Kitabı oxu: «Literarische Mehrsprachigkeit im österreichischen und slowenischen Kontext»

Literarische Mehrsprachigkeit im österreichischen und slowenischen Kontext
Alenka Koron / Andreas Leben
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-7720-8676-2 (Print)
ISBN 978-3-7720-0097-3 (ePub)
Inhalt
Vorwort
Auf dem Weg zu literarischer Mehrsprachigkeit Literaturverzeichnis
Ein- und Mehrsprachigkeit literarischer Systeme Literaturverzeichnis
Kleine Literaturen: Eine Übersicht der Begrifflichkeiten1 BegriffsübersichtLittératures à rayonnement limité – weniger verbreitete LiteraturenLittérature mineure – minor literature – ‚kleine Literatur‘Interregionale Literaturen / contact literaturesLittératures de l’exiguïté – Literaturen der KleinheitUltraminor literatures2 Deleuze und Guattari revisited3 Typologie kleiner europäischer LiteraturenLiteraturverzeichnis
Zum Modell und Begriffsfeld des überregionalen literarischen Interaktionsraums (ausgehend von der Literatur der Kärntner Slowen_innen) 1 Zur Problemstellung 2 Der Begriff des ‚überregionalen literarischen Interaktionsraums‘ 3 Der literarische Interaktionsraum aus raumtheoretischer Perspektive 4 Der Interaktionsraum und seine Anwendbarkeit Literaturverzeichnis
Institutionen, Akteure, Modelle: Das Kärntner zweisprachige literarische Feld als Anziehungspunkt für deutschsprachige Autor_innen Verlage Wissenschaftsinstitutionen, Kulturinitiativen, Vereine Literaturwettbewerbe und Preise Theater Erinnungskulturelles Repertoire als Modellfall für literarischen Transfer Formen der literarischen Mehrsprachigkeit auf der Textebene Fazit Literaturverzeichnis
Wie produziere ich als slowenischer Autor in Kärnten 2.0? Zum literarischen Selbstverständnis neuerer Kärntner slowenischer Literatur im Spannungsfeld zwischen Mehrsprachigkeit und Innovation 1 Literarische Praxis 2 Tradition, Innovation und Mehrsprachigkeit 3 Wie produziere ich als slowenischer Autor in Kärnten? 4 Talking ’bout my generation 5 Literatur in Bewegung 6 Beseitigte Dörfer, brennende Städte 7 Neue Perspektiven Literaturverzeichnis
Der biographische Interaktionsraum der Kärntner Slowen_innen Was sind Biographien? Wo sind Biographien Kärntner slowenischer Autor_innen anzutreffen? Biographische Darstellungen zwischen Eigen- und Fremdzuschreibungen Warum ‚biographischer Interaktionsraum‘? Literaturverzeichnis
Form und Bedeutung des Slowenischen in der Literatur Florjan Lipuš’ Literaturverzeichnis
„Wahrheit des Klangs“: Die vielen Sprachen und ihre Funktion(en) im dramatischen Werk Peter Handkes 1 Einleitung 2 Theorie: Zum Begriff der Sprachigkeit 3 Methode: Die Datenbank Handke: in Zungen 4 Anfang: Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke (1966) 5 Mitte und Wandel: Über die Dörfer (1981) 6 (Vorläufiger) Schluss: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2015) 7 Conclusio Literaturverzeichnis
Die Zweisprachigkeit Kärntens als Motor für den Literaturtransfer aus dem Serbokroatischen seit den 1990er Jahren 1 Vorbemerkungen 2 Spezifikum Österreich 3 Spezifikum Kärnten und die Kärntner Slowen_innen 4 Die Rolle der Kärntner slowenischen Verlage 5 Der Motor Zweisprachigkeit Literaturverzeichnis
Mehrsprachigkeit und Multikulturalität in den literarischen Werken von Josip Osti und Goran Vojnović Literaturverzeichnis
Die Literatur migrantischer Autor_innen im Kontext der slowenischen Literatur und Kultur Schluss Literaturverzeichnis
Zur literarischen Zweisprachigkeit slowenischer Schriftsteller in ItalienEinleitende Absteckung des ThemasDie VorgängerDie ZeitgenossenFazitLiteraturverzeichnisAnhangBibliographie zeitgenössischer zweisprachiger Literatur slowenischer Schriftsteller in Italien
Zeitgenössische Literatur der italienischen Minderheit in Istrien Einleitung Historische Skizze der italienischsprachigen Literatur in Istrien und der Kvarner Bucht Schriftsteller und Dichter der italienischen Volksgruppe in Istrien und Rijeka Charakteristika der zeitgenössischen italienischen Literatur in Istrien und der Kvarner Bucht Thematiken der zeitgenössischen italienischen Schriftsteller in Istrien und der Kvarner Bucht Literarische Mehrsprachigkeit und Multikulturalität in der italienischsprachigen Literatur Istriens Fazit Literaturverzeichnis
Regionale Sprachspiele: Für eine Komparatistik der Alpen-Adria-Region 1 Die konkrete Voraussetzung: das biographische Dazwischen 2 Literatur und Sprache als ausgrenzende und als integrierende Faktoren 3 Textkorpus 4 Dialogizität der Region – Polyphonie und Pluralität der Literaturen 5 Die Perspektive: Die Alpen-Adria-Region als Laboratorium der Kulturen Literaturverzeichnis
Literarische Mehrsprachigkeit in österreichischer Migrationsliteratur – Formen, Funktionen und Rezeption bei Tomer Gardi, Semier Insayif und Vladimir Vertlib1 Literatur und Migration, Migrationsliteratur und literarische Mehrsprachigkeit2 Beispiele für literarische Mehrsprachigkeit in Migrationsliteratur im österreichischen Kontext2.1 Latente Mehrsprachigkeit in Vladimir Vertlibs Erzählung Abschiebung (1995)2.2 Semier Insayifs Faruq (2009), ein mehrschriftlicher Roman2.3 Sprachkreativität eines mehrsprachigen Autors: Tomer Gardi, broken german (2016)ResümeeLiteraturverzeichnis
Literarische Identitätskonstruktionen in der Marburger Zeitung in den Jahren des Großen Krieges 1 Einleitung 2 Historische Kontexte 3 Die Marburger Zeitung 4 Identitätskonstruktionen zwischen eigenem, fremdem und kollektivem Gedächtnis 5 Schlussfolgerungen Literaturverzeichnis
Transdifferenz in der Literatur deutschsprachiger Migrantinnen in Österreich-Ungarn 1 Ausgangshypothese 2 Material 3 Transdifferenz 4 Intersektionalität 5 Methode 6 Resümee Literaturverzeichnis
Literarische Zweisprachigkeit im slowenischen Teil der Habsburger Monarchie Schluss Literaturverzeichnis
Autorinnen und Autoren
Personenregister
Register
Vorwort
Der vorliegende Band geht auf die Tagung „Literarische Mehrsprachigkeit in Österreich und Slowenien“ zurück, die im April 2018 vom Institut für Slawistik der Universität Graz in Kooperation mit dem Wissenschaftlichen Forschungszentrum der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste (ZRC SAZU) in Graz veranstaltet wurde. Anlass für das Zusammentreffen von in Deutschland, Italien, Luxemburg, Österreich und Slowenien tätigen Forscherinnen und Forschern war das vom Fonds zur Förderung der Wissenschaft finanzierte Projekt „Die zweisprachige literarische Praxis der Kärntner Slowenen nach der Einstellung des mladje (1991) und ihre Position im überregionalen literarischen Interaktionsraum“, dessen Gegenstand nicht nur die Literatur der slowenischen Minderheit in Kärnten war, sondern Literatur jedweder Provenienz, die in einem rezeptiven, partizipativen oder produktiven Verhältnis zu dieser Literatur und ihren Produktionsweisen steht. Ziel der Tagung war es, den methodischen Zugang und erste Projektergebnisse im erweiterten Kontext aktueller slowenistischer, germanistischer und romanistischer literaturwissenschaftlicher Mehrsprachigkeitsforschung zu erörtern. Den Ausgangspunkt bildeten mit Österreich und Slowenien jene beiden Länder, auf die sich im Wesentlichen auch der im Projekt untersuchte Interaktionsraum erstreckt. Durch diesen Bezug sollte nicht nur ein diskursiver Rahmen für die Diskussion und den Vergleich mehrsprachiger literarischer Praxen bei minoritären und/oder migrierten Autorinnen und Autoren umrissen werden, vielmehr ging es auch darum, die behandelten Themen in ein Spannungsverhältnis zu den in beiden Ländern vorherrschenden monolingualen Paradigmen und den damit verbundenen Problemfeldern zu setzen. Die Engführung zweier konkreter staatlicher bzw. nationaler Zusammenhänge und die Notwendigkeit, diese ständig durchbrechen zu müssen, erwies sich für die Diskussion theoretischer Konzeptionen und Modelle wie auch für die Auseinandersetzung mit Formen und Funktionen literarischer Mehrsprachigkeit als überaus erhellend. Für den gegenständlichen Band konnte das Spektrum der auf der Tagung behandelten Fragestellungen wesentlich erweitert werden: zum einen dank der Kolleginnen und Kollegen, die an der Tagung persönlich nicht teilnehmen konnten, jedoch von Anfang an in das Buchprojekt eingebunden waren; zum anderen dank jener Beiträge, die auf Anfrage eigens für diese Publikation verfasst wurden und vor allem den Blick auf die ‚kakanische‘ Dimension literarischer Mehrsprachigkeit im österreichischen und slowenischen Kontext vertiefen.
Dass gut ein Jahr nach einer Konferenz auch schon die dazugehörige Publikation nachgereicht werden kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Möglich gemacht haben dies zu allererst die Beitragenden sowie die Übersetzerinnen und Übersetzer, die sich alle an die relativ straffen Zeitvorgaben gehalten haben, wofür wir ihnen als Herausgeberin und Herausgeber herzlich danken möchten. Gedankt sei an dieser Stelle der Università degli Studi di Trieste und den anderen Förderern, die Mittel für die Übersetzung einzelner Beiträge bereitgestellt haben, Claudia Mayr-Veselinović für ihre tatkräftige Mitarbeit bei der Organisation der Tagung und der redaktionellen Betreuung der Texte sowie Rolf Parr und Till Dembeck, die uns die Möglichkeit eröffnet haben, den Band in der Reihe „Literarische Mehrsprachigkeit/Literary Multilingualism“ zu publizieren. Unser besonderer Dank gilt schließlich der Universität Graz und dem Wissenschaftlichen Forschungszentrum der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste für die großzügige Förderung des Gesamtprojekts, das im Herbst dieses Jahres mit dem Erscheinen der slowenischen Fassung dieses Bandes im Verlag ZRC SAZU seinen vorläufigen Abschluss finden wird.
Graz und Ljubljana, Mai 2019 Andreas Leben und Alenka Koron
Auf dem Weg zu literarischer Mehrsprachigkeit
Andreas Leben (Graz), Alenka Koron (Ljubljana)
Mit seiner Themensetzung, der literarischen Mehrsprachigkeit im österreichischen und slowenischen Kontext, positioniert sich der vorliegende Band an einer Schnittstelle slawistischer, germanistischer, romanistischer und komparatistischer Forschung. Länder-, regionen- und sprachenübergreifende Vergleiche sind im literaturwissenschaftlichen Feld gewiss keine Seltenheit, sie zielen in der Regel jedoch auf Fragestellungen ab, die eine eingehendere Befassung mit den dahinterstehenden nationalen literarischen Systemen nicht unbedingt erforderlich machen. Eben diese Absicht liegt den hier versammelten Beiträgen zugrunde, die ausgehend von den heutigen literarischen Verhältnissen die Rahmenbedingungen literarischer Mehrsprachigkeit, aber auch das Neben- und Miteinander mehrsprachiger Literaturen anhand zweier nationaler bzw. staatlicher Gebilde, nämlich Österreich und Slowenien, aufeinander beziehen. Die beiden Nachbarländer scheinen für einen solchen Zugang nicht nur aufgrund zahlreicher historischer, politischer und kultureller Gemeinsamkeiten und Verwerfungen besonders geeignet, sondern auch weil sie trotz ihrer gewachsenen sprachlichen Vielfalt auch ein Beispiel für die Wirkmächtigkeit homogenisierender nationaler Ideen sind. Monolinguale Nationalliteraturen mögen in der Tat „eine allenfalls pragmatisch zu rechtfertigende Fiktion“ (Schmitz-Emans 2004: 11) sein, nichtsdestoweniger ist hier die Hegemonie des Deutschen, dort die Hegemonie des Slowenischen nicht zu übersehen, weshalb der Blick auf Minderheiten-, Migrations- anderssprachige oder mehrsprachige Literaturen in beiden Ländern lange Zeit verdeckt blieb. Einleitend sei daher zumindest skizzenhaft auf die Entstehung und die Auswirkungen dieser hegemonialen Verhältnisse eingegangen, die sowohl für die mehrsprachige literarische Produktion als auch für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen von maßgeblicher Bedeutung sind, die aber signifikante Unterschiede aufweisen.
Im Allgemeinen kann festgehalten werden, dass der Literatur im slowenischen Zusammenhang eine ungleich höhere identitätsstiftende nationale Funktion zugeschrieben wird, als dies in Österreich der Fall ist, dennoch darf die Bedeutung von Literatur für die Herausbildung und Entwicklung des heutigen Österreich-Bewusstseins nicht unterschätzt werden. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als sich das politische Österreich in Anlehnung an die Moskauer Deklaration als ‚erstes‘ Opfer der nationalsozialistischen Aggression zu verstehen begann (vgl. Uhl 2001), löste man sich von der Idee der Zugehörigkeit zur ‚deutschen Sprachnation‘, bis sich schließlich in den 1970er Jahren die Vorstellung von Österreich als einer souveränen Staatsnation mit eigener Identität mehrheitlich etablierte (vgl. Bruckmüller 1998). In fortschreitender Abgrenzung von Deutschland kam es auch zu einer „Nationalisierung des literarischen Feldes“ (Sievers 2016: 23–30), die insbesondere die literarischen Strukturen betraf, von denen viele in den 1970er und 1980er Jahren neu geschaffen wurden. Auch die österreichische Germanistik begann den Staat nun als eigenen Literaturraum zu begreifen (vgl. Zeyringer 1995: 42–53), wobei der Fokus ganz auf der deutschsprachigen Literatur zu liegen kam, obwohl eingeräumt wurde, „daß es hier auch Literatur in mehreren Sprachen zu betrachten gilt“ (Schmidt-Dengler/Zeyringer 1995: 16). Auch der durchschlagende Erfolg des von Peter HandkeHandke, Peter und Helga MračnikarMračnikar, Helga ins Deutsche übertragenen Romans Der Zögling Tjaž (1981) von Florjan LipušLipuš, Florjan vermochte zunächst nur wenig an der Randposition nichtdeutschsprachiger Literatur zu verändern. Noch 1986 stellte der Lyriker Jani OswaldOswald, Jani ironisch fest, dass durch das Gerede um eine Literatur, die im Original fast niemand kenne und die nur zum Teil über gute Übersetzungen zugänglich sei, die Rolle der Kärntner slowenischen Autor_innen als „Exoten“ auf dem Schauplatz der österreichischen Literatur lediglich einzementiert werde (Oswald 1986: 16). Erst mit dem Ende des realen Sozialismus und der politischen Neuordnung Europas begann sich das österreichische literarische Feld für die Literatur der sogenannten Volksgruppen oder autochthonen Sprachminderheiten, vor allem der Kärntner Slowen_innen, später auch für die Literatur von zugewanderten Autor_innen (vgl. Sievers 2017: 30–35) zu öffnen. Ein erstes Zeichen der Sichtbarmachung nichtdeutschsprachiger Autor_innen war Gerald Nitsches Anthologie Österreichische Lyrik … und kein Wort Deutsch (1990) mit Texten von knapp 40 Migrant_innen und Minderheitenangehörigen,1 der noch weitere Anthologien dieser Art folgten, allerdings blieb das wissenschaftliche Interesse an Migrant_innenliteratur wie auch am Thema Migration bis in die frühen 2000er Jahre verhalten.2 Zur bereits früher einsetzenden und zunächst breiteren Wahrnehmung der Literatur der Kärntner Slowen_innen trugen neben der regen literarischen Produktion auch die slowenischen bzw. zweisprachigen Kärntner Verlage, die aufkommende Übersetzungstätigkeit und nicht zuletzt die im Bereich literarischer Mehrsprachigkeit anzusiedelnden komparatistischen und literaturpädagogischen Forschungen an der Universität Klagenfurt wesentlich bei.3 Diese sind auch deshalb von Bedeutung, weil dadurch Texte Kärntner slowenischer Autor_innen Aufnahme in den sich herausbildenden literarischen Mehrsprachigkeitsdiskurs fanden (vgl. Strutz/Zima 1996).Oswald, JaniHaderlap, Maja4 Vor allem die Literaturpädagogik war bestrebt, die Literaturen von Minderheiten und Migrant_innen gleichwertig zu vermitteln (vgl. Wintersteiner 2006: 115, 146–148; Mitterer/Wintersteiner 2009) und räumte ihnen aufgrund ihrer interkulturellen und interlingualen Eigenschaften auch einen Platz innerhalb des Konzepts kulturvermittelnder Weltliteratur ein (Wintersteiner 2006: 240–242, 269–272). Folgerichtig stellte die neuere Literaturgeschichtsschreibung schließlich fest, dass „Mehrsprachigkeit und Multikulturalität am Beginn des 21. Jahrhunderts wieder zu einem wichtigen Element der österreichischen Literatur“ geworden sind (Kriegleder 2011: 571), und nahm daher auch Literatur migrierter oder einer ethnischen Minderheit zuordenbarer Autor_innen in die Gesamtdarstellung österreichischer Literatur auf (vgl. Kriegleder 2011; Zeyringer/Gollner 2012). Nicht alle Institutionen im österreichischen literarischen Feld halten mit dieser Entwicklung Schritt, weshalb sich immer wieder die Notwendigkeit ergibt, Anpassungen vorzunehmen, beispielsweise um auch nicht Deutsch schreibende Autor_innen mit wichtigen nationalen Auszeichnungen und Preisen würdigen zu können.Lipuš, Florjan5
In der Grundtendenz ähnlich und doch wesentlich verschieden sind die Verhältnisse in Bezug auf nichtslowenische Literatur und literarische Mehrsprachigkeit in Slowenien. Die im 19. Jahrhundert postulierte Existenz einer slowenischen Sprach- und Kulturnation, die sich unter anderem gerade durch die Berufung auf die Literatur legitimierte und emanzipierte, fand gewissermaßen ihre Erfüllung in der 1991 ausgerufenen staatlichen Souveränität Sloweniens.6 Die Literatur und ihre Repräsentanten und Institutionen verloren danach rasch an ‚nationaler‘ Bedeutung, jedoch etablierte sich das Slowenische als die gesellschaftlich und literarisch dominante Sprache. Die autochthonen ethnischen Minderheiten erhielten umfassende Rechte, wurden aber genauso wie die zahlenmäßig zum Teil weitaus stärkeren, als Minderheit jedoch nicht anerkannten Ethnien aus den anderen ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens im neu entstandenen slowenischen literarischen Feld marginalisiert.7 Folglich gab es kaum Anlass, unter ‚slowenischer Literatur‘ etwas anderes zu verstehen als in slowenischer Sprache geschriebene Literatur, und zwar unabhängig davon, wo sie entsteht und veröffentlicht wird. Nicht zuletzt wird dieses Bild durch die slowenische Literaturgeschichte verfestigt, die seit ihren Anfängen auf in slowenischer Sprache geschriebene Literatur abgestellt ist.8 Eine neue, konzeptuell die Gesamtheit der Sprachen und Literaturen Sloweniens berücksichtigende Literaturgeschichte liegt zwar nicht vor, jedoch hat Miran HladnikHladnik, Miran bereits nachdrücklich darauf hingewiesen, dass der Begriff ‚slowenische Literatur‘ wesentlich breiter gefasst werden muss, als dies in den bisher erschienenen Literaturgeschichten der Fall ist. Seiner Ansicht nach ist Slowenisch als Sprache des Originals für die Einordnung eines Textes unter diesen Begriff kein Schlüsselkriterium mehr, vielmehr seien auch Übersetzungen ins oder aus dem Slowenischen und anderssprachige Literatur slowenischer oder anderer Autor_innen, die in Slowenien gelesen werden, ebenfalls zu berücksichtigen (Hladnik 2013: 323). Um überhaupt eine „emanzipierte Diskussion“ über die verschiedenen Literaturformen im slowenischen Zusammenhang zu ermöglichen, schlug er des Weiteren vor, statt des üblichen Terminus ‚slowenische Literatur‘ den Begriff „literatura na Slovenskem“ (‚Literatur im slowenischen Raum‘) zu verwenden (Hladnik 2016: 49).9 Die Bestrebungen, die interkulturelle Verfasstheit der slowenischen Gesellschaft und Literatur stärker ins Bewusstsein zu heben, nehmen ihren Ausgang Mitte der 2000er Jahre, als die Anglistin und Literaturhistorikerin Meta GrosmanGrosman, Meta 2004 einen vielbeachteten Band zum Thema Literatur in der interkulturellen Kommunikation veröffentlichte. Schon im darauffolgenden Jahr war das traditionelle Sommerseminar an der Universität Ljubljana der Multikulturalität in der slowenischen Sprache, Literatur und Kultur gewidmet (vgl. Stabej 2005), und in den Jahren 2004 bis 2007 beschäftigten sich Janja Žitnik SerafinŽitnik Serafin, Janja, Lidija DimkovskaDimkovska, Lidija und Maruša Mugerli LavrenčičMugerli Lavrenčič, Maruša in einem Forschungsprojekt mit dem literarischen und kulturellen Bild der Einwanderer in Slowenien, aus dem unter anderem eine bis heute zentrale Monographie zur Lage der Migrantenliteratur und -kultur im slowenischen Raum hervorging (vgl. Žitnik Serafin 2008). Ebenfalls 2008, im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs unter slowenischer EU-Ratspräsidentschaft, wurde anlässlich des Slowenischen Slawistenkongresses in Klagenfurt, der zugleich dem 500. Geburtstag des Reformators und Begründers der slowenischen Schriftsprache Primož TrubarTrubar, Primož gewidmet war, der Versuch unternommen, die interkulturelle Slowenistik in Fachvorträgen (vgl. Košuta 2008) und durch einen Runden Tisch zum Thema10 stärker zu profilieren. Mittlerweile haben die Themen Interkulturalität und Mehrsprachigkeit Eingang in zahlreiche gesellschafts- und geisteswissenschaftliche Forschungsbereiche gefunden, zumal es in Slowenien eine lange Tradition in der Ethnizitäts- und Minderheitenforschung gibt, wohingegen sie in der slowenistischen Literaturwissenschaft, aber auch im slowenischen literarischen Feld insgesamt noch immer eher ein Randthema sind. Neben Miran HladnikHladnik, Miran, der in seinen Forschungen in erster Linie die Literaturbeziehungen in der älteren slowenischen Literatur in den Blick nimmt, und Silvija BorovnikBorovnik, Silvija, die sich seit den 1990er Jahren mit interkulturellen Aspekten und Mehrfachzugehörigkeiten in der zeitgenössischen slowenischen Literatur auseinandersetzt (vgl. Borovnik 2017), widmen sich zwar auch zahlreiche andere Forscher_innen mitunter diesem Themenkomplex, trotzdem hat sich weder in der slowenischen noch in der slawistischen noch in der vergleichenden Literaturwissenschaft ein Forschungszweig herausgebildet, der sich speziell mit literarischer Mehrsprachigkeit beschäftigen würde. Sogar der Begriff ‚literarische Mehrsprachigkeit‘, dem im Slowenischen die Bezeichnungen ‚literarna večjezičnost‘ oder ‚literarno večjezičje‘ entsprechen, scheint, gemessen an der Häufigkeit seiner Verwendung, fast noch ein Neologismus zu sein.
Dass die Konzeption und Anwendung inter- und transkultureller Forschungszugänge, aber auch die Verhältnisse und Regelungen im slowenischen literarischen Feld in Bezug auf literarische Mehrsprachigkeit auf verschiedene Hindernisse stoßen, wie sie auch in den Beiträgen dieses Bandes zur Sprache kommen werden, mögen folgende Beispiele illustrieren: 2012 änderte der Slowenische Schriftstellerverband seine Statuten dahingehend, dass auch nicht Slowenisch schreibende Autor_innen dem Verband beitreten können. Dieser ermöglichte auch das Erscheinen einer mehrsprachigen Literaturanthologie (Dimkovska 2014), in der 34 Migrant_innen und Angehörige der autochthonen Minderheiten in Slowenien vertreten sind, die strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen zur Förderung und Verbreitung anderssprachiger oder mehrsprachiger Literatur haben sich ansonsten aber kaum verändert. So gibt es in Slowenien bis heute keine Institution, die etwa mit dem Verein Exil, der Initiative Minderheiten oder Initiativen wie dem Hohenemser Literaturpreis vergleichbar wäre.11 Nach wie vor virulent ist die von der in Slowenien lebenden US-amerikanischen Schriftstellerin Erica Johnson DebeljakJohnson Debeljak, Erica (2013) aufgeworfene Frage, wer eigentlich ein slowenischer Schriftsteller sein darf, und ob es nicht möglich sein sollte, den renommierten Kresnik-Preis auch an Autor_innen wie die Deutsch schreibende Kärntner Slowenin Maja HaderlapHaderlap, Maja zu vergeben. In gewisser Weise hat das slowenische Schulwesen diese Frage jüngst beantwortet, denn als Thema für den Essay bei der Zentralmatura 2019 aus dem Fach Slowenisch hat die zuständige Kommission Maja HaderlapsHaderlap, Maja Roman Engel des Vergessens in der Übersetzung von Štefan VevarVevar, Štefan ausgewählt (Božič/Špacapan/Adam 2018).
Die hier skizzierten Entwicklungslinien im österreichischen und slowenischen Diskurs rund um Mehrsprachigkeit und Literatur machen auch deutlich, dass der Grad individueller, kollektiver, gesellschaftlicher, territorialer und institutioneller Mehrsprachigkeit für sich genommen für deren Präsenz und Akzeptanz nur wenig Aussagekraft hat. So zählt Slowenien in Bezug auf die Zwei- und Mehrsprachigkeit seiner Bewohner_innen zu den Spitzenreitern in der Europäischen Union (European Commission 2012: 15), trotzdem scheinen gegenwärtig die Voraussetzungen für die Produktion, Verbreitung und Rezeption mehrsprachiger Literatur in Österreich, das sich statistisch gesehen lediglich im europäischen Mittelfeld befindet (ebd.), wenn auch nicht ideal, so doch ungleich besser zu sein.12 Dabei nimmt die Mehrsprachigkeit der EU-Bevölkerung im Vergleich zu 2005, wie aus den von der Europäischen Union in Auftrag gegebenen Umfragen hervorgeht, grosso modo ab (ebd.: 5, 142). Die „Polygamie der Sprachen“, von der Beck und Grande in ihrem Appell für eine „innere Kosmopolitisierung“ Europas sprechen, womit sie das Erlernen von Englisch als Drittsprache und einer weiteren europäischen oder nichteuropäischen Sprache als Zweitsprache meinen, scheint demnach auf der Stelle zu treten. Mehr noch: Die Feststellung, dass manche europäischen Länder eine zugleich protektionistische und imperialistische Sprachenpolitik betreiben und die nationale Kultur und Identität ihrer Sprache „schützen“ und in ihrem Geltungsbereich „ausdehnen“ wollen, während andere um das Überleben ihrer Sprache „kämpfen“ und wiederum andere sich auf der globalen Geltung ihrer Sprache „ausruhen“ können (Beck/Grande 2004: 158), hat nichts an Gültigkeit verloren, wobei die Wortwahl wohl nicht von ungefähr daran erinnert, dass Sprachenpolitik als ein umkämpftes Feld widerstreitender Interessen aufgefasst werden muss. Von daher scheint es geboten, den Mehrsprachigkeitsdiskurs – ob in den Erziehungswissenschaften, der Fremdsprachendidaktik, der Linguistik oder den Literaturwissenschaften – immer auch im Kontext der jeweiligen politischen, ideologischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten und Kräfteverhältnisse zu denken, zumal die enge gesellschaftliche Bindung auch dafür ausschlaggebend sein dürfte, dass dieser Forschungszweig seit Jahrzehnten einen beachtlichen Boom verzeichnet, der längst auch die Literaturwissenschaften erreicht hat. Aus der Forschungsgeschichte geht überdies hervor, dass das Phänomen literarischer Mehrsprachigkeit zumeist innerhalb von Einzelphilologien untersucht wird, die im Normalfall nur wenig Notiz voneinander nehmen.13 Als „ruhmreiche Ausnahme von der Blindheit der Nationalphilologien für Sprachwechsel und -mischung“ (Dembeck 2017: 153) kann die Romanistik genannt werden, die „immer schon mehrere Sprachgebiete und Nationen abdeckt“. Ähnliche Voraussetzungen böte an sich die Slawistik, vor allem jene außerhalb der slawischen Länder,14 allerdings kann das weitgehende Fehlen aussagekräftiger Bestandsaufnahmen zu diesem Thema als Hinweis darauf gelten, dass in der Slawistik wie auch in den Nationalphilologien vieler slawischer Länder, so in Slowenien, die literarische Mehrsprachigkeit ein relativ junges und wenig etabliertes Forschungsfeld ist.15
Wenn die lebensweltliche Mehrsprachigkeit einer Gesellschaft oder eines Landes nicht zwangsläufig zu einer größeren Sichtbarkeit literarischer Mehrsprachigkeit führt, unterstreicht dies die Bedeutung der Verhältnisse im literarischen Feld und der Intensität der Bindung der jeweils dominanten (Literatur-)Sprache an essenzialistische Kategorien und Konstruktionen wie Ethnizität, Nation, Identität. Im slowenischen Kontext sind diese Kategorien in deutlich größerem Maß wirksam, was sich auch am literaturwissenschaftlichen Diskurs ablesen lässt. Dies gilt auch für den Umgang mit der slowenischen Literatur in Kärnten bzw. der Literatur der Kärntner Slowen_innen, die ein zentrales Bindeglied zwischen Österreich und Slowenien bzw. zwischen der Germanistik, Slawistik und Komparatistik der beiden Länder darstellt. Denn während die österreichische Literaturwissenschaft seit mehreren Jahrzehnten zumeist die interkulturellen, zwei- oder mehrsprachigen Aspekte dieser Literatur in den Mittelpunkt rückt, wurde insbesondere das deutschsprachige literarische Schaffen der Kärntner Slowen_innen seitens der slowenischen Literaturwissenschaft bis vor wenigen Jahren mit wenigen Ausnahmen außer Acht gelassen. Später wurde diese Praxis mitunter als mögliches Anzeichen von Assimilation (vgl. Bandelj 2008: 175) oder schlicht als trauriges Faktum gedeutet (vgl. Borovnik 2008: 53–54), während sie heute – zusammen mit der Literatur von Slowenien nach Österreich migrierter Autor_innen – wiederum als „Musterfall“ literarischer Interkulturalität erachtet wird (Borovnik 2017: 71).
Die zwei- und mehrsprachige literarische Praxis der Kärntner Slowen_innen diente auch als Angelpunkt für die hier versammelten Beiträge. Denn was sie über den österreichischen und slowenischen Kontext hinaus interessant macht, ist nicht nur ihre heterogene Entwicklung in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten, sondern auch die Tatsache, dass sie Gegenstand einer breit gefächerten, nicht nur literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung ist, wie sie für eine kleine Literatur keine Selbstverständlichkeit darstellt. So bietet diese Literatur mit ihren vielfältigen Formen, Funktionen und Paradoxen, ihren Institutionen und ihrer Einbindung in Diskurse, die von traditioneller Heimatliteratur bis hin zur Weltliteratur reichen, ideale Voraussetzungen für die Anbindung an Fragen nach der Funktionsweise literarischer Felder und Systeme wie auch für die Diskussion minoritärer, überregionaler, polyphoner, migrantischer und transkultureller Literaturen, deren gemeinsames Merkmal Mehrsprachigkeit ist.
Obwohl es sich angeboten hätte, die Beiträge nach Kriterien wie diesen in mehrere Abschnitte zu gliedern, werden sie hier in loser Abfolge, die vom Allgemeinen zum Speziellen führt, aneinandergereiht, auch um die unterschiedlichen Zugänge zu den behandelten Themen nicht durch einen hervorgehobenen theoretisch-methodischen Teil zu überlagern. Zugleich soll die Anordnung die Möglichkeit bieten, bestimmten Diskurslinien in der Auseinandersetzung mit der Literatur der Kärntner Slowen_innen, der Slowen_innen in Italien und der italienischen Minderheit im kroatischen und slowenischen Istrien sowie der Literatur mehrsprachiger oder migrierter Autor_innen im österreichischen und slowenischen Kontext zu folgen, wobei ein Bogen gespannt wird, der von der Gegenwart bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.
Am Beginn steht der Beitrag von Marko Juvan, der ausgehend vom multilingualen und weltliterarischen Diskurs analysiert, wie das welt-systemische Kapital Druck auf die seit etwa 200 Jahren vorherrschenden nationalen literarischen Systeme und das literarische Welt-System ausübt und zu (literarischer) Einsprachigkeit zwingt. Periphere, minoritäre, regionale oder migrantische Literaturen erweisen sich aus dieser Perspektive als Refugien der sterbenden liberalen Idee der Multikulturalität, die selbst wiederum die marktbedingten Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse lediglich verschleiert. Wenn jenseits linksliberaler intellektueller Kritik und religiös-fundamentalistischer, nationalistisch-rassistischer und populistischer Bewegungen Widerstand gegen die ökonomische Logik des Kapitals formiert und Mehrsprachigkeit mit tatsächlicher Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung ausgestattet werden soll, gelte es, fortschrittliche gesellschaftliche Praktiken, eine andere theoretische Sprache und ein alternatives literarisches Ökosystem zu etablieren. Im Spannungsfeld von nationalen und weltliterarischen Konzeptionen, des Zentrum-Peripherie-Diskurses und marktökonomischer Aspekte ist auch der Beitrag von Jeanne E. Glesener angesiedelt, der in kritischer Auseinandersetzung mit DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix den vielschichtigen Terminus ‚kleine Literaturen‘ aus forschungsgeschichtlicher Perspektive beleuchtet. Mit Blick auf die Rolle der Mehrsprachigkeit wird eine differenzierte Begriffstypologie erstellt, die auch berücksichtigt, ob es sich bei den gebräuchlichen Begriffen um Fremdzuschreibungen dominanter oder Selbstbeschreibungen dominierter Literatursysteme handelt. Die daraus resultierende vorläufige Typologie kleiner europäischer Literaturen legt nahe, kleine Literaturen außerhalb nationaler und einsprachiger Prämissen zu denken, ihre womöglich eigenen Ästhetiken verstärkt zu untersuchen und deren literaturtheoretisches Potenzial für eine pluralistisch angelegte Literaturentwicklung zu nutzen. Solche Potenziale legt gerade auch die literarische Komparatistik der Alpen-Adria-Region frei, an die das von Andreas Leben am Beispiel der Literatur der Kärntner Slowen_innen vorgestellte Modell für die Erforschung überregionaler, zwei- oder mehrsprachiger literarischer Interaktionsräume methodologisch anschließt. Von anderen raumbasierten Konzepten unterscheidet sich das an Bourdieu, LefebvreLefebvre, Henri und LotmanLotman, Jurij orientierte Modell, das ohne ethnische, nationale und identitätsbildende Kategorisierungen auszukommen versucht, vor allem darin, dass es sich nicht mit exemplarischen Beobachtungen begnügt, sondern die Erhebung empirischer Daten voraussetzt, anhand derer konkrete Aussagen über die Beschaffenheit und Stabilität inkorporierter mehrsprachiger literarischer Felder möglich sind. Die Einbettung der Literatur von Kärntner Slowen_innen in einen solchen Interaktionsraum ermöglicht nicht nur einen anderen konzeptuellen Zugang zu literarischer Mehrsprachigkeit, sondern auch zu den damit verbundenen Institutionen, Repertoires und Modellen, die Erwin KöstlerKöstler, Erwin in den Blick nimmt, und zwar unter dem Aspekt, dass auch deutschsprachige Autor_innen in zunehmendem Ausmaß diese Angebote und Möglichkeiten nutzen, was auch Auswirkungen auf die Formen literarischer Mehrsprachigkeit auf der Textebene bei deutschsprachigen Autor_innen verschiedener Provenienz wie Peter HandkeHandke, Peter, Hugo RamnekRamnek, Hugo, Simone SchönettSchönett, Simone, Thomas PodhostnikPodhostnik, Thomas, Mathias Grilj und Peter WaterhouseWaterhouse, Peter nach sich zieht. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass sich die Kärntner slowenischen Autor_innen zusehends von den traditionellen Verlagen und Modellen abwenden, wie Dominik Srienc in seinem Beitrag darlegt. Er fokussiert auf die zwischen Tradition und Innovation oszillierenden zwei- und mehrsprachigen, intermedialen und digitalen Praxen bei Autor_innen wie Nikolaj EfendiEfendi, Nikolaj, Stefan FeinigFeinig, Stefan, Verena GotthardtGotthardt, Verena, Amina MajetićMajetić, Amina, Elena MessnerMessner, ElenaMessner, Janko, Aljaž PestotnikPestotnik, Aljaž, Dominik SriencSrienc, Dominik und Nina ZdoucZdouc, Nina, die zur neuen Kärntner slowenischen Literatur gezählt werden können und deren Literatur nicht mehr an einen spezifischen Ort oder eine spezifische Sprache gebunden ist, was auch den Begriff der ‚Kärntner slowenischen Literatur’ zu einem uneindeutigen, von Transformationsprozessen geprägten, beweglichen Gefüge macht. Als ein Feld der Uneindeutigkeiten erweisen sich auch die Biographien Kärntner slowenischer Autor_innen, denen Felix Kohl in repräsentativen slowenischen und deutschsprachigen Nachschlagewerken und Internetplattformen nachspürt. Auch hier zeigt sich, dass die Anwendung nationalstaatlicher, ethnischer und sprachlicher Kriterien – je nach Dominanz des zugrundeliegenden national(sprachlich)en literarischen Systems – zu durchwegs unterschiedlichen oder eklektischen Repräsentationen führt, die in Summe wiederum Spiegel der literarischen Praxen und der Position dieser Autor_innen an der Peripherie zweier literarischer Systeme sind und als solche für die Biographieforschung eine besondere Herausforderung darstellen. Florjan LipušLipuš, Florjan, einer der wenigen Kärntner slowenischen Autoren, die sich selbst immer als ‚slowenische Schriftsteller‘ bezeichnet haben, schreibt und publiziert fast ausschließlich in slowenischer Sprache. Dass sein Werk dennoch von Mehrsprachigkeit geprägt und durchzogen ist, zeigt der Beitrag von Silvija Borovnik, in dem Lipušʼ Sprache und die metadiskursive Auseinandersetzung mit Sprache, insbesondere mit der Muttersprache, in seinen drei jüngsten Erzählungen analysiert wird. Der Mehrsprachigkeit im Werk eines weiteren Kärntner Schriftstellers, der dem zweisprachigen literarischen Feld zugezählt werden kann, widmet sich Vanessa Hannesschläger, indem sie der Frage nachgeht, welche Rolle Vielsprachigkeit in den Bühnentexten Peter HandkesHandke, Peter spielt, wie sie sich manifestiert und verändert. Der Analyse liegen ausgewählte Texte aus der Datenbank Handke: in Zungen zugrunde, die belegen, dass der Autor in den letzten zwei Jahrzehnten den integrierten Sprachenkanon signifikant erweitert hat, darunter auf ‚Randsprachen‘ wie Arabisch und die südslawischen Sprachen. Was die Vermittlung serbokroatischer bzw. kroatischer, bosnischer und serbischer Literatur in den deutschsprachigen Raum mit dem zweisprachigen literarischen Feld zu tun hat, erläutert Elena Messner anhand der Vermittlungsarbeit der Kärntner slowenischen Verlage Drava und Wieser. Dass zwei Kleinverlage zuweilen den Import dieser Literatur(en) entscheidend mitbestimmen konnten, führt die Verfasserin auch auf die Minderheiten- bzw. Identitätspolitik der Kärntner Slowen_innen zurück, die eine primär kulturell und politisch ausgerichtete Verlagstätigkeit hervorgebracht hat, die über das nötige kulturelle Kapital verfügte, als das Interesse an ex-jugoslawischer Literatur in den 1990er Jahren zunahm. Der Zerfall Jugoslawiens hatte nicht nur einschneidende Auswirkungen auf die Gesellschaft und das Leben vieler Menschen in Slowenien, er veränderte auch die Schreibsituation von Autor_innen und das slowenische literarische Feld, wie Alenka Koron am Beispiel des mehrsprachigen literarischen Schaffens des bosnischen ‚Zuwanderers‘ Josip OstiOsti, Josip und des in Ljubljana geborenen ‚Bestsellerautors‘ Goran VojnovićVojnović, Goran ausführt. Doch ebenso, wie viele Menschen aus den Teilrepubliken des ehemals gemeinsamen Staates im unabhängigen Slowenien nicht integriert wurden, blieben auch die meisten der in erster oder zweiter Generation zugewanderten Autor_innen isoliert und wurden bzw. werden nur in Ausnahmefällen von der slowenischen literarischen Öffentlichkeit wahrgenommen. Die Gründe für diese Ghettoisierung führt Lidija Dimkovska in ihrem Beitrag auf, in dem sie auch Vorschläge für eine Verbesserung der Situation nach Slowenien zugewanderter Autor_innen macht, die in ihrer Erst- oder Zweitsprache schreiben. Ein gänzlich anderes Umfeld finden die slowenischen Literaturschaffenden in Friaul-Julisch Venetien vor, das Miran Košuta anhand eines typologisch fundierten Panoramas der zwei- oder mehrsprachigen literarischen Praxen von ca. sechzig zeitgenössischen Literaturschaffenden von Boris PahorPahor, Boris bis Igor PisonPison, Igor entfaltet. Viele schreiben nur auf Slowenisch, manche auch in slowenischer Mundart oder auf Italienisch, etliche übersetzen sich selbst in eine der beiden Sprachen, aber nur wenige von ihnen können als tatsächlich literarisch zweisprachig gelten. Ähnliches gilt für die italienischsprachigen Autor_innen im kroatischen und slowenischen Istrien, deren Schaffen Nives Zudič Antonič in einem umfassenden Abriss vorstellt. Die meisten von ihnen schreiben in einer Standardvarietät des Italienischen oder einem der istrovenezianischen oder istroromanischen Dialekte, verwenden aber in ihren Texten oft dialektale Ausdrücke oder Lehnwörter aus den in der Region gebräuchlichen oder auch aus anderen Sprachen, wie am Beispiel eines Dramentextes von Diego RunkoRunko, Diego erläutert wird. Dass sich gerade Istrien im Gefüge des ungewöhnlich vielfältigen Kontinuums der Literaturen der Alpen-Adria-Region aufgrund der mehrsprachigen Produktions- und Rezeptionsbedingungen durch ein besonders hohes Maß an kultureller Pluralität und Polyphonie auszeichnet, verdeutlicht Johann Strutz in seinem Plädoyer für regionale Sprachspiele und literarische Spielräume, die als reales und utopisches Moment in der Lage sind, durch permanente Sprachmischung die Kohärenz nationaler literarischer Felder erfolgreich zu unterlaufen, wie unter anderem am Beispiel Fulvio TomizzaTomizza, Fulvio und Milan RakovacRakovac, Milan gezeigt wird. Wenn das literarische Schaffen in der Erstsprache als ein Fundament für das Überleben der italienischen Volksgruppe in Istrien oder auch der slowenischen Minderheit in Kärnten erachtet werden kann, so verhält es sich mit der Literatur und Sprachwahl migrierter Autor_innen sichtlich anders. Nicht in der Erstsprache zu schreiben, ist ein gemeinsames Merkmal so unterschiedlicher Autoren wie Vladimir VertlibVertlib, Vladimir, Semier InsayifInsayif, Semier und Tomer GardiGardi, Tomer, an deren Beispiel sich Sandra Vlasta mit Formen latenter Mehrsprachigkeit und Mehrschriftlichkeit in deutschsprachigen Texten österreichischer Migrationsliteratur beschäftigt, die sie nicht biographisch, sondern thematisch per se als mehrsprachige Literatur definiert. Eingegangen wird auch auf die Rezeption der behandelten Texte und die Schwierigkeit der Partizipation mehrsprachiger Autor_innen und Texte am deutschsprachigen Literaturbetrieb. Die abschließenden Beiträge kontrastieren die heutige Situation mit den literarischen, nationalen und ideologischen Gegebenheiten während des Ersten Weltkriegs sowie im ausgehenden 19. Jahrhundert. Matjaž Birk und Sašo Zver untersuchen anhand der in der Marburger Zeitung zwischen 1914 und 1918 veröffentlichten Erzählungen und Gedichte Deutsch schreibender Autor_innen die darin repräsentierten Identitätsnarrative, die in zeitgeschichtlichen, insbesondere mit dem Krieg verbundenen Themen zum Ausdruck kommen und in der Regel auf dem Mechanismus der Abgrenzung bzw. des Ausschlusses des Anderen beruhen. Die traditionelle kulturelle und sprachliche Heterogenität der steirischen und Krainer Region wird dabei programmatisch ausgeblendet, es finden sich jedoch Repräsentationen entfernter, pluriethnischer, multilingualer Räume an den Grenzgebieten der Habsburgermonarchie und insbesondere Deutschlands, denen stellenweise Mehrsprachigkeit eingeschrieben ist, die aber aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse und des Einflusses von Patriotismus, Heimatideologie und Religiösität die Ansätze für Mehrsprachigkeit ebenso versiegen lassen wie für die Inszenierung alternativer sozialer Praktiken. Dass die deutschsprachige Literatur solche alternativen, binäre Inklusions-Exklusions-Schemata überwindende Inszenierungen durchaus kannte, erhellt der Beitrag von Alexandra Millner. Ausgehend von ihren auf Transdifferenz und Intersektionalität beruhenden Forschungen zur Literatur (binnen-)migrierter Autorinnen in Österreich-Ungarn im Zeitraum von 1867 bis 1918 illustriert die Verfasserin anhand eines Textes der Wiener Wanderschauspielerin und Autorin Ada ChristenChristen, Ada (d.i. Christiane Breden) aus dem Jahr 1876, wie der universalistische Anspruch gesellschaftlicher Normen und kodifizierte Verhaltensweisen durchbrochen wurden. Am Beispiel der Slowenisch, Deutsch und Kroatisch schreibenden Autorin Zofka KvederKveder, Zofka wird auf die Problematik ungenauer oder verfälschter Sprachbiographien aufmerksam gemacht, die ihren Ursprung in den tradierten nationalistisch geprägten Diskursen zu haben scheinen. Einen solchen Diskurs nimmt abschließend Miran Hladnik in den Blick, der sich in seinem Beitrag mit dem in der slowenischen Literaturgeschichte unterrepräsentierten Aspekt der Deutsch und Slowenisch schreibenden Autor_innen im slowenischen Raum des 19. Jahrhunderts beschäftigt und mit seiner Darstellung dezidiert von den bisher praktizierten Mustern ‚slowenischer‘ Literaturgeschichte als Geschichte der in slowenischer Sprache verfassten Literatur abrückt. Im Fokus steht das von nationalen Interessen, Programmen und Spannungen geprägte Verhältnis zwischen den um den Erhalt ihrer kulturellen Hegemonie ringenden ‚Deutschen‘ und den sich kulturell emanzipierenden ‚Slowenen‘. Der Beitrag will nicht als akademische Randnotiz verstanden werden, sondern soll Anreiz für eine breitenwirksame Neuverhandlung der Sinngebung von Identität bieten, zumal das Scheitern damaliger alternativer interkultureller Kulturkonzepte darauf zurückgeführt werden kann, dass nur die slowenischen Autor_innen zweisprachig waren.
Indem HladnikHladnik, Miran als Inspiration für seine neuerliche Auseinandersetzung mit den slowenisch-deutschen Verhältnissen im literarischen 19. Jahrhundert die Aufnahme von Autor_innen wie Maja HaderlapHaderlap, Maja und Erika Johnson DebeljakJohnson Debeljak, Erica in das gegenwärtige System slowenischer Literatur nennt, schließt sich in gewisser Weise auch der Kreis der in diesem Band behandelten Themen. Viele der angesprochenen Bereiche, die mit literarischer Mehrsprachigkeit im österreichischen und slowenischen Kontext zu tun haben, konnten nur gestreift werden, andere mussten hier gänzlich außer Acht gelassen werden. Doch wenn der Band mehr Fragen aufwirft als er zu beantworten vorgibt, dann, so die Hoffnung der Herausgeberin und des Herausgebers, vermag er vielleicht auch über den Mehrsprachigkeitsdiskurs hinaus etwas zu bewegen.
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Ein- und Mehrsprachigkeit literarischer Systeme
Marko Juvan (Ljubljana)
Abstract: Drawing on YildizYildiz, Yasemin’s recent book on multilingualism and BeecroftBeecroft, Alexander’s work on the ecology of world literature, the present study focuses on the tendency of the social system of literature to reduce multilingualism in favour of either a single mother tongue (‘national’ literary language within national literary systems) or a single world language (within the world literary system). Whereas world literature initially evolves as a multilingual and autonomous system that is believed to transcend national literatures because of its universal values, particular national literatures fashion their individuality in the international space and having regard to the aesthetic transcendence of world literature. In late modern Europe, national literary systems normally show the transition from vernaculars functioning in a multilingual context (usually dominated by a cosmopolitan language) to monolingualism dominated by the ‘national’ literary language, whose standardisation underpins the public sphere of a particular national community. On the other hand, the world literary system is originally multilingual. Foregrounding multidirectional translation, world literature requires cosmopolitanism and polyglottism from its mediators. However, due to the asymmetric distribution of cultural capital, the world literary system tends towards monolingualism; that is, the global hegemony of world languages. Contrary to the cores of literary systems, national and global alike, which lean toward monolingualism, the systemic margins reproduce and even stimulate multilingualism (e.g. minority, regional or mobile literary practices).
Keywords: literary systems, world literature, national literature, multilingualism, monolingualism
Globalisierung ist ein allgemein verbreiteter Euphemismus für die Hegemonie der multinationalen Konzerne in den Händen der transnationalen Plutokratie, den schnellen Transfer von Finanzkapital, für Migration und die ungezügelte Ausbeutung von peripheren Arbeitskräften und Arbeitsmitteln, die neoliberale Unterminierung der Nationalstaaten und die militärische Vernichtung ungehorsamer Peripherien. In der Ideologie ihrer Metropolen erzeugte die sogenannte Globalisierung neben der Theorie und Praxis der Multikulturalität ein weiteres Phänomen: Auch in der Literaturwissenschaft verbreitet sich in letzter Zeit die These, das literarische Schaffen werde zunehmend mehrsprachig, oft auch sprachlich hybrid, sodass es sich in ein transnationales Phänomen im Spannungsfeld zwischen der Vorherrschaft des Englischen im literarischen Welt-System einerseits und der Polyzentralität und Mobilität der Schriftstellerinnen und Schriftsteller andererseits verwandle (vgl. Yildiz 2012: 1–29; Dembeck/Parr 2017: 10–17; Gilmour/Steinitz 2018: 1–15). Doch genau so verhält es sich mit dem Schrifttum in Europa bereits von der archaischen Zeit über die Antike und das Mittelalter bis hin zur frühen Neuzeit, nicht nur in der Literatur des Westens, sondern auch in anderen Zivilisationen (vgl. Forster 1970).
Blickt man zurück in die Vergangenheit des heutigen Slowenien und seiner näheren Umgebung, so stößt man zwangsläufig auf viele Spuren von Mehrsprachigkeit. Neben den Freisinger Denkmälern (Brižinski spomeniki), der Sitticher Handschrift (Stiški rokopis) und den anderen Dokumenten des Schrifttums der Sprache, die im 19. Jahrhundert unter dem Namen Slowenisch standardisiert wurde, können die lateinischen und deutschen Handschriften für den kirchlichen und weltlichen Gebrauch nicht übersehen werden. Primož TrubarTrubar, Primož, der als Wegbereiter der slowenischen Literatur gilt, schrieb seine Briefe und die Vorworte zu seinen reformatorischen Schriften auf Deutsch, der Kaisersprache des Heiligen Römischen Reiches. Als solche war das Deutsche neben dem Lateinischen und Italienischen auch bei anderen Schreibern in Krain in Verwendung, angefangen von der Gegenreformation und dem Barock, über die Aufklärung bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel bei dem Universalgelehrten Johann Weichard ValvasorWeichard Valvasor, Johann, dem slowenischen Komödienschreiber Anton Tomaž LinhartLinhart, Anton Tomaž und sogar dem sog. Nationaldichter France PrešerenPrešeren, France. Diese Kultursprachen ermöglichten den Gelehrten die Arbeit in der europäischen ‚literarischen Republik‘. Davon zeugen die handschriftlichen Nachlässe Valvasors, Johann Ludwig Schönlebens, Siegmund Herbersteins, der Mitglieder der Academia operosorum in Ljubljana (Vidmar 2013), vor allem aber jene des Aufklärers Žiga ZoisZois, Žiga und des „Patriarchen der Slawistik“ Jernej KopitarKopitar, Jernej (Vidmar 2010).
Und heute? Die Dezentralisierung der slowenischen Standardsprache kann bereits seit den umstürzlerischen Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts verfolgt werden, welche im Umfeld der Studentenbewegung den ökonomisch-wirtschaftlichen Status quo zum Bröckeln brachten, und zwar auch mithilfe der theoretischen und literarisch-künstlerischen Dekonstruktion von allem, was bis dahin eine zentrale Position innehatte, von der herrschenden Partei und der bipolaren Weltordnung bis hin zur Literatursprache und Nationalliteratur, zum Kunstwerk und zur kohärenten Struktur des Textes. Der Dichter Tomaž ŠalamunŠalamun, Tomaž gehörte zu den ersten, die in literarische Texte umgangssprachliche, englische, italienische und serbokroatische Elemente einflochten, der Dichter und Dramatiker Milan JesihJesih, Milan sowie der Schriftsteller Marko ŠvabićŠvabić, Marko fügten alldem noch slowenische literarische Archaismen hinzu. Mit ihrem Spiel der Signifikanten, ihrem Ludismus, öffneten sich die Türen der Literatur für die Pluralisierung und Hybridisierung der slowenischen Literatursprache mit Fragmenten aus Dialekten, Soziolekten, benachbarten Sprachen und Weltsprachen sowie der ‚Kreolsprache‘ der Zuwanderer. Dennoch blieb die Autorenfunktion innerhalb des slowenischen literarischen Systems sowohl damals als auch in den folgenden Jahrzehnten noch jenen verwehrt, die für ihre Arbeit und ihre Publikationen nicht die slowenische Standardsprache verwendeten und nicht die slowenische Staatsbürgerschaft besaßen. Sogar Literaturschaffende der slowenischen Volksgruppen in Italien, Österreich oder Ungarn wurden im literarischen Feld des sog. Mutterlandes – ungeachtet der ihnen von Zeit zu Zeit verliehenen Literaturpreise – mehrheitlich eher an den Rand gedrängt. Bis zum kürzlich erfolgten internationalen Durchbruch der Triester literarischen Autorität Boris PahorPahor, Boris traten sie nicht als exponierte Protagonisten auf, welche die slowenische künstlerische Entwicklung und politische Geschichte mitbestimmen. Auch die slowenische Dialektliteratur konnte keine wirklich bemerkbare Strömung erzeugen, sondern wurde als kurzfristige Nische innerhalb des postmodernen Ethno-Angebots angenommen.
Seit der Erlangung der Unabhängigkeit des Staates Slowenien machen sich im literarischen Feld auch Autorinnen und Autoren bemerkbar, die (teilweise) einen Migrationshintergrund haben und zweisprachig sind. Josip OstiOsti, Josip, Lidija DimkovskaDimkovska, Lidija, Goran VojnovićVojnović, Goran und andere haben sich mit Publikationen in slowenischer Sprache in die Medien, Institutionen und Verbände des slowenischen literarischen Systems integriert; als slowenische Autoren setzen sie sich auch international durch. Jene Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund, die nicht auf Slowenisch schreiben und publizieren, sind jedoch immer noch ghettoisiert. Dies liegt einerseits an der Trägheit des „monolingualen Paradigmas“ (der Begriff stammt von YildizYildiz, Yasemin (2012)), das derartige Phänomene als Emigrations- bzw. Migrationsliteratur bezeichnet, d.h. als dislozierte Einheit aus anderssprachigen literarischen Systemen (vgl. Žitnik Serafin 2008).Žitnik Serafin, Janja1 Ihren Teil zur Exklusion haben in Slowenien auch die Fremdenfeindlichkeit und die Überlegenheitskomplexe gegenüber dem sog. Balkan beigetragen, die als Phänomen des nesting orientalism (Bakić-Hayden 1995) ebenso in anderen aus den Trümmern des Ostblocks und des blockfreien Jugoslawien entstandenen Staaten bekannt sind.
Wenn also bereits ein oberflächlicher Blick offenbart, dass die Literatur in Slowenien nie lediglich einsprachig slowenisch war, wie kann man sich dann erklären, dass wir uns trotz der noch bis vor Kurzem den Diskurs der Political Correctness beherrschenden Idee der Multikulturalität2 so hartnäckig an die Vorstellung klammern, dass sich jede Schriftstellerin und jeder Schriftsteller nur in der sog. Muttersprache authentisch ausdrücken könne, und dass jedem einzelnen Volk nur eine einzige Literatursprache und Literatur gehörten? Warum betrachten wir auch die Weltliteratur als Verbindung nationaler Literaturen in voneinander unterscheidbaren Sprachen, die ebenso räumlich getrennt und abgezählt werden können? Bei der Beantwortung dieser Fragen stütze ich mich auf zwei aktuelle Konzeptionen – auf YildizYildiz, Yasemin’ (2012) Kritik des „monolingualen Paradigmas“ und BeecroftsBeecroft, Alexander (2015) „Ökologie der Weltliteratur“ – und stelle die Problematik in einen breiteren historisch-theoretischen Kontext zwischen BachtinsBachtin, Michail (1979: 154–300) Idee der Heteroglossie und systemischen Zugängen (Even-Zohar 1990).
Michail Bachtin betont die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung der Redevielfalt als diskursive Situation im Gegensatz zur einheitlichen Rede und Monologizität, d.h. der Vorherrschaft einer Rede über alle anderen. Die Redevielfalt bringt im Gegensatz zur Monologizität die Dialogizität hervor. Durch die Konfrontation, Verflechtung, Interaktion und Kreuzung unterschiedlicher Sprachen öffnet sich die Gesellschaft, die Durchsetzung unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessen und konfliktträchtiger ideologischer Perspektiven wird ermöglicht. Somit nähert sich die (dialogisierte) Bedeutungsstruktur des gesellschaftlichen Diskurses an die unvollendete Komplexität der Wirklichkeit an, weshalb sie im wahrsten Sinne des Wortes modern, gleichzeitig zum Geschehen der Wirklichkeit selbst wird. Auch Itamar Even-ZoharEven-Zohar, Itamar betont in seiner Polysystemtheorie – darin interpretiert er das Kommunikationsschema bedeutungsvoll in Kategorien des Marktes – die evolutionäre Rolle der Heteroglossie, der Heterogenität und der Interferenzen, d.h. der Interaktionen zwischen den unterschiedlichen Sprachen und Systemen. Mit Interferenzen könne nach Even-Zohar die Stagnation in den Systemen, die sich ansonsten an ihr eigenes Repertoire klammern und zu erstarren drohen, überwunden werden. Vor dem Hintergrund von Bachtins und Even-Zohars Auffassungen, welche die Mehrsprachigkeit als Triebfeder der literarischen Entwicklung sowie als Kriterium für Modernität betrachten, stellt sich noch viel dringlicher die Frage, warum gerade die schon seit etwa 200 Jahren vorherrschenden modernen literarischen Systeme (die nationalen literarischen Systeme und das literarische Welt-System) in ihrer Entwicklung von der Mehrsprachigkeit zur Einsprachigkeit strebten.
Sowohl Yasemin YildizYildiz, Yasemin als auch Alexander BeecroftBeecroft, Alexander weisen die feste Formel ‚Eine Sprache – ein Volk – eine Literatur‘ zurück. Selbst eine Sprache, die über eine eindeutige ethnische Denomination und sprachwissenschaftliche Standardisierung verfügt, ist tatsächlich nur eine von mehreren dialektal, funktional und soziolektal varianten Praktiken, welche durch einige phonologische, morphologische, lexikalische und syntaktische Merkmale zu einer Einheit verbunden werden. Die Standardvariante nimmt im sprachlichen Diasystem aufgrund ihrer durch die Verschriftlichung und die Medien unterstützten Normierung, Stabilität und allgemeinen Verbreitung, noch mehr aber aufgrund ihrer Repräsentativität bei der Gestaltung und Verbreitung von für den Bestand des Staates, der Religion, der Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit bedeutenden Inhalten eine zentrale Stellung ein. Die innere Schichtung und Varianz, in der die einzelne Sprache lebt, wird durch die Durchlässigkeit zwischen ihren Dialekten und den Dialekten der Nachbarsprachen noch zusätzlich verkompliziert. Die Abgrenzungen zwischen ihnen sind nicht linguistischer Art, sondern das historische Produkt von Ideologien sowie geopolitischen und religiösen Faktoren. Nicht zuletzt haben auch langfristigere Kontakte zwischen den Sprachen unterschiedlicher Völker, zu welchen es aufgrund von Migrationen, Eroberungen oder der Herrschaft des einen Volkes über andere kam, in jede Sprache auch fremdsprachige Beimengungen gebracht; demzufolge ist keine Sprache rein und autonom.
Ähnlich wie mit den Sprachen verhält es sich mit den Literaturen der Welt. Obwohl der Begriff Literatur zweifellos moderner und europäischer Herkunft ist, möchte uns BeecroftBeecroft, Alexander (2015: 8–14) davon überzeugen, dass eine nicht-eurozentrische Erörterung dieses Phänomens nichtsdestotrotz möglich sei, existierten doch auch in anderen Zivilisationen Konzeptionen, welche – ähnlich der europäischen Ästhetik ab dem 18. Jahrhundert – einen Diskurs hervorbringen, der anspruchsvoller gestaltet und schwerer begreifbar für ein gebildetes Publikum bestimmt und imaginativ sei. Literatur ist also etwas Universelles. Und was ist mit den Literaturen, könnte man mit Beecroft (2015: 14–17) fragen. Gehört jede Literatur einer räumlich und ethnisch festgelegten Gemeinschaft?
Johann Wolfgang von GoetheGoethe, Johann Wolfgang von, der nach August Ludwig von SchlözerSchlözer, August Ludwig von, Historiker der Aufklärung und Begründer des Begriffs Weltliteratur, ebendiesen in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts unter den europäischen Weltbürgern verbreitete, stellte sich im Aufsatz Epochen geselliger Bildung im Jahr 1831 die weltweite Entwicklung des literarischen Schaffens als Abfolge von der „idyllischen“ Epoche der engen, sprachlich selbstgenügsamen Gemeinschaften bis zur kommenden „universellen“ Epoche der weltweiten kulturellen Interaktion vor (Goethe 1999: 554–555). Nach ähnlichen Überlegungen über verschiedenartige soziale Gemeinschaften, innerhalb welcher in unterschiedlichen Zeitabschnitten und Zivilisationen die Wortkunst lebte, integrierten im 20. Jahrhundert die vergleichenden Literaturwissenschaftler Dionýz ĎurišinĎurišin, Dionýz (1984: 273–308; 1992: 109–138) und Irina NeupokoevaNeupokoeva, Irina (2012) das Konzept der Nationalliteraturen in ein System von Begriffen für sozialgeschichtliche Einheiten der literarischen Kommunikation; solche Begriffe sind zum Beispiel der Stamm, der antike und mittelalterliche Stadtstaat, die mittelalterliche Ethnie, die moderne Minderheit, die regionale Zone oder die interliterarische Gemeinschaft, welche durch Sprache, Religion, geographische Lage oder einen staatlich-politischen Rahmen verbunden ist. In der heutigen Zeit, die erstaunlicherweise auch in der Geisteswissenschaft zwischen dem transnationalen Trieb der (neo)liberalen Globalisierung und einem neu erweckten Nationalismus und Rassismus des rechtspopulistischen Widerstands gegen die Globalisierung pendelt, versucht mit ähnlichen Kategorien wie Neupokoeva und Ďurišin auch Alexander BeecroftBeecroft, Alexander die tief verwurzelte Annahme in Frage zu stellen, dass die Nationalliteratur das Elementarteilchen der Weltliteratur sei. In der Geschichte des Nordens und Südens, des Ostens und Westens der Welt schält er nämlich neben dem nationalen noch viele andere „Ökosysteme“ des Literaturkreislaufs heraus, welche die Weltliteratur geprägt haben. Er nennt sie die epichorische, panchorische, kosmopolitische, vernakuläre, nationale und globale Literatur (Beecroft 2015).
Archaische isolierte Gemeinschaften, zum Beispiel die griechische Polis oder die altchinesischen Stadtstaaten, gehen laut BeecroftBeecroft, Alexander von der sog. epichorischen zur panchorischen Ökologie über, sobald sich ihr selbstgenügsames Schrifttum und ihre Sprache über die gemeinsame Schrift und mythologisch-historische Vorstellungswelt oder über andere Gemeinsamkeiten mit ähnlichen Gemeinschaften in der näheren oder weiteren Nachbarschaft verbinden. Der zwischen ihnen stattfindende Austausch von Artefakten und Erzählungen, in welchen die Attribute der einzelnen Poleis und Gegenden zusammengefasst sind, schafft das Bewusstsein einer gemeinsamen sprachlich-kulturellen Zugehörigkeit, in welcher die lokalen epichorischen Kulturen eine Rolle erhalten, die über ihren Raum hinausgeht, so zum Beispiel im antiken Panhellenismus und dessen System von regional-dialektal markierten Stilen und Genres. Die sog. kosmopolitischen Ökologien, charakteristisch auch für das römische Imperium oder das islamische Kalifat, entstanden in Gebieten, wo jahrhundertelang eine prestigeträchtige Religions- oder Herrschaftssprache vorherrschte und verschiedene Völker, die ansonsten unterschiedliche lokale Sprachen verwendeten, miteinander verband. Aus den kosmopolitischen Ökologien entstanden später (in Europa ab dem späten Mittelalter) zahlreiche vernakuläre Ökologien, denen BeecroftBeecroft, Alexander besondere Aufmerksamkeit widmet. In diesen statteten die Gelehrten nach dem Vorbild der kosmopolitischen Sprachen die heimischen Sprachen mit einer passenden Schrift aus, normierten sie grammatikalisch und verwendeten sie bewusst als Ausdruck einer höheren Kultur, vor allem der Literatur. Wie die Beispiele Martin Luthers und Primož Trubars zeigen, entstanden die Vernakulare oftmals aus den Bedürfnissen religiöser Bewegungen wie der Reformation, aufgrund derer es zur Übersetzung der Bibel in die Volkssprachen kam, die damit auf die literatursprachliche Ebene gehoben wurden. An den Ausgangspunkten der vernakulären Manifeste, wie BeecroftBeecroft, Alexander DantesAlighieri, Dante Aufsatz De vulgari eloquentia oder Du BellaysBellay, Joachim Du Apologie La Défense et illustration de la langue française nennt, begannen sich die dem Lateinischen als Sprache der kosmopolitischen literarischen Republik untergeordneten Volkssprachen in ihrem Bestreben, die ungleichen Schichten der engeren ethnisch-sprachlichen bzw. religiösen Gemeinschaften gleichermaßen anzusprechen und zu verbinden, literarisch zu verselbstständigen. BeecroftBeecroft, Alexander erklärt in weiterer Folge, wie sich, basierend auf der vernakulären Ökologie und unter dem Einfluss der bürgerlich-revolutionären Idee von der Souveränität der Nation und des deutschen Kulturnationalismus, in Europa die nationalen Ökologien verbreiteten. Die Nationalismen brachten im langen 19. Jahrhundert retrospektive Interpretationen hervor, welche die ältere literarische Produktion (vor allem die vernakuläre) als Beweis für die kontinuierliche hundertjährige Geschichte einer erdachten Nation heranzogen. Gerade innerhalb dieser ideologischen Konstellation, die sich aus Johann Gottfried von HerderHerder, Johann Gottfried von und Wilhelm von Humboldt speiste, erhärtete sich auch das „monolinguale Paradigma“, von dem YildizYildiz, Yasemin (2012: 1–4) spricht. Die nationale literarische Ökologie zeichnet sich nämlich durch ihre Vorstellung aus, die „Muttersprache“ sei die natürliche Ausdrucksform des Sprachkünstlers und Identitätsmarker des Volkes, welchem eben jener von Geburt angehört; einzig und allein in der Muttersprache ist der Geist eines Volkes, seine unverwechselbare Eigenart, verkörpert (ebd.: 6–14).
Meinen Feststellungen zufolge begann sich die globale Ökologie, die nach BeecroftBeecroft, Alexander erst für den heutigen Kreislauf der Literatur in den Weltsprachen auf dem internationalen Buchmarkt typisch ist,Beecroft, Alexander3 bereits parallel zur nationalen Ökologie herauszubilden, wenngleich ich BeecroftsBeecroft, Alexander These zustimme, dass die heutige globale Ökologie das System der modernen Nationalliteraturen als Elemente der Weltliteratur noch übertrifft. BeecroftBeecroft, Alexander vergisst, dass gerade das Konzept der Weltliteratur, das im 19. Jahrhundert gemeinsam mit den Nationalliteraturen eingeführt wurde (JuvanJuvan, Marko 2012: 153–160), bereits Ansätze der Marktglobalisierung enthielt, welche damals den literarischen Kreislauf und Austausch zu bestimmen begann. Das exklusive Paar „national – weltweit“, durch das die Vorstellung von der Weltliteratur als internationaler Literatur geschaffen wurde, geht auf Goethes meistbeachtete Definition der Weltliteratur zurück. GoetheGoethe, Johann Wolfgang von führt nämlich die Weltliteratur im Gespräch mit EckermannEckermann, Johann Peter als neue Entwicklungsstufe der Wortkunst ein, auf welcher die Nationalliteratur ihre Bedeutung verliert.4 Er sieht sie als Ankündigung einer Epoche, in welcher die angebliche Selbstgenügsamkeit der Nationalliteratur – eines von HerderHerder, Johann Gottfried von Ende der Sechzigerjahre des 18. Jahrhunderts eingeführten Begriffs – durch den Kontakt der gebildeten bürgerlichen Eliten aus verschiedenen Teilen der Welt sowie den durch Handel und Übersetzungen bedingten Austausch von literarischen Gütern zwischen den Völkern, Sprachen und Zivilisationen überwunden wird. Eine derartige Interaktion mit dem Andersartigen sowie die Suche nach dem „allgemein Menschlichen“ sollte nach Goethe auch die einzelnen Sprachen und Literaturen schöpferisch erneuern. Andererseits erahnte er in seinen ökonomischen Metaphern bereits die Umrisse des internationalen Literaturmarktes, auf dem die nicht gleichberechtigten Nationalliteraturen sowie die Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ungleichen Sprachen nicht nur ihre geistigen Waren austauschen und sich so in wechselseitigem Verständnis und Dialog gegenseitig befruchten, sondern auch miteinander konkurrieren und um die Gleichberechtigung auf Ebene der kulturellen Ökonomie kämpfen. Mehr noch, Goethe sah als Anhänger einer kosmopolitischen kulturellen Aristokratie sogar die Gefahr voraus, dass der transnationale Buchmarkt einer trivialen Massenproduktion den Vorzug geben könnte, die sich mit ihrer ästhetisch unwürdigen Uniformität bei den Massen beliebt machen würde (Goethe 1999: 866–867; Juvan 2012: 121).
Wie ich an anderer Stelle im Detail erörtere, begründete GoetheGoethe, Johann Wolfgang von seine Idee der Weltliteratur im halbperipheren, zersplitterten Deutschland, das scheinbar hinter Frankreich und England, dem Zentrum der westlichen Welt, zurückblieb (Juvan 2012: 109–111). Als kosmopolitische Utopie, in welcher sich die Begeisterung über einen internationalen Kulturmarkt mit der Idee von der ästhetischen und interliterarischen Kultivierung einer allgemein menschlichen Ethik verflicht, brachte sie einen andauernden Metadiskurs über die Universalität der Weltliteratur hervor – jedoch, und das ist symptomatisch, aus einem partikulären, nationalistischen Blickwinkel. Goethe sah nämlich im Kreislauf der literarischen Werke über nationale und sprachliche Grenzen hinaus sowie im Aufschwung des geistigen Austausches eine Gelegenheit dafür, dass sich eine halbperiphere Nationalliteratur, was die deutsche seiner Ansicht nach war, sowohl mit ihrer Original-Produktion als auch mit ihren Übersetzungs- und Vermittlungskompetenzen international durchsetzt; immerhin war das Deutsche eine kaiserliche, zahlreichen kleineren Sprachen überlegene Sprache.
Auch die Praxis der Weltliteratur, die mit Übersetzungen, Inszenierungen, Kritiken und ähnlichen Rezeptionsformen die wirksame Präsenz literarischer Werke außerhalb ihres heimatlichen Umfeldes ermöglichte (vgl. Damrosch 2003: 4), entwickelte sich ab dem 19. Jahrhundert vor dem Horizont des Metadiskurses über die Wortkunst als ästhetisch autonomem Raum für den sprachlich-kulturellen Austausch zwischen den Völkern und Zivilisationen weiter. Wie Pascale CasanovaCasanova, Pascale (1999: 155) betont, waren die Nationalliteraturen im langen 19. Jahrhundert zwischen zwei Pole gespannt: Eine Seite sprach sich für die Verwurzelung der Heimatsprache und -literatur aus, die andere Seite hingegen orientierte sich an den vorgeblich höher entwickelten, moderneren Zentren. Aus dieser Perspektive hätten sich die Nationalliteraturen mit der Verinnerlichung universeller ästhetischer und humanistischer Werte der Weltliteratur auf eine höhere Entwicklungsstufe gehoben. Allgemein positionierten sich die Nationalliteraturen international, durch gegenseitige Nachahmung und wettbewerbsorientierte Vergleiche, auch wenn das von ihren Protagonisten geleugnet wurde. Als Maßstab für die internationale Anerkennung der Werke einer Nationalliteratur, die auf die Bestätigung durch die Eliten der Metropolen warteten, stellte man sich auf dem kosmopolitischen Pol eine generalisierte ästhetische Transzendenz aus Musterwerken vor, die sich im ewigen Kanon der Menschheit gefestigt hatten oder internationalen Ruhm genossen.
Das moderne nationale Literatursystem formierte sich – insbesondere wenn es ein peripheres war – typischerweise so, dass das multifunktionale Schrifttum, das in einer Situation wirkte, in welcher die Volkssprache im Schatten der kosmopolitischen, staatlichen beziehungsweise imperialen Sprache stand, nach und nach zu einer einsprachigen Literatur mit ästhetischer Bestimmung bereinigt wurde. Das Paradoxe daran ist, dass die Standardsprache, die in der sog. nationalen Ökologie zum Identitätsmarker der Volksgruppe wurde, als Vernakular nach dem Muster einer kosmopolitischen oder kaiserlich-imperialen Sprache – zum Beispiel des Lateinischen – grammatikalisch standardisiert wurde (vgl. Beecroft 2015: 153–178). Dabei wurde die nationale Standardsprache grammatikalisch, lexikalisch und rhetorisch auf eine Weise kultiviert, die mit dem Verhältnis zwischen dem Nationalen und dem Weltweiten in der Literatur übereinstimmt: Über den Wissenschafts- und Kunstdiskurs sowie die bildungsbürgerliche Eloquenz absorbierte sie Thematiken, Register und Imaginationen, die von internationalem Prestige, zivilisatorischer Zentralität und Universalität zeugen sollten.
Die dialektische Wechselbeziehung zwischen Nationalem und Weltweitem bei der Entstehung der ästhetischen Literatur kann durch die Geschichte vom Übergang vom multifunktionalen, mehrsprachigen Schrifttum in Slowenien zur einsprachigen slowenischen Literatur veranschaulicht werden (vgl. Juvan 2012: 235–284). Ende des 18. Jahrhunderts formuliert der Protagonist des ersten slowenischen Lyrik-Almanachs Pisanice od lepeh umetnost, der Klassizist Anton Feliks DevDev, Anton Feliks, in seinen slowenischen Gedichten das utopische Programm für die lexikalisch-grammatikalische Standardisierung einer (Krainer) Volkssprache, auf welche die Blütezeit der Krainer Literatur und die Geburt der hiesigen Klassik nach Vorbild des antiken Parnass folgen sollten. Wie BeecroftBeecroft, Alexander also für die Vernakularisierung allgemein feststellt, positioniert Dev das entstehende nationale literarische Ökosystem vor dem normativen Hintergrund des latinistischen Kosmopolitismus und der griechisch-lateinischen Klassik. Fortgesetzt wird die Geschichte mit dem romantischen Dichter PrešerenPrešeren, France, der zwar auch in der Kaisersprache Deutsch publizierte, seine Lyrik in slowenischer Sprache jedoch als Beitrag zum Kultivierungsprozess verstand, durch welchen die slowenische Standardsprache gerade auf dem Gebiet der Lyrik die Stufe einer höher entwickelten und einflussreicheren Kultursprache erreichen sollte. Im Kreise des Lyrik-Almanachs Krajnska čbelica stellte er, unterstützt durch die ästhetisch-philosophischen und komparatistischen Konzepte Matija ČopsČop, Matija, die im Entstehen begriffene nationale Ökologie vor den Hintergrund einer globalen Ökologie, d.h. in Beziehung zur Weltliteratur. Diese erhielt in Goethes Weimar gerade zu dieser Zeit ihre Begrifflichkeit. Im Geiste des ästhetischen Universalismus der Gebrüder SchlegelSchlegel, August Wilhelm versuchte Prešeren das lyrische Slowenisch auf eine international vergleichbare Ebene zu stellen, indem er die Vorstellungswelten, Versformen und Stilregister der Weltliteratur von der antiken Klassik über europaweit anerkannte mittelalterliche und neuzeitliche Meister der Dichtkunst bis hin zu neueren berühmten Autoren wie zum Beispiel Gottfried A. BürgerBürger, Gottfried A., George N. ByronByron, George N. oder Adam MickiewiczMickiewicz, Adam intertextuell verarbeitete.Prešeren, France5 Als die Nationalbewegung in ihrer politischen Phase Prešeren bis zum Ende des Jahrhunderts posthum als Nationaldichter kanonisierte, vollendete sich auch der Prozess, durch welchen die einsprachige ästhetische Literatur zur nationalen Institution wird (vgl. Močnik 2006: 219–226). Der Kulturnationalismus begreift die slowenische Literatur auf Grundlage des nationalen Ökosystems nach BeecroftBeecroft, Alexander als fundamentale gesellschaftliche Bindung, die in den öffentlichen Medien die in unterschiedliche Klassen, Territorien, verwaltungspolitische und dialektale Einheiten gespaltene Gemeinschaft der Slowenen vereinheitlicht. Die Ansätze einer nationalen Literaturgeschichte mit ihren narrativen Interpretationen ergänzen auf fachlicher Ebene die innerliterarischen und politischen Strategien, mit welchen sich eine Nation ein Vergangenheitsbild erschafft, indem sie sich – wie in BeecroftsBeecroft, Alexander allgemeinem Konzept der nationalen Literaturökologie (2015: 197–215) dargestellt – selektiv die vernakuläre Überlieferung aneignet, andererseits aber die frühere Mehrsprachigkeit marginalisiert und auf die Vorherrschaft des kosmopolitischen Lateinischen vergisst. Mehr noch, im 19. Jahrhundert entsteht die lang andauernde ideologische Vorstellung von der Nationalliteratur als Ersatz für die fehlenden politischen Institutionen.
Und die Weltliteratur? In ihrem ursprünglichen Konzept, das den transnationalen Kreislauf, den gleichberechtigten interkulturellen Austausch zwischen den Nationen und Zivilisationen, ihren wechselseitigen Dialog und ihr gegenseitiges Verständnis begrüßte, war die Weltliteratur mehrsprachig. Sie forderte kosmopolitische Offenheit und Polyglottismus, pries jedoch gleichzeitig die vermittelnde Bedeutung des Übersetzens. Die vergleichende Literaturwissenschaft als neue literaturgeschichtliche Disziplin, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte, die nationale Literaturgeschichte zu übertreffen, berücksichtigte von ihren Anfängen an den über das Nationale hinausgehenden Horizont (vgl. Schulz/Rein 1973). Auch bei der Behandlung der Weltliteratur betont sie bis heute die Mehrsprachigkeit und fordert deshalb den philologischen Vergleich von Texten im Original (vgl. Étiemble 2012; Spivak 2003; Apter 2013). Anders als die vergleichende Literaturwissenschaft halten sich die World Literature Studies, die sich aus der akademischen Auseinandersetzung mit den großen Werken der Menschheitsgeschichte entwickelt haben, lieber an die Übersetzung. Wie unter anderen auch Astradur EysteinssonEysteinsson, Astradur (2006) betont, ist die überwiegende Daseinsform der Weltliteratur gerade die Übersetzung. Jede Sprache und jede Nationalliteratur aktualisiert über die Übersetzungen auf ihre Weise die Repertoires der Weltliteratur. Die Weltliteratur ist also mehrsprachig, jedoch nicht so sehr aufgrund der Mehrsprachigkeit der Originale als vielmehr wegen der Mehrsprachigkeit der Übersetzungen.
Jedoch waren die Sprachen, deren Literaturen die Weltliteratur bilden, nie gleichberechtigt, und auch die einzelnen Literaturen hatten nicht den gleichen Zugang zu transnationaler Zirkulation. Davon sprachen bereits vor Jahren Pascale CasanovaCasanova, Pascale (1999) und Franco MorettiMoretti, Franco (2000, 2016), die beiden Theoretiker der Asymmetrie zwischen den Zentren und Peripherien im weltweiten literarischen Raum. So beherrschen die Weltliteratur bereits seit zumindest zweihundert Jahren die Nationalliteraturen der großen, staatspolitisch und militärisch einflussreichen Staaten, welche dem Zentrum des wirtschaftlichen Welt-Systems angehören. Unter den Sprachen, welche die Repertoires der Weltliteratur bildeten und distribuierten, herrschen also die sog. Weltsprachen vor (vgl. Eoyang 2003; Heilbron 2010). Wie bei der ersten unter ihnen, dem globalen Englisch, handelt es sich hierbei in der Regel um große Sprachen mit imperialem oder kolonialem Hintergrund.
Den ökonomischen Schnittpunkt zwischen den beiden asymmetrischen Systemen der Sprachen und der Literaturen bildet das transnationale Verlagswesen. Die Metropolen, in welchen sich die transnationalen Verlage befinden, sind also der bedeutendste Faktor, sie „konsekrieren“ ein einzelnes Werk und schicken es durch die Übersetzung in eine Weltsprache und mit den Empfehlungen der Autoritäten aus den Metropolen in den weltweiten Umlauf (Casanova 1999: 165–175, 180–187; Sapiro 2016). Erich Auerbach ahnte bereits im Jahr 1952 die Gefahr hinter einer derartigen Globalisierung des Literarischen. Er sah voraus, dass sich die Weltliteratur von einer humanistischen Mehrsprachigkeit und kulturellen Vielfalt zu einer einsprachigen – weltsprachlichen – und kulturell vereinheitlichten Ware wandeln wird:
Unsere Erde, die die Welt der Weltliteratur ist, wird kleiner und verliert an Mannigfaltigkeit. […] Und was geschieht heute, was bereitet sich vor? Aus tausend Gründen, die jeder kennt, vereinheitlicht sich das Leben der Menschen auf dem ganzen Planeten. Der Überlagerungsprozeß, der ursprünglich von Europa ausging, wirkt weiter und untergräbt alle Sondertraditionen. Zwar ist überall der Nationalwille stärker und lauter als je, aber überall treibt er zu den gleichen, nämlich den modernen Lebensformen […] Die europäischen oder von Europäern gegründeten Kulturen, an langen fruchtbaren Verkehr miteinander gewöhnt und überdies durch das Bewußtsein ihrer Geltung und Zeitgemäßheit gestützt, bewahren noch am besten ihre Eigenständigkeit gegeneinander, obwohl auch hier der Ausgleichsprozeß weit rascher fortschreitet als früher. Über alles andere breitet sich die Standardisierung […] Sollte es der Menschheit gelingen, sich durch die Erschütterungen hindurchzuretten, die ein so gewaltiger, so reißend schneller und innerlich so schlecht vorbereiteter Konzentrationsprozeß mit sich bringt, so wird man sich an den Gedanken gewöhnen müssen, daß auf einer einheitlich organisierten Erde nur eine einzige literarische Kultur, ja selbst in vergleichsweise kurzer Zeit nur wenige literarische Sprachen, bald vielleicht nur eine, als lebend übrigbleiben. Und damit wäre der Gedanke der Weltliteratur zugleich verwirklicht und zerstört. (Auerbach 1952: 39)
Wie wir festgestellt haben, hat der sich nach der Aufklärung entwickelnde Kulturnationalismus die Nationalliteratur und das monolinguale Paradigma als Institutionen konstituiert, die der imaginierten Nation gesellschaftliche Kohäsion nach innen sowie internationale Erkennbarkeit und Vergleichbarkeit nach außen gewährleisten. Das globale Ökosystem, in dem die Nationalliteraturen aufeinandertreffen, miteinander konkurrieren und sich miteinander verbinden, wird von der Weltliteratur durch die Universalisierung des westlichen ästhetischen Diskurses definiert. Die ausschließlich in der zur Standardsprache erhobenen Muttersprache gedruckte Nationalliteratur wurde von den Nationalbewegungen, die der imperial-kosmopolitischen Ökologie untergeordnet waren, ideologisch als Weg zur politischen Subjektivität aufgefasst. Ihr Ideal – auch wenn es nicht realisierbar war und durch Kompromisse ersetzt wurde – war der Nationalstaat. Der Nationalstaat wiederum ist eine Größe der kapitalistischen Ökonomie, die einen gemeinsamen Markt schafft, lokale Hindernisse beseitigt sowie ideologisch und juristisch Klassenunterschiede neutralisiert. Wie Immanuel WallersteinWallerstein, Immanuel (1991: 140–156; 2006) zeigt, förderte der Kapitalismus deshalb bei seiner Expansion zum Welt-System die Entstehung von Nationalstaaten, auch außerhalb Europas. Je nach Akkumulierung des global geschaffenen Mehrwerts gab die Wirtschaft den Staaten strukturell ihre Position im weltweiten Zentrum, an der Halbperipherie oder Peripherie vor. Aufgrund der Verflechtung wirtschaftlicher, sprachlicher, politischer und kultureller Faktoren, die den internationalen Buchmarkt bestimmen, entwickelte sich in den letzten zwei Jahrhunderten auch im internationalen literarischen Welt-System eine Trennung in Zentren und Peripherien (vgl. Habjan 2012; Steiner 2012; Sapiro 2016; Brouillette 2016).
Auf diesen Grundlagen erfolgt die Schlussfolgerung, in welcher nun endlich auch der im Titel des Beitrages angekündigte Systembegriff thematisiert wird. Eine zwingende Voraussetzung für die Entstehung von jeglicher Art von System ist, dass es sich von seiner komplexen Umgebung abgrenzt und sich über die Aufrechterhaltung dieser Abgrenzung in seinem Inneren strukturiert. Das System reduziert die Komplexität der Umgebung, indem es die ihm inhärenten Begrenzungen und (Aus-)Wahlmöglichkeiten einführt, welche ihm das nötige Gleichgewicht verleihen (vgl. Luhmann 2006: 45–52). Literatur als System reduziert also unausweichlich die Komplexität der bestehenden gesellschaftlichen Interaktion und Heteroglossie (vgl. auch Apter 2013: 45–56), und zwar über die Selektion ihrer Elemente aus dem in ihrer Umgebung verfügbaren Material und die Strukturierung der Verhältnisse zwischen ihnen. Das literarische System – sowohl das nationale als auch das Welt-System – weist nicht nur die erwähnte allgemeine systemische Reduktion der Komplexität auf; ein weiteres Charakteristikum ist seine gesellschaftlich-institutionelle Daseins- und Funktionsart (vgl. Schmidt 1980: VIII–IX). Die Sozialität des literarischen Systems hat im neuzeitlichen Kapitalismus, dem weltweiten Kriterium für Modernität, gleichzeitig eine marktfähige Grundlage. Even-ZoharEven-Zohar, Itamar (1990: 31) reinterpretiert in diesem Sinne Jakobsons strukturalistisches Kommunikationsschema auf materialistische Weise: Die Verbindung zwischen Produzenten und Konsumenten, welche durch das Produkt (d.h. Jakobsons Mitteilung, der literarische Text) gebildet wird, wird ermöglicht durch die Institution (in der Rolle des Kontextes), das Repertoire (in der Rolle des Codes) und den Markt, der anstelle des strukturalistischen Kanals auftritt.
Der Begriff System zielt also in Zusammenhang mit Literatur auf die Akteure ab, die über spezialisierte Institutionen und Medien mit ihrem Tun literarische Produkte auf den Markt und von dort in einen diskursiven Umlauf begleiten, in welchem den Texten auf Grundlage der Semiose gesellschaftliche Bedeutungen und Funktionen zugeschrieben werden. Gerade ein solches System neigt bei Regulierung seiner Struktur zur selektiven Reduktion der verfügbaren Elemente, sodass seiner internen Logik zufolge der literarischen Einsprachigkeit der Vorzug gegenüber der vorsystemischen Mehrsprachigkeit gegeben wird. Warum?
Der Buchdruck als neuzeitliches Medium, das durch die verhältnismäßig kostengünstige Reproduktion von Texten deren Zirkulieren unter zahlreichen Leserinnen und Lesern ermöglichte (während die Handschriften vor allem eine Domäne der Eliten waren), benötigte für seine materielle Reproduktion den Massenkonsumenten. Deshalb strebte der Kapitalismus des Buchdrucks zusammen mit dem Buch- und Zeitungsmarkt nach wirtschaftlicher Logik auch eine Vereinheitlichung der Sprache an, über welche höhere Auflagen der gedruckten Texte leichter an einen weiteren Kreis von Leserinnen und Lesern – die ansonsten unterschiedliche Dialekte und Soziolekte verwendeten – vermittelt werden konnten. Die ökonomische Logik des Kapitalismus des Buchdrucks, die wachsende Reichweite gedruckter Medien und der philologische Eifer der sog. „nationalen Erneuerer“ sowie die nationalistische Politik betonten also die Nation als moderne Form der Gemeinschaft, wie Benedict AndersonAnderson, Benedict (1998: 39–47, 77–133) in seinem berühmten Buch erläutert. Nach der gleichen Logik bildet sich auch die Nationalliteratur in der vereinheitlichten Standardsprache heraus. Sobald sich die multifunktionelle und mehrsprachige literarische Schaffenskraft innerhalb eines Systems der Nationalliteratur zu organisieren beginnt, das mit seinen gedruckten Medien in bürgerlichen Gesellschaften für die ästhetische Konsumation und nationale Identifikation bestimmt ist, reduziert sie sich in der einsprachigen ästhetischen Literatur. Diese kann eine räumlich zerstreute und heterogenisierte Öffentlichkeit ansprechen und sie über den Buchdruck und den Buchhandel, welche über den feudalen Länder-Partikularismus hinausreichen, zu einer imaginären Einheit eines nationalen Körpers vereinen. Die Reduktion der sprachlichen Komplexität der Umwelt auf die vorherrschende Einsprachigkeit des Drucks übernahm gerade durch die ästhetische Vervollkommnung der einen und einmaligen Sprache in den Texten des literarischen Systems eine repräsentative Funktion.6 Die Literatur begründete aufgrund ihrer Repräsentativität das Modell der Standardsprache, die kanonisierten Schriftsteller bildeten einen Fundus an Vorbildern für zukünftige grammatikalische Normen. Als die Literaturen der Welt – parallel zur modernen Nationalisierung und zum Ausbau der einzelnen literarischen Systeme – sich im langen 19. Jahrhundert in ein literarisches Welt-System zu organisieren beginnen, das durch eine institutionelle Asymmetrie zwischen den Kerngebieten der Konsekration und den ihnen untergeordneten Randgebieten gekennzeichnet ist, beginnt sich über die Dominanz von Übersetzungen und Verlagen auf dem transnationalen Markt auch die Vielzahl der Sprachen zu verringern; die eine globale Sprache verschlingt sie.
Die Institutionen und Medien literarischer Systeme sind demnach eine Form der Materialisierung von Kapital, schließlich benötigen sie dieses für ihren Fortbestand und ihre Reproduktion. Die nationalen literarischen Systeme haben ihre Funktion nicht nur als Marktsektor der nationalen Ökonomie, sondern auch als ideologisches Attribut und Identitätsmarker des Nationalstaates. Das internationale literarische System ist, analog dazu, nicht nur ein globaler Kulturmarkt, sondern auch ein ideologisches Attribut der globalen kulturellen Dominanz der ökonomisch und politisch zentralen Staaten.
Michail BachtinBachtin, Michail, Jurij LotmanLotman, Jurij und Itamar Even-ZoharEven-Zohar, Itamar zufolge tendieren die Zentren kultureller Systeme zu Einsprachigkeit, Stabilität und ideologischer Einförmigkeit, die Randgebiete hingegen förderten Mehrsprachigkeit und seien deshalb in ihrer Entwicklung dynamisch, ideologisch pluralistisch und konfliktträchtig (vgl. Kliger 2010). Ohne Input aus den Randgebieten würden die Kulturen stagnieren, ohne die Peripherien würden aber auch die Zentren der Weltwirtschaft stagnieren. Jedoch kann ein solches Lob der Mehrsprachigkeit (auch wenn es theoretisch durch die Affirmation von Randgebieten und der Polyzentralität noch so gut untermauert ist) nicht viel mehr sein als ein Beitrag zur Wiederbelebung der im Sterben begriffenen liberalen Idee der Multikulturalität, solange es den Schritt zur radikalen Kritik an der hegemonialen Einsprachigkeit und ihrer ökonomisch-politischen Hintergründe nicht vollzieht. Erst eine materialistische Auffassung des Begriffes System enthüllt die Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse, welche die Ideologie der Multikulturalität verdeckt und deren Furcht einflößende Phänomenologie sie abzuschwächen versucht. Die echte Herausforderung liegt also darin, das bestehende internationale System trotz seiner gigantischen Vorherrschaft zu verändern. Gerade das welt-systemische Kapital übt nämlich über die Institutionen des Kulturmarktes Druck auf die Sprachen aus, drängt sie zur (literarischen) Einsprachigkeit und verunmöglicht Gedanken über Alternativen zur bestehenden Hegemonie im öffentlichen Diskurs. Abgesehen von der linksliberalen akademischen Kritik erweckt dieses System in den letzten Jahrzehnten nur in sporadischen supranationalen antikapitalistischen Bewegungen, im religiösen Fundamentalismus und Terrorismus sowie in nationalistisch-rassistischen Populismen echten Widerstand. Deshalb wird es – wenn wir wollen, dass Mehrsprachigkeit zum Ausdruck einer tatsächlichen Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Menschen wird – notwendig sein, in den fortschrittlichen gesellschaftlichen Praktiken eine andere theoretische Sprache zu entwickeln, dieser in der Öffentlichkeit Geltung zu verschaffen und in diesem Rahmen ein alternatives Ökosystem zu begründen.
(Aus dem Slowenischen von Julija Schellander-Obid)
Literaturverzeichnis
Anderson, Benedict R. (1998). Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Aus dem Englischen von Benedikt Burkhard und Christoph Münz. Berlin: Ullstein.
Apter, Emily (2013). Against World Literature: On the Politics of Untranslatability. London/New York: Verso.
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Kleine Literaturen: Eine Übersicht der Begrifflichkeiten
Jeanne E. Glesener (Luxemburg)
Abstract: Research on small literatures is currently developing into a promising new research field in comparative literature studies. The newly kindled interest takes on some of the more intricate questions regarding the phenomenon of small literatures, not least the terminology used to designate them. By presenting and commenting on some of the terms used since the beginning of the 20th century, this article seeks to give an overview of the descriptive topics inherent in the terminology. In a second step, the paper will engage with the critical discussion on the concept of ‘littérature mineure-minor literature’ developed by Gilles DeleuzeDeleuze, Gilles and Félix GuattariGuattari, Félix in their landmark essay Kafka. Pour une littérature mineure (1975). By presenting a provisional typology of small literatures in the European context, the heterogeneity of the different types of literatures hitherto subsumed under the label ‘minor literatures’ will be highlighted and the limits of the applicability of the latter term will be pointed out. This will be done more specifically by showing how the term fails to account for the specificity of small multilingual literatures. This overall critical stance towards the authoritative concept of Deleuze and Guattari will lead us to reflect on the conceptualisation of the term ‘small literatures’ and to propose some initial ideas on its potential to figure as an analytical and functional descriptive tool.
Keywords: small literatures, littérature mineure, comparative literature, centre–periphery, typology
Die Forschung im Bereich der kleinen Literaturen weist seit Neuestem einen vielversprechenden Aufschwung in der Vergleichenden Literaturwissenschaft auf. Das belegen nicht nur die eigens für diesen neuen Forschungsbereich organisierten Panels bei der 2016 in Wien stattgefundenen Konferenz der International Comparative Literature Association1 und, ein Jahr später, bei der American Comparative Literature AssociationDominguez, César2 in Utrecht, sondern auch die Tatsache, dass Konferenzen und Themenbände in internationalen Zeitschriften3 kleinen Literaturen gewidmet sind. Das von César DominguezDominguez, César initiierte internationale Netzwerk Small/Minor Literary Cultures, das Forscher miteinander verbindet, die diese Literaturen von einem theoretischen und empirischen Standpunkt aus behandeln, ist ein weiterer bedeutender Meilenstein im Aufbau dieses neuen internationalen Forschungsbereichs.4 Angesichts dieses regen Interesses bietet es sich an, sich näher mit den Begrifflichkeiten zu befassen, mit denen bisher gearbeitet wurde, um das Phänomen der kleinen Literaturen zu analysieren.
Denn ganz zu Recht stellt sich die Frage, was denn nun überhaupt mit kleinen Literaturen gemeint ist. Weshalb ist es wichtig, zwischen verschiedenen Typen zu unterscheiden? Und welche Rolle spielt die Mehrsprachigkeit in diesem Bestimmungsprozess? Diese für die Forschung grundlegenden Fragen will dieser Beitrag zumindest ansatzweise umreißen. Die im ersten Teil angeführte Übersicht über die Begriffe ist daher nicht in erster Linie als eine Aneinanderreihung der bisher gebräuchlichen Termini zu verstehen; sie verfolgt im Gegenteil einen erkenntnisorientierten Ansatz, der den Blick für die unterschiedliche Akzentsetzung schärfen soll, je nachdem, ob die Begriffe vonseiten der Forschung dominanter oder dominierter Literatursysteme vorgebracht werden. Unterschwellig geht es also auch darum, dem Blick von ‚außen‘ den Blick von ‚innen‘ entgegenzusetzen, um auf diese Weise Fremdzuschreibung und Selbstbeschreibung gegenüberzustellen. Des Weiteren erlaubt dieser Überblick über die Begriffsvielfalt, näher zu erläutern, wie der Forschungsgegenstand durch den literaturtheoretischen Diskurs bisher erfasst und mit welchen Paradigmen gearbeitet wurde.
1 Begriffsübersicht
Diese chronologisch angelegte Übersicht ermöglicht einen Einblick in die Beständigkeit verschiedener Beschreibungstopoi, wie zum Beispiel dem der legitimen Anerkennung und der Unbekanntheit, bzw. dem der fehlenden Sichtbarkeit, die sich seit den ersten Benennungsinitiativen am Anfang des 20. Jahrhunderts etablieren.
Littératures à rayonnement limité – weniger verbreitete Literaturen
Paul van TieghemTieghem, Paul van, der erste Historiker der französischen Komparatistik, spricht bereits in seinem 1931 erstmals veröffentlichten Band La littérature comparée von littératures à rayonnement limité, also von weniger verbreiteten Literaturen. Bezeichnend für die erste Phase der Schule der französischen Komparatistik war der Fokus auf internationale und vergleichende Literaturgeschichtsschreibung. In seinem Buch plädiert van Tieghem für die gleichwertige Anerkennung weniger verbreiteter Literaturen, wenn er fordert, dass die vergleichende Literaturhistoriographie ihnen ihren gleichmäßigen Platz einräumen soll. Anstatt sie in Kurznotizen oder in Addenda-Kapiteln auszulagern, sollte der Beitrag kleiner Literaturen in der allgemeinen Entwicklung der Literatur hervorgehoben werden, indem man sie und ihre wichtigsten Vertreter konkret mit den großen modernen Literaturen in Zusammenhang bringt (Van Tieghem [1931] 1946: 205–206). Ein ähnlich inklusiver Ansatz wurde schon von Hugó von MeltzlMeltzl, Hugo von verfolgt, der zwischen 1877 und 1888 das erste komparatistische Journal Acta Comparationis Litterarum Universarum (kurz ACTA) in Cluj herausgegeben hat. Meltzls Grundidee war darauf ausgerichtet, das komparatistische Prinzip für Goethes kosmopolitische Konzeption von Weltliteratur fruchtbar zu machen und es so von den reduzierenden und nationalistischen Auffassungen, denen es in diesem Zeitalter nationaler Literaturgeschichtsschreibung unterworfen war, zu emanzipieren (DamroschDamrosch, David 2008: 48). Meltzl war sich der Konsequenzen, die der Machtkampf zwischen Europas führenden Literaturen für die Sichtbarkeit kleiner Literaturen hatte, bewusst und sah in der Vergleichenden Literaturwissenschaft ein geeignetes Mittel, diese auf der internationalen Ebene zu fördern. So schreibt er in der ersten Ausgabe der ACTA:
Our secret motto is: nationality as individuality of a people should be regarded as sacred and inviolable. Therefore, a people, be it ever so insignificant politically, is and will remain, from the standpoint of comparative literature, as important as the largest nation. The most unsophisticated language may offer us most precious and informative subjects for comparative philology. (Meltzl [1877] 2009: 45)
Die Gleichstellung der Literaturen der Welt, wie sie hier gefordert wird, spiegelt sich in der ACTA in der Nebeneinanderstellung von Essays und Volksliedern auf Armenisch, Gälisch und Aztekisch mit Texten aus den damals dominierenden Literatursprachen wider.
Wie in Meltzls Ausführungen dargestellt wird, ist der Topos der Unbekanntheit kleiner Literaturen, welcher sozioliterarisch betrachtet ein literatursystemisches und weltliterarisches Problem ist, nicht zuletzt dem Bekanntheitsgrad der jeweiligen Literatursprachen geschuldet, wie es die Formulierung ,literatures in lesser known languages‘ festhält. Letztere verdeutlicht die Korrelation zwischen dem Status und dem Bekanntheitsgrad der Sprachen und folglich der limitierten Sichtbarkeit von Literaturen in diesen Sprachen. Um zu veranschaulichen, wie die Verbreitung von Sprache und Literatur zusammenhängt, kann auf Abram de SwaansSwaan, Abram de Words of the World. The global language system (2001), eine linguistische Untersuchung zum ökonomischen Wert der Sprachen, hingewiesen werden. De SwaanSwaan, Abram de unterteilt die Sprachen der Welt in eine vierstufige Hierarchie und ordnet sie in den Kategorien ‚hyperzentrale‘, ‚superzentrale‘, ‚zentrale‘ und ‚periphere‘ Sprachen an. Als hyperzentrale Sprache identifiziert er das Englische, zu den superzentralen Sprachen zählen Arabisch, Chinesisch, Französisch, Deutsch, Hindi, Japanisch, Malaiisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch, Swahili und Türkisch. Über die etwa 100 zentralen Sprachen schreibt de Swaan, dass sie von 95 % der Weltbevölkerung gesprochen werden und allgemein in Bildungseinrichtungen, den Medien und der Verwaltung verwendet werden. Zudem handele es sich um die ‚nationalen‘ Sprachen unabhängiger Staaten. Als periphere Sprachen gelten 98 % aller Sprachen der Welt, die von weniger als 10 % der Weltbevölkerung gesprochen werden. Im Gegensatz zu den zentralen Sprachen sind periphere Sprachen als Sprech- und Erzählsprachen, nicht aber als Lese- und Schriftsprachen, als Gedächtnis- und Erinnerungssprachen, nicht aber als Aufzeichnungssprachen zu verstehen (De Swaan 2001: 4–6). Das von de Swaan angewandte Zentrum-Peripherie-Paradigma und die in ihm implizierten Dominanzstrukturen spielt, wie wir noch sehen werden, für die Untersuchungen zu der Verortung kleiner Literaturen in der Weltliteratur eine führende Rolle.
Littérature mineure – minor literature – ‚kleine Literatur‘
Der von Gilles DeleuzeDeleuze, Gilles und Félix GuattariGuattari, Félix geprägte Begriff der ‚littérature mineure‘ ist sowohl das bekannteste als auch das problematischste Konzept für die Erforschung kleiner Literaturen. In ihrem ‚landmark essay‘ (GrutmanGrutman, Rainier 2016: 171) Kafka. Pour une littérature mineure (1975) wird es konzeptualisiert und drei Charakteristika werden festgehalten. Ausgehend von Kafkas Überlegungen zu der Literatur kleiner Nationen definieren Deleuze und Guattari als ,littérature mineure‘ Literatur, die von einer Minderheit in einer großen (hyperzentralen, superzentralen) Sprache verfasst ist (Deleuze/Guattari 1975: 29). Ihre Auffassung begreift daher nicht prinzipiell Literaturen in kleinen (peripheren) Sprachen. Als Erkennungsmerkmale halten sie die Deterritorialisierung der großen Sprache, die Verzweigung individueller mit politischen Angelegenheiten und den Kollektivcharakter der Aussagen fest (ebd.: 29–33).
Die Wirkung des Begriffs in der Ausprägung durch die beiden französischen Philosophen ist, wie man weiß, beachtlich und hat die Herangehensweise an kleine Literaturen nachhaltig geprägt. Jede Anstrengung in Richtung einer Neukonzeptualisierung des Begriffs muss sich an ihren festgefahrenen Prämissen abarbeiten. Hervorragende Arbeit in diesem Sinne wurde bereits von Pascale CasanovaCasanova, Pascale (1997), Lise GauvinGauvin, Lise (2003) und Charles SabatosSabatos, Charles (2013) geleistet. Weiter unten will ich dagegen näher auf die Probleme eingehen, die sich aus der Anwendung des Begriffs ergeben.
Interregionale Literaturen / contact literatures
Der Begriff der Interregionalität wird Ende der 1980er Jahre von Johann StrutzStrutz, Johann entwickelt, um die spezifische sprachliche und kulturräumliche Situation der literarischen Kultur im Alpen-Adria-Raum zu beschreiben. Der Begriff erlaubt es, auf die konkreten vielschichtigen Interferenzen und Inkongruenzen zwischen den sprachkulturellen und politischen Zusammenhängen der Literatur(en) dieser spezifischen Region hinzuweisen (Strutz 1988: 201) und diese sowohl unterhalb (auf der Ebene der Region) als auch oberhalb der Nationalliteratur zu analysieren, ein Ansatz, der auch in dem von Andreas LebenLeben, Andreas geleiteten Forschungsprojekt zu ,überregionalen Interaktionsräumen‘ weiterentwickelt wurde.1 Im Mittelpunkt von Strutz’Strutz, Johann Untersuchungen stehen nicht Dominanzverfahren oder Fragen der internationalen Verbreitung, sondern Überlegungen zur Ausprägung von Interkulturalität und Mehrsprachigkeit. Beide Phänomene haben in der Erforschung großer, dominanter literarischer Kulturen seit einiger Zeit Hochkonjunktur und gehen hier auf das Aufkommen postkolonialer Literatur und Migrationsliteratur zurück. Strutz’Strutz, Johann Arbeiten unterstreichen dagegen, dass Verfahren der Interkulturalität und der Mehrsprachigkeit für kleine Literaturen immer schon relevant waren und es auch verstärkt noch immer sind.
Ähnlich regional wie StrutzStrutz, Johann verfährt auch der niederländische Komparatist Geert LernoutLernout, Geert, wenn er in Bezug auf kleine Literaturen von ,contact cultures‘ spricht. Bei Lernout wird der Einfluss anderer, großer Literaturen positiv gewendet:
The Low Countries, like the Alsace, Switzerland or Luxembourg, have always been ‘contact-cultures’, smaller cultural regions where often two or more national or linguistic cultures rub against each other. In that sense the cultural traditions in these regions have tended to be particularly open to other influences […]. (LernoutLernout, Geert 2014: 410)
Außerdem versteht LernoutLernout, Geert die Verarbeitung fremdliterarischer Einflüsse, wegen der kreativen Rezeption, die daraus erfolgt, nicht als einen Mangel an eigener Originalität oder Kreativität, sondern als Resultat literarischer und kultureller Vernetzungen in kleinen Literaturräumen:
In a small culture, it is difficult if not impossible to read the national literature without reference to its wider international artistic context, and writers in small countries themselves very often define their own poetics in terms of foreign influences. (ebd.: 417)
Dieses Selbstverständnis der kreativen Prozesse innerhalb kleiner Literaturen widersetzt sich der vor allem in der Weltliteratur lange anhaltenden Annahme, dass kleine Literaturen sich lediglich ‚reaktiv‘ zu den in den Zentren hervorgebrachten Neuerungen und Moden verhalten, selbst aber nur sehr wenig generatives Potential besäßen (Damrosch 2006: 214; D’haen 2012: 153).
Littératures de l’exiguïté – Literaturen der Kleinheit
Der Begriff wird 1992 von dem frankokanadischen Literaturwissenschaftler François ParéParé, François in seiner Studie Les littératures de l’exiguïté vorgeschlagen. ParésParé, François Begriff ist sehr weit angelegt und umfasst minoritäre Literaturen (wie die Literaturen verschiedener ethnischer Gemeinschaften Kanadas), koloniale Literaturen, Inselliteraturen und kleine nationale Literaturen. ParéParé, François hält für diese Literaturen fest, dass sie wenig verbreitet sind und dass ihr internationaler Stellenwert sich proportional umgekehrt zu dem Ansehen, das diese Literaturen in ihren Gesellschaften haben, verhält (GauvinGauvin, Lise 2003: 34). Relevant für Parés Studie ist, dass sie auf das literaturtheoretische Potential, das die Erforschung kleiner Literaturen bietet, verweist, besonders was das Hinterfragen von den aus den großen Literaturen abgeleiteten ästhetischen und literaturhistorischen Normativitäten anbelangt (Major 2001: 9).
Ultraminor literatures
In der neueren und vor allem in der systemisch angelegten Weltliteraturforschung wird auf eine terminologische Differenzierung zwischen groß/klein bzw. major/minor zurückgegriffen, um der Dynamik, dem Austausch und dem Wandel in dem in Zentren und Peripherien aufgeteilten Weltliteratursystem Rechnung zu tragen. Die Bezeichnung ‚kleine Literatur‘ findet hier eine breite, undifferenzierte Anwendung und wird sowohl für ,minority-group writing‘ als auch für die Literatur kleiner Länder verwendet (Damrosch 2009: 194). Des Weiteren gebrauchen die Forscher das Begriffspaar ,major/minor‘ in perspektivischer Sicht, was sich besonders gut am nordamerikanischen Kontext beobachten lässt. Mit ‚minor literatures‘ können hier folglich auch „works from languages and regions rarely represented on North American syllabi“ (ebd.) gemeint sein, also theoretisch gesehen auch solche, die in superzentralen Sprachen wie Swahili oder Türkisch geschrieben sind.
Einen letzten Begriff, den ich hier noch anführen möchte, ist das rezent von Bergur Rønne MobergMoberg, Bergur Rønne und David DamroschDamrosch, David vorgeschlagene Konzept der ,ultraminor literatures‘. Die Autoren nehmen Ausmaß und Raum als definierende Kriterien für ,ultraminor literatures‘ an. Räumlich verorten sie diese in ethnischen Enklaven und auf kleinen Inseln. Bezüglich des Ausmaßes heben MobergMoberg, Bergur Rønne und DamroschDamrosch, David hervor, dass
[…] the ultraminor size entails structural handicaps and a systemic lack of capacity and resources connected both to space and to time. In case of small islands, no hinterland, no metropolis, and perhaps not even any large towns, and for ultraminor communities generally, a sense of belatedness, clustered ideas, and a short historicity of modernity. (Moberg, Damrosch 2017: 134)
Neben diesen Defizit- und Prekaritäts-Kriterien werden Ausmaß der Sprachgemeinschaft, Alphabetisierungsrate, Vitalität mündlicher Traditionen, Zugang zu Publikations- und Archivierungsmöglichkeiten und Verbreitung als zusätzliche Kriterien angeführt.
Der analytische Nutzen des Konzeptes ergibt sich nach Aussage Mobergs und Damroschs ausschließlich, wie für die weltliterarische Perspektive üblich, im Vergleich mit größeren Literaturen. Die hier vorgeschlagenen Untersuchungsansätze sind spezifischer als der von DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix (siehe unten), da hier konkrete sozioliterarische Überlegungen mit soziohistorischen Fragestellungen verbunden werden. Andererseits ist, ähnlich wie bei DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix, die politische Dimension von Bedeutung, denn ,ultraminor literatures‘ sind nicht selten gefährdete Literaturen, die dazu gezwungen sind, Überlebensstrategien zu entwickeln.
Das Aufkommen des Begriffs der ,ultraminor literatures‘ kann als Reaktion auf die Kritik an der neueren Weltliteraturforschung gesehen werden. Beanstandet wurde unter anderem, dass trotz der Verlagerung von einer eurozentrischen zu einer globaleren und inklusiveren Auffassung des Weltliteraturbegriffs die neuen Forschungsansätze frühere Prinzipien der Exklusion, der Provinzialisierung, der Peripheralisierung und der Marginalisierung kleiner Literaturen aufrechterhalten (D’haen 2013).
2 DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix revisited
Wie oben bereits angedeutet, hat das von DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix entwickelte Konzept der ‚littérature mineure‘ die Perspektiven auf kleine Literaturen nachdrücklich geprägt. Wie ebenfalls bereits hervorgehoben, ist ihr Konzept insofern spezifisch, als es der Definition zufolge vor allem auf die Literatur, die eine Minorität in einer großen Sprache produziert, verweist. Folglich sind ihre Ausführungen überwiegend der Erforschung dieses sprachlichen Typus von Minoritätenliteratur förderlich.
Die vorangehende Übersicht der Begriffe hebt die terminologische Komplexität rund um das Phänomen der kleinen Literaturen deutlich hervor. Der Begriff ist demzufolge als Überbegriff nicht unproblematisch, besonders da im internationalen wissenschaftlichen Diskurs eine verwirrende Verquickung, oder, besser gesagt, Gleichsetzung, zwischen den Adjektiven klein – wie KafkaKafka, Franz es in seinen Überlegungen zu ,kleinen Literaturen‘ (Kafka 1998: 154) benutzt – und ‚mineur‘, bzw. minor-minder-Minorität, existiert. Diese Ver(w)irrung geht auf ein gleich zweifaches Übersetzungsproblem zurück. Wie Pascale CasanovaCasanova, Pascale in ihrer kritischen Auseinandersetzung mit dem DeleuzeDeleuze, Gilles/GuattariGuattari, Félix-Text aufzeigt, geht deren Gebrauch von ‚mineur‘ auf die „ungenaue und tendenziöse“ (Casanova 1997: 240) Übertragung der Kafka-Übersetzerin Marthe Robert zurück, die Kafkas Formulierung ‚kleine Literaturen‘ mit ‚littérature mineure‘ übersetzt. Die deutsche Fassung des Essays Kafka. Für eine kleine Literatur vertieft das Übersetzungsproblem zusätzlich. Denn obwohl hier die von KafkaKafka, Franz benutzte Benennung ‚kleine Literatur‘ wieder aufgegriffen wird, ist das Adjektiv ‚klein‘ fortan mit der von Deleuze und Guattari entwickelten Bedeutung, Konzeptualisierung und dem Ideologieprogramm des ‚mineur‘ aufgeladen. Semantisch unterschiedliche Adjektive werden hier also gleichgeschaltet oder, anders gewendet, das deutsche Adjektiv ‚klein‘, das in erster Linie auf Umfang oder Quantität verweist, wird durch die im Französischen implizierte Unterordnung und Nichtebenbürtigkeit erweitert, eine Bedeutungsebene, die dann durch die Übersetzung in der deutschen Fassung des Konzepts festgeschrieben wird. In der Weltliteraturforschung lässt sich eine ähnliche Synonymverwendung zwischen ‚small‘ (klein) und ‚minor‘ (mineur) feststellen. Fraglich ist diese beliebige Verwendung der Begriffe allemal, überlagern sich in ihnen doch unterschiedliche Bedeutungen, die durch einen undifferenzierten Gebrauch verschleiert werden, etwa dann, wenn mit ,littérature mineure‘ bzw. ‚kleiner Literatur‘ zugleich die Literatur kleiner unabhängiger Staaten, die Literatur von ethnischen Minoritäten, die Literatur in kleinen Sprachen und die einer kleinen territorialen Gemeinschaft in einer großen Literatursprache gemeint sind.
An dieser Stelle bietet es sich an, eine zumindest vorläufige Typologie ‚kleiner Literatur‘ anzubringen; vorerst soll hier aber noch auf das von DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix genannte erste Erkennungsmerkmal – die Deterritorialisierung der Sprache – der ,littérature mineure‘ eingegangen werden. Aus der Sicht der Forschung zur literarischen Mehrsprachigkeit wird bezweifelt, dass Sprachen nur einen Wohnsitz haben, eine Annahme, die spätestens seit der postkolonialen Literaturforschung als problematisch anzusehen ist. Folglich ist das Merkmal der Deterritorialisierung auf seine Verwendbarkeit für kleine mehrsprachige Literaturen kritisch zu hinterfragen. Im Falle der Literatur eines unabhängigen mehrsprachigen Staates wird der Gebrauch einer großen Literatursprache nicht ausschließlich und auch nicht in erster Linie als ein deterritorialisierter Gebrauch von Sprache angesehen und auch das mehrsprachige Selbstverständnis von Autoren aus kleinen Literaturen lässt eine solche Interpretation nicht als allgemeingültig zu.
Dazu kommt, dass, obwohl die Autoren sich in Bezug auf Kafkas Werk mit einem mehrsprachigen Literaturraum befassen,Deleuze, GillesGuattari, Félix1 ihr Konzept sehr wenig Denkanstöße für die Erfassung kleiner mehrsprachiger Literaturen liefert. Es wäre falsch, ihnen das vorzuhalten, da Fragen zur literarischen Mehrsprachigkeit, wie wir sie heute verstehen, nicht im Vordergrund ihrer Untersuchung standen. Ihre Überlegungen bezüglich der Beziehung zwischen einer ,littérature mineure‘ und einer ,langue majeure‘ sind vielmehr dem politisch brodelnden Kontext Frankreichs der 1970er Jahre geschuldet (Casanova 1997: 233–247): Demnach zielt ihre Untersuchung eher auf das Herausarbeiten der Beziehung von Sprache zum Politischen und zum Machtapparat ab, während sie die Literatur ausdrücklich auf der Seite der Subversion situiert und als ein Mittel, sich der Sprache der Macht zu widersetzen, stilisiert. Folglich, und das ist wichtig hervorzuheben, verweist das Adjektiv ‚mineur‘ im Zuge ihrer Ausführungen nicht nur auf den Ist-Zustand einer (minoritären) Literatur an sich, sondern beschreibt darüber hinaus eine (sprachliche) Abgrenzungsstrategie gegenüber großen, ideologischen und machtkonformen Literaturen:
So gefasst, qualifiziert das Adjektiv ‚klein‘ [eigentlich ‚minder‘] nicht mehr bloß bestimmte Sonderliteraturen, sondern die revolutionären Bedingungen jeder Literatur, die sich innerhalb einer sogenannten ‚großen‘ (oder etablierten) Literatur befindet. (Deleuze/Guattari 1976: 27)
Das Adjektiv ‚mineur‘ bezeichnet hier eben nicht die Sprache oder Literatur einer ethnischen oder kulturellen Minorität, sondern die Sprache, die jede Literatur sich erst erschaffen muss, um sich der durch den Machtapparat besetzten Sprache zu entziehen und die Kooptation durch den Machtapparat wiederum zu unterminieren. So lässt sich die komplexe räumliche Metaphorik, die zur Beschreibung des Prinzips der Deterritorialisierung bei KafkaKafka, Franz verwendet wird, zumindest deuten:
[…] schreiben wie ein Hund sein Loch buddelt, wie eine Maus ihren Bau gräbt. Dazu ist erst einmal der Ort der eigenen Unterentwicklung zu finden, das eigene Kauderwelsch, die eigene dritte Welt, die eigene Wüste. (ebd.)
Wie diese Ausführungen belegen, ist das Konzept von DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix zwar für Minoritätenliteraturen in hyper- und superzentralen Sprachen sicherlich immer noch von Relevanz, jedoch keineswegs als allgemeingültig für die verschiedenen Typen von kleinen Literaturen zu verwenden. Die Anwendung des Konzeptes ist nicht nur wegen der reduzierenden Politisierung von Literatur problematisch, sondern auch weil es schlicht und ergreifend nicht darauf angelegt ist, Auskunft über die literaturhistorische und ästhetische Eigengesetzlichkeit kleiner Literaturen zu geben.
In ihrem Werk La république mondiale des lettres (1999) kritisiert die französische Komparatistin Pascale CasanovaCasanova, Pascale die Politisierung kleiner Literaturen durch das ,littérature-mineure‘-Konzept (Casanova 1999: 279–281). Ihre eigene Analyse von Macht- und Dominanzstrukturen in einer Zentrum-Peripherie-Optik ist jedoch nicht weniger problematisch. Wie bei DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix ist es wiederum ein Blick von außen, der an die Literaturen herangetragen wird und der hier verstärkt mit ‚zentralen‘ Normvorstellungen arbeitet und dementsprechend hauptsächlich auf die angebliche ‚Nicht-Konformität‘ kleiner Literaturen aufmerksam macht. Letztere werden darüber hinaus ausschließlich in ihrer ‚Mittel- und Machtlosigkeit‘ und in ihrem ‚Kampf um internationale Sichtbarkeit‘ gesehen, beziehungsweise darauf reduziert. Die Begrifflichkeiten sind einer negativen Semantik verpflichtet und akzentuieren das scheinbar ‚A-normale‘, die ‚Abweichungen vom Standard‘:
[…] die (literarisch, politisch, sprachlich) Mittellosen sind nicht nur nie ,adäquat‘, d.h. nie konform, nie an ihrem Platz, nie wirklich im literarischen Universum zu Hause, sondern ihre Unangemessenheit […] stellt ein unentwirrbares Netz an Verwünschungen, Unglück, Wut und Revolte dar. (Casanova 1999: 253)2
Bei CasanovaCasanova, Pascale ist eine Ausweitung des semantischen Feldes dahingehend zu beobachten, dass sie die Begriffe ,petit‘ und ,mineur‘ mit endemischen Defizitmerkmalen assoziiert. Während das Gewicht bei DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix auf dem Ideologischen, dem Politischen liegt, befindet es sich bei Casanova auf dem Nationalen, etwa wenn die Funktion kleiner Literaturen (von unabhängigen Staaten) ausschließlich auf ihre Partizipation am ontologischen Nationenbildungsprozess beschränkt wird:
In mittellosen Räumen sind die Schriftsteller zu einer nationalen oder völkischen Thematik verdammt: sie müssen die Abenteuer, die Geschichte und die nationalen Kontroversen entwickeln, verteidigen, darstellen und kritisieren. Weil sie darauf bedacht sind, eine Idee ihres Landes zu verteidigen, sind die Schriftsteller in die Ausarbeitung der nationalen Identität eingebunden. (ebd.: 262)
Genau gegen Festschreibungen wie diese wehrt sich Milan KunderaKundera, Milan, wenn er die von außen vorgebrachten Fixierungen kleiner Literaturen auf das Nationale kritisiert:
Die kleinen europäischen Staaten (ihr LebenLeben, Andreas, ihre Geschichte, ihre Kultur) sind sehr wenig bekannt und bleiben hinter ihren unzugänglichen Sprachen verborgen. Gemeinhin wird angenommen, dass gerade dieser Umstand das Handicap ihrer mangelnden internationalen Anerkennung ausmacht. Das Gegenteil aber ist der Fall: ihre Kunst ist gehandicapt, weil alle Welt (die Kritik, die Historiographie, die Landsmänner wie die Ausländer) sie auf die große Photographie der nationalen Familie festklebt und sie da nicht rauslässt. (Kundera 1993: 231)
In der Tat ist die Annahme, dass sich die Literaturproduktion in kleinen Staaten ausschließlich einem nationalliterarischen Projekt widme, problematisch, da sie unter anderem die postnationale Phase und folglich die veränderte Auffassung zur (gesellschaftlichen) Rolle/Funktion von Literatur einfach ausklammert. Die Festschreibung auf das Nationale verstellt zudem, wie von KunderaKundera, Milan beanstandet, den Blick auf einige Eigenthematiken wie die interkulturellen Beziehungen und Mehrsprachigkeitsphänomene, die, je nach geokultureller Verortung, den Diskurs der literarischen Kultur kleiner Staaten maßgeblich prägen.
3 Typologie kleiner europäischer Literaturen1
In der Vergangenheit wurde aber nun der Begriff der kleinen/mineure/minor Literaturen (meist in der DeleuzeDeleuze, Gilles-GuattariGuattari, Félix’schen Ausprägung) für sehr unterschiedliche Typen verwendet, die hier in einer vorläufigen Übersicht zusammengeführt werden:
Literaturen kleiner Staaten: Belgien, Estland, Island, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, Malta, Slowenien, u.a.
Minoritätenliteraturen in Einheitsstaaten: Katalonien, Friesland, Mazedonien, Schlesien, u.a.
Interregionale Literaturen: Griechenland-Zypern-Türkei und Istrien (Italien-Kroatien-Slowenien)
Literaturen in kleinen (peripheren) Sprachen ohne externes Referenzsystem: Baskisch, Estnisch, Gälisch, Lettisch, Luxemburgisch, Maltesisch, Rätoromanisch, Walisisch, u.a.
Kleine Literaturen in großen (hyper-, super- und zentralen) Sprachen: Luxemburg (Deutsch, Französisch, Englisch), Belgien (Französisch, Deutsch), Schweiz (Deutsch, Französisch, Italienisch), Italien (Deutsch), etc.
Diese vorläufige Typologie macht die Homogenisierung eines de facto sehr heterogenen Untersuchungsgegenstandes sichtbar. Dabei ist es aber notwendig, die Spezifität der verschiedenen Typen zu beachten.
Im Fall von Literaturen kleiner Staaten kann man annehmen, dass es sich um legitim anerkannte Literaturen handelt, dass Institutionalisierungs- und Professionalisierungsprozesse sowie national geförderte Lehrprogramme, Forschungs- und Archivierungseinrichtungen vorhanden sind und dass man auf ein im Aufbau begriffenes Literaturfeld schließen kann. Im Fall von Minoritätenliteraturen sind gerade diese Elemente nicht als selbstverständlich vorhanden anzunehmen, besonders, wenn sie sich am Rande oder innerhalb eines dominierenden Literaturfeldes befinden und der Kampf um die legitime/offizielle Anerkennung und die politischen und kulturellen Rechte der Sprachgemeinschaft nicht abgeschlossen ist.
Durch diese undifferenzierte Verwendung des Begriffs wird zumeist die Spezifität soziohistorischer und politischer Situationen kleiner literarischer Kulturen verflacht und ihre Eigengesetzlichkeit ignoriert. Des Weiteren riskieren Thematiken, Diskurse, literaturästhetische Eigenheiten, und gegebenenfalls das Schreiben in einem mehrsprachigen Literaturfeld aus dem Blickfeld zu fallen. Wie problematisch die Anwendung des Begriffs im DeleuzeDeleuze, Gilles-Guattari’schenGuattari, Félix Verständnis in Bezug auf kleinere unabhängige Staaten ist, soll hier am Fall der mehrsprachigen Luxemburger Literatur kurz dargestellt werden. Die luxemburgische Literatur ist seit ihrer Entwicklung im 19. Jahrhundert eine mehrsprachige Literatur auf Deutsch, Französisch und Luxemburgisch. Zu diesen Literatursprachen wird rezent auch das Englische gezählt. Viele Luxemburger Autoren schreiben in zwei, manche auch in drei Sprachen. Anders als es in Belgien oder der Schweiz der Fall ist, geht die Mehrsprachigkeit des Literaturfeldes nicht auf unterschiedliche Sprachgemeinschaften zurück, sondern ergibt sich aus der geokulturellen Lage des Landes und, eng daran gekoppelt, der sprachpolitischen Förderung der Mehrsprachigkeit seit Mitte des 19. Jahrhunderts (Fehlen 2008). Wie im Folgenden von Marie-Anne Hansen-PaulyHansen-Pauly, Anne-Marie ausgeführt wird, ist der von Deleuze und Guattari konzeptualisierte Begriff wegen seiner politischen Dimension für den Luxemburger Fall nicht anwendbar:
[…] the term minority, as it is often found in literary theory, has a number of connotations that do not really reflect the situation in Luxembourg. It suggests difference, but also exclusion, dissonance, oppression, postcolonialism, whereas Luxembourg, unlike most cultural minorities in Europe or elsewhere, is an independent nation. The adjective ‘minor’, being a comparative, implies the presence of a majority. It usually refers to a subordinate cultural or ethnic group within a larger community. Most Luxembourgers would probably prefer to speak of a ‘small’ or less widely diffused literature. (Hansen-Pauly 2002: 150)
Das auf die Sprache fokussierte Merkmal der Deterritorialisierung allein vermag es nicht, der Komplexität des mehrsprachigen Schaffens und der Interaktion der Literatursprachen im literarischen Feld und darüber hinaus Rechnung zu tragen.
Diese Vorüberlegungen machen deutlich, wie wichtig es ist, den Begriff der ‚kleinen Literaturen‘, wie er bislang gemeinhin verwendet wurde, zu überdenken und mit einem neuen, aktualisierten Verständnis aufzuladen. Dies bedarf ausgedehnteren Ausführungen als sie hier aus Platzgründen möglich sind und daher beschränke ich mich im Folgenden lediglich auf einige mögliche Ansatzpunkte. Was das Adjektiv ‚klein‘ betrifft, bietet es sich an, es in seiner ersten quantitativen Bedeutung für die Definition ‚kleiner Literaturen‘ wesentlich fruchtbarer zu machen, als das bisher der Fall war. Das Wort ‚klein‘ hat zudem den Vorteil, relativ neutral zu sein: Das Adjektiv verweist, anders als von DeleuzeDeleuze, Gilles und GuattariGuattari, Félix festgehalten (Deleuze/Guattari 1980: 95–139), nicht per se auf ein unterordnendes Prinzip, sondern bezieht sich in erster Linie auf die Ausmaße des Literatursystems, die anhand einiger Indikatoren – Anzahl an Autoren, Quantität der literarischen Produktion, Anzahl der Institutionen, des (internationalen) Bekanntheitsgrads usw. – objektiv beschreibbar sind. Folglich bietet es sich an, für die Erfassung ‚kleiner Literaturen‘ von quantitativen/empirischen Kriterien auszugehen, um darauf aufbauend die spezifischen Diskurse, Thematiken und Problematiken herauszukristallisieren und zu analysieren. Diese Erweiterung der analytischen Ansätze führt zu einer Verlagerung der Frage nach dem Ausmaß der Literatursprache (major/minor language), die hier dann nicht mehr wie bei Deleuze und Guattari als dominierendes Kriterium, sondern als eines unter mehreren entscheidenden Merkmalen kleiner Literaturen fungiert.
Welche Erkenntnisse lassen sich aus dieser Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten gewinnen? Da wären zum einen die verschiedenen methodischen Ansatzpunkte aus dem Bereich der Literatursoziologie, der Mehrsprachigkeits- und Interkulturalitätsforschung und der systemisch angelegten Weltliteraturtheorie zu nennen. Es kann festgehalten werden, dass das Zentrum-Peripherie-Paradigma überwiegt, das oft eine Darstellung der Dynamiken und Dominanzstrukturen im Weltliteratursystem verfolgt. Dies hat zuweilen eine Reduzierung auf marktökonomische Themen zur Folge, erlaubt aber anderseits eine Diskussion über die Wichtigkeit der Übersetzungen als Garant für eine bessere internationale Sichtbarkeit.
Letztlich zeigen diese Ausführungen aber auch, dass es an der Zeit ist, die Forschung ‚von innen‘ verstärkt der Evaluierung ‚von außen‘ entgegenzusetzen und sie in den theoretischen Diskurs miteinzubringen. Notwendig ist daher eine komparatistisch angelegte Forschung, die sich mit der grundlegenden Frage auseinandersetzt, ob kleine Literaturen auch außerhalb der Idee eines Zentrums und über ein größeres Vergleichselement (die großen Literaturen) hinaus gedacht werden können (GauvinGauvin, Lise 2003: 33). Als weitere Schwerpunktsetzung bietet es sich an, außerhalb von nationalen und einsprachigen Prämissen zu denken. Außerdem sollte nachdrücklicher darauf hingewiesen werden, dass kleine Literaturen andere Dynamiken und Eigenheiten und womöglich eine eigene Ästhetik besitzen, welche durch die von den Zentren ausgehenden Normen allein nicht erfasst werden können (Provenzano 2011). Zudem wäre es wichtig, auch das literaturtheoretische Potential kleiner Literaturen im Bereich einer pluralistisch angelegten Literaturentwicklung verstärkt hervorzustreichen.
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Zum Modell und Begriffsfeld des überregionalen literarischen Interaktionsraums (ausgehend von der Literatur der Kärntner Slowen_innen)
Andreas Leben (Graz)
Abstract: The article discusses the concept and the use of the term ‘sphere of literary interaction’ that was developed within a research project on the contemporary bi- and multilingual literary practice of the Slovenes in Carinthia. Due to the participative and productive relation of this literature to several (poly)systems – in particular that of Austria and Slovenia – and to the heterogeneous writing practices, the concept addresses the fact that national, ethnic and linguistic affiliation have become doubtful categories. The model presented here seeks to reflect the changes with respect to the conditions of ‘deregionalised’ literary production and reception, and to the interaction with authors and institutions that previously were not related to the Carinthian bilingual literary field. Therefore, the sphere of interaction is conceptualised as an open space in progress, avoiding essentialist or reductionist categorisation since it is based on the collection of empirical data.
Keywords: theory of space, literary interaction, multilingualism, transculturality
Das hier präsentierte Modell eines überregionalen literarischen Interaktionsraums wurde im Rahmen des an der Universität Graz durchgeführten Forschungsprojekts zur Literatur der Kärntner Slowen_innen nach 1991Köstler, ErwinSrienc, DominikLeben, Andreas1 entwickelt und geht auf zwei grundlegende Fragen zurück, die bereits bei den ersten Überlegungen für eine integrierte Beschreibung zweisprachiger literarischer Praxis zu stellen waren: Wie soll man eine Literatur benennen, für die Sprache, ethnische Zugehörigkeit und regionale Gebundenheit keine verbindlichen Kriterien mehr sind, und wie kann der Raum bestimmt werden, in dem diese Literatur entsteht?
1 Zur Problemstellung
Im Allgemeinen wird unter der Bezeichnung ‚Kärntner slowenische Literatur‘ die literarische Produktion der slowenischen Minderheit in Kärnten verstanden, die üblicherweise sowohl dem österreichischen als auch dem slowenischen literarischen Feld zugerechnet wird. In Slowenien gilt die Literatur der Kärntner Slowen_innen aufgrund sprachlicher, kultureller, ethnischer und historischer Gemeinsamkeiten als integraler Teil der ‚gesamtslowenischen‘ Literatur, einem Konzept, das auch von der slowenischen Literaturgeschichte vermittelt wird (vgl. Grafenauer 1946: 284; Paternu 1973: 95) und das mit der heute noch verbreiteten Vorstellung von der Existenz eines ‚gemeinsamen slowenischen Kulturraums‘ (skupni slovenski kulturni prostor) korreliert (vgl. Vidmar 1984: 216–218). Die Zugehörigkeit dieser Literatur zur slowenischen Literatur wurde nie in Zweifel gezogen, jedoch attestierte man ihr aufgrund der Trennung vom zentralslowenischen Raum und der unterschiedlichen Entwicklung nach 19201 eine gewisse Eigenständigkeit (vgl. Kmecl 1973, Kmecl 1979), die an sprachlichen, stilistischen, typologischen und thematischen Besonderheiten festgemacht werden kann (vgl. Detela 1992). Seit den 1970er Jahren wird sie zudem unter dem Sammelbegriff ‚slovensko zamejsko slovstvo‘ (Pogačnik 1972: 5–6) geführt, der die ans slowenische ‚Mutterland‘ (matica) angrenzenden Literaturen der in den Nachbarländern (‚hinter den Grenzen‘) lebenden slowenischen Minderheiten bezeichnet.Strutz, Johann2 Auch die österreichische Slowenistik umriss die Literatur der Kärntner Slowen_innen als Teil des regionalen kulturellen Lebens der autochthonen Volksgruppe, die sich um Kontakt zum österreichischen wie auch zum slowenischen Literaturraum bemühte (Prunč/Hafner 1976: 671–683; Zablatnik 1985: 212–213). Mit dem politischen Umbruch in Europa und dem Zerfall Jugoslawiens wurde der Sinn einer strikten Trennung der slowenischen Literatur entlang von Staatsgrenzen zwar hinterfragt, jedoch wurde am Modell, dass es sich bei der Literatur der Kärntner Slowen_innen „um eine der regionalen Spielarten der gesamtslowenischen literarischen Kultur“ (Paternu 1991: 154) handle, festgehalten. Wie in den 1980er Jahren, dem „Goldenen Dezennium“ (Hafner 2009: 140) der Kärntner slowenischen Literatur, machen sich innerhalb dieser Kultur vor allem jene Autor_innen einen Namen, die in slowenischer Sprache schreiben. Die einzige Ausnahme ist Maja HaderlapHaderlap, Maja, deren deutschsprachiges Schaffen im slowenischen Zusammenhang aufgrund der vorhandenen Übersetzungen ins Slowenische in jüngster Zeit viel Beachtung findet, sich aber auch nahtlos in die Diskussion um eine Erweiterung des Begriffs ‚slowenische Literatur‘ einfügt.Hladnik, Miran3
Da vor allem die jüngeren zweisprachigen Kärntner Autor_innen die Möglichkeit nutzten, in beiden Sprachen zu schreiben und zu publizieren, sprach Johann StrutzStrutz, Johann bereits in den 1990er Jahren von einer ‚Entregionalisierung‘ der slowenischen Literatur in Kärnten, die auch Rückwirkungen auf die literarische Produktion habe (Strutz 1998: 27–28). Heute lässt sich diese Deregionalisierung in ihrer vollen Ausprägung beobachten. Will man die Literatur der Kärntner Slowen_innen in allen ihren Formen erfassen, reicht es daher nicht mehr aus, sie als Produkt einer ethnischen, sprachlichen, regional verankerten Minderheit zu beschreiben, die an den Schnittstellen des österreichischen und des slowenischen Literatursystems verortet ist. Die veränderten Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen, die allgemeinen sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen, die neuen kommunikationstechnologischen und medialen Möglichkeiten sowie die gesteigerte Mobilität von Autor_innen führen auch dazu, dass man im Grunde nur noch bedingt von ‚der‘ oder ‚einer‘ Kärntner slowenischen Literatur sprechen kann. Auch erscheint es keineswegs klar, welche Autor_innen oder Einzeltexte ihr zugezählt werden können, zumal vorübergehend oder auf Dauer in Kärnten lebende Autor_innen aus Slowenien maßgeblich an der slowenischen Literaturproduktion beteiligt sind, während einige Kärntner slowenische Autor_innen (fast) nur auf Deutsch schreiben und ihren Lebensmittelpunkt seit geraumer Zeit nicht mehr in Kärnten haben. Hinzu kommen Autor_innen verschiedenster Provenienz, die nicht slowenischsprachig sind, die aber in ihren Texten auf den zweisprachigen Raum, die Lebenswelt, die Geschichte, die Erinnerungsnarrative und die Literatur von Kärntner Slowen_innen Bezug nehmen und in ihren Texten Verfahren literarischer Zwei- und Mehrsprachigkeit anwenden.Srienc, DominikKöstler, Erwin4
2 Der Begriff des ‚überregionalen literarischen Interaktionsraums‘
Es ist evident, dass eine integrierte Darstellung der zweisprachigen literarischen Praxis der Kärntner Slowen_innen diese Diversität, Heterogenität und Überregionalität berücksichtigen muss. Um den Raum, der für die Beschreibung dieser Literatur relevant ist und der prospektiv weder sprachlich noch topographisch eingegrenzt werden kann, konzeptuell zu erfassen, wurde der Begriff des ‚überregionalen literarischen Interaktionsraums‘ eingeführt. Er sollte einen grundsätzlich abstrakten, offenen, transnationalen Raum bezeichnen, als dessen Teil die Literatur der Kärntner Slowen_innen erachtet werden kann, die nicht allein auf das regionale zweisprachige, das österreichische und das slowenische literarische Feld beschränkt ist, sondern produktiv wie rezeptiv weit über den regionalen Zusammenhang hinausreicht.
Als Ausgangspunkt dienten die Arbeiten und konzeptuellen Überlegungen von Johann StrutzStrutz, Johann zu einer literarischen Komparatistik der Alpen-Adria-Region, die auf die lebensweltliche und textuelle Interkulturalität im Regionalraum fokussieren (Strutz 2003: 351–352).Strutz, Johann1 Die von ihm beschriebene polyphone und transkulturelle „écriture der Region, die den exklusiven nationalen Nexus in Frage stellt, ohne dabei bestimmte Traditionen aufzugeben, indem sie den nationalen Rahmen zugleich unter- und überschreitet“ (Strutz 2010: 178), und die „spezifischen lnteraktionsformen der Alpen-Adria-Kulturen“ (ebd.: 191) bilden auch insofern eine wichtige Basis für das Konzept des Interaktionsraums, als sein Beschreibungsmodell die vielschichtigen lnterferenzen und Differenzen zwischen den sprachlichen, kulturellen und politischen Zusammenhängen berücksichtigt und die generelle Zwei- oder Mehrsprachigkeit der minoritären Kulturen nicht außer Acht lässt. Letztere „ermöglicht nämlich nicht nur die ‚luxurierende‘, ‚nomadische‘ Teilhabe an mehreren Kulturen, sondern bietet auch die Möglichkeit einer ‚ersatzweisen‘ literarischen Sozialisation durch partielle Übernahmen aus den jeweiligen größeren Nachbarliteraturen“ (Strutz 2010: 191).
Im Unterschied zu StrutzStrutz, Johann, der den Begriff „Regionalität“ nicht nur als thematische, semantische oder sprachlich-stilistische Kategorie auffasst, sondern ihm neben dem „Aspekt der (alltäglichen) sozialen und kulturellen Praxis“ auch ein „geographisches, raumkulturelles Bezugsmoment von Nähe und Nachbarschaft“ (Strutz 2003: 70) zugrunde legt, verfügt der hier diskutierte Interaktionsraum jedoch über kein ‚echtes‘ geographisches Korrelat. Der überregionale literarische Interaktionsraum darf also nicht mit dem Regionalraum verwechselt werden, in dem die Literatur der Kärntner Slowen_innen einen Teil des Systems der Literaturen im Alpen-Adria-Raum darstellt. Der räumliche Kontakt zwischen Sprachen und Kulturen in synchroner wie diachroner Perspektive ist auch hier von Bedeutung, sowohl auf der Ebene der praktischen Organisation des literarischen Lebens als auch auf der Textebene, doch hat die ‚Entregionalisierung‘ dieser Literatur aus überregionaler Perspektive eine Verschiebung von den intrasystemischen Relationen, Kontakten, Interferenzen und Transfers zwischen den Literaturen der Alpen-Adria-Region zu den intersystemischen Interaktionen insbesondere im deutsch- und slowenischsprachigen Raum zur Folge. Der räumlich-geographische Aspekt muss aber auch überschritten werden, um die Migration von Personen, das Zirkulieren von Texten und deren globale Verfügbarkeit sowie Phänomene wie Intertextualität, Intermedialität und die Verlagerung von Literatur in virtuelle Räume als Elemente literarischer Interaktion aufeinander beziehen und die systemische Position der rezenten zweisprachigen Literatur der Kärntner Slowen_innen bestimmen zu können.2
Im Übrigen sind die theoretisch-methodischen Grundlagen für die Beschreibung des überregionalen literarischen Interaktionsraums weitgehend dieselben, wie sie von StrutzStrutz, Johann für die literarische Komparatistik der Alpen-Adria-Region herangezogen wurden: das Konzept „kleiner Literaturen“ in der Nachfolge von GuattariGuattari, Félix und DeleuzeDeleuze, Gilles (1976), die Kultursemiotik LotmansLotman, Jurij (2010) unter Bezug auf BachtinsBachtin, Michail metalinguistischen Sprach- und Dialogizitätsbegriff und die Polysystemtheorie Itamar Even ZoharsEven-Zohar, Itamar (1990) (vgl. Strutz 2003: 23–67, 2010: 184–191). Als besonders anwendbar für die Konzeption und Beschreibung des Interaktionsraums erwiesen sich die Instrumentarien und Begriffe der Polysystemtheorie, die auf sozialen Relationen beruhende Feldtheorie BourdieusBourdieu, Pierre Félix (1999), die bei Strutz nur am Rande Erwähnung findet, und das LotmanLotman, Jurij’sche Modell der Semiosphäre. Letzteres erlaubt es, den Interaktionsraum auch als abstrakten, diskursiven semiotischen Raum zu begreifen, der mit gegebener kultureller Bedeutung operiert und neue kulturelle Bedeutungen hervorbringt, indem in ihn verschiedene, sich überlagernde, zwei- oder mehrsprachige Grenzen (sowohl gegenüber dem inner- als auch dem außer- und anderssemiotischen Raum) eingeschrieben sind, an denen es aufgrund ständiger Einflüsse von außen zu besonders intensiven semiotischen Prozessen kommt (Lotman 2010: 182, 184, 189). Einen weiteren Bezugspunkt bildete die österreichische regionalgeschichtliche Literaturraumforschung (vgl. Schmidt-Dengler/Sonnleitner/Zeyringer 1995), insofern sie Kulturraum als „eine Zone spezifischer, hoher Verdichtung von menschlicher Interaktion“ (Thum 1980: 81) begreift und die Institutionengeschichte sowie die Produktions- und Rezeptionsbedingungen untersucht (vgl. Amann 2007).
Die wichtigste Grundlage für die analytische Arbeit bildeten jedoch die zu erhebenden empirischen Daten zu den im überregionalen und sprachübergreifenden Zusammenhang relevanten Autor_innen und Akteur_innen, Texten und Translaten sowie den Produktions- und Rezeptionsprozessen (vgl. Köstler/Leben 2018: 148–151). Erstellt wurde eine umfassende Datenbank mit mehr als 18.500 Einträgen, beruhend auf den nach 1990 erschienen Buchpublikationen (Primärtexte, Übersetzungen, Anthologien, Werkausgaben usw.), der Auswertung von annähernd 60 österreichischen, slowenischen und italienischen Literatur- und Kulturzeitschriften sowie der Bestandsaufnahme der für den Untersuchungsbereich relevanten Kulturpublizistik und wissenschaftlichen Literatur, aber auch von Internetportalen, Webseiten und Blogs. Es wurden Interviews mit mehr als 40 Personen geführt, die im zweisprachigen literarischen Feld tätig sind (Autor_innen, Übersetzer_innen, Herausgeber_innen, Theatermacher_innen, Filmemacher_innen, Musiker_innen, Literaturwissenschaftler_innen, Kulturmanager_innen und Journalist_innen), und umfassende Bibliographien zu einzelnen Autor_innen angelegt, ebenso wurden Daten zu den slowenischen, zwei- oder mehrsprachigen literarischen Institutionen in und außerhalb Kärntens gesammelt (Verlage, Veranstalter, Veranstaltungsorte, Literaturvereinigungen, Literaturpreise, Kulturvereine usw.). Um dem Transfer von Repertoires und Modellen,3 einer der zentralen Fragen literarischer Interaktion, im Detail nachgehen zu können, wurden darüber hinaus mehr als 300 Textbeschreibungen angefertigt, die auch Auskunft über die Statik bzw. Dynamik von Kanonisierungsprozessen geben. Erst anhand dieser Daten, von denen anzunehmen ist, dass sie die Verhältnisse und Veränderungen im untersuchten Zeitraum abbilden, war es möglich, den überregionalen literarischen Interaktionsraum in Relation zu den Feldern der österreichischen und der slowenischen Literatur zu stellen sowie Aussagen über seine Beschaffenheit und Stabilität zu treffen. Folglich bildet er sich erst durch die belegbaren interlingualen und transkulturellen Relationen zwischen Akteur_innen und Texten heraus, die für einen bestimmten Zeitraum evidentiert werden können. Da Texte auch Teil oder Gegenstand von intermedialen Prozessen und Transformationen sein können, wurden außerdem Daten aus anderen künstlerischen Bereichen, insbesondere dem Theater, herangezogen.
3 Der literarische Interaktionsraum aus raumtheoretischer Perspektive
Seit dem Spacial turn in den Kultur- und Literaturwissenschaften wurden zahlreiche raumbasierte Theorien, Konzepte und Modelle entwickelt, die zum einen globale Ortlosigkeit und Probleme der Lokalisierung von Raum in den Vordergrund rücken, zum anderen aber auch Raum zu einer „zentralen Analysekategorie, zum Konstruktionsprinzip sozialen Verhaltens, zu einer Dimension von Materialität und Erfahrungsnähe sowie zu einer wirkungsvollen Repräsentationsstrategie“ (Bachmann-Medick 2015: 42) werden lassen. Die inter- und transkulturell orientierte Literaturwissenschaft, die schon immer Interesse für interliterarische Beziehungen gezeigt hat, nimmt hierbei zumeist physische, topographische Räume in den Blick. Dies können größere geographische Räume sein, wie etwa das östliche Zentraleuropa, die iberische Halbinsel oder Lateinamerika, kleinräumigere Zusammenhänge wie die Alpen-Adria-Region, die Benelux-Region oder Teile des südöstlichen Europa, oder auch urbane literarische Kulturen in Städten wie Wien, Prag oder Triest. In vielen Fällen kommt der Fokus auf ethnisch plurale, mehrsprachige, interkulturelle oder transnationale Aspekte zu liegen, wobei auch auf alternative Bezeichnungen wie ‚Sprachlandschaften‘ oder ‚Geopoetiken‘ oder Begriffe wie ‚Kultur als Kommunikationsraum‘ (Csáky 2011) zurückgegriffen wird. Ein weiterer Strang in der literatur- und kulturwissenschaftlichen Raumforschung setzt sich stärker mit abstrakten, ästhetischen, relationalen, sozial produzierten oder symbolischen Raumkonzepten auseinander, die mit FoucaultsFoucault, Michel ‚Heterotopie‘ als Gegenort, Sojas realem und zugleich imaginärem ‚thirdspace‘ oder BhabhasBhabha, Homi K. handlungsorientiertem ‚dritten Raum‘ großen Einfluss auf den Raumdiskurs haben (vgl. Bachmann-Medick 2015: 285–329; Dünne/Günzel 2015: 289–368, 449–545). Der Interaktionsraum hat auch mit den hier exemplarisch genannten und oft wechselseitig miteinander verwobenen raumtheoretischen Ansätzen zahlreiche Überlappungen, weshalb es nicht verwundert, dass Marko JuvansJuvan, Marko Zusammenschau postmoderner raumtheoretischer Zugänge in den Geisteswissenschaften in höchstem Maß auf ihn zuzutreffen scheint, denn der postmoderne Raumbegriff ist:
offen, unvollendet, relational, heterarchisch, zeitlich mehrdimensional (an den gleichen Ort schreiben sich Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft ein), ontologisch vielfältig (physisch, konzipiert, aktuell, virtuell, real, möglich, diskursiv, erlebt, imaginiert, vorgestellt usw.), vor allem aber ist er in ständiger, zum Teil autopoetischer Entstehung und Umbildung, die feste und geometrisch bestimmbare räumliche Gegebenheiten mit der Beweglichkeit in verschiedene Richtungen weisender Strömungen und ihrer Schauplätze kreuzt; in einem solchen Raum treten die Geometrien physischer Gegebenheiten in Interaktion mit gesellschaftlichen Praxen, mentaler Kartierung und den mehrdimensionalen Strömungen von Informationen, Quellen, Gütern, Menschen und des Kapitals. (Juvan 2016: 21)
Aus raumtheoretischer Perspektive weist der Interaktionsraum eine besondere Nähe zum Drei-Ebenen-Modell Jörg DünnesDünne, Jörg (2004: 2) auf, der einem kultur- und medienwissenschaftlich Ansatz folgend zwischen kulturpragmatischen, semiotischen und technischen Räumen unterscheidet und die historische Bedingtheit von Raumerzeugung durch semiotische Ordnungen, die eine immanente Bedeutungsdimension aufbauen und sich in ein Verhältnis zu lebensweltlichen Räumen setzen können, hervorhebt. Kulturpragmatische Raumtheorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie Raumkonstitution weder in rein die Medien der Übertragung betreffenden technischen Bedingungszusammenhängen noch in semiotischen Raum-Repräsentationen aufgehen lassen:
Ein kulturpragmatischer Zugang zu Raum ist da gegeben, wo ein kultureller Raum nicht mehr in einer wie auch immer gearteten, semiotisch begründeten Lesbarkeit aufgeht, sondern semiotische Ordnungen selbst der Frage nach ihrer historischen Bedingtheit unterzogen werden. […] Von technischen Raumtheorien unterscheidet sich ein kulturpragmatischer Ansatz dadurch, dass Raumkonstitution in ihm nicht als medientechnisch determiniert erscheint, sondern zugunsten einer Interaktion oder Konkurrenz mit diskursiven, sozialen oder symbolischen Ordnungen aufgebrochen wird. (ebd.: 7)
Genauer spezifizieren lässt sich das Modell des Interaktionsraums jedoch anhand der 1974 veröffentlichten Raumtheorie Henri LefebvresLefebvre, Henri, auf welche etliche Raumkonzepte nach dem Spacial turn Bezug nehmen. Da nicht wenige von ihnen essentialistische, nationale, einsprachige, monokulturelle, ausgrenzende, rassistische, patriarchale oder kolonialistische Paradigmen zu überwinden versuchen, scheint es angebracht, daran zu erinnern, dass LefebvreLefebvre, Henri seine Auffassung von Raum als einer weder absoluten noch messbaren noch a priori gegebenen, sondern vielmehr von einer Gesellschaft praktisch und diskursiv hervorgebrachten Kategorie vor dem Hintergrund seiner Kritik an der mathematisch-geometrisch oder geographisch orientierten Raumwissenschaft formuliert hat. Diese repräsentiere den „politischen Gebrauch“ von (im Westen neokapitalistischem) Wissen, impliziere eine Ideologie, die den politischen Gebrauch zu kaschieren und für sich ein nicht von Interessen geleitetes Wissen zu reklamieren versuche, und verkörpere die im besten Fall eine technologische Utopie (Lefebvre 2008: 8–9). Von daher ist einzuräumen, dass auch der Interaktionsraum nicht frei von politischen und ideologischen Komponenten ist und dass er es LefebvresLefebvre, Henri Raumtheorie zufolge auch nicht sein kann, weil Raumrepräsentationen von einem stets relativen und sich verändernden Wissen, „einer Mischung aus Erkenntnis und Ideologie“ durchdrungen und als solche Teil der sozialen und politischen Praxis sind (ebd.: 41).1 Entsprechend besagt seine Definition von (sozialem) Raum als (sozialem) Produkt, der weder aus einer „Ansammlung von Dingen im Raum“ noch als Aggregat kognitiver Daten noch aus einer befüllten oder zu befüllenden Leere besteht (ebd.: 26–27), dass an das Wissen über diesen Raum die Erwartung gestellt werden müsse, den Prozess der Produktion dieses Raums zu reproduzieren und zu erklären, wobei die Theorie den generativen Prozess nicht von außen, sondern von innen reproduziere (ebd.: 36–37).
Dieser Ansatz bildet einen integralen Teil von LefebvresLefebvre, Henri Versuch einer einheitlichen Raumtheorie, die gemäß dem Prinzip „Analyse gefolgt von Exposition“ zur Findung von „Raumwahrheit“ führen soll (ebd.: 9). Seine Theorie basiert wesentlich auf der mehrdimensionalen dialektischen Beziehung zwischen den sich an und für sich nicht überlappenden Kategorien von physischem, mentalem und sozialem Raum und den drei relationalen Komponenten (wahrgenommener, produzierender und reproduzierender) Raumpraxis, (konzeptualisierter, ordnender) Raumrepräsentationen und (gelebter, passiv erfahrener, reale Objekte symbolisch benutzender) Repräsentationsräume (ebd.: 11–14, 33, 38–39). Angewandt auf den Interaktionsraum würde dies heißen, dass es sich um einen konzipierten Raum handelt, der auf datengestützter räumlicher Praxis basiert, und dass sich die „gelebten“ Repräsentationsräume in Form von symbolisch aufgeladenen literarischen Texten konkretisieren und über den physischen Raum legen. LefebvreLefebvre, Henri erachtet den konzipierten Raum jedoch als den dominanten Raum jeder Gesellschaft (ebd.: 38–39), was auf den Interaktionsraum kaum zutreffen dürfte, dennoch kann er für sich in Anspruch nehmen, raumrepräsentativ sein, indem er eine Alternative zu anderen dominanten literarischen Raumkonzeptionen bietet. Instruktiv sind in diesem Zusammenhang auch LefebvresLefebvre, Henri Überlegungen zur Semantik von Raumbegriffen, wenn er festhält, dass es in keiner Sprache einen allgemeinen Raumcode, eine Art super code gebe, dass aber die räumlich-sozialen Praxen in bestimmten historischen Perioden und Gesellschaften spezifische, decodierbare Raumcodes hervorbringen, die auch wieder kollabieren können (ebd.: 16–17, 25–26).2 Insofern kann der Interaktionsraum als Hervorbringung eines bestimmten gesellschaftlichen Bedarfs gedeutet werden.
Zu den empirischen, aus der Raumpraxis stammenden Daten ist anzumerken, dass die Raumpraxis nicht mit der Diversität sozialer Praxis gleichgesetzt werden kann, denn in „Wirklichkeit ‚enthält‘ der soziale Raum soziale Handlungen, Handlungen sowohl individueller als auch kollektiver Subjekte, die geboren werden und die sterben, die leiden und die tätig werden“ (ebd.: 33, Übers. A.L.); sozialer Raum ist demnach ein vitaler Prozess des Kommens und Gehens, fluider Veränderung, während sich die Raumpraxis erst durch seine Dechiffrierung offenbart (ebd.: 38). Lefebvres Raumtheorie legt auch nahe, den Interaktionsraum nicht nur als wissenschaftliches Konzept zu verstehen, sondern aus der sozialen Praxis heraus. Denn wenn es zutrifft, dass jede Gesellschaft ihren eigenen Raum produziert und jede soziale Existenz, die für sich den Anspruch erhebt, real zu sein, sich ihren eigenen Raum schaffen muss – wenn sie nicht als seltsame Entität erscheinen, ihre Identität verlieren, auf die Stufe von Folklore fallen und früher oder später verschwinden will (ebd.: 53) – leistet das Modell auch einen Beitrag zur Sichtbarmachung der handelnden Akteur_innen, die dominante Raumordnungen und Codes unterlaufen und symbolische Objekte neu verhandeln.
Da sich der Interaktionsraum explizit auf literarische Zwei- und Mehrsprachigkeit bezieht, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass in Lefebvres Raumtheorie, abseits von der Linguistik und Philosophie, Sprache keine Rolle spielt. Im Gegenteil, LefebvreLefebvre, Henri spricht sich gegen die These des Primats der Sprache aus (ebd.: 16–17, 28) und spöttelt über die gesprochene oder geschriebene Sprache, die er im Hinblick auf die Vermittlung sozialer Zeit und räumlicher Praxis als schwerfällig erachtet. Er weist auf ihren teils bäuerlichen teils theologisch-philosophischen Ursprung hin und sieht den Bedarf, die Sprachen zu verschrotten und zu rekonstruieren; eine Aufgabe, die er der sozialen Praxis zuweist (ebd.: 132). Seine Empfehlung mag als Provokation gedacht gewesen sein, bei genauerer Betrachtung der im Rahmen des Interaktionsraums erfassten literarischen Produktion findet sie aber in den sprachexperimentellen Texten durchaus Widerhall. Im Unterschied zu LefebvresLefebvre, Henri Raumtheorie müssen innerhalb des Modells des literarischen Interaktionsraums die zwei- und mehrsprachige Situation, die Formen literarischer Zwei- und Mehrsprachigkeit und Phänomene wie Sprachmischung und Sprachwechsel geradezu als zentrale Aspekte der sozialen Praxis und des sozialen Raums erachtet werden, was auch die Komplexität der dialektischen Beziehung zwischen Raumpraxis, Raumrepräsentation und Repräsentationsraum erhöht. Mehrsprachigkeit, die Inter- und Transkulturalität voraussetzt, ist ein Instrument der Dechiffrierung sozialer Praxis, sie ist aber auch den passiv erfahrenen Repräsentationsräumen inhärent, die sich wiederum auf den sozialen Raum auswirken und zu Veränderungen der dominanten Verhältnisse in den Raumrepräsentationen führen können.
Aus raumtheoretischer Perspektive ist schließlich festzuhalten, dass der Interaktionsraum, der ausgehend vom zweisprachigen literarischen Feld der Kärntner Slowen_innen über das österreichische und das slowenische literarische Feld hinausreicht, von der Idee ‚(trans-)kultureller Zwischenräume‘ abzugrenzen ist, sofern damit hybride Übergangsräume gemeint sind, die sich zwischen verschiedenen (nationalen) Kulturen und Literaturen entfalten.3 Hingegen lässt er sich sehr wohl als Zwischenraum im Sinne der von CerteauCerteau, Michel de beschriebenen ‚zwischenräumlichen Bewegungspraxis‘ begreifen, denn ihm zufolge ist der Raum „ein Geflecht von beweglichen Elementen. Er ist gewissermaßen von der Gesamtheit der Bewegungen erfüllt, die sich in ihm entfalten. Er ist also ein Resultat von Aktivitäten, die ihm eine Richtung geben, ihn verzeitlichen und ihn dahin bringen, als eine mehrdeutige Einheit von Konfliktprogrammen und vertraglichen Übereinkünften zu funktionieren.“ Im Gegensatz zum Ort weist der Raum „weder eine Eindeutigkeit noch eine Stabilität von etwas ‚Eigenem‘“ auf; er ist „ein Ort, in dem man etwas macht“ (Certeau 2015: 345). Aus dieser Perspektive kann der Interaktionsraum des Weiteren als „dritter Raum“ gedacht werden, als Zwischenraum, in dem kulturelle Differenzen artikuliert und verhandelt werden, als Raum, „von dem aus Strategien – individueller oder gemeinschaftlicher – Selbstheit ausgearbeitet werden können, die beim aktiven Prozeß, die Idee der Gesellschaft selbst zu definieren, […] zu innovativen Orten der Zusammenarbeit und des Widerstreits führen“, als „Raum der Intervention im Hier und Jetzt“ oder auch als Raum, der die „diskursiven Bedingungen der Äußerung“ konstituiert, „die dafür sorgen, daß die Bedeutung und die Symbole von Kultur nicht von allem Anfang an einheitlich und festgelegt sind und daß selbst ein und dieselben Zeichen neu belegt, übersetzt, rehistorisiert und gelesen werden können“ (Bhabha 2011: 2, 11, 57).
4 Der Interaktionsraum und seine Anwendbarkeit
Es kann festgehalten werden, dass das hier diskutierte Modell eines überregionalen literarischen Interaktionsraums trotz des Bezugs auf das mit Kärnten verbundene zweisprachige literarische Feld über kein (echtes) topographisches Korrelat verfügt und auf handlungsorientierten und kommunikativen Raumpraktiken basiert, innerhalb derer es zum Transfer von (literarischen) Repertoires und Modellen kommt. Der Interaktionsraum kann als Produkt räumlich-sozialer Praxis konkreter Akteur_innen und Institutionen aufgefasst werden, als ein spezifischer, gesellschaftlich hervorgebrachter Raumcode, der dekodiert werden kann. Konzeptuell ist er in den postnationalen und postmonoligualen Zugängen verankert und bildet als solcher eine Ergänzung oder Alternative zu jenen raumbasierten literaturwissenschaftlichen Ansätzen, die von essentialistischen Kategorien wie Sprache, Nation und Identität, oder von topographischen Kriterien ausgehen. Ein wesentliches Merkmal des Modells ist, dass es die Erfassung empirischer Daten erforderlich macht, die im Falle eines relativ überschaubaren Interaktionsraums, wie er ausgehend von der literarischen Praxis der Kärntner Slowen_innen konzipiert wurde, systematisch evidentiert werden können.
Wie gerade der von ideologischen und sprachpolitischen Konflikten und Ängsten geprägte zweisprachige Kärntner Raum zeigt, hat das Modell den Vorteil, dass auf personenbezogene ethnische, sprachliche oder die Identität betreffende Zuweisungen weitgehend verzichtet werden kann. Fragen der Identität, der Zugehörigkeit, der Zwei- und Mehrsprachigkeit, der Sprachmischung, des Sprachwechsels, der Peripherie, der Abhängigkeit, der Ideologie, des Wissens, der Erinnerung bis hin zur Diskussion von Zwischenräumen, Übergangsräumen, Grenzräumen, postkolonialen Verhältnissen und Diversität können als Teil der empirisch erfassbaren Handlungen und Diskurse aufgefasst und zusammen mit Fragen des kulturellen und literarischen Transfers schlicht als raumkonstitutiv bzw. als Teil sozialer und literarischer Praxis verhandelt werden.
Der Interaktionsraum erlaubt es, problembehaftete Begriffe wie Nationalliteratur oder Minderheitenliteratur zu hinterfragen und zu umgehen. Er macht soziale und literarische Praxen sichtbar, die gängige Ordnungen und Konventionen unterlaufen, und ist nach allen Richtungen hin prinzipiell offen und erweiterbar. Er kann ebenso auf Interaktionen im Bereich des Theaters, des Films oder der Musik angewendet werden wie auch auf andere literarische, kulturelle oder soziale Kontexte, bei denen eine ähnliche Spezifizierung möglich ist, wie im Fall der Literatur der Kärntner Slowen_innen.
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Institutionen, Akteure, Modelle: Das Kärntner zweisprachige literarische Feld als Anziehungspunkt für deutschsprachige Autor_innen
Erwin Köstler (Wien)
Abstract: Compared with the situation in the 1970s and 1980s, the preconditions for the production of literature in the bilingual field in Carinthia, in terms of repertoires and institutions, have so profoundly changed that the description of this field today has to take into account literary practices, that go by far beyond the frame of the literature of the Carinthian Slovenes. Not only do we see code-switching and an increasing orientation of Slovene authors towards the German literary scene and book market, but also German-writing authors from in- and outside the region who engage themselves in the bilingual sphere and make use of its literary institutions. The following contribution thus outlines the institutional basis for literary interaction in the bilingual field and gives some examples of participation by German-writing authors, concerning co-operation on the institutional level, occupation with the contemporary history and memory culture of the Carinthian Slovenes and selected cases of actual literary bi- or multilingualism on the level of texts.
Keywords: literary interaction, bilingual field, Carinthia, German-writing authors, institutions
Wenn wir von zwei- oder mehrsprachiger Literatur in Kärnten sprechen, meinen wir ein transkulturelles literarisches Feld, in dem von getrennten, „mehr oder minder isoliert nebeneinander bestehenden literarischen Milieus“ (Amann/Strutz 1998: 581) längst nicht mehr die Rede sein kann. Die Sprache, in der geschrieben wird, ist vielfach nicht mehr der identitätsbestimmende Faktor, den sie für die meisten der in der Vorkriegs-, Kriegs- oder frühen Nachkriegszeit geborenen Kärntner slowenischen Autor_innen noch darstellte. Dies gilt reziprok auch für primär Deutsch Schreibende. So erachtet die in Kärnten aufgewachsene Autorin Lydia MischkulnigMischkulnig, Lydia die Tatsache, dass ihr die Sozialisation in slowenischer Sprache vorenthalten worden sei, sowie die daraus resultierende Verstrickung mit dem „sprachrassistischen“ Kärnten sehr wohl als prägend für ihr Schreiben, weist aber jede identitätsbezogene Prägung ihrer Literatur von sich, denn, so erklärt die Autorin, seit sie den Unsinn einer Ursprungklärung erkannt habe, bringen sie „Identitätsfragen nur mehr zum Lachen“ (Fischer 2016).
Dieser Umstand hat weitreichende Auswirkungen auf die Konzeption des überregionalen literarischen Interaktionsraums, in den die Literatur von Kärntner Slowen_innen eingebettet ist,Leben, Andreas1 ist aber auch für das Zustandekommen literarischer Interaktionen, die wesentlich auf dem Transfer von Repertoires und Modellen beruhen, von größter praktischer Bedeutung. Wir sehen nämlich nicht nur eine zunehmende Orientierung Kärntner slowenischer Autor_innen in den deutschsprachigen Raum, sondern auch deutschsprachige Autor_innen, die Publikationsmöglichkeiten und andere Repertoireangebote im zweisprachigen Bereich nutzen. Es ist deshalb sinnvoll, die institutionelle Basis zu skizzieren, die das zweisprachige Feld als Ausgangspunkt und Ziel überregionaler literarischer Interaktion kennzeichnet, bevor wir uns am Beispiel des Theaters und der Erinnerungskultur einzelnen Formen literarischer Mehrsprachigkeit vor allem bei primär deutschsprachigen Autor_innen zuwenden.
Verlage
Die überregional sichtbarsten zweisprachigen Verlage in Kärnten, Drava, Mohorjeva/Hermagoras und Wieser, stellen seit Längerem auch attraktive Publikationsorte für deutschsprachige Autor_innen dar und sind heute (bei allen gegebenenfalls bestehenden juristischen Verflechtungen mit Minderheitenorganisationen) nicht mehr in erster Linie als Minderheitenverlage anzusehen.Leben, Andreas1 Sowohl Drava als auch der 1987 gegründete Wieser Verlag erwarben sich internationales Renommee gerade auch mit der systematischen Übersetzung slowenischer Literatur ins Deutsche2 und gingen mit ihren interkulturellen Programmen bald über den regionalen Rahmen hinaus. Über eine starke deutschsprachige Verlagsschiene mit einem relativ hohen Anteil an genuin deutschsprachiger Literatur verfügt auch der katholische Hermagoras Verlag/Mohorjeva, der von allen genannten noch am meisten in slowenischer Sprache produziert und damit am ehesten dem „Muttersprachendiskurs“ (Dembeck/Parr 2017: 54) verbunden erscheint, sich jüngst aber auch für experimentelle Literatur geöffnet hat. Im Windschatten der zweisprachigen Verlage agierte 1999–2016 der Klagenfurter Kitab Verlag als interkultureller Verlag mit einem starken Akzent auf slowenisch-deutschen Wechselbeziehungen in Kärnten. 2010 kam mit der Reihe Edition Meerauge des Verlags Heyn ein weiterer Klagenfurter Verlag hinzu, der sich ausdrücklich der literarischen Zweisprachigkeit in Kärnten annimmt und damit das Angebot an mehrsprachiger Literatur erweitert. Gerade eine Reihe wie die Edition Meerauge zeigt, dass die oben angedeutete Kompartimentierung der Kärntner literarischen Öffentlichkeit, die lange Zeit eine mehr oder weniger rigorose Abgrenzung zwischen den Strukturen der Mehrheit und der Minderheit bedeutete, ihre Gültigkeit verloren hat. Vielmehr ist Zweisprachigkeit auch in deutschsprachigen Verlagsprogrammen manifest.
Wissenschaftsinstitutionen, Kulturinitiativen, Vereine
Die regionalen Verlage nehmen Anteil an interinstitutionell vermittelten Kontakten auf regionaler wie überregionaler Ebene. Kooperationen sehen wir beispielsweise mit Verbänden (z.B. des Hermagoras-Verlags mit dem Kärntner Schriftstellerverband), Kulturinitiativen (z.B. des Drava Verlags mit dem Verein UNIKUM) oder auch mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (z.B. des Wieser Verlags mit dem ORF). Viele produktive Kontakte kamen über Einrichtungen an der Universität Klagenfurt oder andere Wissenschaftsinstitutionen zustande und etablierten die zweisprachigen Verlage gewissermaßen auch als Fachbuchverlage. Bei Mohorjeva und Drava etwa sind eine Vielzahl von Monographien und Sammelbänden aus dem Bereich der Regional- und Sozialgeschichte der Kärntner Slowen_innen sowie der Literaturwissenschaft erschienen (z.T. in Übersetzung). Von großer Bedeutung war die wissenschaftliche Reihe Disertacije in razprave/Dissertationen und Abhandlungen, die 1979–1999 bei Drava erschien. Die 44 Bände umfassende Reihe wurde vom Slovenski znanstveni inštitut/Slowenischen wissenschaftlichen Institut (SZI) in Klagenfurt betreut und verankerte regionalspezifische zeithistorische, soziologische und sprachpolitische Themen im überregionalen Diskursfeld. Die Zusammenarbeit mit Wissenschaftsinstitutionen (z.B. SZI, Universität Klagenfurt) spielte auch bei der programmatischen Herausgabe von Erinnerungsliteratur von Kärntner Slowen_innen (in Original und Übersetzung) eine Rolle.
Auch das Universitätskulturzentrum Unikum/Kulturni center Univerze v Celovcu publizierte in erster Linie beim Drava Verlag.1 Zum Teil mehrere Auflagen erlebten die regionalen Wanderbücher von Wilhelm Berger und Gerhard PilgramPilgram, Gerhard, die mit programmatischen Titeln wie Kärnten unten durch (1998, 32001), Slowenien entgegen (2004), Die letzten Täler. Wandern und Einkehren in Friaul (2008) oder Tiefer gehen. Wandern und Einkehren im Karst und an der Küste (2011, 32013) auch den transnationalen Raum abstecken, in dem UNIKUM seine Kunstprojekte durchführt.Haderlap, MajaMischkulnig, LydiaPickl, Dietmar2 Ein interessantes literarisches UNIKUM-Projekt ist auch die bei Drava erschienene zweisprachige Anthologie nove večernice. Geschichten aus Kärnten/Koroška, 2005 herausgegeben von Emil KrištofKrištof, Emil, Doris MoserMoser, Doris und Helga RabensteinRabenstein, Helga, die spielerisch das historische Genre der „Večernica“ (der für die Publikationen der Mohorjeva typischen moralisch-belehrenden Erzählung) in den Buchtitel setzt.Ferk, JankoHaderlap, MajaHafner, FabjanKokot, AndrejMischkulnig, LydiaOswald, JaniSoria, CorinnaTruschner, PeterSrienc, Dominik3
Auf die Zusammenarbeit mit den zweisprachigen Verlagen setzte auch das Robert-Musil-Institut für Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv. Insbesondere bei Drava erschienen: Editionen (Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe, DVD mit Begleitheft, 2009), Sammelbände (Krieg, Widerstand, Befreiung, 2013), Lesebücher (Werner KoflerKofler, Gerhard: In meinem Gefängnis bin ich selbst der Direktor, 2009), Anthologien (Kärnten literarisch, 2002); bei Wieser der Text- und Materialienband LipušLipuš, Florjan lesen (2000). Als Literaturhaus, Archiv und Forschungsstelle ist das Musil-Institut von Anfang an der Erschließung und Erforschung von Quellen zur Literatur- und Kulturgeschichte Kärntens und des Alpen-Adria-Raums verpflichtet.4 Mit Fabjan HafnerHafner, Fabjan (1998–2016) und Dominik SriencSrienc, Dominik (ab 2016) zählt das Institut praktisch seit seiner Gründung auch stets einen Kärntner Slowenen zu seinen Mitarbeitern. Am Musilhaus fand von 1998 bis 2016 die Verleihung der Österreichischen Staatspreise für literarische Übersetzer im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur statt.
Literaturwettbewerbe und Preise
Auch bei der Vergabe des Bachmann-Preises ist in den letzten drei Jahrzehnten eine transkulturelle Öffnung festzustellen.Özdamar, Emine SevgiZaimoglu, FeridunStanišić, Saša1 Mit der Zuerkennung des Preises an Maja HaderlapHaderlap, Maja für ihren auf Deutsch geschriebenen Roman Engel des Vergessens (2011) richtete sich die internationale Aufmerksamkeit auf Themen, die die halbvergangene Geschichte und Lebenswelt der slowenischen Volksgruppe in Kärnten betreffen. 2018 wurde mit Florjan LipušLipuš, Florjan ein ausschließlich auf Slowenisch schreibender Kärntner Autor mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur gewürdigt. Der in Kooperation des Literarischen Colloquiums Berlin, des Goethe-Instituts in Ljubljana und des Musil-Instituts in Klagenfurt gestiftete und 2017 erstmals vergebene Fabjan-Hafner-Preis für literarische Übersetzer ist als Beispiel für eine überregionale interinstitutionelle Zusammenarbeit besonders hervorzuheben.
Auf regionaler Ebene haben sich zweisprachige Literaturwettbewerbe etabliert, so der Kärntner Lyrikpreis der Stadtwerke Klagenfurt, der Bleiburger Literaturwettbewerb Koroška v besedi – Kärnten wortwörtlich, der auch überregional ausstrahlt, oder der 2011–2014 ausgerichtete Literaturwettbewerb der Klagenfurter Gruppe. Der Villacher Literaturpreis richtet sich zwar an deutschsprachige Autor_innen, zwei der Initiatoren des ausrichtenden Vereins Wort-Werk, Simone SchönettSchönett, Simone und Harald SchwingerSchwinger, Harald, sind jedoch im zweisprachigen Feld verankert.Schönett, SimoneVennemann, Kevin2
Schließlich können auch Schriftstellerresidenzen zum Aufbau produktiver Kontakte im zweisprachigen Bereich führen, so bei Karsten KrampitzKrampitz, Karsten und Peter WawerzinekWawerzinek, Peter, die 2010 bzw. 2011 (als Gewinner des Publikumspreises beim Bachmann-Wettbewerb) in der Landeshauptstadt als Stadtschreiber residierten und sich mit dem literarischen Briefwechsel Crashkurs Klagenfurt (Heyn 2012) für ihren Aufenthalt revanchierten. Wawerzinek sollte drei Jahre später in seiner Klagenfurter Rede zur Literatur (Heyn 2015) seine besondere Beziehung zu Österreich als literarischem „Geburtshelfer“ erläutern. KrampitzKrampitz, Karsten, der während seines Aufenthalts u.a. das Gästebuch zur Jörg-HaiderHaider, Jörg-Ausstellung im Bergbaumuseum Klagenfurt rezensierte und 2011 auf einem Kneipenabend der Emanzipatorischen Linken in Berlin aus Jörg HaidersHaider, Jörg Stasi-Akte las, war zuletzt Herausgeber der Anthologie Drei Wege zum See oder Eine andere Stadt (Drava 2018), die auch slowenische Texte enthält.
Theater
In Kärnten gibt es kein ständiges slowenisches Theater, dafür aber eine sehr lebendige und umfassend dokumentierte zweisprachige Theaterszene, an der sich auch überregional tätige Autor_innen beteiligten.Leben, Andreas1 Das Theater ist für die Kärntner Slowen_innen seit der Nachkriegszeit ein wichtiger Ort der Selbstbehauptung, durch Einübung und Verwendung der slowenischen Sprache oder durch Einsatz von Narrativen aus der Zeit der Verfolgung und des Widerstands.Handke, Peter2 Eine grundsätzlich widerständige (antifaschistische) Haltung kennzeichnet auch einige hier exemplarisch genannte Theaterproduktionen, an denen deutschsprachige Autor_innen mitgewirkt haben und denen gegebenenfalls Bedeutung bei der überregionalen Etablierung von Erinnerungsorten der Kärntner Slowenen zukommt.
Die Kontakte der Autorin, Regisseurin und Filmemacherin Tina LeischLeisch, Tina zu Kärnten datieren von den Widerstandstagen gegen die erste schwarz-blaue Regierung, an denen Leisch sich im Jahr 2000 zusammen mit dem von ihr gegründeten Volxtheater Favoriten (Wien) beteiligte. LeischLeisch, Tina blieb anschließend in Kärnten, wurde 2001 Mitbegründerin des Peršman-Vereins zur Neugestaltung des seit 1982 am Peršmanhof nahe Eisenkappel/Železna Kapla – dem Ort eines am 25. April 1945 begangenen Massakers an Zivilisten – bestehenden Museums, war bis 2004 Obfrau des Vereins und zwischenzeitlich Kustodin des Museums. Auf Grundlage der 2002 zugänglich gewordenen Gerichtsakten zum (1949 eingestellten) Ermittlungsverfahren gegen die mutmaßlich beteiligten Polizisten erarbeitete LeischLeisch, Tina das „Dokumentartheater“ Elf Seelen für einen Ochsen – Enajst duš za enega vola, das 2003 im Rahmen des oberösterreichischen Festivals der Regionen in Linz uraufgeführt wurde und Aufführungen an verschiedenen Spielstätten in Oberösterreich erlebte, bevor es auch in Kärnten gezeigt wurde. Die hier inszenierte Verhandlungssituation hat hohe symbolische Bedeutung, weil das Massaker bis heute Gegenstand schuldumkehrender Darstellungen ist. LeischLeisch, Tina berichtet, dass es bis zur Gründung des Peršmanvereins praktisch keine allgemein zugänglichen Informationen über das Massaker gab und dass der Ort sogar österreichischen Historikern unbekannt war (Leisch 2004). Die Autorin weist auf die Bedeutung der Erinnerungsliteratur von Kärntner Slowen_innen (v.a. Prušnik, Gemsen auf der Lawine, 1974) und von Oral history (Jelka, 1984,Busch, ThomasWindhab, BrigitteKuchar, Helena3 Spurensuche, 1990) als Quelle für ihr Stück hin und streicht neben der Zusammenarbeit mit engagierten Zeithistorikern in Kärnten insbesondere die Rolle Zdravko HaderlapsHaderlap, Zdravko (s.u.) als Informationsgeber und Bahner von Kontakten hervor (Interview vom 11.07.2017).4
Auch der aus Griffen/Grebinj stammende Autor und Regisseur Bernd Liepold-MosserLiepold-Mosser, Bernd widmet sich der slowenischen Widerstandsthematik aus einer allgemein widerständigen Haltung heraus, die er als Grundlage seiner Arbeit bezeichnet (Interview vom 31.05.2017). Zum Teil in Zusammenarbeit mit dem Slowenischen Kulturverband (SPZ) schrieb Liepold-MosserLiepold-Mosser, Bernd Stücke mit „slowenischer“ Thematik. Die Produktion Das Dorf an der Grenze (Klagenfurter Stadttheater 2003) bestand zu etwa einem Viertel aus Textpassagen in slowenischer Sprache und gastierte auch am Slowenischen Nationaltheater in Ljubljana. Die dreisprachige (deutsch-slowenisch-englische) Produktion Romeo & Julija ging im slowenischen Kulturzentrum in St. Johann im Rosental/Šentjanž v Rožu über die Bühne (k&k 2007). Auf dem Plakat zur Uraufführung ist das ursprünglich in Völkermarkt stehende Partisanendenkmal abgebildet, das 1953 von unbekannten Tätern gesprengt und dreißig Jahre später vor dem Peršmanhof wiedererrichtet worden war. Das Stationendrama Partizan (artecielo 2008) war eine zweisprachige Theaterproduktion in Zusammenarbeit mit dem SPZ und dem ORF Kärnten und wurde auch als Buch mit beiliegender DVD produziert; die slowenische Übersetzung stammt von Theaterregisseur Marjan ŠtikarŠtikar, Marjan. Der Autor zitiert darin ausgiebig Quellen aus dem Bereich der Oral history (z.B. Spurensuche, oder Rettl/Obid: Partisanenkinder, 2006), die im Buch allerdings ungenannt bleiben. Liepold-MosserLiepold-Mosser, Bernd erarbeitete für die neuebühnevillach auch eine stark gekürzte Bühnenfassung von Peter HandkesHandke, Peter Stück Immer noch Sturm, die am 20. September 2012 zum zehnjährigen Bestehen des Theaters im Villacher Stadtkinosaal uraufgeführt wurde.Handke, PeterHaderlap, Maja5
Das Theaterstück Zala von Simone SchönettSchönett, Simone und Harald SchwingerSchwinger, Harald entstand für das teatr trotamora und wurde als Beitrag zum 90. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung in Auftrag gegeben, die Uraufführung fand 2010 im Kulturzentrum k&k in St. Johann/Šentjanž statt. Das Stück nimmt einen der bekanntesten kollektiven Mythen der Kärntner Slowen_innen auf, der seit der Dramatisierung durch Jaka ŠpicarŠpicar, Jaka (1909) fester Repertoirebestandteil des slowenischen Theaters in Kärnten ist, spätestens mit der Bearbeitung durch Janko MessnerMessner, Janko und Peter MilitarovMilitarov, Peter 1987 aber auch zum Gegenstand ideologischer Kontroversen innerhalb der slowenischen Volksgruppe wurde.6 Sprachwechsel und Mehrsprachigkeit sind konstitutiv für den Text von SchönettSchönett, Simone und SchwingerSchwinger, Harald, der in der Theateraufführung synchron in slowenischer bzw. deutscher Sprache projiziert wurde (Schönett/Schwinger 2011: 138). Das Slowenische wird auch dadurch sichtbar, dass Zala im Lauf des Stückes slowenische Wörter in den Rücken „tätowiert“ werden. Da sich die Inszenierung als ungeahnt erfolgreich erwies, tourte sie im Frühjahr 2011 durch Slowenien; es gab auch – angeblich durch Vermittlung Peter Turrinis – ein Gastspiel am Klagenfurter Stadttheater (Schönett/Schwinger 2011: 130). Die in der Edition Meerauge bei Heyn erschienene Buchausgabe ist ebenfalls durchgehend zweisprachig gehalten: links der (vorwiegend) deutsche, rechts der (vorwiegend) slowenische Text – in welchem slowenische Textelemente im Original reziprok ins Slowenische übersetzt werden; die Übersetzung ins Slowenische stammt von Marjan ŠtikarŠtikar, Marjan, der das Stück auch inszenierte (Schönett/Schwinger 2011: 130–139).
Das für das klagenfurter ensemble geschriebene Stück Loibl-Saga des Wiener Autors Erwin RiessRiess, Erwin wurde in einer zweisprachigen Gemeinschaftsproduktion mit teatr trotamora und teatr zora am 2. Dezember 2015 in der Theaterhalle 11 in Klagenfurt uraufgeführt (Regie: Marjan ŠtikarŠtikar, Marjan). Die geschilderten Ereignisse im Zwangsarbeitslager am Loibl, eines Außenlagers des KZ Mauthausen, reichen bis zur Verlegung der Häftlinge in das Lager Süd im April 1945. Im Hintergrund ständig präsent ist Janko TišlerTišler, Janko, der als Vermessungstechniker beim Loibl-Tunnel eingesetzt war und als Fluchthelfer mit den Partisanen zusammenarbeitete. TišlerTišler, Janko zählt als Autor einer 1995 bei Drava erschienenen Dokumentation (Tišler/Rovšek 1995) auch zu den wesentlichen Referenzen zum KZ am Loibl.Tišler, JankoKuehs, WilhelmMessner, Janko7 Eine treibende Kraft des Projekts war der Gründer des Mauthausen Komitees Kärnten/Koroška Peter GstettnerGstettner, Peter, der mehrere Anhänge zur Buchausgabe (Kitab 2015) schrieb und auf dem Titelblatt als Coautor des Buches genannt ist. Das Titelwort „Saga“ bezieht sich somit nicht nur auf das Stück, sondern auf den Gesamtkontext aus Verdrängung und Leugnung, der die Etablierung des Loibls als Erinnerungs- und Gedenkort in Österreich so lange verunmöglicht hat.
Die erwähnten Theaterproduktionen repräsentieren nicht annähernd das zweisprachige Theater in Kärnten. Als prominentere Produktionen der letzten fünfzehn Jahre, an denen deutschsprachige Autor_innen beteiligt waren, zeigen sie jedoch exemplarisch die Bedeutung von Erinnerungsliteratur und Oral history als literarische Quelle.
Erinnungskulturelles Repertoire als Modellfall für literarischen Transfer
Grundsätzlich ist der erinnerungsliterarische Bereich bei den Kärntner Slowen_innen bei aller institutionellen Fundierung als relativ stabiler Bereich anzusehen. Nach den Erinnerungen von Karel Prušnik–GašperPrušnik–Gašper, Karel Gamsi na plazu/Gemsen auf der Lawine (sln. 1958, dt. erstmals 1974 bei Drava, mehrfach aufgelegt, zuletzt neu aufgelegt 2015 bei Wieser) und insbesondere nach der Dokumentation Spurensuche. Erzählte Geschichte der Kärntner Slowenen (ÖBV 1990), die Interviews mit mehr als fünfzig Zeitzeugen umfasst, wurde v.a. beim Drava-Verlag mit der systematischen Veröffentlichung von Erinnerungsbüchern von Kärntner Slowen_innen in Original und Übersetzung begonnen. Die Bedeutung dieser Bücher für die überregionale (internationale) Rezeption der Themen Vertreibung und Widerstand im Zweiten Weltkrieg kann kaum überschätzt werden, mit ihnen gewinnt ein spezifisches literarisches Genre auch Bedeutung für die Außenwahrnehmung der Kärntner Slowen_innen und ihrer Literatur. Eva SchörkhuberSchörkhuber, Eva weist anhand von Maja HaderlapsHaderlap, Maja Roman Engel des Vergessens zu Recht auf die genremäßige Verbindung zur Erinnerungsliteratur der Kärntner Slowen_innen hin, die aus einer oberflächlichen Rezensentenperspektive als Ausdruck einer minoritären Befindlichkeit abgetan werden mag,Schörkhuber, Eva1 die in Wahrheit aber eine kontextualisierte Lektüre über das Autobiographische hinaus erforderlich mache (Schörkhuber 2017: 114–127).
Referenzen auf Verfolgung und Widerstand sowie auf Erinnerungsorte der Kärntner Slowen_innen sind relativ zahlreich und natürlich auch in der deutschsprachigen Erinnerungsliteratur, soweit sie sich auf Kärnten bezieht, zu finden.2 Das Zwangsarbeitslager auf der Kärntner Seite des Loibl wurde in Österreich erst Mitte der 1990er Jahre öffentlich thematisiert. Die überregional wohl bekannteste (und eigentlich frühe) literarische Referenz auf das Lager ist Alois HotschnigsHotschnig, Alois Roman Ludwigs Zimmer (Kiepenheuer & Witsch 2000), jedoch bemängelt Vinko OšlakOšlak, Vinko im Nachwort zu seiner 2002 bei Mohorjeva/Hermagoras erschienenen slowenischen Übersetzung, dass der Autor, der sonst jeden Baum und jeden Vogel benenne, die Kärntner Slowenen mit keinem Wort erwähne, obwohl am bewaffneten Widerstand in Kärnten (den HotschnigHotschnig, Alois sehr wohl erwähne) nur Slowenen mitgewirkt haben können (Hotschnig 2002: 118). Das Beispiel zeigt, dass auch durch das Fehlen signifikanter Referenzen auf das zweisprachige Feld eine Relevanz im Sinne der literarischen Interaktion gegeben sein kann.
Der Peršmanhof darf heute als überregional bekannter Erinnerungsort der Kärntner Slowen_innen betrachtet werden.3 Allein in den letzten fünfzehn Jahren finden wir die Ereignisse vom 25. April 1945 mindestens in folgenden Texten thematisiert: Tina LeischLeisch, Tina: Elf Seelen für einen Ochsen (2003, s.o.), Marie-Thérèse KerschbaumerKerschbaumer, Marie-Thérèse: Briefe einer Gefangenen an die Mit- und Nachwelt (Eichborn 2004)Kerschbaumer, Marie-Thérèse4, Gertrude HaderlapHaderlap, Gertrude: Die manipulierte Generation (der wolf verlag 2004), Kevin VennemannVennemann, Kevin: Mara Kogoj (Suhrkamp 2007),5 Bernd Liepold-MosserLiepold-Mosser, Bernd: Partizan (Wieser 2008), Ferdinand SkukSkuk, Ferdinand: Chefinspektor Meissner und der Kranmörder (Hermagoras 2009) sowie Die Kopfjäger (Hermagoras 2011), Maja HaderlapHaderlap, Maja: Engel des Vergessens (Wallstein 2011), Erwin RiessRiess, Erwin: Loibl-Saga (Kitab 2015), Lydia MischkulnigMischkulnig, Lydia: Die Paradiesmaschine (Haymon 2016), Bertram SchacherSchacher, Bertram: Das Jakoberhaus (Verlag Ph. C. W. Schmidt 2017), Evelyn SteinthalerSteinthaler, Evelyn: Peršmanhof. 25. April 1945 (bahoe 2018) – Letzteres ein Peršman-Comic! Bei Wallstein in Göttingen erschien 2014 in erster Auflage der Sammelband Peršman, herausgegeben von Lisa RettlRettl, Lisa und Gudrun BlohbergerBlohberger, Gudrun, der auch eine Dokumentation der Ausstellung des Peršman-Museums enthält.
Der aus dem Münsterland stammende und heute in den USA lebende Kevin VennemannVennemann, Kevin hielt sich im Zuge seiner Recherchen am Roman Mara Kogoj mehrmals am Peršmanhof auf und wurde so mit Zdravko HaderlapHaderlap, Zdravko bekannt, der den nahegelegenen Vinkl-Hof als Begegnungs- und Kulturstätte betreibt (Interview mit Zdravko HaderlapHaderlap, Zdravko vom 21.02.2017). Der Kampf um die Erinnerung (der ein Machtkampf ist) ist hier als Interview inszeniert, das zwei Kärntner Slowenen mit einem rechtsextremen Zyniker führen, welcher das Massaker am Peršmanhof als Werk der Partisanen (und die SS als zu spät gekommene Retter) darstellt. Die „hochgradig kulturelle Kodierung des historischen Chronotopos“ (Previšič 2014a: 111) setzt für das Verständnis des geschilderten Konflikts immerhin ein gewisses Verständnis des Gesamtkontexts (die Verdrängung historischer Verantwortung als Grundlage für die Diskriminierung der slowenischen Minderheit in Kärnten) voraus. VennemannVennemann, Kevin reichte für seine Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb 2006 einen Ausschnitt aus Mara Kogoj ein.
In genremäßiger Hinsicht besonders interessant ist der „Roman“ Das Jakoberhaus von Bertram SchacherSchacher, Bertram. Der 1957 in Fürth geborene und in Hagenbüchach aufgewachsene Autor begann sich als Erwachsener für das ehemalige „Aussiedlerlager“ in Hagenbüchach zu interessieren und kam so auf die Erinnerungen von Franc Resman (Rod pod Jepo 1971; deutsch: Familienchronik des Franc Resman vulgo Tratnik aus Ledenitzen, 2005), die er in seinem Buch mehr oder weniger nacherzählt, wobei er noch weitere Texte aus dem erinnerungsliterarischen Bereich (Briefe, Zeitzeugenberichte usw.) montiert (Schacher 2017: 243). Es handelt sich um ein instruktives Beispiel für die direkte Übernahme eines Modells (Erinnerungsliteratur) in einen literarischen Text.
Formen der literarischen Mehrsprachigkeit auf der Textebene
In Anlehnung an die von DembeckDembeck, Till und ParrParr, Rolf gegebene Typologie lässt sich im Hinblick auf personelle und institutionelle Aspekte von Mehrsprachigkeit auf der Ebene des Kontexts sprechen (Dembeck/Parr 2017: 116). Der bloße familiäre Bezug zum Slowenischen in Kärnten präjudiziert keine Integration in das zweisprachige Feld und äußert sich in verschiedenen Graden der (Nicht-)Thematisierung. Die (teilweise) slowenische Herkunft (z.B. von Peter HandkeHandke, Peter, Lydia MischkulnigMischkulnig, Lydia, Alexander MicheuzMicheuz, Alexander, Endo AnacondaAnaconda, Endo) bedeutet unter Umständen nicht einmal eine rudimentäre Sozialisation in slowenischer Sprache. Sprachwechsel wiederum, der auf der Werkebene praktisch nur bei Kärntner slowenischen Autor_innen eine signifikante Rolle spielt, kann Autor_innen mit lediglich primärer (z.B. Ferdinand SkukSkuk, Ferdinand) oder auch bildungssprachlicher slowenischer Sozialisation (z.B. Maja HaderlapHaderlap, Maja, Elena MessnerMessner, Elena) betreffen. Ein signifikanter Bezug nicht-slowenischer Autor_innen zum zweisprachigen Feld kann u.a. durch Mitarbeit an einem zweisprachigen Periodikum (Helga GlantschnigGlantschnig, Helga),1 durch Mitautorschaft oder -herausgeberschaft an relevanten Publikationen (Andreas PittlerPittler, Andreas),2 oder durch Erlernen der slowenischen Sprache (Katharina HerzmanskyHerzmansky, Katharina) zustande kommen. Ein reines Kontextphänomen ist die Zusammenarbeit deutschsprachiger Autor_innen mit den zweisprachigen Verlagen (z.B. Richard SchuberthSchuberth, Richard), in anderen Fällen (z.B. in Wilhelm KuehsKuehs, Wilhelm Mythensammlung, s. Anm. 16) ist das Slowenische auch auf der Ebene der Textüberlieferung manifest. Thematische, sprachliche und/oder textuelle Referenzen auf das zweisprachige Feld begründen Formen latenter oder manifester Mehrsprachigkeit (Radaelli 2014), deren Bandbreite abschließend anhand einiger ausgewählter Beispiele veranschaulicht werden soll.
In dem oben genannten „Roman“ Das Jakoberhaus gibt der Ich-Erzähler die Geschichte wieder, die er am Sterbebett des Großvaters seines Kärntner slowenischen Freundes gehört haben will (Herausgeberfiktion, vgl. Dembeck/Parr 2017: 175). Diese spärliche Rahmenhandlung dient hauptsächlich der chronotopischen Verankerung des Geschehens für den völlig unkundigen Leser (an dessen Stelle sich der ahnungslose Ich-Erzähler ursprünglich setzt). Der Text (Nacherzählung, einmontierte Briefe usw.) ist in hohem Maß zitathaft. Bis auf wenige Sätze, die in slowenischer Sprache stehen, ist er ein Beispiel für latente Mehrsprachigkeit (vgl. Radaelli 2014), weil abgesehen von auf Deutsch referierter Figurenrede die ursprüngliche Kommunikationssituation, die zur (zweifachen) Nacherzählung der Resmanʼschen Erinnerungen führte, auf Slowenisch stattgefunden haben muss.
Die Referenz auf den slowenischen Kontext ist sehr stark bei Peter HandkeHandke, Peter, in dessen Werk sich die teilweise slowenische Herkunft zu einem mythischen familiären Imaginarium verdichtet (Hannesschläger 2013) und gegebenenfalls ihr Korrelat im konservierten Wortschatz der Wörterbücher findet.Pleteršnik, MaksHandke, Peter3 Anhand von Lektürenotizen in Autorenexemplaren Kärntner slowenischer Erinnerungsbücher (v.a. PrušnikPrušnik–Gašper, Karel, Gemsen auf der Lawine) lässt sich verfolgen, wie der Autor im Zuge der Entstehung seines Stückes Immer noch Sturm (Suhrkamp 2010) die eigene Familiengeschichte in den fremden Text buchstäblich „eingeschrieben“ hat (Hannesschläger o.J.). Slowenische Sprache (als Motiv) und das Widerstandsnarrativ der Kärntner Slowen_innen stehen ganz im Vordergrund. Der Text enthält viele slowenische Textelemente (auf allen Ebenen der Syntax) und auch Formen der Sprachreflexion (Radaelli 2014: 165), z.B. absichtliche Übersetzungsfehler bei der Beschreibung von Apfelsorten (Handke 2010: 24–25), wörtliche Übersetzung als inszenatorisches Element (Previšić 2014b: 348) und als Strategie des Translanguaging (Dembeck/Parr 2017: 31–32) und anderes.
Eine tragende Rolle im Sinne latenter Mehrsprachigkeit spielt das Slowenische auch in der auf dem Bleiburger Wiesenmarkt spielenden Erzählung Kettenkarussell/Semanji vrtiljak (Wieser 2012) von Hugo RamnekRamnek, Hugo. Der aus Bleiburg/Pliberk stammende und seit 1989 in Zürich lebende Autor thematisiert hier nostalgisch die nicht zur Erfüllung gelangte Sehnsucht eines Pubertierenden nach einem slowenischen Mädchen, wobei das Slowenische als Attribut der Geliebten eine Verklärung erfährt. Manifeste Zweisprachigkeit beschränkt sich im Originaltext auf vereinzelte Lexeme. Durch ihre Gestaltung als deutsch-slowenisches Wendebuch mit der Übersetzung ins Slowenische von Brane ČopČop, Brane und mit Zeichnungen von Werner BergBerg, Werner betont die Publikation jedoch den starken kontextuellen Bezug zum zweisprachigen Bleiburg.
In ihrem autobiographisch geprägten Roman Im Moos (Bibliothek der Provinz 2001) thematisiert Simone SchönettSchönett, Simone die eigene Herkunft aus einer jenischen Familie und reflektiert Sprache auf mehreren Ebenen. Die Protagonistin Jana ist mit dem Schriftsteller Pawel verheiratet, der, einer assimilierten Kärntner slowenischen Familie entstammend, im Familienverband Janas lebt und sich laufend jenische Ausdrücke notiert.4 Jana ihrerseits versucht die Sprache ihrer Familie durch Schriftmalereien zu konservieren, zumal sie das Jenische auch nicht als Sprache, sondern als Wortschatz begreift. Wie im Stück Zala, das die Autorin zusammen mit ihrem aus einer slowenischen Familie im Gailtal stammenden Ehemann Harald SchwingerSchwinger, Harald verfasste, spielt also auch in dem Roman Im Moos die Schrift als ikonisches Element eine konkrete Rolle.
Die häufigste Form manifester Mehrsprachigkeit ist die Verwendung einzelner anderssprachiger Wörter oder Syntagmen im Text. Sie werden oft zur Übermittlung kulturspezifischer Realien, zur Markierung anderssprachiger Kommunikationssituationen oder auch zur Wiedergabe von Code-Switching oder Code-Mixing (Dembeck/Parr 2017: 150) in der Figurenrede eingesetzt. Inkorrektheiten (z.B. über grammatische Interferenzen, Analogiebildungen, aber auch Neologismen und Hybridbildungen) sind dabei durchaus geeignet, die Ausdrucksmöglichkeiten im Text zu erweitern (vgl. Sturm-Trigonakis 2007: 131–133; Radaelli 2014; Dembeck/Parr 2017: 31–32). Unter Umständen weist die schlicht fehlerhafte Schreibung slowenischer Wörter und Syntagmen auf die nur mündliche, nicht bildungssprachliche Sozialisation des Erzählers im Slowenischen hin, wie etwa in den Romanen Der gezeichnete Hund und Die Hand erzählt vom Daumen (Luftschacht 2008, 2011) des deutschen Autors Thomas PodhostnikPodhostnik, Thomas, der darin über seine exzentrische slowenische Verwandtschaft schreibt. Sprachliche Interferenzen – z.B. „gesegnetes Wasser“ statt „Weihwasser“ oder „Wohnheim“ statt „Wohnung“ (Der gezeichnete Hund, S. 19, 83) – verweisen zusätzlich auf die Distanz zwischen dem (in deutscher Sprache sozialisierten) Ich-Erzähler zu seiner als peinlich fremd erlebten Familie.
Durchgehende, komplementär verteilte Zweisprachigkeit innerhalb eines Textes finden wir schon im Zweipersonenstück von Max GadGad, Max (d.i. Mathias Grilj) (d.i. Mathias Grilj): Happy Baby (1987), in dem die eine Person („Er“) Deutsch, die andere („Sie“) Slowenisch redet, ohne dass die slowenischen Passagen in irgendeiner Weise ins Deutsche übertragen würden. Der Grazer Autor (selbst slowenischer Herkunft) betont, dass er beim Schreiben nicht an Slowenisch gedacht habe, dass der Regisseur der Uraufführung im Rahmen des Steirischen Herbstes 1987 die fremdsprachlichen Passagen aber in slowenischer Sprache haben wollte (Interview vom 09.10.2017). Die Buchausgabe (Droschl 1987) verfügt deshalb über einen Anhang, in dem die slowenischen Passagen alternativ ins Türkische übersetzt sind. Bei Bernd Liepold-MosserLiepold-Mosser, Bernds Produktion Romeo & Julija (2007) haben wir es mit einem Beispiel für (zumindest teilweise) komplementäre Dreisprachigkeit zu tun, mit dem Englischen als dem Verbindungsglied zur weltliterarischen Vorlage.5
Die oben genannten Bücher von Thomas PodhostnikPodhostnik, Thomas weisen auf einen weiteren Bereich der Sprachmischung (Radaelli 2014: 165) hin, dem wir in Texten begegnen, die dem sprachlichen Experiment nahestehen, und von dem hier abschließend die Rede sein soll. Allein schon die Benennung von Familienmitgliedern nach Farben – Sivo (grau), Plav (blau), Zelena (grün) – zeigt einen spielerischen Zugang, in dem das Slowenische als „embedded language“ (vgl. Dembeck/Parr 2017: 294) selbst der (sprechpragmatischen) Verfremdung unterliegt.6 Noch tiefer geht der assoziative Umgang mit Wortelementen über Sprachgrenzen hinweg. Sprachmischung bis hinunter zur Ebene der Morpheme ist konstitutiv für die Dichtung Jani Oswalds, der mittels „Variieren und Kombinieren von Sprache“ immer neue „Perspektivierungen, Bedeutungszusammenhänge und […] Lesarten“ erzeugt, weshalb der ideale Leser seiner an klassischen avantgardistischen Verfahren geschulten Dichtung zweisprachig sein sollte (Leben 2017: 359).Leben, Andreas7 Ansätze einer ludistischen Poetik finden wir unabhängig davon auch bei anderen Kärntner Autor_innen. Miriam AuersAuer, Miriam Debütroman Hinter der Zeit (Heyn 2014) generiert in gleichsam Joyceʼscher Manier einen „sozialen Mikrokosmos“, in dem alles „sprach-verwandelt, in eine Struktur des Surrealen, des Grotesken, des manchmal Makabren“ überführt wird (Fanta 2014); Ort der Handlung ist das topographisch nicht näher definierte Bad Bizarr-Margherita im Land Verlärntenreich, wo es einen veritablen „Ortsepitaphelstreit“ gibt. Gewisse Züge erinnern an Miriam SchöfmanSchöfman, Miriam (d.i. Kristijan Močilnik) (d.i. Kristijan MočilnikMočilnik, Kristijan), Waches Schwester (Rapial 1999): eine maßlose, genremäßig nicht bestimmbare Utopie, die im „Kastratanien“ des Jahres 50.000 n.Chr. spielt und eine Zukunft beschreibt, in der die Liebe gesiegt hat. Auch MočilnikMočilnik, Kristijan verfremdet Sprache in assoziativer Weise, dehnt sie gelegentlich über das grammatikalisch Zulässige hinaus, erfindet Neo- und Pseudologismen, montiert oder erfindet Zitate und unterläuft überhaupt jegliche auf Identität (des Autors, des Orts und der Zeit) basierende Interpretation. Explizite Bezugnahmen auf die slowenische Sprache sind in dieser an automatisches Schreiben erinnernden Prosa kaum zu finden, obwohl der Autor Kärntner Slowene ist und in der Zeitschrift mladje noch in slowenischer Sprache publizierte.
Dem sprachlichen Experiment nahe steht schließlich Peter WaterhouseWaterhouse, Peter, dessen Poetik der Mehrsprachigkeit (die auch eine deutsch-slowenische ist) zum Modellfall für die Beschreibung mehrsprachiger Poetiken schlechthin wurde (Radaelli 2014). Tatsächlich erfordert seine „Kontaminationspoetik“, in welcher sprachliche Polyphonie als Funktion eines nicht-hierarchischen, parataktischen Systems gehandhabt wird und der literarische Text als Teil eines „zwischensprachlichen“ übersetzerischen Kontinuums erscheint (Kubaczek 1998: 54–55), eine Lektürehaltung, die auf die gleichzeitige Präsenz heterogenster sprachlicher Versatzstücke gefasst ist. In der Fachliteratur wurde die Bedeutung der Reflexion über das zweisprachige Kärnten in Waterhouses Roman (Krieg und Welt, 2006) bereits exemplarisch gewürdigt (Previšić 2014: 353–355). Die praktisch durchgehende assoziative Präsenz des Slowenischen (und auch Sloweniens) in WaterhousesWaterhouse, Peter aus Ein- bis Dreizeilern konstruiertem Poem Prosperos Land (Jung und Jung 2006) lässt aber eine noch eingehendere Befassung mit seiner Poetik unter dem Aspekt der slowenisch-deutschen sprachlichen Interaktion geboten erscheinen.
Fazit
Wie bereits angedeutet, ist die hier gebotene Darstellung maßgeblicher Institutionen, Akteure und Modelle innerhalb der das zweisprachige literarische Feld kennzeichnenden deutsch-slowenischen Interaktionen zwangsläufig selektiv. Schon in der Beschränkung auf definierte Themenbereiche (z.B. Erinnerungsorte) wird aber sichtbar, dass wir es – bei aller offensichtlichen Kleinheit und Überschaubarkeit des Feldes – doch mit sehr komplexen Verhältnissen zu tun haben, die es notwendig machen, jegliche sich auch scheinbar nur im Bezug auf den engeren Regionalraum manifestierende literarische Interaktion als Teil eines überregionalen literarischen Feldes zu betrachten. Diese Interaktionen beruhen wesentlich auf dem Gebrauch und Transfer von Repertoires und Modellen und bilden laufend Formen literarischer Mehrsprachigkeit aus. Das zweisprachige literarische Feld – als Ausgangspunkt und Ziel literarischer Interaktion – kann deshalb als Modellfall für die Beschreibung literarischer Mehrsprachigkeit als solcher dienen. Sein Umfang aber ist bedeutend größer, als es die bloße Untersuchung von Einzeltexten auf Formen manifester oder latenter Mehrsprachigkeit nahelegt.
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Radaelli, Giulia (2014). Literarische Mehrsprachigkeit: Ein Beschreibungsmodell (und seine Grenzen) am Beispiel von Peter Waterhouses „Das Klangtal“. In: Dembeck, Till/Mein, Georg (Hrsg.). Philologie und Mehrsprachigkeit. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 157–182.
Rancière, Jacques (2016). Das Unbehagen in der Ästhetik. Hrsg. Peter Engelmann. Übers. aus dem Französischen Richard Steurer-Boulard. Wien: Passagen Verlag.
Schönett, Simone/Schwinger, Harald (2011). Zala: Drama in sieben Bildern/Drama v sedmih slikah (Edition Meerauge 3). Klagenfurt/Celovec: Heyn.
Schörkhuber, Eva (2017). Zugänge zu einem Archiv der Literatur – entlang der Lektüren von Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“, Bogdan Bogdanovićʼ „Die grüne Schachtel. Buch der Träume“ und Elfriede Jelineks „Winterreise“. Dissertation. Wien.
Tišler, Janko/Rovšek, Jože (1995). Mauthausen na Ljubelju: Koncentracijsko taborišče na slovensko-avstrijski meji. Drava: Celovec/Klagenfurt.
Wie produziere ich als slowenischer Autor in Kärnten 2.0? Zum literarischen Selbstverständnis neuerer Kärntner slowenischer Literatur im Spannungsfeld zwischen Mehrsprachigkeit und Innovation
Dominik Srienc (Klagenfurt)
Abstract: Little is known about the younger generation of authors, born after 1983, who no longer depend on the bilingual literary field in Carinthia and therefore are difficult to pinpoint. Factors such as deregionalisation, migration, mobility, globalisation and new media developments expand the range of writing in another language and the sphere of interaction. All these phenomena have an impact on the minorities’ literary repertoires, beginning with their recurrence as a narrative element and shaping the taxonomy of genres. From this point of view, the literature of the younger generation of Carinthian Slovenes may no longer rely on a specific place or the use of a specific language, but may be considered to be determined to a larger extent by the use of media – on the level of text and book production as well as in the field of interactions with other forms of art.
Keywords: Carinthian Slovenes, literary practice, genre tradition, innovation, new media
1 Literarische Praxis
Spätestens mit dem Ende der Zeitschrift mladje (1960–1991), die der modernen slowenischen Literatur in Kärnten über Jahrzehnte hinweg ein Forum und ihre spezifischen Formen gegeben hat, wird der bisherige Bezugsrahmen der Literatur der Kärntner Slowenen radikal infrage gestellt. Schon Johann StrutzStrutz, Johann führt in den Profilen der neueren slowenischen Literatur in Kärnten entgrenzende Phänomene wie literarische Bikulturalität, Bilingualität, Entregionalisierung, die Entstehung eines „über- und interregionalen Distributions- und Rezeptionsraums“ ins Treffen (Strutz 1998: 9, 28), die Ausdruck des veränderten Selbstverständnisses neuerer Kärntner slowenischer Literatur sind. Hinzu kommen Transformationsprozesse wie Migration und Globalisierung sowie mit den neuen Medien und digitalen Kommunikationstechnologien verbundene Phänomene, die nicht nur die literarische Praxis der Kärntner Slowenen nach 1991 verändern, sondern auch die spezifische Verfasstheit, den Eigensinn der Literatur formen.1
Vor diesem Hintergrund muss die Bedeutung des offenbar zusehends inadäquaten Begriffs einer ‚Kärntner slowenischen Literatur‘ neu verhandelt werden. Nähert man sich dem Begriff vor der Folie aktueller Schreib-Positionen, lässt sich von einem anderen Aggregatzustand dieser Literatur sprechen, der durch Heterogenität und Inkohärenz gekennzeichnet ist. Jeder Versuch einer Vergegenwärtigung des Begriffs führt zu einer widersprüchlichen Einheit, die sich ohne die problematische Rückbindung einer an Ort und Sprache gebundenen Literatur scheinbar gar nicht mehr fassen lässt. Hat sich die Literatur verselbstständigt? Handelt es sich dabei um einen fluiden Zustand oder um ein dauerhaftes Konzept? Müsste man nicht von Kärntner slowenischen Literaturen im Plural sprechen?
Eine mögliche Denkbewegung gegen das starre Konzept einer territorialen, sprachlich-politisch verankerten Kärntner slowenischen Literatur hin zu einer systematischen Entgrenzung eröffnet sich über das thematische Feld von Mehrsprachigkeit und Innovation. Wie das mehrsprachlich-ästhetische Innovationspotential jüngerer Kärntner slowenischer Autor_innen2 die gängigen Konventionen literarischer Praxis unterläuft, möchte ich exemplarisch an Beispielen darstellen, die sich im Kontext literarischer Mehrsprachigkeit lesen lassen. Ausgehend vom programmatischen Text Zum literarischen Selbstverständnis und zur Perspektive: Wie produziere ich als slowenischer Autor in Kärnten? von Florjan LipušLipuš, Florjan werde ich zunächst der Frage nach dem Innovatorischen und Traditionellen nachgehen, um dann anhand des mehrsprachigen literarischen Blogs der Lyrikerin Verena GotthardtGotthardt, Verena und des literarischen Konzeptalbums von Nikolaj EfendiEfendi, Nikolaj die Phänomene Mehrsprachigkeit, Intermedialität und Mobilität bzw. Migration näher zu betrachten.
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