Kitabı oxu: «Grünröcke erzählen ...»

Şrift:

Hubert Molitor

GRÜNRÖCKE ERZÄHLEN

Heitere und besinnliche Jagdgeschichten aus Urgroßvaters Zeiten


Umschlaggestaltung: Thomas Hofer, Reproteam-Druck GmbH., Graz

Titelbild: Aus: „Wild und Hund“, IX. Jahrgang, Nr. 27

Bildnachweis: Aus: „Wild und Hund“, IX. Jahrgang, Nr. 5; Nr. 13; Nr. 38; Nr. 51

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ISBN 978-3-7020-1337-0

eISBN 978-3-7020-1904-4

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© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2011

Printed in Austria

Textverarbeitung: Klaudia Aschbacher, A-8111 Judendorf-Straßengel

Druck: Druckerei Theiss GmbH, A-9431 St. Stefan

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Camillo Morgan

Der erste heurige Hase

Unbekannt

Ein „kugelfester“, ein „tauber“ und ein „sprechender“ Bock

Camillo Morgan

Ein Jagdherrenpaar

Hans Schischka

Der Pratzengirgl

Walter Fiedler

Die Wilddiebe

Anton Achleitner

Bergjagd

Karl Witze

Mit meinem Teckel auf Sauen

Arthur Schubart

Der Hochzeitshecht

Oskar Horn

„Sein“ erster Hase

Karl Brandt

Der Unterschied zwischen schlau und gerieben

E. Heinshofen

Der höchste Wunsch

A. v. B.

„Abschuss“

Unbekannt

Wie Kantor Giese zu zwei Weihnachtsbraten kam

Waldheinrich

Das Mutterfass

Hanns Jagenteufel

Der Enziangraber

Fr. B. L.

Der freundliche Irgl

L. W.

Helljäger

Literaturverzeichnis

Vorwort

Als kleiner Junge hörte ich den Erwachsenen gespannt zu, wenn sie mir Geschichten erzählten. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Handlungen erfunden oder Realität waren, Hauptsache, sie waren spannend.

Später, im Erwachsenenalter, änderte sich meine Vorliebe für die Inhalte von Geschichten ganz erheblich. Aus Gründen, die nur das Schicksal vorgeben kann, musste ich mir aus beruflichem Anlass tagtäglich Geschichten anhören. Dabei kam es aber nicht so sehr darauf an, ob ich die Erzählungen spannend fand, sondern darauf, ob ich sie glaubte oder nicht. Dies führte auf Dauer zu einer gewissen Abstumpfung meiner mir ursprünglich angeborenen kindgerechten Gutgläubigkeit. Um ehrlich zu sein, führte die Art und Weise der erzählten Geschichten sogar zu einer periodischen Abneigung gegenüber Geschichten insgesamt. Im Nachhinein betrachtet, war diese Abneigung jedoch völlig unberechtigt, denn kein Mensch hatte mich schließlich gezwungen, Jurist zu werden.

Dennoch blieb die ständige Überfütterung meiner Person mit Geschichten nicht ohne Folgen. Aus Gründen der Fürsorge gegenüber meiner Gesundheit entzog ich mich dem ständigen Beschuss durch weitere Geschichten, zog mich ins Privatleben zurück und widmete mich künftig der Jagd und Fischerei. Einige Zeit gelang es mir so, mich dem Einfluss fremder Geschichten zu entziehen. Dies sollte sich jedoch ändern, als ich eines traurigen Tages das Erbe meiner verstorbenen Mutter antreten musste. In ihrem Nachlass befand sich nämlich eine umfangreiche Sammlung von Jagdzeitschriften, die mein Großvater, ein Revierförster, in den Jahren von 1902 bis 1928 gesammelt hatte. Ich fing an zu lesen und konnte nicht mehr aufhören. Eine neue, längst vergangene Zeit tat sich vor mir auf. Mein Interesse für Geschichten erwachte in mir von Neuem. Manche gefielen mir so gut, dass ich beschloss, sie in einer Zusammenfassung Ihnen, lieber Leser, weiter zu erzählen. Es würde mich freuen, wenn sie Ihren Gefallen ebenso finden würden wie dies bei mir der Fall war.


München, Februar 2011 Hubert Molitor

Jagdlicher Ehrgeiz schlägt zuweilen sonderbare Blüten. Diese Erkenntnis ist allerdings nicht neu, wie eine Erzählung des Herrn Camillo Morgan im Folgenden beweist. Aufgeschrieben wurde sie im Jahre 1902 unter dem Titel:

Der erste heurige Hase
Eine heitere, buchstäblich wahre Geschichte

Mein Freund Constantin gewann heuer auf höchst originelle Art eine Wette.

In Gemeinschaft mit sieben Herren hat er die Gemeindejagd des Ortes gepachtet, wo er domiziliert, und rennt in diesem Revier zu allen Stunden des Tages und der Nacht mit der Flinte herum, verpufft jedoch nur zur Zeit, wenn die Hasenjagd aufgeht, eine größere Anzahl Patronen, weil eben nur noch Lepus timidus in der traurigen Gegend vorkommt. Die letzten Hühner wurden vor drei Jahren geschossen, der letzte Bock, der vor sechs Jahren aus einem Nachbarrevier durchwechselte, fand seither keinen Nachfolger mehr, und sonstiges Wild ist überhaupt nicht vorhanden. Dass sich mein Freund Constantin infolgedessen zu einem ausschließlichen Hasenjäger ausbildete und alljährlich den ersten September kaum zu erwarten vermag, mit welchem in seinem Kronlande (Anmerkung: gemeint ist hier Niederösterreich) die Schusszeit der Hasen beginnt, ist unter solchen Umständen leicht zu begreifen. Auch heuer inspizierte er schon im August allabendlich sämtliche Waldlisieren (Anmerkung: alter Ausdruck für Lichtungen) des Gesellschaftsreviers, um sich zu orientieren, wo die meisten Hasen mit Sonnenuntergang ihren Tummelplatz und wo somit der beste Ansitzplatz wäre. Seine Mühe war auch keine vergebliche. Am 30. August hatte er eine Stelle entdeckt, wo er im Verlaufe von kaum einer Stunde nicht weniger als elf Hasen aus einem dichten Jungmaisbestand in einen Kleeacker hoppeln sah.

„Elf Hasen! Denke dir nur, elf Hasen“, sagte er aufgeregt zu seiner Gattin, als er heimkam und den Schießprügel auf den Gewehrhaken hängte.

Am Abendessen nahmen noch einige der Mitpächter teil, und das ganze Tischgespräch drehte sich um die elf Hasen.

„Wer wohl den ersten Hasen erlegen wird?“ meinte Constantins Gattin.

Sofort wurde gewettet und für den ersten Hasen ein Zwanzig-Kronen-Preis ausgesetzt, der nachher natürlich „flüssig“ gemacht, d. h. in „Bier“ oder „Wein“ „umgesetzt“ werden sollte, selbstverständlich unter Zuspruch der ganzen Corona. Zur Vorfeier wurde auch schon am 30. August ziemlich tief in die Krügel geguckt, und um Mitternacht legte sich Freund Constantin mit schwerem Schädel zu Bette.

Gott Morpheus gaukelte ihm Legionen von Hasen vor, unter welchen er wahre Massenmorde vollbrachte, und um 4 Uhr Morgens erwachte er aus seinem von so holden Traumgebilden durchwobenen Schlummer. Schlaftrunken richtete er sich aus seinen Polstern empor, warf einen Blick auf die an der Wand gegenüber hängende Kuckucksuhr und sprang dann mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett.

„Höchste Zeit“, brummte er in den Bart, schlüpfte eilig in seine Kleider und verließ geräuschlos das Zimmer, um seine noch schlafende Frau nicht zu wecken. Im Nebenzimmer hing er sich den Schießprügel um, schlich sich auf den Zehen hinaus in den Hof, wo er Waldmann von der Kette losmachte, und im nächsten Augenblick trotteten Herr und Hund den ortsumfriedenden Wäldern entgegen. Ihr Ziel war „der Platz der elf Hasen“.

Richtig! Fast alle hockten sie noch beisammen im Klee!

Jetzt galts, auf einem kleinen Umwege, damit sie ihren zweibeinigen und vierbeinigen Todfeind nicht windeten, den Wald zu erreichen und dort, gut gedeckt, Posto zu fassen (Anmerkung: einen Ansitzplatz zu finden). Es gelang; Constantin und Waldmann lagen im dichten Ginsterbusch und harrten der „kommenden Dinge“, in diesem Falle der „kommenden Hasen“.

Ein um 5 Uhr zur Feldarbeit ausziehendes Bäuerlein mit knarrendem Leiterwagen bereitete der Reunion der frühstückenden Hasengruppe ein Ende; Rammler, Satzhäsinnen und Dreiläufer, alles kunterbunt durcheinander, rückte dem schirmenden Waldesgrün zu.

Da – ein Blitz, ein Knall – und ein kräftig entwickelter Junghase, dem man gute vier Kilo ansah, machte seinen letzten Salto mortale. Schon ist Waldmann zur Stelle, der ihn, stolz wedelnd, seinem Herrn apportiert, und nun blickt Constantin geraume Zeit in stiller Verzückung auf die zu seinen Füßen liegende Beute – auf den „ERSTEN“ in der Saison, auf den Zwanzig-Kronen-Preis-Hasen, denn nirgends im ganzen Revier war sonst noch ein Schuss gefallen.

In gehobenster Stimmung machten sich Constantin und sein getreuer Brauntiger auf den Heimweg. Bei ihrer Ankunft zu Hause ist die fürsorglich waltende Hausfrau soeben mit der Zurichtung des Frühstückstisches beschäftigt. Ohne ein Wort zu sprechen, aber mit leuchtenden Augen hebt Freund Constantin den Hasen empor und schwenkt ihn, wie ein Indianer den Skalp eines getöteten Bleichgesichtes, triumphierend ein paar mal ums Haupt.

„Um Himmels Willen, was hast du gemacht?“ schreit Constantins Gattin.

„Welche müßige und überflüssige Frage!“ entgegnete ihr Eheherr. „Du siehst es ja doch! Ich habe die Zwanzig-Kronen-Wette gewonnen, indem ich den ersten heurigen Hasen erlegte!“

„Aber Mann! Konfusionsrat! Pechvogel! Unglücksmensch! Heute ist doch erst der 31. August, aber noch nicht der 1. September!“ schrillt es ihm aus dem Munde seiner Ehehälfte entgegen.

Wie Keulenschläge trafen diese Worte Constantins Haupt; er wankte und taumelte, trat dabei seinem Waldmann auf eine Pfote, dass derselbe laut aufheulend und mit eingezogenem Schwanze in den Hofraum entwich, und sank dann, ein klägliches Bild des Jammers, zusammengeknickt wie ein Taschenfeitel, auf eine Chaiselongue.

„Erst der 31. August, aber noch nicht der 1. September!“ summte es ihm immer noch in den Ohren. Der Zwanzig-Kronen-Gewinn versank vor seinen Augen wie in einer Theater-Versenkung, und an seiner Stelle tauchte das drohende Gespenst einer Geldstrafe auf, die ihm sicher bevorstand, wenn das Bäuerlein, welches Zeuge der Tat war, wegen Nichteinhaltung der gesetzlichen Schonzeit gegen ihn eine Anzeige machte. Und dazu noch das Ausgelachtwerden, den Hohn und den Spott der ganzen Jagdgesellschaft ertragen! Es war zu viel – zu viel für Constantins sonst nicht leicht verzagende Seele. Zu alledem ließ es auch seine Gattin an einer scharfen Predigt nicht fehlen, welche mit allerlei, nicht sonderlich angenehm an ein Waidmannsohr klingenden Worten, wie „Sonntagsjäger“, „Aasjäger“, „Schießer“ und dergleichen gewürzt war; jeder dieser Schimpfnamen bohrte sich wie ein Stachel in Constantins Nimrodbrust; doch ertrug er alles als Held, ohne dass sich ein Wort der Entgegnung seinen schmerzlich zusammengekniffenen Lippen entrang. Der ganze Tag, ein „kritischer Tag erster Ordnung“ für Constantin, verlief in düsterem Schweigen; Herr, Frau und Dienstmagd gingen aneinander vorbei wie Trappisten, die das Gelöbnis lebenslänglichen Stummseins abgelegt hatten; und erst mit Anbruch der Nacht wurde es Constantin etwas leichter ums Herz, da er ins Bett steigen konnte, um seine Angst, Blamage und verletzte Jägereitelkeit zu verschlafen.

Wieder zauberte ihm der Traumgott unabsehbare Hasen-Kolonnen vor, mit dem Unterschied jedoch, dass diesmal nicht er wie ein Würgengel unter ihnen herumwütete, sondern sie die Verfolger waren, vor welchen er flüchtete über Stock und Stein, wie ein zu Tode Gehetzter. Mit dem Grauen des Morgens erwachte er wieder, zufälligerweise abermals ganz genau um 4 Uhr, wie am Unglückstage zuvor; alle Bangigkeit, alle Unruhe, aller Kummer schienen aber von ihm gewichen zu sein, als er sich ebenso hurtig wie am vergangenen Morgen erhob und ankleidete; ja, um seine Mundwinkel spielte sogar ein verschmitztes, spöttisches Lächeln.

Woher diese Umwandlung kam? Ganz einfach! Heute war ja erst der 1. September; das Malheur vom Vortage war allerdings nicht mehr ungeschehen zu machen; die Wette aber war ja immer noch zu gewinnen! Also rasch auf den Elf-Hasen-Platz!

Armer Constantin! Im Schlafzimmer war er noch so wohlgemut, so vergnügt, und im Nebengemache sollte er abermals eine Enttäuschung erfahren, die ein würdiges Gegenstück zu der tagsvorherigen ergab. So genau er nämlich auch jeden Winkel des Zimmers durchsuchte, sein Gewehr war nirgends zu finden. Seine Ehehälfte hatte es ihm ohne Zweifel versteckt, gewissermaßen als Strafe. Constantin begann nun wie ein Stabstrompeter zu fluchen, ganz im Stillen jedoch, denn im Hause hatte seine Gattin „die Hosen an“, und als er sich in seinem Innern genügend ausgeflucht hatte, blieb ihm nichts Anderes übrig, als ohne Gewehr das Haus zu verlassen. Er nahm seinen Stock, der dem gekürzten Krummstab eines Bischofs glich, und trat mit Waldmann seine Morgenwanderung an.

„Versuchen wir’s! Vielleicht geht es“, murmelte er geheimnisvoll vor sich hin, und abermals trat ein Lächeln auf seine Lippen, die eben zuvor noch im Flüstertone grimmige Flüche gelispelt hatten. Auf dem Weg zum ElfHasen-Platz sah Constantin einen der Mitpächter mit einem Jagdstuhl unter dem Arm aus einer andern Richtung dem Walde zusteuern. Constantin schnitt bei diesem Anblick eine Grimasse und beschleunigte seine Gangart. Mit Vergnügen bemerkte er, dass er vor jenem einen Vorsprung gewann, und als er dem Kleefeld nahe war, wo, wie am vergangenen Morgen, wieder eine Hasengesellschaft noch in aller Gemütsruhe schmauste, führte er nachstehendes, genial ausgedachtes Manöver aus.

Waldmann musste ein gutes Stück seitwärts in der Down-Lage liegen bleiben, während sich Constantin platt ins hohe Gras niederwarf und, den Stock in der Rechten, dem Kleefelde zukroch. Einige niedrige Büsche gewährten ihm Deckung, der Wind war günstig für ihn, und so kam er einem Häslein so nahe, dass er von dem Stocke Gebrauch machen konnte. Er schleuderte denselben so gut und so wuchtig, dass der am Kopf getroffene Lampe eine Weile sichtlich betäubt war, und diese kleine Weile genügte, dass der herbeigerufene Waldmann das Werk seines Herrn kunstgerecht zu vollenden vermochte.

Die anderen Hasen stoben natürlich in wilder Flucht auseinander, Constantin aber ergriff den seinen und ging mit demselben stolz dem Pachtgenossen entgegen, der soeben gegenüber am Waldesrand auftauchte und nicht wenig verwundert war, um den „Ersten“ gekommen zu sein und denselben bereits in Constantins Hand zu erblicken.

Abends beim „Goldenen Widder“ war große Zusammenkunft der ganzen Pachtjagdgesellschaft. Es gab erregte Debatten, ob die Wette von Constantin rechtsgültig gewonnen worden sei oder nicht; nachdem dieselbe aber gelautet hatte: „für den ersten Erlegten“ und nicht: „für den ersten Geschossenen“, so mussten die zwanzig Kronen meinem Freunde Constantin endlich zuerkannt werden, obgleich Manche die Art der Erlegung für unwaidmännisch erklärten. Constantin bekehrte jedoch diese Zweifler an seiner Waidgerechtigkeit alsbald zu einer anderen Meinung, indem er ihnen aus Xenophon vorlas, dass sich schon die Ureinwohner Griechenlands, die alten Pelasger, zur Hasenjagd eines als Wurfwaffe gehandhabten Krummstockes, des Logobolon, bedienten, woraus mit Sonnenklarheit hervorgehe, dass er den ersten heurigen Hasen der Anwendung einer echt klassischen Jagdmethode verdankte.

So geschehen im Herbstmonat des Jahres eintausend neunhundert und zwei, in einem Kronland Österreichs, in welchem solche und ähnliche „Jagd-Wunder“ durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören.


Von außergewöhnlichen Begebenheiten auf der Rehbockjagd erzählen die folgenden drei Geschichten. Veröffentlicht wurden sie im Januar 1902 in der Bayerischen Forst- und Jagd-Zeitung. Leider wurde der Name des Autors nicht bekannt gegeben. Betitelt wurde der Artikel folgendermaßen:

Ein „kugelfester“, ein „tauber“ und ein „sprechender“ Bock
Einige Jagdepisoden aus dem „Dahner-Thale“ in der Rheinpfalz
I.

Im August vorigen Jahres war es, als ich eines schönen Morgens mit schwerem Kopfe einen kleinen Pürschgang antrat. Abends zuvor wurde einem von hier scheidenden Herrn ein Abschied gegeben, der sich aber bis in die frühen Morgenstunde ausdehnte, und natürlich: „Forstpartie fehlt dabei nie“, wie Herr G. von R. in seinem neuen Konversations-Lexikon schreibt. Dass bei solchen Gelegenheiten die „braune Welle“ etwas öfter als sonst die Gurgel spült, ist ja auch bekannt, und daher der „schwere Kopf‘. Zwei Herren, die während der Nacht auch die Ausdauer ihres „Sitzleders“ prüften, richteten an mich das Ansinnen, mich begleiten zu dürfen. Ich war damit einverstanden, und fröhlich wanderten wir dem Ausgang des Dorfes zu.

Natürlich ging ich jetzt voraus, während meine Begleitung auf circa 50 Meter Abstand folgte.

Kaum 100 Schritte hinter den letzten Häusern sah ich links von mir im saftigen Wiesengras drei Rehe äsen. Ein Blick durch den Feldstecher überzeugte mich von der Gegenwart eines kapitalen „Sechsers“.

Ein Blick nach rückwärts brachte die laut johlenden Sprechwerkzeuge und wackelnden Beine der Nachfolgenden zum Stillstehen.

Der Rehbock stand schussgerecht.

Ich legte an, und der Schuss hallte mit lautem Echo durch das stille Tälchen.

Natürlich glaubte ich den Bock im Verenden vor mir; denn dass man einen Bock auch fehlen kann, das wollte mir bis jetzt nicht in den Sinn. Diesmal musste ich aber daran glauben. Als sich nämlich der Pulverdampf verzogen hatte, sah ich die drei Rehe wie zuvor, nur mit hochgehobenem und sicherndem Grind vor mir stehen.

Hinter mir erscholl ein schallendes Gelächter, das natürlich mir galt. Aber sofort äugten und sicherten die Rehe nach der Richtung, aus der dasselbe kam, wodurch ihre Aufmerksamkeit von mir abgelenkt wurde.

Sofort stopfte ich eine neue Kugelpatrone in den Lauf, und nach ein paar Sekunden krachte der Schuss. Diesmal aber schien es, als ob die Rehe denselben gar nicht gehört hätten, denn sie ästen ganz ruhig weiter. Nur der Bock hob für einige Augenblicke den Grind, ließ sich aber dann auch nicht weiter in seiner Mahlzeit stören.

Ein dritter Schuss hatte gar keine Wirkung zu verzeichnen.

Jetzt lud ich die vierte und letzte Kugelpatrone, legte an und drückte los. Diesmal hörte aber auch ich nichts als ein leises „Knack“. Die Patrone hatte versagt. Ein zweites Spannen und Losdrücken hatte kein anderes Resultat.

Nun stand ich da – vor mir ein kapitaler „Sechser“, für dessen Geweih ich mir im Stillen schon einen Platz in meiner Junggesellenbude ausgesucht hatte, und in der Flinte eine versagende Patrone.

Für Schrot war die Distanz entschieden zu weit, denn diese betrug, wie sich später herausstellte, ca. 85–90 Meter (Anmerkung: Zur damaligen Zeit war der Schrotschuss auf Rehwild noch nicht verboten).

An ein Anpürschen war aber auch nicht zu denken, denn wenn ich über die vollständig freie Wiesenfläche dahinpürschen wollte, musste ich ja unbedingt bemerkt werden, bevor ich schussgerecht ankam. Aber dennoch probierte ich es. Ich dachte mir, hat sich der Bock vor dem tödlichen Blei nicht gefürchtet, so tut er dasselbe noch viel weniger vor mir.

Aber auch diesmal hatte ich falsch kalkuliert; denn kaum war ich ein paar Schritte auf Händen und Füßen in dem nassen Gras gekrochen, wurde die Rehfamilie auf mich aufmerksam, und ehe ich mich versah, war sie mit einigen Fluchten im nahen Wald verschwunden. Allen voran mein guter „Sechser“, dem ich noch ein kräftiges „Auf Wiedersehen“ nachrief, das er aber nicht verstanden zu haben schien. Er kam mir nämlich bis dato nicht mehr vor das Rohr.

II.

Am selben Tage, abends, machte ich wieder einen Pürschgang, der sich bis an das äußerste Ende meines Bezirkes ausdehnte. Aber auch hier hatte ich kein Glück, denn ich wurde von der Dunkelheit überrascht, bevor ich einen „Heißersehnten“ zu Gesicht bekam.

Missmutig und verstimmt trat ich den Heimweg an. Da ich noch circa zwei Stunden zu gehen hatte, schritt ich rüstig aus und machte mit meinen stark genagelten Waldschuhen auf dem mit Sandsteinen gepflasterten Talsträßchen einen ziemlichen Spektakel. Auf jeden Fall musste derselbe vom Wild schon auf eine große Entfernung wahrgenommen werden. Und doch gab es ein solches Stück, das mich nicht vernahm.

Als ich nämlich circa 1 Stunde gegangen war, kam ich an eine Stelle, an der das Sträßchen auf beiden Seiten von Wald begrenzt ist, d. h. auf der einen Seite stehen ca. 5 bis 6 Baumreihen, während sich nach der anderen Seite hin dichter zusammenhängender Wald ausdehnt.

Als ich ungefähr die Mitte der genannten Stelle passierte, sah ich plötzlich durch eine Baumlücke hindurch auf circa 15 Schritte links von mir in der Wiese ein einzelnes Reh äsen. Sofort blieb ich stehen, und im nächsten Moment erkannte ich dasselbe als einen guten Bock. Wie ich unter genannten Umständen so nahe an denselben herankommen konnte, wollte ich momentan nicht begreifen. Um darüber nachzugrübeln, hatte ich jetzt auch keine Zeit, denn nun hieß es: „Schießen!“ Aber das war keine Kleinigkeit.

Wohl warf der bereits aufgegangene Mond sein Licht in verschwenderischer Weise auf die Wiesenfläche, aber da, wo ich mich befand, war es vollständig dunkel. Zuerst wollte ich es mit der Kugel probieren, aber als ich anlegte und zielte, konnte ich weder etwas von einem Korn noch etwas von einer Kimme unterscheiden. Ich musste wieder absetzen. Mit Schrot schießen, war mir nicht waidgerecht genug, weshalb ich es noch einmal mit der Kugel versuchte. Ich legte an, und als die Mündung sich auf dem Vorderteil des Rehbocks befand, drückte ich ab. Der Schuss krachte; mein Rehbock aber hatte weder etwas verspürt noch etwas gehört. Denn als ich absetzte, äste derselbe, ohne den Grind auch nur ein einziges Mal in die Höhe zu heben, ganz ruhig weiter.

Jetzt wurde mir die Geschichte doch etwas zu bunt. Morgens schoss ich dreimal nach einem Bock und derselbe rührte sich nicht von der Stelle, und jetzt sollte die Sache von Neuem beginnen?

Ein Schrotschuss war mir jetzt genug. Ich legte an, und der Rehbock brach auf den Schuss im Feuer zusammen.

Es war ein „guter“, aber „tauber“ Sechser.

III.

Etliche Tage danach kam ich auf einem Abendpürschgang in ein kleines Tälchen, das gleich hinter dem Dorf rechts in den Wald hineinreicht.

Man nennt es „Gerstel“.

Dort sollte, wie ich in Erfahrung brachte, auch ein sehr guter „Sechser“ stehen. Ein hiesiger Nimrod ging demselben zwar schon seit Anfang der Pürschzeit zu Gefallen, aber bis jetzt hatte derselbe nicht das Glück, ihn zu Strecke zu bringen. Die verdammte Kugel bohrte nämlich jedesmal ein Loch in die Luft, anstatt, wie sonst, ein solches in den Rehbock.

Heute sollte es aber anders kommen.

Da ich noch etwas Zeit hatte, ging ich mitten durch das Tälchen bis an das Ende desselben. Von hier aus wollte ich noch eine kleine Weile auf einem Seitenweg den eigentlichen Pürschweg antreten.

Ich suchte mir einen Platz aus, der mich fast das ganze Tälchen überschauen ließ. Kaum aber hatte ich es mir etwas bequem gemacht, gewahrte ich auf circa 300 Meter von mir entfernt zwei dicht aufeinander folgende Rehe im schnellsten Tempo in der Wiese umherlaufen.

Die Sache war mir sofort klar. Ein Bock trieb ein Schmalreh; vielleicht gar der „Gesuchte“?

Wie sollte ich aber jetzt an denselben herankommen?

Den Weg durch das Tälchen konnte ich nicht mehr zurück, weil derselbe nicht die geringste Deckung bot.

Ein solcher, der an dem Waldesrand hinführt und den ich eigentlich zu meinem Pürschgang benutzen wollte, würde wohl die nötige Deckung geboten haben, aber er hätte mich zu weit umgeführt. In diesem kritischen Moment verfielen meine Gedanken auf etwas anderes. Ein in der Nähe sich befindlicher Bauersmann musste mir behilflich sein. Derselbe spannte gerade sein Fuhrwerk an, um nach Hause zu fahren. Sofort rannte ich auf ihn zu und bat ihn, er möge sich etwas beeilen. Den Grund sagte ich ihm natürlich auch, und nach ein paar Sekunden fuhr derselbe in raschem Tempo auf dem Fahrwege mitten durch das Tälchen durch, gerade auf die Rehe zu.

Selbstverständlich ging ich dicht hinter dem Fuhrwerk nach.

Als wir ungefähr auf Büchsenschussnähe herankamen, machten die Rehe einige Fluchten nach rechts, kümmerten sich aber weiter nicht um uns.

Hinter einem schützenden Haferacker ließ ich mich zu Boden gleiten. Dort blieb ich einige Sekunden liegen und kroch dann im Schutze des genannten Ackers so weit hervor, bis ich die Rehe wieder zu Gesicht bekam.

Dass ich einen sehr guten Bock vor mir hatte, sah ich vorher schon, weshalb ich mich nicht mehr lange zu besinnen brauchte.

Ich legte an, und der Schuss krachte. Mein Rehbock machte einen Hochsprung und brach dann – zu Tode getroffen – zusammen.

Kaum aber war der Schuss verhallt, so flogen von der Seite her, wo der Bock zusammengebrochen war, die „Donnerwetter“ nur so in der Luft herum.

Im ersten Moment war ich ganz sprachlos; denn dass es Böcke gibt, die ich nicht treffen konnte, und solche, die taub sind, glaubte ich wohl. Aber dass ein Rehbock mit „Donnerwetter“ um sich werfen konnte, das war mir denn doch zu viel.

Nun, ich wurde nicht lange im Zweifel gelassen, denn alsbald löste sich vom gegenüberliegenden Waldesrand eine dunkle Gestalt, in der ich den schon erwähnten Nimrod erkannte. Derselbe wetterte zwar immer noch ganz gewaltig; ich aber kehrte mich nicht daran, sondern sprang vor Freude in die Höhe, als ich des bereits verendeten Bockes ansichtig wurde.

Es war und blieb bis jetzt mein bester.

Wie Herr R. später erzählte, lag er gerade im Feuer, als ich „drückte“. Wohl hatte er die beste Absicht, vor mir zu schießen, denn er sah mich ja kommen, aber die verdammte Flinte hatte heute einmal wieder ihren „eigenen Kopf.

So oft nämlich Herr R. anlegte, fing sie mit ihrem vorderen Teil zu wackeln an, dass ein Schießen unmöglich war. Er musste also zusehen, wie ihm der Bock „vor der Nase“ weggeschossen wurde.

Nebenbei möchte ich noch bemerken, dass ich letztgenannten Pürschgang mit der speziellen Erlaubnis des Herrn R. unternahm und dass Letzterer am gleichen Abend auch noch einen Bock zur Strecke brachte, der noch viel schöner auf hatte als der meinige. Also ein Pflaster auf die Wunde.

Mit Waidmannsheil !


Die folgende Geschichte beschäftigt sich weniger mit der Jagd als mit den Jägern. Wie in allen Gesellschaftsschichten finden sich auch hier allerlei absonderliche Persönlichkeiten. Camillo Morgan schrieb im Jahre 1902 eine entsprechende Begebenheit über seine „Jagdkollegen“ auf. Er gab seiner Geschichte den Titel:

Ein Jagdherrenpaar

Wer sie doch alle annageln könnte, die vielen Pseudo-Nimrode und Jäger-Karikaturen, die der grünen Gilde zur Unzier gereichen! Wem von uns haben nicht schon Typen von Jägerlingen die Wege gekreuzt, bei deren Anblick man sich im ersten Moment nicht recht klar war, ob man sich über sie ärgern oder sie auslachen sollte? Wäre jeder von uns Amateurphotograph und würde solche kuriose Gestalten durch eine Momentaufnahme immer gleich auf der Stelle fixieren – man brächte ein Album zusammen, wie es köstlicher kaum mehr gedacht werden kann!

In Ermangelung eines photographischen Apparates tut’s freilich auch die gewöhnliche Feder, und ich will daher mit dieser versuchen, in Nachstehendem ein edles Jagdherrenpaar zu skizzieren, dem in einer Galerie hochkomischer Schießprügelträger unstreitig zwei Ehrenplätze gebühren.

Im Spätsommer 1890 war’s, dass ich als Jagdgast eines mir befreundeten bayerischen Aristokraten zwei Herren zu studieren Gelegenheit hatte, welche Pächter seines Nachbarrevieres waren. Es waren Zwillingsbrüder, welchen mein Freund (auf den mutmaßlichen Gehalt ihrer beiden Schädel anspielend) den Spitznamen „Gebrüder Strohkleien“ zuerkannt hatte; einer von ihnen hieß mit Taufnamen Otto, der andere Fritz.

Beide waren noch bartlose Jungen, Söhne einer immens reichen Münchener Großhändlerswitwe, welche ihren Sprösslingen allen noblen Passionen nach Herzenslust zu frönen erlaubte. Die beiden Lebebuben hielten sich daher auch Pferde, Mätressen, Segeljachten auf mehreren bayerischen Seen und mussten’s natürlich auch mit dem Jagen versuchen, das ja auch zum Highlife gehört.

So wurde denn eine große und wirklich schöne Pachtjagd im bayerischen Hochgebirge erworben, eben jene neben dem Besitztum meines Freundes, ein transportables Jagdhaus von Pieper dort aufgestellt, ein Jäger mit einer stattlichen Meute von Hunden darin installiert, und das Waidwerken konnte beginnen.

Wöchentlich zwei- bis dreimal kamen die „Gebrüder Strohkleien“ aus München in ihr Revier, und an diesen Tagen gab’s für mich und für meinen Freund keine Jagd, denn wir bewaffneten uns nur mit unseren Gläsern (Anmerkung: Ferngläsern), um von der Reviergrenze aus Beobachtungen anzustellen. Da gab’s nämlich immer etwas zu sehen, worüber wir lachen mussten, manchmal wahrhaft zwerchfellerschütternd, dass uns die Tränen an den Wangen herunterliefen.

Schon die Adjustierung der beiden „Strohkleien“ war im höchsten Grade possierlich; ich brauche sie nicht erst lang und breit zu beschreiben, da speziell bezüglich ihres „Gewandes“ genügt, wenn ich sage, dass dasselbe echt „salontirolerisch“ war, unpraktisch über alle Maßen, aber funkelnagelneu und von den sicherlich teuersten Firmen bezogen.

Die Armierung ließ zu wünschen nicht übrig: prächtige Drillinge mit Zielfernrohren, vergoldete Hirschfänger, Jagd- und Patronentaschen aus echtem Krokodil- oder Saffianleder, kurzum: höchster Komfort! Die Meute bestand aus kurzhaarigen und stichelhaarigen Vorstehhunden, bayerischen Gebirgsbracken und Teckeln (Anmerkung: Dackeln) schweren und mittleren Schlages, recht hübschen Hunden, von welchen jedoch vielleicht kein einziger ferm (Anmerkung: als jagdlicher Gebrauchshund) dressiert war; daraus machten sich die Herren „Strohkleien“ allerdings nichts, sondern hatten ihre Freude daran, wenn die Köter nur recht mörderisch durcheinander heulten und kläfften, unbekümmert darum, dass dieses Höllenspektakel das Wild für Stunden in der Runde vergrämte.

Der Jäger der beiden Brüder, ein strammer, kerniger Bursch aus der Gegend, passte zwar durchaus nicht zu seinen Herrn und Hunden, da er seine Sache sehr gut verstand, doch war er ein schlauer Patron und als solcher so klug, zu allen jagdlichen „Patzern“ seiner Gebieter zu schweigen, um sich deren Huld dauerhaft zu erhalten; er fand alles, was sie taten und beschlossen, für „ganz gut“ und „in Ordnung“ und bekam dafür alsbald den Titel eines „Oberjägers“ verliehen, obgleich es an einem „Unterjäger“ noch fehlte.

Mein Freund machte darüber einen gelungenen Witz, dass die obere Hälfte des schlauen Gesellen wahrscheinlich den Oberjäger vorstelle, während seine unteren Extremitäten offenbar mit dem Unterjäger-Titel fürlieb nehmen mussten, oder auch, dass er, ausgezogen in seinen Unterkleidern, zum Unterjäger herabsank, um sich erst wieder in seiner laubfroschgrünen Büchsenspanner-Livree mit dem goldenen Eichenlaub auf dem Kragen als Oberjäger fühlen zu dürfen.

Eines Morgens, als die Herren „Strohkleien“ abermals „Jagten“ und ich und mein Freund wie gewöhnlich die Grenze abstreiften, um womöglich wieder etwas von dieser „Jagd“ zu erlauschen, trug sich zufälligerweise gerade in unserer allernächsten Nähe eine lustige Begebenheit zu, die wir daher in allen ihren Phasen zu verfolgen Gelegenheit hatten.

Kaum hundert Schritte von unserer Grenze entfernt, wo wir im dichten Stangengehölz versteckt auf der Lauer lagen, standen in einem Graben Otto und Fritz „Strohkleien“ auf mehr als Büchsenschussweite auseinander unter zwei mächtigen Bäumen postiert, jeder schussbereit seinen Drilling zur Hand, und harrten sichtlich erregt, was ihnen durch die vom „Oberjäger“ geführte Meute aus einem nahen Jungmaisbestand zugejagt werden würde. Schon war der Trieb fast zu Ende, als sich ihre Hoffnungen, zu Schusse zu kommen, doch noch erfüllten, denn ein Bock – kapitaler Sechser – stürmte in wilden Fluchten an ihnen vorüber.

„Bum“, „bum“, bum“, sprach der Drilling des Herrn Otto. „Bum“, „bum“, „bum“, echote jener des Herrn Fritz, aber trotz zweier Kugelschüsse und vier Schrotschüssen wäre es dem Bock doch noch geglückt, mit heiler „Haut“ zu entkommen, wenn ihm nicht noch in letzter Minute der „Oberjäger“, aus dem Jungmais tretend, rasch eine dritte Kugel nachgesandt hätte. Da der Bock seine Richtung im selben Augenblick abänderte und einen Seitensprung machte, wodurch er seine Breitseite darbot, so bekam er die Kugel ohne Zweifel in den Halsknochen oder ins Rückgrat, denn er brach im Feuer zusammen und erhielt von dem rasch hinzugeeilten „Oberjäger“ den Fangschuss.

Otto und Fritz verließen hierauf ihre Stände und näherten sich dem Erlegten; Fritz mit sauersüßer, Verdrossenheit verratender Miene, Otto hingegen in aufgeräumter Stimmung.

„Hast du deine Kodak bei dir?“ hörten wir Otto seinem Bruder zurufen.

„Wie immer!“ entgegnete dieser. „Wozu?“

„Welche Frage!“ erwiderte Otto. „Zum Photographieren natürlich. Es wird eine prächtige Aufnahme geben. Licht ist gut, Hintergrund pittoresk; ich stelle mich, Gewehr bei Fuß, dort an jenes Haselgebüsch. Der Bock liegt mir als Beute zu Füßen, und der Oberjäger überreicht mir den grünen Bruch. Ganz famose Idee das. Vielleicht nicht?“

„Wäre nicht übel, wenn du den Bock selber geschossen hättest!“ versetzte hämisch der Bruder.

„Mein Gott! Nimmst es du denn genau? Von dem großen Fuchsfell, das in deinem Zimmer unter dem Rauchtischchen liegt, erzählst du doch jedem, der es hören will, du hättest dasselbe erbeutet, obgleich diesen Fuchs ebenso unser Oberjäger erlegte wie den heutigen Bock.“

Der Hieb saß vortrefflich; Fritzchen muckte nicht mehr, sondern holte aus seiner Jagdtasche die Kodak hervor, während Otto hinter dem erlegten Bock Aufstellung nahm und neben sich den Oberjäger postierte – in theatralischer Pose, wie er, eine Art Kniebeuge machend, mit abgebogenem Arm seinem Herrn und Gebieter einen Eichenbruch überreicht.

„So, fertig!“ kommandierte Otto. Er und der Oberjäger standen unbeweglich wie Säulen; Fritzchen machte „klapp“, und die Aufnahme war vorüber, allem Anscheine nach ganz gelungen. Dann brannten sich die beiden „Waidmänner“ je eine echte Havanna an und schnürten mit ihren Hunden von dannen, während dem Oberjäger noch das Aufbrechen und Zerwirken des Bockes oblag.

Ungefähr sechs oder sieben Wochen danach erschien in einer illustrierten Revue ein uns wohlbekanntes Tableau: den berühmten Nimrod Otto „Strohkleien“ darstellend, mit einem kapitalen Sechserbock zu Füßen, über welchen ihm der „Oberjäger“ ehrehrbietigst einen Eichenbruch überreicht. Und unter dem Bild erzählt Otto „Strohkleien“ selbst über sein gewaltiges Waidwerken in der Saison, weitläufig und bombastisch, so bandwurmartig in die Länge gezogener Satzgefüge und Satzwendungen sich bedienend, dass man bei dieser Lektüre nicht nur St. Hubertus anrufen musste, sondern auch den heiligen Ulrich, welcher bekanntermaßen der Schutzpatron aller von Übligkeiten (Anmerkung: Übelkeiten) befallenen Sterblichen ist.

Zum Schluss sei nur gesagt, dass das originelle brüderliche Jagdherrenpaar im bayerischen Hochgebirge noch heutzutage sein jagdliches Unwesen treibt und in der dortigen Gegend bereits eine gewisse „Berühmtheit“ erlangt hat, da es in jener schlichten, ursprünglichen Bergwelt eine daselbst bisher unbekannt gewesene Neuheit eingeführt hat: „Das Jagdfexentum!“

Nun ist es aber nicht nur so, dass sogenannte „Prestigejäger“ unangenehm auffallen können. Die nachfolgende Geschichte beweist, dass auch gestandene Jäger, die ihrer Passion mit Leib und Seele nachgehen, vor Peinlichkeiten nicht gefeit sind. Hans Schischka schrieb eine solche Begebenheit im Jahre 1924 in der Zeitschrift „Der deutsche Jäger“. Er nannte sie:

Der Pratzengirgl

Wäre es nach der Größe seiner Hände gegangen, so hätte der Girgl eigentlich Claqueur werden müssen, denn diese Hände hatten die Größe türkischer Tschinellen und baumelten an zwei langen Armen so, dass Girgl, ohne sich bücken zu müssen, das Knie kratzen konnte, wenn er aufrecht stand.

Da ihm der Beruf eines Claqueurs unbekannt war, trat er in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Jäger im Hochgebirge. Seine Füße standen mit den Händen im proportionalen Verhältnis, und Girgls Dackel schlief ganz bequem in den Schuhen seines Herrn. Trotz der Größe seiner Extremitäten war Girgl eine gute Seele. Friedfertig und mit einem Naturhumor ausgestattet, duldete er, dass ihn Groß und Klein mit dem Rufnamen „Pratzengirgl“ anredeten, und wenn er ausnahmsweise einmal mit „Girgl“ gerufen wurde, so glaubte er, dieser Ruf gelte einem Namenskollegen, und hörte nicht darauf.

Als Jäger war Girgl eine Perle. Er liebte Wald und Wild und hasste die Raubschützen wie ein Foxterrier die Katzen. Erstere wichen ihm aus wie dem leibhaftigen Gottseibeiuns, seit er einen besonders verwegenen Wilderer, der auf ihn geschossen, aber nur leicht verwundet hatte, mit einem Hieb seiner Tatze ins Moos legte, dann wie einen Gamsbock schränkte und den Geknebelten zum Gericht trug, das zwei Stunden vom Kampfplatz entfernt war. Dort musste der Mann erst massiert werden, damit er seine Glieder wieder gebrauchen konnte, während Girgl sich nicht einmal verbinden lassen wollte, weil ihn der Durst plagte.

Als die Tochter seines Jagdherm, die in dem schönen Gebirgsdorf auf Sommerfrische war, sich einst im Wald erging und, angeregt von den Naturschönheiten, ein Frühlingsgedicht machen wollte, konnte sie die ihr eingefallenen Reime nicht festhalten, weil es ihr an Notizpapier fehlte. Da stand wie aus dem Boden gewachsen plötzlich der Pratzengirgl vor ihr, und das Komtesschen wendete sich sogleich mit der Frage an ihn, ob er ein Stück Papier bei sich habe.

„Noa“, meinte Girgl; „i hab oa müass’n vorhin a Hand voll Gros nehma, ’s ischt a so guat wia a Papier.“

Ganz verwundert schaute er der Komtesse nach, die mit hochroten Wangen, ob dieser prompten Antwort, das Weite suchte. An seinen Wiener Aufenthalt knüpfen sich für Girgl reiche Erinnerungen. Sein Herr ließ ihn einmal kommen, um ihm die Möglichkeit zu geben, die Großstadt kennen zu lernen. Da gab es ein Schauen und Stehenbleiben! Girgl vergaß ganz den Mund zuzuklappen und lief mit dem Schädel gegen ein Auto, dass dieses aus dem Gleichgewicht kam. Der Kammerdiener seines Herrn hatte als Cicerone Girgls die schwersten Stunden seines Lebens mitzumachen.

An der Ecke der Eichenbachgasse ist eine Umsteigstelle der Straßenbahn. Ein Arbeiter, der den Ringwagen noch erreichen wollte, lief diesem nach; hinter dem Arbeiter in derselben Absicht ein Wachmann außer Dienst. Girgl sah den laufenden Arbeiter, und in der irrigen Meinung, einen verfolgten Verbrecher vor sich zu haben, gab er ihm einen Klaps ins Genick, der den armen Menschen roullierte (Anmerkung: umwarf). Dann hob er den armen Teufel auf und überreichte ihn dem Wachmann, der sich zum Einschreiten bewogen fühlte, mit den Worten: „So, da hast den Lumpen!“

Menschenansammlung, Versöhnung nach Erklärung des Missverständnisses mit nachfolgendem Händedruck, der den armen Teufel für einige Tage arbeitsunfähig machte.

Das Abspringen von der Straßenbahn nicht gewohnt, sprang Girgl in der Nähe des Pratersterns verkehrt ab und landete mit großem Gepolter auf der Sitzfläche seiner Ledernen. Der Schaffner gab das Notsignal, näherte sich dem Gestürzten und machte ihm Vorwürfe:

„Sehen Sie, das haben Sie davon, weil Sie sich rückwärts angehalten haben. Warum halten Sie sich nicht an der vorderen Griffstange fest?“

„Do war i auf die Pappen g’fallen“, erwiderte Girgl mit größter Gemütsruhe, erhob sich und ging unter dem Gelächter der Zuschauer seines Weges.

Die Krone seiner Anwesenheit in Wien war Girgls Theaterbesuch. Schon beim Eintritt in den Logengang grüßte er den goldbordierten Logenschließer wie einen fremden Fürsten mit einer Verbeugung, wobei Girgls Hinterteil mit einem befrackten Herrn in Kollision geriet, der zwischen dasselbe und die Mauer des Logenganges eingeklemmt wurde, dass seine Knochen krachten. Ein Händedruck entschädigte den Unglücklichen für diese Lebensgefahr.

Endlich saß Girgl in der ihm von seinem Herrn beigestellten Loge, und der Kammerdiener musste ihm auf hundert Fragen Auskunft geben. Die „Musibanda“ fand den ungeteilten Beifall Girgls, und er wollte sich durchaus einen Schuhplattler aufspielen lassen, von welchem Vorhaben ihn nur der Aufgang des Vorhanges abhielt. Mit dem Vorhang öffnete sich der Äser Girgls, der sich während des ganzen Aktes nicht mehr schloss.

Im zweiten Akt erreichte das Stück seinen Höhepunkt. Die Primadonna des Theaters wurde von einem ungestümen Liebhaber arg bedrängt. Weinend lag sie vor dem Rasenden auf den Knien, und als er den Dolch gegen sie zückte, tönte ein markerschütternder Schrei durch den Zuschauerraum. Dieser Schrei bildete die Sensation des Stückes, verlor aber diesmal seine Wirkung vollkommen, denn Girgls Herz hatte Feuer gefangen und er wollte sich zum Retter des schönen Weibes aufspielen. Wie ein Rachegott stand er an der Logenbrüstung, im Begriffe, sich über diese auf die Bühne zu schwingen, und wie Donnergrollen tönte es von seinen Lippen:

„Bals dös Mensch nöt auslasst, du Schwanz, du damischer, reiß i dir an Haxn aus. Auslass’n, sag’ i!“

Und zum Publikum gewendet: „Und ös kinnts da zuschaug’n, wia der Kerl dös Mensch martert, ös Sauschwänz’, ös miserabligen?“

Er wollte sich den Händen des Kammerdieners und des Logenschließers, die ihn umklammert hielten, entwinden und wusste nicht, was das Gelächter bedeuten sollte, das durch das vollgefüllte Haus brauste.

Lange konnte sich Girgl nicht beruhigen, und er wollte durchaus das arme Dirndl erwarten, damit ihm kein Leid mehr angetan werde.

„Auf da Stöll heirat’ is, bals mi mag“, knurrte er noch im Fortgehen.

Für seinen Seelenschmerz fand es der Kammerdiener geraten, Girgl in einige Nachtlokale zu dirigieren, wo es ohne Intermezzo nicht abging. Der junge Tag fand Girgl an einen Laternenpfahl gelehnt, den er liebevoll umhalst hatte, beim „Bröckerllachen“. Ein schwarzer Hund, der vorbeilief, beschnupperte den Mageninhalt Girgls, wurde aber auch von diesem wahrgenommen, und ganz erschrocken fragte er den neben ihm stehenden Kammerdiener:

„Sag amal, kannst di du erinnern, wo i den Hund da g’fressn hab?“

Von einer ganz anderen „Jägersorte“ erzählt die folgende Geschichte. Veröffentlicht wurde sie im Jahre 1924 in der Zeitschrift „Der Deutsche Jäger“. Ihr Titel lautet:

Die Wilddiebe
Nach einer wahren Begebenheit erzählt von Walter Fiedler

„Schön ist unser Revier doch, Vater. Ich fühle mich immer so geborgen, so zufrieden, hier inmitten der rotstämmigen Kiefern, dass es mir immer recht schwer wird, wenn ich wieder abreisen muss. Aber das Brückenberger Revier hat auch seine Reize, doch an das unsrige reicht es lange nicht heran.“

„Du hast recht, mein Junge, auch ich hänge mit ganzer Seele an diesem herrlichen romantischen Fleckchen Erde. Mit Grauen sehe ich der Zeit entgegen, wo ich jüngeren Kollegen Platz machen und hier fortziehen muss. Leicht wird es mir gewiss nicht werden.“

Der Förster hielt einen Augenblick inne, stopfte sich von Neuem seine Halblange, gab auch seinem Jungen Tabak und fuhr dann fort:

„Ja, schön ist es hier, bloß es müsste nicht so viel gewilddiebt werden. Zwar leiden die angrenzenden Förstereien auch unter diesen bisher immer noch nicht entlarvten Halunken, doch kein Revier wird so in Mitleidenschaft gezogen wie gerade meines. In der vorigen Woche brachte mir der Briefträger einen Hasen, der neben dem Birkenweg gelegen hatte – er war voller Schrotkörner – und vor 14 Tagen fand ich nicht weniger als drei Schlingen aus Kupferdraht, alle natürlich fängisch gestellt. Man kann Tag und Nacht auf dem Posten sein, man scheut das größte Sauwetter nicht – und doch ist alles vergebens. Es wird immer schlimmer. Der Oberförster wird schon ungemütlich, aber nichts hilft, nirgends sind die Kerle zu fassen.“

Als Förster Heeder und sein zwanzigjähriger Sohn um die Ecke eines dichten Stangenholzes bogen, kam ihnen eine Frau mit einem Handwagen entgegen, auf dem ein mit Leseholz gefüllter großer Sack lag.

„Was soll denn das, Frau Schmidt?“ sprach der Förster sie an. „Sie wissen doch, dass Sie heute, am ersten Weihnachtstag, kein Holz sammeln dürfen, das geht doch nicht. Soll ich Sie denn schon wieder anzeigen?“

„Entschuldigen Sie, Herr Förster, aber ich hab keine Zeit nicht, Weihnachten zu feiern, ich muss Holz ranholen, damit wir nicht frieren, wir wollen auch mal am warmen Ofen sitzen. Anzeigen tun Sie mich mal nicht, bezahlen kann ich doch nicht“, antwortete die junge blonde Frau.

„Was ist denn außer dem Holz noch im Sack?“ fragte erregt der Förster, „es tropft ja Schweiß zur Erde!“

Die junge Taglöhnersfrau errötete fürchterlich, wurde verlegen, wollte antworten, aber schon war der Sack geöffnet, das Holz ausgeschüttet, und ein Damtier kam zum Vorschein. Aus dem dicht hinter dem Blatt sitzenden Einschuss tropfte heller Lungenschweiß. Er war durch den Sack gesickert und hatte verraten, dass sich nicht nur Holz darin befand.

„Das Reh habe ich im Busch gefunden, Herr Förster, es lag neben dem Knirck, und weil wir so arm sind, habe ich es mitgenommen. Dass ich das nicht durfte, wusste ich ja auch nicht. Zeigen Sie mich bloß nicht an, Herr Förster, sonst muss ich noch sitzen, ich hab noch nie was mit dem Gericht zu tun gehabt.“

Doch kein Bitten half, die junge Frau musste mit zum Gendarmen. Der Verdacht, irgendjemand habe das Damtier gewildert, jedoch keine Gelegenheit gehabt, es fortzuschaffen und daher der jungen Frau den Auftrag gegeben, es im Holzsack zu holen, lag doch zu nahe. Zwar hatte Förster Heeder nie Verdacht gehabt, dass Frieda Schmidt, die er schon als Kind kannte, oder deren Angehörige wilddieben würden, doch zu wissen war es ja nicht.

Gendarmeriewachtmeister Goldschmidt war gerade nach Hause gekommen und nahm in Gegenwart des Försters in der Schmidtschen Wohnung eine gründliche Durchsuchung vor. Resultat: Nichts! Sollte die junge Frau tatsächlich das Stück Damwild gefunden haben? Beide Beamten glaubten aber nicht recht daran. Der Gendarm verhieß, Anzeige zu erstatten und weitere eingehende Nachforschungen anzustellen. Er nahm sofort bei einigen Arbeitern im Dorf gleichfalls Hausdurchsuchungen vor, die jedoch ebenfalls erfolglos verliefen. Auf dem Heimweg grübelten Förster Heeder und sein Sohn vergeblich über diesen eigenartigen Fall nach – die Sache war und blieb ihnen aber ein Rätsel.

Am Nachmittag des zweiten Weihnachtstages traf auf der Försterei Techentin unverhofft Förster Günther aus Torgelow ein. Beide Kollegen begrüßten einander freundschaftlich und schütteten sich am Kaffeetisch ihr Herz aus.

„Weißt du“, sagte Förster Günther, „bei mir fangen die Kerls jetzt auch schon an zu wildern. Vorgestern fielen in meinem Revier in der Dämmerstunde kurz hintereinander zwei Schüsse. Trotz der gründlichsten Nachsuche habe ich weder Wilderer noch sonst was entdecken können. Natürlich ist diesen Halunken die Dunkelheit zustatten gekommen, sie waren wie weggeblasen. Anscheinend haben sie glücklicherweise fehl geschossen. Am seIben Abend rief mich Kollege Breuer in Wilmshagen telephonisch an, um dienstlich etwas zu erfragen, und teilte mir gleichzeitig mit, dass er vor kurzem eine Damtierdecke in seinem Revier gefunden habe. Also auch da ist’s nicht richtig, nicht bloß bei uns in Mecklenburg, sondern auch bei euch in Preußen.“

„Ist dies einmal möglich!“ Förster Heeder schlug auf den Tisch, dass die Tassen klirrten. „Jetzt knallt’s ja überall.“

Er erzählte seinem Kollegen sein Erlebnis vom gestrigen Tage, beide besprachen sämtliche Möglichkeiten der Täterschaft, konnten aber nicht den geringsten Verdacht schöpfen. Trotz des gemütlichen Skates, an dem sich auch Herbert Heeder beteiligte, kam keine rechte Stimmung in die sonst so frohen Jägersleute. Ihr Revier, ihr Wild, ihr Beruf lagen ihnen doch viel zu sehr am Herzen, um sich so bald darüber hinwegsetzen zu können. Selbst der hell erleuchtete hohe Christbaum mit seinem glitzernden und blinkenden Schmuck vermochte nicht das fort zu wischen, was die Gemüter der Forstbeamten niederdrückte.

Als Förster Günther sich verabschiedete, schneite es nach Herzenslust. Richtiges Weihnachtswetter. Die grünen Freunde nahmen sich vor, in den nächsten Tagen nachts gemeinschaftlich an der preußischen Grenze auf dem Posten zu sein, denn dort schien es nicht geheuer.

Aber auch das war völlig vergebens. Mehrere Nächte hatten sich beide schon um die Ohren geschlagen, hatten weder matschiges Tauwetter noch klirrend strengen Frost gescheut – nichts, nichts hatte sich hören oder sehen lassen.

In einem Abteil lII. Klasse des Berliner Personenzuges saßen zwei in schwere Pelze gehüllte Herren. Hinter der Haltestation Gülz erblickte der eine von ihnen, der Rentner Struck aus Berlin, rechts der Bahn im Altholz ein Rudel Damwild. Er machte seinen Begleiter darauf aufmerksam und flüsterte ihm zu:

„Hier ist es! Hier steht auf alle Fälle Wild. Von Pinnov aus haben wir nur zwei Stunden zu gehen. Das wird mal klappen.“

In Germendorf stiegen beide aus, gingen ein Stückchen die Chaussee entlang und hatten bald Pinnow erreicht. Die Besitzerin von Pinnow hatte ihre Jagd an Struck verpachtet und ihm ein Zimmer zu Verfügung gestellt, in dem er während seines Jagdaufenthaltes schalten und walten konnte. Am Vormittag gingen beide Herren in das von Struck gepachtete Revier und schossen jeder einen Hasen.

Die Gutsjagd grenzte an den preußischen Forst und an das mecklenburgische Revier Torgelow. Beide waren keine „böse Nachbarn“, die etwa alles von der Grenze abschießen. Demzufolge ließ sich im Pinnowschen Revier ein leidlicher Wildbestand halten, zumal Struck selten hier, sondern fast ausschließlich in den Staatsforsten jagte. – Natürlich unerlaubt.

„Wenn sie dich bloß nicht mal fassen, Albert“, sagte sein Begleiter, „dann bist du aber geliefert. Sieh dich bloß vor! Ich bin ja froh, wenn ich für mein Restaurant billig Wildbret kriegen kann, möchte aber auf keinen Fall abermals ins Kittchen wandern.“

„Bist du ein Angsthase! Glaubst du denn, dass irgendjemand auf den Gedanken kommt, dass ich der viel gesuchte Wilddieb bin? Ich habe ja doch selbst meine Jagd, hege sie sehr weidmännisch, bin stets gut Freund mit den Grünröcken und trete immer so auf, dass man in mir unmöglich einen Wilderer vermuten kann. Eigentlich ist es ja schade, dass ich trotz Schonzeit nehme, was mir vor die Büchse kommt, aber Geschäft ist Geschäft. Ich kriege gut bezahlt in Berlin, das ist die Hauptsache.“

Nachmittags um drei Uhr verabschiedeten sich die beiden Herren von der Gutsbesitzerin. – Es wäre schade, dass sie nun schon wieder fort müssten, doch sie wollten mit dem Vier-Uhr-Zug wieder nach Berlin zurückkehren.

Statt jedoch nach Berlin zurückzukehren, gingen sie bei Eintritt der Dunkelheit in die Försterei Gülz. Falsche Bärte wurden angelegt, die Jagdgewehre zusammengelegt, unter dem Gehpelz verstaut und Gummischuhe angezogen.

Struck kannte den Rummel schon und war äußerst ruhig und gelassen, sein Begleiter vermutete dagegen hinter jeder Kiefer einen Förster. Langsam wurde es dunkler, blutrot ging die Sonne unter. Einige Krähen strichen vom Felde ihren Schlafbäumen zu. Fern rollte ein Güterzug, und links des Wegs schreckte ein Reh. An einem Schonungsrand machten sie Halt. Struck kannte die Wechsel, die über das Stangenholz ins Feld führen. Hier hatte er schon öfter den Finger krumm gemacht.

„Pass auf, jetzt kommt bald etwas!“ raunte er seinem Freund zu. Und richtig! Ein Damtier trat aus dem Dickicht hervor, holte Wind ein, verhoffte längere Zeit und wechselte über den Holzweg. Jetzt noch eins, dann ein Spießer und schließlich ein guter Schaufler. Struck ließ fliegen und sein Begleiter gleichfalls kurz darauf. Die Schalldämpfer dämpften den Knall, beide traten aber trotzdem auf längere Zeit ins Dickicht zurück.

„Ich bin gut abgekommen“, flüsterte Struck, „du scheinst aber gefehlt zu haben. Der Schaufler ist uns sicher, den Spießer wirst du aber wohl bloß angekratzt, vielleicht sogar gefehlt haben.“

Struck hatte recht. Der Schaufler lag zehn Gänge tiefer im Stangenholz, doch der Spießer schien gefehlt oder angekratzt zu sein. Beide Rucksäcke wurden, nachdem der Schaufler an Ort und Stelle zerlegt worden war, voll gestopft. Was nicht mehr hinein ging, blieb liegen. Die Schaufeln wurden einzeln abgesägt. So ließen sie sich besser transportieren, und es merkte so leicht niemand etwas. Mit dem Abendzug fuhren beide von der nächsten Station aus nach Berlin zurück.

„Siehst du,“, sagte Struck auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin, „es hat niemand etwas gemerkt. Und uns hat man sicherlich nicht in Verdacht.“

„Denken Sie bloß mal an, Herr Hegemeister, am Kunersdorfer Weg liegt ein Damschaufler, das heißt, bloß seine Decke und Geschlinge (Anmerkung: Herz, Lunge, Leber) und so weiter“, meldet der Forstarbeiter Kleinschmidt dem Hegemeister Warncke. „Das muss gestern Abend erst passiert sein, denn mein Mädel ist gestern Nachmittag von der Bahn gekommen, sie hat aber nichts davon gesehen.“

„Was, geht das schon wieder los?“ erwiderte der Hegemeister, „im vergangenen Jahr haben die Spitzbuben mir meinen besten Schaufler weggeknallt und jetzt wieder einen? Herr Bremer, da müssen wir gleich mal hin.“

Forstaufseher Bremer und der Hegemeister begaben sich unverzüglich an den Tatort, sahen das, was der Arbeiter ihnen berichtet hatte, und suchten die Umgebung trotz des Neuschnees, der über Nacht gefallen war, also obwohl es fast zwecklos war, ab. Nichts zu finden.

„Halt, da liegt ein Stück Wild. Herr Hegemeister, hier liegt ein Damschaufler.“

„Wahrhaftig! Himmelkreuzdonnerwetter noch mal“, fluchte Warncke, „da haben die Schweinehunde den Spießer angebleit, sich nicht darum gekümmert, und …! Ist das bloß möglich? Wir haben aber doch gar nichts gehört. Keinen Knall, nichts gehört, gar nichts! Und zu Hause waren wir doch auch alle beide. Bei Heeder und Günther knallen sie lustig drauf los, bei Altenhof soll es auch nicht geheuer sein, da muss doch endlich mal was geschehen! Will doch gleich mal den Oberförster anklingeln. Was meinen Sie wohl, was der wieder wettert?“

Jegliches Absuchen war erfolglos, der Schnee verdeckte alles.

Die gleiche Aufregung herrschte beim Förster Heeder. In der verflossenen Nacht, in der man nicht die Hand vor den Augen sehen konnte, hatten hier andere Wilddiebe sich zu schaffen gemacht. Der Förster war mit seiner Tochter, die nach schwer überstandener Grippe erst seit wenigen Tagen das Bett verlassen hatte, ins Revier gegangen. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, die beiden Hunde liefen freudig voraus, der kleine braune Dackel machte in einem Kessel mehrere Karnickel hoch und machte einen Heidenlärm. Oben in den Kiefernkronen rätschten Eichelhäher, und links im Stangenholz piepten Goldhähnchen. An einer Tanne kletterte eine Kohlmeise kopfunter und kopfüber, hell leuchtete ihre gelbe Weste mit dem hübschen langen schwarzen Streifen.

Die weiße Schneedecke trug unzählige Fährten. Es fährteten sich nicht nur Reh-und Damwild, sondern auch Rotwild. Natürlich auch Hasen.

Förster Heeder ging, seine hübsche blonde Tochter zurücklassend, quer durch die langgestreckte zehnjährige Kiefernschonung, die unmittelbar an der Landstraße liegt, zu einem Fuchsbau, um zu sehen, ob er befahren war. Dicht neben dem großen Haselstrauch, in dessen Nähe er einst zwei auf Leben und Tod kämpfende Damschaufler beobachtet hatte, sah er zu seinem Schrecken ein verendetes Rottier, um dessen Hals eine Drahtschlinge hing. Tief hatte sie in den schlanken Hals eingeschnitten. Du lieber Himmel, schon wieder eine Schurkentat! Da anzunehmen war, dass die Schlinge am hellen Tag nicht nachgesehen wurde, nahm er das Rottier mit und entschloss sich, in der Dämmerstunde in der Nähe anzusitzen. Seine Tochter empfand diesen Schmerz ebenso bitter wie ihr pflichtbewusster, diensteifriger Vater. Auch seine Frau teilte seinen Schmerz und versuchte, ihrem Manne Mut zuzusprechen.


Langsam kroch der Tag dahin. Missgestimmt und entmutigt erledigte Förster Heeder seine überhand nehmenden schriftlichen Arbeiten; ihm schmeckte weder das Frühstück noch das Mittagessen. Immer wieder sah er das Rottier vor sich; die vielen Rehe und Damtiere, die den Wilderern zum Opfer gefallen waren. Ehrlicher Zorn stieg in ihm hoch. Er musste den Halunken das schmutzige Handwerk legen, koste es auch noch so viele schlaflose Nächte!

Als sich die Dämmerung anmeldete, stand er in der Nähe des Tatortes, durch dichtes Stangenholz gut gedeckt.

Bis in die Nacht wartete er, lauschte und beobachtete die fragliche Stelle scharf mit dem Glas, doch nichts ließ sich blicken. Durchgefroren und müde stapfte er durch den Schnee nach Hause. Also wieder vergebens – wie schon so oft, so manche Nacht.

Auch der nächste Tag brachte wieder Ärger und Verdruss. Bei seinem Morgenreviergang überraschte Förster Heeder dicht hinter der Försterei einen wildernden Hund. Er jagte, ohne Laut zu geben, hinter einem Hasen her. Der Förster hatte die Bestie einen Augenblick frei, ließ fliegen, der Hund jaulte laut auf, brach zusammen und war bereits verendet, als der Förster hinzu trat. So, dieser gefährliche Räuber wäre erledigt. Der große, gelblichgraue Hund kam dem Beamten bekannt vor, er musste ihn schon mal in Walsleben gesehen haben. Längere Zeit konnte der Köter sein Wesen im Revier noch nicht getrieben haben, denn sonst hätte man schon etwas bemerkt. Das Wild wäre unruhig geworden, auch hätte sich der Hund fährten müssen. Im Nachbarrevier sollte sich allerdings seit einiger Zeit ein wildernder Hund herumtreiben, wahrscheinlich war es dieser.

Mittags klingelte Förster Heeder seinen Kollegen Günther an, schilderte ihm das heutige Erlebnis und erfuhr, dass derselbe Hund auch dort gewildert habe. Förster Günther freute sich, dass der Köter zur Strecke gebracht worden war, meinte aber, den Besitzer des Hundes gleichfalls nicht zu kennen. Über diesen unverhofften Erfolg erfreut, hängte Heeder den Hörer auf und setzte sich an seinen Schreibtisch, um schwierige umfangreiche Lohnberechnungen seiner Forstarbeiter zu machen. Bei Anbruch der Dunkelheit ging er ins Dorf zum Ortsvorsteher, dem Lehrer Köpke, und erfuhr durch ihn, dass der wildernde Hund dem Büdner Schmale gehörte. Gleichzeitig machte Köpke darauf aufmerksam, dass der Gastwirt Lehnacker auffallend oft Wildbret in seine Küche bekomme, angeblich vom Pächter der Pinnower Jagd, einem Herrn Struck. Die Sache sei aber wohl nicht so ganz in Ordnung, da müsse mal nachgefasst werden.

Förster Heeder setzte sich sogleich mit dem Gendarmeriewachtmeister in Verbindung, ging mit ihm zum Gastwirt Lehnacker und sagte ihm auf den Kopf zu, dass er Abnehmer von gewilddiebtem Wildbret sei. Lehnacker wollte anfangs aufbrausen, wurde aber bald sehr kleinlaut und gab nach sofort vorgenommener Hausdurchsuchung, die außer drei Hasen einen Rotspießer und einen Fuchsbalg zutage förderte, schließlich zu, von Bekannten „hintenrum“, wie er sich ausdrückte, öfter mal Wild gekauft zu haben. Er erklärte:

„Wo die das her haben, geht mich nichts an. Wer es ist, sage ich nicht, ich reiße keinen anderen rein. Und viel kann danach ja nicht kommen, das Wild ist ja nicht bloß für die Großen da, die Zeiten haben wir mal gehabt!“

Der Gendarmeriewachtmeister erstattete Anzeige an die Staatsanwaltschaft und nahm Lehnacker in Haft. Das Einzige, was dieser noch eingestand, war, dass seine Lieferanten das an ihn gelieferte Wild teils in Schlingen gefangen, teils abgeschossen hätten. Das schien auch zu stimmen, denn die drei Hasen, die vorgefunden wurden, waren in Schlingen gelaufen, und der Rotspießer musste aus unmittelbarer Nähe mit Schrot niedergeknallt worden sein. Dem Fuchs war der linke Vorderlauf durchgeschlagen, ihn hatte man also mittels des Eisens erlangt.

„So, Herr Heeder“, sagte Wachtmeister Goldschmidt zum Förster, „den Anfang haben wir gemacht, hoffentlich können wir den Schleier lüften, der über diese ganze Gegend gezogen ist. Wissen Sie, dieser Struck scheint mir nicht ganz hasenrein zu sein, ich habe schon Verschiedenes munkeln hören. Man tappt aber immer im Dunkeln. Sprechen Sie doch mal mit Ihrem Oberförster, wir müssen mal die Geschichte großzügig untersuchen. Ein Bekannter von mir schrieb mir neulich, in Pommern würde gleichfalls toll gewildert, die Regierung habe einen Berliner Kriminalkommissar beauftragt, die Sache zu klären. Er soll sich an die Wilderer rangemacht haben, soll zum Schein tüchtig mitwildern, und in kurzer Zeit soll das ganze Nest ausgehoben werden. So müsste es auch hier gemacht werden.“

Der Förster gab dem Wachtmeister recht und nahm sich vor, in diesem Sinne demnächst mit seinem Chef zu sprechen.

Erst spät kehrte Förster Heeder heim. Er erzählte seinen Angehörigen das Erlebnis in Walsleben und arbeitete bis spät in die Nacht hinein an seinem Schreibtisch, um der vielen Schreibereien Herr zu werden.

Heute fühlte er sich wieder einigermaßen zufrieden, bestand doch die Hoffnung, nun bald die verdammten Wilderer zu fassen und dem geliebten Wilde Ruhe zu verschaffen. Sein Weimaraner lag zu seinen Füßen auf der Rehdecke, und der kleine braune Dackel hatte sich auf dem Sofa zusammengerollt. In dem geweihgeschmückten Zimmer war es angenehm warm, Mutter und Tochter machten Handarbeiten, und draußen rüttelte eisiger Wind an den grünen Fensterläden.

Als der Förster zur Zeitung griff, fiel ihm ein Artikel auf, in dem auf die sogenannten Schalldämpfer hingewiesen wurde. Es sei in Württemberg der Försterei gelungen, eine große Wilddiebsbande zu fassen, deren Beteiligte sämtlich Schalldämpfer bei sich führten. Sicherlich war es hier genau so, ohne Zweifel haben die hier in Frage kommenden Halunken Schalldämpfer, sonst hätte er doch mal Schüsse hören müssen.

Nach einigen Tagen erfuhr Förster Heeder, dass Arbeiterfrau Schmidt, die er am ersten Weihnachstag mit einem Damtier im Holzsack angetroffen hatte, von dem Schöffengericht wegen Beihilfe zum Wildern freigesprochen, dagegen wegen Fundunterschlagung zu einer Geldstrafe verurteilt worden sei. Es habe sich nicht beweisen lassen, dass die Angeklagte das Stück Damwild nicht gefunden habe. Trotzdem blieb Heeder der Ansicht, dass die Angeklagte mit Wilddieben gemeinsame Sache gemacht habe.

Inzwischen hatte Rentner Struck wöchentlich mehrmals das Techentiner Revier sowie die angrenzenden Forste heimgesucht, hatte Rehe, Hasen, Fasanen, einen Überläufer und einen Rotspießer gewildert und gleichzeitig die Entdeckung gemacht, dass außer ihm noch andere Personen ihr Wesen im Walde trieben. Außer fängisch gestellten Schlingen fand er auch verschiedene Tellereisen. Er hatte also Nebenbuhler.

Als er eines Abends mit Teilen eines von ihm geschossenen Sechsenders den Kleinbahnhof eines nahen Ortes betrat, fiel ihm auf, dass er von dem Eisenbahnbeamten auffällig beobachtet wurde. Donnerwetter – sollte man vielleicht Verdacht geschöpft und die Bahnbeamten verständigt haben? Das konnte schließlich unangenehm werden. Um jeglichen Verdacht von sich abzulenken, entschloss er sich Ende Februar zu Folgendem: Er reiste wieder in sein Pachtrevier, schoss vormittags einen Rehbock, der schon ein zwei Zentimeter langes Bastgehörn geschoben hatte, zerlegte ihn – und zwar absichtlich sehr unweidmännisch –, nahm nur die Keulen und das Geschlinge mit und ließ alles andere am Rande einer Schonung liegen. Zu Mittag speiste er bei seiner Verpächterin, ging nachmittags abermals ins Revier und nahm den neunzehn Jahre alten Sohn der Gutsbesitzerin mit. Unauffällig lenkte er die Schritte zu dem Bock. Plötzlich rief der junge Primaner: „Da liegt ja ein Reh, Herr Struck!“

„Was?“ fragte jener entsetzt, „wahrhaftig! Diese Halunken! Schießen mir trotz Schonzeit einen Bock ab und lassen zum Lohn noch die Hälfte zurück. Kommen Sie bitte gleich mit zum Gendarmen, die Sache muss untersucht werden. Sie sind mein Zeuge.“

Beim Wachtmeister schilderte Struck die Angelegenheit sehr geschickt und bat ihn, einen Brief mit zur Stadt zu nehmen, in dem er die Redaktion des Kreisblattes ersuchte, folgendes Inserat zu veröffentlichen:

„Hohe Belohnung zahle ich demjenigen, der mir Angaben macht, auf Grund derer es möglich ist, diejenigen Personen, die sowohl in meinem Pinnower Pachtrevier als auch in den Staatsforsten auf das Schlimmste wildern, der gerichtlichen Bestrafung zuzuführen.“

Zwei Tage darauf veröffentlichte die Tageszeitung dieses Inserat. Es wurde vom Oberförster, in den preußischen und mecklenburgischen Förstereien der Umgegend gelesen. Man schenkte ihm natürlich Glauben und hatte nicht den geringsten Verdacht, dass Struck mit den Wilddiebereien in den Staatsforsten im Zusammenhang stehen könnte; es wurde zwar manches gemunkelt, z. B. sollte er häufig – anstatt sich in die Bahn zu setzen – in die Staatsforste gehen und dort Schlingen stellen, doch man hatte nicht den geringsten Anhalt. Der Bahnwärter will zwar einmal nachts einem stattlichen Herrn mit dunklem Vollbart und goldener Brille begegnet sein, doch erzählt wird ja viel. Jemand, der ein Pachtrevier so hoch weidmännisch behandelt wie Struck, der nur wenig schießt und ein ausgesprochener Heger ist, geht nicht in die Staatsforste wildern, hat es auch gar nicht nötig. Am allerwenigsten stellt er Schlingen.

Struck nutzte die günstige Lage aus. Fast jede zweite Nacht trieb er sich in den preußischen Revieren herum, hauptsächlich in dem wildreichsten, demjenigen des Försters Heeder in Techentin, schonte weder Schmaltier noch Bastbock, nahm den anderen Wilderern Rehe aus den Schlingen, einmal auch zwei Iltisse, transportierte das Wild aber nicht zur Bahn, sondern ließ es vom Gastwirt Lehnacker in Walsleben nachts aus einem Dickicht unweit der „großen Wiese“ abholen und machte dabei ein gutes Geschäft.

Lehnacker hatte seine sechswöchige Gefängnisstrafe wegen Hehlerei abgesessen, nahm jegliches Wildbret gern in Empfang und fand gute Abnehmer in der Hauptstadt der Provinz. Einer von ihnen, ein Hotelbesitzer, zahlte gut und drängte ständig auf frische Lieferungen. Struck hielt sich eine Zeit lang als angeblicher Pferdeknecht bei Lehnacker auf, hatte freie Logis und Kost und wilddiebte nachts. Hin und wieder erschien er als vornehmer Jagdpächter in Pinnow, knallte wieder zum Schein einen Damspießer ab, erstattete Anzeige, erließ wieder ein Inserat und führte sämtliche scharf gewordenen Behörden an der Nase herum, selbst den Gendarmen. Seine Familie ahnte nichts von seinem verwegenen Treiben hier an der mecklenburgischen Grenze und, was noch viel wichtiger war, die Behörden dieser Gegend auch nicht.

Und eine Lust ist es, da draußen herum zu kriechen. Die Jagd in seinem Revier ist völlig gefahrlos, sie hat daher wenig Reiz. Aber in den Staatsforsten muss er sich vorsehen, jedem Menschen aus dem Wege gehen. Ihn umgibt ständige Gefahr, und das übt einen köstlichen Reiz aus. Das hat in Struck eine Leidenschaft entfacht, die er nicht mehr bezwingen kann. Trotz seiner sechsundfünfzig Jahre scheut er keinen Sturm, keinen noch so langen Weg, kein Matschwetter, keinen Regen, im Gegenteil: gerade dann muss er raus, dann lohnt es, dann vermutet ihn ja niemand. Und dann der gute Verdienst! Wenn seine beiden verheirateten Söhne ahnten, dass die Sonntagsbraten, die sie ständig bekommen, gewildert sind – ach was, bloß keine Gedanken machen! Das Wildererleben ist ja so reizvoll.

„Siehst du, Herbert, hier waren die Schurken auch schon wieder! Hier liegt Schnitthaar vom Rotwild. In der Försterei Hohenstaaten sind sie, wie mir Kollege Hegemeister Dahms Sonntag Anfang Juni nach der Kirche sagte, hinter dem Edelwild her, haben ein Alttier lauflahm geschossen, und bei mir geht’s auch wieder los. Einige Wochen ist es ja gegangen; ich glaube doch, dass Struck dahinter steckt, ich kann mir nun mal nicht helfen. Aber außer ihm scheinen ja noch andere am Werk zu sein, hauptsächlich Schlingensteller.“

Der Förster hielt inne. Auch sein Sohn blieb stehen.

„Blattet da nicht jemand?“

„Nein, Vater, ich höre nichts.“

Heftig klopfte beiden das Herz, es trieb mit wuchtigen Stößen das erregte Blut in die Schläfen. Sie hielten den Atem an, traten ins Stangenholz und lauschten angestrengt.

„Da, jetzt wieder. Donnerwetter, die wildern ja wohl am hellen Sommertag!“

Vorsichtig schlichen Förster Heeder und sein Sohn weiter. Jetzt fiepte es wieder. Schnell weiter, aber vorsichtig!

Der Förster nahm die Büchse von der Schulter. Plötzlich fiel mit hellem peitschenartigen Knall ein Schuss. Gleichzeitig sahen Heeder und sein Sohn einen Mann über die Schneise laufen. Der Förster rief laut:

„Stehen bleiben, oder ich schieße!“

Doch der Mann guckte sich nur um und rannte so schnell er konnte in die unmittelbar an die Schneise stoßende Kiefernschonung. Im selben Augenblick aber krachte es noch einmal. Der Wilddieb taumelte vorne über, kam aber wieder hoch und verschwand in der Schonung.

„Sieh dich vor!“ rief Förster Heeder, „dass du keines gelangt kriegst, der Kerl schießt womöglich aus dem Hinterhalt!“

Mit Vorsicht, aber trotzdem mit größtem Eifer versuchten beide, den Wilddieb zu fassen. Sie glaubten, ihn infolge seiner Verwundung im Dickicht zu finden, waren so leichtsinnig, überall durchzukriechen, doch der Kerl blieb verschwunden.

„Zu schade, dass diese Schonung so ausgedehnt ist und an vielen Stellen an dichtes Stangenholz stößt, so dass sich der Kerl nach allen Richtungen, ohne sichtbar zu werden, entfernen kann“, sagte Heeder.

Schnell eilte der Försterssohn nach Hause, holte seine Büchse und die beiden Hunde, war in verhältnismäßig kurzer Zeit zurück, und nun wurden die Hunde in die Schonung geschickt. Sie blieben lange, kamen aber unverrichteter Sache wieder zurück.

Inzwischen hatte Förster Heeder die Stelle, an der der Wilderer geschossen hatte, abgesucht und einen Gabelbock gefunden, der mit gutem Blattschuss im Hochwald neben grünem Brombergestrüpp lag. Alles weitere Suchen nach dem Wilderer blieb völlig erfolglos, der Schuft war entkommen.

„Das war Struck aber sicher nicht“, sagte Förster Heeder zu seinem Sohn, „der ist viel größer und breiter, dies war ja nur ein schmächtiges Kerlchen. Sein Vollbart ist sicher nicht echt, den hat er sich bloß angekleistert. Das ist natürlich ein alter Gaunertrick. Sicherheitshalber will ich doch gleich mal in Pinnow telefonisch anfragen, ob Struck da ist. Den Wachtmeister und den Oberförster muss ich auch gleich benachrichtigen. Sicher war das einer aus Walsleben oder Bärburg.

Gegen acht Uhr abends trafen beide in der Försterei Techentin ein. Heeder ließ sich gleich mit Pinnow verbinden, erhielt aber die Antwort, Herr Struck sei dort nicht anwesend und werde voraussichtlich erst nächste Woche kommen.

„Ne, ne, Struck war das auch nicht, der ist viel stärker und größer“, bemerkte sein Sohn, „einigermaßen kenne ich ihn ja auch.“

Heeders Frau und seine Tochter erschraken natürlich nicht wenig, als sie dies Abenteuer erfuhren, und sannen und grübelten darüber nach, wer der Wilddieb wohl sein könnte.

„Ich sage nichts, wenn der Lump irgendwo verludert und nach Jahren als Skelett gefunden wird“, bemerkte der Förster. „Leider war die Entfernung für Schrot reichlich groß, ich hätte ihm lieber eine Kugel antragen sollen, die hätte besser gesessen.“

Nachdem der Wachtmeister und der Oberförster Schütte in Stubbenhagen verständigt worden waren, gingen der Förster, dessen Sohn und Tochter mit den beiden Hunden im Dunkelwerden wiederum zum Tatort. Sie besprachen alle Einzelheiten nochmals, schritten die Entfernung zwischen Förster und Wilddieb ab und fanden auf dem Heimweg direkt am Weg Schnitthaar von Damwild. Es musste aber schon mehrere Tage dort gelegen haben, denn der Regen hatte es schon verwischt. Die trotzdem sicherheitshalber angestellte Nachsuche blieb natürlich erfolglos. Das fragliche Stück Damwild hatte sich der Wilddieb sicherlich längst geholt.

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