Kitabı oxu: «Handbuch Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik»
Christiane Fäcke / Franz-Joseph Meißner
Handbuch Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-8233-8200-3 (Print)
ISBN 978-3-8233-0187-5 (ePub)
Inhalt
Einleitung1. Begriffsdefinitionen1.1. Vielsprachigkeit, Mehrsprachigkeit, Mehrsprachigkeitsdidaktik1.2. Diskurse der Mehrkulturalität2. Perspektiven einer Sprachen und Kulturen vernetzenden Didaktik2.1. Sprachenvernetzende Ansätze zwischen Sprach- und Sprachenpolitik (Interkomprehension)2.2. Bilinguales Lernen2.3. Lebensweltliche Viel-/Mehrsprachigkeit: Sprachen – Kulturen – Identitätskonstruktionen2.4. Interkulturelles Lernen und interkulturelle Kompetenzen2.5. Qualitätsentwicklung im sprachlich-kulturellen Lernfeld2.6. Sprachlernberatung3. Struktur des HandbuchsLiteratur
A Sprachlichkeit und Kulturalität1. Sprachlichkeit, Identität, Kulturalität1. Einleitung2. Sprachlichkeit3. Identität4. Kulturalität5. FazitLiteratur2. Staatliche (kollektive) und individuelle MehrsprachigkeitLiteratur3. Mehrsprachigkeit in Einwanderungsgesellschaften1. Begriffliche und historische Einordnung2. Sprachregimes und Strategien des Konfliktmanagements3. Familie und Schule4. Sprachloyalität und Sprachumstellung5. GenerationLiteratur4. Enkulturation und Sprachen1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur5. Code-Switching1. Definitionen2. Code-Switching – (historischer) Problemaufriss3. Forschungsstand: Neuere Sichtweisen4. Praxisrelevanz – Code-Switching und Translanguaging im schulischen Kontext5. PerspektivenLiteratur6. Mehrsprachigkeit, Interkomprehension, Übersetzen und Sprachmitteln1. Der Mehrsprachigkeitsbegriff2. Der Interkomprehensionsbegriff3. Der Übersetzungsbegriff4. Brückensprachen und Übersetzen5. Konsequenzen für Unterricht und ForschungLiteratur7. Mehrsprachigkeitsdidaktik1. Definition und Rahmung2. Kommunikationskompetenz in einer vielsprachigen EU3. Jüngere Geschichte des Begriffs und der Nachbarbegriffe4. Entwicklungen in der Romania und in Österreich4.1. La didactique du plurilinguisme in der Romania4.2. Das Curriculum Mehrsprachigkeit in Österreich5. AusblickLiteratur8. Mehrkulturalitätsdidaktik1. Definition2. Entwicklungen im historischen Rückblick3. Entwicklungen im internationalen Vergleich4. AusblickLiteratur
B Europäische Mehrsprachigkeits- und Fremdsprachenkonzepte9. Politische Dimensionen der rezeptiven Mehrsprachigkeit für die europäische Demokratie1. Aufriss: die Finalität der EU und die Mehrsprachigkeit2. Die Rolle der Sprachen als meinungsgenerierende Faktoren in einer vielsprachigen Union aus sechsundzwanzig Staaten3. Europäische Demokratie und durch Rezeption erweiterte Mehrsprachigkeit im Diskurs der Fremdsprachendidaktiken4. Mehrsprachige Rezeptionskompetenz und Werteerziehung in der Europäischen Union als Aufgabe des FremdsprachenunterrichtsLiteratur10. Sprache und Staat1. Grundlagen2. Sprache und Recht3. Sprache und Nation4. Sprachenrechte in der EU und Sprachenrechte von Minderheiten5. Ein Blick auf die GegenwartLiteratur11. Nationale Sprachpolitiken und Sprachlenkung1. Definitionen und Rahmen2. Drei sprachpolitische Traditionen: Englisch, Französisch, Spanisch3. Sprachenpolitik und MehrsprachigkeitLiteratur12. Mehrsprachigkeitskonzepte der Europäischen Union1. Begrifflichkeit2. Historische Skizze3. Problemaufriss4. AusblickLiteratur13. Englisch als „Eurosprache“?1. Aufriss2. Vorteile des Englischen in der EU3. Welches Englisch lehren? Was ist Euro-Englisch?4. Fazit und TrendsLiteratur14. Gesamtsprachencurriculum1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteraturInternet
C Mehrkulturalität in einer multilingualen und multikulturellen globalisierten Welt15. Bildungspolitische Perspektiven auf Mehrkulturalität1. Der Begriff Mehrkulturalität im gesellschaftlichen Kontext2. Deskriptoren für Mehrkulturalität3. „Der monokulturelle Habitus“ des multikulturellen Bildungswesens4. Mehrfachidentität5. AusblickLiteratur16. Erziehungswissenschaftliche Perspektiven auf Mehrkulturalität1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur17. Pluri- und Multikulturalität im fremdsprachendidaktischen Diskurs1. Problemaufriss2. Begrifflichkeit3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur
D Kompetenzprofile für Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität18. Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (2001) und der Begleitband (Companion) (2018)1. Begriff und Geschichte2. Ziele3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. Weitere Entwicklung6. Offene FragenLiteratur19. Plurilinguale und plurikulturelle Kompetenz im CEFR Companion Volume (2018)1. Begrifflichkeit2. Makrostruktur der Skalen zu Plurikulturalität und Plurilingualität3. Mikrostruktur der Skalen4. PerspektivenLiteratur20. Der Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen1. Vorstellung des RePA2. Wie entstand der RePA?3. Der RePA in der PraxisLiteratur21. Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität in deutschen Richtlinien des Fremdsprachenunterrichts1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss und aktuelle Situation3. FazitLiteratur22. Sprachlernkompetenz und Mehrsprachigkeit1. Begrifflichkeit und Problemaufriss2. Forschungsstand3. Praxisrelevanz4. PerspektivenLiteratur23. Portfolio im Kontext von Mehrsprachigkeit1. Begrifflichkeit2. Verbreitung und Verwendung3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur24. Mehrsprachigkeit in Wirtschaft und BerufLiteratur
E Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität lehren25. Lehrkompetenz und Förderung von Mehrsprachigkeit1. Die Sache mit der Lehrkompetenz2. Ausbildung von Fremdsprachenlehrkräften3. Fazit: Was folgt daraus für eine Neuorientierung der Fremdsprachenlehrerausbildung?Literatur26. Lehr- und lernseitige Einstellungen zu sprachenübergreifenden Ansätzen1. Aufriss2. Lehrseitige Einstellungen zu sprachübergreifenden Ansätzen3. Lernseitige Einstellungen zu sprachübergreifenden AnsätzenLiteratur27. Mehrsprachigkeitsdidaktik als Gegenstand der Lehrerbildung1. Aufriss2. Methodische Eckpunkte der Mehrsprachigkeitsdidaktik3. Prinzipien der mehrsprachigkeitsdidaktischen Lehre4. Aktuelle ForschungsdesiderataLiteratur28. Mehrkulturalitätsdidaktik als Gegenstand der Lehrerbildung1. Einleitung2. Problemaufriss3. Mehrkulturalitätsdidaktik in der Aus- und Weiterbildung von Fremdsprachenlehrkräften4. Curriculare Verankerungen5. AusblickLiteratur29. Geschichte mehrsprachiger Ansätze1. Die Anfänge des europäischen Fremdsprachenunterrichts und das Erscheinen mehrsprachiger Unterrichtsmaterialien2. Prototypische Erscheinungsformen mehrsprachiger Werke (16. und 17. Jh.)3. Erscheinungshäufigkeit und Erscheinungsorte mehrsprachiger Lehrbücher in der frühen Neuzeit4. Frühe didaktisch-methodische Überlegungen zur Mehrsprachigkeit5. Weshalb waren frühe Formen von Mehrsprachigkeitsdidaktik nicht nachhaltig?Literatur30. Kommunikativer Fremdsprachenunterricht und Mehrsprachigkeit1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur31. Mehrsprachige und mehrkulturelle Textarbeit1. Rahmen und Verortung2. Mehrsprachige und mehrkulturelle Textarbeit mit dem Fokus Interkomprehension3. Mehrsprachige und mehrkulturelle Textarbeit mit dem Fokus interkulturelle Kompetenz4. Fazit und AusblickLiteratur
F Didaktik der Mehrkulturalität32. Interkulturalität und interkulturelles Lernen1. Definition2. Entwicklungen im historischen Rückblick3. Forschungsstand und Praxisrelevanz4. AusblickLiteratur33. Interkulturelle Kommunikation1. Der Begriff der interkulturellen Kommunikation2. Interkulturelle Kommunikation im Fremdsprachenunterricht3. Lernziel interkulturelle Kommunikative Kompetenz4. Interkulturelle Kommunikation in der globalisierten WeltLiteratur34. Klischees und Stereotype1. Begriffsdefinition und -abgrenzungen2. Historische Entwicklungen und Forschungskontexte3. Funktionen und Konsequenzen von Stereotypen4. Praxisrelevanz5. AusblickLiteratur35. Landeskunde im Kontext von Mehrkulturalität und Globalisierung1. Begriff und Entwicklung der Landeskunde2. Öffnung und Entgrenzung der Landeskunde3. Entwicklungen in den verschiedenen fremdsprachendidaktischen Fachdisziplinen4. Perspektiven der LandeskundeLiteratur36. Didaktik des Fremdverstehens1. Definition2. Landeskunde versus Didaktik des Fremdverstehens3. Didaktik des Fremdverstehens und KompetenzorientierungLiteratur37. Von der Egalitätshypothese zur Global Education1. Definition und Rahmung2. Entwicklungen im historischen Rückblick3. Aktuelle Entwicklungen im internationalen Vergleich4. Perspektiven und AusblickLiteratur38. Diskriminierung und Ausgrenzung im Kontext von Mehrkulturalität1. Definition2. Forschungsdiskurse im historischen Rückblick3. Praxisrelevanz4. AusblickLiteratur39. Friedenserziehung in der Perspektive von Mehrsprachigkeit1. Was will Friedenserziehung?2. Mehrsprachigkeit als Baustein der Friedenserziehung3. Die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung um Mehrsprachigkeit4. PerspektivenLiteratur40. Diskursanalyse und Dekonstruktion: postmoderne Diskurse1. Definition2. Fremdsprachendidaktisch relevante Anwendungsfelder der Diskursanalyse3. Diskursanalytische und dekonstruierende Praktiken4. Anwendungsgebiete für die FremdsprachenforschungLiteratur41. Transkulturalität und transkulturelles Lernen1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz und PerspektivenLiteratur42. Mehrkulturalität und Mehrsprachigkeit im Literaturunterricht1. Begriffsbestimmung2. Interkulturalität und Transkulturalität in der Literaturdidaktik3. Praxisrelevanz4. PerspektivenLiteratur43. Kompetenzorientierung, Mehrkulturalität und Mehrsprachigkeit1. Kompetenzorientierter Fremdsprachenunterricht und die Bildungsstandards2. Die Bereiche „interkulturelle Kompetenzen“ (KMK 2003) und „interkulturelle kommunikative Kompetenzen“ (KMK 2012)3. Mehrsprachigkeit in den Bildungsstandards4. Fazit und AusblickLiteratur44. Strategien und ihre Förderung im Rahmen interkultureller Ansätze1. Ausgangslage2. Begrifflichkeit3. Forschungsstand4. Fazit und AusblickLiteratur45. Formen partnerschaftlichen Lernens auf Gegenseitigkeit1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur46. Mehrkulturalität in Lehrmaterialien1. Lehrmaterialien als Grundlage mehrkulturellen Fremdsprachenunterrichts2. Entwicklungen im historischen Kontext3. Aktuelle Tendenzen und Perspektiven im Bereich der LehrwerkentwicklungLiteratur47. Mehrsprachigkeit und digital gestütztes Lernen und Lehren fremder Sprachen1. Umgang mit der sprachlichen Vielfalt im Internet2. Vorteile digitaler Distribution3. Arbeit mit digitalen Ressourcen4. Fokus rezeptive Mehrsprachigkeit: Adaptive Kinderbücher5. Klassiker der Mehrsprachigkeitsdidaktik: Galanet und EuroCom6. Code-Switching beim gesteuerten Englischlernen: Abkehr von der dogmatischen EinsprachigkeitLiteratur48. Evaluation/Assessment und Selbstevaluation/Assessment interkultureller Kompetenzen1. Definitionen und Grenzen von Begriffen2. Kompetenzmodelle und Assessment3. Assessment in der Praxis4. AusblickLiteratur49. Stufenmodelle interkultureller Kompetenzen1. Begrifflichkeiten2. Entwicklung von Stufenmodellen – Kalibrierung3. Ausgesuchte Stufenmodelle und ihre Praxisrelevanz4. AusblickLiteratur50. Mehrsprachigkeit in Klassenarbeiten und Tests1. Aufriss2. Sprachlernkompetenz und Mehrsprachigkeit3. Prüfungs- und Testformate4. Kriterien zur LeistungsbeurteilungLiteratur
G Erst-, Zweit- und Mehrsprachenerwerb51. Erst-, Zweit- und Mehrsprachenerwerb in der Forschung1. Begrifflichkeit2. Forschungsansätze3. Forschungsstand4. PerspektivenLiteratur52. Kindlicher Spracherwerb in mehrsprachiger Umgebung1. Aufriss2. Begrifflichkeiten und Forschung im Erst- Zweit- oder Mehrspracherwerb3. Einflussfaktoren beim Spracherwerb in einer mehrsprachigen Umgebung: Gegen den Verlust der Herkunftssprache4. Perspektiven zur Förderung der kindlichen MehrsprachigkeitLiteratur53. Mehrsprachigkeitsansätze in vorschulischen Bildungseinrichtungen1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur54. Mehrsprachigkeit als Herausforderung und Chance in der Grundschule1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur55. Übergangsdidaktik von der Primar- zur Sekundarstufe1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur
H Mehrsprachigkeit und Interkomprehension56. Interkomprehension und Sprachenwachstum1. Aufriss und Verortung2. Forschungsstand3. Praxisrelevanz und PerspektivenLiteratur57. Interkommunikation1. Begrifflichkeit – allgemein2. Begrifflichkeit – Interkommunikation in den Interkomprehensionsstudien3. Forschung und Perspektiven4. Interkommunikation oder Interkomprehension? – DiskussionLiteratur58. Europäische Mehrsprachigkeit und Interkomprehension in historischer Sicht1. Begriffliches: Mehrsprachigkeit und Interkomprehension2. Historische Skizzierung der mehrsprachigen Kommunikation in Europa zwischen Mündlichkeit, Schriftlichkeit …und Grammatikographie3. Mehrsprachigkeit nach Erfindung des Buchdrucks und der Demokratisierung der VolkssprachenLiteratur59. Natürliche Interkomprehension am Beispiel Skandinaviens1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur60. Interlexis und Morphologie als Ressourcen von (europäischer) Mehrsprachenkompetenz1. Begrifflichkeit2. Historische Typisierung und Reichweiten des morphosemantischen Identifikationstransfers3. Interligalexe4. PraxisrelevanzLiteratur61. Die „Erfindung“ der europäischen Grammatikographie1. Definitionen2. Historische Entwicklungslinien von der Antike bis zur frühen Neuzeit3. Vom 16. bis 21. Jahrhundert: Tradition und Innovation4. Schlussfolgerungen und AusblickLiteratur62. Das mehrsprachige mentale Lexikon1. Definition2. Das mentale Lexikon bei der Sprachverarbeitung3. Forschung zum mehrsprachigen mentalen Lexikon4. Relevanz der Forschung für Spracherwerb und -unterricht5. AusblickLiteratur63. Modellierung von Interkomprehensionsprozessen1. Begrifflichkeit2. Probleme der Modellierung von Interkomprehensionsprozessen3. Modellierung von Interkomprehensionsprozessen4. Praxisrelevanz und PerspektivenLiteratur64. Interkomprehension und Transfer1. Begrifflichkeit und Problemaufriss2. Die Transfertypologie der Interkomprehensionsdidaktik3. Praxisrelevanz und PerspektivenLiteratur65. Interkomprehension und sprachliche Kompetenzen1. Der Kompetenzbegriff2. Interkomprehension und Lese- bzw. Hörkompetenz3. Forschungsstand4. Der Einsatz sprachlicher Kompetenzen beim Lernen5. Zur Bedeutung der Interkomprehension innerhalb der FremdsprachendidaktikLiteratur66. Interkulturelle Kommunikation in mehrsprachigen Lernarrangements1. Begrifflichkeiten und Problemaufriss2. Zum Forschungsstand3. Praxisrelevanz4. PerspektivenLiteratur
I Mehrsprachigkeits- und Interkomprehensionsdidaktik67. Materiale Grundlagen der (romanischen) Mehrsprachigkeit1. Der EuroCom-Ansatz2. Die Sieben Siebe des EuroComRom und EuroComGerm3. Der Kernwortschatz der romanischen Mehrsprachigkeit (KRM)4. Ausblicke auf die Materialforschung zur InterkomprehensionsdidaktikLiteratur68. Die Sieben Siebe für EuroComGerm1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz, Anwendungsfelder und Einschränkungen5. PerspektivenLiteratur69. Schulische Sprachenfolgen und Grundlegung der europäischen Mehrsprachigkeit1. Aufriss2. Administrative Regelungen in Deutschland3. Individuelle Mehrsprachigkeit in globaler Vielsprachigkeit4. Intelligente Wege zu einer diversifizierten und abgestuften MehrsprachigkeitLiteratur70. Interkomprehensionsmethode, Aufgaben- und Übungsformate1. Begrifflichkeit und Problemaufriss2. Aktueller Stand der Entwicklungen3. Praxisrelevanz und PerspektivenLiteratur71. Mehrsprachigkeitsförderung durch Interkomprehension in der Sekundarstufe1. Definition und Problemaufriss2. Die Integration des interkomprehensiven Ansatzes im Allgemeinen Schulwesen: Zwischen Ist, dem Mehrwert und dem Soll3. Der interkomprehensive Ansatz zu Förderung von mehrsprachiger Lesekompetenz und Sprachlernkompetenz (verstecktes Lernwissen sichtbar machen)4. Schülereinstellungen und LehrerbildungLiteratur72. Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik im Lern-/Lehrkontext Studium und Universität1. Aufriss2. Das Ist3. Weitere Möglichkeiten zur Förderung von Mehrsprachigkeit in der Ausbildung und ihre Bedeutung für die Wissenschaft4. AusblickLiteratur73. Kleine und selten erlernte Zielsprachen und Varietäten1. Auf Spurensuche2. Quo vadis Okzitanisch?Literatur74. Fachsprachen1. Problemaufriss2. Linguistische Grundlagenforschung3. Mehrsprachige Fachkommunikation4. Fachorientierte Mehrsprachigkeitsdidaktik5. Abschließende BemerkungenLiteratur75. Hörverstehen sprachlicher Varietäten lehren1. Begrifflichkeit und Skizze zur mentalen Verarbeitung von Hördaten2. Grundlegendes für die Konstruktion von HV-Aufgaben3. AnwendungLiteratur76. Lesen in der Perspektive von Mehrsprachigkeit1. Grundsätzliches zum Spracherwerb2. Lesen in Sprachen mit phonographischen Schriften3. Spezifika fremdsprachlichen Lesens (wobei die Lesekompetenz in einer ersten Sprache erworben wurde)4. Eine neue Sprache lesen lernen heißt, ihre Profileigenschaften zu „demaskieren“5. Relevanz der fremdsprachlichen Lesekompetenz6. FazitLiteratur77. Interkomprehensionsdidaktische Ansätze in Lehrwerken romanischer Sprachen1. Definition2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. Perspektiven und HerausforderungenLiteraturMaterialienInternet78. Interkomprehensionsdidaktische Ansätze in Lehrwerken slawischer Sprachen1. Problemaufriss2. Forschungsstand3. Praxisrelevanz4. AusblickLiteraturLehrwerke79. Interkomprehensionsdidaktische Ansätze in Lehrwerken germanischer Sprachen1. Problemaufriss2. Praxis3. PerspektivenLiteraturLehrwerke80. Romanische Interkomprehension unterrichten: Konzepte, Erfahrungen, Empirie1. Aufriss2. Mentale Prozesse und Aktivitäten in Interkomprehensionshandlungen3. Grundsätzliches zur Steuerung von Interkomprehensionsunterricht4. Methodische Grundmuster konkreter Steuerung zur Interkomprehension5. Lernhemmnisse6. Grenzen der InterkomprehensionsmethodeLiteratur81. Interkomprehension im Unterricht germanischer Sprachen1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisbezug5. PerspektivenLiteratur82. Slawische Interkomprehension unterrichten1. Begrifflichkeiten2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur83. Mehrsprachigkeit testen1. Ein Test für mehrere Sprachen2. Testkontext und Testzweck3. Kompetenzmodellierung4. Testaufgaben5. SchlussbemerkungLiteraturInternet84. Mehrsprachiges diagnostisches Schreiben1. Begrifflichkeit und Problemaufriss2. Forschungsstand zum Schreiben in der Fremdsprache3. Diagnostisches mehrsprachiges Schreiben in der Fremdsprache4. Praxisrelevanz und PerspektivenLiteratur85. Mehrsprachigkeitsdidaktik und Interkomprehension: Forschungsstand und Perspektiven1. Aufriss2. Einzelzielsprachlicher Habitus oder integrative Mehrsprachigkeit?3. Bisherige Forschungen (nicht nur) in Deutschland und Perspektiven4. Desiderata für aktuelle ForschungLiteratur
J Der Erwerb spät erlernter Fremdsprachen86. Tertiärsprachen1. Zur Begrifflichkeit2. Methodisches zum Tertiärsprachenunterricht3. AusblickLiteratur87. Deutsch als Fremdsprache nach Englisch/Französisch (DaFnE)/ (DaFnF)1. Begrifflichkeiten2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. Literatur88. English after German1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur89. Französisch1. Französisch: historische und aktuelle Charakteristika2. Französischunterricht als Ort einer mehrsprachig und mehrkulturell orientierten Didaktik – mit Praxisbeispielen3. Perspektiven für Forschung und UnterrichtsentwicklungLiteratur90. Italienisch1. Verbreitung2. Lernbarkeit3. Lernkontexte4. Unterrichtspraxis5. Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität – ein DesideratLiteraturInternet91. Katalanisch interkomprehensiv: ein Beispiel für das Lernen und Lehren einer ‚kleineren‘ romanischen Sprache1. Ausgangslage2. Katalanisch als weitere romanische Sprache an Universitäten3. Phonetische Charakteristik und Aussprache92. Latein – ein Weg zur Mehrsprachigkeit?Literatur93. Portugiesisch1. Entstehungsgeschichte und Entwicklung des Portugiesischen: eine mehrsprachige Geschichte2. Intralinguistische Vielfalt3. Gesellschaftliche und individuelle Mehrsprachigkeit4. Konsequenzen für das Portugiesische als spät einsetzende FremdspracheLiteratur94. Russisch1. Verbreitung und Bedeutung2. Lernkontexte3. Besonderheiten beim Erlernen der russischen Sprache4. ForschungsstandLiteratur95. Weitere slawische Sprachen1. Begrifflichkeiten2. Verbreitung3. Gemeinsamkeiten der slawischen Sprachen4. Forschungsstand5. Besonderheiten beim Erlernen slawischer SprachenLiteratur96. Spanisch1. Spanisch im institutionellen Kontext2. Spanisch als Tertiärsprache3. Mehrsprachigkeitsdidaktische Forschung4. Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktische Lehr- und LernmaterialienLiteratur
K Englisch und Mehrsprachigkeit97. English as a gateway to cultures1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss und Forschungsstand3. Praxisrelevanz4. PerspektivenLiteratur98. Englisch als europäische Brückensprache1. Das Englische in Europa und der Welt2. Mehrsprachigkeitskompetenz als Bildungsziel3. Das Englische als Brücke für das sprachenvernetzende Lernen4. Fazit: Englisch als europäische BrückenspracheLiteratur99. Verfahren der Mehrsprachigkeitsförderung im Englischunterricht1. Mehrsprachigkeitssensibler Englischunterricht2. Mehrsprachigkeit in curricularen Vorgaben und Materialien für den Englischunterricht3. Möglichkeiten der Förderung von Mehrsprachigkeit im Englischunterricht4. AusblickLiteratur
L Vielsprachige Umwelten und individuelle Mehrsprachigkeit100. Lebensweltliche Mehrsprachigkeit1. Begrifflichkeit2. Forschungsstand3. Problemaufriss4. Praxismodelle5. PerspektivenLiteratur101. Didaktik der Grenzregionen1. Definitionen2. Problemaufriss3. Charakteristika der Grenzregionen aus didaktischer SichtLiteratur102. Die audiovisuelle Gestalt von Sprachen und ihre Bedeutung für den Spracherwerb1. Zur audiovisuellen Gestalt von Sprache2. Das Verstehen audiovisuell gebotener Sprache3. Die Rolle der audiovisuellen Sprache für den SpracherwerbLiteratur103. Mehrsprachige Kommunikation face to face1. Begriffliches2. Theoretische Grundlagen3. Manifestationen und Prozesse mehrsprachiger face to face-Kommunikation4. Strategien der Überwindung von KommunikationsblockadenLiteratur104. Critical Incidents1. Grundlage und Anwendungen2. Kritik und Weiterführungen3. ErweiterungenLiteratur
M Herkunftssprachen und DaZ105. Deutschkenntnisse und Integration1. Integration und Sprachkompetenzen – Zwei zentrale Begrifflichkeiten2. Skizze des Forschungsstandes: Bildungserfolg und Sprachkompetenz bei migrationsbedingter Mehrsprachigkeit3. Praxisrelevanz4. Diskussion und PerspektivenLiteratur106. Herkunftssprachenunterricht und Deutsch als Zweitsprache1. Begriffsdefinition2. Historische Entwicklung3. Muttersprachenunterricht in Österreich und in der Schweiz4. Mutter-/Herkunftssprachenunterricht in Deutschland5. Rechtliche und organisatorische Ausdifferenzierungen6. Aktuelle Ausdifferenzierungen7. Herkunftssprachenunterricht unter Legitimationsdruck8. PerspektivenLiteratur107. Arabisch1. Arabisch in Deutschland2. Varietäten des Arabischen im deutschen Bildungssystem3. Zur Zukunft des Arabischen in der MehrsprachigkeitsdidaktikLiteratur108. Russisch als Herkunftssprache1. Begriffliches2. Besonderheiten des Russischen als Herkunftssprache3. Forschungsstand4. Unterricht für russische HerkunftssprecherLiteratur109. Türkisch1. Türkisch als Herkunfts- und Fremdsprache in Deutschland2. Türkisch in zweisprachigen Erwerbskonstellationen – ein Streitfall3. Potentiale des Türkischen in zwei- und fremdsprachigen Erwerbskonstellationen4. Perspektiven des Türkischen in BildungsinstitutionenLiteratur
N Mehrsprachigkeit im bilingualen Sachfachunterricht in der Sekundarstufe110. Unterrichten in vielsprachigen Lerngruppen1. Problemaufriss2. Mehrsprachigkeit als Heterogenitätsdimension3. Language Awareness4. Durchgängige Sprachbildung5. PerspektivenLiteratur111. Bilingualer Sachfachunterricht in der Perspektive von vorhandener und weiterzubauender Mehrsprachigkeit1. Begrifflichkeit: Bilingualer Sachfachunterricht als eine Form von CLIL2. Problemaufriss: Bilingualer Sachfachunterricht/CLIL und Mehrsprachigkeit – verwandt, distant, aber in Bewegung3. Forschungsstand: Die Mehrsprachigkeit des bilingualen Sachfachunterrichts/CLIL4. Praxisrelevanz und Perspektiven: Wie finden bilingualer Sachfachunterricht/CLIL und plurilinguale Ansätze zueinander?Literatur112. Geschichte als bilinguales Sachfach und die Förderung einer erweiterten Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätskompetenz1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur113. Geographie als bilinguales Sachfach und die Förderung einer erweiterten Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätskompetenz1. Ausgangslage2. Der Raum als Kernbegriff der Geographie3. Raumbegriffe im fremdsprachendidaktischen Diskurs4. Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität im bilingualen GeographieunterrichtLiteratur114. Mehrsprachige Textarbeit im bilingualen Unterricht (CLIL)1. Die Auswahl der Texte2. Scaffolding3. Strategien zur Texterschließung im bilingualen Unterricht4. Fachliche FokussierungenLiteratur115. Öffnung bilingualer Bildungsgänge zur Mehrsprachigkeit1. Problemaufriss2. Bilinguale Bildungsgänge mit dem Fokus auf Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur116. Ausbildung von Lehrkräften für den Sachfachunterricht aus Sicht der Mehrsprachigkeitsdidaktik1. Einleitende Bemerkungen2. Ausbildung für bilingualen Sachfachunterricht in der 1. Phase der Lehrerausbildung3. Lehrerausbildung für bilingualen Unterricht in der 2. PhaseLiteratur
O Autochthone Mehrsprachigkeiten117. Autochthone Mehrsprachigkeiten: Europa1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. PerspektivenLiteratur118. SchweizLiteraturInternet119. Österreich1. Begrifflichkeit und gesetzliche Grundlage2. Demographische und gesellschaftspolitische Situation3. Herausforderungen4. PerspektivenLiteratur120. Deutschland1. Definition2. Geschichtlicher Kontext3. Schutz durch die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen4. SpracherhaltLiteratur121. Dänisch in Deutschland1. Die Sprachsituation2. Sprachkonzepte3. Sprachnormen4. SchriftspracherwerbLiteratur122. Friesisch1. Ostfriesisch, Saterfriesisch2. NordfriesischLiteratur123. Romanes1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss und Praxisrelevanz3. AusblickLiteraturInternet124. Sorbisch1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Forschungsstand4. Praxisrelevanz5. Perspektiven / AusblickLiteratur125. Niederdeutsch1. Begrifflichkeit2. Problemaufriss3. Praxisrelevanz4. PerspektivenLiteratur126. Dialekte1. Problemaufriss und Begrifflichkeit2. Forschungsgeschichte und Forschungsstand3. Innere Mehrsprachigkeit in der Schule4. PerspektivenLiteratur
Register
Einleitung
1. Begriffsdefinitionen
1.1. Vielsprachigkeit, Mehrsprachigkeit, Mehrsprachigkeitsdidaktik
MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitBegriff (↗ Art. 6, 7) ist sowohl ein Dachbegriff oder umbrella-term, der unterschiedliche Konzepte und Referenzkontexte versammelt, als auch ein Bewegungsbegriff, der Menschen auf ein Ziel hin mobilisiert. Zugleich handelt es sich um einen Kernbegriff der EU-Sprachenpolitik (↗ Art. 12)Sprachenpolitik der EU; nicht zuletzt als Ausdruck ihrer aus 24 Amtssprachen bestehenden Vielsprachigkeit. Zurzeit bestehen EU-weit drei große Tendenzen: Erstens, Englisch als internationale Sprache zu nutzen und zweitens, neben den Muttersprachen mindestens zwei Sprachen der EU (darunter Englisch) als eine Art mehrsprachiges Minimummehrsprachiges Minimum möglichst weit in der EU-Bevölkerung zu etablieren. Hierneben steht drittens weiterhin die Pflege der MuttersprachenMuttersprachen, mit denen sich nationale Identitäten (↗ Art. 1) verbinden. Die geschilderte Ausrichtung wird allerdings der Vielfältigkeit der europäischen Sprachenlandschaft noch nicht gerecht, was schon die Existenz von Verlautbarungen der EU zugunsten der angestammten regionalen Sprachen und Varietäten signalisiert. Wurden zu deren Schutz internationale und europäische Regelungen getroffen, so nur ansatzweise zu den MigrantensprachenMigrantensprachen auf dem Territorium der Union. Dabei übersteigt die Zahl der Teilhaber einer migrantischen Sprache manchmal erheblich die autochthoner Sprachgruppen. Indes ist es keine Frage, dass die Vielsprachigkeit Europas mit dem Appell einhergeht, die individuelle Mehrsprachigkeit – differenziert und abgestuft – zu fördern (↗ Art. 9).
Was den Appell zum Ausbau der (individuellen) Mehrsprachigkeit angeht, so kommen die Befunde der empirischen Fremdsprachenforschung und der Lernpsychologie (↗ Art. 51) hinzu: Sie betonen neben der Relevanz der lernerseitigen Motivation nahezu einhellig die Nutzung des lernrelevanten Vorwissens für erfolgreiches Lernen (nicht nur von Sprachen). Die hohe Konjunktur des Begriffs interkulturelles Lernen (Fäcke 2005) zeigt ein Weiteres: In einem zusammenwachsenden Europa in einer globalisierten Welt sind ethnische und kulturelle DiversitätDiversitätkulturelle eine Alltagserfahrung, die sich mit VielsprachigkeitVielsprachigkeit und MultikulturalitätMultikulturalität verbindet. Dies stellt hohe Anforderungen an die angestammte Bevölkerung, Fremdheiten zu akzeptieren und aushalten zu wollen. Zugleich wird von Minderheiten der Wille zur Anpassung an die Standards der Mehrheitsbevölkerung verlangt (↗ Art. 15). Ziel ist, Andersheit nicht als Bedrohung für das eigene Selbst und das überkommene kollektive Wir, sondern als Bereicherung erscheinen zu lassen. Eine differenzierte individuelle Mehrsprachigkeit gepaart mit interkultureller Kompetenz, insbesondere Sensibilität für unterschiedliche Erscheinungsformen von Fremdheit, interkulturelle Kompetenz sind vor diesem Szenario Strategien und Mittel zugleich, um den Herausforderungen zu begegnen.
Mehrsprachigkeit und VielsprachigkeitVielsprachigkeitim Unterschied zu Mehrsprachigkeit meinen nicht dasselbe. Der Begriff Vielsprachigkeit bezeichnet als echter Kollektivsingular alle Sprachen, die auf einem definierten Territorium, z.B. einem Staatsgebiet, begegnen. In Deutschland sind dies weit über hundert. Vielsprachigkeit oder Multilinguismus ist vor allem Folge von Migration. All dies impliziert, dass das Profil von Vielsprachigkeit nur schwer konkretisierbar und kaum planbar ist. Mit Mehrsprachigkeit (plurilinguism) meint die EU i.d.R. die Sprachen von Individuen. Im Rahmen von Mehrsprachigkeit ist die Förderung konkreter Fremdsprachen durch schulischen Unterricht möglich. Zugleich verbreitet das SchulsprachenangebotSchulsprachenangebot bestimmte MehrsprachigkeitsprofileMehrsprachigkeitsprofile. Allerdings durchbrechen zahlreiche sprachenpolitische Publikationen in verschiedenen Sprachen die semantische Komplementarität von Viel- und Mehrsprachigkeit.
Die umrissene Gemengelage allein erklärt schon den vielleicht wichtigsten Grund für die Entstehung sprachenübergreifender Didaktiken. So fassen Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik (↗ Art. 7, 8) als komplementäre Großbegriffe eine Anzahl von Nachbar- oder Unterbegriffen: integrierte oder integrative Didaktikintegrative Didaktik, Gesamtsprachencurriculum oderGesamtsprachencurriculum Common Curriculum, vernetzendes Sprachenlernenvernetzendes Sprachenlernen, éveil aux langues, interkomprehensiv basierter Ansatzéveil aux langues und interkulturelles Lerneninterkulturelles Lernen (mit verschiedenen Schattierungen). Ihrer Verbreitung kommt selbstverständlich ihre kognatische Internationalität zustatten (didactique du plurilinguismedidactique du plurilinguisme, didactique du pluriculturalismedidactique du pluriculturalisme, didactics of plurilingualism, didactics of pluriculturalism). Dabei ist zu berücksichtigen, dass die von der EU geprägten programmatischen Termini auf ein von Kommunikationsraum zu Kommunikationsraum unterschiedliches Bedingungsgefüge treffen, das ihre Bedeutung in gewissen Grenzen auch hinsichtlich der jeweiligen nationalen Umsetzung verändert (Meißner & Schröder-Sura 2014).
Über viele Jahrzehnte hinweg wurden die Begriffe ZweisprachigkeitZweisprachigkeitechte (bilingualism, bilinguisme) und in mitgedachter Verlängerung MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitechte (plurilingualism, plurilinguisme) negativ konnotiert. Man unterstellte fälschlicherweise, dass ‚echte‘ Zwei- oder Mehrsprachigkeit, was das Kompetenzniveau der Sprachen angeht, spiegelbildliche Kompetenzmuster in zwei bzw. mehreren Sprachen bedeuten müsse. Die Definition ist schon deshalb zu verwerfen, weil jede Sprache ein Zeichenrepertoire eigener Art darstellt, das dem einer anderen Sprache nie vollständig entsprechen kann. Zudem ist es kaum einem Individuum möglich, jederzeit in gleicher Intensität an allen Themen unterschiedlicher Kommunikationsräume zu partizipieren. Deshalb zeigen auch die IdiolekteIdiolekte konkreter Sprecher in ein und derselben Sprache keine deckungsgleichen Kompetenzmuster.
In den Sprach- und Erziehungswissenschaften wurde Zweisprachigkeit – und in der Verlängerung Mehrsprachigkeit –Mehrsprachigkeit oft mit einer sog. „doppelten Halbsprachigkeit“doppelte Halbsprachigkeit in Verbindung gebracht: Man meinte generalisierend, dass früher Zweisprachenerwerb weder zu einer hinreichenden Beherrschung der einen noch der anderen Sprache führe. Das Defizit wird noch heutzutage genannt (Wolski & Dralle 2019: 469). Jüngere Befunde unterschiedlicher Wissenschaften unterstreichen indes, dass der Begriff schon deshalb falsch fasst, weil er von einem monolingualen Kompetenzprofil und SprachenwachstumSprachenwachstum ausgeht (vgl. Wiese et al. o.J). Pädagogisch komme es in der Tat weniger auf die Defizite an als darauf, vorhandene Kompetenzressourcen zu nutzen. Defizite sollten, so die Aussage, durch gezielte Förderung behoben werden. Eine pädagogische Orientierung liefern die ‚Vorschläge für einen erweiterten Fremdsprachenunterricht‘. In der von Bertrand & H. Christ koordinierten Fassung heißt es, dass:
unter MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitpädagogische Definition nicht zu verstehen ist, man müsse mehrere Sprachen gleichermaßen beherrschen. Als mehrsprachig darf schon der bezeichnet werden, der auf der Basis der Kenntnis seiner Muttersprache eingeschränkte Kenntnisse in wenigstens zwei weiteren Sprachen entweder in gleichen oder verschiedenen Diskursbereichen hat (um z.B. soziale Kontakte in gesprochener oder geschriebener Sprache aufzunehmen oder Texte lesen oder Fachgespräche führen zu können). (Bertrand & Christ 1990: 208)
Das Handbuch folgt weitgehend dieser, für die Entwicklung der Mehrsprachigkeit wichtigen Definition.
1.2. Diskurse der Mehrkulturalität
Analog zu mehrsprachig benutzt dieses Handbuch mehrkulturellmehrkulturell – obwohl der Begriff im deutschsprachigen Wissenschaftsdiskurs deutlich weniger gängig ist als interkulturell oder selbst transkulturell. Mehrkulturell ist auf Individuen, ihre konkret nennbaren Kulturen und deren Manifestationen bezogen, mit denen sie mehr oder weniger vertraut sind (↗ Art. 17). Zugleich betont die konkrete Perspektivierung die Wichtigkeit des exemplarischen Lernens. Denn es existieren unzählige, zu viele kulturelle Fremdheiten, als dass wir uns mit ihnen allen vertraut machen könnten. Eine Auswahl, die uns tiefere Einblicke in die eine oder andere Kultur und die Wirkung ihrer Andersheiten auf uns selbst erlaubt, ist daher unumgänglich.
ExemplaritätExemplarität bildet die Verbindung zwischen mehrkulturellen und interkulturellen Modellen. Hierneben steht wie im Deutschen auch im Englischen, Französischen und in weiteren Sprachen der Begriff vielkulturellmultikulturell (multicultural/multiculturel) in Opposition zu mehrkulturell (pluricultural/pluriculturel). Mehr als die anderen Eckbegriffe dieses Handbuchs zeigt gerade multikulturell die Spuren der politischen Praxis (multikulturelle Gesellschaft, „multikultimulti-kulti“). Als tagespolitisches Programmwort unterschiedlicher Parteien ist es auch in der Bevölkerung in hohem Maße umstritten (↗ Art. 15). Dies erklärt nicht nur seine eigene starke emotive Aufladung, sondern auch die seines Begriffsfeldes bzw. seiner semantischen Nachbarn: Integration, Flüchtlinge/Geflüchtete, Identität, Herkunftssprachen, Leitkultur und Herkunftskulturen, deutsch und ausländisch, deutsch und Islam usw. sind immer auch Wörter einer ebenfalls hochgradig umstrittenen „WillkommenskulturWillkommenskultur“. Entsprechende Artikel des Handbuchs werden zu diesen gesellschaftlich durchaus breiten Entwicklungen zwangsläufig in eine Beziehung gesetzt, denn sie antworten ja auf aktuelle Entwicklungen und Perspektiven. Die politische Auseinandersetzung ist immer auch eine um Wörter und deren Sinnfüllung. Zustimmung erheischende Formeln (in der Sprache der politischen Semantik: Miranda) werden kreiert und in bestimmter Weise benutzt und verbogen: Der Begriff lebensweltliche Mehrsprachigkeitlebensweltliche Mehrsprachigkeit (↗ Art. 100) bezieht sich auf den sprachlichen Erfahrungsbereich konkreter Menschen – vorzugsweise Kinder mit Migrationshintergrund – nicht aber auf die Gesellschaft (↗ Art. 2), denn diese ist vielsprachig (Fereidooni 2012).
Ähnliches lässt sich zu Herkunftssprache (↗ Art. 106) sagen: Der alltagssprachliche Begriff zur Bezeichnung bestimmter Sprachen der Migration versteckt, dass alle Menschen eine sprachliche Herkunft haben, die spätestens dann ins Bewusstsein rückt, wenn sie eine zweite Sprache oder die sog. ‚Hochsprache‘ ihrer heimischen Varietät bzw. des eigenen Dialekts erwerbenInterlanguage. Wer immer eine zweite Sprache lernt, hat bereits eine erste, in der die Welt auf Begriffe gebracht wurde. Es erscheint daher linguistisch zutreffender wie im Englischen und Französischen (languages of immigration, langues de l’immigration) von Sprachen der Immigration zu sprechen. Gleichwohl wird der Begriff Herkunftssprache in den Artikeln dieses Handbuches verwandt, weil der Begriff im Deutschen konventionalisiert ist. Er sollte daher entsprechend modifiziert verstanden werden.
Sprache ist Wort gewordene Kultur (K. Schröder in diesem Band, ↗ Art. 10), Kulturen sind ohne Sprachen nicht denkbar. Sprache und Kultur sind Merkmale von Staaten. Kulturen sind auch von Gegensätzen geprägt. So ist die EU-Sprachenpolitik vielfach an ihre europäischen Kulturen und Mitgliedstaaten gebunden, und schon die Bildung der öffentlichen Meinungen geschieht auf nationaler wie EU-Ebene mithilfe von Sprachen. Dies hat insbesondere innerhalb demokratischer (und rechtsstaatlicher) Kulturen Gewicht (↗ Art. 9). So fällt im Vorfeld von Wahlen der öffentlichen Sprache die Aufgabe zu, die politischen Angebote der um die legitime Macht kämpfenden Parteien zu kommunizieren. Ohne Sprache wäre demokratisches Prozedere bzw. demokratische Kultur unmöglich. European citizenshipEuropean citizenship ist ein Begriff des interkulturellen und politischen Lernfeldes. Die Problematik der Vielsprachigkeit für die Bildung einer Öffentlichen Meinung und das politische Prozedere der EU ist bis heute nicht gelöst.
Dem Handbuch liegt ein weiter und pluraler Kulturbegriff (↗ Art. 1) zugrunde. In diesem Zusammenhang ist die gemeinsame Geistesgeschichte Europas, einschließlich der Alltagskulturen, relevant. Referenzbereiche sind Staatswesen und Kulturen bzw. Religionen, Wissenschaften, Künste, Sitten und Gebräuche und menschliche Praxen.
Spätestens seit den 1990er Jahren wird kulturellen Prägungen auch für das Sprachenlernen Bedeutung zugeschrieben. Insbesondere spielen die Sozialisierung und Enkulturation der Lerner (↗ Art. 4), die Zusammenhänge von Sprache und Identitätskonstruktion oder kulturspezifische Einstellungen eine Rolle, und zwar seitens der Mehrheitsgesellschaft in Bezug auf Multikulturalität, Globalisierung, Migration sowie den Umgang mit ethnischer und kultureller Vielfalt, seitens der Migranten und Sprachenlerner der Integrationswunsch in die Zielgesellschaft X oder Sprachgemeinschaft und der Wunsch, sich Vorteile durch Kenntnis der Zielsprache und Zielkultur zu verschaffen (bei Dörnyei 2003 begegnet der Terminus Instrumentalität). Bzgl. der Erfahrung von ethnischer und/oder kultureller Diversität Diversitätethnische und kulturellelassen sich – grob – folgende Unterscheidungen treffen:
1 Fokussiert die Argumentation auf das Verhältnis zwischen ethnisch und kulturell deutlich voneinander abgegrenzten Personen (Gruppen, Gesellschaften, Nationen und Staatsvölker), so stehen i.d.R. angemessene (konventionalisierte) Umgangsweisen im Vordergrund. Für diesen Fall werden meist Kompositionen mit dem Präfix inter- verwendet: interkulturelle Kompetenz, interkulturelles Lernen oder interkulturelle Kommunikation zwischen dem Eigenen und dem Fremden (↗ Art. 32, 36). Solche Bildungen beziehen sich nicht auf Kontraste konkreter Kulturen, sondern fassen generell. Natürlich können Ergänzungen diese Polarität durch Konkretisierung (Typ: der interkulturelle deutsch-britische Dialog) aufheben.
2 Liegt der Fokus indes auf dem Bestreben nach Aufhebung dieser Oppositionen, dann folgt hieraus die Absage an ein Verständnis von in sich homogenen und geschlossenen Kulturen (die sich von anderen Kulturen unterscheiden und sich nach außen abgrenzen). In diesem Fall wird oft das Präfix trans- genannt. Man spricht z.B. von einer (postmodernen) Transkulturalität (↗ Art. 41)Transkulturalitätሴiሴ.
Wie die Komplementarität von Vielsprachigkeit und Mehrsprachigkeit wird auch die von Interkulturalität und Transkulturalität nicht immer trennscharf benutzt.
Der GeRGeR und vor allem der CEFR Companion Volume transportieren, wie angeklungen, die Unterscheidung zwischen multicultural/multiculturel/multikulturellmultikulturell einerseits und pluricultural/pluriculturel/mehrkulturellmehrkulturell andererseits (↗ Art. 18, 19). In einer vielkulturellen Umgebung und einem vielkulturellen Europa (multicultural Europe und multicultural environment) sollen pluricultural competences und ein pluricultural repertoire entwickelt werden. Das Präfix multi- dient, wie gesagt, zur Hervorhebung gesellschaftlicher Dimensionen, während das Präfix pluri- individuelle Dimensionen meint.
Generell deuten die pluri-Begriffe auf konkrete Planbar- und Organisierbarkeit von gezieltem Unterricht. Hingegen sind die multi-Bildungen semantisch offener.
Eine Politik zugunsten von mehr Mehrsprachigkeit und mehr Mehrkulturalität fällt auf unterschiedliche nationale Substrate (und deren eigenständige Interessen). Die Geschichte der europäischen Nationalstaaten ist eng mit ihren jeweiligen NationalsprachenNationalsprachen und einer sie begünstigenden SprachpolitikSprachpolitik verbunden. Während die Nationalsprachen längst hinlänglich normiert waren, beherrschten die jeweiligen nationalen Bevölkerungen diese bis weit ins 19. Jh. hinein nur unzureichend: Die meisten Menschen sprachen Dialekte und in den Vielvölkerstaaten zumeist auch unterschiedliche Sprachen. Vorrangige Aufgabe war im Zuge von Industrialisierung, Urbanisierung, der Entstehung gänzlich neuer Berufsgruppen wie der Angestellten, der Industriearbeiterschaft und weiterer die Herstellung eines einheitlichen nationalen Kommunikationsraums, an dem die Gesamtbevölkerung im Rahmen einer vor allem national miteinander kommunizierenden Wirtschaft teilhaben konnte. Träger dieser Entwicklung waren das allgemeine Schulwesen, die allgemeine Wehrpflicht, die Verbreitung von Presse und Radio zu Beginn des 20. Jhs. Die Lage erklärt, weshalb das jeweilige nationale ErziehungswesenErziehungswesennationales des 19. und überwiegend des 20. Jhs. der Zwei- und Mehrsprachigkeit nicht förderlich gegenüberstand. Eine Politik zugunsten der Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität gab es in nur wenigen Fällen – kaum jedoch in nennenswertem Umfang in großen Nationalstaaten wie Großbritannien, Frankreich, Spanien, Deutschland oder Russland. Eine gewichtige Ausnahme stellte der ehemalige Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn dar (Fäcke 2015). Die Verbreitung der Amtssprachen fand ihre Erweiterung in den Kolonien.
2. Perspektiven einer Sprachen und Kulturen vernetzenden Didaktik
Die einzelne Zielsprachen übergreifenden und vernetzenden didaktischen Ansätze, welche in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden, sind nicht ohne Bezug zu den Didaktiken der einzelnen Sprachen, z.B. zur Englisch‑, Französisch‑ oder Deutsch als Fremdsprache-Didaktik und ihrer langzeitlichen Entwicklung. Konzepte wie die schon genannten – vernetzendes SprachenlernenSprachenlernenvernetzendes, Gesamtsprachencurriculum (↗ Art. 14), Interkomprehensionsdidaktik (↗ Art. 70),Interkomprehensionsdidaktik Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik (↗ Art. 7, 8) überhaupt – wollen die einzelsprachlichen Didaktiken konzeptuell und methodisch im Sinne der Lernziele MehrsprachigkeitLernziel Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenz ergänzen und bereichern. Die Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik ist eine sog. TransversaldidaktikTransversaldidaktiken. Ihre beiden Zweige wollen die einzelzielsprachlichen Fachdidaktiken nicht verdrängen, sondern sie ergänzen. Dies berührt zunächst die Didaktiken der Erstsprachen bzw. der hiesigen offiziellen Schulsprachen, sodann der ZweitsprachenZweitsprache und der unterrichteten Fremdsprachen. Da es sich bei diesen vor allem um europäische Sprachen handelt, lassen sich zwischen ihnen zahlreiche Ähnlichkeiten – TransferbasenTransferbasis – ausmachen, deren Nutzung den Erwerb einer neuen Sprache oder die Verbreiterung der interkulturellen Kompetenz erleichtert. Dies gab den Anstoß für die Entwicklung der Interkomprehensionsdidaktik. Für Konzepte des interkulturellen Lernens war es von vornherein konstitutiv.
Reflexives Sprachenlernen begegnet in allen Formen des Sprachen miteinander vernetzenden Lehrens und Lernens. Hier überlappen sich die Felder von Sprachpolitik (Sprachpolitikzugunsten der jeweiligen eigenen Nationalsprache) und Sprachenpolitik (SprachenpolitikFörderung ausgewählter Fremdsprachen innerhalb eines nationalen Territoriums – z.B. durch die Einrichtung eines entsprechenden Schulfachs, etwa Englisch, Französisch oder aber Sorbisch in Deutschland).
2.1. Sprachenvernetzende Ansätze zwischen Sprach- und Sprachenpolitik (Interkomprehension)
Zahlreiche Faktoren bestimmen die Stellung einer Sprache auf dem internationalen Sprachenmarkt, in bunter MischungSprachenmarkt: die Zahl der Muttersprachler und der zweit- und fremdsprachlichen Sprachteilhaber, das kulturelle Prestige, die Kraft der jeweiligen Volkswirtschaft, der Status in internationalen Organisationen, die kommunikative Reichweite in den Wissenschaften, die Rolle im Alltagsleben der Menschen, ihre reale und virtuelle Erreichbarkeit bzw. ihre Präsenz in den Medien und dem Internet und last but not least ihre Erlernbarkeit.
Apropos kommunikativer Radiuskommunikativer Radius: Sein Gewicht für die internationale Stellung einer Sprache verdeutlicht unübersehbar das Englische, für das schwer zu übersehen ist, ob es die fast 350 Mio. nativen Sprachteilhaber, die geschätzt 300 Mio. Zweitsprachensprecher oder die ca. 2 Mrd. heteroglotten Sprachteilhaber bzw. täglichen (heterokulturellen) Nutzer der globalen intersocietyintersociety sind, die seinen hohen internationalen Marktwert bestimmen (↗ Art. 13, 97, 98).
Dies allein schon erklärt, weshalb Sprachen ihre Stellung am Markt verbessern können, wenn ihre Kenntnis es erlaubt, auch weitere attraktive Sprachen zu verstehen und ihr Erlernen zu erleichtern. So findet das Französische in der spanischen oder italienischen Sprache sehr starke ‚Verbündete‘ und diese umgekehrt im Französischen. „Wenn du Spanisch oder Italienisch lernst, helfen dir Französischkenntnisse ungemein. – Mit dem Erlernen einer romanischen Sprache legst du die Grundlage für das leichte und rasche Erlernen quasi aller romanischen Sprachen (800 Mio. native Sprecher, ungezählte Mio. Zweit- und Fremdsprachensprecher).“ Das Argument, das natürlich auch für andere Sprachen und deren Familien als die genannten gilt, hat Gewicht, wenn es um die Überlegung geht, welche Sprache ein Kind oder ein Erwachsener lernen soll. Ein weiterer Faktor betrifft den Status einer Sprache als SchulfremdspracheSchulfremdsprachenStatus innerhalb der Gesellschaft: So zeigen die Lernerkontingente der VolkshochschulenVolkshochschulen, wie sehr ein durch die Schulfremdsprachen vermitteltes Wissensprofil die Nachfrage nach bestimmten Fremdsprachen steigert.
Dabei ist klar, dass sich von keiner Fremdsprache außer Englisch behaupten lässt, dass ein heutiges Kind diese Sprache in seinem späteren Erwerbsleben auch wirklich braucht (SprachenbedarfSprachenbedarf). Umso wichtiger ist die Vermittlung von SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz, die sich vor allem mit dem Erlernen einer zweiten und dritten Fremdsprache bzw. interkomprehensiver Verfahren ausbilden lässt, da es wesentlich auf die Fähigkeit des zielgerichteten VergleichensVergleichen sprachlicher Strukturen ankommt (u.a. Schröder 2009).
Die offizielle und offiziöse Sprachpolitik der einzelnen Sprachen hat auf derlei Fakten reagiert: In der Romania zeigen dies vor allem die von französischer Seite initiierten organisatorischen Maßnahmen zur SprachlenkungSprachlenkung (Schmitt 1988a und 1988b), die Gründung der Union Latine sowie zahlreiche EU-finanzierte Projekte (GalateaGalatea, Eurom4Eurom4, EuroComEuroCom, RedinterRedinter, MIRIADIMIRIADI u.a.m.). Auch in Iberoamerika hat die Interkomprehension ein weites Echo gefunden (InterlatInterlat, InterromInterrom u.a.m.). Vor diesem Hintergrund bezeichneten zu Beginn der 1990er Jahre Dokumente der Fédération Internationale des Professeurs du Français (F.I.P.F.) die romanischen Schwestersprachen als „langues fédéréeslangues fédérées“ (F.I.P.F. 1990). Andere Sprachpolitiken, z.B. die der UdSSRUdSSR oder RusslandsRussland, sind diesen Weg jedoch nicht gegangen, obwohl die slawische Sprachenfamilie starke zwischensprachliche Ähnlichkeiten aufweist (↗ Art. 94, 108). Auch die TurksprachenTurksprachen halten ein erhebliches Potential für interkomprehensive Ansätze bereit.
Die Lernerkontingente der sog. ‚kleinen‘ Sprachen zeigen, wie sehr sie als Fremdsprachen von den mehrsprachigen Vorkenntnissen der Lerner profitieren. Sieht man einmal von der Migrationsbevölkerung ab, so lässt sich festhalten, dass ein Großteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Katalanischkursen nicht nur über Kenntnisse im Englischen verfügt, sondern oft auch im Spanischen, im Französischen usw. Es ist eine offene Frage, ob sie einen Katalanischkurs auch ohne diese Vorkenntnisse und die eigenen Sprachlernerfahrungen belegt hätten (↗ Art. 91).
Zeigt der romanische Sprachraum ein deutliches Interesse an der Förderung von InterkomprehensionInterkomprehension, so bezeugt DeutschlandDeutschland eine gewisse Zurückhaltung. Dabei nimmt das Land insoweit eine besondere Stellung ein, als neben dem Englischen und dem Lateinischen vor allem das Französische und das Spanische eine weite Verbreitung als Schulfremdsprache verzeichnen. Verstärkt wird die hier entgegentretende Lernerdisposition z.T. auch durch eine in migrantischen Mehrsprachigkeitsmustern angelegte Kompetenz. So schnitt eine deutsch/russisch-zweisprachige Schülerin der Limburger Marienschule in einem zweiwöchigen Italienisch-interkomprehensiv-Unterricht an Primanerinnen eines Spanischkurses als beste ab (bei generell sehr guten Ergebnissen), obwohl sie als einzige weder Französisch- noch Lateinkenntnisse nachweisen konnte.
EnglischEnglisch-, FranzösischFranzösisch-, SpanischSpanisch- und LateinkenntnisseLatein und der in den Sachfächern erworbene deutsche BildungswortschatzBildungswortschatzdeutscher verleihen deutschsprachigen Kindern ein pädagogisch nutzbares Maß an Transferbasen für romanische Interkomprehensibilität (↗ Art. 7, 56). So können auch Deutschsprachige ihre mehrsprachigen Kenntnisse nutzen, um weitere, nicht nur romanische Sprachen zu erlernen. ‚Interkomprehension über die Familie der eigenen Muttersprache hinausInterkomprehensionüber die Familie der eigenen Muttersprache hinaus‘ lautet daher ein Ansatz, der in der deutschen Fremdsprachendidaktik starkes Interesse findet, zumal sich herausgestellt hat, welch wirksame StrategieStrategie der interkomprehensive Ansatz für die Förderung von SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz ist.
2.2. Bilinguales Lernen
Bilinguale Bildungsgängebilinguale Bildungsgänge (BiLi) gelten wohl weltweit als ein Erfolgsmodell (Bonnet & Siemund 2018). Sie zeichnen sich dadurch aus, dass zwei Sachfächer in einer anderen Sprache als der regulären (Deutsch) unterrichtet werden. Es handelt sich, wie gesagt, um Sachunterricht, der lehrseitig eine sachfachliche Kompetenz (nachgewiesen i.d.R. durch die Erste und Zweite Lehramtsprüfung im Sachfach) verlangt. Die sachfachlichen Lehr-/Lernergebnisse sind durchaus jenen des Fachunterrichts in der regulären Schulsprache vergleichbar. Absolventen dieses Bildungsgangs erreichen in der Zielsprache eine hohe Kompetenz (C1, C2 nach den GeR-Kompetenzdeskriptoren). Empirische Studien zum interkomprehensiv basierten Unterricht an Schülerinnen und Schülern dieses Bildungsganges belegen deren vorzügliche Eignung für den Weiterbau ihrer schon vorhandenen Mehrsprachigkeit. An diese Erfahrung knüpfen Angebote wie CertilinguaCertilingua an. Das Zertifikat erweitert den Nachweis des im bilingualen Bildungsgang erworbenen Kompetenzprofils auf eine weitere Fremdsprache, die auf dem Niveau B2 oder höher beherrscht wird (↗ Art. 111).
Im Grunde geschieht der Weiterbau der zielsprachlichen Kompetenz hier nach dem Grundsatz des schon in der Antike gelobten mnemotechnischen Prinzips rem tene, verba sequentur. Allerdings gilt auch für den regulären Fremdsprachenunterricht vor allem im Fortgeschrittenenbereich, dass sich das SprachenwachstumSprachenwachstum und Situationswissen an Inhalten ausbildet: je mehr desto besser.
2.3. Lebensweltliche Viel-/Mehrsprachigkeit: Sprachen – Kulturen – Identitätskonstruktionen
Wie Gogolins (1994) Formel des „monolingualen Habitus der deutschen Schule“ meint „lebensweltliche Mehrsprachigkeitlebensweltliche Mehrsprachigkeit“ keinen konkreten fremdsprachendidaktischen Ansatz, sondern eine Kontextbezeichnung, die aufgrund ihrer Beschaffenheit einen bestimmten didaktischen Zugriff verlangt. Dabei verbindet sie die soziale bzw. soziolinguistische Situation der Lerner, insbesondere von Kindern, mit definierten Lehr- oder Lernzielen. Beide Pole sind derweil an Viel- bzw. Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität festgemacht. Dabei sind Erst- und Zweitsprachen ebenso im Spiel wie Fremdsprachen. Vor allem mit den Erst- bzw. Familiensprachen und der Zweit- bzw. Umgebungs- oder Mehrheitssprache (Deutsch) ist auch ein Stück Identitätsbildung betroffen (↗ Art. 1).
Unsere europäischen Länder sind längst sowohl durch eine starke Einwanderung als auch durch eine rückläufige Entwicklung der angestammten Bevölkerungszahl gekennzeichnet. Eine erhebliche Verstärkung der aktiven Bevölkerung durch Immigration ist daher notwendig, schon um die sozialen Sicherungssysteme langfristig zu finanzieren bzw. zu erhalten (Meißner 2014). Hierauf müssen sich die betroffenen Gesellschaften und zuvorderst das Erziehungswesen einstellen. Auch vor diesem Hintergrund steht die Bewertung der etwa in Deutschland präsenten Einwanderer, ihrer Vielsprachigkeit und ihrer Identitätskonstruktion (↗ Art. 16)Migrantensprachen.
In den heimischen Varietäten (DialektDialekt), den MuttersprachenMuttersprache, Erstsprachen, den Zweitsprachen und in gewissem Umfang auch den Fremdsprachen verbinden sich die Kommunikationserlebnisse der Individuen mit deren SozialisationSozialisation. Nicht ohne Grund gelten sie als fundamental für die EnkulturationEnkulturation. Die sprachliche Bildung ruft daher nach Konzepten, wie unsere Gesellschaften mit der vorhandenen und der anzustrebenden VielsprachigkeitVielsprachigkeit umgehen sollen. Unbestritten ist, dass Migranten die Sprache der aufnehmenden Mehrheitsgesellschaft auf möglichst nativem Niveau erlernen sollen (sofern sie eine Integration in diese anstreben). Konkret verlangt eine plurale Gesellschaft zudem, dass Einwanderer, die ein Verbleiben in Deutschland anstreben, mittel- und langfristig die WerteWerte des GrundgesetzesGrundgesetz zur Richtschnur ihres Denkens und Handelns machen.
Die hohe Relevanz sprachlicher und (inter)kultureller Bildung für die Ausbildung einer plurireferentiellen Identität ist unbestritten. Sie bildet sich bei Einheimischen und Einwanderern aus den unterschiedlichen Erfahrungsräumen der Individuen. In diesem Zusammenhang wird oft folgender Mix genannt: lokal, regional, national, europäisch (Frankfurterin, Hessin, Deutsche, Europäerin). Die örtlichen Markierungen stehen neben anderen Zugehörigkeiten, die identitätsstiftend sein können, wie z.B. Beruf, Geschlecht, Generation und Alter, Religion, sexuelle Orientierung u.v.a.m. Aus diesen Zugehörigkeiten und Gruppenerlebnissen leitet sich positiv eine Steigerung der psychischen Befindlichkeit (psychic incomepsychic incomeሴiሴ) her. Neben Pro-Zuordnungen sind auch Anti-Zuordnungen möglich: Wir-GruppenGruppen können sich also auch in latenter oder offener Gegnerschaft zu anderen Gruppen bilden. Gründe hierfür können etwa echte oder vermeintliche Frustrationen, Ängste und Ablehnung seinAblehnung. Das augenfälligste Beispiel hierfür liefert die XenophobieXenophobie.
2.4. Interkulturelles Lernen und interkulturelle Kompetenzen
Das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung verlangt interkulturelle Kompetenz, Fremdverstehen und Offenheit (Fäcke 2005). Es geht letztlich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Émile Durkheim (1978) bezeichnete einen Zustand der sozialen Desintegration als AnomieAnomie. Er sah ihn in der Auflösung gültiger NormenNormen, moralischer Überzeugungen und Kontrollen bzw. des Wegfalls einer gemeinsamen Wertebasis in den frühindustriellen Gesellschaften seiner Zeit begründet. Als greifbare Folge machte er einen Anstieg der Kriminalität und der Suizidrate aus. Ursächlich erschien ihm ein Bruch zwischen den überkommenen Werten und den gängigen Praxen der realen Gesellschaft. So wie die frühe Industriegesellschaft im 19. Jh. religiöse Bindungen in Frage stellte, so führen heutzutage die Globalisierung und ihre praktischen Folgen viele Menschen zu einem Gefühl des Abgehängt-Seins; die Bewohner großer Teile Afrikas oder der Kriegsgebiete im Nahen Osten suchen sich in Europa ein Minimum an Sicherheit und Wohlstand. Beängstigend für einen großen Teil der hiesigen Mehrheitsbevölkerung ist die große Zahl der (potentiellen) Migranten.
Nun haben unterschiedliche Kulturen und Kulturkreise nicht unbedingt dieselben Werte. Und ein hoher Anteil an Migranten aus unterschiedlichen Herkunftskulturen gibt die von ihnen internalisierten WerteWerte nicht einfach bei einem Grenzübertritt ab. Nur langsam gelingt es vielen von ihnen, sich in den Wertekanon der aufnehmenden Gesellschaft einzufinden. Dies verlangt eine enorme Anpassungsleistung. Erfahrungsgemäß kann dies mehr als eine Generation dauern. Gesellschaften, die sich als plural verstehen, müssen den Eingewanderten die notwendige Zeit lassen und Hilfen bieten. Kenntnisse der Mehrheitssprache sind hierzu ein erster Schritt.
Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob und auf welcher Grundlage ein friedliches Miteinander basieren kann. Lassen sich universalistische Wertesysteme (↗ Art. 37) finden, auf die sich alle Beteiligten voll umfänglich einigen können? In der Regel eher nicht, wie das Beispiel kontrovers diskutierter Vorstellungen von Familienehre aufzeigt, die unterschiedlich über Einstellungen zum Sexualverhalten der Töchter definiert wird.
Über den Bezirk der Ehre hinaus reichen Konventionen. Ein Blick zurück zeigt, dass die Anschauungen der Mehrheitsgesellschaft sich wandeln können: IKonventionennterkonfessionelle Ehen galten noch vor wenigen Jahrzehnten als anrüchig, Homosexualität war ein Straftatbestand.
In Deutschland diskutierte Konventionen von Minderheiten betreffen z.B. die folgenden Punkte:
Das Schächten von Tieren findet nicht die Zustimmung der deutschen Mehrheitsgesellschaft; gleichwohl geschieht es aus religiösen Gründen, zumal das Bundesverfassungsgericht die religiöse Praxis erlaubt hat.
Ebenso wenig erhält die Beschneidung von Jungen oder Mädchen im Judentum oder im Islam aus religiösen Konventionen die Zustimmung der hiesigen Mehrheitsgesellschafft.
Das Tragen des Kopftuches von muslimischen Frauen ist seit Jahrzehnten ein in Deutschland und Österreich umstrittenes Thema. Während es den Trägerinnen als Ausweis ihrer Identität gilt, halten andere – Muslima und andere – es für ein Zeichen der Unterdrückung oder des Wunsches, gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft ‚Andersheit‘ und ‚Ablehnung‘ zu signalisieren.
Fazit: Gegenläufige Ehrauffassungen und Konventionen können spalten, sie schaffen Wir-Wir-Gruppen und Sie-Gruppen. Konfliktpotenziale sind gegeben, Konflikte vorprogrammiert. Aufklärung tut not.
Eine der klassischen Wir-Gruppen sind Religionsgemeinschaften, denn Religionen greifen in starker Weise auf die Wertekonstruktion von Menschen zu; und zwar in der Tendenz umso stärker, je weniger sie an Säkularisierung partizipierten. Andere wichtige Wir-Gruppen sind z.B. Nationen oder Ethnien.
Bestimmte Wertesysteme hingegen beanspruchen universelle Gültigkeit. Am 10. Dezember 1948 verkündet die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als „das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal“, das die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aller Menschen (Artikel 1) sowie das Verbot der Diskriminierung (Artikel 2) umfasst. Der hier formulierte Maßstab folgt einem universalistischen Anspruch, der einen Rahmen für ein weltweites friedliches Miteinander bieten soll und bereits in der Menschenrechtserklärung der Französischen Revolution angelegt war.
Die Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen des Jahres 1789 jedoch wird kurze Zeit später von Olympe de Gouges dahingehend kritisiert, dass die Revolution die Frauen vergessen habe. Eine andere Infragestellung erfolgte in der Kairoer Erklärung der MenschenrechteMenschenrechteKairoer Erklärung der im Islam, die 1990 etliche WerteWerte der Allgemeinen Erklärung der MenschenrechteMenschenrechteAllgemeine Erklärung der als Ausdruck eines individualistischen westlichen Denkens ablehnt. Angesichts dieser Beispiele stellt sich die Frage nach der Begründung und Begründbarkeit eines universellen Anspruchs der Menschenrechte für alle.
Wer also den universellen Anspruch der Menschenrechte (aus guten Gründen) nicht aufgeben will, wird – um der friedlichen Koexistenz und der Vermeidung von Konflikten willen – gegenüber ihrer Relativierung eine kritische Toleranz praktizieren müssen. Im Bereich des deutschen Grundgesetzes ist eine solche Relativierung, welche die Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte aufhebt, freilich verboten, weil verfassungsfeindlich.
Diese Fragen sind auch für Erziehung und Unterricht relevant. Die Schule muss einerseits darauf vorbereiten, Fremdheit auszuhalten und aushalten zu wollen, andererseits zur VerfassungstreueVerfassungstreue erziehen. Dies erklärt, weshalb die Mehrkulturalitätsdidaktik stark auf Einstellungen und VolitionalitätVolitionalität sowie auf politische Urteilkraft abhebt.
Generell sind einstellungsbezogene, attitudinale und volitionale RessourcenRessourcenvolitionaleVolitionalität grundlegend für jegliche Kompetenzbildung. Ohne sie können Kompetenzen der Domänen von WissenWissen (knowledge) und KönnenKönnen (can do) nicht miteinander verbunden und aktiviert werden. Dies gilt auch für den Bereich der Mehrkulturalität. Betroffen sind hier 1.) das landeskundliche und das interkulturelle Faktenwissen (knowledge, savoir), 2.) das Wissen, wie man dieses Wissen zur Anwendung bringt (savoir-faire, can do), z.B. konkretes Handlungswissen im Umgang mit Fremdheit und heterokulturellen Personen praktizieren, 3.) schließlich das Wissen zur Selbststeuerung: Selbstaufmerksamkeit, Kontrolle der eigenen Einstellungen und Handlungen, der Wirkung von interkulturellen Erfahrungen bzw. des PerspektivenwechselsPerspektivenwechsel auf das Selbst, Empathie, KritikfähigkeitKritikfähigkeit gegenüber dem Eigenen und dem Fremden, Bereitschaft zur Revision von Vor-UrteilenRevision von Vor-Urteilen (attitudes, savoir-être) (Byram 1997). Leider werden die Einstellungen im herkömmlichen Fremdsprachenunterricht vielfach wenig reflektiert, in interkulturellen Diskursen hingegen geschätzt.
Anders als solche des Sprachenwachstums gehören interkulturelle Kompetenzen zu den schwer messbaren Kompetenzen (Frederking 2008) (↗ Art. 48, 49). Eine Möglichkeit der Evaluation eröffnet z.B. das Developmental Model of Intercultural Sensitivity (DMIS) von Milton Bennett (1993), das u.a. in der DESI-Studie verwendet wurde und das verschiedene Entwicklungsstufen von Ethnozentriertheit zu Ethnorelativierung erfasst. Neben diesem quantitativen Zugriff werden häufig eher qualitative Zugangsweisen favorisiert, die zudem auf der Binnenperspektive der Beteiligten aufbauen (z.B. die Autobiography of Intercultural Encounters, Council of Europe 2009). Einen Katalog von Deskriptoren bietet der RePA (↗ Art. 20). Qualitative Studien beschreiben sprachbiographische Erfahrungen (Franceschini 2004), Sprachenbilder, Kommunikation mit Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung, – um nur die hervorstechendsten Referenzbereiche anzuführen.
2.5. Qualitätsentwicklung im sprachlich-kulturellen Lernfeld
Spätestens seit der Teilnahme Deutschlands an den großen internationalen OECD-Vergleichsstudien im Bildungswesen bemüht sich das Land um empirisch belastbare Qualitätsstandards. Neben den traditionellen Maßnahmen – Richtlinien für den Unterricht, Abschlussprüfungen, Lehrerausbildung und eine entsprechende Aufsicht durch die Ministerien – sind BildungsstandardsBildungsstandards Ausdruck dieser Orientierung. Qualitätsentwicklung setzt eine empirische Bildungsforschung (pädagogische Psychologie und Fachdidaktiken) voraus, die in der Lage ist, der politischen Steuerung des Bildungswesens wissenschaftliche Fundierung zu verleihen. Dass eine longitudinale Beobachtung von Unterrichtsprozessen im Kontext von Schule nur eingeschränkt möglich ist, erklärt, weshalb zurzeit im quantitativen Bereich vor allem sog. LeistungsstudienLeistungsstudien vorliegen, die das Ergebnis von Bildungsbemühungen messen. Deutlich seltener sind dagegen Erhebungen zu UnterrichtserlebnisUnterrichtserlebnis, LernerfahrungenLernerfahrungen und LernabsichtenLernabsichten (Meißner et al. 2008; in gewissem Umfang auch DESIDESI-Studie). Dabei ist festzustellen, dass Deutschland einer ländervergleichenden Studie zum Jahr 2004 zufolge, was den Fremdsprachenunterricht der Sekundarstufe II betrifft, keine einheitliche Bildungslandschaft darstellt (Meißner & Lang 2005). Betroffen sind die Belegungen von Fremdsprachen und Kursen in der Sekundarstufe II. Eine erneute Erhebung ist im Jahre 2019 überfällig; zumal nie untersucht wurde, welche Folgen die signifikanten Unterschiede von Fremdsprachenbelegungen auf den weiteren Bildungsverlauf der Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Bundesländern hatten.
Um im Bildungswesen Qualitätssicherung herzustellen ist es, da es sich um „große Systeme“ handelt – die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen beläuft sich im Schuljahr 2016/17 laut Statistica (2019) auf 763.304 Personen –, erforderlich, auch den Prozess der Einführung von Innovationen – z.B. die Interpretationen von KompetenzorientierungKompetenzorientierung und deren Umsetzung – zu auditieren. Erst solche longitudinal angelegten Prozessaudits lassen eine belastbare Aussage über die Realisierung von Qualitätsstandards zu. Dies fehlt allerdings nicht nur in Deutschland bis heute. Der späte Einsatz von Vergleichsstudien und die fehlende Prozessauditierung beeinträchtigen in erheblichem Maße Einsichten in die Qualität von Unterricht.
2.6. SprachlernberatungSprachlernberatung
Sprachlernberatung ist an den europäischen und nationalen Zielen des Fremdsprachenunterrichts orientiert, und zwar mit den Eckwerten „mehrsprachiges Minimummehrsprachiges Minimum“, interkulturelles Lerneninterkulturelles Lernen, interkulturelle Kommunikationsfähigkeitinterkulturelle Kommunikationsfähigkeit und SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz. Dies betrifft – gleichrangig – das Englische in seiner internationalen Rolle und die Mehrsprachigkeit. Qualitativ wie quantitativ stellt dies neue Anforderungen sowohl an das Schulwesen als auch an die Schülerinnen und Schüler sowie an die Lehrerschaft. In dieser Situation bietet die Erreichbarkeit der möglichen Zielsprache dank der Medien (Satelliten-TV und Internet) wirkungsvolle methodische Stützen (die sich erst erschließen, wenn man sie zu nutzen weiß).
Zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass schulischer Fremdsprachenunterricht schon wichtige Weichen für den Erwerb von Mehrsprachigkeit stellt. Denn der Unterricht lehrt nicht nur die Grundlagen einer neuen Sprache, sondern auch den Weg, sich fremde Sprachen anzueignen. Damit erwerben die Schüler ein Instrument, um auf die ihnen in ihrem erwachsenen Leben begegnende Vielsprachigkeit zu reagieren. Hier ist zu unterstreichen, dass die Bereitschaft des Erlernens fremder Sprachen schülerseitig deutschland- und EU-weit laut MES-StudieMES-Studie beeindruckend ist (Meißner et al. 2008: 74 u. 76). Das reale Schulfremdsprachenangebot kommt dem bei weitem nicht nach. Insbesondere fehlt weitgehend eine frühe Diversifizierung des Angebots, was den Studien bzgl. der Rolle von SprachenfolgenSprachenfolge eine breitere Solidifizierung verleihen würde.
Eltern und Schüler sehen sich von den Regelungen der SchullaufbahnSchullaufbahnSchullaufbahnberatung vor die Frage der SprachenwahlSprachenwahl gestellt. Damit treten sehr konkrete Fragen an sie heran: Welche Sprache soll als erste Fremdsprache gewählt werden? Welche als zweite? Vielleicht eine dritte? Welche Rolle spielt Latein für den Erwerb der modernen Mehrsprachigkeit? Wähle ich mit einer bestimmten Fremdsprachenkombination schon indirekt ein bestimmtes – z.B. west- oder osteuropäisches – SprachenprofilSprachenprofil? Welche Sprachen wähle ich in welcher Reihenfolge, um mögliche SynergienSynergien im Sinne der Lernökonomie auszuschöpfen und den Erwerb von Mehrsprachigkeit zu erleichtern? Und last but not least: Wie lernt man heute moderne Fremdsprachen? Wie kann man die Medien nutzen? Usw. usw.
Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrer sind immer wieder gehalten, solche und weitere Fragen zu beantworten. Sie benötigen hierzu gesichertes Wissen, im weitesten Sinne zur Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik, im engeren zu einer Vielzahl sehr konkreter Fragen zu den Lernern und dem Unterricht fremder Sprachen.
Die Fremdsprachenverbände, insbesondere der Gesamtverband Moderne FremdsprachenGesamtverband Moderne Fremdsprachen, sind auf dem Feld der Lehrerfortbildung aktiv. Dies berührt die Sprachlernberatung in erheblichem Maße. Natürlich verfolgen auch die VerbändeFremdsprachenverbände eigene Interessen und der Vorwurf des Lobbyismus ist nicht immer ganz fern. Von einer Sprachlernberatung sind daher mehrere grundlegende Bedingungen zu verlangen:
Neutralität bzgl. der im begrenzten System des Schulwesens miteinander konkurrierenden Fremdsprachen,
Kenntnis des gesellschaftlichen Bedarfs an Fremdsprachenkenntnissen,
Kenntnis der Synergiepotenziale für den Erwerb unterschiedlicher Mehrsprachigkeitsprofile,
Kenntnis der Methoden, um die Synergiepotenziale zu nutzen,
Kenntnis des Fremdsprachenunterrichts auf unterschiedlichen Stufen und Schulformen (Primar- und Sekundarstufe),
Kenntnis der Zertifizierung von Sprachkenntnissen national und international.
Das vorliegende Handbuch liefert zu diesen Punkten eine Fülle von Informationen. In diesem Sinne fungiert es auch als ein Instrument der Sprachlernberatung.
3. Struktur des Handbuchs
Weder in der Mehrsprachigkeits- noch in der Mehrkulturalitätsdidaktik gibt es den einen Diskurs. Dies folgt schon aus der Verschiedenheit der Referenzbereiche: autochthone Sprachen, Nachbarsprachen, Schulfremdsprachen, Muttersprachen, Herkunftssprachen, Alte und Neue Sprachen, lingua franca, globale Sprachen, regionale Sprachen, exotische Sprachen, Dialekte und Sprachen, offizielle Sprachen, Amtssprachen, ko-offizielle Sprachen, internationale Sprachen, Italienisch nach Französisch, usw. Inhaltlich umfasst die Mehrkulturalitätsdidaktik die Referenzbereiche: Interkulturalität, Didaktik des Fremdverstehens, Transkulturalität, Multikulturalität, Plurikulturalität, Universalismus und Partikularismus, Antirassismus, Postkolonialismus, Diversität, dominante und marginalisierte Kulturen, kulturspezifische Kenntnisse, Handlungswissen und Einstellungen. Quasi jeder Bereich hat einen eigenen Diskurs. Sodann unterliegen natürlich auch die Diskurse selbst einer Entwicklung.
Diese Heterogenität spiegelt den Aufbau des Handbuches mit den verschiedenen Abschnitten (von A bis O). Sie antwortet auf unterschiedliche Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit und Vielsprachigkeit, Mehrkulturalität und VielkulturalitätVielkulturalität. Dabei ist einschränkend zu bemerken, dass das Handbuch auf den europäischen und speziell den deutschsprachigen Kontext ausgerichtet ist.
Der Aufbau des Handbuchs umfasst die folgenden Abschnitte:
A Sprachlichkeit und Kulturalität
B Europäische Mehrsprachigkeits- und Fremdsprachenkonzepte
C Mehrkulturalität in einer multilingualen und multikulturellen globalisierten Welt
D Kompetenzprofile für Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität
E Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität lehren
F Didaktik der Mehrkulturalität
G Erst-, Zweit- und Mehrsprachenerwerb
H Mehrsprachigkeit und Interkomprehension
I Mehrsprachigkeits- und Interkomprehensionsdidaktik
J Der Erwerb spät erlernter Fremdsprachen
K Englisch und Mehrsprachigkeit
L Vielsprachige Umwelten und individuelle Mehrsprachigkeit
M Herkunftssprachen und DaZ
N Mehrsprachigkeit im bilingualen Sachfachunterricht in der Sekundarstufe
O Autochthone Mehrsprachigkeiten
Jeder Abschnitt besteht aus mehreren Artikeln, die aus unterschiedlichen Perspektiven berichten und unterschiedliche Sichtweisen ausleuchten. Die Struktur der Artikel folgt der ihnen eigenen Sachlogik, sodann aber den Merkmalen des Themas, Sachbericht, Forschungsstand und Relevanz für das Lehren und Lernen von Sprachen.
Insgesamt spiegeln die in diesem Handbuch aufgenommenen Artikel den fremdsprachendidaktischen Diskurs um Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität in ihren vielfältigen Bezügen: aktuelle gesellschaftliche, politische und pädagogische Fragen um Sprach- und Sprachenpolitik, Erst-, Zweit- und Fremdsprachen, Herkunftssprachen und lernrelevantes SprachwissenSprachwissen, Spracherwerb und Integration, bilinguales Lernen, Sprachenwachstum und Kompetenzmessung, Kompetenzen und Methoden.
*
Mit der Vielfalt der Beiträge will dieses Handbuch den state of the art der Forschungen und die zahlreichen praktischen Erfahrungen und Perspektiven auf dem Feld der Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik darstellen und so einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Diskurse im Rahmen aktueller erziehungswissenschaftlicher, erst-, zweit- und fremdsprachendidaktischer, z.T. sachfachdidaktischer und allgemein gesellschaftspolitischer Fragen unserer Zeit leisten.
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Wolski, W. & Dralle, A. (2019): Kompaktwörterbuch Deutsch als Fremdsprache. Stuttgart, 469.
Christiane Fäcke & Franz-Joseph Meißner
A Sprachlichkeit und Kulturalität
1. Sprachlichkeit, Identität, Kulturalität
1. Einleitung
Es ist kein Zufall, dass die Herausgeber für diesen Artikel nicht den Titel „Sprache, Identität, Kultur“ vorgeschlagen haben, sondern „SprachlichkeitSprachlichkeit, IdentitätIdentität und KulturalitätKulturalität“. Damit wird ein konzeptueller Wandel angedeutet, der sich nicht zuletzt im Zuge poststrukturalistischen Denkens in weiten Bereichen der Human- und Sozialwissenschaften vollzogen hat. In Bezug auf das Konzept „Sprache“ setzen viele den Akzent nicht mehr auf Sprache als ein von anderen Sprachen abgrenzbares linguistisches System, das unabhängig vom Sprecher/Lerner gedacht wird, sondern auf Sprache als Ressource bzw. Mehrsprachigkeit als integratives Repertoire der Lernenden, mit Hilfe dessen sprachlich gehandelt wird. Mit „Sprachlichkeit“ wird also ein subjektorientiertes Sprachkonzept zum Ausdruck gebracht.
Ähnlich verhält es sich mit der Kategorie „KulturKultur“ bzw. „Kulturalität“. Während Kultur lange (und zum Teil auch heute) als ein abgrenzbares, beobachtbares System betrachtet und diesem i.d.R. ein gewisses Maß an Homogenität zugeschrieben wurde, verschiebt sich der Blick nun eher auf ein diskursiv-reflexives Verständnis von Kultur (↗ Art. 32), d.h. Kultur bzw. Kulturalität wird als Vermögen zur Sinn- und Bedeutungsstiftung und damit auch als gesellschaftliche Praxis verstanden (Gutmann 1998).
Interessant und folgerichtig ist, dass im Laufe dieser epistemologischen Entwicklungen auch essentialistische Vorstellungen von Identität dekonstruiert wurden (↗ Art. 40). Darüber hinaus spielt Identität für sprachdidaktische Überlegungen eine immer wichtigere Rolle. Sowohl in interkulturellen Ansätzen (v.a. im europäischen Raum) als auch in sozio-kulturellen Ansätzen (u.a. im US-amerikanischen Raum) wird die Bedeutung von Identität für das Verständnis von SprachlernSprachlernprozess- und -lehrprozessen stark hervorgehoben.
2. Sprachlichkeit
Das Konzept „Sprachlichkeit“ – im Gegensatz zu „Sprache“ – beinhaltet vor allem drei Aspekte, die für die Didaktik der Sprachen und verwandte Forschungsbereiche von Bedeutung sind.
Zum einen wird die Perspektive auf die Akteure gerichtet, d.h. Sprache wird nicht, wie in strukturalistischen Sprachauffassungen üblich, als vom Sprecher/Lerner getrenntes „sprachliches System“ verstanden, sondern als soziale Praktik der Lernenden selbst und Teil ihrer Identität. Diese Positionierung beinhaltet eine Abwendung von vorrangig kognitiv-mentalistischen Auffassungen von Sprache bzw. Spracherwerb. Kennzeichnend hier ist etwa die einflussreiche Debatte um einen Artikel von Firth & Wagner (1997; 2007), in dem diese eine vorrangig kognitiv ausgerichtete Spracherwerbsforschung und damit einhergehende Konzepte wie z.B. das Konzept des native speakernative speaker, von interlanguageinterlanguage oder Input/OutputInput/Output kritisieren und im Gegenzug ein poststrukturalistisches Konzept von Sprache bzw. Sprachenlernen/Spracherwerb eingefordert hatten. Sprache wurde von ihnen nicht individualistisch, monolingual und formalistisch verstanden, sondern eindeutig praxeologisch, sozial und kontextgebunden (2007: 802). Wie später Pennycook (2010) feststellt:
To look at language as a practice is to view language as an activity rather than a structure, as something we do rather than a system we draw on, as a material part of social and cultural life rather than an abstract entity. (Pennycook 2010: 2)
Diese Position führte u.a. dazu, im deutschen Sprachraum von „Sprachlichkeit“ bzw. auch von „SpracherlebenSpracherlebnis“ (Busch 2013: 18ff.) zu sprechen und stärker in den Blick zu nehmen, wie Menschen – und zwar individuell wie auch kollektiv – Bedeutung und Bedeutungssysteme konstruieren, inszenieren oder erzählen. Die Lernenden werden als sinnstiftende, reflektierende und sich erinnernde Wesen verstanden (vgl. Hu 2013). Im englischsprachigen Raum spricht man zunehmend auch von „LanguagingLanguaging“ (Swain 2006), betont also durch die verbale Form den Handlungscharakter von Sprache.
Eine zweite wichtige Dimension dieses soziokulturellen Verständnisses von Sprache bzw. SprachlichkeitSprachlichkeit in Lehr-Lernzusammenhängen betrifft die Idee des Sprachenrepertoires. Mit Rückgriff auf Gumpertz (1964) und Bakhtin (1981) wird SprachenrepertoireSprachenrepertoire z.B. bei Busch folgendermaßen definiert (2013: 20):
Das Repertoire wird als Ganzes begriffen, das jene Sprachen, Dialekte, Stile, Register, Codes und Routinen einschließt, die die Interaktion im Alltag charakterisieren. Es umfasst also die Gesamtheit der sprachlichen Mittel, die Sprecher_innen einer SprachgemeinschaftSprachgemeinschaft zur Verfügung stehen, um (soziale) Bedeutungen zu vermitteln.
Dieses Konzept ist der bislang eingebürgerten Vorstellung von MonolingualismusMonolingualismus diametral entgegengestellt, da es die scharfen Trennungen zwischen Ein- bzw. ZweisprachigkeitZweisprachigkeit/Bilingualismus wie auch generell die Vorstellung von klar voneinander abgrenz- und zählbaren Sprachsystemen (L1, L2) aufbricht und auf grundsätzlich vorhandene „heteroglossische RessourcenRessourcenheteroglossische“ verweist (↗ Art. 2).
Ein dritter wichtiger Aspekt betrifft den Zusammenhang von Sprache und Identität. Im angloamerikanischen Raum hat vor allem Norton auf die enge Verbindung von SprachenlernenSprachenlernen und IdentitätIdentität hingewiesen:
Whereas some linguists may assume, as Noam Chomsky does, that questions of identity are not central to theories of language, we as L2 educators need to take this relationship seriously. The questions we ask necessarily assume that speech, speakers and social relationships are inseparable. […] In this view, every time language learners speak, they are not only exchanging information with their interlocutors, they are also constantly organizing and reorganizing a sense of who they are and how they relate to the social world. They are in other words, engaged in identity construction and negotiation. (Norton 1997: 410)
Aus der Perspektive dieser soziokulturellen Theorien sind Sprachenlernende Mitglieder sozialer und historischer Gemeinschaften, die Sprache als dynamisches Werkzeug – nicht zuletzt zur Aushandlung von IdentitätIdentität – verwenden. Es ist bemerkenswert, dass die Entwicklungen in der Identitätstheorie und in den soziokulturellen Ausrichtungen von Spracherwerbsforschung (↗ Art. 51) und Didaktik der Sprachen durchaus konvergierende Züge aufweisen, wie im Folgenden dargestellt wird.
3. Identität
Identität ist ein transdisziplinäres Konzept, das vor allem in den Geistes- und Humanwissenschaften und nicht zuletzt auch in der Mehrsprachigkeitsforschung und der Didaktik der Sprachen eine wichtige Rolle spielt. Drei Entwicklungsstränge in der Identitätstheorie sind – gerade in Bezug zum Thema „Sprachlichkeit“ – besonders hervorzuheben: die Dekonstruktion eines essentialistischen Subjekt- bzw. Identitätsbegriffs (↗ Art. 40), das Konzept der narrativen Identität sowie die Betonung der jeder Identität inhärenten Dynamik und HybriditätHybridität u. Identität.
Seit der nach-idealistischen Philosophie des 19. Jahrhunderts und dem Beginn der Psychoanalyse setzt eine kritische Hinterfragung der Vorstellung eines rational-autonomen Subjekts ein (Nünning 2001: 613). Insbesondere poststrukturalistische Philosophen wie Jacques Lacan, Michel Foucault, Jean-François Lyotard und Jacques Derrida dekonstruieren die Vorstellung eines substanziell essentialistischen und selbstbestimmten Subjekts. Die Vorstellung von Identität im Sinne eines reifizierbaren Vorliegens eines Sachverhalts wird unhaltbar; IdentitätIdentität muss vielmehr als prinzipiell unvollständige und unvollendete Aspiration verstanden werden,
[…] als Fluchtpunkt einer sozialen Praxis, in deren Rahmen der Einzelne ins Verhältnis zu sich selbst tritt und sein Handeln am Horizont der gewünschten Autonomie des eigenen Selbst orientiert. (Straub 2004: 280)
Bei Jacques Lacan z.B. wird die traditionelle SubjektvorstellungSubjektvorstellung aus psychoanalytischer Perspektive in ein neues Licht gerückt. Die Rolle der Sprache gewinnt hier für die Genese des Subjekts einen zentralen Stellenwert:
In der Lacanschen Entwicklungsgeschichte des Kleinkinds identifiziert sich das Kind noch vor dem Spracherwerb über sein Spiegelbild mit einem imaginären, ganzheitlichen und autonomen Ich (Spiegelstadium). Mit dem Spracherwerb erweist sich dieses Ich jedoch noch deutlicher als unerreichbar. Um ein soziales Subjekt werden zu können, muss der Einzelne in die von der Sprache verkörperte symbolische Ordnung eintreten, die seiner Existenz vorgängig ist und ihm nur dann die Möglichkeit bietet, sich auszudrücken und eine symbolische Identität anzunehmen […]. Darüber hinaus bedeutet der Eintritt in die Sprache eine Subjektspaltung. Das Ich, das spricht (sujet d‘ énonciation), ist ein anderes, als das Ich, das im Diskurs repräsentiert wird (sujet d’énoncé). (Nünning 2001: 613)
Identität erscheint hier als der Ordnung des Imaginären zugehörig und stellt letztlich immer ein Trugbild dar.
Bei Michel Foucault handelt es sich hingegen weniger um eine psychoanalytische als um eine historisch begründete Kritik klassischer SubjektvorstellungenSubjektvorstellung. Foucault geht von einem Subjektbegriff aus, der das Moment der Unterwerfung (lat. subicere = unterwerfen) ins Zentrum rückt und zwar der Unterwerfung der sprechenden Subjekte unter die Diskurse und der Unterwerfung der Diskurse unter die sprechenden Individuen (Foucault 1994, 246). Gegen die Idee der Voraussetzungslosigkeit von Sprache und sprachlich handelndem Subjekt stellt Foucault die Bedingungen für die Legalisierung von Diskursen ins Zentrum. In diesen Ansätzen innerhalb der Identitätstheorie spielt die Sprache – im Sinne von Diskurs – eine wichtige Rolle.
In explizit narrativen Konzeptionen von Identität wird dieser Aspekt noch stärker hervorgehoben und die Verknüpfung von Selbst und Sprache in besonderer Weise betont, z.B. bei Jerome Bruner (1990), Anthony P. Kerby (1991), Alisdair Macintyre (1995) und Paul Ricoeur (1985). Während traditionellerweise das essenzielle Selbst der SpracheSpracheWesen der übergeordnet wurde, wird hier das Selbst als durch Sprache konstituiert verstanden:
Our own existence cannot be separated from the account we can give of ourselves. It is in telling our own stories that we give ourselves an identity. We recognize ourselves in the stories that we tell about ourselves. It makes very little difference whether these stories are true or false, fiction as well as verifiable history provides us with an identity. (Ricoeur 1985: 214)
Die eigene Identität wird also durch GeschichtenNarrative konstituiert:
On a narrative account, the self is to be construed not as a prelinguistic given that merely employs language, much as we might employ a tool, but rather as a product of language – what might be called the implied subject of self-referring utterances. (Kerby 1991: 4)
Das Erzählen von GeschichtenErzählen von Geschichten ist damit keine bloße Beschreibung von identitätsrelevanten Ereignissen, sondern eine komplexe Sprechhandlung mit psychosozialen Funktionen, wodurch ein performatives Wissen eigener Art zum Ausdruck gebracht wird (Straub 2004: 286).
Der dritte wichtige Entwicklungsstrang, der in direktem Zusammenhang mit den bisher skizzierten Entwicklungen steht, betrifft die Konzeption „hybrider IdentitätenIdentitäthybride“ (↗ Art. 100). In Abwendung von vereinfachenden Konzepten, die eine saubere Überlappung von Selbst, Sprache und kulturellem Ort implizieren, werden nun Subjekte als „mehrfach codierte, komplexe Identitäten“ (Bronfen & Marius 1997: 7) konzipiert, wobei diese Identitäten als narrative Leistungen verstanden werden. So z.B. bei Stuart Hall, einem der einflussreichen Theoretiker in diesem Kontext:
Identities are never unified and in late modern times increasingly fragmented and fractured, never singular but multiply constructed across different often intersecting and antogonistic discourses, practices and positions. (1996: 4)
4. Kulturalität
Nicht nur zwischen Sprachlichkeit und Identität bestehen somit enge Bezüge, auch in der jüngeren Kulturtheorie spielen Sprache und Identität eine zentrale Rolle. Zunächst einmal ist auch hier ist eine Abwendung von essentialisierenden und gleichzeitig eine Hinwendung zu diskursiv-reflexiven Konzeptionen von KulturKultur festzustellen (Bachmann-Medick 1996; Göller 2000; Hörning & Winter 1999). Weitgehend Konsens herrscht etwa darüber, dass Kulturen nicht unabhängig von der Perspektive der Betrachter existieren. Auch die lange Zeit vorherrschende Vorstellung von Kulturen als kohärenten und voneinander abgrenzbaren Entitäten mit jeweils kulturspezifischen Charakteristika, die in Alltagstheorien durchaus immer noch lebendig ist, gilt weitgehend als obsolet. Eine auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Situation kristallisiert sich dabei heraus: Gerade in den letzten Jahren hat im Zusammenhang der kulturwissenschaftlichen Diskussion, die interdisziplinär alle Fächer der Humanwissenschaften umfasst, eine intensive DekonstruktionDekonstruktionüberkommener Kulturkonzepte der althergebrachten essentialistisch-objektivistischen Konzeptionen stattgefunden.
Gleichzeitig aber entwickelt sich das Konzept Kultur zu einer Schlüsselkategorie, die als Basiskonzept grundlegend für jede verstehende Wissenschaft ist und gesellschaftliche Praxis als kulturelle Leistung begreift. Lawrence Grossberg pointiert diese aktuelle Situation zutreffend, wenn er sagt: „Cultural Studies müssen in gewisser Hinsicht darum ringen, der Kultur zu entfliehen, wenn sie die Macht der Kultur entdecken wollen“ (Grossberg 1999: 82).
Kultur wird nicht als Form von Wissenssystem oder als Form von Vergesellschaftung begriffen, ebenso wenig als naturgegebener, fixierbarer Realitätsbereich. So heißt es zum Beispiel bei Mathias Gutmann aus der Perspektive der Kulturphilosophie:
Als wesentliches Arbeitsergebnis der Rekonstruktion ergibt sich für den Kulturbegriff in seiner reflexiven Verwendung, dass missverständliche Formulierungen vermieden werden können. ,Wir’ leben weder in einer ,Kultur’, noch ,in einer Tradition’. (…) Eine wesentliche Aufgabe systematischer Philosophie der Kultur liegt demzufolge – unter Verzicht auf solche falschen Vertrautheiten – in der kritischen Analyse gesellschaftlicher Praxen als kultureller Leistungen. (Gutmann 1998: 329)
KulturKultur wird also vielmehr als strukturierende, expressiv-ästhetische und deutende Praxis von Personen gesehen, als deren Vermögen, der Welt Bedeutung zu verleihen, Identitäten zu schaffen, aber auch Machtinteressen durchzusetzen. Hartmut Böhme definiert in seiner Einführung in die Kulturwissenschaften:
Kultur erscheint als ein Prozess fortschreitender reflexiver Semantisierung, durch welche ununterbrochen Sinnressourcen geschaffen und distribuiert, aber auch subvertiert und zerstört werden. (Böhme 2012: 33)
Böhmes Formulierung „reflexive Semantisierung“ impliziert bereits einen weiteren Aspekt, das Verhältnis von Kultur und Sprache, oder mit anderen Worten, Kultur als diskursive Praxis. Dazu noch einmal Stuart Hall:
Eine nationale Kultur ist ein Diskurs, eine Weise, Bedeutungen zu konstruieren, die sowohl unsere Handlungen als auch unsere Auffassung von uns selbst beeinflusst und organisiert. (Hall 1994: 201)
In diesem Verständnis sind Kultur und Sprache wiederum untrennbar miteinander verbunden. Sprache, die – verstanden in einem weiten semiotischen Sinne – KörperspracheKörpersprache, Musik, Stimme usw. mit einschließt, ist eines der wichtigen Medien, in denen kulturelle Praxis stattfindet. Auch aus der Perspektive der Kulturphilosophie wird dieser Aspekt betont, z.B. bei Thomas Göller:
Menschliche Sinnstiftung, intra- oder interkulturelle Kommunikationinterkulturelle Kommunikation und Interaktion wie auch menschliche Selbst-, Fremd- und Weltbezüglichkeit bzw. menschlich-kulturale Sinnbestimmung überhaupt, ist in erster Linie an Sprache gebunden bzw. sprachlich vermittelt. Das gilt für alle Formen intra- wie interkulturellen Austausches. (…) Sprache und KulturSprache u. Kultur sind aufs engste miteinander verwoben. (Göller 2000: 330ff.)
In deutlicher Parallele zum Identitätsdiskurs wird bei diesem reflexiven und diskursiven Kulturverständnis der Akzent weniger auf kollektiven Konsens gelegt. Jetzt stehen vielmehr Differenzen, Widerstreit, Synkretismus, HybriditätHybridität u. Identität sowie idiosynkratische Deutungsmuster und Verarbeitungen im Mittelpunkt. Kultur wird nicht – wie bislang üblich – als „integrativer Kitt“ einer Gesellschaft (Hörning & Winter 1999: 8) gesehen, sondern im Gegenteil ist nun die Entlarvung von kultureller Homogenität als Inszenierung Ziel der reflexiv-kritischen Arbeit:
Die in der Soziologie dominierende Auffassung, die Kultur in erster Linie nach der Gemeinsamkeit von Werten und Bedeutungen befragt und als integrativen ,Kitt’ der Gesellschaft vereinnahmt, weisen sie (die Cultural Studies, A.H.) zurück. (…) Kultur ist für die Cultural Studies nicht stabil, homogen und festgefügt, sondern durch Offenheit, Widersprüche, Aushandlung, Konflikt, Innovation und Widerstand gekennzeichnet. (…) Nicht die integrative Funktion von Kultur, sondern der Kampf um Bedeutungen’ (Lawrence Grossberg), der nie zu beendende Konflikt über Sinn und Wert von kulturellen Traditionen, Erfahrungen und Praktiken bestimmt ihre Analysen, die sich auf diese Weise den ,vermischten Verhältnissen’ der sich im raschen Wandel befindlichen Gesellschaften der Gegenwart stellen. (Hörning & Winter 1999: 9)
Auch hier taucht wieder prominent die Metapher der HybriditätHybriditätvon Kulturen auf:
Wenn, wie ich gesagt habe, der Akt kultureller Übertragung den Essentialismus einer vorher bestehenden, originären Kultur in Abrede stellt, dann erkennen wir, dass alle Formen von Kultur sich in einem andauernden Prozess der Hybridität, der Kreuzung und Vermischung, befinden. Für mich liegt die Bedeutung der Hybridität jedoch nicht darin, dass man sie auf zwei Ursprungselemente zurückführen könnte, aus denen das dritte entsteht, vielmehr ist die Hybridität für mich der ,dritte Raum’, aus dem heraus andere Positionen entstehen können. (Bhabha 1990: 211; hier zitiert nach Chambers 1996: 78)
Statt Ursprung, Einheit, Reinheit und Zentriertheit von Kultur wird hier der Vermischung und dem Dazwischen Gewicht verliehen, was sich u.a. in einer veränderten Rhetorik und Metaphorik zeigt (vgl. Hu 2005).
Auf der Basis des reflexiv-diskursiven Kulturbegriffs, der den Akzent einerseits auf Widerstreit, andererseits auf Vermischung legt, rückt der Aspekt der Macht ins Zentrum (vgl. Gilroy 1999; Grossberg 1999). Normative Kulturkonzepte werden als „metaphorisch-metonymische Vehikel zur Durchsetzung von MachtinteressenMachtinteressen“ (Wägenbaur 1995: 23) erkannt. Typisierende und objektivierende kulturelle Abgrenzungen können auf dieser Basis als rhetorische Mittel zum Erreichen dieser Ziele beschrieben bzw. – im Sinne kritischer Diskursanalyse – kritisiert werden. Dazu noch einmal Hall:
Wir sollten nationale Kulturen nicht als etwas Einheitliches, sondern als einen diskursiven Entwurf denken, der Differenz als Einheit oder Identität herstellt. Sie sind von tiefen inneren Spaltungen und Differenzen durchzogen und nur durch die Ausübung ,kultureller Macht‘ ,vereinigt‘. (Hall 1994: 206)
5. Fazit
Bei SpracheSprache/Sprachlichkeit, IdentitätIdentität sowie KulturKultur/Kulturalität handelt es sich um Kernkonzepte der Human- und Sozialwissenschaften, insbesondere auch für pädagogische und sprachdidaktische Forschungsbereiche. Im Zuge poststrukturalistischen Denkens und den damit einhergehenden epistemologischen Neuorientierungen kristallisiert sich zunehmend die Interdependenz dieser drei Konzepte heraus. Sprache – nun verstanden als soziale Praxis – bildet in dieser Sichtweise die Wirklichkeit nicht ab, sondern erschafft diese. Gleichzeitig werden Sprachen nicht mehr als trennbare systemische Einheiten verstanden, sondern als heteroglossische RessourcenRessourcenfremdsprachlicheRessourcenheteroglossische von Personen. Essentialisierende Vorstellungen von Identität werden dekonstruiert und dagegen im Sinne narrativer, also sprachlich-diskursiv hervorgebrachter Identitäten konzeptionalisiert. Auch hier wird der Akzent zudem auf die grundsätzliche Hybridität von IdentitätHybridität u. Identität gelegt. Das gleiche gilt für Kultur bzw. Kulturen. Kultur und Sprache werden in engster Verbindung gesehen, und normative Kulturkonzepte als Strategie zur Durchsetzung von Machtinteressen interpretiert. Zudem wird auch hier der Fokus auf Vermischung, intrakulturelle Differenzen und Widerstreit bzw. den Inszenierungscharakter von Homogenität gelegt (↗ Art. 40).
Für aktuelle Positionen innerhalb der Mehrsprachigkeitsforschung waren diese Entwicklungen von großer Bedeutung. So sind die Vorstellungen etwa von plurilinguisme (im Gegensatz zu additiv verstandenem multilinguismemultilinguisme“ (z.B. bei Coste, Moore & Zarate 2009) (↗ Art. 18, 19), die Theorie des TranslanguagingTranslanguaging (z.B. bei Garcia & Li 2014), aber auch Theorieentwicklungen in der Mehrkulturalitätsforschung, etwa die Konzeption von Transkulturalität (z.B. bei Welsch 1997) durch die veränderten Verständnisweisen von Sprache, Kultur und Identität geprägt.
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Adelheid Hu
2. Staatliche (kollektive) und individuelle Mehrsprachigkeit
Nach Gardou (2013: 31) ist nichts stärker durch die Gemeinschaft geprägt als die Herausbildung der persönlichen Identität (↗ Art. 1)Identität. Aufs engste mit der Sozialisation verbunden sind Sprach- und erst recht Mehrsprachenerwerb (↗ Art. 51)Mehrsprachenerwerb, SprachenpflegeSprachenpflege und SprachenwachstumSprachenwachstum. Spracherwerb ist immer individuell, idiosynkratisch, dynamisch und sozial geprägt. Er setzt frei nach Chomsky neben einem Spracherwerbsapparat (language acquisition devicelanguage acquisition device, LAD) soziale Interaktion, ein social support systemsocial support system (LASS), zwischen einem Erwerber und weiteren beteiligten Personen voraus. Auch diese sind natürlich durch ihre jeweilige Sozialisation geprägt und Träger von Idiolekten. Die mentale Verarbeitung von Sprache ist nicht einseitig erwerbsfixiert: Sprachkompetenz kann sich auch zurückbilden (vgl. Attrition).
Wie die Lernpsychologie zwischen intentionalen und inzidentiellem Lernen trennt, so unterscheiden Erst- und Zweitsprachenerwerbsforschung unter dem Dachbegriff der Appropriation zwischen dem nicht initial intentionierten Erwerb (acquisition) und dem stärker institutionell unterstützten und/oder individuell intentionierten LernenLernen (apprentissage). Natürlich verfügen beide Akquisitionswege über gemeinsame Schnittmengen. Erwerben durch SprachkontaktSprachkontakt bzw. interkulturelle Kommunikationinterkulturelle Kommunikation ist prinzipiell in jedem Alter möglich, ob durch eine konkrete Erwerbsabsicht unterstützt oder nicht (Busch 2016).
In spracherwerbstheoretischer Sicht erscheint es sinnvoll, SprachkontaktsituationenSprachkontaktsituation danach zu taxieren, inwieweit sie ungesteuert oder unfokussiert, implizit und unbewusst ablaufen. Ein weiterer wichtiger Parameter ist der Grad an Freiwilligkeit bzw. Gezwungenheit, welcher als Ausgangspunkt für die Sprachkontaktsituation dient. Auch hier gibt es fließende Übergänge und die Möglichkeit des Gleitens von einem Modus in den anderen im Verlauf der Beschäftigung (Sprachnutzung, SprachenbewusstheitSprachenbewusstheit) mit Sprachen; und zwar in bivalenten Richtungen, etwa hin zu einer stärkeren Motiviertheit zugunsten des Erwerbs einer Sprache oder aber zu einer Ausbildung einer wachsenden Aversion. Die Kreolistik zeigt uns, dass gerade auch ‚verbotene Sprachen‘ oft recht leicht gelernt werden, weil die Existenz von Hürden und Hindernissen die MotivationMotivation zum Lernen anregen kann (Ehrhart 2012).
Insbesondere das oft versteckte sprachliche Potential der ArbeitsweltArbeitswelt (mit Machtstrukturen für die multinationalen Betriebe, welche denen von Staaten durchaus ähneln können) ist in letzter Zeit in den Fokus des Interesses gerückt (↗ Art. 24); nicht nur in den Sprach-, sondern auch den Wirtschaftswissenschaften (Barner-Rasmussen et al. 2014). Über eine sinnvolle Verwendung der Mehrsprachigkeit im Bereich der internationalen Forschung (Steyaert & Janssens 2012) sowie im Rahmen von europäischen oder internationalen Institutionen (Gazzola & Grin 2013) und in der Weltpolitik (Ricento 2015) wird ebenfalls diskutiert (↗ Art. 9).
Seit einigen Jahren wird auch immer mehr die Verbindung zwischen Migration bzw. Mobilität einerseits (Pellerin 2011) und dem Sprachwandel durch zunehmenden SprachkontaktSprachkontakt andererseits herausgestellt (Krefeld 2004; Stehl 2005; Garcίa 2009). Rezente Forschungen zum PostkolonialismusPostkolonialismus und den jüngsten Migrationsbewegungen zwischen dem Nahen Osten und Mittel- bzw. Westeuropa und deren Bezug zum sprachlichen Handeln führen diese Gedanken weiter (z.B. Kalocsányiová 2017). Die neuesten europäischen RichtlinienRichtlinien mit einer Erweiterung des weithin bekannten Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GeRGeR) des Europarats von 2001 unterstreichen die Notwendigkeit einer plurilingualen und plurikulturellen Kompetenz für die Bürger der Europäischen Union und darüber hinaus (Council of Europe 2018) (↗ Art. 18). Dieses neue und in seiner allgemeinen Ausrichtung nicht unumstrittene Dokument ersetzt die Zielvorstellung des native speakersnative speaker durch die mehrsprachige Person, welche mit den sprachlichen und kulturellen Verhaltensweisen eines Landes vertraut ist (North & Piccardo 2016: 47). All diese Entwicklungen in Richtung einer immer stärkeren Fluidität des Raumes und einer wachsenden Mobilität der Sprechergruppen müssen in aktuellen Studien berücksichtigt werden, sodass eine klare Unterscheidung zwischen territorialer (im Raum verankerter) und gesellschaftlicher (in den Sprechergemeinschaften verankerter) Mehrsprachigkeit immer weniger möglich sein wird. Die aktuelle Grenzraumdidaktik beschäftigt sich mit derlei Fragen. Dabei sollten die vielfältigen Gegenreaktionen mit einbezogen werden – so die erneute Verstärkung von nationalen Grenzen, welche in der jüngsten Vergangenheit zu beobachten ist.
Spolsky 2009 nennt die Bereiche, in welchen sich Sprachkontaktphänomene finden lassen, das sind die Familie im weiteren Sinn (family language policyfamily language policy), religiöse und kulturelle Vereinigungen, Arbeitsbeziehungen und Handel, der öffentliche Raum, das Gesundheitswesen und das Militär sowie die Verwaltung, die Forschung und das ErziehungswesenErziehungswesen auf allen Stufen. Die Diglossie bezeichnet mehrsprachige Situationen mit Sprachgruppen, welche über ein unterschiedliches politisches und gesellschaftliches Gewicht verfügen, auch hier sind oft keine klaren Abgrenzungen mehr festzustellen, die Übergänge sind eher fließend und aushandelbar.
Im Sinne der SprachökologieSprachökologie (Fill & Mühlhäusler 2001; Fill & Penz 2018) ist es nicht von Bedeutung, streng zwischen der individuellen Entstehung der allgemeinen Sprachfähigkeit und der spezifischen Ausbildung von Kenntnissen in einer oder mehreren Sprachen zu trennen. Jedes Inviduum entwickelt das sprachliche Repertoire, welches an seine Umgebung angepasst und dort auch stimmig ist; sei dies aus geografischer, sozialer, kultureller oder politischer Sicht. Es gibt kein SprachenrepertoireSprachenrepertoire, welches völlig einem anderen gleicht, es ist Folge individueller Lebenswege und bleibt ein Leben lang in Bewegung und in Kontakt mit den jeweiligen wechselnden Umwelten. Kein Mensch ist völlig einsprachig, er verfügt auf jeden Fall über verschiedene Register, diatopische, diastratische und diaphasische Varianten bzw. Soziolekte; gleichzeitig kann man auch die innere Mehrsprachigkeit einer jeden Sprache beobachten, die sich jeweils aus Elementen verschiedenster Herkunft zusammensetzt.
Sprache und NationSprache u. Nation sind seit dem Beginn der Sprachwissenschaft fast immer als untrennbares Paar aufgetreten (↗ Art. 10, 11). In den letzten Jahrzehnten wurde diese Verbindung immer stärker in Frage gestellt, zunächst durch die Soziolinguisten, welche auf die Bedeutung von VarietätenVarietäten hinwiesen, die keine Armee, keine Akademie oder kein Erziehungssystem als Stütze hinter sich hatten und welche zahlenmäßig oder auch nur symbolisch schwächer waren als die groβen, mit den NationalstaatenNationalstaaten identifizierten und von diesen geschützten Sprachen.
Neue kritische Anstöße kommen nun vor allem durch Autoren, die mit anderen Kulturkreisen und nicht nur dem europäisch-nordamerikanischen Raum in Verbindung stehen wie Pennycook und Otsuji (2015) oder Makoni und Pennycook (2007): sie dekonstruieren das Konzept von Sprache allgemein und sehen eher ein Mosaik an Äuβerungen, deren Verständlichkeit durch komplexe Austarierungsprozesse oder auch AkkomodationsprozesseAkkomodationsprozesse gewährleistet wird, bei denen sich alle Partner auf die anderen einstellen, es wird nicht nur einseitig ein Integrationswille verlangt. Diese Beobachtungen in Räumen mit intensivem SprachkontaktSprachkontakt werden im Rahmen der GlobalisierungGlobalisierung immer repräsentativer für die Gesamtheit der Kommunikationssituationen auf der Welt.
Ehrhart und Mühlhäusler oder Garcίa unterstreichen die Rolle von kleineren Sprechereinheiten als der Nation, den speech communities; gerade aufgrund ihrer persönlichen Migrationserfahrung sehen sie auch die Dynamik von Sprecherbiografien, sie zeigen durch ihre Forschungen ebenfalls, dass man sich auch zu mehreren Gemeinschaften (hintereinander oder auch gleichzeitig) zugehörig fühlen kann. Der monolinguale Habitusmonolingualer Habitus der deutschen Schule (nach Gogolin 1994) ist oft nur ein Ausblenden oder sogar ein bewusstes Verdecken der tatsächlich überall auf der Welt herrschenden sprachlichen Diversität. Es wird immer klarer, dass diese Vielfalt auch in Ländern existiert, die offiziell als einsprachig ausgewiesen werden (hier werden häufig Frankreich und Spanien genannt, für beide jedoch auch schon mit sehr unterschiedlichen SprachenpolitikSprachenpolitiken), nur ist sie da verdeckter als in z.B. Luxemburg oder in Kanada, welche einige (aber nicht alle) im Land gesprochenen Sprachen auf staatlicher Ebene ausweisen. Die Gleichung „Sprache entspricht Nation“ wird somit durch die innere Vielfalt der Länder aufgebrochen, und ebenfalls durch die Existenz von Ländern, welche sich eine gemeinsame Sprache oder Varietäten davon teilen. Fragestellungen dieser Art sind Inhalt der in ihrer Bedeutung stark anwachsenden Grenz(sprachen)didaktikGrenz(sprachen)didaktikGrenz(sprachen)didaktik (↗ Art. 101).
Andererseits ist Sprache nicht der einzige verbindende Faktor für politische und soziale Einheiten: die Arbeiten von Canagarajah und Wurr (2011) eröffnen über die erziehungspolitischen Aspekte der Sprachen hinaus neue Perspektiven. So zitieren sie Kubachdanis Beschreibung des vielsprachigen Indiens, in dem ein Gemeinschaftsgefühl nicht unbedingt durch eine gemeinsame Sprache entstehen muss, es kann sich vielmehr auch allein durch das gemeinsam bewohnte und bewirtschaftete Land entwickeln. Dies erinnert an die Veröffentlichungen von Hartmut Rosa (2007), der den in letzter Zeit sehr strapazierten Begriff der Heimat wissenschaftlich neutraler als „eine Umgebung, die ich mir anvertraut habe“ definiert.
Caroline Patzelt zeichnet ein eindrucksvolles Bild von “Sprachdynamiken in modernen Migrationsgesellschaften“ anhand ihrer Beschreibung der sehr mobilen Gesellschaft von Französisch-Guayana mit einer sprachlichen Vielfalt, welche „mit traditionellen soziolinguistischen Modellen nicht erklärbar scheint und die auch verschiedene MinderheitensprachenMinderheitensprachen mit oftmals geringer Anzahl an L1-Sprechern dauerhaft erhält, wie diese Vielsprachigkeit im Alltag einer multikulturellen und -lingualen Gesellschaft konkret funktioniert und inwiefern auch solch komplexe sprachliche border-Konstellationen möglicherweise einer gewissen Regelhaftigkeit bzw. Systematik unterliegen“ (2016: 3, ohne Fuβnoten). Sie weist darauf hin, dass in diesen fluiden Gesellschaften „Stabilität durch Mobilität“ (S. 177) erreicht werden kann.
Aus diesen Ausführungen geht hervor, dass die traditionelle Aufteilung in plurilinguismeplurilinguisme als Mehrsprachigkeit des Individuums und multilinguismemultilinguisme als Mehrsprachigkeit auf territorialer, gesellschaftlicher oder kollektiver Ebene nicht mehr ausreicht. Auch die Erweiterung in den Einleitungskapiteln des Referenzrahmens von 2001, welcher MultilingualismusMultilingualismus als eine getrennte Behandlung von Sprachen dem Plurilingualismus und seiner holistischen Sicht einer Sprachenlandschaft mit unter sich vernetzten Sprachen entgegensetzt (die englische Sprache unterschied lange Zeit überhaupt nicht und verwendete für alle beide multilingualism), ist nicht mehr ausreichend (↗ Art. 18). Für Situationen mit ausgeprägtem SprachkontaktSprachkontakt und einer engen Verknüpfung zwischen dem individuellen und dem kollektiven Bereich schlagen wir daher den Begriff multiplurilingue vor (Bes & Ehrhart, in Vorbereitung). Diese hochgradig mehrsprachigen Kontexte werden heute noch häufig als Ausnahmesituationen betrachtet, in der Gesellschaft der Zukunft werden sie jedoch die Regel sein.
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Sabine Ehrhart
3. Mehrsprachigkeit in Einwanderungsgesellschaften
1. Begriffliche und historische Einordnung
Eine Darstellung von Mehrsprachigkeit in Einwanderungsgesellschaften sieht sich mit einer kaum überschaubaren Vielfalt an Phänomenen und Fragestellungen konfrontiert. Dennoch lassen sich einige Konzepte identifizieren, die sowohl im Fokus der MigrationsforschungMigrationsforschung als auch der MehrsprachigkeitsforschungMehrsprachigkeitsforschung stehen. Die dabei zentrale Frage ist die nach der sprachlichen Integration von MigrantInnenMigranten in der EinwanderungsgesellschaftEinwanderungsgesellschaft (↗ 105) und den Möglichkeiten ihrer Partizipation an den gesellschaftlichen Ressourcen (vgl. Maas 2008). IntegrationIntegration und Partizipation werden maßgeblich durch die SprachpolitikSprachpolitik staatlicher und suprastaatlicher Akteure, durch das sprachliche/soziale Handeln in Kindergärten, Schulen, Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Vereinen etc. bestimmt.
Insbesondere seit 2015 diskutieren die Länder der Europäischen Union gleichermaßen intensiv wie kontrovers „die Flüchtlingskrise“ und erzeugen hierbei den Eindruck, es handle sich um eine historische Ausnahmesituation. Dabei wird übersehen, dass WanderungsbewegungenWanderungsbewegungen seit jeher Teil der europäischen Geschichte sind und Europa weit massivere Bevölkerungsverschiebungen erlebte als jene der Gegenwart (vgl. Bade et al. 2010). Umwelt- und humanitäre Katastrophen, Kriege, GewaltGewalt, Vertreibungen, Armut und Hunger sorgen ihrerseits dafür, dass überall auf der Welt Menschen migrieren und potentiell jede Gesellschaft von Einwanderung wie von AuswanderungAuswanderung betroffen ist. Im Zuge des KolonialismusKolonialismus entstanden einige der als klassisch verstandenen Einwanderungsländer wie die USAUSA, KanadaKanada oder AustralienAustralien. Während ein Land wie Israel sozusagen per se eine vielsprachige EinwanderungsgesellschaftEinwanderungsgesellschaftIsrael, Australien, Kanada, USA usw. darstellt, geht in DeutschlandDeutschland seit dem 19. Jahrhundert, allen empirischen Befunden zu Ein- und Auswanderung zum Trotz, die Leitidee des Nationalstaats – ein VolkVolk, ein Staat, eine Sprache – mit der politischen Ablehnung der Anerkennung und Gestaltung von Einwanderung einher (↗ Art. 10). Erst mit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 zeichnet sich hier eine andere Wahrnehmung von Gesellschaft und Immigration ab.
2. Sprachregimes und Strategien des Konfliktmanagements
Migration geht geradezu zwangsläufig mit dem Anwachsen sprachlicher Diversität in gesellschaftlichen Räumen einher (↗ Art. 100). Mit Coulmas (2005) wird unter Sprachregimes ein Bündel von Gewohnheiten, rechtlichen Regulierungen und Ideologien verstanden, die je nach sozialem Raum die Praxis der SprecherInnen in der Wahl der sprachlichen Mittel beschränken. Busch (2013: 135) verweist zudem darauf, dass es hierbei nicht nur um normative Regulierungen von Sprache, sondern auch um die Ungleichheit in der Verteilung von Ressourcen und Macht geht (↗ Art. 38). Sprachliche Integration und Partizipation unterliegen den jeweiligen Sprachregimes, die ihrerseits wiederum Einfluss darauf haben, wie sich das sprachliche Repertoire von ImmigrantInnen und MigrantInnen verändert. Um nur ein Beispiel zu nennen: In AustralienAustralien war die Zeit der Masseneinwanderung nach dem Zweiten Weltkrieg aus nicht-englischsprachigen Ländern von einer konsequenten AssimilierungspolitikAssimilierungspolitik zugunsten eines einsprachigen Australiens gekennzeichnet. Andere Sprachen als Englisch waren in öffentlichen Räumen, in den Medien, im Buchbestand öffentlicher Bibliotheken usw. weitgehend ausgeschlossen; ImmigrantInnen sollten so bald wie möglich Englisch lernen und „so wie wir“ werden (Clyne 2003). Gegen die auf EinsprachigkeitEinsprachigkeit in Englisch ausgerichtete Assimilierungspolitik und zugleich gegen die repressive und rassistische Minderheitenpolitik richtete sich in AustralienAustralien, und sukzessiv in vielen anderen Ländern seit den 1970er Jahren, die Politik des MultikulturalismusMultikulturalismus. Sie wurde 1971 zuerst in KanadaKanada offiziell eingeführt und avancierte hier zum gleichermaßen komplementären wie konkurrierenden Prinzip der offiziellen ZweisprachigkeitZweisprachigkeit und der BikulturalitätBikulturalität. Zwar öffnet der Multikulturalismus mit der Anerkennung der Herkunftskulturen gewisse Räume für mehrsprachige Praktiken, hinter dem Rücken der Beteiligten setzt sich aber, wie die sprachlichen Verhältnisse im anglophonen Kanada zeigen, das Englische als dominante Sprache durch. Gegen die Politik des Multikulturalismus wenden sich das Konzept und die Politik der InterkulturalitätInterkulturalität, die im Sinne von IntegrationIntegration und Partizipation nicht mehr nur die Toleranz und das Nebeneinander der Kulturen und Sprachen, sondern das Miteinander und den Austausch favorisieren. Die Förderung interkultureller Kompetenzeninterkulturelle Kompetenz zielt dabei auf das kulturelle Selbst- und FremdverstehenFremdverstehen und auf das Erlernen von an Mehrsprachigkeit orientierten Strategien (↗ Art. 44), ohne das Erfordernis einer gemeinsam verfügbaren Sprache in öffentlichen Räumen in Frage zu stellen.
3. Familie und Schule
Mehrsprachigkeit in der Familie als primäre Sozialisationsinstanz für die darin aufwachsenden Kinder (↗ Art. 52) resultiert in der Regel entweder daraus, dass in einer Gesellschaft zwei oder mehrere Sprachen koexistieren und sie so auch in die FamilienkommunikationKommunikationin der Familie hineinreichen, oder mindestens einer der Partner unter Migrationsverhältnissen lebt und seine HerkunftsspracheHerkunftssprache(n) oder Zweitsprache(n) in der ErziehungErziehung der Kinder praktiziert. Im Kontext von Mehrsprachigkeit bedeutet Familiensprache oft jene für die Zwecke der mündlichen Kommunikation und des intimen und informellen RegistersRegistersprachliches verwendete Sprache des Alltags, die – weltweit betrachtet – überwiegend eine andere ist als jene, in der die schriftsprachliche Sozialisation erfolgt.
Elementare Aufgabe jeder Schule ist es, dass die Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Im Zuge der nationalstaatlichen Entwicklung erfolgt das Lernen in der Regel in der – oder ggf. in einer – Nationalsprache, somit im Modus der Einsprachigkeit. Für das schulische Erlernen weiterer Sprachen fand und findet dabei traditionell das Konzept der ‚Fremdsprache‘ Anwendung, dessen Sinn in vielsprachigen Migrationsgesellschaften jedoch in Frage zu stellen ist. Für Kinder, die bis zum Eintritt in die Schule nicht mit der Nationalsprache vertraut sind (↗ Art. 54), galt – und gilt auch heute noch – das Prinzip der SubmersionSubmersion, d.h. sie werden in die regulären Klassen eingeschult, indem darauf vertraut wird, dass sie im Kontakt mit ihren MitschülerInnen die Schulsprache erlernen. Seit den 1960er Jahren mehren sich die Versuche, der sprachlichen Diversität in den Gesellschaften dadurch Rechnung zu tragen, dass Modelle der ImmersionImmersion erprobt werden. Hierbei werden SchülerInnen, deren Herkunftssprache eine andere ist als die Sprache der Schule, pädagogisch kontrolliert, vollständig oder teilweise in der Sprache der Schule unterrichtet. Dieses Modell verbleibt im Prinzip im Modus der Einsprachigkeit, es zielt aber auf die Förderung von ZweisprachigkeitZweisprachigkeit/Bilingualismus. Zweisprachige Modelle sind hingegen solche, in denen das Curriculum in zwei Sprachen dargeboten wird. Im transitorischen Modell werden homogene Klassen für eine gewisse Zeit in der Herkunftssprache der Kinder unterrichtet und ihnen zunehmend Unterricht in der Zweitsprache erteilt, bis sie, meist nach zwei bis sechs Jahren, in die regulären Klassen übergehen. Im Language-maintenance-Modell wird die Herkunftssprache der Kinder bzw. die Sprache des „kulturellen Erbes“ (‚heritage languageheritage languageHerkunftsspracheheritage languageHerkunftssprache‘) während der gesamten Schulzeit als Medium eines wesentlichen Teils des Curriculums neben der dominanten Sprache verwendet. Dagegen werden im Modell der reziproken Immersionreziproke Immersion (Two-Way-Immersion) SchülerInnen verschiedener Sprachgruppen, meist je zur Hälfte aus Einheimischen und aus einer Migrantensprachgemeinschaft, in beiden Sprachen unterrichtet. Die ZweisprachigkeitZweisprachigkeit/Bilingualismus wird in der gesamten Schulzeit verfolgt und hierbei lebensweltliche SprachpraxisSprachpraxis mit der bildungssprachlichen verbunden (ausführlich dazu Reich & Roth et al. 2002).
4. Sprachloyalität und Sprachumstellung
Für Menschen, die sich in anderssprachigen Räumen niederlassen, stellt sich notwendig die Frage, wie sie einerseits die gesellschaftlich dominante Sprache für eine differenzierte Lebenspraxis erlernen können und andererseits, wie sie mit der Sprache oder den Sprachen, die ihre bisherige Biographie geprägt hat oder haben, umgehen sollen und wie funktional diese Sprachen in der neuen Umwelt noch sind. Die beiden Begriffe SprachloyalitätSprachloyalität und Sprachumstellung (vgl. Fishmann et al. 1966) markieren die Pole einer Achse im Sprachverhalten von Migrantinnen und Migranten zwischen Erhalt ihrer Herkunftssprache(n) und der sprachlichen Akkulturation unter den sprachlichen Dominanzverhältnissen des Ziellandes (↗ Art. 106). Sprachloyalität ist dabei häufig ein Aspekt eines ganzen Bündels von identitätsbezogenen Merkmalen. Insbesondere bei Gemeinschaften, die in der Diaspora leben, verbindet sich religiös motivierte Abgrenzung mit dem Erhalt von erlernten sozialen Normen und der Praxis ihrer Herkunfts- bzw. Gemeinschaftssprache. Quer zu dieser Achse verläuft als andere Achse die des sprachlichen Ausbaus, verbunden mit der Frage nach dem Erlernen von sprachlichen Formen, Strukturen und Normen, die eine differenziertere SprachpraxisSprachpraxis als jene der familiär tradierten und mündlich geprägten Nähe-KommunikationKommunikationNähe- ermöglichen. Der sprachliche Ausbau erstreckt sich somit vor allem auf das Erlernen der auch für die Distanz-KommunikationDistanz-Kommunikation erforderlichen Ressourcen des formellen Registers, wie es sich im Medium der Schriftsprache entfaltet und auf diese Weise den Zugang zur Sprache der gesellschaftlichen Verwaltung, des Rechts, der Literatur, der religiösen Texte, der Wissenschaft etc. ermöglicht. Loyalität zur Herkunftssprache und -kultur stellt im Kontext von Migration zunächst eine individuelle Entscheidung dar, die eigene Sprache weiterhin zu kultivieren und als kulturelle Ressource zu nutzen, wie es nicht nur für die sprachlichen und oftmals religiös geprägten DiasporagruppDiasporagruppen (z.B. die Mennoniten/Amischen in den USA und Kanada) kennzeichnend ist. Sprachloyalität ist verbreitet auch als ein widerständiger Akt im Kontext von sozialer MarginalisierungMarginalisierung seitens der Mehrheitsgesellschaft anzusehen, wenn z.B. durch verfehlte Immigrations- und Integrationspolitik, wie gegenüber türkischen ImmigrantInnen in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1960er Jahren, die Gemeinschaften auf sich selbst zurückgeworfen werden und sich quasi autark organisieren müssen (↗ Art. 109). Sprachumstellung hingegen resultiert aus dem individuellen Arrangement mit den dominanten sprachlichen Verhältnissen. Somit folgen Sprachloyalität wie Sprachumstellung maßgeblich den Setzungen der jeweiligen Sprachenregimes.
5. Generation
Anhand der Immigration in die USAUSA entwickelte J. Fishman (1966) ein Mobilitätsmodell von Wanderung, das auch als Drei-Generationen-Modell bezeichnet wird. Dieses Modell steht für die sprachliche AkkulturationAkkulturation und für den Übergang von der Einsprachigkeit in der Herkunftssprache A in die Einsprachigkeit im Zielland in Sprache B. ZweisprachigkeitZweisprachigkeit/Bilingualismus wird hierbei vor allem für die zweite Generation angenommen. Maas (2008: 22, 554ff.) zeigt, dass dieses Modell im Hinblick auf die jeweils konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse und die Spannungen zwischen den Generationen revidiert werden muss und in etwa wie folgt zu beschreiben ist: Die erste Generation kann das ökonomische Überleben nur bewerkstelligen, wenn sie Kompromisse mit den habitualisierten Lebensgewohnheiten macht und sich zumindest eine „Überlebensvarietät“ in der Landessprache aneignet (z.B. „Gastarbeiterdeutsch“). Die zweite Generation wächst unter landessspezifischen Bedingungen auf; sie hat die Umgangssprache des Landes schon habitualisiert und partizipiert mehr oder weniger erfolgreich an deren Ausbau in der Schule. In dem Maße, wie die Kinder sich erfolgreich mit den neuen Lebensverhältnissen arrangieren, verlieren für sie die Diasporaverhältnisse der Eltern an Gewicht; sie werden zu einem Konfliktterrain in der Auseinandersetzung mit der elterlichen Kontrolle. Hier gewinnen die HeiratsmigrationEheHeiratsmigration, aber auch Au-pair-Situationen, an Bedeutung; sie stabilisieren die sprachlichen Verhältnisse in der Familie auch für die folgende Generation. Die dritte Generation ist dem DiasporakonfliktDiasporakonflikt weitgehend enthoben. Mit Eltern, die sich um die IntegrationIntegration in die Einwanderungsgesellschaft bemühen, gehören sie mehr oder weniger erfolgreich zu dieser dazu. Sie erfahren aber häufig diskriminierende Zurücksetzung, durch die ihr Blick nahezu zwangsläufig wieder auf die Herkunft bzw. die Diasporasituation gelenkt wird; mit der Konsequenz, dass sie sich um Attribute der Herkunftskultur bemühen (vgl. ebd.: 555). Die neuere MigrationsforschungMigrationsforschung fokussiert zunehmend auf die Brechung der IntegrationsverläufeIntegrationVerläufe, bei denen transnationale und transkulturelle Organisationsformen in den Blick kommen.
Literatur
Bade, K. J., Emmer, P. C., Lucassen, L. & Oltmer, J. (2010): Enzyklopädie Migration in Europa vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Paderborn u.a.
Busch, B. (2013): Mehrsprachigkeit. Wien.
Clyne, M. G. (2003): Dynamics of Language Contact: English and Immigrant Languages. Cambridge u.a.
Coulmas, F. (2005): Changing Language Regimes in Globalizing Environments. In: International Journal of the Sociology of Language 175-176, 3-16.
Fishman, J.A., Nahirny, V. C., Warshauer, M. E. et al (1966): Language Loyalty in the U.S: the Maintenance and Perpetuation of non-English Mother Tongues by American Ethnic and Religious Groups. The Hague.
Maas, U. (2008): Sprache und Sprachen in der Migrationsgesellschaft. Die schriftkulturelle Dimension. Göttingen.
Reich, H. H., Roth, H.-J. et al. (2002): Spracherwerb zweisprachig aufwachsender Kinder und Jugendlicher: ein Überblick über den Stand der nationalen und internationalen Forschung. Hamburg.
Jürgen Erfurt
4. Enkulturation und Sprachen
1. Begrifflichkeit
Der Begriff EnkulturationEnkulturation wurde zuerst von Herskovits (1948: 39-42) verwendet. Nach seiner Definition bezeichnet enculturation alles, was in einem menschlichen Leben gelernt werden kann unter dem Aspekt dessen, was auf der Welt ist.
SozialisationSozialisation ist nach der Definition von Child (1954: 655) „the whole process by which an individual, born with behavioral potentialities of enormously wide range, is led to develop actual behavior which is confined within a much narrower range – the range of what is customary and acceptable for him according to the standards of his group“.
Zum großen Teil ist LernenLernen sowohl mit Enkulturation als auch mit Sozialisation verknüpft, wie am Beispiel von Sprache gut erkennbar ist. Ein Teil des erstmaligen SpracherwerbSpracherwerbs (L1) beim Kind ist gesteuert. Lernende werden in der formalen Bildungformale Bildung, also durch Unterricht, ausdrücklich und systematisch sprachlich instruiert und lernen – dem Alter entsprechend – bewusst. Ein erheblicher Teil des Spracherwerbs erfolgt aber ungesteuert und unbewusst, also informell, vor und nach der Einschulung bzw. unabhängig davon. Ähnliches gilt für das Erlernen weiterer Sprachen parallel zur ersten oder nacheinander (↗ Art. 52).
Verwandt mit den Begriffen Enkulturation und Sozialisation sind die Begriffe AkkulturationAkkulturation und AssimilationAssimilation (sinngemäß: Angleichung). Im Vergleich zur Enkulturation sind diese Prozesse als sekundär und spezifisch zu verstehen. Sie erfolgen also ggf. im Rahmen der Enkulturation, wenn das Individuum – ob in der Kindheit oder später – durch Migration sich in eine Umgebung einfügen muss, die sprachlich und/oder soziokulturell sich von der seiner Herkunftsfamilie und -region unterscheidet (↗ Art. 100). Berry (1997: 9f.) versteht Assimilation als eine der möglichen Varianten des Vorgangs Akkulturation, eine andere ist IntegrationIntegration. Seit den 1930er Jahren haben die Begriffe Akkulturation und Assimilation (sowie der Begriff IntegrationIntegration) in der soziologischen und in der anthropologischen Terminologie, namentlich in der Migrationsforschung, verschiedene Gewichtungen und Konnotationen erhalten (Geisen 2018).
In Bezug auf den Erwerb bzw. das Erlernen von Sprache(n) im Rahmen von Enkulturation, Sozialisation und Akkulturation sind solche Bedeutungsverschiebungen wichtig. Wenn eine Gesellschaft und ein Schulsystem das Modell der Assimilation als Ideal vorgeben und somit EinsprachigkeitEinsprachigkeit in der Ankunftssprache (für Zugewanderte L2) als Norm voraussetzen, sind die Bedingungen anders als wenn eine Gesellschaft und ein Schulsystem MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit akzeptieren oder gar fördern. Auch die KommunikationKommunikationin der Familie im Rahmen der einzelnen Familie wird vom gesellschaftlichen Klima beeinflusst. Ein starker Assimilationsdruck seitens der Politik (↗ Art. 11) und der Schule kann sich auf den SprachgebrauchSprachgebrauch in der Familie auswirken: Diese wird sich für den Verzicht auf die HerkunftsspracheHerkunftssprache(n) entscheiden. Auch die Größe der Gemeinschaft der Sprachteilhaber sowie das PrestigePrestigevon Migrantensprachen der jeweiligen Minderheiten- oder der MigrationssprachenMigrantensprachen können dabei eine Rolle spielen.
2. Problemaufriss
In einer amtlich monolingualen Gesellschaft wird stillschweigend angenommen, dass das sprachliche Lernen beim Kind im Verlauf seiner Enkulturation in nur einer Sprache stattfindet. Eine solche Grundannahme prägt weitgehend auch das Selbstverständnis der einschlägigen wissenschaftlichen Disziplinen und die Diskurse, die – ggf. auch in BildungspolitikBildungspolitik und Unterrichtspraxis – daraus resultieren.
In der neueren und gegenwärtigen soziologischen, anthropologischen, psychologischen und sprachwissenschaftlichen Forschung wird zunehmend über die Tatsache reflektiert, dass internationale Migrations- und Mobilitätsbewegungen die Bedingungen der Enkulturation sowie der Akkulturation (und ihrer Varianten) tiefgreifend verändert haben und weiterhin verändern. Gemischte Ehen, Schulen mit multilingualer Schülerschaft prägen das menschliche Verhalten in und außerhalb der Familie. Unter solchen Bedingungen kann in zahlreichen Fällen und Konstellationen von einer monokulturellen und einsprachigen Enkulturation keine Rede sein. Kontakt zwischen Kulturen und sozialen Milieus sowie HybridisierungHybridisierungvon Kulturen auch im SprachgebrauchSprachgebrauch finden in mannigfaltigen Formen statt (↗ Art. 105). An verschiedenen Stellen geht die Einführung von Segall et al. (1999: 62f., 301f.) mit dem Titel Human Behavior in Global Perspective (erstmals 1990 veröffentlicht) auf diesen Sachverhalt ein.
3. Forschungsstand
Forschung über Enkulturation (und Akkulturation sowie ihrer Varianten) unter den Bedingungen der Vielfalt der Soziokulturen und Sprachen ist verhältnismäßig jung. Im Fokus stehen häufig das Jugend- und das Erwachsenenalter und die Ergebnisse der Akkulturation infolge von Migration. Neben der sozialpsychologischen Einführung von Segall et al. (1999) und dem umfangreichen theoretischen sowie empirischen Werk von Berry (1997) sind bisher kaum Arbeiten zu verzeichnen, die gezielt die Verbindung Enkulturation und Sprachen (im Plural) im Kindesalter etwa in Form von Längsschnittstudien zum Gegenstand haben.
In der Sprachwissenschaft wurde bis in die 1960er Jahre hinein die Idee vertreten, dass frühkindliche ZweisprachigkeitZweisprachigkeitfrühkindliche etwas UnnatürlichesBilingualismuss. Zweisprachigkeit, kaum Mögliches und – falls vorhanden – für die kindliche Seele etwas Schädliches sei. Allerdings fehlten damals belastbare Ergebnisse empirischer Untersuchungen, weil empirische Forschung in den Sozialwissenschaften noch in den Kinderschuhen steckte. Seit den 1960er Jahren ist ein Wandel der Perspektive festzustellen. Erste empirische Untersuchungen zeigten, dass Kinder ohne besondere Schwierigkeiten oder Nachteile zwei Sprachen parallel oder mit geringer Zeitverschiebung erwerben können (Baker & Prys Jones 1998: 62f.). In der Anfangszeit jenes Paradigmenwechsels war noch kaum die Rede davon, dass unter bestimmten Umständen auch frühkindliche Dreisprachigkeit möglich sein kann.
Ähnlich wie bei der sozialpsychologischen Forschung sind die 1990er Jahre auch für die Forschung über Mehrsprachigkeit (↗ Art. 51, 85) fruchtbare Jahre. Es kristallisieren sich drei Schwerpunkte heraus:
Frühkindliche Mehrsprachigkeit (↗ Art. 52, 53) als Gewinn für die menschliche Entwicklung und unverzichtbarer Bestandteil von allgemeiner Bildung; auf dieser Idee basiert die von vielen Bildungssystemen unterstützte Förderung des Unterrichts von einer oder zwei Fremdsprachen bereits in der GrundschuleGrundschule. Einen besonderen Fall stellen bilinguale Programme (↗ Art. 111) dar, wie sie Bildungssysteme in offiziell zweisprachigen Ländern, zum Beispiel KanadaKanada, anbieten (Heller 2003). Dieser Ansatz wird einerseits durch die positive Wertung der frühkindlichen Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit aufgrund vorliegender Forschungsergebnisse getragen, andererseits auch von Richtlinien politischer Körperschaften wie etwa der Europäischen Union (Europäische Kommission 1996) propagiert (↗ Art. 12).
Auswirkungen der frühkindlichen Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit (in der Regel geht es jedoch bei Kleinkindern um höchstens drei Sprachen) auf kognitive Prozesse. Hierbei ist als Durchbruch zu nennen, dass moderne bildgebende Verfahren Einsichten in die Hirntätigkeit von Mehr- im Vergleich zu Einsprachigen ermöglichen (Van de Craen & Mondt 2003: 213f.). Nach heutigen Erkenntnissen der Neurolinguistik sind bei Zwei- bzw. Mehrsprachigen im Kindes- sowie im Erwachsenenalter kognitive VorteileZweisprachigkeitkognitive Vorteile der nachgewiesen, insbesondere wenn die Sprachen in der frühen Kindheit (0 bis 3 Jahre) erworben wurden und ein Leben lang verwendet werden. Als kognitive Vorteile werden non-verbale FähigkeitenFähigkeitennon-verbale genannt wie selektive Aufmerksamkeit und Unterdrückung (selective attention/inhibition), Verlagerung der Aufmerksamkeit (attention shifting), Arbeitsgedächtnis (working memory) (Bialystok & Poarch 2014).
Zusammenhänge zwischen dem Erwerb von mehr als einer Sprache parallel von Geburt an oder konsekutiv und der IdentitätsbildungIdentitätsbildung. Das Thema der Identität (↗ Art. 1) wurde mit Blick auf den – auch literarischen – Gebrauch von mehreren Sprachen durch Erwachsene untersucht (Lüdi 2018: 138). Zu Identität und natürlicher Mehrsprachigkeit von Sprachgemeinschaften s. Baker & Prys Jones (1998: 96f.), zu SprachenlernenSprachenlernenu. Identität und -lehren und Identität s. Cummins (2001) und Norton (2013).
4. Praxisrelevanz
Untersuchungen über Enkulturation und Sprachen sind relevant
für Erziehungsberechtigte: Wie wird die eventuell mitgebrachte ZweisprachigkeitZweisprachigkeitin heterokulturellen Ehen o. Partnerschaften in gemischten Ehen oder Partnerschaften gehandhabt? Welche Sprachen sollen in Familien mit Migrationshintergrund im Familienalltag gesprochen werden, und wie sind Kinder am besten sprachlich zu fördern? Welchen Stellenwert hat die Erst- bzw. FamilienspracheFamiliensprache (L1) im Verhältnis zur Sprache der Umgebung (L2)?
für vorschulische und schulische Bildung (↗ Art. 53, 54): In welchen Sprachen sollen Kinder mit Migrationshintergrund oder Kinder von hochqualifizierten Fachkräften (oft Expats genannt) die nur wenige Jahre im Aufnahmeland leben, unterrichtet werden? Wie können die Sprachen von Zugewanderten sowie MinderheitensprachenMinderheitensprachen im Regelcurriculum adäquat berücksichtigt werden?
für die Didaktik der beteiligten Sprachen (L1, L2, L3, Ln): Wann sollen Fremdsprachen und Landessprachen einer anderen Sprachregion (zum Beispiel in der Schweiz) eingeführt werden? Welche Unterrichtsmethoden bewähren sich insbesondere in mehrsprachigen Klassen (↗ Art. 110)?
für interkulturelles Lerneninterkulturelles Lernen: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Wertschätzung und Förderung der Mehrsprachigkeit, interkultureller Bildung und interkultureller Kompetenz? (Allemann-Ghionda 2013: 107f.) (↗ Art. 32).
5. Perspektiven
Die Verbreitung von Forschungsergebnissen über frühkindliche Zwei- und Mehrsprachigkeit im Rahmen der Aus- und Fortbildung von Lehrpersonen für alle Schulstufen erscheint notwendig. Der Mythos der Perfektion und Reinheit von Sprachen und Soziokulturen weicht der Erkenntnis, dass Mehrsprachigkeit beim Individuum als pragmatisch einzusetzendes SprachenrepertoireSprachenrepertoire zu verstehen ist. Nicht zuletzt dank der Forschung über frühkindliche ZweisprachigkeitZweisprachigkeitfrühkindliche verändert sich die Wahrnehmung und Definition von Enkulturation als zwingend monokulturell und einsprachig zugunsten der Erkenntnis, dass Enkulturation und damit einhergehend Spracherwerb und sprachliche Sozialisation multilingual erfolgen können. Weltweit wachsen Generationen heran, deren EnkulturationEnkulturation und Sozialisation bereits von Geburt an unter soziokulturell und sprachlich diversifizierten Bedingungen erfolgt. Hierbei werden Enkulturation und Akkulturation eins.
Literatur
Allemann-Ghionda, C. (2013): Bildung für alle, Diversität und Inklusion: Internationale Perspektiven. Paderborn.
Baker, C. & Prys Jones, S. (1998): Encyclopedia of Bilingualism and Bilingual Education. Clevedon.
Berry, J. W. (1997): Lead Article: Immigration, Acculturation and Adaptation. In: Applied Psychology: An International Review 46/1, 5-34.
Bialystok, E. & Poarch, G. (2014): Language Experience Changes Language and Cognitive Ability. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 17/3, 433-446.
Child, I. L. (1954): Socialization. In: G. Lindzey (Hrsg.): Handbook of Social Psychology, Bd. 2. Cambridge, MA, 655-692.
Cummins, J. (2001): Negotiating Identities: Education for Empowerment in a Diverse Society. 2. Aufl. Los Angeles.
Europäische Kommission (1996): Lehren und Lernen: Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft. Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung. Luxemburg.
Geisen, T. (2018): Assimilation – Akkulturation. In: I. Gogolin, V. B. Georgi, M. Krüger-Potratz et al. (Hrsg.): Handbuch interkulturelle Pädagogik. Stuttgart, 44-49.
Heller, M. (2003): Identity and Commodity in Bilingual Education. In: L. Mondada & S. Pekarek Doehler (Hrsg.): Plurilinguisme – Mehrsprachigkeit – Plurilingualism. Enjeux identitaires, socio-culturels et éducatifs. Tübingen, Basel, 3-13.
Herskovits, M. J. (1948): Man and his Works: The Science of Cultural Anthropology. New York.
Lüdi, G. (2018): Mehrsprachigkeit. In: I. Gogolin, V. B. Georgi, M. Krüger-Potratz et al. (Hrsg.): Handbuch interkulturelle Pädagogik. Stuttgart, 133-139.
Norton, B. (2013): Identity and Language Learning. In: M. Byram & A. Hu (Hrsg.): Routledge Encyclopedia of Language Teaching and Learning. 2. Aufl. London, New York, 327-332.
Segall, M. H., Dasen, P. R., Berry, J. W. & Poortinga, Y. H. (1999): Human Behavior in Global Perspective: An Introduction to Cross-Cultural Psychology. 2. Aufl. Boston, London, Toronto, Sydney, Tokyo, Singapore.
Van de Craen, P. & Mondt, K. (2003): Multilingual Education, Learning and the Brain: The End of Language Education as a Pre-Scientific Field. In: L. Mondada & S. Pekarek Doehler (Hrsg.): Plurilinguisme – Mehrsprachigkeit – Plurilingualism. Enjeux identitaires, socio-culturels et éducatifs. Tübingen, Basel, 209-217.
Cristina Allemann-Ghionda
5. Code-Switching
1. Definitionen
Code-SwitchingCode-Switching beschreibt die Verwendung von zwei oder mehreren Sprachen bzw. Sprachvarietäten in einer Äußerung oder längeren Interaktion. Verwandte Konzepte, die sich teilweise mit Code-Switching überschneiden, sind borrowingborrowings. code mixing (weekend für Wochenende) sowie code mixingcode mixing. Mixing z.B. kann sich auf das Mischen innerhalb eines Satzes, auf Code-Switching-Phänomene oder auf neue Sprachmischungen wie DenglishDenglish oder PortuñolPortuñol beziehen (vgl. Myers-Scotton, Beitrag in Li 2007: 102). Auch calques (z.B. fall in love/tomber amoureux/-se, in Québec als tomber en amour übersetzt) werden in diesem Zusammenhang genannt.
DiglossieDiglossie steht für die Verwendung von zwei Varianten einer Sprache (z.B. eines Dialekts und einer standardisierten Variante) oder von unterschiedlichen Sprachen innerhalb einer SprachgemeinschaftSprachgemeinschaft, wenn die Sprachen bestimmten Funktionen und soziolinguistischen Kontexten zugewiesen werden können (Fishman 2007: 47-54). Weiterführende Beiträge zu Code-Switching und verwandten Begriffen finden sich in Li (2007) und Auer & Li (2007).
In aktuellen Forschungen werden neue Begriffe diskutiert: Language crossingLanguage crossing (vgl. Beitrag von Rampton in Li 2007: Kap. 9) bezieht sich auf den Wechsel zwischen Sprachen oder Sprachvarianten über ethnische und soziale Grenzen hinweg; code meshing (Canagarajah 2011) auf das Mischen von Sprachen in schriftlichen Produktionen, und Translanguaging (García & Sánchez 2018) auf die Verwendung mehrerer Sprachen in der schulischen Praxis.
2. Code-Switching – (historischer) Problemaufriss
Erklärungsmodelle für Code-Switching stammen aus unterschiedlichsten Disziplinen. Die sozio-linguistische bzw. sozio-kulturelle Perspektive betrachtet Code-Switching als Frage der SprachenwahlSprachenwahlbeim Code-Switching, bei der soziale Prozesse und linguistische Formen ineinandergreifen. Code-Switching als rationale Entscheidung dient der Ausverhandlung von Rollen und Funktionen, bildet die sozialen Beziehungen und Netzwerke der Sprachteilhaber auf der Mikro- und Makroebene ab bzw. ist eine politische Strategie zur Sicherung der Dominanz oder als Ausdruck des Widerstands (vgl. Heller 1988: 1-3; Beiträge in Li 2007: Teil 1; Auer & Li 2007). Myers-Scotton (vgl. Beitrag in Li 2007: Kap. 5) geht in ihrem Modell davon aus, dass die Wahl einer Sprache auf einem „set of rights and obligations“ der Gesprächspartner beruht. Sie kann markiert (Wechsel der Intention, der sozialen Beziehungen etc.) oder nicht markiert (erwartete NormNormerwartete sprachliche) sein.
In der psycholinguistischen Forschung (↗ Art. 51) wird Code-Switching den Sprachkontakt- oder Transferphänomenen zugeordnet. Erforscht wird u.a., welche switches möglich sind, ob diese grammatikalischen Begrenzungen unterliegen, ob es eine Basissprache gibt und wie man diese definiert (vgl. Beiträge in Milroy & Muysken 1995). Theorien über Code-Switching wurden mit psycholinguistischen oder syntaktischen Theorien verbunden. Das Matrix Language Frame ModelMatrix Language Frame Model von Myers-Scotton (vgl. Beitrag in Milroy & Muysken 1995) z.B. basiert auf der Annahme einer Basissprache, die das grammatikalische Gerüst vorgibt und in die die zweite Sprache eingebettet ist. Es stellte sich aber bald heraus, dass der Wechsel zwischen Sprachen eher pragmatischen denn syntaktischen Regeln folgt (vgl. Auer & Li 2007).
3. Forschungsstand: Neuere Sichtweisen
Ab den 1990er Jahren entstand eine ganzheitliche Sicht von Mehrsprachigkeit (↗ Art. 6, 7)Mehrsprachigkeit, die der Annahme von getrennten Sprachsystemen widersprach (Grosjean 1985). Diese führte zur Definition von mehrsprachigen Menschen als multikompetenten Individuen (z.B. Cook 1991), die durch den Kontakt zwischen den Sprachen u.a. ein erhöhtes metalinguistisches bzw. multilinguales Bewusstsein und eine andere Art der Sprachverarbeitung in Form von Code-Switching und erweiterten pragmatischen Transfer-Fähigkeiten entwickeln (vgl. z.B. das Konzept der crosslinguistic interactioncrosslinguistic interaction CLIN von Herdina & Jessner 2002).
In der Mehrsprachigkeitsforschung (↗ Art. 85) werden in der Diskussion über die Bedeutung der BrückensprachenBrückensprache die Funktionen von switches diskutiert (siehe dazu Williams & Hammarberg 1998). Jessner (2006) erweitert in ihrer Studie mit zweisprachig (in Italienisch und Deutsch) aufgewachsenen Englischstudierenden diese Diskussion um die Bedeutung von switches in metasprachlichen Äußerungen bzw. Metasprache.
Code-Switching in multilingualen Gesellschaften (↗ Art. 3) erfüllt unterschiedliche diskursive Funktionen, z.B. um die individuelle und soziale IdentitätIdentität zu definieren oder InklusionInklusion und Empathie herzustellen. Neuere Forschungen beziehen sich auf SprachwechselSprachwechselu. Identität und Identität (↗ Art. 1), auf Sprachwahl in der digitalen Kommunikation und im familiären Kontext oder auf den Wechsel zwischen Laut- und GebärdensprachenGebärdensprache. Der Begriff TranslanguagingTranslanguaging hat Code-Switching inzwischen in vielen Bereichen abgelöst (vgl. Stavans & Porat, im Druck).
4. Praxisrelevanz – Code-Switching und Translanguaging im schulischen Kontext
Frühe Studien zu Code-Switching wurden in den USAUSA bereits in den späten 1970er Jahren durchgeführt, oft in Zusammenhang mit der Diskussion über Vor- und Nachteile des bilingualen Unterrichtsbilingualer Sachfachunterricht (↗ Art. 111) und die Funktion der involvierten Sprachen (meist Englisch und Spanisch).
In der Fremdsprachendidaktik schloss die Fokussierung auf negativen TransferTransfernegativer oder InterferenzInterferenz zwischen der/den L1 und der Zielsprache die ErstspracheErstsprache/n für lange Zeit aus dem Unterricht aus. Code-Switching, wie in Forschungen festgestellt wurde, dient jedoch der Klärung von Unsicherheiten oder Beziehungsfragen zwischen Lehrenden und Lernenden und erleichtert das Erklären grammatikalischer Konzepte oder das classroom management (vgl. Beiträge in Milroy & Muysken 1995). Code-Switching wurde zur (vorübergehenden) Lern- und KommunikationsstrategieKommunikationsstrategien im Unterricht, die das Erreichen höherer Kompetenzen in der Zielsprache unterstützt.
Das Zulassen von Code-Switching zwischen allen im Repertoire der Lernenden vorhandenen Sprachen als Lernprinzip kann als Schritt in Richtung einer ganzheitlichen, die Sprachen vernetzenden Didaktik verstanden werden, die die Förderung von multilingualem Bewusstsein beinhaltet (Jessner, Allgäuer-Hackl & Hofer 2016). Ein neuerer, ganzheitlicher Ansatz ist TranslanguagingTranslanguaging als mehrsprachige, multimodale und transformative Kommunikation und Wissenskonstruktion (García & Li 2014), verstanden als Theorie von Sprache, die das individuelle Repertoire an Sprachen und semiotischen ZeichenZeichen als ein Ganzes sieht und die Lernenden anregt, dieses kreativ zu nutzen und weiter zu entwickeln. Translanguaging nimmt die kulturellen Elemente, Hierarchien und Machtgefälle zwischen den Sprachen in den Blick und durchbricht somit die gesellschaftlichen Muster von Abwertung und Ausgrenzung (↗ Art. 38).
5. Perspektiven
Sprachkontaktphänomene wie Code-Switching wurden anfänglich im bilingualen, später auch verstärkt im multilingualen Kontext untersucht, im Bildungsbereich vor allem in Bezug auf die speziellen Herausforderungen von Lernenden in Minderheiten- bzw. Migrationskontexten (↗ Art. 100, 105). Die monolingual orientierte, defizitäre Bewertung von Code-Switching wurde durch eine ressourcenorientierte Sicht abgelöst (vgl. Stavans & Porat, im Druck) und translinguale Praktiken als Lehr-Lehrstrategie und LernstrategienLernstrategien definiert. Damit wird Code-Switching/Translanguaging Teil einer ganzheitlichen MehrsprachigkeitsdidaktikMehrsprachigkeitsdidaktik, die Lernende mit unterschiedlichsten sprachlichen, kognitiven, sozialen und kulturellen Voraussetzungen erreichen will.
Code-Switching/Translanguaging im Unterricht kann im Zusammenhang mit der Förderung von language management skillslanguage management skills gesehen werden, wie sie unter anderem im Dynamischen Modell der Mehrsprachigkeit (Herdina & Jessner 2002) dargestellt und im Zusammenhang mit gesamtsprachen-curricularen AnsätzenGesamtsprachencurriculum (↗ Art. 14) beschrieben wurden.
Literatur
Auer, P. & Li, W. (Hrsg.) (2007): Handbook of Multilingualism and Multilingual Communication. Series Handbooks of Applied Linguistics, Bd. 5. Berlin.
Canagarajah, S. (2011): Code-meshing in Academic Writing: Identifying Teachable Strategies of Translanguaging. In: The Modern Language Journal 95/iii, 401-417.
Cook, V. J. (1991): The Poverty-of-the-Stimulus Argument and Multi-Competence. In: Second Language Research 7/2, 103-117.
Fishman, J. (2007): Who Speaks What Language to Whom and When? In: Li, W. (Hrsg.): The Bilingualism Reader. 2. Aufl. London, 55-70.
García, O. & Li, W. (2014): Translanguaging: Language, bilingualism and education. New York.
García, O. & Sánchez, M. T. (2018): Transformando la educación de bilingües emergentes en el estado de Nueva York. In: Language, Education, and Multilingualism 1, 138-156. [https://edoc.hu-berlin.de/handle/18452/19773].
Grosjean, J. (1985): The Bilingual as a Competent but Specific Speaker-Hearer. In: Journal of Multilingual and Multicultural Development 6, 467-477.
Heller, M. (Hrsg.) (1988): Codeswitching: Anthropological and Sociolinguistic Perspectives. Berlin, New York, Amsterdam.
Herdina, P. & Jessner, U. (2002): A Dynamic Model of Multilingualism: Changing the Psycholinguistic Perspective. Clevedon.
Jessner, U. (2006): Linguistic Awareness in Multilinguals. English as a Third Language. Edinburgh.
Jessner, U., Allgäuer-Hackl, E. & Hofer, B. (2016): Emerging Multilingual Awareness in Educational Contexts: From Theory to Practice. In: The Canadian Modern Language Review / La revue canadienne des langues vivantes 72/2, 157-182.
Li, W. (2007) (Hrsg.): The Bilingualism Reader. 2. Aufl. London.
Milroy, L. & Muysken, P. (Hrsg.) (1995): One Speaker, two Languages: Crossdisciplinary Perspectives on Code-Switching. Cambridge, New York.
Stavans, A. & Porat, R. (im Druck): Code Switching. In: Montanari, S. & Quay, S. (Hrsg.): Multilingual Approaches to Multilingualism. New York.
Williams, S. & Hammarberg, B. (1998): Language Switches in L3 Production: Implications for a Polyglot Speaking Model. In: Applied Linguistics 19/3, 295-333.
Ulrike Jessner & Elisabeth Allgäuer-Hackl
6. Mehrsprachigkeit, InterkomprehensionInterkomprehension, ÜbersetzenÜbersetzen und Sprachmitteln
Das Aufkommen des Interesses an Mehrsprachigkeit und insbesondere an der MehrsprachigkeitsdidaktikMehrsprachigkeitsdidaktik hat nicht nur zu neuen Betrachtungen des Lernens und Lehrens geführt, sondern hat eine Neubestimmung, zumindest eine Präzisierung von Begriffen, erforderlich gemacht. Im ersten Teil der folgenden Ausführung soll es um die begrifflichen Konzeptionen und Veränderungen gehen, bevor dann anschließend die daraus resultierenden Veränderungen für den Fremdsprachenunterricht und seiner Erforschung skizziert werden.
1. Der Mehrsprachigkeitsbegriff
Die Diskussion um den MehrsprachigkeitsbegriffMehrsprachigkeitBegriff ist nicht neu (↗ Art. 7). Grundsätzliche Anmerkungen zum Nutzen der MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit gibt es seit längerer Zeit. Ein markantes Datum liefert das Statement von Mario Wandruszka (1979), dass jeder Mensch mehrsprachig ist, was nicht zuletzt auch – oder: nicht nur – im Wechsel zwischen unterschiedlichen RegisternRegistersprachliches zum Ausdruck kommt. Eine partielle Neuausrichtung erlebt der Begriff durch eine stärkere Fokussierung auf Schule und Unterricht, die sich aus mehreren wissenschaftlichen Disziplinen speist:
1 Die Gesellschaft ist zunehmend mehrsprachig geworden. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit einer anderen Herkunftssprache als der Bildungs- oder UmgebungsspracheUmgebungssprache wächst beständig und führt z.B. bereits Gogolin (1994) zur Forderung nach der Abschaffung des monolingualen Habitusmonolingualer Habitus der deutschen Schule der deutschen Schule.
2 Der GeR (↗ Art. 18) GeRnimmt diese Tendenz insofern auf, als er die Förderung von Mehrsprachigkeit als Aufgabe eines FremdsprachenunterrichtsFremdsprachenunterrichtAufgabe von propagiert, wenngleich er konkrete unterrichtliche Umsetzungsvorschläge schuldig bleibt.
3 Nicht zuletzt aus der romanistischen FachdidaktikFachdidaktikromanistische argumentieren etliche Fachvertreter dafür, sprachtypologische Gemeinschaften zwischen Sprachen lernpsychologisch zu nutzen (↗ Art. 67, 77), damit das Lernen weiterer Fremdsprachen zu fördern und in seiner Attraktivität für die Lerner zu erhöhen (vgl. bereits früh Meißner 1995 (1993); Meißner & Reinfried 1998).
4 Eng mit dem erstgenannten Punkt hängt zusammen, Interesse an und Nachfrage nach Deutsch als Fremd- bzw. ZweitspracheDaFnE stärker ins Visier zu nehmen. Dort haben wir häufig mit Lerngruppen zu tun, die von Hause aus Mehrsprachigkeit kennen und praktizieren oder aber als Lernergruppe unterschiedliche Sprachen ins Klassenzimmer mitbringen (↗ Art. 106).
5 Flankiert werden diese Beobachtungen durch lernpsychologische Beobachtungen, die zeigen, dass auch fremdsprachliches Lernen von der Anknüpfung an Bekanntes profitiert.
Damit wird der Mehrsprachigkeitsbegriff zum einen solider, weil er nach mehreren Seiten abgesichert ist; damit rückt er zum anderen mehr in das Zentrum von Unterricht und Schule. Dies wird möglich, weil er nicht mehr nur strategisch und politisch gefüllt ist, sondern weil hinter ihm gleichzeitig ein bestimmtes Lern- und Informationsverarbeitungskonzept, nämlich das der InterkomprehensionInterkomprehension, steht.
2. Der Interkomprehensionsbegriff
Der InterkomprehensionsbegriffInterkomprehensionBegriff (↗ Art. 70) hebt auf die Fähigkeit ab, beim Lernen einer neuen Sprache Verbindungen zu bereits Gelerntem und VergleicheVergleicheninterlinguales zwischen diesen Sprachen und der Muttersprache herzustellen. Das Besondere dabei ist, dass diese Vergleiche allenfalls durch die Präsentation bzw. die Auswahl des MaterialsLehrmaterialAuswahl und Präsentation initiiert werden. Die eigentliche Vergleichbarkeit und damit die weitere Durchdringung des sprachlichen Materials gehen auf die eigenständige, reflektierte und weitgehend autonome Leistung des LernendenLernerautonomieu. Interkomprehension zurück. Die Interkomprehension lehnt sich also in gewisser Weise an die lernpsychologische TransferdiskussionTransferdiskussion (↗ Art. 64) an, wie wir sie schon länger kennen, betont aber nachdrücklicher das Potenzial, das in der aktiven Suche nach vergleichbaren Strukturen und Regelhaftigkeiten in den beteiligten Sprachen zu finden ist, als die Sorge vor möglichen negativen Transfers. Die Eindämmung des Risikos zu negativem TransferTransfernegativer soll erreicht werden durch die Förderung der lernerseitigen Kompetenz, fremdsprachliche Strukturen durch VergleichVergleicheninterlinguales mit äquivalenten Strukturen anderer Sprachen zu durchschauen. Dazu werden dem Lernenden zunächst Text(abschnitte) in einer fremden Sprache vorgelegt, die es ihnen erlauben, ähnliche Strukturen aus anderen Sprachen wiederzuerkennen. Dies funktioniert zunächst bei sprachtypologisch verwandten Sprachen. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, dass der Interkomprehensionsgedanke zunächst in der romanistischen Fachdidaktik Fuß fasste, wo mindestens drei romanische Sprachen (FranzösischFranzösisch, ItalienischItalienisch, SpanischSpanisch) in Deutschland SchulfremdsprachenSchulfremdsprachen sind, wenn auch mit je unterschiedlichem Gewicht. Die Idee, das Lernen weiterer Fremdsprachen für (schulische) Lernende attraktiver zu machen, indem man ihnen vor Augen führt, was sie alles in einer für sie noch fremden Sprache verstehen können, führte u.a. zur Entwicklung der sogenannten sieben Siebe (↗ Art. 67)EuroComRom: I: InternationalismenInternationalismen; II: panromanischer WortschatzWortschatzpanromanischer; III. Lautentsprechungen; IV: Graphien und Aussprachen; V: Syntaktische Kernsatztypen; VI: morphosyntaktische Elemente wie beispielsweise Adverbbildung und VII: Präfixe und Suffixe. Diese ursprünglich aus der Romanistik stammende Idee, sprachstrukturelle Verwandtschaften systematisch zu erfassen und für Sprachfamilien aufzulisten (vgl. Klein & Stegmann 1999) wurde dann lernpsychologisch unterfüttert (begann bereits bei Meißner & Reinfried 1998, erweitert u.a. in Meißner 2010) und auch auf andere Sprachfamilien (die slawischen, aber auch die germanischen Sprachen) übertragen (↗ Art. 68). Mit der Publikation von Hufeisen & Marx (2014) rundet sich dabei das Bild in doppelter Hinsicht ab: Zum ersten spielt in dem Zusammenhang auch das Englische eine bedeutende Rolle, dessen fachdidaktische und zum Teil auch fremdsprachenpolitischen Vertreter sich aus der Mehrsprachigkeitsdiskussion – insbesondere im schulischen Kontext – lange Zeit herausgehalten hatten. Zum zweiten wird dadurch unterstrichen, dass die weltweiten Bemühungen zur Vermittlung des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache vielfach auf den Rekurs auf das vorgängige Englischlernen nicht verzichten können (↗ Art. 87).
Die kurze Skizze zum Interkomprehensionsbegriff zeigt, dass sich unsere Vorstellungen vom fremdsprachlichen Lernen grundlegend gewandelt haben. An die Stelle eher statisch-mechanistischer Vorstellungen tritt SprachenlernenSprachenlernenMetakognition nunmehr als aktiv vom Lernenden gesteuerter, überwachter und auch selbstbestimmter Prozess, der auf die lernerseitige Autonomie ebenso setzt wie auf die beständige Interaktion der Lernenden sowohl mit ihren Vorwissensbeständen als auch mit den Interaktionspartnern. Dabei wäre es ein Missverständnis, von völliger LernerautonomieLernerautonomie auszugehen. Auch – und gerade – der Interkomprehensionsbegriff legt die Impulsgebung von außen nahe. Lehrkräfte haben also die Aufgabe, Lernende bei der Entwicklung des Interkomprehensionsgedankens durch entsprechende Aufgabenstellungen zu unterstützen und dessen Anregungspotenzial in der Konfrontation mit fremden Sprachen in Kooperation mit den Lernenden zu entfalten.
Die geänderte Vorstellung von fremdsprachlichem Lernen, wie sie dem Interkomprehensionsbegriff zugrunde liegt, hat auch Auswirkungen auf den dritten Begriff aus der Überschrift, das ÜbersetzenÜbersetzen.
3. Der Übersetzungsbegriff
Die Diskussion um den Übersetzungsbegriff ÜbersetzungBegriffhat eine lange Tradition und verschiedene Ursachen. Zum einen hatte sich mit der Übersetzungswissenschaft eine eigene wissenschaftliche Domäne entwickelt, die ihre Aufgaben vor allem darin sah, dem angehenden professionellen Übersetzer und Dolmetscher mit den Informationen zu versorgen, die ihm seine angestrebte Tätigkeit erleichtern oder sogar ihre Grundlagen bildeten. Das führte insbesondere zu textstrukturellen, textvergleichenden und hermeneutischen Beschreibungsansätzen, bei denen der Übersetzer zwar das Ziel, selten aber der Mittelpunkt oder gar Ausgangspunkt der Überlegungen war. Mitte der 1980er Jahre zeigen dann Untersuchungen zum realen Übersetzungsprozess, dass wechselhafte Vorstellungen zum (professionellen) Übersetzen inzwischen einer Revision bedurften; nicht zuletzt, weil auch das Übersetzen häufiger autonom-kreativen Entscheidungen folgt. In partieller Abhängigkeit davon geriet gleichzeitig auch das ÜbersetzenÜbersetzen im Fremdsprachenunterricht in die Diskussion. Traditionelles satzweises Übersetzen isolierter Einzeläußerungen zur Festigung neuer fremdsprachlicher Strukturen wurde als unzureichend angesehen, weil es stures Auswendiglernen als höher und wichtiger einschätzte als die notwendige Einbettung übersetzerischen Handelns in möglichst authentischen Situationen. Ziel des Einsatzes von Übersetzungs- und/oder Sprachmittlungsübungen konnte und kann es dennoch nicht sein, im Fremdsprachenunterricht angehende Übersetzer auszubilden, sondern die Lernenden vielmehr in multilingualen Kommunikationszusammenhängen in die Lage zu versetzen, kommunikativ und intentionsangemessen sprachlich zu handeln. Damit wird der Weg frei für den Begriff der SprachmittlungSprachmittlung, bei dem es nicht auf strukturell-sprachliche Äquivalenz, sondern auf die Mittlung der kommunikativen zentralen Botschaften einer Aussage ankommt. An die Stelle der früheren Strukturübungen in Form von Übersetzen treten neue Aufgabenstellungen, durch die Lernende in die Lage versetzt werden sollten, in Kommunikationssituationen, in denen die Gesprächsteilnehmer nicht über eine gemeinsame Sprache verfügen, zwischen verschiedenen Sprachen und Gesprächsteilnehmern zu vermitteln (↗ Art. 103). Dabei sollen sie lernen, kommunikativ relevante Inhalte von weniger relevanten Inhalten zu trennen und durch einen Abgleich mit vorhandenen sprachlichen Wissensbeständen verständlich und angemessen, aber nicht notwendig vollständig und sprachstrukturell äquivalent zu sprachmitteln. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass jetzt auch – wenngleich mit anderen Begründungen – darüber nachgedacht wird, dem ÜbersetzenÜbersetzen im Fremdsprachenunterricht wieder einen eigenen Stellenwert zu geben, der allerdings über Sprachmittlung hinausgeht und den kulturellen und auch sprachdidaktischen Veränderungen und Herausforderungen Rechnung tragen soll (vgl. Rösler 2015).
In der Entwicklung des Sprachmittlungsbegriffs treffen sich also mehrere unterschiedliche Entwicklungen: Zum einen verdankt er seine Entstehung den strukturell bisweilen überlasteten und wenig inhaltsvollen Satzübersetzungen, die häufig mehr der Kontrolle des Erreichten als der Entwicklung angemessenen kommunikativen Verhaltens dienen. Zum zweiten weist der Gemeinsame europäische Referenzrahmen (↗ Art. 18, 19) vielfach auf die Bedeutung der Sprachmittlung in unterschiedlichen Unterrichtskonstellationen hin. Und zum dritten führt auch hier die bereits erwähnte Entstehung von immer zahlreicheren Lernergruppen mit unterschiedlichen Herkunftssprachen (↗ Art. 106) ebenso zur Notwendigkeit, der SprachmittlungSprachmittlung mehr Aufmerksamkeit zu widmen, wie die Tatsache, dass internationale Schulkooperationen längst das Feld traditioneller deutscher SchulfremdsprachenSchulfremdsprachen verlassen haben und die Notwendigkeit nach der Suche gemeinsamer Kommunikationswege deutlich vor Augen geführt haben.
Was aber folgt aus alldem für Gestaltung und Erforschung des Fremdsprachenunterrichts?
4. BrückensprachenBrückensprache und ÜbersetzenÜbersetzen
Wie die Geschichte der didaktischen MaterialienMaterialiendidaktische zeigt, wurden die den Lernern bekannten Sprachen, zuvorderst die Muttersprachen, methodisch oft ‚mitgedacht‘, was zum Übersetzen anleitete. Hiervon zeugt schon die Grammatik-ÜbersetzungsmethodeGrammatik-Übersetzungsmethode. Auch die Grammatiken – über weite Strecken hinweg waren grammaires und méthodes Synonyme – dokumentieren, dass Vergleiche zwischen Sprachen (insbesondere solchen, die nach Meinung der historischen Autoren den Nutzern bekannt gewesen sein durften oder für deren Erlernen ein Interesse vermutet wurde) nicht unüblich waren. Dies ging bis in individuelle Konstruktionen von Methoden und Eselsbrücken hinein (vgl. Meißner 2010). Dabei sei selbstredend daran erinnert, dass das zwischensprachliche VergleichenVergleichen von Formen, Bedeutungen, Funktionen und Aspekten eine grundlegende Strategie des Übersetzens ist (Königs 2006).
Die Lernerfolg generierende Wirksamkeit des interlingualen Vergleichens gilt auch heute als eine wirksame Strategie nicht nur zur Entwicklung von Sprachenbewusstheit (↗ Art. 22)Sprachenbewusstheit. Butzkamm (1989: 256) spricht von der „muttersprachlichen Spiegelung der fremden Struktur“, an anderen Stellen von der sog. Sandwich-TechnikSandwich-Technik im Zusammenhang mit dem reflexiven Üben. Allerdings haben die empirischen Befunde von InterkomprehensionsprozessenInterkomprehensionsprozessBefunde zu gezeigt, dass die Spiegelung keineswegs auf den Kontrast von Muttersprache(n) und Zielsprache begrenzt ist (Meißner & Burk 2001; De Angelis & Selinker 2001). Relevant für den erfolgreichen TransferTransferpositiver sind die lernerseitig erkannten (und genutzten) TransferbasenTransferbasen, die sich besonders zwischen Sprachen ein und derselben Sprachfamilie feststellen lassen (↗ Art. 64).
5. Konsequenzen für Unterricht und Forschung
Die Veränderungen in der Begriffsfüllung zu beschreiben, ist das eine. Das andere ist die Frage nach den unterrichtspraktischen und forschungsbezogenen Konsequenzen, die sich daraus ergeben (könnten). Darum soll es im letzten Abschnitt gehen. Ich beginne mit einigen unterrichtspraktischen Überlegungen.
5.1. Zwischen ‚alt‘ und ‚neu‘ – Oder einfach anders?
Die Forderung nach Ersatz traditioneller ÜbersetzungsübungenÜbersetzungsübungen durch SprachmittlungsaufgabenSprachmittlungsaufgaben ist nicht neu (vgl. exemplarisch Königs 2000; Brammerts & Kleppin 2000; Rösler 2000). Sie lässt sich u.a. durch eine stringentere Mischung aus Spracharbeit, lernerbezogener Reflexion und lernerseitiger Selbstorganisation umsetzen. Die Aufgabenstellungen fordern dazu heraus, sowohl die Textproduktion bewusst zu begleiten als auch aktiver über potenzielle Äquivalenzen nachzudenken und auf der Grundlage möglichst authentischer Sprachmittlungssituationen die Reflexion über Mehrsprachigkeit und über die Auswahl der zu mittelnden Inhalte anzuregen. Die InterkomprehensionInterkomprehension hat ihren Ausgangspunkt in der Förderung rezeptiver Mehrsprachigkeit; das ist einerseits nachvollziehbar, bliebe aber auf halbem Wege stehen, wenn nicht auch die RezeptionRezeption als Vorstufe der ProduktionProduktion mitgedacht würde. Sichtbar wird dies, wenn Aufgaben so formuliert werden, dass sie die aktive Analyse des kommunikativen Gehalts einer zu mittelnden Aussage/eines zu mittelnden Textes stärker im Mittelpunkt steht als sprachstrukturelle, von der kommunikativen Orientierung losgelöste, linguistisch anmutende Sprachbetrachtungen. Das muss zu veränderten Lehrkompetenzen und Anforderungen an angemessenes methodisches Lehrerverhalten führen und damit zu einer systematischen Förderung des Reflexionsvermögens. Dies wiederum macht eine Erhöhung des Angebotsreichtums an authentischen Mehrsprachigkeitssituationen unabdingbar. Zu denken wäre hier an schulisch relevante Themen und Formen multilingualer KommunikationKommunikationmultilinguale (Schulkooperationen, aber auch entsprechende mehrsprachige Interviews oder schriftliche Materialien in den Medien) (↗ Art. 80, 81, 82).
5.2. Einige Fragen zum Forschungsaspekt
Der oben behauptete Zusammenhang zwischen Rezeption und ProduktionRezeption u. Produktion bei Aufbau und Förderung der schulischen/unterrichtlichen Mehrsprachigkeit bedarf der Erforschung. An welchen Stellen wird er durch welche Maßnahmen gestärkt oder geschwächt und unter welchen Bedingungen? Ist es z.B. gerechtfertigt, auf die Lernertypendiskussion zu verzichten oder gibt es Bedingungen, unter denen bestimmte Lernertypen besonders von der Konfrontation profitieren?
Die Mehrsprachigkeitsdiskussion in Europa (↗ Art. 85) bezieht sich schulisch und unterrichtlich zumeist auf die Schul- und NachbarsprachenNachbarsprachen. Wir wissen allerdings aus der Erfahrung, dass die Entscheidung für oder gegen den Erwerb bestimmter Fremdsprachen sich nicht einfach als offene Angebotsstruktur darstellen lässt, sondern Beliebtheit und Ablehnung von bestimmten Sprachen zahlreiche Ursachen haben können. Der europäische Blickwinkel wird dabei durch die veränderten Lernerpopulationen mit z. T. erheblichen Mehrsprachigkeitserfahrungen erweitert. Wie können der Fremdsprachenunterricht, vor allem das Fremdsprachenlernen und seine Erforschung davon profitieren?
Wenn Mehrsprachigkeit, Interkomprehension und kommunikatives Sprachmitteln durch Förderung der EigenverantwortlichkeitEigenverantwortlichkeit gestärkt werden, müsste darüber nachgedacht werden, dass jeder Lernende zum reflektierenden „Selbsterforscher“ wird und seine Beobachtungen in einem mehrsprachigkeitsbezogenen Lerntagebuch festhält. Dabei könnte es um Beobachtung gehen wie: Wie habe ich mir eine neue Struktur unter Rückbezug auf andere Sprachen merken können? Was hat mir geholfen? Wie kann ich die gewonnenen Erkenntnisse überprüfen, absichern und dauerhaft verfügbar machen? Wie lernen andere Mitglieder meiner Gruppe?
Der mehrsprachig orientierte Fremdsprachenunterricht steht erst am Anfang seiner Entwicklung. Wir sollten seine Förderung ernsthaft betreiben und uns in Unterricht und Forschung darauf einlassen.
Literatur
Brammerts, H. & Kleppin, K. (2000): Übersetzen im Tandem und Kooperatives Dolmetschen in mehrsprachigen Lerngruppen. In: Fremdsprache Deutsch 23, 40-46.
Butzkamm, W. (1993): Psycholinguistik des Fremdsprachenunterrichts. Tübingen, Basel.
De Angelis, G. & Selinker, L. (2001): Interlanguage Transfer and Competing Linguistic Systems in the Multilingual Mind. In: J. Cenoz, B. Hufeisen & U. Jessner (Hrsg.): Cross-Linguistic Influence in Third Language Acquisition. Psychological Perspectives. Clevedon, 42-58.
Gogolin, I. (1984): Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster, New York.
Hufeisen, B. & Marx, N. (Hrsg.) (2014): EuroComGerm – Die sieben Siebe. Germanische Sprachen lesen lernen. Aachen.
Königs, F. G. (2000): Übersetzen im Deutschunterricht? Ja, aber anders. In: Fremdsprache Deutsch 23, 6-13.
Königs, F. G. (2006): Ein altes Thema bleibt aktuell: Theoretische Erwägungen und praktische Anregungen zum Übersetzen im Fremdsprachenunterricht. In: U. O. H. Jung (Hrsg.): Praktische Handreichung für Fremdsprachenlehrer. In Zusammenarbeit mit Heidrun Jung. 4. vollst. neu bearb. Aufl., Frankfurt a.M., 167-174.
Königs, F. G. (2013): Sprachmittlung. in: Hallet, W. & Königs, F. G. (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachendidaktik. Seelze-Velbert, 96-100.
Meißner, F.-J. (1995): Umrisse der Mehrsprachigkeitsdidaktik. In: L. Bredella (Hrsg.): Verstehen und Verständigung durch Sprachenlernen. Akten des 15. Kongresses für Fremdsprachendidaktik der Deutschen Gesellschaft für Fremdsprachenforschung, Gießen 4.-6.10.1993. Bochum, 173-187.
Meißner, F.-J. (2010a): Interkomprehension empirisch geprüft: Kompetenzprofile, Mehrsprachenerlebnisse, Lernautonomisierung. In: P. Doyé & F.-J. Meißner (Hrsg.): Lernerautonomie durch Interkomprehension. Promoting Learner Autonomy through Interkomprehension. L’autonomisation de l’apprenant par l’intercomprèhension. Tübingen, 193-224.
Meißner, F.-J. (2010b): Gibt es eine Mehrsprachigkeitsdidaktik ante litteram? Ein historisches Aperçu. In: Fremdsprachen Lehren und Lernen 39, 133-144.
Meißner, F.-J. & Burk, H. (2001): Hörverstehen in einer unbekannten romanischen Fremdsprache und methodische Implikationen für den Tertiärsprachenerwerb. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 12/1, 63-102.
Meißner, F.-J. & Reinfried, M. (Hrsg.) (1998): Mehrsprachigkeitsdidaktik. Konzepte, Analysen, Lehrerfahrungen mit romanischen Fremdsprachen. Tübingen 1998.
Rösler, D. (2000): Kooperativ statt lehrerzentriert! Ein Beispiel für kooperativen Übersetzungsunterricht. In: Fremdsprache Deutsch 23, 19-24.
Rösler, D. (2015): Übersetzen und Übersetzungen als sprachdidaktische und kulturkundliche Herausforderungen für den Fremdsprachenunterricht. In: S. Hoffmann & A. Stork (Hrsg.): Lernerorientierte Fremdsprachenforschung und -didaktik. Festschrift für Frank G. Königs zum 60. Geburtstag. Tübingen, 247-258.
Klein, H. G. & Stegmann, T. D. (1999): EuroComRom – Die sieben Siebe. Romanische Sprachen sofort lesen können. Aachen.
Wandruszka, M. (1979): Die Mehrsprachigkeit des Menschen. München, Zürich.
Frank G. Königs
7. Mehrsprachigkeitsdidaktik
1. Definition und Rahmung
MehrsprachigkeitsdidaktikMehrsprachigkeitsdidaktik (didactique du plurilinguisme, crosslinguistic didactics) bezeichnet ein Konzept, das in unterschiedlichen politischen und nationalen Kontexten und Fächern des Sprachunterrichts in jeweils anderer Färbung benutzt wird. Ziel der Mehrsprachigkeitsdidaktik ist neben der Förderung von Mehrsprachigkeit die von Sprachlern- und interkultureller Kompetenz auf der Grundlage einer vielfachen VernetzungVernetzungvon Ressourcen von lernerseitig bereits vorhandenen mit noch zu erwerbenden lingualen oder sprachlernbezogenen RessourcenRessourcenKonstituenten von Kompetenz. Hierzu notwendige plurilinguale und didaktische TransfereffekteTransfereffekte greifen sowohl proaktiv auf neue Zielsprachen zu als auch retroaktiv, indem sie das bereits vorhandene mehrsprachige mentale Lexikon mit neuen Informationen überformen. Die gezielt freigesetzten SynergienSynergien unterscheiden das vernetzende SprachenlernenSprachenlernenvernetzendes von der additiven MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitadditive bzw. den beziehungslos nebeneinanderstehenden Curricula und Praxen des Unterrichts einzelner Sprachen. Bei der Konzeption der MehrsprachigkeitsdidaktikMehrsprachigkeitsdidaktik wurde von Anfang an mitgedacht, dass ihre Kehrseite die MehrkulturalitätMehrkulturalität ist (↗ Art. 28).
Der Wunsch nach plurilingualer Lernökonomie steht am Anfang des Desiderats eines GesamtsprachencurriculumsGesamtsprachencurriculum (↗ Art. 14) oder einer integrativen SprachdidaktikSprachdidaktikSprachdidaktikintegrative (didactique intégrée, integrated approach). Beide Dachbegriffe umschließen Mutter-, Zweit- und Fremdsprachen, Fachsprachen sowie unterschiedliche Bildungsziele und Methoden wie CLIL (↗ Art. 111, 115), frühes Fremdsprachenlernen, lebensbegleitendes Lernen, Sensibilisierung für Sprachen und SprachenlernenSprachenlernenInterkomprehnsionsdidaktik (↗ Art. 22), und zwar im Rahmen einer diversifizierten und abgestuften MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitdiversifizierte und abgestufte. Die Pluralen AnsätzeRePA zu Sprachen und Kulturen (approches plurielles) (↗ Art. 20) mit den Schwerpunkten SprachenbewusstheitSprachenbewusstheit (Eveil aux languesEveil aux langues), interkulturelles Lernen, Interkomprehension (↗ Art. 85) und integrative Didaktik bieten Deskriptoren für miteinander zu vernetzende Lernkontexte und Methoden. Allen Konzepten gemeinsam ist die Orientierung an metakognitiven Strategien zur sprachen- und lernbezogenen Sensibilisierung und, wenn lernerseitig möglich, zum VergleichenVergleichen mehrsprachiger Strukturen. Zugrunde liegt ein von den Wissenschaften vom Lehren und Lernen entwickelter, fächerübergreifend fassender Kompetenzbegriff, der im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (↗ Art. 18) Eingang fand. Je offener die Konzepte sind, desto stärker verlangen sie eine über die Schulzeit hinausgreifende Lernplanung, wie sie in der Unterscheidung zwischen einer vorhandenen und noch zu erwerbenden Mehrsprachigkeit entgegentritt (Hallet & Königs 2010).
Die Dachbegriffe MehrsprachigkeitsdidaktikMehrsprachigkeitsdidaktik, integrierte Didaktikintegrierte Didaktikintegrative DidaktikDidaktikintegrierte und Plurale Ansätze antworten auf einen Kontext, der global bis lokal von sozietaler Vielsprachigkeit und VielkulturalitätVielkulturalität gekennzeichnet ist, wie es die Begriffe Mehrheits- versus MinderheitensprachenMinderheitensprachen, autochthone Sprachen oder VarietätenVarietätenvon Migrantensprachen und MigrantensprachenMigrantensprachen andeuten (↗ Einleitung, Art. 7). Bei Letzteren geht es vor allem darum, dem Verlust von Herkunftssprachen oder regionalen Sprachen vorzubeugen. Die Vielsprachigkeit impliziert allerdings, dass die meisten auf dem Territorium eines Staates vorhandenen Sprachen – in Deutschland weit über hundert (Chlosta & Ostermann 2008) – nicht einmal als herkunftssprachlicher Unterrichtherkunftssprachlicher Unterricht berücksichtigt werden können, was die Relevanz von Einstellungszielen (Offenheit, Empathie, Toleranz usw.) und den Einsatz entsprechender Strategien unterstreicht. Vorrangig gilt allerdings europaweit das Erlernen der Staats- und UmgebungsspracheUmgebungssprache auf nativem Kompetenzniveau. Defizite hier verbinden sich mit einer geringen Chance auf IntegrationIntegration und beruflichem Erfolg in der aufnehmenden Gesellschaft.
2. Kommunikationskompetenz in einer vielsprachigen EUEU
Neben den nationalen Sprachenpolitiken setzt – neben den einzelnen Mitgliedsstaaten – die Europäische Union mit ihren 24 Amts- und weiteren Sprachen (↗ Art. 12) den politischen Rahmen der genannten Leitbegriffe. Diese liefern die didaktischen Antworten auf die HeterogenitätHeterogenitätder EU-Bevölkerung der EU-Bevölkerungen und ihrer Sprachen; sodann auf das Potential des Englischen als Medium für die internationale KommunikationKommunikationinternationale, aber auch als eine Bedrohung für den Status der einzelnen EU-Sprachen (↗ Art. 13, Phillipson 2003). Ziel ist stets ein Mehr an Kommunikationsfähigkeit der EU-Bürger – trotz vorhandener Sprachbarrieren. Es verlangt neben der Ausbildung produktiver Kompetenzen auch die der rezeptiven Fertigkeiten. Der von Horst G. Klein (1997) geprägte Begriff der EurokomprehensionEurokomprehension nimmt auf die Interkomprehension zwischen den drei großen Sprachfamilien Europas Bezug. Am Gegenstand der romanischen Sprachen erarbeiteten Klein & Stegmann eine ‚Filtermethode‘, die die Ressourcen für einen interromanischen Transfer zusammenstellt (↗ Art. 67). Hufeisen & Marx (↗ Art. 68) adaptierten das Modell der ‚Sieben Siebe‘ für die germanischen Sprachen und Tafel et al. (2009) legten eine Einführung in die slawische Interkomprehension vor. Zweifellos hat das Interesse an europäischer Interkomprehension weiteres Interesse geweckt, so z.B. zur Interkomprehension zwischen den TurksprachenTurksprachen (Massakowa 2014). Auch außerhalb Europas stößt der interkomprehensive Ansatz auf breites Interesse.
3. Jüngere Geschichte des Begriffs und der Nachbarbegriffe
Die Formel „Didaktik der Mehrsprachigkeit“ (↗ Einleitung) findet sich erstmals bei Mario Wandruszka (1979: 313, 323ff.). Im Kern geht es bereits um das „kontrastive Lernen“ von Sprachen, SprachaufmerksamkeitSprachaufmerksamkeit und das reflexive VergleichenVergleichen sprachlicher Strukturen; aber, dies betont Wandruszka (1986), immer auch um Einsichten in den kulturellen Reichtum einer sich in vielen Sprachen ausdrückenden res publica litterarum. Mit Blick auf das damalige „Europa der Sechs“ bzw. die damalige Europäische Gemeinschaft entwarfen die ‚Homburger EmpfehlungenHomburger Empfehlungen‘ (Christ 1980) das Modell der sog. sprachenteiligen GeseSprachenteiligkeitllschaft, deren Bürgerinnen und Bürger von den meisten Anderssprachigen aus den sechs Ländern verstanden wurden. Die Empfehlungen nehmen Schlüsselbegriffe der späteren SchulsprachenpolitikSchulsprachenpolitik vorweg: Begegnungs-, Fundamental-, Verkehrs-, Erschließungssprache, Sprachlernprozesse, bilinguale Klassen und bieten damit ein Curriculum für eine lebenslang auf- und weiterbaubare Mehrsprachigkeit. In Weiterführung der ‚Vorschläge für einen erweiterten Fremdsprachenunterricht‘ (Bertrand & Christ 1990) konkretisieren die ‚Umrisse der MehrsprachigkeitsdidaktikMehrsprachigkeitsdidaktik‘ die bisherigen Ansätze um ein auf VernetzungVernetzungvon Sprachen von Sprachen basiertes Konzept des Lernens und des Lehrens von (zunächst) rezeptiver Mehrsprachigkeit (Meißner 1995). In den ‚Umrissen‘ tauchen erstmalig grundlegende Begriffe wie TransferbasisTransferbasis, interlingualer TransferTransferinterlingualer und didaktischer TransferTransferdidaktischer, SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz (↗ Art. 20) auf. Die ‚Umrisse‘ betonten zugleich programmatisch, Prozesse des interlingualen IdentifikationstransfersIdentifikationstransfer zunächst romanischer Sprachen durch Deutschsprachige analysieren zu wollen, um die Praktikabilität des interkomprehensiven Ansatzes in schulischem und außerschulischem Unterricht zu erproben und zu dokumentieren (↗ Art. 63, 70, 88; zu Interkomprehension und LernerautonomieLernerautonomieund Interkomprehension; zu Interkomprehension und Lerner u.a.m.). Weitere Bezugsfelder waren die empirisch begründete Entwicklung einer erweiterten TransfertypikTransfertypologie und Studien zum Zusammenhang von Interkomprehension, Mehrsprachigkeit, Selbstwirksamkeit und Sprachlernmotivation (↗ Art. 64). In der Aktivierung des lernrelevanten Vorwissens liegt auch die Verbindung von InterkomprehensionInterkomprehensionu. Tertiärsprachen zu einer Methodik der TertiärsprachenTertiärsprachen (↗ Art. 86).
In der Romania sind didática do plurilinguismo und didactique de l’intercompréhension zumeist Synonyme. Der Begriff interkompréhension, intercompreensāo… schließt an die Fähigkeit der Romanophonen zum spontanen lesenden und hörenden Verstehen der Schwestersprachen an. Den Erstbeleg lieferte wohl Francis Debyserdidactique de l'intercompréhensionErstbeleg (1984). Schon 1975 hatte Louise Dabène ein Modell für das Erlernen typologisch nahverwandter Sprachen präsentiert, und 1971 hatte der Augsburger Romanist Fritz Abel beschrieben, wie sich im (deutschen) Französischunterricht rezeptive Kenntnisse des Spanischen vermitteln lassen. 1990 gibt die Fédération Internationale des Professeurs de Français (F.I.P.F.)Fédération Internationale des Professeurs de Français (F.I.P.F.) dem Wort intercompréhensionintercompréhension eine sprachpolitische Prägung. Wie sie unterstreicht, erweitert doch die romanische Interkomprehension den kommunikativen Radiuskommunikativer Radius z.B. des Französischen von 107 Millionen nativer Sprecher (Statista 2018) tendenziell auf 700 bis 800 Millionen nativer und auf viele Millionen sekundärer Sprachteilhaber. Intercompréhension gerät nun in die Nähe der SprachlenkungSprachlenkung (Schmitt 1988). Spätestens mit Sammelbänden wie der von Blanche-Benveniste & Valli 1997 erreicht der Neologismus dann die internationale Fachöffentlichkeit, wozu auch zahlreiche europäische Projekte beitrugen.
4. Entwicklungen in der Romania und in Österreich
4.1. La didactique du plurilinguisme in der Romania
didactique du plurilinguisme in der RomaniaSchon früh verband sich der Ansatz mit der Produktion von Lernmaterialien und breiter empirischer Forschung. Eurom4Eurom4, GalateaGalatea u.a.m folgen dem Prinzip, nur das zu lehren, was interromanisch intransparent ist. Schwerpunkte der Forschungen betreffen Interkomprehension in den einzelnen Fertigkeiten und zwischen unterschiedlichen romanischen Sprachen, Lehren und Lernen romanischer Sprachen mithilfe von Interkomprehension, interkomprehensiv basierte mehrsprachige Projektarbeit und Lehrerbildung. Mit ‚Euro-ManiaEuro-Mania‘ entwickelte Escudé (2010) eine Methode für den muttersprachlichen Unterricht von Französisch an 8 bis 11jährige, die darauf zielt, inhaltliche Themen in mehreren romanischen Sprachen zu lehren und lernen.
Erweitert Interkomprehension einerseits den kommunikativen Radius im Sinne der Gesamtromania, so erleichtert sie andererseits den Zugang zu den ‚kleinen‘ Sprachen und VarietätenVarietäten (↗ Art. 91). Der interkomprehensive Ansatz unterstützt damit auch vor allem die autochthonen MinderheitensprachenMinderheitensprachen, ein weiteres Ziel der Europäischen Union.
4.2. Das Curriculum MehrsprachigkeitCurriculum Mehrsprachigkeit in Österreich
Generell antworten didaktische Konzepte auf konkrete Kontexte, Interessen und Intentionen, sie sind dementsprechend heterogen (↗ Art. 50, 51, 52). Vor dem Hintergrund einer positiven Bewertung von Mehrsprachigkeit (↗ Einleitung) beklagt Gogolin (1994) aus Sicht der Erziehungswissenschaften das Unvermögen der deutschen Schule, das schülerseitig durch MigrationMigration vorhandene Potential an Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität zu berücksichtigen („monolingualer Habitus“monolingualer Habitus). Hu (2011) und Krumm (s.u.) betonen das Desiderat, die „lebensweltliche“ Vielsprachigkeit mit einem Konzept zur Förderung von Mehrsprachigkeit und MehrkulturalitätMehrkulturalität zu verbinden. Idealiter sollte aus dieser Sicht eine MehrsprachigkeitsdidaktikMehrsprachigkeitsdidaktik das gesamte Feld der mit VielsprachigkeitVielsprachigkeit interagierenden Formen der individuellen Mehrsprachigkeit erfassen.
Dies versuchen tentativ Krumm & Reich mit dem für ÖsterreichÖsterreich (↗ Art. 119) entwickelten ‚Curriculum MehrsprachigkeitCurriculum Mehrsprachigkeit‘ (2011). Es handelt sich um den Entwurf eines Fächer und Sprachen übergreifenden Gesamtlehrplans, nach dessen Muster die SchulentwicklungSchulentwicklung auf die vorhandene Vielsprachigkeit reagieren kann. Das Curriculum umgreift quasi alle Schulstufen und -typen. Es fokussiert SprachaufmerksamkeitSprachaufmerksamkeit, SprachlernbewusstheitSprachlernbewusstheit, Lernstrategien, Sensibilität für Kulturen und Heterokulturalität. Es nennt LernzieleLernziele, Methoden und abstützende Materialien. ‚Alle‘ in der Alpenrepublik präsenten Sprachen mit Ausnahme der Kunstsprachen und einschließlich der Alten Sprachen werden anvisiert. Die Passung für unterschiedliche Lernkontexte und Sprachen zielt primär auf Einstellungsziele: Offenheit gegenüber Mehrsprachigkeit und fremden Kulturen, Wertschätzung von Pluralität, Toleranz. Das VergleichenVergleichen von Sprachen bleibt allerdings relativ unverbindlich, solange konkrete Sprachen und Sprachenfamilien und deren Potentiale für Mehrsprachigkeit. nicht explizit nicht vorgestellt werden. Grundsätzlich gilt selbstredend: Sprach- und Mehrsprachenerwerb finden nicht statt, solange die Lerner nicht konkreten (ziel)sprachlichen Strukturen begegnen und diese mental verarbeiten.
Ähnliche, aber weniger umfassende Pläne wie das Curriculum Mehrsprachigkeit, liegen für die Schweiz vor (↗ Art. 118).
5. Ausblick
Eine umfassende MehrsprachigkeitsdidaktikMehrsprachigkeitsdidaktik oder integrative Didaktikintegrative Didaktik wird spätestens dann erreicht sein, wenn Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr fragen, wie sie denn ihren Unterricht an vielsprachige Klassen optimieren können. Die Antwort kann nur aus einem Mix von Lehr- und Lernverfahren bestehen, der sich unter den Oberbegriff einer integrativen Didaktik bringen lässt. Deren wesentliche Elemente, vor allem solche der Interkomprehension, müssen lernwirksam den gesamten Sprachunterricht (Muttersprache, Englisch, Französisch usw.) durchziehen und in der täglichen Praxis von Lehren und Lernen zum Tragen kommen. Mehrsprachigkeitsdidaktische Ansätze können somit entweder als ein selbstständiges Kursangebot oder transversal in der Praxis der einzelnen Sprachfächer – der Muttersprachen, Zweit- und Fremdsprachen – verortet werden. Hierbei ist im Blick zu halten, dass MehrsprachigkeitsdidaktikMehrsprachigkeitsdidaktik ein mächtiger Ansatz zur Entfaltung von SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz ist (↗ Art. 22). Ein Hoffnungsschimmer: Europas Schüler wollen mehr Sprachen lernen (Androulakis et al. 2007). Der Fremdsprachenunterricht muss weg von Konzepten der doppelten Einsprachigkeit im Sinne von etwa Deutsch plus Englisch und hin zu solchen der Mehrsprachigkeit: Deutsch und Englisch mit weiteren Sprachen.
Literatur
Abel. F. (1971): Die Vermittlung passiver Spanisch- und Italienischkenntnisse im Rahmen des Französischunterrichts. In: Die Neueren Sprachen 70, 355-359.
Androulakis, G., Beckmann, C., Blondin, C. et al. (2007): Pour le multilinguisme: Exploiter à l’école la diversité des contextes européens. Résultats d’une étude internationale. Liège. [http://www1.uni-giessen.de/rom-didaktik/Multilingualism/download/facette1%20integral.pdf].
Bertrand, Y. & Christ, H. (coord.) (1990): Vorschläge für einen erweiterten Fremdsprachenunterricht. In: Neusprachliche Mitteilungen 43, 208-212.
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Franz-Joseph Meißner
8. Mehrkulturalitätsdidaktik
1. Definition
MehrkulturalitätsdidaktikMehrkulturalitätsdidaktik hat MehrkulturalitätMehrkulturalität als Rahmenbedingung und Inhalt des Lehrens und Lernens von Sprachen zum Gegenstand. Dies bezieht sich auf mehrkulturelle biografische Bezüge aller am Prozess des Lehrens und Lernens von Sprachen Beteiligten, auf mehrkulturelle Kontexte der Gesellschaft, in der diese Prozesse ablaufen, und auf mehrkulturelle Bezüge der ThemenThemenu. Inhalte und Inhalte.
Mehrkulturalität ist abzugrenzen von BikulturalitätBikulturalität, d.h. es geht immer um mehr als zwei involvierte Kulturen. Damit stellt sich auch die Frage nach dem Kulturbegriff und nach verschiedenen Definitionen von KulturKultur (↗ Art. 1). Spätestens seit den 1990er Jahren wurde eine komplexe Debatte zum Kulturbegriff in der Fremdsprachendidaktik und in den Kulturwissenschaften geführt, ohne dass dies zu einem breit akzeptierten Konsens geführt hätte. Dabei wurden u.a. das Spektrum zwischen einem engen und einem breiten Kulturbegriff bzw. die Schwierigkeit der Zuordnung bestimmter kultureller Merkmale zu einer Kultur oder auch Fragen der (unzulässigen) Generalisierung und Homogenisierung einer bestimmten Kultur deutlich.
Die MehrkulturalitätsdidaktikMehrkulturalitätsdidaktik hat diese Fragen zu bedenken und in jedem einzelnen Fall neu zu konkretisieren. Damit geht Mehrkulturalitätsdidaktik auch über die in der Fremdsprachendidaktik intensiv verhandelten Fragen des interkulturellen Lernensinterkulturellen Lernen (↗ Art. 32) und interkultureller Kompetenzeninterkulturelle Kompetenz (Fäcke 2005) hinaus, deren Schwerpunkt über Jahrzehnte in der Auseinandersetzung mit oder zwischen zwei Kulturen besteht. Konkret wird nicht allein das Miteinander z.B. zwischen Deutschen und Franzosen anvisiert, sondern ein differenzierender Blick auf weitere involvierte Kulturen neben Deutschland und Frankreich eröffnet, u.a. die Kulturen autochthoner (↗ Art. 117) und allochthoner Minderheiten.
2. Entwicklungen im historischen Rückblick
Der Begriff der MehrkulturalitätsdidaktikMehrkulturalitätsdidaktikBegriff wird hier analog zur Mehrsprachigkeitsdidaktik (↗ Art. 7) verwandt, die vor allem seit den 1990er Jahren in der Fremdsprachendidaktik intensiv diskutiert wird. Davon abzugrenzen sind Begriffe, die in früheren Jahrzehnten Verwendung fanden:
Die Debatte zu Multikulturalität / MultikulturalismusMultikulturalismus der 1990er Jahre war u.a. zentriert auf ThemenThemenaus Kunst u. Musikfelder der Kunst und Musik (Leggewie 1990). Sie manifestierte sich z.B. in Projekten wie dem in Berlin gegründeten Radio Multikulti oder dem Karneval der Kulturen.
Charakteristisch für diese Debatte ist ein positiver Fokus auf Gastronomie, Folklore, Tanz und Musik, damit auf exotische und schöne Besonderheiten der jeweiligen Kulturen, z.B. Sambatänzerinnen aus Brasilien oder Trommlergruppen aus dem Senegal. Der fröhliche Blick beinhaltet stereotypisierende und kulturalistische Elemente (↗ Art. 33) ebenso wie ein Ausblenden politischer und ökonomischer Rahmenbedingungen und Hierarchien zwischen den Angehörigen verschiedener Kulturen. In schulischen Kontexten realisiert sich dieser Ansatz in der Berücksichtigung der Esskulturen ethnischer Minderheiten oder der Folklore verschiedener Herkunftskulturen. Insgesamt wird diesem Zugang Verharmlosung sozialer und politischer Dimensionen oder auch eine (innen-)politische Instrumentalisierung vorgeworfen.
Der Begriff der MultikulturalitätMultikulturalität wird in den folgenden Jahren durch Begriffe wie InterkulturalitätInterkulturalität (↗ Art. 17, 32) und TranskulturalitätTranskulturalität (↗ Art. 41) abgelöst, wobei der ältere Terminus Interkulturalität vielfach als Oberbegriff gilt. Das Präfix Inter- verweist auf ein heterokulturelles Gegenüber, gegebenenfalls auf ein Miteinander, auf ein Verschränken und auf Beziehungen zwischen den Kulturen. Als Klammerbegriff umfasst InterkulturalitätInterkulturalitätKlammerbegriff verschiedene Ansätze, die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen den Kulturen und Individuen in den Vordergrund schieben (↗ Art. 33, 34, 35, 36, 37). Dabei wird in der Fremdsprachendidaktik oft ein bikulturelles Paradigma des Austauschs zwischen dem Eigenen und dem Fremden bzw. dem Anderen mitgedacht (Bausch, Christ & Krumm 1994). Transkulturalität umfasst Positionen in der Tradition der PostmodernePostmoderne, die Abgrenzungen zwischen einzelnen Kulturen grundlegend in Frage stellen (Welsch 1992) (↗ Art. 40). Wesentlich bei diesen Ansätzen ist die Betonung der Aufbrechung des Kontrasts zwischen zwei oder mehreren Kulturen (Eckert & Wendt 2003).
Der aus der Soziologie und Pädagogik stammende Begriff der DiversitätDiversität (diversity) wird derzeit als Paradigma zur Beschreibung und Wertschätzung von Vielfalt in der Gesellschaft genutzt. Dabei geht es um eine Erweiterung der Fokussierung ethnischer und kultureller Herkunft auf die zusätzliche Berücksichtigung weiterer gesellschaftlicher Kategorien entlang von Hierarchisierungen und Diskriminierungen (↗ Art. 38): Geschlecht, sexuelle Orientierungsexuelle Orientierung, Alter, ReligionReligion oder Behinderung. Im Mittelpunkt stehen die Interdependenzen zwischen diesen Kategorien, die je nach Kontext unterschiedliche Gewichtungen erfahren (Allemann-Ghionda 2013). Ein Mensch wird damit nicht nur als „Spanier“ oder „Amerikaner“ eingestuft, sondern z.B. als älterer homosexueller katholischer Spanier oder als jugendliche Schwarze im Rollstuhl aus Alabama, wobei je nach Kontext verschiedene Dimensionen der Identität aktiviert werden. Diskurse der Diversität umfassen auch feministische Diskurse, Auseinandersetzungen zu Altersdiskriminierung oder Positionen zu Behinderung und InklusionInklusion. In der Fremdsprachendidaktik werden Fragen nach der Relevanz von GenderGender für das SprachenlernenSprachenlernenGender u. Alter ebenso diskutiert wie der Altersfaktor beim Spracherwerb oder die seit Kurzem in Schulen umgesetzte Forderung nach Inklusion.
3. Entwicklungen im internationalen Vergleich
Während im deutschsprachigen Raum Konzepte wie MehrkulturalitätMehrkulturalität, MultikulturalismusMultikulturalismus, PlurikulturalitätPlurikulturalität, Pluralität, Vielfalt und Diversität zum Tragen kommen, bestehen in anderen Sprachräumen z.T. vergleichbare Debatten.
Im englischsprachigen Raum werden Konzepte wie multiculturalism, cultural pluralism und cultural diversity diskutiert (z.B. Taylor 1994). In den USAUSA gehören Metaphern wie melting pot und salad bowl zur Identität einer nationalen Einwanderergesellschaft. Beide Bilder evozieren Vorstellungen eines durchmischten Miteinanders in einem Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“ und des American Dream. Damit sind grundlegend Fragen von gesellschaftlicher IntegrationIntegration, kultureller Assimilation und der Rassentrennung berührt, die in der amerikanischen Geschichte sehr kontrovers diskutiert wurden. Dabei spielt die Verquickung von race, class und gender eine wichtige Rolle. In Großbritannien ist multiculturalism vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte relevant, die in den 1950er und 1960er Jahren zu einer Aufnahme von Menschen aus den Ländern des Commonwealth mit allen Rechten in Großbritannien führte. Diskurse zur Auseinandersetzung um ethnisch-kulturelle Vielfalt, Identität einer mehrkulturellen Gesellschaft und Umgang mit Minderheiten erfolgen auch hier sehr heterogen und situieren sich zwischen Ablehnung der Vielfalt und der Anderen bzw. „Fremden“, Öffnung im Sinne einer Akzeptanz des multiculturalism und verschiedenen Realisierungen von Integration und Diskriminierung, Assimilation und Ausgrenzung.
Englischsprachige Diskurse einer MehrkulturalitätsdidaktikMehrkulturalitätsdidaktik avant la lettre thematisieren und analysieren diese Konfliktfelder in pädagogischen und didaktischen Kontexten. Dazu gehören u.a. die British Cultural Studies mit ihrer Erweiterung des Kulturbegriffs auf materielle Artefakte, beobachtbare Verhaltensstrukturen und dahinterstehende vermutete Mentalitäten (Williams 1989) sowie auf marginalisierte Gruppen, kulturelle Differenzen, Hegemonien und Machtstrukturen (Hall 1990). American Cultural StudiesAmerican Cultural Studies beinhalten verschiedene Etappen, u.a. Diskussionen des Kulturbegriffs in den Popular Culture StudiesPopular Culture Studies, im Ideological Criticism und im New HistoricismNew Historicism sowie feministische und antirassistische Perspektiven der Race and Gender Studies oder auch neueste Entwicklungen hin zu Border Crossings, Multiple Identities und Transnationalisms (Fluck 2012).
In Frankreich sind Vorstellungen zu ethnischer Diversität und Mehrkulturalität – multiculturalisme – seit der Französischen Revolution durch einen republikanischen Universalismus (↗ Art. 37) geprägt, der die Gleichheit (égalité) aller Bürger der Republik ohne Unterscheidung ihrer ethnischen und kulturellen Herkunft postuliert. Dieses Postulat der égalité erfolgt allerdings um den Preis einer IntegrationIntegrationdurch Assimilation durch Assimilation und tendenzielle Aufgabe der Herkunftskultur, eröffnet zugleich jedoch Zugang zur Gemeinschaft und zur Nation. Die Einheit der französischen Nation impliziert die Verlagerung ethnischer, kultureller oder religiöser Identitäten ins Private und die Vorrangstellung der Ideale der Französischen Revolution als Fundament der Einheitsstiftung.
Erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Diskurse tragen der Mehrkulturalität der heutigen französischen Gesellschaft Rechnung. Die Argumentationen in einer didactique des langues et des culturesdidactique des langues et des cultures zur interculturalité umfassen seit den 1970er Jahren das Recht auf Differenz immigrierter Minderheiten, die universalistische Aufrechterhaltung republikanischer WerteWerterepublikanische und die Anerkennung von Pluralität und Diversität als Teil der gesellschaftlichen Realität Frankreichs in den 1990er Jahren (z.B. Abdallah-Pretceille & Porcher 1996). Die anfänglich auf Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund konzentrierten Diskurse werden auf die gesamte Schülerschaft ausgeweitet, weitere Themenfelder sind die InterkulturalitätInterkulturalitätin der EU im Kontext der europäischen Nachbarstaaten sowie EnglischEnglisch, DeutschDeutsch und SpanischSpanisch als Fremdsprachen. Nach 2000 geht es in der approche pluraliste (Meunier 2008) um Einstellungen und interkulturelle Kompetenzeninterkulturelle Kompetenz in einer von HeterogenitätHeterogenitätder Gesellschaft und kultureller Diversität geprägten Gesellschaft.
Insgesamt erweist sich in europäischen Diskursen die Unterscheidung der Präfixe multi- und pluri-, wie sie im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (Europarat 2001: Kap. 8.1) und im CEFR Companion VolumeCompanion Volume with New Descriptors (Council of Europe 2018) vorgenommen ist, als prägend: Multikulturelle Kompetenz dient zur Beschreibung gesellschaftlicher Kontexte, während plurikulturelle Kompetenz auf Einzelne bezogen wird (↗ Art. 18, 19).
4. Ausblick
Entwicklungen in der Forschung spiegeln gesellschaftliche Entwicklungen in einzelnen Ländern und Sprachräumen ebenso wie in ihrer internationalen Verflechtung wider. Einigkeit besteht in der Anerkennung von Mehrkulturalität als Realität in allen betrachteten Gesellschaften in Zusammenhang mit Migration und GlobalisierungGlobalisierung. Im deutschsprachigen Raum ist Mehrkulturalität ein Gegenstand verschiedener Disziplinen. Hierzu gehören
die Kulturwissenschaften und ihre Beschreibungen gesellschaftlicher Verhältnisse sowie historischer Entwicklungen einzelner Länder oder im Vergleich (↗ Art. 35),
die Erziehungswissenschaften, die MehrkulturalitätMehrkulturalität als Rahmenbedingung für pädagogische Kontexte und deren Relevanz dieses Faktors für mehrkulturell geprägte Individuen in sozialpädagogischen und schulischen Kontexten analysieren (↗ Art. 16),
die Bildungswissenschaften und ihre Berücksichtigung mehrkultureller Bezüge z.B. als Faktor im Bildungsmonitoring oder auf individueller Ebene für den schulischen Erfolg (↗ Art. 16),
die Fremdsprachendidaktik, die sprachenpolitische Entwicklungen diskutiert sowie Erweiterungen interkulturellen und transkulturellen Lernens auf mehrkulturelle Kontexte untersucht (↗ Art. 17),
das Fach Deutsch als Zweit- und FremdspracheDaZ, in dem mehrkulturelle Faktoren und ihre Auswirkungen auf den Erwerb von Deutschkenntnissen von Menschen mit Migrationshintergrund und MigrantenMigranten thematisiert werden (↗ Art. 51, 52, 53, 106).
Diese verschiedenen Perspektiven auf Mehrkulturalität eröffnen facettenreiche Perspektiven in einem komplexen gesellschaftspolitischen Umfeld, das vermeintliche NeutralitätNeutralität nicht zulässt. Daher sind diese Forschungsdiskurse und Standpunkte zwingend hoch politisch, mit Fragen der Identität verknüpft (↗ Art. 1) und nie abschließend zu führen. Als Spiegel mehrkultureller Gesellschaften werden sie auch in Zukunft Ambivalenzen, Brüche und komplexe sowie einander widersprechende Zielsetzungen sichtbar machen.
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Christiane Fäcke
B Europäische Mehrsprachigkeits- und Fremdsprachenkonzepte
9. Politische Dimensionen der rezeptiven Mehrsprachigkeit für die europäische Demokratie
1. Aufriss: die Finalität der EU und die Mehrsprachigkeit
Jeder europäische Bürger sollte sich außer in seiner Muttersprache in mindestens zwei anderen Sprachen gut verständigen können. (…) die bereits von mehreren Mitgliedstaaten erzielten Fortschritte [zeigen], dass es absolut erreichbar ist. (Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2003: 4)
Die Zielformulierung der Europäischen Union definiert als mehrsprachiges Minimummehrsprachiges Minimum eine operable Mehrsprachenkompetenz in drei Sprachen, gekennzeichnet durch die Beherrschung aller vier Teilfertigkeiten auf freilich unterschiedlichen Kompetenzstufen. Das Adverb „mindestens“ signalisiert deren Erweiterung auf eine diversifizierte und abgestufte MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitdiversifizierte und abgestufte. Die Abstufung betrifft zwei Aspekte: das in den Fremdsprachen zu erreichende Kompetenzniveau und die Reduktion aller vier Grundfertigkeiten auf zwei rezeptive Kompetenzen. – Die Zielvorgabe antwortet auf die VielsprachigkeitVielsprachigkeit der EUEU. – Zugleich rückt die Kommission von der unrealistischen Idealvorstellung des native speakernative speaker ebenso ab wie von der Fokussierung auf formal-sprachliche Fehlerlosigkeit; stattdessen wertet sie die mündlichen Kompetenzen und die interkulturelle Pragmatik im Rahmen einer interkulturellen KommunikationsfähigkeitKommunikationsfähigkeitinterkulturelle als übergeordnetes Lehrziel auf. An die Stelle des native speaker als Zielvorstellung tritt der mehrsprachige interkulturelle SprecherSprechermehrsprachiger und interkultureller.
1.1. Mehrsprachige Kompetenzprofile und europäische Kommunikation
Während man im Europa der Sechs der 1960er Jahre noch mit Deutsch, Französisch, Italienisch, Niederländisch und der WeltverständigungsspracheWeltverständigungssprache Englisch auszukommen glaubte, um den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben, in interkultureller Kommunikationinterkulturelle Kommunikation ihre Muttersprachen zu gebrauchen, ist eine solche Eingrenzung in einer Union mit 24 Sprachen zu eng (↗ Art. 11). Dies verlangt ein quantitativ wie qualitativ erweitertes schulisches und außerschulisches Fremdsprachenangebot im Sinne des mehrsprachigen Minimums. Faktisch schränkt die Minimalformel allerdings die Wahlfreiheit zugunsten aller EU-Sprachen insofern ein, als eine von zwei Fremdsprachen (außerhalb der irischen Republik, Malta und des Vereinigten Königreichs) immer und überall Englisch ist. Dies verbindet sich zwar mit dem gewaltigen Vorteil, der sich aus der Beherrschung einer WeltverständigungsspracheWeltverständigungsspracheEnglisch ergibt, es setzt jedoch Menschen, die das EnglischeEnglisch nur eingeschränkt oder gar nicht beherrschen, in einen nicht vertretbaren Nachteil. Auch bei der Herstellung einer einheitlichen europäischen politischen Öffentlichkeit bleibt Englisch als ‚EurospracheEurosprache‘ defizient, da es abgesehen von den englischsprachigen Gesellschaften nie Ausdruck der involvierten Kulturen und ihrer ThemenThemen ist. Keine Frage ist, dass die Mehrsprachigkeit unter Einschluss von Englisch ebenso eine breite Förderung verdient (↗ Art. 12) wie der Ausbau einer zweiten Fremdsprache auf hohem Kompetenzniveau in allen vier Grundfertigkeiten und den Weiterbau zu einer erweiterten Mehrsprachigkeit.
1.2. Mehrsprachigkeit als sprachenpolitische Leitlinie der EU
Die EU-Leitlinie zur Fremdsprachenkompetenz steht in einer 50jährigen Tradition, die mit der European Cultural Convention (1954) ihren Anfang nimmt. Obwohl mehr Sprachenkenntnis per se noch nicht zu einem friedlichen Zusammenleben der Völker führt (was auch die politisch verantwortlich Handelnden immer wussten), geht die EUEU davon aus, dass mehr individuelle Mehrsprachigkeit ihren Bürgerinnen und Bürgern mehr Verständnis füreinander („mutual understanding“) ermöglicht. Dies erklären explizit oder implizit zahlreiche EU-Dokumente, darunter der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GeRGeR) (2001) und das diesen ergänzende Companion VolumeCompanion Volume (2018) (↗ Art. 18, 19), der Guide for the Development and implementation of curricula for plurilingual and intercultural education (Beacco et al. 2016) und Linguistic integration of adult migrantsIntegrationsprachliche, von erwachsenen Migranten. Guide to policy development and implementation (Council of Europe 2014), um nur die vielleicht wichtigsten programmatischen Publikationen zu nennen. Mit den zuletzt genannten Dokumenten hat die EU ein unübersehbares Signal zur Entwicklung von mehr Mehrsprachigkeit an ihre Mitgliedsstaaten gesendet. Und diese bemühen sich, wie die Eurostatistiken (Eurydice 2012) belegen, die Empfehlungen auch umzusetzen (↗ Art. 21).
Generell sieht die EU in der Mehrsprachigkeit eine „SchlüsselkompetenzSchlüsselkompetenz“, die es erlaubt, innerhalb der Union Freizügigkeit des Arbeitsplatzes und der Residenz wahrzunehmen. Mit dieser Formulierung knüpft die Europäische Kommission an ihr Weißbuch Lehren und Lernen (…) Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft (1996: 3) an. Die individuelle und diversifizierte Mehrsprachigkeit selbst gilt auch als eine Strategie, um die EU zu dem „wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt“ zu entwickeln (ebd.).
Zur Wechselwirkung zwischen einer breiten individuellen Mehrsprachigkeit und dem Funktionieren einer vielsprachigen Europäischen Demokratie schweigen sich die EU-Publikationen indes aus. Dabei wird eine diversifizierte Mehrsprachigkeit umso wichtiger, desto stärker die Finalität der Union auf eine solche Demokratie und die ihr zugrunde liegende WertegemeinschaftWertegemeinschaft zielt, in der sich das in weit über zwanzig Muttersprachen und Nationen ausdrückende (souveräne) WahlvolkWahlvolk ein gemeinsames europäisches Parlament gibt und dieses die Exekutive wählt. Mag auch die Finalität der EUEU umstritten sein; unbestreitbar ist das Unvermögen der einzelnen europäischen NationalstaatenNationalstaaten, allein die epochalen Herausforderungen unserer Zeit zu lösen: den Klimawandel bekämpfen, Wohlstand und Sicherheit der Bevölkerung sichern, der europäischen Bevölkerung eine Stimme in der Welt geben. Dazu reicht ein lockerer Staatenbund nicht.
2. Die Rolle der Sprachen als meinungsgenerierende Faktoren in einer vielsprachigen Union aus sechsundzwanzig Staaten
Es gibt nur wenige repräsentative Demokratien, in denen die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger nicht dieselbe Sprache sprechen und verstehen können. Die politische Wissenschaft betont seit Jahrzehnten (z.B. von Kielmansegg 1992), dass die Vielsprachigkeit und das hieraus folgende Fehlen einer gemeinsamen politischen Öffentlichkeit die wesentlichsten Hindernisse für den Ausbau einer europäischen Demokratie darstellen. Im Kern betriff dies vor allem die rezeptiv-mehrsprachige Kompetenz, denn sie entscheidet elementar darüber, ob die Bürger die Themen der ‚anderen‘ überhaupt verstehen können. Solange dies nicht der Fall ist, müssen Themen das Filter von Übersetzungen und nationalsprachlicher Berichterstattung durchlaufen. Dass es hierbei an affektivem Potenzial, das diese ThemenThemenu. ihre Wirkung in den sie stark betreffenden Menschen wachrufen, verloren geht, liegt auf der Hand. Was dies für die europäische Meinungsbildung bedeuten kann, sei anhand der Gedanken erläutert, die im Rahmen der Erfindung der repräsentativen Demokratie zum Phänomen ‚MeinungMeinung‘ – demokratische Macht beruht auf den unzähligen Meinungen des Wahlvolkes – im Falle der EU: der aus vielen Völkern zusammengesetzten Bürgerschaft – und unzähligen Themen – formuliert wurden.
2.1. Politische Meinungsbildung in der Anthropologie der Federalist-Papers
Mehr als in Staaten, in denen der VolkswilleVolkswille nur eine nachgeordnete Rolle spielt, beruht laut Federalists-PapersFederalists-Paperszum Menschenbild der Demokratie (Madison 1788/1965) in (repräsentativen) Demokratien die legitime politische Macht auf der MehrheitsmeinungMehrheitsmeinung der Wahlberechtigten. Zu ihrer Feststellung bedarf es eines transparenten, geregelten Wahlverfahrens. Sein Ergebnis konstituiert den politischen Handlungswillen, d.i. die Regierung. Die Gegenstände der Meinungsbildung umfassen ungezählte und sich immer neu stellende Fragen der Politik, für deren inhaltliche Beurteilung es keine verbindliche Methode gibt. Daher ist die Methode des politischen Urteilsvermögens topisch: Jedes Thema verlangt einen eigenen Zugriff, eventuell in einer nur ihm eigenen Sprache. Natürlich ist die Bürgerschaft überfordert, sich zu allen anfallenden Fragen ein Urteil zu bilden und dieses in der Öffentlichkeit zu verhandeln.
Doch wie kommen Meinungen zustande? In den Augen des Verfassungsvaters und vierten Präsidenten der USAUSA, James Madison, ist folgende Trias konstitutiv: passionpassionLeidenschaft (dt. Leidenschaft, Vorliebe, Geschmack), reasonreason (Vernunft), interestinterest (Interesse). Für die rein von passions geleitete Meinungsbildung sind weder die Nachvollziehbarkeit eines Arguments (reason) noch ein Interesse (interest) allein entscheidend, sondern Gefühle (Liebe, Hass, Sympathie/Antipathie, Glaube, Ängste, Begeisterung, Rache usw.). Legitimierende und polykausale Referenzen sind zur Herstellung passion-initiierter Wir-Erlebnisse nicht notwendig, doch sind Ausgrenzungen, Definitionen von out-groups und ‚Feinden‘ förderlich. – Eine Parenthese aus gegebenem Anlass: Simplifizierende, nationalistische und populistische Sichtweisen instrumentalisieren das ‚Fremde‘, und der Nationalismus blickt nicht auf das Gemeinsame und allen gemeinsam Mögliche, sondern auf kurzfristig wirkende eigennationale Vorteile (für die jeweilige Wählerschaft): Die Vorteile der Anderen erscheinen leicht als Nachteile zu Lasten des Eigenen. Nationale Egoismen zu reduzieren, erfordert die Aufhebung dieser Fixierung sowie kollektive Empathie, europäische Identität und generelle Mitmenschlichkeit. – Natürlich sind passionspassionLeidenschaft an sich neutral und können integrativ (sie sind wie wir) oder adversativ verwendet werden (sind anders). Passions entscheiden auch darüber, ob vernünftige (reasonable) Argumente zugelassen und wie sie dargestellt werden. Auch die interests sind an einer Finalität festgemacht. Zumeist betreffen sie wirtschaftliche oder pekuniäre Vorteile. Ihre Beurteilung fällt in kurzfristiger oder langfristiger Betrachtung oft unterschiedlich aus. Natürlich sind Meinungen nie ausschließlich das Ergebnis der einen oder anderen Komponente. Stets handelt es sich um einen Mix von interagierenden Variablen. Madison betont, dass auch reason-geleitete Meinungen unweigerlich dazu führen, dass sich die öffentliche Meinung aus vielen unterschiedlichen Einzelmeinungen bildet („… men […] inevitably fall into different opinions“, L). Der guten Regierung fällt u.a. die Aufgabe zu, die Auswirkungen von passions und interestsinterestInteresse im Sinne der dann handlungsleitenden, weil möglichst weit in die Zukunft blickenden reasonreasonVernunft im Sinne des Gemeinwohls zu formieren.
2.2. Die Federalist-Anthropologie, gewendet auf die EUMeinungsbildung in der vielsprachigen EU-Demokratie
Was heißt dies nun für das Funktionieren der vielsprachigen Europäischen Demokratie und ihrer wesentlichen funktionalen Grundvoraussetzung im Sinne der nationalen Volkssouveränitäten und/oder einer weiter zu etablierenden europäischen VolkssouveränitätVolkssouveränität bzw. des meinungsbildenden öffentlichen Diskurses? Welche Rolle spielt hierbei die rezeptive Mehrsprachigkeitrezeptive Mehrsprachigkeit? PassionspassionLeidenschaft, reasonsreasonVernunft und interestsinterestInteresse betreffen sowohl die Meinungsbildung der Menschen in ihrer Eigenschaft als Unions- als auch Staatsbürger. Sind die meinungsbildenden und an kollektiven Identitäten gebundenen Anteile der Trias schon innerhalb pluraler nationaler und einsprachiger Gesellschaften unterschiedlich verteilt, so gilt dies viel stärker noch für die vielnationale und vielsprachige Union. Was diese angeht, so müssen unterschiedliche, sich national formierende meinungsbildende Prozesse unter ein gemeinsames europäisches Dach gebracht werden. Auch die Medien stehen in diesem konfliktiven Dilemma, tendieren aber aus durchsichtigen Gründen dazu, die jeweilige eigennationale Perspektive viel detaillierter zur Sprache zu bringen als die der Nachbarn. Damit werden in den nationalen Gesellschaften der EUEU dieselben Themen nicht nur sehr unterschiedlich behandelt, es werden auch jeweils sehr unterschiedliche Gefühle (passions) losgetreten, was nicht zur Bildung eines gemeinsamen europäischen politischen Handlungswillens, erleichtert durch eine politisch tragfähige europäische Identität, beiträgt. ThemenThemender "Nachbarn der Nachbarn, deren Sichtweisen und Sensibilitäten einfach okkultieren oder zumindest marginalisieren und zugleich eigene – vor allem passion-basierte – nationale Sichtweisen und Wertungen ‚zoomen‘ und ständig vor dem nationalen Publikum bestätigend wiederholen ist EU-weit in den Medien zu beobachten – und zwar keineswegs nur in den mehr und mehr autoritativen oder gelenkten Demokratien wie in Polen oder Ungarn. Das Verfahren hat Methode, die sich u.a. in der von Teilen der Wählerschaft ungestraft hingenommenen Gleichschaltung der Medien und der Produktion sog. fake newsfake news (die fast immer einseitig auf die passions schielen) manifestiert. Hier begegnet eine Strategie zur inneren Zersetzung der Europäischen Union von der Manipulation der nationalen Öffentlichkeiten her. Die Wirksamkeit des Verfahrens bewies die über weite Strecken hinweg lügenhafte Kampagne der Brexit-Befürworter im Juni des Jahres 2016. Statt bestraft, wurden die fake news-Lügner belohnt.
3. Europäische Demokratie und durch Rezeption erweiterte Mehrsprachigkeit im Diskurs der Fremdsprachendidaktiken
In ungezählten Publikationen begleiten die Fremdsprachendidaktiken die Europäische SprachenpolitikSprachenpolitikder EU seit deren Anfängen. Ihrer Kernkompetenz gemäß beschränkten sie sich dabei nahezu ausschließlich auf folgende Bereiche: Lehren und Lernen fremder Sprachen und Kulturen, auch im Kontext der Komplexion relevanter Variablen; Methodik und Testen; Konstruktion von sprachlichen Minima; Lehrende und Lernende sowie Sprachenpolitik. Der Zusammenhang zwischen Mehrsprachigkeit und der Bildung der öffentlichen Meinung in einer vielsprachigen Europäischen Union der Bürgerinnen und Bürger, also nicht nur der Staaten, bleibt ausgeblendet. Anders gesagt: Die europäischen Leitlinien (↗ Art. 12) leiten nicht oder nur sehr unzureichend zur Ausbildung politischer UrteilsfähigkeitUrteilsfähigkeitpolitische, bezogen auf eine vielsprachige Demokratie, an.
3.1. Das spezifische Potential von Fremdsprachenkompetenz zwischen nationalen Identitäten und Europäischer Identitätskonstruktion
War der Erziehungsauftrag im 19. und überwiegend auch im 20. Jh. national ausgerichtet und an einer einzigen nationalen Sprache orientiert (Byram 2012), so ist er heute bzgl. des lernrelevanten Vorwissens und der Zielperspektiven zunehmend vielkulturell und mehrsprachig, wobei der jeweilige nationale Raum die stärkste Klammer bleibt. Der neue Anspruch an den Fremdsprachenunterricht – nunmehr zu echter interkultureller Kommunikationsfähigkeitinterkulturelle Kommunikationsfähgkeit in mehr als zwei Sprachen zu befähigen – verlangt eine Revision der ErziehungszieleErziehungszieleErziehungsziele, der Kursprofile und der Lehrlernmethoden: Wurden diese noch in Zeiten der Kommunikativen Fremdsprachendidaktik (↗ Art. 30) einzelzielsprachlich definiert, so stellt die EUEU nun hierneben das Ziel des mehrsprachigen Minimums. Die quantitative Zielperspektive hat qualitative Folgen. Weil Sprachen in Zahl und jeweiligem Umfang individuell nur begrenzt lern‑ und lehrbar sind und staatlicherseits FremdsprachenunterrichtFremdsprachenunterrichtder Nationalstaaten nur für wenige Sprachen breit und qualifiziert anbietbar ist, ist eine Abstufung und Präzisierung des Kompetenzziels für dritte, vierte und weitere Fremdsprachen unerlässlich: Auch in diesem Zusammenhang treten die rezeptive Mehrsprachigkeit qua InterkomprehensionInterkomprehension, sodann die Sprachlernkompetenz und in der Methodik das sprachenvernetzende LernenSprachenlernenvernetzendes (↗ Art. 14) in den Blick. Doch welche neuen Ziele fügt der neue Anspruch den bisherigen Zielen hinzu?
„Identität“ – ob kollektiv oder individuell – ist nicht nur ein Bewegungsbegriff des politischen Bezirks (Koselleck 1972). Das Wort hat auch in den Fremdsprachendidaktiken ein Echo gefunden (Meißner 2013; Burwitz-Melzer, Königs & Riemer, passim). Es bezeichnet eine starke Verbindung zwischen einzelnen Menschen einerseits und einer kollektiven Entität (Staat, Region, Stadt, Religionsgemeinschaft, Arbeiterschaft, GeschlechtGeschlecht, Generation, Parteizugehörigkeit usw.) andererseits. Offensichtlich kann sich personale Identität nur an der Identität einer Gruppe ausbilden. Das, was Erneste Renan 1882 für die französische Nation beschreibt („…une grande solidarité, constituée par le sentiment des sacrifices qu’on a faits et de ceux qu’on est disposé à faire encore“), gilt mutatis mutandis auch für ein zu entwickelndes europäisches Wir-GefühlWir-Gefühl. Dieses müssen die Bürger ausbilden; insbesondere, wenn sie die EU nicht nur als einen losen Staatenbund verstehen (wollen?): Das Wissen um eine gemeinsame Vergangenheit (und deren gemeinsam erlittene Katastrophen) und der Wille zu einer gemeinsamen Zukunft sind für den politischen Bestand der Europäischen Union konstitutiv. Bis heute machen indes die nationalen Staaten weitaus mehr nationale Identifikationsangebote an ihre Bevölkerungen, als solche EU-seitig pro Europa existieren. Nicht nur das: Zu oft wird die Union zum Sündenbock abgestempelt, um von Fehlern der nationalen Politik (Politiker) abzulenken. Die politische Semantik spricht in nahem Zusammenhang hierzu von Miranda‑ und TabuzonenMiranda u. Tabuzonen: verehrungsträchtige oder zur Diskriminierung führende ThemenThemenሴbሴdes kollektiven GedächtnissesThemenሴbሴu. Symbolwörter und Symbolwörter. Für Luhmann (1987: 224, 229) ist Kultur ein Repertoire an Themen, die innerhalb einer Sprechergemeinschaft – zumeist eine nationale – intensiv und langzeitlich kommuniziert bzw. geteilt werden. So wachsen ein gemeinsames Grundwissen (common grounds) und das kollektive Gedächtnis mit der Semantik der Gesellschaft (Luhmann 1980). Die unterschiedlichen und unterschiedlich verteilten Miranda- und Tabuzonen sind Teile der verschiedenen gesellschaftlichen Semantiken in der EU. Die Europäische Gesellschaft ist – auch – in dieser Hinsicht vielfach kulturell fragmentiert. Die jüngere semantische Frame-Forschung beleuchtet diesen Zusammenhang mit anderen Mitteln (passim: Wehling 2018). – Fraglos ist eine EU-identitätsstiftende ErziehungErziehungErziehungidentitätsstiftende nicht nur eine Aufgabe der sprachlichen Fächer. Doch sind die Fremdsprachen die einzigen, die die Begegnung mit zielkulturellen Themen in den Sprachen der EU-Bürgerinnen und -Bürger selbst erlauben. Im Klartext: Fremde Sprachen liefern uns die Sichtweisen der fremden Sprachgemeinschaften auf die jeweils eigenen, die nationalen sowie die europäischen Themen. Die rezeptive Mehrsprachigkeit ist die unseren Horizont erweiternde Brille, die wir uns aufsetzen müssen, um mehrere fremde Kontexte und dortige Meinungsbildungen erkennen und in ihren passion, reasonreasonVernunft und interestinterestInteresses verankerten Voraussetzungen besser verstehen zu können. Kenntnisse in nur einer einzigen Fremdsprache neigen dazu, dass alle Fremdheiten in der Sammelkategorie der einzig bekannten sprachlich-kulturellen Fremdheit zu subsumiert werden.
Fazit: Eine europäische Identitätsbildung kann nur polyreferentiell, plurinational, sprachlich diversifiziert und mehrsprachig gedacht und gemacht werden (↗ Art. 18). Sie muss an wirkungsmächtige national kommunizierte Inhalte anknüpfen, diese international-EU-europäisch vergleichen, integrieren und weiterführen, und zwar so, dass interests, passions und reasonreasonሴbሴVernunft kulturspezifisch-differenzierend mitbedacht werden.
3.2. Kollektive Affektpotentiale über mehr rezeptive Mehrsprachigkeit europaweit bekannter machen
Der Vorwurf der EU-Skeptiker gegenüber einem vereinten Europa verbindet sich regelmäßig mit einer vermeintlichen Bürgerferne des angeblich so fernen Brüssel und einem Kontrollverlust der nationalen Instanzen sowie einem Verlust von Geborgenheit im Nationalen. Das geforderte Mehr an Subsidiarität bedeutet europaweit natürlich auch mehr lokale, regionale und nationale Diversität, um die herum sich dann die in den Medien dargestellten und verhandelten Diskurse in den verschiedenen Sprachen bilden. Dass in diese Diskurse, von denen jeder einzelne vor einem eigennationalen kollektiven Gedächtnis steht, immer auch Konnotationen (Wertungen) einfließen, deren emotive Dimension nicht einfach qua Übersetzung angemessen widergegeben werden kann, steht der europäischen Identitätsbildung entgegen. Dies bezeugen frequente Hochwertwörter wie it. il mio paese (dt. mein Dorf, mein Land, das viel mit dt. „Heimat“ gemeinsam hat), frz. les riches (ein Kampfbegriff der französischen Linken ohne wirkliche emotive Entsprechung im Deutschen) oder La République (…pour elle un Français doit mourir…, heißt es in dem bis heute gesungenen Chant du Départ des Jahres 1794; es wäre im deutschen Diskurs undenkbar), dt. Gutmenschen (frz. les bien pensants verkürzt um den „typisch deutschen“ Diskurs um politische Korrektheit), Euthanasie (das außerhalb des deutschen Sprachraums keineswegs in starker Weise mit dem Holocaust assoziiert wird, sondern dort regelmäßig Sterbehilfe bedeutet) usw. Natürlich prägen nicht nur affektiv stark aufgeladene Begriffe die politische Semantik staatlicher Sprachgemeinschaften; stattdessen wirken offene oder versteckte Wertungen generell innerhalb einer SprachgemeinschaftSprachgemeinschaft und ihren Angeboten zur Meinungsbildung hinein (u.a. Wierzbicka 1997). Nicht ohne Grund ordnet die Friedensforschung die unmerkliche Führung unserer Gedanken durch die Sprache der kulturellen Gewaltkulturelle Gewalt zu (Galtung 1993).
Die Wirkung auf Leser ist nicht dieselbe, wenn sie einen fremdsprachigen Text in der Originalfassung oder in einer (selbst guten) Übersetzung lesen. Denn schon die bloße RezeptionRezeption in einer fremden Sprache nimmt uns ein Stückweit in deren KommunikationsgemeinschaftKommunikationsgemeinschaftKommunikationsgemeinschaftሴbሴfremde hinein (was keineswegs heißt, dass wir uns ‚fremden‘ Meinungen kritiklos anschließen). Hier liegt der Zugriff der rezeptiven Mehrsprachigkeit als einer Teilantwort auf die national-fragmentierten europäischen Öffentlichkeiten (↗ Art. 6).
4. Mehrsprachige Rezeptionskompetenz und Werteerziehung in der Europäischen Union als Aufgabe des Fremdsprachenunterrichts
Die geopolitische Situation in Gestalt der GlobalisierungGlobalisierung, dem Aufkommen neuer Zentren politischer und ökonomischer Macht, mit vielfältigen Facetten – als Antworten hierauf: die europäische Einigung und die Geburt der demokratischen EUEU als Lehre aus den Katastrophen der europäischen Geschichte, gegen das Unvermögen der einzelnen europäischen NationalstaatenNationalstaaten, die ökologischen und ökonomischen Herausforderungen der Zukunft zu bestehen und den Europäern im Konzert der Völker eine hörbare Stimme zu verleihen – verlangt (auch) eine grundlegende Revision des ErziehungswesenErziehungswesenRevision dess einschließlich des Fremdsprachenunterrichts. Zwar ist dank der oben angedeuteten Initiativen des Europarats viel geschehen. Doch ist der gegenwärtige Status (man mag nicht vom state of the art sprechen) weit davon entfernt, den möglichen Beitrag des Fremdsprachenunterrichts zu einer europäischen Werteerziehung und einer plurireferentiellen europäischen Identitätsbildung zu leisten. All dies geht nicht ohne eine in der europäischen Bevölkerung hinreichend weit verbreitete Kenntnis der NachbarspracheNachbarsprachenn und -kulturen. In diesem Sinne muss der Fremdsprachenunterricht in der EU auch als Teil der politischen Bildung begriffen werden. Auf der Grundlage des klug definierten mehrsprachigen Minimums erfordert dies neben der Förderung von dreisprachiger umfassender Kommunikationskompetenz die Regulierung von Maßnahmen zur Verbreiterung der rezeptiven Mehrsprachigkeitrezeptive Mehrsprachigkeit sowie die Öffnung des Fremdsprachenunterrichts über die einzelne Zielsprache und Zielkultur hinaus (↗ Art. 14, 16, 29, 65). Last but not least: Erziehung wirkt langfristig – eine notwendige Investition, die morgen ihre Früchte trägt. Eine Ergänzung des Fremdsprachenunterrichts um rezeptive Mehrsprachigkeit und einer politischen Werteorientierung zur Verbesserung der politischen Urteilskraft, die auch den Blick auf die Nachbarn mit einbezieht, ist längst überfällig. Die Weiterentwicklung des nationalen Fremdsprachenunterrichts zu einem in der Tat europäischen liegt zutiefst im Interesse Europas und seiner (hoffentlich) friedensstiftenden Wirkung in der Welt.
Literatur
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Burwitz-Melzer, E., Königs, F. G. & Riemer, C. (Hrsg.) (2013): Identität und Fremdsprachenlernen. Anmerkungen zu einer komplexen Beziehung. Arbeitspapiere der 33. Frühjahrskonferenz zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts. Tübingen.
Byram, M. (2012): Characteristics and Competences of the Plurilingual and Intercultural Citizen. In: C. Fäcke, H. Martinez & F.-J. Meißner (Hrsg.): Mehrsprachigkeit: Bildung – Kommunikation – Standards. Akten des 3. Bundeskongresses des GMF 2010. Stuttgart, 15-25.
Council of Europe (Hrsg.) (2014): Languages for Democracy and Social Cohesion. Diversity, Equity and Quality. Sixty Years of European Co-Operation. Strasbourg. [http://europa.eu.int/conmm/education/doc/official/keydoc/actlang/act_lang_eu.pdf].
Europäische Kommission (1996): Lehren und Lernen. Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft. Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung. [http://europa.eu/documents/comm/white_papers/pdf/com95_590_de.pdf].
Eurydice (2012): Key Data on Teaching Languages at School in Europe. Brussels.
Galtung, J. (1993): Kulturelle Gewalt. Zur direkten und strukturellen Gewalt tritt die kulturelle Gewalt. In: Zeitschrift für Kulturaustausch 4, 473-487.
Kielmansegg, P. Graf von (1992): Ein Maß für die Größe des Staates. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (2.12.1992), 35.
Kommission der europäischen Gemeinschaften (2003): Mitteilung der Kommission an den Rat, das europäische Parlament, den Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen. Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt: Aktionsplan 2004-2006. Brüssel. [http://ec.europa.eu/education/languages/eu-language-policy/doc112_de.htm].
Koselleck, R. (1972): Einleitung. In: O. Brunner, W. Conze & R. Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache Deutschlands. Stuttgart, I: XIII-XXVII.
Luhmann, N. (1980): Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft 1, Frankfurt a. M.
Luhmann, N. (1987): Soziale Systeme. Frankfurt a. M.
Madison, J. (1788): From the New York Packet, No. 49, No. 50. In: A. Hamilton, J. Madison & J. Jay: The Federalist, or the New Constitution. Introduction by W. R. Broke. New York (1965).
Meißner, F.-J. (2013): Sprachen kennen und können zwischen individuellen, nationalen und europäischen Identitätsangeboten. In: Burwitz-Melzer, Königs & Riemer (Hrsg.), 194-207.
Renan, E. (1882): Qu'est-ce qu'une nation ? Conférence faite en Sorbonne, le 11 mars 1882.
Wehling, E. (2018): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Hamburg.
Wierzbicka, A. (1997): Understanding Cultures through their Key Words. English, Russian, Polish, German and Japanese. New York, Oxford.
Franz-Joseph Meißner
10. Sprache und Staat
1. Grundlagen
Menschen leben in Staaten unterschiedlicher Prägung. Staaten sind das Ergebnis historischer Entwicklungen; jeder Staat hat seine eigene Geschichte. Menschliche Staaten funktionieren durch SpracheSprache u. Staat. Sprache ist der intimste Besitz des Menschen; sie ist Wort gewordene Kultur. Der Mensch ist plurilingual, gestuft mehrsprachig (Hochsprache, regionaler Dialekt, sozialer Dialekt, Zweitsprache(n), Fremdsprache(n)). Einsprachigkeit ist die Ausnahme, nicht die Regel.
2. Sprache und RechtSprache u. Recht
Staaten und überstaatliche Verbünde verfügen in aller Regel über eine explizite Sprachgesetzgebung (↗ Art. 11)Sprachgesetzgebung. Ist sie politisch „hoch aufgehängt“, ist sie Bestandteil der Verfassung, oder, vordemokratisch: der obrigkeitlichen Legislative. Der Erlass Franz I. von Villers-Cotterêts (1539), der Französisch als Sprache der Staatsverwaltung und Rechtsprechung vorschreibt, ist ein solcher gesetzgeberischer Akt. SprachregelungenSprachregelungen können auch einfachgesetzlich und in föderativen Systemen von teilnehmenden Staaten festgelegt sein: Das deutsche Grundgesetz legt keine Amtssprache fest; alle Regelungen sind einfachgesetzlich, wobei die Regelungskompetenz als Bestandteil der Kulturhoheit bei den Ländern liegt. Die ‚Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen‘MinderheitensprachenEuropäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen des Europarats (1992) schützt als übergeordnetes Recht MinoritätensprachenMinoritätensprachenMinderheitensprachen innerhalb ihrer Siedlungsräume; in Deutschland garantiert sie, dass die Sprachen Dänisch, Friesisch, Niederdeutsch, Romanes und Sorbisch in der Hoheit der jeweiligen Bundesländer in bestimmten Bereichen Amtssprachen sind (↗ Art. 121-125). Mundarten gelten sprachrechtlich als VarietätenVarietäten der Hochsprache (↗ Art. 126); Luxemburgisch und Jiddisch sind eigenständige Sprachen. Österreichisches Standarddeutsch und Schweizer HochdeutschHochdeutschSchweizer werden als nationale Standardvarietäten klassifiziert (↗ Art. 118, 119).
Sprachgesetzgebungen regeln den Stellenwert der einzelnen auf dem Staatsterritorium benutzten Sprachen, auch als Gerichts-, Parlaments-, Gesetzes- und Schulsprachen. Sie können auf eine einzige, staatstragende Sprache hin ausgerichtet sein, oder alternativ auf ein Neben- und Miteinander gleichberechtiger Sprachen (etwa: Sprachgesetzgebung der EUEU). Kompromisse sind gängig, teilweise geboren aus der Macht des Faktischen, etwa in EU-Gremien (↗ Art. 12), in denen man sich auf die Sprachen der Experten und/oder Englisch einigt (Hoheisel 2005). Auch das Verbot von SprachenVerbot von Sprachen ist mitunter Bestandteil sprachlicher Gesetzgebung gewesen (Deutsch in Teilen Ostmitteleuropas nach 1945). Derartige Sprach- und Kulturverbote, stets als Kollektivstrafe verhängt, sind Verstöße gegen das Völkerrecht.
3. Sprache und NationSprache u. Nation
Der lateinische Begriff natio „Geburt, Volksstamm, Klasse, Herkunft, Sippschaft“ fokussiert in vager Form auf sprachliche und kulturelle Gemeinsamkeiten. Die eine, staatstragende Sprache gibt er als Konsequenz nicht her. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war ein Gebilde mit vielen nationes und Sprachen, ohne verbindliche LeitspracheLeitsprache. Nach außen, in diplomatischer Mission, wurde Latein benutzt. Diese Sprache aber wurde seit dem 17. Jahrhundert von Frankreich, dem Hauptgegner auf der politischen Bühne, nicht mehr akzeptiert. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 wurde um Monate verzögert, weil die französische Abordnung behauptete, nur die eigene NationalspracheNationalsprachen zu verstehen, während die deutsche Delegation auf LateinLatein als Verhandlungssprache beharrte. F. C. Moser (1750: 49ff.) beschreibt die sprachenpolitischen Auseinandersetzungen im Detail.
Die NationalstaatenNationalstaaten der Renaissance wie Frankreich und England betrachteten die symbiotische Einheit von Staat und Sprache als konstitutiv. Sie setzten auf konsequente Sprachentwicklung und SprachpflegeSprachpflege, gerade auch im literarischen und pädagogischen Bereich, und auf ein hohes Maß an Zentralismus (Schröder 2000). Deutschland vollzog den Wandel zum Nationalstaat erst drei Jahrhunderte später. Die Sprachpflege des (Hoch-)deutschen begann mit Luthers Bibelübersetzung; sie wurde im Zeitalter der deutschen Klassik intensiviert und mit der Säkularisation zum pädagogischen Programm. Noch die Preußische Akademie der Wissenschaften Friedrichs des Großen hatte auf Französisch funktioniert, doch das Französische als internationale Sprache war mit den Auswüchsen der Revolution und der napoleonischen Herrschaft in Misskredit geraten. Seine Agonie nach 1815 machte den Weg frei für den deutschtümelnden NationalismusNationalismus des nach dem Sieg über Frankreich 1871 gegründeten Kaiserreichs. Zu diesem Zeitpunkt galten die in Deutschland verbreiteten MinderheitensprachenMinderheitensprachen als belanglose, teilweise moribunde Mundarten. Die internationale Blüte des HochdeutschenHochdeutsch währte nicht lange, bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Nur wenige Staaten Europas waren im 19. Jahrhundert offiziell mehrsprachig, darunter die Schweiz und die Donaumonarchie mit ihren 11 Amtssprachen (↗ Art. 29).
Nach 1918 lässt sich auf dem Gebiet der Donaumonarchie eine brisante semantische Verschiebung der Begrifflichkeit ‚deutsch‘, ‚Deutscher‘ nachweisen: War die Bezeichnung zuvor mit Blick auf die Siedlungsgebiete als „Sprecher des Deutschen“ (etwa innerhalb der größeren böhmischen oder mährischen LandsmannschaftLandsmannschaft) zu verstehen, so wurde sie nach 1918 umgedeutet als „über die Sprache der deutschen Nation zugehörig“, eine geschichtsklitternde Sichtweise, die der politischen Usurpation durch die Faschisten 1938 den Weg ebnete und die ethnischen Säuberungen von 1946 begünstigte.
Die Tradition einer Koppelung von Nation und Nationalsprache im Sinne eines erzwungenen politischen MonolingualismusMonolingualismus ist nicht überwunden, wie die 2018 verfügte Entscheidung der israelischen Regierung zur sprachlichen Ausgrenzung der arabischen Minderheit zeigt. Auch in der EU wird ausgegrenzt. Bestes Beispiel ist der Umgang der baltischen Staaten mit ihrer russischen MinderheitMinderheiten (↗ Art. 4).
Manipulativ ist die Tendenz politischer Gruppierungen, an die Stelle des Begriffes ‚Nation‘ den seit der Romantik mystifizierten, über die gemeinsame Sprache definierten Begriff ‚VolkVolk‘ zu setzen. Der Missbrauch des Begriffes hat in Deutschland eine lange Tradition, sowohl in der rechten Szene („ein Volk, ein Reich“, „Volksgerichtshof“, „Volksfeind“, „Volksschädling“) als auch am linken Rand („alle Kinder des Volkes“, „volkseigen“, „Volkspolizei“). Der begründete Slogan aus den Spättagen der DDR „Wir sind das Volk“ wurde durch den Kommentar der Rechten „Deutschland den Deutschen“ politisch pervertiert.
Bei alledem hat sich nach 1980 auf nationalstaatlicher Ebene in vielen Ländern Europas ein Umdenken angebahnt. Stellte der gaullistische Premierminister Pompidou noch 1972 klar: „Il n’y a pas de place pour les langues et cultures régionales dans une France qui doit marquer l’Europe de son sceau“ (République française 2017), ist Frankreich heute – sichtbar – ein Land mit neun RegionalsprachenRegionalsprachen, auch wenn es die Charta des Europarats bisher nicht ratifiziert hat. Auch Spanien ist politisch und sprachlich regionalisiert, die neue Struktur scheint so lange zu funktionieren, wie einseitige Brüche und Sezessionen vermieden werden. Sie bringt dem Land die im Zeitalter des Zentralismus verschüttete kulturelle Vielfalt zurück, unter dem Dach einer neu ausgehandelten gesamtspanischen Gemeinsamkeit. Auch in Großbritannien ist die sprachliche Regionalisierung unter dem Stichwort devolutiondevolution seit den 1970er Jahren spürbar vorangekommen. Englisch (Southern Standard) ist faktisch die Nationalsprache Englands, Englisch (Northern Standard, Scottish English) die meistgebrauchte Sprache Schottlands. Offiziell wird zwischen den beiden Standards nicht differenziert. Neben Scottish EnglishEnglish existieren auf das Mittelalter zurückgehende süd- und ostschottische Dialekte des Englischen, die heute, als Scots Language zusammengefasst, als Regionalsprache gelten. In Teilen des westlichen Hochlands und auf den Hebriden wird schottisches Gälisch gesprochen; die Regionalsprache hat über ihr heutiges Verbreitungsgebiet hinaus im gesamten Schottland hohen Identifikationswert. Englisch (↗ Art. 13, 97, 98) ist ArbeitsspracheArbeitssprache des schottischen Regionalparlaments und Sprache der schottischen Gesetzgebung. Im Übrigen ist die Benutzung beliebiger Sprachen möglich; Übersetzung wird, soweit möglich, gestellt. In jüngster Zeit gibt es Initiativen, den Gebrauch des Gälischen im Parlamentskontext voran zu bringen (vgl. Scotland.org). In Wales liegen die Verhältnisse anders: Die walisische Sprache Welsh, als keltische Sprache mit dem Gälischen und enger noch mit dem Bretonischen verwandt, ist seit 2011 die einzige „de jure official language“ des Landes. Englisch ist „de facto official“. Die Regelung gilt auch für das walisische Regionalparlament (vgl. National Assembly for WalesWales).
4. Sprachenrechte in der EUEU und Sprachenrechte von MinderheitenSprachenrechte von Minderheiten
Den Gründervätern Europas war klar, dass ein Vereintes Europa keine Neuauflage der Vereinigten Staaten von Amerika sein könne. Europa war historisch, ethnisch und kulturell etwas Anderes (↗ Art. 9). Es gab keine (scheinbar) leeren Siedlungsräume, dafür aber eine gemeinsame, 2000 Jahre alte europäische Kultur. Nation building, wie in den USAUSA, war keine Option. Gleichzeitig machten die Regionalkonflikte in Europa deutlich, dass ein monolinguales Europa ein bürgerkriegsanfälliges Europa sein würde. Alle diese Konflikte (etwa: Südtirol, Irland, Kosovo, Bosnien) hatten sprachenpolitische Komponenten. Für das Europa der VaterländerEuropa der Vaterländer de Gaulles war klar, dass die Nationalsprachen – und nur sie – auf dem Papier gleichberechtigt sein sollten, ohne offizielle Leitsprache. (Inoffizielle EU-Leitsprache war damals das Französische.) In den 1960er Jahren argumentierte man im Europa der Sechs, dass die VielsprachigkeitVielsprachigkeit des Kontinents als Reichtum gesehen werden sollte und nicht als Hindernis auf dem Weg zur Einheit. Es sollten plurilinguale Unionsbürger für ein multilinguales Europa herangebildet werden (↗ Art. 12). Nach 1969 propagierte der Europarat die Idee der rezeptiven Mehrsprachigkeit und, damit verbunden, einer sprachenteiligen Gesellschaft. Die Gedanken wurden in Deutschland positiv aufgenommen und an den Universitäten Augsburg (etwa: Finkenstaedt & Schröder 1992), Frankfurt (Main) (Arbeiten von D. Stegmann) und Gießen (etwa: Meißner 1998 und 2004) weiterentwickelt. Die Konsequenzen der europäischen Fremdsprachenpolitik für die deutsche Schule wurden 1980 in den ‚Homburger Empfehlungen für eine sprachenteilige Gesellschaftsprachenteilige GesellschaftHomburger Empfehlungen‘ von H. Christ, K. Schröder, H. Weinrich und F.-J. Zapp programmatisch dargestellt. Demgegenüber waren die mehr als zehn Jahre später von der Europäischen Kommission im Rahmen des Weißbuchs ‚Lehren und Lernen. Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft‘ (1996) an den Unionsbürger und die Schulsysteme gerichteten Forderungen in ihrer monolithischen Festlegung auf „drei Gemeinschaftssprachen“ von Anfang an umstritten; sie sind aus heutiger Sicht schon angesichts der Herausforderungen von GlobalisierungGlobalisierung und Migration veraltet (vgl. Schröder 2016: 78).
Immerhin hat der auf gestufte Mehrsprachigkeit gerichtete Ansatz verhindert, dass sich in der Frühzeit der europäischen Einigung ein monolinguales Europa mit (im Regelfall schlechtem) Englisch als Leitsprache bildete, auch wenn Englisch fast überall 1. Fremdsprache wurde oder blieb. Von Anglisten ist die Rolle des Englischen unter dem Stichwort English as a Gateway to LanguagesEnglish as a Gateway to Languages (↗ Art. 97) inzwischen neu definiert und als ein Einstieg in die Mehrsprachigkeitserziehung ausgewiesen worden (Schröder 1999; Schröder 2009)Englisch. Der porte aux langues-Ansatz wird auch in anderen europäischen Ländern gesehen (vgl. Candelier 2004). Er geht auf die 1629 erschienene ‚Janua LinguarumJanua Linguarum‘ des J. A. Comenius zurück.
Die Regelungen zum europäischen SprachenrechtSprachenrechteuropäisches sind erstaunlich übersichtlich: Derzeit sind 24 Sprachen als gleichberechtigte Amts- und ArbeitssprachenAmts- und Arbeitssprachen anerkannt (↗ Art. 117). Unionsbürger haben das Recht, sich in einer dieser Sprachen an die Organe der EUEU zu wenden und eine Antwort in eben dieser Sprache zu erhalten. Schriftstücke, die ein EU-Organ an einen Mitgliedstaat oder eine der Hoheitsgewalt eines solchen Staates unterstehende Person richtet, sind in der Sprache dieses Staates abzufassen (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1958). Luxemburgisch und zypriotisches Türkisch haben, obwohl Amtssprachen, derzeit keinen offiziellen Status in der EU. Die derzeitigen „festen“ Beitrittskandidaten der EU erweitern die Sprachenpalette um weitere vier Sprachen: Albanisch, SerbischSerbisch, Montenegrinisch, Mazedonisch. (Zur Sprachenfrage in ihrer Problematik insgesamt vgl. Sander 2005; Nißl 2011.)
Der Übergang vom Konzept des nationalsprachlichen Europa der Vaterländer zu einem feingliedrigeren Europa der RegionenEuropa der Regionen ist nachvollziehbar: Europa ist seit 1500 Jahren in sprachlicher und kultureller Hinsicht regional gegliedert. Nationalstaatliche Grenzziehungen sind späteren Datums, sie waren nicht selten das Ergebnis von Kriegen, und sie durchschnitten immer wieder gewachsene Regionen. Ein einiges, einträchtiges Europa kann nur auf der Basis befriedeter Regionen verwirklicht werden.
Mit dem Übergang auf ein regionalisiertes Europa wird dessen komplexe regionalsprachliche Gliederung bedeutsam, wobei RegionalsprachenRegionalsprachen durch geschlossene SiedlungsräumeSiedlungsräume definiert sind, die in einem oder mehreren NationalstaatenNationalstaaten (auch grenzüberschreitend) existieren. Regionalsprachen sind gegenüber den Nationalsprachen in der Position von MinderheitensprachenMinderheitensprachen, was ihre Existenz oft negativ beeinflusst hat. Die gleiche Sprache kann in unterschiedlichen Staaten unterschiedlich behandelt werden. Relativ häufig sind RegionalsprachenRegionalsprachen in einem Staat MinderheitensprachenMinderheitensprachen, während sie in einem anderen die Mehrheitssprache stellen (etwa: Dänisch in Deutschland, SchwedischSchwedisch in FinnlandFinnland, Russisch in den baltischen Staaten). Die russischen Minderheiten im Baltikum werden von den betroffenen Staaten nicht anerkannt, da sie auf der Basis einer auf Kulturunterwanderung gerichteten Siedlungspolitik zustande gekommen sind. Ihr Siedlungsraum wird als erzwungen erachtet; die baltischen Staaten haben die Charta des Europarats nicht ratifiziert. Nun spielt aber die Entstehung einer MinderheitMinderheiten im europäischen Rechtskontext keine Rolle.
Geschützt werden die europäischen MinoritätensprachenMinoritätensprachenMinderheitensprachenMinoritätensprachenMinderheitensprachen, wie schon angedeutet, durch die am 5.11.1992 vom Europarat gezeichnete Europäische Charta der Regional- und MinderheitensprachenEuropäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen (Lebsanft & Wingender 2012). Sie wurde von Deutschland 1998 ratifiziert (↗ Art. 120). Ihr Ziel ist die Anerkennung der regionalen Sprachen und Kulturen als einzigartiger Bestandteil des europäischen Erbes. Die Charta zielt auf die grenzüberschreitende Wahrung und Stärkung von regionalen Minderheiten ab. Gefährdete SprachenSprachengefährdete sollen vor dem Aussterben geschützt und ihr Gebrauch im Bereich des Rechts, der Schulen, des öffentlichen Lebens und der Medien intensiviert werden, auch durch Sprachunterricht, Sprachstudium und die Weckung von Lernmotivation bei den Vertretern der MehrheitsspracheMehrheitssprache(n). Damit ist die Charta ein völkerrechtliches Instrument. Der Maßnahmenkatalog ist so gehalten, dass die Staaten nach ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen Verpflichtungen eingehen können. Eine Möglichkeit, Sprachrechte auf europäischer Ebene einzuklagen, besteht nicht. Allerdings sind die Unterzeichnerstaaten verpflichtet, in regelmäßigen Abständen über ihre Fortschritte in der Förderung ihrer jeweiligen Minoritätensprachen zu berichten (↗ Art. 11). Sanktionen werden nicht verhängt.
5. Ein Blick auf die Gegenwart
Das Europa der Regionen hat zehntausende Kilometer neu ins Bewusstsein getretener Sprach- und Kulturgrenzen geschaffen; eine besondere GrenzkompetenzGrenzkompetenz (cross-border competence, compétence transfrontalière) ist angesagt, auch als Gegenstand mehrsprachiger und plurikultureller Erziehung. Die Zahl der Sprachen ist von 24 Nationalsprachen auf etwa 100 Sprachen insgesamt gestiegen. Einige der RegionalsprachenRegionalsprachen haben es mittlerweile zu „halbamtlichen“ EU-Sprachen gebracht: Baskisch, Galicisch, KatalanischKatalanisch, schottisches Gälisch und Walisisch. Sie sind weder Arbeits- noch Vertragssprachen der EU, können jedoch zur Korrespondenz mit EU-Institutionen verwandt werden.
An dieser Stelle setzt die Kritik am Regionalisierungskonzept der EU an: Sie habe eine Büchse der Pandora geöffnet und damit die EUEU einer neuen Kleinstaaterei unterworfen, in der überbewertete regionale Politiker ohne Loyalität zur europäischen Idee und ohne Gespür für nationalstaatliche Errungenschaften ad libitum agieren. Ein weiterer Sündenfall sei, dass Brüssel die real existierenden Immigrantensprachen und -kulturen in Europa dauerhaft aus der Diskussion ausgeklammert habe, weil die geschlossenen Siedlungsräume fehlten, und dies noch zu einem Zeitpunkt, als es längst solche Siedlungsräume gab (etwa: Berlin-Kreuzberg, Pariser Vororte, einzelne Londoner Stadtviertel, ja Teile von Brüssel selbst). Dies sei weltfremd und führe Europa in eine soziale Katastrophe. Die Diskussion der sprachlichen und kulturellen Gestalt Europas ist seit 2015 überdeckt durch die Flüchtlingsdebatte, aber auch durch die Tendenz zu neuem, populistischem NationalismusNationalismus und eine daraus resultierende fehlende Solidarität (↗ Art. 15).
Literatur
Candelier, M. (2004): Janua Linguarum. The Gateway to Languages. The Introduction of Language Awareness into the Curriculum: Awakening to Languages. Kapfenberg.
Christ, H., Schröder, K., Weinrich, H. & Zapp, F.-J. (1980): Fremdsprachenpolitik in Europa. Homburger Empfehlungen für eine sprachenteilige Gesellschaft. Augsburg.
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Lebsanft, F. & Wingender, M. (Hrsg.) (2012): Die Sprachpolitik des Europarats. Die „Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen“ aus linguistischer und juristischer Sicht. Berlin.
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Konrad Schröder
11. Nationale Sprachpolitiken und SprachlenkungSprachlenkung
1. Definitionen und Rahmen
SprachpolitikSprachpolitik wird hier als die Einflussnahme eines Staates auf dessen Sprache(n) verstanden (↗ Art. 10). SprachenpolitikSprachenpolitik bezieht sich hingegen auf das Verhältnis von mehreren Sprachen in einem Staat, das funktional, territorial oder institutionell geregelt werden soll. Im staatlichen Bildungswesen ist auch die Festlegung eines Fremdsprachenangebots (Sprachen, Stundentafel, Lehrerausbildung u.a.m.) Teil der Sprachenpolitik. Beide Termini sind nicht trennscharf und werden nicht immer gemäß dieser strikten Abgrenzung verwendet; oftmals erscheint Sprachpolitik als generalisierender Oberbegriff. Zudem weisen sie Berührungspunkte auf, da Sprachensituationen in der Regel nicht homogen sind. Sprachpolitische Aktivitäten können auf den StatusStatus einer Sprache zielen oder den Ausbau und die Pflege einer Einzelsprache auf der sprachsystematischen Ebene (Normierung, Kodifizierung). Seit Kloss (1969) spricht man hier üblicherweise von StatusplanungStatusplanung und KorpusplanungKorpusplanung. Der Begriff SprachlenkungSprachlenkung bezieht sich auf die Einflussnahme auf den öffentlichen SprachgebrauchSprachgebrauch (vgl. ausführlich Polzin-Haumann 2006: 1472-1474).
SprachpolitikSprachpolitik ist ein breites Feld, das im Folgenden in seinen Bezügen zur Fremdsprachenpolitik betrachtet wird. Die weltweiten Sprachpolitiken für die drei in der Bundesrepublik Deutschland aktuell wichtigsten modernen Schulfremdsprachen EnglischEnglisch, FranzösischFranzösisch und SpanischSpanisch (Decke-Cornill & Küster 2010: 16) werden anhand (historischer) Entwicklungen, Institutionen, Diskurse und Besonderheiten vergleichend zusammengefasst und auf diese Sprachen als Unterrichtsfächer im deutschen Schulkontext bezogen. RussischRussisch (↗ Art. 94), aktuell nach dem Spanischen (↗ Art. 96) auf Rang vier der modernen Schulfremdsprachen (Rang fünf, wenn man das LateinLatein mit einbezieht) (↗ Art. 92), war vor allem in der ehemaligen DDRDDR verpflichtende Fremdsprache ab Klasse 5. Heute wird es in allen Bundesländern außer dem SaarlandSaarland als zweite oder dritte Fremdsprache angeboten, weist aber deutliche geographische Schwerpunkte in den neuen Bundesländern auf (Mehlhorn 2016: 536). Im vergleichsweise jungen Fach Deutsch als Fremdsprache (DaFDaF) wird das Deutsche wissenschaftlich erforscht und didaktisch aufbereitet, um es (in Deutschland oder außerhalb Deutschlands) für Nicht-Muttersprachler zu unterrichten (↗ Art. 87).
2. Drei sprachpolitische Traditionen: Englisch, Französisch, Spanisch
Sowohl Französisch als auch SpanischSpanisch und Englisch sind – in je spezifischer Ausprägung – als plurizentrischplurizentrische Sprachen (z.B. Leitner 1992; Pöll 2017; Lebsanft, Mihatsch & Polzin-Haumann Hrsg. 2012) zu charakterisieren. Für alle Sprachen wird sowohl national als auch weltweit aktiv SprachpolitikSprachpolitik betrieben.
Das Französische ist durch eine monolinguale Tradition geprägt (Schmitt 2000). Das international sprachpolitisch entscheidende Organ ist heute die Organisation internationale de la FrancophonieOrganisation internationale de la Francophonie (OIF). Mit dieser Institution, die in der Folge der politischen Veränderungen nach Ende des Kolonialsystems seit den 1960er Jahren aufgebaut wurde, arbeitet Frankreich mit derzeit 84 Partnerländern bzw. -regionen weltweit daran, das Französische „als Nationalsprache, offizielle Sprache, Sprache der internationalen Kommunikation, ArbeitsspracheArbeitssprache oder KulturspracheKultursprache“ (Erfurt 2005: 11) zu stärken. Dabei wird über sprachliche Aspekte hinaus auch die WerteWerte- und Kulturgemeinschaft der Francophonie betont. In vielen neuen Mitgliedsstaaten der OIF ist das Französische nicht L1 oder L2, sondern Schulfremdsprache. Die Führungsrolle Frankreichs wird regelmäßig bekräftigt und zunehmend mit dem Schlagwort der Mehrsprachigkeit verbunden. Von den zahlreichen sprachpolitischen Institutionen innerhalb Frankreichs sind als heute einflussreichste die 1735 gegründete Académie Française und die Délégation Générale à la langue française et aux langues de FranceDélégation Générale à la langue française et aux langues de France zu nennen. Vor allem letztere hat sich mehr und mehr zu einer sprachlicher Vielfalt gegenüber aufgeschlossenen Institution entwickelt. Der weltweiten Verbreitung der französischen Sprache sowie der französischen/frankophonen Kultur(en) widmen sich über 200 Instituts français weltweit, von denen elf in Deutschland angesiedelt sind. Das erste dieser Institute wurde bereits 1949 gegründet.
Von den drei hier betrachteten Sprachen kann das Französische sicher als die offiziell am wenigsten plurizentrisch geprägte Sprache gelten (Pöll 2017), auch wenn sich die weite geographische und soziale Verbreitung der Sprache auf allen Ebenen des Sprachsystems niederschlägt. Die normativ-präskriptive Tradition in Frankreich und die nur zögernde Umorientierung von einer mono- zu einer plurizentrischen Weltsprachegemeinschaft hinterlässt bis heute im Französischunterricht in Deutschland Spuren (vgl. Polzin-Haumann 2010; Montemayor & Neusius 2017; Schwender 2018).
Das Spanische ist vor allem seit Ende des 20. Jahrhunderts durch explizite plurizentrische Merkmale gekennzeichnet. Nach einer langen Phase der allein durch Madrid bestimmten SprachpolitikSprachpolitik arbeitet die 1713 gegründete Real Academia Española de la LenguaReal Academia Española de la Lengua (RAE) heute eng mit den nach 1870 gegründeten Sprachakademien zusammen, die sich 1951 zur Asociación de Academias de la Lengua EspañolaAsociación de Academias de la Lengua Española (ASALE) zusammengeschlossen haben. Die verschiedenen Referenzwerke zeugen von einer wenn auch in den verschiedenen Teilbereichen unterschiedlich ausgeprägten, so doch insgesamt immer stärkeren Akzeptanz hispanoamerikanischer VarietätenVarietäten (Polzin-Haumann 2012: 51). Diese Neuorientierung der RAE und die enge Kooperation mit der ASALE schlägt sich in dem Motto „La política (lingüística) panhispánica“ nieder. Neben den Akademien sind die Medien zu einem wichtigen sprachpolitischen Akteur geworden. Während die StilbücherStilbücher (Libros de Estilo) den Sprachgebrauch einzelner massenmedialer Organe sowohl in Spanien als auch in Amerika reglementieren, ist die Arbeit der 2005 gegründeten Fundación del español urgente (FundéuFundéuFundación del español urgente) übergreifend angelegt. Besonders der korrekte SprachgebrauchSprachgebrauch in den Medien ist Ziel der ‘Beobachtungen’, ‘Ratschläge’ und ‘Empfehlungen’. Fundéu kooperiert eng mit der RAE und ist darüber hinaus sehr interaktiv orientiert. Weitere wichtige sprachpolitische Akteure sind das 1991 gegründete Instituto CervantesInstituto Cervantes (IC), das sich primär der Verbreitung der spanischen Sprache und Kultur in der Welt widmet (fünf der insgesamt 77 Institute in 44 Ländern sind in Deutschland). Mit dem Centro Virtual CervantesCentro Virtual Cervantes (CVC) wurde eine umfangreiche Internet-Plattform geschaffen. Sowohl das IC als auch das CVC bieten Fremdsprachenunterricht (klassisch vor Ort oder online) sowie weitere didaktische MaterialienMaterialiendidaktische. Der plurizentrische Charakter des Spanischen ist heute zwar weitgehend anerkannt, allerdings nicht umfassend in der Lehre von SpanischSpanisch als Fremdsprache (ELE)Spanisch als Fremdsprache (ELE) abgebildet (vgl. schon Scotti-Rosin 1983; zur Frage, welches Spanisch Gegenstand des Fremdsprachenunterrichts Spanisch in Deutschland ist, vgl. die Beiträge in Leitzke-Ungerer & Polzin-Haumann 2017).
Als Mutter-, Zweit- und Fremdsprache gilt das Englische als „meistgenutzte Sprache der Erde“ (Kötter 62016: 502). Sein plurizentrischer Charakter ist unumstritten; längst wird von EnglishesEnglishes gesprochen (Trudgill & Hannah 2008). Auch zugunsten des Englischen wird eine gezielte sprachpolitische Förderung betrieben. So ist Englisch die einzig offizielle Sprache der meisten US-Staaten (mit Ausnahme von New Mexico und Hawaii). Der British CouncilBritish Council verfolgt ähnliche Aufgaben wie die Instituts français, die Institutos Cervantes oder für die deutsche Sprache und Kultur in der Welt das Goethe-InstitutGoethe-Institut.
In Deutschland genießt Englisch als Sprache der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Kultur etc. sowie aufgrund seiner globalen Präsenz und kommunikativen Funktion ein hohes PrestigePrestigevon Englisch; als Schulfach ist es (nicht nur in Deutschland) in jeder Schulform vertreten und als Sprache des Frühen Fremdsprachenunterrichts mehrheitlich verankert. Anders als das Französische und Spanische muss es keine sinkenden Lernerzahlen fürchten oder andere Diskussionen (Status als 2./3. Fremdsprache o.ä.) führen (↗ Art. 13, 97, 98).
3. Sprachenpolitik und Mehrsprachigkeit
Trotz einer ausgeprägten Tradition zwei- oder mehrsprachiger Grammatiken und LehrwerkeLehrwerke, in denen auch sprachvergleichende ElementeSprachvergleich eine wichtige Rolle spielten (vgl. Art. 61), war der moderne Fremdsprachenunterricht lange einsprachig geprägt. Noch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein galt das methodische Dogma der sog. „strengen Einsprachigkeit“ in der Zielsprache. Auch die InterferenzgefahrInterferenz wurde lange überbetont. Nur im Lateinunterricht war, wenn auch sehr implizit, ein Mehrsprachigkeitselement vorhanden, wenn (allerdings ohne empirische Evidenz) behauptet wurde, dass Lateinlernen auf moderne Sprachen wie FranzösischFranzösisch, ItalienischItalienisch und auch EnglischEnglisch vorbereitet (↗ Art. 92).
Ab den 1990er Jahren setzte auf europäischer Ebene eine Politik für Mehrsprachigkeit ein (Reissner 2015: 662-664). Zugleich wurde der Fremdsprachenunterricht zunehmend zum Objekt empirischer Forschung (Zweit- und FremdsprachenerwerbsforschungFremdsprachenerwerbsforschung, Sprachlehrforschung).
Diese Entwicklung vollzog sich parallel zur europäischen Einigung. Die Sprachenpolitik des EuroparatesSprachenpolitikder EU (↗ Art. 12) betraf indes nicht nur den Fremdsprachenunterricht in Gestalt von Empfehlungen und didaktischem Material, wie die 1992 vom Europarat verabschiedete und 1998 in Kraft getretene Europäische Charta der Regional- und MinderheitensprachenEuropäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen zeigt (zuletzt Lebsanft & Wingender 2012).
Der 2001 durch den Europarat geschaffene Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GeRGeR) (↗ Art. 18) hat u.a. Mehrsprachigkeit und die KommunikationskompetenzKommunikationskompetenzund GER in mehreren Sprachen als Aufgabe des Fremdsprachenunterrichts stärker in den Vordergrund gerückt, bleibt jedoch methodisch im Konzept einer additiven MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitadditive verhaftet. Mit dem Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen wurden ein Konzept und Deskriptoren entwickelt, die über die einzelsprachliche Perspektive hinausgehen (↗ Art. 20). Auch der 2017 erschienene, den GeR ergänzende Companion VolumeCompanion Volume enthält diese neue Sicht auf Mehrsprachigkeit (↗ Art. 19).
Infolge der mehrsprachigkeitsorientierten SprachpolitikSprachpolitik wurden Ansätze entwickelt, die Bezüge zwischen verschiedenen Einzelsprachen schaffen und damit einzelsprachenorientierte sprachpolitische Traditionen in gewisser Weise relativieren. Die nun forcierte stärkere Vernetzung der Fremdsprachen (z.B. Meißner & Reinfried 1998, Klein & Stegmann 32000, Schröder 2009, Leitzke-Ungerer et al. 2012) eröffnet viele weitere Forschungsfragen.
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Claudia Polzin-Haumann
12. Mehrsprachigkeitskonzepte der Europäischen Union
1. Begrifflichkeit
In vielen sprachpolitischen Dokumenten der Europäischen Union (EUEU) (Kommission der europäischen Gemeinschaften 2005; 2008) wird MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit unterschiedlich verwendet und sowohl als Koexistenz verschiedener, angestammter und eingewanderter Sprachen und Kulturen auf einem geografischen Raum (= Vielsprachigkeit) als auch als Fähigkeit eines Menschen, in mehreren Sprachen zu kommunizieren, verstanden. Hierbei wird die mehrsprachige InterlanguageInterlanguage der Individuen als ein dynamisches, idiosynkratisches und den Ausgangs- und Zielsprachen ähnelndes System verstanden. Von Sprecher zu Sprecher unterscheiden sich die sprachlichen Ressourcen (Sprachen und Varietäten). Dabei besitzen Mehrsprachige ein einzelnes, miteinander verbundenes Inventar von sprachlichen Elementen, die sie zur Lösung von (kommunikativen) Aufgaben oder Absichten mit ihren Kompetenzen und Strategien der Selbststeuerung kombinieren können (Council of Europe 2018: 28).
2. Historische Skizze
Bereits in den 1970er Jahren wurde vom Europäischen Rat empfohlen, dass möglichst alle Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit zum Erlernen einer weiteren Sprache der Gemeinschaft haben sollten (EUEU 1976: C 038). 1989 wurde deren Bandbreite mit dem Beschluss des Rates zum Lingua-Programm klar konturiert: alle Amtssprachen sollen als Fremdsprachen gelehrt werden (Europäische Union 1989: 1f.; auch Council of Europe 2014). Diese Ausdehnung der bildungspolitischen Forderungen und der Anzahl der erlernbaren Sprachen weist diesen in den europäischen Programmen für die allgemeine und berufliche Bildung seither eine zentrale Stelle zu (↗ Art. 9). Der Vertrag von AmsterdamVertrag von Amsterdam 1997 schreibt – mit dem Beitritt neuer Länder zur EU – die europäische Vielsprachigkeit erneut fest, indem nunmehr jedem Unionsbürger das Recht zugestanden wird, sich schriftlich in einer AmtsspracheAmtssprache seiner Wahl an jedes Organ oder an jedwede Einrichtung der EUEU wenden zu können, und eine Antwort in der von ihm benutzten Sprache zu bekommen (Europäische Union 1997). Der Europarat hatte 1992 bereits die Europäische Charta der Regional- und MinderheitensprachenEuropäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen gezeichnet (die allerdings von Frankreich nie ratifiziert wurde) (Lebsanft & Wingender 2012). Im Vertrag von LissabonVertrag von Lissabon im Jahr 2000 wird die Charta der Grundrechte der Europäischen UnionCharta der Grundrechte der Europäischen Union rechtsverbindlich angenommen, die in den Artikeln 21 und 22 die Diskriminierung aufgrund von Sprache (↗ Art. 38) verbietet und die Länder verpflichtet, die sprachliche, kulturelle und religiöse Vielfalt zu achten (Europäische Union 2000a). Hierdurch werden Mehrsprachigkeit und sprachliche Vielfalt als Grundwerte der EU offiziell anerkannt und die Charta als völkerrechtliches Dokument wird seither als ein wichtiges Referenz-Instrument für die Erhaltung der Regional- und MinderheitensprachenRegional- u. Minderheitensprachen betrachtet. Die EU und der Europarat proklamieren 2001 das Europäische Jahr der Sprachen und formulieren das Ziel, die Sprachenvielfalt und das kulturelle Erbe Europas zu vertiefen, SprachenlernenSprachenlernen und -lehren attraktiver zu gestalten und lebenslanges Sprachenlernen über die Schulzeit hinaus zu fördern. Alle offiziellen Sprachen der Union werden erneut zu möglichen Zielsprachen erklärt. Den Mitgliedsstaaten wird freigestellt, weitere Sprachen aufzunehmen und auch die GebärdensprachenGebärdensprache einzubeziehen (Europäische Union 2000b). Das vom Europäischen Rat in Barcelona im Jahr 2002 verabschiedete Abschlussdokument (Barcelona-Abkommen) enthält die Entschließung zur Förderung der Sprachenvielfalt und des Sprachenlernens. Hiernach soll jeder Bürger Europas vom frühesten Kindesalter an zum Erlernen mindestens zweier Fremdsprachen, nebst seiner Muttersprache, ermutigt werden. Dies soll die Verständigung unter den Mitgliedsländern erleichtern und den sprachlichen Reichtum Europas schützen (↗ Art. 9). Das Ziel lautet breite Herstellung einer diversifizierten und abgestuften MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitdiversifizierte und abgestufte (faktisch unter Einschluss von Englisch).
3. Problemaufriss
Die 28 Mitgliedsstaaten umfassende EUEUSprecher und Zahlen zählt derzeit ca. 512 Mio. Bürgerinnen und Bürger (Eurostat 2018), drei Alphabete, 24 Amts- und 60 MinderheitensprachenMinderheitensprachen (Europäische Union 2018). Diese Sprachen als Kommunikationsmittel und Träger kultureller IdentitätIdentität werden als gleichberechtigt angesehen; eine Differenzierung nach vorgeblicher Wichtigkeit einer Sprache oder der Anzahl ihrer Sprecher wird nicht vorgenommen. Die o.g. Mitteilungen und Zielsetzungen zu Mehrsprachigkeit und Sprachenvielfalt gelten für die einzelnen Länder als Richtmaß. Die Leitlinien der EUEU als überstaatliche Organisation können freilich nationalstaatlichen Traditionen entgegenlaufen, weil jedes Mitgliedsland einen eigenen kulturellen, politischen und sozialen Hintergrund, andere Zielsetzungen und Ausgangspositionen für die Erreichung von Mehrsprachigkeit hat (↗ Art. 10, 11).
Zum Umgang mit VielsprachigkeitVielsprachigkeit in den EU-Organisationen: Vertragsgemäß müssen sämtliche EU-Verordnungen und sonstige Rechtsdokumente in alle Amtssprachen übersetzt und veröffentlicht werden. Dabei wird die Entscheidung über den jeweiligen Rechtsstatus der Regional- und MinderheitensprachenRegional- u. Minderheitensprachen (↗ Art. 117) den einzelnen EU-Ländern selbst überlassen (EEC Council Regulation 1958). Praktisch fungiert dann der ÜbersetzungsdienstÜbersetzungsdienst zumeist einzig zugunsten der politisch stärkeren Mehrheitssprachen als nationale Amtssprache (also das Kastilische [SpanischeSpanisch] als EU-Sprache, nicht aber das Baskische, obwohl auch dieses im Geltungsbereich der Spanischen Verfassung Rang einer offiziellen Regionalsprache Spaniens hat). So akzeptiert Ungarn bspw. dreizehn offizielle Minderheiten, während Frankreich seine RegionalsprachenRegionalsprachen zwar zur Kenntnis nimmt (Art. 75,1 der révision constitutionnelle du 23 juillet 2008), sie dank der Loi DeixonneLoi Deixonne (1951) als an französischen Schulen lehrbare Sprachen erlaubt und einrichtet, diesen jedoch keinen offiziellen nationalen Status zuweist (langues de Francelangues de France [façonnant] l’identité culturelle de la France, Ministère de la Culture 2018).
Die Reformen zur Verwirklichung der Ziele aus dem Barcelona-Abkommen konzentrieren sich in erster Linie auf den früh beginnenden Fremdsprachenunterricht (↗ Art. 53, 54), das Content and Language Integrated Learning (CLILContent and Language Integrated Learning (CLIL)) und dessen Aufnahme in die Lehrpläne der Sachfächer (↗ Art. 111, 112, 113), ein breiteres Fremdsprachenangebot in der Sekundarschule und die Nutzung der von der Kommission und vom Europarat entwickelten Programme zum Fremdsprachenlernen (↗ Art. 69).
In ihren offiziellen Verlautbarungen begreift die EU MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitals Investition in die Zukunft als eine Investition in die Zukunft, indem sie die Bürger in die Lage versetze, miteinander zu kommunizieren und auf dem europäischen Markt mobil zu sein.
Allerdings werden seitens der EUEU nicht alle Sprachen gleich behandelt, zum Nachteil der MigrantensprachenMigrantensprachen. In diesem Zusammenhang bezeichnet Aydin (2016: 147) (aus Sicht von deren Interessen) die „Europasprachen“ als „ElitesprachenElitesprachen“. Neben den offiziellen Landessprachen sollen aber die Sprachen der wichtigsten internationalen Handelspartner und die kleineren europäischen Sprachen (Regional-, Minderheiten- und Einwanderersprachen) miteingeschlossen werden (Europäische Union 2002). Sowohl der grundschulische Fremdsprachenunterricht (↗ Art. 54) als auch CLIL (sowie das Erasmus-Austauschprogramm, die Initiative für Lebenslanges Lernen 2007) nützten mehrheitlich den ‚Elitesprachen‘ und entsprächen deshalb nicht der auf Förderung der sprachlichen Vielfalt und Erweiterung des Sprachenangebots ausgerichteten EU Politik.
Bereits 2002 macht die Europäische Kommission auf das in der Unterrichtspraxis de facto eingeschränkte Sprachenangebot aufmerksam und fordert deshalb, eine möglichst große Zahl an Sprachen für das Lehren und Lernen zu fördern, um eine auf EnglischEnglisch fokussierende kommunikative Einsprachigkeit zu vermeiden (↗ Art. 13, 97). Auch hier ist natürlich ein Feld für interkomprehensive Ansätze im Rahmen einer diversifizierten Mehrsprachigkeit (↗ Art. 56, 58).
Belastbare Auswertungen der Europäischen SprachenpolitikSprachenpolitikder EU hinsichtlich ihrer Wirksamkeit stellen ein Forschungsdesiderat dar (Gazzola 2006: 394).
4. Ausblick
Zu den 2002 in Barcelona vereinbarten Zielen hat die EUEU Kommission 2018 ein detaillierteres Konzept zur Verbesserung und Sicherstellung des Sprachenlernens in der allgemeinen schulischen Obligatorik vorgeschlagen (Europäische Kommission 2018: 9), nachdem das Europäische Forum für Mehrsprachigkeit 2018 die Politik der EU-Mitgliedsstaaten auf diesem Feld als weitgehend gescheitert bezeichnet und keine sichtbaren Fortschritte zu verzeichnen seien (Europäische Kommission ebd.: 2). Sowohl die sprachliche Vielfalt, einschließlich der MinderheitensprachenMinderheitensprachen, als auch der interkulturelle Dialog mit dem Ziel gegenseitigen, europaweiten Respekts sollen weiterhin innerhalb der Union gestärkt werden. Langfristiges Ziel ist es deshalb, nicht nur dafür zu sorgen, dass mehr nicht nur junge Menschen zusätzlich zur Muttersprache mindestens zwei weitere Sprachen operabel beherrschen (ebd.: 9), sondern auch dass Bildungseinrichtungen und Gesellschaft von den mitgebrachten, vielfältigen Sprachen und Sprach(lern-)erfahrungen ihrer Schüler Gebrauch machen und profitieren. Die (retro- und) prospektive MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitretro und proaktive (Hallet & Königs 2010: 304) und EurokomprehensionEurokomprehension (↗ Art. 6, 7) bilden weiterhin die Priorität der EU.
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[https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=celex%3A52008DC0566].
Lebsanft, F. & Wingender, M. (2014): Die Sprachpolitik des Europarats. Die „Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen“ aus linguistischer und juristischer Sicht. Berlin.
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Sylvie Méron-Minuth & Senem Şahin
13. Englisch als „Eurosprache“?
1. Aufriss
Das Vorhaben einer immer engeren Union der Völker Europas, in der die Entscheidungen möglichst offen und möglichst bürgernah getroffen werden (Art. 1 Abs. 2 EUV), setzt voraus, dass die Europäische Union die kulturelle Vielfalt der Nationalsprachen bekräftigt, in einer allgemeinen europäischen Sprache aber ein für Gesamteuropa wirksames Handlungsmittel entwickelt. Diese Europasprache wird in der Regel für die Unionsbürger Zweitsprache sein. (Kirchhof 2002: 216)
SprachpolitikSprachpolitik (↗ Art. 9, 10, 11) ist immer interessensgeleitet und zuweilen umkämpft. Sprachen bieten national und international gewaltige ökonomische, kulturelle und soziale Vorteile (oder eben Nachteile). Unter den Sprachen gibt es Mammute und Mücken. Sprachen verdrängen einander und wachsen. Sprachen sterben mit den Sprechern, die sie vergessen. Sprachen transportieren Kulturen und Lebensgewohnheiten. Sprachen sind konstitutiv für Identitäten (↗ Art. 1) (Schröder 1995; Phillipson 2003). Über Sprachen verlaufen unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Sprachen verbinden Menschen miteinander in Sprachgemeinschaften. Spracherwerb – ob Mutter-, Zweit- oder Fremdsprache – ist immer mit einem Investieren von Lebenszeit verbunden. Sprachen prägen unser Denken, und legen uns auf bestimmte ‚Weltsichten‘ fest. Sprachen transportieren KonventionenKonventionen. Sprachen begegnen auch als „kulturelle Gewaltkulturelle Gewalt“ (Galtung 1993). Eine Bevölkerung kann daher nicht einfach von einer Sprache in die andere ‚umziehen‘. In der Reichweite folgen Sprachen einem kommunikativen Bedürfnis, das lokal, regional, (seit Bestehen der NationalstaatenNationalstaaten) national und heutzutage zunehmend international sein kann.
Die Staaten haben die Bedeutung von Sprache(n) für die nationale Gemeinschaft durchaus erkannt. So legt die Verfassung der Fünften Französischen Republik unmissverständlich im Artikel 2 fest: „La langue de la République est le français.“ Und 30 der 50 US-Staaten bestimmen in ihren Verfassungen das Englische als Staatssprache. Lehrt eine Universität regulär in einer anderen Sprache als Englisch, riskiert sie den Verlust von staatlichen Zuwendungen (Zimmer 1998). Die Problematik ist besonders brisant in der Europäischen Union, wo 24 Sprachen miteinander koexistieren und das Bedürfnis nach einer gemeinsamen Sprache mit der Dichte des Zusammenschlusses wächst.
2. Vorteile des Englischen in der EUEU
Infolge einer informellen Vereinbarung hat sich faktisch nach dem Beitritt der osteuropäischen Länder in die Union das Englische als VerkehrsspracheVerkehrssprache der europäischen Bürger Eurosprachedurchgesetzt (↗ Art. 97, 98). Die Breite und Tiefe der ThemenThemen, die über das Englische transportiert werden können, stehen und fallen mit der Englischkompetenz der KommunikationspartnerEnglischkompetenz der Kommunikationspartner. Laut den Eurydice-Statistiken (z.B. 2017: 71) beherrschen die Europäer Englisch mehrheitlich besser als jede andere Fremdsprache. Zudem erkennen sie die Vorteile von guten Englischkenntnissen an. Dies erklärt, weshalb die meisten europäischen Schüler das Englische als erste Fremdsprache lernen. Klippel (2009: 15) rechnet einer funktionalen EnglischkompetenzEnglischkompetenz den StatusPrestigevon Englisch einer notwendigen „Kulturtechnik“ ähnlich der Lese- und Rechenfähigkeit zu. Die Verbreitung des Englischen in den Medien, unserer Produktwelt, dem Internet, in Beruf und Studium befördert die Englischkenntnisse der europäischen Bevölkerungen. (Zugleich droht sie aber auch, Menschen aus der notwendigen Kommunikation auszuschließen, weil sie gar kein Englisch verstehen).
Als eine Art JokerspracheJokerspracheEnglisch bietet sich Englisch immer dann an, wenn die Kommunikationssituation Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen und operablen Fremdsprachenkenntnissen, jedoch ohne Kenntnis der beteiligten Partnersprachen, zusammenführt. Englisch wird dann von allen Teilnehmern noch am ehesten verstanden (doch wird auch stillschweigend vorausgesetzt, dass diese sich in englischer Sprache hinreichend präzise ausdrücken können); weil es auf den ersten Blick ökonomischer scheint, in Englisch zu kommunizieren als das ÜbersetzenÜbersetzen in mehrere Sprachen; weil es den Vorteil der kulturellen NeutralitätNeutralitätkulturelle genießt (zumindest solange keine nativ Anglophonen und deren NormenNormen im Spiele sind). In dieser Weise ist Englisch alternativlos, solange man Kunstsprachen (Esperanto usw.) ausklammert. Natürlich darf der Blick auf Euro-Englisch den globalen StatusPrestigevon Englisch von Englisch (besser vielleicht von „the EnglishesEnglishes“) nicht ausblenden. Ob es ein Sesam-öffne-dich für die internationale Kommunikation ist (und wie weit es das tut), entscheidet die interkulturelle Kommunikationsfähigkeit einer amorphen intersocietyintersociety. So bezeichnet Hüllen (1987) die sich täglich neuformierende, mindestens 1,5 Mio starke Gemeinschaft derer, die sich des Englischen als non-natives in internationaler KommunikationKommunikation bedienen. Weitgehend läuft deren Kommunikation in konkreten Situationen mit enger Mitteilungsintention – im Flughafen, beim Einkaufen usw. – ab. Ihr fehlen sehr oft weiter reichende „common groundscommon grounds“ von ThemenThemen. Gerade deren Repertoire aber macht, wie Luhmann (1991) betont, eine KulturKultur aus. Fehlende Sprachloyalität stellt auch die Orientierung an ein und derselben linguistischen Norm, etwa des britischen Englisch, in Frage. Das, was gedacht wird, läuft also weiterhin in Chinesisch oder Deutsch ab, die Oberfläche liefert indes das Englische (oft in einer fragwürdigen Form). All das kann zutreffen, muss aber nicht! Begegnet hier ein „GlobalesischGlobalesisch“ (Trabant 2005)? Die Frage wird letztlich von den Menschen entschieden, die sich des Englischen als lingua francalingua franca, als ArbeitsspracheArbeitssprache oder als internationale Alltagssprache / Zweitsprache bedienen. Die Zuordnungen sind nicht leicht voneinander zu unterscheiden.
Die Frage der Qualität der Kommunikation ist nicht plakativ zu beantworten. Der in den Wissenschaften geführte Diskurs um die Verwendung des Englischen z.B. im Deutschen betont die Unterschiede der Bindung von Sprache an Themen und Inhalten: Während die Inhalte der juristischen FachspracheFachsprache erst in der jeweiligen Rechtsgemeinschaft kreiert und kodifiziert werden, sind die Fachsprachen der Naturwissenschaften weitgehend unabhängig von einzelkulturellen Inhalten. Dieser Sachverhalt bedeutet Einiges für die Übertragung von Gedanken in eine fremde Sprache. Deutsche juristische oder geisteswissenschaftliche Zusammenhänge in englischer Sprache zu formulieren (nicht: zu übersetzen) ist nur zum Preis der Aufgabe von KonnotationenKonnotationen möglich. In diesem Zusammenhang unterstreichen mehrere Autoren das Risiko des Verlusts von DiskursdomänenVerlust von Diskursdomänen in den gegenüber der internationalen Sprache schwächeren nationalen oder gar regionalen Sprachen.
In allen Ländern der EUEU ist Englisch faktisch eine schulische Pflichtfremdsprache (Eurydice 2017: 71), zumeist wird es als erste Fremdsprache belegt. Ihr Unterricht beginnt überwiegend in der GrundschuleGrundschule, sodass das Kriterium, die geographisch nächstgelegenen NachbarsprachenNachbarsprachen zu priorisieren, oft nur in den Grenzräumen Bestand hat. Der erhoffte Effekt, mit nahezu allen Nachbarn in Europa zumindest partiell auf Englisch kommunizieren zu können, lässt sich zwar aus der quantitativen Privilegierung des Englischen, das EU-weit von 85 % der Schüler auf der Sekundarebene erlernt wird (Eurydice 2017: 167) und mit 38 % die meistgesprochene Fremdsprache in Europa ist, ablesen, ist jedoch sicherlich noch eher eine Projektion als Realität.
3. Welches Englisch lehren? Was ist Euro-Englisch?
Soll Englisch weltweit als Sesam-öffne-dich für die in Tausende von Sprachen aufgespaltene Menschheit fungieren, bedarf es einer Norm – für die globale KommunikationKommunikationglobale in Englisch und für das Erlernen der Fremdsprache. Europäer orientieren sich bislang eher an britischem, Asiaten eher an amerikanischem Englisch. Zugleich zeigen ihre ganz unterschiedlichen LernersprachenLernersprache Interferenzen der Muttersprachen, nicht nur in der Phonetik. Das Verständnis zwischen Asiaten, Lateinamerikanern und Europäern über Englisch erleichtert all dies nicht. Fazit: Eine Englisch-Didaktik für Englisch als internationale SpracheEnglisch-Didaktik für Englisch als internationale Sprache (EIL) tut not und ist längst überfällig (Gnutzmann 2000). Ist sie in Sicht? Zu berücksichtigen hätte sie eine der großen Normvarianten des polyzentrischen Englisch (Graddol 2006). Doch welche? Mit welchen Folgen?
Englisch als Fremdsprache ist in der Reichweite wirksam, aber in der Anwendung aufwendig. Müssen Nichtanglophone einen Text in einer Fremdsprache verfassen, so beansprucht dies wesentlich mehr Zeit als in den Muttersprachen. (Längst ist daher innerhalb der umsatzstarken englischen SprachindustrieSprachindustrie die Branche der proof-reader entstanden). Vor diesem Hintergrund schlägt Seidlhofer (2003; 2011) mit Blick auf die EU eine Art Euro-Englisch vor, das sich nicht mehr an den kulturellen und linguistischen Standards des britischen (oder US-amerikanischen) Englisch orientiert. Es geht nicht um Schreibweisen wie to organise (brit.) oder to organize (US), sondern um die vielkulturelle Unterfütterung des Euro-Englisch durch die so verschiedenen Alltagspraxen der Europäer. Offensichtlich ist der Gebrauch des Euro-Idioms auf wenige thematische Domänen und kommunikative Funktionen/Situationen begrenzt, während die national statistisch relevanten ThemenThemenspezifische im Rahmen von Nationalsprachen vor allem bei den Nationalsprachen verbleiben. Das sog. VOICE-ProjektVOICE.Projekt der Universitäten Wien und Oxford (2005-2013) hat ein International Corpus of English zusammengestellt, das aus Texten nicht-nativer Kommunikation kompiliert wurde. Weitere Vorschläge wurden längst gemacht. Doch festzuhalten ist: Ein europaweit praktikables, sowohl in der muttersprachlichen wie zweitsprachlichen Sprechergemeinschaft mehrheitsfähiges Angebot für die Fremdsprachendidaktik zeichnet sich bis zum heutigen Tage nicht ab (Nieragden 2012: 148). Mit anderen Worten: Das mit Euro-Englisch verbundene Aufwendigkeitsproblem bleibt für die meisten Europäer ungelöst und die Erfüllung nativer Standards für die allermeisten von ihnen unerreichbar.
4. Fazit und Trends
Innerhalb der vielsprachigen europäischen Kommunikationslandschaft erscheint das Englische immer dann als eine ‚natürliche‘ Wahl (oder als kleinster gemeinsamer Nenner), wenn die jeweiligen nationalen Sprachen nicht operabel von den Kommunikationspartnern beherrscht werden. Medien, ReisenReisen und Konsum bestätigen tagtäglich, dass Englisch durchaus, wenn auch z.T. nur in gewissen Grenzen, international funktioniert. Die internationale KommunikationKommunikation und die global kooperierende ArbeitsweltArbeitswelt (↗ Art. 24) verlangen eine weltweit gemeinsame Sprache, die auch nicht-native Teilhaber (ZweitsprachensprecheZweitsprachensprecherr) elaboriert beherrschen können. All dies ist von der Lebenswelt der Menschen nicht zu trennen. Wenn die Fähigkeit zu kommunizieren im Prinzip eine Erhöhung des psychischen Einkommens (psychic incomepsychic income) bedeutet (was die Nationalismusforschung für die NationalsprachenNationalsprachen betont, Katz 1978), so gilt dies auch für die Sprache, in der sich die Menschen unterschiedlicher Muttersprachen miteinander erfolgreich austauschen. Das Englische teilt diese Eigenschaft selbstverständlich mit allen anderen Sprachen: Mutter-, Zweit- und Fremdsprachen, wenn auch die Reichweite von Mücken viel kleiner ist als die des Mammuts oder der Elefanten‘.
Ob die vor allem funktional motivierte Dominanz von global oder European EnglishEuropean English (↗ Art. 97, 98) zum Verlust der europäischen Sprachenvielfalt und zum Verlust von Diskursbereichen in diesen Sprachen, an welchen deren Sprecher teilhaben können, führt, hängt davon ab, (1) wie sehr es der SprachenpolitikSprachenpolitikder EU der EU gelingt, eine diversifizierte und abgestufte Mehrsprachigkeit („mindestens Muttersprache plus zwei EU-Sprachen, eine davon Englisch“) zu verwirklichen und (2) wie sich die Europäer in ihrer täglichen kommunikativen Praxis zwischen Ein-, Mehr- und Vielsprachigkeit entscheiden. Sensibilität ist angezeigt („professors in the Netherlands have complained of Dutch becoming a second-class language and students have not been generally happy about the spread of English”, Green et al. 2012). – Umgekehrt wird sich das Englische dem Einfluss der KommunikationKommunikationzwischen Europäern zwischen den Europäern und weltweit nicht entziehen können (Crystal 2003). Ein Euro-Englisch könnte indes manchem Apologeten nationaler NormenNormen (UK und USA) schon jetzt gar als eine Art Bedrohung erscheinen (Lanvers & Hultgren 2018).
Literatur
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Eurydice (2017): Key Data on Teaching Languages at School in Europe. Brussels.
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[http://www.universityworldnews.com/article.php?story=20120621131543827]
Hüllen, W. (1987): Englisch als Fremdsprache. Tübingen.
Katz, D. (1978): Nationalism and Strategy of International Conflict Resolution. In: H. C. Kelmann (Hrsg.): International Behavior. A Social-Psychological Analysis. New York, 354-370.
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Klippel, F. (2009): Teaching English as a Foreign Language: New Approaches and Challenges. In: Anglistik 20, 13-26.
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[https://www.researchgate.net/publication/324456365_The_Englishization_of_European_education_Concluding_remarks].
Luhmann, N. (1991): Soziale Systeme. 6. Aufl. Frankfurt a. M.
Nieragden, G. (2012): ‚Global Englishes‘ vs. the Common European Framework? Cultural Studies Impulses for Teaching Spoken Language Use and Teacher Education. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 23, 143-62.
Phillipson, R. (2003): English-Only-Europe? Challenging Language Policy. London/New York.
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Seidlhofer, B. (2011): Understanding English as a Lingua Franca. Oxford.
Trabant, J. (2005): Der eigenen Sprache bedürftig. In: F. Nies (Hrsg.): Europa denkt mehrsprachig/L’Europe pense en plusieurs langues. Tübingen, 63-70.
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Göran Nieragden & Franz-Joseph Meißner
14. Gesamtsprachencurriculum
1. Begrifflichkeit
Der Begriff des GesamtsprachencurriculumsGesamtsprachencurriculum steht einerseits generisch für Unterrichtskonzepte, Stundentafeln und Strukturplanungen, die sprachenübergreifend organisiert sind und echte MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitechte in Schulen (und anderen Bildungsinstitutionen) anstreben (vgl. Hufeisen 2005, 2011) (↗ Art. 7, 21). Andererseits steht der Begriff des Gesamtsprachencurriculums als Prototyp für PlurCur®PlurCur®. Dies ist das Akronym für den Namen eines ursprünglich am Europäischen Fremdsprachenzentrum in Graz angesiedelten Projektes, dessen Einsatz an 16 europäischen Schulen erprobt und erforscht wurde. Es gibt andere Konzepte, die sprachenübergreifendes Arbeiten ermöglichen sollen, z.B. stufenübergreifende MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitstufenübergreifende (vgl. Wode et al. 1999), für Österreich Reich & Krumm (2013), für die Schweiz Manno & Egli Cuenat (2018).
PlurCur® zeichnet sich allerdings nicht nur durch das Merkmal des Sprachenübergreifenden, dem die interkulturellen Dimensionen inhärent sind, aus, sondern auch durch die Merkmale des Fächer- und Jahrgangsübergreifenden sowie die konsequente Projektorientierung, die die vorgenannten Merkmale überhaupt erst möglich machen (vgl. Allgäuer-Hackl et al. 2015).
2. Problemaufriss
Der Entwicklung sprachenübergreifender Konzepte und Modelle liegt zunächst das bildungspolitische Ziel zugrunde, mit der Erstarkung einzelner überregionaler Verständigungssprachen in Bildungsinstitutionen andere und weitere FremdsprachenFremdsprachen zu erhalten und ebenfalls zu stärken. So soll verhindert werden, dass immer weniger Fremdsprachen immer häufiger und länger und so genannte zweite und weitere Fremdsprachen immer seltener und kürzer gelernt werden oder dass sie mit Verweis auf andere, vermeintlich wichtigere, Fächer ganz aus dem Lehrplan genommen werden. Für den deutschen Bildungsraum gilt dies beispielsweise für die typischen zweiten (Fremd)Sprachen Französisch oder Latein, für den weltweiten Raum gilt dies u.a. für die Fremdsprache DeutschDeutsch, die praktisch nirgends mehr als erste, sondern allenfalls als zweite Fremdsprache, meist nach Englisch oder einer anderen überregionalen Verständigungssprache, oder sogar erst nach beiden gelernt wird.
Eine zweite Begründung für die Entwicklung gesamtsprachencurricularer Ansätze ist der Versuch, die lebensweltliche Mehrsprachigkeitlebensweltliche Mehrsprachigkeit (↗ Art. 100) curricular aufzunehmen und abzubilden. Dies geschieht durch den systematischen Einbezug einerseits der jeweiligen UmgebungsspracheUmgebungssprache(n) (in Deutschland also deutsch), andererseits, wenn möglich, der jeweiligen Herkunftssprachen (↗ Art. 106) der Mitglieder einer Bildungsinstitution. Schließlich sollen in gesamtsprachencurricularen Rahmungen auch die so genannten klassischen Fremdsprachen einen Platz haben (vgl. Hufeisen 2015).
3. Forschungsstand
Einzelberichte zu Forschungsstudien finden sich in Allgäuer-Hackl et al. (2015), z.B. zu den Einstellungen zur eigenen Mehrsprachigkeit von Schülerinnen und Schülern, die im Rahmen einer mehrsprachigen Theater-AG untersucht wurden (vgl. Henning eingereicht). Kordt (2018) erarbeitete im Rahmen der Untersuchung ihrer an EuroComGermEuroComGerm orientierten mehrsprachigen Projektwochen einen affordanztheoretischen Bezugsrahmen. Allgäuer (2017) zeigte den Nutzen mehrsprachigen Arbeitens für die Ausbildung von SprachenbewusstheitSprachenbewusstheit und -sensibilisierung und die Auswirkungen für andere Fächer.
4. Praxisrelevanz
Angesichts der kulturell und sprachlich immer heterogener werdenden Bevölkerungen sind gesamtsprachencurriculare Implementierungen an Bildungsinstitutionen eigentlich eine zwingende Notwendigkeit; insofern ist von einer hohen Praxisrelevanz auszugehen. Jede Form der systematischen gesamtsprachencurricularen Umsetzung bedarf jedoch grundsätzlicher (Um)Strukturierungen, die auf allen Seiten der Beteiligten Geduld und einen langen Atem erfordern und sich nicht im Rahmen einzelner Legislaturperioden durchführen lassen. Einzelaspekte lassen sich unproblematisch in den Wahlpflichtbereich (vgl. Fasse 2014) oder in Projektwochen (vgl. Kordt 2015) und manchmal sogar ad hoc in den Unterricht einfügen; diese werden jedoch kaum so nachhaltig sein können wie umfassende Umstellungen (vgl. Hufeisen 2019).
5. Perspektiven
Das ERASMUS+-Folgeprojekt PlurEPlurE hat den Umsetzungsdimensionen die digitale Komponente hinzugefügt (vgl. PlurE). Es gibt zunehmend Schulen, die sich für die Implementierung gesamtsprachencurricularer Strukturen interessieren und entsprechende Begleitforschung einplanen (vgl. formatio), so dass anzunehmen ist, dass Gesamtsprachencurricula noch eine Weile eher an individuellen Schulen ausprobiert und eingeführt werden, dass aber auch die offizielle BildungspolitikBildungspolitik diese Entwicklungen nicht dauerhaft ignorieren sollte.
Literatur
Allgäuer, E. (2017): Multilingual/metalinguistic awareness in school contexts within a dynamic systems and complexity theory perspective. The effects of training on multiple language use and multilingual awareness. Innsbruck, unveröffentlichte Dissertation an der Universität Innsbruck.
Allgäuer-Hackl, E., Brogan, K., Henning, U. et al. (Hrsg.) (2015): Mehr Sprachen? – PlurCur! Berichte aus Forschung und Praxis zu Gesamtsprachencurricula. Baltmannsweiler.
Fasse, G. (2014): Im Meer der Sprachen. In: Fremdsprache Deutsch 50, 36-41.
Henning, U. (eingereicht): Zum Wandel der Einstellungen von SchülerInnen zu Mehrsprachigkeit und einzelnen Sprachen. Darmstadt, Dissertation.
Hufeisen, B. (2005): Gesamtsprachencurriculum: Einflussfaktoren und Bedingungsgefüge. In: B. Hufeisen & M. Lutjeharms (Hrsg.): Gesamtsprachencurriculum – Integrierte Sprachendidaktik – Common Curriculum. Theoretische Überlegungen und Beispiele der Umsetzung. Tübingen, 9-18.
Hufeisen, B. (2011): Gesamtsprachencurriculum: Überlegungen zu einem prototypischen Modell. In: R. Baur & B. Hufeisen (Hrsg.): "Vieles ist sehr ähnlich." – Individuelle und gesellschaftliche Mehrsprachigkeit als bildungspolitische Aufgabe. Baltmannsweiler, 265-282.
Hufeisen, B. (2015): Zur möglichen Rolle der sog. klassischen Sprachen für Gesamtsprachencurriculumskonzepte. In: S. Hoffmann & A. Stork (Hrsg.): Lernerorientierte Fremdsprachenforschung und -didaktik. Tübingen, 45-57.
Hufeisen, B. (2019): Förderung des DAF-Unterrichts durch Mehrsprachigkeitskonzepte. In: U. Ammon & G. Schmidt (Hrsg.): Förderung der deutschen Sprache weltweit. Vorschläge, Ansätze und Konzepte. Berlin, 337-350.
Kordt, B. (2015): Sprachdetektivische Textarbeit. In: Praxis Fremdsprachenunterricht 4, 4-9.
Kordt, B. (2018): Herausforderungen und Chancen eines affordanztheoretischen Ansatzes in der Fremdsprachenlehr-/lernforschung. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 29/2, 147-168.
Manno, G. & Egli Cuenat, M. (2018): Sprachen- und fächerübergreifende curriculare Ansätze im Fremdsprachenunterricht in der Schweiz. Curricula in zwei Bildungsregionen und Resultate aktueller empirischer Studien in der Deutschschweiz. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 29/2, 217-243.
Reich, H. H. & Krumm, H.-J. (2013): Sprachbildung und Mehrsprachigkeit. Ein Curriculum zur Wahrnehmung und Bewältigung sprachlicher Vielfalt in Unterricht. Münster.
Wode, H., Burmeister, P., Daniel, A. & Rohde, A. (1999): Verbundmöglichkeiten von Kindergarten, Grundschule und Sekundarstufe I im Hinblick auf den Einsatz von bilingualem Unterricht. In: Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 4/2. [http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/article/view/655/631].
Internet
formatio: www.formatio.li/neuigkeiten/nachrichten/detailansicht/datum/2018/02/28/mehrsprachigkeit-als-schulkonzept-das-5-bildungsforum-an-der-formatio.html
PlurCur®: www.ecml.at/plurcur
PlurE: https://danmar-computers.com.pl/en/projekty-archiwum/europejskie/eu2015/plure-erasmus/] und [http://www.daf.tu-darmstadt.de/forschungprojekte/laufende_projekte/gesamtsprachencurricula/inhalt_mit_marginalienspalte_43.de.jsp
Britta Hufeisen
C Mehrkulturalität in einer multilingualen und multikulturellen globalisierten Welt
15. Bildungspolitische Perspektiven auf Mehrkulturalität
1. Der Begriff MehrkulturalitätMehrkulturalität im gesellschaftlichen Kontext
In Analogie zu gesellschaftlicher Vielsprachigkeit (Multilingualism) und individueller MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit (Plurilingualism) lässt sich auch Mehrkulturalität einerseits als Zustand einer Gesellschaft (oft: MultikulturalitätMultikulturalität) und andererseits als Verfasstheit oder auch Kompetenz des Individuums, als individuelle Mehrkulturalität (oft: InterkulturalitätInterkulturalität), verstehen – und in diesem Zusammenhang ist Mehrkulturalität dann auch Zielsetzung von Erziehung. In der bildungspolitischen Debatte werden die genannten Begriffe aber keinesfalls konsequent unterschieden. In der deutschsprachigen Diskussion dominiert Interkulturalität, vor allem wenn es um die Beschreibung von Lernzielen und Kompetenzen geht (↗ Art. 32, 43). Allerdings wird der Begriff InterkulturalitätInterkulturalitätBegriff inzwischen auch skeptisch gesehen, da hier zu stark das Gegenüber zweier Kulturen, Eigenes und Fremdes, im Fokus stünden und die komplexe Interrelation dadurch zu stark vereinfacht werde (Albrecht 2003: 236-237). Hier setzen Konzepte und Begriffe an, die davon ausgehen, dass die Gegenwart nicht durch solche einfachen Gegenüberstellungen oder eine additive Agglomeration, sondern durch eine komplexe Mischung von Sprachen und Kulturen gekennzeichnet ist, die sich nicht isolieren lassen, sondern neue Formen hervorbringen: TranskulturalitätTranskulturalität, DiversitätDiversität, Heterogenität und Superdiversität (↗ Art. 41). All diese Begriffe zielen auf Gesellschaften, in denen verschiedene Kulturen nebeneinander, im günstigen Fall auch miteinander existieren und sich eventuell auch neue Formen der Mischung ergeben. Blell und Doff sehen Mehrkulturalität als einen diese verschiedenen Facetten bündelnden Oberbegriff: „Er bildet in diesem Kontext eine breite Klammer für InterkulturalitätInterkulturalität, Transkulturalität sowie Mehrkulturalität im engeren Sinne“ (Blell & Doff 2014: 2). Dazu bedarf es eines Kulturbegriffs, der die trotz der Anerkennung von Multikulturalität fortbestehende homogenisierende Orientierung an nationalen oder ethnischen Gruppen überwindet und Kultur als Verfügung über kulturelle Deutungsmuster versteht (↗ Art. 1), wobei dann Mehrkulturalität impliziert, dass solche Deutungsmuster nicht mehr fraglos vorausgesetzt, sondern jeweils neu ausgehandelt werden müssen (vgl. Altmayer 2010: 1004-1009).
Byram (2000: 51ff.) spricht in diesem Sinne von „multikulturellen Milieus“ einerseits und von Mehrkulturalität im Sinne von „interkulturell-seininterkulturell-sein“ andererseits. Er betont zwei Wege zu dieser Mehrkulturalität: Zum einen bilde sie sich als Konsequenz des Zusammenlebens in einem multilingualen Milieu, zum andern sei sie ein wichtiges Ziel und Ergebnis von Sprachenlehren und Sprachenlernen. Dabei geht es zum einen um die zu erwerbenden Kompetenzen des ‚interkulturellen Sprechers/Hörers‘, zum andern um Einstellungen (Byram: 2000: 53), d.h. der Begriff zielt auf Menschen, die nicht nur durch eine kulturelle Tradition geprägt oder dieser verbunden sind, sondern sich verschiedenen Kulturräumen zugehörig fühlen und sich damit jenseits eindeutiger nationaler und/oder kultureller und/oder sprachlicher Zuordnungen bewegen. Christ (posthum 2015: 116) betont in besonderem Maße Mehrkulturalität als Teil der Biographie: „Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität als Fähigkeiten manifestieren sich als soziale Praxen: Sie entwickeln sich in Interaktion mit anderen“.
Auch wenn immer wieder betont wird, Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität seien „im europäischen Bildungsdiskurs fest verankert (…) und längst zu theoretischen Bezugspunkten für das Lehren und Lernen von Sprachen geworden“ (Schädlich 2009: 91), so gilt das im Grunde nur für die Mehrsprachigkeit. Zwar werden Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität oft in einem Atemzug genannt bzw. als unmittelbar mit einander verknüpft gesehen wie z.B. im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR) (Europarat 2001: 17). Aber in der Konkretisierung geht es dann in der Regel, auch im GeRGeR (↗ Art. 18), um Mehrsprachigkeit, ohne dass das Entstehen von und der Umgang mit Mehrkulturalität zum Thema wird. Und obwohl Mehrsprachigkeit als eine Basis des interkulturellen Dialogs (↗ Art. 33, 103, 104) und der interkulturellen Verständigung gilt (Schwan 2004), gibt es keinen Automatismus, nach dem MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit InterkulturalitätInterkulturalität notwendig hervorbringt oder garantiert; auch Fremdsprachenunterricht ist oft monokulturell angelegt und kann auch vorhandene Stereotypen (↗ Art. 34) verstärken (vgl. Schulze 2010).
2. Deskriptoren für Mehrkulturalität
Mit dem Konzept der europäischen Bürgerschaft / democratic citizenshipcitizenshipdemocratic hat der Europarat (↗ Art. 9) ein Rahmenkonzept formuliert, das Bürger befähigen soll, in multikulturellen Gesellschaften tolerant und in gegenseitigem Verständnis zu leben: „Democratic citizenship is about inclusion rather than exclusion, participation rather than marginalisation, culture and values rather than simple procedural issues“ (Starkey 2009: 8). In zwei im Kontext des Europarats entstandenen Projekten wurde in jüngster Zeit versucht, die hier aufgerufenen Kompetenzen zu beschreiben:
1 Der „Referenzrahmen für plurale Bildung zu Sprachen und Kulturen“ (RePARePA) (Candelier et al. 2009) zielt auf sprachenübergreifende Kompetenzen, die ein integriertes interkulturelles Lernkonzept in Form von Deskriptoren präzisieren, so z.B. „Kompetenz zum PerspektivenwechselPerspektivenwechsel“, „Kompetenz, dem sprachlich und/oder kulturell Unvertrauten einen Sinn zu geben“. Dabei verzichtet der RePA (↗ Art. 20) auf eine strenge, abprüfbare Hierarchisierung im Sinne der Niveaustufen des GeRKompetenzniveaustufen nach GeR (↗ Art. 18), die Abstufung betont stärker den Zusammenhang und Übergang, ebenso wie das Ineinandergreifen von sprachlichen und kulturellen Kompetenzen. Zwar klingt gelegentlich auch hier die vereinfachte Vorstellung von zwei einander quasi gegenüberstehenden Kulturen an, indem die Unterschiede zwischen „der eigenen Kultur und anderen Kulturen“ (K-92) hervorgehoben werden, insgesamt aber geht der RePA davon aus, dass sich kulturelle Wahrnehmungen erst in der Interaktion herausbilden und mit Hilfe von Sprache Bedeutungen ausgehandelt werden können.
2 Mit einem „Companion VolumeCompanion Volume“ hat der Europarat u.a. für den im Referenzrahmen ausgesparten Bereich der ‚plurikulturellen Kompetenzenplurikulturelle Kompetenzen’ Deskriptoren entwickelt (↗ Art. 19). Auch hier bleibt die enge Bindung an die Mehrsprachigkeit erhalten, ergänzt um interkulturelle und soziolinguistische Dimensionen: „Seeing learners as plurilingual, pluricultural beings means allowing them to use all their linguistic resources when necessary, encouraging them to see similarities and regularities as well as differences between languages and cultures.“ (Council of Europe 2018: 27)
Die Deskriptoren für die mehrkulturelle Kompetenz machen nur einen kleinen Anteil in dieser Ergänzung aus und bewegen sich sehr stark in dem den sprachlichen Fertigkeiten zugeordneten Bereich der soziolinguistischen Angemessenheit von kommunikativem Handeln. Der Companion versteht sich als Grundlage für Curricula und Lernziele zum interkulturellen Verstehen, erreicht aber das mit dem Stichwort „democratic citizenhsip“ skizzierte Verständnis von Teilhabe an einer mehrkulturellen Gesellschaft nicht. Hinzu kommt, dass die Deskriptoren für die mehrkulturelle Kompetenz bzw. soziokulturelle Angemessenheit nach dem Vorbild des Referenzrahmens in den sechs NiveaustufenNiveaustufe A1 bis C2 hierarchisiert sind. Damit schreibt der Companion ein Problem fort, das aus bildungspolitischer Perspektive schon beim ursprünglichen Referenzrahmen zu Kontroversen geführt hat: Die Zuordnung der Kompetenzen zu diesen Niveaustufen wurde in der Praxis genutzt, um diese Niveaustufen als Schwellen z.B. für den Zugang zu Aufenthaltsrechten, d.h. für Segregation einzusetzen (vgl. Krumm 2007). Nicht die Möglichkeit individueller Profilbildung, die der Referenzrahmen durchaus anbietet, sondern diese Einstufung und eventuell SegregationSegregation von Zuwanderern bestimmt den migrationspolitischen Gebrauch trotz aller Kritik, die auch innerhalb des Europarats dazu formuliert wurde (vgl. Strik 2013). Hinsichtlich der Erweiterung des Referenzrahmens um Deskriptoren für plurikulturelle Kompetenzen wurde daher die Sorge geäußert, dass nun auch hier Niveaustufen zu einer (sozialen und politischen) Bewertung kultureller Leistungen (↗ Art. 48, 49) und damit zum Ausschluss von Menschen aus der Gesellschaft führen könnten: „Des Weiteren können die Konzepte, von denen vornehmlich die Rede ist (Mediation, Mehrsprachigkeit, Interkulturalität, etc.), nicht auf Deskriptoren, Niveaustufen, Kompetenzen, Aufgaben und kognitive Operationen beschränkt werden, insofern als sie hauptsächlich mit den Lebensgeschichten, den Vorstellungswelten und den Einzelerfahrungen der Menschen und der Veränderlichkeit der Situationen verknüpft sind (↗ Art. 6). Diese Konzepte lassen sich per se nicht in Raster fassen, außer man will sie kontrollieren und technischem Kalkül unterwerfen, um jegliche Diversität und Heterogenität zu unterbinden. Wie wird es sein, wenn die staatlichen Behörden sich dieser neuen Deskriptoren bemächtigen, um die „Mediationskompetenz“ der Geflüchteten zu normieren und zu begutachten, oder wenn sie prüfen, ob deren Verhalten den kulturellen Gepflogenheiten entspricht, um daraus dann den „Beweis“ für ihre IntegrationIntegration abzuleiten, oder um daran eine notwendige Bedingung für den Erhalt der Aufenthaltserlaubnis oder der Staatsbürgerschaft zu knüpfen?“ (ACEDLE/ASDIFLE/Transit-Lingua 2017). Diese Kritik der französischen Fachverbände ist leider bisher weder in der Fachdiskussion noch im Europarat aufgenommen worden, so dass die damit aufgeworfene Frage nach der Normier- und Überprüfbarkeit interkultureller Kompetenzeninterkulturelle Kompetenz unter dem Gesichtspunkt ihrer politischen Verwertbarkeit weiterhin offen ist. Die Debatte um Werte- und Orientierungskurse für Migrantinnen und Flüchtlinge zeigt, dass die Tendenz zu einem homogenisierenden, an nationalen oder ethnischen Gruppen orientierten Kulturbegriff in der Öffentlichkeit und in der Bildungspolitik keineswegs überwunden ist (↗ Art. 1, 4).
3. „Der monokulturelle Habitusmonokultureller Habitus“ des multikulturellen Bildungswesens
Die von Gogolin (1994) für die Schule geprägte Wendung vom „monolingualen Habitus der multilingualen Schule“ lässt sich durchaus auch auf die kulturelle Perspektive übertragen: Fast überall in Europa ist das Bildungswesen ungeachtet der Tatsache, dass Kinder aus unterschiedlichen Kulturräumen und mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen sie besuchen, auf homogene Lerngruppen hin orientiert und verfügt über ein großes Instrumentarium, um diese Homogenität zu sichern bzw. herzustellen, von der Jahrgangsklasse, den Einschulungs- und Versetzungsbestimmungen über Notengebung und LeistungsbeurteilungBeurteilungTests u. Schülerarbeiten, standardisierte Lehrpläne, Unterrichtsmethoden und Vergleichsstudien bis hin zu zentralen Bildungsstandards und Prüfungen. Nur unter der Voraussetzung der Homogenität kann es nämlich – so glaubte man lange und glaubt es vielfach immer noch – gelingen, 20 bis 30 Kinder in der gleichen Klasse, in der gleichen Lernzeit und nach den gleichen Unterrichtsmethoden erfolgreich zu unterrichten. Diese Homogenitätserwartung hat dazu geführt, dass Instrumente zur Assimilation anderssprachiger und kulturell anders geprägter Kinder entwickelt wurden, neben segregierenden Sprachförderprogrammen z.B. Werte- oder Orientierungskurse, die nicht immer dem differenzierenden Eingehen auf die mitgebrachten RessourcenRessourcenKonstituenten von Kompetenz, sondern der Anpassung an die Rituale und Normalitätsvorstellungen der Aufnahmegesellschaft dienen. „Kultur“ bekommt in dieser Perspektive die Konnotation der Zugehörigkeit bzw. Nichtzugehörigkeit, erlaubt es, Unterschiede zu machen; IntegrationIntegration wird zunehmend als AssimilationAssimilation verstanden (↗ Art. 37). Eine Mischung von Kulturen, aus der dann etwas Neues entsteht und die bisherigen Unterschiede und Differenzen aufgehoben sind, wie das etwa auch im Begriff des Schmelztiegels zum Ausdruck kommt, ist in vielen europäischen Gesellschaften unerwünscht (↗ Art. 32). Der Begriff der multikulturellen Gesellschaft wird in der politischen Debatte daher zunehmend auch kritisch gesehen, das Konzept einer multikulturellen Gesellschaft als gescheitert betrachtet. Andererseits bleibt es Ziel der BildungspolitikBildungspolitik, das Zusammenleben in der ‚multikulturellen Schule‘ zu fördern und zu erleichtern und die SchulentwicklungSchulentwicklung so zu gestalten, dass sich das monokulturelle Grundverständnis zugunsten einer multikulturellen Schule ändert. Seit die deutsche Bildungspolitik (↗ Art. 21) inklusive Erziehung zu einer ihrer Prioritäten erklärt hat und eine Pädagogik der DiversitätDiversitätPädagogik der anstrebt, gibt es hierfür eine Perspektive, wobei kritisch anzumerken ist, dass sich die deutsche Diskussion im Gefolge der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 entwickelt hat. Erst allmählich gewinnt der Menschenrechtsgedanke (↗ Einleitung) für alle Lernenden und die Erkenntnis an Boden, dass es darum geht, auf Unterscheidungen zwischen Menschen auf der Grundlage willkürlich gewählter Merkmale insgesamt zu verzichten und Bildungsgerechtigkeit herzustellen (vgl. Burwitz-Melzer u.a. 2017).
4. MehrfachidentitätMehrfachidentität
Der Begriff der Identität (↗ Art. 1) ist gleichfalls ein Begriff, der sich zum einen auf Individuen richtet (personale Identität), zum andern aber auch genutzt wird, um soziale Gruppen zu charakterisieren (Gruppenidentität). Sprache und gemeinsame kulturelle Merkmale (Religion, gemeinsame Geschichte) machen eine Gruppe erst zur Gruppe – erst recht bei der ‚nationalen Identität‘Identitätnationalenationale Identität, bei der ein Mensch sich erst durch solche Merkmale als zugehörig erweisen kann. Analog zu der nationalstaatlichen Entwicklung der letzten 200 Jahre in Europa mit der Vorstellung „ein Staat – eine Sprache“ hat auch hinsichtlich der kulturellen Prägungen und Zugehörigkeiten der Gedanke der gemeinsamen Kultur Fuß gefasst, gleich ob damit die religiösen Grundlagen oder ein geteiltes Geschichtsbewusstsein oder zentrale gesellschaftliche Konzepte gemeint sind; zur klassischen Vorstellung von kultureller Identitätkulturelle IdentitätSiehe Identität, kulturellekulturelle Identität werden durchweg EthnizitätEthnizität, ReligionReligion, SpracheSprache und NationalitätNationalität gerechnet (↗ Art. 10). Gleichzeitig wird in allen Konzepten zur personalen Identität betont, dass es sich nicht um ein starres, unveränderliches Konstrukt handelt; je nach Entwicklung und Erfahrungen kann sich die Identität eines Menschen wandeln und damit auch die Rolle, die sprachlich-kulturelle Prägungen dabei spielen (vgl. Thim-Mabrey 2003). Das jedoch ist in monokulturellen Konzepten nicht vorgesehen: Mehrkulturelle IdentitätIdentitätmehrkulturelle bedeutet, dass Normalitätsannahmen monokultureller Gesellschaften nicht mehr funktionieren, dass auch andere kulturelle Deutungen als die der Mehrheitsgesellschaft für einen Menschen bedeutsam sind. Ob und in welcher Form sich eine mehrkulturelle IdentitätIdentitätmehrkulturelle entwickeln kann, also ein Selbstverständnis, in dem Menschen sich verschiedenen kulturellen Räumen und Gruppen zugehörig fühlen und verschiedene kulturelle Merkmale gleichrangig integriert haben, oder ob Mehrkulturalität als Bedrohung abgelehnt wird, hängt von den Lebensumständen und insbesondere der Offenheit der Gesellschaft (Schule und Aufnahmeland) ab. Im Laufe von Migrationsprozessen entstehen im günstigen Fall transnationale Räume, die die gleichzeitige und sich überlagernde Zugehörigkeit zu verschiedenen Sprach- und Kulturwelten erlauben und zur Entwicklung einer Mehrfachidentität führen können. Für die Entwicklung und Anerkennung einer solchen mehrkulturellen (und mehrsprachigen) Identität bedarf es einer Gesellschaft, die ihrerseits Mehrkulturalität als konstitutives Merkmal ihrer Verfasstheit ansieht und auf monokulturelle Normierungen verzichtet. Kulturelle Identität in diesem Sinne würde bedeuten, dass die Zugehörigkeit gerade durch die Anerkennung von Verschiedenheit entsteht (↗ Art. 38, 39). In diesem Sinne ist der Begriff der „democratic citizenshipcitizenshipdemocratic“ ausdrücklich nicht nur auf NationalitätNationalität bezogen, sondern auf die gemeinsame Verpflichtung auf Grundwerte wie z.B. fundamentale Menschen- und Freiheitsrechte (vgl. Starkey 2002).
5. Ausblick
So wie die europäischen Gesellschaften erkennen und eingestehen mussten, dass sie längst zu Einwanderungsgesellschaften geworden sind, so müssen sie entsprechend ihre Bildungssysteme in mehrsprachige und mehrkulturelle Bildungssysteme umwandeln, monokulturelle Erwartungen und Ansprüche überwinden und sich für sprachliche und kulturelle Vielfalt öffnen. Was die sprachliche Vielfalt betrifft, so wird diese Entwicklung auch durch die Mehrsprachigkeitsstrategie der Europäischen Union gestützt (↗ Art. 9, 12). Die meist mitgenannte kulturelle Dimension kommt dabei allerdings immer noch zu kurz. Die Aufgabe, kulturelle Vielfalt zur Normalität werden zu lassen, ist ein langfristiges Projekt, für das KindergartenKindergarten und Schule den Grund legen müssen. Sie berührt auch eine machtkritische Perspektive: Solange kulturelle Zugehörigkeit ein Konzept der Inklusion und Exklusion ist, besteht ein Interesse an der Aufrechterhaltung kultureller Klassifikationen. „Das Konzept von Diversity verwirft Klassifizierungen jeglicher Art und setzt stattdessen – wie auch die InklusionInklusion – auf die Achtung der Individualität jedes Einzelnen im Sinne der Menschenrechte“ (Georgi 2015:26). Die ungleiche Verteilung von Macht ist kaum zu vermeiden, Mehrkulturalität aber betont die Notwendigkeit, Respekt, Würde und Teilnahme unabhängig von der realen Machtverteilung zu ermöglichen: „Der Diversity-Begriff ist positiv konnotiert: Er transportiert die Wertschätzung der Pluralität von Lebensentwürfen und hebt Vielfalt als gesellschaftliche Ressource hervor“ (Georgi 2015: 26).
Der Referenzrahmen für plurale Ansätze für Sprachen und Kulturen (RePA) ist hier ein grundlegendes Instrument, weil er nicht nur die Dimension des Wissens, sondern auch die Dimensionen der Einstellungen und Emotionen einbezieht; es geht nicht nur darum, zu vermitteln, dass ‚auch andere Kulturen’ positiv zu verstehen sind, sondern – und das wäre dann ein Schritt über den RePA hinaus – sprachliche und kulturelle Vielfalt als Rahmenbedingungen für das Leben in einer demokratischen Gesellschaft zu akzeptieren (↗ Art. 20).
Literatur
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Hans-Jürgen Krumm
16. Erziehungswissenschaftliche Perspektiven auf Mehrkulturalität
Richtet sich der Blick der Erziehungswissenschaft auf die MehrkulturalitätMehrkulturalitätaus Sicht der Erziehungwissenschaften der deutschen Gesellschaft, stehen Fragen der Erziehung und Bildung im Kontext gesellschaftlicher Institutionen im Vordergrund.
1. Begrifflichkeit
Gegenstand und Forschungsfeld der Erziehungswissenschaft sind die Erziehung und die Bildung des Menschen als Subjektindividuum im sozialen Kontext und mittels gesellschaftlicher Institutionen (Familie, Kindergarten, Schule, sozial-/heilpädagogische Einrichtungen).
ErziehungErziehung wird heute als eine notwendige und absichtsvolle Hilfe der Erwachsenengeneration bei der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu mündigen, d.h. selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und kritisch/selbstkritisch reflektierenden Persönlichkeiten definiert. Als soziale Interaktion zwischen selbstständig handelnden Subjekten entzieht sich Erziehung jeder Machbarkeit. Ihr normativer Orientierungspunkt sind das Wohl des Kindes oder Jugendlichen, seine Würde und seine Grundrechte. BildungBildungvs. Erziehung wird seit der klassisch-idealistischen Epoche (v. Humboldt, Hegel) im deutschen Sprachgebrauch von Erziehung unterschieden. Zur Bildung kommt es, wenn sich der Mensch mit anderen Menschen und mit den geistigen, kulturellen und dinglichen Inhalten seiner Lebenswelt auseinandersetzt und dabei Kenntnisse und Einsichten erwirbt, die es ihm erlauben, das „Funktionieren“ der Welt zu verstehen, zu durchschauen und daraus Anforderungen an sein Handeln abzuleiten (vgl. Klafki 1996). Wird Bildung nicht mit der Schulbildung, der Höhe des Schulabschlusses oder dem Erwerb von Kompetenzen gleichgesetzt, wie bei manchen Bildungspolitikern, dann besteht ihr besonderer Wert heute darin, den Menschen unter den Bedingungen der jeweiligen Gesellschaft mittels kritisch-distanzierender Reflexion gegenüber Abhängigkeiten, Mainstreamdenken und Fremdbestimmung resilientResilienz zu machen (Wiater 2013: 13-25, 86-109).
In der Erziehungswissenschaft gilt Kultur als HumanitätsentwurfKultur als Humanitätsentwurf, als historisch-geografisch-gesellschaftliche Interpretation von Menschlichkeit (relational zu den jeweiligen ökonomischen, sozialen, religiösen und politischen Lebensbedingungen), als spezifische Sinnbestimmtheit des Menschen (Ruhloff 1982). Sie ist das Fundament der gemeinsamen Kulturalität von Menschen, die einer bestimmten Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft angehören (↗ Art. 1). Mit der Kulturalität ist so etwas wie eine „kollektive Programmierung des Geistes“ dieser Menschen gemeint, die durch die frühkindliche Sozialisation und durch die SprachgemeinschaftSprachgemeinschaft, in die sie hineingeboren wurden, bewirkt wird (Hofstede & Hofstede 2006: 4ff.). Sie erleben so, was als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich anzusehen ist, und lernen, fremdes Verhalten auf der Grundlage der erworbenen Kulturstandards (↗ Art. 33, 34) zu beurteilen (Thomas 2005: 25).
2. Problemaufriss
Seit mehr als einem halben Jahrhundert entwickeln sich die europäischen Nationalstaaten mehr und mehr zu multikulturellen Gesellschaftenmultikulturelle Gesellschaft (↗ Art. 2, 3). In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich diese Entwicklung durch Kriege, Flucht, Vertreibung, Armut und Berufsmobilität deutlich verstärkt. Daraus ergeben sich zahlreiche Probleme, die auch in erzieherischer und bildender Hinsicht relevant sind:
1 Die multikulturelle Gesellschaft führt zur Multilingualität in den NationalstaatenNationalstaaten. Auch bei grundsätzlicher Wertschätzung aller Immigrantensprachen kommt der NationalstaatNationalstaaten nicht umhin, von allen Bürgern zum Zwecke einer alle verbindenden Kommunikation die Sprache des Immigrationslandes verpflichtend abzuverlangen. Erziehungswissenschaftlich betrachtet gehen aber Bildungspotenziale der Mehrsprachigkeit verloren, wenn die Erst- oder Muttersprachen der Kinder und Jugendlichen gesellschaftlich ohne Belang sind (↗ Art. 52).
2 Die multikulturelle Gesellschaft bringt kulturell bedingte Diversifikationen bei der Sozialisation, der Lebenspraxis und den WertvorstellungenWertvorstellungen ihrer Mitglieder mit sich. Diese Unterschiede bestehen nicht in jedem Falle konfliktfrei nebeneinander und entsprechen auch nicht immer dem demokratischen Ethos der Staaten Europas (↗ Art. 9, 11). Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht ist bei den Betroffenen eine Verhaltensentwicklung anzuregen, die in den gesellschaftlichen Einrichtungen (vor allem in den Schulen) zielorientiert betrieben werden muss.
3 Die multikulturelle Gesellschaft steht vor dem Problem des Verstehens von kulturell FremdemFremdheitkulturelle und damit zusammenhängend des Miteinander-VerstehensVerstehen. Pädagogisches Verstehen muss um die kulturellen Zusammenhänge wissen. Offene Dialoge und gegenseitiger Austausch der differenten Sichtweisen sind dafür unabdingbar (Wiater & Manschke 2012).
4 Die multikulturelle Gesellschaft birgt die Gefahr in sich, alles Denken, Fühlen und Verhalten von Menschen mit MigrationshintergrundMigrationshintergrund ausschließlich aus der Kulturperspektive zu erklären und sie kollektiv national oder ethnisch zuzuschreiben. Die Erziehungswissenschaft stellt demgegenüber das Individuum – ganz gleich, aus welcher Herkunftskultur – in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung und bemüht sich um dessen Entwicklung zu Mündigkeit und Selbstbestimmung.
3. Forschungsstand
Die Erziehungswissenschaft hat sich seit der Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer für den deutschen Arbeitsmarkt in den 1960er Jahren verstärkt mit der Migrantenthematik befasst. Ihr Fokus galt zuerst der Beschulung von ausländischen Kindern und Jugendlichen, deren Muttersprache und Herkunftskultur im Gastland Deutschland mitgefördert werden sollten, damit sie bei Rückkehr ihrer Eltern in die Heimat dort keine Nachteile haben würden (AusländerpädagogikAusländerpädagogik). Als die Rückkehr ausblieb, formulierte die Erziehungswissenschaft eine Pädagogik der VielfaltPädagogik der Vielfalt aus, die im Miteinander von Kindern und Jugendlichen verschiedener Kulturen einen MehrwertMehrwertaus Migration für beide Seiten sah (↗ Art. 32). Konsequenterweise führte diese pädagogische Umorientierung zur IntegrationspädagogikIntegrationspädagogik und zum interkulturellen Lernen, das bei Wertschätzung der fremden Sprachen und Kulturen und durch die Begegnung von Einheimischen und Zugewanderten im gemeinsamen Schulunterricht wechselseitig befruchtende Effekte erwartet. Belastbare empirische Befunde liegen dazu bisher nicht vor.
Anders bei der EnkulturationsfunktionEnkulturationsfunktion von Schule der Schule, einer Erwartung der Gesellschaft an ihre pädagogischen Institutionen (KindergartenKindergarten, Schule, pädagogische/sonderpädagogische Einrichtungen). Hier ist der Forschungsstand besser elaboriert. Der pädagogische Begriff „Enkulturation“ (↗ Art. 4) richtet den Blick auf die „Einbindung“, auf das funktionale, aber auch das intentionale „Hereinwachsen“ der Kinder und Jugendlichen in die kulturellen Lebensformen des Raumes, in dem sie ansässig werden wollen (Weber 1999: 82ff.). In der multikulturellen Gesellschaft umfasst die Enkulturation auch die Kinder und Jugendlichen mit MigrationshintergrundMigrationshintergrund. Enkulturation steht in enger Verbindung mit „AkkulturationAkkulturationAkkulturationEnkulturation“, einem terminus technicus der Soziologie und der Psychologie. Die Akkulturation richtet den Blick vorwiegend auf die Angehörigen einer Minderheitenkultur und deren Verhalten gegenüber der Mehrheitsgesellschaft (vgl. Kopp & Schäfers: 9ff.), das seit W. Berrys Modell (1990: 232ff.) den Strategien AssimilationAssimilation, IntegrationIntegration, SegregationSegregation und MarginalisierungMarginalisierung folgen kann. Im Vordergrund stehen heute im Anschluss an Berry bidimensionale und mehrebenenanalytische Modellemehrebenenanalytische Modelle, mit deren Hilfe kulturelle und psychologische Veränderungen auf Grund von Interaktionen zwischen kulturell unterschiedlichen Gruppen in unterschiedlicher Intensität feststellbar werden. Aus soziologischer Perspektive lassen sich InklusionInklusion/Exklusion und Exklusion der Angehörigen einer Minderheitenkultur, d.h. deren soziale Integration (↗ Art. 38), in folgenden Formen beobachten: KulturationKulturation durch Erwerb zusätzlicher Wissensbestände, Kompetenzen und instrumentellen Fertigkeiten der Aufnahmegesellschaft, Strukturelle Platzierung durch Bildung, Beschäftigung und Verfügen über ökonomische Ressourcen in der Aufnahmegesellschaft, Soziale Interaktion durch Bildung persönlicher Netzwerke, HeiratenEhezwischen heterokulturellen Personen und Verwandtschaftsbeziehungen in der AufnahmegesellschaftVerwandtschaftsbeziehungen in der Aufnahmegesellschaft sowie Emotionale Identifikation in der Form, dass die WerteWerte der Aufnahmegesellschaft übernommen werden und eine Solidarisierung mit dieser geschieht (Nauck 2008: 113f.). Der Akkulturationsforschung entnimmt die erziehungswissenschaftliche Enkulturationstheorie wichtige Impulse.
Erziehung und Bildung zielen auf die Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden und implizieren Versuche der Einstellungs- und VerhaltensänderungEinstellungs- und Verhaltensänderung, wenn das Handeln und Verhalten von Kindern und Jugendlichen mit den gesellschaftlich akzeptierten NormenNormen, Werten und Rechtsvorschriften kollidiert. In der Erziehungswissenschaft wird jeder Versuch, durch Erziehungs- und Bildungsbemühungen Einfluss auf das Denken, Fühlen, Wollen und Handeln eines Menschen zu nehmen, als Lernprozess gesehen, bei dem durch Beratung, durch Gruppentherapie, durch Konditionierungen und durch kognitive Strategien ein Prozess des Umlernens in Gang gesetzt werden soll (Mazur 2006: 101ff.). Bei Kindern und Jugendlichen mit MigrationshintergrundMigrationshintergrund, die in einem anderen KulturraumKulturraum aufgewachsen sind, muss mit angeborenen Verhaltensmustern und Habituationen gerechnet werden, die durch den Spracherwerb und die Sozialisation bedingt sind (Franceschini 2002: 54ff.). Die Erziehungswissenschaft greift hierzu auf die neurowissenschaftlichen Studien zur vor- und nachgeburtlichen Plastizität des Gehirns zurück (Merlin 1991; Neville & Bavelier 2002). Das Ergebnis dieser Forschungen lässt sich mit den Worten Merlins wie folgt zusammenfassen: „The brains of many individuals in a particular culture are broadly programmed in a specific way, while in other cultures they may develop differently.” (1991: 13) Diese neuronale Kulturspezifizitätneuronale Kulturspezifizität bezieht sich nachgewiesenermaßen auf die raumzeitliche Wahrnehmung, die Vorstellungsbilder, die Weltsichten und Wertsetzungen, das (logische) Denken und die Problemlösungen, das Verstehen, die verbale und nonverbale KommunikationKommunikationverbale (↗ Art. 33, 103), das Fühlen, die Formen sozialer Beziehung, die Bräuche und Riten, Normen und Tabus und natürlich die Sprache (Maletzke 1996: 42). Es erfolgt dadurch eine kulturelle Prägungkulturelle Prägung, an deren Zustandekommen und Verfestigung die erfahrene kulturelle SozialisationSozialisation (↗ Art. 4) entscheidenden Anteil hat, die das Denken, Fühlen, Wollen und Handeln des Einzelnen in den Kontext eines Gemeinschaftsdenkens, -fühlens,- wollens und -handelns stellt, was ihm in seiner Kultur eine soziale Identität verleiht. Allerdings geschieht die Sozialisation, d.h. der Austausch zwischen den Generationen, immer auch als Ko-Konstruktion des Individuums, das seine Persönlichkeit auf Grund der sozialen und kulturellen Lebenskontexte durchaus auch mitgestaltet, so dass die Prägung nicht bei allen Individuen immer gleich ausgebildet ist.
In der Erziehungswissenschaft führen diese Forschungsergebnisse zur Forderung nach einer kulturellen Sensibilisierung pädagogischer Institutionen. Im Sinne eines sozialen oder pragmatischen Konstruktivismus, der die Erziehungswissenschaft seit zwei Jahrzehnten theoretisch fundiert, geschieht das Verändern von Einstellungen und Verhaltensweisen auch bei Kindern und Jugendlichen mit fremdkulturellen Prägungen als ein subjektiv-biographischer Lernprozess, der Elemente der selbsttätigen Bedeutungskonstruktion im neuen kulturellen Raum ebenso enthält wie solche der Rekonstruktion von Sinn, der in diesem vorherrscht, und solche der Dekonstruktion bisheriger Überzeugungen und Gewissheiten (vgl. Reich 2010).
4. Praxisrelevanz
Die Enkulturation in der Schule (↗ Art. 4) soll Kindern und Jugendlichen, die im Staat ansässig sind, Inländern wie Zugewanderten, helfen, sich die kulturellen Traditionen und Gegebenheiten anzueignen und gemeinschaftlich weiterzuentwickeln, die ihnen das Einleben, Überleben und „gute“ Leben miteinander ermöglichen. Dadurch wird die Gesellschaft als Gemeinschaft stabilisiert, werden kulturelle Rückschritte mit ggf. verhängnisvollen Folgen verhindert und in dynamischen, multikulturellen Gesellschaften werden die Kulturentwicklung und die Kulturerneuerung gefördert. Die Enkulturation erfolgt über Lernprozesse im Schulunterricht und im gestalteten gemeinsamen Schulleben. Dazu veranlasst die Schule Kinder und Jugendliche – erstens – zentrale Inhalte der Traditionskultur des Landes anzueignen und zu resubjektivieren wie die Sprache, die akzeptierten Kommunikations- und Interaktionsformen, die NormenNormenSiehe WerteNormenSiehe Werte und WerteWerte, die Moral und das geltende Recht. Diese notwendige Kulturaneignung kommt bei aller gebotenen Toleranz nicht ohne Anpassung aus (↗ Art. 37). Zweitens hält sie sie zu kulturellen Tätigkeiten an, bei deren Gestaltung sie größtmögliche Freiheit haben sollen, sich kulturbestimmt zu verhalten, ihr Selbst auszudrücken, zu präsentieren und zu verwirklichen (z.B. in Projekten, Festen, Feiern, Theater- und Musikaufführungen, Kunst-Ausstellungen, Aktionen, Bewegung, Riten und Ritualen, Spielen usw.). Schließlich macht die Schule bei der Enkulturationsfunktion Kultur auch selbst zum Lerngegenstand und behandelt mit allen Schülerinnen und Schülern kulturbedingte Unterschiede bei Mentalitäten und Handlungsweisen selbstkritisch und ideologiekritisch (vgl. beispielsweise ThemenThemenwie Gerechtigkeit, Gleichheit usw. wie Gerechtigkeit und Gleichheit, Individuum und Gemeinschaft, Macht und Herrschaft, Freiheit und Zwang, System und Selbst). Gerade diese Aufklärung von kulturspezifischen Identitätsmustern führt bei allen Beteiligten zu einem distanzierenden Blick auf ihre Handlungsmuster und zu einer interkulturellen KritikfähigkeitKritikfähigkeit. Sie hat ohne Zweifel erziehende und bildende Effekte. Überhaupt gelingt die Enkulturation umso besser, je mehr man die (vermeintlich) nationalkulturelle Perspektive verlässt und stattdessen das Kind und den Jugendlichen mit fremdkulturellem Hintergrund in seiner Rolle als Schüler oder Schülerin innerhalb der Lerngruppe oder Klasse betrachtet und Erziehung ohne Kulturalisierung betreibt (Hamburger 1990; Mecheril 2004).
Sprache (mündlich/schriftlich, verbal/nonverbal), Religion oder WeltanschauungReligion oder Weltanschauung, Weltansicht, Normen, WerteWerte, Geschmacksurteile, Gefühle und ErlebnisformenErlebnisformen, kultur- und zivilisationsadäquates Verhalten – all das sind Bausteine der Identität des Menschen (↗ Art. 1). Die kollektive Gebundenheit führt zu seiner sozialen IdentitätIdentität, in die die persönliche Identität, bestehend aus individuellen Erfahrungen, das Selbst des Menschen, eingebettet ist. Angesichts großer Zahlen von Kindern und Jugendlichen mit MigrationshintergrundMigrationshintergrund stehen Erziehung und Bildung hier vor einer großen Herausforderung. Einerseits müssen sie der Grundsorge des Menschen nach Identität durch das ihm Vertraute, durch seine Sprache und sein kulturelles Gedächtnis Rechnung tragen, andererseits müssen sie um des gelingenden Lebens in einem anderen KulturraumKulturraum willen nationale, ethnische oder volksgruppenspezifische kulturelle Fixierungen aufbrechen. Mobilitäts- und Migrationserfahrungen müssen aufgearbeitet und es muss den Betroffenen zu einer neuen Identitätskonstruktion verholfen werden. Die Soziologie der modernen Gesellschaften hat zur Vorstellung von mehreren Bereichsidentitäten beim Menschen geführt, zur Vielfalt möglicher Identitäten in unterschiedlichen privaten und gesellschaftlichen Kontexten. In ihnen ist das ehemals homogene Eigene mit Fremdem verflochten und von Fremdem durchdrungen, es ist sozusagen eine „transkulturelle Collage“ aus Altem und Neuem, Eigenem und Fremdem nötig (Welsch 1995: 42f.; Kostalova 2003: 242). Auf diese Weise kann in multikulturellen Gesellschaften durch Erziehung und Bildung eine neue, postnationale Identität entstehen, die transnational, multilingual und multikulturell konturiert ist (↗ Art. 41).
Interkulturelle Kompetenzinterkulturelle Kompetenz (↗ Art. 43, 49) bei Kindern und Jugendlichen ist ein weiteres Anliegen der Pädagogik multikultureller Gesellschaften. Mit Interkultureller Kompetenz ist die Fähigkeit gemeint, auf der Basis eines geklärten EigenkulturbewusstseinEigenkulturbewusstseins fremde Kultur und fremde Lebensformen als Bedingung der Möglichkeit menschlicher Lebensentwürfe zu akzeptieren und darüber in einen Dialog zu treten. Wer interkulturell kompetent ist, überwindet den Ethnozentrismus und bemüht sich um eine „doppelte Optik“, d.h. darum, die Wirklichkeit auch mit den Augen eines Fremden zu sehen, und ist offen dafür, dadurch zu einem neuen, vertiefteren Selbstverstehen zu gelangen. Denken in Polaritäten, StereotypenStereotypen und Klischees (↗ Art. 34) verbietet sich hier, einerseits aus dem Willen um Verständigung und andererseits aus einem Bildungsinteresse, das W. v. Humboldt mit der Formel ausgedrückt hat, der Mensch solle zum Zwecke der MenschenbildungMenschenbildungZweck der „soviel Welt, als möglich ergreifen und so eng, als er nur kann, mit sich verbinden“ (v. Humboldt 1793/1963) (vgl. auch Essinger & Kula 1987; Wierlacher & Stötzel 1996).
5. Perspektiven
Die Internetkultur der Gegenwart, bei der im Sinnkonstitutionsprozess à la Wikipedia Menschen unterschiedlicher Bildung und Kultur gemeinschaftlich ein Wissen für jeden Anlass produzieren, das global vertrieben wird und von jedem auf der ganzen Welt zu jeder Zeit abgerufen werden kann, wird in den nächsten Jahren zu einer „programmierten Kulturprogrammierte Kultur“ (Spengler 2018) führen, die den Einzelnen vernetzt, normiert, individualisiert und zum Sinn-Konsum veranlasst (↗ Art. 47, 102). Hier stellen sich für die Erziehungswissenschaft neue Fragen, wie sie unter diesen Bedingungen an der Mündigkeit und der KritikfähigkeitKritikfähigkeit des Individuums, den Zielen von Erziehung und Bildung, festhalten kann.
Literatur
Berry, J. W. (1990): Psychology of Acculturation. Understanding Individuals Moving between Cultures. In: R. Bristin (Hrsg.): Applied Cross-Cultural Psychology. Newbury Park, 232-253.
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Hofstede, G. & Hofstede, G. J. (2006): Lokales Denken, globales Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management. München.
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Mecheril, P. (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim.
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Ruhloff, J. (Hrsg.) (1982): Aufwachsen im fremden Land. Probleme und Perspektiven der „Ausländerpädagogik“. Frankfurt a. M.
Spengler, A. (2018): Das Selbst im Netz. Zum Zusammenhang von Sozialisation, Subjekt, Medien und ihren Technologien. Baden-Baden.
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Werner Wiater
17. Pluri- und Multikulturalität im fremdsprachendidaktischen Diskurs
1. Problemaufriss
Zwischen ‚Sprache‘ und ‚KulturKultur‘ werden in fremdsprachendidaktischen Kontexten seit Langem enge Verbindungen gesehen (↗ Art. 1). Wie Werner Hüllen (1997: 50) metaphorisch schreibt, bildet ihre konzeptuelle Verknüpfung gleichsam den „Sockel eines Kontinents, auf dem die Wellen [i. e. die unterschiedlichen auf den Fremdsprachenunterricht bezogenen Konzeptionen und Methoden, L. K.] zwar immer wieder den Sand überspülen, dem sie aber letztlich nichts anhaben können“. Dies gilt besonders für den deutschen Sprachraum, in dem sich unter dem Einfluss der Sprachphilosophie Wilhelm von Humboldts eine eigene kulturalistische Tradition etablierte, die sich – so Hüllen (ebd.: 50f.) – deutlich von den stärker utilitaristischen Diskursen in England oder Frankreich abhob.
Während im 19. und 20. Jahrhundert hierzulande die Leitkonzepte der Kultur- und Landeskunde (↗ Art. 35) die fremdsprachendidaktischen Diskurse bestimmten (vgl. Raddatz 1996), setzten sich seit den 1990er-Jahren die Konzepte der InterkulturalitätInterkulturalität und des interkulturellen Lernens durch (↗ Art. 32). Man könnte geradezu von einem Boom einschlägiger Schriften sprechen, der nicht zuletzt dem Gießener GraduiertenkollegGießener Graduiertenkolleg „Didaktik des Fremdverstehens“ um Lothar Bredella und Herbert Christ zu verdanken ist (↗ Art. 36). Wie das Präfix „inter“ bereits erkennen lässt, sind die Zielsetzungen des interkulturellen Lernens bzw. später der interkulturellen Kompetenz von der Vorstellung einer Dichotomie bzw. einer Bipolarität geprägt. Zwischen der eigenen Sprache und der Zielsprache und über diese vermittelt zwischen der „eigenen“ und der „fremden Kultur“ Brücken zu bauen, war und ist das Anliegen einer interkulturellen Pädagogik und Didaktik.
In anglophoner Forschung artikulierten sich demgegenüber schon früh Stimmen, die fremdsprachliches Lernen und Lehren in einen übergreifenden Rahmen stellten, so z.B. Michael Byram (1989) mit seinem Konzept der „tertiary socialisationtertiary socialisation“ und vor allem Claire Kramsch (1995) mit ihren Vorstellungen eines dritten Orts. Es ist zum einen der zunehmenden GlobalisierungGlobalisierung unserer Lebensverhältnisse mit den aus ihr resultierenden Vermischungen und HybridisierungenHybridisierungvon Kulturen zuzuschreiben, dass in aktueller fremdsprachendidaktischer Forschung eine auf Kulturkontrastivität angelegte Ausrichtung auch im deutschen Sprachraum als nicht mehr zeitgemäß betrachtet wird. Zum anderen manifestiert sich hier aber zugleich (und vermutlich vor allem) der Einfluss poststrukturalistischen Denkens, welches das Strukturprinzip binärer Oppositionen radikal ablehnt (↗ Art. 40, 41).
2. Begrifflichkeit
‚Pluri-‘ und ‚Multikulturalität‘ lassen sich gleichermaßen auch als ‚Viel-‘ oder ‚Mehrkulturalität‘ bezeichnen. In den AlltagswortschatzWortschatzdes Alltags hat allerdings nur der Begriff Multikulturalität Eingang gefunden. Er bezieht sich auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen einer migrationsbedingten sprachlichen und ethnisch-kulturellen HeterogenitätHeterogenitätder Bevölkerung der Bevölkerung. Der aus französischsprachiger Forschung übernommene Begriff PlurikulturalitätMehrkulturalität hingegen ist auf der individuellen Ebene einer von unterschiedlichen sozio- und ethnisch-kulturellen Einflüssen geprägten Persönlichkeitsstruktur angesiedelt. Problematisch ist in beiden Fällen jedoch der Begriffsteil „-kultur-“. Die noch von Herder stammende Vorstellung von Kulturen als nationalstaatlich abgrenzbaren und in sich geschlossenen Gebilden lässt sich angesichts gesellschaftlicher, nicht zuletzt aber auch theoretisch-konzeptueller Entwicklungen nicht mehr halten. Eine wissenschaftlich fundierte, allgemein geteilte und zugleich operable Definition dessen, was ‚Kultur‘ im Rahmen von Selbst- und Fremdzuschreibungen sprachlicher und sozialer Identität ausmachen könnte, ist derzeit indes nicht zu finden – zu unterschiedlich und diffus sind die Füllungen des Begriffs in alltagsweltlichen und in wissenschaftlichen Diskursen. Gleichwohl wird der Begriff weiterverwendet, wenngleich mit all seiner terminologischen Unschärfe. Wie nicht anders zu erwarten, ist ferner der Begriff – Daniel Coste (2012: 57) spricht sogar von einem Paradigma – der Pluralität selbst von einer Vielfalt von Bedeutungszuschreibungen und Kontextualisierungen gekennzeichnet (vgl. hierzu ebd.: 57-61).
3. Forschungsstand
Aus Platzgründen kann der Forschungsstand zu den beiden im Titel genannten Leitkonzepten im Folgenden lediglich überblicksartig skizziert werden, und dies auch nur in einer weitgehenden Beschränkung auf den deutschsprachigen Raum. Einblicke in die internationale, zumeist englisch- oder französischsprachige Forschungslandschaft geben andere Handbücher bzw. Sammelbände (vgl. u.a. Benet-Martinez & Hong 2014 sowie Zarate, Levy & Kramsch 2008).
In den meisten Veröffentlichungen zum vorliegenden Themenkomplex erscheint der Verweis auf die Kulturalität (↗ Art. 1) nachgeordnet als Implikation des Sprachenaspekts. Dies ist vielfach bereits an den Titeln erkennbar ist, so z.B. im Falle von „Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität“ bei Aguado & Hu (2000) sowie gleichlautend bei Christ (2015). Daher ist es nicht immer einfach, in Forschungsbeiträgen oder Anregungen für unterrichtliche Praxis gesondert den Kulturaspekt herauszustellen, zumal verschiedentlich zwar von multikulturellen Klassen (↗ Art. 110) oder plurikulturellen Kontexten die Rede ist, die betreffenden Beiträge jedoch allein auf den Sprachenaspekt abheben (so z.B. in Narcy-Combes & Narcy-Combes 2014). Selten wird zudem der Kulturbegriff selbst näher definiert oder gar kritisch hinterfragt.
Zum Konzept der Multikulturalität bzw. gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit lassen sich im Wesentlichen zwei unterschiedliche Fokussierungen erkennen: In der ersten erscheint kulturelle Diversität vorrangig als Rahmenbedingung fremdsprachlichen Lernens, in der zweiten primär als dessen Ziel. In beiden Fällen rücken gesellschafts-, sprachen- und/oder bildungspolitische Fragestellungen in den Blick, zu denen durchgängig eine Haltung der Wertschätzung von Vielfalt vertreten wird. Im erstgenannten Fall steht die migrationsbedingte sprachlich-kulturelle HeterogenitätHeterogenitätdes Klassenzimmers des fremdsprachlichen Klassenzimmers (u.a. auch mit ihren Implikationen für den Herkunftssprachenunterricht) (↗ Art. 100, 106), im zweiten die Öffnung gegenüber kultureller und sprachlicher Vielfalt im grenzüberschreitenden globalen bzw. europäischen Maßstab im Vordergrund (vgl. u.a. Pfeiffer 2015). Letzteres ist zudem ein zentrales bildungs- und sprachenpolitisches Ziel, das der Europarat (2001) im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR) und in dessen aktualisierter Erweiterung („Companion volume“, Council of Europe 2018) vertritt (↗ Art. 18, 19).
Eine besondere Bedeutung erhält aktuell der oben angesprochene attitudinale Aspekt im Kontext der pädagogischen und didaktischen Diskurse zur inklusiven Schule. Gegen eine Verengung des Begriffs InklusionInklusion auf die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem/n Förderungsbedarf wird in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit verwiesen, gerade auch die sprachliche und ethnisch-kulturelle HeterogenitätHeterogenitätder Schülerschaft der Schülerschaft in der pädagogischen und didaktisch-methodischen Gestaltung von Unterricht (↗ Art. 110) zu berücksichtigen (vgl. u.a. Dreyer 2013).
Wie eingangs angeführt, stellt PlurikulturalitätPlurikulturalität gewissermaßen die personale Seite der Multikulturalität dar. Herbert Christ (2015: 116) betont zu Recht, dass sowohl Mehrkulturalität als auch Mehrsprachigkeit soziale Praxen sind und sich in Interaktion mit anderen entwickeln. Deswegen nehme eine Didaktik der Mehrkulturalität (wie ebenfalls der Mehrsprachigkeit) ihren Ausgangspunkt stets bei den Lernenden, wohingegen die Zielvorstellungen sozialer Natur seien (vgl. ebd.: 117). Plurilingualität und PlurikulturalitätPlurikulturalität verweisen somit wechselweise aufeinander.
Vor diesem Hintergrund und in Weiterführung des GeRGeR verfolgt der „Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen“ (RePARePA) (Candelier et al. 2009) die Absicht, Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität als Ausbildungsziele integrativ zu verankern (↗ Art. 20). Die Autorinnen und Autoren verwenden verschiedentlich den Begriff einer „plurikulturellen Kompetenz“, ohne diesen allerdings genau zu definieren. Etwas vage heißt es, es handele sich um „eine einzige integrative mehrsprachige und plurikulturelle KompetenzKompetenzintegrative, mehrsprachige u. plurikulturelle“, die „letztlich auf die Sprachen und (inter)kulturellen Erfahrungen zurück[gehe], die einem Menschen zur Verfügung stehen“ (ebd.: 7). Problematisch erscheint dabei, dass die Verfasser – wie auf S. 45 deutlich wird – eine Gleichsetzung von Sprache und Kultur vornehmen und somit implizit ein homogenisierendes Kulturverständnis vertreten.
Zum engeren Feld der Multi- und PlurikulturalitätPlurikulturalitätPlurikulturalitätSiehe Mehrkulturalität ist nur wenig empirische Forschung zu verzeichnen. Zumeist steht in fremdsprachendidaktischer Perspektive – verständlicherweise – die Sprache im Mittelpunkt (Art. 1). Zu erwähnen ist gleichwohl die Studie von Blell, Dannecker & Ruhm (2010) zum multimedialen und multikulturellen Erzählen im Fremdsprachenunterricht, eine qualitative Untersuchung zu real-life-narratives von Lernenden unterschiedlicher kultureller Herkunft. Die in diesem Projekt gewählte Fokussierung auf eine Pluralität medialer, sprachlicher und kultureller Zugänge entspricht zudem weitestgehend den Leitgedanken der MultiliteralitätMultiliteralität, in denen stets die Kulturgebundenheit mehrsprachiger und multimedialer Kommunikation eine vorrangige Beachtung finden (vgl. Küster 2014: 4f.). Ein der PlurikulturalitätPlurikulturalität wie der MultiliteralitätMultiliteralität benachbartes Konzept ist ferner das Globale Lernen (↗ Art. 37). Obwohl stärker an Themen als am Spracherwerb orientiert, bietet es insofern Anknüpfungspunkte an die vorgenannten, als es darauf gerichtet ist, die Fixierung auf enge Sprach- und Kulturräume zu überwinden und die globale Vernetzung unserer Lebenszusammenhänge ins Bewusstsein zu heben (vgl. z.B. Hammer 2012). Schließlich sei auf die Bedeutung der Studien zur Konstruktion sprachlicher Identitäten verwiesen (vgl. hierzu Burwitz-Melzer, Königs & Riemer 2013 sowie Abendroth-Timmer & Hennig 2014) (↗ Art. 8). In ihnen laufen die gesellschaftlichen Aspekte der Multikulturalität und die individuellen Aspekte der Plurikulturalität zusammen. Denn in sprachlichen Biographien, die in Arbeiten der Identitätsforschung rekonstruiert werden, kommen zumeist nicht nur die individuellen Sprachlernerfahrungen zum Ausdruck, oft werden vielmehr zugleich auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen reflektiert, in denen sich fremdsprachliche Sprecher zu behaupten haben. Vor allem in Migrationskontexten verlaufen sprachlich-kulturelle IdentitätskonstruktionenIdentität daher häufig konfliktiv, nicht von ungefähr bezeichnet Bonny Norton (2000: 127f.) in einem vielzitierten Diktum IdentitätIdentität als „complex site of struggle“.
4. Praxisrelevanz
Fremdsprachenunterricht kann einen Beitrag dazu leisten, dass Multi- und Plurikulturalität als Reichtum begriffen werden. In einschlägigen Zeitschriften sind viele Praxisbeispiele und Unterrichtsideen zu finden, die in unterschiedlichen Akzentuierungen die kognitive, die kognitiv-affektive bzw. attitudinale und die konative Dimension betreffen (↗ Art. 44, 45). Als Beispiele seien Unterrichtskonzepte genannt, in denen Lernende Einblicke in die multikulturelle Gesellschaftsstruktur eines Zielsprachenlandes gewinnen und diese reflektieren sollen (vgl. u.a. Dreßler & Schmidt 2011; Overmann 2017). Der Handlungsaspekt wiederum kommt besonders in dramapädagogischen Ansätzen zur Geltung (vgl. u.a. Davenport 2006).
5. Perspektiven
Die hehren Ziele einer Überwindung nationalstaatlicher Horizontverengungen und einer Öffnung hin auf ethnisch-, sozio- und sprachlich-kulturelle Vielfalt stoßen in den politischen Diskursen Europas und Nordamerikas derzeit zunehmend auf Widerstände. Mit Normvorstellungen kultureller HomogenitätHomogenität vertreten erstarkte nationalistische Bewegungen Haltungen, die wenig mit jenen gemein haben, die im Geiste einer europäischen Einigungsbestrebung und weitergehend einer globalen Verständigung proklamiert wurden und werden. Dies hat wesentlich mit der Tatsache zu tun, dass der wachsenden Zahl von MigrantenMigranten ebenso wie ihren Sprachen ein geringer sozialer StatusStatusvon Migrantensprachen zugeschrieben wird. Auffälligerweise geht die Idealisierung einer als „eigen“ bezeichneten Orientierungseinheit (Region, Staat, Staatengemeinschaft) durchaus mit einer positiven Bewertung des Englischen als lingua francalingua franca einher (↗ Art. 13, 97, 98). Da diese als quasi „entkulturalisiert“ erscheint, stellt sie aus Sicht sog. identitärer Bewegungen offenbar keine Bedrohung dar. Aufgabe und Chance einer auf Multi- und PlurikulturalitätPlurikulturalität ausgerichteten Fremdsprachendidaktik kann daher nur sein, diesen Kräften offensiv entgegenzutreten und einer auf Bedeutungsaushandlung beruhenden Sprach- und Kulturvernetzung den Weg zu ebnen.
Literatur
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Lutz Küster
D Kompetenzprofile für Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität
18. Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (2001) und der Begleitband (Companion) (2018)
1. Begriff und Geschichte
Der Common European Framework of Reference for Languages: Teaching, Learning, AssessmentCommon European Framework of Reference for Languages: Teaching, Learning, Assessment (CEFRCEFRs. GeR) / Cadre européen commun de référence pour les langues : apprendre, enseigner, évaluer (CECRAssessment)GeR wurde 2001 vom Europarat auf Englisch und Französisch vorgelegt und im gleichen Jahr vom Goethe-InstitutGoethe-Institut und der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMKKMKSiehe KultusministerkonferenzKMK), der Schweizerischen Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und dem Österreichischen SprachdiplomÖsterreichisches Sprachdiplom (ÖSD, BM:BWK = Österreichisches Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur) in einer deutschen Fassung unter dem Titel Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lehren, lernen, beurteilen (GeRGeR) veröffentlicht. Im Jahr 2018 ergänzte der Europarat ihn durch einen Begleitband mit neuen Deskriptoren / Companion Volume With New DescriptorsCompanion Volume / Volume Complémentaire avec de Nouveaux Descripteurs. Für die Erstellung von Curricula, Lehrwerken und internationalen Testsystemen ist der GeRGeR heute weltweit ein unverzichtbares Handwerkzeug, ebenso für Institutionen und Administrationen, die Sprachenangebote planen.
2. Ziele
2.1. Förderung von Mehrsprachigkeit
Schon seit den 1960er Jahren verfolgt der Europarat eine Politik, die auf die Förderung der weniger häufig gesprochenen europäischen Sprachen abzielt (↗ Art. 9, 12). Dabei wurde mit dem GeR vor allem ein Konzept populär gemacht, das zwischen Mehr- und Vielsprachigkeit trennt: „[individuelle] MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit unterscheidet sich von [gesellschaftlicher] VielsprachigkeitVielsprachigkeit, [und] betont die Tatsache, dass sich die Spracherfahrung eines Menschen in seinen kulturellen Kontexten erweitert. […] Diese Sprachen und Kulturen […] bilden […] gemeinsam eine kommunikative Kompetenz, zu der alle Sprachkenntnisse und Spracherfahrungen beitragen und in der die Sprachen miteinander in Beziehung stehen und interagieren“ (Europarat 2001: 17). Sprachenpolitisch will man dabei sowohl den europäischen Minderheiten- und NachbarsprachenNachbarsprachen als auch den HerkunftssprachenHerkunftssprachenSiehe Migrantensprachen von Migranten gerecht werden.
2.2. Referenzniveaus
Diejenige Komponente des GeRGeR, die im sprachdidaktischen Handlungsfeld die nachhaltigste Wirkung zeigt, sind die ReferenzniveaustufenReferenzniveaustufen A1 bis C2. Die Skalen mit KANN-Beschreibungen wurden in einem Schweizer Projekt (vgl. Schneider & North 2000; North 2000) entwickelt. Ein wichtiger Bezugspunkt waren dabei die Vorarbeiten zum Konzept von „Referenzniveaus“ der ALTE (= Association of Language Testers in EuropeAssociation of Language Testers in Europe, www.alte.org), auf das die Prüfungen aller ihrer Mitgliedsinstitutionen „geeicht“ wurden, um eine Vergleichbarkeit konkurrierender und komplementärer TestangeboteTestsTestangebote in Europa zu sichern. Die CAN DO-statementsCAN DO-statementsALTE der ALTEALTE sind wiederum durch die jahrelange akribische statistische Auswertung von Prüfungen in aller Welt und in vielen Sprachen erprobt und validiert.
Die Buchstaben A, B und C stehen im GeRKompetenzniveaustufen nach GeR für die Stufen beginners (Grundstufe, elementare Sprachverwendung), intermediate (Mittelstufe, selbstständige Sprachverwendung) und advanced (Oberstufe, kompetente Sprachverwendung). Diese drei Stufen sind noch einmal unterteilt, sodass sich das folgende System ergibt:

Wie die Beschreibung solcher Stufen im Detail aussieht, zeigt die Globalskala, von der alle anderen Skalen abgeleitet sind (hier in stark gekürzter Form wiedergegeben):
| Kompetente Sprachverwendung | C2 | Kann praktisch alles, was er / sie liest oder hört, mühelos verstehen. Kann sich spontan, sehr flüssig und genau ausdrücken und auch bei komplexeren Sachverhalten feinere Bedeutungsnuancen deutlich machen. |
| C1 | Kann ein breites Spektrum anspruchsvoller, längerer Texte verstehen und auch implizite Bedeutungen erfassen. Kann sich klar, strukturiert und ausführlich zu komplexen Sachverhalten äußern. | |
| Selbstständige Sprachverwendung | B2 | Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne grössere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist. |
| B1 | Kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. Kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet. | |
| Elementare Sprachverwendung | A2 | Kann Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen (z. B. Informationen zur Person und zur Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung). Kann sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen, in denen es um einen einfachen und direkten Austausch von Informationen über vertraute und geläufige Dinge geht. |
| A1 | Kann vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse zielen. Kann sich auf einfache Art verständigen, wenn die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich sprechen und bereit sind zu helfen. |
Gemeinsame Kompetenzniveaustufen: Globalskala (Europarat 2001: 35)
Der Begleitband zum GeR von 2018 (↗ Art. 19) enthält zusätzlich die Stufe „vor A1“ („pre-A1“), die nicht nur die Beschreibung einer Basiskompetenz beim Erwerb einer Fremdsprache darstellen soll, sondern auch ein Profil für junge Lernerinnen und Lerner (z.B. in der Grundschule) ist.
Weitere Skalen zu den sprachlichen Mitteln, die bei der Sprachverwendung eingesetzt werden (WortschatzWortschatz, Grammatik usw.), zu pragmatischen Kompetenzen wie Flexibilität, Sprecherwechsel, Themenentwicklung und Kohärenz sowie zu funktionalen Kompetenzen wie Flüssigkeit und Genauigkeit runden die Möglichkeiten zur Beschreibung differenzierter Kompetenzen ab. Im Begleitband werden diese Skalen zum einen ausführlicher dargestellt und zum anderen durch neue Skalen zur MediationMediation, Online-KommunikationOnline-Kommunikation und solche zu plurilingualen und plurikulturellen Kompetenzenplurilinguale u. plurikulturelle Kompetenzen ergänzt (↗ Art. 43).
3. Forschungsstand
Über die komplexen Forschungsmethoden bei der Entwicklung des GeR und des Begleitbandes geben diese Dokumente selbst ausführliche Auskunft (Europarat 2001: Anhang A; Council of Europe 2018: Anhang 5). Die Skalen und Deskriptoren sind zwar sehr sorgfältig entwickelt, validiert und kalibriert worden, aber über Empirie in Bezug auf LernerperformanzenPerformanzvon Lernern ist nur wenig bekannt. Das heißt, dass man nicht genau sagen kann, ob durch diese Deskriptoren wirklich beschrieben wird, was Lernende im Alltag verstehen und sagen können. Darüber geben bestenfalls die standardisierten Tests der großen internationalen TestanbieterTestanbieter Auskunft, deren Bezüge zum GeR aber eher genereller Art sind (vgl. Quetz & Vogt 2009).
4. Praxisrelevanz
Der GeRGeR ist kein CurriculumCurriculum; er ist geschaffen, um Curricula, Lehrwerke, TestsTests u.v.a. miteinander zu vergleichen. Folglich heißt es im GeR immer wieder: „Die Benutzer des Referenzrahmens sollten bedenken und, soweit sinnvoll, angeben, […] “. Der GeR ist also nur eine Art Messlatte, mit der man Niveaus bestimmen und miteinander vergleichen kann. Er ist außerdem ein Versuch, die relevante Fachterminologie der Fremdsprachendidaktik, der Angewandten Linguistik und der Sprachlehrforschung in systematischen Zusammenhängen darzustellen, um solche Vergleiche in der Praxis zu erleichtern.
Das System der Referenzniveaus hat mittlerweile eine erhebliche Dynamik entfaltet. Alle in der ALTE zusammengeschlossenen großen Testanbieter in Europa haben inzwischen ihre Tests mit Hilfe des GeR kalibriert. Am konsequentesten aber nutzt das Europäische SprachenportfolioSprachenportfolio (vgl. Burwitz-Melzer 2016) die Möglichkeiten des GeR, vor allem in Hinblick auf eine Didaktik der Mehrsprachigkeit / Mehrkulturalität (↗ Art. 23). Es besteht aus drei Teilen:
1 dem Sprachenpass, in dem alle formellen Qualifikationen bescheinigt sind;
2 der Sprachlernbiographie, verbunden mit einer SelbsteinschätzungSelbsteinschätzungKompetenzen mithilfe der Skalen des GeRGeR, die alle Sprachen umfassen kann, die man in Bildungseinrichtungen oder auf andere Weise erworben hat, z.B. durch Migration oder Auslandsaufenthalte;
3 dem Dossier, in dem man Arbeitsproben sammeln kann, die die Selbst- und Fremdbeurteilung veranschaulichen.
Die neuen Skalen für Mediation und Plurilingualität / Plurikulturalität im Begleitband sind noch nicht in der Praxis angekommen (↗ Art. 19). Wie stark der GeR in die Praxis des Fremdsprachenunterrichts in alle Bereiche des Bildungswesens in aller Welt hineinwirkt, zeigt sich an BildungsstandardsBildungsstandards, Abschlussprüfungen und Lehrmaterialien für Schulen, aber auch für die ErwachsenenbildungErwachsenenbildung (↗ Art. 21, 50).
5. Weitere Entwicklung
Der Begleitband zum GeR enthält eine Reihe von Neuerungen, die den Grundgedanken, nämlich die Förderung von Mehrsprachigkeit (Plurilingualtät) und PlurikulturalitätPlurikulturalität, betreffen. So wird dem neu konzipierten Begriff von „MediationMediation“ (im GeR 2001 noch „SprachmittlungSprachmittlung“) eine Vielzahl von Funktionen zugeordnet (↗ Art. 6), die teils kognitiv zugeschnitten sind (wie z.B. „Spezifische Informationen mündlich / schriftlich weitergeben“), teils aber auch auf einer Beziehungsebene angesiedelt sind („Einen plurikulturellen Raum schaffen“, „KommunikationKommunikationkonfliktive interkulturelle in heiklen Situationen und bei Meinungsverschiedenheiten erleichtern“ u.a.).
Während herkömmlich eher auf eine angemessene Wiedergabe des Inhalts oder des Sinns einer Äußerung abgezielt wurde, bei der Sprachmittelnde sichSprachmittlung mit eigenen Meinungen zurückhalten mussten, kommen jetzt andere Dimensionen hinzu: zum einen eine interkulturelle und zum anderen sogar eine sozialpsychologische. Mit der Forderung, dass bei Mediationsprozessen gleichsam ein „dritter Ort“ geschaffen wird (creating pluricultural space), rückt diese Kompetenz in die Nähe der interkulturellen kommunikativen Kompetenz Kompetenzinterkulturelle kommunikative (↗ Art. 43). Der Begriff des „dritten Orts“ als BegegnungsraumBegegnungsraum gewinnt im Zusammenhang mit der Mediation an Gewicht: sprachlich und kulturell verschiedene Gesprächspartner können dort ihr Anderssein verstehen und thematisieren, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen und bei ihrer Kommunikation zu berücksichtigen. Das ist etwas ganz anderes als traditionelles Dolmetschen und ÜbersetzenÜbersetzen, weil es bei dieser Art von Mediation auch darum geht, Vertrauen zu erwecken, um ein tieferes Verstehen zwischen den Partnern zu schaffen und ihnen dabei zu helfen, Schwierigkeiten zu umgehen, die aus unterschiedlichen kulturellen Blickwinkeln entstehen könnten. Diese theoretische Erweiterung des Bereichs ist bemerkenswert und richtungsweisend. Da der Begleitband 15 Jahre nach dem GeR erschienen ist, stellt er auch den aktuellsten Stand der perspektivischen Dimension dar.
6. Offene Fragen
Die fast schon inflationäre Nutzung der Skalen vor allem zu kommerziellen Zwecken ist oft kritisiert worden. Die Konsistenz der Skalen ist seit der Veröffentlichung 2001 immer wieder infrage gestellt worden (Alderson et al. 2004; Bausch et al. 2002). Auch im Begleitband finden sich wieder viele Deskriptoren, die Zweifel an der theoretischen Fundierung gerade auch im Bereich PlurikulturalitätPlurikulturalität / PlurilingualitätPlurilingualität bzw. MediationMediation aufkommen lassen. Welcher NiveaustufeNiveaustufe z.B. der Deskriptor „Kann im Allgemeinen gemäß den Konventionen der Körperhaltung, des Blickkontakts und des Abstands zu anderen handeln“ zuzuordnen ist, kann kaum mit wissenschaftlichen Kriterien beantwortet werden (Skala „Auf einem plurikulturellem Repertoire aufbauen“, B1).
Nach wie vor ist die oft erratische Beschaffenheit der Deskriptoren ein Problem bei der Gestaltung von TestsTests und Prüfungen (↗ Art. 48, 49), wobei sich auch die Frage stellt, ob man Kompetenzen in den neuen Skalen überhaupt beurteilen und bewerten kann und sollte (Vogt 2017).
Literatur
Alderson, J. C., Figueras, N., Kuijper, H. et al. (2004): The Development of Specifications for Item Development and Classification within the Common European Framework of Reference for Languages: Learning, Teaching, Assessment. Reading and listening. Final Report of the Dutch Construct Project. [http://eprints.lancs.ac.uk/44/1/final_report.pdf].
Bausch, K.-R., Christ, H., Königs, F. G. & Krumm, H.-J. (Hrsg.) (2002): Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen. Arbeitspapiere der 22. Frühjahrskonferenz zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts. Tübingen.
Burwitz-Melzer, E. (2016): Sprachenportfolios. In: E. Burwitz-Melzer, G. Mehlhorn, C. Riemer et al. (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht. 6. Aufl. Tübingen, 416-420.
Council of Europe (Hrsg.) (2001): A Common European Framework of Reference: Learning, Teaching, Assessment. Strasbourg.
Council of Europe (Hrsg.) (2018): Companion Volume with New Descriptors / Volume Complémentaire avec de Nouveaux Descripteurs. [www. coe.int/lang-cefr].
Europarat (Hrsg.) (2001): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen. München, Berlin. [www.goethe.de/referenzrahmen].
North, B. (2000): The Development of a Common Reference Scale of Language Proficiency. New York.
Quetz, J. & Vogt, K. (2009): Bildungsstandards für die erste Fremdsprache: Sprachenpolitik auf unsicherer Basis. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 20/1, 63-89.
Schneider, G. & North, B. (2000): Fremdsprachen können – was heisst das? Skalen zur Beschreibung, Beurteilung und Selbsteinschätzung der fremdsprachlichen Kommunikationsfähigkeit. Zürich.
Vogt, K. (2016): Zur Beurteilung interkultureller Kompetenz im Fremdsprachenunterricht oder: Testing the Untestable? In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 27/1, 77-98.
Jürgen Quetz
19. Plurilinguale und plurikulturelle Kompetenz im CEFR Companion Volume (2018)
1. Begrifflichkeit
Um den Wandel der Begriffe PlurikulturalitätPlurikulturalitätim GeR und PlurilingualitätPlurilingualitätim GeR vom Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR, Europarat 2001) (↗ Art. 18) zum CEFR Companion VolumeCompanion Volume with New Descriptors (Council of Europe 2018) zu verstehen, ist ein kurzer Blick in das erste Dokument wichtig, denn beide Konzepte sind bereits im GeR angelegt. Plurilingualität wird im GeRGeR deutlich von VielsprachigkeitVielsprachigkeit (Multilingualität) unterschieden, u.a. um europäischen Minderheiten-, Nachbar- und den HerkunftssprachenHerkunftssprachen Rechnung zu tragen (Europarat 2001: 17). Im CEFR Companion Volume with New Descriptors spielt der Begriff der Vielsprachigkeit keine Rolle mehr. Stattdessen wird Plurilingualität in Verbindung mit pragmalinguistischen Kompetenzen genauer ausgearbeitet. Plurikulturalität ist im GeR nicht ausdifferenziert. Sie wird kaum von der interkulturellen Kompetenz (↗ Art. 43) unterschieden, was in vielen bildungspolitischen Dokumenten in Deutschland und anderen Ländern eine große Rolle spielt. Auch Plurikulturalität basiert vor allem auf interkultureller kommunikativer Kompetenz (vgl. Byram 1997; Burwitz-Melzer 2003: 66-72).
Im CEFR Companion VolumeCompanion Volume nehmen plurilinguale und plurikulturelle KompetenzKompetenzplurilinguale und plurikulturelle eine insgesamt wichtigere Rolle ein. Sie sind nun zentrale Konzepte, stärker ausdifferenziert als im GeRGeR (Europarat 2001) und zum ersten Mal durch insgesamt sechs Skalen operationalisiert:
The focus in that project was to update the CEFR illustrative descriptors by: highlighting certain innovative areas of the CEFR for which no descriptor scales had been provided in the 2001 set of descriptors, but which have become increasingly relevant over the past twenty years, especially mediation and plurilingual/pluricultural competence;… (Council of Europe 2018: 23).
Es werden zwei wichtige Gründe für die Ausdifferenzierung der beiden Konzepte genannt: Dies sei erstens ein neues, dynamisches Verständnis der sprachlich Handelnden in ihren Kommunikations- und Lernprozessen (vgl. ebd.: 26). Zweitens liege ein weiterer Grund im innovativen Charakter der beiden Konzepte: Seit Erscheinen des GeRGeR 2001 seien diese durch psychologische und neurologische Forschung ausdifferenziert und untermauert worden (ebd.: 28), so dass erst heute der Zugewinn an Plurikulturalität und Plurilingualität durch das Erlernen zusätzlicher SprachenPlurikulturalität und Plurilingualität durch das Erlernen zusätzlicher Sprachen für junge und ältere Fremdsprachenlerner tatsächlich nachgewiesen werden könne. Tatsächlich erhalten die plurilinguale und die plurikulturelle Kompetenz sogar ein eigenes Kapitel. Beide Kompetenzen werden oft – außer in den Skalen – in einem Atemzug genannt, doch wird die plurikulturelle Kompetenz als die stärkere bezeichnet (ebd.: 28).
2. Makrostruktur der Skalen zu Plurikulturalität und Plurilingualität
Insgesamt bietet das CEFR Companion VolumeCompanion Volume sechs Skalen zu den beiden Kompetenzen Plurilingualität und Plurikulturalität an, wobei drei dieser Skalen im Kapitel Mediation im Unterkapitel Mediating Communication stehen, während drei weitere ein unabhängiges eigenes Kapitel am Ende des Dokuments ausmachen (↗ Art. 6). Das Unterkapitel MediatingMediation Communication umfasst die drei Skalen
Facilitating pluricultural space
Acting as intermediary in informal situationsActing as intermediary in informal situations (with friends and colleagues)
Facilitating communication in delicate situations and disagreement (Council of Europe 2018: 122-125).
Das innerhalb der kommunikativen Kompetenzen unter Pragmatik ausgeführte Kapitel Plurilingual and Pluricultural Competenceplurilinguale u. plurikulturelle Kompetenz umfasst die Skalen
Building on pluricultural repertoire
Plurilingual comprehension
Building on plurilingual repertoire (ebd.: 157-161).
Die Kapitel Facilitating pluricultural space und Building on pluricultural space werden jeweils unterschiedlich als erste Skala aufgeführt und gehören inhaltlich eng zusammen. Die nur schwer nachvollziehbare Begründung für diese Trennung lautet, dass die erste Skala eine aktivere Rolle des Sprechers als kulturellem Mediator behandele (ebd.: 158). Tatsächlich aber kann dieser Grund weder Curriculumsplaner und Lehrwerkersteller noch Wissenschaftler überzeugen: Indem die plurikulturelle Basisskala in das Kapitel der mündlichen SprachmittlungSprachmittlung integriert wird, suggerieren die Autoren, dass besonders bei dieser fremdsprachlichen Interaktion ein plurikultureller Raum geschaffen werden müsste. Tatsächlich muss aber auch bei schriftlicher Mediation ein plurikultureller Raumplurikultureller Raum genau und differenziert beachtet werden – ebenso wie bei allen anderen kommunikativen Handlungen, betreffen sie nun das HörverstehenHörverstehen, das Schreiben oder das Lesen. Die Nutzenden einer Fremdsprache kommen bei keiner der kommunikativen Kompetenzen umhin, sich im plurikulturellen Raum zu orientieren, ihn zu beachten, Perspektiven zu wechseln und rücksichtsvoll zu agieren bzw. detailliert und auf interkulturellem Hintergrund Botschaften von anderen kulturellen Gemeinschaften zu denotieren. Die Platzierung der zwei Skalen zur plurikulturellen Kompetenz zeigt also bereits eine konzeptionelle Schieflage des Konstrukts PlurikulturalitätPlurikulturalität, das nicht in allen kommunikativen Kompetenzen gleichermaßen verortet, sondern auseinandergerissen und nur an zwei verschiedenen Orten der Kompetenzskalen angesiedelt wird. Die im Pragmatik-Kapitel eingestellten drei Skalen wirken durch die Trennung der beiden Plurikulturalitätsskalen ebenfalls inkonsistent. Neben der zweiten Skala finden sich zwei aufeinander aufbauende Skalen zur PlurilingualitätPlurilingualität, Plurilingual comprehensionplurilingual comprehension und Building on plurilingual repertoire. Es drängt sich der Eindruck auf, dass durch die große Bedeutung, die der CEFR Companion der Sprachmittlung zuerkennt, die Systematik in anderen Bereichen, vor allem aber in der Darstellung des zentralen Bereichs der Plurikulturalität, gelitten hat.
3. Mikrostruktur der Skalen
Ein genauerer Blick auf die sechs Skalen und ihre Inhalte soll diesen kurzen Einblick in die Konzepte zur PlurikulturalitätPlurikulturalität und Plurilingualität im CEFR Companion vervollständigen. Die Skala Facilitating pluricultural space befasst sich mit drei Schlüsselkonzepten: mit vorwiegend mündlichen sprachmittelnden Äußerungen, die ein Verständnis für kulturelle NormenNormen und kulturell geprägte Perspektiven befördern sollen, mit Einstellungen wie Verständnis und Respekt gegenüber unterschiedlichen kulturellen und soziolinguistischen Normen und mit Missverständnissen, die aufgrund soziokultureller und soziolinguistischer Normen entstehen. Ausgehend von den mittleren NiveaustufenNiveaustufe B1 und B2 wird die Skala nach oben bzw. unten erweitert. Dabei wird auf der Stufe C2 von einer effektiven und natürlichen Vermittlung zwischen den verschiedenen Diskursgemeinschaften gesprochen, die auch eine Leitungsfunktion bei der SprachmittlungSprachmittlung umfassen kann; während auf dem Niveau A1 lediglich rudimentäre Äußerungen wie ein einfaches „Willkommen“ oder auch nonverbale Signale vom Sprachennutzenden erwartet werden. Geht man davon aus, dass den Konzepten der Plurikulturalität nach Byram (1997) oder dem RePARePA (Candelier et al. 2009) (↗ Art. 20) die kompetenzbildenden RessourcenRessourcenKonstituenten von Kompetenz aus kulturellem und interkulturellem Wissen (knowledge) in Kombination mit jenen der Wissensdomänen EinstellungenEinstellungen (attitudes, VolitionalitätVolitionalität) und kommunikativer Handlungsfähigkeit (skills)Handlungsfähigkeit (skills)kommunikative zugrunde liegen (vgl. Council of Europe 2018: 158), auf die der Begleittext zu den Skalen auch explizit Bezug nimmt, so lässt sich im Wortlaut der Deskriptoren zwar eine deutlich auszumachende Steigerung der linguistischen und soziolinguistischen Kompetenz und der damit verbundenen kommunikativen Handlungsfähigkeit ausmachen, Einstellungen jedoch erscheinen nur in einer spärlichen Modellierung (z.B. NiveaustufeNiveaustufe B1+) und auf Aspekte des kulturellen bzw. sozio- und interkulturellen Wissens wird insgesamt explizit nur einmal verwiesen (Niveau B2+). Gerade diese Wissensressourcen sind aber entscheidend für plurikulturelles Handeln, denn nur wer Gemeinsamkeiten und Unterschiede in interkulturellen Begegnungen aufgrund seines plurikulturellen Wissens auszuloten weiß, kann auch die nötigen Strategien zur Schaffung eines wirksamen plurikulturellen Raums und zur Vermeidung von Missverständnissen (↗ Art. 33, 104) entwickeln. Curricula und Leistungsmessungen sind auf dieser allzu vagen und nicht befriedigend ausmodellierten Grundlage nicht zu erstellen (↗ Art. 48, 49).
Die zweite Skala Acting as intermediary in informal situationsActing as intermediary in informal situations (with friends and colleagues) bezieht sich auf Gesprächssituationen, die informell sein können (↗ Art.103); aber auch auf Arbeitssituationen und auf die Wiederholung von Reden und Präsentationen. Es erschließt sich nicht, wo hier die Grenze zur ersten Skala wirklich verläuft und warum gerade informelle Situationen im Titel genannt werden, wenn es auch um berufliche KommunikationKommunikationberufliche geht (↗ Art. 24). Wieder stehen die soziolinguistische Kompetenz und die plurikulturelle Handlungsfähigkeit im Mittelpunkt der Deskriptoren. Die Aspekte des Wissens sind nur implizit durch den Anspruch der zu mittelnden Textsorten wahrnehmbar, die Modellierung von Einstellungen entfällt hier ganz.
In der dritten Skala zur PlurikulturalitätPlurikulturalität im Unterkapitel Mediating ConceptsMediating Concepts findet sich eine sehr ähnliche Konzentration auf das Schlüsselkonzept Handlungsfähigkeit in heiklen Situationen, das von einem taktvollen und respektvollen Umgang miteinander (Niveau C2) bis zu einem einfachen Erkennen unterschiedlicher Meinungen (Niveau A1) reicht. Wieder wird deutlich, dass es bei der Modellierung eigentlich vor allem um mündliche Mediation geht, bei der Konflikte vermieden werden sollen. Weder wird ausreichend transparent, welche Einstellungen auf den unterschiedlichen NiveaustufenNiveaustufe entscheidend sind für einen erfolgreichen Umgang miteinander, noch welche soziokulturellen und -linguistischen Wissensaspekte jeweils im Mittelpunkt stehen. Gerade die Skalierung von Strategien, die heikle Situationen auflösen sollen, kann nicht überzeugen, denn das Vermittlungsverhalten bei critical incidentscritical incidents (↗ Art. 104) scheint kaum operationalisierbar zu sein.
Zusammen betrachtet, erscheinen die drei Skalen sehr inkonsistent, die Thematiken der zwei letzteren sehr willkürlich gewählt und die Modellierung der Skalen allenfalls bzgl. der kommunikativen Handlung konsequent. Als Grundlage für die Erstellung eines Curriculums oder einer begründeten Leistungsmessung reichen sie keinesfalls aus (↗ Art. 48, 49). Den Skalen vorgeschaltet wird gleichsam als salvatorische Klausel die Bemerkung, dass die spezifische Zuordnung eines Deskriptors zu einer NiveaustufeNiveaustufe nicht verpflichtend oder zwingend sei.
Die erste der drei Skalen Building on pluricultural repertoire versammelt in sich zahlreiche bereits bekannte fachdidaktische interkulturelle Konzepte. Als Schlüsselkonzepte werden genannt: kulturelle, soziopragmatische und soziolinguistische KonventionenKonventionen erkennen und dementsprechend handeln, Ähnlichkeiten und Unterschiede in Perspektiven und Praktiken bei interkulturellen Begegnungen erkennen und interpretieren, neutral und kritisch evaluieren. Abgesehen davon, dass nicht klar wird, was genau kritisch evaluiert werden soll – die Situation, die involvierten Personen, die Gespräche oder Texte, einzelne Gesprächsbeiträge, die eigenen Gesprächsbeiträge? – wird deutlich, dass auch hier wieder Wissensbestände, Handlungsvermögen und Einstellungen in der Skala versammelt sind (↗ Art. 49). Die einzelnen Deskriptoren sind sehr umfangreich und in ihren Handlungsbeschreibungen bzw. Kompetenzen bunt gemischt. Sie reichen vom Erkennen verschiedener Arten des Zählens und der Zeitangaben (Niveau A1) bis zu sensiblen, kontextadäquaten Handlungen und Ausdrucksformen, die Missverständnisse vermeiden helfen sollen. Rezeptive und produktive Kompetenzen sind oft in einem Deskriptor ebenso vereint wie Bezüge auf lebensweltliche Situationen und fiktionale Kontexte wie die RezeptionRezeption von Filmen und Literatur; so z.B. in einem der Deskriptoren auf dem Niveau C1: „Can sensitively explain the background to, interpret and discuss aspects of cultural values and practices drawing on intercultural encounters, reading, film, etc.“ (ebd.: 159).
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass der Versuch gemacht wurde, alle fremdsprachlichen Handlungen – egal ob mündlich, schriftlich, rezeptiv oder produktiv – in einer Skala darzustellen. Es ist nicht vorstellbar, wie dies Curriculumsplanern oder Lehrkräften helfen soll, ein differenziertes Curriculum für bestimmte Jahrgangs- oder Leistungsgruppen zu erstellen und die erbrachten Leistungen zu bewerten. Wie in der ersten plurikulturellen Skala sind auch hier einige wenige Adverbien in einzelnen Deskriptoren zu finden, die Einstellungen skizzieren. Die Zusammenhänge zwischen Wissen, Erkennen von kultureller Differenz und achtsamem Handeln werden aber nicht detailliert und konsequent auf allen NiveaustufenNiveaustufe modelliert. Die Deskriptoren unterliegen nicht immer denselben Qualitätsmerkmalen: Manchmal sind sie anschaulich und konkret formuliert, daneben gibt es in der Skala auch sehr offene und abstrakte Deskriptoren, die mit den unterschiedlichsten Handlungen konnotiert werden können: “Can generally interpret cultural cues appropriately in the culture concerned“ (ebd.: 145). Dieser Deskriptor könnte sich auf ein lebensweltliches Gespräch beziehen, auf die Analyse eines Films, eines Weblogs oder auf die Interpretationen von Gesichtszügen eines Gegenübers – für Curriculumsplaner eher ein problematisches Beispiel für einen Deskriptor.
Die zwei weiteren Skalen dieses Kapitels sind plurilingualen Handlungen zugeordnet: einmal Deskriptoren zum plurilingualen Verstehen, also vorwiegend rezeptiven Kompetenzen, dann dem Aufbau eines plurilingualen Repertoires (ebd.: 160ff.), schließlich einer Skala, die rezeptive und produktive Kompetenzen mischt. Es erscheint wegweisend, dass die plurilinguale Kompetenz dargestellt wird, indem die Deskriptoren jeweils die Floskel „different languages“ als Platzhalter in den Deskriptor einfügen. So z.B. in einem Deskriptor auf der NiveaustufeNiveaustufe A2: “Can use simple warnings, instructions and product information given in parallel in different languages to find relevant information“ (ebd.: 160).
4. Perspektiven
Das CEFR Companion Volume von 2018 versucht die starke Beachtung, die der plurikulturellen und der plurilingualen Kompetenz in der Fachliteratur geschenkt worden ist, aufzugreifen. Die Untersuchung der sechs Skalen zeigt allerdings, dass dies nicht immer gut gelingt: Während die Skalen zur plurilingualen Kompetenz eher Stringenz zeigen, auch wenn sie verschiedene Kompetenzbereiche in einzelnen Deskriptoren direkt nebeneinanderstellen, gelingt eine konsequente Modellierung der plurikulturellen Kompetenz nicht. Weder werden die drei bestimmenden Ressourcendomänen (Wissen, Einstellungen und Handlungsfähigkeit) durchgehend beachtet, noch wird die plurikulturelle Leistung immer sinnvoll mit Einzelkompetenzen verbunden. Der Zweck des Dokuments, das eine Hilfe für CurriculumsplanerCurriculumsplaner und Lehrwerkersteller darstellen möchte, wird damit verfehlt.
Literatur
Burwitz-Melzer, E. (2003): Allmähliche Annäherungen. Fiktionale Texte im interkulturellen Fremdsprachenunterricht der Sekundarstufe I. Tübingen.
Byram, M. (1997): Teaching and Assessing Intercultural Communicative Competence. Clevedon.
Candelier, M., Camilleri-Grima, A., Castellotti, V. et al. (2009): RePA. Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen. Graz, Straßburg. [http://archive.ecml.at/mtp2/publications/C4_RePA_090724_IDT.pdf].
Council of Europe (Hrsg.) (2018): Companion Volume with New Descriptors / Volume Complémentaire avec de Nouveaux Descripteurs. [www.coe.int/lang-cefr]..
European Centre for Modern Languages of the Council of Europe (Hrsg) (2012): CARAP – REPA – A Framework of Reference for Pluralistic Approaches. [https://www.ecml.at/tabid/277/PublicationID/Default/aspx].
Europarat (Hrsg.) (2001): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen. München, Berlin.
Eva Burwitz-Melzer
20. Der Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen
1. Vorstellung des RePA
Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und KulturenSiehe RePAReferenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und KulturenDer RePARePACARAP (frz. CARAP), dessen erklärtes Ziel in der Förderung der mehrsprachigen Erziehung in einem vielsprachigen und vielkulturellen Europa besteht, ist ein von Michel Candelier pilotiertes Projekt des Europäischen Fremdsprachenzentrums Graz (ÖsterreichÖsterreich), das gewisse Defizienzen des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GeRGeR) (Europarat 2001) auszugleichen versucht (↗ Art. 18). Diese betreffen zuvorderst die Operationalisierung von MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit (vgl. Candelier & de Pietro 2011: 262: „[der GeR] reste essentiellement centré sur les approches qui envisagent les langues comme indépendantes les unes des autres, comme cloisonnées“) sowie den Kompetenzbegriff. Anders als für die funktional-kommunikativen Kompetenzen und die SprachmittlungSprachmittlung liefert der GeR für diese Bereiche keine Skalierung und bleibt generell in seinen Erläuterungen zurückhaltend. Die Pluralen Ansätze versuchen, die Mängel zu kompensieren. Betroffen sind:
die Mehrsprachigkeit: hier die Definition des GeR nach Candelier & de Pietro, ebd.: „la compétence à communiquer langagièrement et à interagir culturellement d’un acteur social qui possède, à des degrés divers, la maîtrise de plusieurs langues et l’expérience de plusieurs cultures“ (↗ Art. 7),
die InterkomprehensionInterkomprehension zwischen nahverwandten Sprachen (doch darf dies nicht so verstanden werden, als ob Interkomprehension nur zwischen muttersprachlichen Sprechern derselben Sprachfamilie möglich sei) (↗ Art. 56),
die SprachenbewusstheitSprachenbewusstheit (Eveil aux languesEveil aux langues) (↗ Art. 22),
das interkulturelle Lerneninterkulturelles Lernen (↗ Art. 32),
das sprachen- und fächerübergreifende Lernensprachen- und fächerübergreifendes Lernen bzw. die integrative Didaktikintegrative Didaktikdidactique intégrée: Didactique intégrée ist ein Sammelbegriff und liegt nicht auf der gleichen Ebene wie das interkulturelle Lernen, die Interkomprehension oder SprachenbewusstheitSprachenbewusstheit. Die integrative Didaktik führt zahlreiche, auch hier ungenannte, Kompetenzen und deren Förderung zugunsten der Mehrsprachigkeit zusammen (Beacco et al. 2010).
2. Wie entstand der RePA?
Seine Erstellung erfolgte in folgenden Schritten: 1.) Rückgriff, Auswahl und Interpretation vorhandener einschlägiger Publikationen zur Fremdsprachen- und interkulturellen Kompetenz, vorzugsweise aus dem EUEU-Raum, 2.) Findung der Kompetenzbeschreibungen und Erstellung der Deskriptoren, 3.) Bildung eines gestuften (Kompetenzen – Mikrokompetenzen/Ressourcen) und aus unterschiedlichen Domänen (WissenWissen/knowledge-KönnenKönnen/Skills-Volitionalität/attitudesVolitionalität/attitudes) gebildeten Kompetenzmodells und 4.) Erstellung einer Systematik (systématique synthétique) zwischen den Kompetenzen und deren Bausteinen. Die Systematik umfasst einerseits eine Hierarchisierung. Hierzu ein Beispiel: a) die formale Oberfläche eines vorgetragenen Textes detailliert hörverstehenHörverstehen können (G1), b) die inhaltlich relevanten Lexeme erkennen oder erschließen (G1.1), c) die typische Satzeuphonik erkennen (G1.2), d) syntaktische Merkmale identifizieren (G1.3) usw. Kommunikative Aufgaben sind an Situationen gebunden, deren Lösung die Selektion und Mobilisierung bestimmter Ressourcen verlangt (Le Boterf 1994; Perrenoud 1999). Andererseits macht der Rückgriff auf das zu jeder Mobilisierung von Kompetenzen notwendige Zusammenspiel der Domänen ‚Wissen – VolitionalitätVolitionalität – Handeln‘ auch ein horizontales bzw. prädikatives Zusammenspiel der RessourcenRessourcen erforderlich. Dieses verbindet das handelnde Subjekt (Lerner) mit dem anvisierten Verhaltensziel und dessen Ergebnis vermittels eines Prädikats (X erkennt die morpho-semantische Ähnlichkeit von z.B. engl. education und frz. éducation).
3. Der RePA in der Praxis
Der RePA will ein Werkzeug für die didaktische Reflexion sein (Candelier & de Pietro, ebd.). Dies erfordert letztlich auch einen engen Bezug zu den Praxen des gesamten sprachlichen Lernfeldes. Hierzu ergänzt er die grundlegende Beschreibung, welche detailliert Ziele und Methode der Erstellung der Deskriptoren erörtert (Candelier et al. 2009), sowie die Deskriptorenliste selbst um weitere didaktische MaterialienMaterialiendidaktische.
Zahlreiche Lehrerfortbildungen haben in mehr oder weniger engem Anschluss an das Grazer Zentrum international und mit unterschiedlichen Partnern die Beschreibungen des RePA weitergetragen. Im Projekt Certilingua dienten die DeskriptorenRePA-Deskriptoren im Rahmen einer internationalen Zertifizierung von Schülerleistungen zu Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität (Meißner 2012b). Die Erweiterungen und Handreichungen reagierten auch auf Weiterentwicklungen in den einzelnen Staaten. In Deutschland betraf dies die Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (↗ Art. 21) in Gestalt z.B. der Bildungsstandards für die Allgemeine HochschulreifeBildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife (Kultusministerkonferenz 2012). Hier standen der RePA und seine Deskriptoren bei der Einführung des Begriffs der SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz Pate (passim Tesch et al. 2017). Es war der Wunsch der an den Fortbildungsveranstaltungen teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrer, die umfangreichen theoretischen Erläuterungen des RePA auf das für die Praxis notwendige Maß zu reduzieren, den Kompetenzbegriff stärker zu beleuchten und für die Deskriptoren (als mögliche Lehrziele) Aufgaben zu erarbeiten. Eine spezielle Handreichung kam dem nach (Meißner 2012a). Weitere Publikationen sind – auch im deutschsprachigen Raum – gefolgt (z.B. Melo-Pfeiffer & Reimann 2018).
Auch außerhalb Europas begegnet der Wunsch. So in Brasilien: Auch hier ist die einzelzielsprachliche Ausrichtung des Fremdsprachenunterrichts ohne Berücksichtigung des lernrelevanten linguistischen Vorwissens der Lerner und ihrer Selbststeuerungskompetenz üblich. Dabei erscheinen SprachlernbewusstheitSprachlernbewusstheit und Sprachlernkompetenz als wichtige Lernziele (↗ Art. 22). Dies erklärt die portugiesische Kurzfassung der Handreichungen (Siebeneicher-Brito & Meißner 2018). Sie soll Lehrerinnen und Lehrer unterstützen, das lernerseitige Vorwissen in den Unterricht zu integrieren, um die Mehrsprachigkeit der Lerner zu befördern. Zudem können auch Studierende des Lehramts ihre eigene Mehrsprachigkeit reflektieren (Monteiro 2011). Da leider das Studium die Unterrichtspraxis und die didaktische Ausbildung unterbewertet, sind der RePA wie die Handreichung Schritte in die richtige Richtung.
Literatur
Beacco, J.-C., Byram, M., Cavalli, M. et al. (2010): Guide pour le développement et la mise en œuvre de curriculums pour une éducation plurilingue et interculturelle. Strasbourg.
[https://www.coe.int/en/web/language-policy/guide-for-the-development-and-implementation-of-curricula-for-plurilingual-and-intercultural-education].
Candelier, M., Camilleri-Grima, A., Castellotti, V. et al. (2009): RePA. Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen. Graz, Straßburg. [http://archive.ecml.at/mtp2/publications/C4_RePA_090724_IDT.pdf].
Candelier, M. & De Pietro, F. (2011): Les approches plurielles: cadre conceptuel et méthodologie d’élaboration du Cadre de référence pour les approches plurielles. In: P. Blanchet & P. Chardenet (Hrsg.): Guide pour la recherche en didactique des langues et des cultures: approches contextualisées. Paris, 259-273.
[http:/www.projetpluri-l.org/publis/Candelier & De Pietro – Le CARAP.pdf].
Europarat (Hrsg.) (2001): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin.
KMK (Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland) (2012): Bildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache (Englisch / Französisch) für die Allgemeine Hochschulreife. (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 18.10.2012). [https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Fortgef-FS-Abi.pdf]
Le Boterf, G. (1994): De la compétence : essai sur un attracteur étrange. Paris.
Meißner, F.-J. (2012a): Die REPA-Deskriptoren der ‚weichen Kompetenzen‘ – eine praktische Handreichung für den kompetenzorientierten Unterricht zur Förderung von Sprachlernkompetenz, interkulturellem Lernen und der Mehrsprachigkeit. In: Giessener Fremdsprachendidaktik: online 2. [http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:26-opus-93728].
Meißner, F.-J. (2012b): Standard Setting in Intercultural Education by Means of the Framework of Reference for Pluralistic Approaches (FREPA). Key-note; 6th International Annual Certilingua-Conference, Helsinki 8-9-2012. [http://www.certilingua.net/wp-content/uploads/meisner_frepa_certilingua-keynote.pdf].
Melo-Pfeiffer, S. & Reimann, D. (Hrsg.) (2018): Plurale Ansätze im Fremdsprachenunterricht in Deutschland. Tübingen.
Monteiro, M. (2011): Interkulturelles Lernen in der Ausbildung von DaF-Lehrern in Brasilien. In: B. Schmenk & N. Würffel (Hrsg.): Drei Schritte vor und manchmal auch sechs zurück – Internationale Perspektiven auf Entwicklungslinien im Bereich Deutsch als Fremdsprache. Tübingen, 181-190.
Perrenoud, P. (1999): D’une métaphore à l’autre : transférer ou mobiliser ses connaissances? In J. Dolz & E. Ollagnier (Hrsg.): L'énigme de la compétence en éducation. Bruxelles, 45-60.
Siebeneicher-Brito, K. & Meißner, F.-J. (2018): Os descritos dos ‘soft skillsʼ no Quadro de Referência para a Abordagem Plural de Línguas e Culturas (QuRAPLeC/CARAP) – Um handout prático para o ensino baseado em competências focalizando a promoção da aprendizagem de línguas, intercultural e plurilíngue. In: Giessener Fremdsprachendidaktik: online 12. [http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2018/13773/pdf/GiFon_12.pdf].
Tesch, B., von Hammerstein, X., Stanat, P. & Rossa, H. (Hrsg.) (2017): Bildungsstandards aktuell: Englisch/Französisch in der Sekundarstufe II. Braunschweig.
Karim Siebeneicher-Brito
21. Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität in deutschen RichtlinienRichtlinien des Fremdsprachenunterrichts
1. Begrifflichkeit
Die mit den Schulgesetzen der Bundesländer vorgegebenen Bildungsziele werden konkretisiert durch Lehrpläne, RahmenlehrpläneRahmenlehrpläne, Bildungspläne, Kerncurricula, RichtlinienRichtlinien oder Rahmenrichtlinien, für die das Kultusministerium des jeweiligen Landes zuständig ist. „Die Begriffe weisen auf unterschiedliche Perspektiven und Verbindlichkeiten hin, werden allerdings oft synonym verwendet.“ (Christ 2016: 57). Im Folgenden wird – mit Bezug auf die Lehrplan-Datenbank der Kultusministerkonferenz der Begriff Lehrplan verwendet, wobei die Inhalts- und Funktionsbeschreibung auch auf die anderen o.g. curricularen Vorgaben zutrifft.
Ein LehrplanLehrplan ist ein zentrales Steuerungsinstrument mit hoher Verbindlichkeit, das von staatlicherseits berufenen Kommissionen erarbeitet und von der staatlichen Schulaufsicht in Kraft gesetzt wird. Der Lehrplan beschreibt die verbindlichen Ziele und Inhalte des (Fach-) Unterrichts, ordnet diese in übergeordnete schulartspezifische und/oder fächerübergreifende Zusammenhänge ein und ermöglicht Schlussfolgerungen für die didaktisch-methodische Gestaltung des fachbezogenen und fächerübergreifenden Unterrichts.
Somit haben Lehrpläne einerseits eine Legitimationsfunktion, im Sinne eines staatlich erlassenen Programms für Bildung und Erziehung in der Schule. Anderseits haben Lehrpläne eine Orientierungsfunktion, im Sinne von Arbeitsinstrumenten und Planungshilfen für die einzelne Lehrkraft und als Koordinationsinstrument für das Kollegium einer Schule.
Die Konzeption von Lehrplänen ist stets zu betrachten im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen, bildungspolitischer Vorgaben und aktueller Entwicklungen im Bereich pädagogischer, schulentwicklerischer, fachdidaktischer und fachwissenschaftlicher Theorien.
Die Wirksamkeit von Lehrplänen hängt ganz entscheidend davon ab, inwieweit sie geeignet sind, Lehrkräfte anzuregen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie als Orientierungsgrundlage für die Gestaltung der eigenen pädagogischen und fachlichen Arbeit zu akzeptieren und auch als spezifisches Instrument von SchulentwicklungSchulentwicklung zu betrachten.
Die Lehrplan-Datenbank der KMK (www.bildungsserver.de/Allgemeinbildende-Schulen-400-de.html) ermöglicht Recherchen nach Land, Schulart/Schulstufe, Fach/Sachgebiet, Jahrgangsstufe und Einführungsjahr.
2. Problemaufriss und aktuelle Situation
Spätestens seit der Forderung des Europarates, dass jeder europäische Bürger beim Verlassen der Schule neben der Muttersprache über Kenntnisse in mindestes zwei weiteren Gemeinschaftssprachen verfügen sollte, geraten die Begriffe Mehrsprachigkeit und Multikulturalität ins Zentrum bildungs- und sprachenpolitischer Absichtserklärungen (↗ Art. 9, 12). Die Kultusministerkonferenz fasst Beschlüsse zur Stärkung der Fremdsprachenkompetenz (2011), stellt in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen (↗ Art. 18) heraus, beschreibt interkulturelle Bildung und Erziehung (↗ Art. 32) als Querschnittsaufgabe (2013), verlangt die Förderung mehrsprachiger Kompetenz, fordert in den Nationalen Bildungsstandards für den Mittleren SchulabschlussBildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss (2003), Schülerinnen und Schüler auf ein Handeln in mehrsprachigen Situationen vorzubereiten und führt mit den Standards für die Allgemeine Hochschulreife (2012) Sprachenbewusstheit und SprachlernkompetenzSprachenbewusstheit und Sprachlernkompetenz (↗ Art. 22) als verbindliche Kompetenzbereiche ein.
Diese programmatischen Verlautbarungen erfahren aber nur bedingt eine verbindliche curriculare länderspezifische Verankerung (↗ Art. 72). So vermittelt ein Blick in die Lehrpläne der Bundesländer für den Fremdsprachenunterricht am Gymnasium folgendes Bild:
Curriculare Vorgaben sind auf den Einzelsprachenunterricht fokussiert. Sprachenübergreifende Ziele der Kompetenzentwicklung werden – mit Ausnahme der Sprachenlehrpläne in ThüringenThüringen – nicht formuliert.
Ausführungen zur Mehrsprachigkeit haben eher grundsätzlichen Charakter, d.h. sind vornehmlich Bestandteil von (allgemeinen) Darlegungen zu Zielen und Aufgaben des Faches – im Sinne von Leitgedanken oder Leitbildern für den Unterricht bzw. einer Wertschätzung unterschiedlicher Herkunftssprachen.
Die Entwicklung interkultureller Kompetenzeninterkulturelle Kompetenz (↗ Art. 43) wird mehrheitlich an den Vergleich von Ausgangs- und Zielsprachenkultur – im Sinne einer BikulturalitätBikulturalität – gebunden.
Die Lehrpläne integrieren Ziele sprachenübergreifenden LernensLernensprachenübergreifendes mehrheitlich nicht konsequent oder nur punktuell in das kompetenz- und standardorientierte Unterrichtskonzept (↗ Art. 14).
Sprachenvergleichende AspekteVergleicheninterlinguales sind primär eingebettet in den Lernbereich Sprachenbewusstheit/Sprachreflexion, wobei nicht in allen Lehrplänen gleichermaßen die Muttersprache Deutsch, die Herkunftssprache (↗ Art. 106), die erste Fremdsprache Englisch oder andere schulische Fremdsprachen als Kontrastfolie benannt sind oder die Rolle als Brückensprache herausgestellt wird.
Die Fremdsprachenlehrpläne sind nicht konsequent abgestimmt. Es wird der Eindruck erweckt, dass Mehrsprachigkeit und die damit verbundenen SynergieeffekteSynergieeffekte eher von Bedeutung für die zweiten oder dritten Fremdsprachen (↗ Art. 86) sind.
Die Lehrplankonzeption in ThüringenThüringen (2011) (www.schulportal-thueringen.de/web/guest/lehrplaene/gymnasium) unterscheidet sich deutlich von der der anderen Bundesländer. So werden für alle Fächer des sprachlichen Aufgabenfeldes, d.h. Muttersprache Deutsch, sämtliche moderne Fremdsprachen sowie Latein und Griechisch, sprachenübergreifende Kompetenzen als gemeinsame Zielsetzung jeglichen Sprachunterrichts ausgewiesen. Dabei erfolgt die Art der Darstellung sprachenübergreifender Kompetenzen in allen Sprachen als integrativer Bestandteil des Einzelfachlehrplans. Mit der Einführung eines eigenständigen Lernbereichs „Über Sprache, Sprachverwendung und SprachenlernenSprachenlernenSiehe MetakognitionSprachenlernenreflexives reflektieren“ (SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz) erfahren sprachenübergreifendes LernenLernensprachenübergreifendes und die Entwicklung von Sprach- und SprachlernbewusstheitSprachlernbewusstheit (↗ Art. 22) eine Verbindlichkeit in allen Sprachfächern der SekundarstufeSekundarstufe I und II. Die Zuordnung von sprachenübergreifenden Zielen zu bestimmten Klassenstufen und die damit verbundene ProgressionProgression der Kompetenzentwicklung erfolgt durch:
die Verwendung unterschiedlicher Operatoren,
einen unterschiedlichen Grad an erwarteter Selbstständigkeit,
die Bindung an die jeweiligen niveauspezifischen sprachlichen Mittel sowie RezeptionsRezeptionsstrategien- und ProduktionsstrategienProduktionsstrategien,
die Ausweisung unterschiedlicher Gegenstände für den Sprachen- bzw. Kulturvergleich.
3. Fazit
Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität sind in den deutschen RichtlinienRichtlinien für den Fremdsprachenunterricht angekommen, ohne jedoch konsequent und durchgängig curricular verortet zu sein. Der von Bausch & Helbig-Reuter vor 15 Jahren bereits geforderte „neue Lehrplantypus“ (2003: 199) ist somit noch nicht Realität. Empfehlungen zur Lehrplanentwicklung, wie:
bei der Erstellung einzelsprachlicher Curricula sprachenübergreifende Aspekte von Beginn an zu berücksichtigen (Meißner 1995: 175),
in ein integratives Mehrsprachigkeitskonzept das Lehren und Lernen von Deutsch (als Muttersprache) explizit mit einzuschließen (Bausch & Helbig-Reuter 2003: 196),
die Curricula zwischen den Sprachfächern abzustimmen (Meißner et al. 2008: 167),
ein GesamtsprachencurriculumGesamtsprachencurriculum als planerischen Rahmen zu schaffen (Hufeisen 2005: 13) (↗ Art. 14)
haben an Aktualität nicht verloren.
Lehrpläne sind ein maßgeblicher Transmissionsriemen für die Implementierung von Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität in den Unterricht. Sie können und müssen den verbindlichen Rahmen setzen für die Formulierung (gemeinsamer) sprachenübergreifender Ziele, Inhalte und mehrsprachigkeitsdidaktischer Prinzipien in allen Sprachfächern und die Beschreibung einer Progression sprachenübergreifender Kompetenzentwicklung. Letzteres erfordert die Nutzung ausdifferenzierter Deskriptoren. Hierfür liegt mit dem „Referenzrahmen für Plurale AnsätzeRePA“ (Candelier et al. 2009) ein Instrument vor (↗ Art. 20), das zweifellos Impulse für Zielbeschreibungen in Lehrplänen enthält, aber für diese Spezifik noch einer empirischen Fundierung bedarf (Schädlich 2013: 36).
Literatur
Bausch, K.-R. & Helbig-Reuter, B. (2003): Überlegungen zu einem integrativen Mehrsprachigkeitskonzept: 14 Thesen zum schulischen Fremdsprachenlernen. In: Neusprachliche Mitteilungen 56/4, 194-201.
Candelier, M., Camilleri-Grima, A., Castellotti et al. (2009): RePA. Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen. Graz, Straßburg.
[https://archive.ecml.at/mtp2/publications/C4_RePA_090724_IDT.pdf]
Christ, I. (2016): Staatliche Regelungen für den Fremdsprachenunterricht: Curricula, Richtlinien, Lehrpläne. In: E. Burwitz-Melzer, G. Mehlhorn, C. Riemer et al. (Hrsg): Handbuch Fremdsprachenunterricht. 6. Aufl. Tübingen, 56-60.
Hufeisen, B. (2005): Gesamtsprachencurriculum: Einflussfaktoren und Bedingungsgefüge. In: B. Hufeisen & M. Lutjeharms (2005) (Hrsg.): Gesamtsprachencurriculum. Integrierte Sprachendidaktik. Common Curiculum. Tübingen, 9-18.
Meißner, F.-J. (1995): Umrisse der Mehrsprachigkeitsdidaktik. In: L. Bredella. (Hrsg.): Verstehen und Verständigung durch Sprachenlernen. Akten des 15. Kongresses für Fremdsprachendidaktik der Deutschen Gesellschaft für Fremdsprachenforschung, Gießen 4.-6.10.1993. Bochum, 173-187.
Meißner, F.-J., Beckmann, C. & Schröder-Sura, A. (2008): Mehrsprachigkeit fördern. Vielfalt und Reichtum Europas in der Schule nutzen (MES). Tübingen.
[http://www1.uni-giessen.de/rom-didaktik/Multilingualism/html/facette1/de/index.htm]
Schädlich, B. (2013): Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität im Unterricht der romanischen Sprachen: begriffliche, empirische und unterrichtspraktische Perspektiven. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 24/1, 29-50.
Ursula Behr
22. Sprachlernkompetenz und Mehrsprachigkeit
1. Begrifflichkeit und Problemaufriss
Der Begriff „SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz“ ist ein Neologismus, der sich aus den drei Elementen „Sprachen“, „Lernen“ und „Kompetenz“ zusammensetzt und im Rahmen der Diskussion um die Bildungsstandards für die Sekundarstufe II (KMK 2012) entstanden ist (↗ Art. 43). Sprachlernkompetenz bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Fremdsprachenlernen zielgerichtet zu steuern, d.h. den eigenen Fremdsprachenlernprozess selbstständig zu gestalten und zu kontrollieren. Es handelt sich um eine prozessbezogene Kompetenz – im Gegensatz zu inhaltsbezogenen Kompetenzen wie die funktional kommunikativen oder sachfachlichen Kompetenzen (vgl. Königs & Martinez 2019).
Die Förderung von SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz hat jedoch nicht erst mit der Einführung der Bildungsstandards für die Sekundarstufe IISekundarstufe II begonnen, sondern geht auf die LernerautonomieLernerautonomie-Diskussion Ende der 1970er Jahre zurück (Holec 1979; Martinez 2008). Durch die mit der Einführung der Bildungsstandards Bildungsstandardsverbundene Kompetenzorientierung gewinnt Lernfähigkeit allerdings eine neue Dimension. Sie wird zu einer ‚Kompetenz‘, die es neben allen anderen Kompetenzen gleichermaßen und verbindlich zu fördern gilt. Ihr transversaler Charakter macht darüber hinaus deutlich, dass SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz – gemeinsam mit Sprach(en)bewusstheitSprachenbewusstheit – für die Ausbildung aller weiteren Kompetenzen unerlässlich ist.
In den Bildungsstandards (KMK 2012) wird Sprachlernkompetenz folgendermaßen konkretisiert: „Sprachlernkompetenz beinhaltet die Fähigkeit und die Bereitschaft, das eigene SprachenlernenSprachenlernenMetakognition selbstständig zu analysieren und bewusst zu gestalten, wobei die Schülerinnen und Schüler auf ihr mehrsprachiges WissenWissenmehrsprachiges und auf individuelle LernerfahrungenLernerfahrungen zurückgreifen.“ (KMK 2012: 25)
Der erste Teil der Standardbeschreibung benennt dabei Sprachlernkompetenz als eine bewusste Steuerung und Regulierung des Sprachlernprozesses, was mit der Annahme einhergeht, dass Kognition und Kognitivierung eine lernförderliche Funktion beim Sprachenerwerb haben. Der zweite Teil berücksichtigt die Tatsache, dass Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe bereits mehrere Sprachen erworben bzw. gelernt haben und betont ihre Fähigkeit, ihr mehrsprachiges Vorwissen und ihre Sprachlernerfahrungen als RessourcenRessourcenKonstituenten von Kompetenz und Strategien für den (selbstständigen) Erwerb weiterer Fremdsprachen einzusetzen.
Letzteres ist ganz im Sinne des Europarats (↗ Art. 12)Minimummehrsprachiges, wonach „sich die Spracherfahrung eines Menschen in seinen kulturellen Kontexten erweitert, von der Sprache im Elternhaus, über die Sprache der Gesellschaft bis zu den Sprachen anderer Völker (…). Diese Sprachen (…) bilden gemeinsam eine kommunikative Kompetenz, zu der alle Sprachkenntnisse und Spracherfahrungen beitragen und in der die Sprachen miteinander in Beziehung stehen“ (Europarat 2001: 17).
Anders als die frühere Modellierung von MethodenkompetenzMethodenkompetenz (vgl. KMK 2003) bezieht sich SprachlernkompetenzSprachlernkompetenz explizit auf den Erwerb sprachlicher und interkultureller Kompetenzeninterkulturelle Kompetenz und gründet auf der Fähigkeit der Lerner, ihr sprachliches Repertoire (Muttersprache, Zweitsprache, Fremdsprachen) und ihre SprachlernerfahrungenSprachlernerfahrungen für das Erlernen weiterer Fremdsprachen nutzbar zu machen.
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