ich. Der ökonomische Umgang mit Stress. München: Hanser.

61 Allmer, H. (1996). Erholung und Gesundheit. Grundlagen, Ergebnisse und Maßnahmen. Göttingen: Hogrefe.

62 Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2011). Vollwertig essen und trinken nach den 10 Regeln der DGE. Poster. Bonn: DGE.

63 Zulley, J. (2008). So schlafen Sie gut. München: Zabert Sandmann.

64 Schommer, N. & Hellhammer, D. (2003). Psychobiologische Beiträge zum Verständnis stressbezogener Erkrankungen. In: H. Reinecker (Hrsg.), Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie. Modelle psychischer Störungen. 62-72. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe.

65 a. a. O.

66 Rutenfranz, J. & Knauth, P. (1982). Schichtarbeit und Nachtarbeit. Probleme, Formen, Empfehlungen. München: Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung.

67 Wirtz, A. (2010). Gesundheitliche und soziale Auswirkungen langer Arbeitszeiten. Dortmund, Berlin, Dresden: BauA.

68 Nollmann, A. (2009). Stress bei Schichtarbeit. München: Grin.

69 Techniker Krankenkasse (2005). Gesund bleiben mit Schichtarbeit. Informationen für Mitarbeiter und Führungskräfte. Hamburg: Techniker Krankenkasse.

70 a. a. O.

71 Hofmeister, M. (2010). Der Vergleich vom Dreischichtdienst gegenüber dem Einsatz im Zweischichtdienst mit Dauernachtwachen unter sozialen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. München: Grin.

72 a. a. O.

73 Janke, W., Erdmann, G. & Kallus, W. (1985). Der Streßverarbeitungsfragebogen (SVF). Handanweisung. Göttingen: Hogrefe.

Stress & Leistung

Clemens Lorei

Prof. Dr. rer. nat,. Dipl.-Psych., Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung

Vorbemerkung

Für die Stress-Leistungs-Beziehung kann festgestellt werden: Stress ändert Leistungen oder lässt sie unbeeinflusst – es kommt darauf an! Dies ist weder als Kapitulation vor der Realität, als wissenschaftliche Diffusität noch als Aussageverweigerung aufgrund von Unwissenheit zu sehen. Diese, auf den ersten Blick wertlose Aussage, wird aber der Komplexität des Sachverhalts gerecht: Sowohl Stress als auch Leistung sind umfangreiche Konzepte und beinhalten diverse unterschiedliche Aspekte und Prozesse. Deshalb kann keine pauschale Aussage wie „Stress wirkt leistungssenkend“ gemacht werden. Die nachfolgenden Ausführungen sollen deshalb vorrangig diese Komplexität darstellen. Damit soll der Leser befähigt werden, über unwissenschaftliche oder populärwissenschaftlich stark vereinfachte Aussagen hinaus, die vielschichtigen Zusammenhänge zu begreifen und differenzierter betrachten zu können.

1 Einführung

Es ist bereits Alltagswissen, dass Stress Folgen hat. Einerseits wird dabei häufig an die gesundheitlichen Folgen gedacht (siehe Kapitel Stress & Gesundheit in diesem Band). Andererseits wirkt sich Stress aber auch auf das Leistungsverhalten aus. Dabei werden häufig unterschiedliche Begriffe wie Stress, Angst, Belastung und Arousal1/Erregung verwendet. Die Trennung dieser in voneinander deutlich abgegrenzte wissenschaftliche Konzepte, stellt eine scheinbar kaum bewältigbare Herausforderung dar. Sie werden häufig bedeutungsähnlich und synonym gebraucht, bezeichnen an anderer Stelle aber wieder Verschiedenes. Sie sind oft wenig oder gar nicht trennscharf definiert und kaum eindeutig operationalisiert.2 Da dieses Kapitel im Wesentlichen einen Überblick über den Zusammenhang zwischen diesen Zuständen und Prozessen einerseits und Verhalten, im Sinne von Leistungen, andererseits aufzeigen will, soll auch hier auf eine scharfe Abgrenzung der Konzepte verzichtet werden.3 Dabei darf nicht übersehen werden, dass Leistung ein umfassendes Konzept von Verhaltensbereichen umschließt. Menschliche Leistung setzt verschiedene kognitive Bereiche und Prozesse voraus, beinhaltet unterschiedliche motorische Aspekte und ist abhängig von diversen sensorischen Perspektiven. Einfach nur von Leistung zu sprechen, vereinfacht diese Bandbreite sträflich.

Im Folgenden sollen zunächst einige unterschiedliche Modelle für den Zusammenhang von Stress und Leistung vorgestellt und kurz diskutiert werden. Dieser Überblick soll ansatzweise die Komplexität der Thematik darstellen und vor übertriebenen, teilweise unnützen oder sogar gefährlichen Vereinfachungen, wie sie sich häufig in der stark verkürzenden Literatur finden, schützen. Anschließend an die Modellvorstellungen werden einige konkrete Forschungsergebnisse zu Effekten von Stress auf das Leistungsverhalten erörtert. Abschließend werden verschiedene Erkenntnisse für polizeiliche Leistungssituationen angeführt.

2 Theorien zur Wirkung von Stress auf die Leistung

2.1 Drive Theorie von Hull

Bei der Theorie von Hull (1943, [zitiert nach Jarvis, 1999]) sind die Faktoren Aufgabenkomplexität, Arousal/Erregung (also Stress) und gelernte 'Habits' (also Gewohnheit) zentral. Je höher das Arousal, desto eher finden dominante Gewohnheiten Eingang in das Verhalten. Ist die dominante Gewohnheit der (relativ einfachen) Aufgabenstellung adäquat, kann gefolgert werden, dass bei ansteigendem Arousal auch die Leistung ansteigt (Jarvis, 1999, S. 70). Es ist dann ein linearer Zusammenhang zwischen Arousal und Leistung zu proklamieren (siehe Abb. 1): Routine zahlt sich aus!

Im Fall einer komplexen oder schwierigen Aufgabe, und wenn die dominante Gewohnheit inadäquat ist, d. h. die Routine nicht zur Lösung des Problems dient, soll Arousal dann leistungsmindernd wirken. Die Leistung ist also nicht nur abhängig vom psychischen Zustand, in dem sich der Akteur befindet, sondern von dessen Gewohnheiten bzw. dem Niveau seiner Fertigkeiten. Experten können demnach von einem erhöhten Arousal profitieren, während Ungeübte Leistungseinbußen erfahren (Cox, 1998, S. 113; Jarvis, 1999, S. 70). Damit lassen sich Unterschiede zwischen Personen aufzeigen. Verschiedene Leistungsniveaus für unterschiedliche Handlungen einer einzelnen Person werden dadurch aber nicht verständlich. Ebenso kann der Ansatz von Hull keine Zusammenhänge erklären, die nicht linear sind, sondern eher ansteigen und nach einem Maximum wieder abfallen (siehe nachfolgender Abschnitt).

Abbildung 1


Abbildung 2


2.2 Yerkes & Dodson Regel

Die sicherlich bekannteste Regel ist die sog. Yerkes & Dodson Regel. Hier wird ein umgekehrt-U-förmiger Zusammenhang zwischen Stress bzw. Angst und Leistung propagiert (Abbildung 2). Mit zunehmender Erregung bzw. ansteigendem Stress/Angst nimmt zunächst die Leistung zu. Ab einem gewissen Punkt jedoch verschlechtert sich die Leistung mit weiter ansteigendem Stress. Die Regel geht zurück auf Yerkes & Dodson (1908), obwohl deren klassische Studie wenig damit zu tun hatte (Raglin, 1992). Es wird davon ausgegangen, dass für jede Aufgabe ein optimales Stressniveau existiert, jenseits dessen die Leistung suboptimal ausfällt. Es sollen also Über- und Untererregung existieren. Bei sehr niedrigem Stress erbringt der Organismus nur geringe Leistung. Eine Erhöhung des Stresses bringt auch eine Leistungsverbesserung mit sich, bis zu einem Punkt, an dem die optimale Leistung erreicht wird. Von dort an schmälern Erregungszunahmen die Leistung wieder. Dabei bewirken geringe Arousaländerungen auch nur (mehr oder minder) geringe Leistungsveränderungen. Das optimale Arousalniveau hängt von der Aufgabenkomplexität ab (vgl. Cox, 1998, S. 106; Jarvis, 1999): Anspruchsvolle, hochkomplexe Aufgaben, die z. B. feinmotorische Bewegungen beinhalten, sollen ein eher niedriges optimales Niveau erfordern, während die Bearbeitung einfacher Aufgaben, wie z. B. grobmotorische Bewegungen, eher durch ein erhöhtes Arousalniveau begünstigt werden. Somit ergibt sich für unterschiedliche Aufgaben auch ein unterschiedlicher Verlauf der Zusammenhangskurve. Ebensolches ist für unterschiedliche Fertigkeitsniveaus der Akteure festzustellen (Cox, 1998).

Das Yerkes-Dodson-Gesetz erlaubt die Bestimmung optimaler Leistungsvoraussetzungen für unterschiedliche Aufgabentypen. Es erklärt außerdem sowohl intraindividuelle als auch interindividuelle Leistungsunterschiede auf Grund verschieden ausgeprägter Erregung und Fertigkeitenniveaus. Jedoch scheitert es an der differenzierten Bestimmung der beteiligten Faktoren und psychischen Zustände. Weiterhin erlaubt es nur dann eine Leistungsvorhersage, wenn für entsprechende Aufgaben und bestimmten Personen die Zusammenhangskurve eindeutig bestimmt ist. Nitsch (1981b, S. 111) sieht in der Regel zum umgekehrt-U-förmigen Zusammenhang ausschließlich einen deskriptiven Ansatz, der nicht die zugrunde liegenden Mechanismen aufzeigt. Erklärungen von Fehlleistungen im Nachhinein, mit dem Argument des suboptimalen Arousalniveaus, ähneln einem Zirkelschluss. Man kann daher beim Yerkes-Dodson-Gesetz von einer Art Faustregel sprechen, die jedoch mitunter zu grob ist und nicht in jeder Situation zutrifft.

Viele empirische Befunde sprechen für einen umgekehrt-U-förmigen Zusammenhang von Arousal und Leistung.4 Gleichsam häufen sich aber auch Untersuchungen und Überlegungen, die diese Regel nicht bestätigen können und andere Zusammenhänge aufzeigen.5 Kritiker dieses Modells meinen, dass „diese Regel zumindest eine unzulässige Vereinfachung ist“ (Beckmann & Rolstad, 1997, S. 23), der „lediglich noch ein Platz in der Geschichte der Psychologie einzuräumen“ sei (Beckmann & Rolstad, 1997, S. 34). Andere betiteln sie sogar als eine „Katastrophe für die Sportpsychologie“ (Hardy & Fazey, 1987 [zitiert nach Jones, 1993, S. 25]). Beckmann & Rolstad (1997, S. 23) sehen in dem umgekehrt-U-förmigen Zusammenhang nicht mehr als „eine recht grobe Faustregel (…), die sich in vielen Leistungssituationen nicht bestätigen lässt“. Ebenso findet Häcker (1983, S. 54) die Beziehung zwischen Aktivierung und Leistung durch die invertierte U-Funktion „nur partiell abgedeckt“. Vielmehr sei der Zusammenhang sehr viel komplexer und bestehe aus einem „Wechselspiel zwischen energetisierenden und kognitiven Variablen auf der einen Seite und Aufgabenmerkmalen auf der anderen Seite“ (Beckmann & Rolstad, 1997, S. 23; vgl. Jones, 1993; vgl. Jones & Hardy, 1989). Grundlegende Probleme der Yerkes-Dodson-Regel seien deren Annahme eines eindimensionalen Erregungskonzeptes und die mangelnde Differenzierung zwischen Aufgaben mit verschiedenen Leistungscharakteristika, ausgenommen der Aufgabenschwierigkeit. Genau dies kritisieren auch Mozrall & Drury (1996, S. 1181), die die Annahme, dass menschliche Leistung nur von einem Faktor abhängt, anzweifeln und darauf hinweisen, dass menschliches Verhalten hierfür viel zu komplex ist (ebenso Jones & Hardy, 1989).6

2.3 Theorie der Zone des optimalen Funktionierens

Hanin (1986, [zitiert nach Javis, 1999]) führte an, dass bei der Diskussion um den Zusammenhang von Arousal und Leistung häufig individuelle Differenzen bzgl. der Reaktion auf Angst vernachlässigt würden. Er kritisiert die Annahme eines universellen Zusammenhangs und postuliert, dass für jeden Akteur eine individuelle Relation zu bestimmen sei. Er nennt den Bereich „Zone des optimalen Funktionierens“, den ein Akteur vorzieht und in dem er optimale Ergebnisse zeigt. Akteure unterscheiden sich in ihrer „Zone“. Sie erbringen deshalb bei interindividuell unterschiedlichem Angstniveau ihre maximale Leistung (siehe Abb. 3). Weiterhin sollten unterschiedliche Zonen für verschiedene Sportarten auch in Abhängigkeit vom erreichten Fertigkeitenniveau des jeweiligen Sportlers existieren (Raglin, 1992). So kann z. B. ein bestimmtes Angstniveau beim Gewichtheben optimale Leistungen ermöglichen, während es beim Pistolenschießen zu deutlichem Leistungsverlust führt.

Während einige empirische Studien die Theorie nur wenig oder gar nicht bestätigen konnten, was evtl. auf das Versäumnis von Hanin zurückzuführen ist, der nicht zwischen somatischen und kognitiven Anteilen der Angst differenzierte, unterstützten andere Studien die Theorie oder zumindest Teile von ihr erheblich (vgl. Raglin, 1992; vgl. Cox, 1998, S. 119 f.).7

Abbildung 3


2.4 Reversal Theory

Die Reversal Theory geht auf Apter (1982 [zitiert nach Cox, 1998 und Kerr, 1993, 1997]) zurück und stellt eine Persönlichkeits- und Motivationstheorie dar. Zentral sind Umkehrungen (reversals) in der motivationalen Ausrichtung eines Individuums und die Betonung des Erfahrens von eigener Motivation (metamotivationaler Zustand). Es wird im Zusammenhang mit sportlichen Leistungen vor allem zwischen zwei Zuständen unterschieden.8 Die eine ist „telisch“ und damit ernst, planend und zielorientiert im Leben. Die „paratelische“ hingegen ist eine „hier-und-jetzt“ Einstellung, die spontan ist, eine lustbetonte Lebensweise beinhaltet und eine Vorliebe für Aufregung besitzt. Dabei sind in diesen Orientierungen keine andauernden Persönlichkeitsmerkmale zu sehen. Vielmehr dominiert eine Ausprägung dann, wenn die Möglichkeit besteht, zwischen beiden Orientierungen zu wechseln.

Abbildung 4


Ausgangspunkt ist, dass es einem Individuum möglich ist, sich seiner eigenen Erregung bewusst zu werden. Bedeutsam ist hierbei, wie dieser Zustand aufgrund des metamotivationalen Zustandes vom Individuum interpretiert wird. Dabei versucht das Individuum, einer Angst zu entrinnen und Entspannung zu finden, jedoch auch Langeweile zu vermeiden und Aufregung zu erleben (siehe Abb. 4). Hohe Erregung kann also dann als Aufregung positiv empfunden werden, wenn man sich zuvor eher langweilt. Kommt man aber aus dem Zustand der Entspannung, kann sie auch ängstigend sein.

Ziel des Individuums ist es also, den angenehmst möglichen Zustand zu erreichen. Es versucht also nicht das Arousal, sondern die „Angenehmheit“ zu erhöhen, wobei sich dann das entsprechende Arousalniveau nach dem metamotivationalen Zustand (telisch vs. paratelisch) richtet. Personen in einem telischen Zustand präferieren ein geringes Arousalniveau im Sinne von Entspannung. Personen in einem paratelischen Zustand bevorzugen ein hohes Arousalniveau als Aufregung. Eine Erhöhung des Arousals geht also in der paratelischen Orientierung mit (angenehmer) Aufregung einher, während sie bei telischer Orientierung unangenehm und ängstigend empfunden wird.

Der Zusammenhang zwischen Zustand und Leistung ergibt sich im Rahmen der Reversal-Theory nicht aus einer direkten Verbindung von Arousal und z. B. der Motorik, sondern wird durch die kognitive Erfahrung des Arousals unter metamotivationalem Einfluss bestimmt. Kerr (1997, S. 92) schlussfolgert aus mehreren Studien, dass erfolgreiche (sportliche) Leistungen mit dem Empfinden von hohem Arousal verbunden waren, welches als positiv, angenehm und nicht stressend erfahren, also als aufregend bewertet wurde. Außerdem konnten die erfolgreichen Akteure ihr bevorzugtes Arousalniveau eher erreichen und beibehalten. Nach der Reversal-Theory ist also z. B. kein mittleres Arousalniveau (Yerkes-Dodson-Regel) oder eine einzelne Zone (Zonen-Theorie) optimal für Leistungen. Für Kerr (1997, S. 107) ist vielmehr entscheidend, dass es erfolgreiche Akteure gelernt haben, sich in den „richtigen mentalen Rahmen“ zu bringen.

2.5 Easterbrook-Hypothese

Die Theorie von Easterbrook (1959) zum Einfluss von „emotionalem“ Arousal auf den Umfang der Nutzung von perzeptiven Reizen oder Informationen („cue“) kann ebenfalls einen umgekehrt-U-förmigen Zusammenhang zwischen Arousal und Leistung, der jedoch auch von der Aufgabe abhängt, erklären. Easterbrook geht zunächst davon aus, dass bei einem Schrumpfen der Reiznutzung die Verwendung peripherer Reize vermindert und gleichzeitig der Gebrauch zentraler und unmittelbar relevanter Reize beibehalten wird. Solche Veränderungen sollen mit einer zentralen Leistungsverbesserung oder Aufrechterhaltung der Leistung unter Stress einhergehen (Easterbrook, 1959, S. 183).

Abbildung 5


Den umgekehrt-U-förmigen Zusammenhang zwischen Arousal und Leistung erklärt Easterbrook (1959, S. 193) als Resultat zweier Funktionen. Die eine beinhaltet den positiven Zusammenhang zwischen Leistung und Anzahl von Informationen, die genutzt werden. Die andere beschreibt den negativen Einfluss von Arousal auf die Nutzung von Informationen. Weiterhin geht er von der Annahme aus, dass der simultane Gebrauch von irrelevanten und relevanten Informationen die Effektivität verringert, und dass bei einer Schrumpfung der Informationsnutzung zunächst die Verwendung irrelevanter Informationen eingeschränkt wird. Bei geringem Arousal erfasst das Individuum durch eine hohe Aufmerksamkeitsbreite eine große Bandbreite von Informationen. Hierbei sind einige leistungsirrelevant und behindern deshalb. Wird die Nutzung von perzeptiven Informationen mit steigendem Arousal eingeengt, werden zunächst weniger irrelevante Informationen erfasst und die Leistung steigt an. Ab einem gewissen Arousalniveau werden aber auch mehr und mehr relevante Reize nicht mehr erfasst. Infolgedessen sinkt die Leistung. Nimmt man an, dass schwierige Aufgaben auch eine höhere Anzahl von relevanten Reizen beinhalten als leichte Aufgaben, ergibt sich der von der Yerkes-Dodson-Regel bekannte Zusammenhang zwischen Aktivierung und Leistung.

Eysenck (1984 [zitiert nach Jones, 1993, S. 23]) bezweifelt, dass die Einschränkung der Informationsnutzung bei zunehmendem Arousal automatisch geschieht und schlägt vor, dies eher als aktive Copingreaktion anzusehen, bei der sich der Akteur infolge zu hoher Anforderungen an die Informationsverarbeitung auf eine kleine Anzahl von Informationen beschränkt. Dies wäre eine Strategie, um die Leistung für die Primär- bzw. Hauptaufgabe zu sichern.

Etliche empirische Laborergebnisse (vgl. Häcker, 1983, S. 50; vgl. Cox, 1998, S. 109), aber auch wenige Felduntersuchungen (Landers, Qi & Courtet, 1985) unterstützen die Theorie der Aufmerksamkeitseinengung. Allerdings konnten aber auch einige Studienergebnisse Easterbrooks Hypothese nicht stützen oder fanden sogar gegenteilige Ergebnisse, d. h. nicht eine verstärkte Zuwendung der Wahrnehmung oder Verarbeitung auf zentrale, sondern auf periphere Reize (vgl. Raglin, 1992).

Landers, Qi & Courtet (1985) prüften die Easterbrook-Hypothese bei Gewehrschützen mittels Doppelaufgabe. Die Schützen sollten einerseits Schießen und andererseits auf akustische Reize reagieren. Ihr Ziel war es, einerseits Leistungseinbußen in der Sekundäraufgabe (akustische Aufgabe) unter Stress, bei gleichzeitiger Beibehaltung oder sogar Steigerung des Leistungsniveaus in der Primäraufgabe (Schießen) festzustellen. Weiterhin wollten sie Unterschiede hinsichtlich dieser Veränderung für erfahrene und unerfahrene Schützen prüfen. Ihre Ergebnisse konnten die Hypothesen bzgl. des Einflusses von Arousal zumindest teilweise bestätigen.9 Differentielle Unterschiede aufgrund von Schießerfahrung hinsichtlich der Leistungsveränderung in der Sekundäraufgabe wurden nur tendenziell, nicht signifikant festgestellt.

Vrij, van der Steen & Koppelaar (1995) prüften die Easterbrook-Hypothese bzw. aus ihr abgeleitete Konsequenzen für das Verhalten von Polizeibeamten in simulierten Einsatzsituationen, die einen Schusswaffengebrauch erforderten. Sie fanden die Einengung der Nutzung von Informationen unter Einfluss von situationsadäquatem Lärm sowie Leistungseinbußen in Sekundäraufgaben (Schießgeschwindigkeit, Aufsuchen der Deckung). Verbesserung der Leistung in Primäraufgaben, die hier dichotom als Tätertreffer erfasst wurde, konnte nicht immer gefunden werden. Vrij, van der Steen & Koppelaar (1995) führen dies auf einen Deckeneffekt zurück, d. h. sie sahen keine Möglichkeit, dass diese Leistung unabhängig vom Einfluss des Zustandes verbessert werden könnte, sondern diese bereits maximal ausgeprägt war.

Die Easterbrook-Hypothese könnte auch als Erklärung für den sog. Tunnelblick herangezogen werden. Von diesem Phänomen wird häufig berichtet, dass sich im Stress das Blickfeld einenge. Man würde dann quasi, wie durch einen Tunnel, nur noch die zentralen Elemente wahrnehmen. Es stellt sich dabei aber die Frage, ob dies ein visuelles Phänomen oder eines der Aufmerksamkeit ist. Dieser Unterschied ist nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern von äußerst praktischer Bedeutung: Ist es ein visuelles Phänomen, können bestimmte periphere Reize nicht wahrgenommen werden. Man muss die Augen aktiv bewegen, um den Fokus des Blickes entsprechend schweifen zu lassen. Die Blindheit für periphere Reize wäre also ein räumliches Problem.

Ist das Phänomen aber durch die Aufmerksamkeit bedingt, werden periphere Reize zwar zur Verfügung gestellt und bis zu einer gewissen Stufe auch verarbeitet, durch den Vorgang der selektiven Aufmerksamkeit aber „ausgefiltert“. Dabei ist peripher nicht mehr räumlich bedingt, sondern durch kognitive Elemente bestimmt: Zentral ist das, was „interessiert“. Peripher ist das, was der zentralen (aber subjektiv gewählten) Aufgabenerfüllung weniger dient. Entspricht dabei die Zentralität eines Objektes oder Sachverhaltes nur der subjektiven und nicht der objektiven Wichtigkeit, ist man abgelenkt. Reine Blickbewegungen helfen hier wahrscheinlich wenig.

Hinweise darauf, dass der Tunnelblick doch eher ein Aufmerksamkeitsphänomen sein könnte, liefern Simons & Chabris (1999): Ein Video zeigt 2 Baskettball spielende Mannschaften und einen Affen, der über das Spielfeld zwischen den Spielern hindurchläuft. Von ca. der Hälfte der Versuchspersonen wird der Gorilla, der von rechts nach links durch das Bild läuft, nicht wahrgenommen. Er ist damit räumlich sicherlich sowohl peripher als auch zentral sichtbar. Somit kann hier eine visuelle Blindheit durch die räumliche Anordnung keine Erklärung liefern. Vielmehr ist der Gorilla aber bzgl. der Aufgabe (nämlich die Spieler mit den weißen T-Shirts zu beobachten) peripher. Es scheint also eher ein Aufmerksamkeitsproblem denn ein visuelles zu sein. Ähnliches kennt man aus dem Einsatztraining. Bei der intensiven Beschäftigung mit einer Person, z. B. bei einer Personenkontrolle, kann es sein, dass eine Waffe, die in der Nähe der Person liegt, übersehen wird. Dabei ist sie nicht visuell peripher (weil in der Nähe der handelnden Person). Es kann aber sein, dass sie bzgl. der Aufmerksamkeit peripher ist, da für die einschreitenden Polizeibeamten zunächst die Person zentral erscheint. Eine starke Fokussierung auf die Person bzw. die Interaktion mit dieser, lässt dann die Waffe „unsichtbar“ werden, obwohl sie eigentlich höchst relevant ist.

Parallel zum Tunnelblick kann das Tunnelgedächtnis gesehen werden. Bestes Beispiel hierfür ist der „Waffen-Fokus-Effekt“ (vgl. Hulse & Memon, 2006): Tritt in einer Situation eine Waffe auf, fokussieren sich die bedrohten Personen auf diese. Als Konsequenz können im Gegensatz zur Waffe weniger bedeutsame Details bzw. periphere Reize schlechter erinnert werden (z. B. schlechtere Täterbeschreibung, vermindertes Wiedererkennen).

2.6 Das Modell von Humphreys & Revelle

Humphreys & Revelle (1984) entwerfen ein integratives Struktur-Modell, das weit über einen eindimensionalen Ansatz hinausgeht und auch die Prozesse näher beschreibt, die einem Zustands-Leistungs-Zusammenhang zugrunde liegen sollen. Sie stellen die Persönlichkeitsdimensionen der Introversion-Extraversion, der Leistungsmotivation und der Ängstlichkeit in Bezug zur kognitiven Leistung unter Berücksichtigung situativer Moderatoren (Erfolg-Misserfolg, Zeitdruck, Anreize, Tageszeit und Stimulanzien) und der motivationalen Konstrukte Arousal (unidimensional) und Anstrengung (siehe Abbildung 6).

Abbildung 6


Anmerkungen: Durchgezogene Pfeile bedeuten monoton positive Effekte, gestrichelte Pfeile stehen für monoton negative Effekte. Abwesenheit von Pfeilen bedeutet, dass keine direkte Beeinflussung gegeben ist. Kreise stehen für latente Variablen, Dreiecke stehen für experimentelle Manipulationen und X steht für Interaktionseffekte

Dabei sehen sie die verwendeten Konstrukte und Prozesse als nicht erschöpfend für die Beschreibung des Zusammenhangs an, messen ihnen jedoch aufgrund von vielen empirischen Belegen einen überragenden Erklärungswert bei. Humphreys & Revelle (1984) gehen davon aus, dass die Persönlichkeitsmerkmale mit aktuellen Persönlichkeitszuständen („personality states“) und motivationalen Zuständen („motivational direction and intensity“) in Zusammenhang stehen, welche durch situative Umstände moderiert werden. Die motivationalen Zustände beeinflussen die Informationsverarbeitungsprozesse des „anhaltenden Informationstransfers“ („sustainedinformation-transfer“; das Subjekt verarbeitet einen Reiz, verbindet mit diesem eine Reaktion und führt diese Reaktion aus, wie z. B. einfache Reaktionszeitaufgaben) und Ressourcen des Kurzzeitgedächtnisses durch Kapazitätszuweisung („allocation“) und Bereitstellung zusätzlicher Ressourcen („availability“). Für Humphreys & Revelle (1984) besteht die Bearbeitung kognitiver Aufgaben aus einer Kombination (mehr oder minder) dieser beiden kognitiven Prozesse. Jeder dieser Prozesse für sich ist über einen monotonen Zusammenhang mit den motivationalen Zuständen verbunden (siehe Abb. 7.1 und Abb. 7.2), der durch die zur Verfügung stehenden Ressourcen bestimmt und durch eine „Datenlimitierung“ nach oben begrenzt wird. Durch Kombination dieser Prozesse können sich kurvilineare Zusammenhänge, wie der nach Yerkes & Dodson propagierte umgekehrt-Uförmige, ergeben (siehe Abb. 7.3).

Humphreys & Revelle (1984) sehen in ihrem Strukturmodell die Möglichkeit, unterschiedliche und scheinbar selbst zunächst widersprüchliche empirische Befunde zu erklären. Sie stellen mit ihrem Modell einerseits die Individualität der Beziehung von psychischem Zustand/Motivation und der Leistung in Bezug zum Akteur und dessen Aufgabe heraus. Andererseits betrachten sie auch die Komplexität der Beziehung.

Revelle (1987) bestätigte einige der Zusammenhänge des Modells von Humphreys & Revelle (1984). Er erweitert es um die kognitiven Prozesse des Langzeitgedächtnisses und um vier Arten der Zuweisung von Ressourcen („resource tradeoffs“) bei der Aufgabenbearbeitung. Er betont abschließend die Komplexität menschlichen Verhaltens (Revelle, 1987, S. 448) und stellt heraus, dass Leistungen nur verständlich sein können, wenn individuelle Differenzen unter dem moderierenden Einfluss der Situation und der verschiedenen Aufgabeneigenschaften betrachtet werden.

Abbildung 7.1


Abbildung 7.2


Abbildung 7.3


Abbildung 8


Anmerkung: Der graue Bereich ist unerreichbar.

2.7 Katastrophen-Modell

Kirkcaldy (1983) sah unvorhersehbare Leistungsspitzen („performance peaks“) und Leistungseinbrüche („performance flops“) im Sport weder durch die Drive-Theorie Hulls noch durch die Yerkes-Dodson-Regel erklärt. Er stellte deshalb die Katastrophen-Theorie als deskriptives Modell multidimensionalen Systemverhaltens in den Dienst des Sports, um eine Erklärung für explosionsartige Leistungsänderungen durch relativ geringe Arousaländerungen zu finden. Kirkcaldy (1983) fügte den Dimensionen Arousal und Leistung die Dimension der Angst hinzu. Auch Fazey & Hardy (1988, [zitiert nach Jarvis, 1999]) zweifelten an der Hypothese, dass Arousal und Leistung stets umgekehrt-U-förmig zusammenhängen sollen. Sie kritisieren insbesondere die Aussage, dass geringe Änderungen des Arousal auch immer nur geringe Leistungsverschiebungen hervorrufen sollen. Auch sie sahen eine Erklärungsmöglichkeit in einem Katastrophen-Modell (siehe Abb. 8).

Fazey & Hardy gehen davon aus, dass bei einer Person, die sich im Zustand ausgeprägter kognitiver Angst befindet (Abb. 8: vordere Kante der Leistungsoberfläche), eine nur geringe Arousalsteigerung über den Punkt der optimalen Ausprägung hinaus die Leistung deutlich einbrechen lässt (Katastrophe). Hingegen bewirkt eine Verringerung des Arousalniveaus über den selben Punkt zurück keinen ebenso dramatischen Wiederanstieg der Leistung. Vielmehr sei eine drastische Reduzierung nötig, um das ehemalige Leistungsniveau auch in Form eines sprunghaften Leistungsanstieges erneut zu erreichen (siehe Abb. 8), was als Hysterese („hysteresis“) bezeichnet wird.

Hingegen soll der umgekehrt-U-förmige Zusammenhang gelten, solange der Akteur nur geringe kognitive Angst empfindet (Abb. 8: hintere Kante der Leistungsoberfläche). Weiterhin fände sich bei konstant hohem Arousal mit abnehmender kognitiver Angst eine Leistungssteigerung (Abb. 8: rechte Kante der Leistungsoberfläche) und umgekehrt, bei konstant niedrigem Arousal (Abb. 8: linke Kante der Leistungsoberfläche) mit zunehmender kognitiver Angst eine Leistungsverbesserung (Hardy & Parfitt, 1991, S. 167). Damit sind die 4 Charakteristiken der Angst-Leistungs-Beziehung, die in der Literatur zu finden sind, im Modell enthalten (Hardy & Parfitt, 1991, S. 166). Fazey & Hardy erweitern somit den 2-dimensional umgekehrt-U-förmigen Zusammenhang um die Dimension der kognitiven Angstkomponente (Hardy & Parfitt, 1991, S. 165).

Hardy & Parfitt (1991) und Hardy, Parfitt & Pates (1994) führten experimentelle Belege für das Katastrophen-Modell an. Sie konnten zeigen, dass die kognitive Angstkomponente den Zusammenhang Arousal-Leistung moderiert und dass die Leistung bei ausgeprägter kognitiver Angst dramatisch abfällt, sobald das optimale Erregungsniveau überschritten wird. Weiterhin fanden sie heraus, dass die Leistung insgesamt am höchsten war, wenn die Akteure sich im Zustand ausgeprägter kognitiver Angst befanden. Die kognitive Komponente der Angst stellt also nicht einen leistungsmindernden Faktor an sich dar, sondern wirkt in Abhängigkeit von der Erregung.

2.8 Aufmerksamkeits-Richtungs-Hypothese und Aufmerksamkeits-Kontroll-Theorie

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