Kitabı oxu: «HUNDE JA-HR-BUCH VIER»

Şrift:

Mariposa Verlag (Hrsg.)

HUNDE JAHRBUCH VIER

Geschichten von Hunden und ihren Menschen


Inhalt

Cover

Titel

Angsthund

Herzsprung

Helga Franziska Noack

Besitzstandswahrung

Die Couch

Christa Burow

Charmeur

Lucky

Gisela Gersch-Gernoth

Dogdancing

Dogdancing einmal anders: Wer tanzt mit wem?

Anke Höhl-Kayser

Erkenntnix

Die kleine Wolke – oder der Fluch der Schönheit

Erika Schrenk

Fundhund

Naxia

Petra Wilfert

Genießer

Königin der Diebe

Petra Braig/ Olaf Reger

Hunde(v)erziehung

Timo

Iris Engels

Idealgewicht

Herr von Podengo und der leere Napf

Severine Martens

Jahreswechsel

Warum gute Vorsätze für Hunde keinen Sinn machen

Nicole Pfeiffer

Kotbeutel

Anrüchiges

Karin Hutter

Lecker(ge)bissen

Luna

Jutta Könenkamp

Mantelträger

Schneeberge laufen

Simone Kunde

Neugier

Der Streuner

Hannelore Nics

Ordnungsamt

Das letzte Mal

Wessna Brück

Pfoten(ab)druck

Sieben Leben hat die Katz – oder der Hund?

Andrea Feder

Querulant

Was die Rassebeschreibung uns verschweigt

Sabine Nölke

Rockerrüde

Freundschaft auf Umwegen

Bettina Haubold

Spaßbremse

Wenn’s knallt, nicht einen Meter...

Elisabeth Wupper

Taschendieb

Gelernt ist gelernt

Ute Dissemond

Urinstinkte

Wimpern klimpern

Anna Wöltjen

Verliebt

Sommerliebe

Marion Trost

Wasserspiele

Ein ganz normaler Sonntagsspaziergang ​

Luci Fuhrmann

X für ein U

Die Kröte

Karin Oehl

Yesterday

Zeitlos im Herzen

Elke Parker

Zecken

Cody – oder wie eine Zecke zum Schicksal wurde

Petra Deyringer-Kühnle

Die Autorinnen und Autoren

Bildnachweis

Die Reihe HUNDE JAHRBUCH (Anthologie)

Impressum

Angsthund

Herzsprung

Helga Franziska Noack

Normalerweise schenkt ein Hund euch seine Loyalität schon für eine Handvoll Futter und er gibt alles, was ihr Menschen von einem Freund erwartet: Treue, Verschwiegenheit, Anhänglichkeit und zuhören können. Jemand hat sogar einmal gesagt: Hunde sind die besseren Menschen. Ihr wisst jedoch nicht, wie es in manchen Hundeherzen aussieht. Und ihr wisst auch nicht, wie nachhaltig so ein Herz verletzt werden kann. Ich aber weiß, wovon ich rede. Es gibt Menschen, die mit frostiger Faust und harten Füßen auf uns einschlagen, und dadurch erstarrt das Vertrauen in euch Zweibeiner. Wisst ihr, wie das ist, wenn man nur getreten und misshandelt wird? Was es heißt, zu hungern und vom Stückchen trockenen Brotes vertrieben zu werden? Ihr kennt Hunger ja nur von eurer Frühjahrsdiät, Angst nur vor dem Finanzamt und Frieren vom Anstellen am Lift. Was versteht ihr schon vom wirklichen Leben und erst vom Kampf ums Überleben?

Gestörtes Vertrauen erzeugt Misstrauen. So wirft auch meine Vergangenheit beharrlich ihren extrem langen Schatten. Und immer dann, wenn ich über ihn springen will, spüre ich, dass er viel größer ist, als ich ihn in Erinnerung habe. „Seltsames Verhalten“, stellt ihr dann ein wenig enttäuscht fest, wenn ich noch immer nicht so zutraulich bin wie eure Lilis, Ricos und Winnies. Glaubt mir, das sind die Reste der Anpassung an meine frühere Umgebung. Dort gab es nur Herzen aus dem Steinbruch. Diese Erlebnisse kleben unsichtbar, aber hartnäckig wie ein Paketband in meinem Kopf. Sie sind in meinem Gedächtnis gespeichert wie die Daten auf euren Computern. Ihr aber ward trotzdem geduldig mit mir, der kleinen Podengo-Portugues-Hündin. Ihr habt mir Futter, einen Namen und eure Zuneigung gegeben, damals im Frühling unseres Kennenlernens. Seitdem wanderten für mich die Tage unbeschwert über die Insel.

Dann kam der Sommer. Und mit ihm auch die Zeit, in der euer Fressnapf nicht mehr der alleinige Ort meiner Sinne war. Die Natur rief. In meinem Gefühls-Tsunami vergaß ich meine Dankbarkeit. Gut genährt und paarungsbereit machte ich mich auf die Suche. Mein Duft bestellte viele Freier, zog sie magisch an. Anderen wiederum kam ich gelegentlich auf halbem Weg entgegen. Ein Caballero legte ein besonderes Feuer in mein Herz. Mit ihm machte ich lange Streifzüge durch die Gegend. Doch er und alle anderen waren eines Tages so schnell wieder untergetaucht, wie sie aufgetaucht waren. Und ich stand allein da. Ganz so allein allerdings nicht, wie sich bald herausstellte. Ja, für das volle, wuchtige Leben muss man zahlen. Leider immer erst hinterher.

Als der Herbst kam, war ich alleinerziehende Mutter von vier kleinen Kindern unterschiedlichster Gene. Das war ein hoher Preis. Zum Glück hatte ich euren Futternapf, den ich in der kurzen Zeit, die mir blieb, täglich aufsuchen konnte. Aber ich musste auch immer wieder ein sicheres Versteck für die Kleinen finden. Ich spürte, dass ihr sie unbedingt finden wolltet. Und der Dorn des Misstrauens nistete sich wieder bei mir ein.

Mein Riecher konnte euch lange an der Nase herumführen. So lange, bis Chica, mein neugieriges Mädchen, das Versteck verraten hat. Auf diese Weise habt ihr auch Toni, Pepe und Domingo entdeckt. Als ich sah, wie die Kleinen auf eurem Arm gestreichelt und verwöhnt wurden, war das natürlich ein schwerer Schock für mich. Mittlerweile verstehe ich: Sollen meine Kinder in eurer Welt leben, müssen sie sich frühzeitig an euch Menschen gewöhnen und eure Normen lernen. Ich aber musste mich erst daran gewöhnen, sie jetzt bei euch zu besuchen. Heute freue ich mich, dass meine Kinder von euch all das bekommen, was ich nicht hatte. Jetzt sind die Kleinen fort, in guten Händen, wie ihr gesagt habt. Trotzdem fehlen sie mir noch sehr. Ich weiß: Loslassen können ist etwas Entscheidendes im Leben und es kostet weniger Kraft als das Festhalten, dennoch ist es viel schwieriger. Wie einfach trennt sich dagegen im Herbst der Feigenbaum von seinen Blättern, weil er spürt, dass in ihm bereits die neuen angelegt sind.

Neues Leben wird aus mir nicht mehr entstehen. Dafür habt ihr in eurer menschlichen Voraussicht gesorgt. Ihr habt aber auch dafür gesorgt, dass es meinen Kindern gut geht.

Manchmal strecken sich meine Gedanken noch nach der kleinen Krawalltruppe aus. Meine Sehnsucht kommt und geht wie eine unstete Brise. Mal warm, mal kalt, mal sanft, mal stürmisch. Doch eines Tages werde ich sie ablegen wie einen lang getragenen Mantel. Irgendwann macht mein Herz einen großen Sprung über die Vergangenheit und die Angst hinweg. Meine Liebe und mein Zutrauen werden dann nur noch euch gehören. Habt Geduld.


Anmerkung: Nach langer Zeit ist Lucy über ihren Schatten gesprungen. Heute hat sie nicht nur einen festen Platz im Herzen ihrer Menschen, sondern auch auf deren Sofa. Für sie trifft das chinesische Sprichwort wirklich zu: Mit Geduld und Zeit wird ein Maulbeerblatt zum Seidenkleid.

Besitzstandswahrung

Die Couch

Christa Burow

Gestatten, dass ich mich zunächst kurz vorstelle? Ich heiße Jaska und bin eine „Malahusk-Hündin“. Im Rasselexikon findet man diesen Begriff allerdings nicht. Er ist nur ein Wortmix aus Malamute und Husky, denn das sind meine Vorfahren. Und von diesen beiden nordischen Rassen habe ich einige ausgeprägte Eigenschaften geerbt, die sich zudem auch noch decken. Dummerweise, wie meine Menschen finden. Fantastischerweise, wie ich meine. Denn diese Eigenschaften wie z. B. Jagdleidenschaft oder Eigenständigkeit (meine Menschen sagen meistens Sturheit dazu) im Doppelpack, das hat schon was für sich. Zum Ausgleich besitze ich aber auch die doppelte Menge der den Menschen genehmen Eigenarten. Das versöhnt sie dann wieder. Seit acht Monaten lebe ich bei meinem Husky-Kumpel Ronny und unseren Zweibeinern Ronald (auch kurz Boss genannt) und Christa.

An dieser Stelle möchte ich unbedingt betonen, dass ich meinen Lebensabschnittsgefährten wirklich mag. Doch – ich mag ihn sogar sehr. Aber manchmal kann er mir auch den letzten Nerv rauben. Da ist zum Beispiel die Geschichte mit meiner Couch. Jawohl, ich besitze eine eigene (!) Couch. Die habe ich damals, als ich hier einzog, einfach in Beschlag genommen. Der Boss und Christa haben sie mir dann – wenn auch nicht gerade freudig– überlassen, damit ich mich wohlfühlen und schneller einleben sollte. Ist auch prima gelungen! Auf dieser Couch verbringe ich einen Teil des Tages und der Nacht. Sie ist ziemlich bequem und ich kann wunderbar darauf entspannen. Inzwischen habe ich verschiedene Liegetechniken entwickelt. Besonders erholsam ist diese:


Anfangs hat Christa noch eine Decke über die Couch gelegt. Die habe ich jedes Mal wieder heruntergezogen. So lange, bis unsere Zweibeinerin endlich begriffen hat, dass ich einfach keine Decke möchte.

Diese Couch war also immer die meine und keiner hat sie mir in der Zeit, die ich jetzt hier lebe, je streitig gemacht. Ronny erst recht nicht, der geht nie auf irgendwelche Möbel. Nun liegt unsereiner aber nicht nur auf der Couch. Nein, da gibt es auch noch verschiedene andere Ruheplätze in der Wohnung. Und ab und zu müssen selbige mal inspiziert werden, damit alles seine Ordnung hat.

Aber gestern ist etwas Ungeheuerliches geschehen! Als ich mich nach solch einem Kontrollgang wieder zu meinem Lieblingsplatz begeben wollte, war dieser besetzt!!! Und kein anderer als Ronny grinste mich an: Weggegangen – Platz vergangen … Ich dachte, ich sehe und höre nicht richtig. Zwar kann ich manchmal auch ziemlich albern sein, aber was meine Couch betrifft, bin ich sehr empfindlich.

Zum Glück funktionieren meine kleinen grauen Zellen noch sehr gut, auch wenn ich nicht mehr die Jüngste bin. Ich brauchte nur ganz kurz zu überlegen, dann wusste ich, was zu tun war. Mitspielen durfte ich auf keinen Fall und schon gar nicht Ronny zeigen, dass ich mich ärgerte. Das hätte er dann immer wieder bei Bedarf ausgenutzt. Ich kenne meinen Kumpel da inzwischen sehr gut. Ganz spontan fiel mir der Korb ein, den die Unbepelzten zu Anfang für mich gekauft hatten. Doris, mein Pflegefrauchen, hatte ihnen nämlich erzählt, dass ich einen solchen heiß und innig lieben würde. Das traf damals bei Doris auch zu. Ihr Rüde Cosmo ist nämlich ein Gentleman. Als ich dort ankam, hat er mir sofort sein Körbchen zur Verfügung gestellt. Na ja, kann sein, dass ich ihn ein wenig dazu genötigt habe … Jedenfalls hat er den Korb nie zurückverlangt und ich habe mich sehr wohl darin gefühlt.

Aber was ist schon ein Korb, wenn man als Alternative eine ganze Couch zur Verfügung hat! Folglich wurde er hier auch nicht weiter beachtet und stand eigentlich nur im Weg herum. Denn auch Ronny zeigte keinerlei Interesse daran. Jetzt jedoch kam das Teil mir wie gerufen. Ich wandte mich also von Ronny und meiner Couch ab, schlenderte betont gleichgültig zum Korb, kletterte hinein, drehte mich einige Male um mich selbst und ließ mich wohlig hineinplumpsen. Und was soll ich sagen: Ich empfand das Liegen darin wirklich als sehr angenehm. Je mehr ich darüber nachdachte, umso müder wurde ich. Und schon war ich eingeschlummert.

Als ich aufwachte, hatte ich einen Riesendurst. Also ging ich erst einmal in die Diele zu unserem Wassernapf und trank eine große Portion. Dabei überlegte ich mir, dass ich den Korb doch eigentlich öfter benutzen könne. Ich wollte es gleich noch einmal probieren, lief wieder ins Wohnzimmer – und was musste ich sehen?! Ronny, diese Wuchtbrumme, hatte sich in meinen Korb gezwängt und tat so, als würde er schlafen. Dabei sah ich doch ganz genau, wie er feixte. Aber ich blieb ganz cool, zumindest äußerlich. In mir brodelte es allerdings gewaltig. Doch meine Überlegung war, dass Ronny diese Position nicht lange würde durchhalten können. Der Korb passt nämlich nicht so recht zu seinen Körpermaßen. Und ich hatte wirklich recht. Nach ein paar Minuten kletterte er (unter erheblicher Anstrengung übrigens) wieder heraus, warf mir einen schiefen Blick zu, wie ich aus den Augenwinkeln bemerkte, und trottete zu seinem Platz unter dem Tisch. Damit war Ronnys Versuch einer feindlichen Übernahme gescheitert und Couch und Korb befanden sich wieder in meinem alleinigen Besitz.

Diese Geschichte zeigt einmal mehr, dass das Älterwerden doch tatsächlich auch gewisse Vorteile haben kann. Zwar bin ich von der allseits gerühmten Altersweisheit noch weit entfernt, aber immerhin bin ich schon um einiges abgeklärter und löse manche Probleme anders als früher. Denn da wäre ich dem dreisten Burschen sofort an den Kragen gegangen. Was jetzt aber nicht heißen soll, dass ich mich nicht doch maßlos über den unverschämten Kerl geärgert habe …

Charmeur

Lucky

Gisela Gersch-Gernoth

Der Winter will und will nicht weichen. Seit meine Hündin Paula vor drei Jahren verstorben ist, gehe ich eher selten spazieren. Jeder Weg lässt Erinnerungen wach werden und füllt mein Herz mit Trauer. In der warmen Jahreszeit benutze ich nun lieber das Fahrrad, um mich zu bewegen – aber bei Kälte? Der Winterspeck wächst und wächst. Die Bequemlichkeit flüstert mir verführerische Worte ins Ohr und ich lasse mich zu gern überzeugen. Doch jetzt reicht’s. Ein Ruck geht durch meinen Körper, der Vorsatz ist gefasst. Und als die Temperaturen wieder aus dem Minusbereich geklettert sind, ziehe ich meine Joggingschuhe an und greife zu den Nordic-Walking-Stöcken. Es ist ja nicht so, als gäbe es sie nicht. Ordentlich hängen sie in der Garage an einem Haken, stets griffbereit.

Nachdem ich den Wald verlassen habe, der immer durchquert werden muss, will man sich von unserem Hof aus nach Norden entfernen, wähle ich einen Weg, der über kleine Straßen führt und mir auf diese Weise ein wenig Abwechselung bietet, mich aber dennoch später an diesen Ausgangspunkt zurückbringen wird. Ich komme an einzelnen Häusern und Höfen vorbei und entdecke immer etwas Neues: hier ein frisch gestrichener Zaun, dort eine Forsythienhecke, deren Blüten das nahe Öffnen andeuten. Die Unterstände auf einer Pferdeweide werden ausgebessert.

Nach dem Überqueren einer stillgelegten kleinen Eisenbahnlinie empfängt mich ein lärmendes Hundegebell, das das „Klack, Klack“ meiner Stöcke auf dem Asphalt übertönt. Ich höre die Stimmen zweier Hunde, die lauter werden, als ich am ersten Hof linker Hand vorbei gehe. Doch sie selbst bleiben unsichtbar. Auf dem angrenzenden Grundstück sitzt ein Border Collie am Zaun, völlig unbeeindruckt von den Nachbarhunden und von mir. Er bleibt ganz ruhig. „Hallo, guten Morgen, du Schöner, “ begrüße ich ihn. Sein Blick folgt mir. Kurze Zeit später höre ich ein müdes „Wuff“. Der alte Schäferhund vom Hof auf der rechten Seite liegt auf der Bank neben der Haustür, hebt seinen grauen Kopf und blinzelt mich an. „Ja, bleib nur ruhig liegen, ich will dich gar nicht stören, “ rufe ich ihm zu. „Bis zum nächsten Mal.“

Ich folge der Straße noch einige Meter und biege links in einen Anliegerweg, an dessen Ende dann mein Rückweg beginnen wird. Die Häuser hier haben wunderschöne Gärten, in denen die Frühlingsboten Scilla, Krokus und Traubenhyazinthe mit ihren unterschiedlichen Blautönen meinen Blick einfangen. Auch eine schmale Weide zieht sich am Weg entlang, auf der ein kleiner Holzstall Zwergschafen Schutz bietet. Ich unterhalte mich mit ihnen, während sie mich hinter dem Zaun ein Stück begleiten. Sie rufen „Määh“ und ich antworte in ihrer Sprache, wieder und wieder. Und sie schicken mir noch den ein oder anderen Ruf hinterher, als ich schon fast die letzte Etappe meines Weges erreicht habe. Hier hat unser örtlicher Dachdecker seinen Betrieb. An der Hofzufahrt zeigt das Firmenschild den Oberkörper eines Mannes, der durch eine Lupe auf ein Dach schaut. Die Ähnlichkeit mit Sherlock Holmes ist nicht zu verkennen – eine gute Werbung, denn bei den großen Dachflächen auf Scheunen und Ställen ist Detektivarbeit von Nöten, um ein Leck zu finden.

Weiter geht’s „Klack, Klack“ zum Hof mit der Hausnummer 22, die in einen großen Findling eingemeißelt ist. An diesem Stein haben Ben, der dort lebende Schäferhund, und Paula einander Botschaften hinterlassen, wenn die beiden sich nicht begegneten. Bei dieser Erinnerung muss ich seufzen. Wie alt mag Ben jetzt sein? In Gedanken versunken ziehe ich weiter, an kleineren Häusern vorbei, bis die Kreuzung auftaucht, hinter der der Wald beginnt. Plötzlich überholt mich ein junger Schäferhund, etwa fünf Monate alt. Freudig springt er an mir hoch. Ich bin überrascht und bleibe stehen. „Na sag mal, wer bist du denn?“, erwidere ich seine Begrüßung, die gar nicht aufhört, und löse einen Stock aus der Schlaufe, damit ich ihn streicheln kann. Das gefällt ihm und er drückt sich gegen meine Beine. „Wo kommst du denn her?“ Natürlich bekomme ich keine Antwort, aber ein lang anhaltendes Juchzen. Nun löse ich den zweiten Stock, beuge mich zu dem Hund hinunter und kraule ihn ausgiebig. Er vollzieht Drehungen, lässt die Vorderläufe auf den Boden nieder, streckt mir seinen Hals entgegen und scheint gar nicht genug zu kriegen von meinen Liebkosungen. Weiter, weiter, bloß nicht aufhören, signalisiert er. „Jetzt ist aber gut und du gehst nach Haus!“ Wo mag er wohl hingehören?

Als ich weitermarschiere – „Klack, Klack“ –, begleitet mich der junge Hund. Er denkt gar nicht daran, die Richtung zu nehmen, aus der er kam. Fröhlich läuft er neben mir her, verlässt nur kurz die Straße, um im Graben zu schnüffeln, dann ist er wieder da. Ich ändere meine Route, laufe zurück, vielleicht zeigt er mir ja sein Zuhause. Doch der Hund bleibt an der Stelle sitzen, an der ich umgekehrt bin. Ich gehe noch weiter in die andere Richtung, doch er bleibt sitzen. Wenn ich mich umdrehe, schaut er mich ganz ruhig an. „Na, komm schon“, scheint er sagen zu wollen und ich folge seinem Wunsch. Wieder werde ich stürmisch begrüßt und er begleitet mich weiter auf dem Weg durch den Wald. Immer wieder macht er einen kleinen Ausflug ins Unterholz, doch schnell ist er zurück, strahlt mich an und zeigt mir deutlich, dass er wieder gekrault werden möchte. Ich ziehe erneut die Stöcke aus der Schlaufe und beginne von vorn. „Du bist mir ja einer, du Strahlemann – Lucky nenne ich dich, du bist mein Lucky.“

Nach einem Kilometer öffnet sich der Wald zu Feldern und Wiesen hin. Noch gut dreihundert Meter und wir haben unseren Hof erreicht. Lucky ist weiterhin an meiner Seite. Voller Selbstverständlichkeit geht er mit mir ins Haus. „Wolfgang, wir haben einen neuen Hund“, rufe ich meinem Mann zu. Auch dieser wird begrüßt, als würde er Lucky längst bekannt sein. „Ob er wohl ausgesetzt wurde?“, frage ich, nachdem ich meine Geschichte erzählt habe. „Dann bleibt er bei uns – ich habe ihn schon in mein Herz geschlossen.“ „Schau, er hat eine Steuermarke um.“

Tatsächlich! Ich hatte noch gar nicht darauf geachtet. „Aus unserer Gemeinde, also wird er wohl eher weggelaufen sein.“ Dennoch: Ein Name oder eine Adresse sind nirgendwo zu finden. Bei einer Tasse Kaffee beratschlagen wir, wie es weitergehen soll. Lucky bekommt erst einmal einen Hundekuchen aus unserem Besuchervorrat, über den er sich ganz begeistert hermacht. Nachdem er etwas Wasser geschlürft hat, kommt er zu meinem Stuhl, legt seine Vorderbeine auf meinem Schoß ab und beleckt ausgiebig meine Knie. Ohne jegliches Anzeichen von Unruhe. Zwischendurch legt er sich unter den Tisch, um sich nach einer kleinen Weile zu erheben und strahlend zu mir zurückzukommen. Unwiderstehlich ist er! Aber leider müssen wir uns nach seinem Besitzer umschauen.

Wir beschließen, mit unserem Dachdecker zu telefonieren. Er weiß möglicherweise Bescheid, vielleicht gehört Lucky sogar zu ihm. Da Sonnabend ist, werde ich den Mann wohl hoffentlich erreichen. Und so ist es. „Ja, das muss der kleine Hund von unseren Nachbarn sein“, höre ich auf meine Beschreibung hin. „Sie haben sich nach Bens Tod ziemlich bald einen Welpen ins Haus geholt.“ Ben lebt also auch nicht mehr, erfahre ich auf diese Weise. Jeder Anflug von Trauer wird durch Lucky sofort unterbrochen. Auf Schritt und Tritt begleitet er mich. Er fühlt sich offenbar ausgesprochen wohl bei uns und würde bestimmt bleiben, doch nach gut einer Stunde kommt der alte Landwirt, um Lucky zu holen. Als Paula noch lebte, hatte er des Öfteren mit seinem Trecker die kleine Straße abgesperrt, damit Ben und Paula ausgiebig und ungefährdet miteinander toben konnten, wenn sie sich trafen, denn Ben war immer bei der Feldarbeit dabei.

Die Begrüßung zwischen Rex – so heißt Lucky, wie ich nun erfahre – und dem alten Herrn ist eher verhalten. „Er gehört ja zu meiner Tochter“, sagt er. „Die ist heute Morgen in die Stadt gefahren. Und als wir dann im Garten waren, muss Rex ausgebüchst sein. Ich habe es gar nicht bemerkt.“ Nur widerwillig steigt Rex ins Auto. „Alles Gute, Lucky!“ Wir winken ihm hinterher.

Jedes Mal, wenn ich jetzt an dem Hof vorbei gehe, auf dem Lucky wohnt, und er wieder einmal alleine draußen ist, kommt er schon von Weitem auf mich zugestürmt. Nach herzlicher und ausgiebiger Begrüßung bringe ich ihn zum Haus zurück. Dabei habe ich die Stöcke in der einen Hand und die andere an seinem Halsband, an dem jetzt auch Name und Adresse vermerkt sind. Freiwillig ist er nicht zur Heimkehr zu bewegen. Dann klingele ich, übergebe Lucky und sage zu ihm, dass er ja schon so ein großer Hund sei, der nun immer seinen Hof bewachen müsse. Lucky schaut mich zum Abschied mit großen Augen an.

Wenige Monate später treffe ich Rex mit seiner Besitzerin beim Spaziergang. Wieder begrüßt er mich stürmisch. Ich wechsele einige Worte mit der jungen Frau und erfahre, dass sie mit Rex nun auch ohne Leine spazieren gehen könne. Die Bindung zwischen beiden hat sich also gefestigt. Nachdem ich den Hund ausgiebig gekrault habe, trennen sich unsere Wege. Er läuft ein Stück voraus, dann dreht er sich zu mir um. Ich winke ihm zu. Er zögert einen Moment. „Rex, nun komm“, ruft die junge Frau. Noch ein Zögern – dann eine Drehung mit Hüpfer und er trollt sich. Wehmütig flüstere ich: „Adieu Lucky.“

Dogdancing

Dogdancing einmal anders: Wer tanzt mit wem?

Anke Höhl-Kayser

Begrüßungs-Cha-Cha-Cha

Stellen Sie sich vor: Sie gehen durch die Straßen einer Großstadt und sehen in einiger Entfernung eine Frau in mittleren Jahren, die einen weißschwarzen, langfelligen Hund an der Leine führt. Der Hund ist ein Landseer, nur unwesentlich kleiner als diese Frau, und mit Sicherheit etliche Kilogramm schwerer.

Sie kommen näher. Der Hund guckt wie ein Kuschelbär, der dringend mal gedrückt werden muss, seine Augen sind konzentriert auf Sie gerichtet, er beginnt schon elegant die Rute hin- und herzuschwingen, als Sie noch fünfzig Meter entfernt sind. Die Frau verkrampft daraufhin, sie fasst dem Hund ins Geschirr und macht noch ein paar Stolperschritte. Ihre Augen sind auch auf Sie gerichtet, mit leicht panischem Ausdruck.

Sie kommen noch näher. Der Hund macht einen eleganten Sprung, er steht nun vor seinem Frauchen. Die Leine ist straff gespannt. Die Frau steht auf den Hacken, leicht hintenüber gebeugt. Sie wirkt wild entschlossen. Der Hund auch.

Sie sind bei beiden angekommen. Die Frau ruft: „Nein!“ und zerrt an der Leine. Der Hund tänzelt elegant auf Sie zu, als ob es ein anderes Ende dieser Leine gar nicht gäbe, streckt Ihnen die Schnauze entgegen, wedelt ekstatisch. Zum Glück sind Sie ein Hundefreund oder eine Hundefreundin! Die Frau versucht zu verhindern, dass er Sie ansabbert, aber er tanzt um Sie herum, ohne seine Besitzerin und die Leine weiter zu beachten. Die Hundehalterin folgt dabei jedem seiner Schritte, seitwärts, seitwärts, seitwärts: ein unfreiwilliger Cha-Cha-Cha. Dogdancing, schießt es Ihnen durch den Kopf. Das ist doch diese Hundesportart, bei der der Hund mit Herrchen oder Frauchen zu Musik eine Choreografie vorführt. Aber das hier sieht nicht sehr synchron aus. Wer tanzt wohl mit wem? Der große weißschwarze Hund freut sich wahnsinnig, dass Sie ihn streicheln, und wickelt Sie in die Leine. Sein Hecheln klingt eindeutig: Tanz mit, den Cha-Cha-Cha. Die Frau hat inzwischen einen hochroten Kopf und Schweißperlen auf der Stirn, während sie mit in den Boden gestemmten Schuhsohlen versucht, den Hund zurückzuziehen. „Aber das macht doch gar nichts“, sagen Sie und entlocken ihr damit ein Lächeln.

Konnten Sie sich in diese Szene hineinversetzen? Schön! Dann kennen Sie jetzt Moritz, den Landseer. Er ist ein im wahrsten Sinne des Wortes hundsmiserabler Tänzer und trifft bei jedem Schritt die Zehen. Übrigens: Die Frau am Ende der Leine, die so aussieht, als hätte sie ihre Tanzstundenzeit lange hinter sich – die bin ich.

Tango Katastrophale

Moritz ist eine Naturgewalt. Oder eine Naturkatastrophe. Ein Jahr alt, 72 Kilogramm schwer, ein Meter Stockmaß. Weiß mit vielen schwarzen Flecken. Stellen Sie sich einfach eine Friesenkuh vor. Das kommt in etwa von der Größe her hin, und tanzen können Kühe auch nicht. Er hat eine charmante Art mit Menschen. Oder das, was er persönlich dafür hält. Und er ist ein uneingeschränkter Bewunderer weiblicher Schönheit.

Leider schätzen nicht alle Menschen seinen Tangotänzercharme. Die Joggerin zum Beispiel, der er im Vorbeigehen mit der langen rosa Zunge einmal zärtlich über die rechte Pobacke gefahren ist, schätzte ihn definitiv nicht.

Polonaise

Auch das Menuett ist ein Gruppentanz, aber es wird viel zu organisiert und ordentlich getanzt. Nein, Moritz mag lieber das, was nach allgemeinem Chaos aussieht: die Polonaise. Bei ihm sind das Tänzchen mit anderen Hundebesitzern und ihren Vierbeinern.

„Das ist ein aggressives Verhalten“, belehrte mich die Frau mit dem Jack-Russel-Terrier, als Moritz sich beim Anblick des Hundekumpels platt auf den Bauch legte, um danach schlagartig wie ein Harlekin aus der Box hochzuspringen. Ich weiß nicht genau, wer nun wirklich aggressiv war, denn der auf diese Weise erschreckte Jack-Russel-Terrier hing Sekunden später knurrend in Moritz’ rechtem Ohr. Moritz schaute etwas verwundert. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. An dem Harlekin-aus-der-Box-Verhalten arbeite ich noch. Ich möchte ja nicht, dass irgendwann mal ein Chihuahua mit Herzversagen am Wegesrand liegen bleibt.

Andere Besitzer kleiner Hunde gehen die Sache offensiv an: „Meine mag keine großen Hunde, sie schnappt“, rief mir der nette Herr schon von Weitem zu. Er blieb mit seiner Rehpinscherhündin mittig auf dem Weg stehen. „Gehen Sie doch bitte einfach an uns vorbei.“ Aha, einfach dran vorbei. Versuchen Sie mal, einen Landseer zur Seite zu schieben. Sie können alternativ auch versuchen, Berge zu versetzen. Auf meine Frage, warum ich denn mit meinem Schwertransport an seinem Kleinwagen (um ein Beispiel aus der Automobilwelt zu bemühen) vorbeimanövrieren müsse, antwortete er mir: „Wenn sie nicht will, geht sie halt nicht weiter.“

Treppen-Zitter-Jitterbug

Wie spielt ein Landseer? Indem er Hindernisse aus dem Weg räumt. Nicht Rudolf Nurejews Schweben, nein, Panzerkreuzer Potemkin, unterwegs im heimischen Wohnzimmer. Das bedeutet: Stühle fallen um, wenn sie im Weg stehen, ebenso wie Menschen. Und weil Menschen beim Umfallen viel lustigere Geräusche als Stühle machen, hat Moritz einen Lieblingstanz entwickelt: den Treppen-Zitter-Jitterbug. Der Tanz hat zwei Varianten. Die erste ist die harmlose Leinenvariante: Anlauf nehmen, Leine straff spannen, die letzten sechs Treppenstufen springen und das Wunder der Schwerkraft bestaunen. Die zweite Tanzvariante hat es in sich, sie ist die mit dem lateinamerikanischen Körperkontakt. Dazu umfasst Moritz mit der linken Pfote das Bein des auf der Treppe stehenden Opfers (im Notfall darf es auch die Oma sein) und zieht, während er mit dem Kopf in die Kniekehle drückt. Im Paartanz gäbe die Eleganz dieser Figur mit Sicherheit eine Zehn. Wenn der Partner es denn schaffen sollte, dabei stehen zu bleiben.

Sabber-Charleston

Einer der schnellsten Gesellschaftstänze ist der Charleston. Und Moritz hat ihn perfektioniert: immer dann, sobald Süßigkeiten ins Spiel kommen. Salami lässt ihn kalt. Aber wenn jemand eine Tafel Schokolade aufreißt, dann fängt er an zu zittern und zu zucken. Der Kopf ruckt auf und ab (es könnte ja was runterfallen, dann muss die Schnauze immer in der passenden Höhe sein), die Pfoten tanzen, mal rechts, mal links. Die Rute wedelt voller Vorfreude. Die Sabberfäden um sein Maul werden immer länger.

Die größte Versuchung ist Sahne aus der Sprühflasche. Wenn das typische Sprühgeräusch ertönt, sabbert er so, dass man damit die Sahelzone bewässern könnte. Und wenn ein Familienmitglied dann einen Löffel aus dem Schrank holt und etwas Sahne darauf spritzt, gerät er völlig aus dem Häuschen und tanzt seinen ganz persönlichen Sahne-Charleston: Er macht Sitz, er gibt Pfote, er macht Platz und schleckert währenddessen hektisch mit der Zunge, damit ihm nur ja von dieser Köstlichkeit nicht das kleinste Häppchen verloren geht.

Solo für Frauchen

Nicht alle Tänze mache ich mit Moritz gemeinsam. Ich habe auch meine Solo-Einlagen. Wenn ich mit ihm spazieren gehe, wenn wir mit ihm Freunde besuchen oder Gäste haben, verfalle ich sehr schnell in den verbalen Moritz-Walzer. Immer im Dreivierteltakt! Achten Sie auf den Refrain.

„Er hat dir bei der Begrüßung das gute Kaffeeservice vom Tisch gewedelt, obwohl du alles schon in die Mitte gestellt hast? – Tut mir leid.“

„Er hat den Grill umgeworfen und alle Würstchen einmal angeleckt? – Tut mir leid.“

„Er hat in eurem Gartenteich gebadet, nun sind Wasser und alle Fische draußen und nur der Hund ist noch drin? – Tut mir leid.“

„Er steht auf Ihrem kleinen Hund? – Das tut mir wirklich sehr, sehr leid, würden Sie mir nur rasch sagen, mit welcher Pfote?“


Abschlussball

Irgendwie hat mich Moritz schon intensiv auf seinen Rhythmus eingestimmt. Ich mag Leute, die ihn mögen. Es gibt wirklich nette Menschen, solche mit Hunden (auch mit kleinen Hunden) und solche ohne Hunde, die vor Freude juchzen, wenn sie seiner ansichtig werden und uns mit den Worten begrüßen: „Was für ein wunderbarer Bär! Darf ich den mal streicheln?“

Und der schönste Satz, den mir jemand im Hinblick auf Moritz sagen kann, ist folgender, geäußert mit fröhlichem Gesicht während des Begrüßungs-Cha-Chas – und damit sind wir wieder am Anfang! Sie erinnern sich: dieser Satz, als Sie Moritz und mir begegnet sind und Sie sagten: „Aber das macht doch gar nichts!“

Dann brauche ich keinen Moritz-Walzer mehr, keinen Samba und keinen Cha-Cha-Cha. Dann lasse ich die Leine locker, Sie dürfen ihn ausgiebig streicheln, er freut sich über Sie, Sie freuen sich über ihn, und ich freue mich von Herzen, einen so freundlichen großen Hund zu haben. Und achten Sie mal drauf, wenn wir dann weitergehen, Moritz und ich: Die nächsten Schritte sind ganz und gar im Takt. Fast wie beim richtigen Dogdancing.

Erkenntnix

Die kleine Wolke – oder der Fluch der Schönheit

Erika Schrenk

Das Dorf, in dem sich diese kleine Geschichte zutrug, liegt im Südosten von Mallorca. Zu unwichtig und unbedeutend, um touristische Ambitionen zu wecken. Die kleine Bar am Hafen ist das Wohnzimmer der alten Männer. Dort sitzen sie oft stundenlang vor der längst leer getrunkenen Tasse eines Cortados oder den letzten Tropfen ihres Tio Pepe schlürfend. Ihre alten Geschichten kennen sie schon auswendig und viel Neues kommt nicht dazu. Sie sind wie ein Haufen abgetragener Kleider, nicht mehr repräsentativ genug, um getragen, zu werden, aber doch zu gut, um sie wegzuwerfen.

Früher, als sie noch nicht so klapprig waren, fuhren sie mit ihren kleinen Llauts hinaus, warfen ihre Netze aus und kamen oft genug mit ansehnlichem Fang zurück. Heute sind sie Auslaufmodelle und vertreiben sich in der Bar ihre Zeit, wiewohl sie eigentlich von ihr vertrieben werden. Da ist der alte Pep, der Toni mit den noch immer pechschwarzen Haaren und dem Gesicht einer verschrumpelten Zitrone und Francesco mit der wie angewachsenen Baskenmütze.

Philipe, ein kompakter vierschrötiger Kerl, hatte einen kleinen Hund, ohne den er nirgendwo anzutreffen war. Mit viel Fantasie konnte man annehmen, dass seine Abstammung auf einen Pudel zurückzuführen war. Das Fell hatte die Struktur eines stark benutzten Flickenteppichs und wies interessante Farbtupfer auf, die es wohl beim Streichen der Boote abbekommen hatte. Ungeniert dessen durfte der Hund immer auf Philipes Schoß sitzen und beobachtete ungemein interessiert alle Vorgänge in der illustren Runde.

Die Tage tropften dahin, eintönig und einförmig, wie der Wasserhahn drinnen in der Bar. Aber einmal, da war alles anders. Sie saßen wie immer beisammen und schauten hinaus aufs Meer. Das Gespräch holperte träge dahin, als Philipe herbeischlurfte, mit hängenden Schulter, ein Gezeichneter. Ein kleiner weißer Flederwisch umtänzelte ihn. Philipe würdigte diesen keines Blickes. Was war Schreckliches geschehen? Wo war die kleine Pulga? Woher kam dieser neue Hund? Philipe stieß den Sessel mit dem Fuß beiseite und ließ sich krachend hineinfallen. Alle Blicke waren auf sein rotes, schweißnasses Gesicht gerichtet. Er wusste nicht, wohin er schauen sollte.

Inzwischen hatte sich der grobschlächtige Hund des Barbesitzers mit seinen zu kurz geratenen Beinen interessiert der Szene genähert. Fasziniert, aber mit bewundernder Zurückhaltung und verdrängtem Verlangen pirschte sich der schwarze Pock wie ein alter Professor, der eine seiner hübschen Kommilitoninnen betrachtet, an dieses unvergleichlich grazile Wesen heran und schnupperte vorsichtig, hinten und vorne, das atemberaubende Parfum. Sein dicker Schwanz pendelte erst zaghaft hin und her, dann immer schneller, bis er zuletzt wie ein rasender Trommelschlegel herumwirbelte. Sein Körper spannte sich, er drückte seine Brust heraus und fühlte sich in diesem Augenblick unwiderstehlich. Hätte er statt der krummen Beine zwei Hände zur Verfügung gehabt, er hätte sich genüsslich den angegrauten Schnauz gestrichen. Dabei gab er japsende Laute von sich und sprang herum wie eine alte Kuh. Tja, er verstand eben was von Weibern! Er war seit jeher ein glühender Verehrer von Pulga, stand nicht auf der Leitung und reagierte.

Das weiße Hündchen versuchte unterdessen vergeblich, auf Philipes Schoß Platz zu nehmen. Dieser wusste das Bestreben mit weit gespreizten Beinen erfolgreich zu verhindern und blickte mit verbittertem Gesicht in die Runde. Er begegnete verwunderten und fragenden Blicken. Beschämt und zornig spuckte er auf den Boden und bellte buchstäblich die Worte heraus: „Mi hija“, meine Tochter, „ha provocado este escandalo“, sie hat diesen Skandal verursacht! Das Prusten, Krächzen und Gurgeln der belustigten Kumpane war kaum zu überbieten. Dies war ja kein Hund, dies war ein kleines, lächerlich aufgeputztes Geschöpf und hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem Hund des alten Fischers. Zu beiden Seiten ihres kahl geschorenen Schnäuzchens wies Pulga nun ein flaumiges Haarbällchen auf, das ihr ein äußerst affektiertes Aussehen gab. Der Körper war bis hinunter zu den spitzen kleinen Pfoten mit aufgeplustertem Gewölle bedeckt. Das Lächerlichste aber war das dünne kahle Schwänzchen, dessen Ende einer neckischen Puderquaste glich. Das Gewieher und Gelächter der Männer lockte den Kellner Pons aus seinem Gehäuse, und weil er von der Tragödie keine Ahnung hatte, versuchte er sofort, den neuen Hund zu verscheuchen. Streuner gab es ja genug, und wie der aussah, gehörte er sicher keinem Einheimischen, das war eher das Anhängsel eines Touristen.

Für Philipe war das Maß nun voll. Er verschmähte den in Aussicht gestellten Herbas, der als Trost für sein maßloses Missgeschick spendiert wurde, und stapfte müde davon. Ein alter Mann, dem man schlimm mitgespielt hatte, umtanzt von einem flauschigen Hündchen, das um einen Blick und um ein Wort seines geliebten Herrn bettelte. Eine kleine Wolke, der der Himmel abhanden gekommen war.

Fundhund

Naxia

Petra Wilfert

Ein lautes Poltern an der Tür. Es ist ungefähr zwei Uhr nachts und das Paar in Zimmer acht erwartet keinen Besuch. Die Warnung der Reiseleitung noch im Ohr, Türen und Fenster gut verschlossen zu halten, auch wenn dieses für die Nachbarinsel galt, ergehen die beiden sich in Vermutungen: Was war das? Ein Landstreicher, die Engländer von nebenan? Vielleicht hat Nancy Bob ausgesperrt und der nächtigt jetzt auf dem Treppenabsatz zwischen den Zimmern? Wer immer da draußen ist: Er spricht nicht, und so vergehen zwei Stunden, während der Wind, der hier Meltemi heißt, ums Haus bläst und das Paar zurück in einen unruhigen Schlaf findet.

Im Morgengrauen schließlich – denn bei Licht sieht schon alles anders aus – fassen sich beide ein Herz und öffnen die Tür. Auf der Schwelle finden sie weder ihren Zimmernachbarn Bob noch einen Landstreicher, sondern einen Hund. Er wedelt verhalten mit dem Schwanz und bittet mit den Augen um Einlass. Der wird ihm gewährt, denn vor Hunden hat das Paar – nennen wir es Elke und Klaus – keine Angst, wenn auch genauso wenig Ahnung von ihnen. Dass dieser Hund nicht alleine ist, offenbart sich ihnen trotzdem schnell, denn er geht herum, kratzt sich, legt sich hin, kratzt sich wieder, schnüffelt in den Ecken, kratzt sich, lässt sich nieder und kratzt sich erneut. Aha, Flöhe, denken sich Elke und Klaus, und weiter nichts dabei.

Aber was ist das? Der Hund verliert wässrig-blutige Tropfen. Ist er etwa verletzt? Nein, das ist er nicht, und ein Er erst recht nicht. Eine Hündin steht vor ihnen, und offenbar eine in einem hormonellen Ausnahmezustand. Wahrscheinlich hat sie nachts nicht nur vor dem garstigen Wind, sondern auch vor ein paar aufdringlichen Artgenossen Schutz gesucht. Da schämt sich das Paar natürlich, dass es seine Tür nicht früher geöffnet hat, und beeilt sich, mit etwas Essbarem Wiedergutmachung zu leisten. Leider findet sich nur ein wenig trockenes Brot, aber die Hündin freut sich trotzdem. So verbringen die drei einige Stunden, bis die Wirtin mit dem Frühstück kommt. Sie hat zum Glück nichts einzuwenden gegen den zusätzlichen Gast.

Irgendwann steht die Hündin an der Tür. Dass die Menschen sie ihrer Wege gehen lassen, ist selbstverständlich, schließlich ist sie ihr eigener Herr. Aber schon bald sehen sie sich wieder. Als Elke und Klaus sich in den Mietwagen setzen, um einen Ausflug zu machen, hüpft die Hündin wie selbstverständlich hinein und nachdem die Aufforderung auszusteigen nicht fruchtet – wie auch, schließlich ist sie eine Griechin, die glaubhaft vorgeben kann, deutsche Vokabeln nicht zu beherrschen –, begleitet sie die beiden auf ihrer Exkursion.

Der Ausflug führt sie in eine Bucht, die auf drei Seiten von Felsen und auf einer Seite vom Meer umschlossen ist. Sie ist nur durch Klettern oder Schwimmen erreichbar. Elke und Klaus entscheiden sich für Letzteres. Das behagt der Hündin gar nicht, trotzdem lässt sie sich nicht davon abhalten, den Menschen zu folgen. Aber sie sucht sich ihren eigenen Weg über die Steilwand hinunter. Wasserscheu ist sie, aber dafür schwindelfrei, das wissen Elke und Klaus nun über sie. Schwindelfrei, freundlich, beharrlich, mutig und ganz nebenbei eine echte Schönheit auf hohen Beinen, mit dreifarbigem Fell und großen, klugen, braunen Augen. Dem trockenen Brot folgt am Strand ein Glas Frankfurter Würstchen, extra für die neue Begleiterin gekauft. Die drei sitzen im Schatten und dösen, behalten einander aber stets im Auge, und als der Badeausflug vorbei ist, treten alle zusammen den Rückweg an, der Hund ohne Leine und ohne Kenntnis der deutschen Sprache, aber das gewährte Obdach, das Brot und die Würstchen haben wohl schon so etwas wie ein Band geknüpft.

Nur gegen die Flöhe müsste man etwas tun, beraten sich die Hundefreunde, denn das Tier plagt sich ganz fürchterlich, und etwas Futter wäre auch gut, schließlich kann man einen Hund nicht nur mit Frankfurtern ernähren. Also fahren Elke und Klaus mitsamt der Hündin Richtung Stadt. Der Laden für Tierbedarfsartikel ist geschlossen, doch ein auf der Insel ansässiger Berliner kommt zufällig vorbei und weist ihnen den Weg zum Tierarzt. Damit stellt er eine der Weichen, die manche Leute Zufall nennen und andere Schicksal.

Der Tierarzt untersucht die Hündin gründlich. Den Flöhen wird der Garaus gemacht, den wahrscheinlich vorhandenen Würmern ebenso, die Hündin wird geimpft und gechippt. Und da der Veterinär gleichzeitig Besitzer des Zooladens ist, können Elke und Klaus nun doch noch groß einkaufen. Dass die Hündin aber tatsächlich mit nach Deutschland reisen würde, ist den beiden in diesem Moment keineswegs klar. Der Mietvertrag, der keine Hundehaltung zulässt, die Arbeit – alles spricht dagegen. Und überhaupt: Darf man einen Hund, der seine Freiheit gewohnt ist, einfach so aus seinem gewohnten Umfeld herausreißen und in eine völlig andere Welt verfrachten? Aber wie dem auch sei! Am Ende ist die Streunerin jedenfalls Besitzerin eines Napfes, eines Halsbandes und wegen des Autoverkehrs in der Stadt auch einer Leine. Sie hat ausreichend Verpflegung bekommen, einen Pass und infolge dessen auch einen Namen: Naxia, nach der Insel, von der sie stammt. So hat sie der Tierarzt getauft, was nicht besonders originell ist, Elke und Klaus aber gut in den Ohren klingt.

In der Stadt kommen die beiden Urlauber auf die Idee, sich das Castro anzusehen. Man stelle sich eine griechische Altstadt um die Mittagszeit vor: malerisch auf einem Hügel gelegen, mit verwinkelten Gassen, verbunden durch Treppchen und enge Stiegen, weiß getünchte Mauern, auf denen Katzen flanieren, still und verlassen. In dieser Altstadt bummeln Elke und Klaus nun mit einer läufigen Hündin. Es dauert keine fünf Minuten, bis ein grau-weiß-wuscheliges Fellknäuel, gerade mal halb so hoch wie Naxia, die Verfolgung aufnimmt. Des verheißungsvollen Geruchs wegen hat er sein schattiges Plätzchen am Eingang eines Restaurants an der Promenade verlassen. Und es bleibt nicht bei dem einen Verehrer. Bald hat er Konkurrenz in Gestalt eines ebenso kleinen, wuscheligen Artgenossen. So laufen Mensch und Hund auf und ab durch die engen, weiß getünchten Gassen. Haben sie den einen Vierbeiner gerade abgehängt, kommt unter Garantie ein anderer um die Ecke gehetzt. Am Ende sitzen zwei Menschen und drei Hunde total erschöpft auf einer Treppe; es ist einfach zu heiß für so viel Anstrengung.

Am kommenden Tag steht bei Elke und Klaus eine Fototour auf dem Plan. Dabei dürfen sie die Hündin nicht mitnehmen. Sie fürchten, ihre neue Freundin nach dem Ausflug nicht wieder anzutreffen; allerdings ist sie bis jetzt jedes Mal zu ihnen zurückgekommen, also wagen die beiden es, alleine loszugehen. Leider kommt diesmal alles anders: Bei der Rückkehr ist die Hündin verschwunden. Von einer anderen Urlauberin erfahren Elke und Klaus, dass sie die Hündin gesehen habe. Sie sei sehr wohl zum Hotel zurückgekehrt. Als sie ihre neuen Freunde jedoch nicht vorgefunden habe, sei sie ihr zum Strand gefolgt. Als die Frau in einen Bus gestiegen sei, habe sich die Hündin einem Jogger angeschlossen. Ab da verliert sich ihre Spur.

Elke und Klaus suchen nach Naxia, obwohl es aussichtslos zu sein scheint. Sie könnte ja überall sein: hinter jeder Düne, jeder Hecke, jedem Mäuerchen, kilometerweit weg. Oder auch längst bei anderen Leuten. Selbst wenn die beiden nicht suchen, sind sie mit ihren Gedanken oft bei der Streunerin. Im Internet finden sie bestätigt, dass Hunde hier nicht viel gelten, was sie ja bereits mit eigenen Augen beobachten konnten. Und sie haben ihr auch noch das Halsband angelegt, was hatten sie sich dabei bloß gedacht! Jetzt würde jeder annehmen, die Hündin gehöre jemandem, und würden sie deshalb möglicherweise nicht füttern! Ohne Halsband hätte sie vielleicht jemand mit nach Hause genommen und ihr ein Heim gegeben, was Elke und Klaus sich nicht zugetraut hatten. Aber so besteht diese Chance wohl kaum. Was alles passieren kann, wenn man gute Absichten hat!

Zwei Tage vor unserer geplanten Abreise – mittlerweile ist es wohl an der Zeit, uns zu erkennen zu geben – hatten mein Mann Wolfgang und ich unsere Suche aufgeteilt; er fuhr die Straße entlang, während ich am Meer durch den Sand stapfte. Wir hatten einen Tipp bekommen, uns dort nach der Hündin umzuschauen. Am Strand von Agia Anna herrschte buntes Treiben. Aus dem Augenwinkel erspähte ich plötzlich – fast war ich schon vorbei – etwas Schwarzes zwischen zwei Liegestühlen. Es brauchte nicht das rote Halsband, um sie zu erkennen, unsere Naxia! Ganz matt war sie, hatte offenbar lange nicht getrunken. Die Touristen duldeten sie in einer Kuhle im Sand unter sich, waren aber nicht auf die Idee gekommen, ihr Wasser anzubieten. Erst nachdem sie ausgiebig getrunken hatte, leckte sie unsere Hände und es kam Leben in sie. Jetzt gab es kein Zurück mehr, wir mussten sie mitnehmen! Notfalls würden wir umziehen und überhaupt unser ganzes Leben umkrempeln.


Naxia veränderte in der Tat unser Leben komplett. Wir brachten nämlich nicht nur sie mit, sondern mit ihr auch sieben Welpen, die gut zwei Monate später bei uns zur Welt kamen. Aber das ist eine andere Geschichte. Naxia lebt seit nunmehr neun Jahren bei uns, zusammen mit ihrem Sohn Loukas, den wir von allen Welpen am meisten ins Herz geschlossen hatten. Wir haben sie nicht fragen können, ob sie ihr sonniges Heimatland verlassen und mit uns ins kühle Deutschland kommen wollte. Aber ich glaube, alles in allem ist sie ganz zufrieden mit ihrem Schicksal und auch wir haben unsere Entscheidung nicht ein einziges Mal bereut.

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22 dekabr 2023
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9783927708747
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