Kitabı oxu: «Pragmatik der Veränderung»

Eva-Maria Graf / Thomas Spranz-Fogasy / Claudio Scarvaglieri
Pragmatik der Veränderung
Problem- und lösungsorientierte Kommunikation in helfenden Berufen
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-8233-8259-1 (Print)
ISBN 978-3-8233-0182-0 (ePub)
Inhalt
Pragmatik der Veränderung in helfenden Berufen – Einführung 1. Veränderung als raison d’être helfender Berufe 2. Linguistische Veränderungsforschung 3. Aufbau des Bandes Literatur
Helfendes Handeln1. Helfendes Handeln – Eine begriffliche Annäherung2. Sprachliches Helfen2.1 Vorstrukturierung mentaler Prozesse bei der Planbildung2.2 Kommunikativer Prozess: Fokus auf Ziel und/oder Lösung2.3 Veränderung im mentalen Bereich2.4 Der Handlungskomplex „Sprachliches Helfen“3. Empirische Betrachtung des sprachlichen HelfensBeispiel 1: Genetische BeratungBeispiel II: KurzzeitgesprächspsychotherapieBeispiel IV: Lernberatung in der Schule4. Zusammenfassende Betrachtung: Helfen und VeränderungLiteraturTranskriptionskonventionen (nach HIAT, Rehbein u.a. 2004)
Client change in psychotherapyIntroductionProblematizing client change and research on client changeDiscourse analysis and analyzing client changeCombining clinical and DA perspectives in researching client change1. How the postulated mechanisms of change are actually accomplished in an interaction2. Co-construction and re-construction as ‘common interactional strategies’ in promoting client changeAppendix: Transcription conventionsReferences
Veränderung braucht Verbindung1. Einführung2. Entwicklungen in der Psychotherapie(-forschung)2.1. Das Geschehen im Behandlungszimmer2.2. Persuasive Zyklen in einer technischen Konversation2.3. Was weiter führt – triadische Epistemologie3. Vom Alignment zur Affiliation„Doing together to do together“3.2. Die Dyadic-state-of-consciousness-Hypothese4. Von Affiliation zum Common Ground – „vorausschauende Empathie“5. SchlussLiteratur
Veränderung durch Verstehen in der Psychotherapie1 Verstehen in der Psychotherapie2 Verstehen sprachwissenschaftlich3 Verstehen in der linguistischen Therapieforschung4 Veränderung durch Verstehen beispielhaftAuszug I: VerbalisierungAuszug II: Reaktion IAuszug III: Verarbeitung der ReaktionAuszug IV: Reaktion II und Verarbeitung5 Veränderung durch Verstehen in der PsychotherapieLiteraturTranskriptionskonventionen (HIAT, Rehbein u.a. 2004)
The Power of LoF1. Einleitung2. Veränderung durch Psychotherapie aus linguistisch-gesprächsanalytischer Sicht3. Daten und Methode4. Problembearbeitung durch Lösungsorientierte Fragen0-Position: Veränderungspotenzial im Vorlauf1-Position: Eigenschaften von LoF2-Position: Antworten auf LoF3/4-Position: Antwortoptimierung5. Globale Prozessierung: Veränderung von Wissen und Haltung6. DiskussionVerwendete cGAT-Transkriptionskonventionen (Minimaltranskript)Literatur
Beispiel-Nachfragen im Kontext von Veränderung: Elizitierungs- und Prozessierungsstrategien in Psychotherapie und Coaching-Gesprächen – Ein Vergleich1. Einleitung2. Psychodynamische Psychotherapie und Coaching – Eine Annäherung an Gemeinsamkeiten und Unterschiede3. Beispiel-Nachfragen in Psychotherapie und Coaching im Kontext von Veränderung4. Daten und Vorgehen5. Beispiel-Nachfragen in psychotherapeutischen DiagnosegesprächenFallanalyse 16. Beispiel-Nachfragen in Coaching-GesprächenCo1Cl5 – Sitzung 3 (Abschnitt 3.1. Z. 67ff.)Fallanalyse 27. Diskussion8. Fazit und AusblickVerwendete cGAT-Transkriptionskonventionen (Minimaltranskript)Literatur
„und wie wie entsteht veränderung und damit haben_s wir ja auch mit dir zu tun“ – Einblicke in die kommunikative Basisaktivität ‚Ko-Konstruieren von Veränderung‘ im Führungskräfte-Coaching1. Coaching und Veränderung – Eine Hinführung2. Coaching und Veränderung – Was sagt die Forschung?2.1 Outcome- und Prozessforschung im Coaching – ein kurzer Überblick2.2 Linguistische Coaching-Prozessforschung: Das Modell der kommunikativen Basisaktivitäten von Graf (2015a/b, 2019)3. Methode und Daten4. Ko-Konstruieren von Veränderung im Coaching: Eine Fallstudie4.1 Die inter-aktivitätsspezifische Dimension der Basisaktivität ‚Ko-Konstruieren von Veränderung‘4.2 Die intra-aktivitätsspezifische Dimension der Basisaktivität ‚Ko-Konstruieren von Veränderung‘5. Diskussion6. Veränderungskommunikation im Coaching – AusblickLiteratur
Die interaktive Produktion des „Falles“ in der Sozialen Arbeit1. Ausgangspunkt und Untersuchungsvorhaben1.1 Der Fall als Fokus professionellen Handelns1.2 Zum Forschungsprojekt2. Ausgewählte Ergebnisse2.1 Ausgangspunkt und „Vorlauf/Preconstruction“2.2 Soziale Produktion des Falles in Gesprächen zwischen Sozialarbeitenden und Klientel3. Diskussion und AusblickTranskriptionLiteratur
„Das werden wir schon hinkriegen …“1 Einleitung2 Grundlagen2.1 Physiotherapie in der Neurorehabilitation2.2 Kommunikative Prozesse und Kompetenzen in der Physiotherapie3 Material und Methode3.1 Material: Pilotstudie „Sprache und Bewegung“3.2 Methode: Multimodale Interaktionsanalyse4 Exemplarische Analysen4.1 Überblick: Ebenen der Veränderungskommunikation4.2 Mikroebene: Lokale Veränderungen von Körperposition und Bewegungsausführung4.3 Mesoebene: Erklärungen, Evaluationen und Metakommunikation4.4 Makroebene: Globale Veränderungen und längerfristige Perspektiven5 Zusammenfassung und AusblickTranskriptionszeichenLiteratur
Dimensionen von Veränderung in helfenden Berufen – Befunde und Perspektiven 1. Empirische Dimensionen von Veränderung 2. Methodologische Aspekte der Veränderungsforschung 3. Aufgaben und Perspektiven der Veränderungsforschung Literatur
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Pragmatik der Veränderung in helfenden Berufen – Einführung
Eva-Maria Graf, Claudio Scarvaglieri & Thomas Spranz-Fogasy
1. Veränderung als raison d’être helfender Berufe
Im Zentrum helfender Berufe wie Medizin, Physiotherapie, Psychotherapie, Beratung und Coaching steht die professionelle Interaktion zwischen Expert*innen und Klient*innen, welche die Klient*innen dabei unterstützen soll, „ihre physische, psychische, intellektuelle und/ oder emotionale Verfassung zu verändern, zu stärken oder Probleme im Zusammenhang damit zu lösen“ (Graf und Spranz-Fogasy 2018b, s. auch Miller und Considine 2009). Veränderung ist der primäre Zweck helfender Berufe, er strukturiert die helfende Interaktion und macht sie von anderen Interaktionsformen unterscheidbar. Der kommunikative Prozess, der Veränderung entweder begleitet (etwa in der Medizin und Physiotherapie) oder ursächlich hervorbringen soll (wie in Therapie, Beratung oder Coaching), ist sprachwissenschaftlich auch bereits mehr oder weniger intensiv erforscht worden (neuere Überblicke etwa bei Pick (Hrsg.) 2017 und Graf und Spranz-Fogasy 2018b, s. auch Graf, Sator und Spranz-Fogasy (Hrsg.) 2014; Busch und Spranz-Fogasy 2015). So wurden etwa einzelne Praktiken (z.B. Bercelli, Rossano und Viaro 2008; Antaki 2008; MacMartin 2008; Spranz-Fogasy 2010; Weiste und Peräkylä 2013), übergeordnete Formate und Mechanismen des Gesprächs (Voutilainen, Peräkylä und Ruusuvuori 2011; Bercelli, Rossano und Viaro 2013; Scarvaglieri 2013; Spranz-Fogasy 2014; Graf 2019) wie auch Prinzipien, an denen sich die Interagierenden orientieren (Ferrara 1994; Pain 2009; Pawelczyk 2011) detailliert beschrieben. Dieses Wissen über die die Interaktion prägenden Strukturen wurde jedoch nur vereinzelt mit dem Zweck helfenden Handelns, dem Auslösen hilfreicher Veränderungsprozesse auf Seiten der Klient*innen, in Beziehung gesetzt (aber siehe Voutilainen, Peräkylä und Rusuuvuori 2011; Voutilainen, Rossano und Peräkylä 2018; Pawelczyk und Graf (Hrsg.) under review). Ein Überblick über die Empirie von Veränderungskommunikation sowie ein systematisierender Zugriff auf dieses Phänomens fehlen bis dato.
Der Ursprung der modernen Veränderungsforschung liegt in der quantitativ-operierenden, psychologischen Erforschung der Wirksamkeit von Psychotherapie, welche sich ihrerseits in Orientierung an Effektivitätsstudien in der Medizin (nach dem Modell des Randomized Controlled Trial, RCT) entwickelt hat. Dort eingesetzte Verfahren wurden in der weiteren Entwicklung z.B. auch in der psychologischen Coaching-Forschung verwendet, wo ebenfalls quantitative Outcome-Studien die Forschungslandschaft prägen.
Die Wirksamkeit von helfender Kommunikation zu erforschen ist ein höchst komplexes Unterfangen: Bei Therapie, Coaching und anderen Formaten helfender Kommunikation handelt es sich nicht um physikalische Gegenstände, die man objektiv vermessen kann, sondern jeweils um ein Konglomerat an sozial und diskursiv konstruierten Handlungspraktiken, die jeweils individuell an die Bedürfnisse von Agent*innen und Klient*innen angepasst werden und sich in einem institutionell überformten Kommunikationsprozess wandeln. Veränderung bzw. Wirksamkeit von Kommunikation in helfenden Berufen wird insbesondere hinsichtlich Wirkfaktoren untersucht. Im Generic Model of Psychotherapy von Orlinsky, Ronnestad und Willutzki (2004), das als transtheoretischer Rahmen relevante Ergebnisse in Bezug auf den Zusammenhang von therapeutischem Prozess und Wirksamkeit integriert, wird hinsichtlich der das Ergebnis beeinflussenden Wirkvariablen zwischen Input-, Prozess- und Kontextvariablen unterschieden. Inputvariablen umfassen, was Agent*in und Klient*in/Patient*in in den Prozess einbringen. Dies können z.B. Persönlichkeitseigenschaften sein, die Veränderungsbereitschaft der Klient*innen, oder die Ausbildung der Agent*innen. Kontextvariablen verweisen darauf, dass sich die Klient*innen neben der Beratung in einem Umfeld bewegen, das den Beratungsprozess positiv oder negativ beeinflussen kann (vgl. Künzli 2018). Prozessvariablen wiederum beziehen sich auf das Geschehen innerhalb der helfenden Dyade. Im Kontext der Prozessvariablen identifiziert die etablierte quantitative Therapie- und Coachingwirkfaktorenforschung die therapeutische Beziehung, die Aspekte der Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung und motivationalen Klärung sowie die Problembewältigung als zentrale mediators and mechanisms of change (Kazdin 2009), d.h. als Wirkfaktoren. Diese wurden mittels statistisch ausgewerteten prä- und post-Interviews bzw. Fragebögen ermittelt (vgl. Grawe, Bernauer und Donati 1994; Gassmann und Grawe 2006 für die Psychotherapie oder z.B. Behrendt 2006, 2012 für Coaching).
Allerdings sind die Fragen WIE bzw. WARUM diese Wirkfaktoren zu einer positiven Veränderung für die Klient*innen führen, bis dato nicht befriedigend geklärt bzw. von einem großen Teil der Forschung gar nicht gestellt worden. Zum einen ist es für die existierende psychologische Interaktionsforschung nur in Ansätzen möglich, der Komplexität menschlicher Kommunikation, die verbal, non-verbal und para-verbal abläuft, gerecht zu werden (vgl. Künzli 2018). Zum anderen ist ein Teil der Forschung primär am ‚Outcome‘ unterschiedlicher Verfahren interessiert und blendet den Prozess, der zu diesen Ergebnissen führt, als „Black Box“ (Elliott 2010: 124) aus (s. etwa Margraf 2009; kritisch Buchholz 2007). So formuliert Kazdin (2009: 418) für die Psychotherapie, „(a)fter decades of psychotherapy research and thousands of studies, there is no evidence-based explanation of how or why even the most well-studied interventions produce change.“ Ähnlich fordern de Haan, Bertie und Sills (2010: 110) qualitative Untersuchungen des Coachingprozesses:
In order to understand the impact and contribution of executive coaching and other organisational consulting interventions, it is not enough to just understand general effectiveness or outcome. One also has to inquire into and create an understanding of the underlying coaching processes themselves, from the perspectives of both clients and coaches.
Während die quantitativ operierende psychologische Outcome-Forschung den Blick also nahezu ausschließlich auf die Wirksamkeit verschiedener Therapieformen gerichtet hat, haben qualitativ operierende sprachwissenschaftliche Analysen helfender Interaktionen umgekehrt lange die Frage vernachlässigt, welchen Beitrag die beschriebenen kommunikativen Praktiken zur institutionell angestrebten Veränderung der Klient*innen leisten. Sie haben stattdessen ausschließlich das WIE, in dem diese Praktiken realisiert werden, im Blick gehabt (Elliott 2010: 129, Peräkylä 2013: ch. 4). Erst in jüngerer Zeit wird die Bedeutung einer linguistischen Veränderungsforschung verstärkt herausgearbeitet, sind vereinzelte Analysen sprachwissenschaftlicher Provenienz zu hilfreichen Veränderungen in helfenden Berufen vorgelegt worden (Muntigl und Horvath 2005; Graf 2011; Voutilainen, Peräkylä und Ruusuvuori 2011; Scarvaglieri 2013, 2015; Voutilainen, Rossano und Peräkylä 2018 sowie die Beiträge in Pawelczyk und Graf (Hrsg.) under review). Diese auf der sprachlich-interaktiven Mikro-Ebene angesiedelten Studien können der sich gegenwärtig entwickelnden Forschungsrichtung change process research, welche wiederum v.a. der Psychotherapie-Forschung entstammt, zugeordnet werden:
Change process research using qualitative approaches has advanced psychotherapy research by illuminating aspects of the psychotherapeutic process not visible from clinical trials and more quantitative methods alone. Quantitative approaches, while important in determining treatment efficacy, have not been able to explain “how” treatments work. (Watson und McMullen 2016: 507)
In einem Überblicksartikel hierzu diskutiert der Psychologe und Psychotherapeut Robert Elliott (2010) verschiedene Ansätze der Veränderungsforschung, die nach einer Verbindung von Outcome und Prozess streben. Neben den quantitativ verfahrenden Studien des „process-outcome-design“, dem Ansatz des „qualitative helpful factors design“ und dem von Elliott mit entwickelten „signifcant events approach“ geht er dabei auch auf Arbeiten nach dem von ihm sog. „microanalytic sequential process design“ ein. Darunter fasst Elliott „research on the turn-to-turn insession interaction between client and therapist“ (2010: 128). Elliott hebt die Seltenheit gerade dieser Art von Untersuchungen innerhalb der Veränderungsforschung hervor und nennt, neben der der Veränderungsforschung grundsätzlichen zukommenden Unsicherheit über kausale Zusammenhänge zwischen Prozess und Outcome (ebd.: 129, vgl. Kazdin 2009), als Hauptgrund dafür, dass diese Art der Forschung difficult and time consuming (ebd.) sei. Aus der Perspektive der Praxis ist jedoch gerade eine solche Integration von qualitativer, mikroanalytischer Prozessforschung und der Untersuchung von Wirkfaktoren in helfenden Berufen von hoher Bedeutung. So betonen etwa Weiste und Peräkylä (2015: 8), dass „from a clinical point of view, change in the client is indeed of utmost interest“ (vgl. auch Graf 2011 im Kontext von Coaching und ihre Unterscheidung in ‚Meta-Diskurs über Veränderung‘ vs. ‚Veränderungs-Diskurs‘).
Der vorliegende Band führt eben diese Integration von mikroanalytischer Prozessforschung mit der Identifikation von Wirkfaktoren im Sinne einer qualitativen Veränderungsforschung zusammen, indem er linguistische Studien versammelt, die Formen hilfreicher Veränderung in Psychotherapie, Coaching, Beratung und Physiotherapie empirisch im Sinne eines sequentiellen Prozess-Designs (siehe oben) nachzeichnen und sich dabei an gemeinsamen Fragen orientieren. Diese Fragen sind sowohl von grundlegender theoretischer Reichweite, etwa was überhaupt als Veränderung zu erfassen und entsprechend zu erforschen ist. Die Antwort auf diese Frage wiederum ist abhängig von der zugrundeliegenden Theorie von Veränderung. Der jeweils untersuchte Gegenstand konstituiert sich dabei in Abhängigkeit von der zugrundeliegenden Theorie von Veränderung bzw. den Prozessen, die dieser Theorie zufolge geeignet sind, hilfreiche Veränderungen auszulösen (zur Frage der Gegenstandskonstitution vgl. Deppermann 2003: 14–16). So fassen etwa linguistische Arbeiten zur Psychotherapie eher das sprachliche Verhalten als Ausdruck von Veränderung (z.B. Muntigl und Horvath 2005, Voutilainen, Peräkylä und Ruusuvuori 2011), wohingegen psychoanalytische oder therapietheoretische Ansätze stärker auf psychische Prozesse rekurrieren (Thomä und Kächele 2006: 290f. oder Krause et al. 2007: 677). Für die gegenwärtige Forschung wie für den vorliegenden Band bedeutet dies, dass die jeweils zugrundeliegende Theorie von Veränderung explizit gemacht werden muss, damit nachvollziehbar wird, auf welcher Grundlage die Daten als bedeutsam für Veränderung ausgewählt wurden. Darüber hinaus liegt ein zentraler Erkenntnisgewinn darin, eine Systematisierung der Ansätze zur Bestimmung und Erforschung von Veränderung in helfenden Berufen zu schaffen – der vorliegende Band strebt in einem abschließenden Beitrag einen solch systematisierten Zugriff auf den Phänomenbereich Veränderung in helfenden Berufen an.
In engem Bezug zur Frage der theoretisch bedingten Gegenstandskonstitution stehen methodologische Fragestellungen der Dokumentation und Beschreibung von Veränderung. Traditionell wird Veränderung in Medizin und Psychotherapie entweder anhand physischer Marker gemessen oder mittels Fragebögen in Vorher-Nachher-Studien erfragt (Gassmann und Grawe 2006; Elliott 2010; Lambert (Hrsg.) 2013). Das Ergebnis dieser Untersuchungen wird anschließend dem verwendeten therapeutisch-medizinischen Verfahren zugeschrieben, ohne dass deutlich wird, an welcher Stelle der Behandlung hilfreiche Veränderungsprozesse ausgelöst oder interaktiv unterstützt wurden. Diese Lücke versucht die im Entstehen begriffene qualitativ-linguistische Veränderungsforschung zu schließen, indem sie zunächst den interaktiven Prozess audio- und videographisch dokumentiert. So legt der Großteil der im Band versammelten Beiträge Aufnahmen und Transkripte der interaktiven Prozesse helfenden Handelns zugrunde. Im Unterschied zur Mehrzahl der vorliegenden sprach- und kommunikationswissenschaftlichen Analysen werden diese Prozessdaten jedoch nicht nur formal analysiert, sondern die erkannten, die Interaktion prägenden Muster werden auf ihre funktionale Zweckmäßigkeit, also ihre Bedeutung für das ‚Outcome‘ des Prozesses, hin befragt, wobei die Bedeutung einzelner interaktiver Sequenzen innerhalb des institutionellen Rahmens mit Mitteln der linguistischen Gesprächsanalyse detailliert rekonstruiert wird. Damit wird die ‚Black Box‘ (Elliott 2010) der helfenden Interaktion geöffnet, was Erkenntnisse von theoretischer Bedeutung zum Verhältnis von sprachlichen Formen und Funktionen erbringt, aber auch aus angewandter Perspektive von hoher Bedeutung ist, da konkrete Aussagen über bestimmte kommunikative Handlungen und ihren Zusammenhang zum angestrebten Zweck der Interaktion getroffen werden. Gleichzeitig kann es so zu einem kritischen Abgleich kommen zwischen idealisierten Vorstellungen über das eigene professionelle Handeln und der kommunikativen Realität im Sinne von Stokoes (2012) talk-in-theory versus talk-in-practice. Und schließlich kann die interaktionale Bedeutung von sogenannten seen, but unnoticed Phänomenen in Garfinkels (1967) Sinn mit Hilfe qualitativ-linguistischer Analysen aufgedeckt werden. All dies kann den Ausgangspunkt bilden für eine grundsätzliche kommunikative Sensibilisierung, wie für die Aneignung der herausgearbeiteten Erkenntnisse durch Praktiker*innen helfender Berufe.
Aus empirischer Perspektive drängen sich des weiteren Fragen zu den Dimensionen von Veränderung auf, also hinsichtlich Indikatoren und Objekten von Veränderung sowie hinsichtlich interaktiver Praktiken, die Veränderung vorantreiben können bzw. in denen sich Veränderungen manifestieren. Die hier versammelten Beiträge machen, aufbauend auf dem gewählten theoretischen und methodischen Zugang, unterschiedliche Dimensionen von Veränderung sichtbar; auch hier soll im abschließenden Beitrag eine Systematisierung vorgelegt werden. Empirisch lässt sich hilfreiche Veränderung bezüglich der Formen des Wandels an unterschiedlichen Phänomenen festmachen. So zeigt sich Veränderung 1.) an der Oberfläche des kommunikativen Prozesses als verändertes Reden über sich selbst und die eigenen Erlebnisse bzw. als verändertes Reagieren auf das Verhalten des Gegenüber (Muntigl und Horvath 2005; Voutilainen, Peräkylä und Ruusuvuori 2011). Veränderung kann 2.) handlungstheoretisch als verändertes Handeln in vergleichbaren Situationen verstanden werden (Thomä und Kächele 2006; Scarvaglieri 2015, 2017) – ein Veränderungsbegriff, der über die aktuell repräsentierte Interaktion zwischen helfender und Hilfe suchender Person hinausgeht und auch das Verhalten im Alltag erfassen soll, so dass er vergleichsweise nahe an dem Verständnis der Praktiker*innen liegt. Aktionale wie rein sprachliche Veränderungen basieren schließlich 3.) auf veränderten psychischen Prozessen, etwa darauf, dass Ereignisse „from new angles“ (Gale 1999: ix; vgl. Scarvaglieri 2013: 281f.) gesehen werden. Zudem kommt es 4.) in Physiotherapie und Medizin zu körperlichen Veränderungen, die zum Teil unmittelbar in der Interaktion manifestiert sind und videographisch nachgewiesen werden können. Insgesamt fokussieren die Beiträge des Bands v.a. Veränderungsprozesse auf sprachlich-kommunikativer Ebene, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass diese ihrerseits mit mentalen, ggf. somatischen oder physischen Prozessen verkoppelt sind und dass das eigentliche Ziel helfender Berufe in veränderten Verhaltensformen jenseits der aktuell repräsentierten Dyade besteht. Dabei kommt innerhalb der hier konzipierten Veränderungsforschung der Identifikation und Mikroanalyse kommunikativer Praktiken, in denen sich Veränderung interaktiv realisiert, zentrale Bedeutung zu. Diese Detailanalysen kommunikativer Verfahren und ihres Bezugs zum institutionellen Zweck stellen das Zentrum der einzelnen Beiträge wie des gesamten Bandes dar, sie bilden die Basis für eine theoretische Erfassung des Phänomenbereichs wie auch für eine wissenschaftlich informierte Weiterentwicklung der Praxis helfenden Handelns und öffnen in der Verbindung von Mikroanalyse und Makroperspektive nicht zuletzt auch der Gesprächs- und Konversationsanalyse neue methodologische Perspektiven.
2. Linguistische Veränderungsforschung
Linguistische Veränderungsforschung ist ein im Entstehen begriffenes Feld, das in den letzten Jahren an Dynamik gewonnen hat, was sich an einer zunehmenden Anzahl an Publikationen in diesem Bereich zeigt zu der auch dieser Sammelband gehört (siehe auch Pawelczyk und Graf (Hrsg.) (under review)). Grundsätzlich unterscheiden sich die existierenden Studien danach, ob sie Sequenzen fokussieren, die als Indikatoren für klientenseitigen Wandel angesehen werden können (Voutilainen, Peräkylä und Ruusuvuori 2011; Pawelczyk i.d.B.), oder Handlungen der Agent*innen, die an sich in der Lage sind, Veränderungsprozesse anzustoßen (vgl. Scarvaglieri 2015, i.d.B.; Spranz-Fogasy et al. revised; Kabatnik et al. i.d.B.; Spranz-Fogasy et al. i.d.B.) bzw. sie unmittelbar realisieren (Pick und Scarvaglieri i.d.B.). Zudem werden interaktive Loci – längere interaktive Passagen wie Turns, Phasen, Sitzungen oder sitzungsübergreifende Aktivitäten (vgl. Bercelli, Rossano und Viaro 2008, 2013; Voutilainen, Rossano und Peräkylä 2018; Graf und Jautz i.d.B.; Buchholz i.d.B.) – untersucht, in denen Veränderungen zunächst ausgehandelt und dann interaktiv umgesetzt werden. Darüber hinaus werden auch vermehrt embodied practices in den Blick genommen, die – in Zusammenarbeit mit sprachlichen Praktiken, aber auch für sich alleine stehend – als veränderungsinitiierend bzw. allgemeiner, veränderungsrelevant für bestimmte helfende Formate wie Physiotherapie etabliert werden (Ortner i.d.B.). Und schließlich geht es auch darum, wessen Version bzw. Definition einer Situation oder Sachlage im Kontext von sozialer Arbeit als Ausgangpunkt für eine als notwendig eingestufte Veränderung im Sinne eines Eingreifens in z.B. Familien genommen wird (Rüegger i.d.B.).
Eine der ersten Arbeiten, die „client change“ im Titel führt, entstammt der Zusammenarbeit des Linguisten Peter Muntigl mit dem Psychotherapeuten Adam Horvath. Sie beschreiben insbesondere zwei Prozesse, die auf der Mikroebene der Interaktion zu Veränderung führen: Zum einen läßt die sprachliche Nominalisierung von problematischen Verhaltensweisen des Patienten (etwa als „this letting him down“ (Muntigl und Horvath 2005: 224)) das fragliche Verhalten als eine eigene, vom handelnden Patienten separate Entität erscheinen und etabliert damit eine mentale Distanz zu diesem Verhalten. Dies wiederum erschwere es den Patient*innen, „to attribute the negative behavior as a central part of their identity“ (Muntigl und Horvath 2005: 225). Zum anderen arbeiteten Therapeut*innen daran, „causal relations between problem behaviors“ (ebd.) zu konstruieren, welche den Ursprung der Problematik außerhalb des Patienten verorteten. Dies ermöglicht es den Patient*innen, eine veränderte Perspektive auf sich selbst und das eigene Verhalten zu gewinnen, was zu psychischer Gesundung und zum Verschwinden von Symptomen beiträgt. Mittels Mikroanalysen agentenseitigen Handelns weisen Muntigl und Horvath in ihren Analysen also auf spezifische sprachliche Verfahren hin, die grundsätzlich in der Lage sind, die Perspektive der Patient*innen zu verändern und damit hilfreiche Veränderungen psychischer und behavioraler Art anzustoßen. Als Indikator dafür, dass dies auch tatsächlich geschieht, werten die Autoren, dass die konkret untersuchte Patientin im Therapieverlauf diese sprachlichen Verfahren übernimmt (Muntigl und Horvath 2005: 226), also selbst mittels Nominalisierung und Konstruktion von kausalen Verhältnissen eine Distanz zum problematischen Verhalten etabliert.
Ähnlich sehen auch Voutilainen, Peräkylä und Ruusuvuori (2011) in ihrer einflussreichen Arbeit über „therapeutic change in interaction“ die veränderte Reaktion des Patienten auf „conclusions“ des Therapeuten – zusammenfassende Handlungen „that suggest something on the basis of the preceding discussion“ (Voutilainen, Peräkylä und Ruusuvuori 2011: 351) – als Indikator für eine Veränderung, die über eine rein sprachliche Anpassung hinausgeht und auf ein Fortschreiten der Patient*innen innerhalb der „zone of proximal development“ (ebd.: 362; vgl. Leiman und Stiles 2001) hindeutet. Graf (2011, 2015, 2019) zeigt, wie Veränderung in Coaching-Prozessen im Kontext der kommunikativen Basis-Aktivität „Co-Constructing Change“ zu einem Thema interaktiver Aushandlung und Ratifizierung zwischen Klient*in und Coach wird. Veränderung wird hier explizit thematisiert und evaluiert (im Kontext einer weiteren kommunikativen Basis-Aktivität, „Evaluating the Coaching“), so dass die Aussagen der Beteiligten zum Indikator für Veränderung sowie für den interaktiven Umgang damit gemacht werden können. Scarvaglieri (2013, 2015) identifiziert als Ausgangspunkte für hilfreiche Veränderung in der Psychotherapie u.a. die therapeutenseitige Benennung von Erlebnissen der Patient*innen, durch welche der Anschluss an gesellschaftlich etablierte Wissensbestände hergestellt und die Perspektive so verändert wird, dass andere Handlungsoptionen sichtbar werden. Zudem bezweckt das Vorgehen der Therapeut*innen das patientenseitige Verstehen der eigenen biographischen Situation, durch welches die Patient*innen dieser Situation gegenüber handlungsfähig werden (Scarvaglieri 2013). Mit dem Benennen patientenseitiger Erfahrungen wird also auch hier eine konkrete sprachliche Verhaltensweise identifiziert, die das Potential hat, hilfreiche Veränderung auszulösen. Dabei wird auch auf Theorien der kognitiven Linguistik zurückgegriffen (Scarvaglieri subm.), die in Form der Metaphernanalyse einen wichtigen Einfluss auf die qualitative Erforschung von helfenden Berufen gehabt haben (Überblick bei Tay 2013; Schmitt 2014). Dieser Ansatz schreibt der Verwendung der passenden Metaphorik bzw. dem situativ angemessenen „Wechselspiel der Sichtweisen“ (Buchholz 1998: 561) zentrale Bedeutung für Veränderung zu – indem die aktuell passende Metapher gewählt wird, gelingt es Patient*innen, neue und andere Aspekte ihres Selbst zu sehen und zu verstehen. Schmitt schildert z.B., wie in einer Supervision das Verhalten eines Beraters metaphernanalytisch als „drängende[s] ‚in-Bewegung-bringen‘“ (Schmitt 2000: 168) erkannt und daraufhin so korrigiert werden konnte, dass der Betreute mehr Eigenständigkeit und Selbstverantwortung entwickeln konnte (s. auch Buchholz u.a. 2008; Tay 2013). In der Arbeit von Bercelli, Rossano und Viaro (2013) findet sich über das Identifizieren einzelner diskursiver Praktiken, die Veränderung initiieren oder fortführen, hinaus der Aspekt der “supra-session courses of action“: die Autoren nehmen dabei eine Perspektive auf Veränderung ein, die das interaktive und thematische Zusammenspiel diskursiver Praktiken über mehrere Sitzungen untersucht. Konkret beschreiben sie den veränderungsrelevanten Zusammenhang von „enquiry“ und „elaboration“ im Kontext von „change of stance“ auf Seiten der Patient*innen. Und schließlich diskutiert die Arbeit von Voutilainen, Rossano und Peräkylä (2018) den Zusammenhang zwischen Themenentwicklung und sequenziellem Kontext, ebenfalls entlang von Therapieprozessen, als Manifestation und Emergenz von Veränderung der Patient*innen.
Mit dem vorliegenden Band werden diese Ansätze aufgegriffen und weiterentwickelt, so dass das Potential des „microanalytic sequential process design“ (Elliott 2010) ausgeschöpft werden kann. Gleichzeitig soll der ebenfalls u.a. von Elliott (2010) geäußerten Kritik entgegengetreten werden, dass gerade qualitative Untersuchungen aus der Konversations- und Gesprächsanalyse nur allgemein beschreibend die Gesprächsstruktur der Therapiesitzungen untersuchen, anstatt sich spezifisch dem Veränderungsprozess zu widmen. So stellen sich sämtliche der im Band versammelten Beiträge der Aufgabe, den Prozess helfender Interaktion im Detail zu dokumentieren und mikroanalytisch zu untersuchen. Dabei werden auch, in Ergänzung zu den oben diskutierten, bereits vorliegenden Studien, zum einen weitere sprachliche Verfahren herausgearbeitet, mit denen Agent*innen Veränderungen anstoßen oder realisieren. Zudem werden Indikatoren für Veränderungen auf Seite der Klient*innen identifiziert. Diese empirische Erweiterung des Phänomenbereichs bereitet die ausstehende theoretische Systematisierung von Veränderung in helfenden Berufen vor. Anders als etwa bei der Klassifizierung von Elliott (2010; s.o. 1)), der anhand von Methoden der Forschung kategorisiert, kann dabei jedoch das sprachliche Handeln zwischen Klient*innen und Agent*innen im Hinblick auf seinen Zusammenhang zu Veränderung erfasst und zum Ausgangspunkt der theoretischen Systematisierung werden (vgl. Pick (Hrsg.) 2017). Schließlich werden die sprachlich-interaktiven Verfahren auch vor dem Hintergrund der jeweiligen professionellen Interaktion in die professions-endemischen Theorien von Veränderung im Sinne von Peräkylä und Vehviläinens (2003) professional stocks of interaction knowledge interpretiert.
3. Aufbau des Bandes1
Den Band eröffnen zwei Beiträge, die die theoretischen Grundlagen von Veränderung in helfenden Berufen vertieft diskutieren. Ina Pick und Claudio Scarvaglieri befassen sich zunächst mit dem Begriff des sprachlichen Helfens, der für viele Arbeiten über Veränderung von Bedeutung ist. Basierend auf handlungstheoretischen Sprachtheorien legen sie ein allgemeines Konzept des Helfens vor, das sie anhand des Beratens auf sprachliches Helfen übertragen und weiterentwickeln. Anschließend zeigen sie in der Analyse von Kommunikation aus verschiedenen sozialen Bereichen (Schule, Autoverkauf, Psychotherapie), wie unterschiedliche Formen des sprachlichen Helfens empirisch realisiert werden und in welcher Relation zu klientenseitigen Veränderungsprozessen diese jeweils stehen. Im Anschluss legt Joanna Pawelczyk zunächst eine detaillierte Diskussion bestehender Ansätze der psychotherapeutischen Veränderungsforschung vor und strebt anschließend an transkriptbasiert zu zeigen, wie sich das prominente Modell der allen Therapieansätzen gemeinsamen Wirkfaktoren („common factors“, Lambert 2013) mit konkreten Interaktionsprozessen verbinden lässt. Dabei werden nicht nur methodologische und empirische Desiderata der linguistischen Veränderungsforschung identifiziert, sondern auch Wege gewiesen, auf denen diese Desiderata bearbeitet werden können.
Da die qualitative Veränderungsforschung wesentlich durch Ansätze der Therapieforschung geprägt wurde und in diesem Bereich auf vergleichsweise umfassendes methodisches und empirisches Wissen zurückgegriffen werden kann, befasst sich der empirische Teil des Bandes zunächst mit Veränderung in der Psychotherapie. Michael Buchholz argumentiert in seinem Beitrag gegen den vereinfachenden Gegensatz von medizinisch-technischen und kontextuellen Therapiemodellen und bringt „Konversation“ bzw. Konverationsanalyse als drittes, vermittelndes Element in die Diskussion. Er weist auf die Bedeutung der zwischenmenschlichen Verbindung zwischen Therapeut*in und Patient*in hin, die die Grundlage für jegliche therapeutenseitige Intervention und für die persönliche Weiterentwicklung der Patient*in bildet. Diese Verbindung wird im Anschluss an die Säuglingsforschung als „dyadic state“ gefasst, in Ausschnitten aus therapeutischen Gesprächen identifiziert und hinsichtlich ihrer Bedeutung für Veränderung als „vorausschauende Empathie“ beschrieben. Claudio Scarvaglieri befasst sich in seinem Beitrag mit Äußerungen, die auf einer solchen Verbindung zwischen Therapeut*in und Patient*in aufbauen. Interventionen, die auf Verstehen bzw. „Einsicht“ (Freud) in biographische Zusammenhänge abzielen, wird in der tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Therapietheorie traditionell sehr hohe Wirksamkeit zugeschrieben. Scarvaglieri plädiert gegen eine Verengung von Verstehen als einseitig von der Therapeut*in vermittelt und zeigt an einem Beispiel, wie sich Therapeut und Patientin gemeinsam einen verstehenden Zugriff auf die biographische Situation der Patientin erarbeiten. Dabei wird deutlich, dass es den Beteiligten nicht etwa um abstrakte rationalistische Einsichtsprozesse geht, sondern um ein Verstehen, das unmittelbar an die Lebensrealität der Patientin andockt und sie daher auch verändern kann. Susanne Kabatnik, Christoph Nikendei, Johannes C. Ehrenthal und Thomas Spranz-Fogasy befassen sich mit lösungsorientierten Fragen in psychotherapeutischen Diagnosegesprächen, also mit Fragen, bei denen es der Therapeut*in nicht allein um das Erheben der Anamnese bzw. um bestehende Probleme geht, sondern auch um die Thematisierung von Problemlösungsmöglichkeiten bzw. von Wünschen der Patient*in diesbezüglich. Die Autor*innen arbeiten in der Analyse mit dem Konzept der „Antwortoptimierung“ und zeigen exemplarisch, wie lösungsorientierte Fragen zu einer veränderten Perspektive der Patient*in auf die eigene Situation, das bestehende Problem und etwaige Lösungsmöglichkeiten beitragen können, so dass bereits im Verfahren der Diagnosestellung erste Grundsteine für spätere therapeutische Veränderungen gelegt werden können.
Die Untersuchung der Wirksamkeit von Führungskräfte-Coaching hat sich stark an Ansätzen der Psychotherapieforschung orientiert, entsprechend vergleichen Thomas Spranz-Fogasy, Eva-Maria Graf, Christoph Nikendei und Johannes C. Ehrenthal die Bedeutung von Beispiel-Nachfragen in Coaching und Therapie mit Hinblick auf Veränderung in beiden Handlungsformaten. Beispielnachfragen evozieren Darstellungen von Beispielen, die strukturelle Elemente eines allgemeineren Zusammenhangs wie auch deren Beziehungen zueinander enthalten. An Beispielen können so am konkreten Fall zentrale Probleme, alternative Betrachtungsweisen und darauf aufbauend konkrete Veränderungsmaßnahmen diskutiert werden. Unterschiede zwischen den beiden Interaktionstypen zeigen sich vor allem hinsichtlich der Bereitschaft der Patient*innen in der Therapie und Klient*innen im Coaching, über ihr subjektives Erleben zu sprechen. Patient*innen leisten zudem fast immer zunächst Widerstand bei der Bearbeitung von Beispiel-Nachfragen, während Klient*innen bereitwilliger Beispiele darstellen. Im Coaching lassen sich daher Veränderungen sehr viel schneller angehen, während in Therapiegesprächen die Therapeut*innen die Bedingung der Möglichkeit von Veränderung erst noch herstellen müssen. Die vergleichenden Analysen des spezifischen Veränderungspotentials von Beispielnachfragen leisten einen Beitrag zu einem besseren Verständnis von Veränderungskommunikation in helfenden Interaktionen, dienen aber auch dazu, interaktionstypologische Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden helping settings herauszuarbeiten.
Eva-Maria Graf und Sabine Jautz beschreiben, wie Veränderung im Coaching sprachlich thematisiert und ko-konstruiert wird. Dazu fokussieren sie die kommunikative Basis-Aktivität „Ko-Konstruieren von Veränderung“ und ihre inter- und intra-aktivitätsspezifische Ausgestaltung im Kontext eines Coaching-Prozesses im Sinne einer case study. Während die inter-aktivitätsspezifische Dimension die gegenseitige Einflussnahme der Basisaktivitäten in ihren jeweiligen kommunikativ-interaktiven Ausgestaltungen in den Blick nimmt, bezieht sich die intra-aktivitätsspezifische Dimension von ‚Ko-Konstruieren von Veränderung’ auf ihre kommunikativ-interaktive Ausgestaltung entlang der verschiedenen Sitzungen des gesamten Prozesses. Die Autorinnen zeigen im Rahmen einer „theme-oriented discourse analysis“ und „activity analysis“, die die Meso-Ebene des Coaching-Gesprächs fokussieren, auf, wie diese beiden Dimensionen entlang der Sitzungen und des gesamten Prozesses im Sinne einer Coaching-Format-spezifischen personen- und prozessorientierten Konstruktion von Veränderung zusammenwirken.
Wie erläutert, hat sich die linguistisch orientierte Veränderungsforschung bisher vorwiegend mit Psychotherapie (und seit Kurzem mit Coaching) befasst, der vorliegende Band öffnet das Feld jedoch auch für Studien aus angrenzenden Bereichen, konkret aus der Sozialen Arbeit und der Physiotherapie. Cornelia Rüegger befasst sich zunächst mit der Konstruktion eines Falls in der Sozialen Arbeit, da diese die Basis bildet für anschließende Interaktions- und Veränderungsprozesse. Sie zeigt, dass die institutionelle Ausgangssituation spezifische Erfordernisse zur Herstellung von Hilfebedürftigkeit auf Seiten der Klient*in mit sich bringt. Dies erschwert die Herstellung eines Arbeitsbündnisses (bzw. von Verbindung im Sinne von Buchholz, s.o.), was sich, wie Rüegger zeigt, auch auf die Möglichkeiten zur Herstellung von Veränderung in der Sozialen Arbeit auswirkt. Heike Ortner dokumentiert, wie in der Physiotherapie ein verändertes Bewegungswissen bzw. Bewegungsbewusstsein kommunikativ und physisch von Therapeut*in und Patient*in ko-konstruiert wird. Dabei bezieht sich Veränderung nicht allein auf motorische Sequenzen oder Bewegungsmuster, sondern, ähnlich wie in den Beiträgen zur Psychotherapie, auch auf eine veränderte Einstellung der Patient*in gegenüber der Therapie und gegenüber der eigenen biographischen Situation, konkret der persönlichen Bewegungsfähigkeit.
Die Beiträge zeigen damit, dass es das Konzept der Veränderung ermöglicht, so unterschiedlich erscheinende soziale Felder wie Psycho- und Physiotherapie, Coaching und Soziale Arbeit miteinander zu verbinden. Diese Verbindung wird in dem abschließenden Beitrag von Scarvaglieri, Graf und Spranz-Fogasy vertieft herausgearbeitet. Die Herausgeber*innen des Bandes fassen zunächst zusammen, welche Beobachtungen die einzelnen Beiträge zu Veränderung anstellen, woran sie diese empirisch festmachen und auf welchen theoretischen Positionen dies jeweils basiert. Dies ermöglicht einen systematisierenden, abstrahierenden Blick auf die gegenwärtige linguistisch orientierte Veränderungsforschung sowie die Identifikation von Desiderata des Feldes.
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Helfendes Handeln
Zum Begriff sprachlichen Helfens und seinen Implikationen für Veränderung
Ina Pick & Claudio Scarvaglieri
Abstract: This article develops a concept of helping in and through language and analyzes transcripts of helping conversations from a linguistic perspective. We understand helping in and through language as taking on (parts of) actions in the pursuit of a common goal. Such helping in and through language transpires as a communicative pre-structuring of alternatives of thinking and/or acting. Such a pre-structuring can be performed in weak (formulating or activating of knowledge), intermediate (evaluating alternatives) or strong (explicit weighting of alternatives) ways. Our analyses show that in general the ‘action complex’ of helping in and through language can be performed within different institutional constellations. However, depending on the overarching institutional constellation in which the action complex is embedded, we find varying degrees of pre-structuring alternatives (from weak to strong) as well as differences regarding the pre-structuring of alternatives of thinking versus alternatives of acting in relation to the different settings. We consider helping in and through language endemically geared towards change. Based on our analyzes, change is discussed here in two dimensions: first, change relates to the result of the action process in practice supported by the helping (inter-)actions. Second, change relates to a mental process that is initiated by helping in and through language in the person seeking help. This process is initiated before change becomes evident in practice on the action level.
Keywords: Helping in and through language; communicative action; discourse analysis; change as process; change as outcome
1. Helfendes Handeln – Eine begriffliche Annäherung
Das Konzept des Helfens ist in einer Reihe professionalisierter gesellschaftlicher Domänen – etwa Schule, Bildung, Beratung, Soziale Arbeit – von Bedeutung und gibt entsprechend auch den helfenden Berufen bzw. helfenden Professionen ihren Namen, ohne dass das spezifisch ‚Helfende‘ der so bezeichneten professionalisierten Tätigkeiten präzise bestimmt wäre. Mit diesem Artikel möchten wir zu einer Präzisierung des Begriffs institutionalisierten sprachlichen Helfens beitragen. Dazu gehen wir von einem handlungstheoretischen, prozessorientierten und interaktionalen Verständnis alltäglichen Helfens aus, das wir datenbasiert zu einer Bestimmung von sprachlichem institutionalisiertem Helfen weiterentwickeln.
Im Alltag wird ethnokategorial in Situationen von Helfen gesprochen, in denen Aktant*innen bestimmte Handlungen oder Zwischenschritte von Handlungen abgenommen werden. Dies muss nicht immer sprachlich geschehen, sondern kann auch durch nichtsprachliches Handeln vollzogen werden. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn ein Kind seine Schuhe zwar anziehen, sie aber noch nicht selbst binden kann, wenn eine verunfallte Person nicht aufstehen und sich in Sicherheit bringen kann oder wenn jemand krankheits- oder altersbedingt nicht in der Lage ist, Nahrung eigenständig zu sich zu nehmen. In all diesen Fällen übernimmt eine helfende Person eine der Teilhandlungen, bindet also etwa den Schuh zu, zieht die verunfallte Person zur Seite, führt den Löffel zum Mund. Dabei können, je nach Grad der Handlungseinschränkung, dem Hilfebedürftigen mehr oder weniger Handlungen abgenommen werden: einem Kind, das gerade dabei ist zu lernen, wie man eine Schleife bindet, muss ggf. nur beim letzten Schritt, dem Zuziehen der beiden Schlaufen, geholfen werden, während einem anderen Kind alle Teilhandlungen des Schuhebindens abgenommen werden müssen.
Zudem wird auch dann von Helfen gesprochen, wenn die hilfeempfangende Person an sich in der Lage wäre, die Handlungen selbst durchzuführen – wie etwa bei der Hilfe beim Umzug –, man sie jedoch aufgrund von Menge oder Komplexität der auszuführenden Handlungen entlastet, so dass diese schneller erledigt werden können oder physisch weniger belastend sind. Im Alltag erfolgt Helfen vielfach ohne unmittelbare Gegenleistung; dies ist besonders der Fall, wenn Eltern kleinen Kindern helfen – eine Art Urkonstellation des Helfens –, aber auch bei der sog. „Ersten Hilfe“ bei Unfallopfern, bei nachbarschaftlicher Hilfe u.ä. In modernen Gesellschaften findet sich das Helfen auch als institutionalisierte und organisierte Handlungsform, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Konstellationen mit verschiedenen Zwecksetzungen und für je spezifische Problemlagen durchgeführt wird und der dann auch Gegenleistungen eingeschrieben sind (monetäre Vergütungen, das Erreichen von institutionellen Zwecken, das Aufrechterhalten gesamtgesellschaftlicher Ziele etc.) (Luhmann 1975; Tomasello 2010: 46f.; 74; Oevermann 2013).
Dem Helfen liegt damit eine asymmetrische Grundkonstellation zugrunde (vgl. bereits Rehbein 1977: 323; Kallmeyer 2000: 241) – während die Hilfeempfangenden mit der Ausführung der Teil-Handlungen momentan oder generell überlastet sind, ist die helfende Person in der Lage, diese Handlungen durchzuführen. Helfen setzt entsprechend ein spezifisches Wissen bzw. Können auf Seite der Helfenden voraus. Die genannten Beispiele machen auch deutlich, dass Helfen unterschiedlich situiert sein kann und unterschiedliche Funktionen übernehmen kann: es kann im Sinne des Vormachens dazu dienen, die hilfeempfangende Person in die Lage zu versetzen, die entsprechenden Handlungen selbst durchzuführen (im Sinne der ‘Hilfe zur Selbsthilfe’, diskutiert u.a. bei Oevermann 2013), oder es kann als vollständiger oder teilweiser Ersatz einer Handlungsfähigkeit dienen, die zumindest kurz- oder mittelfristig nicht wiedergewonnen werden kann (etwa bei verunfallten oder dauerhaft erkrankten Personen). Wesentlich für ein gelingendes Helfen ist, dass helfende und hilfeempfangende Person das gleiche Ziel verfolgen bzw. eine geteilte Zielvorstellung diskursiv entwickeln (zum sprachlichen Helfen s.u. Kap. 2). Die Vorstellung über die mit dem Helfen anzustrebende Veränderung des gegebenen, in bestimmter Hinsicht als defizitär empfundenen Zustands kann entweder explizit ausgehandelt werden oder für bestimmte Situationen so typisch sein, dass sie von beiden Seiten vorausgesetzt wird. Beim Schuhebinden etwa ist das Ergebnis aufgrund von Handlungsroutinen vorhersehbar und muss nicht ausgehandelt werden, bei komplexeren Problemlagen gibt es dagegen meist unterschiedliche mögliche Ergebnisse, die im Hilfeprozess abgewogen werden müssen. Wie u.a. die hier analysierten Daten zeigen (u. Kap. 3), basiert Helfen auf der genuin menschlichen Fähigkeit der Perspektivenübernahme, also des zeitweisen Hineinversetzens in andere Handlungsrollen bei geteilter Aufmerksamkeit (Tomasello 2010: 64).
Die hier grundlegende Auffassung von Helfen als Übernehmen von (Teil-)Handlungen, welche die Handlungsfähigkeit der hilfeempfangenden Person überlasten würden, liegt unausgesprochen nicht nur der Ethnokategorie des Helfen zugrunde, sondern auch vielen sprach- und sozialwissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema. So spricht Oevermann (2013: 120) davon, dass helfende professionalisierte Praxis dort einsetze, „wo primäre Lebenspraxen mit ihren Krisen nicht mehr alleine fertig werden können und deren Bewältigung an eine fremde Expertise delegieren müssen“, sieht also ebenfalls das Überwinden von Handlungsproblemen durch Abnehmen von Handeln als Wesen des Helfens. Schmitt versteht „Unterstützen im Gespräch“ (1997) als das Ausführen sprachlicher Handlungen, deren Vollzug anderen Sprecher*innen nicht gelingt (s. auch Schmitt 2012), Rehbein (1977: 316-324) unterscheidet beim Unterstützen von Handlungen zwischen dem vorschlagenden Entwickeln von Handlungsalternativen, die den Hilfebedürftigen fehlen, und dem ratgebenden Bewerten von alternativen Handlungszielen, das den Hilfebedürftigen abgenommen wird (s. dazu auch Pick 2015: 74f., Pick 2017b: 446-448).
Helfen lässt sich handlungstheoretisch also allgemein als Bewältigen von Handlungen bzw. Stadien innerhalb eines Handlungsprozesses durch die helfende Person für die hilfeempfangende Person fassen. Dies erfolgt an Stellen innerhalb des Handlungsprozesses, an denen die hilfeempfangende Person überlastet ist und basiert auf der mehr oder weniger expliziten Klärung des Handlungsziels. Wie die folgenden Ausführungen zeigen, ist in der Analyse helfenden Handelns mittels Sprache über diese Bestimmung noch hinauszugehen (vgl. Graf & Spranz-Fogasy 2018). Dabei gehen wir davon aus, dass sich sprachliches und nicht-sprachliches Helfen nicht gegenüberstehen, sondern dass beide Formen kombiniert vorkommen können und sich zum Teil gegenseitig ersetzen können (auszuführende Handlungen können z.B. zunächst beschrieben, dann vom Helfenden vertretend durchgeführt werden). Insofern bewegen sich sprachliche und nicht-sprachliche Formen des Helfens innerhalb eines Kontinuums.
2. Sprachliches Helfen
Wir möchten nun das sprachliche Helfen weiter bestimmen. Dabei verstehen wir die Rolle von Sprache als Mittel des Helfens. Sprache kann auch als Objekt des Helfens gedacht werden (z.B. bei der Sprachproduktion als Unterstützen, Kokonstruktion oder Abnehmen von Formulierungen, aber auch beim Erstellenhelfen bestimmter spezifischer Textsorten wie Behördenbriefe oder beim Scaffolding etwa beim Erzählen). Wir fokussieren hier zunächst auf die Betrachtung von Sprache als Mittel des Helfens, Situationen, in denen Sprache (auch) Objekt des Helfens ist, müssen Gegenstand einer eigenen Untersuchung sein, die hier den Rahmen sprengen würde.
Als zentral für das Helfen haben wir bisher die folgenden Elemente bestimmt: Ein Einvernehmen über das zu erzielende Ergebnis und damit über die zu erreichende Veränderung als Voraussetzung, um Helfen in Gang zu setzen; eine Befähigung der Helfenden die Hilfesuchenden bei der Erreichung des Ergebnisses zu begleiten; die Übernahme von (Teil-)Handlungen durch eine helfende Person, welche die Hilfeempfangenden (momentan) nicht selbst (in derselben Geschwindigkeit/ Qualität etc.) ausführen können. Grundlegend für unsere Betrachtung des Helfens ist, dass dieses darauf abzielt, in verschiedener Weise Veränderung zu induzieren. In welcher Hinsicht das Abnehmen von welchen (Teil-)Handlungen vereinbart wird, deutet in die Richtung der angestrebten Veränderung. Wir wollen nun weiter explorieren, welche kommunikativen und mentalen Aufgaben grundlegende Strukturmerkmale des Helfens darstellen. Diese werden wir zunächst theoretisch erörtern und in der Folge anhand von Beispielen aus helfenden Interaktionen in verschiedenen institutionellen Kontexten elaborieren.
Wie unsere Analysen zeigen, ist die Handlungsstruktur des Helfens in verschiedenen Handlungskonstellationen grundlegend dieselbe, sie ist aber, je nach Einbettung des Helfens, innerhalb von Kontinuen stärker oder schwächer ausgeprägt und zeigt sich entsprechend auch in ihrer sprachlichen Realisierung unterschiedlich (vgl. Pick 2017a). Wir gehen davon aus, dass das Helfen als ein Teil von verschiedenen Handlungskomplexen auftritt, in denen jeweils unterschiedliche übergeordnete Zwecke verfolgt werden. Helfen wird zudem gemeinsam von allen Beteiligten prozedural und interaktional vollzogen (s. auch Schmitt 2012), da auch die Hilfeempfangenden interaktional beteiligt sind, u.a. indem sie Hilfebedürftigkeit anzeigen, sich helfen lassen oder Ziele klären.
Wie beschrieben gehen wir davon aus, dass das sprachliche Helfen als ein Abnehmen von (Teil-)Handlungen zu bestimmen ist. Diese Handlungen beziehen sich beim sprachlichen Helfen nicht auf praktisches Handeln, sondern auf eine mentale Vorstrukturierung des Handelns. Zur weiteren Bestimmung des sprachlichen Helfens greifen wir zunächst auf Ergebnisse zum Beraten zurück. Beratendes Helfen eignet sich als Ausgangspunkt für unsere Überlegungen vor allem deshalb, weil zu diesem Handlungstyp eine Reihe linguistischer Ergebnisse vorliegen (Überblick bei Pick 2017c) und weil das Beraten einer der zentralen Handlungstypen sprachlichen Helfens ist (Kallmeyer 2000: 236). Da sich diejenigen Merkmale des Beratens, die sich auf das Helfen beziehen lassen, auch in nicht-beratenden Formen sprachlichen Helfens wiederfinden, entwickeln wir den Begriff sprachlichen Helfens zunächst anhand des Beratens.
2.1 Vorstrukturierung mentaler Prozesse bei der Planbildung
Das Abnehmen von (Teil-)Handlungen ist der zentrale Teil des Helfens. Die helfende Person strukturiert dabei je nach Ausprägung die Handlungsplanung, Lösung von Problemen oder die Intervention zur Problemlösung in unterschiedlichem Ausmaß verbal vor, indem sie Denk- und Handlungsalternativen bewertet und gewichtet. Bezogen auf das Beraten bezieht sich diese Vorstrukturierung auf das, was klassisch als Ratgeben beschrieben wurde (Searle 1971: 104f.; Rehbein 1977: 322-325). Ratgeben kommt immer nur eingebettet in den Handlungskomplex des Beratens vor (vgl. z.B. Auer 2013: Kap. 8), ist also als Handlungskomplex nur analytisch ablösbar. Dies scheint ebenfalls für das Helfen zu gelten, das in verschiedene (nicht nur beratende) Handlungskomplexe eingebettet realisiert wird.
Beim Ratgeben (= Helfen beim Beraten) kann Handeln auf verschiedenen Ebenen abgenommen werden (Pick 2017b: 448-454). Hier müssen Bewertungsprozesse in drei Stufen (mental und verbal) vollzogen werden. Zunächst muss relevantes Wissen sprachlich aktiviert werden (sei es z.B. bezogen auf Lösungsmöglichkeiten, auf Wissensbestandteile, auf Perspektiven der Klienten1), dann muss eine Auswahl von Handlungsmöglichkeiten (Denkalternativen, Lösungsmöglichkeiten, Plänen etc.) getroffen werden, die bezogen auf die Situation der Ratsuchenden anhand von bestimmten Maßstäben (meist Expertenwissen, aber auch Erfahrung, Können) bewertet werden. Weiter kann aus dieser Auswahl eine Alternative besonders gewichtet werden. Der idealtypische Rat („Ich rate Ihnen, X zu tun“) macht bestimmte Wissens-/Erfahrungsbestände relevant, wählt aus den Alternativen A-Z verschiedene mögliche aus (X, Y, Z) und gewichtet für die Situation des Hilfesuchenden Alternative X als die am besten passende.
Bezogen auf das sprachliche Helfen leiten sich daraus die folgenden Annahmen ab: Das Abnehmen verschiedener (Teil-)Handlungen vollzieht sich beim sprachlichen Helfen entlang unterschiedlicher Grade der mentalen Vorstrukturierung (von schwach bis stark). Es können also verschiedene Denk- oder Handlungsschritte (Entscheiden, Planen) abgenommen werden, die die Ausbildung einer Lösung unterstützen. Diese Handlungen können sich auf das Einbringen/Aktivieren von Wissen (z.B. „Diesel ist billiger als Benzin“2), das Bewerten von Alternativen (z.B. „ein Dieselfahrzeug ist im Verbrauch günstiger, in der Steuer teurer und belastet die Umwelt stärker“) und das Gewichten von Denk- und Handlungsalternativen beziehen („Ich an Ihrer Stelle würde einen Benziner nehmen“). Relevant für Fragen des Helfens ist, welche Leistung den Hilfesuchenden abgenommen wird und welche Schritte diese selbst durchführen. So wird bei einer schwachen Vorstrukturierung mentaler Prozesse, bei der nur das Aktivieren von Wissen als Handlung abgenommen wird, die Bewertung und Gewichtung den Hilfesuchenden überlassen. Hier ist also ein sehr schwaches Helfen, im Sinne eines schwachen Abnehmens von Handeln, angezeigt. Entsprechend verschiebt sich das Gewicht beim stärkeren Vorstrukturieren. Die verschiedenen Grade der mentalen Vorstrukturierung von Lösungsmöglichkeiten sind damit in einem Kontinuum zwischen einer schwachen Vorstrukturierung (Aktivieren/Nennen von Wissen als Expertenwissen, Perspektivenerweiterung, Fokussierung etc.), einer mittleren Vorstrukturierung (Bewerten von Alternativen bezogen auf die Situation des Hilfesuchenden) und einer starken Vorstrukturierung (Bewerten und Gewichten von Alternativen) zu verorten. Das schwache Vorstrukturieren kann auf der sprachlichen Oberfläche dem Vorschlagen (Rehbein 1977) ähneln, ein mittlerer Grad der Vorstrukturierung zeigt Formen des Empfehlens (Becker 2015), die starke Form der Vorstrukturierung entspricht den „kanonischen Äußerungsformen“ (Kallmeyer 2000: 230) für das Ratgeben. Vor diesem Hintergrund lassen sich auch von Auer (2013: 89) als „implizit-direkte“ bezeichnete Formulierungen (ich würde X tun) als stark vorstrukturierend einstufen, obwohl sie in ihrer Form eher einem Vorschlag ähneln.
Die verschiedenen Grade der Vorstrukturierung können sich sowohl auf Lösungen im mentalen Bereich als auch auf den Handlungsbereich (sprachlich, praktisch) der Klienten beziehen. Den Klienten kann also, bezogen auf ihre Ziele, das Aktivieren bzw. Benennen von Wissen bezogen auf Denk- und Handlungsalternativen (Deutungsperspektiven, Expertenwissen, Erfahrungswissen etc.), das Bewerten oder das Gewichten dieser Alternativen abgenommen werden.
Diese verschiedenen Stufen des Abnehmens von Handeln können aber nur dann ihre Funktion als gelingendes helfendes Handeln erfüllen, wenn die helfende Person aufgrund von Asymmetrien (Wissen, Können, Erfahrung etc.) mental bereits eine Bewertung und Gewichtung von Alternativen vorgenommen hat. Das bedeutet, auch das Nennen bzw. Aktivieren von Wissen muss bereits auf die Bewertung und Gewichtung von Alternativen hin zugeschnitten sein, die den Helfenden bei einer schwachen Vorstrukturierung präsent sein müssen, auch wenn sie nicht verbalisiert werden. Von helfenden Personen vorgenommene Gewichtungen von Handlungsmöglichkeiten und damit mental oder verbal vorgenommene Vorstrukturierungen fassen wir allerdings nicht statisch, sondern als Aushandlungs- und Veränderungsprozessen unterliegend, welche in Hilfeprozessen kommunikativ bearbeitet werden müssen. Diese Bewertung und Gewichtung kann sich im Laufe des weiteren Beratungsprozesses verändern oder verschieben, muss aber ausgebildet und interaktional bearbeitet werden. Es ist davon auszugehen, dass sich verschiedene Beratungsformate u.a. dadurch unterscheiden lassen, wie stark vorstrukturierend jeweils tendeziell geholfen (beraten) wird. Nichtsdestotrotz ist zu erwarten, dass in allen Beratungsformaten in den verschiedenen Durchläufen des helfenden Handelns verschiedene Grade der Vorstrukturierung mentaler Prozesse in denselben Beratungsformaten vorkommen (vgl. unsere Analysen zum Helfen unten).
2.2 Kommunikativer Prozess: Fokus auf Ziel und/oder Lösung
Bevor eine (Teil-)Handlung von anderen Handelnden abgenommen werden kann, muss sichergestellt sein, dass das mit der abgenommenen Handlung erreichte (bzw. zu erreichende) Ergebnis im Sinne der Hilfesuchenden ist. Ein solches Ergebnis/Ziel gibt eine Lösungsrichtung vor und benötigt einen Handlungsplan, dieses zu erreichen. Beides muss beim sprachlichen Helfen ausgebildet werden. Dies kann mental geschehen und kommunikativ ausgehandelt werden.
Für das Beraten ist dieser Aushandlungs- und Bearbeitungsprozess als Merkmal des Prozessfokus beschrieben (vgl. Pick 2017b: 446-448), mit dem bestimmt werden kann, ob der Schwerpunkt in bestimmten Typen des Beratens stärker auf der Zielklärung oder stärker auf der Handlungsplanung liegt. Ziele beziehen sich auf das Resultat des Handelns, das durch das Beraten unterstützt wird, und schlagen sich in der Regel handlungspraktisch als Resultat einer Veränderung nieder. In einem Hilfeprozess kann auch die Zielbildung immer wieder neu durchlaufen werden und sich interaktional verändern. Für helfendes Handeln kann, je nach Einbettung in verschiedene Konstellationen, die Zielklärung sehr umfangreich und komplex sein. In diesen Fällen können sprachliche Hilfeprozesse auch zur Erreichung der Zielklärung selbst eingeschaltet sein (vgl. unsere Analysen unten).
Das Entwickeln von Handlungsplänen/Lösungen wird durch das Abnehmen von Teilhandlungen helfend unterstützt. Bei der interaktionalen Bearbeitung der Planbildung wird diese immer weiter konkretisiert, indem Denk-/Handlungsalternativen z.B. gemeinsam überprüft, probeweise durchgesprochen, verworfen oder verfeinert werden. Je nach Konstellation der Handlungskomplexe, in die das Helfen eingebettet ist, ist auch die Schwerpunktsetzung bei der Planbildung unterschiedlich ausgeprägt (also z.B. stärker auf ein Entwickeln von Denkalternativen wie das Verstehen von Zusammenhängen oder das Entwickeln neuer Perspektiven oder auf Handlungsalternativen ausgerichtet wie die Auswahl einer Reisealternative).
2.3 Veränderung im mentalen Bereich
Für den Hilfeprozess ist weiter zu unterscheiden, von welcher Art der Veränderung im mentalen Bereich der Hilfeempfangenden das Helfen begleitet ist und in welchen Dimensionen sich eine Veränderung vollzieht oder niederschlägt. Auch das Merkmal der mentalen Veränderung wurde am Beraten untersucht, um verschiedene Typen von Beraten zu unterscheiden. Dieses kann je nach Typ stärker auf das Umstrukturieren mentaler Prozesse (Einstellungen, Sichtweisen, Wünsche etc.) bezogen sein oder stärker auf das Erweitern von Wissensbeständen durch Experten-/Erfahrungswissen (Pick 2017b: 444-446). Beide Spielarten mentaler Veränderung sind nicht ohne einander denkbar, sowohl das Umstrukturieren mentaler Prozesse erfordert ein Wissen bzw. eine Erfahrung über Zusammenhänge zwischen mentalem und aktionalem Handeln, sowie spezifisch im therapeutischen Setting auch ein Wissen über psychische Ursache-Wirkungszusammenhänge. Ebenso geht eine Wissenserweiterung immer mit einer (zumindest rudimentären) Wissensumstrukturierung einher, weil neues Wissen in bestehendes integriert wird und damit ergänzt, erweitert oder anders sortiert werden kann. Dimensionen von Veränderung können auf mentales, verbales oder (em)praktisches Handeln gerichtet sein (vgl. oben Vorstrukturierung der Planung).
Daraus ergibt sich eine weitere Beobachtung, die uns für das Helfen bemerkenswert erscheint: Vor allem für sprachlich realisierte Hilfesituationen beziehen sich zentrale Handlungen für und von Veränderung auf mentale Prozesse bei Hilfesuchenden (Wissenserweiterung/ Wissensumstrukturierung und mentales Strukturieren von Denk-/Handlungsmöglichkeiten). Zwar ist das Eintreten einer Veränderung erst anhand ihrer Folgen, also in der Regel einer Veränderung der Wirklichkeit, ersichtlich (im veränderten Verbalisieren von Wissen, im veränderten (sprachlichen) Handeln der Hilfeempfangenden und seinen Resultaten etc.). Die Voraussetzungen dafür werden aber interaktional ausgehandelt und beinhalten in aller Regel Veränderungen im mentalen Bereich der Hilfesuchenden. Entsprechend setzt ein Veränderungsprozess bereits bei der Wissensbearbeitung der Hilfesuchenden beim Helfen an und manifestiert sich erst später als Resultat einer Veränderung in der Wirklichkeit. Veränderung ist also sowohl als eine ‘Veränderung als Prozess’ als auch als eine ‘Veränderung als Resultat’ zu betrachten.
2.4 Der Handlungskomplex „Sprachliches Helfen“
Insgesamt bestimmen wir somit das sprachliche Helfen als einen Handlungskomplex, der nach einer gemeinsamen Bestimmung des zu erreichenden Ziels für die Hilfesuchenden Handlungen, die zur Zielerreichung notwendig sind, vorstrukturiert und damit den Hilfeempfangenden eigenes mentales Handeln teilweise abnimmt. Sprachliches Helfen dient dazu, ein Handeln (praktisch, empraktisch, sprachlich) vorzubereiten und zu unterstützen, welches die Hilfeempfangenden oder die Helfenden dann weiter praktisch umsetzen, indem sie es selbst durchführen oder auch jemanden damit beauftragen. Teilweise kann dieses praktische Handeln bereits im Gespräch durchgeführt oder probeweise verbalisiert werden.
Das Vorstrukturieren mentaler Prozesse kann sich sowohl auf das Strukturieren von Denkalternativen (durch Einbringen von Expertenwissen, aber auch durch veränderte Perspektiven auf bekanntes Wissen) beziehen als auch auf das Vorstrukturieren von aktionalen (sprachlichen, praktischen) Handlungsalternativen. Je nach Schwerpunktsetzung des sprachlichen Hilfeprozesses kann das Bearbeiten von Denk- oder Handlungsalternativen einen unterschiedlichen Stellenwert einnehmen, wobei das Vorstrukturieren von Denkalternativen dem Vorstrukturieren von Handlungsalternativen in der Regel vorausgeht. Das sprachliche Helfen wird also nicht in einem Sprechakt bewerkstelligt, sondern als Handlungskomplex (vgl. zum Konzept des Handlungskomplexes Pick 2017b). Das bedeutet, dass das Helfen selbst aus bestimmten interaktional zu realisierenden Teilhandlungen besteht (die Zielbestimmung sowie verschiedene Grade der Vorstrukturierung mentaler Prozesse mit der Folge einer Veränderung im mentalen Bereich des Hilfeempfangenden). Als Handlungskomplex, der wiederum in andere Handlungskomplexe eingebettet ist, wird Helfen von uns also so konzipiert, dass unterschiedlich ausgedehnte sprachliche Hilfeprozesse in unterschiedlichen helfenden Konstellationen zu erwarten sind. Helfen wird in verschiedene (nicht nur beratende) Handlungskomplexe eingebettet realisiert.
Die folgende Abbildung stellt diese Überlegungen im Überblick zusammen. Wie bereits ausgeführt, sehen wir den Handlungskomplex Helfen als gemeinsam interaktional von allen Beteiligten hergestellt. Wir fassen in der Abbildung die übergeordneten Aufgabenbestandteile dieses Handlungskomplexes zusammen, die jeweils interaktional bearbeitet werden müssen.
Abb. 1:
Sprachlicher Handlungskomplex Helfen
3. Empirische Betrachtung des sprachlichen Helfens
Nach der Entwicklung unserer theoretischen Position zum Helfen zeigen wir in diesem Kapitel, wie unterschiedliche Formen des Helfens im Detail vollzogen werden. Dazu diskutieren wir zunächst ein Datum, in dem mehrere Stadien des Helfens nacheinander durchlaufen werden. Dies ermöglicht es, verschiedene Formen des Helfens an einem Beispiel voneinander abzugrenzen. Anschließend besprechen wir weitere Beispiele, an denen je ein spezifischer Aspekt des Helfens erkennbar wird. Die Auswahl der besprochenen Daten ermöglicht es, das Helfen in verschiedenen sprachlichen Erscheinungsformen zu zeigen und es in unterschiedlichen institutionellen Kontexten sichtbar zu machen. Beides soll unterstreichen, dass der Handlungskomplex Helfen in verschiedenen sozialen Domänen und eingebettet in unterschiedlichen Gesprächstypen vorkommen kann, es sich strukturell aber um denselben sprachlichen Handlungskomplex handelt.
Beispiel 1: Genetische Beratung
Der folgende Auszug aus einem genetischen Beratungsgespräch (aus Hartog 1996: 253-255) beginnt mit dem Einbringen von Wissen durch die Beraterin (Bf) über den biologischen Vorgang und die statistische Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Trisomie 21.1

Bf unterscheidet zwischen „Chromosomenfehlverteilung“ (Partiturfläche (PF) 6), die „bei der Samenzellbildung“ (PF 7-8) entsteht und solcher, die „bei der Eizellbildung“ (PF 8) entsteht und bewertet dieses Wissen anschließend als „müßig“ (PF 9). Damit gewichtet sie die Frage, ob es bei Ei- oder Samenzellbildung zur Fehlverteilung kommt, für das weitere Entwickeln von Denk- oder Handlungsalternativen der Klienten als nicht relevant. Ohne dass die Klienten sich an dieser Stelle dazu geäußert hätten, nimmt Bf hier also die Perspektive der hilfeempfangenden Personen ein und bewertet und gewichtet das von ihr formulierte Wissen aus deren Perspektive. Anschließend fasst Bf, konsistent zur ihrer vorherigen Bewertung („müßig“), die Fehlbildung generell als „einmalige äh Verteilungsstörung“ (PF 9) und gleichzeitig als etwas, das „bei jedem von uns“ vorkommt (PF 11). An dieser Stelle leistet Bf also eine „Wissensvermittlung über Chromosomenfehlverteilungen im allgemeinen“ (Hartog 1996: 255) und nennt – in den Kategorien sprachlichen Helfens betrachtet – ein relevantes Wissen (wonach eine Fehlverteilung keinen fassbaren Regeln folgt und ganz normal auftritt), zunächst ohne daraus Denk- oder Handlungsalternativen zu entwickeln. Gleich folgend geht sie auf die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung einer solchen Zelle ein, indem sie dies als strukturell „recht selten“ (PF 12) bezeichnet. Damit nimmt Bf eine erste Bewertung der Denkalternativen (Risiko einer Fehlbildung hoch oder niedrig) vor und strukturiert diese gleichzeitig zusätzlich. Dies geschieht zum einen schlicht durch das vermittelte Wissen (Nennen von Wissen), das es den Klienten nahelegt, die fraglichen Erkrankungen der Kinder als Ergebnis spezifischer biophysischer Prozesse in den Keimzellen der Eltern zu erfassen und über diese Erkrankungen im Zusammenhang der messbaren statistischen Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens nachzudenken. Die Wissensvermittlung strukturiert also das klientenseitige Wissen und Denken über das fragliche Problem und lässt bestimmtes Wissen relevant werden, während anderes gar nicht in den Blick kommt (etwa die Möglichkeit einer Heilung der fraglichen Erkrankungen durch göttlichen Eingriff, wie sie in einem religiös geprägten Diskurs aufkommen könnte). Zum anderen werden bestimmte Denkalternativen bereits gewichtet („müßig“) oder Alternativen bewertet, indem zu den statistischen Ausführungen entsprechende sprachliche ‘cues’ gegeben werden (z.B. „selten“ in PF 12, „nur“ in PF 11 und 12), die die spätere explizitere Gewichtung vorbereiten. In den Kategorien des Helfens, das wir grundlegend als ein Abnehmen von (Teil-)Handlungen betrachten, nimmt Bf den Klienten hier das Wählen und Nennen relevanten Wissens sowie erste Bewertungen von Denkalternativen ab. So hilft sie ihnen, ihren Denk- und Handlungsprozess so zu gestalten, dass sie ihr Ziel, eine Risikoeinschätzung und Entscheidung über das weitere Vorgehen bei der Familienplanung, erreichen können.


Im weiteren Gesprächsverlauf setzt sich die relativ schwache Vorstrukturierung von Denkalternativen der Klienten durch Nennen von Wissen zunächst weiter fort. Bis PF 22 nennt Bf das allgemeine „Risiko für jede achtundzwanzigjährige“ (PF 21) Schwangere und kontrastiert dies in PF 22-24 mit dem Risiko für das Kind eines Paares, das bereits „ein mongoloides Kind bekommen“ (PF 23-24) hat. Hier liegt die Wahrscheinlichkeit bei „ein bis zwei Prozent“ (PF 24), dass das Kind ebenfalls an Trisomie 21 erkrankt sein wird. Bf nennt also weiteres Wissen, das es den Klienten ermöglicht, weiter über die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Trisomie 21 nachzudenken. Würde Bf nun nichts weiter unternehmen, müssten die Klienten an dieser Stelle im Gespräch selbst die von Bf genannten Zahlen („jede tausendste“ vs. „ein bis zwei Prozent“) in ein Verhältnis setzen (die Wahrscheinlichkeit ist im Fall der Klienten, deren erstes Kind entsprechend behindert ist, um das 10- bis 20-fache erhöht), um Denkalternativen (hohes/niedriges Risiko) zu bewerten und dann eine Handlungsalternative als für sie relevant zu gewichten. Die Klienten reagieren jedoch nicht verbal, so dass Bf fortfährt, den Bewertungsprozess für die Klienten vorzustrukturieren (PF 24-28). Sie spricht dabei zuerst die Ursachen an, die man allerdings „nicht richtig erklären kann“ (PF 25). Hier und mit der folgenden Frage (PF 26-27) „führt die Beraterin vor, wie man mit dem professionellen Wissen deliberiert“ (Hartog 1996: 255f.). Daran anschließend geht Bf im Hilfeprozess den nächsten Schritt und nimmt eine Bewertung von Denkalternativen vor, indem sie diesen Unterschied als „etwas häufiger“ (PF 28) bezeichnet. Hartog (1996: 256) bezeichnet diese Bewertung als „bias“, den Bf in der Präsentation des Risikos hat – die bis zu 20fache Erhöhung des Risikos ist nur „etwas häufiger“. Dieser „bias“ zeigt sich aus der Perspektive des Helfens als Abnehmen einer Teilhandlung (der mentalen Entscheidung für eine Perspektive auf die Situation als mit hohem oder niedrigem Risiko behaftet), das durch Wissensasymmetrien begründet ist.
Km fokussiert in seiner Reaktion das von Bf gerade formulierte Wissen mittels „Also“ (PF 28) und rephrasiert (Bührig 1996: 284f.) die entscheidungsrelevanten Elemente dieses Wissens als „dann stehen die Chancen praktisch eins zu hundert oder zu fünfzig“ (PF 28-29). Die Beraterin reformuliert diese Angaben und überprüft deliberierend, ob die Angabe „eins zu fünfzig“ (PF 30) tatsächlich stimmt, bestätigt sie schließlich (PF 31) und zieht aus den bereits thematisierten statistischen Angaben den Umkehrschluss: „Das heißt natürlich auf der anderen Seite achtundneunzig, neunundneunzig Prozent Chance, daß es nicht wieder auftritt“ (PF 31-33). Diese an statistischen Angaben orientierte Äußerung übersetzt sie dann lebensweltlich als „weit überwiegende Chance natürlich, daß es nicht wieder auftritt“ (PF 33-34). Bereits die explizite Formulierung der statistischen Umkehrung, die im Rahmen einer reinen Vermittlung von Faktenwissen nicht nötig ist, da sie sich mathematisch von selbst versteht, deutet eine Bewertung von Denkalternativen an, welche durch die lebensweltliche Reformulierung noch verstärkt wird. Diese Verstärkung wird zum einen schlicht durch die Reformulierung erreicht, da Wissen, das mehrfach formuliert wird, als besonders bedeutsam gekennzeichnet wird, zum anderen durch die am Alltag orientierte Wortwahl sowie auch durch die Betonung der Negationspartikel „nicht“, die auch paraverbal den Aspekt des Nicht-Eintretens heraushebt. Zudem übernimmt Bf von KM den Begriff der „Chance“, der positiver konnotiert ist als „Risiko“, der Ausdruck, der bisher die Darstellung von Bf dominierte. Hier werden also Denkalternativen immer stärker vorstrukturiert bis hin zu einer Gewichtung durch B, die die Denkalternative eines geringen Risikos als plausiblere heraushebt. Damit wird also das mentale Handeln der Klienten vorstrukturiert, konkrete Handlungsoptionen sind bis zu diesem Zeitpunkt (PF 34) jedoch noch nicht angesprochen worden. Dies erfolgt erst ab PF 35 auf Nachfrage von Km, der auf die wiederholte Formulierung des statistischen Umkehrschlusses mit der Frage nach den (Handlungs-) „Möglichkeiten“ (PF 35) reagiert, um dann eine wichtige Bedingung für die anzustellende Entscheidung zu formulieren und das Ziel für die Handlungsplanung vorzugeben: „Also Kinder wollen wir auf jeden Fall weiter“ (PF 35-36). Damit gehen die Beteiligten im Hilfeprozess voran und besprechen aus dem bisher gemeinsam entwickelten Verständnis resultierende konkrete Handlungsalternativen. Mittels „also dem steht sicher nichts im Wege“ (PF 36) bekräftigt Bf ihre Gewichtung der Denkalternative „geringes Risiko“ nochmals explizit und bestätigt damit die Zielvorgabe der Klienten für die Entwicklung von Handlungsalternativen. An der Tatsache, dass die Klienten das Ziel des Hilfeprozesses etablieren und damit den Hilfeprozess zentral steuern, zeigt sich die interaktive Natur des Helfens an dieser Stelle besonders deutlich – ohne Kooperation des Hilfeempfangenden ist kein Helfen möglich. Daneben wird erkennbar dass das sprachliche Helfen zunächst ein Vorstrukturieren vor allem mentaler Prozesse beinhaltet (Denk- und Handlungsalternativen werden beim sprachlichen Helfen zunächst mental vorstrukturiert), deren Übernahme letztlich immer von den Hilfeempfangenden geleistet werden muss. Dies expliziert Bf mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit der Entscheidung, ob sie der Gewichtung von Bf folgen möchten (PF 37-38).
Wir haben in diesem Gesprächsausschnitt also bisher einen komplexen sprachlichen Hilfeprozess verfolgen können, der von schwacher bis starker mentaler Vorstrukturierung von Denkalternativen durch die helfende Person gekennzeichnet ist und der hilfeempfangenden Person so ‚Denkarbeit‘ abnimmt und vorstrukturiert. In diesem Beispiel liegt der Fokus der Veränderung im mentalen Bereich auf der Wissenserweiterung2 durch Expertenwissen, das von Bf eingebracht wird, um den Klienten das Entwickeln einer (neuen) Perspektive auf ihre Situation zu erleichtern. Wir haben gesehen, dass Bf eine bestimmte Denkalternative präferiert und diese den Klienten über ihre Bewertungen der Alternativen auch mitteilt, die letztendliche Gewichtung aber den Klienten überlässt. U.E. ist die institutionell gebundene Bewertung und Gewichtung der Fälle, wie sie Berater*innen nicht nur in diesem Beispiel vornehmen, eine zentrale Bedingung für helfendes Handeln in dieser Institution (deutlich kritischer dazu Hartog 1996: 257, 303), welches Asymmetrien in der Bewertungsfähigkeit von Alternativen (durch Wissen, Können, Erfahrungen etc.) als notwendig voraussetzt (vgl. Meer 2011). Insofern ist das Helfen hier an die spezifischen Möglichkeiten und Bedingungen der institutionellen Konstellation angepasst.
In der weiteren Folge des Gesprächs werden von Bf nun Handlungsalternativen für eine Schwangerschaft bzw. eine Bestimmung des Risikos in einer Schwangerschaft eingebracht („Fruchtwasseruntersuchung“ PF 40), die mit dem bisher beobachteten Hilfeprozess bereits vorbereitet wurden. Das weitere Transkript liegt uns nicht vor, da laut Hartog (1996: 256) eine Fruchtwasseruntersuchung als Möglichkeit aber weiter vertieft wird, gehen wir davon aus, dass sich an dieser Stelle ein weiterer Hilfeprozess, diesmal bezogen auf das Vorstrukturieren von Handlungsalternativen (vgl. Abb. 1), anbahnt. Hier zeigt sich damit, dass beim sprachlichen Helfen das Vorstrukturieren von Handlungsalternativen direkt an das Vorstrukturieren von Denkalternativen angeschlossen werden kann.
Hartog (1996: 256) bezeichnet in ihren Analysen dieses Beispiels erst das Entwickeln von Handlungsmöglichkeiten und -anleitungen ab PF 35 („Möglichkeiten“) als „Rat“ (vgl. auch ebd.: 285). Dies dürfte auch dem gängigen alltagsweltlichen Verständnis eines Rates entsprechen. Unsere Analysen bisher machen darüber hinaus deutlich, dass der Prozess sprachlichen Helfens, der letztlich jedem Rat inhärent ist, auch als ein Helfen beim Entwickeln und Gewichten von Denkalternativen rekonstruiert werden kann. Wir haben gezeigt, dass es sich hierbei strukturell um denselben Handlungskomplex handelt. Dass Denk- und Handlungsalternativen in unterschiedlichen Hilfeprozessen unterschiedlich ausgeprägt und unterschiedlich wichtig sind, werden wir an weiteren Beispielen zeigen.
Beispiel II: Kurzzeitgesprächspsychotherapie
Bevor wir zum Helfen beim Entwickeln von Handlungsalternativen kommen, möchten wir anhand eines Beispiels aus einer Kurzzeittherapie das Helfen beim Umstrukturieren mentaler Prozesse noch etwas genauer beobachten. In therapeutischen Gesprächen ist eine wesentliche Aufgabe der Therapeut*innen, Klienten dabei zu helfen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen neu bewerten und verstehen zu können (s. die Beiträge zur Psychotherapie i.d.B. sowie spezifisch zum Verstehen Scarvaglieri i.d.B.). Im dem Auszug aus der dritten Sitzung einer Gesprächspsychotherapie geht es um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der familiären Situation, in der sich die Patientin (PA) als Kind befunden hatte, und der gegenwärtigen familiären Konstellation. Der Therapeut (TH) möchte PA dabei helfen, die Parallelen zwischen beiden Situationen zu erkennen.


Der Therapeut spricht in dem Beispiel eine Reihe von Wissenselementen an, die auf eine Parallelisierung der gegenwärtigen biographischen Situation der Patientin mit ihrer Kindheit hindeuten und trägt damit zur Entwicklung von Denkalternativen über diese Situation bei. Er spricht von „Rollenverteilungen“ „in der Familie“ (PF 126), beschreibt diese Rollen kurz oder bittet die Patientin, sie selbst zu beschreiben, und formuliert als „Hintergedanken“, dass sie „irgendwó […] die Rolle heute noch“ (PF 147-148) spiele. TH arbeitet auf diese Weise an dem Wissen der Patientin über sich selbst, über charakteristische Verhaltensweisen und Beziehungsmuster und deren Entstehung. Dies beruht auf Theorien, wonach eine Kongruenz zwischen Selbstbild und Selbststruktur (Eckert 2000, Biermann-Ratjen 2006a) wesentlich ist für eine heilsame Veränderung der Patient*innen – wenn diese ihr Selbst erkennen und verstehen, werden sie in die Lage versetzt, pathogene mentale und behaviorale Strukturen einzuhegen und zu verändern. In diesem Beispiel bringt TH Wissenselemente ein, die die Patientin bei diesem Prozess unterstützen sollen, sie also auf die Spur der Identifikation von zentralen Elementen, die ihr Erleben prägen, setzen sollen. Anders als ein psychoanalytisch arbeitender Therapeut formuliert er zentrale Wissenselemente jedoch nicht selbst – er deutet ihre gegenwärtige Beziehung zum Ehemann nicht explizit als Wiederholung von Beziehungsstrukturen der Primärfamilie. Dieses Wissen deutet TH lediglich an, etwa mit „irgendwó – des is mein Hintergedanken dabei – spielen Sie die Rolle heute noch“ (PF 147-184), um auf diese Weise eine Wissenssuche bei der Patientin anzuregen. Diese soll selbst das entsprechende Wissen finden; Basis dieses Vorgehens ist zum einen die Annahme, dass eine Erkenntnis über das eigene Selbst, die man selbst gewinnt, größere therapeutische Wirksamkeit entfaltet als eine von einer anderen Person vermittelte Erkenntnis (Biermann-Ratjen 2006b), zum anderen, dass die Patient*innen selbst über den Zeitpunkt, zu dem eine Erkenntnis verbalisiert und verarbeitet werden kann, entscheiden sollten (Freud 1948: 250f.; Thomä & Kächele 2006: 311f.).
Hinsichtlich des vorgelegten Modells zum Helfen geht TH also wie folgt vor. Zunächst aktiviert er relevantes Wissen bezüglich der Eigenschaften der Klientin und ihrer Schwester (PF 114-117) und vertieft so das Themenfeld der familiären Rollenverteilungen. Damit wird dieses Thema als für die Klientin relevanter Bereich ihrer Denk- und Wissensstrukturen gesetzt. Nachdem die Klientin zunächst lediglich einzelne Wissenselemente über ihre Schwester verbalisiert, diese aber nicht in Bezug zu sich selbst stellt, konkretisiert TH das zu aktivierende Wissen und kommt auf die Rollenverteilung in der Familie zu sprechen (PF 125-134). Dazu nennt er zunächst Fachwissen („also in der Familie gibt s ja Rollenverteilungen“ (PF 126)), das er als allgemeines Wissen weiter vertieft („eine Rolle kann man nur spielen, wenn alle mitspielen“ (PF 128). Ohne abzuwarten, ob die Klientin nach diesem ersten Abnehmen der Teilhandlung – Fokussierung auf die Rollenverteilung – nun selbst weitere Denkschritte vornimmt, konkretisiert TH weiter. Er fokussiert mit „Sie ham auch ne ganz bestimmte Rolle gespielt“ (PF 128-129) weg von der allgemeinen familiären Rollenverteilung hin zur Rolle der Klientin und macht deutlich, dass er diese für besonders relevant hält. Damit stellt er der Klientin die Aufgabe, ihre eigene Rolle im Verhältnis zu den Rollen anderer Familienmitglieder zu explorieren. Mit Wissen zu ihrem Rollenverhalten in konkreten Situationen muss die Klientin diese vom TH relevant gesetzten Denkalternativen selbst füllen. Später im Gesprächsverlauf nimmt TH dann eine weitere Gewichtung der Denkalternativen vor, indem er darauf hinweist, dass er aufgrund seines Expertenwissens davon ausgeht, dass Erkenntnisse über die Rolle der Klientin in ihrer Familie auf ihre aktuelle Lebenssituation übertragen werden können („irgendwó […] spielen Sie die Rolle heute noch“ (PF 147)). Damit gewichtet er nun die Denkalternative bezogen auf die Fokussierung der eigenen Rolle als das zentrale Element, auf das die Klientin ihr Erfahrungs-/Erlebniswissen hin beleuchten soll.
Wir haben es also in diesem Gesprächsausschnitt mit einer Form sprachlichen Helfens zu tun, die sich zum einen stark auf Denkalternativen (und nicht auf Handlungsalternativen) bezieht und zum anderen ein Umstrukturieren von Klientenwissen im Fokus hat. Basierend auf ihrem Expertenwissen über psychische Ursache-Wirkungszusammenhänge können helfende Personen mental vorstrukturieren, welches Wissen für Klienten auf welche Weise relevant wird und in welchen Dimensionen eine Umstrukturierung dieses Wissens sinnvoll angestrebt werden kann. Damit nehmen sie strukturell eine Bewertung und Gewichtung von Denkalternativen vor, die sie jeweils mit fortschreitender Verbalisierung des klientenseitigen Erlebnis-/Erfahrungswissens weiter in Richtung einer Gewichtung von Denkalternativen zuspitzen. Das Helfen besteht also darin, dass Therapeut*innen bestimmte Denkalternativen für die Patient*innen aktivieren, bewerten oder gewichten, die diese dann selbst mit ihrem konkreten Wissen/Erleben in Verbindung bringen müssen (vgl. Scarvaglieri 2013: Kap. 7.3). Die von den Patient*innen verbalisierten Wissenselemente werden aktiviert und sprachlich so verarbeitet (Scarvaglieri 2013: Kap. 7.2; Scarvaglieri 2015), dass den Patient*innen bestimmte Umstrukturierungsmöglichkeiten mentaler Prozesse nahe gelegt werden (in unserem Beispiel hinsichtlich einer grundsätzliche Parallelität zwischen den Rollen in Erstfamilie und gegenwärtiger Familie), so dass Ansatzpunkte für therapeutische Veränderungsprozesse entstehen (vgl. Scarvaglieri i.d.B., subm.).
Es handelt sich in diesem Beispiel insgesamt um ein schwaches bis mittelstarkes Helfen, da zentrale Wissenselemente vom Helfenden nicht vollständig ausformuliert, sondern nur angedeutet und der Beschäftigung durch die hilfeempfangende Personen anheimgestellt werden. TH regt eine Wissenssuche an und etabliert (gewichtet) auch bereits mehrere Suchfoki. Diese werden von der Patientin zum Teil auch aufgenommen, sie formuliert vereinzelte biographische Wissenselemente, kommt aber nicht zu dem von TH angezielten Schluss über die Parallelität der aktuellen und der früheren Beziehungsstrukturen bzw. darüber, dass sich die eine Situation aus der anderen entwickelt hat. Daran, dass TH nicht auf diesem Schluss besteht, dieses Wissen, nachdem es von PA nicht entwickelt wird, nicht selbst formuliert, sondern schließlich einen von PA initiierten Themenwechsel akzeptiert, zeigt sich, dass in der Gesprächstherapie generell ein eher schwaches Helfen vorliegt, bei dem von Therapeutenseite zwar Wissenselemente formuliert und in ihrer Relevanz für PA auch bewertet werden. Die weitergehende Bewertung, Gewichtung, Ergänzung und Verarbeitung von Wissen aber bleiben zu großen Teilen den Patient*innen überlassen. Dies ist funktional, weil die Gesprächspsychotherapie eine Persönlichkeitsumstrukturierung (im Sinne der angesprochenen Kongruenz zwischen Selbstbild und Selbststruktur) und damit eine vergleichsweise weitgehende Veränderung anstrebt, welche von außen zwar angeregt, letztlich aber nur von der Klient*in selbst vollzogen werden kann. Hier zeigt sich damit noch deutlicher, dass sprachliche Hilfeprozesse, egal ob sie auf Denk- oder Handlungsalternativen abzielen, lediglich in einem Abnehmen (durch Vorstrukturieren) mentaler Teilhandlungen bestehen. Diese mentalen Handlungen aber müssen von den hilfeempfangenden Personen übernommen und somit auch selbst nachvollzogen werden. Dies kann – anders als beim praktischen Helfen (z.B. Schuhebinden) – nicht von der helfenden Person übernommen werden. Hier zeigt sich damit erneut (s. Beispiel der genetischen Beratung), dass das Helfen in eine je spezifische Konstellation eingebunden ist und an institutionelle Zwecke angepasst realisiert wird.
Nachdem wir das Vorstrukturieren von Denkalternativen nun an zwei verschiedenen Beispielen mit stärkerer Fokussierung auf Wissenserweiterung (genetische Beratung) und stärkerer Fokussierung auf Wissensumstrukturierung (Kurzzeittherapie) untersucht haben, möchten wir nun ein Beispiel aus einem verkaufenden Gesprächstyp untersuchen, das auf die mentale Vorstrukturierung von Handlungsalternativen ausgerichtet ist.
Beispiel III: Verkaufsgespräch beim Autohändler


In diesem Verkaufsgespräch1 in einem Autohaus spricht der Verkäufer eine Reihe von Faktoren an, die er bei der Entscheidung für ein bestimmtes Modell für relevant hält. Indem er diese Kriterien nennt, strukturiert er das Handlungsfeld der Klienten vor und hilft ihnen, bei der Entscheidung für ein Modell. Das Transkript setzt mit der Thematisierung des „Verbrauch[s]“ (PF 1) ein, der für die Klientin eine hohe Bedeutung hat, da sie „in der Woche so vierhundert Kilometer […] jobtechnisch“ (PF 2-3) unterwegs ist. Der Berater bewertet das Fahrzeug-Modell „Mini One“ als „vom Verbrauch her […] mehr als ausreichend“ (PF 5-6). Daraufhin spricht er mit dem „Grundpreis“ (PF 7), dem Motortyp („Diesel“ (PF 6)) und der Geschwindigkeit bzw. Beschleunigung („spritziger“ (PF 8)) drei weitere Faktoren an, die den Autokauf beeinflussen können und in den kommenden Passagen weiter verhandelt werden. Bezogen auf das Helfen ist hier relevant, dass V Handlungsalternativen anhand von Kriterien bewertet, nicht aber explizit eine der Alternativen (Benziner oder Diesel) gewichtet. Durch das Nennen von Kriterieren strukturiert er den Entscheidungsprozess für die Kundin zu einem bestimmten Grad vor, die letztendliche Gewichtung der Alternativen und damit die Wahl eines bestimmten Modells, die im Prinzip in ein praktisches Kaufhandeln münden würde, aber überlässt er der Kundin. Dass dieses Gewichten der Kundin überlassen bleibt und diese es auch vornimmt, zeigt sich, als die Kundin eine gängige Maxime (Ehlich & Rehbein 1977: 58-65) formuliert, wonach es „wenn man viel fährt, eher schlauer [ist] n Diesel zu kaufen“ (PF 14) und damit das Gewichten anhand des Kriteriums Kilometerleistung probeweise durchführt. Diese Maxime wird mittels „also“ als eine Schlussfolgerung formuliert, für die KF die Bestätigung des Verkäufers sucht. Dieser bestreitet die Gültigkeit der Maxime („Nein“ PF 14) und führt als Begründung an, dass, anders als „früher“ (PF 14) Diesel nur noch „zehn Cent“ billiger sei „wie Benzin“ (PF 15-16). Darauf schließt er mit „auf der andern Seite“ diesem Aspekt widersprechendes Wissen an, wonach Diesel-Motoren einen „circa zwei drei Liter günstigeren Verbrauch“ (PF 17) aufweisen, was allerdings wiederum „gegen die paar tausend Euro Mehrkosten“ (PF 18) bei der Anschaffung des Diesels gegengerechnet werden müsse. Damit weist er zwar den Schluss der Kundin zurück, ein bestimmtes Kriterium als kaufentscheidend zu gewichten, nimmt selbst aber keine eigene Gewichtung vor, sondern nennt zusätzliche Kriterien.
Es handelt sich hier also um ein Helfen, das die Klientin mit einem klaren Ziel initiiert, und bei dem der Agent eine Reihe von Faktoren nennt, die die Entscheidung der Klientin über die ihr zur Verfügung stehenden Optionen, dieses Ziel zu erreichen, beeinflussen können. Damit strukturiert er zum einen vor, in welchen Dimensionen die Klientin über ihre Handlungsoptionen denkt (so gibt er der Frage der Ausstattung im Gespräch eine höhere Bedeutung als die Klientin ihr ursprünglich zuzumessen scheint), auf welchen Aspekten sie also eine etwaige Entscheidung aufbaut. Zudem bewertet er einige der Faktoren auch eindeutig, misst etwa den Treibstoffkosten geringere, dem Anschaffungspreis und der Ausstattung höhere Bedeutung zu. Hier handelt es sich somit um eine mittlere Vorstrukturierung der Handlungsalternativen, die durch das Bewerten von Alternativen ohne deren Gewichtung realisiert wird. Eine Gewichtung und damit Entscheidung für ein bestimmtes Modell wird der Kundin überlassen. Diese wird mit mehrfachem Verweis auf die Möglichkeit einer „Probefahrt“ (u.a. PF 52) sowie durch Übergabe von „Katalog“ (PF 190) und „Kärtchen“ (PF 191) auf einen anderen Zeitpunkt verschoben.
Hier kann nicht ausführlich diskutiert werden, dass der Verkäufer die weit überwiegenden Kriterien für eine der Alternativen (Benziner) nennt, damit also etwas in Richtung eines Gewichtens dieser Alternative geht. Zudem setzt er die Möglichkeit der Zusatzausstattung relevant, die die Kundin von der gesparten Differenz des Preises zu einem Dieselfahrzeug kaufen könnte. Hier liegt es offenbar in seinem Interesse als Verkäufer, dass die Kundin gar nicht erst die Handlungsalternative, nur einen Benziner (ohne weitere Ausstattung) zu kaufen und so einfach weniger Geld auszugeben als vorgesehen, in Erwägung zieht. Es wird erneut deutlich, dass und wie das Helfen jeweils von der Konstellation, in der es verwendet wird, geprägt ist. Diese bedingt in diesem Beispiel, dass der Verkäufer seine Interessen bei der Bewertung von Alternativen einfließen lässt2, ohne dass strukturell aus dem rekonstruierten Handlungskomplex ausgebrochen würde.
Beispiel IV: Lernberatung in der Schule
Ein Helfen, das Handlungsalternativen der Klienten vorstrukturiert, findet sich auch in der sog. „Lernberatung“. Beispiel IV wollen wir als sehr starkes Vorstrukturieren diskutieren und auch hier zeigen, wie der Handlungskomplex helfenden Handelns in seine jeweiligen institutionellen Konstellationen eingepasst wird. Dabei ist nun allerdings ein Grenzfall des Helfens zu beobachten, weil der Schüler sich einer Unterordnung unter institutionelle Ziele zunächst verweigert und eine Zielbestimmung nur zustande kommt, weil sie institutionell gesetzt ist.



Die Daten (aus Fischbach 2015: 62-65) zeigen zunächst, dass bereits der Einstieg in den Hilfeprozess von der Agentin L2w geleistet wird, indem sie das Fach „Englisch“ (PF 1) als relevantes Thema setzt und Stellungnahmen des Klienten zu diesem Thema elizitiert (PF 3-10). Die Agentin übernimmt auch im Folgenden den aktiven Part, der Schüler äußert sich nur gelegentlich und auf spezifische Fragen der Lehrerin hin. Dabei macht er deutlich, dass er seine Englischkenntnisse zwar als gering einschätzt (PF 5-6), dies aber nicht als Problem ansieht („ich möcht aber nicht Englisch sprechen“ (PF 8). Auf Seiten des Klienten liegt also kein Problem vor, die Handlungsziele von Agentin, die an den Englischkenntnissen des Schülers arbeiten möchte, und Klient stimmen nicht überein. Hiermit wird ein fundamentaler Zielkonflikt deutlich, der einen anschließenden Hilfeprozess an sich unterbinden würde: Ist das mit der Hilfe zu erreichende Ziel nicht im Sinne der Hilfeempfangenden, wäre ein Abnehmen von Handeln durch eine helfende Person kein Helfen mehr (sondern eine Manipulation ö.ä.). Dies bedingt, dass L2w zunächst eine Sequenz zur Zielentwicklung einschaltet. Dies geschieht hier mittels einer Frage, die letztlich eine positive Bewertung des Ziels elizitiert und damit das Ziel nicht grundlegend zur Diskussion stellt („hast du denn eine Idee, wofür das gut sein kann“). Die Frage nach der Bewertung versucht die Sinnhaftigkeit ihres Ziels auch S1m zugänglich zu machen. Dieser kooperiert und nennt ein positives Kriterium, das von L2w in der Folge weiter mit den relevanten Inhalten (sprechen und verstanden werden in einem anderen Land) komplettiert wird (PF 10-12).
Hier liegt eine Vorstrukturierung von Denkalternativen vor, die sich jedoch noch nicht auf das Thema der Englischkompetenzen bezieht, sondern S1m zunächst helfen soll, die institutionelle Zielsetzung zu übernehmen, also die Denkalternative „Englisch sprechen und verstehen ist mein Ziel“ als relevant zu gewichten. Dazu elizitiert L2w eine positive Bewertung von S1m für ein Ziel, welches sie vorgibt, und beteiligt ihn so nur vermeintlich an der Zielentwicklung. Die Zielentwicklung scheint an dieser Stelle abgeschlossen, ob S1m die Zielsetzung aber für sich übernimmt und den folgenden Hilfeprozess damit legitimiert, wird nicht vollständig deutlich, hat aber auf das weitere Handeln kaum Einfluss, da das Ziel, aktive wie passive Englischkompetenzen zu erwerben, durch die Institution Schule gesetzt ist, so dass Handlungsziele für die Agenten etabliert werden, welche die individuellen Ziele oder Wünschen der Klienten überlagern.
Dieses Ziel voraussetzend geht L2w nun auf die Verstehenskompetenzen ein und etabliert damit ein weiteres mit dem Sprechen des Englischen verwandtes Thema. Nachdem S1m Defizite zugibt („Nö, gar nichts fast“, PF 13-14), setzt der Hilfeprozess von L2w ein, welcher sich nun darauf bezieht, S1m bei dem vermeintlich gemeinsam gesetzten Ziel, Englisch sprechen zu können, zu unterstützen. L2w setzt zunächst mit einem Vorstrukturieren von Denkalternativen ein, die S dazu befähigen sollen, zu erkennen, dass er mehr (verstehen) kann als er annimmt. Dies bewerkstelligt sie, indem sie eine konkrete Situation aus dem Unterricht im Gespräch präsent macht und Wissen von S1m dazu elizitiert („hast du verstanden, was Roland gesagt hat?“ (PF 17-18)). Nachdem S1m bestätigt, dass er in der konkreten Situation seinen Mitschüler verstanden hat und damit das für das Entwickeln von Denkalternativen relevante Wissen (S1m konnte in einer Einzelsituation etwas verstehen) genannt ist, könnte L2w den Schüler nun selbst weitere Schlüsse ziehen lassen (Denkalternativen bewerten und gewichten). L2w nimmt allerdings eine weitere Vorstrukturierung vor, indem sie zunächst mit „siehst du?“ (PF 18) anzeigt, dass weitere Implikationen aus der elizitierten Einzelsituation abzuleiten sind. Diese expliziert sie dann prompt und verallgemeinert das Können von S1m in der Einzelsituation zunächst auf „du verstehst schon richtig viel“ bis zu „mehr […], als du im Moment glaubst“ (PF 19-20). Damit gewichtet sie also die Denkalternativen des Schülers „ich verstehe gar nichts“ vs. „ich verstehe mehr, als ich glaube“ explizit in Richtung der letztgenannten Alternative. Dieser Gewichtung von Denkalternativen liegt die nicht explizit gemachte Annahme zugrunde, dass verstehen können wichtig ist, um sprechen zu können.
Daran anschließend kommt L2w zum ursprünglichen Thema, dem Sprechen, zurück. Nachdem sie das Wissen des Schülers über sich und seine Verstehenskompetenzen umstrukturieren geholfen hat (ob S1m ihrer Gewichtung folgt, bleibt offen), geht sie sogleich über zum Entwickeln eines Handlungsplans, bei dem sie ebenfalls durch Vorstrukturierung unterstützt. In PF 20-21 fordert sie (formuliert als Wunsch) ein Verhalten des Klienten („ich würd mir wünschen, dass du auch versuchst, das selber zu sprechen“) und gewichtet damit mögliche Handlungsalternativen zur Erreichung des Ziels Englisch sprechen. Sie selbst nimmt also mental eine Auswahl, Bewertung und Gewichtung möglicher Handlungsalternativen, die S zu seinem Ziel führen können, vor und präsentiert verbal lediglich das Ergebnis dieser Erwägungen.
L2w beginnt dann, den von ihr präferierten Plan zu begründen („weil“ (PF 19)) und verbalisiert eine Reihe von Wissenselementen, die auf eine Umstrukturierung mentaler Prozesse bei S1m abzielen und damit letztlich seinen Handlungsprozess vorstrukturieren sollen: Sein Verstehen des Englischen, das bereits als Ressource etabliert wurde und hier als Begründung für ein Sprechenkönnen angeführt wird, und ein Normalisieren („es is überhaupt kein Problem“ (PF 24)) seiner Schwierigkeiten (beim Sprechen) und präsentiert sogleich die von ihr präferierte Lösung („dann kannst du immer fragen“1 (PF 25)). Damit gewichtet sie in sehr schneller Folge Wissenselemente, die S1m dabei unterstützen können, seine Perspektive auf sein Handeln umzustrukturieren, also zum einen zu erkennen, dass er bereits einiges beherrscht (Verstehen) und dass die mangelnden produktiven Fähigkeiten nicht per se problematisch, sondern erklärbar sind. Zudem bietet sie die Möglichkeit an, auch bei Unsicherheit und Problemen um Hilfe zu bitten. Damit macht sie bereits konkrete Vorschläge für eine Umsetzung der von ihr präferierten Handlungsalternative des Sprechens. Ob S1m diese Denkalternativen, die letztlich seine Perspektive auf sich selbst umstrukturieren sollen, allerdings übernehmen kann, bleibt hier offen (aufgrund der Geschwindigkeit, mit der diese Gewichtungen eingebracht werden, erscheint es uns eher fraglich). L2w fährt dennoch mit der Handlungsplanung für S1m fort, indem sie eine Handlungsalternative konkret gewichtet (das Melden in dafür vorgesehenen Situationen): „Wolln wir versuchen, ob du dich im Klassenenglisch, […] dass du ähm versucht, dich zu melden?“ (PF 25-27). Dieser Handlungsplan wird als „Versuch“ in Frageform verbalisiert, allerdings bleibt dem Schüler in der gegebenen Situation – Gespräch mit zwei Lehrerinnen, deren Beurteilung für ihn versetzungsrelevant ist – kaum die Option, diesen Wunsch abzulehnen (dies sicher auch, weil die vorgeschlagene Handlung, sich am Unterricht zu beteiligen, in diesem Zusammenhang weder ungewöhnlich noch besonders schwierig ist). Der Schüler stimmt einsilbig zu („Jā“ (PF 24)), ohne diese Zustimmung weiter auszuführen und damit eine eigene Handlungsmotivation erkennen zu lassen (vgl. Scarvaglieri 2017). Nach dieser Reaktion konkretisiert die Lehrerin ihren Vorschlag zu einem Handlungsplan, wonach der Schüler „einmal in der Stunde“ versucht, „sich zu melden“ (PF 28-30). Auch hier wird die Zustimmung des Klienten eingeholt („Ja? Wär das ne Vereinbarung?“ (PF 31)), diese erfolgt erneut einsilbig („Jā“) und Fischbach zufolge „sehr widerstrebend“ (2015: 65). Auch hier wird deutlich, dass L2w an die Grenzen des Helfens stößt: Beim sprachlichen Helfen muss die Gewichtung von Denk- und Handlungsalternativen vom Hilfeempfangenden schließlich übernommen werden, ein tatsächliches Abnehmen dieser Handlung durch den Helfenden, wie es hier vollzogen wird, ist nicht möglich. Dies gilt v.a. in Konstellationen, in denen, wie in diesem Beispiel, die Lösung im Einflussbereich der Hilfesuchenden liegt (Lösungsradius, vgl. Pick 2017: 454f.).
Es handelt sich hier also um ein Helfen, bei dem die helfende Person das Problem (schlechte Englischkenntnisse) und das Ziel (häufiger Englisch sprechen) identifiziert, in wenigen Schritten eine Umstrukturierung mentaler Prozesse und einen Handlungsplan zum Erreichen dieses Ziels entwirft und versucht, die hilfeempfangende Person zur Einhaltung dieses Plans zu verpflichten – letzteres, indem das Einverständnis eingeholt und dieser Plan schriftlich fixiert wird (PF 32-33). Das Handlungsfeld des hilfeempfangenden Klienten wird also sehr stark vorstrukturiert. Das Vorstrukturieren von Denk- und Handlungsalternative zeigt sich dabei als verkürztes Nennen von einer bereits durch L gewichteten Alternative und als Verbalisierung eines „fertigen“ Handlungsplans, der sich zudem auf ein Ziel bezieht, das S1m nicht oder nur widerwillig übernimmt.2
Damit ist unseres Erachtens ein Grenzfall des (aufgedrängten) Helfens erreicht, der sich allein vor dem institutionell gesetzten Hintergrund noch als Helfen bezeichnen lässt, da eine erhöhte Unterrichtsbeteiligung zu besseren Sprachkenntnissen und v.a. einer entsprechend verbesserten Bewertung des Schülers beitragen und damit auch seinen Interessen entsprechen kann.
4. Zusammenfassende Betrachtung: Helfen und Veränderung
Wir haben in diesem Beitrag helfendes Handeln als einen Handlungskomplex rekonstruiert, der in sehr unterschiedliche andere Handlungskomplexe eingebettet werden kann. Helfendes Handeln haben wir als Abnehmen von (Teil-)Handlungen konzipiert. Sprachliches Helfen ließ sich auf dieser Basis bestimmen als das Vorstrukturieren von Denk- und Handlungsalternativen bei der Handlungsplanung, die durch das helfende Handeln konkretisiert wird. Dieses Vorstrukturieren von Denk- und Handlungsalternativen kann unterschiedlich stark vorgenommen werden und beinhaltet dann je auf Denk- oder Handlungsalternativen bezogen ein Aktivieren bzw. Nennen von Wissen (schwache Vorstrukturierung), ein Bewerten von Alternativen basierend auf Bewertungskriterien bzw. Maßstäben (mittlere Vorstrukturierung) oder ein Gewichten von Alternativen (starke Vorstrukturierung). Voraussetzung dazu ist eine gemeinsame Zielvorstellung, die entweder vorgegeben (konstellationsabhängig ‚typisch‘) ist oder ausgehandelt wird. Diese Zielvorstellung kann während eines Hilfeprozesses, in dem in der Regel der Handlungskomplex des Helfens mehrfach ganz oder teilweise durchlaufen wird, immer wieder verändert oder neu ausgehandelt werden. Auch zur Entwicklung einer Zielvorstellung kann der Handlungskomplex Helfen eingesetzt werden, was in verschiedenen Gesprächstypen einen großen Stellenwert einnehmen kann (vgl. das Merkmal Prozessfokus, Pick 2017: 446-448). Das Helfen kann der Überwindung eines konkreten Handlungswiderstandes (z.B. dem Finden einer Entscheidung) dienen, aber auch mit dem Ziel eingesetzt werden, Hilfeempfangende dazu zu befähigen, das Nennen, Bewerten und Gewichten von Denk- und Handlungsalternativen künftig selbst vorzunehmen (vgl. Oevermann 2013). Dies geschieht zum einen, weil ihnen beim sprachlichen Helfen schrittweise gezeigt wird, wie man Wissen und Bewertungen bezogen auf Alternativen deliberiert. Zum anderen müssen Hilfeempfangende die von Helfenden vorgenommenen Vorstrukturierungen selbst nachvollziehen und mental integrieren. Dies ist immer dann besonders relevant, wenn eine Lösung (also die praktische Umsetzung des Handlungsplans) nicht im Einflussbereich des Helfenden liegt.
Grundlegend für das sprachliche Helfen ist, dass es als interaktionaler Prozess von (typischerweise) zwei Parteien konzipiert ist, die den Prozess beide mitbestimmen und verschiedene interaktionale Aufgaben übernehmen. Dieser Prozess ist durch Asymmetrien hinsichtlich Wissen, Können und persönlicher Erfahrungen der Beteiligten gekennzeichnet. Diese Asymmetrie muss für das Helfen eingesetzt werden, indem von Helfenden zumindest mental und probeweise Gewichtungen vorgenommen werden. Die zugrundeliegenden Asymmetrien sind allerdings nicht statisch, sondern können mit den Hilfeempfangenden interaktional ausgehandelt, verändert, probeweise durchgespielt oder auch verworfen werden. Zudem müssen Ziele gemeinsam interaktional geklärt werden, es muss der Handlungskomplex übereinstimmend in Gang gesetzt werden und es muss gemeinsam geklärt werden, welche Teilhandlungen übernommen werden sollen.
Wir gehen davon aus, dass (sprachliches) Helfen grundsätzlich darauf ausgerichtet ist, Veränderung anzustoßen oder herzustellen. Wir haben es dabei mit einer Veränderung in mindestens zwei Dimensionen zu tun: Zum einen steht am Ende des Handlungsprozesses, der durch das Helfen unterstützt wurde bzw. in den das Helfen eingebettet ist, eine Veränderung (Resultat). Diese manifestiert sich in einer (praktischen oder verbalen) Handlung (Autokauf, Kündigung etc.), die die Veränderung konkret herbeiführt, oder in einem (generell) veränderten Handeln in wiederkehrenden Situationen (Schuhbinden z.B.). Beides resultiert aus einem Planungsprozess, der in der Regel Denk- und Handlungsalternativen bewertet und gewichtet. Zum anderen ist eine Veränderung im mentalen Bereich der Hilfeempfangenden eine zentrale Dimension der beim sprachlichen Helfen angestrebten Form von Veränderung. Hier setzt eine Veränderung (lange) vor dem konkreten handlungspraktischen Resultat ein. Sie manifestiert sich in einem kommunikativen Prozess von je unterschiedlicher Dauer und Intensität, der durch Schleifen, in denen verschiedene Denk- und Handlungsalternativen durchgespielt, verworfen, umgewertet etc. werden, gekennzeichnet sein kann. Veränderung kann beim Helfen also sowohl in einem materialen, aktionalen Handlungs-Resultat als auch in einem mentalen Prozess bestehen.
Wir haben sprachliches Helfen als einen Handlungskomplex untersucht und verstehen unseren Beitrag damit auch als theoretischen und methodischen Impuls für die Untersuchung von sprachlichem Handeln. Mit dem Fokus auf Handlungskomplexe legen wir weder einzelne Sprechakte oder Äußerungen noch Gattungen oder Gesprächstypen als Untersuchungseinheiten zugrunde, sondern verstehen Handlungskomplexe als zusammengesetzt aus Einheiten funktional aufeinander bezogenen interaktionalen Handelns, die verschieden expandiert und in verschiedenen (institutionellen) Konstellationen verwendet werden können (vgl. Pick 2017a: 32-35). Wir haben in unserem Beitrag helfendes Handeln als einen solchen sprachlichen Handlungskomplex rekonstruiert, der in sehr unterschiedliche andere Handlungskomplexe und Gesprächstypen eingebettet sein kann. Diese Einbettung bedingt, dass das Helfen entsprechend der Konstellationen und deren (institutioneller) Bedingungen verschieden ausgeprägt ist, es aber dennoch grundlegend als derselbe sprachliche Handlungskomplex realisiert wird. Damit haben wir auch versucht, den Blick auf sprachliches Handeln etwas zu öffnen und ihn von einzelnen Konstellationen, Gesprächstypen oder Gattungen zu lösen. So hoffen wir, gerade durch das Vergleichen und Kontrastieren den Kern des Handlungskomplexes in seiner Beschreibung und Bestimmung deutlicher werden zu lassen, als das bei Betrachtung eines einzelnen gesellschaftlichen Handlungsfelds möglich gewesen wäre. In dieser Hinsicht möchten wir mit unserem Beitrag das Feld für weitere Forschung öffnen, die helfendes Handeln in verschiedensten Konstellationen empirisch untersucht, unseren Vorschlag für einen Begriff sprachlichen Helfens auf weitere Beispiele anwendet, kritisch überprüft und weiterentwickelt.
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Transkriptionskonventionen (nach HIAT, Rehbein u.a. 2004)
Äußerungsendzeichen

Zeichen für tonale Bewegungen

Pausenzeichen

Zeichen für intrasegmentale Phänomene und sonstige Zeichen

Client change in psychotherapy
Methodological challenges and analytical affordances of discourse analysis
Joanna Pawelczyk
Abstract: The issue of client change in psychotherapy is vital for every therapy approach. Yet, at the same time, the research conducted both from clinical quantitative and qualitative perspectives demonstrates the complexity of not only what client change is, but also of how it should be examined. This paper problematizes the very concept of ‘client change’ as this problematization has critical methodological implications for the research. For example, one of the essential questions to be considered is whose perspective we should adopt as researchers in examining client change.
Quantitative clinical studies have identified a number of factors that contribute to the effectiveness of psychotherapy (Norcross 2011), yet as Silberschatz (2015: 1) has recently claimed: “little progress has been made in elucidating mechanisms of change”. Little is also known about the interactional process(es) leading to client change. This paper focuses on qualitative approaches to examining client change in psychotherapy.
Discourse analysis as a qualitative methodology used to investigate language use in context, has the tools to examine the process of client change. Thus it can be complementary to the main empirical psychotherapy research (Elliott 2012). This paper demonstrates how the clinical and discourse analytic perspectives can be combined in researching client change in two ways. Firstly, discourse analysis can evidence how the postulated mechanisms of change are actually accomplished in an interaction between the psychotherapist and the client. Secondly, based on the concept of common factors in psychotherapy (Lambert 2013a), the paper proposes common interactional strategies in psychotherapy fundamental to promoting client change.
Keywords: client change, discourse analysis, conversation analysis, common factors in psychotherapy, common interactional strategies
Introduction
Siri Hustvedt, a well-known American novelist, in her collection of essays entitled “A woman looking at men looking at women. Essays on art, sex, and the mind” makes a reference to her own therapy and change she has experienced as a result of it:
For six years I have been in psychoanalytically based psychotherapy twice a week, and I have been changed by it. How this has happened remains mysterious. I could tell you a story now, one different from the story I arrived with on that first day, but the dynamics of how one story supplanted another, how talk, often repetitious, circling, speculative, even nonsensical, has achieved a shift in me, I couldn’t explain to you with any precision. I know this: I feel freer. I feel freer in my life and in my art, and those two are finally inseparable (Hustvedt 2016: 118).
The reference to the near impossibility of explicating change coming from such a sharp thinker and observer of human life as Hustvedt herself, already points to the complexity of capturing how client/patient1 change occurs. Still, Hustvedt talks about one story replacing the other as a testimony to the experienced change and thus feeling liberated. Yet the trajectory of getting from one life narrative to the other cannot be easily identified.
Watzlawick et al. (1974: 2) challenge the commonsensical opposition between change and persistence and put forward the following seemingly paradoxical assumption:
…persistence and change need to be considered together in spite of their apparently opposite nature. This is not an abstruse idea, but a specific instance of the general principle that all perception and thought is relative, operating by comparison and contrast.
Watzlawick et al.’s (1974) claim seems to be of vital relevance to the clients’ work in psychotherapy where their progression, although assumed to be incremental thus moving directly from point A to point Z, typically takes on a more uneven trajectory (see Lambert 2013b). Thus, as it is often claimed by clients, they take – in their view – one step forward toward improvement and then two steps backward. Furthermore, as Watzlawick et al. (1974) imply, whether something or somebody has in fact changed is very much contingent on the position from which the assessment is made.
Referring now to research on client change, Elliott (2012) – one of the key scholars researching client change – comments on the ‘rigidity’ of looking into, i.e. investigating, client change. He refers to the traditional “mode of understanding” in change process research (CPR) as realist relying on such metaphors as “‘change mechanisms’ (change process as machine) and ‘effective ingredients’ (a pharmaceutical metaphor)” (2012: 69). This in turn implies that there should be a recipe-like procedure to be followed if psychotherapists want to achieve a change of some sort in their clients despite, among others, clients bringing very different issues to therapy and numerous diverging approaches to doing psychotherapy.
The three views presented above point to a very complex picture of what client change is and what it might entail, its highly contingent character (Watzlawick et al. 1974), as well as the challenges in tracking it down both from the patient’s (Hustvedt 2016) as well as the researcher’s perspective (Elliott 2012).
In what follows the main trends in qualitative research on client change are presented, highlighting its methodological complexity. Next, the key tenets of conversation analysis as one of the approaches to discursive engagement with (therapeutic) data as well as the emerging conversation analytic research on client change are discussed. This is followed by the analytical section on the use of discourse analytic approaches in investigating client change. The focus of this section is on common factors in psychotherapy (Lambert 2013a) and common interactional strategies of co-construction and re-construction in promoting client change.
Problematizing client change and research on client change
Psychotherapy as a longitudinal process is geared to facilitate change that should ideally increase the clients’ contact with their problematic emotional experiences and parts of the self, and to increase their self-reflexive abilities (Rennie 1992; Norcross and Goldfried 2005; Leiman 2012; Voutilainen and Peräkylä forthcoming). The promise of change for the better is why clients embark on the therapeutic trajectory and from the clinical viewpoint client change is the motivation for all psychotherapies (Peräkylä 2013: 573; see also Carey et al. 2007). Yet how the psychological change occurs is still poorly understood (Higginson and Mansell 2008: 310). Elliott (2012: 70) refers to the process of change in psychotherapy as “complex and nuanced” (see also Lambert 2013b) and as Murray (2002) states, questions about the change process often focus on examining how psychotherapy is helpful.
Yet client change as a result of psychotherapy, although typically conceived of as bringing positive results and thus some sort of improvement in the client, can also be of negative character. The research shows that despite receiving validated and properly performed psychological treatments, some patients “experience deterioration and adverse events” (Bystedt et al. 2014: 319; Lambert 2013b). As reported by Bystedt et al. (2014), it is estimated that the so-called deterioration effect – referring to possible negative effects of psychological treatments (see Bergin 1966) – applies to between five per cent and ten per cent of all patients. Yet not enough is known about the so-called negative effects of psychotherapy (Bystedt et al. 2014). To reiterate, even though client change can be of positive and, in some cases, negative character, the extant research however, takes the default position on client change as positive.
A substantial body of research concentrates on identifying and examining the events in the psychotherapy process marked by clients and therapists as significant (e.g., Levitt et al. 2006; Carrey et al. 2007; Nilsson et al. 2007; Higginson and Mansell 2008). It is argued that these events comprise “the effective ingredients of change” (Viklund et al. 2010: 151). For example, Carrey and colleagues (2007) conducted interviews with 27 people at the end of their treatment and found that “many described change as occurring both as a gradual process and at an identifiable – and memorable – moment” (Carrey et al. 2007: 182; see also Higginson and Mansell 2008). Additionally, Carrey et al. (2007) identified six themes in the participants’ accounts of how change occurred. These are:
1 motivation and readiness,
2 perceived aspects of self,
3 tools and strategies,
4 learning,
5 interaction with the therapist,
6 and, the relief of talking.
It is worth noting that generally the participants of Carrey et al.’s (2007) study were unable to provide a specific definition of change (see Hustvedt’s (2016) comment above) and similarly to Levitt et al.’s (2006) findings, change was not attributed to concrete therapeutic approaches. Timulak (2007) presented a meta-analysis of factors that clients described as helpful in nine meta-categories:
1 awareness/insight/self-understanding,
2 reassurance/support/safety,
3 behavioral change/problem solution,
4 empowerment,
5 relief,
6 exploring feelings/emotional experiencing,
7 feeling understood,
8 client involvement
9 and, personal contact.
One important factor that has emerged from clients’ accounts and that is conducive to change has to do with the therapeutic relationship. The participants of Levitt et al.’s (2006) study used the term “relationship” itself while e.g., “interaction with the therapist” was documented in Carrey et al.’s (2007) research and “feeling understood” and “personal contact” were identified in Timulak’s (2007) meta-analysis. This line of research follows the assumption that “clients’ perceptions of the therapy process are valuable indicators of outcome” (Viklund et al. 2010: 162). Yet, as Viklund et al. (2010: 152) explain, this type of research in which clients are asked to identify the significant moments in their therapies suffers a number of limitations:
… identifying psychotherapy events that clients find important may help us capture the effective ingredients of change, but in order to better understand what goes on in those moments there is also a need for detailed examinations of the microprocesses of interaction within the events.
The remark concerning the necessity of a detailed examination of those interactional moments deemed as significant by clients (and therapists) will be discussed further in the paper.
The current perspective on studying client change, i.e., change process research (CPR) has been proposed by Greenberg (1986) and combines the earlier outcome research paradigm with the process research approach. CPR “concerns itself with explaining both how and why change occurs” (Elliott 2012: 69) and is “a necessary complement to randomized clinical trials and other forms of efficacy research” (Elliott 2010: 123). As discussed by Elliott (2010: 123), CPR comprises four types of research designs such as: quantitative process-outcome, qualitative helpful factors, microanalytic sequential process and the significant events approach, referring to “methods such as task analysis and comprehensive process analysis that integrate the first three.”
The complexity of studying client change has been aptly captured by Kazdin (2009: 421) in the quotation: “’How does one get from: ‘My therapist and I are bonding’ to ‘My marriage, anxiety, and tics are better’”. This quotation gives a sense of just one of the salient issues in studying client change, i.e., how we go about finding out the implications and/or consequences of what happens in the therapy room for the client’s actual non-therapy life. The intricacy of this issue, in fact, has been pointed out by Levitt et al. (2006: 318), who discussed how the clients in their study “vividly describ[ed] the process of moving between these two separate worlds of therapy and ‘real life’” that entailed “transforming from person to client and back to person again”.
Another likely obstacle to identifying how the client change occurs has to do with the many therapy schools and approaches. Can we really offer an explanation of client change that will be applicable to often seemingly distant therapy schools but sharing the pursuit of change? This issue has been addressed, for example, in the line of research employing the Dialogical Self Theory (Hermans and Dimaggio 2004; see also Norcross and Goldfried 2005). Leiman (2012: 125) proposes “the fundamental twin process of all psychotherapies” that combines promoting client’s disclosure and helping him/her “to adopt a self-observing stance concerning the presenting problems and the underlying problematic patterns of action and experience”. The self-observation, as Leiman (2012: 125) expounds, “permits an altered relationship to the original problem whatever it may be” by increased awareness of the original issue(s). Leiman (2012: 126) sees the concept of observer position taken by the client as “the common mediator of client change in psychotherapy”. Similarly Avdi (2012: 64) claims that the process of client change “can be evidenced in the development of richer dialogues between voices in the client’s narrative, in a decrease in disorganization or dissociation, and in the development of a reflexive meta-position” (see also Angus et al. 2006; Lambert 2013b; Rennie 1992).
Another complexity that needs to be considered in studying client change revolves around the question whose perspective should be adopted in identifying and evaluating potential change. This concurrently relates to the sets of data to be collected and analyzed (see Elliott 2012). Is it the client who is the ultimate/decisive figure in identifying and/or assessing whether the therapy brought positive changes in his/her life and what events they found most helpful (see e.g., Levitt et al. 2006; Carey et al. 2007) or is it his/her therapist? Interestingly the research shows that the clients’ and therapists’ insights as to what gets identified as ‘helpful’ or ‘hindering’ in psychotherapy do not always overlap (Elliott 2012; see also Caskey et al. 1984). The concept of the analyst’s paradox (Sarangi 2002, 2007, 2010) refers to the necessity to consult discourse analytic findings with the people whose communicative and interactional practices are studied. This is to say that psychotherapists’ and clients’ perspectives are vital for the analytic practice and ultimately for the findings if they are to be applied to the work of therapists (see Sarangi 2010). The question of whose perspective is to be taken on board is not an easy one and cannot be resolved in the same manner for every case, yet it should sensitize researchers’ reflexivity and analytical gaze (cf. Sarangi 2019).
Kazdin (2009: 419) states that despite “rather vast literature, there is little empirical research to provide an evidence-based explanation of precisely why treatment works and how the changes come about.” Elliott (2012: 76) underlines that truly evidence-based practice “should be based on multiple lines of CPR evidence” thus, for example, combining various sources of data to arrive at a better understanding of how client change occurs. This seems to be of pivotal importance as the majority of studies still rely on one set of data and consequently neglect other crucial insights in explaining the process of change.
To sum up, studying client change in psychotherapy poses a methodological and analytical challenge and “certainly not an easy path on which to embark” (Kazdin 2009: 428). The complexity however, needs to be properly addressed by the researcher on every stage of research process (see Sarangi 2019).
Discourse analysis and analyzing client change
Elliott (2012: 70) encourages more qualitative work in CPR by emphasizing that discourse analytic approaches have been so far “under-utilized”. Since the CPR’s focus is also on how change occurs, the broad DA perspective should be of particular relevance. After all:
While clients process internally their experiences and content of mind in and between the sessions, what prompts and maintains this processing is the interaction between the client and the therapist, the therapeutic relationship (Voutilainen and Peräkylä forthcoming).
CA, as one of the approaches within DA and a method of engaging with data, identifies the sequential organization and interactional functions of certain practices that in the local interactional context enable the client to approach a certain issue in a transformed manner. In the context of psychotherapy, CA helps to examine “what sort of features in the therapist’s turns would guide the patient to respond in a particular way, and vice versa” (Voutilainen et al. 2010a: 300).
The broad framework of discourse analysis (DA) and in particular conversation analysis (CA) has successfully addressed and identified various interactional phenomena transpiring in the therapeutic interaction as summarized by Peräkylä (2013), e.g., formulations of the client’s prior talk (Antaki 2008; Antaki et al. 2005; Buttny 1996; Davis 1986; Hutchby 2005; Peräkylä 2004; Vehviläinen 2003; Weiste et al. 2016), (re-)interpretations and responses to them (Peräkylä 2004; Bercelli et al. 2008), relational aspects such as resistance (Muntigl 2013), affiliation (Bercelli et al. 2008) and affect/emotion (Voutilainen et al. 2010b; Pawelczyk 2011; Voutilainen 2012; Muntigl et al. 2014).
The CA-oriented research started addressing the issue of client change, see e.g., Muntigl and Horvath (2005), Voutilainen et al. (2011), Muntigl (2013), Voutilainen et al. (2018). In particular I would like to single out two studies that have employed the methods of conversation analysis in researching client change, i.e., a study by Voutilainen et al. (2011) and by Viklund et al. (2010).
Voutilainen and colleagues (2011) focused on sequences of talk that were interactionally similar, i.e., clients’ responses to the therapist’s conclusions. The novelty of the analysis lies in adopting the longitudinal perspective in approaching the clients’ responses as evolving over time. Thus the focus fell on how the clients’ talk was transformed over the course of therapy from a) their rejection of the therapist’s conclusions, through b) the ambivalent responses to what the therapist offered to c) the clients’ agreement with the therapist’s conclusions. Voutilainen et al.’s (2011) analysis implies quite a linear progression of client change as evidenced in their interactional handling of therapist’s conclusions, i.e., from rejection to acceptance. As discussed above, this smooth trajectory might offer a rather idealistic conceptualization of client change. Nevertheless the methods of conversation analysis allowed Voutilainen et al. (2011) to track the change in the clients’ understanding of their situations as manifested by the responses to the therapist’s conclusions.
Another study that used the methods of CA but made a step further by combining it with the client-identified significant events is an analysis made by Viklund et al. (2010). The initially client-identified significant moments of their therapies were then analyzed with CA. More specifically interactional structures and practices of these moments were detailed using CA methods. As Viklund et al. (2010: 152) stress:
a turn-by-turn study of the therapeutic interaction in events that clients find important will offer an opportunity to explore what takes place between client and therapist and how they make sense of it while it is happening.
The analysis showed that most of the sequences recognized by the clients as significant contained disagreement between them and the therapist. The CA-oriented analysis exposed three different ways the disagreement was dealt with by the therapist. Furthermore, it identified disagreement as marked at the level of interactional details rather than in what the participants were saying verbally. Importantly, however, as Viklund et al. (2010) stress “just because an interaction is structurally organized as a disagreement, it is not necessarily experienced as such” (2010: 162). This comment indicates the need to use another set of data, e.g., the interviews in which the clients would be given space to voice and elaborate on the significance of the singled out parts of their therapies as – in their view- conducive to change. Importantly, Viklund et al.’s (2010) study proves the usefulness of microanalytic methods in identifying structural similarity in clients’ identified significant moments.
More studies combining the client-identified significant events approach with the CA microanalytic methods are needed to better understand why certain strategies used by therapists are central to client change (see also Gumz et al. 2015). Fine-grained participant perspective-based CA studies seem to offer much potential in explicating how clients change in the process of psychotherapy.
In what follows I exemplify two ways in which broadly defined discourse analysis can be of use and complementary to the mainstream psychological research (Elliott 2012) in researching and identifying client change.
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