Kitabı oxu: «Prächirurgische Diagnostik und chirurgische Epilepsietherapie»

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Der Herausgeber


Prof. Dr. med. Christian G. Bien ist Facharzt für Neurologie und Direktor der Universitätsklinik für Epileptologie, Krankenhaus Mara, am Epilepsie-Zentrum Bethel in Bielefeld sowie W3-Professor für Epileptologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bielefeld.

Er erfuhr seine neurologische und epileptologische Weiterbildung am Nervenzentrum des Universitätsklinikums Bonn, wo er sich auch habilitierte. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen bei den Autoimmun-Enzephalitiden, der prächirurgischen Epilepsiediagnostik und chirurgische Epilepsietherapie sowie der kognitiven Neurowissenschaft im Kontext der Epileptologie.

Christian G. Bien (Hrsg.)

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-035078-6

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-035079-3

epub: ISBN 978-3-17-035080-9

Autorenverzeichnis

Univ.-Prof. Dr. med. Christian G. Bien

Direktor

Universitätsklinik für Epileptologie (Krankenhaus Mara)

Campus Bielefeld-Bethel

Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Maraweg 21

33617 Bielefeld

christian.bien@mara.de

Prof. Dr. med. Ingmar Blümcke

Direktor

Neuropathologisches Institut

Schwabachanlage 6

91054 Erlangen

ingmar.bluemcke@uk-erlangen.de

Dr. med. Thomas Cloppenborg

Oberarzt

Universitätsklinik für Epileptologie (Krankenhaus Mara)

Campus Bielefeld-Bethel

Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Maraweg 21

33617 Bielefeld

thomas.cloppenborg@mara.de

Dr. med. Roland Coras

Oberarzt

Neuropathologisches Institut

Schwabachanlage 6

91054 Erlangen

roland.coras@uk-erlangen.de

PD Dr. med. Susanne Fauser

Oberärztin

Universitätsklinik für Epileptologie (Krankenhaus Mara)

Campus Bielefeld-Bethel

Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Maraweg 21

33617 Bielefeld

susanne.fauser@mara.de

Dr. rer. nat. Philip Grewe

Leitender Psychologe

Universitätsklinik für Epileptologie (Krankenhaus Mara)

Campus Bielefeld-Bethel

Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Maraweg 21

33617 Bielefeld

philip.grewe@mara.de

Dr. med. Matthias Hoppe

ehem. Leitender Abteilungsarzt

Stettiner Str. 30

33803 Steinhagen

matthiashoppegt@gmx.de

Dr. med. Thilo Kalbhenn

Leitender Arzt Epilepsiechirurgie

Klinik für Neurochirurgie

Evangelisches Klinikum Bethel

Kantensiek 11

33617 Bielefeld

thilo.kalbhenn@evkb.de

Dr. med. Steffi Koch-Stoecker

Stellvertretende Chefärztin

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Evangelisches Klinikum Bethel

Kantensiek 11

33617 Bielefeld

steffi.koch-stoecker@evkb.de

Dr. med. Tilman Polster

Leitender Arzt Kinder- und Jugendepileptologie

Universitätsklinik für Epileptologie (Krankenhaus Mara)

Campus Bielefeld-Bethel

Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Maraweg 21

33617 Bielefeld

tilman.polster@mara.de

Dr. med. Anna Rada

Oberärztin

Universitätsklinik für Epileptologie (Krankenhaus Mara)

Campus Bielefeld-Bethel

Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Maraweg 21

33617 Bielefeld

anna.rada@mara.de

Dr. med. Reinhard Schulz

ehem. Leitender Oberarzt

Bethelweg 56

33617 Bielefeld

rsh@netic.de

Dr. med. Ulrich Specht

Leitender Arzt

Universitätsklinik für Epileptologie (Krankenhaus Mara)

Campus Bielefeld-Bethel

Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Maraweg 21

33617 Bielefeld

ulrich.specht@mara.de

Dr. (H) Maria Tomka-Hoffmeister

Oberärztin

Universitätsklinik für Epileptologie (Krankenhaus Mara)

Campus Bielefeld-Bethel

Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Maraweg 21

33617 Bielefeld

maria.tomka-hoffmeister@mara.de

Dr. med. Friedrich G. Wörmann

Leitender Abteilungsarzt

Universitätsklinik für Epileptologie (Krankenhaus Mara)

Campus Bielefeld-Bethel

Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld

Maraweg 21

33617 Bielefeld

friedrich.woermann@mara.de

Inhalt

1  Autorenverzeichnis

2  Vorwort

3 Christian G. Bien

4  I Typische Konstellationen

5  1 Die klassische Indikation: Temporallappenepilepsie

6 Christian G. Bien

7  1.1 Wege bis zur prächirurgischen Diagnostik

8  1.2 Prinzipien der prächirurgischen Diagnostik und der resektiven Epilepsiechirurgie

9  1.3 Führende Rolle der MRT

10  1.4 Gedächtnis

11  1.5 Gesichtsfeldeinschränkung

12  1.6 Früh postoperative Anfälle

13  1.7 Neuropathologie

14  1.8 Outcome-Klassifikation

15  Literatur

16  2 Welche Patienten sollen zu einer prächirurgischen Diagnostik zugewiesen werden?

17 Reinhard Schulz

18  2.1 Wann sollten Patienten zugewiesen werden?

19  2.2 Wo soll das nicht-invasive Video-EEG-Monitoring erfolgen?

20  Literatur

21  3 Der schwierige Fall

22 Susanne Fauser

23  3.1 Was macht einen Patienten zu einem »schwierigen Fall«?

24  3.2 Wo sollten Diagnostik und Therapie bei schwierigen Fällen erfolgen?

25  3.3 Subdurale Elektroden oder Tiefenelektroden?

26  3.4 Planung der Implantation von Tiefenelektroden

27  Literatur

28  4 Epilepsiechirurgie im Kindesalter

29 Thomas Cloppenborg und Tilman Polster

30  4.1 Einleitung

31  4.2 Erweiterte Läsionektomie bei Patienten mit Tuberöse-Sklerose-Komplex

32  4.2.1 Initiale Diagnostik bei Epilepsien in den ersten Lebensjahren

33  4.2.3 Indikation zur prächirurgischen Diagnostik im Kindesalter

34  4.2.4 Erfassung und Bewertung von Anfallsursprung und Anfallsfreiheit

35  4.2.5 Invasive Diagnostik bei Kindern

36  4.2.6 Prognose der operativen Behandlung bei zahlreichen Tubera

37  4.2.7 Defizitrisiken nach Resektion im Bereich eloquenter Areale

38  4.2.8 Behandlung nach erfolgreicher Resektion

39  4.3 Hemisphärotomie im Kindesalter

40  Literatur

41  5 Indikationsstellung und Nachsorge bei Kallosotomien

42 Anna Rada und Christian G. Bien

43  5.1 Kandidaten für die Prüfung der Option einer Kallosotomie

44  5.2 Prächirugische Diagnostik

45  5.3 Operative Technik

46  5.4 Frühe postoperative Phase

47  5.5 Betreuung im Langzeitverlauf

48  Literatur

49  6 Propagation epileptischer Aktivität

50 Susanne Fauser

51  6.1 Das Zonen-Modell nach Lüders

52  6.2 Propagation bei medialen Temporallappenepilepsien

53  6.2.1 Semiologische Sequenzen als Ausdruck von Propagation der iktualen Aktivität

54  6.2.2 EEG-Befunde als Ausdruck von Propagation interiktualer und iktualer epilepsietypischer Aktivität

55  6.3 Propagation bei Frontallappenepilepsien

56  6.4 Propagation bei temporo-posterioren/occipitalen Epilepsien

57  6.4.1 Typische Propagationswege

58  6.4.2 Konsequenzen für die prächirurgische Abklärung und für Operationen

59  6.5 Propagation bei Parietallappenepilepsien

60  6.6 Zusammenfassung

61  Literatur

62  7 Gedächtnis und Epilepsiechirurgie

63 Philip Grewe

64  7.1 Gedächtnis und Epilepsie

65  7.2 Epilepsiechirurgie

66  7.2.1 Präoperative Befunde

67  7.2.2 Postoperative Veränderungen

68  7.2.3 Vorhersage postoperativer Leistung

69  Literatur

70  8 Postoperatives Management

71 Ulrich Specht und Christian G. Bien

72  8.1 Präoperative Beratung

73  8.2 Früh-postoperative Situation

74  8.3 Entlassung

75  8.4 Medizinische Rehabilitation nach Epilepsiechirurgie

76  Literatur

77  II Prä- und postchirurgische Untersuchungsmethoden

78  9 Semiologie

79 Susanne Fauser und Matthias Hoppe

80  9.1 Topologische Interpretation der Semiologie fokaler Anfälle

81  9.2 Formen fokaler Anfälle nach anatomischer Lokalisation der symptomatogenen Zone

82  9.2.1 Frontallappenanfälle

83  9.2.2 Temporallappenanfälle

84  9.2.3 Parietallappenanfälle

85  9.2.4 Okzipitallappenanfälle

86  9.3 Lateralisationshinweise

87  Literatur

88  10 Magnetresonanztomografie

89 Friedrich G. Wörmann

90  10.1 Der MRT-Nachweis einer chirurgisch behandelbaren epileptogenen Läsion

91  10.2 Besonderheiten der MRT bei Kindern mit Epilepsie

92  10.3 Die Verwendung von Kontrastmittel in der MRT vor Epilepsiechirurgie

93  10.4 Die Abgrenzung einer epileptogenen Läsion von benachbartem eloquentem Kortex

94  10.5 Verwendung der 3D-Sequenzen zur OP-Planung, zur multimodalen Bildgebung und bei MRT-negativen Patienten

95  10.6 Bildgebung nach Epilepsiechirurgie

96  10.7 Zusammenfassung

97  Literatur

98  11 Iktuales Oberflächen-EEG

99 Matthias Hoppe

100  11.1 Einleitung

101  11.2 Anfallsmuster

102  11.3 Temporallappenepilepsien

103  11.4 Frontallappenepilepsien

104  11.5 Posteriore Epilepsien

105  Literatur

106  12 Neuropsychologie

107 Philip Grewe

108  12.1 Neuropsychologische Fragestellungen in der epilepsiechirurgischen Diagnostik

109  12.1.1 Erfassung eines prächirurgischen Ist-Zustands

110  12.1.2 Lokalisierende und lateralisierende Hinweise

111  12.1.3 Vorhersage möglicher postoperativer kognitiver Veränderungen

112  12.1.4 Postoperative neuropsychologische Verlaufsuntersuchung

113  12.2 Ursachen neuropsychologischer Beeinträchtigungen

114  12.2.1 Strukturell-morphologische Faktoren

115  12.2.2 Kognitive Nebenwirkungen durch Antikonvulsiva

116  12.2.3 Psychiatrische Komorbiditäten

117  12.2.4 Iktuale und interiktuale epileptische Entladungen

118  12.3 Hinweise für die klinische Praxis

119  Literatur

120  13 Sprache

121 Friedrich G. Wörmann und Christian G. Bien

122  13.1 Indikation von Sprachlateralisation und Sprachlokalisation vor epilepsiechirurgischen Eingriffen

123  13.2 Klinische Beobachtungen zur Sprache bei Patienten in der prächirurgischen Epilepsieiagnostik

124  13.3 Funktionelle Magnetresonanztomografie

125  13.3.1 Durchführung

126  13.3.2 Auswertung

127  13.3.3 Beurteilung

128  13.3.4 Validität

129  13.3.5 Limitationen des fMRT

130  13.4 Wada-Test

131  13.4.1 Durchführung

132  13.4.2 Auswertung

133  13.4.3 Beurteilung

134  13.4.4 Limitationen des Wada-Tests

135  13.5 Elektrostimulation (als extraoperative Hirnkartierung mit subduralen Platten oder als intraoperative Kortikografie im Rahmen einer Wachoperation)

136  13.5.1 Durchführung

137  13.5.2 Auswertung

138  13.5.3 Wertigkeit der Befunde

139  13.5.4 Nachteile

140  13.6 Zusammenfassung

141  Literatur

142  14 Psychiatrische Anamnese und Prognose

143 Steffi Koch-Stoecker

144  14.1 Die präoperative psychiatrische Anamnese

145  14.2 Die peri- und postoperativen Behandlungsphase

146  14.3 Weiterführende Behandlungsplanung

147  14.4 Prognose

148  14.5 Zusammenfassung

149  Literatur

150  15 Die neuropathologische Untersuchung

151 Ingmar Blümcke und Roland Coras

152  15.1 Einführung

153  15.2 Die histopathologische Untersuchung mit dem Mikroskop

154  15.3 Der histopathologische Befund

155  15.3.1 Hippokampussklerose

156  15.3.2 Gangliogliom

157  15.3.3 Fokale kortikale Dysplasie

158  15.4 Intraoperative Schnellschnittuntersuchung

159  Literatur

160  III Operationen

161  16 Operationsarten

162 Thilo Kalbhenn

163  16.1 Einführung

164  16.2 Diagnostische Operationen

165  16.2.1 Vorbemerkung

166  16.2.2 Implantation subduraler Platten-/Streifenelektroden

167  16.2.3 Robotergestütze stereotaktische Implantation intrazerebraler Tiefenelektroden

168  16.3 Therapeutische resektive Eingriffe

169  16.3.1 Konzept der erweiterten Läsionektomie

170  16.3.2 Resektionen in eloquenten Arealen

171  16.3.3 Wachoperation

172  16.3.4 Temporallappenoperationen

173  16.3.5 Anteriore Temporallappenteilresektion

174  16.3.6 Mono- und multilobuläre Resektionen

175  16.3.7 Frontallappenresektion

176  16.4 Diskonnektive Operationen

177  16.4.1 Posteriore Diskonnektion

178  16.4.2 Hemisphärotomie

179  16.5 Palliative Operationen

180  16.5.1 Kallosotomie

181  16.5.2 Vagusnervstimulator-Implantation

182  Literatur

183  17 Subkutane Vagusnervstimulation

184 Maria Tomka-Hoffmeister

185  17.1 Behandlungsprinzip

186  17.2 Unsere Erfahrungen mit VNS

187  17.3 Zusammenfassung

188  Literatur

189  IV Erfahrungen und Trends

190  18 Epilepsiechirurgie in Bethel – Entwicklungen und Erfahrungen

191 Thomas Cloppenborg

192  18.1 Einleitung

193  18.2 Ablauf der prächirurgischen Epilepsiediagnostik in Bethel

194  18.3 Erfahrungen und Trends

195  18.3.1 Die Patienten werden komplizierter

196  18.3.2 Operative Behandlungsoptionen werden häufiger abgelehnt.

197  18.4 Unterschiede Kinder und Erwachsene

198  Literatur

199  Stichwortverzeichnis

Vorwort
Christian G. Bien

Dieses Praxisbuch zur prächirurgischen Epilepsiediagnostik und chirurgischen Epilepsietherapie ist das Werk von Autorinnen und Autoren aus dem Krankenhaus Mara in Bethel. »Bethel« ist der geläufige Name für die von Bodelschwinghschen Stiftungen, die seit über 150 Jahre als diakonisches Unternehmen in Bielefeld und inzwischen an zahlreichen anderen Standorten tätig sind. Als die Epilepsiechirurgie Ende der 1980er Jahre in Deutschland, aus Nordamerika kommend, wieder eingeführt wurde, stand man in Bethel vor der Frage, ob man dies auch hier tun wolle. Sollte Bethel sich eine eingreifende Therapieform, deren Folgen man sich damals noch nicht recht vorzustellen wusste, mit dem Ziel der Anfallsfreiheit zu eigen machen? Oder sollte es allein seinem bisherigen Weg treu bleiben: Epilepsiepatienten konservativ behandeln und vor allen Dingen begleiten, unterstützen, rehabilitieren? Die Betheler Entscheidungsträger – von ärztlicher Seite Prof. Peter Wolf und Prof. Falk Oppel, von Vorstandsseite die Theologen Johannes Busch und Hans-Joachim Schwager – votierten entschlossen für die Epilepsiechirurgie. Diese sollte nicht als Alternative zu den bestehenden Angeboten verstanden werden oder diese gar ablösen. Vielmehr hieß es: »Als zusätzliche Therapieform soll die Epilepsie-Chirurgie in Bethel die medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung des Epilepsie-Zentrums Bethel ergänzen, die hier bereits sehr weit entwickelt ist. Darüber hinaus sollen die Patienten an umfassenden Rehabilitationsprogrammen teilnehmen und weitreichende psychsoziale Hilfestellungen erhalten, die einen wesentlichen Bestandteil der in Bethel angebotenen Programme bildet.«1 Ärzte aus Bethel wurden in Cleveland unter Leitung von Prof. Hans O. Lüders epileptologisch und epilepsiechirurgisch ausgebildet (aus dieser Zeit stammt die Tradition, die Oberflächen-EEG-Elektroden nach der amerikanischen, nicht der internationalen Nomenklatur zu benennen). Die prächirurgische Station 1A des Krankenhauses Mara wurde am 1. Januar 1991 eröffnet. Wenige Jahre später entstand in Bethel auch eine Epilepsie-Rehabilitationsklinik, die u. a. wirksame Anschlussheilbehandlungen nach epilepsiechirurgischen Operationen anbietet. Das epilepsiechirurgische Programm in Bethel gilt inzwischen als das mit den meisten Eingriffen in Deutschland. Der Wert erfolgreicher Operationen ist unübersehbar, und die Zweifel an der Epilepsiechirurgie sind längst verstummt. Zugleich sind drei Dinge klar geworden:

1. Die operative Epilepsiebehandlung ist ein Verfahren für einen kleinen Teil der Epilepsiekranken; den durchschnittlich 100 operierten Patienten stehen im Krankenhaus Mara jährlich 3.000 andere Patienten gegenüber, die nicht chirurgisch behandelt werden (können).

2. Prächirurgische Diagnostik erfordert Kenntnis und Erfahrung, die man nicht rasch erwerben kann.

3. Neben die großen Zentren sind Kliniken getreten, die in kleinerem Umfang präoperativ und epilepsiechirurgisch tätig sind.

Mit diesem Band wollen wir nach dem Bethel-Praxisbuch »Allgemeine Epileptologie« (Bien 2021), das dem Punkt 1 Rechnung trägt, unsere Erfahrungen denen zur Verfügung stellen, die sich neu an die prächirurgische und epilepsiechirurgische Arbeit machen; ebenso wendet es sich an diejenigen, die kundig sind und ihre Erfahrungen mit denen eines anderen Zentrums vergleichen wollen; schließlich an jene, die Patienten betreuen, für die diese Therapieoption in Betracht kommt. Es ist ein Buch, in dem wir uns als Praktiker an Praktiker wenden und unser Vorgehen, aber auch unsere Hintergrund-Überlegungen mitteilen. Wir knüpfen damit wie schon mit der »Allgemeinen Epileptologie« an das Betheler »Praxisbuch Epilepsien« meines Vorgängers Prof. Wolf und seiner Mitarbeiter von 2003 an, das ebenfalls von Kohlhammer verlegt wurde (Wolf et al. 2003). Im vorliegenden Band stellen wir Fälle aus dem eigenen Krankengut zur Veranschaulichung vor. Gerade in diesem Feld der Neurologie und Neurochirurgie ist vieles Erfahrungswissen, das nur zum Teil durch Studien abgesichert werden kann. Unser Buch ersetzt nicht die großen englischsprachigen Textbücher der präoperativen Diagnostik und der Epilepsiechirurgie. Ebensowenig konkurriert es mit nationalen oder internationalen Leitlinien. Unser Anliegen steht zwischen diesen Polen: Wir wollen praktische Kenntnisse, unterlegt mit wissenschaftlichen Daten, anschaulich weitergeben. Unsere Hoffnung ist, dass dies unserem interdisziplinären Autorenteam gelungen ist.

Literatur

Bien CG (Hrsg.) (2021) Allgemeine Epileptologie. Das Bethel-Praxisbuch. Stuttgart: Kohlhammer.

Wolf P, Mayer T, Specht U, Thorbecke R, Boenigk H-E, Pfäfflin MH (Hrsg.) (2003) Praxisbuch Epilepsien: Diagnostik – Behandlung – Rehabilitation. Stuttgart: Kohlhammer.

1 HAB Anstaltsleitung 1, 280, § 237 vom 07.06.1988.

I Typische Konstellationen

1 Die klassische Indikation: Temporallappenepilepsie
Christian G. Bien
Fallbeispiel 1.1

Die 50-jährige rechtshändige Beamtin stellte sich zur prächirurgischen Epilepsiediagnostik vor. Sie litt seit dem Alter von 22 Jahren an einer pharmakaresistenten fokalen Epilepsie. Sie hatte Carbamazepin, Oxcarbazepin, Levetiracetam und Lacosamid in ausreichenden Dosen ohne Kontrolle der Anfälle eingenommen. Außer einer Thyreoidektomie keine Auffälligkeiten in der Vorgeschichte. Bei Aufnahme nahm sie 400 mg Lacosamid (5,7 µg/ml) und 4.000 mg Levetiracetam (38,9 µg/ml) pro Tag ein. Die Patientin war ein Jahr zuvor bereits in einem anderen Epilepsiezentrum untersucht worden, wo man ihr einen rechtstemporalen Eingriff angeboten hatte. Sie hatte sich aber aufgrund diffuser Ängste vor einer Operation nicht für den Eingriff entscheiden können.

Sie und ihr Partner beschrieben die Anfälle wie folgt:

Typ 1: Aufsteigende Übelkeit aus dem Magen. Seit Monaten nicht mehr aufgetreten.

Typ 2: Fehlende Reagibilität, ungeformte Vokalisation (Wimmern oder Summen), Fortführung der vorherigen Tätigkeit, orale und manuelle Automatismen, Dauer: 30 Sekunden bis zwei Minuten (früher 15–30 Sekunden). Reorientierung ca. eine Minute und anterograde Amnesie für die Zeit von 2–3 Minuten vor dem Anfall. Es wurde deutlich, dass die Patientin, v. a.in letzter Zeit durch Fehlen der Aura, durch eine länger werdende Anfallsdauer und Reorientierungsphase sowie durch Fortführung der Tätigkeiten bzw. unkontrollierte Handlungen sich selbst gefährdete. Anfallsfrequenz: in Clustern, 3–4 pro Tag mit Pausen bis 14 Tage. Laut schriftlicher Dokumentation traten in den letzten drei Monaten 12–17 dieser psychomotorischen Anfälle pro Monat auf. Keine nächtlichen Anfälle. Kein Übergang in bilateral tonisch-klonischen Anfall. Die Hirn-MRT zeigte eine rechtsseitige mediotemporale Läsion, mutmaßlich eine Kombination aus einer Hippokampussklerose und einem gutartigen Tumor ( Abb. 1.1A, B). Das interiktuale EEG zeigte häufige rechts temporomediale/-anteriore Spikes ( Abb. 1.1C). Es wurden fünf habituelle Anfälle des Typen 2 (psychomotorische Anfälle) mittels Video-EEG registriert: Hier zeigte sich zeitweise eine erhaltene Reagibilität während der Automatismen. Das EEG-Anfallsmuster begann rechts temporomedial/-anterior ( Abb. 1.1D). Die Patientin war nach Kriterien der funktionellen Magnetresonanztomografie für Sprache linksdominant ( Abb. 1.1E). Es erfolgte eine anteromediale Temporallappenteilresektion rechts ( Abb. 1.1F, G). Histologie: Hippokampussklerose Typ I nach der Internationalen Liga gegen Epilepsie und nicht näher klassifizierbarer niedriggradiger neuroepithelialer Tumor (Neuropathologische Diagnostik: Prof. Dr. Ingmar Blümcke, Erlangen). Nach Entlassung aus dem stationären Aufenthalt zehn Tage nach dem Eingriff nahm die Patientin eine vierwöchige Anschlussheilbehandlung in der hiesigen Epilepsie-Rehabilitationsklinik wahr. Hier wurde u. a. eine postoperative Anpassungsstörung bearbeitet. Beim 6-Monats-Follow-up war die Patientin durchgehend anfallsfrei (hier schon auf einer Monotherapie, Levetiracetam 4.000 mg/d; 33,1 µg/ml), ebenso beim letzten verfügbaren Follow-up zwei Jahre nach der Operation (unter Levetiracetam 1.000 mg/d; 8,0 µg/ml). Damit klassifizierten wir das Operationsergebnis mit IA nach Engel. Es bestand kein neues neurologisches Defizit, auch keine Quadrantenanopsie, über die präoperativ ausdrücklich als OP-Risiko aufgeklärt worden war. Psychiatrischerseits wurde eine leichte depressive Episode diagnostiziert. Wir empfahlen angesichts der zweijährigen Anfallsfreiheit und der wunschgemäßen Resektion die schrittweise vollständige Abdosierung des Levetiracetam. Wegen der Depression wurde eine Psychotherapie empfohlen.

Präoperativ waren ihre verbalen und figuralen Gedächtnisleistungen vor dem Hintergrund regelrechter exekutiver und attentionaler Leistungen normal ( Abb. 1.2). Im Verbalen Lern- und Aufmerksamkeitstest (VLMT) lernte sie in den fünf ersten Lerndurchgängen zuletzt 15/15 Wörtern. Nach Interferenz konnte sie 14 Wörter korrekt reproduzieren; sie erkannte 15/15 korrekt aus einer Auswahlliste wieder, ohne neue Wörter fälschlicherweise als schon bekannt zu bezeichnen. Im Diagnostikum für Cerebralschädigung (DCS), bei dem man neun abstrakte Muster mit Stäbchen aus dem Gedächtnis nachlegen muss, erbrachte sie über die geforderten fünf Durchgänge ebenfalls eine durchschnittliche Leistung. Zwei Jahre postoperativ waren ihre Leistungen in beiden Tests schlechter als präoperativ. Im VLMT war die Lernleistung (Durchgänge 1–5) noch normgerecht, und die Verschlechterung lag unterhalb der Grenze einer signifikanten Änderung, bestimmt nach dem Reliable Change Index gemäß den Testnormen des VLMT (Helmstaedter et al. 2001). Allerdings waren der freie Abruf (Durchgang 7) und die Rekognitionsleistung signifikant verschlechtert, lagen aber im noch durchschnittlichen Bereich. Die Leistung im DCS war postoperativ noch durchschnittlich, die Verschlechterung war aber nicht signifikant (Weidlich und Lamberti 2001). In der Selbstwahrnehmung der Patientin war ihre Gedächtnisleistung unverändert.


Abb. 1.1: Prächirurgische Diagnostik bei der Patientin des Fallbeispiels 1.1. (A) koronare Fluid-Attenuated-Inversion-Recovery-Magnetresonanztomografie (FLAIR-MRT); weißer/linker Pfeil: verkleinerter und signalangehobener Hippokampus, also Hippokampussklerose; rechter/grauer Pfeil: mutmaßlich niedriggradiger Tumor. (B) axiale FLAIR-MRT, Pfeilbedeutung wie in A. (C) Ausschnitte aus dem interiktualen EEG, sphenoidaler Ring mit doppelten Längsreihen (siehe E). Die Pfeile verweisen auf die Phasenumkehr der Spikes rechts temporomedial/ -anterior. (D) Iktuales EEG, Verschaltung wie in C. Der Anfall beginnt dort, wo auch die Spikes generiert wurden. (E) Verschaltung der EEG in C und D. Die Elektrodenpositionen sind nach den Vorgaben der American Electroencephalograhic Society benannt, was eine Folge der früheren engen Bindung der prächirurgischen Station im Epilepsie-Zentrum Mara an die Cleveland Clinic, USA, ist. (F) Funktionelle Sprach-MRT, die eine Linksdominanz der Patientin ausweist (Mehrdurchblutung im Broca-Areal bei stiller Bildung von Wörtern im Vergleich zu einer Ruhebedingung, Kap. 6.3). (G, H) Koronare und axiale T1-MRT nach anteromedialer Temporallappenteilresektion.

Abb. 1.2: Gedächtnisleistung der Patientin des Fallbeispiel 1.1 prä- und postoperativ. Links: Verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest: »d1–d7« bezeichnen die Lerndurchgänge (d1–d5) und den verzögerten freien Abruf (d7); Recog bezeichnet die Wiedererkennensleistung. Postoperativ sind die Leistungen bei d7 und Recog »noch durchschnittlich« (offene Symbole) und signifikant schlechter als präoperativ. Rechts: Figuralgedächtnistest Diagnostikum für Cerebralschädigung. Die postoperative Perfomanz war »noch durchschnittlich« (offene Symbole), aber nicht signifikant verschlechtert.

Das Wichtigste im Überblick

• Die Standardelemente jeder prächirurgischen Diagnostik sind:

– Anamnese der Vorgeschichte und der Anfallssemiologie

– Hirn-MRT

– Langzeit-Video-EEG zur Aufzeichnung des interiktualen EEG und von Anfällen mit Video und EEG

– Neuropsychologische Testung

• Wenn die Befunde dieser Untersuchungen kongruent sind und kein erhöhtes Risiko durch eine Resektion der mutmaßlichen epileptogenen Zone besteht, kann ohne weitere Diagnostik eine Operation durchgeführt werden.

• Eine postoperative Anschlussheilbehandlung trägt zu einem guten Outcome bei.

• Bei Anfallsfreiheit, wunschgemäßer Resektion und guter Prognose kann nach 1–2 Jahren die antikonvulsive Medikation beendet werden, wenn der Patient dies möchte.

1.1 Wege bis zur prächirurgischen Diagnostik

Immer wieder kommen Patienten erst Jahre nachdem klar wurde, dass sie pharmakoresistent sind, in ein Zentrum, das auch prächirurgische Diagnostik anbietet. Die Gründe sind vielfältig ( Tab. 2.1); dazu gehören falsche Beratung ebenso wie diffuse Ängste bezüglich eines epilepsiechirurgischen Eingriffs. Manchmal bringt erst eine subjektiv empfundene Verschlimmerung die Patienten dazu, diesen Schritt zu gehen ( Fallbeispiel 1.1).

1.2 Prinzipien der prächirurgischen Diagnostik und der resektiven Epilepsiechirurgie

Resektive Epilepsiechirurgie hat das Ziel, Anfallskontrolle zu erreichen. Mit anderen Worten: Wir streben dauerhafte und vollständige Anfallsfreiheit an (nicht notwendigerweise ohne Antiepileptika). Eine Voraussetzung dafür ist, in der prächirurgischen Diagnostik möglichst überlappende, d. h. kongruente Befunde hinsichtlich der Anfallssemiologie, der interiktualen und iktualen EEG-Befunde und einer potenziell epileptogenen, in der zerebralen Bildgebung nachgewiesenen Hirnläsion – mit Einschränkungen auch: bezüglich der neuropsychologisch dokumentierten Teilleistungsstörungen. Ein formeller Konsens, wie konkurrierende Befunde zu wichten sind, existiert nicht. Studien, die die Präzision der traditionellen Methodenkombination untersuchen würden, sind aus vielen Gründen praktisch nicht vorstellbar.

Ein Versuch, unzureichende oder widersprüchliche Befunde der herkömmlichen Methoden aufzulösen, besteht darin, weitere Untersuchungsmodalitäten hinzuzunehmen, wie

• Positronenemissionstomografie (PET)

• Single-Photon-Emission-Computed Tomography (SPECT), iktual und interiktual

• Quellenlokalsation mittels EEG oder Magnetenzephalografie.

Der Zusatznutzen dieser Verfahren ist durch Studien, die »im laufenden Betrieb« entstehen und oft Surrogatmarker verwenden, schwer abzuschätzen, u. a. deshalb, weil weder die Güte der Auswertung der traditionellen diagnostischen Methoden noch der Grund für spätere OP-Entscheidungen verlässlich zu kontrollieren sind (Burch et al. 2012; Jones und Cascino 2016). Prospektive randomisierte Studien dürften nur ausnahmsweise durchführbar sein. Diese Verfahren werden in Bethel nur selten eingesetzt und im vorliegenden Buch daher nicht weiter abgehandelt. Wir setzen als weiterführende Maßnahmen bei schwierigeren Fragestellungen den Wada-Test ein und implantieren intrakranielle Elektroden ( Kap. 3).

Kongruente Befunde von Semiologie, MRT, EEG (und Neuropsychologie).

Als typische, »klassische« und oft »einfache« (»straightforward«) Fälle gelten die Temporallappenepilepsien mit MRT-Läsionen wie der Hippokampussklerose, gutartigen Tumoren ( Fallbeispiel 1.1) oder umschriebenen Hirnmissbildungen. Inzwischen werden zunehmend auch gut zugängliche extratemporale epileptogene Läsionen hinzugerechnet.

1.3 Führende Rolle der MRT

Die MRT liefert die Hypothesen, das EEG bestätigt (oder verwirft) diese.

Während in den ersten Jahrzehnten der prächirurgischen Diagnostik und Epilepsiechirurgie das EEG die führende Methode war (ergänzt durch die Pneumenzephalografie, die raumfordernde Läsionen, aber auch typische subtilere Läsionen wie die mediotemporale Atrophie darstellen konnte), hat sich die Wichtung durch den Siegeszug der MRT umgekehrt. Ausgangspunkt der Hypothesenbildung ist – neben der Schilderung der Anfallssemiologie – heute typischerweise eine MRT-Läsion, deren Epileptogenität durch die EEG-Diagnostik anschließend bestätigt wird.

1.4 Gedächtnis

Risiko Gedächtnisverschlechterung durch Temporallappenchirurgie.

Die Resektion eines Temporallappens kann zu einer Verschlechterung des episodischen Gedächtnisses führen. Es ist daher bis heute eine zentrale Aufgabe prächirurgisch tätiger Zentren, durch neuropsychologische Diagnostik Risikopatienten zu identifizieren und durch Testungen sechs bis 24 Monate nach einer Operation das mnestische Outcome zu objektivieren, nicht zuletzt im Sinne der Qualitätssicherung. Besonders gefährdet sind Patienten mit guter Gedächtnisleistung und Operation auf der sprachdominanten linken Seite. Aber auch scheinbar unproblematische Resektionen, z. B. solche auf der nichtdominanten Seite, können zu gewissen – wenngleich oft nicht alltagsrelevanten – Verbalgedächtnisverschlechterungen führen ( Fallbeispiel 1.1). Weiterführende Informationen geben Kapitel 7 und Kapitel 12.

1.5 Gesichtsfeldeinschränkung

Durch eine Temporallappenteilresektion kann es aufgrund einer teilweisen Durchtrennung der Meyerschen Schleife zu einer homonymen Quadrantenanopsie zur Gegenseite kommen.

1.6 Früh postoperative Anfälle

In den ersten Tagen bis Wochen können Anfälle auftreten, die man auf eine vorübergehende Schwellung zurückführt und die keinen negativen prognostischen Effekt haben.

1.7 Neuropathologie

Eine standardisierte neuropathologische Aufarbeitung des resezierten Gewebes dient der Qualitätssicherung und liefert wertvolle prognostische Hinweise. Es sollten international anerkannte und vergleichbare Diagnosen verwendet werden ( Kap. 15).

1.8 Outcome-Klassifikation

Die weltweit am weitesten verbreitete Klassifkation des operativen Outcomes ist die nach Engel.

Es ist empfehlenswert, das Ergebnis einer Operation bezüglich der Anfallssituation nicht nur deskriptiv, sondern nach einem international akzeptierten Schema zu kategorisieren, damit zahlenmäßige Auswertungen und Vergleiche über die Zeit oder zwischen Zentren möglich werden. Eine solche Klassifikation des epilepsiechirurgischen Outcomes erfolgt üblicherweise nach Engel in vier durch römische Ziffern bezeichneten Klassen, weiter differenziert durch nachgestellte Großbuchstaben (Engel 1993). Diese Klassifikation wird im Epilepsie-Zentrum Bethel verwendet:

Klasse I: frei von behindernden Anfällen

IA: komplett anfallsfrei seit der Operation

IB: ausschließlich nichtbehindernde, einfach-fokale Anfälle (bewussterlebte fokale Anfälle)

IC: einige behindernde postoperative Anfälle, jedoch in den letzten 2 Jahren keine behindernden Anfälle

ID: ausschließlich generalisierte Anfälle (bilateral tonisch-klonischen Anfälle) bei Absetzen der antiepileptischen Therapie

Klasse II: seltene behindernde Anfälle (»nahezu anfallsfrei«)

IIA: anfänglich anfallsfrei, aber nunmehr seltene Anfälle

IIB: seltene behindernde Anfälle seit der Operation

IIC: mehr als seltene behindernde Anfälle postoperativ, jedoch in den letzten 2 Jahren seltene Anfälle

IID: ausschließlich nächtliche Anfälle

Klasse III: lohnende Verbesserung

IIIA: lohnende Anfallsreduktion

IIIB: längere anfallsfreie Intervalle für mehr als die Hälfte der mindestens 2-jährigen Follow-up-Periode

Klasse IV: keine lohnende Verbesserung

IVA: signifikante Anfallsreduktion

IVB: keine wesentliche Änderung

IVC: Verschlechterung der Anfälle

Die Internationale Liga gegen Epilepsie hat ein verfeinertes Schema veröffentlicht (Wieser et al 2001), das aber die Engel-Klassifikation nicht verdrängen konnte. Die Outcome-Klassen sollen jährlich bestimmt werden und bezeichnen damit die Anfallssituation nur im vorangegangenen Jahr im Vergleich zur Phase vor der Operation. Man hat also im Langzeitverlauf mehr Klasse-1/2 als Engel-IA/IB-Outcomes, da immer ein Teil der Patienten im Verlauf anfallsfrei wird:

Klasse 1: völlig anfallsfrei, keine Auren (1a: ohne Antikonvulsivum)

Klasse 2: nur Auren, keine anderen Anfälle

Klasse 3: ein bis drei Anfallstage pro Jahr, ± Auren

Klasse 4: 4 Anfallstage pro Jahr bis zu mehr als 50 %iger Reduktion der Baseline-Anfallstage, ± Auren

Klasse 5: unter 50 %ige Anfallsreduktion bis zu 100 %iger Zunahme der Anfallstage im Vergleich zur Baseline, ± Auren

Klasse 6: Mehr als 100 %ige Zunahme der Anfallstage im Vergleich zur Baseline, ± Auren

Hintergrundinformationen 1
Latenz bis zur prächirurgischen Epilepsiediagnostik

Im Mittel neun Jahre von Epilepsiebeginn bis zur Pharmakoresistenz.

Zwei große deutsche Studien zeigten durchschnittliche Latenzen von 16 bzw. 18 Jahren von Epilepsiebeginn bis zur Prächirurgie (Bien et al. 2013; Cloppenborg et al. 2016), eine europäische von 20 Jahren (Blümcke et al. 2017) und eine englische von sogar 21 Jahren (de Tisi et al. 2011). Zu bedenken ist dabei, dass es im Mittel neun Jahre dauert, bevor eine pharmakoresistente fokale Epilepsie sich als solche erweist (Berg et al. 2003).

Prinzipien der prächirurgischen Diagnostik und der Epilepsiechirurgie

Nach ersten Ansätzen einer Epilepsiechirurgie in Großbritannien (Hughlings Jackson 1869) und Deutschland (Foerster und Penfield 1930; Hübner und Bien 2018) begründeten der Neurochirurg Wilder Penfield und der Neurologe Herbert Jasper am Montreal Neurological Institute die moderne, systematisch betriebene Epilepsiechirurgie (Penfield und Jasper 1954). In Europa verbesserte der Neurochirurg Murray A. Falconer die Temporallappenchirurgie, indem er die anteriore Temporallappenresektion unter Einschluss der medialen Strukturen zum Standardeingriff bei konsistent durch prächirurgische Diagnostik ausgewählten Patienten entwickelte (Falconer et al. 1955). Yasargil und Wieser verkleinerten diesen Eingriff auf die selektive Amygdalohippokampektomie, um möglichst wenig nicht betroffenes Gewebe zu resezieren (Wieser und Yasargil 1982).

Führende Rolle der MRT

Seit den 1990er Jahren ist die Hippokampussklerose, die häufigste Pathologie, die fokalen operablen Epilepsien zugrunde liegt, durch die MRT verlässlich nachzuweisen (Cascino et al. 1991), gleichzeitig wurden natürlich auch andere Pathologien, temporal wie extratemporal, durch die MRT präoperativ aufgedeckt, insbesondere, seit die FLAIR-Sequenzen verfügbar wurden (Riederer et al. 1995). Heute wird in der prächirurgischen Diagnostik nahezu standardmäßig eine Feldstärke von 3,0 Tesla eingesetzt. Zudem existieren Protokolle, die die Erfassung aller relevanten Pathologien erlauben (Wellmer et al. 2013). Weitere Informationen in Kapitel 10.

Früh postoperative Anfälle

Früh postoperative »Nachbarschaftsanfälle« von geringerer prognostischer Bedeutung.

Die Gruppe in Montral nannte sie »Nachbarschaftsanfälle« (Penfield 1958), und tatsächlich dürften sie auf einer postoperativen Schwellung mit vorübergehender Irritation von benachbartem Gewebe beruhen. Manche Gruppen ziehen daher Anfallsrezidive in den ersten vier Wochen nach der OP nicht für die Bewertung des Operationsoutcomes heran (Jutila et al. 2002). Dies wurde von der Internationalen Liga gegen Epilepsie so vorgeschlagen (Wieser et al. 2001).

Neuropathologie

Die neuropathologische Aufarbeitung war von Beginn der Epilepsiechirurgie an ein essenzieller Bestandteil zum Verständnis der krankhaften Prozesse im Temporallappen und zur Abschätzung der Prognose (Margerison und Corsellis 1966; Bruton 1988). Auf diesem Weg wurden später andere, auch extratemporale, inzwischen als klassisch angesehene Erkrankungen im Kontext der Epilepsiechirurgie definiert, etwa die Rasmussen-Enzephalitis (Rasmussen et al. 1958) oder die fokale kortikale Dysplasie mit Ballonzellen (Taylor et al 1971). Die neuropathologische Diagnose hat erhebliche prognostische Bedeutung für bleibende Anfallsfreiheit (Lamberink et al. 2020).

Outcome

Der Engel-Klassifikation wohnt ein gehöriger Teil an Bewertung inne (»lohnende Anfallsreduktion«, »seltene Anfälle«). Die einzig biologisch aussagekräftige Grenze liegt unseres Erachtens zwischen Engel IA und allen anderen Klassen. Wenn nur Engel IB (nur Auren) zusätzlich zu Engel IA als »anfallsfrei« gewertet wird, so steigt der Anteil der »anfallsfreien« Patienten um 10–20 %. Tabelle 1.1 fasst das Outcome von Studien zusammen, die den Vergleich Engel IA vs. Engel IA+IB erlauben.

Tab. 1.1: Anfallsfreiheitsraten nach anteromedialer Temporallappen-Teilresektion


Tab. 1.1: Anfallsfreiheitsraten nach anteromedialer Temporallappen- Teilresektion StudieAltersgruppeN =DesignFollow-upEngel IAEngel IA+IB

*erschlossen, nicht explizit angegeben

Literatur

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2 Welche Patienten sollen zu einer prächirurgischen Diagnostik zugewiesen werden?
Reinhard Schulz
Fallbeispiel 2.1
Anfallssemiologie:

Typ 1: Der 19-jährige Gymnasiast beschreibt, dass er seit dem 5./6. Lebensjahr spontan auftretende Angstgefühle hat, zum Teil aus dem Bauch heraus aufsteigend. Diese seien nicht situationsgebunden. Er schwitze nicht, sei dabei wach und orientiert, mit normaler Atmung; Dauer ca. 2–3 Minuten. Pro Tag habe er phasenweise alle 30 Minuten ein Angstgefühl, wobei er heftige und nicht-heftige Angstgefühle unterscheidet. Er habe Angstgefühle, bei denen er sprechen könne, und solche, bei denen er nicht sprechen könne. Er habe, ergänzt die Mutter, als Kind Bücher mit fantastischen Geschichten gelesen und auch dabei Angstgefühle gehabt und dann Szenen gesehen, die vor seinem Auge abliefen und bei denen er zum Beispiel Bomben fallen sah. Einmalig habe er ein Ohnmachtserlebnis beim Friseur erlitten. Er selbst meint, dass die Angstzustände zum Teil stressassoziiert seien. So würden sie zum Beispiel im Rahmen einer Mathematikklausur auftreten oder auch an Wochenenden, wenn er zuvor wenig geschlafen habe.

Typ 2: Spracharrest für die Dauer von 1–2 Minuten, pro Monat 1–2 x auftretend.

Weitere eigene und Familienanamnese:

Reanimation im Alter von elf Monaten (Ursache unklar). Komplizierter Fieberkrampf (Dauer > 15 Minuten) als Kleinkind. Familienanamnese leer.

Soziales Umfeld:

Er befindet sich in der 12. Klasse und plant für das nächste Jahr das Abitur.

Bisherige Therapie:

Oxcarbazepin bis zu einer maximalen Dosierung von 2.100 mg pro Tag. Versuch mit Levetiracetam nicht gelungen. Nachfolgend Pregabalin in einer Dosis von 3 x 150 mg. Nachfolgend Paroxetin unter der Vorstellung, dass eine Angststörung vorliege, ohne Erfolg. Schließlich Einstellung auf Lamotrigin in einer Dosis von 100 mg/Tag; auch darunter keine Verbesserung.

Diagnostik:

Ein erstes nicht-invasives Video-EEG-Monitoring mit 41 nach dem 10-10-System geklebten Hautelektroden ergab ein unauffälliges EEG ohne epilepsietypische Potenziale, ohne EEG-Änderung bei zehn habituellen Angstzuständen. Es folgte vier Monate später ein erneutes Monitoring in der Hoffnung, doch noch einen intensiveren, eventuell mit Aphasie einhergehenden Zustand aufzuzeichnen, wiederum mit normalem interiktualem EEG. Unter den mehr als elf Angstzuständen ergab sich lediglich einmal im EEG der schließlich doch nicht tragfähige Eindruck eines Anfallsmusters links temporal; beim Betrachten des Videos entlarvte sich das Theta-Muster als Artefakt durch Wippbewegungen des rechten Beins, mit Kontakt des Körpers zum Kabelbaum. Das Artefakt zeigte in typischer Weise ein unlogisches Feld links- und rechtshemisphärisch (Schulz 2011). Das MRT ergab eine Hippokampussklerose links ( Abb. 2.1).


Abb. 2.1: (A, B) MRT, koronare und axiale Schnittführung, FLAIR-Sequenz: Hippokampussklerose links, durch Pfeile markiert (nebenbefundlich und epileptologisch irrelevant: Arachnoidalzyste rechts temporal anterior). (C) Patient macht schnelle wippende Bewegungen mit dem rechten Bein; der Kabelbaum liegt über den Beinen (mit Pfeilen markiert). (D) EEG-Ableitung, temporale Längsreihen, rechts über links: Artefakt: rhythmisches Thetamusters links temporal (schwarzer Pfeil), aber auch rechts frontozentral (grauer Pfeil: Kanal C4-P4). Kein EEG-Anfallsmuster.

Wir entschlossen uns daraufhin zu einer invasiven Diagnostik mit bitemporalen Tiefenelektroden. Die Gründe für eine epileptische Genese der Zustände waren:

a. Der Beginn der Ereignisse lag im Kindesalter. Psychogene Zustände beginnen in der Regel später.

b. Im Unterschied zu psychogenen Zuständen waren die als Auren bewerteten Zustände sehr stereotyp, kurz; die Schilderung war sehr detailreich und klar (Reuber et al. 2009).

c. Im MRT lag eine typische epileptogene Läsion vor (Hippokampussklerose links).

d. Für die MRT-Läsion gab es die typische Anamnese eines komplizierten Fieberkrampfes im frühen Kindesalter (Schulz und Ebner 2001).

Die Ergebnisse des invasiven Video-EEG-Monitorings belegten die epileptische Genese der Angstzustände. Der Patient wurde im Sinne einer anteromedialen Temporallappenteilresektion behandelt und ist seither ohne Auren und ohne aphasische Anfälle. Er ist postoperativ sehr erleichtert, weil die Angstgefühle ihn stark beeinträchtigt hatten. Die antiepileptische Medikation wird schrittweise reduziert ( Abb. 2.2).


Abb. 2.2: (A) Angst-Aura mit EEG-Anfallsmuster an den medialen Kontakten der Tiefenelektroden (obere Kontakte CAL = Corpus amygdaloideum links, schwarzer Pfeil; AHL = anteriorer Hippokampus links, grauer Pfeil). (B) Elektrodenlage (das EEG der posterior gelegenen Elektrode – hellgrau – nicht in A gezeigt). (C, D) Postoperatives MRT mit Arachnoidalzyste rechts und Zustand nach Resektion des Corpus amygdaloideum und des Hippokampus links (Pfeile).

Das Wichtigste im Überblick

Patienten mit pharmakoresistenten Anfällen sollen in ein zertifiziertes Zentrum mit epilepsiechirurgischer Expertise eingewiesen werden.

Bei der Auswahl solcher Patienten sollte man nicht zu restriktiv sein. Fehlende MRT-Läsion, der Verdacht auf nicht-fokale Anfälle oder eine Intelligenzminderung sind keine Ausschlussgründe, vielmehr oft eine angemessene diagnostische Herausforderung für ein Epilepsiezentrum.

Nicht in jedem Fall ist es sinnvoll, sofort ein volles prächirurgisches Monitoring durchzuführen. Oft hilft eine ambulante Untersuchung oder eine stationäre Diagnostik noch ohne Anfallsprovokation dabei, im Sinne einer stufenweisen Aufklärung zusammen mit dem Patienten den Weg in Richtung einer formellen prächirurgische Diagnostik und ggf. einer Operation zu gehen.

Häufig anzutreffende falsche Annahmen zur Epilepsiechirurgie und ihre Richtigstellung führt Tabelle 2.1 auf.

Tab. 2.1: Häufige falsche Annnahmen zur Epilepsiechirurgie (modifiziert und ergänzt nach Vakharia et al. 2018).


FalschRichtig

FalschRichtig

2.1 Wann sollten Patienten zugewiesen werden?

Spätestens nach zweijähriger erfolgloser Behandlung sollte der Patient einem prächirurgisch tätigen Zentrum zur Evaluation der Operationsmöglichkeit zugewiesen werden.

Sobald sich ein Patient als therapieresistent erweist, soll dieser – spätestens nach zwei Jahren – einem chirurgisch tätigen Epilepsiezentrum zugewiesen werden (Elger et al. 2017), und dies sollte im Behandlungsverlauf wiederholt und in den Behandlungsunterlagen dokumentiert werden (Fountain et al. 2015). Angesichts dieser Leitlinien kann eine verzögerte Zuweisung juristische Folgen in Form hoher Entschädigungszahlungen haben, zum Beispiel bei jungen Patienten, die wegen ihrer Epilepsie keine Ausbildung machen konnten (Fallbeispiel in: Schulz und Bien 2018). Das Zentrum muss nicht jeden Patienten sofort einem vollen prächirurgischen Monitoring mit Anfallsaufzeichnung unterziehen. Es können auch zunächst weniger weitreichende Untersuchungen (ambulant oder stationär ohne medikamentöse Abdosierung) erfolgen. Dies eröffnet den dort tätigen, spezialisierten Ärzten die Möglichkeit, den Patienten weitergehend aufzuklären. Eine solche – wenn auch vorläufige – Untersuchung erlaubt es, die Erfolgsaussichten eines Monitorings im Hinblick auf eine erfolgreiche Operation abzuschätzen. Diese Information kann von dem Patienten als Teil einer stufenweisen Aufklärung bei seiner Entscheidung für oder gegen ein Monitoring mit Anfallsprovokation und eventuell eine epilepsiechirurgische Operation genutzt werden. Die Kandidatenselektion für eine prächirurgische Diagnostik ist oft ein mehrphasiger Prozess.

2.2 Wo soll das nicht-invasive Video-EEG-Monitoring erfolgen?

Prächirurgische Diagnostik sollte in einem epilepsiechirurgisch zertifizierten Zentrum erfolgen.

Ein für für Epilepsiechirurgie zertifiziertes Zentrum (Deutsche Gesellschaft für Epileptologie 2010) sollte diese Diagnostik und Beratung durchführen (Rosenow et al. 2016). Die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie informiert über die entsprechend zertifizierten Zentren (Deutsche Gesellschaft für Epileptologie 2020). Solche Zentren müssen nach Empfehlung der Arbeitsgemeinschaft österreichischer, deutscher und schweizerischer epilepsiechirurgisch tätiger Zentren (Rosenow et al. 2016) mindestens 25 epilepsiechirurgische Eingriffe pro Jahr durchführen (Schweiz: mindestens 20). Diese Zahl rechtfertigt sich dadurch, dass der jeweilige Operateur eine Vielzahl verschiedener operativer Zugänge und das prächirurgische Team die ganze Bandbreite diagnostischer Möglichkeiten beherrschen müssen. Ein Zentrum, das sich an diese Empfehlungen hält, muss ausreichendes pflegerisches und medizinisch-technisches Personal mit Überwachung der abdosierten Patienten rund um die Uhr vorhalten, mit Ableitemöglichkeit auch am Wochenende und der Möglichkeit zur invasiven Diagnostik. Als Zusatzdiagnostik stehen zur Verfügung: MRT mit ausgeprägter diagnostischer Expertise, funktionelles MRT, Postprocessing der MRT-Daten, fortgeschrittene Formen der EEG-Analyse (wie electric or magnetic source imaging), Single Photon Emission Computed Tomography (SPECT), Positronenemissionstomografie (PET), Magnetenzephalografie (MEG). Die ganze Fülle diagnostischer Möglichkeiten wird nicht immer vorhanden sein. Jedes Zentrum hat unterschiedliche Schwerpunkte für die einzelnen Methoden.

Wichtig sind für chirurgisch tätige Epilepsiezentren auch eine Epilepsieambulanz und die Möglichkeit zur stationären Behandlung mit konservativen Inhalten, also zur medikamentösen Umstellung für ambulant therapierefraktäre Patienten oder mit spezifischen Angeboten für Patienten mit psychischen bzw. psychosomatischen Problemen sowie der Zugang zu einer Rehabilitationsklinik mit epileptologischer Expertise. Auf der Seite der Zuweiser haben sich in Deutschland Netzwerke von Kliniken und Kontakte zu niedergelassenen Neurologen mit epileptologischen Interessen und der daraus gewachsenen Erfahrung ausgebildet. Teils gibt es regionale Fallkonferenzen, z. B. in Bethel für Nord-West-Deutschland. Es lohnt sich, Anschluss an entsprechende Netzwerke zu finden.

Bei der chronischen Krankheit der Epilepsie spielen der Begriff und das Vorhalten von »comprehensive care« weiterhin eine Rolle (Pfäfflin et al. 2001). Ein multidisziplinäres Vorgehen ist in der Phase der Diagnostik und nach der Operation unverzichtbar.

Hintergrundinformationen 2
Welche Patienten sollen für ein Video-EEG-Monitoring zugewiesen werden?

Das primäre Kriterium für eine Einweisung zur weiteren Diagnostik ist die medikamentöse Therapieresistenz, definiert als fehlende Anfallsfreiheit nach zwei adäquaten medikamentösen Versuchen der Anfallskontrolle, jeweils mit gut tolerierten und entsprechend der Epilepsie ausgewählten antiepileptischen Medikamenten, entweder in Monotherapie oder in Kombination (Kwan et al. 2010). Eine Aufdosierung bis zur Nebenwirkungsgrenze ist nicht erforderlich. Bei einer allergischen Nebenwirkung bei geringer Dosierung gilt die betreffende Substanz nicht als adäquat dosiert und zählt daher nicht mit. Bei Kombinationstherapien zählt jede einzelne Substanz. Also würde zum Beispiel eine Anfallsfrequenz von 1–2 Anfällen mit Bewusstseinstrübung im Jahr bei einer Medikation von 200–300 mg/Tag Lacosamid in Kombination mit 2.000 mg/Tag Levetiracetam das Kriterium der medikamentösen Therapieresistenz erfüllen. Das in diesem Kapitel geschilderte Fallbeispiel erfüllt diese Kriterien bezüglich der vorangegangenen Medikamente.

Leider wird nur ein kleiner Teil von Patienten, die davon profitieren könnten, einem erfahrenen Zentrum zugewiesen. Hierzu tragen – oft unberechtigte und unausgesprochene – Vorbehalte ambulant tätiger Ärzte, aber auch der Patienten selbst bei (Steinbrenner et al. 2019). Die Forderung, therapieresistente Patienten in ein Zentrum einzuweisen, umfasst im weiteren Sinne auch Patienten, bei denen eine fokale Epilepsie (noch) nicht sicher diagnostiziert worden ist. Zum Beispiel kommt es vor, dass ambulant eine idiopathische generalisierte Epilepsie aufgrund der Anfallssemiologie vermutet wird, sich stationär aber herausstellt, dass es sich um eine fokale Epilepsie handelt (z. B. juvenile myoklonische Epilepsie versus fokale Epilepsie mit myoklonischen und tonischen Anfällen durch eine epileptogene Region mit Propagation in die supplementäre sensomotorische Region parasagittal fronto-zentral). Der geschilderte Fall veranschaulicht diese Situation: Bis zur invasiven Diagnostik war nicht abschließend klar, ob der Patient tatsächlich epileptische Anfälle hatte.

Auch das Vorhandensein einer Läsion im MRT ist für die Frage der stationären Diagnostik nicht entscheidend, da im MRT sichtbare Läsionen sich teils als nicht epileptogen herausstellen und andererseits trotz extern als negativ befundeten MRTs eine erneute Untersuchung mit speziellen Sequenzen, Schichtungen und post-processing der Daten doch verlässliche Läsionen bzw. zumindest Hypothesen für eine Diagnostik ergeben kann (von Oertzen et al. 2002).

Auch Patienten mit weniger häufigen Anfällen kommen für eine prächirurgische Diagnostik in Betracht.

»Hohe Anfallsfrequenz« ist ebenfalls für die Zuweisung kein notwendiges Kriterium. »Seltene« Anfälle mit Bewusstseinstrübung für 1–2 Minuten mögen zwar aus der Sicht des betreuenden Arztes als tolerabel erscheinen, haben jedoch erhebliche Konsequenzen für die soziale Entwicklung im beruflichen und persönlichen Umfeld, möglicherweise verstärkt durch langjährigen Antiepileptika-Gebrauch und Antiepileptika-Nebenwirkungen sowie durch neuropsychologische und psychiatrische Auffälligkeiten. Der Beispielfall in diesem Kapitel erfüllt dieses Kriterium im engen Sinne nicht, da keine Bewusstseinstrübung vorlag. Andererseits waren die Auren und auch die Auren mit Sprachstörung belastend. Oft kann der Frage einer Bewusstseinstrübung erst im Monitoring geklärt werden, zum Beispiel bei Automatismen mit erhaltener Reaktivität bei Epilepsie des nicht-dominanten Temporallappens (Ebner et al. 1995).

Eine »dramatische« Semiologie kann Ausdruck psychogen-dissoziativer Anfälle sein; auch hier ist die Diagnostik wichtig, um ein psychotherapeutisches Angebot, ggf. stationär in einer spezialisierten Abteilung, zu initiieren. Eine »dramatische« Semiologie kann aber auch Ausdruck hyperkinetischer Anfälle mit heftigen stammnahen Körperbewegungen sein, zum Beispiel bei einer fokalen kortikalen Dysplasie im Frontallappen (Gibbs et al. 2019).

Auch Patienten mit einer Intelligenzminderung profitieren von einer prächirurgischen Diagnostik.

Patienten mit Intelligenzminderung haben oft eine ausgedehnte Hirnschädigung oder ein funktionelles Defizit an strategischen Hirnarealen. Viele Patienten mit niedrigem IQ profitieren dennoch von einem epilepsiechirurgischen Eingriff. Nach zwei Jahren waren die folgenden Anteile operierter Patienten anfallsfrei: bei einem IQ von < 50: 22 %; bei IQ 50–69: 37 %; bei IQ > 70: 61 % (Malmgren et al 2008). Anfälle in hoher Frequenz oder mit Sturz und Verletzungen sind sicher bevorzugt ein Grund, in einem Epilepsiezentrum diagnostische und therapeutische Hilfe zu bekommen. Operativ kann bei Sturzanfällen bei einem Teil der Patienten eine Kallosotomie angeboten werden, mit einer hohen Chance eines Sistierens der Sturzanfälle.

Wozu führt nicht-invasives Video-EEG-Monitoring im Rahmen epilepsiechirurgischer Diagnostik?

Sehr häufig führt die nicht-invasive Diagnostik zu einer erfolgreichen Operation. Die postoperative Rate der Anfallsfreiheit lag in der Bethel-Serie bei 50,5 %, gut vergleichbar mit anderen Epilepsiezentren; wenn zu den anfallsfreien Patienten auch die mit persistierenden Auren hinzu gezählt werden, also nicht beeinträchtigende Vorgefühle mit erhaltenem Bewusstsein, steigt die Rate der anfallsfreien Patienten um weitere 11–15 % (Cloppenborg et al. 2016). Manchmal wird eine invasive Diagnostik aufgrund einer im Monitoring generierten Hypothese der Resektion vorgeschaltet ( Fallbeispiel 2.1).

Bei der im Epilepsiezentrum Bethel seit 1990 beobachteten großen Patientenpopulation in der epilepsiechirurgischen Diagnostik wurden insgesamt etwa ein Drittel der Patienten (zuletzt etwas mehr als die Hälfte) nicht einer Operation zugeführt. Dies geschah teils aus ärztlichen Gesichtspunkten wegen fehlender Hypothese für ein epilepsiechirurgisches Vorgehen oder wegen fehlender Resektionsmöglichkeit bei Überlappung oder Nähe zu eloquentem Kortex – nach individueller Abwägung von Chancen und Risiken. Zunehmend entschieden sich aber auch die Patienten selbst mit einem Prozentsatz von 30 % gegen die angebotene Möglichkeit einer Operation. Der Anstieg der Zahl der Patienten, die nicht zustimmten, kann erklärt werden durch die zunehmende Komplexität der epileptologischen Aufklärung über Vorteile und potenzielle Risiken, andererseits aber auch mit zunehmenden invasiven diagnostischen Möglichkeiten mit subduralen und Tiefenelektroden bei insgesamt komplexeren diagnostischen Anforderungen ( Kap. 18.3).

Bei den nicht operierten Patienten ergeben sich aufgrund der Diagnose z. B. dissoziativ psychogener Anfälle Möglichkeiten für eine weitere Versorgung innerhalb des Epilepsiezentrums auf einer Station für psychosomatische Epileptologie und Verhaltenstherapie. Andere Patienten können aufgrund der Diagnostik gezielt medikamentös behandelt werden, wenn z. B. eine idiopathische/genetische Epilepsie diagnostiziert wurde, oder es wird ihnen ein Angebot zur stationären medikamentösen Umstellung oder ein stationäres Rehabilitationsangebot gemacht.

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3 Der schwierige Fall
Susanne Fauser
Fallbeispiel 3.1

Der 27-jährige Jurastudent litt seit dem 19. Lebensjahr an unspezifischen Auren (»ein schwieriges Gefühl im Kopf«) und hyperkinetischen Anfällen mit einer Dauer von 15–45 s. Die Anfallsfrequenz lag im Schnitt bei 2–4 Anfällen pro Tag. Die bisherigen medikamentösen Behandlungsversuche führten zu keiner Anfallsfreiheit, allenfalls zu einer leichten Reduktion der Anfallshäufigkeit. Zum Zeitpunkt der prächirurgischen Abklärung im Epilepsie-Zentrum Bethel war er mit einer Dreifachkombination aus Levetiracetam (1.000 mg/d), Lacosamid (200 mg/d) und Oxcarbazepin (1.200 mg/d) behandelt. Höhere Dosierungen hätten nur zu Nebenwirkungen, nicht jedoch zu einer Besserung der Anfallssituation geführt. Zuvor waren Lamotrigin und Topiramat bis zur Nebenwirkungsgrenze dosiert worden. Selbst an einer neurologischen Klinik mit epileptologischer Expertise konnte zunächst anhand der MRT-Bildgebung keine Ursache für die Epilepsie gefunden werden, sodass die Epilepsie als non-läsionell klassifiziert wurde. Auch die bisherigen EEG-Aufzeichnungen ergaben keine wegweisenden Befunde. Aktuell stellte er sich zu einer Zweitmeinung mit der Frage nach Ursache seiner Epilepsie und nach einer operativen Therapiemöglichkeit in Bethel vor.

Im Video-EEG-Monitoring mit Oberflächenelektroden zeigte sich auch in unserer Klinik ein unauffälliger interiktualer Befund (keine regionalen Verlangsamungen und keine epilepsietypischen Potenziale). Es konnten vier Auren und sieben hyperkinetische Anfälle ohne klinische Lateralisationszeichen aufgezeichnet werden. Am Oberflächen-EEG konnte man v. a. auch aufgrund der Bewegungsartefakte kein Anfallsmuster abgrenzen ( Abb. 3.1A). Die neuropsychologische Untersuchung ergab intakte neuropsychologische Leistungen in allen untersuchten Bereichen. In der MRT-Bildgebung (3-Tesla-MRT) zeigte sich jedoch nun im linken Frontallappen (Gyrus frontalis medius) eine flaue Auffälligkeit, welche verdächtig auf eine fokale kortikale Dysplasie (FCD) Typ IIb war, am ehesten einer sogenannten Sulcustal-Dysplasie entsprechend ( Abb. 3.1B, C). Das Sprach-fMRT ergab eine linksseitige Sprachdominanz. Die fragliche Läsion lag weit entfernt vom Broca-Zentrum.

Elektrodenimplantation zur Bestätigung der Anfallsursprungszone.

Aufgrund der nur flauen MRT-Läsion, die immerhin zur frontalen Anfallssemiologie passte (unspezifische Aura → hyperkinetischer Anfall), wurde ein invasives Video-EEG-Monitoring mit Tiefenelektroden ergänzt. Mit diesem invasiven Monitoring sollte die Epileptogenität der


Abb. 3.1: (A) Mit Oberflächenelektroden ließ sich wegen sofort einsetzender Muskelartefakte kein elektrografischer Anfallsursprung erkennen. (B, C) In dünngeschichteten Fluid-attenuated- inversion-recovery-(FLAIR)-Bildern wurde der Verdacht auf eine FCD Typ IIb gestellt (Pfeile): minimale Signalhyperintensität im Sulcustal (koronare Bilder, C), angedeutetes Transmantle-sign (B, C). Die Läsion wurde bildgebend als nur fraglich eingestuft, passte aber zur Anfallssemiologie. (D) Rekonstruierte Reallage der implantierten Tiefenelektroden. (E) Interiktuales EEG mit Tiefenelektroden. An zwei Elektrodenkontakten zeigte sich ein »repetitive spike pattern«. (F) Iktuales EEG mit Tiefenelektroden: Verdichtung des interiktualen Spikemusters und Übergang in hochfrequente Aktivität sowie Ausdehnung auf benachbarte Elektrodenkontakte. (G–I) Postoperativer MRT-Befund nach erweiterter Läsionektomie links frontal.

fraglichen Läsion bestätigt werden. Es wurden drei Tiefenelektroden in und um die fragliche Läsion links frontal platziert und eine weitere Tiefenelektrode rechts frontal implantiert ( Abb. 3.1D).

Bereits interiktual zeigte sich ein nahezu kontinuierlicher Spike-Fokus, meist sehr begrenzt auf die Elektrodenkontakte FAL 1–2, z. T. mit Ausdehnung auf die Elektrodenkontakte FLL 1–4 ( Abb. 3.1E). Bei den zahlreichen aufgezeichneten hyperkinetischen Anfällen kam es zunächst an genau diesen Kontakten zu einer Verdichtung dieser Polyspikes und dann – mit Beginn der klinischen Symptomatik – zu einer Transition in ein hochfrequentes Beta-Muster ( Abb. 3.1F). Die rechts frontale Elektrode zeigte keine iktuale oder interiktuale Aktivität.

Somit konnte die Epileptogenität der MRT-Läsion bewiesen werden. Passend zu einer fokalen kortikalen Dysplasie zeigte sich im Bereich der Läsion ein umschriebener, sehr aktiver, nahezu kontinuierlicher interiktualer Fokus, von dem aus auch die hyperkinetischen Anfälle ihren Beginn nahmen. Bei dem Patienten wurde eine erweiterte Läsionektomie durchgeführt ( Abb. 3.1G-I), Histologie: FCD Typ IIb. Zehn Monate nach der komplikationslosen Operation erlitt er einen unprovozierten, bilateral tonisch-klonischen Anfall, seither ist er anfallsfrei. Er wird mit einer Kombination aus Levetiracetam (1.000 mg/Tag; 4,5 µg/ml) und Lacosamid (400 mg/Tag; 4,7 µg/ml) behandelt. Letztes verfügbares Follow-up: 24 Monate nach dem Eingriff.

Fallbeispiel 3.2

Elektrodenimplantation zur Kartierung (»Mapping«) des Sprachzentrums.

Die 44-jährige leicht intelligenzgeminderte Patientin litt seit der frühen Kindheit an tonischen Anfällen (»Steifwerden des ganzen Körpers«) und fokalen zu bilateralen tonisch-klonischen Anfällen. Oft ging eine unspezifische Aura voran. Die Anfallsfrequenz war hoch, tonische Anfälle traten zuletzt 2 x/Woche auf, tonisch-klonisch Anfälle 2 x/Monat. Bei Aufnahme ins prächirurgische Monitoring nahm sie Levetiracetam 3.000 mg/d und Lamotrigin 300 mg/d ein, bei Bedarf auch Tavor. Zuvor kamen Valproinsäure, Carbamazepin, Phenytoin und Gabapentin zum Einsatz, die jedoch auch keine Anfallsfreiheit bewirkten. Aufgrund der häufigen anfallsbedingten Stürze musste sie einen Helm tragen. Wegen einer Depression nahm sie zusätzlich 20 mg Citalopram pro Tag ein. Wegen der belastenden Anfallssituation wurde sie zu einer prächirurgischen Epilepsiediagnostik vorgestellt. Als Ursache für die Epilepsie fand sich kernspintomografisch eine auf eine FCD-verdächtige Läsion im linken anterioren Temporallappen ( Abb. 3.2A–C). Das funktionelle Sprach-MRT verwies auf eine für Linksdominanz ( Abb. 3.2D), die durch einen beidseitigen Wada-Test bestätigt wurde. Die späte Vorstellung nach jahrzehntelanger medikamentöser Behandlung war zwei Umständen geschuldet: einerseits zögerte man wegen ihrer geistigen Behinderung, andererseits lag die Läsion im linken Schläfenlappen in der Nähe des Wernicke-Areals. Im prächirurgischen Video-Monitoring mit Oberflächenelektroden zeigten sich interiktual kongruent zur bildgebenden


Abb. 3.2: (A–C) MRT-Darstellung der Läsion (Pfeile), bildgebend FCD Typ II, im Gyrus temporalis superior. (D) Im fMRT linksseitige Sprachlateralisation (Pfeil zeigt schwache Mehrdurchblutung links an). Oberflächen-EEG: (E) Anfallsmuster links temporal; (F) interiktual links temporale sharp waves (Pfeile). (G–J) intrakranielle Ableitung mit Elektrodenplatte über der linken Sylvischen Fissur: (G) Interiktual umschriebenes repetitives spike pattern (linke Hälfte); iktual: hochfrequente Aktivität (Pfeil), Lokalisation in eingefügter Abbildung schwarz markiert; offenes Oval: Lage der Läsion. (H–J) Zusammenfassung. (H) interiktual; Helligkeit der Brauntöne deutet die Intensität/Häufigkeit epilepsietypischer Aktivität an; (I) gelbe Kästen: Anfallsursprungszone; Liniendicke zeigt an, wie häufig Elektrodenkontakt in Anfallsbeginne einbezogen war. (J) Funktionelles Mapping und Resektionsgrenze.

Läsion intermittierende sharp waves mit Maximum links temporo-anterior ( Abb. 3.2F). Bei den Anfällen zeigte sich deutlich nach klinischem Beginn ein Anfallsmuster links temporal ( Abb. 3.2E)

Die anschließende invasive Diagnostik erfolgte zur Abgrenzung des epileptogenen Areals gegenüber spracheloquenten Arealen (Wernicke-Zentrum). Hierzu wurde eine subdurale Gitterelektrode links temporal implantiert. Die Lage der Gitterelektrode und den interiktualen und iktualen Befund zeigen Abbildungen 3.2G–I. Ähnlich wie beim vorhergehenden Patienten zeigte sich in der Region der Dysplasie ein kontinuierlicher Spike-Fokus. Die Anfälle waren durch ein Anfallsmuster in Form einer low-amplitude fast activity (lafa) gekennzeichnet und nahmen ihren Beginn aus der Region, die auch interiktual ständig epileptische Aktivität zeigte.

Das Sprachmapping, welches wegen der leichten geistigen Behinderung in mehreren kleineren Etappen und in einer etwas vereinfachten Version problemlos durchgeführt werden konnte, zeigte, dass die Region des Anfallsursprungs nicht mit dem Wernicke-Areal überlappte ( Abb. 3.2J). Somit konnte eine maßgeschneiderte Resektion des linken anterioren Schläfenlappens erfolgen. Histologisch bestätigte sich eine FCD IIb. Seit der Operation ist die Patientin anfallsfrei (Follow-up 24 Monate). Nach 6-monatiger Anfallsfreiheit hat sie ihren Helm abgelegt.

Das Wichtigste im Überblick

• Schwierige Fälle in der prächirurgischen Diagnostik sind Patienten mit MRT-negativen Epilepsien, mit Läsionen in der Nähe eloquenter Areale oder Patienten mit Verhaltensauffälligkeiten. Für in einem dieser Punkte »schwierige« Patienten empfiehlt sich eine Abklärung in einem Epilepsiezentrum mit viel Erfahrung.

• Eine ausführliche MRT-Bildgebung ist eine wichtige Voraussetzung für die Planung des weiteren diagnostischen Vorgehens.

• Oft ist die operative Einpflanzung intrakranieller Elektroden zur Anfallsaufzeichnungen bzw. Kartierungen von wichtigen Hirnregionen mittels invasiver Elektroden notwendig.

• Geht es um die Bestätigung der Epileptogenität einer fraglichen Läsion, welche nicht in unmittelbarer Nähe zu eloquenten Arealen liegt, ist der Einsatz von Tiefenelektroden indiziert. Geht es um die Abgrenzung des epileptogenen Areals gegenüber eloquenten Hirnregionen, haben sich subdurale Gitterelektroden bewährt. Letztere haben auch den Vorteil, dass bei wenig belastbaren Patienten das aufwändige Sprachmapping in kürzere Untersuchungsabschnitte gesplittet werden kann.

3.1 Was macht einen Patienten zu einem »schwierigen Fall«?

• Flaue oder fehlende typischerweise epileptogene Läsionen ( Fallbeispiel 3.1)

• Nähe des mutmaßlichen Anfallsursprungs zu eloquenten Arealen ( Fallbeispiel 3.2)

• Diskrepanz zwischen im MRT sichtbarer Läsion und weiteren Zusatzuntersuchungen, insbesondere dem iktualen Oberflächen-EEG

• Bedarf an verlässlicher Sprachlateralisation und -lokalisation

• Abschätzung von Verlustrisiken bei Operationen in gedächtnisrelevanten oder eloquenten Arealen

• Intelligenzminderung, Verhaltensauffälligkeit

3.2 Wo sollten Diagnostik und Therapie bei schwierigen Fällen erfolgen?

Schwierige Fälle sollten in einem erfahrenen Epilepsiezentrum untersucht und behandelt werden.

Bei schwierigen Fällen ist die Vorstellung des Patienten in einem großen spezialisierten Epilepsie-Zentrum empfehlenswert. Nicht nur eine adäquate MRT-Bildgebung, sondern auch eine Fokushypothese und ein erfahrener Befunder sind wichtige Faktoren für das Auffinden einer subtilen epileptogenen Läsion. Das oben dargestellte Fallbeispiel 3.1 zeigt, dass z. B. die erstbehandelnde neurologische Klinik eine sehr kleine Läsion übersehen hat. Beim Fallbeispiel 3.2 sind spezielle diagnostische Kompetenzen gefragt: bei der Sprachlateralisation (fMRT, Wada-Test) und Sprachlokalisation (funktionelles Mapping über subdurale Elektroden) ( Kap. 13).

3.3 Subdurale Elektroden oder Tiefenelektroden?

Vorteile von Tiefenelektroden:

• Epileptische Aktivität kann in tieferliegenden Arealen fokusnah erfasst werden: Dies war in unserem Falle mit einer im Sulcustal gelegenen Läsion von Vorteil.

• Die Implantation von Tiefenelektroden erfolgt über Bohrlöcher und nicht über eine Kraniotomie, anschließend könne sie leicht wieder in einer Kurznarkose entfernt werden: Dies war im Hinblick auf die Alternativhypothese – dass die Läsion nicht der Ort des Anfallsursprungs, sondern nur ein unbedeutender Zufallsbefund ist – günstig. In diesem Falle hätte man die Elektroden am Ende des Monitorings ohne nachfolgende Operation gezogen. Der Aufwand hätte sich auch bei negativem Ergebnis für den Patienten in einem vertretbaren Ausmaß gehalten (keine Kraniotomie und somit keine große Narbe). Die Ableitung mit Tiefenelektroden ist im Vergleich zu subduralen Elektroden darüber hinaus postoperativ weniger schmerzhaft.

• Eine Operation muss nicht unmittelbar folgen. Dies ist dann von Vorteil, wenn zum Beispiel das Nutzen/Risiko-Verhältnis nicht so günstig ausfällt (z. B. die Chance auf postoperative Anfallsfreiheit als nur mäßig gut eingeschätzt wird). Dann hat der Patient die Möglichkeit einer längeren Bedenkzeit.

Nachteile von Tiefenelektroden:

• Kein umfassendes Mapping eloquenter Regionen möglich: Dies war bei unserem Patienten nicht notwendig, da das Broca-Areal und der Motorkortex weit davon entfernt lagen.

• »Schlüssellocheffekt«: Man leitet nur die unmittelbar an den Kontakten liegenden Areale ab, sodass geringfügige Fehllagen falsch-negative Ergebnisse liefern können.

• Zeitaufwändige Planung.

• Spezifische Risiken durch die langen Trajektorien durch das Gehirn (v. a. Verletzung von Blutgefäßen).

Vorteile von subduralen Elektroden:

• Umfassendes Mapping eloquenter Regionen (Sprache, Motorik) möglich ( Fallbeispiel 3.2).

Nachteile von subduralen Elektroden:

• Erfordert eine Kraniotomie für die In- und Explantation (im Vergleich zu Tiefenelektroden schmerzhafter).

• Bei tiefer liegendem Anfallsgenerator kann sich eine zu große Zone des Anfallsursprungs an die Hirnoberfläche projizieren.

Überlegungen zu den Fallbeispielen:

• Beim Patienten im Fallbeispiel 3.1 war der Beleg der Epileptogenität der flauen MRT-Läsion entscheidend. Hier war die Ableitung über Tiefenelektroden die Methode der Wahl.

• Bei oben genannter Patientin im Fallbeispiel 3.2 handelte es sich um eine unifokale Epilepsie mit klarer Läsion in Form einer fokalen kortikalen Dysplasie, die allerdings in räumlicher Nähe zum Wernicke-Zentrum lag. Deshalb wurde zunächst die Sprachlateralisation untersucht. Das Sprach-fMRT erbrachte nach gründlicher Vorbereitung der Patientin ein Ergebnis, welches auf eine linksseitige Sprachlateralisation deutete. Bei nur geringer Aktivierung wurde dieses Ergebnis jedoch als nicht sicher beurteilt. Deshalb wurde ein Wada-Test ergänzt. Letzterer bot sich bei der kognitiv eingeschränkten Patientin an, da die Anforderungen geringer und die Ergebnisse eindeutiger zu interpretieren sind. Da sich bei der genannten Patientin im Wada-Test eine linksseitige Sprachlateralisation bestätigte, entschied man sich für die Implantation einer Gitterelektrode. Eine Gitterelektrode kann im Gegensatz zum Wada-Test Sprachfunktionen lokalisieren/kartieren (Davies et al. 1994).

• Wäre die Sprachlateralisation rechts-hemisphärisch gewesen, was bei Patienten mit früh erworbenen Läsionen und früh beginnender Epilepsie häufiger ist als bei gesunden Menschen (Rasmussen und Milner 1977; Helmstaedter et al. 1997), wäre eine invasive Diagnostik verzichtbar gewesen.

3.4 Planung der Implantation von Tiefenelektroden

Tiefenelektroden ermöglichen eine EEG-Ableitung aus tiefer gelegenen Foci. Schlüssellocheffekte müssen beachtet werden.

In unserem Fall gab es eine gezielte Hypothese für den Anfallsursprung, die es zu beweisen galt. Hier reichte die Implantation einer begrenzten Anzahl von Elektroden aus, da es nicht um die exakte Eingrenzung des epileptogenen Areals, sondern um die Bestätigung der Epileptogenität einer flauen Läsion ging. Dennoch empfiehlt sich, mehr als eine Elektrode in und um die vermeintliche Läsion zu implantieren. Bei fokalen kortikalen Dysplasien hat sich gezeigt, dass die epileptogene Zone unterschiedlich ausgedehnt und manchmal auch sehr umschrieben sein kann. In einigen Fällen liegt der Anfallsursprung auch am Rande oder sogar außerhalb der sichtbaren Läsion (Gollwitzer et al. 2016). Platziert man Elektroden nicht direkt im Fokus, sondern knapp daneben, wäre vorstellbar, dass mit einer läsionsferneren Elektrode die Propagation früher erfasst wird als mit einer knapp die Läsion verfehlenden Elektrode, was zu falschen Rückschlüssen führen kann. In unserem Falle wurden drei Elektroden um die vermeintliche Läsion herum und eine Elektrode noch kontralateral (in etwa spiegelbildlich) implantiert, da ein Anfallsmuster im Oberflächen-EEG rechts frontal zu sehen war.

Eine exakte Positionierung der Elektroden ist also – wie unser Fall zeigte – essenziell. Darum ist eine enge Kommunikation mit dem durchführenden Neurochirurgen, am besten in einer interdisziplinären Fallkonferenz, notwendig.

Hintergrundinformationen 3
Spezialisierte Epilepsiezentren sind bei schwierigen Fällen empfehlenswert

Studien haben gezeigt, dass der Nachweis einer epileptogenen Läsion im MRT einer der wichtigsten Prognosefaktoren für postoperative Anfallsfreiheit ist (Téllez-Zenteno et al. 2010). Ob eine solche Läsion gefunden wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Interessanterweise ist nicht nur die Qualität der MRT-Bildgebung wichtig (hierbei spielt die Feldstärke des MR-Tomografen, die durchgeführten Sequenzen und die Schichtanzahl/-dicke) eine Rolle ( Kap. 10) (Wellmer et al. 2013).

Es hat sich gezeigt, dass gerade bei fokalen kortikalen Dysplasien (FCD) das Vorhandensein einer klinischen Fokushypothese signifikant zum Auffinden der Läsion beiträgt (Radhakrishnan et al. 2016). In dieser Studie wurde zum Beispiel die Mehrzahl initial übersehener Läsionen im Rahmen einer multidisziplinären Fallkonferenz entdeckt.

Auch in unserem Falle konnte bei klinischem Hinweis auf eine Frontallappenepilepsie eine multiplanare Reformatierung im Frontallappenbereich durchgeführt werden, was das Auffinden von Sulcustal-Dysplasien erleichtert.

Umgekehrt sollte bei Entdeckung einer fraglichen Läsion in der Bildgebung die Plausibilität dieser Läsion als Ursache der Epilepsie kritisch überdacht werden. Ein plausibler Zusammenhang zwischen der flauen Läsion und der Epilepsie war im oben beschriebenen Fall gegeben: Die Semiologie mit hyperkinetischen Anfällen, welche in hoher Frequenz auftraten und das Vorliegen einer pharmakoresistenten Epilepsie bei einem sonst intakten Patienten waren gut mit der Hypothese einer Sulcustal-FCD links frontal vereinbar.

Auch die Qualifikation und Erfahrung des Befunders spielt eine Rolle. Subtile Läsionen werden von Neuroradiologen häufiger gefunden als von nicht spezialisierten Radiologen.

Kombination von Verfahren

Des Weiteren haben eine Vielzahl von Untersuchungen gezeigt, dass eine Kombination von mehreren bildgebenden Verfahren (z. B. 3-Tesla MRT des Schädels, Postprocessing-Verfahren, FDG-PET und SPECT) die »Ausbeute« bei vermeintlich MRT-negativen (non-läsionellen) erhöht (Sidhu et al. 2018). In unserem Falle wurde z. B. ein Postprocessing-Verfahren ergänzend angewandt, welches ebenfalls auf die betreffende Region im linken Frontallappen verwies.

Die Kombination bildgebender Verfahren kann es erleichtern, den Anfallsfokus zu identifizieren.

Allerdings war die Läsion bei unserem Patienten so flau, dass eine unmittelbare operative Entfernung der Läsion zu gewagt erschien. Somit wurde die Indikation für die Implantation von Tiefenelektroden gestellt.

Interpretation der interiktualen und iktualen Befunde

Bei einer FCD Typ II hat der interiktuale Befund eine sehr hohe Wertigkeit (Boonyapisit et al. 2003; Cuello-Oderiz et al. 2018; Bartolomei et al., 2016), im Vergleich zu anderen Läsionen, bei denen der interiktuale Befund (die sogenannte irritative Zone) öfters diskordant oder sehr viel ausgedehnter als die Zone des Anfallsursprungs sein kann. Eine invasive EEG-Ableitung mit Tiefenelektroden im Bereich einer FCD, welche keine typische interiktuale Aktivität zeigt, schließt eine FCD Typ II nahezu aus. Als typischer interiktualer Befund gilt ein »slow repetitive spike pattern«, das oft kontinuierlich zu sehen ist ( Abb. 3.1E).

Bei der Interpretation der iktualen Ergebnisse mit einem Implantationsschema wie im obigen Fall unterliegt man einem »Schlüsselloch-Effekt«, d. h. man sieht nur das, was diese Elektroden aufzeichnen, jedoch nicht das EEG aus benachbarten oder weiter entfernten Arealen. Mit den Tiefenelektroden würde auch ein Anfall aufgezeichnet werden, welcher in entfernteren Arealen entsteht, wenn dieser in einem gewissen Zeitraum in den Bereich der Elektroden propagiert. Deshalb ist neben dem charakteristischen interiktualen Befund auf die zeitliche Korrelation mit der Anfallssemiologie zu beachten. Fängt der klinische Anfall vor dem iktualen EEG-Muster an, ist dies ein Warnzeichen. Ein Implantationsschema mit begrenzter Elektrodenzahl ist somit nicht als Screening-Verfahren zur Suche des Anfallsursprungs, sondern nur zur Bestätigung bzw. zum Verwerfen einer gezielten Hypothese geeignet. Im anderen Falle wäre ein umfangreiches Stereo-EEG notwendig.

Bedeutung der kompletten Resektion bei FCD

Die komplette Resektion einer FCD ist einer der wichtigsten Prognosefaktoren im Hinblick auf postoperative Anfallsfreiheit.

In unserem Fall zeigte sich, dass die Zone des Anfallsursprungs bzw. der quasi-kontinuierlichen interiktualen Aktivität nicht mit den spracheloquenten Arealen überlappte. Somit konnte der Patientin ein epilepsiechirurgischer Eingriff in Form einer anterioren Schläfenlappenresektion links angeboten werden. Für die Einschätzung der postoperativen Chancen auf Anfallsfreiheit ist es wichtig, ob eine FCD anhand der Bildmorphologie und der elektroenzephalografischen Ergebnisse komplett entfernt werden kann. Eine inkomplette Resektion führt zu erheblich schlechteren postoperativen Ergebnissen (Krsek et al. 2009; Fauser et al. 2015). Nutzen und Risiken müssen deshalb im Falle einer absehbar inkompletten Resektion besonders gründlich abgewogen werden. In einzelnen Fällen (z. B. bei nur geringgradiger Überlappung an wenigen Kontakten) können ergänzende multiple subpiale Transsektionen erwogen werden (Hufnagel et al. 1997; Fauser et al. 2015).

Prädiktive Faktoren bei FCD

Prädiktive Faktoren für das postoperative Outcome wurden für FCD in mehreren Studien untersucht (z. B.: Widdess-Walsh et al. 2007; Fauser et al. 2008; Krsek et al. 2009; Kim et al. 2009; Oluigbo et al. 2015). Eine komplette Resektion spielt hiernach die größte Rolle. Dabei scheint sogar die Resektion der bildmorphologischen Auffälligkeit noch entscheidender zu sein als eine komplette Resektion gemäß des invasiven elektroenzephalografischen Befundes (Fauser et al. 2015). Weitere Faktoren, die in mehreren Studien einen signifikanten Einfluss auf postoperative Anfallsfreiheit hatten, sind die folgenden:

• Auftreten von generalisierten tonisch-klonischen Anfällen: negativer Prädiktor

• jugendliches Alter bei der Operation: positiver Prädiktor

Inwieweit auch die genaue Histologie (der FCD-Typ), die Dauer der Epilepsie und die Lokalisation der FCD eine Rolle spielt, wird in unterschiedlichen Studien kontrovers beurteilt.

Wachoperation als Alternative zu invasivem Mapping mit Gitterelektrode

Die Abgrenzung von Sprachfunktionen ist auch intraoperativ im Rahmen einer Wachoperation möglich. Wachoperationen werden vor allem bei Tumoren und bei Kavernomen in räumlicher Nähe spracheloquenter Areale durchgeführt (z. B. Ruis et al. 2018; Matsuda et al. 2012). Der Vorteil einer Wachoperation liegt vor allem in der Tatsache, dass man dem Patienten die Implantation einer Gitterelektrode ersparen kann. Nachteile sind jedoch, dass dies nur bei kooperativen Patienten möglich ist. Bei intelligenzgeminderten Menschen – wie in unserem Fallbeispiel 3.2 – ist eine Wachoperation in aller Regel nicht durchführbar. Ein weiterer Nachteil ist, dass die Abgrenzung des epileptogenen Areals nur mit einer Gitterelektrode, nicht jedoch im Rahmen einer Wachoperation möglich ist. Die Genauigkeit einer intraoperativen Elektrokortikografie (ECoG), welche interiktuale Aktivität misst, wird kontrovers diskutiert. Darüber hinaus können Nachentladungen und intraoperativ ausgelöste epileptische Anfälle den Ablauf einer Wachoperation erschweren. Im Einzelfall müssen beide Möglichkeiten individuell gegeneinander abgewogen werden.

Postoperatives Outcome bei FCD

Das postoperative Qutcome bezüglich Anfallsfreiheit bei FCD II wird als günstig eingeschätzt. Eine Vielzahl von retrospektiven Studien wurden zu diesem Thema durchgeführt und ergaben eine komplette Anfallsfreiheit bei ca. 60 % (z. B. Fauser et al. 2015). Ganz besonders günstig ist das Outcome bei Patienten mit kleinen Sulcustal-Dysplasien. Bei dieser besonderen Untergruppe waren in einer Serie von 32 Patienten sogar 88 % postoperativ anfallsfrei. Bei vielen Patienten konnte – wie auch in unserem Fallbeispiel 3.2 – die antiepileptische Medikation in den folgenden Jahren abgesetzt werden. Wenn sich eine eindeutige FCD bildgebend nachweisen ließ, war kein invasives Video-EEG-Monitoring präoperativ notwendig. Allerdings wurden auch in dieser Serie vor allem von einweisenden Kliniken die Sulcustal-Dysplasien übersehen. Die 3-Tesla-MRT-Bildgebung war in dieser Serie der 1,5-Tesla-MRT-Bildgebung überlegen (Harvey et al. 2015).

Risiken eines invasiven Monitorings mit Tiefenelektroden

Die Risiken einer Ableitung mit eingepflanzten Tiefenelektroden sind gering.

Die Komplikationsrate bei Tiefenelektroden ist gering. Laut Studienlage treten Komplikationen bei 1,4–3 % der Patienten mit Stereo-EEG auf. Dabei handelte es sich vor allem um subdurale und intrazerebrale Blutungen, seltener um Infektionen (Munari et al. 1994; Guenot et al. 2001; Cardinale et al. 2013; Gonzalez-Martinez et al. 2014; Willems et al. 2018). Dennoch sollte in jedem Falle eine gründliche Nutzen-Risiko-Abwägung bezüglich der Notwendigkeit eines invasiven Video-EEG-Monitorings und der Anzahl der notwendigen Elektroden erfolgen.

Vorgehen bei Patienten mit geistiger Behinderung und pharmakoresistenter Epilepsie

Bei klarer Fokus- Hypothese haben geistig behinderte Menschen ähnlich gute Chance von einer Operation zu profitieren wie Menschen mit normaler Intelligenz.

Während die ältere Literatur (Falconer 1973; Rasmussen 1975) große Zurückhaltung gegenüber Epilepsiechirurgie bei Menschen mit geistiger Behinderung – insbesondere aufgrund der Annahme einer globaleren Hirnfunktionsstörung und damit schlechten Chancen auf Anfallsfreiheit – postulierte, zeigen später durchgeführte Untersuchungen (Devinsky 2002; Liu et al. 2002), dass diese Annahme nur eigeschränkt gilt. Sofern ein klarer epileptogener Fokus besteht, haben Menschen mit geistiger Behinderung die gleichen Chancen auf Anfallsfreiheit wie nicht-behinderte Menschen. In der Abklärung gelten auch für intelligenzgeminderte Menschen die gleichen Grundsätze: Dokumentation von Pharmakoresistenz, Identifikation eines einzigen Fokus, Abgrenzung von eloquentem Kortex, Besprechung der Ziele der Operation und Outcome-Chancen sowie der potenziellen Risiken und Komplikationen. Besonders gründlich sollten allerdings genetische oder metabolische Ursachen differenzialdiagnostisch beachtet werden. Besonderheiten wie eine eingeschränkte Kooperationsfähigkeit sollten im Vorfeld bedacht und Untersuchungen ggf. individuell angepasst werden.

Untersuchung der Sprachlateralisation

Zur Sprachlateralisation wird in der Regel ein funktionelles MRT für Sprache (Sprach fMRT) oder ein Wada-Test durchgeführt werden. Die Verlässlichkeit anderer Untersuchungsarten (z. B. funktioneller transkranieller Ultraschall der Arteria cerebri media) ist noch nicht so gut gesichert, dass diese die genannten Verfahren in vollem Umfang ersetzen könnten. Die folgende Tabelle 3.1 zeigt die Vor- und Nachteile von Sprach-fMRT und Wada-Test ( Kap. 13).

Tab. 3.1: Vergleich Sprach-fMRT und Wada-Test


Sprach-fMRTWada-Test

Durchführung des Sprach- und Motorik-Mapping:

Beim Sprachmapping werden verschiedene Modalitäten getestet:

• Lesen

• Benennen (farbiges Objekt, z. B. »das ist eine gelbe Sonne«)

• Serielle Sprache (Zählen von 1–20, Aufzählen der Wochentage oder der Monatsnamen)

• Nachsprechen (Sprichwörter oder kompliziertere Sätze)

• Token-Test (Aufeinanderlegen bunter Plättchen)

Die im Fallbeispiel 3.2 genannte Patientin konnte ein wenig lesen und kam mit einfachen Texten zurecht. Wichtig ist hier, zunächst einen Eindruck von den »Baseline-Fähigkeiten« beim Lesen zu bekommen, um später eventuelle Sprachstörungen unter Stimulation von den Baseline-Fähigkeiten abgrenzen zu können.

Die Patientin war sehr motiviert und kooperationsbereit. Allerdings ließ ihre Konzentrationsfähigkeit nach einiger Zeit nach. Hier konnte die mehrtägige invasive Ableitung genutzt werden, um das Sprachmapping auf viele kleine Etappen zu verteilen. Von Vorteil erweist sich allerdings, wenn das Sprachmapping vor Medikamentenreduktion abgeschlossen ist, da danach durch die Stimulation ausgelöste Anfälle häufiger auftreten und den Untersuchungsablauf stören.

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