Kitabı oxu: «Praxishandbuch Altersmedizin»

Şrift:


Die Herausgebenden

Prof. Dr. Johannes Pantel ist Gerontopsychiater und Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin am Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt a. M.

Prof. Dr. Cornelius Bollheimer ist Internist und Geriater und Direktor des Lehrstuhls für Altersmedizin sowie der Medizinischen Klinik VI der Uniklinik RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Kruse ist Psychologe und Gerontologe und Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg.

Prof. Dr. Johannes Schröder ist emeritierter Professor für Gerontopsychiatrie und Klinische Gerontologie an der Universität Heidelberg und war Leiter der Sektion Gerontopsychiatrie sowie stv. Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg.

Prof. Dr. Cornel Sieber ist Internist und Geriater, Direktor des Instituts für Biomedizin des Alterns der Universität Erlangen-Nürnberg sowie Direktor des Departments Innere Medizin im Kantonsspital Winterthur, Schweiz.

Dr. Valentina A. Tesky ist Diplom-Psychologin und stv. Leiterin des Arbeitsbereichs Altersmedizin am Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt a. M.

Johannes Pantel, Cornelius Bollheimer, Andreas Kruse, Johannes Schröder, Cornel Sieber, Valentina A. Tesky (Hrsg.)

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Pharmakologische Daten, d. h. u. a. Angaben von Medikamenten, ihren Dosierungen und Applikationen, verändern sich fortlaufend durch klinische Erfahrung, pharmakologische Forschung und Änderung von Produktionsverfahren. Verlag und Autoren haben große Sorgfalt darauf gelegt, dass alle in diesem Buch gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Da jedoch die Medizin als Wissenschaft ständig im Fluss ist, da menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, können Verlag und Autoren hierfür jedoch keine Gewähr und Haftung übernehmen. Jeder Benutzer ist daher dringend angehalten, die gemachten Angaben, insbesondere in Hinsicht auf Arzneimittelnamen, enthaltene Wirkstoffe, spezifische Anwendungsbereiche und Dosierungen anhand des Medikamentenbeipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen und in eigener Verantwortung im Bereich der Patientenversorgung zu handeln. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.

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2., erweiterte und überarbeitete Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-035033-5

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-035034-2

epub: ISBN 978-3-17-035035-9

Herausgeber- und Autorenverzeichnis
Herausgebende:

Pantel, Johannes, Prof. Dr.

Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin mit Schwerpunkt Psychogeriatrie und klinische Gerontologie

Institut für Allgemeinmedizin

Johann Wolfgang Goethe-Universität

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt am Main

Bollheimer, Cornelius, Prof. Dr.

Medizinische Klinik VI – Altersmedizin

Uniklinik RWTH Aachen

Pauwelsstraße 30

52074 Aachen

Kruse, Andreas, Prof. Dr.

Institutsdirektor

Institut für Gerontologie

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Bergheimer Str. 20

69115 Heidelberg

Schröder, Johannes, Prof. Dr.

Sektion Gerontopsychiatrie

Klinik für Allgemeine Psychiatrie

Universität Heidelberg

Voßstr. 4

69115 Heidelberg

Sieber, Cornel, Prof. Dr.

Lehrstuhl für Innere Medizin Geriatrie

Direktor des Instituts für Biomedizin des Alterns

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Kobergerstr. 60

90408 Nürnberg

Tesky, Valentina A., Dr.

Arbeitsbereich Altersmedizin

Institut für Allgemeinmedizin

Johann Wolfgang Goethe-Universität

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt am Main

Autor*innen:

Amadori, Kerstin, Dr.

Klinikum Frankfurt Höchst, Klinik für Altersmedizin

Gotenstraße 6–8

65929 Frankfurt am Main

Bahrmann, Anke, PD Dr.

Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie

Universitätsklinikum Heidelberg

Im Neuenheimer Feld 410

69120 Heidelberg

Bahrmann, Philipp, PD Dr.

Institut für Biomedizin des Alterns der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Kobergerstr. 60

90408 Nürnberg

Bäurle, Peter, Dr.

Praxis im Schlossgarten

Hubstrasse 11

CH-8269 Fruthwilen

Becher, Klaus, Dr.

Klinik Wartenberg

Professor Dr. Selmair GmbH & Co.KG

Badstraße 43

85456 Wartenberg

Bertsch, Thomas, Prof. Dr.

Universitätsinstitut für Klinische Chemie, Laboratoriumsmedizin und Transfusionsmedizin, Klinikum Nürnberg, Paracelsus Medizinische Privatuniversität

Prof.-Ernst-Nathan-Straße 1

90419 Nürnberg

Brandenburg, Hermann, Prof. Dr.

Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar

Lehrstuhl für Gerontologische Pflege

Pallottistraße 3

56179 Vallendar

Brune, Mona, Dr.

Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin St. Franziskus-Hospital Münster

Hohenzollernring 70

48145 Münster

Büttner, Roland, Prof. Dr.

Klinik für Innere Medizin I

Caritaskrankenhaus St. Josef

Landshuter Str. 65

93053 Regensburg

Christow, Hannes, Dr.

AGAPLESION Bethesda Ulm

Geriatrische Forschung, Universität Ulm

Geriatrisches Zentrum Ulm/Alb-Donau

Zollernring 26

89073 Ulm

Dapp, Ulrike, Dr.

Albertinen Haus – Zentrum für Geriatrie und Gerontologie

Wissenschaftliche Einrichtung an der Universität Hamburg

Sellhopsweg 18–22

22459 Hamburg

Denkinger, Michael, Prof. Dr.

AGAPLESION Bethesda Klinik, Ulm

Geriatrisches Zentrum, Universität Ulm

Zollernring 26

89073 Ulm

Dodel, Richard, Univ.-Prof. Dr.

Lehrstuhl für Geriatrie

Universität Duisburg-Essen

Geriatriezentrum Haus Berge

Contilia GmbH

Germaniastrasse 1–3

45356 Essen

Drebenstedt, Corinna, Dr.

St.-Marien-Hospital

Abteilung für Innere Medizin

St.-Marien-Str. 1

26169 Friesoythe

Falkai, Peter, Prof. Dr.

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Klinikum der Universität München

Nußbaumstraße 7

80366 München

Fetscher, Sebastian; PD Dr.

Facharzt für Innere Medizin – Hämatologie und internistische Onkologie

Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie der Sana Kliniken Lübeck

Kronsforder Allee 71

23560 Lübeck

Flägel, Kristina, Dr.

Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck

Ratzeburger Allee 160

23538 Lübeck

Freiberger, Ellen, PD Dr.

Institut für Biomedizin des Alterns der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Kobergerstr. 60

90408 Nürnberg

Friess, Thomas, Dr.

Sektion Alterstraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU)

Projektkoordination AltersTraumaZentrum DGU®

Haldenstr. 38

44809 Bochum

Frohnhofen, Helmut, Prof. Dr.

Private Universität Witten Herdecke

Fakultät für Gesundheit

Department Humanmedizin

Alfred-Herrhausen-Str. 50

58455 Witten

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Universitätsklinikum

Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie/Altersmedizin

Moorenstraße 5

40225 Düsseldorf

Frühwald, Thomas, Prof. Dr.

Penzingerstrasse 71/12

A-1140 Wien

Fußer, Fabian Dr.

Klinik für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

Weinstraße 100

76889 Klingenmünster

Gogol, Manfred, Dr.

Klinik für Unfallchirurgie

Medizinische Hochschule Hannover

Carl-Neuberg-Str. 1

30625 Hannover

Gosch, Markus, Univ.-Prof. Dr.

Chefarzt Medizinische Klinik 2 – Schwerpunkt Geriatrie, Klinikum Nürnberg

Universitätsklinik für Geriatrie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Nürnberg

Prof. Ernst Nathan Strasse 1

90419 Nürnberg

Grupp, Clemens, Prof. Dr.

Chefarzt

Klinikum der Sozialstiftung Bamberg

Medizinische Klinik 3 mit Zentrum für Altersmedizin

Bugerstraße 80

96049 Bamberg

Gurlit, Simone, Dr.

Bezirksregierung Münster

Dezernatsleitung

Dezernat 24 - öffentliche Gesundheit, medizinische und pharmazeutische Angelegenheiten, Sozialwesen, Krankenhausförderung

Domplatz 36

48143 Münster

Gutzmann, Hans, Prof. Dr.

Retzdorffpromenade 3

12161 Berlin

Haberstroh, Julia, Prof. Dr.

Psychologische Alternsforschung

Universität Siegen

Fakultät II – Dep. Erziehungswissenschaft-Psychologie

Institut für Psychologie

Adolf-Reichwein-Str. 2a

57068 Siegen

Hasan, Alkomiet, Prof. Dr.

Direktor

Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Augsburg

BKH Augsburg

Dr.-Mack-Straße 1

86156 Augsburg

Hassel, Alexander J., Prof. Dr.

Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik

Universitätsklinikum Heidelberg

Im Neuenheimer Feld 400

69120 Heidelberg

Heppner, Hans Jürgen, Univ.-Prof. Dr.

Lehrstuhlinhaber Geriatrie an der Universität Witten/Herdecke

HELIOS Klinikum Schwelm – Klinik für Geriatrie

Dr.-Moeller-Straße 15

58332 Schwelm

Hinzelmann, Lisa

Klinik für Augenheilkunde

Universitätsklinikum Frankfurt

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt a.M.

Hildesheim, Christine, Dr.

Psychologisches Institut Universität Heidelberg

Hauptstr. 47–51

69117 Heidelberg

Hofmann, Christian, Dr.

Klinik für Augenheilkunde

Universitätsklinikum Frankfurt

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt a.M.

Hofmann, Werner, PD Dr.

ehem. Geriatrisches Zentrum Neumünster & Bad Bramstedt

Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck

Ratzeburger Allee 160

23538 Lübeck

Jauß, Marek, Prof. Dr.

Ökumenisches Hainich Klinikum gGmbH

Pfafferode 102

99974 Mühlhausen

Karakaya, Tarik, Dr.

Universitätsklinikum Frankfurt

Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

Heinrich-Hoffmann-Str. 10

60528 Frankfurt am Main

Kenikstul, Ninel

Klinik für Augenheilkunde

Universitätsklinikum Frankfurt

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt a.M.

Klie, Thomas, Prof. Dr.

Rechts- und Verwaltungswissenschaften, Gerontologie

Evangelische Hochschule Freiburg

Bugginger Straße 38

79114 Freiburg

Knobe, Matthias, Prof. Dr., MME, MHBA

Sektion Alterstraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU)

Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie

Luzerner Kantonsspital

Spitalstrasse | CH-6000 Luzern 16

Knopf, Monika, Prof. Dr.

Institut für Psychologie

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Grüneburgplatz 1

Hauspostfach 66

60323 Frankfurt am Main

Kohnen, Thomas, Univ.-Prof. Dr.

Klinik für Augenheilkunde

Universitätsklinikum Frankfurt

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt a.M.

Kolb, Gerald F., Prof. Dr. Dr.

Bonifatius Hospital Lingen

Medizinische Klinik

Chefarzt des Fachbereiches Geriatrie

sowie der Physikalischen Medizin und Rehabilitationsmedizin

Wilhelmstraße 13

49808 Lingen

Kubik, Veit

Universität Bielefeld

Abteilung für Psychologie

Arbeitseinheit 13 – Bildungspsychologie

Postfach 10 01 31

33501 Bielefeld

Landendörfer, Peter, Dr.

Facharzt für Allgemeinmedizin, klinische Geriatrie

Lehrbeauftragter am Institut für Allgemeinmedizin der Technischen Universität München

Fasanenweg 1

91332 Heiligenstadt

Leischker, Andreas H., Dr. M.A.

Facharzt für Innere Medizin-Schwerpunkt Gesamte Innere Medizin

Notfallmedizin, Sportmedizin, Diabetologie, Naturheilverfahren,Palliativmedizin, Qualitätsmanagement, Physikalische Therapie und Balneologie

Flugmedizinischer Sachverständiger -Luftfahrtbundesamt Nr. 1146573-9

Reisemedizin (DTG), Tauchmedizin (GTÜM), Ernährungsmedizin (DGEM)

Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Altersmedizin

Gelbfieberimpfstation des Landes NRW

Alexianer Krefeld GmbH

Dießemer Bruch 81

47805 Krefeld

Lindner, Reinhard, Prof. Dr.

Universität Kassel

Institut für Sozialwesen

Arnold-Bode-Straße 10

34109 Kassel

Lischewski, Heike

Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Bundesverband Geriatrie e. V.

Reinickendorferstraße 61

13347 Berlin

Lukas, Albert, PD Dr.

Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard Bonn/Rhein-Sieg

Geriatrie/Zentrum für Altersmedizin

Von-Hompesch-Straße 1

53123 Bonn

Lüttje, Dieter, Prof. Dr.

Klinik für Geriatrie und Palliativmedizin

Klinikum Am Natruper Holz, Osnabrück

Sedanstr. 115

49090 Osnabrück

Mahlberg, Richard, PD Dr.

Praxen für seelische Gesundheit

Bayreuther Straße 28

91054 Erlangen

Meisel, Michael, Dr.

Klinik für Innere Medizin und Geriatrie

Diakonissenkrankenhaus Dessau

Gropiusallee 3

06846 Dessau

Müller, Michael, Dr.

Klinik für Augenheilkunde

Universitätsklinikum Frankfurt

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt a.M.

Muth, Christiane, Prof. Dr.

AG Allgemein- und Familienmedizin

Medizinische Fakultät OWL

Universität Bielefeld

Universitätsstr. 25

33615 Bielefeld

Naycheva, Lubka, Dr.

Klinik für Augenheilkunde

Universitätsklinikum Frankfurt

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt a.M.

Oswald, Frank, Prof. Dr.

Interdisziplinäre Alternswissenschaft (IAW)

Fachbereich Erziehungswissenschaften

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Theodor-W.-Adorno-Platz 6

60323 Frankfurt am Main

Püllen, Rupert, PD Dr.

Agaplesion Markus Krankenhaus

Wilhelm-Epstein-Straße 4

60431 Frankfurt am Main

Rammelsberg, Peter, Prof. Dr.

Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik

Universitätsklinikum Heidelberg

Im Neuenheimer Feld 400

69120 Heidelberg

Reinwand, Dominique, Dr.

Humanwissenschaftliche Fakultät

Universität zu Köln

Herbert-Lewin-Str. 2

50931 Köln

Remmers, Hartmut, Sen.-Prof. Dr.

Institut für Gerontologie

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Bergheimer Str. 20

69115 Heidelberg

Riehl-Emde, Astrid, Prof. Dr.

Institut für Medizinische Psychologie im ZPM Universitätsklinikum Heidelberg

Bergheimer Str. 54

69115 Heidelberg

Röhrig Gabriele, PD Dr., MPH

Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und internistische Onkologie, Geriatrie,

sychotherapie, Public Health

Leitung des Zentrums für spezialisierte geriatrische Diagnostik

MVZ Medicum Köln Ost

Johann-Classen-Straße 68

51103 Köln

Schlee, Steffen, Dr.

Kreiskrankenhaus Frankenberg, Klinik für Geriatrie

Forststraße 9

35066 Frankenberg/Eder

Schmitt, Andrea, Prof. Dr.

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Klinikum der Universität München

Nußbaumstraße 7

80366 München

Schmitt, Eric, Prof. Dr.

Institut für Gerontologie

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Bergheimer Str. 20

69115 Heidelberg

Schneider, Gudrun, Prof. Dr.

Sektion für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Klinik für Psychische Gesundheit

Universitätsklinikum Münster

Albert-Schweitzer-Str. 11 (Geb. A9)

48149 Münster

Schönknecht, Peter, Prof. Dr.

Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Universitätsklinikum Leipzig

Semmelweisstr. 10

04103 Leipzig

Singler, Katrin, Prof. Dr.

Institut für Biomedizin des Alterns, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

Kobergerstr. 60

90408 Nürnberg

Klinik für Geriatrie, Klinikum Nürnberg, Paracelsus Medizinische Privatuniversität

Prof.-Ernst-Nathan-Str.1

90419 Nürnberg

Steiner, Barbara, Prof. Dr.

Soziale Arbeit

Duale Hochschule Baden-Württemberg

Baden-Wuerttemberg Cooperative State University

Heidenheim

Wilhelmstraße 10

89518 Heidenheim

Steinhauer, Katharina

Universitätsklinikum Frankfurt/Main

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt/Main

Swoboda, Walter, Dr.

Institut für Biomedizin des Alterns

Koberger Str. 60

90408 Nürnberg

Thiem, Ulrich, Prof. Dr.

Albertinen-Haus Hamburg, Medizinisch-Geriatrische Klinik

Sellhopsweg 18–22

22459 Hamburg

Toro, Pablo

Associate Professor

Department of Psychiatry

Faculty of Medicine

Pontificia Universidad Católica de Chile

Tränkner, Anja, Dr.

Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Universitätsklinikum Leipzig

Semmelweisstr. 10

04103 Leipzig

van den Akker, Marjan, Prof. Dr.

Professorin für Multimedikation und Versorgungsforschung

Institut für Allgemeinmedizin

Johann Wolfgang Goethe-Universität

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt am Main

van den Heuvel, Dirk

Rechtsanwalt

Geschäftsführer Bundesverband Geriatrie e. V.

Reinickendorfer Str. 61

13347 Berlin

Volkert, Dorothee, Prof. Dr.

Institut für Biomedizin des Alterns

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Kobergerstraße 60

90408 Nürnberg

Wahl, Hans-Werner, Prof. Dr.

Direktor Netzwerk Alternsforschung

Universität Heidelberg

Bergheimer Str. 20

69115 Heidelberg

Westhofen, Martin, Prof. Dr.

Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie

Uniklinik Aachen, RWTH Aachen University

Pauwelsstr. 30

52074 Aachen

Weyerer, Siegfried, Prof. Dr.

Zentralinstitut für Seelische Gesundheit

J 5

68159 Mannheim

Wienzek, Holger, Dr., D.E.S.A

Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie

Malteser Krankenhaus Bonn/Rhein-Sieg

Von-Hompesch-Straße 1

53123 Bonn

Wirth, Katharina

AGAPLESION Bethesda Ulm

Geriatrische Forschung, Universität Ulm

Geriatrisches Zentrum Ulm/Alb-Donau

Zollernring 26

89073 Ulm

Wirth, Rainer, Prof. Dr.

Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation

Marien Hospital Herne - Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum

Hölkeskampring 40

44625 Herne

Wolter, Dirk, Dr.

Oberarzt/Zentrum für Psychosoziale Medizin

Klinikum Itzehoe

Robert-Koch-Straße 2

25524 Itzehoe

Zank, Susanne, Prof. Dr.

Humanwissenschaftliche Fakultät

Universität zu Köln

Herbert-Lewin-Str. 2

50931 Köln

Zenthöfer, Andreas, Prof. (apl.) Dr.

Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik

Universitätsklinikum Heidelberg

Im Neuenheimer Feld 400

69120 Heidelberg

Inhalt

1  Herausgeber- und Autorenverzeichnis

2  I Grundlagen

3  1 Einführung

4 Die Herausgebenden

5  2 Epidemiologie und demografischer Wandel

6 Siegfried Weyerer

7  2.1 Einleitung

8  2.1.1 Epidemiologie

9  2.1.2 Demografie

10  2.2 Demografischer Wandel

11  2.3 Migration

12  2.4 Fertilität

13  2.5 Mortalität

14  2.6 Veränderungen im Altersaufbau der Bevölkerung

15  2.6.1 Demografische Veränderungen in Deutschland: 1910–2010

16  2.6.2 Vorausschätzung der Bevölkerungsentwicklung

17  2.7 Demografische Unterstützungsquotienten

18  2.8 Aktive Lebenserwartung, Kompression und Expansion der Morbidität

19  2.9 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

20  Literatur

21  3 Die Disziplinen stellen sich vor

22  3.1 Geriatrie

23 Cornelius Bollheimer und Dieter Lüttje

24  3.1.1 Aufgabengebiet

25  3.1.2 Versorgungssituation geriatrischer Patienten

26  3.1.3 Fachgesellschaftliche Organisation und akademische Verankerung

27  3.1.4 Aus-, Weiter- und Fortbildung in der Geriatrie

28  Literatur

29  3.2 Gerontopsychiatrie

30 Johannes Pantel

31  3.2.1 Aufgabengebiet

32  3.2.2 Versorgungssituation gerontopsychiatrischer Patienten

33  3.2.3 Fachgesellschaftliche Organisation und akademische Verankerung

34  3.2.4 Aus-, Weiter- und Fortbildung in der Gerontopsychiatrie

35  Literatur

36  3.3 Gerontologie

37 Andreas Kruse

38  3.3.1 Aufgabengebiet

39  3.3.2 Wo wirkt Gerontologie anwendungsbezogen?

40  3.3.3 Organisation auf Fachgesellschaftsebene

41  3.3.4 Akademische Aus- und Fortbildung in der Gerontologie

42  3.4 Perspektiven der Altersmedizin

43 Johannes Pantel, Cornelius Bollheimer und Dieter Lüttje

44  4 Interprofessionelle Kooperation

45 Hermann Brandenburg und Katharina Steinhauer

46  4.1 Einleitung

47  4.2 Interdisziplinarität, Interprofessionalität und Kooperation – definitorische Grundlagen

48  4.3 Interprofessionalität in der medizinisch-pflegerischen Versorgung – Problembereiche, Projekte, Ausbildung

49  4.4 Zusammenarbeiten in Medizin und Pflege – organisatorische Aspekte, Instrumente und Verfahren

50  4.5 Delegation ärztlicher Tätigkeiten an Pflegende

51  4.6 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

52  Literatur

53  5 Grundkonzepte

54  5.1 Alter und Altern – Anmerkungen zur Unterscheidung krankhafter und normaler Alternsverläufe

55 Frank Oswald

56  5.1.1 Zur Unterscheidung krankhafter, normaler und optimaler Alternsverläufe

57  5.1.2 Altern als individueller Entwicklungsprozess

58  5.1.3 Das Modell »Guten Lebens« im Alter

59  5.1.4 Fazit – Ableitungen für die Praxis

60  Literatur

61  5.2 Frailty (Gebrechlichkeit)

62 Cornel Sieber und Andreas Kruse

63  5.2.1 Einleitung

64  5.2.2 Frailty – ein geriatrisch-gerontologisches Syndrom

65  5.2.3 Ist Frailty zu verhindern?

66  5.2.4 Therapeutische Ansätze der »Nutritional frailty«

67  5.2.5 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

68  Literatur

69  5.3 Multimorbidität

70 Christiane Muth und Marjan van den Akker

71  5.3.1 Einleitung

72  5.3.2 Häufigkeit und Determinanten von Multimorbidität

73  5.3.3 Folgen von Multimorbidität

74  5.3.4 Heutige medizinische Versorgungssituation von Patienten mit Multimorbidität

75  5.3.5 Versorgung multimorbider Patienten: Umdenken erforderlich!

76  5.3.6 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

77  Literatur

78  5.4 Plastizität

79 Veit Kubik und Monika Knopf

80  5.4.1 Einleitung

81  5.4.2 Was ist Plastizität?

82  5.4.3 Potenziale und Grenzen von kognitiver (Entwicklungs-)Plastizität

83  5.4.4 Arten von Plastizität: Beispielstudien mit alten Menschen

84  5.4.5 Wirkmechanismen auf verschiedenen Ebenen am Beispiel der körperlichen Aktivität

85  5.4.6 Zusammenfassende Bewertung

86  5.4.7 Konsequenzen für Prävention, Therapie und Rehabilitation

87  Literatur

88  5.5 Kognitive Reserve

89 Christine Hildesheim, Pablo Toro und Johannes Schröder

90  5.5.1 Einleitung

91  5.5.2 Theorie der kognitiven Reserve

92  5.5.3 Prävention demenzieller Erkrankungen: Risiko- und Schutzfaktoren

93  5.5.4 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

94  Literatur

95  5.6 Entwicklung

96 Andreas Kruse

97  5.6.1 Einleitung

98  5.6.2 Heterogenität von Entwicklungsprozessen und differenzielle Alternsforschung

99  5.6.3 Multidimensionalität von Entwicklungsprozessen

100  5.6.4 Plastizität

101  5.6.5 Zur Bedeutung von Kompensation

102  5.6.6 Der evolutionäre Kontext sozialer und emotionaler Entwicklung im Alter

103  5.6.7 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

104  Literatur

105  5.7 Bewältigung

106 Andreas Kruse und Eric Schmitt

107  5.7.1 Einleitung: Zum Verständnis von Bewältigung

108  5.7.2 Bewältigung im Kontext von Daseinsthemen und Daseinstechniken

109  5.7.3 Bewältigung von existenziellen Krisen und Grenzsituationen

110  5.7.4 Bewältigung als Prozess

111  5.7.5 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

112  Literatur

113  5.8 Soziale Teilhabe

114 Andreas Kruse und Eric Schmitt

115  5.8.1 Einleitung: Soziale Teilhabe und gutes Altern

116  5.8.2 Mitverantwortung

117  5.8.3 Generativität

118  5.8.4 Freiwilliges Engagement

119  5.8.5 Motive bürgerschaftlichen Engagements und ungenutzte Engagementpotenziale

120  5.8.6 Fazit für die Praxis

121  Literatur

122  5.9 Resilienz

123 Andreas Kruse und Eric Schmitt

124  5.9.1 Einleitung: Zum Verständnis von Resilienz

125  5.9.2 Theoretische Konzeptionen

126  5.9.3 Empirische Befunde zur Resilienz im Alter

127  Literatur

128  5.10 Potenziale

129 Andreas Kruse und Eric Schmitt

130  5.10.1 Einleitung: Zum Verständnis von Potenzialen des Alters

131  5.10.2 Generativität

132  5.10.3 Offenheit des Menschen für neue Entwicklungsmöglichkeiten

133  5.10.4 Kohorte und Altersschichtung

134  5.10.5 Kulturelle Vorstellungen von Alter und Altern

135  Literatur

136  5.11 Kuration, Palliation, Rehabilitation

137 Valentina A. Tesky

138  5.11.1 Bedeutung der Kuration in der Geriatrie

139  5.11.2 Palliation zur Verbesserung der Lebensqualität

140  5.11.3 Rehabilitation bei alten Menschen strebt Entlastung an

141  5.11.4 Prävention zur Förderung der Gesundheit

142  5.11.5 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

143  Literatur

144  II Syndromspezifische Behandlung

145  6 Einführung

146 Johannes Pantel

147  Literatur

148  7 Immobilität

149 Ellen Freiberger und Ulrike Dapp

150  7.1 Einleitung

151  7.2 Definition und Epidemiologie von Immobilität, Mobilität und körperlicherAktivität

152  7.2.1 Immobilität

153  7.2.2 Mobilität

154  7.2.3 Körperliche Aktivität

155  7.3 Das Immobilitätssyndrom und Mobilitätseinschränkungen

156  7.4 Ursachen und Bedingungsfaktoren für Immobilität und Mobilitätseinschränkung

157  7.4.1 Physische Risikofaktoren

158  7.4.2 Psychische Risikofaktoren

159  7.4.3 Umweltfaktoren

160  7.5 Screening und Assessment von Mobilitätseinschränkung

161  7.6 Praktisches Vorgehen und Motorisches Training

162  7.7 Fazit

163  Literatur

164  8 Instabilität

165 Ellen Freiberger

166  8.1 Definition der Instabilität

167  8.2 Klinisches Bild der Instabilität

168  8.3 Stürze im Alter – Epidemiologie

169  8.3.1 Risikofaktoren für Stürze

170  8.4 Assessment von Instabilität und Sturzrisiko

171  8.5 Motorisches Training von Gleichgewicht, Gangfähigkeit und Sturzprävention

172  8.5.1 Geringere Evidenz und offene Fragen zum Training

173  8.6 Fazit

174  Literatur

175  9 Inkontinenz

176 Klaus Becher

177  9.1 Der betagte Mensch mit Harninkontinenz

178  9.1.1 Epidemiologie

179  9.1.2 Definition und klinisches Bild

180  9.1.3 Assessment und Testverfahren

181  9.1.4 Weiterführende Diagnostik

182  9.1.5 Differenzialdiagnostische Abwägungen bei Harninkontinenz

183  9.1.6 Pathologische Faktoren innerhalb und außerhalb des Harntrakts

184  9.1.7 Multimodale Therapiestrategien

185  9.1.8 Inkontinenz-assoziierte Pflegestrategien und Beratung

186  9.2 Der stuhlinkontinente hochbetagte Mensch

187  9.2.1 Epidemiologie der Stuhlinkontinenz

188  9.2.2 Definition und klinisches Bild der Stuhlinkontinenz

189  9.2.3 Diagnostik der Stuhlinkontinenz

190  9.2.4 Therapiestrategien bei Stuhlinkontinenz

191  Literatur

192  10 Mangelernährung

193 Dorothee Volkert und Rainer Wirth

194  10.1 Epidemiologie

195  10.2 Ursachen und Entstehung von Mangelernährung

196  10.3 Folgen von Mangelernährung

197  10.4 Methoden zur Erfassung von Mangelernährung

198  10.4.1 Grundlagen zur Erfassung der Ernährungssituation

199  10.4.2 Anamnese – Abklärung möglicher Ursachen

200  10.4.3 Körperliche Untersuchung

201  10.4.4 Anthropometrie

202  10.4.5 Ernährungserhebung

203  10.4.6 Laborchemische Parameter

204  10.4.7 Bestimmung der Körperzusammensetzung

205  10.4.8 Fragebögen zum Screening auf Mangelernährung

206  10.5 Pragmatische Therapie

207  10.5.1 Ziele und Grundprinzipien von Ernährungsinterventionen

208  10.5.2 Energie- und Nährstoffbedarf im Alter

209  10.5.3 Spektrum der Ernährungstherapie

210  10.5.4 Maßnahmen zur Qualitätssicherung der Ernährungsversorgung

211  10.6 Exkurs: Mangelernährung bei Demenz

212  10.6.1 Ursachen des Gewichtsverlusts bei Demenz

213  10.6.2 Relevanz der Mangelernährung bei Demenzpatienten

214  10.6.3 Therapie der Malnutrition bei Demenz

215  Literatur

216  11 Polypharmazie

217 Ulrich Thiem

218  11.1 Polypharmazie bei geriatrischen Patienten

219  11.2 Allgemeine Aspekte der Pharmakotherapie im Alter

220  11.3 Lebenszeit-Prognose geriatrischer Patienten

221  11.4 Funktionelle Einschränkungen des geriatrischen Patienten

222  11.5 Die Verordnung neuer oder die Veränderung einer bestehenden Medikation

223  11.6 Kriterien der Angemessenheit

224  11.7 Sturzbegünstige Medikamente

225  11.8 Potenziell inadäquate Medikation

226  11.9 Anticholinergika

227  11.10 Fazit

228  Literatur

229  12 Dekubitus und Störungen der Wundheilung

230 Klaus Becher

231  12.1 Epidemiologie

232  12.2 Definition und klinisches Bild

233  12.3 Diagnostik

234  12.3.1 Assessment und Testverfahren

235  12.3.2 Weiterführende Diagnostik

236  12.3.3 Differenzialdiagnostik

237  12.4 Multimodale Therapiestrategien

238  12.4.1 Allgemein

239  12.4.2 Wundauflagen

240  12.4.3 Vacuum Assisted Closure-Therapy

241  12.4.4 Hyperbare Sauerstofftherapie

242  12.4.5 Antiseptika

243  12.5 Infekte und das Vorgehen bei infizierten Wunden

244  Literatur

245  13 Delir (akute Verwirrtheit)

246 Katrin Singler und Simone Gurlit

247  13.1 Definition und Epidemiologie

248  13.1.1 Der Begriff des Delirs

249  13.1.2 Inzidenz und Prävalenz des Delirs

250  13.1.3 Klinische Kriterien und Symptomatik des Delirs

251  13.2 Ätiologie

252  13.2.1 Risikofaktoren und klinische Komorbidität des Delirs

253  13.2.2 Pathophysiologie des Delirs

254  13.3 Evaluierung des Delirs

255  13.3.1 Screening- und Assessment-Instrumente

256  13.3.2 Praktisches Vorgehen bei der Differenzialdiagnostik des Delirs

257  13.4 Prognose, Prävention und Therapie

258  13.4.1 Prävention des Delirs

259  13.4.2 Praktisches Vorgehen bei der Behandlung des Delirs

260  13.5 Fazit

261  Literatur

262  14 Demenzen und leichte kognitive Beeinträchtigung

263 Tarik Karakaya, Fabian Fußer, Johannes Schröder und Johannes Pantel

264  14.1 Epidemiologie

265  14.2 Klinisches Bild

266  14.3 Diagnostik

267  14.3.1 Anamnese

268  14.3.2 Klinisch-körperliche Untersuchung

269  14.3.3 Neuropsychologische Testung und Psychometrie

270  14.3.4 Laboruntersuchungen

271  14.3.5 Bildgebung

272  14.4 Therapie

273  14.4.1 Therapie der leichten kognitiven Beeinträchtigung

274  14.4.2 Pharmakotherapie der Demenz

275  14.4.3 Pharmakologische Behandlung der Alzheimer-Demenz

276  14.4.4 Pharmakologische Behandlung vaskulärer Demenzen

277  14.4.5 Pharmakologische Behandlung frontotemporaler Demenzen

278  14.4.6 Pharmakologische Behandlung der Parkinson-Demenz und Lewy-Body-Demenz

279  14.4.7 Pharmakologische Behandlung von psychischen und Verhaltenssymptomen bei Demenz

280  14.4.8 Nichtpharmakologische und psychosoziale Interventionen

281  14.4.9 Beratung und Vermittlung von Unterstützungsangeboten

282  14.5 Präventive Maßnahmen

283  Literatur

284  15 Depression

285 Peter Schönknecht, Johannes Pantel und Anja Tränkner

286  15.1 Epidemiologie

287  15.2 Klinisches Bild

288  15.2.1 Differenzialdiagnostik

289  15.2.2 Exkurs 1: Apathie als differenzialdiagnostische Herausforderung

290  15.2.3 Exkurs 2: Subsyndromale Depression im höheren Lebensalter

291  15.3 Pathogenetische Aspekte

292  15.3.1 Neuere Befunde zu zerebralen Veränderungen bei depressiven Störungen im Alter

293  15.3.2 Psychosoziale Belastungsfaktoren

294  15.3.3 Depression als Risikofaktor einer neurodegenerativen Erkrankung

295  15.4 Depressionsbehandlung im Alter: Biologische und psychologische Therapieverfahren

296  15.4.1 Pharmakotherapie

297  15.4.2 Elektrokonvulsive Therapie

298  15.4.3 Besonderheiten der antidepressiven Therapie bei komorbiden Erkrankungen

299  15.4.4 Psychotherapie der Depression im Alter

300  15.4.5 Behandlung der subsyndromalen Depression

301  15.4.6 Fazit

302  Literatur

303  16 Suizidalität

304 Reinhard Lindner

305  16.1 Epidemiologie

306  16.2 Risikofaktoren

307  16.3 Klinisches Bild

308  16.4 Assessment und Testverfahren

309  16.5 Diagnostik

310  16.6 Differenzialdiagnostik

311  16.7 Suizidprävention und Therapie der Suizidalität

312  16.7.1 Akute Suizidalität

313  16.7.2 Chronische Suizidalität

314  16.7.3 Behandlung psychiatrischer Syndrome und Erkrankungen

315  16.7.4 Evidenzbasierte Strategien zur Suizidprävention bei alten Menschen

316  Literatur

317  17 Angst

318 Peter Bäurle

319  17.1 Definition und Epidemiologie

320  17.2 Klinisches Bild

321  17.2.1 Besonderheiten im Alter

322  17.2.2 Unterschiede zu Jüngeren

323  17.3 Diagnostik

324  17.3.1 Somatische Basisdiagnostik

325  17.3.2 Assessment und Testverfahren

326  17.3.3 Kohorteneinflüsse

327  17.3.4 Diagnostische Schwierigkeiten aufseiten der Behandler

328  17.3.5 Maskierte Symptomatik

329  17.3.6 Angst als Nebenwirkung von Medikamenten

330  17.3.7 Differenzialdiagnostik

331  17.4 Pragmatische Therapie

332  17.4.1 Pharmakotherapie

333  17.4.2 Psychotherapie

334  17.4.3 Spezielle Pflegeaspekte

335  17.5 Prognostische Aspekte

336  17.6 Angst bei alten Menschen mit Behinderung

337  17.7 Prävention

338  17.8 Fazit

339  Literatur

340  18 Psychotische Symptome (Wahn und Halluzinationen)

341 Alkomiet Hasan, Andrea Schmitt und Peter Falkai

342  18.1 Definition

343  18.2 Primäre und sekundäre psychotische Symptome

344  18.3 Diagnostik psychotischer Symptome im höheren Lebensalter

345  18.3.1 Klinisches Bild

346  18.3.2 Organische Diagnostik

347  18.4 Therapie

348  18.4.1 Allgemeine Besonderheiten der antipsychotischen Therapie im höheren Lebensalter

349  18.4.2 Besondere Risiken der antipsychotischen Behandlung im höheren Lebensalter

350  18.4.3 Antipsychotika bei LOS und VLOS

351  18.4.4 Antipsychotika bei Menschen mit einer Demenz

352  18.4.5 Praktisches Vorgehen bei der Therapie

353  18.4.6 Dauer der Behandlung

354  18.4.7 Psychosoziale Interventionen

355  18.5 Zusammenfassung

356  Literatur

357  19 Substanzmissbrauch und Sucht

358 Dirk K. Wolter

359  19.1 Epidemiologie

360  19.1.1 Alkohol

361  19.1.2 Rauchen

362  19.1.3 Medikamente

363  19.1.4 Illegale Drogen

364  19.1.5 Verhaltenssüchte

365  19.2 Klinisches Bild

366  19.2.1 Alkohol

367  19.2.2 Benzodiazepine (BZD)

368  19.2.3 Opioidanalgetika

369  19.2.4 Rauchen

370  19.2.5 Illegale Drogen

371  19.2.6 Sucht und Demenz

372  19.3 Diagnostik, Assessment und Testverfahren

373  19.4 Pragmatische Therapie und Rehabilitation

374  19.4.1 Prävention

375  19.4.2 Entzugsbehandlung (Entgiftung)

376  19.4.3 Längerfristige psychosoziale und psychotherapeutische Begleitung und Behandlung und Rückfallprävention (»Entwöhnung«)

377  19.5 Schlussbemerkungen: Zunahme von Suchtproblemen im Alter

378  Literatur

379  20 Schmerzen

380 Albert Lukas und Corinna Drebenstedt

381  20.1 Definition und Epidemiologie

382  20.2 Klinisches Bild

383  20.3 Diagnostik und Differenzialdiagnostik

384  20.4 Assessment und Testverfahren

385  20.5 Pragmatische Therapie

386  20.5.1 Pharmakotherapie

387  20.5.2 Psychotherapeutische Behandlungsverfahren

388  20.5.3 Sonstige nichtpharmakologische Interventionen

389  20.5.4 Beratung

390  20.6 Rehabilitation

391  Literatur

392  21 Somatoforme Störungen

393 Gudrun Schneider

394  21.1 Definition und Epidemiologie

395  21.2 Klinisches Bild

396  21.3 Assessment und Testverfahren

397  21.4 Diagnostik und Differenzialdiagnostik

398  21.5 Pragmatische Therapie (inklusive EBM-Boxen)

399  21.5.1 Vorgehen in der Haus- und Facharztpraxis

400  21.5.2 Multimodale Behandlung, Psychotherapie und Rehabilitation

401  21.5.3 Pharmakotherapie

402  21.5.4 Sonstige nichtpharmakologische Interventionen

403  Literatur

404  22 Schlafstörungen

405 Richard Mahlberg

406  22.1 Definition und Epidemiologie

407  22.1.1 Normaler Schlaf – kranker Schlaf?

408  22.1.2 Schlaf und Schlafstörungen bei Älteren

409  22.2 Regulationsmechanismen von Schlafen und Wachen

410  22.2.1 Das zirkadiane System

411  22.2.2 Zwei-Prozess-Modell der Vigilanzsteuerung

412  22.2.3 Zirkadiane Kaskade und zentrale Uhr

413  22.3 Klinik und Differenzialdiagnostik von Schlafstörungen bei älteren Menschen

414  22.3.1 Zirkadiane Schlaf-Wach-Störungen

415  22.3.2 Psychophysiologische Insomnie

416  22.4 Schlafapnoesyndrom

417  22.4.1 Restless-Legs-Syndrom

418  22.5 Diagnostisches Vorgehen und Assessment

419  22.6 Pragmatische Therapie

420  22.6.1 Psychotherapie der Insomnie

421  22.6.2 Chronobiotika bei zirkadianen Rhythmusstörungen

422  22.6.3 Pharmakotherapie von Schlafstörungen

423  Literatur

424  23 Isolation

425 Andreas Kruse, Johannes Pantel und Eric Schmitt

426  23.1 Definition

427  23.2 Epidemiologie

428  23.3 Die gerontologische Perspektive

429  23.3.1 Sozioemotionale Selektivität

430  23.3.2 Die gesellschaftliche Aufgabe

431  23.4 Soziale Isolation als Handlungsfeld der Altersmedizin

432  23.4.1 Potenzielle Risikofaktoren und Einflussvariablen für die Entwicklung sozialer Isolation im Alter

433  23.4.2 Negative Auswirkungen von Isolation auf psychische und physische Gesundheit sowie Lebensqualität

434  23.5 Assessment von sozialer Isolation im Alter

435  23.6 Intervention

436  23.6.1 Wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit psychosozialer Interventionen

437  23.6.2 Praktische Hinweise für die Prävention und das Management sozialer Isolation bei alten Patienten

438  Literatur

439  III Altersmedizinische Aspekte ausgewählter Fachdisziplinen

440  24 Einführung

441 Die Herausgebenden

442  25 Allgemeinmedizin – der alte Mensch beim Hausarzt

443 Peter Landendörfer

444  25.1 Einleitung

445  25.2 Funktion und Assessment

446  25.3 Der Hausarzt im Pflegeheim

447  25.4 Der Hausarzt als Begleiter alter Patienten mit Demenz

448  25.4.1 Früherkennung

449  25.4.2 Befragung des Patienten – erste Einschätzung

450  25.4.3 Demenz-Tests – Stellenwert in der hausärztlichen Praxis

451  25.4.4 Klinische Untersuchung

452  25.4.5 Einsatz spezialistischer Diagnostik

453  25.4.6 Therapeutische Möglichkeiten beim Hausarzt

454  25.4.7 Organisation der Betreuung

455  25.5 Der Hausarzt als Manager der Polymedikation

456  25.6 Der Hausarzt als Lotse im geriatrischen Verbund

457  25.7 Der Hausarzt als Begleiter seiner alten sterbenden Patienten

458  25.8 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

459  Literatur

460  26 Anästhesie

461 Simone Gurlit, Mona Brune und Holger Wienzek

462  26.1 Anästhesierisiko und präoperative Vorbereitung

463  26.1.1 Anästhesierelevante Vorerkrankungen

464  26.1.2 Internistische Voruntersuchungen

465  26.1.3 Präoperatives Assessment der Kognition

466  26.2 Perioperativer Umgang mit Dauermedikation

467  26.2.1 Perioperativer Umgang mit Thrombozytenaggregationshemmern und Antikoagulantien

468  26.3 Besonderheiten bei der intraoperativen anästhesiologischen Überwachung

469  26.3.1 Standard-Monitoring

470  26.3.2 Indikation zum erweiterten hämodynamischen Monitoring unter Berücksichtigung altersphysiologischer Aspekte

471  26.3.3 Intraoperative Volumentherapie

472  26.4 Besonderheiten der Anästhesieführung

473  26.4.1 Allgemeinanästhesie

474  26.4.2 Allgemeinanästhesie versus Regionalanästhesie

475  26.4.3 Analgosedierung

476  26.5 Geriatrische Besonderheiten bei der postoperativen Überwachung

477  26.5.1 Hypothermie

478  26.5.2 Risiko eines vorbestehenden Schlafapnoesyndrom

479  26.6 Postoperative Schmerztherapie

480  26.6.1 Postoperative Schmerztherapie – womit?

481  26.7 Gabe von Blutprodukten

482  26.8 Ausblick

483  Literatur

484  27 Diabetologie

485 Anke Bahrmann

486  27.1 Einleitung

487  27.2 Symptome und Diagnostik des Altersdiabetes

488  27.3 Therapieziele des Diabetes mellitus bei geriatrischen Patienten

489  27.4 Besonderheiten der Diabetestherapie im höheren Lebensalter

490  27.4.1 Körperliche Bewegung und Ernährung

491  27.4.2 Medikamentöse Therapie

492  27.5 Diabetes und Demenz

493  27.6 Diabetes mellitus im Pflegeheim und in der Altenpflege

494  Literatur

495  28 Endokrinologie

496 Cornelius Bollheimer, Steffen Schlee und Thomas Bertsch

497  28.1 Einleitung

498  28.2 Geriatrische Endokrinologie am Beispiel von Schilddrüsenerkrankungen im Alter

499  28.2.1 Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose, Thyreotoxikose)

500  28.2.2 Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)

501  28.3 Testosteron, Late-onset-Hypogonadismus und Frailty

502  28.4 Vitamin-D-Mangel im Alter

503  Literatur

504  29 Gastroenterologie im Alter

505 Roland Büttner

506  29.1 Einführung

507  29.2 Alterungsprozesse des Gastrointestinaltrakts

508  29.2.1 Alterung des Magen-Darm-Trakts

509  29.2.2 Alterung parenchymatöser GI-Organe

510  29.3 Gastroenterologische Erkrankungen des Alters

511  29.4 Endoskopische Diagnostik im Alter

512  Literatur

513  30 Harnwegsinfekte im Alter

514 Klaus Becher

515  30.1 Epidemiologie

516  30.2 Klinische Relevanz

517  30.3 Definition und klinisches Bild

518  30.3.1 Bakteriurie

519  30.3.2 Akute Harnwegsinfektion beim geriatrischen Patienten

520  30.3.3 Akut bakterielle Zystitis

521  30.3.4 Sonderfall obstruktive Pyelonephritis

522  30.3.5 Erregerspektrum und Resistenzsituation bei alten Patienten

523  30.3.6 Harnblasenkatheterismus

524  30.3.7 Bewertung mikrobiologischer Befunde

525  30.3.8 Für die Praxis

526  Literatur

527  31 HNO und Schwindel

528 Martin Westhofen

529  31.1 Vorbemerkung

530  31.2 Physiologische Grundlagen des alternden Gleichgewichtsvermögens

531  31.3 Epidemiologische Daten

532  31.4 Übersicht über spezielle Diagnostik bei alten Patienten mit Gleichgewichtsstörung

533  31.5 Ausgewählte Krankheitsbilder

534  31.6 Therapieindikationen und Erfolge nach Behandlung

535  31.6.1 Medikamentöse Therapie und strategisches Vorgehen

536  31.6.2 Operative Therapie

537  31.6.3 Sensomotorisches Training und Rehabilitation

538  31.7 Konklusion

539  Literatur

540  32 Hypertonie

541 Clemens Grupp

542  32.1 Epidemiologie

543  32.2 Pathophysiologie

544  32.3 Klinisches Bild

545  32.4 Differenzialdiagnose

546  32.5 Welche Diagnostik ist zur Abklärung des alten Hypertonikers indiziert?

547  32.6 Präventive Effekte einer blutdrucksenkenden Therapie

548  32.7 Welche Blutdruckzielwerte sind bei alten Menschen anzustreben?

549  32.8 Praktisches Vorgehen in der Therapie

550  32.9 Praktische Hinweise für die Betreuung des geriatrischen Hypertonikers

551  Literatur

552  33 Intensivmedizin

553 Hans Jürgen Heppner und Katrin Singler

554  33.1 Einleitung

555  33.2 Definition und Ziele der Intensivmedizin

556  33.3 Altersentwicklung in der intensivmedizinischen Versorgung

557  33.4 Besonderheiten bei betagten Intensivpatienten

558  33.4.1 Aspekte der Lebensqualität

559  33.4.2 Intensivmedizin und Multimorbidität

560  33.5 Spezielle Aspekte der Intensivmedizin

561  33.5.1 Beatmung

562  33.5.2 Kardiopulmonale Reanimation

563  33.5.3 Infektion und Sepsis

564  33.5.4 Delir auf Intensivstation

565  33.5.5 Bewertung des Intensivaufenthalts

566  33.5.6 Outcome und die Bedeutung der Funktionalität

567  33.6 Grenzen der Intensivmedizin

568  33.7 Ökonomie und Intensivmedizin

569  33.8 Ausblick

570  Literatur

571  34 Kardiologie

572 Philipp Bahrmann

573  34.1 Einleitung

574  34.2 Akutes Koronarsyndrom

575  34.2.1 ST-Streckenhebungsinfarkt (STEMI)

576  34.2.2 Akutes Koronarsyndrom ohne ST-Streckenhebung (NSTE-ACS)

577  34.3 Arterielle Hypertonie

578  34.4 Vorhofflimmern und Prävention von Schlaganfällen

579  34.5 Chronische Herzinsuffizienz

580  34.6 Herzklappenerkrankungen

581  Literatur

582  35 Neurologie

583 Marek Jauß und Richard Dodel

584  35.1 Einleitung

585  35.2 Neurologische Erkrankungen mit akinetisch rigidem Syndrom

586  35.2.1 Parkinson-Syndrome

587  35.2.2 Nichtmotorische Symptome bei M. Parkinson mit Relevanz im Alter

588  35.2.3 Differenzialdiagnose: Atypische Parkinson-Syndrome

589  35.2.4 Differentialdiagnose: Normaldruckhydrozephalus

590  35.3 Tremor als isoliertes Syndrom

591  35.4 Polyneuropathie und Muskelerkrankungen des höheren Lebensalters

592  35.4.1 Polyneuropathie

593  35.4.2 Erworbene Neuropathien

594  35.4.3 Entzündliche Polyneuropathien

595  35.4.4 Muskelerkrankungen

596  35.5 Zerebrovaskuläre Erkrankungen

597  35.5.1 Akutbehandlung des ischämischen Hirninfarkts

598  35.5.2 Sekundärprävention des Schlaganfalls

599  35.6 Neurologische Schmerzsyndrome

600  35.7 Radikuläre Syndrome

601  35.8 Entzündliche ZNS-Erkrankungen

602  35.9 Epileptische Anfälle und Epilepsie

603  Literatur

604  36 Geriatrische Onkologie

605 Sebastian Fetscher, Gerald F. Kolb, Gabriele Röhrig und Andreas H. Leischker

606  36.1 Exogene karzinogene Noxen

607  36.1.1 Genussmittel

608  36.1.2 Arbeitsstoffe

609  36.1.3 Medikamente

610  36.1.4 Viren

611  36.1.5 Assessmentbasierte Therapieentscheidungen

612  Literatur

613  37 Augenheilkunde (Ophthalmologie)

614 Thomas Kohnen, Ninel Kenikstul, Lisa Hinzelmann, Lubka Naycheva, Christian Hofmann und Michael Müller

615  37.1 Einführung

616  37.2 Katarakt (Grauer Star)

617  37.2.1 Epidemiologie der Katarakte

618  37.2.2 Symptome

619  37.2.3 Diagnostik bei Katarakt

620  37.2.4 Therapie

621  37.2.5 Fazit für die Praxis

622  37.3 Glaukom (Grüner Star)

623  37.3.1 Epidemiologie

624  37.3.2 Diagnose und Bewertung

625  37.3.3 Therapie

626  37.3.4 Fazit für die Praxis

627  37.4 Altersabhängige Makuladegeneration (AMD)

628  37.4.1 Diagnose

629  37.4.2 Therapie

630  37.4.3 Fazit für die Praxis

631  37.5 Durchblutungsstörung des Auges

632  37.5.1 Retinale Venöse Verschlüsse

633  37.5.2 Retinale Arterielle Verschlüsse (RAV)

634  37.5.3 Akute ischämische Optikusneuropathie (AION)

635  37.5.4 Fazit für die Praxis

636  37.6 Diabetische Retinopathie

637  37.6.1 Epidemiologie

638  37.6.2 Diagnose und Bewertung

639  37.6.3 Therapie der Diabetischen Retinopathie

640  37.6.4 Fazit für die Praxis

641  37.7 Lidfehlstellung

642  37.7.1 Dermatochalasis

643  37.7.2 Ptosis

644  37.7.3 Brauenptosis

645  37.7.4 Lagophthalmus

646  37.7.5 Ektropium und Entropium

647  37.7.6 Fazit für die Praxis

648  Literatur

649  38 Paar- und Familientherapie

650 Astrid Riehl-Emde

651  38.1 Einleitung

652  38.2 Fallbeispiel

653  38.2.1 Das Erstgespräch

654  38.2.2 Erste Phase der Paartherapie

655  38.2.3 Zweite Phase der Paartherapie

656  38.2.4 Verlauf und Fazit

657  38.3 Paar- und Familiendiagnostik

658  38.3.1 Allgemeine diagnostische Landkarten

659  38.3.2 Diagnostische Kriterien/Landkarten zur Einschätzung von Paarbeziehungen

660  38.3.3 Diagnostik und Therapie speziell bei alten Paaren

661  38.4 Beobachten – Beschreiben – Bewerten: Zum Fallbeispiel

662  38.4.1 Vorgeschichte, Entwicklung im Lebenszyklus und Symptomatik

663  38.4.2 Entwicklungsaufgaben im Lebenszyklus

664  38.4.3 Beziehungsmuster

665  38.5 Paar- und Familientherapie versus Familienmedizin

666  38.6 Ausblick

667  Literatur

668  39 Lungenerkrankungen

669 Manfred Gogol und Helmut Frohnhofen

670  39.1 Demografie

671  39.2 Altern und Lunge

672  39.3 Asthma bronchiale

673  39.4 Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung

674  39.5 Asthma-COPD-Overlap Syndrome

675  39.6 Pneumonien

676  39.6.1 Epidemiologie der ambulant erworbenen Pneumonie

677  39.6.2 Prädisposition für eine ambulant erworbene Pneumonie

678  39.6.3 Mikrobiologie der ambulant erworbenen Pneumonie

679  39.6.4 Antigendiagnostik im Urin

680  39.6.5 Klinische Präsentation und Diagnose

681  39.6.6 Spezifisches Assessment bei Pneumonie

682  39.6.7 Therapie

683  39.6.8 Komplikationen

684  39.7 Lungenkarzinom

685  39.8 Schlafbezogene Atmungsstörungen im hohen Lebensalter

686  Literatur

687  40 Sexuelle Funktionsstörungen

688 Dominique Reinwand und Susanne Zank

689  40.1 Einleitung

690  40.2 Sexualität im Alter

691  40.3 Altersbedingte körperliche Beeinträchtigungen

692  40.3.1 Altersbedingte körperliche Veränderungen und sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen

693  40.3.2 Altersbedingte körperliche Veränderungen und sexuelle Funktionsstörungen bei Männern

694  40.4 Erkrankungen und Sexualität

695  40.4.1 Herz-Kreislauf-Erkrankungen

696  40.4.2 Diabetes

697  40.4.3 Demenzerkrankungen

698  40.4.4 Krebserkrankungen

699  40.4.5 Depressionen

700  40.5 Behandlungen sexueller Funktionsstörungen im Alter

701  40.6 Fazit und Ausblick

702  Literatur

703  41 Alterstraumatologie

704 Matthias Knobe und Thomas Friess

705  41.1 Einleitung

706  41.2 Altersfrakturen

707  41.2.1 Hüftgelenknahe Femurfrakturen

708  41.2.2 Periprothetische Frakturen

709  41.2.3 Proximale Humerusfrakturen

710  41.2.4 Wirbelkörperfrakturen

711  41.2.5 Beckenfrakturen

712  41.2.6 Distale Radiusfraktur und handgelenknahe Unterarmbrüche

713  41.3 Orthogeriatrisches Comanagement – AltersTraumaZentren und Register

714  Literatur

715  42 Alterszahnheilkunde

716 Andreas Zenthöfer, Alexander J. Hassel und Peter Rammelsberg

717  42.1 Einleitung

718  42.2 Zahnersatz bei Senioren

719  42.3 Mundgesundheit und allgemeine Gesundheit

720  42.4 Erkrankungen der Mundhöhle

721  42.4.1 Karies

722  42.4.2 Zahnfleischentzündung (Gingivitis)

723  42.4.3 Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparats)

724  42.4.4 Druckstellen

725  42.4.5 Anguläre Cheilitis (Rhagaden)

726  42.4.6 Prothesenstomatitis

727  42.4.7 Leukoplakien und Tumore

728  42.5 Standardisiertes Assessment der Mundgesundheit

729  42.6 Mundgesundheitsbezogene Lebensqualität

730  42.6.1 Oral Health Impact Profile

731  42.6.2 Geriatric Oral Health Assessment Index

732  Literatur

733  Weiterführende Literatur

734  IV Querschnittsthemen

735  43 Einführung

736 Die Herausgebenden

737  44 Assessment

738 Rupert Püllen und Kerstin Amadori

739  44.1 Einleitung

740  44.2 Geriatrisches Assessment – Hintergrund und Definition

741  44.3 Evidenzbasierte Medizin und Assessment

742  44.4 Assessment in verschiedenen Anwendungsbereichen

743  44.4.1 Funktionelles Assessment der Alltagskompetenz

744  44.4.2 Kognition

745  44.4.3 Emotion und Affektivität

746  44.4.4 Mobilität

747  44.4.5 Ernährungsstatus

748  44.4.6 Soziales Assessment

749  44.4.7 Weitere Bereiche

750  44.5 Perspektiven

751  Literatur

752  45 ICF-Klassifikation

753 Walter Swoboda

754  45.1 Einleitung

755  45.2 Rechtlicher und praktischer Bezug des ICF

756  45.3 Modell und Begriffe des ICF

757  45.4 ICF als Klassifikation

758  45.5 Anwendung des ICF in der Geriatrie

759  45.6 Praktische Umsetzung

760  Literatur

761  46 Diagnosis Related Groups (DRG)

762 Michael Meisel

763  46.1 Einleitung

764  46.2 Finanzierung und Leistungsvoraussetzungen stationärer geriatrischer Therapie

765  46.3 Abbildung der Geriatrie im deutschen DRG-System

766  46.4 Probleme und zukünftige Entwicklung

767  Literatur

768  47 Pharmakotherapie

769 Markus Gosch und Hans-Jürgen Heppner

770  47.1 Einleitung

771  47.2 Pharmakokinetik und Alter

772  47.2.1 Orale Bioverfügbarkeit als pharmakokinetischer Summationseffekt

773  47.2.2 Verteilung

774  47.2.3 Hepatischer Metabolismus

775  47.2.4 Nierenfunktion

776  47.2.5 Pharmakogenetik

777  47.3 Pharmakodynamik und Alter

778  47.4 Compliance – Adhärenz – Medication Possession Rate (MPR)

779  47.5 Leitlinien

780  47.6 Unterversorgung (undertreatment)

781  47.7 Priorisierung und Planung einer rationalen Pharmakotherapie

782  47.8 Problem der inadäquaten Therapie und potenzielle Gegenstrategien

783  Literatur

784  48 Psychotherapie

785 Susanne Zank

786  48.1 Einleitung

787  48.2 Versorgungssituation

788  48.3 Kriterien für eine Psychotherapie

789  48.4 Besonderheiten der Psychotherapien mit alten Patienten

790  48.5 Fazit und Ausblick

791  Literatur

792  49 Psychosoziale und nichtpharmakologische Interventionen

793 Julia Haberstroh

794  49.1 Einleitung

795  49.2 Ergotherapie

796  49.2.1 Zielgruppe und Ziele

797  49.2.2 Methoden

798  49.3 Physiotherapie

799  49.3.1 Zielgruppe und Ziele

800  49.3.2 Methoden

801  49.4 Logopädie

802  49.4.1 Zielgruppe und Ziele

803  49.4.2 Methoden

804  49.5 Kreativtherapie

805  49.5.1 Zielgruppe und Ziele

806  49.5.2 Methoden

807  49.6 Einbezug des sozialen Umfelds

808  49.6.1 Milieutherapie

809  49.6.2 Gruppenangebote für pflegende Angehörige

810  49.7 Fazit und Ausblick

811  Literatur

812  50 Das Geriatrische Behandlungsteam und seine Interprofessionalität

813 Werner Hofmann und Kristina Flägel

814  50.1 Einleitung

815  50.2 Strukturen und Aufgaben

816  50.2.1 Geriatrisches Assessment

817  50.2.2 Interprofessionalität

818  50.2.3 Teamstruktur und Teamleitung

819  50.2.4 Der Erstkontakt

820  50.2.5 Teambesprechung und Behandlungsplanung

821  50.2.6 Berufsgruppen

822  50.2.7 Weitere Angebote des Behandlungsteams

823  50.3 Curricula für das Behandlungsteam und studentische Lehre

824  50.4 Ambulante Versorgung: Angehörige und Betreuungspersonen

825  50.5 Spezifisch therapeutisches Milieu

826  Literatur

827  51 Geriatrische Versorgungsstrukturen

828 Dirk van den Heuvel unter Mitarbeit von Heike Lischewski

829  51.1 Einleitung

830  51.2 Gesetzliche Rahmenbedingungen und ordnungspolitische Meilensteine

831  51.3 Status Quo geriatrischer Versorgungsstrukturen

832  51.4 Geriatriespezifischer Versorgungsbedarf

833  51.5 Zusammenfassende Bewertung

834  Literatur

835  52 Gerontopsychiatrische Versorgungsstrukturen

836 Hans Gutzmann

837  52.1 Einleitung

838  52.2 Historische Entwicklung seit 1980

839  52.3 Gerontopsychiatrische Strukturelemente und gerontopsychiatrischer Versorgungsbedarf

840  52.4 Ein Blick auf das Diagnosespektrum

841  52.5 Wo findet aktuell die Versorgung statt?

842  52.6 Kompetenz der Behandelnden

843  52.7 Perspektiven

844  Literatur

845  53 Rehabilitation

846 Manfred Gogol

847  53.1 Einleitung

848  53.2 Ziele der Rehabilitation

849  53.3 Indikationen für die geriatrische Rehabilitation

850  53.4 Das geriatrische Team in der Rehabilitation

851  53.5 Einflussfaktoren

852  53.6 Vorgehen in der geriatrischen Rehabilitation

853  53.7 Setting der Rehabilitation

854  53.8 Prognose der Rehabilitation

855  Literatur

856  54 Innovative Wohnformen

857 Hans-Werner Wahl und Barbara Steiner

858  54.1 Einleitung

859  54.2 Innovative Wohnformen im Alter: Konzept und Überblick

860  54.3 Vertiefende Betrachtung: Das Beispiel des »neuen« Wohnens von Demenzkranken

861  54.4 Rolle neuer Technologien für innovatives Alterswohnen

862  54.5 Ausblick und offene Fragen

863  Literatur

864  55 Palliative Care und Spiritual Care

865 Hartmut Remmers

866  55.1 Einleitung

867  55.2 Palliative Care – konzeptionelle Ansätze

868  55.2.1 Zur besonderen Bedeutung von Care

869  55.3 Spiritual Care als Bestandteil von Palliative Care

870  55.3.1 Gegenwartsdiagnostische Anmerkungen zur neueren »Spiritualität«

871  55.4 Zukünftige Hausforderungen von Palliative Care

872  55.4.1 Personenbezogene Gestaltungsaufgaben

873  55.4.2 Organisationsbezogene Gestaltungsaufgaben

874  55.4.3 Spiritualität als Medium der Bewältigung beruflicher Belastungen

875  55.5 Lebensgeschichtliche Sinngehalte und Gestaltung des Lebensendes

876  55.6 Konsequenzen für die Altersmedizin

877  Literatur

878  56 Prävention in der Geriatrie

879 Hannes Christow, Michael Denkinger und Katharina Wirth

880  56.1 Ab wann ist Prävention geriatrisch?

881  56.2 Grundsätze

882  56.2.1 Assessment und Präventionsziele

883  56.2.2 Primär-, Sekundär-, Tertiärprävention

884  56.2.3 Das Evidenzproblem

885  56.3 Prävention durch Organisation bestimmter Präventionsprogramme

886  56.3.1 Große Programme auf Bundesebene

887  56.3.2 Kleine Programme über Vereine/Verbünde lokal

888  56.3.3 Hausbesuche, Fallmanager

889  56.4 Einzelne präventive Maßnahmen

890  56.5 Präventionsansätze zur Verhinderung des »Drehtür-Effekts«

891  56.5.1 Herzinsuffizienz

892  56.5.2 Aortenklappenstenose oder Mitralklappeninsuffizienz

893  56.5.3 Diabetes mellitus

894  56.5.4 Osteoporose

895  56.5.5 Körperliche Aktivität als »präventiver Surrounder«

896  56.5.6 Sturzprävention

897  56.5.7 Prävention von Fixierungen

898  56.5.8 Prävention durch Reduktion

899  56.5.9 Prävention durch Auswahl der richtigen Sprache und Aufklärung

900  Literatur

901  57 Ethische Aspekte

902 Thomas Frühwald

903  57.1 Ethik – Definitionsversuche

904  57.2 Warum Beschäftigung mit Fragen der Ethik in der Altersmedizin?

905  57.3 Ausgewählte ethische Probleme und Fragestellung in der Altersmedizin

906  57.4 Therapieentscheidungen in der Geriatrie

907  57.5 Selbstständigkeit und Autonomie in der Altersmedizin und am Lebensende

908  57.6 Der Wille des Patienten

909  57.7 Ethisch fundierte Entscheidungen in konkreten Fällen – wie vorgehen?

910  57.8 Die letzte Lebensphase – Palliative Geriatrie

911  Literatur

912  58 Rechtliche Aspekte

913 Thomas Klie

914  58.1 Geriatrie und Gerontopsychiatrie – im Spannungsfeld zwischen Auftrag und Rahmenbedingungen

915  58.2 Der alte Patient als Rechtssubjekt

916  58.2.1 Verrechtlichung des Arzt-Patienten-Verhältnisses

917  58.2.2 Behandlung »state of the art«

918  58.2.3 Einwilligung

919  58.2.4 Vertretung (Bevollmächtigter, gesetzlicher Betreuer)

920  58.2.5 Patientenverfügung

921  58.2.6 Das Recht auf Freiheit des alten Patienten

922  58.3 Versorgungsstrukturen

923  58.3.1 Gesundheitswesen (SGB V)

924  58.3.2 Pflege (SGB XI)

925  58.3.3 Sozialhilfe und Teilhabe (SGB XII)

926  58.3.4 Exkurs: Heimärztliche Versorgung

927  58.4 Haftungsrechtliche Fragen

928  58.4.1 Kunstfehler

929  58.4.2 Delegationsfehler

930  58.4.3 Rechtsmängel

931  58.4.4 Fehlende Rechtskenntnisse

932  58.4.5 Fehlende Fachkenntnisse in geriatrischer Hinsicht

933  58.5 Schlussbemerkung

934  Literatur

935  59 Transkulturelle Aspekte

936 Andreas Kruse und Eric Schmitt

937  59.1 Zum Begriff der Kultur

938  59.2 Ethnologische Perspektiven

939  59.3 Kulturelle Vorstellungen von Alter und Altern und der Verlauf von Alternsprozessen

940  59.4 Trauer in kulturvergleichender Perspektive

941  Literatur

942  Stichwortregister

I Grundlagen

1 Einführung
Die Herausgebenden

Die Gesundheit und das Wohl des alten Menschen stehen im Mittelpunkt altersmedizinischen Handelns. Dieses fußt einerseits auf dem systematischen Verständnis biologischer, psychologischer und sozialer Zusammenhänge, in denen sich menschliches Altern in Gesundheit und Krankheit realisiert. Als praktische Disziplin strebt die Altersmedizin andererseits die Anwendung und Umsetzung dieser Wissensbestände in unterschiedlichen institutionellen Kontexten und Handlungsfeldern an, zu denen Prävention, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation, psychosoziale Intervention und Beratung gezählt werden können. Geriatrie, Gerontopsychiatrie und angewandte Gerontologie sind unbestritten diejenigen Disziplinen, für die die Generierung und Anwendung altersmedizinisch relevanten Wissens von zentraler Bedeutung ist. Historisch und institutionell betrachtet, haben diese drei Disziplinen in Deutschland eine unterschiedliche Herkunft: Während die Geriatrie (im enger gefassten Sinne) starke Wurzeln in der Inneren Medizin besitzt und sich die Gerontopsychiatrie in den vergangenen Jahrzehnten als Spezialdisziplin der Psychiatrie und Altenhilfe herausgebildet hat, ist die Gerontologie – wenngleich in ihrem Selbstverständnis interdisziplinär angelegt – als »akademisches Kind« der Psychologie traditionell sehr stark durch Fragestellungen und Konzepte der Verhaltenswissenschaften geprägt. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels – dem im Folgenden ein eigenes Kapitel gewidmet ist ( Kap. 2) – wird die theoretische und praktische Bedeutung aller drei Disziplinen noch zunehmen. Zu den im vorliegenden Teil des Buches dargestellten Grundlagen der Altersmedizin gehört daher auch eine Vorstellung dieser Disziplinen, ihrer Aufgabenbereiche, ihres Selbstverständnisses und ihrer institutionellen Verankerung ( Kap. 3). Einem Grundanliegen des Buches folgend, wird darüber hinaus die Interdisziplinarität ( Kap. 4) als zentrales integratives Konzept der Altersmedizin eingeführt. Aufgrund der oben skizzierten historischen Entwicklung ist diese zwar vielerorts noch nicht zufriedenstellend in die Praxis umgesetzt. Unbestreitbar ist jedoch, dass trotz unterschiedlicher institutioneller Rahmenbedingungen, Versorgungssettings und Kompetenzen gemeinsame Problemstellungen in denselben oder überlappenden Handlungsfeldern bewältigt werden müssen. Eine Altersmedizin im weiteren Sinne bezieht daher ihre wichtigsten Grundkonzepte ( Kap. 5) aus dem Wissensbestand aller drei Disziplinen. Diese reichen von biomedizinisch geprägten Konzepten – wie Gebrechlichkeit und Multimorbidität – über kognitions- und entwicklungspsychologische Begrifflichkeiten (z. B. Plastizität, Bewältigung) hin zu sozialwissenschaftlichen Kategorien (z. B. soziale Teilhabe). Sie werden im Folgenden in kurzen Übersichtskapiteln dargestellt, die jeweils mit einer Bewertung der praktischen Relevanz dieser Grundkonzepte für die Altersmedizin abschließen. Dabei erlauben entsprechende Querverweise auf die folgenden Kapitel des Buches eine rasche klinisch-praktische Vertiefung der Themenfelder.

Zugunsten einer lesefreundlichen Darstellung wird in diesem Buch bei personenbezogenen Bezeichnungen in der Regel die männliche Form verwendet. Diese schließt, wo nicht anders angegeben, alle Geschlechtsformen ein (weiblich, männlich, divers).

2 Epidemiologie und demografischer Wandel
Siegfried Weyerer
2.1 Einleitung
2.1.1 Epidemiologie

Ursprünglich befasste sich die Epidemiologie, und davon leitet sich ihr Wortsinn ab, mit Epidemien, die durch Infektionskrankheiten wie Cholera und Typhus verursacht wurden. So untersuchten beispielsweise im 19. Jahrhundert in England John Snow und in Deutschland Max von Pettenkofer Risikofaktoren für das massenhafte Auftreten von Cholera. Im Laufe der letzten 100 Jahre weitete sich der Gegenstandsbereich der Epidemiologie auf das gesamte Spektrum nicht nur akuter, sondern auch chronischer Erkrankungen aus. Die Epidemiologie stellt neben der biologisch-naturwissenschaftlichen und der klinischen Forschung eine der drei Grundlagen der wissenschaftlichen Medizin dar.

Die Bezeichnung »Epidemiologie« leitet sich aus dem Griechischen her (»epi« = »über« »demos« = das »Volk« und »logos« = die »Lehre«) und bedeutet so viel wie »die Lehre von dem, was über das Volk kommt« oder »was im Volk verbreitet ist«. Der Wortsinn bringt das zentrale Merkmal dieses Forschungsansatzes – den Bevölkerungsbezug – zum Ausdruck. Deskriptive Epidemiologie beschäftigt sich mit der räumlichen und zeitlichen Verteilung von Erkrankungen in der Bevölkerung und der unterschiedlichen Häufigkeit ihres Auftretens im Zusammenhang mit demografischen, genetischen, Verhaltens- und Umweltfaktoren. Analytische Epidemiologie untersucht die Bedingungen des Auftretens und des Verlaufs von Erkrankungen mit dem Ziel, das Wissen über Ursachen, Risiko- und Auslösefaktoren von Krankheitsepisoden und Krankheitsfolgen zu vertiefen. Zur Erreichung ihrer Forschungsziele ist die Epidemiologie auf inhaltliche und methodische Partnerdisziplinen angewiesen: Klinische Fächer, Statistik, Sozialwissenschaften und demografische Forschung spielen dabei eine zentrale Rolle.

2.1.2 Demografie

Die Demografie oder Bevölkerungswissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit Leben, Werden und Vergehen menschlicher Bevölkerungen befasst. Die quantitative Demografie konzentriert sich hauptsächlich auf die Bevölkerungsstatistik, der qualitative Zweig beschäftigt sich mit den Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der Bevölkerungsentwicklung. Zentrale Aufgaben der Demografie sind die Beschreibung, Analyse und Erklärung von:

• Bevölkerungsstrukturen (Zusammensetzung der Bevölkerung z. B. nach Alter, Geschlecht, Nationalität)

• Räumlichen Bevölkerungsbewegungen (z. B. Migration) und natürlichen Bevölkerungsbewegungen (Geburten und Sterbefälle) sowie die mit diesen Bewegungen im Zusammenhang stehenden Verhaltenskomplexen (z. B. Heirats- und Scheidungsverhalten)

• Bevölkerungsentwicklungen (z. B. Veränderung der Bevölkerung nach Zahl und Altersstruktur)

• Bevölkerungsverteilung und deren Veränderungen im zeitlichen Verlauf

Die wichtigste Datenquelle der Demografie ist die amtliche Statistik, in der regelmäßig für definierte Regionen Geburten und Sterbefälle, Ein- und Auswanderungen sowie Krankheits- und Todesursachen registriert und aggregiert werden. Im Folgenden wird sich dieser Beitrag hauptsächlich auf den demografischen Wandel in Deutschland konzentrieren und dabei auf zentrale Komponenten wie Migration, Fertilität und Mortalität eingehen, ihre Einflüsse auf die Veränderungen im Altersaufbau darstellen und die Bedeutung verschiedener Unterstützungsindikatoren erläutern. Schließlich werden – als Beispiel für eine besonders fruchtbare Vernetzung von demografischen und epidemiologischen Forschungsansätzen – Ergebnisse zu aktiver Lebenserwartung, Kompression und Expansion der Morbidität dargestellt.

2.2 Demografischer Wandel

Unter »Demografischem Wandel« versteht man eine Entwicklung, in der das Zusammenspiel altersspezifischer Fertilitäts- Mortalitäts- und Nettoimmigrationsraten zu einer Alterung und einer Abnahme der Bevölkerung führt (Tivig und Waldenberger 2011). Im 20. Jahrhundert haben sich enorme Veränderungen im Altersaufbau der Bevölkerung vollzogen. Der Übergang von hoher Fertilität und hoher Mortalität im 19. Jahrhundert zu niedriger Fertilität und niedriger Mortalität in der Gegenwart hat zu einer starken Zunahme der Zahl von alten Menschen und zu einer starken Zunahme ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung geführt. Zurückzuführen ist diese Entwicklung hauptsächlich auf Fortschritte im Gesundheitswesen, auf verbesserte Hygiene, Ernährung, Wohn- und Arbeitsbedingungen sowie auf gestiegenen materiellen Wohlstand. Verbunden war damit der sogenannte epidemiologische Übergang, der durch einen Rückgang von tödlich verlaufenden Akuterkrankungen und durch eine Zunahme von langdauernden, chronisch-degenerativen Erkrankungen charakterisiert ist. Ein Blick auf die demografischen Veränderungen, die im Laufe eines Lebensalters eingetreten sind, verdeutlicht Tempo und Dynamik des Bevölkerungsumbaus und macht verständlich, weshalb Alter und Alterserkrankungen zu den größten Herausforderungen der Versorgungssysteme geworden sind (Weyerer und Bickel 2007).

2.3 Migration

Der Altersaufbau einer Gesellschaft kann stark beeinflusst werden durch Migration. Der Begriff Migration umfasst unterschiedliche Formen räumlicher Mobilität von Menschen, wobei verschiedene Wanderungstypen unterschieden werden:

• Zeitlich begrenzte oder dauerhafte Migration

• Freiwillige oder erzwungene Migration

• Grenzüberschreitende Migration (z. B. Einwanderung nach Deutschland) oder Binnenmigration (z. B. Ost-West-Wanderung in Deutschland)

Seit 1950 gab es in Deutschland sowohl Phasen, in denen Abwanderungen überwogen, als auch Phasen hoher Zuwanderung. Insgesamt lag die Nettozuwanderung zwischen 1950 und 2000 bei rund 8 Mio. Personen. Diese resultiert aus über 32 Mio. Zuzügen und knapp 24 Mio. Fortzügen (Deutscher Bundestag 2002).

Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund setzt sich zusammen aus den seit 1950 nach Deutschland Zugewanderten und deren Nachkommen. Nach dieser Definition hatten im Jahr 2016 18,6 Mio. Menschen, das ist – bezogen auf die Gesamtbevölkerung – mehr als jeder fünfte Einwohner, einen Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt 2017a). Von ihnen hatten 9,6 Millionen einen deutschen Pass und 9,0 Mio. waren Ausländer. Etwa zwei Drittel aller Menschen mit Migrationshintergrund sind zugewandert und ein Drittel ist in Deutschland geboren. 66,8 % der insgesamt 12,7 Mio. Zuwanderer stammten im Jahr 2016 aus Europa. Die wichtigsten Herkunftsländer waren die Türkei (15,1 %), Polen (10,1 %) und die Russische Föderation (6,6 %).

Personen mit bzw. ohne Migrationshintergrund unterscheiden sich hinsichtlich einer Reihe soziodemografischer Merkmale. Personen mit Migrationshintergrund sind im Durchschnitt mehr als elf Jahre jünger (35,4 versus 46,9 Jahre), und dementsprechend ist der Anteil der alten Menschen niedriger, haben häufiger keinen Schulabschluss, sind häufiger erwerbslos und haben ein höheres Armutsrisiko.

Basierend auf Daten von 2005 haben Kibele et al. (2008) eine differenzierte Untersuchung über alte Migranten in Deutschland durchgeführt. Bezogen auf die 65-Jährigen und Älteren hatten 7,6 % einen Migrationshintergrund und 3,4 % unter ihnen waren Ausländer, hatten also keinen deutschen Pass. Schätzungen zur Lebenserwartung von Ausländern auf der Grundlage von Bevölkerungsstatistiken können sehr stark verzerrt sein. So lag für den Zeitraum von 1995–2004 die durchschnittliche Lebenserwartung der 65-jährigen und älteren Ausländer mit 30,2 Jahren nahezu doppelt so hoch wie bei der deutschen Vergleichsbevölkerung (15,3 Jahre). Wenn in der Bevölkerungsstatistik Wegzüge und Todesfälle von Ausländern, die in ihr Heimatland zurückgekehrt sind, nicht erfasst werden, so führt das zu einer krassen Unterschätzung der Sterbeziffern. Basierend auf wesentlich genaueren Daten der Deutschen Rentenversicherung ergibt sich ein realistischeres Bild: Die durchschnittliche Lebenserwartung Über-65-Jähriger liegt bei Deutschen (15,6 Jahre) und Ausländern (15,0 Jahre) in einer ähnlichen Größenordnung. Bei diesem Vergleich sind jedoch verschiedene Komponenten zu berücksichtigen, die sich auf den Gesundheitszustand und damit verbunden die Lebenserwartung auswirken: Die heute alten Ausländer, überwiegend Arbeitsmigranten aus den 1950er–1970er Jahren, hatten bei der Einwanderung im Durchschnitt eine bessere Gesundheit als die einheimische Bevölkerung (Healthy-Migrant-Effect). Andererseits haben Ausländer eine Reihe von Risiken, die sich ungünstig auf die Gesundheit und die Lebenserwartung auswirken: eingeschränkte Bildungschancen, erhöhtes Armutsrisiko und schwere körperliche Arbeit. Alte Menschen mit Migrationshintergrund rekrutieren sich hauptsächlich aus der Gruppe der Arbeitsmigranten aus den 1960er und 1970er Jahren. Aus den sozialen und kulturellen Besonderheiten ihrer Lebenssituation ergeben sich besondere Anforderungen an die gesundheitliche und pflegerische Versorgung im Alter (Hoffmann et al. 2009a).

2.4 Fertilität

Die Fertilität bestimmt im Zusammenspiel mit der Mortalität und Migration, wie viele Menschen eine Region bevölkern. Die Zahl der Geburten wird wesentlich durch zwei Komponenten bestimmt: die Zahl der gebärfähigen Frauen und die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau. Diese durchschnittliche Kinderzahl wird als zusammengefasste Geburtenziffer berechnet. In der Bevölkerungswissenschaft spricht man auch von Gesamtfertilitätsrate (englisch Total Fertility Rate, TFR). Die TFR gibt für eine definierte Region an, wie viele Kinder eine dort lebende Frau durchschnittlich im Laufe ihres Lebens zur Welt bringen würde, wenn die in einem Zeitraum aktuellen altersspezifischen Geburtenraten über ihre gesamten fruchtbaren Lebensjahre (meist wird vom 15. bis zum 49. Lebensjahr ausgegangen) konstant blieben (Münz 2007). Die Berechnung der TFR erfolgt folgendermaßen: Es werden alle Geborenen nach dem Alter ihrer Mütter sortiert. Dann wird für jedes Altersjahr berechnet, wie hoch der Anteil der Frauen dieses Alters ist, die in diesem Jahr ein Kind bekommen haben. Daraus ergeben sich altersspezifische Geburtenziffern für das Alter 15 Jahre bis 49 Jahre. Diese Durchschnittswerte der einzelnen Altersjahre werden addiert.

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Geburtenrate in allen europäischen Ländern gesunken. Eine wichtige Rolle spielen dabei Faktoren wie wirksamere Methoden der Geburtenkontrolle, längere Ausbildungszeiten, späteres Heiratsalter, höhere Scheidungsraten und steigendes Alter von Müttern bei der Geburt eines Kindes. Mit einer Gesamtfertilitätsrate von 1,31 im Jahr 2003 gehört Deutschland zu den geburtenschwächsten Ländern in Europa. Die skandinavischen Länder (Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland) und Frankreich zählen mit einer Rate zwischen 1,71 und 1,89 zu den Ländern mit der höchsten Fertilität. Aber auch diese Werte liegen unter dem Wert von 2,1 Kindern pro Frau, der zur Bestandserhaltung einer Gesellschaft erforderlich ist (Neyer 2003).

Den Angaben des Statistischen Bundesamts (2009) zufolge, ist in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten die durchschnittliche Zahl der Kinder je Frau leicht zurückgegangen (1990: 1,45; 2008: 1,38). Parallel zu dieser Entwicklung ist – berechnet auf der Grundlage der altersspezifischen Geburtenziffern – das Gebäralter von 28,3 auf 30,2 Jahre angestiegen. Die Gesamtfertilität ausländischer Frauen war im Jahr 2008 mit 1,61 höher als diejenige deutscher Frauen (1,34). Des Weiteren war das Gebäralter ausländischer Frauen mit durchschnittlich 29,2 Jahren um über ein Jahr niedriger im Vergleich zu den deutschen Frauen (30,4 Jahre).

2.5 Mortalität

Sterbeziffern haben eine große Bedeutung in der Epidemiologie, vor allem wenn Daten über einen längeren Zeitraum hinweg oder zwischen verschiedenen Regionen verglichen werden sollen. Für den Vergleich des Sterbegeschehens verschiedener Populationen ist es unerlässlich, Faktoren wie Geschlecht und Alter, die einen starken Einfluss auf das Erkrankungsrisiko haben, zu kontrollieren.

Die Todesursachenstatistik ist eine wichtige Grundlage zur Ermittlung von Gesundheitsindikatoren wie Sterbeziffern, verlorenen Lebensjahren und vermeidbaren Sterbefällen. Sie liefert wichtige Hinweise hinsichtlich der Einflussfaktoren der Gesundheitsindikatoren, der regionalen Besonderheiten der todesursachenspezifischen Mortalität und ihrer Veränderung im zeitlichen Verlauf. Im 19. Jahrhundert war die Sterblichkeit von einer spezifischen Struktur der Todesursachen gekennzeichnet. Die wichtigste Todesursache war die Säuglingssterblichkeit; etwa ein Viertel bis zu einem Drittel aller Neugeborenen verstarb bereits im ersten Lebensjahr. Daneben war auch die Geburt selbst mit einem großen Risiko für die Mutter verbunden. Die wichtigste Todesursache für Personen, die das erste Lebensjahr erfolgreich überstanden, war die Gruppe der Infektionskrankheiten. Die wirksame Bekämpfung gefährlicher Infektionskrankheiten und die Verbesserung der hygienischen Bedingungen haben die Lebenserwartung steigen lassen und das Krankheitsspektrum verändert (Weyerer et al. 2008). Wie aus der Todesursachenstatistik für Deutschland aus dem Jahr 2015 hervorgeht (Statistisches Bundesamt 2017b), spielen Infektionskrankheiten nur eine geringe Rolle: Die häufigste Todesursache sind Herzkreislauferkrankungen ( Kap. 34): 38,5 % aller Sterbefälle werden dadurch verursacht. Die zweithäufigste Todesursache sind Krebserkrankungen (25,3 %).

Der Wert von Todesursachenstatistiken ist jedoch durch eine Reihe von Faktoren eingeschränkt: Sie erfassen nur einen Teilaspekt des Gesundheitszustands der Bevölkerung, da lediglich die tödlich verlaufenden Erkrankungen dokumentiert werden. Eine Vielzahl von behindernden Erkrankungen ohne Lebensbedrohlichkeit kommt in der Sterbefallstatistik ebenso wenig zum Ausdruck wie eine Reihe von Erkrankungen, etwa Bluthochdruck oder Demenzen, die die Lebenserwartung erheblich verringern, die aber nur selten als eigentliche Todesursachen genannt werden. Die amtliche Statistik berücksichtigt nur die als Grundleiden angegebene Krankheit in relativ undifferenzierter Form und schlüsselt sie nach Alters- und Geschlechtsgruppen auf. Begleiterkrankungen werden nicht genannt, differenziertere Informationen – wie die Krankheitsdauer und das Ausmaß der funktionellen Beeinträchtigung – sind nicht verfügbar.

2.6 Veränderungen im Altersaufbau der Bevölkerung
2.6.1 Demografische Veränderungen in Deutschland: 1910–2010

Die Bevölkerungsentwicklung ist in den letzten 100 Jahren gekennzeichnet durch markante demografische Veränderungen ( Tab. 2.1). Heute leben in Deutschland mehr als viermal so viele Über-65-Jährige und mehr als zehnmal so viele Über-80-Jährige wie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jeder Fünfte (20,7 %) in Deutschland hat das 65. Lebensjahr vollendet. Deutschland liegt damit innerhalb Europas an der Spitze gefolgt von Italien (20,2 %) und Griechenland (18,9 %). In den einzelnen EU-Ländern (Statistische Bundesamt 2011b) verläuft die demografische Entwicklung mit unterschiedlicher Dynamik: In Irland (11,3 %), in der Slowakei (12,3 %) und in Zypern (13,1 %) ist der Anteil der Menschen über 65 Jahren am niedrigsten und liegt deutlich unter dem Durchschnittswert aller 27 EU-Staaten (17,4 %).

Die Lebenserwartung ist eine häufig verwendete Maßzahl für den Gesundheitszustand einer Bevölkerung. Sie ist definiert als durchschnittliche Anzahl der Jahre, die eine Person bestimmten Alters voraussichtlich leben wird, wenn sich die Sterblichkeitsrate nicht ändert. Innerhalb von 100 Jahren ist in Deutschland die Lebenserwartung bei Geburt um mehr als 30 Jahre gestiegen: bei den Männern von 44,8 auf 77,5 Jahre, bei den Frauen von 48,3 auf 82,6 Jahre. Dieser Zugewinn an Lebenserwartung ist nicht ausschließlich die Folge einer verringerten Säuglings- und Kindersterblichkeit, die vor allem in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zur steigenden Lebenserwartung beigetragen hat, sondern wird mitbedingt durch einen Rückgang der Sterblichkeit auch in den höheren Altersstufen (Weyerer und Bickel 2007). So stieg die fernere Lebenserwartung eines 65-jährigen Mannes um fast sieben Jahre auf 17,2 Jahre an, die fernere Lebenserwartung einer 65-jährigen Frau erhöhte sich sogar um mehr als neun Jahre auf 20,5 Jahre. Auch die fernere Lebenserwartung der 80-Jährigen hat sich innerhalb der letzten 100 Jahre beträchtlich erhöht: bei den Männern auf 7,7 Jahre und bei den Frauen auf 9,1 Jahre. Als Ursachen für die längere Lebenserwartung der Frauen kommen sowohl biologische (genetische und hormonelle Disposition) als auch verhaltens- und umweltabhängige Faktoren (z. B. Rauchen, Alkoholkonsum, soziale und berufliche Stressbelastung) infrage.

Tab. 2.1: Demografische Veränderungen in Deutschland: 1910–2010


IndikatorenDeutsches Reich 1910Bundesrepublik Deutschland 2010/2014

Von 2010 bis 2014 hat die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland um etwa 600.000 Personen abgenommen. Dieser Rückgang ist jedoch nicht auf die alten Menschen zurückzuführen. Vielmehr ist hier vor allem bei den Über-80-Jährigen ein Anstieg von etwa 400.000 zu verzeichnen (Statistisches Bundesamt 2016).

Nach Angaben der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2018) ist von 2010–2014 sowohl die Lebenserwartung bei Geburt als auch die fernere Lebenserwartung der deutschen Männer und Frauen angestiegen.

Die fernere Lebenserwartung von 65-Jährigen lag in den 27 EU-Ländern insgesamt bei 17,2 Jahren bei den Männern und 20,7 Jahren bei den Frauen. Diese Werte entsprechen in etwa denen in Deutschland. Am höchsten ist die fernere Lebenserwartung mit 18,7 Jahren (65-jährige Männer) bzw. 23,2 Jahren (65-jährige Frauen) in Frankreich. Besonders niedrig ist die Lebenserwartung in den ehemals sozialistischen Ländern. Die kürzeste Lebenserwartung fand sich bei den 65-jährigen Männern in Lettland mit 13,6 Jahren und bei den 65-jährigen Frauen in Bulgarien mit 17,0 Jahren. Zu dieser im Vergleich zu westeuropäischen Ländern niedrigeren Lebenserwartung tragen Faktoren wie niedrigerer Lebensstandard, schwerere Arbeitsbedingungen, ungesunde Ernährungsgewohnheiten und schlechtere Gesundheitsversorgung bei (Statistisches Bundesamt 2011).

2.6.2 Vorausschätzung der Bevölkerungsentwicklung

Die demografischen Veränderungen, deren Zeugen wir in den letzten Jahrzehnten wurden, sind längst noch nicht abgeschlossen. Es ist ein weiterer Anstieg der Anzahl alten Menschen in Deutschland zu erwarten. Die vom Statistischen Bundesamt (2009) vorgelegte zwölfte koordinierte Bevölkerungsprognose enthält verschiedene Szenarien, die auf unterschiedlichen Annahmen über die künftigen Entwicklungen der Geburtenziffern, der Migration und der Sterblichkeit beruhen ( Tab. 2.2).

Die Spannweite, in der sich die Alterung bewegen könnte, lässt sich an zwei Varianten veranschaulichen: Die relativ junge Bevölkerung kommt dann zustande, wenn die Geburtenhäufigkeit ansteigt, die Lebenserwartung moderat zunimmt und der jährliche Wanderungssaldo bei etwa 200.000 Personen liegt. Eine relativ alte Bevölkerung würde sich ergeben bei einer Abnahme der Geburtenhäufigkeit, einer Zunahme der Lebenserwartung und einem niedrigem Wanderungssaldo.

Tab. 2.2: Ausgewählte Varianten der zwölften koordinierten Bevölkerungsprognose in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2009)


AnnahmenMittlere Bevölkerung UntergrenzeMittlere Bevölkerung ObergrenzeRelativ junge BevölkerungRelativ alte Bevölkerung

Im Folgenden legen wir zwei Varianten zugrunde, welche die Untergrenze und Obergrenze der mittleren Bevölkerung abbilden. Dabei zeigt sich, dass die Gesamtbevölkerung von 82 Mio. in den Jahren von 2008 bis 2020 um über 2 Mio. und bis 2060 um mindestens 12 Mio. abnehmen wird. Bezogen auf einzelne Altersgruppen zeigt sich, dass dieser Rückgang ausschließlich auf die mittleren und jüngeren Altersgruppen zurückzuführen ist. Die Anzahl der 65- bis 79-Jährigen bleibt bis 2020 relativ stabil und steigt bis 2060 nur geringfügig an. Es wird aber zu erheblichen Binnenverschiebungen kommen, die für die Versorgungssysteme von großer Relevanz sind, denn der Anteil von Hoch- und Höchstbetagten wird überproportional ansteigen. Die über 80-jährige Bevölkerung wird von 4 Mio. im Jahr 2008 auf 6 Mio. im Jahr 2020 und über 9 Mio. im Jahr 2060 ansteigen ( Tab. 2.3).

Tab. 2.3: Bevölkerung (in Mio.) in Deutschland nach Altersgruppen: 2008, 2020, 2060 (Statistisches Bundesamt 2009)

Alter20082020 Mittlere Bevölkerung Untergrenze/Obergrenze2060 Mittlere Bevölkerung Untergrenze/Obergrenze

2.7 Demografische Unterstützungsquotienten

Ein wichtiger Indikator in der Demografie ist der Unterstützungs- oder Abhängigkeitsquotient ( Tab. 2.4). Er bezeichnet das Verhältnis der wirtschaftlich abhängigen Altersgruppen (Personen, die noch nicht oder nicht mehr im erwerbsfähigen Alter sind) zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (z. B. 15–64-Jährige). Er setzt sich zusammen aus dem Kinder- und Jugendquotienten (Bezugsgröße: 0–14-Jährige) und dem Altersquotienten (Bezugsgröße: 65-Jährige und Ältere). Der Gesamtquotient ist jedoch mit Ungenauigkeiten behaftet, da nicht alle 15–64-Jährigen erwerbstätig sind, sondern auch Personen in Ausbildung, Hausfrauen, Erwerbsunfähige, Arbeitslose und Frührentner umfasst. Andererseits gibt es Berufstätige, die über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten.

Tab. 2.4: Unterstützungsquotienten in Deutschland (nach Tivig und Waldenberger 2011)


JahrKinder-JugendquotientAltersquotientGesamtquotient

Der Gesamtquotient zeigt, dass in Deutschland zur Zeit 100 Personen im Alter von 15–64 Jahren für die Unterstützung von 21 jüngeren und 31 älteren Menschen aufkommen müssen. Während der Kinder-Jugendquotient von 1910–2008 stark abnahm, stieg der Altersquotient bis 2008 sehr stark an. Auch bis 2050 wird der Altersquotient sehr stark ansteigen: Dann werden 100 Erwerbstätige für die Unterstützung von 57 alten Menschen aufkommen müssen. Im gleichen Zeitraum wird der Kinder-Jugendquotient nur geringfügig zunehmen.

Scherbov und Sanderson (2010) kritisieren, dass für die Messung der Altersquotienten nur das chronologische Alter zugrunde gelegt wird und Faktoren wie die Lebenserwartung und die gesundheitliche Beeinträchtigung unberücksichtigt bleiben. Geht man davon aus, dass die steigende Lebenserwartung mit einem Zugewinn an gesunden Lebensjahren einhergeht, dann könnten künftige Generationen später in den Ruhestand eintreten, ohne dass sich dies ungünstig auf die Gesundheit auswirken müsste. Der von den Autoren entwickelte prospektive Altersquotient (POADR: prospective old age dependency ratio) wird wie folgt bestimmt: Die Anzahl aller Personen mit einer ferneren Lebenserwartung von 15 oder weniger Lebensjahren wird in Beziehung gesetzt zur Anzahl aller Personen, die mindestens 20 Jahre alt sind und eine fernere Lebenserwartung von mehr als 15 Jahren haben (Sanderson und Scherbov 2005). Am Beispiel Deutschlands zeigt sich, dass der prospektive Altersquotient (POADR) langsamer steigt als der traditionelle Altersquotient (OADR: old age dependency ratio). Eine weitere von Sanderson und Scherbov (2010) konzipierte Maßzahl, die adult disability dependency ratio (ADDR), gibt den Quotienten wieder zwischen den Hilfebedürftigen und denjenigen, die Hilfe geben können. Die Anzahl aller gesundheitlich beeinträchtigten Erwachsenen (20 Jahre und älter) wird durch die Anzahl der gesundheitlich nicht beeinträchtigten Erwachsenen (20 Jahre und älter) dividiert. Der Anstieg dieser Maßzahl ist im Vergleich zu den beiden anderen Kennziffern wesentlich geringer.

Für Deutschland ergibt sich für das Jahr 2048 folgende Situation: Nach dem konventionellen Altersquotienten (OADR) würden 63 Personen (65 Jahre und älter) auf 100 Personen im Alter von 15–64 Jahren entfallen ( Tab. 2.5). Nach der POADR-Methode kämen auf 100 Personen mit einer ferneren Lebenserwartung von mehr als 15 Jahren 34 Personen mit einer Lebenserwartung von weniger als 15 Jahren. Nach der ADDR-Methode entfallen nur 15 gesundheitlich beeinträchtigte Personen im Alter von über 20 Jahren auf 100 Personen (20 Jahre und älter) ohne Beeinträchtigungen.

Tab. 2.5: Entwicklung verschiedener Altersquotienten in Deutschland im zeitlichen Verlauf (nach Scherbov und Sanderson 2010)


JahrOADR old age dependency ratioPOADR prospective old age dependency ratioADDR adult disability dependency ratio

2.8 Aktive Lebenserwartung, Kompression und Expansion der Morbidität

Neben der allgemeinen Lebenserwartung gibt es noch weitere Maßzahlen für den Gesundheitsstatus, die auf Sterblichkeitsdaten basieren. In komplexere Indikatoren geht nicht nur die Lebensdauer ein, sondern auch, wie viel Zeit eine Person bei guter Gesundheit verbringen kann. Ein Beispiel hierfür ist das Konzept der aktiven Lebenserwartung, das aus der allgemeinen Sterbetafelanalyse hervorgegangen ist. Je nach Abgrenzung zwischen gesund, krank oder pflegebedürftig sind auch im Englischen Bezeichnungen wie »healthy« oder »disability free life expectancy« gebräuchlich (Weyerer et al. 2008). Nach Heigl (2002) umfasst die aktive Lebenserwartung die Lebensspanne, die frei von Pflegebedürftigkeit ist, und die inaktive Lebenserwartung die Phase der Pflegebedürftigkeit als Übergangsphase zum Tod. Selbstverständlich ist die aktive Lebenserwartung sehr stark davon abhängig, wie Pflegebedürftigkeit definiert wird: etwa nach den Kriterien der Pflegeversicherung oder auf der Grundlage von Alterskompetenz-Skalen (Activities of Daily Living/ADL-Skalen). Eine grobe Schätzung zeigt, dass in den meisten europäischen Ländern die Über-60-Jährigen mindestens vier Fünftel der verbleibenden Lebenszeit gesund verbringen (Hoffmann et al. 2009b). Bringen die durch die steigende Lebenserwartung hinzugewonnenen Jahre ein Mehr an Lebensqualität oder ist der Anstieg der Lebenserwartung nur um den Preis einer gestiegenen Prävalenz von Krankheit und funktionalen Einschränkungen zu haben? Zu diesen Fragen wurden zwei zentrale Thesen formuliert: die Kompressionshypothese und die Expansionshypothese.

Eine optimistische Sichtweise geht davon aus, dass die allgemeine Verlängerung der Lebenserwartung und die zunehmende Konzentration der Sterblichkeit auf die Hochaltrigen (Kompression der Mortalität) auch begleitet wird von einer Verkürzung der Lebensphase, in der mit schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu rechnen ist (Fries 1980, Fries et al. 2011). Gemäß der Kompressionsthese bleiben die alten Menschen trotz steigender Lebenserwartung von funktionalen Einschränkungen verschont. Aufgrund einer gesünderen Lebensweise und des medizinischen Fortschritts wird das Auftreten chronischer Behinderungen verzögert und in seiner Schwere gemildert.

Der medizinische Fortschritt wird jedoch auch für die Expansionsthese (Gruenberg 1977) herangezogen, wonach die zusätzlichen Lebensjahre nicht in Gesundheit, sondern im kranken Zustand verbracht werden. Aufgrund des medizinischen Fortschritts gelingt es immer besser, das frühzeitige Sterben wegen akuter lebensbedrohlicher Erkrankungen zu verhindern. Auf diese Weise erreichen immer mehr Menschen ein höheres Alter, in dem chronische Erkrankungen zunehmen. Außerdem gelingt es mit Hilfe verbesserter therapeutischer Verfahren, den tödlichen Ausgang von Krankheiten im hohen Alter um den Preis einer verlängerten Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern. Des Weiteren gehen die Vertreter der Expansionsthese davon aus, dass Krankheiten mit langer Latenzzeit, wie z. B. Erkrankungen des Bewegungsapparats, stärker zum Tragen kommen.

Epidemiologische Studien, in denen über längere Zeiträume die Prävalenz von Erkrankungen mit identischen Erhebungsmethoden bestimmt wird, können hier wichtige Hinweise liefern. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die Prävalenz eine komplexe Messgröße ist, in die verschiedene Komponenten einfließen können (Beaglehole et al. 1997). Die Prävalenz erhöhende Faktoren sind: längere Krankheitsdauer, Zunahme der Neuerkrankungen, Zuwanderung erkrankter Personen, Abwanderung gesunder Personen, Lebensverlängerung bei Patienten, die nicht geheilt werden können, und bessere diagnostische Möglichkeiten (höhere Entdeckungsrate). Faktoren, die die Prävalenz senken, sind: kürzere Krankheitsdauer, Abnahme der Neuerkrankungen, Zuwanderung gesunder Personen, Abwanderung erkrankter Personen, hohe Letalitätsrate (d. h. Anteil der Fälle einer bestimmten Krankheit, die innerhalb eines definierten Zeitraums tödlich enden), höhere Heilungsrate bei erkrankten Personen.

Tab. 2.6: Prävalenz (%) von ausgewählten Erkrankungen und Mobilitätseinschränkungen nach Alter und Geschlecht in den USA: National Health Interview Survey 1998–2006; die jeweils höheren Prävalenzraten sind durch Fettdruck hervorgehoben (Crimmins und Beltran-Sanchez 2010)


DiagnoseMännerFrauen

Auf die Frage, ob die Kompressionsthese oder die Expansionsthese die richtige ist, gibt es keine eindeutige Antwort. Für beide Thesen liegen epidemiologische Studien vor, welche die jeweiligen Annahmen unterstützen. Zunächst zeigten epidemiologische Studien aus den 1960er und 1970er Jahren, dass in den Vereinigten Staaten die Zunahme der ferneren Lebenserwartung nicht mit einem Anstieg der aktiven Lebenserwartung einherging (Colvez und Blanchet 1981, McKinlay et al. 1989). Crimmins und Beltran-Sanchez (2010) fanden in einer groß angelegten US-Studie zwischen 1998 und 2006 in den meisten Fällen einen Anstieg in den Prävalenzraten bei Erkrankungen, die die Mortalitätsraten entscheidend bestimmen ( Tab. 2.6): Koronare Herzerkrankungen, Herzinfarkt, Krebserkrankungen und Diabetes. In dem gleichen Zeitraum fanden sie darüber hinaus bei Männern und Frauen aller Altersgruppen eine deutliche Zunahme bei Einschränkungen in der Mobilität ( Kap. 7). Die Lebenserwartung der Über-65-Jährigen ist sowohl bei den Männern (1998: 16,0 Jahre; 2006: 17,0 Jahre) als auch bei den Frauen (1998: 19,2 Jahre; 2006: 19,7 Jahre) angestiegen. Dabei zeigte sich bei beiden Geschlechtern, dass im Beobachtungszeitraum die Lebenserwartung bei den Personen anstieg, die mindestens eine Erkrankung hatten bzw. in ihrer Mobilität eingeschränkt waren ( Tab. 2.7). Ein in diesem Zeitraum festgestellter Anstieg der Lebenserwartung kann unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass – aufgrund verbesserter Behandlungsmöglichkeiten – Menschen mit chronischen Erkrankungen länger leben.

Andere Studien weisen auf einen Anstieg der gesunden Lebenszeit hin. So konnten Fries et al. (2011) zeigen, dass von 1982–2004 in den Kohorten der 65-Jährigen und Älteren die Prävalenz funktioneller Einschränkungen um 28 % zurückging ( Tab. 2.8). Dieser Rückgang in den funktionellen Einschränkungen war in allen Untergruppen festzustellen: Er war am höchsten (−58 %) bei den leicht Beeinträchtigten und am niedrigsten bei den sehr schwer Beeinträchtigten (−9 %). Bemerkenswert ist auch der deutliche Rückgang (−47 %) bei den Personen, die in Institutionen lebten.

Tab 2.7: Lebenserwartung (in Jahren) bei über 65-jährigen Männern und Frauen mit und ohne Erkrankungen (Koronare Herzkrankheiten, Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebserkrankungen, Diabetes) bzw. Mobilitätseinschränkungen: National Health Interview Survey 1998–2006 (Crimmins und Beltran-Sanchez 2010)


DiagnoseMänner (65 und älter)Frauen (65 und älter)

Tab. 2.8: Prävalenz (%) funktioneller Einschränkungen bei den Kohorten 65-jähriger und älterer US-Bürger (Fries et al. 2011)


ErhebungsjahrFunktionelle Einschränkungen (%)

Kroll und Ziese (2009) haben entsprechende Ergebnisse für Deutschland berichtet. Für 67–70-jährige und 71–75-jährige Männer und Frauen fand sich ein deutlicher Rückgang des Anteils der Lebensjahre mit funktionellen Einschränkungen. Im Rahmen des Mikrozensus liegen seit 1978 für das frühere Bundesgebiet altersspezifische Morbiditätsraten vor. Es zeigt sich, dass der Anteil kranker Menschen (bezogen auf einen Zeitraum von vier Wochen) in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern im zeitlichen Verlauf abnahm ( Tab. 2.9). Besonders deutlich war der Rückgang bei den 71–76-jährigen Frauen, bei denen die Krankheitsrate von 35,1 % (Kohorte: 1907) auf 24,2 % (Kohorte: 1919) abnahm. Es ist jedoch unklar, welche Faktoren wie z. B. Veränderungen in den Risiko- und Schutzfaktoren im zeitlichen Verlauf zu der Verbesserung des subjektiv berichteten Gesundheitszustands beigetragen haben.

Es gibt Hinweise aus skandinavischen und angelsächsischen Studien, dass sowohl die Kompressions- als auch die Expansionsthese zutreffen können, allerdings für unterschiedliche soziale Schichten. Während in den höheren sozialen Schichten häufig eine Kompression der Morbidität registriert wird, werden in den unteren sozialen Schichten chronische Krankheiten in einem früheren Lebensalter erworben und die Lebenserwartung stagniert (Deutscher Bundestag 2002).

Tab. 2.9: Altersspezifischer Anteil der Bevölkerung (in %; Jahrgangskohorten: 1907, 1913, 1919) in Deutschland, der in den letzten vier Wochen krank war (Kroll und Ziese 2009)

Kohorte59–64 Jahre (%)65–70 Jahre (%)71–76 Jahre (%)77–82 Jahre (%)

2.9 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

Ein wesentlicher Anteil von Veränderungen der Morbidität ist auf demografische Veränderungen zurückzuführen. In den kommenden Jahrzehnten ist beispielsweise aufgrund der Zunahme alter, vor allem hochaltriger Menschen mit einem beträchtlichen Anstieg demenzkranker Menschen zu rechnen ( Kap. 14). Im Jahr 2000 litten über 900.000 Menschen in Deutschland an einer Demenz. Bleibt ein Durchbruch in der Prävention dieser Erkrankung aus, so ist bis 2020 mit über 1,4 Mio. und bis 2050 mit etwa 2,3 Mio. Demenzkranken zu rechnen (Weyerer 2005). Eine ähnliche Entwicklung ist bei den Pflegebedürftigen zu erwarten. Von 2001–2015 ist die Anzahl der Pflegebedürftigen von etwas über 2,0 Mio. auf knapp 2,9 Mio. angestiegen (Statistisches Bundesamt 2017c). Dabei zeichnet sich ein klarer Trend zur professionellen Pflege in stationären und ambulanten Einrichtungen der Altenhilfe ab ( Kap. 58). Im Vergleich zu 2001 hat im Jahr 2015 die Anzahl der in Heimen vollstationär versorgten Pflegebedürftigen um 32,4 % (192.000 Pflegebedürftige), bei den durch ambulante Pflegedienste betreuten Personen sogar um 59,3 % (258 000) zugenommen.

Die institutionelle Versorgung pflegebedürftiger alter Menschen dürfte in Zukunft jedoch vor allem dann an Bedeutung gewinnen, wenn

• das familiäre Pflegepotenzial aufgrund niedriger Geburtenraten, erhöhter Mobilität und Berufstätigkeit von Frauen abnimmt,

• die familiäre Solidarität durch Scheidung erschüttert wird,

• möglicherweise die Bereitschaft und die Fähigkeit von Angehörigen, pflegebedürftige Familienmitglieder zu versorgen, abnehmen (Weyerer et al. 2008).

Bei der Darstellung der Ergebnisse bezogen wir uns in der Regel auf die Situation in Deutschland. Hinsichtlich der Lebenserwartung und der Todesursachen ergibt sich ein völlig anderes Bild für Entwicklungsländer, in denen überwiegend soziale Bedingungen herrschen, die für das vorindustrielle Europa charakteristisch waren. Weltweit ist die Lebenserwartung von 1950 bis heute von 47 auf 68 Jahre angestiegen. Dieser Anstieg findet sich auch in den Entwicklungsländern, allerdings auf wesentlich niedrigerem Niveau; so hat derzeit ein neugeborenes Kind in Afrika eine Lebenserwartung von etwa 55 Jahren. Während in den Industrieländern die meisten Menschen an einer Herzkreislauferkrankung sterben, sind in den Entwicklungsländern Infektionskrankheiten (wie z. B. Tuberkulose) die häufigsten Todesursachen (Kröhnert und Karsch 2011).

Empfehlungen für die Praxis:

• Um dem Morbiditätsproblem, das mit dem demografischen Wandel einhergeht, wirksam zu begegnen, sind präventive Maßnahmen von hoher praktischer Bedeutung. Die Ziele einer Prävention für den alten Menschen sind ( Kap. 56):

– Verringerung der Morbidität

– Zeitliches Verzögern der Manifestation chronischer Erkrankungen und Kompression der Morbidität

– Vermeidung und Verminderung der Behinderung, um eine größtmögliche Selbständigkeit zu erreichen

• In Deutschland und anderen Industrieländern sind neben Herzkreislauferkrankungen Krebserkrankungen die mit Abstand häufigsten Todesursachen. Möglichkeiten zu einer weiteren Verbesserung der Alterssterblichkeit liegen u. a. in der Prävention dieser Erkrankungen durch vermehrte Aufklärung, Vorsorgeuntersuchungen, gesunde Ernährung und gesundheitsbewusstes Verhalten.

• Die Bewältigung des demografischen Wandels muss darüber hinaus eingebettet sein in eine Gesamtstrategie, die zur Lösung anderer großer Herausforderungen beiträgt, wie etwa die Erhöhung der Beschäftigungschancen alter Menschen ( Kap. 5.8), Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf, Kinderbetreuung und Pflege und verbesserte Integration von Migranten im Bildungs- und Beschäftigungssystem. Die prognostizierten demografisch bedingten Entwicklungen können in vielen Bereichen politisch gestaltet werden. Beispielsweise könnte eine kinder- und familienfreundliche Politik oder eine gezielte Einwanderungspolitik zu einem günstigeren Altersquotienten führen.

• Die demografische Alterung verläuft in Deutschland regional sehr unterschiedlich. 2014 waren 21,0 % der Bevölkerung 65 Jahre und älter, wobei die Schwankungsbreite in den einzelnen Bundesländern mit 25,0 % in Sachsen-Anhalt und 18,9 % in Hamburg beträchtlich war (Statistisches Bundesamt 2016). Prognosen zeigen, dass v. a. in großen ländlichen Gebieten der neuen Bundesländer der Anteil alter Menschen überdurchschnittlich ansteigen wird. In diesen strukturschwachen Gebieten trifft der Ärztemangel alter Menschen besonders hart: Für sie stellen die oft weiten Wege zu den verbleibenden Arztpraxen und Krankenhäusern eine besondere Belastung dar (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2015). Großstädte sind dagegen in Deutschland unterdurchschnittlich alternde Regionen und medizinisch wesentlich besser versorgt. Diese unterschiedlichen demografischen Entwicklungen haben erhebliche Folgen für die regionale medizinische und pflegerische Versorgung. Da die Versorgung kranker alter Menschen auch in Zukunft starken Veränderungen unterworfen sein wird, sollte einer kontinuierlichen epidemiologischen Begleitforschung eine hohe Priorität zukommen.

• Um den Hilfebedarf und die Versorgungssituation für chronisch kranke alte Menschen adäquat beurteilen zu können, sind epidemiologische Studien erforderlich, die alle Versorgungsbereiche berücksichtigen: pflegende Angehörige, Selbsthilfegruppen, ambulante, teilstationäre und stationäre Einrichtungen der Altenhilfe, primär- und fachärztlicher Bereich und Krankenhäuser ( Kap. 51, Kap. 52, und Kap. 58).

Literatur

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Danksagung:

Diese Arbeit wurde unterstützt durch das INTERREG IVB NWE Projekt »Health & Demographic Changes«.

3 Die Disziplinen stellen sich vor
3.1 Geriatrie
Cornelius Bollheimer und Dieter Lüttje
3.1.1 Aufgabengebiet

Nach der gültigen europäischen Konsensusdefinition aus dem Jahre 2008 versteht sich die Geriatrie als (a.) das zuständige medizinische Fachgebiet für Alterungsprozesse sowie (b.) für präventive, diagnostische, therapeutische, rehabilitative und palliativmedizinische Aspekte von Erkrankungen bei Menschen ab ungefähr 65 Jahren (sog. Malta-Definition, UEMS-GMS 2008). Die Geriatrie ist damit auf den ersten Blick wie die Kinder- und Jugendheilkunde eine altersdefinierte Fachdisziplin, wobei jedoch das kalendarische Alter als hinreichendes Eingangskriterium für die geriatrische Zuständigkeit relativiert werden muss.

Nach dem in Deutschland üblichen Verständnis und konsentiert durch die maßgeblichen Fachgesellschaften (DGG, DGGG) und Berufsorganisation (BVG) ist ein Patientenalter unter 80 Lebensjahren nur dann in einen geriatrischen Kontext zu bringen, wenn eine sogenannte Geriatrie-typische Multimorbidität vorliegt ( Kap. 5.3).

Konkretisierende Ausführungen zu dem abstrakten Begriff der Geriatrie-typischen Multimorbidität finden sich in der Begutachtungsanleitung zur Vorsorge und Rehabilitation des MDS (Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen) aus dem Jahre 2018: Demnach beschreibt Geriatrie-typische Multimorbidität das Vorliegen von mindestens zwei Erkrankungen mit sozialmedizinischer Relevanz, wozu entsprechend der International Classification of Functioning (ICF, Kap. 45) sog. aktivitätsbeeinträchtigende Schädigungen identifiziert werden müssen. Solche Schädigungen können z. B. einem klassischen geriatrischen Syndrom (Inkontinenz, s. u.) entsprechen oder aber auch ein psychisches (kognitives Defizit, Altersdepression) bzw. organisches Korrelat (Dekubitus) besitzen. Der MDS hat hierfür eine entsprechende Liste mit Ankerbegriffen zusammengestellt (MDS 2018).

Ab einer Altersgrenze von 80 Jahren wird in puncto Geriatrie auch mit dem schärfer umrissenen Begriff der Vulnerabilität argumentiert. Vulnerabilität bezeichnet dabei (a.) das in der vierten Lebensphase regelhafte Auftreten von (a.) Komplikationen und Folgeerkrankungen, (b.) die generell höhere Gefahr einer Chronifizierung sowie (c.) das erhöhte Risiko eines Verlustes der Autonomie mit Verschlechterung des Selbsthilfestatus. Gerade im Kontext dieser Vulnerabilität erwächst die Kernkompetenz und Eigenständigkeit der Geriatrie.

In Deutschland wird die Geriatrie vorwiegend als stationäres Fachgebiet entweder in akutmedizinischen Krankenhäusern (entsprechend § 39 bzw. § 109 SGB V) oder in Rehabilitationskliniken (entsprechend § 40 bzw. § 111 SGB V) praktiziert ( Kap. 46). Die Geriatrie ist dabei eine gebietsüberschreitende Spezialität (sog. »Supraspezialität« oder Querschnittsfach) mit sich aus der Multimorbidität ergebenden simultanen und gleichberechtigten Behandlungsaufträgen. Das vorrangige Behandlungsziel der Geriatrie besteht in Anlehnung an den Fachbegriff der Funktionsfähigkeit in der Verbesserung der Lebensqualität und der Aufrechterhaltung der Patientenautonomie ( Kap. 45). Hieran müssen sich alle einzelnen medizinischen Maßnahmen der Geriatrie messen lassen.

Die ärztliche Herangehensweise der Geriatrie ist im akutstationären Bereich sehr stark von der somatischen Medizin geprägt, die jedoch nur als notwendige (nicht hinreichende) Voraussetzung einer erfolgreichen Geriatrie gelten kann. Neben detaillierter Fachkenntnis in der Allgemeinen Inneren Medizin muss dabei als »Grundhandwerkszeug« eine neurologische, rehabilitationsmedizinische und auch psychiatrische Nebenkompetenz hinzutreten ( Kap. 3.2). Dieser ganzheitliche Blick der Geriatrie umfasst nicht nur die somatische Komponente mit ihrer Organpathologie, sondern auch die Psyche und den sozialen Bereich im Sinne des biopsychosozialen Krankheitsmodells (Egger 2005). Der holistischen Sichtweise wird dabei in der geriatrischen Diagnostik durch das aufwändige multidimensional-interdisziplinäre geriatrische Basisasssessment (GBA) Rechnung getragen ( Kap. 44). Interdisziplinär bzw. genauer multiprofessionell bedeutet dabei den über den Geriater hinausgehenden, bedarfsgerechten Einbezug verschiedenster Professionen (Pflege, Physio- und Ergotherapie, klinische (Neuro-)Psychologie, Logopädie, Ernährungswissenschaft, Sozialdienst, Seelsorge; Kap. 50).

Neben Funktionsfähigkeit und geriatrischem Assessment sind als dritter Schlüsselbegriff der Geriatrie die sogenannten geriatrischen Syndrome zu erwähnen ( Kap. 6). Zu den geriatrischen Syndromen werden im deutschen Sprachgebrauch u. a. Immobilität, Sturzneigung (Instabilität), und Inkontinenz, Mangelernährung, iatrogene Schädigung (insbesondere durch Polypharmazie), Dekubitus und Störungen der Wundheilung sowie im weiteren Sinne Gebrechlichkeit (Frailty) gerechnet ( Kap. 7–12 und Kap. 5.2). Weitere häufige altersmedizinisch relevante Syndrome beinhalten eine psychosoziale Dimension und profitieren in Diagnose und Behandlung von einer engen Kooperation mit der Gerontopsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie sowie mit der (angewandten) Gerontologie ( Kap. 3.2 und Kap. 3.3). Zu diesen Syndromen, deren Prävention und Behandlung teilweise eine Kernkompetenz dieser Disziplinen darstellen, zählen Delir (akute Verwirrtheit), leichte kognitive Beeinträchtigung und Demenz (kognitiver Abbau), Depression und Suizidalität, (pathologische) Angst, psychotische Syndrome (Wahn, Halluzination), Sucht, (chronische) Schmerzen, somatoforme Störungen und Anpassungsstörungen, Schlafstörungen, Störungen der Paar- und Familienbeziehungen und Isolation. Im vorliegenden Buch sind diesen Entitäten einzelne, detaillierte Kapitel gewidmet ( Kap. 13–23 und Kap. 38).

Das detaillierte Verständnis und die konkrete Behandlung der geriatrischen Syndrome machen die Kernkompetenz der Geriatrie aus, womit wiederum auf die zentralen Behandlungsziele Bezug genommen wird, nämlich die Verbesserung der Lebensqualität und die Aufrechterhaltung der Patientenautonomie (s. o.). Dies impliziert im Übrigen auch, dass der Geriater keinen universellen Behandlungsanspruch für alte Menschen erhebt, sondern bei allen Erkrankungen, deren Behandlung über die Grundweiterbildung in der konservativen Medizin hinausgeht, selbstverständlich mit den jeweiligen Fachdisziplinen zusammenarbeitet. Für den essenziellen Begriff der geriatrischen Syndrome bleibt kritisch anzumerken, dass es keine klare Definition bzw. Auflistung im Sinne einer Positivliste gibt, sodass man bislang den Eindruck gewinnt, dass jede im Alter gemeinhin anzutreffende körperliche oder geistige Kondition im Zweifelsfall als geriatrisches Syndrom gewertet werden kann. Auch erscheint im geriatrischen Kontext die Bezeichnung »Syndrom« nosologisch irreführend. Während die traditionelle Auffassung vom medizinischen Syndrom ein Cluster-artiges Auftreten mehrerer definierter Symptome unter der Annahme eines (häufig unbekannten) übergeordneten ätiopathogenetischen Prinzips beinhaltet, verhält es sich beim geriatrischen Syndrom geradezu umgekehrt: Klinisch-phänomenologisch steht hier in der Regel nur ein Leitsymptom im Vordergrund, das die Endstrecke eines komplexen Zusammenspiels multipler ätiopathogenetischer Faktoren in unterschiedlichster Kombination darstellt (Flacker 2003).

3.1.2 Versorgungssituation geriatrischer Patienten

Die Geriatrie in Deutschland ist nach wie vor ein stationäres Fachgebiet und wird zu ungefähr 90 % entweder in einem akutmedizinischen Setting oder in Rehabilitationskliniken (entsprechend praktiziert. Nach aktueller Aufschlüsselung des Kompetenz-Centrums Geriatrie (KCG 2017) liegt die klinisch-geriatrische Versorgungskapazität deutschlandweit bei rund 17 Plätzen pro 10.000 Einwohnern über 65 Jahre. Zwischen den einzelnen Bundesländern gibt es dabei aber eine breite Streuung von 8 (Sachsen) bis 40 (Hamburg) geriatrisch-klinischen Versorgungsplätzen pro 10.000 Einwohner über 65 Jahre. Klinikassoziierte, ambulante Versorgungsangebote wie die die ambulante geriatrische Rehabilitation (AGE) oder die geriatrische Tagesklinik (GTK) sind mit maximal 10 % der klinischen Versorgungskapazität eher (noch) vernachlässigbar.

Ungeachtet der geriatrischen frührehabilitativen Komplexbehandlung, mit der in Akutkrankenhäusern eine simultan zum akutstationären Behandlungsbedarf ablaufende Frührehabilitation möglich ist, führt die je nach Bundesland unterschiedliche Gewichtung von geriatrischen »109er-« und »111er-Betten« zu einer Heterogenität innerhalb der geriatrischen Fachgemeinschaft und provoziert eine unterschiedliche Auslegung der geriatrischen Fachphilosophie (BVG 2018). So ist die geriatrische Versorgung in den die Stadtstaaten oder auch Schleswig-Holstein fast ausnahmslos akutstationär, während die Geriatrie in Baden-Württemberg, Bayern und besonders in Mecklenburg-Vorpommern vornehmlich im Rehabilitationssektor nach § 111 SGB V stattfindet.

Die fachärztlich-geriatrische Versorgung im niedergelassenen bzw. hausärztlichen Bereich bleibt trotz Einführung der geriatrischen Gebührenordnungspositionen des hausärztlich-geriatrischen Basisassessments (GOP 03360) bzw. des hausärztlich-geriatrischen Betreuungskomplexes (GOP 03362) eher noch die Ausnahme. Ebenso bleibt die Nachhaltigkeit der 2015 eingeführten geriatrischen Institutsambulanzen (GIA) zum Zwecke einer flächendeckenden abgestuften geriatriespezifischen Versorgung noch abzuwarten.

Die schleppende (Weiter-)Entwicklung der Geriatrie als eine auch nicht-stationär praktizierte Fachdisziplin widerspiegelt sich darin, dass die Mehrheit (> 80 %) aller Fachgeriater in Deutschland als Klinikärzte tätig sind und Geriatrie als fachärztliche Nebenqualifikation – zumindest im niedergelassenen Bereich – vor dem Hintergrund sonstiger Facharzt- und optionaler Schwerpunktbezeichnungen marginalisiert ist (Swoboda und Hermens 2011).

3.1.3 Fachgesellschaftliche Organisation und akademische Verankerung

Die maßgeblichen nationalen Fachgesellschaften für die Geriatrie in Deutschland sind die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) als »die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Ärzte, die sich auf die Medizin der späten Lebensphase spezialisiert haben,« (DGG 2019) und die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) mit ihrer spezifischen Sektion II der geriatrischen Medizin (DGGG 2019). Der Bundesverband Geriatrie (BVG), der aus der Bundesarbeitsgemeinschaft der geriatrischen Rehabilitationseinrichtungen e. V. bzw. der Bundesarbeitsgemeinschaft der Klinisch-Geriatrischen Einrichtungen e. V. hervorgegangen ist, vertritt »als Organisation der jeweiligen Klinikträger die Einrichtungen, die unter ärztlicher Führung eine Geriatrie betreiben« (BVG 2018). Auf europäischer Ebene ist als Fachgesellschaft die seit 2001 bestehende European Union Geriatric Medicine Society (EUGMS) maßgeblich (EUGMS 2019). Mehr als fachliche Interessenvertretung zu verstehen, ist die geriatrische Sektion der European Union of Medical Specialists (UEMS-GMS), die sich um eine europaweite Implementierung der Geriatrie und um einheitliche Standards bei der Weiterbildung und Ausübung des Fachs bemüht. Fachgesellschaften mit international-globalem Anspruch sind die seit 1950 bestehende International Association of Gerontology and Geriatrics (IAGGS 2019) und im weiteren Sinne auch die seit 1942 bestehende American Geriatrics Society (AGS 2013).

Die akademische Repräsentanz der Geriatrie in Deutschland ist weiter ausbaufähig. Nach einer Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) aus dem Jahr 2009 ist die Geriatrie – bezogen auf alle akutstationären Krankenhäuser und Rehabilitationskliniken – bettenmäßig der dritthäufigste internistische Schwerpunkt (nach Kardiologie und Gastroenterologie), wohingegen sie an Universitätskliniken nach Angiologie und Rheumatologie weit abgeschlagen nur ein vernachlässigbares Bettenkontingent innehat (Lehnert 2009). Zusätzlich zu dieser geringen Verankerung in der Universitätsmedizin verfügen die wenigen Lehrstühle in Deutschland häufig nur über eine beschränkte Infrastruktur für innerklinische und außerklinische geriatrische Forschung. Die im medizinischen Fakultätentag (MFT) zusammengeschlossenen 38 medizinischen Fakultäten in Deutschland stellen insgesamt elf Lehrstühle respektive Professuren für Geriatrie. Sieben weitere Ausschreibungen bzw. Berufungsverfahren sind aktuell im Gange (Stand 2019).

3.1.4 Aus-, Weiter- und Fortbildung in der Geriatrie

Die Weiterbildung zum Geriater befindet sich in Deutschland aktuell in einer Umbruchphase. Ursprünglich auf der Ebene einer (i. d. R. 24-monatigen) sogenannten fakultativen Weiterbildung Klinische Geriatrie angesiedelt, wird die geriatrische Qualifikation mittlerweile hauptsächlich im Rahmen einer 18-monatigen Zusatzweiterbildung erworben. Es wird nahezu einheitlich der Facharzt für Innere Medizin, Neurologie, Allgemeinmedizin oder Psychiatrie für den Erwerb der ZWB vorausgesetzt. In drei Ärztekammerbereichen ist die Geriatrie zusätzlich als Schwerpunkt der Inneren Medizin etabliert. Die Einordnung der Geriatrie als »specialty« (d. h. mit dem ersten postgraduierten Examen kann die Bezeichnung erworben werden, ein anderer Facharzt ist keine Voraussetzung) im Gesamtgebiet der Inneren Medizin ist auf Europäischer Ebene seit mehr als 15 Jahren etabliert.

Rund drei Viertel aller Weiterbildungsberechtigten für Geriatrie in Deutschland kommen aus der Inneren Medizin (Lübke et al. 2008). Bedenkt man jedoch weiter, dass etwa die Hälfte aller Geriater in Deutschland Nicht-Internisten mit dann vor allem neurologisch-psychiatrischer (rund 35 %) und allgemeinmedizinischer (rund 15 %) Facharztkompetenz sind, so sollte auch in Zukunft den geriatrie-nahen, nicht-internistischen Fächern die Möglichkeit einer Qualifikation über eine Zusatzweiterbildung ermöglicht werden ( Kap. 3.2).

Neben diesen Qualifikationsmöglichkeiten auf Ebene der Landesärztekammern bietet die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) für den niedergelassenen Bereich berufsbegleitende Curricula an, welche einer notwendigen Stärkung des ambulanten Sektors dienen sollen. Ob derartige ankündigungsfähige Zusatzqualifikationen (wie z. B. der 60-Stunden-Kurs Geriatrische Grundversorgung) die Geriatrie nachhaltig voranbringen, muss sich aber erst noch erweisen. Eine Gefahr solcher »Minorvarianten des Qualifikationsnachweises« besteht in der Verwässerung der Fachlichkeit und könnte die berechtigte Forderung der Geriatrie nach eigenständiger Facharztkompetenz konterkarieren. Diese Zusatzqualifikationen ermöglichen nicht die abrechnungsfähige Leistungserbringung spezialisierter geriatrischer Leistungen im Krankenhaus oder in Rehaeinrichtungen.

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3.2 Gerontopsychiatrie
Johannes Pantel
3.2.1 Aufgabengebiet

Die Gerontopsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie sind diejenigen Gebiete der Medizin, die sich mit der Prävention, dem Erkennen, der Behandlung und der Rehabilitation psychischer Störungen im höheren Lebensalter befassen. Damit ist die Gerontopsychiatrie einerseits eine Subdisziplin der Psychiatrie, andererseits lässt sie sich auch als Teilgebiet einer allgemein verstandenen Altersmedizin verstehen. Gleichwohl weist die Gerontopsychiatrie historisch und institutionell sowohl gegenüber der Psychiatrie als auch gegenüber der Geriatrie einige Besonderheiten auf und erfordert darüber hinaus eine spezielle Expertise in Diagnostik und Therapie, die ihre Abgrenzung als eigenständige Subdisziplin auch inhaltlich rechtfertigt. Entsprechend tragen heutzutage sowohl die ärztliche Weiterbildungsordnung (Zusatzbezeichnung »Geriatrie« für Psychiatrische Fachärzte) als auch die sozialrechtlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen der Tatsache Rechnung, dass die angemessene Behandlung psychischer Störungen im Alter sowohl besonderer Fachkompetenz als auch angepasster Behandlungskonzepte bedarf (Pantel 2010; Kap. 58). Dies ergibt sich aus Besonderheiten der Psychopathologie und des Verlaufs psychischer Störungen im Alter sowie aus den speziellen Lebenssituationen und psychosozialen Entwicklungsaufgaben, die das höhere Lebensalter mit sich bringen kann ( Kap. 5.6 und Kap. 5.7). Eine scharfe und wissenschaftlich präzise zu bestimmende Altersgrenze, ab der ein Patient als »gerontopsychiatrischer Behandlungsfall« zu betrachten ist, gibt es allerdings nicht (Pantel 2010). In den heute bereits vielerorts existierenden gerontopsychiatrischen Spezialstationen bzw. Spezialabteilungen wird die Altersgrenze für die Aufnahme gelegentlich bei 65 Jahren angesetzt, auch wenn dieses Alterskriterium arbiträr ist und in der Versorgungspraxis nicht immer strikt eingehalten wird.

Grundsätzlich können alle psychischen Störungen des mittleren Lebensalters auch bei Menschen höheren Lebensalters auftreten (Pantel 2010). Folgt man epidemiologischen Studien, so leidet in Deutschland ca. ein Viertel der über 65-Jährigen an einer psychiatrischen Erkrankung (Weyerer und Bickel 2006). Obwohl die Häufigkeit psychischer Störungen (Prävalenz) in dieser Altersgruppe damit im Vergleich zu jüngeren Erwachsenen nicht erheblich größer ist, ist die Wahrscheinlichkeit im Alter erstmals eine psychische Krankheit zu erleiden (Inzidenz) größer als im mittleren Erwachsenenalter. Bei den o. g. Angaben ist stets zu berücksichtigen, dass sich viele der publizierten Zahlen auf Stichproben aus der Allgemeinbevölkerung beziehen. Zieht man Untersuchungen an Altenheimbewohnern heran, so ist die Prävalenz psychiatrischer Erkrankungen hier noch wesentlich höher anzugeben und kann in einzelnen Untersuchungen über 50 % der Untersuchten betreffen (Pantel et al. 2006).

Diese Zunahme des psychiatrischen Erkrankungsrisikos im Alter ist im Wesentlichen auf die erhöhte Inzidenz organisch bedingter Störungen (insbesondere Demenzen, leichte kognitive Beeinträchtigung und Delir/akute Verwirrtheit) zurückzuführen ( Kap. 13 und Kap. 14). Jedoch auch depressive Störungen bzw. Depressionen spielen hinsichtlich ihrer Prävalenz bei alten Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle ( Kap. 15). Selbstverständlich werden aber auch andere primär psychiatrische Syndrome (psychotische Syndrome, pathologische Angst, Suizidalität, Suchtverhalten, somtoforme Syndrome, Schlafstörungen etc.) im höheren Lebensalter regelmäßig beobachtet und geben Anlass für gerontopsychiatrische Interventionen ( Kap. 16–19, Kap. 21 und Kap. 22). Diese Syndrome können

• sowohl als eigenständige Krankheiten bzw. Krankheitseinheiten gewertet werden (z. B. können psychotische Syndrome als Leitsymptom einer wahnhaften Störung bzw. pathologische Angst als Leitsymptom einer Angststörung auftreten),

• aber auch als Teilsyndrom einer anderen Grunderkrankung beobachtet werden (z. B. können psychotische Symptome neben anderen Symptomen Ausdruck einer Demenz, eines Delirs oder einer schweren Depression sein),

• schließlich als psychopathologische Beeinträchtigungen infolge einer primär somatischen Grunderkrankung in Erscheinung treten (z. B. bei der sekundären Insomnie oder bei der post-stroke depression).

Diese potenzielle Vieldeutigkeit psychiatrischer Symptome und Syndrome im Alter stellt gerade vor dem Hintergrund der im Alter häufigen Multimorbidität und der Besonderheiten der Lebenssituation alter Menschen eine komplexe differentialdiagnostische Herausforderung dar, die darüber hinaus hohe Anforderungen an die interdisziplinäre Zusammenarbeit stellt ( Kap. 4 und Kap. 5.3).

Unter Berücksichtigung der häufig reduzierten Plastizität und kognitiven Reservekapazität im Alter ist die Arbeit in der Gerontopsychiatrie – ähnlich wie in der Geriatrie oder in der interventionellen Gerontologie – gleichwohl immer ressourcenorientiert und bezieht auch im hohen Alter noch vorhandenes Potenzial zur Entwicklung und Bewältigung gezielt mit ein ( Kap. 5.4–5.7). Dies erfordert eine multidimensionale und berufsgruppenübergreifende Herangehensweise, für die sich die Arbeit im therapeutischen Team (Ärzte, Psychologen, Pflege, Co-Therapeuten, Sozialarbeit, ggf. ergänzt durch Angehörige) bewährt hat ( Kap. 50). Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Kuration im Sinne einer »restitutio ad integrum« im fortgeschrittenen Alter häufig nicht mehr realistisch zu erreichen ist, stellen Rehabilitation und Palliation gleichwohl wertvolle Begründungen gerontopsychiatrischen Handelns dar ( Kap. 5.9).

3.2.2 Versorgungssituation gerontopsychiatrischer Patienten

Die Historie und die Strukturelemente gerontopsychiatrischer Versorgung in Deutschland werden in diesem Band von Gutzmann in kompetenter und umfassender Weise dargestellt ( Kap. 52). Demnach wird die überwiegende Zahl gerontopsychiatrischer Patienten im ambulanten Sektor durch die Hausärzte medizinisch versorgt. Dies gilt auch für den hohen Anteil gerontopsychiatrisch behandlungsbedürftiger Heimbewohner. Die ambulante Versorgung gerontopsychiatrischer Patienten ist darüber hinaus Aufgabe der niedergelassenen Fachärzte für Psychiatrie bzw. Nervenheilkunde. Gerontopsychiatrische Behandlungskompetenz kann jedoch bei einem Hausarzt und selbst bei einem Facharzt nicht notwendigerweise vorausgesetzt werden und auch hinsichtlich der vorhandenen Kapazitäten ist die Realität der Versorgung in diesem Bereich von einem Optimum leider weit entfernt. Diese Versorgungslücke kann nur teilweise durch die an psychiatrische Fachkrankenhäuser angegliederten Psychiatrischen Institutsambulanzen (PIA) kompensiert werden, die u. a. auch für die medizinische Betreuung der durch den KV-Bereich nicht ausreichend versorgten gerontopsychiatrischen Patienten zuständig sind. Als weiteres Strukturelement der ambulanten gerontopsychiatrischen Versorgung gibt es vielerorts sogenannte Gedächtnisambulanzen bzw. »Memory Clinics «, die eine spezielle Expertise in der Diagnostik und Therapie kognitiver Störungen bzw. von Demenzen vorhalten ( Kap. 14). Gedächtnisambulanzen sind häufig in Form von Hochschulambulanzen Teil eines universitären Zentrums, zunehmend jedoch auch integriert in nichtuniversitären Psychiatrischen Institutsambulanzen oder geriatrischen Tageskliniken anzutreffen. Das diagnostische Leistungsspektrum der bestehenden Gedächtnisambulanzen ist von Standort zu Standort recht variabel und reicht von der klinischen Basisdiagnostik bis hin zu differenzierter neuropsychiatrischer Spezialdiagnostik. Im klinisch-stationären Bereich sind gerontopsychiatrische Spezialstationen bzw. Spezialabteilungen heute zwar bereits in vielen psychiatrischen Fachkrankenhäusern etabliert, der tatsächliche Bedarf liegt aus Expertensicht jedoch deutlich höher (Gutzmann und Klein 2012). Es ist darüber hinaus davon auszugehen, dass auch in primär internistisch bzw. chirurgisch ausgerichteten Klinikabteilungen viele Patienten behandelt werden, bei denen gerontopsychiatrische Erkrankungen (zumeist Demenzen und depressive Störungen) zumindest komorbide bestehen und bisweilen sogar das Gesamtkrankheitsbild dominieren. Während in den geriatrisch-internistischen Fachabteilungen diese Komorbidität im Rahmen des geriatrischen Basisassessments i. d. R. erkannt und im Rahmen der Behandlungsplanung berücksichtigt wird ( Kap. 44), bleiben gerontopsychiatrische Krankheitsbilder in somatischen Abteilungen ohne geriatrisch-gerontopsychiatrische Fachkompetenz häufig unentdeckt, mit entsprechend negativen Folgen für die Patienten bzw. den Behandlungsverlauf. Zur Verbesserung der gerontopsychiatrischen Versorgung und orientiert an den Grundsätzen der deutschen Psychiatrie-Reform der 1970er Jahre (Kernforderungen: soziale Orientierung, Gemeindenähe, Niederschwelligkeit, transsektorale Integration, »ambulant vor stationär«) wurde von politischer Seite bereits in den 1980er Jahren für alle kreisfreien Städte und Landkreise die Etablierung eines Gerontopsychiatrischen Zentrums (GPZ) gefordert, das modellhaft aus einer Tagesklinik mit angegliederter gerontopsychiatrischer Ambulanz und Beratungsstelle besteht (BMJFFG 1988). Sowohl die Etablierung Gerontopsychiatrischer Zentren als auch die Gründung sogenannter Gerontopsychiatrischer Versorgungsverbünde, die über die weiterführende Integration einschlägiger regionaler Versorgungsangebote zu einer bedarfsorientierten Koordinierung und Effizienzsteigerung der gerontopsychiatrischen Versorgungslandschaft beitragen sollen, sind jedoch mehr als ein Vierteljahrhundert später von einer flächendeckenden Realisierung noch weit entfernt.

3.2.3 Fachgesellschaftliche Organisation und akademische Verankerung

In der im Jahr 1992 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) sind nach Eigenauskunft alle Arbeits- und Aufgabenbereiche der Gerontopsychiatrie wie z. B. niedergelassene Ärzte und Klinikärzte sowie Ärzte, die in Behörden, Universitäten oder theoretischen Institutionen tätig sind, vertreten. Auch nichtärztliche Mitglieder, die in der Altenhilfe oder in klinischen Einrichtungen tätig sind, sollen sich als außerordentliche Mitglieder in der Gesellschaft engagieren können. Die DGGPP ist Mitglied des im Jahr 1971 gegründeten europäischen Dachverbandes European Association of Geriatric Psychiatry (EAGP). Weltweit werden gerontopsychiatrische Interessen durch die International Psychogeriatric Association (IPA) wahrgenommen.

Die erste Einrichtung einer »Sektion Gerontopsychiatrie« an einer deutschen Universitätsklinik erfolgte in den 1970er Jahren in Heidelberg (durch Klaus Österreich). Neben Heidelberg bestehen etatisierte Universitätsprofessuren für Gerontopsychiatrie noch in Ulm, Dresden, Leipzig und Mannheim. Die Professur für Gerontopsychiatrie der Universität Frankfurt a. M. wurde im Jahr 2011 in eine Professur für Altersmedizin mit Schwerpunkt Psychogeriatrie und klinische Gerontologie umgewidmet. Ähnlich wie in der Geriatrie stagniert die akademische Verankerung der Gerontopsychiatrie an den deutschen Universitäten insgesamt jedoch eher auf niedrigem Niveau. Dagegen ist in der Allgemeinpsychiatrie in den letzten Jahren eine deutliche Aufwertung und auch quantitative Zunahme gerontopsychiatrischer Forschungsthemen und Forschungsaktivitäten (insbesondere im Bereich der Demenzforschung) zu verzeichnen. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang auch die im Jahr 2009 erfolgte Gründung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn, das sich im Demenzbereich allerdings vorrangig der Grundlagenforschung und nur in geringem Maße versorgungsrelevanten Themen widmet.

3.2.4 Aus-, Weiter- und Fortbildung in der Gerontopsychiatrie

Gerontopsychiatrische Ausbildungsinhalte finden bislang nur sporadisch Eingang in das Studium der Humanmedizin. Punktuell stehen diese im Rahmen der Psychiatrie und von Neurologie-Praktika sowie im Querschnittbereich 7 »Medizin des Alterns und des alten Menschen« auf dem Lehrplan des klinischen Studienabschnitts. Die tatsächliche Vermittlung gerontopsychiatrisch relevanten Wissens ist jedoch häufig von regionalen Besonderheiten abhängig und damit weitgehend dem Zufall überlassen.

Kenntnisse und Fertigkeiten zur »Erkennung und Behandlung gerontopsychiatrischer Erkrankungen unter Berücksichtigung interdisziplinärer Aspekte« bzw. zu »geriatrischen Syndromen und Krankheitsfolgen im Alter einschließlich der Pharmakotherapie im Alter« sind laut gültiger Musterweiterbildungsordnung zwar explizit Teil der Weiterbildung zum Psychiater bzw. zum Allgemeinmediziner. Inwieweit diese jedoch praktisch während der Facharztausbildung tatsächlich erworben werden, entzieht sich in der Regel einer zuverlässigen Überprüfung. Eine spezielle Facharztweiterbildung bzw. Zusatz-Weiterbildung für Gerontopsychiatrie existiert in Deutschland in Gegensatz zu anderen Ländern (z. B. USA) nicht. Vielmehr wurde die Fakultative Weiterbildung Klinische Geriatrie, die seit 1992 auch von Fachärzten für Psychiatrie bzw. Nervenheilkunde erworben werden konnte, mit der Musterweiterbildungsordnung von 2003 in die Zusatz-Weiterbildung Geriatrie überführt. Kammerangehörige, die bis zu diesem Zeitpunkt die Anerkennung der Fakultativen Weiterbildung Klinische Geriatrie besaßen, sind berechtigt, stattdessen die Zusatzbezeichnung Geriatrie zu führen. Diese mindestens 18 Monate dauernde Zusatz-Weiterbildung bescheinigt in Ergänzung zu einer Facharztkompetenz spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten über die Vorbeugung, Erkennung, konservative und interventionelle Behandlung und Rehabilitation körperlicher und seelischer Erkrankungen im biologisch fortgeschrittenen Lebensalter mit dem Ziel der Erhaltung und Wiederherstellung größtmöglicher Selbstständigkeit. Der Erwerb der Zusatz-Weiterbildung Geriatrie ist in allen Bundesländern möglich ( Kap. 3.1). Die Zugangsvoraussetzung ist im Allgemeinen eine Facharztkompetenz, einige Bundesländer (Bayern, Niedersachsen, Hessen) schränken diese jedoch auf spezielle Facharztkompetenzen ein. Für einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenheilkunde ist der Erwerb der Zusatz-Weiterbildung Geriatrie theoretisch in allen Bundesländern möglich. Da die Zahl der zur Geriatrie-Weiterbildung ermächtigten Psychiater im Vergleich zu den internistisch-geriatrischen Weiterbildungskapazitäten bundesweit jedoch sehr gering ist, ist die Möglichkeit eine fundierte gerontopsychiatrische Zusatz-Weiterbildung mit dem offiziellen Erwerb der Zusatz-Weiterbildung Geriatrie zu verbinden praktisch deutlich eingeschränkt.

Neben bzw. außerhalb der von den Landesärztekammern zertifizierten Weiterbildungen ist es Ärzten seit 2012 möglich, das gemeinsam von der Fortbildungsakademie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und der an die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) angegliederten Akademie für Gerontopsychiatrie (DAGPP) vergebene »Zertifikat für Gerontopsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik« zu erwerben. Darüber hinaus vergibt die DAGPP nach Durchlaufen eines definierten Curriculums das Zertifikat »Gerontopsychiatrische Grundversorgung«, das für alle Ärzte gedacht ist, die alte Menschen behandeln und sich unabhängig von ihrer ärztlichen Weiterbildung ein zusätzliches solides gerontopsychiatrisches Grundwissen aneignen oder auf den neuesten Stand bringen wollen. Speziell für Hausärzte und hausärztlich tätige Internisten wurde der achtstündige Kompaktkurs »Gerontopsychiatrie für Hausärzte« entwickelt und wird seit 2011 deutschlandweit von den Lehrkrankenhäusern der DAGPP angeboten. Die Anerkennung dieser gerontopsychiatrischen Fortbildungen durch die Landesärztekammern wird von der Fachgesellschaft angestrebt, steht jedoch noch aus.

Literatur

Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (BMJFFG) (1988) Empfehlungen der Expertenkommission der Bundesregierung zur Reform der Versorgung im psychiatrischen Bereich und psychotherapeutisch/psychosomatischen Bereich. Bonn: BMJFFG.

Gutzmann H, Klein U (2012) Gemeindebezogene gerontopsychiatrische Intervention. In: Wahl H-W, Tesch-Römer C, Ziegelmann J.P. (Hrsg.) Angewandte Gerontologie. 2. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer. S. 535–540.

Pantel J (2010) Gerontopsychiatrie. In: Amberger S, Roll S (Hrsg.) Psychiatriepflege und Psychotherapie. Stuttgart: Thieme. S. 542–559.

Pantel J, Bockenheimer-Lucius G, Ebsen I, Müller R, Hustedt P, Diehm A (2006) Psychopharmaka im Altenpflegeheim – Eine interdisziplinäre Untersuchung unter Berücksichtigung gerontopsychiatrischer, ethischer und juristischer Aspekte. In: Ebsen I, Eien R (Hrsg.) Frankfurter Schriften zur Gesundheitspolitik und zum Gesundheitsrecht Bd. 3. Frankfurt: Lang Verlag. S. 41–72.

Weyerer S, Bickel H (2006) Epidemiologie psychischer Erkrankungen im höheren Lebensalter. Stuttgart: Kohlhammer.

3.3 Gerontologie
Andreas Kruse
3.3.1 Aufgabengebiet

Gerontologie kann allgemein definiert werden als Wissenschaft des Alters und Alterns ( Kap. 5.1). Ihr Gegenstand umfasst die Beschreibung, Erklärung und Gestaltung des Alters als Lebensabschnitt und Ergebnis des Älterwerdens, der Position der alten Menschen in der Gesellschaft, der Prozesse und Mechanismen, die zum Alter führen und diesem zugrunde liegen, wie auch der für das Alter und das Älterwerden relevanten Umwelten und Institutionen. Die Gerontologie ist von ihrem Grundverständnis her eine interdisziplinäre Wissenschaft, die Fragestellungen, Theorien, Konzepte und Methoden aus sehr unterschiedlichen Grunddisziplinen aufgreift und diese ihrem Gegenstand entsprechend spezifiziert und integriert. Entsprechend werden Alter und Altern als multidimensionale Phänomene aufgefasst, die jeweils nur in bestimmten Aspekten erfasst werden können, die zum Teil sehr unterschiedlichen Entwicklungsverläufen folgen.

Historisch ist die Entwicklung der Gerontologie zu einer gegenüber Medizin und Biologie eigenständigen Wissenschaft eng verknüpft mit der Kritik der in diesen Disziplinen lange Zeit dominanten globalen Defizitmodelle, die Altern auf (vermeintlich) universelle biologisch-physiologische Abbauprozesse reduzieren. Demgegenüber beschäftigt sich die Gerontologie sowohl mit Risiken und Schwächen als auch mit möglichen Chancen und Stärken des Alters, Alternsprozessen im Sinne von Entwicklungsverlusten wie Alternsprozessen im Sinne von Entwicklungsgewinnen, Altersschicksalen im Sinne von für die Betroffenen unabänderlichen Entwicklungsverläufen wie Alternsstilen im Sinne von Entwicklungsoptionen und intentional angestoßenen Veränderungsprozessen ( Kap. 5.6 und Kap. 5.7).

Gerontologie als Wissenschaft zielt weniger auf die Identifikation universeller und für ein Verständnis von Alter und Altern hinreichender Merkmalszusammenhänge, Mechanismen und Gestaltungsmöglichkeiten bzw. die Formulierung von Theorien mit entsprechendem Gültigkeitsanspruch, was vor dem Hintergrund ihres umfassenden Gegenstands und der vorliegenden Forschungsergebnisse als prinzipiell nicht möglich angesehen wird, charakteristisch für die Gerontologie ist vielmehr eine differenzielle Perspektive, die die Heterogenität des Alters und Alterns explizit in den Blick nimmt, nicht lediglich an Alter(n)snormen, sondern stärker an Alter(n)sformen interessiert ist.

3.3.2 Wo wirkt Gerontologie anwendungsbezogen?

Entsprechend ihrem umfassenden Verständnis von Alter und Altern und den sehr unterschiedlichen Grunddisziplinen hat die Gerontologie zahlreiche Anwendungsfelder. Erwähnt sei an dieser Stelle zunächst, dass gerontologische Erkenntnisse auf die einzelnen Grunddisziplinen zurückwirken und so zur Weiterentwicklung dieser Disziplinen und ihrer Anwendungsfelder beitragen. Hier sei exemplarisch verwiesen auf die Alterspsychotherapie, die Geriatrie, die Gerontopsychiatrie und die Gerontopsychosomatik ( Kap. 3.1 und Kap. 3.2), die sich unter ein umfassendes Verständnis von Gerontologie als Wissenschaft von Alter und Altern subsumieren lassen (auch wenn dies nicht in jedem Falle dem Selbstverständnis der diese Disziplinen vertretenden Forschungspersönlichkeiten entspricht). In diesem Sinne kann sowohl grundlagenwissenschaftliche als auch anwendungsbezogene Forschung in der Gerontologie wesentlich zu einer Verbesserung der Prävention, Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation altersmedizinisch relevanter Störungsbilder und bzw. Syndrome beitragen. Exemplarisch seien an dieser Stelle die im Teil II und III dieses Buches detailliert dargestellten Syndrome Demenz (und leichte kognitive Beeinträchtigung), Depression und Suizidalität, somatoforme Störungen, Störungen der Paar- und Familienbeziehungen und soziale Isolation genannt ( Kap. 14–16, Kap. 21, Kap. 23 und Kap. 38).

Die in der Gerontologie gewonnenen Erkenntnisse über Potenziale des Alters und die Gestaltbarkeit von Entwicklungsprozessen im Alter sind für die Altenhilfe und geriatrische Pflege von grundlegender Bedeutung. Dies sowohl unter präventiven wie unter rehabilitativen Gesichtspunkten. Wenn gerontologische Untersuchungen etwa die Effektivität und Nachhaltigkeit von Interventionen zur Förderung geistiger und körperlicher Leistungsfähigkeit im Alter verdeutlichen, wenn etwa die Verwirklichung von Generativität, im Sinne eines Engagements für andere, als ein zentrales Bedürfnis alter Menschen nachgewiesen wird, wenn etwa gezeigt werden kann, dass auch bei weiter fortgeschrittener Demenz noch von einem differenzierten emotionalen Erleben auszugehen ist, dann hat dies unmittelbare Implikationen für die Sozialraumgestaltung und die Entwicklung von Betreuungs- und Versorgungsangeboten ( Kap. 5.8).

Die in der Gerontologie gewonnenen Erkenntnisse über den Verlauf und die Gestaltbarkeit von Alternsprozessen sind gerade auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels für die zukünftige Tragfähigkeit sozialer Sicherungssysteme, die Wahrung intergenerationeller Solidarität und die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit der Volkswirtschaft von hoher Relevanz ( Kap. 2). Alternde Gesellschaften können es sich auf Dauer nicht leisten, bestehende Potenziale des Alters nicht zu nutzen und deren Entwicklung nicht zu fördern. Entsprechend ist in der Beratung von Unternehmen, die sich auf ältere Belegschaften einstellen müssen, wie auch in der Politikberatung – auf kommunaler Ebene wie auf Landes- und Bundesebene – ein zentrales Anwendungsfeld gerontologischer Forschung zu sehen. Der Gerontologie kommt hier insbesondere die Aufgabe zu, (Fehl-)Entwicklungen zu erkennen, Szenarien zu entwickeln und in Form von Handlungsempfehlungen Gestaltungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

In einer alternden Gesellschaft beschränkt sich aber die Aufgabe der Gerontologie nicht allein darauf, zur Entwicklung und Nutzung von Potenzialen beizutragen. Eine anwendungsorientierte Gerontologie hat auch die Aufgabe, für die Verletzlichkeit (Vulnerabilität) des sehr hohen Alters zu sensibilisieren und zu einem angemessenen Umgang mit dieser beizutragen.

3.3.3 Organisation auf Fachgesellschaftsebene

Die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie umfasst vier Fachbereiche (Sektionen). Der Sektion I, Experimentelle Gerontologie, gehören u. a. Vertreter der klinischen Medizin, der klinischen Chemie, Biochemie, Physiologie, Anatomie, Biologie, Biophysik, Immunologie, Molekularbiologie, Genetik an. Gegenstand des Interesses ist insbesondere die alternsbiologische Grundlagenforschung zum Verständnis von Mechanismen des Wachstums und der Alterung von Zellen, Geweben, Organen und Organismen unter der Zielsetzung, Ansätze zur Prävention und Therapie von Alternsprozessen und Alterskrankheiten zu schaffen. Die Sektion II, Geriatrische Medizin, beschäftigt sich insbesondere mit der Entwicklung und Umsetzung von Behandlungskonzepten in der stationären, teilstationären und ambulanten Versorgung, die dem Zusammenwirken von somatischen, psychischen und sozialen Faktoren gerecht werden, sowie mit der Definition und Durchsetzung von Standards im Kontext von Diagnostik, Therapie und Rehabilitation. In der Sektion III, Sozial und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie, sind gegenwärtig vor allem Psychologen und Soziologen repräsentiert, in Zukunft sollen aber verstärkt auch Vertreter anderer Disziplinen, insbesondere der Betriebs- und Volkswirtschaft, Erziehungswissenschaft, Geschichte, Politik und Philosophie für eine Mitarbeit gewonnen werden. Das gemeinsame Forschungsinteresse liegt in der Analyse heterogener Alternsformen, kontinuierlicher und diskontinuierlicher Entwicklungsverläufe und der zugehörigen Mechanismen des Zusammenwirkens von Person- und Kontextmerkmalen. Die Sektion IV, Soziale Gerontologie und Altenarbeit, versteht sich als Forum für einen Dialog zwischen Wissenschaftlern und Praktikern. Zentrale Zielsetzungen bilden die Weiterentwicklung von Theorie und Praxis der sozialen Arbeit mit alten Menschen, eine sozialgerontologisch fundierte Altenpolitik, die vor allem auch sozialen Ungleichheiten Rechnung trägt, und eine Profilierung von Berufen in Altenarbeit und -pflege.

3.3.4 Akademische Aus- und Fortbildung in der Gerontologie

In Deutschland finden sich gerontologische Lehrstühle aktuell an der Medical School Berlin (für Gerontopsychologie/Psychologische Alternsforschung), an der Technischen Universität Dortmund (für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften sowie für Soziale Gerontologie und Lebenslaufforschung), an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (für Psychogerontologie), an der Goethe Universität Frankfurt am Main (für interdisziplinäre Alternswissenschaft), an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (für Gerontologie sowie Psychologische Alternsforschung), an der Universität Kassel (für Lebenslagen und Altern), an der Deutschen Sporthochschule Köln (für Bewegungs- und Sportgerontologie), an der Universität zu Köln (für Rehabilitationswissenschaftliche Gerontologie), an der Universität Vechta (für Altern und Arbeit, Altern und Gesellschaft, Empirische Altersforschung und Forschungsmethoden, Ökonomie und demografischer Wandel, Organisationelle Gerontologie und Psychologische Gerontologie) und an Hochschule Zittau-Görlitz (für Soziale Gerontologie).

In den letzten Jahren haben gerontologisch orientierte Angebote akademischer Aus- und Fortbildung deutlich zugenommen. Die an Universitäten etablierten Diplomstudiengänge wurden im Zuge der Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse teilweise eingestellt, zum Teil durch neue Angebote ersetzt und ergänzt, vor allem an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und privaten Hochschulen wurden neue Angebote etabliert. Sowohl mit Blick auf die Abschlüsse als auch mit Blick auf die Studieninhalte ergibt sich ein sehr heterogenes Bild. Gerontologisch orientierte Aus- und Fortbildung wird heute als Kontakt- wie als Fernstudium, als Vollzeitstudium wie berufsbegleitend oder in Teilzeit angeboten. Das Spektrum der Abschlüsse reicht von institutsinternen Zertifikaten bis hin zu BA-, MA- und MSc-Abschlüssen. Dabei werden gerontologische Inhalte aus der Perspektive unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen vermittelt und integriert (z. B. Soziologie, Soziale Arbeit, Psychologie, Sportwissenschaft, Gesundheitswissenschaften); an die Stelle expliziter Gerontologiestudiengänge treten spezifischere Angebote unter neuer Nomination (z. B. alternde Gesellschaft oder gerontologische Pflege).

Anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung der Sektionen III und IV der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie e. V. (DGGG) 2015 in Mannheim wurde ein Arbeitskreis »Gerontologische Aus- und Weiterbildung« gegründet. Dieser hat die Vernetzung der verschiedenen Aktivitäten ebenso zum Ziel wie eine differenzierte fachpolitische Diskussion der akademischen Aus- und Weiterbildung in Gerontologie im deutschsprachigen Raum.

3.4 Perspektiven der Altersmedizin
Johannes Pantel, Cornelius Bollheimer und Dieter Lüttje

Altersmedizin in dem hier zugrunde gelegten allgemeineren bzw. weiteren Sinne umfasst alle Wissensbestände, Fertigkeiten, Interventionen und Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, Gesundheit, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität von Menschen im höheren Lebensalter zu erhalten (Prävention), wiederherzustellen (Kuration und Rehabilitation) sowie durch Krankheit und Funktionsverlust bedingtes Leiden im Alter zu mindern (Palliation).

Der im Kapitel 2 dargestellte demografische Wandel stellt die Altersmedizin und ihre Disziplinen dabei vor besondere Herausforderungen, die neben der inhaltlichen Weiterentwicklung der relevanten Fächer auch die Qualifizierung des erforderlichen Fachpersonals und die adäquate und zukunftsfähige Gestaltung der Versorgungssysteme umfassen ( Kap. 2). Dies betrifft grundsätzlich alle an der medizinischen, pflegerischen und psychosozialen Versorgung alter Menschen beteiligten Disziplinen und Professionen, zu denen neben den in den vorhergehenden Kapiteln dargestellten akademischen Kerndisziplinen Geriatrie, Gerontopsychiatrie und Gerontologie auch die Allgemeinmedizin und die weiteren klinischen Subdisziplinen gehören. Da die Arbeit im therapeutischen Team sowohl in der Geriatrie als auch in der Gerontopsychiatrie eine lange und bewährte Tradition hat, kann darüber hinaus die Bedeutung einer gelungenen Kooperation mit ergänzenden Berufsbildern nicht oft genug betont werden ( Kap. 4 und Kap. 50). Hier sind insbesondere die unverzichtbaren Beiträge zum Gelingen einer qualitativ hochwertigen und ganzheitlichen altersmedizinischen Versorgung zu nennen, die von der geriatrischen Krankenpflege und der Altenpflege aber auch von der Physiotherapie, der Ergotherapie, der Logotherapie, der Sozialarbeit, der Geragogik und der Seelsorge erbracht werden.

Den hinsichtlich ihrer inhaltlichen und institutionellen Ausdifferenzierung sowie ihrer fachlichen Identitätsbildung relativ ausgereiften Kerndisziplinen Geriatrie, Gerontopsychiatrie und Gerontologie wird gleichwohl eine besondere Motorfunktion bei der Weiterentwicklung der Altersmedizin und bei der Verwirklichung des o. g. Auftrags zukommen. Bei der Bewältigung dieser Aufgaben ist das Verhältnis der genannten Disziplinen einerseits komplementär zu sehen, insofern sich diese hinsichtlich ihrer jeweils spezifischen Zielsetzungen wechselseitig als Sub- bzw. Hilfsdisziplinen definieren und abrufen können, andererseits sollte echte Interdisziplinarität und interprofessionelle Kooperation – sowie dies in dem folgenden Kapitel (»Interdisziplinarität«) umfassend dargelegt wird – eine Orientierung an gemeinsamen Zielen und deren umfassende Realisierung ermöglichen.

Die Geriatrie – als internistisch geprägte Kerndisziplin der Altersmedizin – ist in Deutschland für den Bereich der stationären Versorgung dort angekommen, wo sie in zahlreichen anderen europäischen Ländern schon längere Zeit platziert war – mitten zwischen allen anderen Fachgebieten ( Kap. 51). Weiter zählt die Geriatrie zu den medizinischen Fachgebieten, für die in der nächsten Zeit eine erhebliche Bedarfsausweitung mit z. B. Verdoppelung der stationären Betten in den nächsten 40 Jahren prognostiziert wird. Die Geriatrie steht damit in natürlicher Kooperation, aber auch in budgettechnischer Konkurrenz zu anderen medizinischen Fachgebieten. Eine Herausforderung für die Geriatrie werden die frühzeitige Identifikation geriatrischer Patienten und die gezielte Steuerung innerhalb eines transsektoralen Geriatrie-Versorgungsnetzwerks sein, was über die bisherige bloße stationäre Behandlung weit hinausgeht. Analog zu den Entwicklungen in anderen Ländern Europas werden sich folgende Entwicklungen notwendigerweise ergeben:

• Geriatrie-Risiko-Screening bei Patienten in der Hausarztpraxis und in Notaufnahmen bzw. bei Rettungsdiensten

• Umfängliche konsiliarische Tätigkeit der Geriater in allen Fachbereichen

• Ambulante fachärztliche Tätigkeit von Geriatern an Krankenhäusern (z. B. Geriatrische Institutsambulanz)

• Weiterleitung in ein ambulantes geriatrisches Versorgungsnetzwerk unter Einbeziehung von Hausärzten und niedergelassenen Fachärzten sowie nichtärztlichen medizinischen Fachberufen

• Gezielte stationäre Behandlung in geriatrischen Abteilungen am Akutkrankenhaus für die Patienten mit »Risikofaktor Geriatrie«, die nicht vorrangig von der Behandlung in anderen Fachabteilungen profitieren würden

• Etablierung von geriatrischen Abteilungen vorrangig an Krankenhäusern mit höherer Versorgungsstufe inklusive Universitätskliniken mit assoziierten Forschungseinrichtungen.

• Community-based Geriatrie inklusive spezialisierter Versorgung von Pflegeheimbewohnern (z. B. Heimarztmodell)

Vor diesem Hintergrund werden Weiterbildung und universitäre Verankerung der Geriatrie ein engmaschig zu begleitender Automatismus sein, aber langfristig nicht mehr das Zentralthema.

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird auch die gerontopsychiatrische Morbidität in der Bevölkerung unausweichlich zunehmen und damit die Expertise der Gerontopsychiatrie ( Kap. 3.2) zunehmend abgerufen werden. Diese ist zwar häufig – jedoch nicht notwendigerweise – mit somatischer Komorbidität assoziiert, aber ihre adäquate Behandlung erfordert gegenüber der somatisch geprägten Geriatrie eine spezielle Kompetenz in Diagnostik und Therapie ( Kap. 52). Ein differenziertes und spezialisiertes gerontopsychiatrisches Versorgungssystem wird daher neben den unmittelbaren Aufgaben in Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Pflege sowohl in der Koordinierung als auch in der Weiterentwicklung von bedarfsgerechten und qualitätsorientierten Versorgungsmodellen für gerontopsychiatrische Patienten eine zentrale Rolle übernehmen müssen. Die Realisierung einer adäquaten und hohen Qualitätsansprüchen genügenden gerontopsychiatrischen Basisversorgung obliegt dabei jedoch stets dem gesamten Gesundheits- und Pflegesystem (einschließlich den Akteuren in der Primärversorgung). Auch dies setzt eine gute transsektorale und interdisziplinäre Zusammenarbeit voraus und erfordert auch eine verstärkte Berücksichtigung gerontopsychiatrischer Inhalte in der Aus-, Weiter- und Fortbildung der tragenden Gesundheitsberufe. Gerade vor dem Hintergrund einer optimierten Versorgung von alten Patienten mit komplexer Multi- und Komorbidität sowie in instabilen Lebenslagen mit hohem Beratungs- und Betreuungsbedarf ist darüber hinaus eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Gerontopsychiatrie mit der internistischen Geriatrie, der Allgemeinmedizin und der angewandten Gerontologie erforderlich und zielführend ( Kap. 4, Kap. 5.3 und Kap 23).

Neben den gemeinsamen Zielen in der Versorgung alter Menschen sind die altersmedizinischen Disziplinen auch durch die Bezugnahme auf gemeinsame Grundkonzepte ( Kap. 5) miteinander verbunden. Diese rücken zum einen die Vulnerabilität bzw. Verletzlichkeit des Alters in den Fokus der Betrachtung (z. B. pathologisches Altern, Gebrechlichkeit und Multimorbidität), zum anderen betonen sie jedoch auch die Ressourcen im Alter (z. B. Plastizität, Reservekapazität, Fähigkeit zu Entwicklung und Bewältigung sowie die Bedeutung sozialer Teilhabe). Weil diese Grundkonzepte praktisches Handeln in den diversen altersmedizinischen Praxisfeldern (Prävention, Kuration, Rehabilitation, Palliation) rechtfertigen und theoretisch fundieren, ist ihnen im Folgenden jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet, das mit einem Fazit bzw. Empfehlungen für die Praxis abschließt.

4 Interprofessionelle Kooperation
Hermann Brandenburg und Katharina Steinhauer
4.1 Einleitung

Die berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit gilt nach wie vor als eine zentrale Herausforderung im Gesundheitswesen und gilt hier vor allem im Kontext chronischer Erkrankungen und langzeitpflegerischer Versorgung bei alten Menschen. Die Kooperation zwischen dem ärztlichen Team und den nichtärztlichen Professionen – hier im Besonderen die Pflege – kann dabei als die zentrale Herausforderung angesehen werden ( Kap. 50). Ärzte bemängeln häufig, dass ihnen die Arbeit der Pflegenden intransparent/nicht nachvollziehbar erscheint. Sie zögern daher, sich voll auf die Pflegenden zu verlassen und zeigen – so Umfragen im In- und Ausland – generell wenig Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Pflegenden. Umgekehrt fühlen sich die Pflegenden häufig mit den Problemen ihrer Patienten im Stich gelassen, klagen über mangelnde Präsenz der Ärzte und vermissen einen fallbezogenen Dialog mit den behandelnden Ärzten (Garms-Homolová 1998, S. 7). Schon früh wurde von psychologischer Seite darauf hingewiesen, dass sich hinter den aktuellen Konflikten auch grundlegende Fragen verbergen. Die Arbeit von Stein (1967) zum »Doctor-Nurse-Game« hat die Dinge bereits auf den Punkt gebracht: Es ist vor allem (aber nicht nur) das Machtgefälle zwischen der (männlich dominierten) Medizin und der (weiblich dominierten) Pflege, welches zu beachten ist. Daran hat sich substanziell wenig geändert, denn Tan et al. (2017) kommen in ihrem Review zur »nurse-physician-communication«, bei dem sie 22 internationale Studien gesichtet haben, zu folgendem Ergebnis: Die Kommunikation zwischen den betroffenen Gruppen »still remains ineffective«. Diese Ausgangslage wird verschärft durch aktuelle Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen, die sich in vier Aspekten grob zusammenfassen lassen:

• Erstens führt der demografische Wandel zu einem veränderten epidemiologischen Spektrum, insbesondere zu einer höheren Prävalenz chronischer Krankheiten und dauerhafter Funktionsbeeinträchtigungen ( Kap. 2); die damit verbundene Multimorbidität ist mit komplexen Anforderungen verbunden und setzt Teamarbeit zwingend voraus.

• Zweitens ist in den letzten 35 Jahren die Technisierung der Medizin immens fortgeschritten; die Steuerung und Überwachung der entsprechenden Geräte im Sinne einer gezielten Therapieplanung ist ohne dezidierte Absprachen zwischen den Verantwortlichen undenkbar.

• Drittens lässt sich ein steigender Bedarf an rehabilitativen und kompensatorischen Leistungen beobachten, auch im Krankenhaus; die beste Operation nützt nichts, wenn die nachsorgenden Bereiche nicht optimal kooperieren und so z. B. Immobilität nicht systematisch verhindern können ( Kap. 7).

• Viertens schließlich nehmen Querschnittsaufgaben im Gesundheitswesen zu; ein Beispiel dafür sind sektorenübergreifende Maßnahmen, etwa im Rahmen der integrierten Versorgung; ohne multiprofessionelle Kooperation (und das geht über die Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegenden hinaus) sind kontraproduktive Effekte vorprogrammiert, Drehtüreffekte zu erwarten, unnötige Kosten (und persönliches Leid für die Betroffenen) sind Konsequenzen.

Unbestritten ist, dass eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pflege eine Herausforderung darstellen. Defaitismus – von welcher Seite auch immer – ist allerdings nicht zielführend. Denn nicht nur die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen medizinisch-pflegerischen Versorgung verweist auf die Notwendigkeit einer interprofessionellen Kooperation im Gesundheitswesen. Auch die Forschungslage weist sehr deutlich auf positive Effekte einer gelungenen Zusammenarbeit hin, die insbesondere in Deutschland stärker in den Blick genommen und intensiver genutzt werden sollte. Wenn dieser Text hierzu einen marginalen Beitrag leistet, dann hätte er sein Ziel erreicht.

In den folgenden Ausführungen werden zunächst einige definitorische Hinweise zum Verständnis der für unsere Thematik zentralen Begriffe wie Interdisziplinarität, Interprofessionalität und Kooperation gegeben. Dies geschieht deswegen, weil die Klarheit in der Begrifflichkeit die erste Voraussetzung für eine Verständigung überhaupt ist. Daran anschließend wird auf das eigentliche Thema dieses Beitrags, die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegenden im Krankenhaus, eingegangen. Dabei wird neben der alten Forschungslandschaft auf einige aktuelle Studien aus dem internationalen Kontext Bezug genommen. Deutlich wird die vielschichtige Komplexität der Problematik. Mut macht aber eine wachsende Zahl innovativer Projekte, die in die richtige Richtung weisen. Vor allem die interprofessionelle Ausbildung ist weiter voranzutreiben, diesbezüglich hinkt Deutschland der internationalen Entwicklung hinterher. Als alltägliche Ausprägung der Zusammenarbeit zwischen Pflegenden und Ärzten wird die Delegation von ärztlichen Tätigkeiten an Pflegende rechtlich und professionstheoretisch kurz analysiert. Den Abschluss bilden Empfehlungen für die Praxis, bei denen wesentliche Ergebnisse noch einmal komprimiert dargestellt werden.

4.2 Interdisziplinarität, Interprofessionalität und Kooperation – definitorische Grundlagen

Interdisziplinarität beschreibt im Kern die Zusammenarbeit verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, z. B. Medizin und Soziologie oder Pflegewissenschaft und Ethik. Interdisziplinarität meint aber mehr als das bloße Nebeneinander verschiedener Disziplinen, vielmehr ist hier eine wechselseitige Integration sowohl der Forschungsprogramme wie auch der Forschungsorganisation notwendig. Das Hauptmoment ist die »Interaktion zwischen den Disziplinen oder Fächern, die sich an einem gemeinsamen Dritten orientiert« (Kälble 2004, S. 38). Die Gerontologin Ursula Lehr hat, auf Erfahrungen von großen Längsschnittstudien zurückgreifend, diesen Aspekt wie folgt formuliert. Sie ist der Auffassung, dass interdisziplinäre Forschung den Willen und die Bereitschaft zur gleichberechtigten Kooperation voraussetzen, »welche auch die Fähigkeiten einschließen, die eigenen Interessen – wenn erforderlich – dem gemeinsamen Ziel unterzuordnen« (Lehr 1998, S. 54; aktuell und wegweisend für die Alternsforschung hierzu: Schulz-Nieswandt 2018). Obwohl der Begriff der Interdisziplinarität ursprünglich aus dem Forschungskontext1 stammt, wird er auch häufig auf die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen, d. h. Professionen, bezogen. »Interprofessionalität steht für die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit verschiedener Professionen im Rahmen der Versorgungspraxis – er ist für den hier interessierenden Diskurs von zentraler Bedeutung« (Reichel und Herinek 2017, S. 10). Deutlich muss gesagt werden, dass hier die Zusammenarbeit verschiedener Professionen im Blick ist – in unserem Fall zwischen Medizin und Pflege. Typischerweise ist hier nämlich das erste Missverständnis vorbereitet, denn der Begriff wird nicht selten auf die Zusammenarbeit innerhalb einer Profession bezogen, z. B. auf die Abstimmung von Arbeitsvorgängen zwischen Anästhesie und Chirurgie. Ein dritter Begriff fehlt noch – die Kooperation, denn der Kern der Problematik (sowohl im akademischen wie auch im praktischen Bereich) ist nicht die Disziplin oder die Profession, sondern die Art und Weise der Kooperation. Damit ist zunächst nur die »planmäßige, zielbewusste und funktionsorientierte Zusammenarbeit der Akteure« (Höhmann et al. 1998, S. 37 f.) gemeint. Voraussetzung dafür sind gemeinsame Werte und Ziele, auch ein gewisses Maß an Entscheidungs- und Handlungsfreiheit der Betroffenen sowie wechselseitige Kommunikation (Höhmann et al. 1998, S. 20). Spieß (1998) unterscheidet zwischen strategischer und empathischer Kooperation – und das ist für unser Thema sehr wichtig. Denn einmal geht es um die häufig in Wirtschaft und Gesundheitswesen dominierende »strategische« Kooperation. Hierunter wird ein Handeln verstanden, das rational, zielgerichtet und ergebnisorientiert ist. In Ergänzung (nicht unbedingt in Differenz) hierzu steht die »empathische Kooperation«. Der Handelnde bemüht sich um ein Verständnis mit seinem Kooperationspartner, er versucht sich in ihn hineinzuversetzen, der Dialog steht dabei im Vordergrund. Wenn wir nun alle drei genannten Begriffe – Interdisziplinarität, Interprofessionalität und Kooperation – miteinander verbinden und auf die Berufspraxis in der medizinisch-pflegerischen Versorgung beziehen, dann kann festgestellt werden: »Interprofessionelle oder Berufsgruppen-übergreifende Zusammenarbeit im Gesundheitswesen heißt, dass Angehörige unterschiedlicher Berufsgruppen mit unterschiedlichen Spezialisierungen, beruflichen Selbst- und Fremdbildern, Kompetenzbereichen, Tätigkeitsfeldern und unterschiedlichem Status im Sinne einer sich ergänzenden, qualitativ hochwertigen, patientenorientierten Versorgung unmittelbar zusammenarbeiten, damit die spezifischen Kompetenzen jedes einzelnen Berufes für den Patienten nutzbar gemacht werden« (Kälble 2004, S. 40).

4.3 Interprofessionalität in der medizinisch-pflegerischen Versorgung2 – Problembereiche, Projekte, Ausbildung

Ein vertiefter und empirisch informierter Blick auf die Ursachen der Problemkonstellation ist weiterführend. Bereits die Veröffentlichung von Garms-Homolová und Schaeffer (1998) identifizierte als Ursachen mangelnder Zusammenarbeit u. a. gegenseitige Informationsdefizite (beispielsweise seitens der (Krankenhaus-)Ärzte gegenüber der Arbeit von ambulanten (Pflege-)Diensten), unterschiedliche Grade der Professionalisierung (z. B. im Hinblick auf die gesellschaftliche Dominanz und Machtstellung der Ärzte im Unterschied zum »schlechten« Image der Pflegeberufe) und verschiedene Qualifizierungs- und Sozialisationsverläufe. Für eine Verbesserung der Zusammenarbeit reichen Qualifikation und Reflexion allein nicht aus. Solange nicht rechtliche, finanzielle und organisatorische Voraussetzungen die (historisch entstandene und damit veränderbare) »Monopolstellung« der Ärzte in der Heilkunde infrage stellen und verändern, wie dies beispielsweise im angloamerikanischen Ausland oder in Skandinavien der Fall ist, wird sich substanziell wenig ändern.3 In ähnlicher Weise argumentieren Ewers und Reichel (2017a), die ein überkommenes Heilberufsgesetz als Hindernis für die interprofessionelle Zusammenarbeit benennen. Darüber hinaus kann man die Dominanz der berufsständischen Interessenvertretungen der Ärzteschaft einerseits und die unzureichende Selbstorganisation und Selbstbestimmung der Pflege andererseits ebenfalls als Barrieren für eine Kooperation auf Augenhöhe identifizieren (Hülsken-Giesler 2015). Schließlich sind die aktuellen Arbeitsbedingungen – vor allem in der stationären Langzeitpflege – auch nicht unbedingt förderlich für eine Teamarbeit (Brandenburg 2018). Unabhängig von strukturellen und systemischen Faktoren sind Forschungsarbeiten interessant, welche begünstigende Faktoren für eine gelungene Kooperation auf der Interaktionsebene empirisch herausgearbeitet haben. Hier ist eine aktuelle Studie aus der Schweiz zu erwähnen, die hohe Zustimmungswerte sowohl von Ärzten wie von Pflegenden zu folgenden Bereichen herausarbeiten konnte (Schärli et al. 2017): (1) Gegenseitiger Respekt, Wertschätzung und Vertrauen, (2) Arbeiten auf gleicher Augenhöhe und Verfolgung gemeinsamer Ziele sowie (3) Transparenz dank guter Kommunikation.

Projekte zur Kooperation zwischen Medizin und Pflege sind v. a. in den 1990er Jahren durchgeführt worden. Zu nennen ist zunächst das von der Bundesärztekammer und dem Deutschen Pflegerat initiierte und von der Abteilung für Medizinische Psychologie am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf und dem Institut für Pflegewissenschaft der Universität Bielefeld durchgeführte Modellprojekt »Interprofessionelle Kommunikation im Krankenhaus« (Lecher et al. 2002). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat im Rahmen des Schwerpunkts »Professionalisierung, Organisation, Geschlecht« eine Untersuchung der Universität Osnabrück unter der Leitung von Hagemann-White gefördert (Titel: Interaktion von Pflege und Medizin im Krankenhaus: Konstruktionsprozesse von Hierarchie und Geschlecht und berufliche Sozialisation, vgl. auch Hanses und Sander 2012). Ebenfalls hat die Hochschule für Sozialwesen in Mannheim in Kooperation mit der Universitätsklinik Heidelberg ein Forschungsprojekt durchgeführt: »Kooperationsprojekt Sozialarbeit und Krankenhausmedizin – KISMED (Hedtke-Becker et al. 2000). Am Universitätsklinikum Freiburg wurde im Jahre 2000 ein Projekt mit dem Namen »MESOP – Interdisziplinäre Kooperation im Gesundheitswesen: Medizin, Soziale Arbeit, Pflege« unter der Leitung von Jürgen v. Troschke abgeschlossen (Kaba-Schönstein und Kälble 2004). Eine Studie an der Charité unter der Projektleitung von Susanne Dettmer trägt den Titel »Neue Anforderungen an professionelles Handeln und Kooperation in Medizin und Pflege« und wurde 2014 publiziert. Die genannten Arbeiten thematisieren unterschiedliche Aspekte in der Arzt-Pflege-Kooperation, weisen auf Problemfelder hin und betonen die Notwendigkeit einer stärkeren interdisziplinären und interprofessionellen Zusammenarbeit.

Immer wieder wird von verschiedenen Stellen die Notwendigkeit einer gemeinsamen Ausbildung von Ärzten und Pflegenden angemahnt (vgl. umfassend hierzu: RBS und GMA 2016). Denn es macht in der Tat keinen Sinn die verschiedenen Professionen erst siloartig in unterschiedlichen Institutionen (und dann auch noch auf verschiedenen Niveaus) auszubilden – und sich dann über fehlende Kompetenzen und Wertschätzung hinsichtlich der interprofessionellen Kooperation zu wundern (und zu beklagen). Nachvollziehbar ist daher der Befund von Sollami et al. (2015), die in einer Metaanalyse von 51 Surveys (13.132 Pflegende und Pflegestudierende sowie 5.650 Ärzte und Medizinstudierende) den Befund generieren konnten, dass das Verständnis und die Bedeutung der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen verschieden ausgeprägt sind. Dieses Ergebnis konnte auch von Matziou et al. (2014) bestätigt werden, die ebenfalls konstatieren, dass Pflegende und Ärzte nicht die gleiche Perspektive im Hinblick auf Zusammenarbeit, Kommunikation und Rollenverteilung einnehmen. Konsequenterweise sind daher in den letzten Jahren theoretische Modelle vorgelegt worden, in denen die Schlüsselkompetenzen und strukturellen Rahmenbedingungen für eine gelingende Kooperation dargelegt wurden (IOM 2003, ICSIC 2010, WHO 2010). Die Robert Bosch Stiftung hat bereits mehrere Initiativen in Richtung interprofessionelles Lernen gestartet und 2013 das Förderprogramm »Operation Team« aufgelegt. Ziel des Programms war es die monoprofessionelle Bildungskultur in Deutschland aufzuweichen, von internationalen Erfahrungen (vor allem in den USA, England und Skandinavien) zu lernen und die interprofessionelle Zusammenarbeit der Gesundheitsprofessionen voranzutreiben. In der ersten Förderphase wurden 17 regionale Kooperationsprojekte zwischen Universitäten, Hochschulen und schulischen Ausbildungsstätten mit einem Gesamtvolumen von 2 Millionen Euro gefördert, die Weiterförderung wurde in Aussicht gestellt. Bereits realisiert wurde diese zweite Phase bei dem Projekt interTUT an der Charité in Berlin, das an dieser Stelle kurz vorgestellt werden soll (für weitere Informationen siehe: Ewers und Reichel 2017b). Dieses Programm wurde von mehreren Institutionen getragen, der Charité Universitätsmedizin Berlin, der Alice Salomon Hochschule Berlin sowie der Evangelischen Hochschule Berlin. Unterschiedliche Studienbereiche wurden miteinander verbunden: Medizin, Physio- und Ergotherapie sowie Pflege. Ziel war es, Tutorien für das interprofessionelle Lernen nutzbar zu machen. Damit wurden Erfahrungen aufgegriffen, die seit einigen Jahren in der Medizinischen Fakultät im Hinblick auf ein extracurriculares Studienangebot gesammelt wurden. Die Evaluation zeigte positive Ergebnisse, vor allem hinsichtlich eines hohen Lernzuwachses, des produktiven Lernklimas sowie der Wertschätzung durch andere Berufsgruppen. Allerdings darf das kritische Resümee von Nock (2016) nicht ignoriert werden, der für die qualitative Evaluation zuständig war. Er führt aus, dass freiwillige Zusatzveranstaltungen allenfalls als Minimallösung angesehen werden können. Das gilt vor allem dann, wenn die Einrichtungen und Entscheidungsträger nur bedingt Strukturen aufbauen und Zuständigkeiten schaffen, die das Thema Interprofessionalität nachhaltig institutionell verankern. Wer schon einmal in der Position eines Dekans oder einer Studiengangsleitung involviert war, dem ist sehr bewusst, dass fakultative Veranstaltungen nur bedingt substanzielle Resonanz erzeugen und eigentlich (nur) eine ohnehin bereits sensibilisierte Klientel erreichen. Angesichts der Relevanz des Themas muss am Ende auf (bildungs)-politischer Ebene eine nachhaltige Verstetigung von verbindlich angebotenen interprofessionellen Lerneinheiten durchgesetzt werden, die von übergeordneten Entscheidungsgremien (Berufsverbände, wissenschaftliche Fachgesellschaften, Hochschulen, Akteure der Gesundheits- und Pflegepolitik) gemeinsam verantwortet wird. Der Verbindlichkeitsrahmen einer Projektförderung – von wem auch immer – ist hierfür sicher nicht ausreichend.

4.4 Zusammenarbeiten in Medizin und Pflege – organisatorische Aspekte, Instrumente und Verfahren

In dem Beitrag von Aubry und Beullens (2004), der sich speziell mit Interdisziplinarität und Kooperation in der Altenpflege beschäftigt, wurde auf das in der US-amerikanischen Geriatrie etablierte Programm »Multidisciplinary Education in Geriatrics and Aging« verwiesen. Als Bedingungen für eine effektive Zusammenarbeit in der Altenpflege werden klar formulierte Aufgaben und Verantwortlichkeiten, strukturierte Besprechungen (mit wechselnder Moderation) und ein Kompetenzmanagement erwähnt. In der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Ärzten und Pflegenden an Hochschulen oder im Rahmen einer berufsbegleitenden continuous medical education (CME) wird das auch in Deutschland etablierte umfassende interdisziplinäre geriatrische Assessment thematisiert, das am Anfang jeder Therapie- und Interventionsplanung stehen sollte ( Kap. 44). Während in der Geriatrie und Gerontopsychiatrie diese Grundprämissen mittlerweile weitgehend etabliert sind, findet in der Heimversorgung noch immer keine wirkliche Abstimmung und Koordination im Hinblick auf den Einsatz einzelner Assessments und einer darauf aufbauenden Planung von Maßnahmen statt. So arbeiten im Pflegeheimbereich Medizin und Pflege de facto nebeneinander, z. T. sogar gegeneinander. Ein Desiderat ist deshalb die kritische Evaluation von klinischen Interventionen, z. B. im Rahmen von interdisziplinären Fallbesprechungen. Hier ist der Ort, bei dem aus der Perspektive der beteiligten Akteure nicht nur einzelne Interventionen, sondern die Gesamtsituation des Bewohners/Patienten bzw. seiner Familie ins Zentrum gerückt wird. Dies gilt insbesondere für Menschen mit Demenz als einer wachsenden Patientengruppe auch in den Krankenhäusern (Bundesministerium für Gesundheit 2006). In diesem Zusammenhang sind interprofessionell entwickelte und verantwortete Leitlinien und Standards von großer Bedeutung. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) (2007) hat mehrfach betont, dass dies ein Desiderat ist. Allenfalls findet eine Orientierung an monodisziplinär entwickelten Vorgaben statt. Seitens der Pflege sind in den letzten Jahren eine Reihe von »Expertenstandards« zu klinischen Fragen vorgestellt worden, die vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) entwickelt und vertrieben werden, u. a. zu Dekubitus, Schmerzen, Ernährung und Kontinenzförderung. Dies gilt natürlich auch für die Medizin (siehe die Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF)). Eine gemeinsame Abstimmung und Kooperation der von den Disziplinen vorgeschlagenen Arbeitsweise findet erst ansatzweise statt. Eine Ausnahme bilden die von der Bundeskonferenz für Qualitätssicherung im Gesundheits- und Pflegewesen verantworteten »BUKO-Qualitätsniveaus«, die multidisziplinär ausgerichtet sind. Themen sind u. a. Mobilität und Sicherheit bei Menschen mit Demenz, Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung sowie Lebensführung und Teilhabe. Der Fokus liegt auf der langzeitstationären Versorgung bzw. bei der ambulanten Versorgung, weniger im Krankenhaus (vgl. hierzu: Roes et al. 2010). Ein wichtiges Thema sei abschließend erwähnt, nämlich die Einsatzorganisation. Insbesondere bei Mehrfacherkrankungen und komplexen Verläufen sind Betroffene und Angehörige überfordert, wenn es um eine gezielte Koordination der Maßnahmen von Krankenhaus, Pflegedienst etc. geht ( Kap. 5.3). Die verantwortlichen Akteure dürfen es nicht bei der bloßen Sachinformation belassen. Beide Seiten – sowohl Ärzte wie auch Pflegende – sollten sich um ein umfassendes Verständnis für die Situation von hochbetagten alten Menschen bemühen. Dabei muss auch unter Gerechtigkeitsaspekten abgewogen werden, wer die Hauptlast bei der Zusammenarbeit der Professionen übernimmt. Es ist darauf hingewiesen worden, dass eine Zusammenarbeit »gegenwärtig fast immer den Pflegemitarbeitern mehr Anstrengungen abfordert als den Ärzten: absolutes Entgegenkommen, Dienstleistung für den Arzt, Nachhilfe und z. T. Abstriche am eigenen Versorgungskonzept« (Garms-Homolová 1998, S. 24). Die Änderung dieser Situation muss als Herausforderung für beide Professionen angesehen werden.

4.5 Delegation ärztlicher Tätigkeiten an Pflegende

Alle Bemühungen um eine bessere Zusammenarbeit werden aber wenig nützen, wenn es nicht gelingt die rechtliche Situation, vor allem bezogen auf die Delegationsproblematik, zu verändern. Dies ist natürlich ein neuralgischer Punkt, an dem aber deutlich wird bzw. werden kann, wie ernsthaft Bemühungen einer interprofessionellen Kooperation (von beiden Seiten) in die Tat umgesetzt werden.

Zunächst zur Begriffsbestimmung: »Delegation ist eine berufliche Tätigkeit, die von einer Berufsgruppe auf die andere durch Anordnung übertragen wird, wobei die ausführende Berufsgruppe die Verantwortung für die Durchführung selbst trägt.« Und Substitution bedeutet, »dass Tätigkeiten der einen Berufsgruppe auf eine andere Berufsgruppe übergehen. Die Substitutionsempfänger haben somit volle Verantwortung für die Tätigkeit. Es bedarf also keiner Anordnung mehr. Die Substitution impliziert immer auch die Entscheidungskompetenz« (Schmüling 2015, S. 605).

Die alltägliche Praxis der Delegation ärztlicher Tätigkeiten, ob offiziell delegiert oder individuell angeordnet, hat rechtlich und professionstheoretisch eine größere Bedeutung als angenommen. Die Delegation wird rechtlich nur angerissen und ist dadurch Auslegungssache. Nach § 15 SGB V wird eine persönliche Leistungserbringung der Ärzte vorgegeben, unter Aufsicht und fachlicher Weisung kann eine Leistung von nicht-ärztlichen Mitarbeitern erbracht werden. Der Bundesmantelvertrag sieht vor, dass eine Delegation an qualifizierte nicht-ärztliche Mitarbeitende in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung im Sinne einer Hilfeleistung möglich ist, die Anordnung und Verantwortung bleibt bei den Ärztinnen und Ärzten. Ebenfalls hat die anordnende Person zu prüfen, ob die ausführende Person zur Ausübung der Tätigkeit qualifiziert ist, hier greift dann das Haftungsrecht im Schadensfall (BMV-Ä Anlage 24, § 28 SGB V). In der Berufsordnung sind einige Aufgaben mit Arztvorbehalt aufgelistet, beispielsweise Tätigkeiten nach dem BTMG oder der RöV4, im Berufsrecht der Gesundheits- und Krankenpflege bleibt ein Vorbehalt vage formuliert im Sinne von »Tätigkeiten entlang des Pflegeprozesses«. Dieser Umstand macht es für Pflegende schwierig, Tätigkeiten oder Bereiche für sich selbst als autonome Berufsgruppe zu beanspruchen und erleichtert es anderen Berufsgruppen den Pflegenden Aufgaben zuzuordnen. Die Studie von Dreier et al. (2015) zeigt, dass Pflegende der Übernahme von ärztlichen Tätigkeiten gegenüber nicht zwingend abgeneigt sind. Das ist möglicherweise zurückzuführen auf die medizinische Orientierung der Ausbildung und der Sozialisation im Beruf, wobei ärztliche Tätigkeiten als höherwertige Tätigkeiten interpretiert werden können. Dies hat jedoch professionstheoretische Folgen für die Pflege. Pflegende führen nun Tätigkeiten eines anderen Berufs aus unter Verantwortung der Mitglieder eines anderen Berufs, individuelle den Patienten betreffende Entscheidungen können nicht autonom getroffen werden. Während das für einige Tätigkeiten durchaus sinnvoll sein kann, schränkt es die Pflege in ihrer Entscheidungsfähigkeit und in ihrer eigenen Verantwortung ein.

Ein Beispiel aus Kanada zeigt, dass die Delegation von ärztlichen Tätigkeiten an Pflegende durchaus Anlass zur Professionalisierung des Pflegeberufs sein kann. Die Entstehung von Community Health Centers bis hin zu Nurse Practitioner Lead Clinics hat das Aufgabenspektrum von Pflegenden erweitert, von der Übernahme ärztlich delegierter Tätigkeiten zu einer autonomen Versorgung von Patientinnen und Patienten. Die Pflegenden arbeiten hier mit einem Masterabschluss. Die Versorgung findet in enger Absprache zwischen Ärzteschaft und Pflege statt mit jeweiligen autonomen Handlungsfeldern in der Diagnostik, dem Therapiemanagement, Leitungsaufgaben und Gesundheitsförderung. Die Ausgangslage zu Beginn dieser Entwicklung war ähnlich wie in Deutschland heute, der demografische Wandel und ein relativer Ärztemangel haben so zu einem Wandel in der Struktur der Gesundheitsversorgung, aber auch zur Akademisierung von Pflegenden, beigetragen (Schaeffer 2017, S. 18 ff.).

Die Delegation ärztlicher Tätigkeiten an Pflegende wird als Lösung für das Problem des relativen Ärztemangels und als eine Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufs gesehen, sie soll die Koordination von Schnittstellen in der Patientenversorgung vereinfachen. Tatsächlich ist der Fokus auf die Delegation allein für den Pflegeberuf hinderlich, da die Versorgung von Patientinnen und Patienten nicht auf Augenhöhe, sondern in einem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Ärztinnen und Ärzten und Pflegenden stattfindet. Unbestritten ist, dass die hohe Belastung von Ärztinnen und Ärzten und der relative Mangel an ärztlichem Fachpersonal (vor allem in den ländlichen Regionen) ein großes Problem darstellt. Ob jedoch eine höhere Beanspruchung von Pflegenden durch Mehrarbeit gerade in Zeiten eines globalen Pflegefachpersonalmangels die geeignete Lösung ist, muss grundlegend problematisiert werden.

4.6 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

Was ist zu tun? Vier Aspekte sind aus Sicht der Autorin und des Autors zentral:

• Erstens geht es um Qualifikation (besser: Bildung). Ohne gemeinsame Anteile im Hinblick auf Aus-, Fort- und Weiterbildung in Medizin und Pflege fehlt eine zentrale Grundlage, auf der ein interprofessioneller Dialog gründen kann.

• Zweitens sind Anreize wichtig. Zu denken ist (auch) an finanzielle Aspekte, aber nicht nur. Entscheidend für die Arbeitsmotivation (sowohl von Ärzten als auch von Pflegenden) sind gute und die Selbstwirksamkeit fördernde Arbeitsbedingungen. Diesbezüglich sind entsprechende Strukturen bedeutsam wichtig, die einen geeigneten Rahmen für die Zusammenarbeit darstellen.

• Drittens sollten geeignete Verfahren und Instrumente implementiert werden. Die genannten multiprofessionellen Leitlinien sind ein wichtiger Ansatz hierzu.

• Viertens müssen gängige, vermeintliche Lösungsansätze, wie die Delegation ärztlicher Tätigkeiten, tiefergehend analysiert und hinterfragt werden, um eine Kooperation auf Augenhöhe zu ermöglichen.

• Auf dieser Grundlage kann sich – fünftens – eine Kultur der Zusammenarbeit entwickeln, bei der die Eigenlogik der Professionen relativiert und das Interesse des Patienten bzw. des Bewohners in den Vordergrund gerückt wird.

Es wird auch nicht ohne Fortschritte im Hinblick auf die akademische Entwicklung in der Pflege gehen. Aktuell (2020) existiert in allen deutschsprachigen Ländern eine Pflegewissenschaftliche Fakultät – bei mehr als 50 Medizinischen Fakultäten. Mit Trägerbeschluss von Ende März 2021 wurde diese Fakultät mit sofortiger Wirkung stillgelegt. Hier ist noch erheblicher Nachholbedarf. Aber all dies wird wenig helfen, wenn nicht die Bereitschaft zu einer »fairen Kooperation« der Akteure vorhanden ist. Dieser Begriff ist von dem amerikanischen Rechtsphilosophen Rawls entwickelt worden. Er hat zunächst überhaupt nichts mit den Akteuren im Gesundheitswesen zu tun. Rawls war daran interessiert, die Bedingungen in einem Gemeinwesen zu eruieren, die für ein gedeihliches Miteinander aller Voraussetzung sind. Ausgangspunkt war für ihn die Annahme, dass sich alle Beteiligten grundsätzlich auf etwas Neues, Gemeinsames einstellen müssen, damit die Zusammenarbeit gelingt. Eigene Denkweisen und Praktiken müssen infrage gestellt werden, eine Distanz zur eigenen professionellen Haltung und damit die Einsicht in deren Bedingtheit und Relativität sind notwendig. Rawls (2003, S. 82) hat dabei folgende Kriterien aufgestellt, denen ein »faires System der Kooperation« genügen muss:

• Es »wird von öffentlich anerkannten Regeln und Verfahren geleitet, die von den Beteiligten akzeptiert und von diesen als angemessene Regeln für ihr Handeln betrachtet werden.«

• »Faire Bedingungen der Kooperation konkretisieren eine Vorstellung von Reziprozität: alle, die sich beteiligen und ihren Beitrag leisten, so wie es die Regeln und Verfahren fordern, müssen nach Maßgabe einer geeigneten Vergleichsbasis in angemessener Weise davon profitieren.«

• »Die Idee sozialer Kooperation setzt eine Vorstellung davon voraus, was für jeden Teilnehmer in rationaler Weise vorteilhaft oder gut ist. Die Vorstellung des Guten konkretisiert, was die an der Kooperation Beteiligten […] zu erreichen versuchen, wenn das System von ihrem eigenen Standpunkt aus betrachtet wird.«

Rawls verfolgte ein pragmatisches Ziel: Er wollte zeigen, dass es denkbar und möglich ist, in der Kooperation zu einem tragfähigen »übergreifenden Konsens« zu gelangen, d. h. sich auf etwas Gemeinsames zu verpflichten, ohne die eigenen Überzeugungen und Handlungsziele aufzugeben. Wechselseitige Anerkennung ist zwingend und ermöglicht dann eine faire Kooperation, die nicht nur aus der Perspektive der eigenen Disziplin, durch Eigeninteressen etc. definiert wird. Rationalität ist wichtig, aber sie reicht nicht aus. Ohne Lust an einer kritisch-konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Anderen wird es nicht gehen. Dabei sollte in Zukunft stärker ein bislang insbesondere in Deutschland vernachlässigter Aspekt der Gesamtproblematik in den Vordergrund gerückt zu werden – die Zusammenarbeit mit den Betroffenen (hiermit sind Patienten und Angehörige gemeint) selbst! Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer gelingenden (interdisziplinären) Zusammenarbeit. Betroffene sind Experten in eigener Sache, ihre Stimme muss zukünftig bei der Planung von Dienstleistungen und Angeboten im Versorgungssektor zunehmend gehört werden.

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1 vgl. ausführlicher Brandenburg und Steinhauer (2020); das Phänomen der Transdisziplinarität wird an dieser Stelle nicht aufgegriffen, vgl. hierzu Defila und Di Giulio (2018).

2 Der Schwerpunkt der Ausführungen in diesem Beitrag liegt auf dem Krankenhaus, zur stationären Langzeitpflege vgl. Baranzke und Brandenburg 2017 sowie Brandenburg et al. 2014.

3 Auf die prekäre Situation der Pflegenden ist mehrfach hingewiesen worden. Der Siebte Altenbericht der Bundesregierung gibt eine durchschnittliche Entlohnung in der Pflege von 2.450 Euro, in der Altenpflege von 2.188 Euro, an (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2016, S. 201).

4 Weitere Information zur rechtlichen Situation: https://www.bundesaerztekammer.de/richtlinien/empfehlungenstellungnahmen/delegation/, Zugriff am 01.06.2021.

5 Grundkonzepte
5.1 Alter und Altern – Anmerkungen zur Unterscheidung krankhafter und normaler Alternsverläufe
Frank Oswald

Das Kapitel verfolgt drei Ziele: Zunächst soll als Hintergrundfolie für eine mögliche weitere inhaltliche Vertiefung in anderen Kapiteln eine begriffliche Grenzziehung von krankhaften, normalen und optimalen Alternsverläufen anhand ausgewählter Beispiele aus der Literatur nachgezeichnet und kritisch diskutiert werden. Zweitens sollen über eine kategoriale Differenzierung von Alternsverläufen hinaus, Altern als individueller Entwicklungsprozess, auch im Angesicht von Erkrankungen, beschrieben werden. Schließlich soll exemplarisch, anhand des Modells guten Lebens im Alter, die Rolle subjektiven Erlebens und alltäglichen Person-Umwelt Austausches für ein breites Verständnis von Altern erläutert werden. Altern ist demnach nicht nur durch Kategorien von Altersverläufen beschreibbar, sondern auch durch Entwicklungsprozesse und Entwicklungsausgänge, z. B. die Erhaltung von Lebensqualität. Anmerkungen für die Praxis schließen das Kapitel ab.

5.1.1 Zur Unterscheidung krankhafter, normaler und optimaler Alternsverläufe

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Alter und Altern wird häufig unterschieden nach Phänomenen, Prozessen und Personen, die wechselweise im Fokus der Betrachtung stehen können. So trägt die Enzyklopädie der Gerontologie den Titel »Age, Aging, and the Aged« (Birren 2007). Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen thematisieren zudem eine mittlerweile seit einigen Jahrzehnten übliche differentielle Betrachtung von Alter und Altern, mitunter auch aus interdisziplinärer Perspektive (z. B. Baltes et al. 1994; Kruse und Wahl 2010). Eine Unterscheidung in sogenanntes krankhaftes oder pathologisches Altern und nicht pathologisches, also gesundes Altern, häufig weiter ausdifferenziert in normales und optimales oder auch erfolgreiches Altern ist nach diesen Autoren grundsätzlich als konzeptuell und definitorisch problematisch anzusehen, auch wenn sie als »heuristisch nützlich« gelten kann (Baltes und Baltes 1989; Rowe und Kahn 1987). Insbesondere mit Blick auf Beeinträchtigungen im Alter, Pflegebedarf und soziale Ungleichheit hat der Begriff erfolgreiches Altern in letzter Zeit eine bedeutsame Ausweitung erfahren (Tesch-Römer und Wahl 2017). Zwar ist diese Kategorisierung nicht mit einer simplen Etikettierung (wie z. B. »Best-Ager«, »Oldies«, oder »Silver Surfer«) zu vergleichen, aber man findet wiederholt zumindest zwei kritische Anmerkungen:

• Erstens wird gefragt, ob Altern ohne Krankheit überhaupt denkbar ist, oder als Utopie postuliert werden sollte (Baltes und Baltes 1989).

• Zweitens werden die Kriterien zur Grenzziehung entlang statistischer Verteilungshäufigkeiten kritisch hinterfragt, ebenso wie die sich wandelnden und immer wieder neu zu prüfenden Einflüsse (Normen, Werte, Konventionen) auf eine solche Grenzziehung (z. B. Baltes und Baltes 1989; Gerok und Brandstädter 1994; Jopp 2003, Kap. 59).

An dieser Stelle sei auch auf eine kritische Diskussion zu sich verändernden Wahrnehmungen von postulierten (zeitlich angeordneten) Phasen des Alterns (z. B. junges Alter, altes Alter), damit einhergehender erwartete und tatsächliche Übergänge und sich nur allmählich verändernder Altersbilder verwiesen (Graefe et al. 2011; Kornadt und Rothermund 2011; van Dyk et al. 2010). Auch auf die Entwicklung eines empirischen Forschungsfeldes zur Wahrnehmung spezifischer altersbezogener Veränderungen (»Awareness of Age-related Change«) kann hier nur ganz allgemein verwiesen werden (Diehl und Wahl 2010, 2015).

Folgt man den Spuren der Differenzierung von krankhaftem (pathologischen) und normalem (gesundem) Altern, so stellt man fest, dass die Beschreibung typischer weitgehend gesunder Alternsverläufe in Abgrenzung zu pathologischen Verläufen weit zurückreicht und beispielsweise in der von Palmore 1974 vorgenommenen Definition von normalem Altern (»normal aging«) im Rahmen der Befundpräsentation der Duke Longitudinal Study prominent platziert wird. Er beschreibt die Stichprobe der Studie als normal alternde Personen, die weitgehend gesund und für ihr Alter typisch sind, wobei er mit gesund meint, dass es sich um gehfähige, nicht institutionalisierte, und privat wohnende Personen handelt, die sich durch »typische« Alterserscheinungen, also häufige körperliche Funktionseinbußen und geistige Erkrankungen (»some common forms of mental illness«), sowie durch eine Vielfalt an sozialen Rollen, Selbstkonzepten, Verhaltensweisen etc. auszeichnen (Palmore 1974, S. 3).

Die These, dass eine Unterscheidung von krankhaftem Altern und normalem Altern sinnvoll und möglich ist, wird im weiteren Verlauf hierzulande insbesondere von Baltes und Baltes (1989) im Rahmen des Konzepts erfolgreichen Alterns (s. auch Rowe und Kahn 1987) postuliert. Dabei ist allerdings anzumerken, dass erste Ideen zum Konzept des erfolgreichen Alterns schon früher entwickelt wurden (Havighurst und Albrecht 1953; Williams und Wirths 1965). Nach Baltes und Baltes bedeutet normales Altern, ohne gravierende körperliche und geistige Einbußen älter zu werden, was für die meisten Personen zutrifft, während krankhaftes Altern deutlich mitgeprägt ist durch vorliegende medizinisch relevante Beeinträchtigungen und Krankheitsprozesse (z. B. späte Verläufe der Demenz). Vom normalen Altern unterschieden wird zudem das sogenannte optimale Altern, das eine Utopie bestmöglichen Alterns unter entwicklungsfördernden und altersfreundlichen Bedingungen darstellt (Baltes und Baltes 1989).

Wie aus biomedizinischer Perspektive ausgeführt wird, orientiert sich die Vorstellung einer Unterscheidbarkeit von krankhaften, normalen und optimalen Alternsverläufen insbesondere an statistischen Normen und Verteilungsparametern (Gerok und Brandstädter 1994). Individuelle Lebens- und Entwicklungsumstände, die der Modifikation und dem Gestaltungs- oder Anpassungsspielraum der Person unterliegen können (z. B. Jopp 2003) und die Problematik funktionaler Normbegriffe (s. auch van Dyk et al. 2010) stehen, wie bereits erwähnt, der Unterscheidung eher entgegen. Folgt man aber dieser Differenzierung, so ist krankhaftes Altern »durch das Auftreten von spezifischen Krankheitssymptomen, Leistungseinbußen und Funktionseinschränkungen gekennzeichnet (…), die letztlich zu einer im Vergleich zu repräsentativen Durchschnittswerten verkürzten Lebensspanne bei gleichzeitig eingeschränkter Lebensqualität führen« (Gerok und Brandstädter 1994, S. 357). Normales Altern ist dagegen gekennzeichnet durch das Erreichen der durchschnittlichen Lebensspanne bei Auftreten »alterstypischer« körperlicher und seelischer Einbußen, also »altersgebundener Veränderungen biomedizinischer Parameter« (Gerok und Brandstädter 1994, S. 356), ohne auf Variabilität innerhalb von Altersgruppen oder die Definition von Veränderungsgeschwindigkeiten (s. auch Helmchen und Reischies 1998) einzugehen. Optimales Altern wäre hingegen gegeben, wenn »die erreichte Lebenszeit, die organische Funktionstüchtigkeit [und] die subjektive Lebensqualität gegenüber dem Durchschnitt einer vergleichbaren Population deutlich erhöht sind« (Helmchen und Reischies 1998, S. 358). Hierbei wird insbesondere auf Modifikationsspielräume zur Verbesserung der Lebensbedingungen im Sinne einer Verringerung von Morbidität durch gesundheitsfördernde Maßnahmen, der Anpassung des eigenen Lebensstils, das Ausschalten von Risikofaktoren und den Aufschub von Erkrankungen (Fries 1983) verwiesen ( Kap. 56).

Insbesondere im Hinblick auf die Möglichkeiten zur Beeinflussung der biomedizinischen, sozialen oder psychischen Bedingungen kann optimales Altern im Sinne der gelingenden Gestaltung eben auch als erfolgreiches Altern verstanden werden. Unterscheidet man optimales oder erfolgreiches Altern von normalem Altern, so ist – anders ausgedrückt – erfolgreiches Altern gekennzeichnet durch hohen funktionalen Status bei geringem Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko, im Gegensatz zu normalem, also krankheitsfreiem Altern mit hohem Risikostatus (Jopp 2003, Kap. 45). Dabei ist zu bedenken, dass sich (nach Jopp 2003) erfolgreiches Altern von normalem Altern in drei Aspekten unterscheidet: (1.) die Erkrankungswahrscheinlichkeit ist geringer, (2.) das körperliche und geistige Funktionsniveau ist höher und (3.) erfolgreich zu altern impliziert eine aktive Lebensgestaltung. Damit ist Alternserfolg nicht allein durch Potenziale der Person (Gesundheit, Funktionalität), sondern auch durch aktives Handeln gekennzeichnet (Jopp 2003). Zur Beschreibung von Verhaltensstrategien und Kompetenzen im Umgang mit den Anforderungen des täglichen Lebens, auf die hier inhaltlich nicht näher eingegangen werden kann, und zur Vermeidung des häufig auch missverstandenen Begriffs erfolgreiches Altern wird mitunter auch von gutem Altern (Aging well) gesprochen (z. B. Rohr und Lang 2009; Vaillant 2002).

Die Unterscheidung pathologischen, gesunden und erfolgreichen Alterns spiegelt sich auch in der medizinischen Terminologie wider. Insbesondere im Zusammenhang mit der Beschreibung kognitiver Leistungsfähigkeit und deren Veränderung oder mit Angaben zu Epidemiologie und Diagnostik von Erkrankungen tauchen diese Kategorien auf (z. B. Grond 2005; Helmchen und Reischies 1998; Kaschel 2001; Schuster et al. 2011; Steinwachs 2004; Wetterling 2001; Weyerer 2005). So sprechen beispielsweise Schuster et al. von »3 Arten der Gehirnalterung« und unterscheiden dabei erfolgreiche, normale und pathologische Alterung angesichts unterschiedlicher morphologischer, funktioneller und biochemischer Veränderungen mit fließendem Übergang zum pathologischen Altern (Schuster et al. 2011., S. 266). Aufgrund der Vielfalt und Heterogenität kognitiver Einbußen sowie häufiger Ko-Morbidität ist allerdings eine einfache Testung pathologischen Alterns nicht möglich, ohne auf Verfahren zur Differentialdiagnostik hier näher einzugehen (z. B. Kasche, 2001; Kap. 14).

5.1.2 Altern als individueller Entwicklungsprozess

Die Kritik an der Kategorisierung von Alternsverläufen und die Diskussion um die Gestaltbarkeit erfolgreichen Alterns verweist auf die Dynamik und Variabilität des Alterns. Das höhere Erwachsenenalter wird heute als eine vielfältige dynamische Lebensphase verstanden, die sich durch mehrere Prozesse und Eigenschaften auszeichnet, von denen hier vier erwähnt werden sollen (vgl. ausführlich Baltes 1997; Wahl und Heyl 2004):

• Zunächst ist der dynamische Prozess des Alterns nicht durch ausschließlich negative (oder positive) Funktionsverläufe gekennzeichnet, sondern dadurch, dass erlebte Gewinne und Verluste nebeneinanderstehen können (multiple Gerichtetheit).

• Zweitens kann die Richtung der Verläufe über die Zeit in unterschiedlichen Bereichen (z. B. Intelligenz, soziale Kontakte, Gesundheit) unterschiedlich sein (Multidimensionalität, Multidirektionalität).

• Drittens ist zu berücksichtigen, dass das Altern, vielleicht heute deutlicher als jemals zuvor, durch ein sehr großes Ausmaß an interindividueller Variabilität (zwischen Personen) und intraindividueller Variabilität (Phasen der Veränderung und Konstanz innerhalb einer Person) gekennzeichnet ist.

• Schließlich ist empirisch auch gut belegt, dass Menschen im höheren Alter nicht nur im Bereich kognitiver Fähigkeiten, sondern auch in den Bereichen Persönlichkeit, Motivation und Emotion über ein erhebliches Ausmaß an Plastizität ( Kap. 5.4)verfügen können, was einerseits für die Kompensation von Einbußen (z. B. im Bereich der Gesundheit) im Alltag bedeutsam sein kann, andererseits aber gerade auch im Hinblick auf Bildungs- und Lernprozesse im höheren Alter sowie auf die Gestaltbarkeit von Lebensbedingungen diskutiert wird (Kessler et al. 2009; Schramek et al. 2018; Wahl und Schilling 2012).

Vor diesem Hintergrund sollen die, insbesondere in der Entwicklungspsychologie des höheren Alters verortete Fragen nach Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungszielen im Alter herausgestellt werden ( Kap. 5.6 und Kap. 5.7). Entwicklung im höheren Lebensalter hat drei unterschiedliche Ziele, nämlich (1.) Wachstum, (2.) Aufrechterhaltung einschließlich Wiederherstellung und (3.) Regulation von Verlusten. Je nach Lebenssituation werden die Ressourcen der Person in unterschiedlichem Ausmaß zur Erreichung dieser drei Entwicklungsziele eingesetzt. Wachstum dient der Weiterentwicklung eines Verhaltens in Richtung eines höheren Niveaus der Fähigkeiten. Mit Aufrechterhaltung und Wiederherstellung werden Verhaltensweisen beschrieben, die das einmal erreichte Niveau an Fähigkeiten trotz erlebter Einbußen zu erhalten versuchen. Verlustregulation schließlich beschreibt die »Orchestrierung« verbliebener Fähigkeiten, um eine Funktion auf niedrigerem Niveau zu sichern, wenn eine Aufrechterhaltung nicht möglich ist (Baltes 1997). Insbesondere bei vorliegenden Kompetenzeinbußen, Erkrankungen oder im Angesicht von Grenzen des Lebens sind die beiden letztgenannten Entwicklungsziele angesprochen. Wenn zudem aufgrund der Schwere des Eingriffs eine Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung des Status quo nicht erreicht werden können, beschränkt sich Entwicklung auf das Ziel der Regulation von Verlusten.

Unabhängig von den drei genannten Zielen werden Entwicklungsprozesse aber auch jenseits einer funktionalen Erhaltungs-, Wiederherstellungs- oder Regulationsperspektive beschrieben, beispielsweise wenn es um die Konfrontation mit einer nicht nur lebensbedrohlichen, sondern sogar infausten, also absehbar zum Tode führenden Diagnose oder um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben und Tod geht (z. B. Kruse 1995, 2007). Die Konfrontation mit Sterben, Tod und Endlichkeit stellt dabei eine Krise oder auch Grenzsituation (Jaspers 1932) dar, die nicht nur nach verantwortlichem Umgang und Bewältigung verlangt, sondern auch eine Möglichkeit zur Entwicklung der Persönlichkeit bieten kann (Kruse 2007, S. 81). Diese Perspektive wird hier nicht weiterverfolgt, verdeutlicht aber die Bandbreite möglicher Entwicklungsoptionen auch unter scheinbar widrigen Entwicklungsbedingungen.

Im höheren Alter, insbesondere im sehr hohen Alter (80 Jahre und älter), ist trotz der Gleichzeitigkeit erlebter Gewinne und Verluste von einer grundsätzlichen Verschiebung des Gleichgewichts zuungunsten der Gewinne und zugunsten der Verluste auszugehen (Mayer und Baltes 1996). Die Auseinandersetzung mit Verlusten (sozial, gesundheitlich, kognitiv), die erhöhte Wahrscheinlichkeit mehrfacher gleichzeitiger Belastungen (z. B. Multimorbidität) und ein eingeschränktes Fähigkeitsspektrum zur Kompensation der Einbußen können somit auch als zum »normalen« Altern gehörend interpretiert werden, sind gleichsam erwartbare Facetten des Alters, insbesondere des sehr hohen oder sogenannten »Vierten Alters« (Baltes und Smith 1999, Kap. 5.3). Die Unterscheidung eines »Dritten Alters« (ca. 65–80 Jahre) von einem »Vierten Alter« (ab ca. 80 Jahre) wird dabei nicht a priori durch die Zuordnung kalendarischen Alters bestimmt, sondern unter anderem empirisch gestützt durch durchschnittlich höhere Risiken für Multimorbidität, durch häufigere Verlusterfahrungen und weniger Möglichkeiten zur Kompensation von Einbußen (Baltes und Smith 1999). Für die Einordnung des individuellen Erlebens z. B. einer lebensbedrohlichen Erkrankung stellt sich aber für einen alten Menschen weniger die Frage, ob dies im Rahmen normaler oder krankhafter Alternsverläufe oder im Dritten oder Vierten Alter stattfindet, sondern eher, über welches Repertoire an Zielerreichungs- und Bewältigungsformen man verfügt, um mit Verlusten umzugehen und um Lebensqualität zu erhalten.

5.1.3 Das Modell »Guten Lebens« im Alter

Abschließend soll noch ein Modell vorgestellt werden, das in stärkerem Maße das Ziel der Beschreibung und Erklärung von Lebensqualität im Alter in den Blick nimmt ( Abb. 5.1.1).


Abb. 5.1.1: Modell »gutes Leben im Alter« nach M. Powell Lawton (1983, 1996) (Mit freundlicher Genehmigung der Oxford University Press)

Das von M. Powell Lawton entwickelte Modell eines »guten« Lebens im Alter (»good life model« , 1983) unterscheidet vier Bereiche der Beschreibung »guten Lebens« im Alter:

• Die Verhaltenskompetenz (behavioral competence) beschreibt objektive Fähigkeiten einer Person wie Alltagsselbständigkeit, geistige Leistungsfähigkeit, soziale Fertigkeiten; diese lassen sich durch Tests oder Verhaltensbeobachtungen erfassen ( Kap. 44).

• Die erlebte Lebensqualität (perceived quality of life) gibt wieder, wie das Individuum seine körperlichen, psychischen und sozialen Lebensbereiche subjektiv bewertet; diese ist nur über die Selbstbewertung zugänglich.

• Die objektive Umwelt (objective environment) wirkt auf Verhaltenskompetenz und erlebte Lebensqualität im Sinne ermöglichender oder einschränkender Bedingungen und kann auf objektivem und auf subjektivem Weg erfasst werden.

• Das subjektive Wohlbefinden (psychological well-being) schließlich ist das Ergebnis der drei vorher genannten Dimensionen; es lässt sich insgesamt, zum Beispiel als Lebenszufriedenheit, oder in seinen einzelnen Bereichen (zum Beispiel als Wohnzufriedenheit, Gesundheitszufriedenheit) erfassen.

»Gutes Leben« im Alter wird hier verstanden als Ergebnis eines Bewertungsprozesses des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftig erwarteten Person-Umwelt-Systems eines Individuums, das anhand intrapersonaler und sozial-normativer Kriterien definiert wird (Lawton 1991): »Quality of life is the multidimensional evaluation, by both intrapersonal and social-normative criteria, of the person-environment system of an individual in time past, current, and anticipated« (Lawton 1991, S. 6).

Intrapersonale Bewertungskriterien sind persönliche Werthaltungen wie auch subjektive Bewertungen des bisherigen Lebens. Hier werden Maßstäbe der alten Menschen selbst in Bezug auf ihr Leben thematisiert. Sozial-normative Kriterien sind objektiv messbare Bewertungsmaßstäbe, die das Individuum mit seiner Kohorte und der Gesellschaft teilt. Dabei stehen von außen wirksame Maßstäbe für ein »gutes« Leben im Alter im Mittelpunkt. Wenn bei diesem Zugang das Person-Umwelt-System in den Mittelpunkt gerückt wird, heißt dies, dass es eben nicht genügt, zur Einschätzung von Lebensqualität nur die Person selbst oder nur die Umweltbedingungen zu betrachten, sondern dass für diese Bewertung immer Wechselwirkungen der Person mit ihrer sozialen und räumlich-dinglichen Umwelt ausschlaggebend sind. Das zeitliche Bezugssystem schließlich betont die dynamische Qualität der Bewertung des Person-Umwelt-Systems, d. h. die dabei wirksamen Bewertungsprozesse sind im biografischen Verlauf des Alterns Veränderungen unterworfen. Das Modell thematisiert also nicht Alternsverläufe oder Entwicklungsprozesse, sondern Einflussfaktoren auf die individuelle Bewertung der aktuellen Lebenssituation. Die Verschränkung von Modellen, die den Person-Umwelt Austausch für das Altern betonen mit allgemeinen Modellen des Alterns (z. B. erfolgreiches Altern, Selektive Optimierung und Kompensation, Baltes und Baltes 1989) ist noch zu leisten (Lang et al. 2011; Oswald und Wahl 2019, Wahl et al. 2012; Wahl und Oswald 2016).

5.1.4 Fazit – Ableitungen für die Praxis

Die hier vorgestellte begriffliche Einordnung von Alter und Altern entlang der Konzepte krankhaften, normalen und optimalen oder erfolgreichen Alterns ist als Einstieg in die Thematik zu verstehen. Ergänzend zu einer an Verteilungshäufigkeiten und biomedizinischen Kriterien orientierten Unterscheidung von Alternsphasen sollte dabei insbesondere auf die Variabilität und Modifizierbarkeit des Alterns, wie es sich zum Beispiel im Konzept des erfolgreichen Alterns abzeichnet, eingegangen werden. Zudem sollte die Gleichzeitigkeit von Gewinnen und Verlusten im Alternsverlauf und die Unterschiedlichkeit von Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungszielen auch angesichts von Beeinträchtigung, Sterben und Tod betont werden. Und schließlich sollte, verdeutlicht am Modell des guten Lebens im Alter, auch auf die Notwendigkeit der Einbeziehung subjektiver Bewertungen und alltäglicher Person-Umwelt Interaktionen, zum Beispiel für den Erhalt von Lebensqualität im Alter als bedeutsame, von Altersphasen unabhängige Zielvariable hingewiesen werden.

Auf die Praxis der Altersmedizin angewendet könnte dies bedeuten, allgemeine medizinische Behandlungsziele in zumindest dreierlei naheliegender Hinsicht anzupassen:

• Erstens sollte das Ziel der kurativen Widerherstellung der Ausgangssituation vor einer Erkrankung im hohen und insbesondere im sehr hohen Alter zunehmend in den Hintergrund treten, jedenfalls aber ergänzt werden durch eine begleitende, lindernde und an die jeweilige Lebenssituation angepassten kompensatorische Behandlungsstrategie, also durch Erhalt und Wiederherstellung von Funktion, Rehabilitation und Palliation. Auch in der Auseinandersetzung mit chronischer Krankheit, mit Multimorbidität, Vulnerabilität, oder mit dem Lebensende kann sich Normalität und Entwicklung ausdrücken oder »gutes Altern« widerspiegeln ( Kap. 5.9 und Kap. 55).

• Zweitens sollte in der Diagnostik auf eine umfassende Beschreibung und Erfassung individueller Funktionsniveaus, Alltagskompetenzen und -potentiale Wert gelegt werden, am besten mit direktem Bezug zur konkreten Alltagsumwelt der Person ( Kap. 44 und Kap. 46). In der Therapie könnte (z. B. nach Lawton) Medizin auch als Teil der Umwelt zur Gestaltung und Veränderung von Kompensationstechniken angesehen werden, die dem Training und Üben neuer oder der Wiedererlangung alter Verhaltenskompetenzen (z. B. Geriatrische Rehabilitation) dient ( Kap. 53).

• Schließlich sollte die Bedeutung des subjektiven Wohlbefindens und der erlebten Lebensqualität (ebenfalls nach Lawton) und die individuelle Bewertung der Situation (auch von Therapiezielen) durch den Patienten im Verhältnis zur »Normalisierung« von objektiven Laborparametern in den Vordergrund treten dürfen ( Kap. 5.3). Darin kann sich auch eine grundlegende therapeutische (gerontologische/geriatrische/gerontopsychiatrische) ganzheitliche Werthaltung des alten Menschen in seiner Umwelt widerspiegeln.

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5.2 Frailty (Gebrechlichkeit)
Cornel Sieber und Andreas Kruse
5.2.1 Einleitung

Frailty stammt als Begriff ursprünglich aus der Neonatologie, wo es die Fragilität des Frühgeborenen beschreibt. Vor einigen Jahren hat der Begriff Eingang in die geriatrische Literatur gefunden (Fried et al. 2001, Rockwood et al. 2007b). Auch hier beschreibt er die Verletzlichkeit (hoch)betagter Menschen gegenüber endogenen und v. a. exogenen Stressoren, die ein fein ausbalanciertes – aber eben fragiles – System zum Kippen bringen können (Bauer und Sieber 2008; Bergman et al. 2007; Renteln-Kruse und Mindner 2016).

In der internationalen Literatur wird mit dem Begriff Frailty eine allmählich zunehmende Schwächung des Organismus umschrieben, deren Dynamik sich in kontinuierlichen Rückgängen in physiologischen, zellulären, molekularen Funktionen sowie verringerten Reservekapazitäten der Muskulatur, der Knochen, des Kreislaufs, der hormonellen und immunologischen Systeme zeigt (Buttery et al. 2015). Die mit dem Begriff bezeichnete erhöhte Verletzlichkeit (Kruse 2017) bedingt, dass sich die Leistungsfähigkeit der verschiedenen Organe nach und nach einer Schwelle annähert, ab der eine klinisch manifeste Funktionsstörung eintritt. Zudem ist nach Überschreiten dieser Schwelle die Widerstandsfähigkeit in einem Maße geschwächt, dass es für den Organismus immer schwerer wird, Infektionen abzuwehren (Clegg et al. 2013). Frailty ist dabei nicht als Rückgang von Ressourcen in einem Funktionssystem, sondern in mehreren Funktionssystemen zu verstehen. Zudem handelt es sich hierbei um ein mehrdimensionales Konzept, das von einem Wechselspiel physischer, psychischer, kognitiver, sozialer und ökologischer Faktoren ausgeht (Avila-Funes et al. 2012). Die im Deutschen übliche Übersetzung von Frailty mit Gebrechlichkeit wird dem Phänomen aus mehreren Gründen nicht gerecht. Gebrechlichkeit wird gemeinhin mit Pflegebedürftigkeit und weniger mit allmählich zunehmender Gebrechlichkeit assoziiert. Des Weiteren darf Frailty nicht mit Fähigkeitseinbußen und Morbidität gleichgesetzt werden (Gale et al. 2015), sondern umfasst ausdrücklich auch psychische und psychosoziale Aspekte (Nicholson 2009; Strawbridge et al. 1998). Und schließlich gehört zur Dynamik von Frailty auch, dass durch Intervention positive Veränderungen herbeigeführt werden können: Der Prozess wachsender Einbußen kann verlangsamt, aufgehalten und umgekehrt werden. Frailty wie auch seine Vorläuferstadien – in der Literatur mit dem Begriff »Pre-Frailty« belegt – werden als potenziell reversibel angesehen, sodass hier in besonderer Weise auf Therapie, Rehabilitation und rehabilitative Pflege zu achten ist.

Insgesamt ist der Begriff »Frailty « weithin etabliert bei Geriatern und auch anderen im geriatrischen Gebiet Tätigen. Wenn später auch vermehrt über Sarkopenie – also eine altersbedingte Abnahme der Muskelmasse – gesprochen wird, dann deshalb, weil die Sarkopenie in sehr vielen Belangen Überschneidungen zu Frailty zeigt und therapeutisch angehbar ist. So sind wohl Bestrebungen, Frailty zu einer ICD-Diagnose zu erheben, nicht von Erfolg gezeitigt, da einzelne Parameter bei den gängigen Assessment-Instrumenten für Frailty zu schwierig zu quantifizieren sind, wohingegen dies für die Sarkopenie möglich ist ( Kap. 44).

5.2.2 Frailty – ein geriatrisch-gerontologisches Syndrom
5.2.2.1 Der konzeptuelle und pathophysiologische Rahmen von Frailty

Wir haben immer bessere Kenntnisse über die pathophysiologischen Grundlagen der physischen (Fried at al. 2001) und auch der psychischen (Strawbridge et al. 1998) bzw. psychosozialen Frailty. Man kann Frailty als ein klassisches geriatrisches Syndrom definieren ( Kap. 3.1 und Kap. 6). Dies ist verursacht durch eine reduzierte funktionelle Reserve (Reservekapazität) in mehreren physiologischen Systemen, welche alle eine erhöhte Vulnerabilität für diverse geriatrische Komplikationen haben wie Stürze, Hospitalisierung, Verlust der Selbständigkeit (ADL, IADL, Barthel-Index) und Tod (Abizanda et al. 2013). Es wäre somit folgerichtig, dass ein gemeinsamer biologischer Prozess dem Frailty-Syndrom zugrunde liegen würde. Konzeptuell werden heutzutage vor allem die drei Modelle inflammatorische Prozesse, hormonelle Muster sowie Veränderungen in der Körperzusammensetzung favorisiert. Verschiedene pathophysiologische Prozesse werden mit Frailty in Verbindung gebracht, wobei inflammatorische Veränderungen eine prädominante Rolle spielen. So sind erhöhte Plasmaspiegel (Exzess-Modell) von C-reaktivem Protein (CRP) sowie von diversen Zytokinen – wie dem Interleukin 6 – mit dem Frailty-Syndrom assoziiert (Payette et al. 2003; Leng et al. 2007). Hier ist kleine eine Übersicht über die wichtigen Mediatoren/Proteine aufgelistet, denen in diesem Zusammenhang eine Bedeutung zugeschrieben wird (nach Bauer und Sieber 2008):

• Interleukine (IL-1, IL-6 usw.)

• Tumor necrosis factor alpha

• C-reaktives Protein (CRP and hCRP)

• Adhäsionsmoleküle

Diesem Exzess-Modell von Frailty steht das Defizitmodell von Frailty entgegen, welches v. a. eine Abnahme folgender Hormonachsen als pathophysiologische Grundlage des Frailty-Syndroms sieht:

• Menopause (Östrogene)

• Andropause (Testosteron)

• Adrenopause (Kortikosteroide)

• Somatopause (Wachstumshormon)

• Dehydro-Epiandosteron-Sulfat (DHEA)

Über lange Zeit wurden primär solche hormonellen Veränderungen mit Frailty verbunden ( Kap. 28. Es sind dies – neben Dehydroepiandrosteron (DHEA) als Prohormon der Nebennieren – folgende altersbedingt deaktivierte endogene Hormonsysteme: Östrogene (Menopause), Testosteron (Andropause), Wachstumshormon (Somatopause) und Kortison (Adrenopause). Deaktiviert in diesem Kontext meint, dass für diese Hormonachsen über die Lebensspanne ein kontinuierlicher Funktionsabfall gemessen werden kann.

Die Wahrheit dürfte aber einmal mehr in einer Kombination beider Modelle liegen, insofern auch die erwähnten Hormonachsen mit Entzündungsvorgängen interagieren. So wurde in der Cardiovascular Health Study auch beschrieben, dass eine Zunahme der Fettmasse mit einem höheren Körpergewicht wie auch mit einer damit verbundenen Insulin-Resistenz, ein Risikofaktor für das Frailty-Syndrom darstellt (Xue et al. 2008). In Abbildung 5.2.1 werden diese Faktoren zusammengefasst, wobei deutlich wird, dass gerade die Sarkopenie für das Frailty-Syndrom eine zentrale Rolle einnimmt.


Abb. 5.2.1: Der Frailty-Zyklus (adaptiert nach Xue et al. 2008)

Bis jetzt wurde der Hauptfokus in der Forschung auf den physischen und damit den krankheitsassoziierten Bereich gelegt. Dennoch bestehen klare Querverbindungen zwischen physischer und psychischer Frailty, bei letzterer v. a. mit der Depression und der Demenz (Macuco et al. 2012; Kap. 14 und Kap. 15). Dabei kann Frailty als ein Kontinuum von Frühformen, die noch nicht klinisch apparent sind, bis hin zu Spätformen, welche mit den Aktivitäten des täglichen Lebens negativ interferieren, gesehen werden. Die meisten Forscher sind der Meinung, dass das Frailty-Syndrom nicht ohne mindestens eine vorbestehende chronische Erkrankung auftreten kann, was allerdings bei (hoch)betagten Menschen zumeist der Fall ist.

Dennoch zeigen einige Charakteristika von Frailty Parallelen zu normalen Alterungsprozessen wie eine verminderte physiologische Reserve, eine verringerte Organfunktion und eine reduzierte funktionelle Anpassungsfähigkeit. Es kann somit sehr schwierig sein, Frailty immer klar von fortgeschrittenen Alterungsprozessen zu unterscheiden. Diese Herausforderung spiegelt sich auch in der Schwierigkeit wider, geeignete Assessment-Instrumente für Frailty zu finden (s. u.).


Abb. 5.2.2: Modell der Assoziation zwischen Lebensspanne und dem Frailty-Syndrom (adaptiert nach Xue et al. 2008)

In einer für die medizinisch-pflegerische Versorgung am Lebensende wichtigen Studie wurden zwischen drei Krankheitsverläufen (»trajectories«) in der letzten Lebensphase differenziert (Murray et al. 2005): (a) Tumorerkrankungen (diese sind zunächst durch eine relativ lange Zeit mit vergleichsweise geringen Einschränkungen im Alltag charakterisiert; innerhalb weniger Monate treten körperlicher Abbau, Funktionsverlust und Tod ein); (b) Herz-, Lungen- oder Nierenerkrankungen (diese erstrecken sich über mehrere Jahre mit mehr oder minder stark ausgeprägten Einschränkungen im Alltag; gelegentlich treten akute Verschlechterungen ein, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen; die sich anschließende Erholung erreicht das frühere Funktions- und Leistungsniveau nicht mehr); (c) Frailty, vielfach assoziiert mit neurokognitiven Störungen und einem über mehrere Jahre bestehenden, kontinuierlich steigenden Niveau der Hilfsbedürftigkeit oder Pflegebedürftigkeit. Wie die Autoren dieser Studie hervorheben, sind für den Tod alter Menschen nur in geringem Maße die Tumorerkrankungen verantwortlich und in sehr viel stärkerem Maße Herz-, Lungen- und Nierenerkrankungen oder Frailty. Dabei ist hier die Frailty so stark ausgeprägt, dass das Individuum die verbliebenen physischen Ressourcen ausschließlich für die Aufrechterhaltung grundlegender Lebensfunktionen benötigt (Clegg et al. 2013). Allerdings gelingt dies immer weniger, sodass sich wiederholt abrupte Verschlechterungen des allgemeinen Gesundheitszustandes ergeben, die sich auch immer weniger kompensieren lassen. Daraus resultiert – betrachtet man den gesamten Krankheitsverlauf in der letzten Lebensphase – eine zunehmend geringere physiologische Leistungs- und Restitutionskapazität, die schließlich in einen Finalzustand mündet.

5.2.2.2 Diagnostik des Frailty-Syndroms

Beim Frailty-Syndrom gilt es somit, einerseits eine valide Diagnose stellen zu können, zusätzlich aber auch eine Graduierung zu erzielen. Frailty kann dann diagnostiziert werden, wenn der Allgemeinzustand eines betagten Menschen sich derart verschlechtert, dass sein Risiko für die Entwicklung einer Krankheit oder für seinen baldigen Tod erhöht ist. Hierzu werden vorab zwei Assessment-Methoden verwendet: Die phänotypische Definition von Frailty nach Fried et al. aus der erwähnten Cardiovascular Health Study (Fried et al. 2001) sowie der Frailty-Index nach Rockwood et al. (2007b).

Bei der Fried-Methode werden folgende fünf Parameter erhoben:

• Gewichtsverlust > 5 kg in 12 Monaten

• Physische und psychische Erschöpfung

• Körperliche Schwäche

• Langsame Gehgeschwindigkeit

• Verminderte körperliche Aktivität

Die Diagnose »Frailty« kann gestellt werden, wenn mindestens drei Faktoren zutreffen. Wenn nur ein bis zwei dieser Faktoren positiv sind, wird von Pre-Frailty gesprochen. Dieses Assessment-Instrument wird zwar am häufigsten verwendet, hat aber auch seine Schwächen. Insbesondere weil noch nicht für alle Ethnien entsprechende Grenzwerte existieren, sind Ergebnisse aus verschiedenen Studien oft kaum miteinander vergleichbar (Drey et al. 2011a). So sind Bestrebungen im Gange, mit Modifikationen der Fried-Kriterien Populations-unabhängige Grenzwerte zu finden (Saum et al. 2012).

Für die Berechnung des Frailty-Index nach Rockwood werden die individuellen Defizite aus 70 Einzelfaktoren addiert (Rockwood et al. 2007b). Wenngleich viele dieser Faktoren dem Geriater aufgrund des »Comprehensive Geriatric Assessment« (CGA) geläufig sind ( Kap. 44) wie aktive Erkrankungen, Aktivitäten des täglichen Lebens und körperliche Befunde aus der klinisch-neurologischen Untersuchung, so ist die Erhebung dieses Index doch aufwendig, sodass die Graduierung in den meisten Studien bisher nach Fried erfolgte.

Für beide Methoden konnte gezeigt werden, dass sie eine drohende Behinderung wie auch Mortalität bei selbständig lebenden alten Personen wie auch bei Bewohnern in Langzeitpflegestrukturen vorhersagen können (Fried et al. 2001; Rockwood et al. 2007a; Woo et al. 2012). Da die meisten Betagten mit Frailty-Syndrom noch zu Hause leben, erscheint gerade in diesem Setting eine frühzeitige Diagnose wichtig. Dies ist einerseits mit dem Assessment-Instrument nach Fried (Fried et al. 2001) möglich (Drey at al 2011b; Rougé Bugat et al. 2012), aber auch mittels eines breiter gefächerten Assessments, das neben einem elaborierten geriatrischen Assessment auch speziell psychische und kognitive Faktoren mitberücksichtigt (Subra et al. 2012).

Insbesondere wenn Menschen mit Frailty notfallmäßig stationär aufgenommen werden müssen, gilt es, das Frailty-Syndrom zeitnah zu diagnostizieren, um wenn möglich einen Geriater in das folgende diagnostische und therapeutische Vorgehen mit zu integrieren (Salvi et al. 2012). Leider gibt es bis dahin immer noch keinen verlässlichen Biomarker, der in der Diagnostik von Frailty helfen könnte (Salvi et al. 2012). Die klinische Bedeutung inklusive ihrer gesundheitsökonomischen Relevanz hat auch dazu geführt, dass schon relativ früh Modelle zur Berechnung von Frailty erarbeitet wurden (Martinussen und Pipper 2005; Jones et al. 2004), deren medizinethische Konsequenzen allerdings nicht abgeschätzt werden können.

5.2.2.3 Epidemiologie

In der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland wurde die erhöhte körperliche Verletzlichkeit (in der Studie heißt es: »Gebrechlichkeit«) von 65–79-Jährigen mithilfe von schriftlichen Befragungen, körperlichen Untersuchungen und Funktionstests erhoben (Fuchs und Scheidt-Nave 2016). Dabei wurden die bereits genannten, fünf Kriterien für Frailty zugrunde gelegt: (a) Erschöpfung, (b) geringe Muskelkraft, (c) langsame Gehgeschwindigkeit, (d) geringe körperliche Aktivität und (e) unfreiwilliger Gewichtsverlust in den vergangenen zwölf Monaten. Von diesen mussten auch in dieser Studie mindestens drei gegeben sein, damit definitionsgemäß von Frailty gesprochen wurde. 2,8 % der 65–79-jährigen Frauen und 2,3 % der gleichaltrigen Männer erfüllten mindestens drei dieser fünf Kriterien. Die Prävalenz der Prä-Frailty (definiert durch das Vorliegen von ein oder zwei der fünf Kriterien) belief sich hingegen auf 40,4 % in der Gruppe der Frauen und auf 36,9 % in der Gruppe der Männer.

In einer US-amerikanischen Studie (Bandeen-Roche et al. 2015) wurde bei den ab 65-Jährigen eine Frailty-Auftretenshäufigkeit von 15,3 % und eine Pre-Frailty-Auftretenshäufigkeit von 39,2 % ermittelt. Es zeigt sich ein deutlicher altersbezogener Anstieg der Frailty-Prävalenz: In der höchsten Altersgruppe war diese mehr als viermal so hoch wie in der jüngsten Altersgruppe. Zudem ergaben sich deutliche soziale Schichtunterschiede: In dem untersten Quartil (25 % mit der niedrigsten sozialen Schichtzugehörigkeit) war die Frailty-Auftretenshäufigkeit viermal höher als in dem obersten Quartil (25 % mit der höchsten sozialen Schichtzugehörigkeit).

Eine auch für unsere Diskussion bedeutende Thematik bildet der mögliche Zusammenhang zwischen Frailty und depressiven Störungen (Haynie et al. 2001). In einer interdisziplinär konzipierten Längsschnittstudie (Collard et al. 2015) wurden 888 alte Menschen über einen Zeitraum von neun Jahren zu vier Messzeitpunkten untersucht; dabei wurde auch den Zusammenhängen zwischen Frailty und Depressivität nachgegangen. Beim ersten Erhebungszeitpunkt wurden mithilfe einer Depressionsskala 699 alte Menschen als nicht-depressiv und 189 als depressiv klassifiziert; Frailty wurde auch in dieser Studie auf der Grundlage der fünf genannten Kriterien operationalisiert. 214 der 699 zu Beginn nicht-depressiven alten Menschen entwickelten in den folgenden Jahren eine depressive Verstimmung. Dabei erwies sich die Frailty als ein statistisch bedeutsamer Vorhersagefaktor für die Entwicklung von Depressivität. Von jenen 189 alten Menschen, die zu Beginn als depressiv eingestuft wurden, zeigten 96 einen Rückgang der Symptomatik. Auch hier erwies sich das Vorliegen von Frailty als ein signifikanter Vorhersagefaktor, und zwar in folgender Richtung: Bei Vorliegen von erhöhter körperlicher Verletzlichkeit war ein Rückgang (Remission) der depressiven Symptomatik weniger wahrscheinlich. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass im Zusammenhang mit Frailty auch Strategien zur Förderung psychischer Gesundheit deutlich größere Beachtung geschenkt werden sollte.

5.2.2.4 Klinische Aspekte des Frailty-Syndroms

Selbstverständlich gibt es keinen Krankheitszustand, in welchem physische nicht auch psychische Reaktionen und vice versa auslösen, zumal wir ja in der Altersmedizin in erster Linie von chronischen Krankheitszuständen sprechen. Zusätzlich ist es gerade die Multimorbidität des Betagten, die gesundheitliche Probleme auf beiden Ebenen mit bedingt ( Kap. 5.3). So ist es denn für therapeutische Strategien wichtig zu wissen, welcher Typ von Frailty vorrangig ist. Beispielhaft sei erwähnt, dass Demenz per se eine psychische Frailty darstellen mag (Avila-Funes et al. 2012), deren Versorgung aber noch viel schwieriger wird, wenn sich eine physische Komponente von Frailty dazugesellt (z. B. Herzinsuffizienz, Karzinom). Das Umgekehrte gilt ebenfalls: Ein multimorbid erkrankter Betagter entwickelt zusätzlich eine Demenz, eine Entwicklung, die den Betroffenen und sein Betreuungsteam häufig an die physischen und psychischen Grenzen bringt (»care-giver stress«).

Arbeiten, die eine etablierte Frailty-Definition verwendeten, konnten klar zeigen, dass Frailty eine bestehende chronische Erkrankung negativ beeinflusst. Dies gilt zum Beispiel für die koronare Herzkrankheit, Schlaganfall, Alzheimer-Demenz, und den Morbus Parkinson.

5.2.3 Ist Frailty zu verhindern?

Im Sinne von Präventionsstrategien können vier verschiedene Stufen unterschieden werden ( Kap. 56).

• Primärprävention von Frailty:

Sinn der Primärprävention ist es, Krankheiten und Behinderungen zu verhindern, bevor sie entstehen. Dies geht prinzipiell einfacher bei organzentrierten Krankheiten, weit weniger einfach bei der für Betagte so typischen Multimorbidität. Für die Verhinderung von Frailty bedeutet dies, dass vorab die Grundsätze für ein gesundes Leben gestärkt werden müssen, die da sind: regelmäßige körperliche Aktivität, ausgewogene Ernährung (quantitativ und qualitativ), gute hygienische Verhältnisse und soziale Integration, respektive Vermeidung von Isolation. Da dies jedoch zentral mit dem Lebensverständnis – oft kulturell mitbeeinflusst – interferiert, ist dies weit schwieriger umzusetzen als z. B. Impfprogramme (als typisches Beispiel für eine andere Art der Primärprävention).

• Sekundärprävention von Frailty:

Hier gilt es, das Frailty-Syndrom frühzeitig zu erfassen, also bevor es zu funktionellen Einschränkungen kommt. In diesem Stadium ist Frailty (mit oder ohne Sarkopenie) therapeutischen Interventionen zugänglich, um Folgeerscheinungen zu verlangsamen oder gar zu verhindern. Für interventionelle Studien sind hier v. a. Personen mit Pre-Frailty (1 bis 2 Punkte von 5 in der Klassifikation nach Fried) speziell geeignet.

• Tertiärprävention von Frailty:

Hier – und dies ist der Zeitpunkt, zu dem der Altersmediziner die Betroffenen leider meist erst zu sehen bekommen – gilt es, die Lebensqualität der von der Krankheit Betroffenen zu verbessern. Dazu gehört die Limitierung von Komplikationen und Behinderungen. Es ist hier der Ort, wo die geriatrische Rehabilitation vorab zum Einsatz kommt.

• Quartärprävention von Frailty:

Darunter versteht man die Bemühungen, (diagnostische und therapeutische) Aktivitäten zu vermeiden, die einerseits für den Betroffenen unnütz oder gar schädlich sind und andererseits für das Gesundheitssystem als Ganzes keinen Sinn machen.

Insgesamt wären Interventionsstrategien auf allen Ebenen sinnvoll, ist doch das Frailty-Syndrom nicht nur häufig, sondern mit einer hohen Belastung für die Betroffenen, das Gesundheitssystem, aber eben auch für die Pflegenden (»care giver«) verbunden. Interventionsprogramme gerade auch für Letztere scheinen möglich und erfolgversprechend zu sein (Aggar et al. 2012).

5.2.4 Therapeutische Ansätze der »Nutritional frailty«

Die Malnutrition im Alter ist häufig, klinisch relevant und immer noch viel zu selten gesucht, abgeklärt und behandelt ( Kap. 10). Dabei ist es gerade die Malnutrition beim (Hoch-)Betagten, die zentral mit seiner Funktionalität, damit seiner Selbständigkeit und so letztendlich seiner Lebensqualität interferiert. Es ist von eminenter Wichtigkeit zu berücksichtigen, dass die Ursachen der Malnutrition und das diagnostisch-therapeutische Vorgehen stark davon abhängen, in welchem Kontext der betagte Mensch lebt. Praktisch allen Malnutritionszuständen beim Betagten ist aber gemeinsam, dass sie auch die Muskulatur betreffen (»lean body mass«). Diese Sarkopenie in ihrer Verschränkung zum Frailty-Syndrom beim alten Menschen soll deshalb etwas detaillierter beleuchtet werden.

Sarkopenie kann charakterisiert werden als ein progressiver und systemischer Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft, der mit einem erhöhten Risiko für funktionelle Einbußen einhergeht (Cruz-Jentoft et al 2019). Unabhängig von kompromittierenden Erkrankungen nimmt die Muskelmasse vom 30.–70. Lebensjahr jährlich um 0,3–1,3 % ab (Pahor et al. 2009). Man könnte also den Verlust an Muskelmasse mit oft konsekutiver Frailty als ein normales Alterungsphänomen betrachten, wird es doch auch bei Athleten, unabhängig davon, ob sie weiter trainieren, beobachtet. Neben diesen intrinsischen alterungsbedingten Prozessen gibt es auch eine ganze Palette extrinsischer und verhaltensbezogener Faktoren, die das Auftreten respektive die Progression einer Sarkopenie beschleunigen können: Fehlende körperliche Aktivität, Malnutrition, chronische Entzündungen und eine parallel bestehende (Multi-)Morbidität. Das Ausmaß sowie die Progression dieser Faktoren beeinflussen die Entwicklung der Sarkopenie sowie des Frailty-Syndroms ( Kap. 5.3, Kap. 7 und Kap. 10). Die enge Beziehung zwischen Malnutrition und Frailty wurde erst kürzlich klar aufgezeigt (Smit et al. 2012). Sarkopenie kann somit sowohl als Prozess als auch als Outcome gesehen werden.

Als Überbegriff erscheint deshalb der Begriff der »Nutritional frailty« die klinische Beobachtung, die wir täglich am Krankenbett machen, am besten zu umschreiben (Bartali et al. 2006).

Insgesamt ist die quantitativ und qualitativ suffiziente Proteinzufuhr von großer Wichtigkeit. Zuerst muss mit der Fehlannahme abgeschlossen werden, dass auch beim Betagten Diäten und Gewichtsverlust sinnvoll bzw. vorteilhaft sind. Ein Gewichtsverlust im Alter ist ganz im Gegenteil meist ein ungünstiger Prädiktor, der mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert ist (De Groot et al. 2002). Des Weiteren ist die Qualität der Ernährung bei noch zu Hause lebenden Betagten signifikant mit dem Frailty-Syndrom korreliert (Bollwein et al. 2013). Ganz allgemein gilt auch für Betagte und Hochbetagte, dass eine mediterrane Kost bzw. Ernährungsweise auf mehreren Wirkungsebenen positive Effekte erzeugt. In Bezug auf eine ausreichende Proteinzufuhr ist zu sagen, dass sich die Empfehlungen für die tägliche Zufuhr nach oben verschieben. Die gemeinhin angegebenen 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag können nicht für den Betagten mit Frailty-Syndrom gelten. Die Empfehlungen werden aktuell noch debattiert, doch mindestens 1,0–1,2 g pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag werden sich wohl als unterer Grenzwert durchsetzen (Volkert und Sieber 2011; Volkert et al 2019).

Auch einen Vitamin-D-Mangel, der auch Sarkopenie/Frailty erzeugen kann (Tajar et al. 2012; Shardell et al. 2012), gilt es zu diagnostizieren und bei Bedarf zu substituieren, da Vitamin D eine enge Verbindung zu Knochen- und Muskelstoffwechsel besitzt (Drey und Bollheimer 2011; Kap. 28). Wichtig erscheint auch, dass mit einem Supplement reich an Eiweiß (speziell Leuzin) und Vitamin D Muskelmasse wie Funktionalität auch ohne paralleles körperliches Training aufgebaut werden kann (Bauer et al 2015).

Körperliches Training kann dazu beitragen, die Sarkopenie zu minimieren (Drey et al. 2012; Yamada et al. 2012).

In der Zusammenschau kann man sagen, dass das Frailty-Syndrom viele Überlappungen mit der Malnutrition, der Sarkopenie und teilweise auch mit der Kachexie aufweist (Jeejeebhoy 2012). Von all diesen Syndromen ist die Sarkopenie therapeutisch am besten beeinflussbar.

Frailty wie auch Sarkopenie sind insgesamt Defizit-orientierte geriatrische Syndrome. Um mehr die bestehenden Ressourcen betagter Menschen zu betonen, wird über die WHO versucht, diese besser zu fassen. Inwieweit und wann sich der Begriff der »intrinsic capacity« etablieren wird, steht noch offen (WHO OJ).

5.2.5 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

Beim Frailty-Syndrom handelt es sich um ein multidimensional bedingtes geriatrisches Syndrom, welches für den klinisch Tätigen spezielle Relevanz besitzt. Frailty wird zunehmend nicht nur klinisch, sondern auch pathophysiologisch fassbar. Aufgrund der großen auch gesundheitsökonomischen Bedeutung wird versucht, dieses Syndrom klinisch wie auch mathematisch zur Risikostratifizierung zu fassen. Ob dies auch aus Sicht des klinisch Tätigen sinnvoll ist, sei dahingestellt. Gerade aber das pathophysiologische Verständnis mag helfen, präventive und interventionelle Strategien zu etablieren. Frailty hat somit auch viel mit »gesundem« versus »pathologischem« Altern zu tun und therapeutische Vorgehensweisen vermögen deshalb zu Langlebigkeit führen.

• Alterungsvorgänge entpuppen sich zunehmend als (subklinische) Entzündungsphänomene (Inflammaging) und jegliche Vorgehensweisen, die den oxidativen Stress vermindern, sind wohl sowohl »präventiv« wie »therapeutisch« sinnvoll. Körperliche Aktivität – zur Verhinderung der Sarkopenie – verbunden mit einer Ernährung reich an Antioxidantien versprechen somit gute therapeutische bzw. präventive Ansatzpunkte.

• Aus geriatrischer Sicht sind Fehl- und Mangelernährung nicht nur sehr häufig, sondern führen über eine Sarkopenie mit nachfolgendem Frailty-Syndrom zu einer verminderten Funktionalität, damit eingeschränkter Selbständigkeit und somit Lebensqualität. Deshalb sollte die Prävention und nachfolgende Therapie der Sarkopenie ein übergeordnetes Ziel sein.

• Veränderungen in der Körperzusammensetzung, allem voran die absolute und relative Zunahme der Fettmasse, sind ein Teilaspekt von Frailty. So haben Menschen mit Frailty ein durchschnittlich höheres Körpergewicht, häufiger zentrale Obesitas, eine höhere Insulinresistenz und eine erhöhte Gefahr für ein metabolisches Syndrom.

• Insgesamt hat das Frailty-Syndrom unter Geriatern und anderen mit alten Menschen arbeitenden Kollegen in den letzten Jahren viel Interesse gewonnen, insofern dieses Konzept sehr gut den klinischen Alltag bei der Betreuung von multimorbiden betagten Patienten widerspiegelt. Die verfügbaren Assessment-Instrumente sind wohl noch nicht perfekt, dennoch schon im klinischen Alltag einsetzbar. Als Teil eines »geriatrischen Assessments« können sie helfen, Risiken bei therapeutischen Interventionen (operativ, pharmakologisch) besser einzuschätzen. Solche adaptierten Therapiestrategien mögen dann den Betroffenen einen möglichst guten Erhalt von Funktionalität, damit Selbständigkeit und so letztendlich Lebensqualität garantieren.

Merke

• Frailty – Gebrechlichkeit – ist das Syndrom, das die Vulnerabilität des betagten Organismus auf multiple Stressoren benennt.

• Frailty wird zunehmend auch pathophysiologisch fassbar und ist vermutlich in erster Linie neben hormonellen Veränderungen durch einen chronischen subklinischen Entzündungsvorgang bedingt.

• Altern als biologisches Phänomen scheint per se viel mit Entzündungsphänomen in Verbindung zu stehen.

• Frailty bezeichnet auch das erhöhte Risiko für funktionelle Einschränkungen bei Betagten.

• Sarkopenie – d. h. der Verlust der fettfreien Körpermasse – ist ebenfalls von funktionellen Einschränkungen begleitet.

• Auch die Sarkopenie zeigt Zeichen eines chronischen Entzündungsvorgangs.

• Man spricht deshalb gerne auch von »nutritional frailty«.

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5.3 Multimorbidität
Christiane Muth und Marjan van den Akker
Fallbeispiel

Frau M ist eine 73-jährige Rentnerin, die seit dem Tod ihres Ehemanns vor einem Jahr allein lebt. Bei ihr sind seit zehn Jahren ein medikamentös eingestellter Diabetes mellitus, eine ebenfalls mit Medikamenten kontrollierte Hypertonie sowie seit Kurzem eine diffuse koronare Herzerkrankung (KHK) bekannt. Vor drei Jahren wurde zudem eine echokardiografisch objektivierte chronische Herzinsuffizienz festgestellt. Vor zwei Jahren stürzte Frau M, als sie ihrem pflegebedürftigen Mann helfen wollte, und zog sich dabei eine Schenkelhalsfraktur zu. Während ihres Krankenhausaufenthalts wurde auch eine Osteoporose diagnostiziert. Mit der aus Anlass der Fraktur implantierten Hüftgelenksprothese kommt sie gut zurecht. Dafür leidet sie an erheblichen Gelenkschmerzen in der anderen Hüfte und in beiden Kniegelenken aufgrund einer Osteoarthrose. Die Schmerzen sind bewegungsabhängig und so stark, dass sie nur selten ihre Wohnung verlässt, um die nötigsten Erledigungen vorzunehmen. Ihre Besuche bei Freunden und Verwandten hat sie fast eingestellt, auch weil sie seit dem Tod ihres Mannes keine Freude mehr daran empfindet. Zudem hat sie Sorge, ihre Wohnung zu verlassen, da sie nach der Einnahme ihrer diuretischen Medikamente häufigen Harndrang verspürt und unsicher ist, ob sie in fremder Umgebung rechtzeitig eine Toilette aufsuchen kann. Sie fühlt sich leer, hilf- und wertlos und sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben, ist jedoch nicht suizidal.

5.3.1 Einleitung

Multimorbidität (lat. Mehrfacherkrankung) bezeichnet einen Zustand, bei dem in einer Person gleichzeitig mehrere chronische oder akute Erkrankungen oder medizinische Konditionen vorliegen (Nicholson et al. 2018, van den Akker et al. 1996). Hinter dieser Begriffsdefinition steht ein Konzept, das weder Kausalzusammenhänge zwischen den Erkrankungen fordert noch einer der bestehenden Erkrankungen eine größere Bedeutung gegenüber den anderen gibt. Im Unterschied dazu wird bspw. im Konzept der Komorbidität einer bestimmten Erkrankung – der sog. Indexerkrankung – eine führende Rolle zugewiesen. Dieser sind andere (hinzutretende) Erkrankungen oder Beschwerden als Komorbidität – hierarchisch betrachtet – untergeordnet ( Abb. 5.3.1 a, b) (Feinstein 1970).

Beide Konzepte haben ihre Berechtigung und wirken sich in ihrer Umsetzung ganz unterschiedlich aus, wie am hypothetischen Fallbeispiel von Frau M mit Herzinsuffizienz, Depression und weiteren Erkrankungen ( Fallbeispiel) illustriert werden soll: ein hinzugezogener Kardiologe wird sich auf die Diagnostik und Therapie der Herzinsuffizienz konzentrieren, während ein Psychiater die Depression im Vordergrund sieht ( Abb. 5.3.1 c, d). Generalisten, wie Allgemeinmediziner/Hausärzte und Altersmediziner versorgen jedoch alle Erkrankungen von Frau M. Da Frau M komplexe biopsychosoziale Probleme aufweist, die sich zudem über die Zeit verändern (z. B. mit der Schwere der einzelnen Erkrankungen, durch das Neuauftreten von Erkrankungen oder durch Ereignisse, wie den Tod des Ehemanns), ist eine Fokussierung auf einzelne ihrer Erkrankungen unter bestimmten Bedingungen zwar wichtig – z. B. bei einer (lebensgefährlichen) Dekompensation der Herzinsuffizienz –, für die langfristige medizinische Versorgung jedoch nicht ausreichend. In der Allgemeinmedizin und der Altersmedizin hat sich daher das Konzept der Multimorbidität durchgesetzt ( Kap. 3.1 und Kap. 25). Darin werden alle gesundheitlichen Probleme gleichermaßen berücksichtigt und es können, angepasst an die Situation des Patienten, bestimmte Schwerpunkte gesetzt werden ( Abb. 5.3.1 e).

In Verbindung mit dem Konzept der Multimorbidität existieren weitere Konzepte, die auf die speziellen Probleme und Herausforderungen beim Vorliegen multipler Erkrankungen eingehen, wie z. B. das frailty-Konzept ( Kap. 5.2), das morbidity burden-Konzept, in dem nicht nur das Vorliegen multipler Erkrankungen, sondern auch deren Schweregrad und die daraus entstehenden gesundheitlichen Belastungen für ein Individuum berücksichtigt werden, oder das Konzept der patient complexity, das darüber hinaus auch nicht gesundheitsbezogene Aspekte, wie z. B. sozioökonomische und kulturelle Dimensionen, Einstellungen des Patienten sowie Arbeits- und Umweltfaktoren einbezieht (Valderas et al. 2009). Ein anderes themenverwandtes Problemfeld – das der Polypharmazie bzw. Multimedikation – wird in Kapitel 11 dargestellt.


Abb. 5.3.1 a–e: (a) Multimorbidität, (b) Komorbidität, (c) Frau M aus kardiologischer Perspektive, (d) Frau M aus neurologisch-psychiatrischer Perspektive, (e) Frau M aus hausärztlicher/generalistischer Perspektive mit Priorisierung unter Berücksichtigung der Präferenzen von Frau M. (HI: Herzinsuffizienz, D.m.: Diabetes mellitus, Dep: Depression, OA: Osteoarthrose, Ost: Osteoporose, Hyp: Hypertonie).

5.3.2 Häufigkeit und Determinanten von Multimorbidität

Multimorbidität ist inzwischen eher die Regel als die Ausnahme in der medizinischen Versorgung (Salisbury et al. 2011). Hausärzte sind häufig damit konfrontiert, dass sie die multiplen Erkrankungen ihrer Patienten behandeln bzw. die Behandlung durch hinzugezogene Spezialisten koordinieren müssen, sich dabei aber häufig nicht auf belastbare Evidenz stützen können (Starfield et al. 2003). So sind heute bis zu 80 % der Arzt-Patienten-Konsultationen in der Hausarztpraxis multimorbiden Patienten wie Frau M gewidmet (Cassell et al. 2018, Salisbury et al. 2011). Weniger gut sind die Zahlen zur Prävalenz der Multimorbidität belegt. Über alle Altersklassen hinweg wird eine Häufigkeit von ca. 30–40 % angenommen (van Oostrom et al. 2016). Die Angaben variieren jedoch erheblich ( Abb. 5.3.2), in Abhängigkeit von:

• der untersuchten Population (Gesamtbevölkerung oder hausärztliche Patienten oder Krankenhauspatienten),

• der Definition von Multimorbidität (z. B. Anzahl Diagnosen mindestens zwei oder drei oder Mindestanzahl an Diagnosen aus einer definierten Liste von Erkrankungen),

• den eingesetzten Untersuchungsmethoden (z. B. Selbstauskunft von Patienten oder ärztliche Dokumentation) und

• den verwendeten Datenquellen (z. B. Routinedaten von Versicherten oder Daten aus Primärstudien) (Fortin et al. 2012).

Unstrittig ist, dass die Prävalenz und Inzidenz von Multimorbidität mit dem Alter (relativ) zunimmt ( Abb. 5.3.2; (Cassell et al. 2018)): In einer populationsbezogenen Untersuchung aus Großbritannien stieg die Prävalenz von weniger als 5 % bei jungen Erwachsenen bis auf über 80 % bei den über 85-Jährigen (Cassell et al. 2018). Wenn ein deutlich höherer Schwellenwert von mindestens sechs gleichzeitig vorliegenden Erkrankungen verwendet wurde, betrug die Multimorbiditätsprävalenz immerhin noch fast ein Drittel bei Männern und etwas mehr als ein Drittel bei Frauen über 60 Jahre (Tetzlaff et al. 2017).

Wurden nur alte Patienten in die Studien eingeschlossen, lagen die Prävalenzangaben zwischen 52 % und 75 % (Held et al. 2016, Islam et al. 2014, Sinnige et al. 2015). Obgleich der relative Anteil multimorbider Patienten in den höheren Altersgruppen deutlich höher ist als bei den jüngeren, ist derzeit mehr als die Hälfte aller von Multimorbidität betroffenen Personen jünger als 65 Jahre (Agborsangaya et al. 2012). So ist die absolute Zahl der multimorbiden Patienten unter 65 Jahre viermal höher als die der über 65-Jährigen (St Sauver et al. 2015). Mit der steigenden Lebenserwartung und besseren Überlebenschancen bei chronischen Erkrankungen, wie z. B. bei einer koronaren Herzkrankheit (KHK) ist daher anzunehmen, dass die Zahl der multimorbiden Patienten in der Zukunft erheblich zunehmen wird. ( Kap. 2). So beobachteten Tacken et al. (2011) einen Anstieg der Multimorbiditätsprävalenz während der ersten Dekade unseres Jahrhunderts. In der Mehrzahl der epidemiologischen Studien wurden zudem höhere Prävalenzen von Multimorbidität bei Frauen im Vergleich zu Männern beobachtet.

Unabhängig von Alter und Geschlecht gibt es soziale Determinanten für Multimorbidität:

Menschen aus unterprivilegierten sozialen Schichten, mit niedrigem Bildungsgrad, niedrigem Einkommen und/oder geringer Gesundheitskompetenz5 sind häufiger und im Schnitt bis zu 15 Jahre eher von Multimorbidität betroffen ( Abb. 5.3.2) (Barnett et al. 2012, Cassell et al. 2018, Puth et al. 2017). Andere Prädiktoren für das Auftreten von Multimorbidität wurden bei Weitem seltener untersucht. Die vorliegenden Studien liefern Hinweise dafür, dass psychische Störungen und ungünstige Persönlichkeitsvariablen, wie eine hohe externe Kontrollüberzeugung, Risikofaktoren für das Auftreten von Multimorbidität sind. Umgekehrt legen diese Studien nahe, dass ein gut funktionierendes soziales Netzwerk und eine hohe interne Kontrollüberzeugung protektiv wirken können ( Kap. 23) (van den Akker et al. 2000, 2001). In verschiedenen Studien ist auch der Frage nachgegangen worden, ob bei Multimorbidität bestimmte Kombinationen von Erkrankungen häufiger auftreten, als es ihre Prävalenz in der Gesamtbevölkerung erwarten lässt. In der International Classification of Diseases, 10th Revision (ICD-10) sind mehr als 14.000 verschiedene Erkrankungen bei der World Health Organization (WHO) gelistet und aus der Zahl denkbarer Kombinationen wird deutlich, dass die Identifikation von Mustern bzw. Clustern wichtige Schlussfolgerungen für die Entwicklung von Interventionen, wie auch für die Planung der gesundheitlichen Versorgung erlaubt. In Clusteruntersuchungen wurden folgende häufige Kombinationen identifiziert (Held et al. 2016, Poblador-Plou et al. 2014, Schafer et al. 2012, Sinnige et al. 2015, Zemedikun et al. 2018):


Abb. 5.3.2: Prävalenz von Multimorbidität in Abhängigkeit von Alter und sozialer Benachteiligung: dargestellt sind das 1. Quintil mit der geringsten und das 5. Quintil mit der höchsten sozialen Benachteiligung; Multimorbidität wurde definiert als das Vorliegen von mindestens zwei Erkrankungen, soziale Benachteiligung wurde mit dem britischen Index für Multiple Deprivation gemessen, Datengrundlage war ein britisches Register mit populationsbezogenen Daten (Quelle: Eigene Darstellung, Daten entnommen aus Cassell et al. 2018).

• kardiovaskuläre – metabolische Erkrankungen ( Kap. 27 und Kap. 34)

• Angsterkrankungen – Depression – andere psychische Krankheiten ( Kap. 15 und Kap. 17–19)

• neuropsychiatrische ( Kap. 14) – gerontopsychiatrische Erkrankungen

Versuche, diese Cluster weiter einzugrenzen, zeigten in einzelnen Studien Ergebnisse, die in anderen Untersuchungen jedoch nicht bestätigt werden konnten (Prados-Torres et al. 2014, Violan et al. 2014).

5.3.3 Folgen von Multimorbidität

Patienten mit Multimorbidität haben durchschnittlich eine schlechtere Lebensqualität, höhere psychische Belastungen, häufiger funktionelle Beeinträchtigungen, längere Krankenhausaufenthalte, häufiger postoperative Komplikationen, eine höhere Inanspruchnahme gesundheitlicher Leistungen und eine höhere Sterblichkeit als nicht mehrfacherkrankte Patienten (Nunes et al. 2016, Palladino et al. 2016, Ryan et al. 2015). Multimorbide Patienten erleben die gesundheitliche Versorgung unkoordinierter und beurteilen diese i. d. R. qualitativ schlechter als nicht mehrfacherkrankte Patienten (Burgers et al. 2010). Die Kosten für die gesundheitliche Versorgung steigen exponentiell mit der Anzahl der Erkrankungen, insbesondere aufgrund der steigenden Zahl von Arztkontakten und Krankenhausaufenthalten (Heider et al. 2014; Hessel et al. 2000; Laux et al. 2008; Wammes et al. 2018).

Weitere Folgen erwachsen aus der medikamentösen Behandlung von multimorbiden Patienten: Multimorbidität zählt zu den stärksten Prädiktoren für Multimedikation bzw. Polypharmazie, sowohl was die Zahl der ärztlichen Verschreibungen als auch was die Zahl der zusätzlich angewendeten frei verkäuflichen Präparate anbelangt (Nobili et al. 2011; Sum et al. 2018). Schätzungen gehen davon aus, dass 6–12 % aller stationären Aufnahmen auf unerwünschte Arzneimittelereignisse zurückzuführen sind und dass ungeplante Hospitalisierungen häufig mit einer hohen Komplexität der Medikation assoziiert sind (Parameswaran Nair et al. 2016; Schmiedl et al. 2018; Schneeweiss et al. 2002; Wimmer et al. 2016). Da alte Menschen eine reduzierte Verträglichkeit für Medikamente aufweisen ( Kap. 11), sind sie besonders häufig betroffen – laut einer jüngst veröffentlichten Metaanalyse von Studien war jede zehnte Krankenhauseinweisung bei alten Patienten medikamenteninduziert, insbesondere infolge der Anwendung nicht-steroidaler Antirheumatika (Oscanoa et al. 2017). Mindestens jedes fünfte Ereignis (in einigen Untersuchungen sogar annähernd Dreiviertel) werden als potenziell vermeidbar angesehen (Pirmohamed et al. 2004; Schmiedl et al. 2018; Schneeweiss et al. 2002). Von diesen potenziell vermeidbaren Hospitalisierungen werden etwa zwei Drittel auf unangemessene Verordnungen zurückgeführt (z. B. unangemessene Dosierungen, Arzneimittelinteraktionen, Nichtbeachtung von Gegenanzeigen) und etwa jede Fünfte auf mangelnde Therapietreue (Adhärenz) der Patienten (Col et al. 1990; Gurwitz et al. 2003; Pellegrin et al. 2017). Es wurde gezeigt, dass eine hohe Anzahl und die Komplexität von Verordnungen sowie weitere Faktoren, wie bspw. eine ablehnende Einstellung gegenüber Krankheit und Medikamenten, negativ mit der Therapietreue assoziiert sind. Davon ist nicht nur die Medikamenteneinnahme betroffen, sondern bspw. auch die Bereitschaft zu Lebensstiländerungen und zur Einhaltung vereinbarter Konsultationstermine (Gorenoi et al. 2007; Horne et al. 2005; Schaeffer et al. 2007).

Diese Zusammenhänge sind im Übrigen auch für die in unserem Fallbeispiel charakterisierte Patientengruppe (Frau M) belegt: Herzinsuffizienzpatienten sind meistens älter und multimorbid (etwa neun von zehn weisen mindestens eine weitere nichtkardiale Erkrankung auf) ( Kap. 34) (Ahluwalia et al. 2011, 2012; Braunstein et al. 2003; Carmona et al. 2011; van Oostrom et al. 2011). Sie nehmen im Schnitt sechs Medikamente dauerhaft ein (Wong et al. 2011). In einer Schweizer Studie wiesen etwa zwei Drittel der Herzinsuffizienzpatienten bei stationärer Aufnahme klinisch relevante Wechselwirkungen zwischen Medikamenten auf (im Median 1,5 pro Patient), bei Entlassung sogar neun von zehn (im Median 3 pro Patient) (Straubhaar et al. 2006).

5.3.4 Heutige medizinische Versorgungssituation von Patienten mit Multimorbidität

Verschiedene Ursachen werden für die heutige (häufig unangemessene) medizinische Versorgung multimorbider Patienten diskutiert. Zwei Kernaspekte werden im Folgenden dargestellt:

5.3.4.1 Heutige krankheitsorientierte Leitlinien

Obgleich die Anwendung evidenzbasierter Leitlinien die Versorgung chronischer Erkrankungen verbessern kann und die Zahl der weltweit entwickelten Leitlinien in den letzten Jahrzehnten exponentiell angestiegen ist (Komajda et al. 2005, Shekelle et al. 2001, Thomas et al. 2000, Woolf et al. 1999), ist die unkritische Umsetzung von Empfehlungen aus mehreren verschiedenen Leitlinien bei einem Patienten mit Multimorbidität nicht nur impraktikabel, sondern sogar mit gesundheitlichen Risiken behaftet: Boyd et al. (2005) zeigten in einem aufsehenerregenden Artikel die potenziellen Folgen anhand einer hypothetischen (idealtypischen) Patientin auf. Exemplarisch stellten sie für diese Patientin (Alter 79 Jahre, fünf häufige chronische Erkrankungen) einen durchschnittlich ambitionierten Behandlungsplan aus neun fachlich zutreffenden, qualitativ hochwertigen Leitlinien zusammen, der elf Präparate enthielt, die zu sechs verschiedenen Zeitpunkten regelhaft eingenommen werden sollten, zudem ein Bedarfsmedikament. Den Leitlinienempfehlungen folgend sollte die Patientin dabei für acht Präparate wegen potenzieller Interaktionen mit Nahrungsmitteln auf spezielle Diäthinweise achten. Bei der Prüfung des Medikationsplans fielen neun potenzielle Arzneimittelwechselwirkungen auf, zudem wirkten sich fünf der Medikamente auf einige der Erkrankungen der Beispielpatientin ungünstig aus (Boyd et al. 2005).

Ursächlich dafür ist eine fehlende oder unzureichende Berücksichtigung von Ko- und Multimorbidität in den heutigen (krankheitsorientierten) Leitlinien: Boyd et al. (2005) fanden nur bei vier von neun US-amerikanischen, Vitry et al. (2008) bei neun von 17 australischen und Fortin et al. (2011) bei neun von 16 kanadischen Leitlinien irgendeine Berücksichtigung von Begleiterkrankungen, wobei keine Details berichtet wurden, welche Art von Empfehlungen zu Ko- und Multimorbidität darin identifiziert wurden. Lugtenberg et al. (2011) zeigten bei ihrer Untersuchung, dass pro Leitlinie im Schnitt drei Empfehlungen für Begleiterkrankungen abgegeben wurden, dass diese sich allerdings in Dreiviertel der Fälle auf sog. konkordante Komorbiditäten bezogen, d. h. auf Erkrankungen aus einem ähnlichen Krankheitsspektrum (ähnliches Risikoprofil, ähnliche Therapie- und Selbstmanagementansätze). Diskordante Komorbiditäten – wenn also voneinander unabhängige Erkrankungen untereinander ggf. negative Interaktionen aufweisen – wurden nur in jeder siebten Empfehlung über Begleiterkrankungen adressiert (Lugtenberg et al. 2011).

Hinter der inadäquaten Berücksichtigung von Ko- und Multimorbidität in Leitlinien stehen einerseits methodische Probleme bei der Entwicklung, andererseits fehlen oft die Evidenzgrundlagen. So werden in heutigen klinischen Studien (z. B. zur Wirksamkeit von Arzneimitteln) alte Menschen sehr häufig und Patienten mit Multimorbidität fast regelhaft ausgeschlossen (Bourgeois et al. 2017; Masoudi et al. 2003; van Deudekom et al. 2017; Van Spall et al. 2007).

Ein systematischer Ansatz zur Identifikation und Darstellung von Interaktionen in Leitlinien wurde in der sogenannten Interaktions-Matrix verfolgt (Muth et al. 2014a): in einer vergleichenden Analyse von evidenzbasierten Leitlinien zur chronischen Herzinsuffizienz sowie zu 18 häufigen und bezüglich Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko relevanten Komorbiditäten wurden insgesamt etwa 250 Interaktionen identifiziert und als Arzneimittelwechselwirkungen, Gegenanzeigen, Interaktionen zwischen Erkrankungen und synergistische Behandlungsprinzipien klassifiziert. Ein ähnlicher Ansatz wurde von Dumbreck et al. (2015) verfolgt, die relevante Interaktionen aus einer vergleichenden Textanalyse britischer Leitlinien identifizierten. Mit diesen Pilotstudien konnte gezeigt werden, dass eine Katalogisierung von Interaktionen zwar aufwändig und wegen unvollständiger Informationen mit Grauzonen behaftet ist, dass es jedoch möglich ist, Interaktionen in Leitlinien zu adressieren und damit die Entscheidungsfindung bei Patienten mit Mehrfacherkrankung zu unterstützen (Dumbreck et al. 2015; Muth et al. 2014a).

5.3.4.2 Vertikale Ausrichtung des Gesundheitswesens

Die gesundheitliche Versorgung ist in entwickelten Industrieländern zunehmend in vertikal orientierten Versorgungspfaden organisiert bspw. im Rahmen von Disease Management Programmen (DMPs). Für Patienten, die an häufigen chronischen Erkrankungen leiden, wie z. B. an Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz oder einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, existieren in Deutschland auf die jeweilige Erkrankung zugeschnittene DMPs. Darüber hinaus gibt es (meist lokal begrenzte) Versorgungsangebote mit Case Management Programmen oder bspw. Telemonitoring.

Problematisch daran ist, dass – wie in unserem Fallbeispiel (Frau M) – die betroffenen Patienten nicht nur an Diabetes oder Herzinsuffizienz leiden, sondern häufig an beidem, und dass sie darüber hinaus zusätzliche Erkrankungen aufweisen. Patienten wie Frau M könnten also z. B. in mehreren DMPs (DMP Diabetes, DMP KHK und DMP Herzinsuffizienz) teilnehmen, von einer »Herzinsuffizienzschwester« (Case Management) betreut werden und telemedizinische Daten übermitteln. Daraus entstehen für Frau M eine Vielzahl von regelmäßigen Arztkontakten (wie Augenarzt, Kardiologe etc.), Schulungen und Beratungen zu Ernährung und Lebensstilmodifikation, Telefontermine mit der »Herzinsuffizienzschwester« und regelmäßige telemedizinische Kontakte. Nicht allein aufgrund ihrer Depression und ihrer spärlichen sozialen Einbindung wäre Frau M mit diesem gut gemeinten, aber sehr komplexen Programm nachvollziehbar überfordert. Zudem würden Frau M die für das jeweilige Versorgungsprogramm vorgesehenen – und mit Qualitätsindikatoren belegten – Medikamente verordnet. Da im Rahmen der heutigen, zumeist fragmentierten Versorgung häufig Kommunikationsdefizite zwischen den verschiedenen Behandlern bestehen und die Behandlungen oft unkoordiniert erfolgen (Gensichen et al. 2006), ergeben sich daraus nicht nur Belastungen, sondern auch relevante Risiken für unangemessene Verordnungen (z. B. unbeabsichtigte Doppelverordnungen, Nichtbeachtung von Gegenanzeigen oder Arzneimittelwechselwirkungen).

Patienten mit Multimorbidität sind daher nicht nur den gesundheitlichen Risiken für unangemessene Behandlungen, den Belastungen durch ihre Krankheiten, sondern in hohem Maße auch den Belastungen, die aus der Diagnostik und Therapie dieser Erkrankungen entstehen, ausgesetzt. Bei multimorbiden Patienten ist es oft nicht möglich oder sinnvoll, alle Erkrankungen gleichzeitig (oder gleichrangig) zu behandeln, da o. g. Interaktionen zwischen Erkrankungen und Behandlungen u. U. mehr schaden als nutzen und/oder ein umfangreicher Behandlungsplan eine hohe Belastung für den Patienten darstellt (Tinetti et al. 2004). Es müssen Prioritäten in der Diagnostik, Therapie und Prävention gesetzt werden. Nach Fried et al. (2008) ist es insbesondere dann erforderlich, die Präferenzen des Patienten zu priorisieren, wenn es um konkurrierende Therapieziele geht - das eine Ziel also nur auf Kosten des anderen erreicht werden kann. Bislang orientieren sich Patienten und ihre behandelnden Ärzte ganz überwiegend an krankheitsspezifischen Zielen. Bei Multimorbidität treten diese jedoch gegenüber krankheitsübergreifenden Zielen in den Hintergrund, wie bspw. dem Erhalt von Lebensqualität, Autonomie und Funktionalität oder einer Verlängerung des Lebens. Daneben ist es Patienten oft wichtig, bestimmte ungewollte Ereignisse zu vermeiden, wie z. B. das Auftreten von unerwünschten Arzneimittelwirkungen, wie Benommenheit, Schläfrigkeit oder Schwindel oder das Eintreten eines Schlaganfalls, der mit dem Verlust von Funktionalität und ggf. Autonomie verbunden sein kann (Fried et al. 2008; Fried et al. 2011a; Fried et al. 2011b).

Aus den Beobachtungen, dass chronisch erkrankte Patienten – insbesondere Patienten mit multiplen chronischen Erkrankungen – häufig ein immenses Pensum an Aufgaben erfüllen sollen, die ausschließlich der Behandlung ihrer gesundheitlichen Probleme dienen und häufig stark in ihre »normalen« Lebensabläufe eingreifen, entstand der Ansatz der sog. minimal disruptive medicine (May et al. 2009). Er zielt darauf ab, die Belastungen der medizinischen Versorgung an die individuelle Belastbarkeit der Patienten anzupassen und die erforderlichen Behandlungen möglichst gut mit ihrer Alltagswirklichkeit in Einklang zu bringen, um die medizinische Versorgung, die Adhärenz (Therapietreue) und damit die gesundheitlichen Ergebnisse, wie z. B. die gesundheitsbezogene Lebensqualität, zu verbessern (May et al. 2009).

Die Entwicklung von Versorgungsmodellen, die Multimorbidität angemessen berücksichtigen und die bestehende vertikale Orientierung zugunsten einer Patientenzentrierung mit einer höheren Versorgungskontinuität überwinden, ist wünschenswert, jedoch komplex, da hier Veränderungen über alle Ebenen und Sektoren des Gesundheitswesens hinweg erfolgen müssen (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) 2009, Tacken et al. 2011). Innerhalb dieser Versorgungsmodelle kommt Generalisten, wie Hausärzten und – in der Betreuung alter Menschen – Altersmedizinern eine zentrale Bedeutung zu: Sie verfolgen einen krankheitsübergreifenden, patientenzentrierten Ansatz und koordinieren die Versorgung verschiedener Behandler. Hausärzte stellen darüber hinaus auch die langfristige Betreuung sicher (Starfield et al. 2003, 1976).

5.3.5 Versorgung multimorbider Patienten: Umdenken erforderlich!

Aus der oben dargelegten Problemanalyse ergibt sich zusammenfassend, dass in der Versorgung von Patienten mit Multimorbidität der (heutige) krankheitszentrierte Ansatz zu kurz greift. Dieser muss zugunsten einer patientenzentrierten Versorgung verlassen werden, um den oftmals komplexen biopsychosozialen Problemen multimorbider Patienten gerecht zu werden. Das US-amerikanische Institute of Medicine definierte 2001 das Wesen eines patientenzentrierten Ansatzes als »den Respekt vor und die Verantwortung für die Präferenzen, Bedürfnisse und Werte eines individuellen Patienten, die sicherstellen, dass die Wertvorstellungen von Patienten bei allen klinischen Entscheidungen handlungsleitend sind«6 (Committee on Quality of Health Care in America et al. 2001). In qualitativen Untersuchungen zeigte sich, dass Hausärzte, die die meisten der multimorbiden Patienten behandeln, diesem Ansatz folgen (Fried 2011b, Luijks et al. 2012). Die befragten Hausärzte waren von der Notwendigkeit überzeugt, die medizinische Versorgung von multimorbiden Patienten an deren individuellen Kontext anzupassen wie bspw. an deren Vitalität, persönliche Präferenzen (z. B. Erhalt der Unabhängigkeit) und sozioökonomische Bedingungen. Gerade die Kernelemente einer allgemeinmedizinischen Versorgung, wie die langfristige Kontinuität und Koordination verschiedener Behandler, unterstützen die Entwicklung einer persönlichen Arzt-Patienten-Beziehung, die wiederum als Grundlage für ein patientenzentriertes Vorgehen angesehen wird (Luijks et al. 2012; Sinnott et al. 2013).

In unserem Fallbeispiel von Frau M ( Fallbeispiel) ist die depressive Symptomatik von zentraler Bedeutung: sie kann zu (weiterer) sozialer Isolation und nachlassender Therapietreue führen, kann sich negativ auf das chronische Schmerzproblem auswirken und so die bestehenden Immobilitätstendenzen verstärken, was sich wiederum negativ auf die somatischen Erkrankungen, wie Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus und Hypertonus auswirkt. Zugleich sind viele Antidepressiva bei Herzinsuffizienz kontraindiziert (AEZQ German Agency for Quality in Medicine 2009).

Es muss in der medizinischen Versorgung multimorbider Patienten also darum gehen, potenzielle Gefahren, die aus (vermeidbaren) Interaktionen erwachsen, zu minimieren, die Belastungen durch Diagnostik und Therapie auf ein vom Patienten toleriertes Maß zu senken und dabei die Präferenzen und Prioritäten des Patienten zu berücksichtigen. Zur Unterstützung dieser komplexen Prozesse wurden von einer internationalen Arbeitsgruppe die sogenannten Ariadne-Schlüsselprinzipien vorgeschlagen (Muth, van den Akker et al. 2014). Obgleich expertenbasiert, wurden diese Prinzipien aufgrund ihrer Augenscheinvalidität und des aufwändigen mehrstufigen Entwicklungsprozesses, der weitere Kliniker und Hausärzte einbezog, gewürdigt (Bower 2014, NICE National Institute for Health and Clinical Excellence 2016), ihre Praxisimplementierung wird aktuell in einer randomisierten kontrollierten Studie untersucht, deren Ergebnisse für 2019 angekündigt wurden (Prados-Torres et al. 2017; pers. Kommunikation Prados-Torres, 26.11.2018).

5.3.5.1 Die Ariadne- Schlüsselprinzipien

In einer internationalen Arbeitsgruppe – bestehend aus 18 interdisziplinären Experten aus sieben Ländern – wurden in einem mehrstufigen Prozess Schlüsselprinzipien zur Unterstützung eines langfristigen Konsultationsprozesses mit multimorbiden Patienten entwickelt und nach der griechischen Mythologie »Ariadne« benannt (Muth, van den Akker et al. 2014). Diese Prinzipien stehen der heute häufig beobachteten ›additiv-sequentiellen‹ Vorgehensweise gegenüber, in der so viele gesundheitliche Probleme des Patienten, wie in der zur Verfügung stehenden (kurzen) Konsultationszeit möglich, bearbeitet werden, ohne systematisch den Erfolg der vereinbarten Maßnahmen nachzuverfolgen und offen gebliebene Probleme zu einem späteren Zeitpunkt aufzugreifen (Bower et al. 2011).

Im Mittelpunkt der Ariadne-Prinzipien steht die Vereinbarung realistischer Therapieziele zwischen (Haus-)Arzt und Patient, deren Erreichung in der Folge beobachtet wird. Die Vereinbarung realistischer Therapieziele basiert dabei auf einer (i) Interaktionsbewertung, (ii) der Priorisierung von Gesundheitsproblemen und Erhebung von Patientenpräferenzen sowie (iii) der Festlegung einer individualisierten Vorgehensweise ( Abb. 5.3.3 (Muth, van den Akker et al. 2014)). Die (i) Interaktionsbewertung zielt dabei auf die Erhebung der vorliegenden Erkrankungen und Konditionen, die Einschätzung von deren Schwere und Bedeutung für den Patienten, die Überprüfung aller bestehenden – insbesondere pharmakologischen – Therapien sowie potenzieller Interaktionen zwischen Erkrankungen und Behandlungen, die Einschätzung des klinischen Status des Patienten, seiner Belastungen durch Behandlungen und seines sozialen Umfelds. In der (ii) Erhebung von gesundheitsbezogenen Patientenpräferenzen geht es um generische, d. h. krankheitsübergreifende Präferenzen und zwar sowohl um die am meisten erwünschten gesundheitlichen Ergebnisse (z. B. Überleben bei guter Lebensqualität, ein guter physischer und mentaler Funktionszustand und Autonomieerhalt) als auch um die am wenigsten erwünschten gesundheitlichen Konsequenzen (z. B. Schmerz oder andere Krankheitssymptome und Symptome unerwünschter Arzneimittelwirkungen). Die (iii) Festlegung der individualisierten Vorgehensweise zielt auf die erfolgreiche Erreichung der gemeinsam vereinbarten Therapieziele unter Berücksichtigung von (i) und (ii), wobei die Priorisierung im Vordergrund steht (z. B. bewusste Eskalation von bestimmten Behandlungsstrategien und Nicht-Behandlung anderer, für den Patienten wenig relevanter Konditionen) (Muth, van den Akker et al. 2014). Die dahinterliegenden Entscheidungs- und Kommunikationsprozesse sind vielgestaltig, zu ihrer Erläuterung sind praktische Beispiele exemplarisch aufgelistet.


Abb. 5.3.3: Die Ariadne-Schlüsselprinzipien zur Unterstützung eines langfristigen Konsultationsprozesses mit multimorbiden Patienten (adaptiert aus Muth, van den Akker et al. 2014)

Die Ariadne-Schlüsselprinzipien – praktische Beispiele (Muth, van den Akker, et al. 2014)
Bewertung potenzieller Interaktionen: Konditionen und Behandlungen, Konstitution und Kontext des Patienten

• Dokumentation und lfd. Aktualisierung aller Diagnosen bzw. Konditionen, Einschätzung ihrer Schwere und ihrer Bedeutung im Gesamtzusammenhang sowie Bewertung der aktuellen Medikation

• Verfolgung von Hinweisen auf psychische Störungen (z. B. Angst, Depression, Suchterkrankungen), kognitive Dysfunktion sowie unspezifische Symptome und Zeichen (z. B. Schlafstörungen, Appetitverlust, Hydratationsprobleme)

• Exploration und Berücksichtigung sozialer Umstände, finanzieller Limitationen, der Lebenssituation und der sozialen Unterstützung, der Gesundheitskompetenz, der funktionellen Autonomie sowie existierender Coping-Strategien

• Dokumentation und lfd. Aktualisierung mitbehandelnder Ärzte und Therapeuten und Einschätzung der Belastung durch Behandlung und Selbstmanagement

Berücksichtigung von Patientenpräferenzen und Priorisierung von erwünschten und unerwünschten Therapiezielen

• Erhebung bzw. gemeinsame Entwicklung von generischen (krankheitsübergreifenden) Therapiezielen unter Berücksichtigung erwünschter Outcomes (z. B. Erhalt der physischen und mentalen Funktionalität, Erhalt der sozialen Funktionen, Erhalt der Unabhängigkeit, Symptomverbesserung (z. B. Schmerz, Dyspnoe), Behandlung am Lebensende) sowie unerwünschter Outcomes (z. B. Lebensverlängerung ohne Lebensqualität, bestimmte, als quälend empfundene Nebenwirkungen von Medikamenten)

• Kritische Reflektion der eigenen (ärztlichen) Präferenzen, die von denen der Patienten abweichen können (z. B. Präferenz für die Verschreibung präventiver Therapien)

• Ggf. Berücksichtigung von Präferenzen pflegender Angehöriger und deren Einbeziehung in den Priorisierungsprozess

Individualisierung der gesundheitlichen Versorgung zur Erreichung der Therapieziele

• Abwägung, ob der zu erwartende Nutzen die Risiken und potenziellen Nebenwirkungen übersteigt – dabei Berücksichtigung des individuellen Erkrankungsrisikos und der Patientenpräferenzen

• Einschätzung der Gesamtbelastung sowie der inkrementellen Belastungen einzelner Behandlungsmaßnahmen für Patient (und pflegende Angehörige)

• Erwägung von Selbstmanagement-Maßnahmen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten (und pflegender Angehöriger)

• Bereitstellung von Sicherheitsanweisungen (z. B. Verhalten bei Auftreten von Krankheitssymptomen oder Nebenwirkungen – safety netting)

• Vereinbarung von Folgekontakten zur Nachbeobachtung des Erreichens von Therapiezielen und ggf. erneuten Interaktionsbewertung

• Koordination mitbehandelnder Ärzte, Therapeuten und Pflegender – idealerweise Kommunikation der vereinbarten Therapieziele und -entscheidungen

In unserem Fallbeispiel von Frau M wäre es also zunächst wichtig zu eruieren, welchem ihrer Gesundheitsprobleme (u. a. Gelenkschmerzen und Harndrang unter Diuretika) sie selbst die höchste Bedeutung beimisst und welche Therapieziele ihr wichtig sind, bevor weiterführende Maßnahmen veranlasst werden. Hat für sie die Schmerzlinderung die höchste Priorität, steht nach einer klinischen – und ggf. radiologischen – Beurteilung der betroffenen Gelenke (Stadieneinteilung zur weiteren Therapieplanung) die Schmerztherapie im Vordergrund. Wegen ihrer gleichzeitig bestehenden Herzinsuffizienz und daraus resultierenden Interaktionen (systemische nicht-steroidale Antirheumatika beeinträchtigen die Wirkung von ACE-Hemmern bzw. AT1-Antagonisten und sollten daher bei chronischer Herzinsuffizienz vermieden werden; (Muth et al. 2014a)) würden vorzugsweise nicht-pharmakologische Maßnahmen eingesetzt (z. B. lokale Anwendungen von Kälte oder Wärme, Physiotherapie und Krankengymnastik; (Jobst und Mücke 2018)) und deren Therapieerfolg im Verlauf beurteilt werden. Würde sich im Gespräch mit Frau M hingegen z. B. herausstellen, dass der diuretikabedingte häufige Harndrang ein zentrales Problem darstellt, welches sie an sozialer Teilhabe und Mobilität hindert, wäre die individuelle Anpassung der Diuretikatherapie zentral und würde u. a. folgende Fragen bearbeiten: wie schwerwiegend ist die Herzinsuffizienz und braucht die Patientin das Diuretikum (noch)?, ist eine Dosisreduktion gerechtfertigt?, kann die Patienten ggf. unter Selbstkontrolle von Gewicht und ggf. weiteren Parametern in die Dosierung (und ggf. Flexibilisierung) des Diuretikaregimes aktiv einbezogen werden? In der einen wie der anderen Entscheidungssituation (Gelenkschmerz oder diuretikaindizierter häufiger Harndrang) geht es darum, Behandlungsprioritäten zu setzen, die von Arzt und Patient gemeinsam verfolgt werden, um nach deren Lösung die ausstehenden Probleme erneut zu priorisieren und zu bearbeiten. Dieses an der Erreichung von Therapiezielen orientierte Vorgehen wurde insbesondere auch darum vorgeschlagen, da Ärzte die Behandlung von Patienten mit Multimorbidität oft negativ erleben und in qualitativen Untersuchungen berichteten, von der Fülle der Probleme »überwältigt« zu sein (Sinnott et al. 2013).

5.3.5.2 Geriatrische Schlüsselempfehlungen zur Behandlung von multimorbiden alten Patienten

Die American Geriatric Society hat ihrerseits Schlüsselempfehlungen für klinisch tätige Ärzte zur Behandlung multimorbider alter Patienten formuliert (AGS 2012). Auch diese Empfehlungen folgen einem patientenzentrierten Ansatz und integrieren Prinzipien evidenzbasierter klinischer Entscheidungsfindung, d. h. die Einschätzung der Qualität und Übertragbarkeit der Evidenz für den individuellen Patienten, der Relevanz der berichteten Outcomes, des Ausmaßes der absoluten Risikoreduktion durch die Intervention und der potenziell für den Patienten zu erwartenden Risiken und Belastungen (AGS 2012). Eine Besonderheit besteht darin, dass hier auch eine Risiko-Nutzen-Bewertung mit Blick auf die Prognose des Patienten erfolgt. So wirken einige präventive wie therapeutische Behandlungsansätze erst zeitlich verzögert (time to benefit) und es ist zu prüfen, ob individuelle Patienten aufgrund ihrer Überlebensprognose überhaupt in den Genuss von Behandlungseffekten (positiven wie negativen) kommen können (AGS 2012).

Würde bspw. bei Frau M eine Indikation für eine Bisphosphonattherapie ihrer Osteoporose bestehen (z. B. beim Vorliegen einer Wirbelkörpersinterungsfraktur), wäre es sinnvoll, den zu erwartenden Nutzen über die Zeit in die Entscheidung für oder gegen eine Bisphosphonattherapie einzubeziehen. US-amerikanische Geriater gehen dazu z. B. so vor: die Wirksamkeit von Bisphosphonaten setzt etwa 9–18 Monate nach Therapiebeginn ein und erreicht danach eine 50 %-ige relative (bzw. 1,2 %-ige absolute) Risikoreduktion auf das frakturfreie Überleben über drei Jahre, daher wird mindestens eine geschätzte Überlebenszeit der zu behandelnden Patienten von etwa fünf Jahren vorausgesetzt, um eine Bisphosphonattherapie zu initiieren (Holmes 2012, zitiert in Jennings 2015). Würde man bspw. den von Carey et al. (2008) entwickelten Prognosescore anwenden, würde man für Frau M eine etwa 70 %-ige Überlebenswahrscheinlichkeit für fünf Jahre ermitteln und eine Empfehlung für eine Bisphosphonattherapie wäre vor dem Hintergrund ihrer geschätzten Prognose gerechtfertigt. Ein 85-jähriger Mann mit Herzinsuffizienz hätte nach diesem Score hingegen nur noch eine 20 %-ige Überlebenswahrscheinlichkeit für fünf Jahre (Carey et al. 2008).

Problematisch für die klinische Anwendung derartiger Betrachtungen ist heute, dass erstens nur in seltenen Fällen Evidenz zum Wirkeintritt über die Zeit vorliegt (und zumeist nicht aus der Studiendauer abzulesen ist) (AGS 2012) und dass zweitens die Vorhersagemöglichkeiten zur Überlebenswahrscheinlichkeit limitiert sind: die Modellgüte existierender Vorhersageinstrumente ist oft mangelhaft und/oder die Modelle sind wegen eingeschränkter Generalisierbarkeit und Praktikabilität nicht einsetzbar, wie jüngst vorgenommene systematische Bewertungen, u. a. durch das NICE ergaben (NICE National Institute for Health and Clinical Excellence 2016).

5.3.6 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

Der überwiegende Anteil der Erkenntnisse zur Multimorbidität stammt aus epidemiologischen Studien. Diese haben zu dem heutigen Problembewusstsein des Ausmaßes und der individuellen wie gesellschaftlichen Folgen von Multimorbidität beigetragen – insbesondere bei alten Patienten und in der hausärztlichen und altersmedizinischen Versorgung, wo mehrfacherkrankte Patienten bereits heute die Mehrheit der Behandelten darstellen. Demgegenüber gibt es bislang noch weitgehend theoretische (d. h. selten in der Praxis erprobte) Vorstellungen zur medizinischen Versorgung dieser Patienten. Belastbare Daten über wirksame Interventionen, die eine klinische Entscheidungsfindung unterstützen, fehlen weitgehend. Auch ist unklar, ob die unter anderen Bedingungen evaluierten (z. B. medikamentösen) Therapien auch bei alten Patienten mit Multimorbidität in ähnlichem Ausmaß wirksam sind, wie bei den untersuchten jüngeren Studienteilnehmern mit Einzelerkrankungen. Auch wenn erste Beobachtungsstudien ermutigende Ergebnisse zeigen, dass Patienten mit bspw. Herzinsuffizienz und COPD sowie weiteren Begleiterkrankungen hinsichtlich Mortalität profitieren, wenn sie leitliniengerecht hinsichtlich der Indexerkrankung behandelt werden (Tinetti et al. 2015), sind aus anderen Untersuchungen verminderte Nutzen bei Patienten mit multiplen Erkrankungen bekannt (Palmer et al. 2012).

Die in jüngster Zeit entwickelten Leitlinien für Patienten mit Multimorbidität bzw. Multimedikation bieten ebenfalls ermutigende Ansätze, obgleich die überwiegende Zahl der Empfehlungen nicht auf empirischer Evidenz beruht (Muth et al. 2018): sie decken in unterschiedlichem Maße ein breites Spektrum von Aspekten hinsichtlich klinischem Management und Selbstmanagement bei diesen komplexen Patienten ab. Die in Multimorbiditäts- und Multimedikationsleitlinien formulierten Empfehlungen reichen von eher abstrakten (und daher für unterschiedlichste Patienten und Situationen anwendbaren) Grundprinzipien bis hin zu detaillierten Empfehlungen bspw. zur Medikationsüberprüfung sowie Hinweisen zu hilfreichen Praxistools. Insbesondere stimmen sie darin überein, dass eine patientenzentrierte Herangehensweise unter Berücksichtigung aller relevanten biopsychosozialen Aspekte des Patienten sowie seiner Präferenzen von zentraler Bedeutung ist, um die gesundheitliche Versorgung und damit die Patientenoutcomes zu verbessern (Muth et al. 2018).

Darüber hinaus haben Untersuchungen gezeigt, dass Multimorbidität außerhalb der individuellen Arzt-Patienten-Beziehung und der rein medizinischen Versorgung eine starke gesellschaftliche bzw. systembezogene Dimension aufweist: Heutige Strukturen des Gesundheitswesens inkl. der herrschenden Anreizsysteme fördern häufig sogar bestehende Über-, Unter- und Fehlversorgung (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) 2009). Um dem entgegenzuwirken, ist u. a. eine stabile wohnortnahe hausärztliche Versorgung, die ambulante und stationäre spezialärztliche Versorgung langfristig koordiniert und darüber hinaus weitere Gesundheits- und Sozialprofessionen einbezieht, von zentraler Bedeutung (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) 2009).

Empfehlungen für die Praxis

Bei alten Patienten mit Multimorbidität sollte

• immer an das Vorliegen potenziell gefährlicher Interaktionen zwischen den verschiedenen Erkrankungen selbst sowie zwischen Erkrankungen und Behandlungen (Gegenanzeigen, Arzneimittelwechselwirkungen) gedacht werden, die Anlass für (plötzliche) Verschlechterungen des Gesundheitszustands sein können ( Kap. 11).

• der gesamte biopsychosoziale Kontext berücksichtigt werden, da diese Patienten häufig besonders vulnerabel reagieren auf Änderungen

– des gesundheitlichen Zustands: z. B. Neuauftreten von Erkrankungen oder Verschlechterung bestehender Erkrankungen,

– des Therapieregimes: z. B. Neuverordnung oder Absetzen eines langfristig eingenommenen Medikaments bei oft bestehender (unübersichtlicher) Multimedikation,

– des sozialen Kontextes: z. B. Änderungen im familiären Umfeld und der häuslichen Pflegesituation oder finanzielle Einschränkungen.

• aktiv auf das Vorliegen psychischer Störungen, kognitiver Beeinträchtigungen ( Kap. 14) oder psychiatrischer Erkrankungen (z. B. Depression, Angst, somatoforme Störungen Kap. 15, Kap. 17 und Kap. 21) untersucht werden: Patienten berichten oft nicht selbst darüber, die Symptome sind häufig nur schwer von somatischen Erkrankungen abgrenzbar, und relevante Störungen in diesem Bereich haben ggf. erhebliche Konsequenzen für das therapeutische Vorgehen und die Adhärenz.

• eine »leitliniengerechte« Versorgung kritisch bezüglich der Angemessenheit hinterfragt werden: heutige krankheitsorientierte Leitlinien berücksichtigen Ko- und Multimorbidität nur unzureichend, und insbesondere bei Anwendung multipler Leitlinien bei einem Patienten können nachteilige Effekte auftreten.

• das Prinzip »primum nil nocere« (Nichtschadens-Prinzip) im Vordergrund stehen Kap. 57): der therapeutische Nutzen einer Maßnahme ist für diese Patienten häufig nicht oder nicht ausreichend belegt. Zugleich muss bei diesen Patienten wegen der hohen Vulnerabilität und potenziellen Interaktionen zwischen Erkrankungen und Behandlungen mit erhöhten Risiken gerechnet werden.

• einem patienten- (anstelle krankheits-)zentriertem Ansatz gefolgt werden, in dem Patientenpräferenzen erfragt und berücksichtigt werden (Klärung des Risiko-Nutzen-Verhältnisses).

• eine Priorisierung der gesundheitlichen Probleme unter Berücksichtigung der Patientenpräferenzen erfolgen, um eine unnötige Komplexität der Behandlung (mit deren negativen Folgen) zu vermeiden, und weil Patienten oft nicht erwarten, dass alle Probleme behandelt werden.

• in Konsultationen auf die gemeinsame Abstimmung von universellen (krankheitsübergreifenden) Therapiezielen geachtet werden: statt einer isoliert betrachteten parameterorientierten Outcome-Optimierung (d. h. Behandeln von »Laborwerten«) erfolgt hier eine Orientierung an Outcomes wie Lebensqualität, Funktionsniveau, Selbstständigkeit und Autonomie.

• die Planung und Umsetzung von diagnostischen, therapeutischen und/oder rehabilitativen Maßnahmen sollte auf das Erreichen der gemeinsam abgestimmten Therapieziele ausgerichtet sein: die Ariadne-Schlüsselprinzipien ( Abb. 5.3.3) oder die Therapieprinzipien der American Geriatric Society können dabei entscheidungsunterstützend wirken und zusätzliche Behandler sollten darüber informiert – oder besser – in das Gesamtkonzept einbezogen werden.

• das Erreichen der gemeinsam abgestimmten Therapieziele regelmäßig kontrolliert und mit dem Patienten besprochen werden, um durch unerwartete Effekte (z. B. UAW) oder geänderte Patientenpräferenzen ggf. Anpassungen in der Behandlung vorzunehmen.

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5.4 Plastizität
Veit Kubik und Monika Knopf

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den alter(n)sabhängigen Möglichkeiten und Grenzen kognitiver Plastizität im höheren Alter aus entwicklungspsychologischer Perspektive. Zunächst wird eine terminologische Begrenzung des Begriffs »Plastizität« vorgenommen und die unterschiedlichen Arten von Plastizität vorgestellt. Anschließend werden Modelle des Alterns vorgestellt, die mit Plastizität verknüpft sind, und exemplarisch einzelne Forschungsansätze zur Untersuchung von kognitiver Plastizität benannt. Diese werden anhand dreier Beispiele aus dem Bereich des Gedächtnisses, des Jonglierens bei normal alternden Menschen und der Neurorehabilitation bei alten Patienten nach Schlaganfall veranschaulicht. Das Kapitel schließt mit einer Bewertung der Forschungslage und wichtigen Zukunftsfragestellungen der Plastizitätsforschung sowie möglicher Konsequenzen für das Alltagsleben.

5.4.1 Einleitung

Der Mensch verfügt über eine einzigartige Variabilität und Flexibilität, sich gegenüber Veränderungen in der Umwelt »zu verhalten«, neue Verhaltensmuster zu erzeugen und damit unterschiedliche Entwicklungspfade in seinem Leben einzuschlagen. Diese Variabilität im Verhalten und der Ontogenese (Glück und Heckhausen 2001) kennzeichnet die Plastizität des Menschen und macht diesen offen für neue Erfahrungen und Veränderungen der ökologischen und kulturellen Umwelt sowie für die imitative Interaktion mit Mitmenschen (Sozialisation, Instruktion). Diese Plastizität bringt dem Menschen einen evolutionären (Überlebens-)Vorteil gegenüber anderen Spezies ein. Im Fokus dieses Kapitels steht die plastizitätsorientierte Konzeption von Entwicklung, welche die Offenheit und Variabilität von Entwicklungsverläufen betont (Lindenberger und von Oertzen 2006).

5.4.2 Was ist Plastizität?

Der Begriff der Plastizität ist nicht neu in der wissenschaftlichen Literatur: Baldwin und Poulton (1902) beispielsweise verstanden hierunter die Fähigkeit eines Organismus, sich an verschiedene Lebens- und Umweltbedingungen anzupassen. Auch für die (Entwicklungs-) Psychologie spielte der Begriff der Plastizität in der Ontogenese bereits früh eine zentrale Rolle (s. bspw. Baltes 1990; Lerner 1985), der auf unterschiedliche und eher vage Weise definiert worden ist (Concelmann 1999), und ist bis heute ein zentrales Forschungsanliegen auch in den Neurowissenschaften (Lindenberger et al. 2017; Wenger et al. 2017). Es lassen sich mehrere Eigenschaften benennen, welche den verschiedenen Auffassungen von Plastizität gemeinsam sind:

1. Vielfalt von Entwicklungsverläufen: Entwicklung von Verhalten und kognitiven Fähigkeiten verläuft nicht universell, sondern zwischen verschiedenen Personen unterschiedlich (interindividuelle Variabilität) und sogar unterschiedlich innerhalb einer Person über die Zeit hinweg (intraindividuelle Variabilität). Die letztere Form von Variabilität wird gemeinhin als Plastizität, sog. »Bildsamkeit« einer Person über die Lebensspanne (Thomae 1990), bezeichnet.

2. Multidirektionalität: Entwicklung verläuft nicht stets gleichgerichtet, sondern kann unterschiedliche Richtungen und Geschwindigkeiten für unterschiedliche Funktionen innerhalb der Lebensspanne aufweisen. So stellte sich heraus, dass die Pragmatik der Kognition (d. h. erlernte Fertigkeiten und erworbene Wissensbestände) bis in das hohe Erwachsenenalter stabil bleibt oder sich gar noch verbessert, während die Mechanik der Kognition (d. h. Genauigkeit, Geschwindigkeit und Koordination elementarer kognitiver Prozesse) ab dem frühen Erwachsenenalter abnimmt.

3. Umwelteinflüsse: Die menschliche Entwicklung entsteht durch bzw. in Anpassung an die ökologische und kulturelle Umwelt (Lerner 1985), die idealerweise ein stimulierendes Informationsangebot bietet. Bei ungünstigen Umweltbedingungen kann es zu einer Anpassung an diese kommen, die sich negativ auf die Entwicklung auswirkt (z. B. anregungsarme Lebenswelten alter Menschen).

4. Übungseinfluss: Die Leistungsfähigkeit hängt stark davon ab, wie viel Zeit und gezielte Anstrengung in Erwerbs- und Trainingsprozessen für einen bestimmten Funktionsbereich investiert werden, d. h. wie regelmäßig das umweltbezogene Informationsangebot genutzt wird, um die Anforderungen flexibel und erfolgreich zu bewältigen (Zihl et al. 2009).

5. Genetische Prädispositionen: Diese bestimmen die Grenzen und Möglichkeiten, menschliche Entwicklungsverläufe durch Umwelteinflüsse zu modifizieren, wobei traditionell davon ausgegangen wurde, dass frühe Lebensaltersabschnitte als Zeiten mit besonders hoher Plastizität anzusehen sind.

6. Aktive Rolle bei der eigenen Entwicklung: Hiermit ist die flexible, situationsangepasste Form gemeint, Informationen aus der Umwelt aufzunehmen, zu verarbeiten und auf diese zu reagieren. Dabei nimmt der Mensch eine aktive Rolle in seiner Entwicklung im Rahmen der begrenzten Plastizität ein, in dem er sich seine Umwelt zu einem gewissen Grad selbst aussucht bzw. schafft.

7. Verknüpfung von psychischer und neuraler Plastizität: Plastizität bezieht sich auf die fortlaufende Anpassung der sich entwickelnden Funktionssysteme des Gehirns an die Umwelt. Dabei wurden in Tier- und Humanstudien am intakten und verletzten Gehirn verschiedene Prinzipien identifiziert, die der kurz- und längerfristigen Neuromodulation bzw. -plastizität zugrunde liegen (z. B. Zihl et al. 2009).

Plastizität kann also als die Fähigkeit charakterisiert werden, unterschiedliche Verhaltensformen und Entwicklungswege zu erproben und latentes Entwicklungspotenzial zu realisieren (Brehmer und Lindenberger 2007; Lövdén et al. 2010). Entwicklungsplastizität fokussiert demgegenüber auf die sich im Verlauf der Entwicklung verändernden Möglichkeiten, bereitstehende (Umwelt-)Informationen zu verwerten, wobei diese jeweils auch ein Ergebnis der jeweiligen Entwicklung ist.

5.4.3 Potenziale und Grenzen von kognitiver (Entwicklungs-)Plastizität

Die heutige psychologische Forschung beschäftigt sich sowohl mit der Beschreibung von typischen Entwicklungsverläufen im höheren Alter ( Kap. 5.5.3.1) als auch damit, inwieweit solche Entwicklungsverläufe innerhalb und zwischen Personen(-gruppen) variieren können und von Training profitieren ( Kap. 5.5.3.2). Dabei steht aktuell nicht mehr der Nachweis von Plastizität im Vordergrund, als vielmehr ihre Möglichkeiten und Grenzen im höheren Alter auf Verhaltens- und Gehirnebene (Lindenberg et al. 2017).

5.4.3.1 Entwicklungsverläufe in Quer- und Längsschnittstudien

Bis in die 1960er Jahre hing man einer Auffassung von Entwicklung an, in welcher man Entwicklung mit einem stetigen Rückgang kognitiver Fähigkeiten ab dem frühen Erwachsenenalter gleichsetzte und auf unveränderbare, universelle Abbauprozesse zurückführte. Ein solches Defizitmodell vom Altern basiert vor allem auf sogenannten Querschnittsvergleichen von unterschiedlichen Altersgruppen zu einem (Mess-)Zeitpunkt. Da später geborene Personenkohorten im Durchschnitt bessere Lebensbedingungen im Sinne von Ernährung und Bildungsgelegenheiten erfahren haben (bspw. Rönnlund und Nilsson 2009), führt dieses Studiendesign zwangsläufig zu pessimistischen Rückschlüssen auf Entwicklungsverläufe. Ein i.A. positiveres Alternsbild mit einer Vielfalt intraindividueller Entwicklungsverläufe wird in Längsschnittstudien gezeichnet: In diesen wird ein und dieselbe Personenkohorte mehrfach untersucht. Es zeigt sich, dass manche intellektuelle Funktionen bis ins hohe Alter auf hohem Niveau erhalten bleiben (z. B. semantisches Gedächtnis, kristallisierte Intelligenz), während es zu einer früheren Leistungsabnahme von anderen intellektuellen Funktionen (episodisches Gedächtnis, fluide Intelligenz) kommt. Dabei sind Alterseinbußen durchwegs später beobachtbar als dies Befunde aus Querschnittsstudien nahelegen (Rönnlund et al. 2005; Salthouse 2014).

5.4.3.2 Testing-the-limits-Ansatz

Es wurden verschiedene methodische Ansätze entwickelt, wie Entwicklungsplastizität quantifiziert werden kann. Hier soll der sogenannte Testing-the-limits- Ansatz skizziert werden (Green et al. 2014 für methodologische Details). Dieser ist eine diagnostische Methode, um die Plastizität einer kognitiven Funktion zu bestimmen und nicht ein aktuelles Leistungsvermögen: Personen unterschiedlichen Alters erhalten über einen längeren Zeitraum ein Trainingsprogramm; sie werden bspw. in einer Gedächtnisstrategie instruiert und erhalten anschließend Lernaufgaben, die jeweils an die individuellen Fähigkeiten der Studienteilnehmer angepasst sind. Die gedächtnisbezogenen Leistungsunterschiede werden in einem Vor- und Nach(trainings)test bzw. in einem Vergleich zwischen Trainierten und Untrainierten erfasst. Aus der gewonnenen intra- bzw. interindividuellen Leistungsvariation können Hinweise auf die kognitiven Ausgangsleistungen und die zugrundeliegenden Leistungspotenziale gezogen werden, wie die gegenwärtige Maximalleistung (Grundreservekapazität) und die Maximalleistung unter anhaltenden leistungsfördernden Trainingsbedingungen (Entwicklungsreservekapazität). Zentral ist hier auch die Fragestellung, inwieweit mögliche Trainingseffekte nicht nur auf die trainierten Fertigkeiten erzielt werden können, sondern auch auf mehr oder weniger relatierte Fertigkeiten oder die allgemeine Verarbeitungskapazität übertragen werden können (Transfer). Zusammengenommen lässt sich festhalten, dass der Testing-the-limits-Ansatz für eine plastizitätsorientierte Konzeption von Entwicklung von zentraler Bedeutung ist.

Die Idee der Plastizität kognitiver Leistungsfähigkeit im höheren Alter ist dabei mit unterschiedlichen Modellen kognitiven Alterns verknüpft: (1) einerseits wird angenommen, dass Ältere über ungenutzte kognitive Reserven verfügen und diese möglichen Alternseinbußen kompensatorisch gegenüber gestellt werden können. Diese kognitive Reservehypothese zeigt sich auch auf Gehirnebene, da im Alter neue synaptische Verschaltungen gebildet werden können, die eine Leistung befördern (Synaptogenese) bzw. Neuronen neu in den Dienst einer Leistung gestellt werden können (Neurogenese); (2) andererseits wird angenommen, dass die einmal erreichte kognitive Leistungsfähigkeit eines Menschen auf Verhaltensebene (Almond 2014) und Gehirnebene (Nyberg et al. 2012) durch fortgesetzte intensive Nutzung altersübergreifend aufrecht erhalten werden kann – eine Idee, die der Laie von der Redewendung »use-it-or-lose-it« kennt.

5.4.4 Arten von Plastizität: Beispielstudien mit alten Menschen

Der Spielraum von (übungs- und umweltabhängiger) Entwicklungsplastizität erstreckt sich über verschiedene Zeitspannen (Tage, Monate, Dekaden), auf verschiedene Analyseebenen (neuronal, behavioral, sozial), auf unterschiedliche Funktionsbereiche (eine einzelne Funktion, verschiedene Funktionen; Li et al. 2004) sowie auf unterschiedliche Mechanismen der Plastizität. Zihl et al. (2009) unterscheiden hierbei die funktionale Plastizität von der Neuroplastizität sowie der Entwicklungsplastizität.

5.4.4.1 Funktionale Plastizität

Funktionale Plastizität meint die Anpassung des zentralen Nervensystems (ZNS) auf der Ebene der psychischen Systeme (Kognition, Emotion, Handeln). Ein Forschungsbereich, in dem die Plastizität kognitiver Funktionen im Alter gezeigt werden kann, ist das episodische Gedächtnis. Das episodische Gedächtnis meint jene Gedächtnisfunktion, anhand derer eigene Erfahrungen zeit-, orts- und erlebnisbezogen gespeichert werden und in Form von Erinnerungen abgerufen werden können. Es gibt eine Reihe von Längsschnittstudien, die nahelegen, dass diese Gedächtnisfunktion sich im Verlauf des Lebens typischerweise verschlechtert und dabei stärkere Einbußen aufweist als andere Gedächtnisfunktionen (z. B. das Gedächtnis für Prozeduren; Rönnlund et al. 2005). Von daher ist besonders die Frage interessant, ob diese Gedächtnisfunktion im Alter plastisch ist oder ob diese alterstypischen Gedächtniseinbußen hingenommen werden müssen.

In einer Metaanalyse von Zehnder et al. (2009) wurde die Plastizität des Gedächtnisses bei normal Alternden ab dem 60. Lebensjahr sowie kognitiv leicht beeinträchtigten Personen dadurch eingeschätzt, dass die Effekte aus 24 Studien zusammenfassend bestimmt wurden. Diese umfassten den Zeitraum zwischen 1970 und 2007, wiesen einen hohen methodischen Standard auf (z. B. Einbezug von Kontrollgruppen), berücksichtigten insgesamt ca. 2.200 Personen mit einem mittleren Alter von knapp 70 Jahren und bewerteten die Effekte auf Verhaltensebene. Es zeigte sich, dass sich drei von sieben Gedächtnisfunktionen mittels Trainings bedeutsam verbessern ließen: das direkte und verzögerte freie Erinnern, wie auch das Paar-Assoziationslernen. Andere Gedächtnisfunktionen, wie beispielsweise das Gesicht-Namens-Gedächtnis oder das visuelle Ortsgedächtnis, konnte demgegenüber nicht optimiert werden. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Gedächtnisplastizität funktionsspezifisch zu sein scheint, was bislang noch nicht genauer begründet werden kann.

5.4.4.2 Neuroplastizität

Die Neuroplastizität meint alle Veränderungen von Hirnfunktionen, die durch Erfahrung und Umweltbedingungen zustande kommen; Reifungsprozesse sind hierbei nicht einbezogen. Sie umfasst dabei sowohl Veränderungen morphologischer Strukturen als auch neurophysiologische und neurochemische Reaktionen. Anhand einer Trainingsstudie von Boyke et al. (2008) soll illustriert werden, inwiefern Neuroplastizität am Beispiel der Fertigkeit zum Jonglieren gegeben ist, die sich – ähnlich wie die Reaktionszeit, die motorische Reaktionsgeschwindigkeit sowie die Augen-Hand-Koordination – mit zunehmendem Alter typischerweise verschlechtert. Alte Teilnehmer (50–67 Jahre) an dieser Studie verfügten über keinerlei Vorerfahrungen mit Jonglieren und sollten diese Fertigkeit neu erlernen. In einer Dreizeitpunkterhebung wurden mittels Kernspintomografie strukturelle Gehirnmerkmale gemessen; einmal vor Beginn des Trainings, zum anderen direkt nach den drei Trainingsmonaten und schließlich ein drittes Mal weitere drei Monate später, in denen kein Training durchgeführt wurde und die Studienteilnehmer das Jonglieren auch nicht übten. Verglichen wurden diese Daten mit den Befunden von untrainierten Personen im gleichen Altersbereich. Die Studie erbrachte eine signifikante bilaterale Volumenvergrößerung der grauen Substanz im mittleren Temporallappen, im linken posterioren intraparietalen Sulcus sowie dem visuellen Assoziationskortex und zwar ausschließlich bei den Trainingsteilnehmern. In der anschließenden Phase ohne Training verminderte sich dieser Trainingseffekt. Diese Trainingsstudie legt nahe, dass das menschliche Gehirn auch nach dem Erlangen der Reife (ca. mit dem 20. Lebensjahr) noch die grundsätzliche Fähigkeit zur strukturellen Plastizität besitzt. Die Aufrechterhaltung dieser Strukturveränderung ist allerdings an die Fortsetzung der Übung geknüpft. Dieses Ergebnis ist zum einen von grundsätzlicher Bedeutung für die Alternsforschung, da es generell noch an Evidenzen für die lebenslange Plastizität des Gehirns mangelt. Zum anderen ist es von praktischer Bedeutung; so können neue Fertigkeiten im Alter erworben werden, auch dann noch, wenn sie in enger Beziehung zu nachlassenden anderen kognitiven Fähigkeiten stehen (z. B. Reaktionsgeschwindigkeit).

5.4.4.3 Plastizität nach einer Läsion

Plastizität nach einer Läsion (Witte 1998) drückt aus, dass im verletzten ZNS Verbindungen und Funktionen nicht ein für alle Mal zwingend festgelegt sind. Es ist vielmehr ein regeneratives Potenzial vorhanden, sodass im Falle von Gehirnverletzungen (Teil-)Wiederherstellungen von Funktionen möglich werden. Diese gehen meist auf kompensatorische Reorganisationsprozesse zurück. Praktisch nutzbare Evidenzen liegen für die Neurorehabilitation von Bewegungseinschränkungen vor, wie sie nach einem Schlaganfall auftreten. Durch einen Schlaganfall kann es zur sogenannten Deafferenzierung kommen, d. h. Informationen aus der Körperperipherie erreichen das zuständige sensomotorische Hirnareal nicht mehr, das durch den Schlaganfall ausgefallen ist. Taub entwickelte für die Rehabilitation dieser Patienten die sogenannte CI-Therapie (»constraint-induced«), die in der Zwischenzeit weltweit evaluiert wurde und dauerhafte Effekte zeigte (z. B. Taub 2004; McIntyre et al. 2012). Dabei wird die intakte Hand für ein paar Wochen während vieler Stunden am Tag immobilisiert, indem sie in eine Schlinge gelegt wird. Die Immobilisierung der funktionstüchtigen Hand soll der Tendenz des Patienten entgegenwirken, die vom Schlaganfall betroffene Hand aufgrund eines »erlernten Nichtgebrauchs« weiter zu schwächen. Eine wesentliche Konstituente der CI-Therapie wird darin gesehen, dass sie die Wahrscheinlichkeit steigert, dass die beeinträchtigte Hand für erfolgreich ausgeführte motorische Aktivitäten – die dem psychologischen Prinzip des »Shaping« folgen – positive Verstärkung erfährt. Zudem wird davon ausgegangen, dass eine Verhaltensreorganisation an den intensiven Gebrauch der affizierten Hand geknüpft ist, sodass die motorischen Übungen während vieler Stunden am Tag ausgeführt werden. Anhand dieses Trainingsprogramms soll belegt werden, wie wichtig das Konzept Plastizität auch für die Wiederherstellung von Funktionen nach Läsionen des Gehirns ist, sei es durch Funktionsrestitution, -reorganisation oder -kompensation.

5.4.5 Wirkmechanismen auf verschiedenen Ebenen am Beispiel der körperlichen Aktivität

Ein zentrales Forschungsziel ist es, den kausalen Effekt von Trainingsmaßnahmen auf bestimmte kognitive Leistungsbereiche (bspw. Lernen und Gedächtnis) zu untersuchen. Dabei kann es mehrere Wirkmechanismen geben, die (auch simultan) auf verschiedenen Ebenen stattfinden bzw. analysiert werden können. Stillman et al. (2016) haben in einem Übersichtsartikel dargestellt, wie körperliche Aktivität über verschiedene Mechanismen und/oder Wirkebenen einen positiven Einfluss auf neurokognitive Funktionen hat. Auf der molekularen und zellulären Ebene kann körperliche Aktivität die Wirkung und Anzahl von Wachstumsfaktoren (bspw. des »brain-derived neurotropic factor«) erhöhen (molekulare Mechanismen) sowie die Neubildung von Blutgefäßen, Nervenzellen und Synapsen anregen (zelluläre Mechanismen). Diese basalen Mechanismen nehmen bei der Langzeitpotenzierung im Hippocampus eine wichtige Rolle ein und bilden damit eine zentrale Grundlage für basale Lern- und Gedächtnisprozesse (Duzel et al. 2016). Auf der Gehirnebene werden zum einen strukturelle Veränderungen (bspw. Volumenveränderungen in der sogenannten weißen oder grauen Substanz) als auch funktionale Veränderungen (wie z. B. erhöhte Aktivierung) untersucht. Ein zentraler Befund ist, dass körperliche Aktivität mit einer Volumenzunahme der grauen Substanz (Erickson et al. 2009; Weinstein et al. 2012) und der weißen Substanz (Oberlin et al. 2016) im Hippocampus und präfrontalen Kortex einhergeht. Zudem finden sich Hinweise, dass körperliche Aktivität mit einer Erhöhung der funktionalen Konnektivität (d. h. Kommunikationsfähigkeit) zwischen spezifischen präfrontalen Gehirnregionen (Voss et al. 2010) assoziiert ist. Diese Veränderungen in der Funktion und Struktur von spezifischen Gehirnregionen sind wiederum mit einer erhöhten Leistung in Gedächtnis- und exekutiven Funktionen assoziiert. Allerdings zeigen neuere Befunde, dass Plastizität nicht zwangsläufig mit einer Phase erhöhter Synapsenbildung und erhöhter Volumenzunahme verbunden ist, sondern sich sublimer zeigen kann (Lindenberger et al. 2017). Auf eine initiale Phase der »Expansion«, kann eine Phase der erfahrungsbasierten, selektiven Stabilisierung von relevanten Synapsen folgen, in der funktionale und strukturelle Veränderungen über die Zeit »re-normalisiert« werden und die erworbene Leistungssteigerung bestehen bleibt (Wenger et al. 2017). Auf der Verhaltens- und sozioemotionalen Ebene können zahlreiche Verhaltensweisen (bspw. Schlafqualität und -dauer), emotionale Stimmungslagen (bspw. Depressivität) sowie Motivationslagen als potenzielle Mechanismen betrachtet werden, die den Zusammenhang zwischen physischer Aktivität und kognitivem Leistungsstand vermitteln können. Obwohl es auf dieser Wirkebene erst wenig Forschung gibt, zeigen sich jedoch bereits vereinzelte Hinweise darauf, dass physische Aktivität sowohl mit besserer Schlafqualität als auch besseren exekutiven Funktionen und einer höheren mentalen Verarbeitungsgeschwindigkeit in Zusammenhang steht. Zudem zeigte sich, dass Schlafqualität den Zusammenhang zwischen physischer Aktivität und kognitiven Leistungsmaßen statistisch vermittelt (Wilckens et al. 2016).

Die spezifischen Mechanismen auf diesen verschiedenen Ebenen sind nicht notwendiger Weise voneinander unabhängig, sondern können in wechselseitigem Bezug zueinanderstehen. So können Veränderungen auf der molekularen Ebene direkte Auswirkungen auf die Verhaltens- oder sozioemotionalen Ebene (Stimmung, Motivation, Schlaf) haben, die wiederum direkt die kognitive Leistung beeinflussen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Großteil der bisherigen Studien vor allem korrelative Befundmuster aufgezeigt hat. Zukünftige Studien sollen vermehrt versuchen, kausale Mechanismen in Form von experimentell kontrollierten Trainingsstudien nachzuweisen.

5.4.6 Zusammenfassende Bewertung

Plastizität bildet die organismische Grundlage für Entwicklung. Der Mensch verfügt durch seine hohe Plastizität, d. h. seine immense Variabilität und Flexibilität im Verhalten und in der Ontogenese, über einen evolutionären Vorteil gegenüber anderen Spezies: Er kann sich den verschiedensten ökologischen und kulturellen Bedingungen anpassen und dabei erfahrungsbasiert seine Fähigkeiten selbst trainieren und anwenden. Vor allem profitiert er durch seine Fähigkeit, die Verhaltensstrategien Anderer zu imitieren und andere zu instruieren. Dabei hängt das kognitive Leistungsvermögen eines Menschen sowie dessen Plastizität hängen von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen spielen genetische Aspekte eine Rolle, welche den Leistungs- und Plastizitätsspielraum abstecken. Zum anderen hängt das individuelle Leistungspotenzial von den Anregungen und Informationen aus der Umwelt ab als auch davon, ob und inwiefern diese situationsadäquat und effektiv genutzt werden. Solche Anpassungen an die Umwelt können zu positiven wie auch negativen Entwicklungsergebnissen führen.

Zudem können Befunde zur Entwicklung eines Menschen im Zusammenhang mit dem jeweiligen Studiendesign diskutiert werden. Das Defizitmodell, das sich vor allem auf die Befundmuster klassischer Querschnittsanalysen stützt, zeichnet ein zu pessimistisches Bild des kognitiven Alterns. Legt man Längsschnitt- sowie Trainingsstudien zur Beurteilung des Entwicklungsverlaufs zugrunde, so ergibt sich ein optimistischeres und dynamischeres Bild und die umwelt- und übungsabhängige Variabilität von Entwicklung zwischen und innerhalb von Personen kommt zum Vorschein. Zur Beurteilung von allgemeinen und differenziellen Entwicklungsverläufen sind heutzutage methodische Mischansätze aus Quer- und Längsschnittuntersuchungen, Trainingsstudien als auch neurowissenschaftliche Methoden (bspw. bildgebende Verfahren) angezeigt, wie vor allem auch die simultane Erfassung von Trainingseffekten und deren wechselseitige Bedingtheit. Zusätzlich muss es verstärkt darum gehen, wirksame Trainingsprogramme zu optimieren, die die Effekte von schon wirksamen Programmen mittels kombinierter Vorgehensweisen noch steigern (Gheysen et al. 2018).

Betrachtet man das Konzept der Plastizität abschließend, so wird die Bedeutungsvielfalt und die potenzielle Erklärungsmächtigkeit offensichtlich. Plastizität wird im Zusammenhang mit normaler lebensumspannender Entwicklung benutzt, also mit Funktionsverbesserungen in Zusammenhang gebracht, wie sie durch Trainingsprogramme für normal alternde Personen in vielen Bereichen studiert und nachgewiesen werden. Im Zentrum dieses Forschungsansatzes stehen das normale Altern und die Frage der Zwangsläufigkeit der dabei vielfach beobachtbaren alterskorrelierten Einschränkungen. Das Konzept findet aber auch Anwendung, wenn es um den Erwerb neuer Fertigkeiten im Alter geht. Diese Möglichkeit ist zentral im Zusammenhang mit der ausgedehnteren beruflichen Phase besonders wichtig, welche die kontinuierliche Weiterentwicklung des beruflichen Wissens und Könnens verlangt. Und schließlich wird Plastizität im Zusammenhang mit (neuro-)therapeutischen Maßnahmen für alte Menschen genutzt. Dabei ist das Konzept mit großen therapeutischen Hoffnungen verknüpft, auch zentralnervöse Regenerationen (zumindest teilweise) erreichen zu können.

Wichtiges Ziel zukünftiger Forschung muss es sein, die seit langem bemühte Vorstellung von Plastizität und ihrer unterschiedlichen Formen begrifflich sowie empirisch klarer zu bestimmen (Lövdén et al. 2010). Welche Grundtypen von Plastizität gibt es? Wie hängen diese zusammen? Verändern sie sich über die Lebensspanne unterschiedlich? Gibt es eine funktionsabhängige, altersabhängige Plastizität? Ist Plastizität vom Ausgangsniveau abhängig oder nicht? Wie drückt sich Plastizität auf der Gehirnebene aus? Wie dauerhaft sind durch Training herbeigeführte Veränderungen und welche Mechanismen liegen diesen zugrunde (Teil- bzw. Wiederherstellungen von Funktionen; kompensatorischen Prozessen)? Solche Forschungsbemühungen werden weiter angestrengt, um eine vollständigere Beschreibung und Erklärung von menschlichen Entwicklungsverläufen zu erreichen. Dies mag helfen, optimale Formen des Trainings, der Umweltstimulation und der Rehabilitation zu finden, um den Plastizitätsspielraum auch im Alter zu maximieren.

5.4.7 Konsequenzen für Prävention, Therapie und Rehabilitation

Auf der Basis der vorliegenden Einsichten zur Plastizität des menschlichen Organismus können einzelne Schlussfolgerungen für Prävention, Therapie und Rehabilitation gezogen werden:

Um Funktionseinbußen präventiv zu begegnen ist kontinuierliches, lebenslanges Lernen erforderlich und – vor dem Hintergrund der andauernden Plastizität von Organismen – erfolgversprechend. Ferner sind kontinuierliche Übung und Nutzung der wichtigen vorhandenen geistigen Fähigkeiten erforderlich, deren Funktionsniveau sich mit steigendem Lebensalter stärker zwischen Individuen unterscheidet. Voraussetzungen für fast alle Arten von Lernen, Entwicklung und Aufrechterhaltung von Funktionen sind dabei eine hohe Motivation, ein positiver emotionaler Zustand des Lernenden sowie günstige Anregungs-bzw. Lernbedingungen, in Kombination mit informativem Feedback. Überall da, wo diese personenbezogenen und umweltabhängigen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens und der Aufrechterhaltung des Erlernten nicht gegeben sind, ist auch eine hohe Plastizität des Organismus für dessen erfolgreiche Anpassung nicht hinreichend gegeben.

Betrachtet man therapeutische Maßnahmen mit Blick auf das Plastizitätskonzept, so lässt sich feststellen, dass hier das optimale Timing einer therapeutischen Maßnahme – bezogen auf ein kritisches Ereignis wie z. B. einen Schlaganfall oder Unfall – eine wesentliche Rolle spielt. Traditionell setzen therapeutische Maßnahmen vor allem direkt an der Funktion an (z. B. Logopädie, Krankengymnastik) und werden pharmakologisch unterstützt (z. B. medikamentöse Stimulation). Um die Plastizität des Organismus optimal zu nutzen, werden in jüngerer Zeit auch neurochirurgische Maßnahmen für die (Teil-)Wiederherstellung von Funktionen eingesetzt (z. B. Implantierung von einzelnen Neuronen zur Versorgung mit Neurotransmittern) sowie neuro-therapeutische Interventionen genutzt, die auch an Gehirnprozessen ansetzen (z. B. Biofeedback-Methode). In diesem Bereich lässt sich also eine zunehmende Kombination von verhaltensbezogener zu neuraler Therapie feststellen.

Bei der Betrachtung von organismischer Plastizität in Zusammenhang mit Rehabilitation ist die Unterscheidung zwischen Restitution und Kompensation wichtig. Nicht jede Rehabilitationsmaßnahme muss bzw. kann das Ziel verfolgen, die ursprüngliche Funktion wiederherzustellen. Wirksam sind auch Kompensationsmaßnahmen, durch die eingeschränkte oder verloren gegangene Funktionen ersetzt werden können. Hier ist einerseits an technische Hilfsmittel zu denken (z. B. externe Gedächtnishilfen; Roboter, die alltägliche Teilfunktionen übernehmen) oder an den Erwerb neuer Fertigkeiten, die alte Fertigkeiten substituieren können (z. B. Erlernen der Blindenschrift bei Erblindung). Ebenso an intrapsychische Kompensationsmechanismen, mittels derer beispielweise eine starke, vorhandene psychische Funktion vermehrt genutzt wird, um eine schwächer werdende psychische Funktion zu unterstützen (z. B. vermehrte Nutzung des lange stabilen impliziten Gedächtnisses, wenn das explizite Gedächtnis bei Patienten mit Alzheimer-Demenz zunehmend seine Funktionstüchtigkeit verliert).

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5.5 Kognitive Reserve
Christine Hildesheim, Pablo Toro und Johannes Schröder
5.5.1 Einleitung

Kognitive Reserve bezeichnet das Potenzial des Gehirns, Schädigungen, wie sie etwa bei chronischen Hirnerkrankungen (z. B. Alzheimer-Demenz, Kap. 14) auftreten, bis zu einem gewissen Grad kompensieren zu können. Konkret wird angenommen, dass derartige Veränderungen bei Personen mit höherer kognitiver Reserve länger kompensiert werden können. Sowohl in der Forschung als auch in der klinischen Praxis hat das Reservekonzept in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Im Rahmen der klinischen Demenzdiagnostik wird deshalb vielfach ein besonderes Augenmerk auf die bestehenden Ressourcen und die kognitive Reservekapazität des Patienten gelegt, wobei neben dem Bildungsweg insbesondere Aktivitätsvariablen von Interesse sind. Dieses Kapitel nähert sich dem Thema »kognitive Reserve« mit einem Überblick über die aktuelle Forschungsdiskussion hinsichtlich primärpräventiver Maßnahmen für die Alzheimer-Demenz, da potenzielle Schutzfaktoren in der Literatur zunehmend vor dem Hintergrund des Reservekonzepts diskutiert werden. Im Folgenden wird zunächst die Theorie der kognitiven Reserve erläutert, um im Anschluss aktuelle Forschungsergebnisse aus der Epidemiologie vorzustellen, die sich auf dieses Konzept beziehen.

Angesichts der gestiegenen Lebenserwartung und des demografischen Wandels wird in den kommenden Jahren ein deutlicher Anstieg der Prävalenz altersassoziierter Erkrankungen – u. a. der Alzheimer-Demenz – prognostiziert. Schätzungen gehen davon aus, dass die weltweite Prävalenz der Demenzfälle von 50 Millionen im Jahr 2018 auf 152 Millionen im Jahr 2050 ansteigen wird (Alzheimer’s Disease International 2018), sofern entscheidende Durchbrüche hinsichtlich der Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten ausbleiben. Neuere Forschungsbefunde geben allerdings interessante Hinweise darauf, dass die Demenzprävalenz nicht direkt mit der verlängerten Lebenszeit assoziiert ist, sondern dass diesbezüglich erhebliche Kohorteneffekte bestehen. In einer Studie von Skoog et al. (2017) wurden zwei Geburtskohorten, die zwischen 1901–1902 bzw. 1923–1924 geboren wurden, hinsichtlich ihrer Demenzprävalenz im Alter von jeweils 85 Jahren miteinander verglichen. Die Autoren konnten für die jüngere Kohorte eine Demenzprävalenz von 21,7 % feststellen, wohingegen die Prävalenz für die ältere Kohorte 29,8 % betrug. Dieser Effekt wurde für den deutschsprachigen Raum anhand der Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE) bestätigt, in der Angehörige aus den Geburtsjahrgängen 1930–1932 und 1950–1952 jeweils im Alter von etwa 65 Jahren verglichen wurden. Dabei war die jüngere Geburtskohorte durch bessere neurokognitive Leistungen und ein erheblich geringeres Risiko gegenüber der leichten kognitiven Beeinträchtigung ausgewiesen (Schröder 2018). Diese Effekte konnten statistisch zu einem großen Teil durch ein signifikant höheres Bildungsniveau in den jüngeren Kohorten erklärt werden – ein Befund, der für die Möglichkeit einer signifikanten Beeinflussung des Demenzrisikos durch Bildung und damit vergesellschaftete Merkmale spricht.

Tatsächlich konnten bereits zahlreiche epidemiologische Studien einen signifikanten Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Demenzrisiko feststellen (Fratiglioni und Wang 2007). In den entsprechenden Studien fällt das Demenzrisiko für Probanden mit einem höheren Bildungsniveau signifikant geringer aus. Neben dem Bildungsgrad werden zahlreiche weitere potenzielle Einflussfaktoren diskutiert, die das Demenzrisiko im Alter signifikant beeinflussen sollen. Hierzu zählen neben nicht beeinflussbaren Faktoren – wie genetische Polymorphismen – vor allem individuell gestaltbare Faktoren, die dem eigenen Verhalten zugänglich und hierdurch modifizierbar sind. In diesem Zusammenhang wird u. a. der potenzielle Einfluss der individuellen Freizeitgestaltung, des sozioökonomischen Status, aber auch kognitiver Anforderungen im Beruf und Mehrsprachigkeit (Kowoll et al. 2015, 2016) sowie des Gesundheits- und Ernährungsverhaltens diskutiert (Schröder und Pantel 2011). Als theoretischer Rahmen wird hierbei zunehmend das Konzept der kognitiven Reserve für die Präventionsdiskussion ( Kap. 56) herangezogen, das im Folgenden vorgestellt wird.

5.5.2 Theorie der kognitiven Reserve

Die Hypothese der kognitiven Reserve leitet sich aus der klinischen Beobachtung ab, dass die klinische Symptomatik und die kognitiven Defizite bei demenziellen Erkrankungen nur bedingt mit dem Ausmaß der zerebralen Veränderungen korrespondieren. So untersuchten zahlreiche MRT-Studien die Zusammenhänge zwischen deklarativen Gedächtnisdefiziten als Kardinalsymptom der Alzheimer-Demenz und atrophischen Veränderungen des Hippocampus wie sie in zahlreichen neuropathologischen Studien beschrieben wurden. Die MRT-Studien bestätigten hochsignifikante Korrelationen zwischen Gedächtnisdefiziten und hippocampalen Veränderungen, die jedoch nur einen relativ kleinen Anteil der Varianz erklärten (Pantel und Schröder 2006): Führen einerseits schon relativ geringfügige Volumenverluste des Hippocampus bei manchen Betroffenen zu schweren Gedächtnisdefiziten, können derartige Veränderungen bei anderen noch lange kompensiert bleiben, sodass vergleichbare neuropsychologische Defizite erst später im Verlauf entstehen. Diese Zusammenhänge sind gerade bei der Interpretation hippocampaler und anderer zerebraler Veränderungen in der klinischen Demenzdiagnostik zu beachten (Schröder und Pantel 2016) und machen den Rückschluss vom Ausmaß hippocampaler Veränderungen auf das klinische Zustandsbild zumal bei beginnenden Demenzen schwierig.

In einer schon als klassisch zu bezeichnenden Studie beschrieben Alexander et al. (1997) die Effekte der prämorbiden Intelligenz auf die Zusammmenhänge zwischen neuropsychologischen Defiziten und Hirnveränderungen. Hierzu wurde der zerebrale Glukoseumsatz in Positronenemissiontomografien (PET) mit Fluordesoxyglukose als Tracer bei 46 Patienten mit Alzheimer-Demenz untersucht. Die Studie ergab unter Berücksichtigung des Schweregrades der demenziellen Symptomatik umgekehrte Zusammenhänge zwischen prämorbiden Intelligenzniveau und einer verringerten Glukoseaufnahme im anterioren Cingulum, frontalen und parietalen Kortizes sowie rechten Thalamus. Bei Betroffenen mit hoher prämorbider Ausgangsbegabung führten demnach erst stärker ausgeprägte Hirnveränderungen zu Defiziten; die dagegen bei Betroffenen mit einem geringeren Ausgangsniveau schon bei kleineren Veränderungen entstanden. Damit konnten Alexander et al. erstmals die zerebrale Grundlage der kognitiven Reserve fassen. Ein hohes intellektuelles Ausgangsniveau erhöht demnach die Fähigkeit des Gehirns, Veränderungen zu kompensieren. Dieser Zusammenhang korrespondiert zwanglos mit dem oben diskutierten Rückgang des Demenzrisikos der in epidemiologischen Studien in Abhängigkeit von einer verbesserten Schulbildung bzw. eines höheren kognitiven Aktivitätsniveaus bei jüngeren Geburtsjahrgängen beschrieben wurde.

Die physiologischen Mechanismen, die diesen Effekten zugrunde liegen, sind nur in Umrissen bekannt. Untersuchungen mit funktionellen bildgebenden Verfahren ergaben eine Ökonomisierung der Hirnaktivierung unter Training. Erhöhte Anforderungen, etwa im Rahmen eines kognitiven Trainings, führen demnach zu Leistungsverbesserungen bei gleichbleibender bzw. sogar verringerter Hirnaktivierung (Übersicht in: Degen und Schröder 2014); ein Mechanismus, der zumindest hypothetisch auch die Kompensationsfähigkeit des Gehirns erhöhen könnte. Tatsächlich wurde ein solcher Ökonomisierungseffekt nicht nur bei Gesunden, sondern auch Patienten mit Alzheimer-Demenz unter Training beschrieben (Huntley et al. 2017).

Verschiedene theoretische Modelle versuchen, die interindividuellen Unterschiede hinsichtlich der Kompensationsfähigkeit des Gehirns zu erklären. In diesem Zusammenhang werden passive und aktive Modelle unterschieden, die die Kompensationsfähigkeit des Gehirns entsprechend entweder als passiven oder aktiven Prozess verstehen (Stern 2002).

5.5.2.1 Passive Kompensation und zerebrale Reserve

Passive Modelle gehen von der Hypothese aus, dass sich Gehirne bzgl. struktureller Merkmale voneinander unterscheiden, die ihre Kompensationsmöglichkeiten determinieren. Nach dieser Theorie können Gehirne mit einer günstigeren »Hardware-Ausstattung« Schädigungen besser bzw. länger kompensieren. Zu den strukturellen Merkmalen zählen beispielsweise die Größe, die Synapsen- oder Neuronendichte des Gehirns. In diesem Zusammenhang wird auch von der sogenannten zerebralen Reserve des Gehirns gesprochen (Stern 2006, 2009). Jenseits einer kritischen Schwelle können die zerebralen Reservekapazitäten Veränderungen jedoch nicht mehr auffangen, sodass sich dann die demenzielle Symptomatik klinisch manifestiert.

5.5.2.2 Aktive Kompensation und funktionelle Reserve

Aktive Modelle nehmen dagegen an, dass das Zentralorgan aktiv auf pathologische Veränderungen reagiert, indem es zum einen bereits bekannte kognitive Verarbeitungsstrategien nutzt und zum anderen aber auch neue Kompensationsstrategien entwickelt. Nach Stern (2009) kann das Gehirn zunächst auf die sogenannte neuronale Reserve zurückgreifen. Diese zeichnet sich u. a. durch interindividuelle Unterschiede hinsichtlich der Effizienz und Flexibilität von Gehirnnetzwerken aus. Reicht die neuronale Reserve zum Ausgleich der entstandenen Schädigungen nicht mehr aus, kommt die neuronale Kompensation zum Tragen. Hierbei werden durch das Gehirn Netzwerke rekrutiert, die bei gesunden Menschen typischerweise nicht für entsprechende Aufgaben genutzt werden, um die kognitive Funktionsfähigkeit so lange wie möglich aufrechtzuerhalten ( Kasten 5.1). Die aktuelle Diskussion geht von der Hypothese aus, dass sich die kognitive Reservekapazität aus mehreren heterogenen »Software-Variablen« zusammensetzt. In diesem Zusammenhang werden auf der Grundlage epidemiologischer Studienergebnisse verschiedenste Einflussfaktoren – u. a. Schulbildung, Mehrsprachigkeit, sozioökonomischer Status, kognitive Anforderungen im Beruf und Aktivitätsvariablen – diskutiert. Einzelbefunde sprechen für die Hypothese, dass die entsprechenden Faktoren das Demenzrisiko im Alter signifikant beeinflussen und damit vermutlich auch zur sogenannten funktionellen kognitiven Reservekapazität beitragen. Bislang ist allerdings unklar, welche Variablen die kognitive Reserve im Alter genau beeinflussen, und ob ein Hauptfaktor Letztere entscheidend determiniert. Im Folgenden werden die aktuellen Forschungserkenntnisse zu potenziellen Risiko- und Schutzfaktoren für die Alzheimer-Demenz zusammengefasst und vor dem Hintergrund des kognitiven Reservekonzepts diskutiert.

Kasten 5.1: Definition der zerebralen Reserve, kognitiven Reserve, neuronalen Reserve und neuronalen Kompensation (nach Stern 2009)

Zerebrale Reserve (brain reserve)

Interindividuelle Unterschiede im Gehirn führen dazu, dass manche Menschen Gehirnschädigungen besser kompensieren können als andere. Diese Unterschiede sind quantitativer Art und äußern sich z. B. in einem größeren Gehirn oder einer höheren Neuronen- bzw. Synapsenanzahl. Zusätzlich können Lebens- und Lernerfahrungen aber auch Erkrankungen die Anatomie des Gehirns beeinflussen – positiv durch Neurogenese, Angiogenese und neuronale Plastizität; negativ durch Veränderungen etwa bei Bluthochdruckerkrankungen oder Diabetes mellitus II.

Kognitive Reserve (cognitive reserve)

Interindividuelle Unterschiede bzgl. der Art und Weise der Aufgabenverarbeitung führen dazu, dass manche Menschen Gehirnschädigungen besser kompensieren können als andere.

• Neuronale Reserve (neural reserve): Interindividuelle Variabilität hinsichtlich der Gehirnnetzwerke, die für die Aufgabenverarbeitung gesunder Gehirne wichtig sind – z. B. unterschiedliche Effizienz, Kapazität oder Flexibilität. Personen, deren Netzwerke effizienter, flexibler oder von höherer Kapazität sind, sollten demnach Gehirnschädigungen besser kompensieren können.

• Neuronale Kompensation (neural compensation): Interindividuelle Variabilität in der Fähigkeit, Gehirnschädigungen zu kompensieren, wenn die Standardnetzwerke, die physiologisch bei Gesunden in Anspruch genommen werden, nicht mehr funktionieren. Diese Kompensation kann dazu beitragen, die kognitive Leistung aufrechtzuerhalten bzw. zu verbessern.

5.5.3 Prävention demenzieller Erkrankungen: Risiko- und Schutzfaktoren

Die Prävention demenzieller Erkrankungen ( Kap. 5.11.4) kann auf drei unterschiedlichen Ebenen ansetzen (Schröder und Pantel 2011). Maßnahmen zur Primärprävention haben zum Ziel, Neuerkrankungen gesunder alter Menschen in der Allgemeinbevölkerung abzuwenden. Primärpräventive Maßnahmen bestehen daher im Wesentlichen in der Reduktion von Risikofaktoren bzw. der Aktivierung von Schutzfaktoren. Während primärpräventive Maßnahmen die gesunde Allgemeinbevölkerung ansprechen, wenden sich sekundärpräventive Maßnahmen an Risikopopulationen; im Falle der Alzheimer-Demenz Patienten mit der Diagnose einer leichten kognitiven Beeinträchtigung. Diese sollen vor einem fortschreitenden Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit und der Konversion zur manifesten Demenz geschützt werden. Tertiäre Präventionsstrategien, die das Fortschreiten einer Demenz verhindern sollen, haben bereits manifest erkrankte Patienten als Zielgruppe.

Grundsätzlich lassen sich die aktuell in der Literatur diskutierten Risiko- und Schutzfaktoren für demenzielle Erkrankungen in beeinflussbare und nicht beeinflussbare sowie direkte und indirekte Einflussfaktoren unterteilen ( Tab. 5.1). Hierbei können direkte Risikofaktoren – z. B. erhöhte Cholesterinwerte – durch indirekt wirksame Risikofaktoren – z. B. das Alter – beeinflusst werden. Anhand des Kriteriums, inwiefern diese durch das eigene Verhalten steuerbar sind, lassen sich die indirekt wirksamen Risikofaktoren außerdem in beeinflussbare (z. B. Freizeitverhalten, Ernährung) und nicht beeinflussbare (z. B. Alter, Geschlecht) Faktoren unterteilen (Schröder und Pantel 2011).

Tab. 5.1: Modell der Einflussfaktoren für kognitive Einschränkungen, Leistungsfähigkeit und kognitive Reserve (modifiziert nach Schröder und Pantel 2011)


Indirekte FaktorenDirekte FaktorenVeränderungen im Gehirn

Die wesentlichen Forschungsergebnisse zu potenziellen Risiko- und Schutzfaktoren für die Alzheimer-Demenz werden im Folgenden zusammengefasst. Hierbei wird der Schwerpunkt auf Bildung, sozioökonomischen Status und Freizeitaktivitäten gelegt, da diese Variablen dem eigenen Verhalten zugänglich sind und als potenzielle Aspekte der kognitiven Reserve im Alter diskutiert werden. Für eine ausführliche Übersicht über weitere Risiko- und Schutzfaktoren sei auf Schröder und Pantel (2011) verwiesen.

5.5.3.1 Bildung

Als indirekt wirksamer und dem eigenen Verhalten zugänglicher Einflussfaktor wird in der Literatur vor allem der Bildungsgrad diskutiert (Schröder und Pantel 2011). In zahlreichen epidemiologischen Studien konnte bislang eine Korrelation zwischen höherem Bildungsniveau und geringerem Demenzrisiko festgestellt werden (u. a. Anttila et al. 2002; Lindsay et al. 2002; Ngandu et al. 2007; Sattler et al. 2012). In den entsprechenden Studien fallen sowohl das Inzidenz- als auch das Prävalenzrisiko der Alzheimer-Demenz für Personen mit höherer Bildung signifikant geringer aus (Review: Fratiglioni und Wang 2007).

Im Rahmen der Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE) wurden Probanden einer repräsentativen Geburtskohorte (*1930–1932) über einen zwölfjährigen Studienzeitraum zu drei Messzeitpunkten hinsichtlich ihrer Altersentwicklung miteinander verglichen (t1: 1993–1996, t2: 1997–2000, t3: 2005–2008; für eine ausführliche Darstellung der Studie s. Sattler et al. 2015). Probanden mit hohem Bildungsgrad (< 15 Bildungsjahre) wiesen hierbei gegenüber Personen mit niedrigem Bildungsgrad (> 10 Bildungsjahre) ein um 88 % reduziertes Risiko auf, im Studienverlauf an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (LKB, Kap. 14) bzw. Alzheimer-Demenz (AD) zu erkranken. Darüber hinaus konnte auch gegenüber Personen mit einem mittleren Bildungsgrad (10–15 Bildungsjahre) ein um 79 % geringeres LKB-/AD-Risiko festgestellt werden (Sattler 2012).

Diese und weitere Studienergebnisse sprechen dafür, dass selbst so früh im Lebenslauf erworbene Ressourcen wie das Bildungsniveau das Demenzrisiko im Alter beeinflussen können. Le Carret et al. (2003) schlugen vor, dass der Bildungsgrad das Ausmaß an früher kognitiver Stimulation des Gehirns widerspiegelt, die wiederum die kognitive Leistungsfähigkeit und deren zerebrale Korrelate nachhaltig beeinflusst. Entsprechend gehen zahlreiche Studien davon aus, dass Bildung den Hauptaspekt der funktionellen kognitiven Reservekapazität darstellt, und nutzen das Bildungsniveau daher als Surrogat für die kognitive Reserve (Stern 2002).

Bilingualität ist ein wichtiger Aspekt höherer Bildung und kann nach klinischen Studien den Verlauf demenzieller Erkrankungen günstig beeinflussen (Kowoll et al. 2015). In einer PET-Studie war Bilingualität zudem mit einem geringeren Glukoseumsatz in frontotemporalen und parietalen Kortizes sowie im linken Kleinhirn unter Berücksichtigung des Schweregrades der demenziellen Symptomatik und des Bildungsgrades assoziiert (Kowoll et al. 2016). Dieser Befund lässt erwarten, dass Bilingualität die kognitive Reserve erhöht, indem die Betroffenen Hirnveränderungen länger kompensieren können. Umgekehrt beschrieben Stern et al. (1999), ungünstigere Verläufe mit schnellerer Progression bei Alzheimer-Patienten mit einer hohen kognitiven Reserve ab Manifestation der Symptomatik gegenüber Patienten mit niedrigerer Reserve. In diesem Zusammenhang wird angenommen, dass bei hoher kognitiver Reserve zum Zeitpunkt der Manifestation erster klinischer Symptome bereits stärkere atrophische Hirnveränderungen vorlägen, woraus ein ungünstiger Krankheitsverlauf entstünde (Bruandet et al. 2008).

Zusammenfassend sprechen bisherige Forschungsbefunde konsistent für einen wesentlichen Beitrag des früh erworbenen Bildungsniveaus zur kognitiven Reservekapazität im Alter. Doch auch später im Lebenslauf gestaltbare Faktoren können das Demenzrisiko im höheren Erwachsenenalter beeinflussen, wie die folgenden Abschnitte zum sozioökonomischen Status und Freizeitverhalten zeigen.

5.5.3.2 Sozioökonomischer Status

Während der Zusammenhang zwischen Bildung und Demenzrisiko über die meisten epidemiologischen Studien hinweg konsistent bestätigt wird, sind die Forschungsergebnisse zum Einfluss des sozioökonomischen Status (SES) als uneindeutig zu bewerten. So sprechen sich sowohl Studien für (u. a. Anttila et al. 2002) als auch gegen (u. a. Wilson et al. 2005) eine protektive Funktion eines hohen SES hinsichtlich des Demenzrisikos aus (Review: Fratiglioni und Wang 2007). Eine Erklärung für die uneindeutigen Ergebnisse könnte in der äußerst heterogenen Definition und Operationalisierung des SES begründet sein. Während einige Studien z. B. den SES in der Kindheit anhand der beruflichen Stellung der Eltern rekonstruieren, beziehen sich andere Autoren auf die finanzielle Situation ihrer Probanden im Erwachsenenalter. Neben der beruflichen Stellung werden außerdem häufig Bildung und Haushaltseinkommen als Maß für den SES genutzt (Fratiglioni und Wang 2007).

Im Rahmen der ILSE-Studie wurde der SES anhand des Gesamtnettohaushaltseinkommens der Probanden zum ersten Messzeitpunkt bestimmt. Die Teilnehmer wurden hierbei entsprechend ihrer Angaben in die drei Gruppen hoher (< 4000 DM), mittlerer (2000–4000 DM) oder niedriger (> 2000 DM) SES eingeteilt. In den längsschnittlichen Analysen konnte für Probanden mit einem hohen SES im Vergleich zu Probanden mit einem niedrigen SES ein um 78 % geringeres LKB-/AD-Risiko im Verlauf des zwölfjährigen Untersuchungszeitraums festgestellt werden. Darüber hinaus fiel das entsprechende Risiko für Probanden mit einem hohen gegenüber mittleren SES um 59 % geringer aus. Der protektive Effekt eines hohen gegenüber einem niedrigen Haushaltseinkommen blieb auch unter Berücksichtigung des Bildungsniveaus der Teilnehmer signifikant (Sattler 2012). Ob und in welchem Ausmaß der SES die funktionelle Reserve und das Demenzrisiko im Alter beeinflusst, bleibt aufgrund der heterogenen Studienlage dennoch insgesamt fraglich. Demgegenüber wurden protektive Effekte kognitiver Anforderungen im Beruf (Stern et al. 1999) auch im deutschsprachigen Raum klar bestätigt (Then et al. 2015).

5.5.3.3 Freizeitaktivitäten

Freizeitaktivitäten werden in der aktuellen Forschungsliteratur als indirekt wirksame, dem eigenen Verhalten zugängliche Einflussfaktoren auf das Demenzrisiko im Alter diskutiert (Schröder und Pantel 2011). Hauptanliegen ist die Identifikation von protektiven aber auch risikobehafteten Verhaltensweisen, um hieraus potenzielle primärpräventive Maßnahmen ableiten zu können. Epidemiologische Studien geben Hinweise darauf, dass sowohl die Quantität als auch die Qualität von Freizeitaktivitäten mit dem Demenzrisiko assoziiert sind.

In der Forschungsliteratur werden meist kognitive, körperliche und soziale Aspekte von Freizeitaktivitäten differenziert (u. a. Wilson et al. 2002). In einer Längsschnittstudie von Karp et al. (2006) wurde festgestellt, dass Freizeitaktivitäten, die mindestens zwei dieser Aspekte beinhalten sich besonders günstig auf das Demenzrisiko auswirken. Nach einem Review von Fratiglioni und Wang (2007) scheint vor allem eine Kombination aus kognitiven, körperlichen und sozialen Freizeitkomponenten protektive Effekte aufzuweisen. Ein Beispiel für eine solche Freizeitaktivität ist das Tanzen, das üblicherweise in einem sozialen Kontext erfolgt und nicht nur körperlich, sondern auch kognitiv aktiviert, da beim Erlernen neuer Tanzschritte kognitive Prozesse angeregt werden. Auch in der ILSE-Studie wurde der potenzielle Einfluss von kognitiven, körperlichen und sozialen Freizeitaktivitäten auf das LKB-/AD-Risiko untersucht. Die Probanden wurden zum ersten Messzeitpunkt gebeten, Angaben zu ihrem aktuellen und früheren Freizeitverhalten in Fragebogenform zu machen. Hierbei wurden sowohl kognitive (u. a. Kreuzworträtsel lösen) als auch soziale (u. a. Familientreffen) und körperliche (u. a. Sportaktivitäten) Aspekte berücksichtigt. Neben der Erhebung der Fragebogendaten erfolgte zusätzlich eine sportmotorische Untersuchung (u. a. muskuläre Kraft/koordinative Motorik), um die körperliche Fitness der Probanden objektiv messen zu können (für eine ausführliche Darstellung der Methodik s. Sattler et al. 2011, 2012; Sattler 2012).

Im Rahmen der statistischen Analysen konnten signifikante Unterschiede hinsichtlich des Freizeitverhaltens von Kontrollpersonen und Probanden, die im Studienverlauf eine LKB/AD entwickelten, festgestellt werden. Die Kontrollpersonen wiesen zum ersten Messzeitpunkt ein signifikant höheres Ausmaß an kognitiver Freizeitaktivität auf als die Patienten. Im Rahmen der sportmotorischen Untersuchung zeigte sich, dass Probanden, die eine Aufgabe zur koordinativen Motorik zum ersten Messzeitpunkt bewältigten, im Längsschnitt besser vor einer LKB bzw. AD geschützt waren. Hinsichtlich des Ausmaßes der selbst eingeschätzten körperlichen und sozialen Freizeitaktivität sowie der muskulären Kraft bestanden hingegen keine Gruppenunterschiede. Die Ergebnisse der ILSE sprechen somit zusammenfassend für einen signifikant protektiven Effekt von kognitiver Freizeitaktivität und körperlicher Fitness hinsichtlich des LKB-/AD-Risikos.

5.5.4 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

Angesichts des demografischen Wandels stehen epidemiologische Studien immer mehr vor der Herausforderung, Risiko- und protektive Faktoren im Vorfeld der Entstehung demenzieller Erkrankungen zu identifizieren. In der Literatur wird in diesem Zusammenhang zunehmend auf das Konzept der kognitiven Reserve verwiesen. Die kognitive Reserve bezeichnet eine vermutete Kapazität des Gehirns, Schädigungen – wie sie etwa bei Demenzen auftreten – bis zu einem gewissen Grad kompensieren zu können. Während protektive Effekte von Bildung und kognitiver Aktivität bereits in zahlreichen Studien bestätigt wurden, ist die Befundlage hinsichtlich anderer Faktoren – wie etwa dem sozioökonomischen Status – noch relativ uneindeutig.

Insgesamt besteht in der Forschungsliteratur bislang kein Konsens darüber, welche Variablen und individuellen Verhaltensweisen die kognitive Reserve im Alter determinieren und wie Letztere am besten definiert und operationalisiert werden sollte. So sind neben den hier diskutierten Faktoren sicherlich zusätzliche Variablen denkbar, die zur kognitiven Reserve beitragen könnten. Forschungsergebnisse sprechen bspw. dafür, dass auch sprachliche Fähigkeiten, Zweisprachigkeit oder der Erwerb von Fremdsprachen die kognitive Reserve nachhaltig beeinflussen könnten (Kowoll et al. 2016).

Die zusammenfassende Darstellung bisheriger Studienergebnisse zum Einfluss von Risiko- und protektiven Faktoren legt die Vermutung nahe, dass sowohl im frühen als auch im späteren Lebenslauf gestaltbare Ressourcen die kognitive Reserve und damit das Demenzrisiko im Alter nachhaltig prägen. Die Ergebnisse stellen einen wichtigen Ansatz für die Empfehlung von primärpräventiven Maßnahmen ( Kap. 56) auf der individuellen Verhaltensebene dar. Hierbei steht die Stärkung individueller Ressourcen – wie etwa der kognitiven und körperlichen Fitness – im Mittelpunkt. Für die Praxis der Altersmedizin, der Gerontopsychiatrie und interventionellen Gerontologie ist jedoch die Tatsache entscheidend, dass die kognitive Reserve auch im Alter durch individuell beeinflussbare Verhaltensweisen und Aktivitäten aufgebaut, gefördert und erhalten werden kann (siehe auch Hultsch et al. 1999). Als besonders wirkungsvoll können hier u. a. diejenigen Aktivitäten gelten, die sowohl kognitive Stimulation als auch körperlich-motorische Betätigung und soziale Interaktion miteinander verbinden.

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5.6 Entwicklung
Andreas Kruse
5.6.1 Einleitung

Entwicklungsprozesse im mittleren und höheren Erwachsenenalter sind erst vergleichsweise spät ein wichtiger Gegenstand entwicklungspsychologischer Forschung geworden. Die klassische Entwicklungspsychologie konzentrierte sich vielmehr auf das Beschreiben und Erklären von Veränderungen im Kindes- und Jugendalter; dies vor dem Hintergrund der Dominanz eines naturwissenschaftlichen Verständnisses von Entwicklung, demzufolge Veränderungen nur dann als Entwicklung zu beschreiben sind (bzw. Gegenstand entwicklungspsychologischen Interesses werden sollten), wenn sie als irreversibel, im Sinne einer »Entwicklungslogik« zwangsläufig, universell, invariant und durch einen qualitativ höherwertigen Endzustand begrenzt angesehen werden können. In seiner 1958 erschienen Arbeit zum Entwicklungsbegriff und zur Entwicklungstheorie hat Hans Thomae vorgeschlagen, Entwicklung als »Reihe von miteinander zusammenhängenden Veränderungen, die bestimmten Orten des zeitlichen Kontinuums eines individuellen Lebenslaufs zuzuordnen sind« (Thomae 1958, S. 29) zu definieren. Das hier vertretene historische Verständnis von Entwicklung bildet bis heute eine Grundlage (nicht nur) psychologischer Alternsforschung und erscheint als geeignet, um die aus der Sicht einer Entwicklungspsychologie der Lebensspanne zentralen Anforderungen an einen »modernen« Entwicklungsbegriff zu erläutern.

In diesem Zusammenhang ist zunächst hervorzuheben, dass die Definition von Thomae, anders als klassische Entwicklungsdefinitionen, nicht primär die Entfaltung und Ausdifferenzierung von Anlagen akzentuiert, sondern vielmehr lebenslange Veränderungen menschlichen Erlebens und Verhaltens stärker in das Zentrum des Forschungsinteresses rückt. Die Analyse von miteinander zusammenhängenden Veränderungen umfasst nicht nur im Erleben und Verhalten beobachtbare Veränderungen, sondern prinzipiell auch Veränderungen zweiter Ordnung (Brandtstädter 2007), also Veränderungen in den Mechanismen und Prozessen, die dem Erleben und Verhalten zugrunde liegen, womit prinzipiell auch die Erklärung von Stabilität (z. B. erhaltene Zufriedenheit trotz abnehmender Ressourcen und zunehmender Verluste) zu einem wichtigen Gegenstand entwicklungspsychologischer Analysen wird. Anders als in der traditionellen Entwicklungspsychologie und der Alltagssprache bezieht sich der Begriff Entwicklung im Kontext einer derartigen Definition nicht allein auf eine Veränderung zum Positiven, vielmehr sind Gewinne und Verluste gleichermaßen von Interesse, was zugleich für die Multidimensionalität von Entwicklungsprozessen sensibilisiert ( Kap. 5.1). Des Weiteren ist an der von Thomae vorgeschlagenen Definition hervorzuheben, dass der kulturelle und soziale Kontext berücksichtigt wird und damit den Einwänden, die in der Entwicklungspsychologie gegen eine Akzentuierung der chronologischen Zeit bei der Beschreibung psychischer Veränderungen im Kindes-, Jugend- und frühen Erwachsenenalter erhoben worden sind, Rechnung getragen wird: Mit dem Verweis auf den »individuellen Lebenslauf« können Entwicklungsprozesse über die Lebensspanne sowohl als Ergebnis sozialer Normierung oder kultureller Konstruktion ( Kap. 59) als auch als Ergebnis der individuellen Aufschichtung von Erfahrungen oder als das Resultat von Bemühungen um die Gestaltung eigener Entwicklung analysiert werden. Nicht zuletzt kann die von Thomae vorgeschlagene Definition für individuelle Unterschiede und die Heterogenität von Entwicklungsprozessen sensibilisieren.

5.6.2 Heterogenität von Entwicklungsprozessen und differenzielle Alternsforschung

Durch zahlreiche gerontologische Studien ist eindeutig belegt, dass sich alte Menschen sehr unterscheiden und äußerst unterschiedlich altern. Die genetische Ausstattung des Menschen allein ist für eine Erklärung des Alternsprozesses nicht hinreichend. Dieser ist – innerhalb des durch die genetische Ausstattung gesetzten Gestaltungsrahmens – wesentlich durch die physikalische, soziale und kulturelle Umwelt sowie durch im Lebenslauf entwickelte, geübte und erweiterte Fähigkeiten und Fertigkeiten beeinflusst, wobei Unterschiede in den Anlage- und Umweltbedingungen wahrscheinlich eher kumulativ wirken, interindividuelle Unterschiede im Lebenslauf also eher zu- als abnehmen. Dieser Trend wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass die gesellschaftliche Regulation des Lebens im Alter eher nachlässt und pathologische Entwicklungen den Prozess des »normalen Alterns« ( Kap. 5.1) in höheren Lebensaltern stärker überlagern. Für das Verständnis der Unterschiedlichkeit von Alternsprozessen ist es weiterhin wichtig, dass Menschen als Agenten eigener Entwicklung zu betrachten sind. Im individuellen Lebenslauf zu beobachtende Veränderungen spiegeln zu einem guten Teil vom Individuum selbst gesetzte, systematisch (weiter)verfolgte, an veränderte Umstände angepasste, gegebenenfalls auch aufgegebene Ziele wider. Die Entwicklung des Menschen spiegelt nicht lediglich das Zusammenwirken von Person- und Umweltbedingungen wider, Menschen suchen Entwicklungskontexte auch aktiv auf und gestalten diese mit (Heckhausen et al. 2019).

Zahlreiche Längsschnittstudien zeigen nicht nur, dass das Ausmaß an interindividuellen Unterschieden in physiologischen wie psychologischen Variablen mit zunehmendem Alter nicht abnimmt, sondern sie belegen auch die langfristigen und nachhaltigen Einflüsse von sozialer Schichtzugehörigkeit, Schulbildung oder Berufstätigkeit auf den Verlauf von Entwicklungsprozessen ( Kap. 5.6). Vor diesem Hintergrund hat sich in der Alternsforschung die Erkenntnis durchgesetzt, dass die vorliegenden Befunde über Konstanz und Veränderlichkeit im Erleben und Verhalten nicht durch eine einzige, allgemeine Alternstheorie erklärt werden können, sondern vielmehr nach spezielleren Theorien zu suchen ist, die sich in ihrem Erklärungsanspruch auf spezifische Alternsvorgänge, die zu spezifischen Zeitpunkten bei spezifischen Personengruppen zu beobachten sind, beschränken. Thomae differenziert in diesem Zusammenhang Alternsformen nach den Bedingungen ihres Entstehens in Alternsstile und Altersschicksale:

»Auf der einen Seite erscheinen diese als Ergebnis eines u. U. lebenslangen Stilisierungsprozesses, an dem die Person selbst aktiv teilnimmt, indem sie zwischen Alternativen des Verhaltens oder des ›Lebensstils‹ ›wählt‹, auf der anderen Seite werden die unterschiedlichen Varianten des Alternsvorgangs als Ergebnis sei es einer genetischen Vorprogrammierung, sei es als Folge der Kumulation von kurz- wie langzeitig wirksamen Sozialisationsprozessen gesehen, die mehr oder minder schicksalhaft über das Leben verfügen« (Thomae 1983, S. 48).

In den Sozialwissenschaften finden sich zahlreiche Beschreibungen von Alternsformen, die von den betroffenen Personen nicht gewählt werden können, sondern vielmehr als Altersschicksal hingenommen werden müssen. Hier sind kulturelle und kohortenspezifische Einflussfaktoren ebenso zu nennen wie bildungsspezifische, statusspezifische, geschlechtsspezifische oder ökologische Einflussfaktoren.

Die Bedeutung einer differenzierten Betrachtung von Formen des Alterns lässt sich auch am Beispiel des von Baltes und Baltes (1990) vorgeschlagenen Modells der selektiven Optimierung mit Kompensation (SOK-Modell) verdeutlichen. Dieses Modell zeichnet sich dadurch aus, dass es erfolgreiches Altern nicht durch normative Kriterien, sondern durch das Zusammenspiel von drei grundlegenden Prozessen bestimmt. Der Prozess der Selektion bezieht sich auf die Auswahl von Funktions- und Verhaltensbereichen und die damit verbundene Bündelung von (noch) vorhandenen Potenzialen und Ressourcen. In Übereinstimmung mit der jeweils gegebenen Konstellation von persönlichen Motiven, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Umweltanforderungen werden subjektiv weniger wichtige Ziele und Funktionsbereiche zugunsten persönlich wichtigerer Ziele und Funktionsbereiche aufgegeben. Der Prozess der Optimierung bezieht sich auf die Wahrung oder Verbesserung von Kompetenzen in spezifischen – im Falle einer selektiven Optimierung mit Kompensation zuvor ausgewählten – Funktionsbereichen. Der Prozess der Kompensation bezieht sich auf den Ausgleich verminderter Potenziale und Ressourcen. Durch die Selektion von Funktions- und Verhaltensbereichen und die gezielte Aufrechterhaltung oder Verbesserung der in diesen Bereichen bestehenden Ressourcen wird es dem Modell der selektiven Optimierung mit Kompensation zufolge möglich, die Auswirkungen initialer Defizite durch die Nutzung von zuvor nicht eingesetzten (teilweise auch zuvor nicht vorhandenen) Ressourcen zu mindern. Folgt man dem Modell, kann sogar der Verzicht auf Aktivität in spezifischen Funktions- und Verhaltensbereichen dazu beitragen, dass sich altersgebundene Verluste in persönlich wichtigeren Funktions- und Verhaltensbereichen nicht auswirken.

Seit Mitte der 1990er Jahre – vor allem unter dem Einfluss der Ergebnisse der Berliner Altersstudie – hat sich in der Gerontologie die Differenzierung zwischen einem »dritten Lebensalter« und einem »vierten Lebensalter« etabliert: Während im dritten Lebensalter (Zeitspanne: ca. 60 bis 80/85 Jahre) die körperliche und seelisch-geistige Kompetenz weitgehend erhalten ist, die Menschen entsprechend im Allgemeinen zu einer an den eigenen Bedürfnissen und Zielen orientierten aktiven und produktiven Lebensführung in der Lage sind, nimmt im vierten Lebensalter (Zeitspanne: ab 80/85 Jahren) vor allem die körperliche, aber auch die psychische Verletzlichkeit des Menschen deutlich zu. Multimorbidität, chronisch-degenerative Erkrankungen, neurodegenerative und vaskuläre Demenzen werden häufiger und die Prävalenzraten für Pflegebedürftigkeit steigen mit zunehmendem Alter exponentiell an ( Kap. 5.3 und Kap. 14). Anders als im dritten Lebensalter deuten Indikatoren der psychischen Befindlichkeit darauf hin, dass es den Menschen immer weniger gelingt, die zunehmenden körperlichen, geistigen und sozialen Verluste zu kompensieren.

Die heuristisch ohne Frage wertvolle Differenzierung zwischen einem dritten und vierten Lebensalter wird vor dem Hintergrund der Analyse von Mittelwertunterschieden in aufeinanderfolgenden Altersgruppen (zum Teil) eindrucksvoll bestätigt. Hierbei darf aber nicht übersehen werden, dass sich Menschen in allen Altersgruppen auf allen Entwicklungsdimensionen nicht nur im Hinblick auf das aktuell bestehende Entwicklungsniveau, sondern auch mit Blick auf die in Veränderungen zum Ausdruck kommenden Entwicklungstrends erheblich voneinander unterscheiden (Kruse und Schmitt 2004). So ist etwa aus Analysen zu individuellen Unterschieden in der Entwicklung der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter bekannt, dass die für kognitives Altern auf der Ebene von Mittelwertbetrachtungen charakteristischen Veränderungen in Primärfaktoren der Intelligenz darauf zurückgehen, dass sich bei einem Teil der Personen akzentuierte Rückgänge, bei einem vergleichsweise großen Teil Stabilität und bei einigen Personen Zugewinne zeigen (Schaie 2005).

5.6.3 Multidimensionalität von Entwicklungsprozessen

Einfache Defizitmodelle, die von einem allgemeinen, altersbedingten Abbau der Person, ihrer physischen wie kognitiven Leistungsfähigkeit sowie ihrer Anpassungsunfähigkeit an neuartige Situationen ausgehen, können heute als eindeutig widerlegt gelten. Wie in jedem Lebensabschnitt ist auch im Alter Entwicklung sowohl mit Gewinnen und Stärken als auch mit spezifischen Verlusten und Defiziten verbunden. Altern kann nicht als eindimensionaler, unidirektionaler Prozess beschrieben werden, vielmehr sind unterschiedliche Entwicklungsdimensionen konzeptuell zu trennen, auf denen sich Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in verschiedene Richtungen verändern. Diese Multidimensionalität von Entwicklung im Lebenslauf spiegelt sich im Alter in verschiedenartigen, zum Teil sehr stark voneinander abweichenden Entwicklungsprozessen in der körperlichen, der seelisch-geistigen und der sozialen Dimension wider.

Aus gerontologischer Perspektive ist Altern sowohl im Sinne von Stärke und Gewinn als auch im Sinne von Schwäche und Verlust zu interpretieren. Schwächen oder Verluste finden sich vor allem in jenen Funktionen, in denen sich Alternsprozesse des Zentralnervensystems widerspiegeln: Präzision und Geschwindigkeit der Ausführung sensomotorischer Abläufe gehen zurück, die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung nimmt ab, das Lernen wird – infolge einer allgemein reduzierten Fähigkeit, irrelevante Informationen zu hemmen, wie infolge negativer Transfers (Umlernen ist schwieriger als neu lernen) – störanfälliger. Diese Veränderungen sind allerdings nicht erst im höheren Alter, sondern bereits im dritten Lebensjahrzehnt zu beobachten (Salthouse 2019). Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass das Ausmaß an kognitiver und körperlicher Aktivität in früheren Lebensaltern und im Alter Einfluss auf den Ausprägungsgrad dieser Verluste hat (Liu und Lachmann 2019).

Die durch zahlreiche Untersuchungen bestätigte Verkleinerung sozialer Netzwerke wurde lange (und wird zum Teil bis heute) im Sinne von Verlusten auf der sozialen Dimension, insbesondere auf das Fehlen geeigneter Altersrollen zurückgeführt ( Kap. 5.8 und Kap. 23). Neuere Untersuchungen belegen aber, dass sich in dieser kontinuierlichen Entwicklung, die ebenfalls nicht erst im höheren Alter einsetzt, nicht lediglich Verluste, sondern zu einem guten Teil auch Optimierungsprozesse widerspiegeln, Menschen nicht einfach Bezugspersonen verlieren, sondern sich vor allem auf persönlich wichtige Beziehungen konzentrieren (Sims et al. 2015).

Stärken oder Gewinne des Alters zeigen sich vor allem in jenen kognitiven und psychischen Funktionen, in denen sich in besonderer Weise Erfahrungen widerspiegeln, die Menschen im Lebenslauf gewonnen haben. Die kontinuierlichen Rückgänge in der Geschwindigkeit und Präzision basaler Prozesse der Informationsverarbeitung sind nicht gleichbedeutend damit, dass im Alter keine differenzierten Wissenssysteme mehr bestünden. Menschen sind vielmehr bis in das hohe Lebensalter in der Lage, hoch organisierte Wissenssysteme – zum Beispiel im Hinblick auf grundlegende Fragen des Lebens – aufzubauen, wobei die bewusste Auseinandersetzung mit Grenzsituationen für die Weiterentwicklung solcher Wissenssysteme von zentraler Bedeutung ist (Kruse 2017). Des Weiteren kann die Verletzlichkeit des Menschen im vierten Lebensalter Prozesse der seelisch-geistigen Verarbeitung anstoßen, die sich aus ethischer Sicht auch im Sinne eines »Werdens zu sich selbst« (Rentsch 1995) deuten lassen.

Ob und inwieweit bestehende Potenziale des Alters erkannt und genutzt werden – zum Nutzen des Individuums, wie auch zum Nutzen für die Gesellschaft – ist in starkem Maße durch die Wahrnehmung von Alter, Altern und alten Menschen – den Altersbildern–, beeinflusst. Auf der Grundlage von Altersbildern können Erwartungen und Verhaltensspielräume entstehen, die im günstigen Fall Möglichkeiten von Teilhabe und Engagement eröffnen und deutlich machen, die Menschen zu einer selbstständigen, selbst- und mitverantwortlichen Lebensführung und bewussten Annahme unvermeidlicher Abhängigkeiten motivieren, im ungünstigen Fall dagegen nicht nur die Nichtnutzung, sondern langfristig auch den Verlust von Kompetenzen zur Folge haben (Kruse und Schmitt 2011). Der sechste Altenbericht der Bundesregierung hat deutlich gemacht, dass in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft nach wie vor Altersbilder erkennbar sind, die den Kompetenzen alter Menschen nicht gerecht werden und der Bewältigung von individuellen wie auch gesellschaftlichen Herausforderungen des Alterns entgegenstehen.

5.6.4 Plastizität

Wissenschaftliche Studien über Altersbilder in verschiedenen Lebensbereichen zeigen, dass implizit häufig angenommen wird, alte Menschen könnten sich körperlich und seelisch-geistig nicht oder kaum mehr entwickeln, sie seien zu großen Veränderungen nicht mehr in der Lage. Das Älterwerden wird dabei oft mit einem Verlust an Lernfähigkeit, Offenheit und Neugierde gleichgesetzt. So hält sich etwa in der Konsumwirtschaft hartnäckig die Vorstellung, alte Menschen seien per se markentreu und würden ihre einmal eingenommenen Konsumgewohnheiten beibehalten. In vielen Unternehmen sind die Personalverantwortlichen, aber auch viele alte Arbeitnehmer selbst der Meinung, dass sich eine berufliche Weiterbildung für sie nicht mehr lohne. Diesen Annahmen liegen unangemessene Altersbilder zugrunde. Die Alternsforschung hat zahlreiche Belege dafür erbracht, dass sich Menschen bis ins höchste Lebensalter verändern und entwickeln können. Dies wird mit dem Begriff der »Plastizität des Alters« beschrieben.

Der Begriff der Plastizität bezieht sich auf die zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht realisierten Entwicklungsmöglichkeiten. In der Interventionsforschung wird der Begriff in der Regel im Sinne der Modifizierbarkeit physischer, sensomotorischer und kognitiver Funktionen bezeichnet ( Kap. 5.4). Als ein Beleg für die Plastizität von Entwicklungsprozessen ist aber auch zu werten, wenn durch systematische Interventionen – auf der Person wie auf Ebene der räumlichen, sozialen und infrastrukturellen Umwelt – das Auftreten altersgebundener Verluste verhindert oder verzögert wird, oder die Aufrechterhaltung kompetenten Verhaltens trotz altersbedingter Verluste ermöglicht wird (Staudinger und Greve 2001). In diesem Zusammenhang sind etwa Befunde zu den Leistungen alter Menschen im Beruf, zum alltäglichen Problemlösen sowie zum Umgang mit grundlegenden und existenziellen Fragen des Lebens anzusehen, die zeigen, dass Verluste im Bereich der kognitiven Mechanik durch die kognitive Pragmatik ausgeglichen oder kompensiert werden können. Die positiven Effekte körperlicher und kognitiver Trainings ( Kap. 5.5, Kap. 5.11 und Kap. 56) auf die kognitive Leistungsfähigkeit (Lindenberger 2014) und die protektive Wirkung kontrollerhöhender Interventionen durch Maßnahmen der Umweltgestaltung inklusive der Nutzung assistierender Technologie sind durch zahlreiche Untersuchungen belegt (Staudinger 2015).

Während die Fähigkeit alter Menschen, Neues zu lernen und sich erfolgreich an veränderte Aufgaben und Anforderungen anzupassen, schon allgemein unterschätzt wird, werden Hinweise auf die Plastizität bei Menschen mit Beeinträchtigungen – im kognitiven wie im sozioemotionalen und alltagspraktischen Bereich – infolge von Wissensdefiziten und unzutreffenden Stereotypen noch häufiger übersehen. Bildungs-, Interventions- und Rehabilitationsangebote finden sich nach wie vor zu selten, bestehende Angebote sind nach wie vor häufig nicht ausreichend fundiert. Gleichzeitig gewinnen bei alten Menschen mit Beeinträchtigungen die Gestaltung der räumlichen Umwelt und Maßnahmen zur Förderung von Inklusion und Teilhabe ( Kap. 5.8 und Kap. 23) besonderes Gewicht.

In Arbeiten zur Entstehung von Verhaltensabhängigkeit in stationären Einrichtungen wurde im Arbeitskreis von Margret Baltes (1995) nachgewiesen, dass diese häufig gerade nicht Folge irreversibler biologischer Veränderungen ist, sondern vielmehr auf Erwartungen des Pflegepersonals und Verhaltensskripts zurückgeht, die selbstständiges Verhalten ignorieren und unselbstständigkeitsorientiertes Verhalten systematisch verstärken. Auf der Grundlage dieser Arbeiten wurde ein Trainingsprogramm entwickelt, das insbesondere auf die Vermittlung von Kenntnissen im Bereich der Verhaltensmodifikation und die Veränderung von Altersstereotypen zielt und in zahlreichen stationären Einrichtungen mit Erfolg eingesetzt wurde.

5.6.5 Zur Bedeutung von Kompensation

Die individuellen Möglichkeiten einer selbstständigen, selbst- und mitverantwortlichen Lebensführung sind mit fortschreitendem Alter zunehmend an die Möglichkeiten gebunden, zunehmende kognitive und körperliche Einschränkungen zu kompensieren.

Hier kommt zunächst der räumlichen Umwelt, insbesondere der Wohnung und dem näheren Wohnumfeld besondere Bedeutung zu ( Kap. 54). Alte Menschen verbringen im Vergleich zu jüngeren weit mehr Zeit in der Wohnung, ihre Freizeitinteressen und Freizeitaktivitäten konzentrieren sich stärker auf den innerhäuslichen Bereich und das unmittelbare Wohnumfeld. Die Bedeutung der Wohnung liegt dabei nicht allein in ihrer Auswirkung auf die Möglichkeiten und Grenzen einer selbstständigen Lebensführung, darüber hinaus ist »angemessenes Wohnen« eine Voraussetzung für die Verwirklichung weiterer zentraler Bedürfnisse des Menschen. Genannt seien an dieser Stelle nur Möglichkeiten zur sozialen Partizipation und Aufrechterhaltung des Freundes- und Bekanntenkreises, Rückzugsmöglichkeiten und »Privatheit« oder die Wahrung persönlicher Identität. Der Wohnung kommt damit im Alter erhebliche Bedeutung für die Lebenszufriedenheit und Lebensqualität zu. Entsprechend wäre es falsch, Wohnung allein als räumliche oder gebaute Umwelt zu verstehen. Sie stellt darüber hinaus den zentralen Zugang zu einem spezifischen sozialen und infrastrukturellen Umfeld dar.

Mit Blick auf die Möglichkeiten der Kompensation von Beeinträchtigungen kommt auch der Verfügbarkeit sozialer Assistenz große Bedeutung zu. Eine (weitgehend) selbstständige, selbst- und mitverantwortliche Lebensführung verwirklicht sich nicht zuletzt auch auf der Grundlage der Fähigkeit, Abhängigkeit bewusst anzunehmen und notwendige Unterstützungsleistungen durch andere zu akzeptieren ( Kap. 58). Gerade Menschen, die unter sehr schweren körperlichen Beeinträchtigungen leiden, kompensieren bestehende Einschränkungen häufig mithilfe enger Bezugspersonen, die in ihrer Bedeutung für die Aufrechterhaltung einer persönlich zufriedenstellenden Lebensführung, wie auch in ihrer Bedeutung für die Erhaltung der Selbstständigkeit nicht ohne Weiteres ersetzt werden können. Dies zum einen infolge einer sehr starken emotionalen Verbundenheit, die zum Teil überhaupt erst die Akzeptanz von Unterstützungsleistungen ermöglicht, zum anderen infolge ihrer besonderen Vertrautheit mit den Bedürfnissen, Anliegen, Präferenzen und Unterstützungsbedarfen des Menschen mit Beeinträchtigung.

Entscheidend für die Möglichkeit der Kompensation von Beeinträchtigungen ist schließlich die Verfügbarkeit unterstützender Technik. Gerade der intelligente Einsatz von adaptiven Techniken – insbesondere von Informationstechnologien – bildet ein großes Potenzial zur patientenzentrierten und bedarfsgerechten Unterstützung, die ohne den Einsatz zusätzlichen Personals ständig und rund um die Uhr erfolgen könnte. Die enormen Fortschritte im Bereich der Sensortechnik und der Kommunikationstechnologie machen es heute prinzipiell möglich, relevante medizinische Daten wie auch Indikatoren der aktuellen Befindlichkeit und Bedürfnislage kontinuierlich zu beobachten und im Bedarfsfall zu vermitteln.

5.6.6 Der evolutionäre Kontext sozialer und emotionaler Entwicklung im Alter

Bis heute findet sich in vielen gerontologischen Darstellungen des Kontextes der sozialen und emotionalen Entwicklung die Annahme, Prozesse evolutionärer Selektion hätten sich nicht wesentlich auf Entwicklungsprozesse im hohen Alter auswirken können, da das Alter 1. evolutionär betrachtet ein »junges« Phänomen sei, und 2. der evolutionäre Selektionsdruck keine Auswirkungen auf die postreproduktiven Lebensjahre hat. So sind etwa nach Paul Baltes (1999) drei Prinzipien für die Unvollendetheit der Humanontogenese konstitutiv: Der genetische Evolutionsvorteil wird im Lebensverlauf geringer, der Bedarf an Kultur nimmt zu, die Effektivität von Kultur nimmt ab. Angesichts des Fehlens evolutionärer Mechanismen, die sich nachhaltig auf die postreproduktive Lebensphase auswirken könnten, wird ein Abbau im Alter als unvermeidlich angesehen. Im Prozess des Alterns stelle sich entsprechend die Aufgabe, mehr und mehr Ressourcen in den Erhalt von Fähigkeiten und die Kompensation von Verlusten zu investieren, was sich auch in einem entsprechenden Lebensspannenskript der Allokation von Ressourcen widerspiegle. Im Alternsprozess auftretende Verluste haben nicht selten irreversiblen Charakter. Aus diesem Grunde stünden bei der Lebensgestaltung im Alter andere Mechanismen im Vordergrund als in früheren Lebensjahren. Im SOK- Modell von Baltes und Baltes (1990) werden etwa Selektion und Kompensation, im Zwei-Prozess-Modell der Bewältigung von Brandtstädter akkomodative Prozesse, in der Lebenslauftheorie kontrollbezogenen Verhaltens von Heckhausen und Schulz sekundäre Kontrollprozesse wichtiger. Da 1. Entwicklungsverluste mit zunehmendem Alter häufiger, Entwicklungsgewinne hingegen seltener werden und sich Menschen unabhängig vom eigenen Lebensalter dieser Tatsache bewusst sind, 2. das subjektive Wohlbefinden alter Menschen gleichzeitig aber mit dem jüngerer Menschen vergleichbar – in einigen Untersuchungen sogar besser – ist, liegt es aus der Perspektive der genannten Theorien nahe, im Management von Verlusten einen Bereich zu sehen, in dem sich in besonderem Maße kreative Potenziale des Alters widerspiegeln ( Kap. 5.7).

Zahlreiche empirische Untersuchungen im Umfeld der von Laura Carstensen vorgeschlagenen Theorie der sozioemotionalen Selektivität (English und Carstensen 2017) sprechen dafür, dass im Kontext einer kontinuierlichen Veränderung der Zeitperspektive im Erwachsenenalter (die Zukunft wird mit fortschreitendem Alter zunehmend als begrenzt erfahren) emotionale Ziele gegenüber instrumentellen Zielen an Bedeutung gewinnen. Wenn die verbleibende Lebenszeit in stärkerem Maße als begrenzt erfahren wird, werden unmittelbare Bedürfnisse (wie emotionales Wohlbefinden) wichtiger. Wenn dagegen die Zukunftsperspektive – wie in frühen Lebensabschnitten – als nahezu unbegrenzt erscheint, kommt langfristigen Zielen größere Bedeutung zu. Entsprechend sind alte Menschen in geringerem Maße als jüngere an emotional bedeutungslosen, in anderer Hinsicht (z. B. hinsichtlich der Gewinnung neuer Information) aber unter Umständen bedeutungshaltigen Kontakten interessiert und in ihren sozialen Kontakten stärker durch die gedankliche Vorwegnahme von emotionaler Befindlichkeit motiviert. Des Weiteren verändert sich im Laufe des Erwachsenenalters die Verarbeitung emotional relevanter Informationen (Carstensen und DeLiema 2018). Emotionale Inhalte werden von alten Menschen stärker beachtet, höher gewichtet, effektiver verarbeitet und besser erinnert als nicht emotionale Inhalte, während sich bei jüngeren Menschen kein vergleichbarer Effekt findet.

In diesen sozioemotionalen Gewinnen spiegeln sich der Theorie zufolge nicht lediglich Mechanismen der Verlustbewältigung wider. Die sozioemotionale Entwicklung im Alter wird vielmehr im Kontext der Evolution interpretiert. Wenn man berücksichtigt, dass – anders als von evolutionsbiologisch interessierten Gerontologen häufig angenommen – bereits in der Vor- und Frühzeit ein erheblicher Teil der Erwachsenenbevölkerung eine ausgedehnte postreproduktive Lebenserwartung hatte und die Großeltern aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei den Vorfahren des heutigen Menschen eine wesentliche Rolle bei der Erziehung kleiner Kinder hatten, dann scheint es naheliegend, dass sich die evolutionäre Selektion sehr wohl auf das Alter ausgewirkt hat. Allerdings dürfte der Bereich der kognitiven Leistungsfähigkeit, der immer wieder als Beleg für die Unvollendetheit der Humanontogenese angeführt wird, hier weniger bedeutsam gewesen sein, da in der Frühzeit des Menschen die Kapazität, auch im fünften oder sechsten Lebensjahrzehnt noch schnell und effizient Neues lernen zu können, wohl keinen oder nur einen geringen Überlebensgewinn (für die gesamte Verwandtschaftssippe) mit sich brachte. Im Gegensatz dazu könnte die evolutionäre Selektion aber durchaus die Fähigkeit alter Menschen begünstigt haben, anderen kompetent zu helfen und eigene Erfahrungen an Jüngere weiterzugeben.

Mit der allgemein stärkeren Beachtung und Gewichtung emotionaler Inhalte gewinnt in dieser Sichtweise auch das Bedürfnis an Bedeutung, sich für das Wohlergehen anderer Personen einzusetzen, persönliche Erfahrungen weiterzugeben und Bleibendes zu schaffen. Gleichzeitig sind alte Menschen infolge ihrer höheren Sensibilität für emotionale Inhalte zum Teil besser als Jüngere in der Lage, Welt- und Beziehungswissen an nachfolgende Generationen weiterzugeben und zwischen unterschiedlichen Interessen zu vermitteln.

5.6.7 Fazit und Empfehlungen für die Praxis

Entwicklung im Alter ist nicht als uniformer Prozess zu betrachten, der in gleichförmiger Weise mit dem kalendarischen Alter einer Person korreliert, sondern vielmehr vor dem Hintergrund jeweils individueller Gewinne und Verluste zu verstehen. Die hieraus abzuleitende Heterogenität und Multidimensionalität von Entwicklungsprozessen im Alter stellt eine wichtige Grundlage für die Planung und Durchführung geriatrischer, gerontopsychiatrischer und gerontologischer Interventionen dar.

• Im Gegensatz zum noch sehr verbreiteten Defizitmodell des Alterns und anderen unangemessenen Altersbildern hat die Alternsforschung zahlreiche Belege dafür erbracht, dass sich Menschen bis ins höchste Lebensalter verändern und entwickeln können.

• Auch der Verlust von Selbstständigkeit im Alter (z. B. in stationären Pflegeeinrichtungen) ist nicht ausschließlich als biologisches Faktum zu verstehen, sondern kann durch ungünstige Entwicklungsumstände (z. B. Interaktion von Heimbewohnern und Pflegepersonal) mit verursacht bzw. aggraviert werden. Bildungs-, Interventions- und Rehabilitationsangebote, die diese Zusammenhänge systematisch beachten, finden sich nach wie vor zu selten, und bestehende Angebote sind häufig nicht ausreichend fundiert. Bei der Planung und Durchführung von präventiven, therapeutischen und rehabilitativen Interventionen sollten diese daher verstärkt Berücksichtigung finden.

• Bei alten Menschen mit Beeinträchtigungen gewinnen die Gestaltung der räumlichen Umwelt (Wohnumfeld und soziales Umfeld) und Maßnahmen zur Förderung von Inklusion und Teilhabe besonderes Gewicht. Umgekehrt stellt Isolation ( Kap. 23) einen wichtigen Risikofaktor für ungünstige gesundheitliche Verläufe und Hospitalisierung dar und ist damit ein entscheidender Ansatzpunkt für primär- und sekundärpräventive Interventionen.

• Neben der Gestaltung des räumlichen Umfelds bzw. Wohnumfelds stellen der Einsatz adaptiver und unterstützender Technologien (insbes. auch Kommunikationstechnologien) sowie die Nutzung sozialer Assistenz in diesem Kontext weitere wichtige Ansätze dar.

• Da Entwicklungsverluste mit zunehmendem Alter häufiger, Entwicklungsgewinne hingegen seltener werden und sich Menschen unabhängig vom eigenen Lebensalter dieser Tatsache bewusst sind, gleichzeitig jedoch das subjektive Wohlbefinden Alter mindestens so gut ist wie das Jüngerer, ist im Management von Verlusten ein Bereich zu sehen, in dem sich in besonderem Maße Entwicklungspotenziale des Alters widerspiegeln. Im Kontext einer kontinuierlichen Veränderung der Zeitperspektive im Erwachsenenalter (die Zukunft wird mit fortschreitendem Alter zunehmend als begrenzt erfahren) gewinnen darüber hinaus im Alter emotionale Ziele gegenüber instrumentellen Zielen an Bedeutung (sozioemotionale Selektivität). Diese Erkenntnisse sind bedeutsam für die lohnenswerte psychotherapeutische Arbeit mit alten Menschen ( Kap. 48).

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5.7 Bewältigung
Andreas Kruse und Eric Schmitt
5.7.1 Einleitung: Zum Verständnis von Bewältigung

Nach Alfred Schütz lässt sich die alltägliche Lebenswelt des Menschen durch zwei pragmatische Setzungen charakterisieren, die Idealisierung des »Und-so-weiter« und des »Ich-kann-immer-wieder«: »Jedes lebensweltliche Auslegen ist ein Auslegen innerhalb eines Rahmens von bereits Ausgelegtem, innerhalb einer grundsätzlich und dem Typus nach vertrauten Wirklichkeit. Ich vertraue darauf, dass die Welt, so wie sie mir bisher bekannt ist, weiter so bleiben wird und dass folglich der aus meinen eigenen Erfahrungen gebildete und der von Mitmenschen übernommene Wissensvorrat weiterhin seine grundsätzliche Gültigkeit beibehalten wird. […] Aus dieser Annahme folgt die weitere grundsätzliche Annahme, dass ich meine früheren erfolgreichen Handlungen wiederholen kann. Solange die Weltstruktur als konstant hingenommen werden kann, solange meine Vorerfahrung gilt, bleibt mein Vermögen, auf die Welt in dieser und jener Weise zu wirken, prinzipiell erhalten« (Schütz und Luckmann 1979, S. 29).

Unter Bewältigung verstehen wir im vorliegenden Beitrag alle Reaktionen auf aktuelle oder antizipierte Anforderungen und Belastungen, die die Routine alltäglicher Lebensvollzüge infrage stellen. Dabei kann sich der Begriff der Bewältigung sowohl auf Situationen beziehen, die von den betroffenen Personen selbst als belastend erlebt werden, als auch auf Anforderungen, die die Person selbst nicht oder nicht in vollem Umfang zur Kenntnis nimmt. Bewältigung meint also nicht ohne weiteres aktives, auf eine Veränderung der Situation zielendes Handeln. Auch das Akzeptieren von Ereignissen und Entwicklungen sowie Prozesse der Aufmerksamkeitszuwendung, Umdeutung, Verdrängung oder Verleugnung sind in diesem Sinne als unter den Begriff der Bewältigung fallende Reaktionsformen zu verstehen. Des Weiteren impliziert Bewältigung nicht, dass es Menschen im Prozess der Auseinandersetzung besser gelingt, mit belastenden Momenten der Lebenssituation umzugehen, diese zu verändern, zu akzeptieren oder zu tolerieren. Schließlich ist für das hier vertretene Verständnis von Bewältigung wichtig, dass sich alternative Reaktionsformen als solche nicht als mehr oder weniger angemessen bewerten oder gar hierarchisch ordnen lassen. Vielmehr variiert der »Erfolg« von Bewältigungsverhalten problem-, personen- und kontextspezifisch.

Psychodynamische, lerntheoretische und kognitive Theorien akzentuieren jeweils unterschiedliche Aspekte von Bewältigung. In traditionellem psychoanalytischen Verständnis wird – ausgehend von den Arbeiten von Sigmund Freud und Anna Freud – Bewältigung vor allem als Ergebnis eines Reifungsprozesses verstanden: in der Auseinandersetzung mit intrapsychischen und zwischenmenschlichen Konflikten entwickeln sich bestimmte Formen der Konfliktbewältigung. Vor allem den Konflikten in Kindheit und Jugend sowie den in diesen Lebensabschnitten ausgebildeten Formen der Konfliktverarbeitung misst die Psychoanalyse große Bedeutung für die Art der Auseinandersetzung mit späteren Konflikten und Krisen bei. Ungelöste (dies heißt oft: verdrängte) Konflikte, die fehlende Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, sowie unreife Formen der Konfliktverarbeitung führen dazu, dass Menschen in späteren Krisensituationen – zum Beispiel beim Auftreten von schweren Erkrankungen oder bei der Konfrontation mit dem herannahenden Tod – hilflos reagieren, möglicherweise sogar auf frühkindliche Entwicklungsstufen regredieren ( Kap. 38). Regressionen spiegeln sich zum Beispiel in ausgeprägter Passivität und im übertriebenen Bedürfnis nach Schutz und Fürsorge wider. Entsprechend lassen sich im psychoanalytischen Verständnis Bewältigungsstrategien nach der in ihnen zum Ausdruck kommenden Reife der Persönlichkeit hierarchisch ordnen, Verleugnung oder Verzerrung werden etwa als Unreife, Sublimierung, Altruismus und Humor als reife Bewältigungsstrategien angesehen.

Ein anderes Verständnis findet sich bei Norma Haan, die in ihrem Modell der Ich-Funktionen differenziert zwischen Coping im Sinne einer Orientierung an intersubjektiver Realität und Logik, Defense im Sinne einer den Ausdruck unterdrückter Impulse erlaubenden Verzerrung intersubjektiver Realität, wie sie die von Anna Freud beschriebenen Abwehrmechanismen kennzeichnet, und Fragmentation im Sinne einer intersubjektive Realität offenkundig verletzenden pathologischen Reaktion. Auch im Verständnis von Haan spiegeln die beobachtbaren Reaktionsformen unmittelbar die Reife der Persönlichkeit wider: »The person will cope if he can, defend if he must, and fragment if he is forced to do so« (Haan 1977, S. 42).

Die Psychoanalyse rückt immer weiter ab von der ursprünglichen Annahme, wonach die Entwicklungsfähigkeit der Person auf die ersten Lebensjahrzehnte beschränkt sei (Junkers 2018; Knight 2017). In neueren Arbeiten werden die lebenslang bestehenden Entwicklungspotenziale des Menschen als Grundlage für die psychotherapeutische Arbeit im mittleren und höheren Erwachsenenalter beschrieben und ihre Bedeutung für die Auseinandersetzung mit Grenzsituationen – wie schwerer Erkrankung und herannahendem Tod – betont ( Kap. 48). Relativ akut auftretende neurotische Symptome oder funktionelle Körperstörungen werden als Lösungsversuche überwiegend unbewusster Konflikte verstanden, wobei im Sinne einer differenziellen Therapieindikation unterschieden wird zwischen einem neurotischen Kernkonflikt, der nach langer Latenz zu einer Erstmanifestation der Symptomatik in der zweiten Hälfte des Erwachsenenlebens führt, einem Aktualkonflikt und einer durch den körperlichen Alternsprozess bedingten Traumareaktivierung (Heuft 2018).

Lerntheoretische Beiträge betonen die besonderen Einflüsse der sozialen Umwelt und der individuellen Deutung einer Situation auf die Entwicklung von Bewältigungstechniken. Die soziale Umwelt – vor allem die Primärfamilie – dient dem Menschen zum einen als Modell, das heißt, jene Bewältigungstechniken, die die wichtigsten (und zugleich positiv bewerteten) Bezugspersonen bei der Bewältigung von Konflikten und Krisen einsetzen, werden häufig imitiert. Zum anderen dient die soziale Umwelt als Verstärker einzelner Bewältigungstechniken, das heißt, sie bekräftigt Techniken, die sie als »effektiv« wahrnimmt. Auf Techniken, die als »ineffektiv« oder »schädlich« bewertet werden, reagiert sie hingegen mit Ablehnung oder Ignorieren; dadurch nimmt auch die Wahrscheinlichkeit zu, dass diese Techniken aufgegeben werden.

Für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Bewältigungstechniken sind weiterhin die Kognitionen eines Menschen bedeutsam. Mit dem Begriff der Kognitionen wird die Art und Weise, wie Menschen eine Situation und ihre Möglichkeiten der Situationsbewältigung deuten, umschrieben: Welche Techniken erscheinen dem Menschen als »effektiv« oder »angemessen« für den Umgang mit einer Situation? Die Antwort auf diese Frage hängt zum einen davon ab, welche Möglichkeiten der Situationsbewältigung wahrgenommen werden, zum anderen davon, welche Konsequenzen aus dem Umgang mit einer Situation erwachsen. Die Konsequenzen eigenen Handelns können als »Verstärker« dienen, die von der sozialen Umwelt möglicherweise nicht als solche wahrgenommen werden. So können etwa Menschen, die auf ihre Erkrankung mit Niedergeschlagenheit und Passivität reagieren, bei ihren Angehörigen gerade durch dieses Verhalten die Tendenz zur Unterstützung hervorrufen. In der erfahrenen Unterstützung liegt der Verstärker von Niedergeschlagenheit und Passivität. Es ist also durchaus möglich, dass durch übertriebene Unterstützung seitens der Angehörigen ein Verhalten verstärkt wird, das die Wiedergewinnung von Selbstständigkeit und Verantwortung behindert. Diese Argumentation wird durch Befunde von Untersuchungen in Alten- und Pflegeheimen gestützt, die zeigen, dass unselbstständige Verhaltensweisen der alten Menschen von den Mitarbeitern des Pflegepersonals am häufigsten mit Verhaltensweisen beantwortet werden, die die Unselbstständigkeit unterstützen, während selbstständige Verhaltensweisen zumeist ignoriert (und damit nicht verstärkt) werden (vgl. Baltes 1996).

Kognitive Theorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie Erleben und Verhalten nicht auf der Grundlage objektiver Situationsmerkmale zu verstehen, erklären und prognostizieren versuchen. Wie eine objektiv gegebene Situation wahrgenommen und gedeutet wird – zum Beispiel als »Herausforderung«, als »Bedrohung«, als bereits eingetretene »Schädigung« –, ist für die Art der Auseinandersetzung mit dieser von größter Bedeutung. Die Wahrnehmung und Deutung einer Situation werden von den Erfahrungen, die Menschen bei der Bewältigung ähnlicher Situationen gewonnen haben, beeinflusst. Die Erfahrung, in der Vergangenheit ähnliche Situationen gemeistert zu haben, trägt dazu bei, dass die Situation in der Gegenwart eher als »Herausforderung« denn als »Bedrohung« oder als eingetretene »Schädigung« gedeutet wird (Biggs et al. 2017). Die Erfahrung, in der Vergangenheit ähnliche Situationen nicht gemeistert zu haben, fördert hingegen die Interpretation der gegenwärtigen Situation als »Bedrohung« oder als bereits eingetretene »Schädigung«. Die Wahrscheinlichkeit, dass auf diese Situation mit Angst, übertriebener und unkoordinierter Aktivität, Passivität oder Verdrängung geantwortet wird, nimmt zu.

In der Gerontologie zählen Kontrollkonzepte zu den am intensivsten untersuchten Moderatorvariablen der Beziehung zwischen objektiven Situationsmerkmalen und individuellem Verhalten. In zahlreichen Ansätzen der Bewältigungsforschung wird dem Ausmaß wahrgenommener Kontrolle entscheidende Bedeutung für individuelle Bemühungen um eine Veränderung des Selbst und/oder der jeweils vorliegenden Situation betont. Heckhausen und Schulz (1995) unterscheiden in ihrer Lebenslauftheorie kontrollbezogenen Verhaltens zwischen primärer und sekundärer Kontrolle. Primäre Kontrolle bezieht sich auf die Möglichkeit, durch eigenes Verhalten aktiv gewünschte Veränderungen in der Umwelt herbeizuführen, sodass in der Umwelt bestehende Möglichkeiten und Anforderungen besser mit den eigenen Bedürfnissen übereinstimmen. Sekundäre Kontrolle bezieht sich dagegen auf eine Veränderung der eigenen Person, die dazu beiträgt, dass ein höheres Maß an Kongruenz zwischen den eigenen Bedürfnissen und den in der Umwelt bestehenden Möglichkeiten und Anforderungen wahrgenommen wird. Sekundäre Kontrollstrategien gelten nur dann als adaptiv, wenn sie langfristig das Potenzial der primären Kontrolle maximieren, indem etwa unerreichbare Ziele aufgegeben werden und erreichbare Ziele subjektiv an Priorität gewinnen (Primat primärer Kontrolle). Neben einer Veränderung individueller Zielhierarchien sind dem Selbstwert dienliche Attributionen oder soziale Abwärtsvergleiche als weitere wichtige Strategien sekundärer Kontrolle im Alter zu nennen. Auch wenn die Bedeutung sekundärer Kontrollstrategien mit dem Alter zunimmt, unterscheiden sich alte Menschen nach Heckhausen und Schulz in ihrem Bedürfnis, primäre Kontrolle auszuüben, nicht von jüngeren Menschen. Sie reagieren lediglich auf vergleichsweise ungünstigere Entwicklungsbedingungen, die die Adaptivität der primären Kontrollstrategien reduzieren und jene der sekundären Kontrollstrategien erhöhen (Heckhausen et al. 2019).

Das Zwei-Prozess-Modell der Bewältigung unterscheidet zwischen assimilativem, durch »hartnäckige Zielverfolgung« gekennzeichnetem, und einem akkomodativem, durch »flexible Zielanpassung« gekennzeichnetem Bewältigungsstil (Brandtstädter 2017). Da die im Alternsprozess auftretenden Einbußen und Verluste häufig irreversibel sind, in früheren Lebensabschnitten verfolgte Ziele häufig nicht mehr erreicht werden können, geht das Zwei-Prozess-Modell der Bewältigung davon aus, dass im Alter vor allem ein akkomodativer Bewältigungsstil zur Aufrechterhaltung eines positiven Selbstwertgefühls und zur Lebenszufriedenheit beiträgt.

5.7.2 Bewältigung im Kontext von Daseinsthemen und Daseinstechniken

Die in der Persönlichkeitstheorie von Hans Thomae getroffene Unterscheidung zwischen Daseinsthemen und Daseinstechniken oder Reaktionsformen als auf individuelle Daseinsthemen bezogene instrumentelle Einheiten, bildet einen umfassenden Zugang zum Verständnis von Bewältigung. Wenn man die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, mit seiner Situation oder den für ein gutes Leben zentralen Werten auffasst, dann nähert man sich einem Verständnis von lebenslanger Entwicklung, das Individuen als Agenten der eigenen Entwicklung betrachtet und die Abhängigkeit des Entwicklungsgeschehens von kognitiven Repräsentationen und motivationalen Prozessen (individuelle Zielbindungen, Bewertungen etc.) betont. Ein umfassendes Verständnis von Bewältigung muss damit dem dreifachen Zugang zur Individualität gerecht werden: Erstens ist zu berücksichtigen, dass Anforderungen, Aufgaben und Belastungen nicht als objektive Merkmale einer Situation angesehen werden können, insofern sie auf Wahrnehmungen, Deutungen und Bewertungen verweisen, in denen sich Menschen erheblich voneinander unterscheiden können. Zweitens muss berücksichtigt werden, dass Menschen auf Anforderungen, Aufgaben und Belastungen in sehr unterschiedlicher Weise reagieren können und alternative »Strategien« durchaus unterschiedlich bewertet werden. Drittens ist zu bedenken, dass Menschen in auf den ersten Blick vergleichbaren Situationen sehr unterschiedliche Zielzustände als angemessen ansehen und sich in ihrem Erleben von Sinn erheblich unterscheiden können.

»Um es ganz deutlich zu sagen: Da es bei der Feststellung, menschliches Verhalten sei sinngerichtet, um eine völlig subjektive Kategorie geht, können konkrete Formen der Sinnsuche die Leistung, die Aufopferung für ein Ideal, die Hinwendung zum Absoluten, aber auch genauso die Hingabe an den Alkohol, an die Pflege der eigenen Erscheinung oder an den Genuss von neuen Daseinserfahrungen mittels einer Droge sein. Das Besteigen des Matterhorns, das wöchentliche Wetten beim Lotto, die Faszination vom Fußball können in dieser Sicht ebenso als sinnvoll empfunden werden und strukturierend für eine individuelle Welt werden wie das, was man eine sexuelle Perversion nennt, was man unter staatsbürgerlich vorbildliches Verhalten, unter der Pflege der schönen Künste oder unter der Beschäftigung mit Astrologie versteht. In allen diesen Fällen wird sehr oft – manchmal nur für Minuten, aber doch auch für eine einigermaßen verlässliche Dauer – jene Stimmigkeit erlebt, welcher ein Lebewesen, welches seine Situation im Bewusstsein widerspiegelt, bedarf, um das Dasein tolerieren zu können« (Thomae 1968, S. 534).

Daseinsthemen beschreiben Leitmotive des Verhaltens, mithin motivational-kognitive Orientierungssysteme, in denen Menschen ihre Sinnsuche zentrieren (Kruse und Schmitt 2015). Die Daseinsthemen sind Vollzugsformen, in denen sich das Dasein zu verwirklichen sucht. Solche Themen lassen sich in ihrer Zahl kaum festlegen. Sie bilden in ihrer Gesamtheit jene thematische Struktur, vor deren Hintergrund sich die Auseinandersetzung des Individuums mit konkreten Lebenssituationen vollzieht. Inwieweit unterliegt diese thematische Struktur im Lebenslauf Veränderungen, inwieweit bleibt diese konstant? Ziehen sich bestimmte Daseinsthemen kontinuierlich durch den Lebenslauf (im Sinne einer chronischen thematischen Strukturierung)?

Den Daseinstechniken kommt die Funktion von Mitteln zu, sie ermöglichen oder erleichtern die Verwirklichung von Daseinsthemen. Thomae umschreibt sie auch als »Verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit Alltagsproblemen«. Was ursprünglich Daseinstechnik war, kann selber zum Daseinsthema werden. Durch Strukturierungen der Themata verleiht das Individuum seinen Handlungen, den Tagesläufen oder dem Lebenslauf Richtung und Bedeutung. »So gesehen wird das Konstruktum der thematischen Strukturierung als des wesentlichsten Prinzips personaler Geschehensordnung gleichzeitig zum principium individuationis« (Kruse und Schmitt 2015, S. 586). Unterschiedliches Verhalten in verschiedenen Situationen lässt sich deuten als unterschiedliche aktuelle thematische Strukturierung; gleichartige Verhaltensweisen über den Wechsel der Situationen hinweg lassen sich deuten als temporäre thematische Strukturierungen; wenn Interpretationen einer Situation über lange Zeiträume hinweg dominieren, so ist von chronischer thematischer Strukturierung zu sprechen. »Eine dynamische Interpretation der Persönlichkeit kann von hier aus als Lehre von der Interaktion aktueller, temporärer und chronischer thematischer Strukturierungen angesehen werden« (Kruse und Schmitt 2015, S. 498).

5.7.3 Bewältigung von existenziellen Krisen und Grenzsituationen

Die reflektierte Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst und der eigenen Situation wird durch Erfahrungen angestoßen, die das Erleben von persönlicher Kontinuität und Identität, wenn sie es nicht außer Kraft setzen, so doch zumindest infrage stellen. Existenzielle Krisen und Grenzsituationen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass vordringliche situative Anforderungen entweder erst geklärt werden müssen oder in keiner eindeutigen Beziehung zu Handlungsanforderungen stehen, der individuelle Umgang mit der Situation mithin nicht geplant oder antizipiert werden kann, der Ausgang der Situation entsprechend offen ist.

Der Arzt und Philosoph Viktor von Weizsäcker, einer der Begründer der psychosomatischen Medizin und der medizinischen Anthropologie, verbindet in seinem Hauptwerk »Der Gestaltkreis« den Begriff der Krise explizit mit einer Erfahrung der Unstetigkeit des Selbst:

»Ein besonders starker Druck, dem Subjektiven nachzuspüren, geht dann von den Fällen aus, in denen die objektive Methode der Physiologie versagt. Es ist angenehm, wenn wir eine Lähmung durch eine Unterbrechung der Nerven, eine Gewichtsabnahme durch eine Steigerung des Grundumsatzes kausal erklären können. Dann aber kommen Zustände und Ereignisse, in welchen der Lebensvorgang aus der so gewiesenen Bahn der Kausalketten auszubrechen scheint. Wir können als ein Beispiel die Phänomene erkennen, die wir mit dem Namen der Krise zusammenfassen wollen. Da ist es dann so, dass der Ablauf bestimmter Ordnungen mehr oder weniger plötzlich unterbrochen wird, indem ein ganz und gar stürmisches Geschehen sich einstellt; mit diesem, durch dieses kann es zur Entstehung eines neuen, andersartigen Bildes kommen, dessen wieder stabile Ordnung dann auch wieder die durchsichtigere, erklärbare Struktur besitzt, die eine neue Kausalanalyse gestattet. Es gelingt aber nicht, diesen neuen Zustand aus dem früheren einfach abzuleiten. Dazu wäre, so scheint es nach der zeitlichen Konsequenz, nötig, die Krise als Mittelglied zwischen dem ersten und dem dritten Zustand exakt zu erklären, und dies eben gelingt nicht. Mängel und Lücken nun des Kausalerklärens gibt es auch sonst in Fülle. Aber hier handelt es sich doch um Lücken besonderer Art. Der Kranke selbst nämlich ist es, der davon den stärksten Eindruck empfängt. Mehr als sonst hat er das Gefühl der Überwältigung, des inneren Zerreißens, des unbegreiflichen Sprunges. Ein Beispiel ist etwa der Anfall schweren Kollapses oder Schwindels, oder die Bewusstseinsveränderung etwa der Schizophrenie, der Vergiftung, der Depression, der Ekstase, der Wollust oder des Rausches« (von Weizsäcker 1986, S. 170). Kranke können in besonders hohem Maße darüber Kunde geben, wie es in der Krise in ihnen zugeht. »Es sind das Personen, die eine gesteigerte innere Wahrnehmung zu haben scheinen, welche sie befähigt, ganz über das Übliche hinaus den kritischen Prozess sowohl zu leben als auch wahrzunehmen. Sie wandeln sich nicht nur, sondern sie erfahren die Wandlung als solche« (von Weizsäcker 1986, S. 170). »Die Krise ist ein Durchgang des unstetigen Endlichen durch eine Transzendenz zur Stetigkeit eines Endlichen« (von Weizsäcker 1986, S. 171). Worin besteht die Krise? »Sie besteht in einer Krise des Subjekts. Das Subjekt erfährt in ihr die Aufhebung seiner endlichen Gestalt als Aufgabe. Der Zwang, die Unstetigkeit der Kurve aufzuheben, enthält schon die Notwendigkeit, die Kurve selbst zu opfern. Dieser Vorgang macht verständlich, dass er mit Angst, Ohnmacht, Katastrophen der Bewegung, Bewegungssturm oder Bewegungslähmung usw. einhergehen kann. Diese Phänomene werden aus der Ich-Bedrohung der Krise unmittelbar selbstverständlich. Wir haben erkannt, dass das Wesentlichste der Krise nicht nur der Übergang von einer Ordnung zu einer anderen, sondern die Preisgabe der Kontinuität oder Identität des Subjektes ist. Das Subjekt ist es, welches in dem Riss oder Sprung vernichtet wird, wenn die Wandlung nicht erfolgt, nachdem einmal der Zwang, das ›Unmögliche‹ zu vollziehen, aufgerichtet worden ist. Das Ich würde sozusagen nach dem Sprunge nicht landen« (von Weizsäcker 1986, S. 171).

Für eine so verstandene Krisensituation stehen in der Regel keine kulturellen Muster oder Perspektiven, an denen sich Menschen in ihrem Umgang mit Anforderungen und Belastungen orientieren könnten, zur Verfügung. Diese Aussage sei im Folgenden anhand zweier Zitate aus v. Weizsäckers Pathosophie (2005) verdeutlicht:

»Das Thema ›Tod‹ müssen wir als eines beurteilen, welches gemeinhin aus dem Bewusstsein zu sehr verdrängt wird; und zwar, indem man, namentlich in der Medizin, eine möglichst lange Lebensverlängerung anstrebt. Kulturell sind besonders diejenigen Bestrebungen auffallend, welche den Tod als solchen möglichst aus dem Bewusstsein auszuscheiden bezwecken. Zum Beispiel, indem man den Tod bei Mensch und Tier kurz und schmerzlos zu machen strebt, zum Beispiel durch den elektrischen Stuhl bei der Todesstrafe oder durch Narkose bei Mensch und Tier. Hier also handelt es sich um beabsichtigte Tötung, und diese soll dann möglichst bewusstseinsfern gehalten werden im Sinne einer beabsichtigten Euthanasie. Es ist so, als ob es gütiger wäre, dass jemand seinen Tod nicht erleben kann« (von Weizsäcker 2005, S. 310).

»Je länger ich über den Tod spreche oder schreibe, um so mehr wird mir klar, dass ich nichts Neues über ihn sagen kann, weil ich nichts weiß. Ich kann also nur sagen, dass das, was andere über den Tod aussagen, aus keinem Wissen stammt. Und das ist zu wenig. Es kommt beim Lebensabschluss nicht darauf an, dass jemand gewisse Vorstellungen von Leben oder Nichtleben nach dem Tod hat, sondern darauf, ob er der Empfindung der Dankbarkeit, der Hoffnung, der Neidlosigkeit und der Unbedürftigkeit, etwas zu wissen, fähig ist« (von Weizsäcker 2005, S. 324).

Karl Jaspers beschreibt in seiner Schrift Philosophie (1973) Grenzsituationen als Grundsituationen der Existenz, die »mit dem Dasein selbst sind« (Jaspers 1973, S. 203). Das heißt, diese Situationen gehören zu unserer Existenz, konstituieren unsere Existenz. Grenzsituationen, wie jene des Leidens, des Verlusts, des Sterbens, haben den Charakter der Endgültigkeit: »Sie sind durch uns nicht zu verändern, sondern nur zur Klarheit zu bringen, ohne sie aus einem Anderen erklären und ableiten zu können« (Jaspers 1973, S. 203). Aufgrund ihrer Endgültigkeit lassen sich Grenzsituationen selbst nicht verändern, sondern vielmehr erfordern sie die Veränderung des Menschen, und zwar im Sinne einer weiteren Differenzierung seines Erlebens, seiner Erkenntnisse und seines Handelns, durch die er auch zu einer neuen Einstellung zu sich selbst und zu seiner Existenz gelangt: »Auf Grenzsituationen reagieren wir nicht sinnvoll durch Plan und Berechnung, um sie zu überwinden, sondern durch eine ganz andere Aktivität, das Werden der in uns möglichen Existenz; wir werden wir selbst, indem wir in die Grenzsituationen offenen Auges eintreten« (Jaspers 1973, S. 204). Das »Eintreten offenen Auges« lässt sich psychologisch im Sinne des reflektierten und verantwortlichen Umgangs interpretieren, also im Sinne der Orientierung des Menschen an Werten, derer er sich bewusst geworden ist (Kruse 2017). Die Anforderungen, die Grenzsituationen an den Menschen stellen, sowie die Verwirklichung des Menschen in Grenzsituationen »gehen auf das Ganze der Existenz« (Jaspers 1973, S. 206). Dabei wird die Verwirklichung in der Grenzsituation auch im Sinne eines »Sprungs« interpretiert, und zwar in der Hinsicht, als das Individuum in der gelingenden Auseinandersetzung mit dieser Situation zu einem vertieften Verständnis seiner selbst gelangt: »Nach dem Sprung ist mein Leben für mich ein anderes als mein Sein, sofern ich nur da bin. Ich sage ›ich selbst‹ in einem neuen Sinn« (Jaspers 1973, S. 207).

Bewältigung als Umgang des Menschen mit Grenzsituationen im Alter – zu nennen sind hier vor allem die erhöhte körperliche Verletzlichkeit, der Verlust nahestehender Menschen, die Bewusstwerdung der eigenen Endlichkeit – ist auch in ihrem potenziellen Einfluss auf kulturelle Leitbilder gelingenden Lebens zu betrachten: Alte Menschen können hier bedeutsame Vorbildfunktionen übernehmen – und zwar in der Hinsicht, dass sie nachfolgenden Generationen Einblick in Grenzen des Lebens sowie in die Fähigkeit des Menschen zum reflektierten Umgang mit diesen Grenzen und zur bewussten Annahme der Abhängigkeit von der Hilfe anderer Menschen geben (Kruse 2017).

5.7.4 Bewältigung als Prozess

Gerade in der Psychotraumatologie wird betont, dass Bewältigung als ein prozesshaftes Geschehen zu verstehen ist und die Adaptivität alternativer Reaktionsformen vom Zeitpunkt ihres Auftretens, ihrer Persistenz sowie den jeweils vorausgehenden und sich anschließenden Reaktionsformen abhängt.

Nach Horowitz (1993) lässt sich die Bewältigung von belastenden Lebensereignissen und Traumata in einem Phasenmodell abbilden: Nach einer (kurzen) Schockphase, die durch heftige emotionale Ausbrüche in Form von Angst, Trauer oder Wut gekennzeichnet ist, wechseln sich Phasen der Leugnung und selektiven Unaufmerksamkeit mit Phasen der Aufmerksamkeitszuwendung, insbesondere auch in Form unkontrollierbarer, intrusiver Gedanken, ab. Hierbei ist die Leugnung bzw. Weigerung, sich an das traumatisierende Geschehen zu erinnern, zunächst eine durchaus adaptive Reaktion, da sie die Person vor einer emotionalen Überwältigung schützt. Gleiches gilt für die Intrusion, da durch das Sich-Aufdrängen von Erinnerungen an das Erlebte verhindert wird, dass sich die Person allzu weit von der Realität entfernt und so ihre Funktionstüchtigkeit verliert. Nach Horowitz geht die Oszillation zwischen Leugnung und Aufmerksamkeitszuwendung mit fortschreitendem Verarbeitungsprozess zurück, im Laufe der Zeit sollte es der Person in einer Phase des Durcharbeitens gelingen, das traumatische Geschehen allmählich zu akzeptieren und in ihre Selbst- und Weltsicht zu integrieren.

Sofern der Person die Verarbeitung des erlittenen Traumas nicht gelingt, sind je nach der Phase, in der es zu einer Stagnation des Verarbeitungsprozesses kommt, unterschiedliche pathologische Reaktionen zu beobachten. So können aus einem Persistieren der Weigerung, sich an das Erlebte zu erinnern, extreme Vermeidungsreaktionen (unter anderem in Form von Drogenkonsum) resultieren, die die Funktionstüchtigkeit der Person auf Dauer nachhaltig beeinträchtigen. Stagniert der Bewältigungsprozess auf der Stufe des unerwünschten Sich-Aufdrängens von Erinnerungen und sind eine bewusste Konfrontation sowie – darauf aufbauend – eine kognitiv emotionale Verarbeitung nicht möglich, kommt es zu einer Überflutung mit traumabezogenen Gedanken und Bildern, die die Person gleichfalls handlungsunfähig macht. Stagniert der Verarbeitungsprozess in der an die Oszillation zwischen Leugnung und Aufmerksamkeitszuwendung anschließenden Durcharbeitungsphase, so treten entweder psychosomatische Reaktionen oder Persönlichkeitsstörungen auf ( Kap. 21).

Ähnlich wie Horowitz geht auch Filipp (1999) in ihrem Drei-Stufenmodell der Bewältigung von Verlusten und Traumata von einer Informationsverarbeitungsperspektive aus, die berücksichtigt, dass sich Menschen in der Verarbeitung von Belastungen nicht einfach an einer in ihrer Implikation für individuelle Wünsche, Ziele und Bedürfnisse eindeutigen Realität bzw. an einer Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand orientieren können, sondern Realität erst auf der Basis von Prozessen der Aufmerksamkeitszuwendung, persönlichen Konstrukten und Bewertungen konstruieren oder rekonstruieren. Im Prozess der Bewältigung von Verlusten und Traumata stellt sich vor allem die Aufgabe, eine objektive, durch »schlechte Nachrichten« gekennzeichnete Realität schrittweise in eine subjektive Realität zu überführen, in der ein relativ zufriedenstellendes (unbedrohtes) Weiterleben möglich ist. Entsprechend wird in diesem Modell zwischen drei fundamentalen Prozessen unterschieden, die zwar nicht notwendigerweise im Sinne einer Stufensequenz aufeinanderfolgen müssen, im Prozess der erfolgreichen Traumaverarbeitung aber dennoch häufig qualitativ unterschiedliche Stadien kennzeichnen: 1. attentive Prozesse, die zur Konstruktion einer »perzeptiven Realität« beitragen; zu beachten ist hier insbesondere die Verteidigung »positiver Illusionen«, 2. komparative Prozesse, die zur Überführung der perzeptiven Realität in eine Realität, die schrittweise toleriert, akzeptiert und gelebt werden kann, beitragen, 3. interpretative Prozesse, vor allem ruminierendes Denken, und das Bemühen, den Aspekten der wahrgenommenen Realität Sinn und Bedeutung zu verleihen.

Das von Filipp vorgeschlagene Modell geht ebenso wie jenes von Horowitz davon aus, dass ein Wechsel zwischen Aufmerksamkeitszuwendung und Leugnung unmittelbar nach dem Auftreten des traumatischen Erlebnisses insofern adaptiv ist, als einerseits eine sofortige Konfrontation des traumatischen Geschehens und seiner Implikationen für das Selbst- und Weltverständnis eine emotionale Überforderung bedeuten würde, andererseits aber eine aufrechterhaltene Verleugnung eine allzu weite Entfernung von der Realität bedeuten und die psychische Anpassung dauerhaft beeinträchtigen würde. Für beide Modelle kann festgestellt werden, dass auf eine Bewertung spezifischer Resultate der Verarbeitung im Sinne von normativen Standards verzichtet wird. Horowitz (1993) begnügt sich hier mit der Aussage, dass ein Durcharbeiten des traumatischen Erlebnisses a) notwendig ist und b) nach einer nicht näher definierten Zeitspanne abgeschlossen werden muss. Nur so könne sich die Person wieder auf ihre Zukunft hin orientieren und auf Dauer funktionstüchtig bleiben, das heißt, die Entwicklung von psychosomatischen Symptomen oder einer Persönlichkeitsstörung vermeiden ( Kap. 21). Auch das Modell von Filipp (1999) legt die Annahme nahe, dass sich betroffene Menschen früher oder später mit dem Trauma auseinandersetzen, diesem eine bestimmte Bedeutung verleihen müssen, um handlungsfähig zu bleiben. Indem aber im Anschluss an die Bemühung um Herstellung einer interpretativen Realität keine abschließende Phase postuliert wird, lässt das Modell durchaus die Möglichkeit zu, dass im Falle einer extremen Traumatisierung keine wirklich tragfähige »subjektive Realität« mehr hergestellt werden kann bzw. eine einmal hergestellte subjektive Realität prinzipiell nur vorläufigen Charakter haben kann.

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Litresdə buraxılış tarixi:
25 iyul 2025
Həcm:
1901 səh. 203 illustrasiyalar
ISBN:
9783170350359
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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