Kitabı oxu: «Politik ohne Gott»
POLITIK
OHNE GOTT
Wie viel Religion verträgt Demokratie?
Herausgegeben von
Stefana Sabin und Helmut Ortner

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Umschlaggestaltung: Rudolf Blazek · Frankfurt/Main,
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Satz: thielenVERLAGSBUERO · Hannover
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
ISBN 978-3-86674-378-6
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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Inhalt
Cover
Titel
Impressum
STEFANA SABIN UND HELMUT ORTNER
Kirche, Staat und die Privatsphäre Eine Vorrede
DETLEV CLAUSSEN
Missglückte Säkularisierung Neue Religiosität mit Zukunft
EVELYN FINGER
Das elfte Gebot Über Religion lässt sich in der Demokratie gut streiten
RUPERT VON PLOTTNITZ
Die angstvolle Neutralität Grundgesetz und Rechtsprechung in der Bundesrepublik
DIRK KURBJUWEIT
Friede den Wehr-Christen Warum Religionen Spott ertragen müssen
RONALD FUNKE
Programm mit Gottes Segen? Die Rolle der Kirchen in den öffentlich-rechtlichen Medien
TORSTEN BULTMANN
Kirche in der Schule Religionsunterricht und Religionsfreiheit
GERD LÜDEMANN
Theologie zwischen freier Wissenschaft und religiöser Vorgabe Ein Erfahrungsbericht
INGRID MATTHÄUS-MAIER
Der sogenannte Dritte Weg Die Kirche als Arbeitgeber
CARSTEN FRERK
Den Seinen gibt’s der Herr vom Staat Über Kirchensteuer, Dotationen und »konsensuale Gespräche«
RALPH GHADBAN
Al-islam dîn wa dawla Islamische Lebensform und säkularer Staat
WOLFGANG KLOTZ
Mit Hammer, Sichel und Kreuz Religion, Nation, Kirche, Staat in Mittel- und Südosteuropa
MATTHIAS RÜB
Mit Gott und Schwert Barack Obama und das Ende von Amerikas Freiheitsmission
MOSHE ZUCKERMANN
Staatskirche – Kirchenstaat Jüdische Religion in Israel
OTTO KALLSCHEUER
Politik ohne Gott? Eine Fortschrittsutopie von gestern
ANHANG
JOHANN-ALBRECHT HAUPT
Die Privilegien der Kirchen (Auszug aus dem Gesetzbuch)
Zu den Autorinnen und Autoren
STEFANA SABIN UND HELMUT ORTNER
Kirche, Staat und die Privatsphäre
Eine Vorrede
Demokratien sehen die Trennung von Staat und Kirche vor und garantieren zugleich die Freiheit der Religionsausübung; sie erkennen die religiöse Vielfalt an und bemühen sich – nicht zuletzt durch staatliche Maßnahmen – den gesellschaftlichen Zusammenhalt über religiöse Grenzen hinweg zu erhalten und zu schützen.
Hierzulande darf niemand wegen seines Glaubens diskriminiert werden. Deutschland versteht sich als eine pluralistische, also multiethnische und multireligiöse Gesellschaft. Gläubige, Andersgläubige und Ungläubige müssen miteinander auskommen. Alle dürfen glauben, niemand muss. Religionsfreiheit bedeutet Glaubensfreiheit ebenso wie die Freiheit, nicht zu glauben. Auch deshalb ist der Glaube – welcher auch immer! – keine öffentliche Angelegenheit, sondern gehört zur Privatsphäre, die ihrerseits geschützt ist. Schon Jesus hatte die Privatheit gepredigt: »Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu.« (Matthäus 6 : 5 – 6. Einheitsübersetzung)
Die aufklärerische Säkularisierung hatte den Glauben zur Privatsache gemacht und die Kirche aus öffentlichen Angelegenheiten weitgehend hinausgedrängt. Aber die erst vor kurzem geführte Debatte um die Einbeziehung christlicher Werte in die Europäische Verfassung zeigt, wie gefährdet die säkulare Gesellschaft ist. Auch in demokratischen Ländern fordern Religionsgemeinschaften wieder mehr politischen und gesellschaftlichen Einfluss, zum Beispiel auf die Gesundheits-, Schul- und Medienpolitik, und Streit flackert auf, wenn es um das Tragen des traditionellen muslimischen Kopftuchs oder das Einhalten von religiösen Ritualen wie der Beschneidung geht. Solche Auseinandersetzungen zeigen immer wieder, wie instabil die säkulare Realität der Gesellschaft tatsächlich ist.
So schließen bundesdeutsche Politiker jeder Couleur ihren Amtseid regelmäßig mit der bewährten Formel »So wahr mir Gott helfe« ab. In den Niederungen des politischen Alltags mag eine Dosis göttlicher Eingebung mitunter durchaus hilfreich sein – nach der Verfassung wäre es genauso möglich, den Eid ohne religiöse Beteuerung zu leisten: »Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.« Punkt. Ohne »So wahr mir Gott helfe«.
Auch in deutschen Gerichtssälen wird viel geschworen unter Berufung auf Gott. Diese Beschwörungsformeln sind ein Hinweis auf die Stabilität alltäglicher Verhaltensmuster, zu denen der Gottesbezug wie selbstverständlich dazugehört – und das obwohl die Kirchen leer bleiben!
Während kirchlich gebundene und organisierte Religiosität ihre Bedeutung als gesellschaftliche Bindekraft verloren hat, ist das Sinnstiftungsangebot im postmodernen Supermarkt der Religionen gut sortiert. Und dieser Supermarkt ist inzwischen global. Vielleicht auch als Reaktion auf das bewusste, manchmal geradezu aggressive Auftreten religiöser Gruppen ist immer öfter von einer Zivilreligion die Rede und wird das christliche Abendland als Legitimation für die Dominanz der beiden großen christlichen Kirchen beschworen. Damit wird aber der Unterschied zwischen kultureller und religiöser Tradition rhetorisch verwischt und die Verfassungsstaatlichkeit als Nebenprodukt beider minimiert. Und so wird die Kirchensteuer weiterhin für selbstverständlich gehalten.
Gerade die immer wieder neu verhandelte Verpflichtung des deutschen Staates, die christlichen Kirchen für Enteignungen, die über zweihundert Jahre zurückliegen, zu entschädigen, erregt die säkularen Gemüter und disqualifiziert das deutsche Modell der Trennung von Staat und Kirche als eine »hinkende Trennung«, wie der Theologe Ulrich Schulz schon Anfang des 20. Jahrhunderts fand. Tatsächlich hinkt diese Trennung heute mehr denn je. Anders als die soziologischen Klassiker der Moderne meinten, ist die Macht der Religion und ihrer Institutionen zwar beschränkt, aber nicht gebrochen. So wird heute weniger von Säkularisierung als vielmehr von einer Renaissance der Religionen gesprochen. Galt die moderne Gesellschaft als säkular, so ist die postmoderne Gesellschaft zu einer postsäkularen mutiert!
Denn nicht nur genießen in Deutschland, anders als im laizistischen Frankreich, die christlichen Kirchen durch völkerrechtliche Konkordate und Kirchenverträge geschützte Sonderrechte – ihre Einflussnahme ist umso beharrlicher, je mehr ihre reale gesellschaftliche Bedeutung abzunehmen scheint. Es geht um Deutungshoheit, nicht zuletzt um finanzielle Privilegien. Ob kirchliche Feiertage, Sonntagsarbeit oder Religionsunterricht, ob Sexualmoral, Schwangerenberatung oder Sterbehilfe – die Kirchen wollen bei Themen, die für heutige Lebensverhältnisse relevant sind, mitentscheiden, und die Politik hört ihnen verlegen zu und scheint zu resignieren, statt ihren Einfluss gemäß der Verfassung einzudämmen.
Zwar wird im Namen der Religion das Miteinander propagiert, aber tatsächlich findet eine rabiate Auseinandersetzung zwischen Gläubigen und Ungläubigen, auch zwischen Gläubigen und Andersgläubigen statt. Witze, Karikaturen, Bücher, in denen religiöse Praktiken hinterfragt oder auch nur beschrieben werden, gelten oft schon als Beleidigungen, und eine parallele Rechtsprechung, die sich auf religiöse Traditionen beruft, ist auf dem Vormarsch. Dabei bleiben gerade jene Stimmen stumm, die den schwer erkämpften Säkularismus verteidigen sollten.
Vielleicht führt die »Wiederkehr der Götter«, wie Friedrich Wilhelm Graf die neue Religiosität nennt, zur Etablierung einer Volksreligion, die nach ähnlichen Ritualen der Eventisierung funktioniert wie die Politik. Vorerst aber wird die Verschränkung von Politik und Religion immer unübersichtlicher, und das Spannungsverhältnis von Politik und Religion ist zu einem zentralen Thema öffentlicher Auseinandersetzung geworden. Welche Sprengkraft Religion in sich birgt, zeigen die radikalen Bewegungen, die im Namen einer Religion Gesellschaften und ganze Staaten destabilisieren. So stellt sich die Frage nach der Trennung von Staat und Kirche immer neu – und mit immer größerer Dringlichkeit. Die integrationsbedingte Pluralisierung der religiösen Geographie hat die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Staat und Kirche in eine noch deutlichere Schieflage gebracht, und das nicht nur hierzulande. Die Demokratien sind gefordert, sich gewissermaßen religionspolitisch neu zu orientieren.
Es geht nicht um die Austreibung Gottes, nur darum, die Errungenschaften der Aufklärung zu verteidigen, damit die Privatsache Gott nicht in die öffentliche Politik zurückkehrt.
Die Essays in diesem Band wollen die realexistierende Säkularisierung überprüfen und die Interessenkonflikte beschreiben, denen Demokratien heute ausgesetzt sind. Zwar geht es dabei vor allem um die deutsche Lage, aber Ausblicke auf die USA, den Balkan und Israel zeigen, wie brisant das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, Religion und Politik auch woanders ist. Keineswegs antireligiös, plädiert dieser Band für den säkularen religionspluralistischen Staat.
DETLEV CLAUSSEN
Missglückte Säkularisierung
Neue Religiosität mit Zukunft
Abgestorbene Zellen von Religiosität inmitten des Säkularen aber werden zum Gift.
Theodor W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit, 1964
An einem 1. April 2014, auf einer Gartenparty für eine pensionierte Grundschullehrerin in der Nähe Frankfurts, gerate ich in ein Gespräch mit einem Pädagogen im Rentenalter: »Ich habe in der letzten vierzig Jahren mehr islamische Schüler gehabt als christliche.« Weiß der Mann überhaupt, was er sagt? Er weiß, was er sagen will: »Meine besten Schüler sagen mir, was wir Deutschen uns von den Muslimen gefallen lassen, ist doch reiner Wahnsinn!« Ich kenne ihn, auch um 1968 nicht der hellste im Kopfe, begann er seine Karriere als linker Lehrer und wurde im Laufe der Jahrzehnte immer normaler. Zu dieser Existenzform gehört die konformistische Rebellion gegen »political correctness«, die man in diesen Kreisen der Alt-68er inzwischen als linke Übertreibung einzuschätzen weiß.
Das Missglückte an der Säkularisierung lässt sich im Alltag an allen Ecken und Enden spüren. Die Schule erfüllt ihre aufklärerische Aufgabe nicht. Wie sollte sie auch, mit solchen Lehrern? Der Mann ist ja kein Einzelfall. Auch Thilo Sarrazin wurde zu seinem Sachbuchbestseller »Deutschland schafft sich ab« inspiriert durch seine an der Grundschule lehrende Ehefrau Ursula. Rund dreihundert Jahre nach Einführung der Schulpflicht in Preußen fühlt man sich heute an die Milieutheorie des 18. Jahrhunderts erinnert. Die eindringliche Frage »Wer erzieht die Erzieher?« stellt sich neu. Nach hundert Jahren Aufklärung kritisierte der junge Marx in der 3. Feuerbachthese: »Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß.«
Gesellschaftliche Erklärungen für Konflikte zu suchen, ist in den letzten zwanzig Jahren aus der Mode gekommen. Die gegenwärtige Wirklichkeit wird aus der Vorvergangenheit erklärt und kulturalistisch interpretiert. Am umstrittenen »Multikulturalismus« wird dies besonders deutlich. Die verzerrte Wahrnehmung der Gesellschaft ist keineswegs auf den rechten Teil der Gesellschaft beschränkt, der die ethnisch heterogene Zusammensetzung der Bevölkerung verleugnet; auch sein linker Widerpart, der das Stichwort »Multikultur« erfunden zu haben behauptet, akzeptiert schon in diesem schlechten Begriff Herkunft und Tradition als Schlüsselkategorien zur Erkenntnis von gesellschaftlicher Wirklichkeit. Beide Seiten streiten sich naiv um Art und Weise einer möglichen Integration, die ein homogenes gesellschaftliches Ganzes voraussetzt. Ein an der Vergangenheit orientiertes Geschichtsbewusstsein verdinglicht Kultur zu einem ontologischen Begriff, der von der herkömmlichen Religion durchdrungen und legitimiert wird.
Der 11. September 2001 hat den Prozess verzerrter Wahrnehmung von Gesellschaften globalisiert. Samuel Huntingtons grobschlächtige Theorie »clash of civilizations« wurde noch einmal trivialisiert und sackte ins Alltagsbewusstsein ab. Die Fiktion schien realitätsmächtig zu werden, dass sich weltweit der Islam und der (christliche) Westen, das gute alte Abendland, gegenüberstünden. In einem Titanenkampf der Werte, selbst eine verdinglichte Kategorie, müsse der unheroisch gewordene Westen seinen Mann stehen – diese Weltsicht setzte sich in den Köpfen der Medienkonsumenten nicht nur im Westen durch. Der 2005 von den Medien provozierte und von islamistischen Gruppen geschürte Streit um die Mohammed-Karikaturen zeigte die neue Aufteilung der Welt in Christen und Muslime. Nur Indien, China und Japan passen nicht in diesen Manichäismus. Also rechnet man China und Indien einfach zum Anti-Westen, Japan zum Westen, weil es im Kalten Krieg politisch zum Westen gehörte. Die neue religiöse Zauberformel geht überhaupt nicht auf, übt aber enorme Anziehungskraft aus. Menschen bezeichnen sich inzwischen als Christen, die das letzte Mal bei ihrer Taufe in der Kirche waren und den Unterschied zwischen Altem und Neuem Testament nicht benennen können. Ihr defizitäres religiöses Wissen misst sich an einem phantasierten machtvollen Islam, dem jeder Mensch zugerechnet wird, der irgendwie mit einer Herkunft aus Ländern geschlagen ist, in denen viele Moscheen stehen. In dieses Modell passt auch das fiktionale Selbstverständnis von einem christlich-jüdischen Abendland, das schlicht tausend Jahre Judenfeindschaft und Antisemitismus verleugnet.
Auf die Säkularisierung hatten die Erben der Französischen Revolution im 19. Jahrhundert, dem sogenannten »long century« (1770 – 1914), große Hoffnung gesetzt. Kaiser Napoleon machte in seinem Machtkampf mit der katholischen Kirche mit der Säkularisierung ernst. Er enteignete den größten Grundbesitzer Europas, der überall mit den feudalen Mächten im Bunde war. In den meisten modernen bürgerlichen Gesellschaften entbrannte in diesem langen Jahrhundert ein Kulturkampf zwischen Laizismus und Kirchentreuen, der mit meist faulen Kompromissen endete, die in der zweiten Hälfte des sogenannten »short century« (1917 – 1989) wieder aufgekündigt wurde, als eine Welle des Fundamentalismus – von den USA ausgehend – einen weltweiten »backlash« mit antimodernen Antlitz auslöste. Der Evangelikalismus schrieb vor allem den Kampf gegen die Abtreibung auf seine Fahnen, die Homoehe wirkte auf die Evangelikalen wie ein rotes Tuch. Die katholische Kirche fühlte sich von ultrakonservativen Abspaltungen bedroht und sah sich gegenüber dem Evangelikalismus ins Hintertreffen geraten. Im größten katholischen Land der Welt, Brasilien, schrumpft der katholische Einfluss, die neuen pentecostalen Kirchen haben wachsenden Zulauf und sammeln Millionen – Anhänger und Reais. Mit diesem Geld und den gekauften Stimmen lässt sich enormer Druck auf den Gesetzgeber ausüben. Massenmediale Kreuzzüge im christlichen Gewand bedrohen die mühsam errungenen Freiheitsrechte, die formalen Voraussetzungen eines selbstbestimmten Lebens.
Um das Missglücken der Säkularisierung erkennen zu können, muss man einen selbstkritischen Blick auf die europäische Gesellschaftsgeschichte zurückwerfen. Der falsche Stolz, besonders gegenüber der islamischen Welt, man habe im Gegensatz zu ihr eine Reformation, Aufklärung und Säkularisierung durchgemacht, behindert eine gesellschaftskritische Erkenntnis in die Dialektik der Aufklärung, die auch die Geschichte der Säkularisierung bestimmt. Wer Aufklärung nur im umgangssprachlichen Sinne als einen Bildungsprozess zwischen Individuen versteht, wird ihrer Dialektik nicht auf die Spur kommen. Als materialer Prozess entzaubert Aufklärung die Welt. Von der Religion bleiben ihres religiösen Gewandes entkleidete Werte übrig, die schon sprachlich bei der zentralen ökonomischen Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft Anleihe nehmen – am Wert. Das Werk des neben Durkheim größten Soziologen der bürgerlichen Gesellschaft, Max Weber, wird von einem heroischen Duktus bestimmt: Gegen die Entzauberung der Welt ist kein religiöses Kraut gewachsen; in Gestalt einer allumfassenden Rationalität wird die Säkularisierung sich durchsetzen und ein neues Zwangsgebäude schaffen – ein »stahlhartes Gehäuse« der Hörigkeit. Nicht das Tor der Emanzipation steht am Ende der bürgerlichen Epoche, sondern der gnadenlose Knast eines arbeitsteiligen, gottlosen Fachmenschentums. Diese geschichtliche Perspektive eröffnet einem neuen Irrationalismus Tür und Tor: Ein neuer säkularisierter Glaube an Charisma und Dezisionismus nimmt in Webers Soziologie das »kurze Jahrhundert« vorweg.
Das lange 19. Jahrhundert lehrt den Nachgeborenen das Schwinden der Religion; es geschieht in jeder Gesellschaft auf vergleichbare, doch unterschiedliche Weise. Die objektive Bedeutung der Religion bestand im christlichen Europa in ihrem institutionellen Charakter – sie war nicht nur Glaubens-, sondern auch eine Herrschaftsform, die Heiden und Juden auch aus ihrer weltlichen Hierarchie ausschloss. Die deutschen Lande als Hauptschlachtfeld der Religionskriege ließen nur den faulen Kompromiss des Territorialfürstentums zu – »eius regio, cuius religio«. Von wegen christliches Abendland, kleinstaatlicher Flickenteppich! Zum Ärger der Päpste hatten sich die englischen Könige längst eine Nationalkirche geschaffen, die der Politik untergeordnet war – dieser Säkularisierungsprozess war eine wesentliche Voraussetzung für den Durchbruch der bürgerlichen Gesellschaft im United Kingdom, begleitet im 17. Jahrhundert vom Bürgerkrieg und der englischen Aufklärung, die für Voltaire zum Vorbild der französischen wurde. Sein »Écrasez l’infâme!« bezeichnet die Frontstellung der Aufklärung gegen die feudale Organisation der Kirche, die mit der staatlichen Form der Herrschaft konkurriert. Im Land der Französischen Revolution hat der Laizismus keineswegs gesiegt. Die fundamentalste Opposition schlägt dem Präsidenten im Jahre 2014 mit massenhaften Protesten gegen die Homoehe ins Gesicht.
Aber geht es denn Deutschland besser? Vor vierzig Jahren war »Laizismus« ein ebenso unbekanntes Fremdwort wie »Identität«, das einem jeder Redakteur aus dem Manuskript gestrichen hätte. Kein Lehrer wäre damals auf die Idee gekommen, seine Schülerschaft in christliche und muslimische aufzuteilen. Die Arbeitsmigranten wurden nach ihrer Herkunft sortiert, nicht nach Religion und Kultur. Das war grob, aber nicht ganz falsch: Jugoslawen, Türken, Italiener, Spanier … Die schlimmste politische Sünde dieser Zeit bestand in der Verleugnung Deutschlands als eines Einwanderungslandes. Es ließ sich in der Illusion leben, Deutschland wäre säkular. Der Blick auf den Steuerbescheid hätte einen schon eines Besseren belehren können: Kirchensteuer. Aber auch Kirchenaustritt erspart einem nicht, an den Kosten der Säkularisierung beteiligt zu werden. Der angeblich säkulare Staat finanziert Bischöfe und gewährt Steuervergünstigungen, die als Entschädigungszahlungen für die Enteignung kirchlichen Grund- und Bodenbesitzes seit über zweihundert Jahren gerechtfertig werden.
Ein bewusster laizistischer Kampf ist, anders als in Italien und Frankreich, in Deutschland nie geführt worden. Der Kulturkampf hatte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts am Gegensatz von lutheranischem Christentum als preußischer Staatsreligion und katholischem Süden nach der Reichsgründung 1871 entzündet. Die Modernisierung der deutschen Gesellschaft führte zu einer massiven Entchristlichung der Bevölkerung, aber nicht einmal in der Weimarer Republik zu einer konsequenten Säkularisierung. Bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten galt Deutschland als das am wenigsten christliche Land Europas. Das Verhalten der Kirchen im Nationalsozialismus lässt sich nur als schändlich und opportunistisch bezeichnen. Die wenigen mutigen Mitglieder der Bekennenden Kirche blieben schrecklich isoliert und wurden nach dem Krieg von der offiziellen Kirche stiefmütterlich behandelt, wenn nicht gar verleugnet. Als Spezialinstitutionen für Schuld und Sühne wurden die evangelische und katholische Kirche nach 1945 in Westdeutschland privilegiert, in Ostdeutschland in den Dienst des säkularen Staates gestellt, der mit ihren Institutionen konkurrierte. So konnte die Kirche nicht zum Taufbecken, aber zum Sammelbecken oppositioneller Kräfte werden. Die Leute gingen nicht aus tief religiöser Überzeugung in die Kirche, sondern, wie Marek Edelmann es für Polen formulierte, »um den Kommunisten eins reinzuwürgen«.
Die fortschreitende Säkularisierung beider deutscher Gesellschaften ließ die Kirchenmitgliedschaften kontinuierlich schrumpfen; aber die ökonomische Privilegierung staatlich anerkannter Kirchen in der BRD erlaubte weiterhin einen mächtigen Einfluss auf das Alltagsleben. Bis heute treten sie als oft alternativlose Träger von christlichen Krankenhäusern auf, sitzen in den Aufsichtsräten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, an den Universitäten finanziert der Staat theologische Lehrstühle und in Bayern blickt noch jedes Schulkind – egal ob gläubig oder ungläubig – auf ein Kruzifix im Klassenzimmer. Das politisierte Christentum, das den konservativen Teil der Gesellschaft dominiert, formierte sich seit 1945 als christliche Partei als Reaktion auf den moralischen Bankrott des Nationalsozialismus und als antikommunistische Glaubensgemeinschaft, die nach dem Ende des Kalten Krieges in eine Legitimationskrise geriet. Die von Helmut Kohl propagierte »geistig-moralische Wende« zu Beginn der 80er Jahre kopierte nur republikanische Strategien, die zur »Reagan-Revolution« geführt hatten – der geglückte »backlash« auf das weltweite Protestjahrzehnt um 1968.
»In God we trust!« heißt es in »God’s own country«. In den Vereinigten Staaten wird der Kampf um eine säkularisierte Gesellschaft offen ausgetragen. Religion spielt im öffentlichen Leben eine wichtige Rolle; der soziale Kitt wird durch den Dollarschein symbolisiert. Der Gott, in den vertraut wird, ist ein säkularisierter. Wer einmal die Washington Cathedral besucht hat, in der viele weihevolle Staatsfeste abgehalten werden, erlebt ein merkwürdiges Phänomen. Aus der Vereinigung protestantischer Gemeinden hervorgegangen, ist die Kirche seit dem Zweiten Weltkrieg ein Ort religionsübergreifender Gottesdienste geworden. Es kommt nicht darauf an, an wen Du glaubst, sondern dass Du glaubst. Nichts verkörpert deutlicher den Gang der Säkularisierung: Aus der objektiven Religion wird subjektive Religiosität. Dieser Prozess ist irreversibel.
Das verstärkt aggressive Auftreten religiöser Gemeinschaften wird verzerrt wahrgenommen, wenn es als Wiederkehr der Religion interpretiert wird. Die neue Religiosität ist eine Reaktion auf die missglückte Säkularisierung – daher ihr antiaufklärerischer Impetus.
Betriebsmittel aller Säkularisierung ist die aufgeklärte Rationalität, die aber in der bürgerlichen Gesellschaft an ihre Grenzen stieß. Deswegen mussten die Verteidiger bestehender Ordnung irrationale Hilfsmittel einsetzen, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Selbst ein strikter Verfechter wissenschaftlicher Rationalität wie Max Weber propagiert als »klassenbewusster Bourgeois« in der Politik Irrationales: Dezisionismus und Charisma. Die neue Religiosität des 21. Jahrhunderts widerlegt nicht Max Webers bürgerliche Theorie von der Entzauberung der Welt: Sie zeigt nur die Grenzen der Aufklärung auf. Seine heroische Vorstellung vom Bürgertum schöpfte Weber aus dem »long century«; seine verdüsterten Ausblicke auf die Zukunft im stahlharten Gehäuse der Hörigkeit resultierten aus seiner Erfassung der wissenschaftlich-technischen Dynamik der modernen Gesellschaft. Rückblickend resümierte Adorno schon vor fünfzig Jahren: »Die bürgerliche Gestalt von Rationalität bedarf von je irrationaler Zusätze, um sich als das zu erhalten, was sie ist, fortwährende Ungerechtigkeit durchs Recht.«
Das »short century«, das man von heute aus als das Amerikanische Jahrhundert bezeichnen könnte, wurde geprägt durch den unaufhaltsamen Siegeszug technisch-wissenschaftlichen Fortschritts. Durch ihn wurde ein attraktiver »American Way of Life« möglich, der nach dem Zweiten Weltkrieg global als erstrebenswertes Ziel moderner Menschen schien. Der Aufstieg einer neuen Intelligenz, neuer akademisch ausgebildeter Mittelschichten, begann das traditionelle Bürgertum zu verdrängen. Erziehung und Ausbildung wurden zu zentralen politischen Zielen in der Systemkonkurrenz – auch in Ländern der so genannten Dritten Welt, die Anschluss an die technisch-wissenschaftliche Entwicklung suchten. In diesem globalen gesellschaftlichen Verwerfungsprozess, der nach Eric Hobsbawms kluger Beobachtung zur Folge hatte, dass es 1968 weltweit erstmals mehr Studenten als Bauern gab, entstand eine Protestbewegung, die von Berkeley bis Berlin, von Prag bis Tokio, von Mexico City bis Paris reichte. Alle intellektuellen Protagonisten der neuen Religiosität der 70er und 80er Jahre erlebten in dieser Zeit die später als »cultural wars« bezeichneten Konflikte an der Universität – die meisten sogar in den USA.
Die Zeit nach »68« ist die Geburtsstunde der neuen Religiosität, die mit dem endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus 1989 in ihr Erwachsenenalter eintrat. In den frühen 70er Jahren kam die Protestgeneration als Lehrer in den Schulen an. An dieser Schnittstelle zwischen Familie und Öffentlichkeit eröffnete sich ein gewaltiges Konfliktfeld, in dem traditionelle Eltern von den »68ern« gelernt hatten, wie man Bürgerprotest wirksam in Szene setzen kann. Wie schon am Beginn des »short century« wurde in den USA Darwins Evolutionslehre von fundamentalistischen Eltern zum Anlass genommen, die Gottlosigkeit wissenschaftlicher Ausbildung zu attackieren. Durchschlagskraft erreichten diese neureligiösen Protestbewegungen durch eine Umstrukturierung des amerikanischen Protestantismus. Während viele Pastoren und Priester den Weg in die sozialen Protestbewegungen der 60er Jahre gesucht hatten, begannen Fernsehpriester die zurück gebliebenen Schafe zu sammeln. Diese neue Religiosität ist ökonomisch durchrationalisiert, die Spendenaufkommen gewaltig. Geworben wird mit Erweckungserlebnissen (»Glossolalie«), Massentaufen mit Eventcharakter und im TV übertragenen Wunderheilungen. Seit der Amtszeit Ronald Reagans stand auch das Weiße Haus fundamentalistischen Predigern offen.
Die Eroberung einer Massenbasis geschieht nach einem einfachen Schema. Wer etwas gegen Abtreibung und Homoehe hat, muss nicht sechsmal am Tag beten. Fundamentalistische Organisationen politisieren dieses Gefühl, das sie mit dem traditionell empfindenden Teil der Gesellschaft teilen. Im Fall des offenen gesellschaftlichen Konflikts hoffen sie, durch ihre Aktionen die schweigende Mehrheit mit sich zu ziehen. Zivilen Ungehorsam und Widerstandsrecht reklamieren sie jetzt für sich selbst. Im besten Fall versuchen sie mithilfe dieser Mehrheit politische Ämter zu erobern, die es ihnen erlauben, die institutionelle Säkularisierung zurückzunehmen. Die Halbherzigkeit, mit der die Säkularisierung in allen modernen Gesellschaften betrieben wurde, lässt jedes Establishment alt aussehen, das von fundamentalistischen Identitätspolitikern bedroht wird. Die globale Gleichzeitigkeit von Rechristianisierung, Reislamisierung und Rejudaisierung hat Gilles Kepel in seiner vergleichenden Studie »Die Rache Gottes« aufgezeigt. Die neue Religiosität lässt sich nicht mit dem Rückgriff auf die Vergangenheit erklären. Zu ihrer Erkenntnis ist nicht Islamwissenschaft, sondern kritische Gesellschaftstheorie nötig.
Zur Aufklärung über die weltweite neue Religiosität haben die akademischen Wissenschaften nur wenig beigetragen. Die Selbsterkenntnis, dass viele der neureligiösen Aktivisten im universitären Milieu, auch und gerade in den westlichen Ländern, erzogen worden sind, wird meist abgewehrt. Dabei steckt im neureligiösen Subjektivismus der gleiche Ungeist wie in den synkretistischen Kulten der Postmoderne – ein Kulturrelativismus, der zur Identitätspolitik zwingt, wenn man seine Interessen durchsetzen will. Der beschränkte Rationalismus der bürgerlichen Wissenschaft, der im »wissenschaftlichen Sozialismus« nachgeäfft wurde, ist auf technisch-naturwissenschaftliches Wissen eingeschränkt worden. In den Kulturwissenschaften dominiert inzwischen eine Kombination von Positivismus und interpretativer Willkür: Diskurs und Paradigmenwechsel in atemloser Verfolgungsjagd. Die Wahl der wissenschaftlichen Verfahrensweise orientiert sich nicht an Gegenstand und Sachverhalt, sondern an Imponierfähigkeit und Karrieremöglichkeit. Fernsehprediger, Terrorismusexperten und Universitätsprofessoren trennen nicht Welten.
Gott ist tot; aber um seinen Leichnam streitet man sich überall. Das Ende der drei Welten, 1989/1990, hat eine Neuverteilung der religiösen Zurechnungen gebracht, die aber das Weltbild vom Kampf der Kulturen nur verzerrt wiedergibt. Schon Max Webers Säkularisierungsvorstellung aus seiner Religionssoziologie am Ende des »long century« war eurozentrisch verzerrt. Er verband Säkularisierung, Aufklärung und Herrschaft universaler Rationalität. Aus allen Weltreligionen versuchte er eine Wirtschaftsethik herauszudestillieren; das konnte nur zu einem schiefen Weltbild führen. Die Organisationsweise des Islams ist keine kirchlich-hierarchische, die chinesischen Religionen sind keine dem Christentum vergleichbaren, sondern eher Philosophien. Der aus verballhornten Theorien Max Webers zusammengeklaubte Vorwurf, die islamische Welt sei so rückständig, weil sie weder Reformation noch Aufklärung gehabt hätte, passt zu einem neuen Weltbild, das aus alten Katholiken Reformatoren macht und aus protestantischen Amtsinhabern Aufklärer. An diesem Punkt wirken die »abgestorbenen Zellen von Religiosität« als das Gift ethnisch-kultureller Überlegenheitsgefühle.
Nur wenn man Aufklärung als einen materialen gesellschaftlichen Prozess versteht – und nicht als Erziehungsprozess verkürzt, lassen sich Gesellschaften ohne von außen vorgegebene Maßstäbe vergleichen. Der prekäre Stand missglückter Säkularisierung gibt Aufschluss über das Verhältnis von Auto- und Heteronomie in einer Gesellschaft. In der Tat ging die weltgeschichtliche Modernisierung im 19. Jahrhundert von Europa aus – mit seinem Modell der Trennung von Staat und Kirche. Aber die idealtypische Verknüpfung dieses Modells mit Demokratie und Rationalität ist von Anfang an bürgerliche Ideologie gewesen, die im »short century« Lügen gestraft wurde. Das 20. Jahrhundert ist das eigentliche Zeitalter des Nationalismus geworden, am Anfang stand die Auflösung der dynastischen Reiche, in der Mitte die der Kolonialimperien und am Ende die der Blöcke. Religion gewann in diesen Prozessen eine unterschiedliche Funktion; aber religiöse Unterschiede waren nicht die Ursachen von gesellschaftlichen Konflikten, als die sie von pseudoaufklärerischen Massenmedien interpretiert wurden.
Religiöse Unterschiede begründen keine gesellschaftlichen Konflikte: Weder der säkulare irische Kampf ist aus den unterschiedlichen Gottesdienstformen zu erklären noch lässt sich der jugolslawische Zerfallsprozess aus den unterschiedlichen Religionen von Serben, Kosovaren, Bosniern und Kroaten verstehen. Gesellschaftliche Konflikte wurden nur ethnonationalistisch gedeutet. Die differente Religion wurde von neuen Mittelschichten als Vehikel einer Machtergreifung instrumentalisiert. Das Geld für die vergoldete Moschee in Sarajevo kam aus Saudi-Arabien ebenso wie die massive Unterstützung für den antikommunistischen Arbeiterführer Walesa aus Rom kam.
Die Kombination von Ethnonationalität und Religiosität spielte beim Auflösungsprozess des Realsozialismus eine entscheidende Rolle. Im Kampf um Bosnien-Herzegowina mussten die muslimischen Bosniaken erst geschaffen werden, um neben Kroaten und Serben auftreten zu können. Glaubenslehrer wurden hauptsächlich aus Saudi-Arabien geschickt. Auch im dekolonisierten Algerien ist der Vormarsch der islamistischen FIS als massiver Protest gegen einen enttäuschten arabischen Nationalismus zu erklären. In der arabischen Welt ist der Nationalismus Träger der nationalen Befreiung vom Kolonialismus und des Säkularismus gewesen; die Enttäuschungen über die nationale Unabhängigkeit schlagen bei einem Teil der Gesellschaft in salafistische, djihadistische oder andere islamistische Aktivitäten oder zumindest Sympathien für sie um. Der traditionelle Islam ist in den Augen der Islamisten durch seine Kooperation mit den raffgierigen postkolonialen Eliten diskreditiert. Der Islamismus aber gefährdet als Ethnoislamismus die Einheit der Nation, die auch in der arabischen Welt keineswegs homogen ist. Für ethnoreligiöse Minderheiten, wenn sie nicht separatistisch sind, bedeutet der Islamismus einen Alptraum. Die Subjektivierung der Religion bietet auch Muslimen in der Diaspora, die der traditionelle Islam gar nicht kannte, eine neue Orientierung. Oft ist es ein Generationenkonflikt. Die Migranten brachten eine von der Säkularisierung zerschlissene volkstümliche Version des Islams mit in das Land der Hoffnung auf ein besseres Leben. Der Islamismus bietet mit einer Reislamisierung von unten, die den Kindern der Migranten, die sich weder mit dem Herkunftsland noch mit der säkularen Gesellschaft, in der sie leben, identifizieren, eine puristische Version des Glaubens an, der den korrumpierten Islam der Väter ablehnt. Wie Olivier Roy erkannt hat: »Fundamentalismus ist ein Mittel der Re-Universalisierung einer Religion (…) Die Religion wird zu einer Neo-Ethnizität.«
Wie es eine Dialektik der Aufklärung gibt, so lässt sich auch eine Dialektik der Säkularisierung erkennen, die Fortschritt von Freiheit und Unterdrückung in gleichem Masse hervorbringt. Das »short century« hat eine Wüste voller Desillusionierungen hinterlassen: An Nationalismus, Rationalismus und Marxismus mag niemand mehr so recht glauben. In dieser Wüste erscheinen immer mehr Prediger, Gurus und Propheten, die mit Charisma Massen orientierungsloser Vereinzelter zu Gefolgschaften formieren. Autodidakten haben unter diesen Neureligösen große Chancen; denn die alten Hierarchien, die auf Macht und Gelehrsamkeit fußten, werden abgelehnt. Erweckungserlebnisse kann jeder haben; deswegen finden demagogische Propheten bei den Erniedrigten und Beleidigten viel Hoffnung. Dem hat das normale Alltagsbewusstsein wenig entgegenzusetzen.
EVELYN FINGER
Das elfte Gebot
Über Religion lässt sich in der Demokratie gut streiten
Manchmal passen Religion und Politik perfekt zusammen. Manchmal sind Kirche und Staat ein schönes Paar. Im Herbst 2012 zum Beispiel, als der deutsche Bundespräsident den deutschen Papst in Rom besuchte und die Oberhäupter zweier gegensätzlicher Welten in derselben Sprache miteinander redeten, konnte es den Deutschen vorkommen, als sei nie etwas Trennendes zwischen diesen Welten gewesen. Der Katholik Joseph Ratzinger hatte zuletzt ein Buch über Jesus geschrieben. Der Protestant Joachim Gauck hatte zuletzt ein Buch über die Freiheit geschrieben. Aber in beider Heimat gehört das ja zusammen. Da sind Gott und Freiheit kein Gegensatz. Da haben Pastoren wie Gauck eine Diktatur gestürzt. Man könnte wirklich denken, Glauben und Demokratie – das passt.
Doch weit gefehlt. Der Glaube fügt sich nicht so ohne Weiteres in die moderne Welt. Unter Benedikt XVI. hat der Vatikan eine Doktrin verabschiedet, die besagt: Demokratie muss auf den Zehn Geboten fußen. Das heißt, der demokratische Staat soll sich zum Gott der Christen bekennen. Erst kommt Gott, dann der Staat. Nicht umgekehrt.
Meinte der deutsche Papst das ernst? Dann trennt ihn von dem Pastor und Freiheitsprediger Gauck ein Abgrund. Es ist der Abgrund zwischen einem Glauben, der sich in den Rechtsstaat einfügt, und einem Glauben, der Sonderrechte beansprucht und Staat machen will. Jetzt werden die politischen Ansprüche von Religion wieder lauter – und wir streiten ständig über Gott. Erstaunlich! Da stehen viele Kirchen leer, und viele Kirchenmitglieder glauben auch nicht mehr so recht an Gott. Doch in der Öffentlichkeit ist Gott das große Thema.
Warum regen uns immer noch Glaubensfragen auf: Ist das Ritual der Beschneidung eine Körperverletzung? Müssen wir die religiösen Gefühle unserer sensibleren Mitbürger gegen Karikaturen schützen? Brauchen wir vielleicht ein Gesetz gegen Blasphemie? Wer darf Kopftuch tragen in der Schule? Wohin hängen wir das Kruzifix? Und ist es nun in Ordnung, dass die Kirchensteuer vom Staat eingezogen wird und steuerlich abgesetzt werden darf, was den Staat jährlich drei Milliarden Euro kostet? – Spannende Debatte, aber man kann sie bald nicht mehr hören. Denn es geht ja jedes Mal um die im Grundgesetz längst beantwortete Frage: Wie viel Glauben verträgt die Demokratie?
An der Spitze der Bundesrepublik wissen sie das genau. Dort steht nicht nur als Präsident ein ehemaliger Pastor, sondern auch als Kanzlerin eine Pfarrerstochter, und bei den Grünen spielt die Kirchentagspräsidentin a. D. Katrin Göring-Eckardt eine entscheidende Rolle. Christliche Politiker genießen in unserer zunehmend entkirchlichten Gesellschaft hohes Ansehen. Und das ist kein Wunder, denn sie verkörpern einen aufgeklärten Glauben, der religiöse Gewissheit und staatsbürgerliche Freiheit versöhnt.
Leider ist die Selbstaufklärung der Religion noch am Anfang. Nicht nur die gewalttätigen Islamisten und die verbotswütigen Evangelikalen führen uns das vor. Wenn der Vatikan sich durchsetzen könnte und die Zehn Gebote würden wirklich für alle Bürger gelten, dann wäre die Demokratie nicht mehr weltanschaulich neutral, und Religionsfreiheit gäbe es auch nicht. Dann hätten wir einen Gottesstaat. Wer aber im Gottesstaat Gott leugnet, ist ein Staatsfeind. So war das im christlichen Absolutismus Europas, so ist das heute im Iran.
Hat der Vatikan das übersehen? Natürlich nicht. Er überträgt einfach den Wahrheitsanspruch der Religion auf die Politik. So gerät er aus dem respektvollen Verhältnis zum Rechtsstaat unversehens in das anmaßende Gebaren einer Glaubensdiktatur. Um das zu verhindern, gibt es im Westen heute eine mehr oder minder strikte Trennung zwischen Kirche und Staat. Diese Trennung erlaubt es den deutschen Katholiken, in ihrer Eigenschaft als Bürger religiöse Weisungen aus Rom zu ignorieren. Trotzdem bleibt da ein Konflikt.
Es ist der Konflikt zwischen den religiösen Geboten und den weltlichen Gesetzen, zwischen der einen Wahrheit und den vielen Meinungen, zwischen der Unanfechtbarkeit einer Heiligen Schrift und der Diskutierbarkeit unserer freiheitlichen Prinzipien. Dieser Konflikt betrifft keineswegs nur die Katholiken. Denn alle großen Religionen vertrauen darauf, dass Gott existiert. Das ist eine absolute Setzung. Und daraus folgen absolute Geltungsansprüche. Sie sind nicht die persönliche Marotte eines Papstes, sondern unausweichlich.
Wer wirklich an Gott glaubt, der muss auch wollen, dass seine Wahrheit gilt. Deshalb ruft der Vatikan katholische Apotheker auf, keine empfängnisverhütenden Mittel zu verkaufen, wo Empfängnisverhütung gesetzlich erlaubt ist. Deshalb will die Evangelische Kirche Deutschlands die Präimplantationsdiagnostik verbieten und beruft sich dabei auf das christliche Menschenbild, obwohl die von einem Verbot betroffenen Bürger gar nicht alle Christen wären.
Der demokratische Staat hat sich von Gott distanziert, um verschiedene Geltungsansprüche unter seinem Dach zu vereinen. Er garantiert eine Friedensordnung, in der konkurrierende Wahrheiten nebeneinander existieren können. Er ist überhaupt erst entstanden, weil die Religionen sich einst als friedensunfähig erwiesen haben, als sie noch im Besitz der politischen Macht waren. Weil sie jedoch auch heute Politik machen, entstehen an der Schnittstelle zwischen Glauben und Demokratie zunehmend heftigere Debatten, sodass selbst fromme Bürger rufen möchten: Lasst mich in Ruhe mit eurem Gott!
Ob Beschneidung oder Blasphemie, Kopftuch oder Kruzifix: Es ist immer derselbe Konflikt. Religion zielt auf Letztes und Unbedingtes. Demokratie zielt auf Offenheit und Pluralismus. Da knirscht es im Gebälk der freien, aber religiös geprägten Gesellschaft. Darum streiten wir, ob die Beschneidung gegen das Recht auf Unverletzlichkeit der Person verstoße. Und wenn nicht, ob das Selbstbestimmungsrecht hier missachtet werde. Und wenn ja, ob dann nicht nur die Beschneidung, sondern demnächst auch die Taufe zu verbieten sei.
Die Debatte nervt. Aber sie ist nötig. Sie betrifft weniger das Verhältnis der Bürger zur Religion als das Verhältnis der Religion zur Politik. Letzteres ist auch in Deutschland an vielen Stellen prekär. So steht in der Landesverfassung von Rheinland-Pfalz, alle Kinder seien »zur Gottesfurcht« zu erziehen. So beharren beide großen Kirchen auf einem eigenen eingeschränkten Streikrecht, denn sie finden, wo alle im Namen des Herrn zusammenarbeiten, könne es harsche Interessenkonflikte nicht geben. Obwohl der Staat die Meinungsfreiheit garantiert, gibt es Lehrzuchtverfahren gegen Theologen mit abweichender Meinung. Und in kirchlichen Betrieben herrscht immer noch eine strukturelle Heuchelei, weil die Angestellten bekenntnishafte Arbeitsverträge unterschreiben, die ehrlicherweise kein freier Bürger einhalten kann.
Um das zu kritisieren, muss man kein Religionsfeind sein. Warum tobt der Streit trotzdem so heftig? Warum fühlen Glaubende sich angegriffen? Weil die Kritik manchmal höhnisch und fundamental-atheistisch ist? Das könnte sein. Vor allem aber, weil wir in einer historischen Übergangszeit leben. »Die Gewässer der Religion fließen ab, und zurück bleiben Sümpfe und Weiher«, prophezeite Friedrich Nietzsche. Das sollte bedeuten, die Religionen würden schwächer und zerfielen in ihre Restbestände. Tatsächlich wächst in Deutschland die Zahl der Konfessionslosen, und immer mehr Christen machen sich den amtskirchlichen Standpunkt nicht mehr zu eigen. Trotzdem beharren die Kirchen auf ihrem Anspruch, für die Mehrheit der Gesellschaft zu sprechen. Sie tun, als würden ihre religiösen Prämissen noch immer von fast allen geteilt.
Gleichzeitig erstarken weltweit fundamentalistische Strömungen. Sie wollen den Gottesstaat und formulieren ihre Prämissen bewusst im Widerspruch zur Demokratie. Das heißt: Die Religion wird sowohl schwächer als auch stärker. Und aus dieser Schwäche wie aus dieser Stärke heraus verursacht sie Streit.
Ist unser aller Freiheit nun durch politisch-religiöse Ansprüche gefährdet? Manche Forderungen klingen in deutschen Ohren lächerlich. Das liegt auch daran, dass hierzulande viele Gläubige nicht mitmachen, wenn im Namen der Religionsfreiheit die Freiheit untergraben werden soll. Katholische Apotheker verkaufen die Pille, und evangelische Pfarrer segnen schwule Paare. Caritas-Mitarbeiter streiken, und Muslime machen Witze über Mohammed. Die meisten Gläubigen fühlen sich als mündige Bürger. Sie handeln den Weisungen ihrer Kirchenfunktionäre zuwider, und vielleicht hofft sogar der Papst in Rom manchmal heimlich, dass seine Dekrete nicht befolgt werden.
Aber mal angenommen, es wäre anders. Mal angenommen, mehr Christen fühlten sich verpflichtet, ihrer Kirche zu gehorchen. Dann müssten katholische Politiker die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen verhindern, denn auch das fordert der Vatikan. Dass viele Katholiken solche amtskirchlichen Ansprüche nicht geltend machen, bringt die Ansprüche ja nicht zum Verschwinden. Liberale Kirchenrechtler fürchten, dass christliche Politiker und Bischöfe aus bloßem Opportunismus gegenüber dem Zeitgeist ihren Glauben im Zaum halten. Die Zeiten aber können sich ändern.
Deshalb müssen Kirchen und Religionsgemeinschaften sich die öffentliche Infragestellung ihrer Überzeugungen (und ihrer Steuerprivilegien) gefallen lassen. Sie müssen akzeptieren, dass ihre Gebote nicht für alle Bürger gelten. Dass Gott nicht bestimmt, was in der Welt geschieht.
In Norddeutschland wollte die evangelische Kirche neulich noch einmal bestimmen. Sie forderte ein Tanzverbot an »stillen Tagen« wie dem Buß- und Bettag. Aber wieso sollen Nichtchristen an christlichen Feiertagen nicht tanzen? Wenn die Kirche vergisst, was Demokratie heißt, macht sie sich lächerlich. Wenn sie im Namen Gottes weltfremde Verbote fordert, wird sie zu einem peinlichen Verein, in dem wirklich keiner mehr Mitglied sein will.
Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Papst Benedikt gelegentlich den Rückzug der Religion aus der Welt predigte. Lieber ein bisschen bescheiden bleiben als zum Gespött werden. Lieber keine Politik machen mit Gott. Denn jede Wahrheit muss anfechtbar sein in der Demokratie. Das erste Gebot, dass es nur einen Gott gibt, muss übertreten werden dürfen, wenn Bürger verschiedenen Glaubens zivilisiert zusammenleben wollen – und Bürger ohne Glauben auch.
Kann Kirche trotzdem Politik machen, nicht nur jenseits, sondern innerhalb der Demokratie? In Rom zeigt jetzt ein neuer Papst, dass das möglich ist. Allerdings pflegt er ein neues Verhältnis zur Welt. Hatte sein deutscher Amtsvorgänger noch die Entweltlichung gepredigt, und zwar so, dass die meisten Katholiken dachten, sie sollten sich gefälligst in die Kirche zurückziehen, kehrt nun der Papst persönlich in die Welt zurück. Wo Benedikt es beim letzten Weltjugendtag 2011 in Madrid noch peinlich vermied, sich zur Wirtschaftsmisere zu äußern, da nutzte Franziskus den Weltjugendtag 2013 in Rio für eine Botschaft an alle: Wir haben einen Glauben, der von dieser Welt ist. Wir wollen die Welt verändern. Wir machen Politik.
Seit seinem Amtsantritt hat Franziskus keine Gelegenheit ausgelassen, sich mit den Notleidenden zu solidarisieren und zugleich die klerikale Macht zu kritisieren. Sein Motto: Wer die Welt ändern will, muss sich selbst ändern. Also versucht er zuallererst seinen eigenen Laden zu bekehren, frei nach dem Vorbild des Franz von Assisi: »Selig, wer sich vor Untergebenen so demütig benimmt, wie wenn er vor seinem Obern und Herrn stünde.«
Aber geht das: Demut an der Spitze der Kirche? Revolution von ganz oben? Antiautoritäre Autokratie? Der Papst ist noch immer Papst. Er herrscht über eine streng hierarchisch gegliederte Institution. Nicht der Mann selbst, aber sein Amt ist unfehlbar. Er verkündet die eine Wahrheit, und was er in der Glaubenslehre sagt, ist irrtumsimmun. Er ist Oberhaupt der weltgrößten Religionsgemeinschaft. Und trotzdem ließ der Argentinier Franziskus sich auf seinem Heimatkontinent Südamerika nicht einfach feiern, sondern lenkte die Aufmerksamkeit der Medien gezielt auf die Schwachen. So funktioniert das Prinzip Franziskus: Hingehen. Zuhören. Einmischen.
Man könnte sagen: Politisch im positiven Sinne waren Päpste auch früher. Es gab die Friedensinitiativen von Benedikt XV. während des Ersten Weltkriegs, den Einspruch von Johannes XXIII. gegen den Kalten Krieg, die Warnung von Paul VI. vor einem Atomkonflikt und den Einsatz von Johannes Paul II. für die Reformbewegung in Osteuropa. Doch die Politik des Wandels ist bei Franziskus radikaler. Sie erstreckt sich auch auf Glaubensfragen. In den Fragen der Sexualmoral hat Franziskus bereits gezeigt, dass es auch demokratischer geht als bisher. Er beschämte diejenigen, die sich nach einer grundstürzenden Lex Franziskus zur Sexualmoral sehnten, indem er die heiklen Fragen einfach an sein Kirchenvolk zurück gab.
Achtunddreißig knifflige Einzelfragen, unterteilt in neun Kapitel wie Ehe, Familie, Homosexualität, Verhütung verschickte die Bischofskongregation in Rom an die Katholiken der Welt. Tatsächlich hatte der Papst die Fragen zusammen mit der Bischofskongregation formuliert, er nahm selber an mehreren Treffen teil, um zu klären, was die Katholiken heute tun und denken. Die erste Frage auf dem Fragebogen lautete: Wie steht es um die wirkliche Kenntnis der Lehren der Bibel und des Lehramtes der Kirche? Mit anderen Worten: Wisst ihr eigentlich, was ihr glauben sollt? Der Vatikan setzt nicht länger voraus, dass jeder Katholik auch weiß, was Katholischsein heißt. Das ist beinahe schon antiautoritär, antidoktrinär, revolutionär. Ob es eine Revolution auch des monarchisch strukturierten Papsttums werden kann, wird sich am Verhältnis des neuen Papstes zur eigenen Macht entscheiden.
Bergoglio hatte die Wahl zum Papst mit einer Reformrede gewonnen, die den Zustand der Kirche betraf, aber dann machte er klar, dass es ihm um mehr als innerkirchliche Renovierung geht: »Die Kraft der Kirche liegt nicht in ihr selbst und ihrer organisatorischen Fähigkeit. Ein authentischer Glaube schließt den Wunsch ein, die Welt zu verändern. Haben wir große Visionen? Haben wir Träume? Sind wir mutig?«
Das macht sein Pontifikat zum Politikum: Der neue Papst spricht als Christ auch für die Nichtchristen. Er versteht sich als Pastor der Welt, wobei er keine ideologische Herrschaft, sondern einen Dienst an den Menschen anstrebt. Das legt er dem katholischen Klerus immer wieder ans Herz: Seid Diener! Und den Politikern sagt er: Baut Brücken!
Der neue Papst will also die Kirche ändern, um die Welt zu ändern. Dass er nicht bei der Welt, sondern bei der Kirche anfängt, macht ihn sympathisch. Anders als seine Vorgänger sorgt er sich weniger um den schlechten Einfluss der Welt auf seine Kirche als um den mangelnden Einfluss der Kirche auf die Welt.
Seit dem Amtsantritt von Franziskus sind Wörter wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe immer öfter zu hören in Rom. Das kann einem nach den innerkirchlichen Kämpfen der letzten Jahre, nach all dem Reformstreit und den spitzen Argumenten fast sentimental vorkommen. Nächstenliebe! Ist das überhaupt etwas für Theologen? Ist das nicht einfach nur ein Lockmittel für die Massen, die sonntags beim Angelusgebet kaum noch auf den Petersplatz passen? Die Feinde des neuen Papstes in der Kurie behaupten gern, er sei kein großer Theologe. Und unter katholischen Konservativen ist es ein Diskursklischee, zu bezweifeln, dass Franziskus ernsthaft, also »in der Glaubenslehre« etwas ändern werde. Als sage der Papst nicht dauernd Sätze wie: Das Christentum sei keine Ideologie, sondern ein Weg. Man erlerne ihn, indem man ihn beschreite. Die Aufgabe der Kleriker sei es, die Menschen auf diesem Weg zu begleiten, und nicht die Einhaltung der Lehre zu überwachen.
Deutlicher kann man eine antidoktrinäre Theologie nicht ausdrücken. Dazu passt auch das zweihundert Seiten dicke Apostolische Schreiben von Franziskus, das dieser im Herbst 2013 vorlegte. Darin breitete er seine Gerechtigkeitstheologie aus und kritisierte in scharfen Worten unsere Wirtschaftsweise: »Diese Wirtschaft tötet!« Es war das lebhafteste Papier eines Papstes seit langem. Die internationale Presse hat es denn auch ausführlich debattiert. Es trug dazu bei, dass Franziskus vom »Time Magazine« zum Mann des Jahres gekürt wurde und als Weltpolitiker gilt.
Im Syrienkonflikt hatte er sich bereits erfolgreich als Vermittler eingemischt. Während des G-20-Treffens in Sankt Petersburg hielt er erst ein großes öffentliches Friedensgebet ab und bat Tausende Pilger in Rom, zu beten und zu fasten. Danach schrieb er einen Brief an Wladimir Putin, der möge eine militärische Intervention in Damaskus verhindern. In Syrien glauben viele, der Brief des Papstes habe einen potenziellen Krieg verhindert. Mag sein oder auch nicht. Der Papst macht Friedenspolitik. Mehrfach bemühte er sich um ein Treffen mit dem Patriarchen der Moskauer Orthodoxie. Im Mai 2014 reiste er nach Nahost, eine Friedensmission.
Ist das Christentum wieder Weltmacht? Sollte es eine sein? Sagen wir so: Im besten Fall kann Religion sich dazu eignen, politische Probleme mit einer Klarheit zu benennen, zu der die Politik nicht fähig scheint: etwa die europäischen Flüchtlingsgesetze infrage zu stellen und eine weltweite Debatte über soziale Gerechtigkeit auszulösen – wie es der neue Papst getan hat. Die allgemeine Papstbegeisterung macht eine politische Hoffnung sichtbar. Nicht nur Christen hoffen ja, dass sich am Horizont der Zukunft etwas findet, was größer ist als ihre Alltagswünsche. Nicht nur religiöse Menschen wünschen sich, dass es außer Erfolg und Besitz noch etwas Haltbareres gibt. Früher nannte man es Erlösung. Heute würde man sagen: ein anderes Leben. Eine bessere Welt. Warum nicht.
Pulsuz fraqment bitdi.