Kitabı oxu: «Handbuch Schulpsychologie»

Die Herausgeber
Klaus Seifried studierte in Frankfurt am Main und in Berlin. Er ist Lehrer, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut. Er arbeitete zwölf Jahre als Lehrer an Gesamtschulen und 26 Jahre als Schulpsychologe in Berlin, 2003–2016 als Leiter des Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungszentrums Tempelhof-Schöneberg. 2001–2004 baute er das Team Gewaltprävention und Krisenintervention in Berlin auf und leitete es. Seit September 2016 ist er pensioniert und arbeitet freiberuflich in der Fortbildung für Lehrkräfte und Schulleitungen, als Coach und Supervisor. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.
Stefan Drewes, Dipl.-Psychologe, studierte in Bonn, Kiel und Trier Pädagogik und Psychologie. Er war 11 Jahre als Schulpsychologe und über 16 Jahre als Leiter des Zentrums für Schulpsychologie in Düsseldorf tätig. Rund 10 Jahre hatte er den Vorsitz der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) inne. Er wirkte an der Entwicklung eines bundesweiten Berufsprofiles Schulpsychologie mit und leitete mehrere Bundeskongresse für Schulpsychologie. Seit 2017 ist er Leiter des LVR-Zentrums für Medien und Bildung in Düsseldorf sowie der Medienberatung NRW und Bildungspartner NRW.
Professor Dr. Marcus Hasselhorn leitet die Arbeitseinheit »Bildung und Entwicklung« am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Prävention, Entstehung, Diagnose und Behandlung von Lernstörungen, vielfältige Bildungsfragen im ersten Lebensjahrzehnt, die pädagogisch-psychologische Diagnostik sowie die Entwicklung und das Lernen von Kindern mit erhöhtem Risiko für Bildungsmisserfolg.
Klaus Seifried Stefan Drewes Marcus Hasselhorn (Hrsg.)
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3. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039786-6
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039787-3
epub: ISBN 978-3-17-039788-0
Inhalt
1 Vorwort der Herausgeber
2 Teil I Grundlagen
3 1 Geschichte der Schulpsychologie in Deutschland
4 Stefan Drewes und Anja Niebuhr
5 2 Wissenschaftliches Selbstverständnis schulpsychologischen Handelns
6 Marcus Hasselhorn, Stefan Drewes und Klaus Seifried
7 3 Forschungsgrundlagen der Schulpsychologie
8 Christiane Loßnitzer, Tomasz Moschko, Caterina Gawrilow, Johanna Schmid und Marcus Hasselhorn
9 4 Aufgaben und Organisationsformen der Schulpsychologie in Deutschland
10 Stefan Drewes und Klaus Seifried
11 5 Beratung in der Schule – Kooperation und Vernetzung
12 Klaus Seifried
13 6 Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung in der Schulpsychologie
14 Alexa von Hagen, Bettina Müller und Stephan Jeck
15 7 Rechtsfragen der Schulpsychologie
16 Jan Frederichs
17 8 Schulpsychologie international
18 Jürg Forster
19 Teil II Fokus Schülerinnen und Schüler
20 1 Grundlagen schulpsychologischer Diagnostik
21 Andreas Gold, Caterina Gawrilow und Marcus Hasselhorn
22 2 Intelligenzdiagnostik in der Schulpsychologie
23 Priska Hagmann-von Arx, Letizia Gauck und Alexander Grob
24 3 Lernverlaufsdiagnostik
25 Elmar Souvignier, Natalie Förster, Boris Forthmann und Nina Zeuch
26 4 Verhaltensverlaufsdiagnostik durch Direct Behavior Rating
27 Christian Huber
28 5 Besondere Begabungen und Talententwicklung – Diagnostik, Förderung und Beratung
29 Christian Fischer und Christiane Fischer-Ontrup
30 6 Aufmerksamkeit und Konzentrationsprobleme
31 Holger Domsch
32 7 Lese-Rechtschreibstörung
33 Kirsten Schuchardt und Claudia Mähler
34 8 Rechenschwäche und Dyskalkulie
35 Dietmar Grube und Gabi Ricken
36 9 Schülerinnen und Schüler mit (sonderpädagogischen) Förderbedarfen in der Schule
37 Ulrike Becker
38 10 Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen – eine Aufgabe der inklusiven Schule
39 Klaus Seifried
40 11 Psychologische Interventionsprogramme in der Schule
41 Gerhard Büttner
42 12 Bewertungs- und Prüfungsängste in der Schule bewältigen
43 Marcus Eckert und Bernhard Sieland
44 13 Mobbing unter Schülerinnen und Schülern
45 Anne A. Huber
46 14 Schulabsentismus
47 Heinrich Ricking
48 15 Mädchen und Jungen in der Schule
49 Ursula Kessels und Hannah Streck
50 16 Schulpsychologische Beratung im interkulturellen Kontext
51 Meltem Avci-Werning
52 Teil III Fokus Lehrkräfte und System Schule
53 1 Die inklusive Schule – ein Aufgabenfeld der Schulpsychologie
54 Klaus Seifried
55 2 Unterrichtsqualität aus Sicht der Forschung
56 Katrin Rakoczy
57 3 Individuelle Förderung und Differenzierung im Unterricht
58 Jasmin Decristan und Hanna Dumont
59 4 Lehren und Lernen mit digitalen Medien
60 Katharina Scheiter, Emely Hoch & Stefan Drewes
61 5 Schul- und Klassenklima
62 Norbert Grewe
63 6 Klassenführung
64 Robin Junker und Manfred Holodynski
65 7 Soziale Integration und Kooperation in inklusiven Klassen
66 Judith Lanphen und Gunnar Wiedenbauer
67 8 Gewaltprävention in Schulen
68 Christian Böhm und Peer Kaeding
69 9 Krisenmanagement in Schulen
70 Claudia Schedlich, Marion Müller-Staske und Stefan Drewes
71 10 Lehrerpersönlichkeit und professionelle Kompetenz von Lehrkräften
72 Olga Kunina-Habenicht, Anna-Theresia Decker und Mareike Kunter
73 11 Psychische Gesundheit von Lehrerinnen und Lehrern – eine Vergleichsstudie
74 Andreas W. Fischer und Uwe Schaarschmidt
75 12 Supervision und Coaching in der Schule
76 Klaus Seifried
77 13 Kommunikation als Führungsaufgabe in der Schule
78 Helen Hertzsch
79 Anhang
80 Verbände
81 Stichwortverzeichnis
82 Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Vorwort der Herausgeber
Das »Handbuch Schulpsychologie – Psychologie für die Schule« erschien erstmals 2007. Es stieß auf ein reges Interesse und so erschien 2016 die völlig neu konzipierte zweite Auflage. Mit diesem Band legen wir Ihnen nun die dritte, überarbeitete, aktualisierte und ergänzte Auflage vor. Bei der Überarbeitung der Beiträge wurden aktuelle Entwicklungen der jüngsten Zeit berücksichtigt. Dazu gehören die aktuellen Versorgungszahlen, die stärkere öffentliche Wahrnehmung der Schulpsychologie, die Zunahme der diagnostischen Aufgaben der Schulpsychologie als Folge der Inklusion in den Schulen sowie die Folgen der Covid-19-Pandemie. Letzteres hat einen Bedeutungsschub der digitalen Medien in der Gestaltung von Unterricht und anderen schulischen Aufgabenfeldern ausgelöst, weshalb dieses Thema in einem eigenen neuen Beitrag des Bandes thematisiert wird.
Das Handbuch Schulpsychologie stellt die wissenschaftlichen Grundlagen und die praktischen Herausforderungen der Schulpsychologie in ihren wichtigsten Handlungsfeldern für Interessierte aus Wissenschaft, Praxis und Studium dar. Wir stellen Erkenntnisse und Erfahrungen aus der schulpsychologischen Praxis und aktuelle Forschungsbefunde vor und erhoffen uns davon Anstöße zu einer stärkeren Zusammenarbeit und Verknüpfung von Praxis und Forschung. Wir freuen uns, dafür viele ausgewiesene Fachleute aus Wissenschaft und Praxis als Autorinnen und Autoren gewonnen zu haben und danken allen Beitragenden ganz herzlich für ihre Mitarbeit.
Die Kapitel des Handbuches haben wir in drei Teile untergliedert:
In den Kapiteln des ersten Teils werden die Grundlagen der Schulpsychologie behandelt. Dazu gehören die Geschichte der Schulpsychologie, das wissenschaftliche Selbstverständnis der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, die Aufgaben und Organisationsformen der Schulpsychologie sowie Rechtsfragen und die Qualitätssicherung. Im zweiten Teil stehen die Lernvoraussetzungen und Bedingungen der Schülerinnen und Schüler im Fokus. Im dritten Teil schließlich werden die Lehrkräfte sowie das System Schule in den Blick genommen.
Das Arbeitsfeld der Schulpsychologie ist sehr vielfältig und differenziert. Zu vielen, wenn auch nicht zu jedem Thema der Schulpsychologie finden Sie in diesem Handbuch Ausführungen. Wir hoffen und wünschen uns, dass dieses Handbuch viele Anregungen für die schulpsychologische Praxis und viele Anstöße für wissenschaftliche Diskurse und Forschungsansätze liefert.
Klaus Seifried, Stefan Drewes, Marcus Hasselhorn
Berlin, Düsseldorf, Frankfurt im Juni 2021
Teil I Grundlagen
1 Geschichte der Schulpsychologie in Deutschland
Stefan Drewes und Anja Niebuhr
1.1 Einleitung
1.2 Geburtsstunde
1.3 Aufbau
1.4 Schulpsychologie in der ehemaligen DDR
1.5 Stagnation
1.6 Der Paradigmenwechsel und seine Auswirkungen
1.7 Konsolidierung
1.8 Vernetzung und Kooperationen
1.9 Ausblick
Literatur
1.1 Einleitung
Die Entwicklung der Schulpsychologie in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte: Sie hat sich über viele Entwicklungsschritte und durchaus auch geprägt von dem Ringen um ein klares Profil und dem Bemühen um einen angemessenen Ausbau zu einem etablierten, breit aufgestellten Fachbereich der Psychologie in Deutschland entwickelt. Die Schaffung eines Masterstudiengangs Schulpsychologie an der Universität Tübingen sowie die Gründung von Kompetenzzentren Schulpsychologie wie an der Universität Frankfurt neben den bayerischen Studiengängen für Lehrkräfte in Bamberg, Eichstädt und München bilden diese Entwicklung auch auf der wissenschaftlichen Ebene ab und zeigen, dass die Schulpsychologie in Deutschland ein zwar kleiner aber doch fest verankerter und fachlich breit aufgestellter Bereich der Psychologie ist.
Gleichzeitig spiegelt sich in der Ausrichtung der Schulpsychologie in den einzelnen Bundesländern die Heterogenität der föderalistischen Struktur wider. Die Organisation schulpsychologischer Unterstützungsangebote ist in den Ländern ebenso vielfältig wie die Aufstellung der Schulen (
Kap. I-4).
Schulpsychologie in Deutschland ist eng mit der Entwicklung der Pädagogischen Psychologie und den Reformbemühungen in den Schulen der jeweiligen Zeitströmungen verknüpft. Die Entwicklungen bedingen und befruchten sich gegenseitig. Im Laufe des Ausbaus der Schulpsychologie in Deutschland sind mehrere Phasen festzustellen, die zwischen Wachstumsboom und massivem Stellenabbau mit mangelnder Ausstattung wechseln.
Viele wiederkehrende Fragestellungen um die Ausrichtung der Schulpsychologie in Deutschland sind bereits in den ersten Anfängen der Schulpsychologie angelegt. Heutige Diskussionen lassen sich vor dem Hintergrund der historischen Entstehung der Schulpsychologie besser verstehen.
1.2 Geburtsstunde
Mit der zunehmenden Festigung der Psychologie als Wissenschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts und der verstärkten Aufmerksamkeit auf förderliche sowie hinderliche Faktoren in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen entstand Anfang des 20. Jahrhunderts eine auf die Schule ausgerichtete Psychologie, die spätere Schulpsychologie. Aurin (1997) beschreibt vier Voraussetzungen, die den Einzug der Psychologie in die Schule begünstigten:
• Die Entwicklung von Verfahren zur Feststellung der menschlichen Intelligenz
• Erste Ansätze zu einer experimentellen Pädagogik und Didaktik
• Die Entwicklung einer Kinder-, Jugend- und Entwicklungspsychologie bis hin zu einer Pädagogischen Psychologie
• Reformen im Schulwesen mit einem Bemühen um eine individualisierte Förderung schwachbegabter, wie sie zu dieser Zeit genannt wurden, und besonders gut begabter Kinder
Als fünfte Linie sei auch die schrittweise Entwicklung des Sonderschulwesens genannt. Die Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Hilfsschulen für Kinder mit einer geistigen Behinderung und die ab den 1920er Jahren entstehenden Sonderschulen für Schülerinnen und Schüler mit Lernschwächen erforderten Verfahren zur Erfassung der Intelligenz sowie schulischer Leistungen und der Zuweisung zur passenden Schulform.
Die Geburtsstunde der internationalen Schulpsychologie kann auf das Jahr 1913 datiert werden. In diesem Jahr trat Cyrill Burt die erste Planstelle eines Schulpsychologen in London an (Keller, 2013). Burt war mit groß angelegten Intelligenzuntersuchungen, einer sonderpädagogischen Zuweisungsdiagnostik sowie mit Konzepten der Prävention von Lern-, Verhaltens- und Kriminalitätsproblemen beschäftigt. Bereits 1915 wurde im US-Bundesstaat Connecticut der erste amerikanische schulpsychologische Dienst unter der Leitung von Arnold Gesell eingerichtet, 1920 waren 200 schulpsychologische Stellen in den USA zu verzeichnen, 1940 bereits 500 (Keller, 2013).
In Deutschland forderte William Stern 1911 auf dem ersten Kongress für Jugendbildung und Jugendkunde in Dresden schulpsychologische Stellen. In Mannheim bemühte sich der damalige Schulrat Sickinger in den folgenden Jahren darum, unterschiedlich begabte und leistungsfähige Kinder zu fördern und Formen der Unterrichtsdifferenzierung einzuführen. Seine von ihm angestrebte Schule kann als ein Vorläufer der Gesamtschule gelten (Keller, 1997). Um diese Ideen umsetzen zu können, wurde mit Hans Lämmermann der erste deutsche Schulpsychologe 1922 in Mannheim angestellt. Wissenschaftlich ausgerichtet bildete er Lehrkräfte in Psychodiagnostik aus und führte Schullaufbahnberatungen auf der Basis von Intelligenztestuntersuchungen durch. Lämmermann entwickelte Testreihen zur Auswahl von Jugendlichen für die höhere Volksschule sowie für lernschwache Schülerinnen und Schüler, die sog. Hilfsschulen oder Förderklassen besuchen sollten.
In den Folgejahren wurde es ruhiger um die Schulpsychologie in Deutschland. Es sind keine weiteren Initiativen bekannt, bis zur Zeit des Nationalsozialismus schulische Reformen zurückgenommen und die Psychologie als Wissenschaft in Deutschland der nationalsozialistischen Doktrin unterworfen wurde und darüber hinaus weitgehend zum Erliegen kam.
1.3 Aufbau
In der Nachkriegszeit ab 1945 wuchs die Erkenntnis, dass die schulische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durch intensive Unterstützung beeinflusst und verbessert werden kann. In Hamburg baute Hans Kirchhoff 1948 eine erste pädagogisch-psychologische Einrichtung zunächst unter dem Namen »Schülerkontrolle«, später »Schülerhilfe« auf. Ziel war es, gegen das Schulschwänzen vorzugehen, psychische Hintergründe bei Schulproblemen zu verstehen und Kinder und Jugendliche in ihrer Schullaufbahn zu unterstützen. Später ging dies als »Hamburger Modell« in die Geschichte der Schulpsychologie ein.
Auch die UNESCO diskutierte im Rahmen der Tagung »Psychologie im Dienst der Schule« 1954 über die Implementierung der Schulpsychologie in Europa und empfahl bereits zu diesem Zeitpunkt eine Versorgungsquote von einer schulpsychologischen Stelle auf 6000 Kinder (Aurin, 1997).
Verschiedene Städte gründeten erste schulpsychologische Dienste mit den Schwerpunkten Einzelfallhilfe und Schullaufbahnberatung: Hamburg 1948, Stuttgart 1950, Berlin und Hannover 1957, Köln 1958, Düsseldorf 1959 waren die ersten Einrichtungen. In Köln und Düsseldorf entstanden erstmals rein kommunale schulpsychologische Dienste in Trägerschaft der jeweiligen Städte, während in Berlin die Initiative von jungen Lehrkräften mit einem Diplom in Psychologie ausging und die doppelte Qualifikation über lange Jahre als Voraussetzung zur Tätigkeit als Schulpsychologin oder Schulpsychologe gesehen wurde (Seelig, 1997). In die Zeit des Wiederaufbaus und der Gründung neuer Schulen in den 1960er Jahren fiel auch der weitere Aufbau von schulpsychologischen Diensten, häufig als individuelles Unterstützungsangebot für Eltern und ihre Kinder. Auch die ländlichen Gebiete wurden einbezogen. Bei der Gründung von Gesamtschulen wurden schulpsychologische Stellen mitgeplant. Die Kritik am bestehenden Schulsystem, die Bildungsreformen in den Bundesländern, die Entwicklung der wissenschaftlichen Pädagogischen Psychologie und der Bildungsforschung prägten die 1960er und 1970er Jahre.
Eine eigene Entwicklung nahm die Schulpsychologie in Hessen. Hier wurden 1953 schulpsychologische Beratungsdienste mit einem verstärkten Auftrag zu Forschungsvorhaben und Systemberatung gegründet (Aurin, 1997). Schnell wurde dieses »Hessische Modell« als ein systembezogenes Angebot dem »Hamburger Modell« gegenübergestellt. Dieses Spannungsfeld der zwei Ansätze sollte die Schulpsychologie noch Jahrzehnte beschäftigen.
Während 1965 noch rund 100 schulpsychologische Fachkräfte gezählt wurden, waren es 10 Jahre später in Westdeutschland bereits rund 450. In diese Zeit fielen auch verschiedene Empfehlungen, konzeptionelle Überlegungen und Stellungnahmen, so z. B. im noch heute oft zitierten Beschluss der Kultusministerkonferenz von 1973 und der Empfehlungen der Bund-Länder-Kommission (BLK) zur »Beratung im Bildungswesen« vom gleichen Jahr. Diese empfahlen den Ausbau eines flächendeckenden Beratungssystems und eine Versorgungsquote von schulpsychologischen Fachkräften zur Schüleranzahl von 1:5 000 und 1:1 000 für Beratungslehrkräfte bis 1980 (Aurin, 1997). Die regelmäßig aktualisierten Erhebungen der Sektion Schulpsychologie im BDP zur Versorgungsquote der Schulpsychologie in Deutschland führten jedoch lange nur eine Quote von 1:12 000 bis 1:9 000 auf (BDP Sektion Schulpsychologie, 2020). Auffällig sind dabei seit Beginn der Erhebungen die durchgängig starken Unterschiede in den Bundesländern, die bis heute nicht egalisiert sind (BDP Sektion Schulpsychologie, 2020;
Kap. I-4).
In Bayern wurde die Entwicklung wie in Berlin von einigen Lehrkräften mit zusätzlichem Psychologiestudium angestoßen (Staatsinstitut, 2007). Im Jahr 1952 wurde die erste Stelle in München, eine weitere 1955 in Nürnberg gegründet. Zu Beginn der 1970er Jahre kamen weitere staatliche Schulberatungsstellen zur Bildungsberatung in allen Bezirken Bayerns hinzu. Die Umsetzung der Empfehlung der BLK führte in Bayern bereits 1978 zu einem neuen Staatsexamen in Psychologie im Rahmen des Lehramtsstudiums. Diese Konzeption ist noch heute gültig: Schulpsychologie ist dort in der Regel in das Schulsystem integriert, Lehrkräfte mit entsprechender Qualifikation sind in der Schule stundenweise schulpsychologisch tätig.
Damals wie heute waren die Entwicklungen der Schulpsychologie in Deutschland jedoch abgehängt von internationalen Entwicklungen. Während Mitte der 1970er Jahre in Westdeutschland rund 450 Schulpsychologen gezählt wurden, waren es weltweit bereits 40 000 (Keller, 2013). Bis in die heutige Zeit sollte sich diese Diskrepanz in der Entwicklung nicht mehr verändern. Noch 2010 war der personelle Ausbau der Schulpsychologie in Deutschland im europäischen Vergleich weit abgeschlagen hinter Dänemark, Spanien oder Kroatien (BDP Sektion Schulpsychologie, 2010;
Kap. I-8).